Read the book: «Licht und Schatten – der Alltag eines Krankenhausarztes»
Inhaltsverzeichnis
Impressum 3
Vorwort 4
1 Begegnung mit einer Pistole 5
2 Sonnenblumenaugen 17
3 Der Gänselieselmarkt 35
4 Die versteckte Patientin 48
5 Ein großer Irrtum 56
6 Stille Nacht, heilige Nacht 68
7 Das Schulzeugnis 87
8 Ungeklärte Fieberschübe 96
9 Der Neubeginn 106
10 Eine unerwartete Bedrohung 112
11 Im Blaulicht: Der Schrebergarten 122
Im Blaulicht: Todesangst 129
Im Blaulicht: Am Ende der Welt 136
Im Blaulicht: Der Bücherfreund 147
12 Schlaflos im Krankenhaus 158
13 Urlaub in Griechenland 166
14 Die Privatpatientin 175
15 Eine kleine Prinzessin 185
16 Der alte Stinkstiefel 196
17 Keine Nacht wie jede andere 214
18 Die Ohnmacht des Häuptlings 230
19 Die Beschwerde des Notarztes 241
20 Die Eselsbrücke 255
21 Der eingebildete Kranke 263
22 Schwester Anna 276
23 Dem Himmel sehr nah 290
24 Die große Hafenrundfahrt 308
25 Die schwärzeste Stunde 320
26 Fundstücke: Der Vielfraß 339
Fundstücke: Die Mutprobe 344
Fundstücke: Die Nadel im Heuhaufen 351
Fundstücke: Die tapfere Schneiderin 356
Fundstücke: Das Erbstück 363
Fundstücke: Die Vermisstenmeldung 370
27 Drei Millimeter 377
28 Von Läusen und Flöhen 388
29 Die andere Meinung 400
30 Die stille Beobachterin 410
31 Das Frühstück 425
32 Ein Souvenir aus der Südsee 435
33 Der indische Padre 442
34 So lange die Beine noch wollen 453
35 Das programmierte Chaos 463
36 „Vielen Dankeschön!“ 476
37 Was bleibt 488
Danksagung 492
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
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© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-653-7
ISBN e-book: 978-3-99107-654-4
Lektorat: Dr. Annette Debold
Umschlagfoto: Natalya Danko | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Vorwort
Selten gibt es einen Ort, an dem Licht und Schatten so nah beieinanderliegen, wie ein Krankenhaus. Damit sind nicht nur zahlreiche Tag- und Nachtdienste gemeint. Im übertragenen Sinn erscheinen überraschende Erfolge bei der ärztlichen Behandlung im Licht, und auf bittere Erfahrungen fällt ein Schatten.
Jede der aufgezeichneten Geschichten und Anekdoten aus meiner internistischen Tätigkeit ist auf ihre eigene Weise unvergesslich geblieben und hat mich nie wieder losgelassen. Sie handeln von erstaunlichen menschlichen Begegnungen, unerwarteten Krankheitsverläufen, dramatischen Notfalleinsätzen, seltenen Diagnosen und nicht zuletzt glücklichen Fügungen. Ebenso gebe ich Einblick in die Tätigkeit des Krankenhausarztes bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit, in seinen inneren Konflikt vor schwierigen Entscheidungen, und in seine Emotionen.
Im Mittelpunkt stand auch außerhalb regulärer Dienstzeiten immer der Patient mit seinen Sorgen und Nöten. Ich wollte nicht als Halbgott in Weiß auftreten, sondern den Patienten ein verlässlicher Partner und Ratgeber sein. Ungeachtet der Hierarchie im Krankenhaus war mir der menschliche Kontakt mit Patienten wichtig, es gab sowohl heitere, wie auch traurige Begegnungen.
Besonderen Wert habe ich darauf gelegt, medizinische Zusammenhänge in diesem Buch für den interessierten Leser verständlich darzustellen.
1 Begegnung mit einer Pistole
Am frühen Morgen eines schönen, sonnigen Herbsttages stieg ich erwartungsvoll aus der Straßenbahn. Von der Haltestelle aus waren es über die Straßenkreuzung hinweg nur wenige Schritte bis zu dem eher unscheinbaren Haupteingang der Universitätsklinik Düsseldorf. Der Pförtner wies mir den Weg zu der nicht weit entfernten Urologischen Klinik.
Als ich sie erreichte, verlangsamte ich unwillkürlich meine Schritte und schaute bewundernd und beinahe ehrfürchtig auf die hohe Gebäudefassade, die den Charme eines riesigen, alten Herrensitzes ausstrahlte. Bevor ich das Gebäude betrat, umrundete ich neugierig und interessiert den mächtigen, hufeisenförmigen Ziegelsteinbau, der sicherlich um die Jahrhundertwende errichtet worden war, mit einigen mächtigen Kastanienbäumen im Innenhof. Die Kastanien mochten bald so alt sein wie der riesige Gebäudekomplex. Die Einfassungen der hohen Rundbogenfenster mit breiten, hellgelben Sandsteinen boten einen schönen Kontrast zu der dunklen, rostroten Ziegelsteinfassade. Oben an den Ecken des Karrees überragte jeweils ein rundes, spitzes, kleines Türmchen die Dachfassade. Ich mochte dieses historische Gebäude von Anbeginn. In seinen heiligen Hallen war seit vielen Jahrzehnten Medizingeschichte geschrieben worden. Es sollte für viele Monate mein neuer Arbeitsplatz werden. Ich stieg also durch das hohe, weitläufige Treppenhaus mit verschnörkeltem schmiedeeisernem Geländer auf die Urologische Männerstation in der ersten Etage hinauf.
Ich hatte einen festen Entschluss gefasst, von dem mich niemand mehr abbringen konnte: Ich wollte Medizin studieren, obwohl ich rein gar nichts über Arbeitszeiten, Verdienstmöglichkeiten oder die berufliche Belastung eines Arztes wusste. Ich wollte Menschen helfen, die gesundheitlich in Not geraten waren. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit stand jedoch ein großes Problem: Es gab keinen freien Studienplatz, und ich sollte noch jahrelang warten müssen.
An diesem schönen Herbsttag begann ich also als Krankenhilfspfleger auf der Urologischen Männerstation dieses alten, ehrwürdigen Gebäudes. Die erfahrenen Stationspfleger empfingen mich freundlich und arbeiteten mich rasch ein. Sie waren ein eingespieltes Team und arbeiteten in dieser Besetzung schon seit Jahren zusammen. Seit meinem ersten Arbeitstag behandelten sie mich nicht wie einen unwissenden Hilfspfleger, sondern als einen der Ihren. Später würden sie mich anstelle meines Namens einfach „den Studenten“ nennen, wenn sie über mich sprachen, wenngleich ich diesen Status eben gerade noch nicht hatte.
Zur Eingewöhnung wurde ich zunächst in die Leerung und Reinigung der Urinflaschen und Bettpfannen eingewiesen, in die Desinfektion der Betten auf dem langen, überdachten Balkon mit Aussicht auf die alte, kleine Krankenhauskapelle, und in die Essensausgabe. Später folgten dann Blutdruck- und Pulsmessungen, Verbandswechsel, und schließlich das Anlegen von Harnblasenkathetern zunächst unter Aufsicht.
Das morgendliche Bettenmachen war ein besonderes Erlebnis. Auf der Station gab es überwiegend Zwei- und Dreibettzimmer, aber auch einen Krankensaal mit acht Betten, für den ich regelmäßig eingeteilt wurde. Man konnte die Aufgabe des Bettenmachens nun auf ganz unterschiedliche Weise bewältigen. Man hätte zum Dienstbeginn um 6:00 Uhr morgens der frühzeitigen Unterbrechung der eigenen Nachtruhe nachtrauern und relativ unausgeschlafen und wortkarg seine Arbeit beginnen können. Nicht so auf dieser Station! Die acht Betten in dem Krankensaal waren nicht durch Paravents voneinander getrennt. Die anderen Pfleger in dem Raum waren während des Beziehens der Betten sofort im Gespräch mit den Patienten, es entstand mitunter ein buntes Stimmengewirr teils über mehrere Betten und Köpfe hinweg. Ich konnte beobachten, wie dankbar die Patienten jedes freundliche Wort aufnahmen, hier ein kleiner Scherz, oder dort ein tröstendes Wort.
Trotz unterschiedlicher sozialer Herkunft oder Nationalität kamen die Patienten gut miteinander aus. Dort am Fenster lag ein wohl stadtbekannter Drogendealer, daneben im Bett ein Polizist. Hier der Kleinkriminelle mit bedauernswerten Umgangsformen, dort der Ordnungshüter, ein ausgesprochen freundlicher, höflicher Mensch. Diese beiden grundverschiedenen Menschen hatte man natürlich nicht bewusst nebeneinandergelegt. Vielleicht war zunächst kein anderes Bett frei gewesen, oder man kannte bei den beiden anfangs nicht die genaue Diagnose. Wie es die Ironie ihres bösen Schicksals wollte, litten sie leider an der gleichen Erkrankung: Sie hatten Hodenkrebs. Dennoch freuten sich die Patienten in diesem Krankensaal über jede Ansprache, und bald plauderte auch ich lebhaft mit ihnen.
Nach nur wenigen Wochen der Einarbeitung fragte mich der Stationspfleger, ob ich bereit wäre, am gleichen Abend bei einem Patienten eine nächtliche Sitzwache zu übernehmen, selbstverständlich im Anschluss an den normalen Tagesdienst. Ich zögerte zunächst mit einer Zusage, denn dieses Ansinnen kam doch sehr überraschend und früh in meiner Entwicklung.
Solche Sitzwachen, die später neben einem Block von sechswöchigen Tagesdiensten in den Semesterferien nicht unwesentlich zur Finanzierung meines Studiums beitragen sollten, wurden angeordnet, wenn sich der Zustand eines Patienten kritisch verschlechtert hatte oder er einer umfassenderen Pflege bedurfte. Häufig handelte es sich um frisch operierte Patienten, deren Zustand aber so stabil war, dass sie nicht einer Überwachung auf der Intensivstation bedurften. Überwiegend waren sie an Niere, Harnblase oder Prostata operiert worden. Neben der pflegerischen Versorgung hatte ich einen Beobachtungsbogen anzulegen, auf dem stündlich die Blutdruck- und Pulswerte einzutragen waren, Temperaturkontrollen in größeren Abständen sowie besondere Vorkommnisse. Darüber hinaus war auf Verbandswechsel, Infusionen und Eiswasserspülungen für die Harnblase zu achten. Die Nachtpfleger versorgten die übrige Station. Ich erklärte mich nach kurzer Bedenkzeit mit dieser ersten nächtlichen Sitzwache einverstanden, zumal ich mich bei Problemen und Fragen jederzeit an die übrigen Nachtpfleger wenden konnte, wie mir der Stationspfleger versicherte.
Also trat ich diese Sitzwache nach kurzer Ruhepause vom Tagesdienst am gleichen Abend an. Ich führte die Kreislaufkontrollen wie angeordnet durch und trug die Messwerte in den Beobachtungsbogen ein. Einmal mussten der Verband, der nach der Nierenoperation leicht durchgeblutet war, und das darunterliegende Stecklaken gewechselt werden. Medikamente gegen den Wundschmerz nach der frischen Operation wurden von den Nachtpflegern verabreicht. Darüber hinaus war mein Patient über die Nacht stabil und schlief ganz ruhig.
Kurz vor Mitternacht wurde ich von den Nachtpflegern zum Essen eingeladen, eine ebenso willkommene wie überraschende Abwechslung. Die Nacht war schließlich noch lang genug. Ich traute meinen Augen nicht, als ich durch die offene Tür des länglichen Stationszimmers blickte: Zwei Tische waren zu einer langen Tafel zusammengeschoben worden, bedeckt mit blütenweißen Stecklaken, auf denen mehrere dampfende Speiseschüsseln standen, die einen intensiven orientalisch-würzigen Duft verbreiteten. Mein Magen, der sich zuvor schon unzufrieden gemeldet hatte, tat einen Freudensprung. Die Speisetafel war vollständig gedeckt, für eine feierliche Festtafel fehlten eigentlich nur noch zwei prunkvoll verzierte, mehrarmige Kerzenleuchter! Der Urheber dieses Festmahls war ein Ägypter, der hier schon lange Jahre als Pfleger arbeitete.
So langsam dämmerte mir bei diesem Anblick auch, wie die Besetzung der Nachtdienste zustande kam: Ein Pfleger, vorzugsweise ein Meister der Kochkunst, wurde immer rechtzeitig für das leibliche Wohl freigestellt und verschwand stillschweigend in der Stationsküche, während die anderen Nachtpfleger seine Aufgaben auf der Station mit übernahmen. Und da es neben dem Ägypter auch noch einen Brasilianer und einen Franzosen in anderen Nachtschichten gab, durfte ich während meiner Sitzwachen die internationalen Kochkünste, durchaus in gelungener Restaurantqualität, kennenlernen.
Selbstverständlich wurden auch die Nachtschwestern der gegenüberliegenden Frauenstation zu dem mitternächtlichen Gaumenschmaus eingeladen. Von der langen Speisetafel aus hatten wir freie Sicht auf den langen Stationsflur unserer Männerstation, an dessen Ende eine Flügeltüre in das breite Treppenhaus führte, und gegenüber eine Flügeltüre auf den langen Flur der Frauenstation. Beide Flügeltüren wurden sperrangelweit geöffnet, sodass die Schwestern von unserer Speisetafel aus ihren Flur und insbesondere die Alarmleuchten über den Türen ihrer Patientenzimmer stets im Blick hatten. Es war immer eine gemütliche oder auch fröhliche Runde, und besonders eine willkommene Abwechslung in den langen, eintönigen Nachtdiensten, einmal abgesehen von den Gaumenfreuden. Wir sprachen über Patienten, die uns Sorgen bereiteten, über Kochrezepte, über die Anstrengungen der Nachtdienste, und natürlich durften angemessene Neckereien mit den Schwestern auch nicht fehlen. Jedenfalls meldete ich mich in dankbarer Erinnerung an diese mitternächtlichen Festmahle seitdem freiwillig, wenn wieder einmal eine Sitzwache benötigt wurde. Es sollten sehr viele Sitzwachen werden.
Nach der nächtlichen Verköstigung kam die Zeit zwischen 2:00 Uhr und 4:00 Uhr morgens, die mir auch in späteren Jahren stets länger erschien als die übrigen Stunden einer Nachtschicht. Es schien beinahe so, als würde die Zeit stillstehen. Meinen Patienten hatte ich versorgt, es ging ihm gut, und ich ließ ihn schlafen, es gab momentan nichts zu tun. Ich war 20 Stunden auf den Beinen und spürte eine bleierne Müdigkeit, meine Augen drohten zuzufallen. In jener Nacht hegte ich immerhin noch die Hoffnung, dass ich mich irgendwann im Laufe der Jahre an diese ermüdend lange Nachtstunde gewöhnen würde. Im Augenblick schob ich diesen Anfall von Müdigkeit alleine auf das überaus reichhaltige Nachtmahl, das wir gemeinsam restlos verspeist hatten.
Ich brauchte ganz dringend frische Luft und verließ für wenige Minuten meinen Patienten, öffnete weit das hohe Rundbogenfenster des Stationszimmers und lehnte mich auf die Fensterbank. Bald schon würde die erste Morgendämmerung einsetzen. Ich atmete sehr tief durch, die kühle Nachtluft wirkte sofort belebend. Nach kurzer Zeit begann bereits irgendwo eine Amsel ihr Morgenlied, nach einer Weile stimmte eine zweite Amsel ein, und immer mehr Singvögel begrüßten den neuen Tag mit ihrem Gesang. Sie saßen in dem Geäst der hohen alten Kastanien des Innenhofes, auf den Dächern des hohen Klinikgebäudes, bis hoch oben auf den Dachtürmchen. So entstand ein einzigartiges Konzert aus Hunderten von Vogelkehlen, das ungemein laut an den hohen Wänden des alten Ziegelsteingemäuers im Innenhof widerhallte, ganz ähnlich der Akustik in einer hohen Kathedrale. Ich lauschte andächtig diesem wunderschönen Morgenkonzert, es war auch eine Erinnerung daran, dass es dort draußen noch ein anderes Leben gab, neben so mancher gesundheitlichen Tragödie innerhalb der Krankenhausmauern. Ich hatte nicht erwartet, dass sich so viele Singvögel in dem riesigen Klinikgelände ansiedeln könnten. Dieses Erwachen des neuen Tages mit dem klingenden Gesang der Vögel hatte für mich beinahe etwas von einer gewissen Krankenhaus-Romantik. Bei späteren nächtlichen Sitzwachen sollte diese kurze, belebende Ruhepause auf der Fensterbank mit dem frühen Vogelkonzert zu einem festen Ritual werden. Jedenfalls waren meine Lebensgeister mit der frischen Morgenluft und dem Gesang der Vögel wieder erwacht.
Wenige Wochen später betrat ich an einem Nachmittag den Krankensaal, für den ich immer noch zuständig war. Alle Betten mit einer Ausnahme waren leer. Einige Patienten waren entlassen worden, andere nutzten wohl das sonnige Herbstwetter zu einem kurzen Spaziergang auf dem großen Klinikgelände. Nur der Drogendealer lag kraftlos und ausgezehrt in seinem Bett am Fenster. Er war nun bereits seit mehreren Wochen bei uns, in deren Verlauf sein anfänglicher, zum Teil respektloser Redefluss deutlich nachgelassen hatte. Bereits seit Tagen war er immer schweigsamer geworden, es schien bald so, als hätte er resigniert. Er war sicherlich stetig schlank gewesen, inzwischen aber sichtlich abgemagert. Wie krank er wirklich war, sollte ich nun erfahren. Bis zu diesem Nachmittag wusste ich nichts über Krebserkrankungen, ich hatte mich bislang nur auf meine pflegerischen Aufgaben beschränkt. Seine schulterlangen braunen Haare waren wie immer ungepflegt, jetzt aber schweißnass, seine Augen lagen tief in den Augenhöhlen, sein Gesicht war sehr blass und spitz, und seine Atmung war erschwert.
Ich hatte über die Wochen nie einen Besucher an seinem Bett gesehen, vielleicht hatte er aber draußen auf dem Gelände jemanden getroffen, als er noch aufstehen konnte. Er duzte mich seit dem ersten Tag, während ich bei einem höflichen „Sie“ blieb. Entsprechend seinem Milieu bevorzugte er die Gossensprache, was zwar auffiel, mich aber nicht weiter störte. Er war hier Patient und benötigte pflegerische und ärztliche Hilfe wie alle anderen Patienten auch.
Nachdem wir einige Worte miteinander gewechselt hatten, richtete er sich in einer Gesprächspause mühsam und schweigend in seinem Bett auf und versuchte langsam, die Schublade seines Nachtschränkchens aufzuziehen. Sie klemmte aber ein wenig, ein Gegenstand blockierte die Schublade wohl von innen, sodass er ungeduldig an dem Griff rüttelte. Er hatte alleine nicht mehr die Kraft, um sie herauszuziehen. Ich musste ihm helfen, um sie schließlich öffnen zu können. Zunächst fingerte er eine ganze Weile suchend in der randvollen Schublade herum. Jede Bewegung fiel ihm in den letzten Tagen schwerer. Schließlich zog er zu meinem Entsetzen nach einem kurzen, vorsichtigen Blick an mir vorbei zur Zimmertüre langsam eine große Pistole hervor, mit nussbraunem Holzgriff und relativ langem Lauf, der silbern in der durch das Fenster einfallenden Nachmittagssonne glänzte. Es handelte sich offenbar um eine neue Waffe, denn sie wies keine Gebrauchsspuren auf. Er drehte sie mit Kennermiene und einem gewissen Stolz vor meinen Augen hin und her, damit ich sie von allen Seiten betrachten konnte. Woher er die Waffe hatte, wollte ich gar nicht wissen, oder ich kam nicht mehr dazu, mich nach ihrer Herkunft zu erkundigen. „Die ist echt“, erklärte er mir schwer atmend, „ist nicht geladen. Mir fehlt nur noch die Munition, dann gebe ich mir die Kugel!“ Bei diesen Worten tippte er mit dem ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger der anderen Hand an seine Schläfe.
Ich war heillos entsetzt, da mich seine Offenbarung natürlich vollkommen unvorbereitet traf, und versuchte sofort hilflos, ihn zu beruhigen und von seinem Vorhaben abzubringen. Er aber fuhr unbeirrt fort: „Jeden Tag geht es mir schlechter, ich kann nicht mehr, und ich will auch nicht mehr. Ich habe am ganzen Körper Schmerzen, und kein Medikament hilft!“ Ich verständigte sofort den Stationspfleger, und der rief den zuständigen Oberarzt, einen ruhigen, immer besonnenen Mediziner.
Am Abend jenes Tages trat ich sehr bedrückt meinen Heimweg an. Ich war nicht alleine schockiert, weil der Patient mir die Pistole gezeigt hatte. Ich fühlte mich natürlich auch nicht bedroht. Sehr wohl aber hatte ich befürchtet, dass er sich mit meinem Wissen etwas antun könnte. Seine Ankündigung hatte ich als Hilferuf verstanden. Aber warum hatte er nicht mit den Ärzten bei der täglichen Visite gesprochen, oder mit dem Stationspfleger? Er hatte mich als Krankenhilfspfleger, dem schwächsten Glied in der Kette des medizinischen Personals, wohl bewusst ausgewählt, vermutlich aus Angst. Und er hatte natürlich den leer stehenden Krankensaal genutzt, um ohne aufmerksame Zuhörer sprechen zu können. Besonders sein Bettnachbar, der Polizist, hätte sich bestimmt nicht nur neugierig für die Waffe interessiert. Der Dealer hatte mir seine ganze Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit aufgrund seiner wohl sehr weit fortgeschrittenen und ausweglosen Tumorerkrankung zu verstehen gegeben. Der Hodentumor war zwar operiert worden, hatte aber bereits zahlreiche Metastasen, also Tumorabsiedlungen, in andere Organe, wahrscheinlich auch in die Lunge, gestreut. Zu dieser Zeit Anfang der 1970er-Jahre gab es noch keine halbwegs wirksame Chemotherapie gegen Hodenkrebs. Mit wenigen einfachen Worten hatte der Patient mir bedeutet, dass er keinen Lebenswillen mehr hatte. Er hatte lange genug gegen seine Krebserkrankung gekämpft. Frühzeitig lernte ich die Grenzen meines späteren Berufes kennen.
Auf Anordnung des Oberarztes wurde er in ein Einzelzimmer verlegt und erhielt Morphium-Infusionen. Wohl aufgrund seiner Drogenkarriere benötigte er eine hohe Morphiumdosis. Ich besuchte ihn weiterhin täglich zu meinem Dienstbeginn, obwohl er mich kaum mehr erkannte. Aber vielleicht spürte er doch, dass jemand nach ihm schaute. Er war umnebelt vom Morphiumrausch und offenbar ohne Schmerzen, er lag ganz ruhig. In seinem Dämmerzustand öffnete er nur noch träge und zögerlich die Augen und murmelte einige unverständliche Worte, wenn ich ihn morgens besuchte. Nur wenige Tage später war sein Bett bei meinem Dienstbeginn leer.
An diesem Morgen herrschte entgegen den gewohnten, überwiegend zwanglosen Gesprächen am Frühstückstisch der Pfleger auf der Station eine gedrückte Stimmung, wir aßen zunächst alle schweigend. Jeder von uns war in Gedanken bei dem traurigen Schicksal des Drogendealers. Nur langsam kam ein Gespräch in Gang. Es verhielt sich nicht so, dass wir nach dem Tod eines Patienten kommentarlos zur Tagesordnung übergehen konnten. Alle empfanden seinen Tod angesichts seiner schweren Krebserkrankung als Erlösung, nur sein jugendliches Alter stimmte uns traurig. Er wurde noch nicht einmal 30 Jahre alt.
Ich war damals sehr jung und unerfahren in dem Beruf. Nur allzu gerne hatte ich mir die Einschätzung der älteren Krankenpfleger, dass sein Tod eine Erlösung für ihn war, zu eigen gemacht. Dennoch hat mich sein Schicksal über die Jahre weiter verfolgt. Er lag mit einer Dauer von mindestens sechs Wochen ungewöhnlich lange auf unserer Station. Sechs Wochen, in denen ich seinen langsamen, aber fortschreitenden körperlichen Verfall durch den bösartigen Hodentumor miterleben musste. Sein Gesicht sehe ich auch heute noch vor mir, und selbst seinen Namen habe ich bis zum heutigen Tag nicht vergessen.
Über den Verbleib der Pistole mit dem nussbraunen Holzgriff und dem silbern glänzenden Lauf habe ich nie wieder etwas gehört.
Sein Bettnachbar, der Polizist, der ebenfalls an Hodenkrebs erkrankt war, starb zwei Wochen später.
Die alten, hohen Kastanienbäume im Innenhof der Urologischen Klinik stehen dort heute nicht mehr vollzählig.
Die pflegerische Tätigkeit war auf keinen Fall eine verlorene Zeit. Vielmehr war sie dank des guten Betriebsklimas auf der Station eine sehr schöne und lehrreiche Erfahrung. So konnte ich in späteren Jahren sehr gut nachempfinden, was das Pflegepersonal in den Krankenhäusern zu leisten hat. Nach vielen Monaten als Krankenpfleger in der Urologie, die mich in meinem Berufswunsch nur bestärkt hatten, kehrte ich meinem Vaterland den Rücken. Es gab hier auf absehbare Zeit keinen freien Studienplatz.
2 Sonnenblumenaugen
Nach erfolgtem Medizinstudium bekam ich meine erste Stelle als junger Assistenzarzt in einem mittelgroßen Krankenhaus mit 380 Betten auf einer internistischen Abteilung. Die Aufregung war groß, verfügte ich doch über gute theoretische Kenntnisse, aber kaum über praktische Erfahrung. Einerseits sagte ich mir, dass es jedem Anfänger in diesem Beruf gewiss ebenso erging. Andererseits konnte ich nun endlich erfahren, wozu dieses lange Studium gut war. Die dortigen Assistenzärzte freuten sich über die willkommene Verstärkung ihres Teams. Der Chefarzt war, wie man so schön sagt, von altem Schrot und Korn, streng, aber gerecht. Wenn es Probleme gab, hielt er seine Hand schützend über seine Assistenzärzte. Er wurde mein erster großer Lehrmeister.
Nach kurzen drei Wochen der Einarbeitung wurde entschieden, mich in der verbleibenden Woche des ersten Monats für drei Nachtdienste einzuteilen, zwei Wochentage und einen Samstag. Nachtdienst an einem Wochentag bedeutete damals: Tagdienst – anschließender Nachtdienst – Tagdienst am darauffolgenden Tag, also 32 Stunden Dauerdienst. Eine solche Regelung gibt es heute dank eines Arbeitsschutzgesetzes nicht mehr. Oftmals fand man nachts aber für zwei oder drei kurze Stunden einen, wenn auch etwas unruhigen Schlaf. Wem das Schicksal nicht gewogen war, der war aber auch die gesamte Nacht ununterbrochen auf den Beinen. Unaufhaltsame Müdigkeit innerhalb solcher Mammutdienste gab es nicht, denn dazu war der Adrenalinspiegel viel zu hoch. Man musste besonders nachts stets wachsam bleiben und völlig eigenverantwortlich handeln. Zu Hause, nach dem Dienstende, fiel dieses Gebäude aus Konzentration, Vorsicht und Fürsorge zum Wohl der Patienten wie ein Kartenhaus in sich zusammen, und es folgte ein tiefer, traumloser Schlaf.
Meine ersten Nachtdienste waren recht unruhig. Sie waren wie ein Sprung in kaltes Wasser nach der kurzen Einarbeitungszeit, und entsprechend groß war die Anspannung. Immerhin gab es aber noch den Chefarzt oder die Oberärztin im Rufbereitschaftsdienst für die Klärung schwieriger Fragen. Es kamen zahlreiche Notfallpatienten mit akuter Herzschwäche, entgleister Zuckerkrankheit, Bluthochdruck-Krise, allergischer Reaktion, akutem Asthmaanfall und viele andere mehr. Die ganze Wahrheit war: Je mehr Notfälle in diesen ersten Nachtdiensten kamen, umso schneller konnte man als junger Assistenzarzt auch klinische Erfahrungen sammeln. Zu meiner eigenen Beruhigung schleppte ich stets eine schwere Aktentasche voller Fachbücher zu den ersten Nachtdiensten mit in die Klinik, eine wertvolle Hilfe bei problematischen Krankheitsfällen. Die ersten nächtlichen Prüfungen hatte ich mit Bravour bestanden, es hatte keine Komplikationen gegeben. Immerhin befand ich mich ja noch in der Probezeit.
Dann aber kam dieser unvergessliche Nachtdienst an einem Sonntag. Am späten Nachmittag saß in der Notfallambulanz eine junge, schlanke Frau, vielleicht 22 Jahre alt, das Gesicht von pechschwarzen, schulterlangen Haaren eingerahmt. Sie klagte über etwas Druckgefühl im rechten Oberbauch und Fieber bis 39,5 Grad Celsius. Ihre Haut war trotz des grellen Lichts der Neonröhren in dem Ambulanzraum intensiv sonnengebräunt, sodass die starke Gelbsucht nicht sofort auffiel. Aber ein Blick in ihre dunkelbraunen, erschöpften, glasigen Augen genügte, sie waren dunkelgelb verfärbt. In späteren Jahren sollte ich lernen, den Blutwert Bilirubin, der die Gelbfärbung verursacht, recht genau nach der Augenfarbe einzuschätzen. Als ich ihre Augen noch betrachtete, dachte ich spontan an winzige Sonnenblumen, denn die Gelbsucht war sehr ausgeprägt.
Eine Gelbsucht kann nun im Wesentlichen zwei Ursachen haben: eine Gallenblasenerkrankung oder eine Leberkrankheit. Ich entschied mich für die Galle, zumal die Patientin beim Abtasten des Bauches mit einem leichten Druckschmerz im rechten Oberbauch reagiert hatte, und versorgte sie mit Infusionen, die ein fiebersenkendes Medikament und ein Antibiotikum enthielten. Zu jener Zeit gab es noch keine Diagnostik mit Ultraschall, mit der man die Gallenerkrankung problemlos hätte nachweisen oder ausschließen können. So weit war die medizinische Entwicklung damals noch nicht. Nebenbei hatte die Patientin mir auch mitgeteilt, dass sie erst vor wenigen Tagen von einer Afrikareise heimgekehrt sei. Andererseits war schon lange bekannt, dass selbst junge Frauen Probleme mit Gallensteinen bekommen können.
Vier Stunden später, es war bereits früher Abend geworden, erkundigte ich mich bei der Stationsschwester nach dem Befinden meiner jungen Patientin. Sie sagte: „Gut, sie schläft ganz ruhig.“ Das war ja sehr erfreulich, denn das Fieber war schließlich hoch genug gewesen, aber davon wollte ich mich selbst überzeugen. Als ich ihr Einzelzimmer betrat, regte sie sich nicht. Auch auf meine Frage nach ihrem Befinden rührte sie sich nicht, obwohl ich die Frage laut und vernehmlich gestellt hatte. Selbst als ich nach ihrem Handgelenk griff, um den Puls zu kontrollieren, bewegte sie sich nicht. Der Puls war erheblich beschleunigt und nur schwach tastbar. Sie war nicht mehr weckbar, sie reagierte auch kaum auf Schmerzreize, atmete aber relativ ruhig und regelmäßig, ihre Haut glühte. Die Kontrolle der Körpertemperatur ergab trotz des fiebersenkenden Medikaments einen Anstieg auf 40,8 Grad Celsius! Auch die Infusionskanüle schaute ich mir an, sie lag aber korrekt, sodass die Medikamente in ihre Vene gelangten. Ich tastete erneut ihren Bauch ab, wobei die Bauchdecke weich war und damit ohne Hinweis auf eine entzündliche Flüssigkeitsansammlung innerhalb der Bauchhöhle, etwa durch eine begleitende Bauchfellentzündung.
Nun läuteten in meinem Inneren sämtliche Alarmglocken. Wie konnte das denn überhaupt möglich sein? Dieser Krankheitsverlauf, insbesondere die völlige Wirkungslosigkeit der vor mehreren Stunden verabreichten Medikamente, sprachen gegen meine Verdachtsdiagnose. Im Gegenteil hatte sich der Zustand der Patientin sogar erheblich verschlechtert. Statt der erwarteten Fiebersenkung durch das vor Stunden injizierte Medikament war sogar ein deutlicher Fieberanstieg eingetreten! Wie konnte es sein, dass ein seit langen Jahren eingeführtes und bewährtes Medikament seine erwünschte Wirkung in diesem Fall nicht entfaltete? Aber dies war nicht das einzige Problem, denn eine weitere Schwierigkeit bestand nun in der Höhe des Fiebers: Einen weiteren Anstieg der Körpertemperatur, den ich nunmehr sehr wohl befürchten musste, würde selbst der Organismus dieser jungen Frau kaum überleben. Ich erhöhte zunächst die Tropfgeschwindigkeit der Infusion, um den fieberbedingten Verlust von Flüssigkeit über die Haut auszugleichen.
Darauf eilte ich rasch aus ihrem Zimmer, denn ich musste jetzt alle Möglichkeiten für das Versagen der bisherigen Therapie in Betracht ziehen. Zunächst suchte ich die Stationsschwester auf, um mich zu vergewissern, dass sie meine Anordnungen gewissenhaft umgesetzt hatte. Sie bestätigte aber, dass sie das fiebersenkende Medikament genau in der angeordneten Dosierung sofort verabreicht hätte. Also gut, damit war ein allerdings extrem seltener Fehler bei der Verabreichung von Medikamenten schon ausgeschlossen. Zur Fiebersenkung ordnete ich nun zusätzlich großflächige feuchte Hautwickel an. Daraufhin stellte ich meine bisherige Diagnose auf den Prüfstand, denn eine Gallenblasenentzündung mit diesem extremen Fieberverlauf gab es meines Wissens nicht, zumal ich keinen Hinweis auf eine begleitende Bauchfellentzündung gefunden hatte. Für mich mussten die einzelnen Mosaiksteine eines Krankheitsverlaufs immer zusammenpassen, und hier passte überhaupt nichts zusammen! Es half nichts, ich musste meine primäre Verdachtsdiagnose sofort revidieren, dies erforderte schon die medizinische Logik. Und manchmal gehört eben mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.
Plötzlich erinnerte ich mich wieder an das Gespräch mit der Patientin bei der Aufnahme in der Ambulanz. Hatte sie nicht beiläufig eine Afrikareise erwähnt, als ich sie nach den Gründen für ihre sonnengebräunte Hautfarbe befragt hatte?
Meine Gedanken schweiften zurück in die Vergangenheit. Während des Studiums wurden Tropenkrankheiten nur in wenigen Vorlesungen abgehandelt, da sie in Mitteleuropa damals sehr selten auftraten. Und die Begeisterung von uns Studenten für solche exotischen Krankheiten hielt sich daher eher in engen Grenzen, wir lebten ja schließlich nicht in den Tropen. Ich hatte aber auf eigene Initiative in den Semesterferien eine dreimonatige Famulatur, ähnlich einem Praktikum, im Landesinneren von Kenia absolviert. Damals spielte ich noch mit dem Gedanken, nach Abschluss des Studiums im Entwicklungsdienst zu arbeiten. Da die angeschriebenen dortigen Krankenhäuser nicht auf meine Bewerbungen geantwortet hatten, hatte ich mich kurzerhand in ein Flugzeug gesetzt, war nach Nairobi geflogen und dort mit meinem schweren Rucksack in das Gesundheitsministerium von Kenia marschiert. Dort verwies man mich an einen deutschen Arzt an einem kleinen Krankenhaus im ostafrikanischen Hochland, der noch gar nichts von seinem Glück wusste, mich aber gerne aufnahm.
Auf einmal waren die Bilder wieder so präsent, als wäre ich erst gestern noch dort gewesen: das kleine Ambulatorium innerhalb des nur halbfertig errichteten kleinen Krankenhauses und die lange Schlange der davor wartenden Einheimischen, die in ihre bunten Tücher gehüllt geduldig in der heißen Mittagssonne im Innenhof der Anlage ausharrten. Die Frauen, geschmückt mit breiten Halsketten aus bunten Perlen und Armringen, trugen ihre kleinen Kinder auf dem Rücken oder wiegten sie in ihren Armen. Einige der durch ihre Krankheit geschwächten Patienten lagen im Schatten der Gebäude auf dem staubigen Erdboden, andere saßen oder standen im Innenhof des Klinikgeländes. Viele waren so geschwächt, dass sie nicht einmal mehr die Kraft aufbrachten, zahlreiche Fliegen aus ihrem Gesicht zu verscheuchen. Einige gingen fort und kamen am nächsten Tag wieder. Ihre einfachen Rundhütten aus Geäst und Stroh waren nicht weit entfernt. Die meisten gehörten zu den Volksstämmen der Samburu und Turkana, nur wenige zu den stolzen, hochgewachsenen Massai und Boran, die ihre Siedlungsgebiete weiter im Westen Richtung Tansania oder im Osten Richtung Somalia hatten. Weiter im Norden des Landes endete der Einfluss der modernen Medizin, dort herrschten die Medizinmänner und behandelten nach alter Tradition mit Naturheilmitteln. Damals hätte ich mir gewünscht, dass die Schulmediziner und die Naturheiler im Bestreben um das Wohl der Kranken zusammengefunden hätten.
Der Leiter des Ambulatoriums war ein sehr guter kenianischer Sanitäter, von hünenhafter Gestalt, der sein Handwerk verstand und der an jedem Tag dort präsent war. Trotz der großen Anzahl der wartenden Patienten war er kaum aus der Ruhe zu bringen. Mit seiner kräftigen Gestalt überragte er das übrige Pflegepersonal um Kopfesgröße und füllte den gesamten Türrahmen des kleinen Ambulatoriums aus. Zu den seltenen Gelegenheiten aufkeimender Unruhe innerhalb der wartenden Menschenmenge im Innenhof pflegte er nur schweigend in den Türrahmen zu treten, die Arme drohend auf die Hüften zu stemmen und einmal mit grimmiger Miene über die Wartenden zu blicken, und schon herrschte wieder Ruhe. Er war dort eine anerkannte Autorität.
Dieser Hüne zeigte mir die Blutausstriche der Patienten unter dem Mikroskop. Durch einfaches Mikroskopieren kann man einen akuten Malariaanfall feststellen, und sehr viele Patienten waren dort an Malaria (Sumpffieber) erkrankt. Medikamente gegen Malaria gab es dort allerdings nicht, und trotz mehrfacher verzweifelter Anforderung in der 500 Kilometer entfernten Hauptstadt Nairobi wurden auch keine geliefert. Selbst unsere mehr als zwölfstündige Fahrt im Landrover über sandige und staubige Buckelpisten zu dem verantwortlichen District Commissioner in Nairobi blieb ohne Erfolg. Solche und ähnliche enttäuschende Erfahrungen bedeuteten übrigens das Ende meiner Pläne als Entwicklungshelfer. Aber zurück in die mehr als bedrohliche Gegenwart!
Jedenfalls musste jetzt sofort gehandelt werden, andernfalls würde diese junge Frau in ihrem aktuellen Zustand nicht überleben, dessen war ich mir inzwischen sehr sicher. Ich rief in unserem Labor an, wo eine erfahrene Laborantin Wochenenddienst hatte. Ich erkundigte mich bei ihr nach dem Blutausstrich der Patientin, wobei ja ein Blutstropfen auf einem Objektträger, einer kleinen, rechteckigen Glasscheibe, ausgestrichen und gefärbt wird und dann mikroskopisch untersucht werden kann. „Keine Auffälligkeiten, die weißen Blutkörperchen sind normal“, antwortete sie. „Und die roten Blutkörperchen?“, wollte ich weiter wissen. „Ebenfalls nichts Besonderes“, erklärte sie. Ich bat sie, das Präparat unter dem Mikroskop liegen zu lassen, und eilte in das Labor.
Dort beugte ich mich sofort über das Mikroskop und stellte das Okular auf meine Sehschärfe ein. Ich hatte seit Langem nicht mehr mikroskopiert und musste mich erst einsehen. Geduld, Geduld! Dieses Mikroskop würde ich erst wieder verlassen, wenn ich mir ganz sicher war. Es war mir gleichgültig, wie lange es auch immer dauern mochte. Die Hauptsache war doch, dass ich den Grund für den dramatischen Fieberverlauf fand. Meine Erfahrungen am Mikroskop, damals im Hochland von Kenia, lagen inzwischen mehrere Jahre zurück. Ich verschob langsam den Objektträger unter dem Mikroskop. Mich interessierten ausschließlich die roten Blutkörperchen.
Der Infektionsweg der Malaria-Erreger führt nach dem Mückenstich über den Blutkreislauf in die Leberzellen, wo sie heranreifen, die Leberzellen platzen, die Erreger gelangen im Blut in die roten Blutkörperchen, wo dann eine weitere Vermehrung stattfindet. Und genau diesen roten Blutkörperchen galt nun mein ganzes Interesse. Ich sah zunächst keinerlei Auffälligkeiten. Darauf stellte ich eine höhere Vergrößerungsstufe am Mikroskop ein, musterte den Ausstrich erneut langsam durch, ohne auf verdächtige Einschlüsse in den roten Blutkörperchen zu stoßen. Damit gab ich mich immer noch nicht zufrieden, stellte noch einmal die nächsthöhere Vergrößerung ein und durchsuchte den Blutausstrich abermals. Und nun endlich fand ich, wonach ich so lange gesucht hatte: das erste rote Blutkörperchen mit einem winzigen, durch die Färbung blauen Pünktchen im Inneren, das dem Malaria-Erreger entspricht. Ich stellte daraufhin noch einmal die nächsthöhere Vergrößerungsstufe ein. Und was ich nun erkennen musste, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen bei Weitem: Je länger ich das Präparat durchmusterte, desto mehr befallene rote Blutkörperchen konnte ich auch entdecken. Nun erkannte ich sogar die typischen kleinen Ringformen, die an die blauen Pünktchen angrenzten. Ich konnte das gesamte massive Ausmaß des Erregerbefalls der roten Blutkörperchen kaum glauben und starrte weiter wie gebannt in das Mikroskop. Selbst damals in Kenia hatte ich einen Befund in dieser Ausprägung nur selten zu Gesicht bekommen. Es war ein sehr schlimmer Befund, es gab keinen Zweifel mehr, nahezu jedes zweite rote Blutkörperchen war von Malaria-Erregern befallen. Diesmal war ich endlich auf der richtigen Spur.
Unserer Laborantin konnte ich übrigens keinen Vorwurf machen, denn die Vergrößerung am Mikroskop, mit der man die Malaria-Erreger in den roten Blutkörperchen erkennen kann, liegt mindestens um drei Stufen höher als diejenige, mit der man für gewöhnlich einen solchen Blutausstrich beurteilt.
In meinem Arztzimmer griff ich zum Telefonhörer und ließ mich mit dem Chefarzt verbinden, der an diesem Wochenende Hintergrunddienst hatte: „Es geht um eine junge Patientin mit einer massiven Malaria-Infektion“, sagte ich. „Wie bitte?“, fragte er ungläubig und mit erhobener Stimme, so als hätte er sich verhört. Ich erklärte ihm, dass sie in einem sehr schlechten Zustand sei. „Haben Sie Chinin-Tabletten?“, fragte er. „Haben wir“, bestätigte ich ihm. „Dann fangen Sie sofort mit der Therapie an“, schlug er vor. Ich erwiderte: „Das ist leider nicht möglich, Herr Chefarzt, die Patientin ist durch das hohe Fieber nicht mehr ansprechbar und kann daher nicht schlucken.“ Darauf folgte in der Telefonleitung eine längere nachdenkliche Pause. Dann sagte er: „Besorgen Sie Chinin-Infusionen!“ – Ich fragte sofort: „Woher?“ – Er antwortete: „Das soll die Leiterin der Krankenhausapotheke übernehmen“.
Ich kannte sie bereits. Sie war eine äußerst kompetente, engagierte, kleine Person, immer kooperativ und ausnehmend freundlich. Ich erreichte sie glücklicherweise telefonisch und teilte ihr den dringenden Auftrag mit. Inzwischen war bereits lange die Nacht hereingebrochen. Daher hörte ich zunächst einmal die obligatorische Frage: „Hat das nicht Zeit bis morgen?“ Ich erklärte ihr sehr direkt, dass ernsthaft zu befürchten wäre, dass diese Patientin ohne eine sofortige Therapie den Sonnenaufgang nicht mehr erleben würde. Und diese meine Worte meinte ich genau so, wie ich sie gesagt hatte, sie entsprachen vollkommen meiner Einschätzung des Krankheitsstadiums der Patientin. „Ich tue, was ich kann!“ Und schon hatte sie den Hörer aufgelegt. Sie hatte sehr gut verstanden, dass mir die Zeit unter den Fingernägeln brannte.
Mich hielt nichts mehr in meinem Arztzimmer, in dem ich die Telefonate mit dem Chefarzt und der Apothekerin geführt hatte. Ich konnte dort unmöglich tatenlos herumsitzen, ungeduldig mit den Fingerspitzen auf den Schreibtisch trommeln, Bleistifte in Reih und Glied ausrichten, irgendwelche Akten ordentlich aufeinanderstapeln oder die weiß getünchten Wände anstarren. Ich musste heraus aus diesem beengten Raum und ging zu der Patientin, bei der die Nachtschwester kurzfristig die Temperatur kontrollierte und fortlaufend die kühlenden Beinwickel erneuerte. Diese Hautwickel schienen beinah effektiver zu sein als das fiebersenkende Medikament, denn das Fieber war tatsächlich leicht gefallen. Das Warten an sich war ja nicht das eigentliche Problem, denn dafür konnte ich für gewöhnlich die notwendige Geduld aufbringen. Aber dieses völlig untätige Warten im Wissen um die Dringlichkeit eines sofortigen, wahrscheinlich lebensrettenden Therapiebeginns war mir nahezu unerträglich. Die Wartezeit kam mir unendlich lange vor, sodass schon bald erste Befürchtungen Gestalt annahmen, dass die Chinin-Infusionen zu spät geliefert werden könnten, oder genauso schlimm, dass sie überhaupt nicht verfügbar wären. Ruhelos pendelte ich zwischen dem Patientenzimmer und dem Stationsflur hin und her, schaute immer wieder aus dem Flurfenster auf den kleinen Parkplatz vor dem Haupteingang der Klinik, so als könnte ich alleine dadurch die Ankunft des dringend benötigten Medikaments beschleunigen. Der Parkplatz blieb leer. Nun hatte ich endlich mit eigenen Augen am Mikroskop die richtige Diagnose gestellt, doch es fehlte das wirksame Medikament in der geeigneten Form zur Behandlung. Mich überfiel erneut dieses lähmende Gefühl der eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit, das mir seit meiner damaligen Zeit im ostafrikanischen Hochland leider nur allzu vertraut war.
Nach etwa zwei oder drei Stunden, inzwischen war es 2:00 Uhr morgens geworden, kam mir die Apothekerin freudestrahlend und im Eilschritt mit einem großen Karton voller Chinin-Infusionen in den Armen auf dem langen Stationsflur entgegen. Sie machte dabei, noch etwas außer Atem, keineswegs den Eindruck, als hätte sie sich unnötig viel Zeit gelassen. Es war vermutlich gar nicht so einfach gewesen, die Infusionen zu besorgen. Während der unendlich erscheinenden Wartezeit waren mir bereits Zweifel gekommen, ob sie überhaupt welche finden würde, sie waren unsere allerletzte Chance. Wie sie kurz berichtete, hatte sie die Medikamente schließlich persönlich aus dem Notfalldepot der Universitätsklinik Düsseldorf abgeholt. Endlich, es hatte mir natürlich viel zu lange gedauert, ich hatte wirklich um das Leben der jungen Patientin gefürchtet. Ich atmete erleichtert tief durch, vielleicht war es noch nicht zu spät. Ich hatte dem Bericht der Apothekerin nur mit halbem Ohr zugehört, nahm die lebensrettenden Medikamente eilig entgegen, bedankte mich hastig für ihren Einsatz und lief mit dem Karton auf die Station.
Eine Minute später tröpfelte die erste Chinin-Infusion in eine Unterarmvene der Patientin. Diese 22-jährige Frau, deren junges Leben noch kaum begonnen hatte, durfte auf gar keinen Fall versterben, und in meinem Nachtdienst schon einmal gar nicht, dies hätte ich mir niemals verzeihen können. Selbstverständlich verbrachte ich eine schlaflose Nacht und schaute stündlich nach ihr. Sehr langsam gewann ich bei meinen Kontrollbesuchen den Eindruck, dass sich ihr Zustand etwas stabilisierte.
Am nächsten Morgen nahm ich sofort Kontakt mit dem Tropeninstitut der Uniklinik Düsseldorf auf, ich wollte eine fachliche Bestätigung der Diagnose und schilderte dem Kollegen ausführlich den dramatischen Krankheitsverlauf. Ich erwähnte auch, dass die Leberwerte der Patientin exorbitant erhöht waren, ein Befund, der wie übrigens auch die starke Gelbsucht auf gar keinen Fall mit der Malaria-Infektion zu vereinbaren war. Wir schickten per Eilboten sofort mehrere Blutröhrchen und Blutausstriche in die Tropenmedizin.
Am Nachmittag des gleichen Tages wurde ich vom Krankenhauspförtner angefunkt, er habe ein Gespräch für mich in der Leitung, der Teilnehmer müsse mich dringend sprechen. Der Pförtner stellte die Verbindung zu dem Kollegen aus der Tropenmedizin her. Seine erste Frage an mich lautete: „Sagen Sie mal, Herr Kollege, lebt denn ihre Patientin überhaupt noch?“ Ich war mehr als verwundert über diese Frage, denn ich konnte ihm erleichtert mitteilen, dass sich ihr Zustand inzwischen wesentlich gebessert hatte. Sie war seit dem späten Vormittag wieder ansprechbar und bei Bewusstsein, und das hohe Fieber war deutlich gefallen. Daraufhin sagte er: „Kompliment, Herr Kollege, solch einen massiven Malaria-Befall habe ich noch selten gesehen!“ Seine Worte waren deswegen so bemerkenswert, weil sie aus dem Mund eines Tropenmediziners kamen, der tagtäglich mit derart exotischen Erkrankungen konfrontiert ist. Er hatte ernsthaft befürchtet, dass die Patientin aufgrund des hohen Erregerbefalls nicht überlebt hatte. Dann teilte er mir endlich seine Untersuchungsergebnisse mit: Unsere Patientin hatte nicht nur die gefährlichste Malariaform, nämlich die Malaria tropica, sondern auch akute Infektionen mit den beiden anderen Malaria-Erregern, also Malaria tertiana und Malaria quartana. Seine Untersuchungen wegen der hohen Leberwerte benötigten hingegen noch ihre Zeit.
Obwohl das Fieber weiterhin rückläufig war, erholte sich die junge Frau aber nur auffallend zögerlich, die Leberwerte blieben sehr hoch. Sie benötigte weiterhin Infusionen, nur war an den Armen dieses zierlichen Persönchens keine Vene mehr für eine Infusionskanüle zu finden. So legte ich ihr unter lokaler Betäubung einen zentralen Venenkatheter in die große Vene unterhalb des Schlüsselbeins. Diese Punktionstechnik beherrschte ich sicher, obwohl die Punktion nicht ganz ohne Risiko ist. Es besteht dabei die Gefahr einer Verletzung der Lungenspitze, was sofort zu einem Kollaps der Lunge mit entsprechender Atemnot geführt hätte. Die Venenpunktion gelang auf Anhieb, sodass sich der Venenkatheter etwa 20 Zentimeter tief in der großen Vene bis vor das Herz vorschieben ließ. Ein solcher Venenkatheter kann sehr viel länger liegen bleiben als eine kleine Infusionskanüle in einer Unterarmvene, die sich sehr viel schneller entzünden kann.
Eine Woche später erhielt ich den nächsten Anruf aus der Tropenmedizin: Unsere Patientin hatte zusätzlich auch eine akute Leberinfektion durch das Hepatitis-A-Virus sowie eine akute Infektion durch das Ebstein-Barr-Virus, den Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers, bei dem ebenfalls eine begleitende Leberentzündung auftreten kann. Damit hatten wir nun endlich hinreichende Erklärungen für die hohen Leberwerte, und auch für die starke Gelbsucht, und letztendlich für den folgenden langwierigen Krankheitsverlauf. Die gesamte Wahrheit bedeutete also, dass diese junge Frau durch sage und schreibe fünf unterschiedliche Erreger infiziert worden war, womit ihr schlechter Allgemeinzustand nachvollziehbar wurde. Ein Hinweis auf weitere Tropenkrankheiten, zum Beispiel Gelbfieber, hatte sich hingegen nicht mehr ergeben.
Sie hatte mir bei den täglichen Visiten inzwischen erzählt, dass sie seit einem Jahr kreuz und quer durch Afrika gereist war und ihre Zelte in Deutschland vollständig abgebrochen hatte. Sie war eine Aussteigerin. Den Grund für ihren Exodus ausgerechnet nach Afrika, der für damalige Zeiten höchst ungewöhnlich war, wollte sie mir nicht verraten. Medikamente zur Vorbeugung gegen die Infektionen hatte sie in den letzten Monaten ihrer Reise nicht mehr eingenommen. Damit hatte sie ihr Leben leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Und von der Krankenhausverwaltung erfuhr ich, dass sie seit einem Jahr nicht mehr krankenversichert war. Sie hatte also zunächst eine fünfwöchige Gratisbehandlung bei uns erhalten, deren Kosten später das Sozialamt übernehmen würde. Der Versicherungsstatus interessierte mich allerdings weniger, mein ganzes Bestreben galt ausschließlich der Genesung der Patientin.
Eines Tages betrat ich zu der täglichen Visite ihr Zimmer, das sie wegen der ansteckenden Leberentzündung durch das Hepatitis-A-Virus alleine belegte. Das Bett war zerwühlt und leer, und der mühevoll gelegte, zentrale Venenkatheter baumelte traurig am Infusionsständer. Die Infusion tröpfelte sehr langsam auf den Boden, wo sich bereits eine breitere Pfütze gebildet hatte, in der jeder neue Tropfen mit steter Regelmäßigkeit ein leises, plätscherndes Geräusch verursachte, gefolgt von einem kleinen Spritzernebel. Nach der Größe dieser Pfütze und der Tropfgeschwindigkeit zu urteilen, war die Patientin bereits seit etwa zwei Stunden fort. Der Kleiderschrank und der Nachtschrank waren so leer, als hätte sie nie in diesem Zimmer gelegen. Sie hatte das Krankenhaus lautlos verlassen, ohne sich zu verabschieden, ohne ein Wort des Dankes, so geräuschlos wie eine Sternschnuppe, die an einem wolkenlosen Nachthimmel verglüht. Niemand von dem Pflegepersonal hatte ihr Verschwinden bemerkt. Ich stand vollkommen fassungslos vor dem Fußende ihres leeren Bettes. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, was ich hier sah. Schließlich hatte ihr junges Leben an jenem Wochenende, als sie unser Krankenhaus aufsuchte, an einem sehr dünnen seidenen Faden gehangen. Ich hatte um ihr Leben gebangt und voller Sorgen um sie eine schlaflose Nacht verbracht. Ohne die noch in jener Nacht eingeleitete Therapie hätte sie sicherlich nicht überlebt.
So aber blieb mir nur noch eines zu tun: Ich verständigte den Hausarzt, denn weitere Kontrollen der sinkenden, aber noch erhöhten Leberwerte waren erforderlich, während die Gelbsucht in ihren Sonnenblumenaugen gut rückläufig war.
Ich bin mir im Nachhinein nicht so sicher, ob es mir als jungem Assistenzarzt damals gelungen war, dieser Patientin den Ernst ihrer Erkrankungen hinreichend zu erklären. An meinen Begründungen der langen Behandlungsdauer während der täglichen Visiten hatte es gewiss nicht gemangelt. Aber meine wohlgemeinten Worte hatten offenbar nicht das notwendige Gehör gefunden, denn bereits seit mehreren Tagen hatte die Patientin mit einer ungewöhnlichen Hartnäckigkeit, vielleicht auch mit einer Spur von Aufsässigkeit, auf eine vorzeitige Entlassung gedrängt. Ihr Drang hinaus aus dem Krankenhaus entgegen meinen Empfehlungen hatte eigentlich schon nach zwei Wochen begonnen, nachdem sie dauerhaft entfiebert war, ohne dass ich in Erfahrung bringen konnte, was genau sie dazu antrieb. Sie schien ganz von einer starken inneren Unruhe erfasst, die größer war als der Wert einer vollständigen Genesung.
Malaria tropica wird durch die Weibchen der Anophelesmücke übertragen. Dreißig Prozent dieser Infektion enden unbehandelt und ohne medikamentöse Prophylaxe tödlich oder mit bleibenden Organschäden. Ich hatte seinerzeit das Glück, dass die Chinin-Therapie wirksam war. In späteren Jahren bildeten die Malaria-Erreger unterschiedliche Resistenzen aus, sodass selbst neuere Medikamente nicht immer wirksam sind. Ein weiterer Glücksfall bestand auch darin, dass die durch das Hepatitis-A-Virus geschädigte Leber die Malaria-Therapie mit den Chinin-Infusionen überhaupt überstanden hatte.
Die Malaria-Diagnose war zu damaliger Zeit in Deutschland noch sehr selten, und ganz besonders in Verbindung mit der akuten Infektion durch das Hepatitis-A.Virus. In späteren Jahren sollte ich noch mehrere akute Malaria-Infektionen entdecken und erfolgreich behandeln. So konnte ich doch noch auf die Erfahrungen im ostafrikanischen Hochland während des Studiums zurückgreifen.
Erst einige Wochen nach diesen Geschehnissen Anfang der 1980er-Jahre erschienen im Deutschen Ärzteblatt erste Berichte, in denen auf die mögliche Häufung von Malariaerkrankungen in Mitteleuropa, bedingt durch den zunehmenden Fernreisetourismus, hingewiesen wurde. Prinzipiell würde der Stich durch eine infizierte Anophelesmücke im Flugzeug während der Heimreise aus einem tropischen Land ausreichen.
3 Der Gänselieselmarkt
Die Stationsschwester berichtete, dass in einem der von mir betreuten Zimmer eine neue Patientin aufgenommen worden sei. Sie sei 16 Jahre alt und habe an Gewicht abgenommen. „Wie bitte? Ist dies nicht ein Fall für die Kinderklinik?“, gab ich sogleich zu bedenken, denn das Alter von 16 Jahren war gerade ein Grenzfall zwischen Kinderklinik und Innerer Medizin. Sie erwiderte aber auf meinen Einwand: „Die Eltern wünschen, dass sie hier bei uns untersucht wird!“
Ich betrat also das Zimmer der jungen Patientin, in dem sie mit zwei älteren Patientinnen lag. Auf der Bettkante saß ein für sein Alter hochgewachsenes, durchaus hübsches Mädel, mit schulterlangen braunen Haaren, von sehr schlanker Statur, und schaute mich erwartungsvoll an. Sie war Schülerin, die Sommerferien hatten gerade erst begonnen, und mit dem Schulzeugnis war sie zufrieden. Alle meine weiteren Fragen beantwortete sie in einem freundlichen Plauderton. Erst als sie sich für die körperliche Untersuchung entkleidete, bemerkte ich, wie unterernährt sie war. An ihrem Brustkorb wölbten die Rippen die Haut vor. Durch geschickte Auswahl ihrer Kleidung hatte sie es verstanden, die Mangelernährung zu verbergen. Die Gewichtsabnahme war der einzige Grund für die Einweisung in unsere Klinik. Die körperliche Untersuchung ergab ansonsten von Kopf bis Fuß keinen krankhaften Befund.
Die umfangreiche Blutuntersuchung war in Ordnung, mit Ausnahme einer leichten Blutarmut infolge eines Eisenmangels, einem verminderten Eiweißgehalt und einem erniedrigten Kaliumwert. Besonders der pathologische Eiweiß- und Kaliumwert waren sehr ungewöhnlich für ihr Alter. Natürlich überprüften wir auch andere mögliche Ursachen der Gewichtsabnahme, wie die Funktion der Schilddrüse und der Nebennieren, mit unauffälligen Ergebnissen. Auch einen Blutverlust aus dem Magen und dem Darm konnten wir ausschließen. Auf genaueres Befragen erklärte sie, sich regelmäßig zu ernähren, sie nehme lieber Süßspeisen als herzhafte Gerichte zu sich, aber auch Fleischgerichte. Durchfälle oder Erbrechen seien nicht aufgetreten. Haustiere seien nicht in der Wohnung, sodass ich meinen Gedanken an eine Wurmerkrankung, die auch zu einer Blutarmut führen kann, fallen lassen konnte.
Ich war ziemlich ratlos. Gewöhnlich suchte ich mir wie ein Fährtensucher aus den Angaben zur Krankenvorgeschichte, den Blutuntersuchungen und der körperlichen Untersuchung einen prägnanten pathologischen Befund, an dem ich mich festbeißen konnte und der mich zur Diagnose führen würde. In dem Fall dieser jungen Dame hatte ich so gut wie gar nichts in der Hand.
Also blieb zunächst nichts weiter zu tun, als die Symptome zu behandeln und abzuwarten. Ich erklärte ihr meinen Behandlungsplan mit täglichen Infusionen von Elektrolyten, Kohlenhydraten und Aminosäuren sowie einer Wunschkost und täglichen Gewichtskontrollen. Sie war einverstanden. Während der gesamten fünfwöchigen Behandlung war sie überhaupt immer mit allen Maßnahmen einverstanden, und dabei immer freundlich zugewandt. Wie einfach, so dachte ich jedenfalls.
Die Gewichtskontrollen wurden von den Schwestern täglich durchgeführt, immer im gleichen Bekleidungszustand und auf derselben Waage, und die Ergebnisse genau in der Krankenkurve notiert. Nach wenigen Tagen der Infusionstherapie hatte meine Patientin ein Kilogramm zugenommen, ich war hocherfreut und wähnte mich auf dem richtigen Weg. Zwei Tage später kam der Rückschlag: Wir waren wieder beim Ausgangsgewicht angelangt. Die Rippen konnte man wie am ersten Tag zählen, ohne zu tasten, jede einzelne Rippe wölbte die Haut vor.
Die erneute Blutentnahme zeigte eine Normalisierung der Elektrolyte und leider ein weiteres Absinken des Eiweißspiegels. Gar nicht gut! Was war hier eigentlich los, irgendetwas stimmte ganz und gar nicht, ich trat auf der Stelle. Ich erkundigte mich bei den Schwestern danach, wie gut das Mädel essen würde: „Sie isst gut, das Tablett ist immer leer.“ Dann fragte ich die Patientin, ob das Essen ausreichend sei: „Es ist gut, ich habe guten Appetit, kein Hungergefühl, ich werde gut satt!“ Gegen diese Feststellung sprach allerdings der zunehmend sinkende Eiweißgehalt im Blut als sehr zuverlässiges Zeichen einer unzureichenden Nahrungsaufnahme.
Ich wunderte mich auch darüber, wie geduldig sie die Behandlung über sich ergehen ließ, nicht einmal drängte sie auf eine baldige Entlassung, und sie klagte auch nicht über Heimweh. Seltsam war dieses Verhalten schon, es waren doch schließlich Schulferien. Ich versuchte häufig und gerne, mich mittels Rollentausch in den Patienten hineinzuversetzen. Als 16-jähriger Jüngling hätte ich jedenfalls einen großen Bogen um jedes Krankenhaus gemacht, und ganz besonders in den Schulferien, in denen ich mich von zahlreichen Klassenarbeiten erholen wollte.
Ihre Eltern kamen regelmäßig zwei- bis dreimal in der Woche zu Besuch, stets beide zusammen und häufig zur Zeit meiner Visite, sodass wir uns regelmäßig unterhalten konnten. Beide waren hochgewachsen, sehr gut gekleidet, gepflegt, höflich, freundlich, sorgenvoll. Sie machten auf mich einen absolut harmonischen Eindruck, irgendwelche Dissonanzen fielen mir nicht auf. Ich hatte natürlich viele Fragen an sie, ihre Antworten ergaben aber keine neuen Erkenntnisse, die zu einer Diagnose führen konnten. Im Nachhinein vermute ich, dass sie mir trotz meiner gezielten Fragen wesentliche Informationen oder Probleme aus ihrem Familienleben vorenthalten haben. Die acht Jahre jüngere Schwester meiner Patientin habe ich übrigens nie persönlich kennengelernt.
Eines Morgens eilte ich über den langen Stationsflur, ich war etwas in zeitlichem Verzug mit Blutentnahmen und Anlegen von Infusionen. Und die Blutproben mussten rechtzeitig in das Labor gebracht werden, damit die Ergebnisse am Nachmittag vorlagen. Von diesem Flur gingen links die Patientenzimmer ab, rechts lagen die Stationszimmer der Schwestern, Arztzimmer, Toiletten, ein großes Badezimmer, die Stationsküche und ein Geräteraum. Geradeaus endete der Gang an der Südseite der Klinik an einem großen Fenster mit Blick auf den Hubschrauberlandeplatz. Und auf dem Rahmen dieses sperrangelweit geöffneten Fensters lehnte meine Patientin weit hinausgebeugt und schaute angestrengt und ununterbrochen nach unten, ohne sich einmal umzudrehen. Dies war insofern merkwürdig, als dieses Fenster in aller Regel geschlossen war, und noch nie hatte dort ein Patient auf diese Weise hinausgeschaut. Ich verlangsamte instinktiv meine Schritte und stellte mich in weiser Vorahnung leise neben sie, sie hatte mich nicht kommen gehört: „Na, gibt es etwas Interessantes zu sehen?“, fragte ich neugierig. Sie drehte sich äußerst erschrocken und blitzschnell zu mir um, und nur für einen ganz kurzen Moment schoss eine flammende Röte in ihr sonst so blasses Gesicht, dann hatte sie sich schon wieder im Griff, und ihr Gesicht wurde so blass wie vorher. Sie hatte ihre Gefühle erstaunlich schnell wieder unter Kontrolle.
Voller Interesse schaute ich aus dem Fenster hinab. An dieser Südseite des Gebäudes waren zum Sonnenschutz über den Fenstern breite, waagrechte Metall-Lamellen angebracht worden, so auch über dem Fenster unter uns. Und auf diesem Sonnenschutzgitter lag das gesamte Frühstück meiner Patientin ausgebreitet: zwei Scheiben Brot, zwei Brötchen, ein Schälchen Quark, Marmelade, Wurst, und etwas abseits davon eine Scheibe Käse, die in der bereits hochstehenden Morgensonne zu schmelzen begann. Die leckere Erdbeermarmelade dröppelte in zähen Tropfen langsam auf den Hubschrauberlandeplatz. Kein Wunder, dass ihr Tablett immer leer war, wenn die Schwestern es nach dem Essen abräumten! Sie schaute mir direkt in die Augen und sagte mit unglücklicher und bedauernder Miene nur: „Ist mir hinuntergefallen.“ Das Tablett selbst und das Geschirr lagen allerdings nicht unten. Und wenn ich ihre abwegige Feststellung ernst genommen hätte, wäre sie auch die erste Patientin gewesen, die ihr Frühstück an einem weit geöffneten Fenster eingenommen hätte. Zumal dies immerhin ein Fenster war, das nicht mit einer Fensterbank ausgestattet war, auf der man ein volles Frühstückstablett hätte abstellen können. Sie hatte wohl die Abwesenheit der Schwestern auf dem Stationsflur, die ihr eigenes Frühstück zu dieser Zeit in der Stationsküche einnahmen, ganz bewusst genutzt. Für mich war dieser von Anbeginn mysteriöse Fall nun endlich klar.
Einer der Vorteile als Krankenhausarzt besteht nun darin, dass man sich mit erfahrenen Kollegen über schwierige Krankheitsfälle austauschen und beraten kann. Ich wählte denjenigen Kollegen mit der größten Erfahrung, ich ging zum Chefarzt. Ich berichtete über meine Patientin und die Entdeckung auf dem Sonnenschutzgitter, erwähnte auch die zunehmende Abnahme ihrer Gewichtskurve und des Eiweißgehalts im Blut. Er hörte mir zunächst entspannt zu, mit zunehmender Dauer meines Vortrags legte sich seine Stirne jedoch in immer tiefere Falten. Er war eine imposante Erscheinung: klein, schlank und drahtig, schlohweiße, wellig zurückgekämmte Haare, gerötete Gesichtsfarbe. Dann sprach er aus, was ich auch schon ahnte, eigentlich wünschte ich nur noch seine Bestätigung: „Diese Patientin hat eine Essstörung, eine Anorexia nervosa (Magersucht). Fragen Sie die Eltern und die Patientin, ob sie mit einer künstlichen Ernährung über eine Magensonde einverstanden sind.“
Nachdem ich der Familie den Ernst der Lage und die Folgen der Unterernährung, unter anderen das Auftreten von Eiweißmangelödemen (Wasseransammlung im Hautgewebe), erklärt hatte, waren alle einverstanden. Der Eiweißgehalt im Blut war inzwischen dramatisch um 30 Prozent des Normalwertes gesunken, sodass wir damals gar keine andere Wahl als die künstliche Ernährung hatten.
Das Mädel saß aufrecht im Bett, ich betäubte mit einem Spray eines Lokalanästhetikums den Nasengang, wie auch die besonders empfindliche Hinterwand des Rachens. Anschließend rieb ich mit einem Gel des Betäubungsmittels die dünne Ernährungssonde ein. Dann führte ich die Sonde sehr langsam und vorsichtig in den Nasengang ein, bis die Sonde an der Rachenhinterwand erschien, wie ich durch ihren geöffneten Mund sehen konnte. Nun bat ich die Patientin, einmal zu schlucken, und das tat sie auch ganz brav, sodass die Sonde fast wie von selbst tief in den Magen rutschte. Schließlich gab ich mit einer Spritze etwas Luft in die Sonde, hörte gleichzeitig mit dem Stethoskop den Magen ab, wo es vernehmlich blubberte, die Sonde lag also korrekt. Wie schön!
Wir begannen mit der flüssigen Sondenernährung, die in ausgewogener Form alle wesentlichen Nährstoffe enthält. Bereits am nächsten Morgen lag die Sonde zusammengekringelt auf dem Fußboden neben ihrem Bett. Wie unschön! „Ist mir in der Nacht rausgerutscht“, sagte sie mit treuherzigem Augenaufschlag. Eigentlich hatte ich die Sonde an der Nasenspitze gründlich mit Pflaster fixiert, und gleichzeitig erinnerte ich mich an das rein zufällige Herunterfallen des Frühstücks auf das Sonnenschutzgitter. So viele Unglücksfälle auf einmal konnte es eigentlich gar nicht geben, na ja. Es folgte umgehend die Anlage einer neuen Magensonde, die ich demonstrativ mit noch mehr Heftpflaster an der Nase fixierte und dabei auch andeutete, dass wir noch genügend Magensonden in unserem Sortiment hätten. Zusätzlich erklärte ich ihr noch, dass solche Spiränzchen zulasten meiner ohnehin knapp bemessenen Arbeitszeit gingen.
Diese neue Sonde sollte nun wie durch ein Wunder bis zur nächsten Chefarztvisite einige Tage später liegen bleiben. Die neue Magensonde nutzte der Chefarzt, der auch ein erfahrener Radiologe war, zu einer sehr kurzen Magendurchleuchtung mit flüssigem Kontrastmittel, womit er eine Verengung des Magenausgangs ausschließen konnte. Die Möglichkeit einer Magenspiegelung gab es damals noch nicht. So konnte die Sondenernährung fortgesetzt werden, die Nahrungsmenge wurde täglich behutsam gesteigert. Innerhalb weniger Tage nahm die Patientin drei Kilogramm an Gewicht zu. Endlich machte sie Fortschritte, die Sondenkost zeigte erste Erfolge, und wir waren zufrieden.
Dann kam der Tag der wöchentlichen Chefarztvisite. Wir standen gemeinsam am Fußende des Bettes unserer Patientin, ich berichtete über den positiven Gewichtsverlauf und letzte Laborergebnisse. Sie beantwortete bereitwillig die Fragen des Chefarztes. Plötzlich aber stockte sie mitten in einem Satz, und ohne ein Würgen oder andere Vorzeichen erbrach sie in hohem Bogen mehrere Liter der Sondenkost der vergangenen Tage über die Bettdecke. Dies war kein provoziertes Erbrechen, das wir erlebten, der Magen war schlicht und ergreifend übergelaufen. Das Phänomen der Magenatonie bei längerer Mangelernährung ist bekannt, mit der Zeit stellt der Magen seine Tätigkeit, die Nahrung weiter in den Darm zu transportieren, vollständig ein.
Zusammengefasst hatten wir nach fünfwöchiger Behandlung nur eine unwesentliche Gewichtszunahme von vielleicht zwei Kilogramm erreicht. Vor der Entlassung setzte ich mich mit der jungen Patientin und ihren Eltern zusammen. Ich unterbreitete ihnen Diätvorschläge und empfahl auch dringlich eine ergänzende psychotherapeutische Behandlung. Meine Patientin war wie immer einverstanden, zumal ja auch die Schulferien dem Ende zugingen. Sie bedankten sich für unsere umfangreichen, wenn auch aus ärztlicher Sicht wenig erfolgreichen Bemühungen.
Ich vermutete, dass das junge Fräulein zunächst bewusst an Gewicht abnehmen wollte, vielleicht aus kosmetischen Gründen. Vielleicht gab es dafür auch andere Gründe, zum Beispiel innerhalb ihrer Familie. Im Verlauf entwickelte sich daraus ein Zwang, aus dem „Wollen“ wurde ein „Muss“. Infolge der einsetzenden Magenatonie wurde ihr Vorhaben zum Selbstläufer mit wiederholtem Erbrechen. Ein angenehmer Nebeneffekt für sie bestand natürlich darin, dass sie seit Monaten im Mittelpunkt der Sorgen und Ängste von nahen Angehörigen und Ärzten stand. Ich war enttäuscht über sie, und auch über mich selbst: Trotz der eigentlich guten Arzt-Patienten-Beziehung, wie ich mir jedenfalls einbildete, hatte sie täglich bühnenreif gelogen, und ich hatte ihre Lügen nicht bemerkt. Ich hatte sie nicht bemerkt, weil ich es bis dahin niemals für möglich gehalten hatte, dass Menschen, die im Krankenhaus eine medizinische Hilfe suchen, einen Arzt belügen könnten.
Später fragte ich mich noch häufiger, wie oder durch wen sie das Lügen bis zu dieser Perfektion gelernt hatte. In unseren zahlreichen Gesprächen hatte sie immer den direkten Augenkontakt gesucht und dabei gelogen, ohne mit der Wimper zu zucken. Man hätte auch sagen können, je länger und intensiver sie den direkten Augenkontakt gesucht hatte, und je vertrauensseliger ihr Blick gewesen war, desto mehr hatte sie gelogen. Offensichtlich war sie mit dieser Methode sehr erfolgreich. Selbst die Aufdeckung ihrer Lügen hatte sie nicht beeindruckt, ein schlechtes Gewissen, ein Unrechtsbewusstsein oder ein Schamgefühl schienen ihr völlig fremd zu sein, oder sie verdrängte solche für sie peinlichen Situationen einfach. Ich war ja gewiss nicht die erste Kontaktperson, bei der ihre Lügen letztlich keinen Erfolg hatten. Sie dachte wohl auch nicht an die schlimmen Folgen einer Aufdeckung ihrer Lügen, nämlich den Vertrauensverlust bei denjenigen Menschen, die ihr nahestanden und sich um ihren Gesundheitszustand sorgten. Sie machte sich mit ihren Unwahrheiten dauerhaft unglaubwürdig, und niemand würde sie mehr ernst nehmen.
Ungefähr neun Monate später war er endlich gekommen, der erste schöne, lange ersehnte Frühlingstag nach einem kalten Winter. Seit dem frühen Morgen strahlte die Sonne an einem tiefblauen Himmel. Dieser Tag war wie geschaffen für den Besuch des jährlichen Gänselieselmarktes in einem kleinen Ort am Rhein, der nicht so weit entfernt lag. Die Gänseliesel ist ein Wahrzeichen dieses Ortes und wohl auch Bestandteil des Stadtwappens. Es herrschte bereits ein buntes Treiben, der kleine Marktplatz in der Altstadt war voller Besucher. Viele trugen schon ihre Sommergarderobe an diesem ersten warmen Tag des Jahres, hier ein offenes Hemd, dort ein buntes Kleidchen oder eine leichte Jacke. Die Verkaufsstände erstreckten sich bis in die angrenzenden kleinen Gassen. Die Händler priesen teils lautstark und durchaus humorvoll ihre verschiedenen Waren an, gelegentlich wurde aber auch hartnäckig um den Preis einer begehrten Ware gefeilscht. Es wurden Antiquitäten, Kuriositäten, Banalitäten angeboten. Hier ein alter Weichholzschrank, dort eine rustikale Eichentruhe mit schmiedeeisernen Beschlägen, Bekleidungsstücke, Porzellan, Kunsthandwerkliches. Der zentral gelegene Bierausschank erfreute sich bereits am Vormittag eines regen Interesses, der verlockende Duft von Grillwürstchen und gebrannten Mandeln lag in der Luft. Irgendwoher ertönte nicht zu laute Musik.
Ich mochte Trödelmärkte schon immer und ließ mich auch an diesem Morgen, an meinem dienstfreien Wochenende, gerne von dieser fast ausgelassenen Stimmung bei dem herrlichen Frühlingswetter anstecken. Es tat gut, in lachende Gesichter zu schauen und auf fröhliche und gut gelaunte Menschen zu treffen. Die große Menschenmenge erlaubte nur ein langsames Vorankommen, das aber eine gründlichere Betrachtung der angebotenen Waren erlaubte. Oftmals lagen die interessanten Dinge auch etwas verborgen unter den Warentischen. Für einen Trödelmarkt muss man sich eben Zeit nehmen. Für mich bedeutete dieser Tag auch eine willkommene Abwechslung im Vergleich zu der zeitlosen Zeit mit ihrer dauerhaften Hektik im Krankenhausalltag.
Ich hatte meinen Rundgang schon fast beendet, als plötzlich jemand aus einiger Entfernung durch das allgemeine Stimmengewirr hindurch und über alle Köpfe hinweg laut und deutlich meinen Namen rief. Ich wandte mich verwundert in die Richtung um, aus der die Stimme gekommen war, blickte aber geradewegs in die hochstehende Sonne, sodass ich – zunächst geblendet – niemanden erkennen konnte. Aber selbst wenn ich nicht gegen das grelle Sonnenlicht geschaut hätte, hätte ich sie nicht sogleich wiedererkannt. Sie kam mit wehenden, langen braunen Haaren an den anderen Besuchern im Zickzack-Kurs vorbei auf mich zugerannt. „Herr Doktor, Herr Doktor“, rief sie so laut, dass sich sofort einige andere Besucher neugierig zu ihr umdrehten. Sie trug ein farbenfrohes, dennoch schlichtes Sommerkleid, das ihr gut stand. Neun Monate sind eine lange Zeit im Berufsleben eines Arztes, man sieht sehr viele Patienten kommen und gehen. Erst als sie dicht vor mir stand, fiel endlich der Groschen. Ich sah nicht mehr in dieses schmale, viel zu blasse und viel zu ernste Gesicht, sondern ich sah gut gepolsterte Wangen, eine sonnengebräunte Gesichtshaut, und die Spuren der Abmagerung waren vollständig verschwunden. Mehr noch als ihr gesundes Aussehen erstaunte mich aber ihre Stimmungslage. Ich hatte sie als überwiegend stilles, eher zurückhaltendes Mädchen in Erinnerung. Nun jedoch blinkten ihre Augen fröhlich und lebhaft, und die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus: „Stellen Sie sich bloß vor, es geht mir gut, ich war endlich einmal wieder mit meinen Eltern zusammen in Urlaub!“ Na sieh mal einer an, dachte ich sogleich, also hatte es vielleicht doch Probleme innerhalb der Familie gegeben, von denen mir allerdings ihre Eltern mit keinem Wort berichtet hatten, obwohl ich seinerzeit gezielt danach gefragt hatte. Natürlich sagte ich ihr, wie sehr ich mich für sie freute. Aus der Ferne winkten mir ihre Eltern lachend zu, die kleine Schwester hing an der Hand der Mutter. Meine ehemalige Patientin war geradezu euphorisch, sie plapperte einfach fröhlich drauflos, über die Schule, über Ausbildungspläne, über den neuen Freund und viele andere Dinge. Sie schnatterte beinahe so, wie die aufgeregte Gänseschar, die nach der Legende einst von der Gänseliesel an diesem Ort gehütet worden war. Sie war gegenüber der damaligen Behandlung in unserer Klinik überhaupt nicht mehr wiederzuerkennen. Mit ihrer unbändigen Begeisterung und wiedergewonnen Lebensfreude hatte sie mich derartig eingefangen und verzaubert, dass ich tatsächlich vergaß, sie nach dem Geheimnis ihrer wundersamen Wandlung zu fragen. Vielleicht war es aber auch besser so. Wir verabschiedeten uns sehr herzlich.
Während der Rückfahrt nach Hause dachte ich über unser überraschendes und erstaunliches Zusammentreffen nach. Bedeutete diese erfreuliche Entwicklung nun auch wirklich das Ende ihrer Magersucht und damit das Ende ihrer Lügen? Oder wollte sie sich doch auch weiterhin durch ihr zukünftiges Leben lügen? Mit einer solchen Einstellung würde sie kaum glücklich werden. Ich wünschte ihr, dass sie den richtigen Weg fand, aber mir blieben doch einige leise Zweifel. Dennoch war dies eindeutig einer meiner besseren Tage, einmal abgesehen von dem bunten, fröhlichen Treiben auf dem Marktplatz.
Nach Literaturangaben werden nur 50 Prozent der Patienten mit Anorexia nervosa (Magersucht) geheilt. Vielleicht aber gehörte meine ehemalige Patientin ja auch zu diesen 50 Prozent.
4 Die versteckte Patientin
Mein Arztzimmer auf der Station war klein, sowohl räumlich als auch im Verhältnis zu den Bergen von Arbeit, die dort auf mich warteten. In Zukunft sollte ich noch mehrere Arztzimmer kennenlernen, die in der Regel ebenso die Grundfläche einer größeren Besenkammer hatten. Dieses mein erstes Arztzimmer hatte jedoch zwei Vorteile. Die Stationsküche lag direkt nebenan, wo immer eine Kanne frischen heißen Kaffees wartete. Wohlgemerkt handelte es sich um Bohnenkaffee, keinen Muckefuck, der seinerzeit auch noch verbreitet war. Diese Kaffeekanne sollte mich noch über so manche überlangen Nächte retten. Der zweite Vorteil bestand darin, dass es streng genommen gar nicht „mein“ Arztzimmer war, weil ich es mir mit einem Kollegen teilen musste. Die Schreibtische waren so zusammengeschoben, dass wir uns direkt gegenübersaßen. Daraus sollte eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit entstehen. Er war ein hilfsbereiter Kollege, auf den man sich immer verlassen konnte. Er war schon drei Jahre an der Klinik und damit der erfahrenste Assistenzarzt. Ich bewunderte seine Ruhe und Gelassenheit, er ruhte gewissermaßen in sich selbst. Sogar in dem hierarchischen Gefüge des Krankenhauses perlte eine Kritik von Vorgesetzten an ihm ab wie Regentropfen an einer Glasscheibe. Eine gewisse Obrigkeitshörigkeit, zu jener Zeit noch weit verbreitet, war ihm völlig fremd.
Bei den „Bergen von Arbeit“ handelte es sich im Wesentlichen um die Akten entlassener Patienten, deren abschließender Arztbrief noch zu diktieren war. Da mir anfangs die notwendige Routine fehlte, um aus dem Krankheitsverlauf eines Patienten einen in sich schlüssigen Arztbrief zu formulieren, und es sich zudem um eine höchst langweilige Tätigkeit handelt, wuchs mein Aktenberg erschreckend schnell an. Die erste wichtige Routine entwickelte ich zunächst dahingehend, durch eine geschickte Stapeltechnik ein vorzeitiges Umstürzen des Aktenberges zu verhindern. Akuter Handlungsbedarf, also das Diktat der Arztbriefe, war aus einer Vielzahl von Gründen irgendwann aber zwingend erforderlich: Es handelte sich um Probleme der Statik, der vorhandenen Bebauungsfläche, der Kommunikation, des aktuellen Bedarfs, ein mentales Problem und strenge Vorgaben des Vorgesetzten: Entweder die Statik geriet gefährlich ins Wanken, und der Umsturz des Aktenberges stand trotz ausgefeilter Stapeltechnik unmittelbar bevor, oder ein Anbau zu einer Bergkette war mangels freier Schreibtischfläche nicht möglich, oder der Berg versperrte mir die Sicht auf meinen gegenübersitzenden Kollegen mit entsprechender Einschränkung der Kommunikation, oder man benötigte die Akte, weil der Patient kurzfristig wieder eingeliefert worden war, oder mein eigener Ordnungssinn meldete sich protestierend, oder schlimmstenfalls mahnte der Chefarzt das Diktat der Arztbriefe an. Besonders diese letzte Möglichkeit galt es unbedingt zu verhindern, die hohe Kunst bestand im Wesentlichen darin, bereits vor einer drohenden Erinnerung des Chefarztes aktiv zu werden. Dazu fand ich in der Klinik nur selten die notwendige Ruhe. Im Ernstfall schleppte ich also anfangs eine Tüte voller Arztbriefe mit nach Hause, um dort diktierend eine Nachtsitzung einzulegen, bis mir mit dem Mikrofon in der Hand die Augen zufielen und mein Kopf ermüdet auf die vor mir ausgebreiteten Krankenunterlagen gesunken war. Bald aber waren solche häuslichen Nachtsitzungen dann nicht mehr erforderlich.
Bevor ich selbstständig arbeiten konnte, begleitete ich meinen Zimmerkollegen bei den täglichen Visiten, auch bei den Chefarztvisiten. Das Ausfüllen des Aufnahmebogens der Patienten hatte im Gegensatz zu heutigen Gepflogenheiten höchst ausführlich zu erfolgen, darauf wurde mein Kollege von dem Chefarzt häufiger hingewiesen, und ich damit natürlich indirekt auch. Hingegen war mein Kollege eher ein Freund knapperer Befundberichte, wenn man es großzügig formulieren wollte. Auf dem Weg zum gewünschten Behandlungsziel schien er eine gewisse Arbeitsrationalisierung zu bevorzugen. Diesen Arbeitsstil behielt er trotz einiger Scharmützel mit dem Chefarzt übrigens bei, wie gesagt, er ruhte in sich selbst. Seine Diagnosen und Therapien waren allerdings überwiegend korrekt.
Bei einer der nächsten Visiten kritisierte der Chefarzt, dass eine der Patientinnen meines Kollegen mit einem Schlaganfall schon viel zu lange, nämlich sechs Wochen, im Krankenhaus lag. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters hatte diese Patientin nur einen leichteren Schlaganfall mit geringer Arm- und Beinschwäche erlitten, jedoch ohne Sprachstörung. Nun verhält es sich so, dass die Hinauszögerung einer Patientenentlassung durchaus und in mehrerlei Hinsicht zu einer Arbeitserleichterung führen kann. Zum einen ist das Bett belegt, sodass kein neuer Patient mit der üblichen Prozedur aufgenommen werden kann. Zum anderen kann das lästige, aber notwendige Diktieren des Arztbriefes in eine weiter entfernte Zukunft verschoben werden. Daher entsprach die bis dahin fehlende Entlassung der Patientin mit dem Schlaganfall in etwa der Arbeitsphilosophie meines Kollegen, keineswegs aber den Vorstellungen des Chefarztes. Bezüglich einer rechtzeitigen Entlassung trafen hier also vollkommen unterschiedliche Welten aufeinander. Folgerichtig ordnete der Chefarzt mit strenger Stimme die Entlassung der Patientin am nächsten Tag an.
Eine Woche später war die nächste Chefarztvisite angekündigt. Mein Kollege und ich saßen in unserem gemeinsamen Arztzimmer und ergänzten zur Vorbereitung der Visite die Krankenakten, machten hier und da noch eine Notiz oder ordneten Untersuchungen für den nächsten Tag an. Plötzlich wurde ich aus dieser betriebsamen Ruhe aufgeschreckt: „Verflixt noch mal, ich habe etwas vergessen!“, rief mein Kollege ärgerlich über sich selbst und schlug sich dabei mit der Handinnenfläche vor die Stirn. Ich schaute ihn fragend an. An diesem Tag schränkte ausnahmsweise kein Aktenstapel die Sicht auf ihn ein. Seine Stirn hatte sich in sorgenvolle Falten gelegt. Für einen kurzen Moment drohte dieser sonst so besonnene und ruhige Mensch seine Fassung zu verlieren, so schien es mir. „Ich habe total vergessen, die Patientin letzte Woche zu entlassen!“ Er hatte gerade die Akte der Patientin mit dem Schlaganfall aufgeschlagen. Ich musste mir zu meiner Schande eingestehen, dass ich auch nicht mehr daran gedacht hatte.
Nun war guter Rat teuer. Es blieb keine Zeit mehr für eine sofortige Entlassung, denn schon in wenigen Minuten würde der Chefarzt die Station zur Visite betreten. Und die Patientin konnten wir natürlich auch nicht innerhalb weniger Minuten einfach vor die Tür setzen. „Und jetzt?“, wollte ich ratlos wissen. Ich teilte vollkommen seine Einschätzung, dass wir auf eine größere Katastrophe zusteuerten. Schließlich war unser Chefarzt, obwohl nicht mehr der Jüngste an Jahren, für sein ausgezeichnetes Gedächtnis bekannt. Dieser Ruf eilte ihm weit voraus. Uns drohte großes Ungemach. Mein Gegenüber brütete angestrengt über der Patientenakte, fuhr sich sorgenvoll mit einer Hand durch die Haare und schüttelte ärgerlich über die eigene Vergesslichkeit wiederholt den Kopf. Mir fiel auch keine sofortige Lösung dieses durchaus ernsten Problems ein.
Nach langen Minuten intensiven Grübelns sprang er plötzlich aus seinem Schreibtischsessel auf, strahlte mich an und rief begeistert: „Ich hab’s: Wir müssen sie verschwinden lassen!“ Jetzt hat er aus Angst vor dem bevorstehenden Donnerwetter des Chefarztes endgültig den Verstand verloren, so schoss es mir sogleich durch den Kopf: „Wie bitte? Wie soll das denn funktionieren?“, fragte ich erstaunt und so, als hätte ich mich nur verhört. Mir war nicht geläufig, wie man solch ein riskantes Vorhaben in die Tat umsetzen konnte. Solch eine abenteuerliche Idee hatte ich ihm überhaupt nicht zugetraut. Seine sorgenvolle Miene hatte sich in ein breites Grinsen verwandelt. „Wir schieben sie einfach in das Badezimmer!“ Mir fehlten die Worte, und ich starrte ihn ungläubig mit offenem Mund an. „Und wenn es schiefgeht?“, gab ich zu bedenken. „Wir haben keine andere Wahl“, sagte er ungeduldig, denn die Zeit drängte. Mit dieser Erkenntnis hatte er nun auch wieder recht.
Das Badezimmer war natürlich nicht irgendein gewöhnliches Badezimmer. Es war mindestens fünfmal so groß wie unser Arztzimmer, in der Mitte thronte freistehend eine überdimensionale Badewanne mit einer Hebevorrichtung für schwer bettlägrige Patienten. Das Schicksal war uns auch insofern wohlgesonnen, als die Türe zu diesem Badezimmer zufällig genau gegenüber der Zimmertüre unserer Patientin lag. Die Parole lautete ganz einfach: Je kürzer der Weg, desto geringer die Aufregung der Patientin und das Risiko, entdeckt zu werden. Der Ortswechsel der Patientin musste blitzschnell erfolgen, um erstens kein Aufsehen zu erregen und zweitens dem Chefarzt zuvorzukommen, es blieben uns nur noch wenige Minuten Zeit.
Wir verließen also eilig unser Arztzimmer und gingen rasch in ihr Zimmer, in dem sie alleine lag. Dies war insofern ein Vorteil, als es keine lästigen Zeuginnen für die Umsetzung unseres Vorhabens gab. Mein Kollege erklärte ihr kurz und knapp und damit unwiderruflich die Notwendigkeit einer sofortigen Grundreinigung ihres Zimmers, die an diesem Morgen angeblich von den Putzfrauen vergessen worden wäre, und dass sie daher für einen Moment in einem anderen Raum untergebracht werden müsste. Diese Nachricht wurde von der Patientin durchaus wohlwollend zur Kenntnis genommen, denn sie nickte nach einem kurzen Blick in die Zimmerecken ganz verständnisvoll mit dem Kopf. Offenbar hielt auch sie eine Grundreinigung für dringend erforderlich. Er entschuldigte sich hastig für die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden wären. Wir schoben also die Patientin in ihrem Bett und mitsamt dem Nachttisch in das Badezimmer gegenüber, drückten ihr für den Notfall eine Klingel in die Hand und verließen eilig wieder den Baderaum, ehe sie zur Besinnung kam und neugierige Fragen stellen konnte. Die Schwestern auf der Station wurden vollständig in unseren Plan eingeweiht und zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet. Die Krankenakte der Patientin wurde auf Anregung der Schwestern gerade noch rechtzeitig aus dem Visitenwagen entfernt.
Zehn Minuten später erschien der Chefarzt gemessenen Schrittes und gar nicht so übel gelaunt auf der Station. Seine Stimmungslage konnte man glücklicherweise häufig seinen Gesichtszügen entnehmen. Ein ernster Gesichtsausdruck verhieß in aller Regel nichts Gutes, und man war gut beraten, während der Visite auf seine Anordnungen nicht zu viele fachliche Entgegnungen folgen zu lassen. Hingegen gab seine entspannte Miene an diesem Tag, als er die Station betrat, durchaus Anlass zur Hoffnung auf einen Durchgang ohne größeres Gemetzel. Mein Kollege und ich zwinkerten uns mit den Augen hinter seinem Rücken bereits vertraulich zu, wir hatten seine Mimik schließlich schon oft genug studieren dürfen. Tatsächlich sollten wir an diesem Tag eine ungewöhnlich friedliche und beinahe erholsame Chefarztvisite erleben. Die begleitende Stationsschwester hatte während der Visite keine Miene verzogen oder sich anderweitig etwas über die versteckte Patientin anmerken lassen.
Als wir die Patientin nach der Visite aus dem Badezimmer befreiten und sie zurück in ihr Zimmer schoben, ließ sie ihren Blick sofort prüfend durch den Raum schweifen. Mit dem geschulten Auge einer erfahrenen Hausfrau bemerkte sie natürlich blitzschnell die nach wie vor fehlende Grundreinigung ihres Zimmers. Während ihre Finger bereits entrüstet auf die sichtbaren Beweise der nach wie vor bestehenden Verunreinigungen deuteten und sich ihr Mund noch um Worte ringend gerade eben empört zu der entsprechenden Frage öffnen wollte, hatten wir ihr Zimmer bereits wieder fluchtartig im Eilschritt verlassen. Von draußen schnappten wir durch die hinter uns zugefallene Türe nur noch einige undeutliche Wortfetzen voller Proteste von ihr auf. Wir hatten die Visite ohne größere Blessuren überlebt und waren mit dem Ablauf genauso zufrieden wie unser Chefarzt.
Was ist nun aus den Hauptdarstellern dieses Schauspiels geworden?
Der Chefarzt hat nie von der versteckten Patientin erfahren, so glaubten wir damals jedenfalls. Einschränkend bleibt allerdings zu bedenken, dass gute Chefärzte für gewöhnlich ihre Augen und Ohren überall haben. Sollte er dennoch von unserer streng geheimen Handlung erfahren haben, so hatte er wenigstens einmal Gnade vor Recht walten lassen.
Die Stationsschwestern haben die Geschichte gleich einer Legende an nachfolgende Schwesterngenerationen weitergereicht.
Die Patientin hat sich sehr herzlich für die gut siebenwöchige Behandlung ihres Schlaganfalls bedankt.
Mein Kollege, das Schlitzohr, hat noch über ein Jahr an unserer Klinik gearbeitet, bevor er sich gemäß seiner Lebenseinstellung in eine ruhige Landarztpraxis im Bergischen Land zurückgezogen hat.
Und ich? Ich muss heute noch über diese unglaubliche Geschichte lachen.
Kurze Anmerkung zum Verständnis: Heutzutage dauert die Klinikbehandlung eines Schlaganfalls in einer Ausprägung wie bei unserer Patientin trotz einer sehr viel umfangreicheren Diagnostik nicht mehr sieben Wochen, sondern etwa zehn Tage.
5 Ein großer Irrtum
Ein Wochenenddienst bedeutete damals, dass man am Freitagmorgen seinen Dienst antrat und am folgenden Montag wenn möglich um 16:30 Uhr den Dienst beenden konnte. Es handelte sich also um einen Anwesenheitsdienst von 80 Stunden, in denen man am Wochenende ununterbrochen alleine und eigenverantwortlich die stationären Patienten, die Neuaufnahmen und die Notfälle zu versorgen hatte. Diese Dienste waren nun nicht so fürchterlich, wie es sich anhört, aber doch sehr kräftezehrend. Wenn man Glück hatte, verbrachte man ein relativ ruhiges verlängertes Wochenende in der Klinik und hatte ausreichend Schlaf zwischendurch. Es gab jedoch auch Wochenenden, an denen es mehr oder weniger bei Schlafversuchen blieb, die durch das Funkgerät oder Telefon ein abruptes Ende fanden. Ein solches Wochenende mit Schlafversuchen sollte mir bevorstehen.
Das Bereitschaftszimmer befand sich in einem Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Klinik. Wer hier eine Wohlfühloase für tüchtige diensttuende Ärzte erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht. Ein Stuhl, ein kleiner Tisch, ein sauber bezogenes Bett mit durchgelegener Schaumstoffmatratze, ein Kleiderschrank mit einigen Wolldecken, saubere, aber hässliche Vorhänge mit verblassenden Farben, die depressiv vor dem einzigen Fenster hingen, ein nichtssagendes, immerhin gerade hängendes Bild an der Wand über dem Bett, der Raum insgesamt an Schmucklosigkeit nicht zu überbieten. Dort auf der Fensterbank in einer Ecke ruhte ein altes verbeultes Radio mit höchstens drei zu empfangenden Sendern und abgeknickter Antenne. Dusche und Toilette befanden sich draußen auf dem Flur. Waren diese Mammutdienste an Wochenenden nicht schon Strafe genug, so wurden sie durch die Trostlosigkeit dieses Bereitschaftszimmers noch übertroffen. Aber ich wollte nicht klagen, schließlich ging es meinen Arztkollegen um keinen Deut besser. Und irgendwann, nach zahllosen Nachtdiensten, ignorierte man einfach dieses langweilige Zimmer. Es war nicht so, dass ich mich wegen der Dienstzeiten oder der Begleitumstände etwa in Gestalt dieses Bereitschaftszimmers gegen die Dienste wehrte. Sie gehörten eben zum Beruf eines jeden Krankenhausarztes, und nach zahlreichen solcher Dienste gewöhnte man sich daran. Nach vier oder fünf Wochen stand der nächste Wochenenddienst an, und man konnte sich rechtzeitig darauf einstellen.
Diese Dienste wurden natürlich erleichtert durch nette Kontakte und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Fachabteilungen, die das gleiche Los gezogen hatten, zum Beispiel Mitarbeitern der Chirurgie oder Neurologie, und selbstverständlich den Schwestern auf den internistischen Stationen. Hier eine Aufmunterung, dort ein freundliches Wort, wir saßen schließlich alle im gleichen Boot.
Selten kam es leider vor, dass man einen Arztkollegen hatte, der sich die Bezeichnung „Kollege“ noch nicht so recht verdient hatte. Solche Mitarbeiter zeigten Tendenzen, ihre Arbeit dahingehend zu optimieren, dass sie eigene Aufgaben an ihre Kollegen delegierten. Sie verfolgten eher eigene Interessen, als sich dem Teamgeist unterzuordnen. Bisweilen versuchten sie auch, sich unter einem Vorwand vor einem Nachtdienst zu drücken.
Solch ein Mitarbeiter trat an einem Freitag meines Wochenenddienstes um 14:00 Uhr auf mich zu und sagte: „Hör mal, ich muss heute zwei Stündchen eher weg. Unten in der Ambulanz sitzt ein junger Bursche mit Luftnot, ich glaube, der hat nichts. Könntest du den bitte übernehmen?“ Ich willigte ein, zumal ich mir den Rücken freigehalten und die Routinearbeiten auf meiner Station bereits erledigt hatte.
Ich machte mich also auf den Weg in die Ambulanz im Erdgeschoss. Dort saß auf einer Trage ein großer, kräftiger junger Mann, etwa 23 Jahre alt, mit strohblonden Haaren und wohlgenährt. Mein erster Eindruck, bevor ich ihm zur Begrüßung die Hand reichte und mich vorstellte, sagte mir bereits, dass das Urteil meines Kollegen, „Ich glaube, der hat nichts“, keinesfalls zutraf. Er hatte nämlich sichtbare Luftnot, seine Atmung war relativ beschleunigt, und seine Lippen und Fingernägel waren leicht bläulich verfärbt als Hinweis auf einen deutlichen Sauerstoffmangel. Er berichtete, dass er die Luftnot schon seit einigen Tagen hätte und dass sie von Tag zu Tag schlimmer geworden wäre. Er hätte dabei anhaltenden Hustenreiz ohne Auswurf, jedoch ohne Fieber, und könnte nachts wegen der Atemnot kaum mehr ruhig durchschlafen. Alle meine Fragen nach früheren Lungenkrankheiten, oder nach Kontakt mit Giftstoffen, oder nach Allergien, verneinte er. Nach meinen ersten Eindrücken und nach den Angaben des Patienten bezweifelte ich ernsthaft, dass sich mein Kollege ihn überhaupt angesehen hatte. Eine Minute hatte gereicht, um sein Urteil zu widerlegen.
Ich zog mein Stethoskop aus der Kitteltasche und hörte seinen Brustkorb von allen Seiten ab. „Bitte mit offenem Mund tief ein- und ausatmen!“ Ich hörte hier und da ein leises Knistern, das mich nicht weiterbrachte, keinesfalls aber dieses Rasseln wie bei einer Lungenentzündung oder ein Pfeifen wie bei einem Asthmaanfall, keine brodelnden Klänge wie bei einer Wasseransammlung in der Lunge. Ich hörte auch, dass alle Lungenanteile belüftet waren, und dennoch bot er diese untrüglichen Zeichen des Sauerstoffmangels! Vielleicht handelte es sich um eine Lungenembolie, so dachte ich, bei der eine Lungenarterie durch ein Blutgerinnsel verstopft ist, die würde man mit dem Stethoskop nicht hören können. Allerdings gehörte dazu in der Regel eine Beinvenenthrombose, und die hatte er nicht, wie mir ein Blick auf seine Beine zeigte. Merkwürdig, sehr ungewöhnlich! Ich hatte keinen Hinweis auf die Ursache seiner Luftnot gefunden. „Wir müssen eine Röntgenaufnahme von der Lunge anfertigen, vielleicht wissen wir dann mehr“, erklärte ich ihm.
Unser Chefarzt war Internist und Radiologe und hielt jeden Morgen die Röntgenbesprechung ab. Daher konnte ich Röntgenbilder der Lunge bereits recht gut beurteilen. Die Lungenaufnahme wurde durchgeführt, und ich wartete ungeduldig vor der Entwicklungsmaschine in der Röntgenabteilung. Ich musste sofort die Ursache dieser seltsamen Luftnot in Erfahrung bringen. Endlich kam die Röntgenaufnahme heraus, ich zog sie langsam aus der Entwicklungsmaschine und hängte sie an den beleuchteten Schaukasten für Röntgenbilder.
Die Röntgenassistentin stand neben mir, sie wollte eigentlich nur die richtige Belichtung der Aufnahme überprüfen, und hielt sich sofort erschrocken die Hand vor den Mund. Ein kurzer Blick genügte, ich musste tief Luft holen und mich erst einmal auf den Hocker vor dem Schaukasten setzen. Es war ein entsetzlicher Befund, mit dem keiner von uns beiden gerechnet hatte. Gesundes Lungengewebe wird im Röntgenbild durch den Luftgehalt schwarz dargestellt. Nun stelle man sich einen Tag im Spätwinter vor, die Temperaturen liegen bereits knapp über dem Gefrierpunkt, es herrscht dichtes Schneetreiben, welches besonders eindrucksvoll im Licht eines Autoscheinwerfers zu sehen ist. Genauso sah das Röntgenbild des jungen Patienten aus, wir sprachen bei solch einem Bild leider recht treffend von einer „Schneegestöberlunge“. Beide Lungenflügel waren von oben bis unten übersät mit solchem Schneegestöber, nur hatten diese weißen Flecken im Vergleich zu Schneeflocken eine mehr rundliche Form und waren nicht so wattig-bauschig, sondern schärfer begrenzt. Wir standen vor einem sehr schlimmen Befund: Es handelte sich um ausgedehnte Lungenmetastasen! Die Metastasen (bösartige Tumorabsiedlungen) unterschiedlicher Größe standen dicht an dicht, hatten keinen Lungenanteil verschont und sich bis in die kleinsten Winkel der Lunge ausgebreitet. Solch einen massiven Befall der Lunge mit Metastasen hatte ich bis zu diesem Tag noch nie gesehen. Es handelte sich zweifellos um das weit fortgeschrittene Endstadium eines bösartigen Tumors.
Ich hatte nicht die geringste Vorstellung, von welchem bösartigen Tumor diese ausgedehnte Streuung der Metastasen ausgehen konnte. Es musste sich um einen hochgradig aggressiven Tumor handeln, der für die Bildung der Metastasen die Lunge bevorzugte. Und möglicherweise waren die Metastasen genau so aggressiv und schnell gewachsen wie der Primärtumor selbst. Andernfalls hätte der junge Patient schon seit sehr viel längerer Zeit über Atembeschwerden klagen müssen.
Ich holte die körperliche Untersuchung nach, zuvor in der Ambulanz hatte ich meine Untersuchung zunächst auf den Brustkorb beschränkt. Ich fand keinen Ursprung der Lungenmetastasen. Es gab keine vergrößerten Lymphknoten, und Hals, Rachen und Bauchraum waren bei der Inspektion und dem Abtasten in Ordnung. Die Möglichkeit der Ultraschalldiagnostik gab es damals noch nicht. Selbst die Ergebnisse seiner Blutuntersuchung ergaben keinen Hinweis auf den Ursprung der Krebserkrankung. Angesichts seiner erheblichen Luftnot, die den Patienten mehr als genug belastete, teilte ich ihm den Röntgenbefund nicht mit und sprach nur von einer beginnenden Lungenentzündung.
Ich konnte nur das vordringliche Symptom, nämlich die Luftnot, behandeln und versuchen, ihm so etwas Erleichterung zu verschaffen. Er sollte Bettruhe einhalten, der Oberkörper wurde so hoch wie möglich gelagert, damit sich die Lunge bei der Atmung besser entfalten konnte, und es wurde Sauerstoff über eine Nasensonde verabreicht. Des Weiteren verordnete ich prophylaktisch ein Antibiotikum, denn die Minderbelüftung der Lunge durch die Metastasen könnte bald zu einer Ansiedlung von Bakterien führen, sowie Kortison und ein Medikament zur Erweiterung der Bronchien. Den kurzen Gedanken an eine Behandlung am Beatmungsgerät auf der Intensivstation verwarf ich sofort wieder, denn dadurch würden die zahlreichen Metastasen auch nicht gebessert. Ich überzeugte mich häufig und regelmäßig an diesem Wochenende von seinem Zustand und Befinden, es schien ihm subjektiv und auch nach meinem Eindruck eher etwas besser zu gehen. Auch die Schwestern hielt ich an, regelmäßig nach ihm zu schauen. Dieser Aufforderung hätte es eigentlich nicht bedurft, sie waren erfahren genug.
Das Wochenende zog sich hin, es wurde nicht zu hektisch, aber ich war trotzdem ausreichend beschäftigt. Es gab keine weiteren kritischen Krankheitsfälle, bis auf mein Sorgenkind. Sein Zustand blieb unverändert, ich erhöhte die Sauerstoffzufuhr noch etwas.
Ich hatte nur schwer in einen unruhigen Schlaf finden können, denn zu sehr beschäftigte mich der junge Patient. In der Nacht zu Montag, gegen 2:00 Uhr morgens, schrillte das Telefon. Ich fuhr in dem Bett im Bereitschaftszimmer hoch und griff zum Hörer. Die Nachtschwester meldete sich am Apparat: „Herr Doktor, Sie müssen kommen. Ihr Patient ist verstorben!“ „Was? Wie ist das möglich?“, brüllte ich in den Hörer. Ich hatte wie gewöhnlich in voller Dienstkleidung geschlafen, warf mir nur hastig den Arztkittel über, rannte über die Straße und durch den gegenüberliegenden Haupteingang der Klinik, raste die Treppen hoch auf die Station und riss die Türe seines Zimmers auf.
Der Patient war seit ungefähr einer Stunde tot, ich tastete keinen Puls, konnte keine Herztöne mit dem Stethoskop hören, und seine Pupillen waren geweitet und ohne jegliche Reaktion auf den Lichtreiz meiner kleinen Stabtaschenlampe. Ich schloss ihm die noch halb geöffneten Augen und bedeckte seinen Kopf mit der Bettdecke. Selbst in Kenntnis seines Lungenbefundes hatte ich keinesfalls mit seinem so raschen Lebensende gerechnet. Ich hatte im Gegenteil sehr gehofft, ihn zumindest halbwegs stabil über das Wochenende bringen zu können. Wie hatte das geschehen können? Warum hatte er nicht die bereitliegende Klingel auf seinem Nachttisch betätigt oder um Hilfe gerufen? Oder war ihm im Schlaf die Sauerstoffsonde aus der Nase herausgerutscht? Mich plagten heftige Selbstzweifel. Hätte ich noch mehr für ihn tun können? Hatte ich etwas versäumt oder übersehen? Alle meine Bemühungen waren vergeblich geblieben, es fühlte sich in diesem Augenblick an wie eine sehr bittere Niederlage. Eigentlich durfte gar kein Patient in meinem Dienst versterben, und schon gar nicht ein 23-jähriger junger Mann, für den das Leben eigentlich noch gar nicht so recht begonnen hatte. Damals, als ich noch alleine am Bett meines verstorbenen Patienten stand, fühlte ich mich sogar auf eigenartige Weise schuldig an seinem Tod. Ich sollte noch längere Zeit brauchen, bis ich den plötzlichen Tod eines mir anvertrauten Patienten verarbeiten konnte. Ich ging an das Fenster in seinem Zimmer und schaute in die mondlose, finstere Nacht hinaus. Ich fühlte mich auf einmal sehr einsam. Aber das Grauen war noch nicht vorüber.
Der Patient war verheiratet. „Haben wir eine Telefonnummer von der Ehefrau?“, fragte ich die beiden Nachtschwestern, die ausschließlich Nachtwachen machten und genauso betroffen waren wie ich selbst. Sie reichten mir die Unterlagen des Patienten herüber. Ich griff zum Telefonhörer, wählte die Nummer und erreichte die Ehefrau. Ich sagte zu ihr: „Sie müssen dringend in die Klinik kommen, der Zustand ihres Mannes hat sich erheblich verschlechtert!“ Ich vermied es seit Anbeginn meiner Tätigkeit, nahen Angehörigen am Telefon mehr oder weniger sachlich den Tod eines Patienten mitzuteilen. Dies wollte ich ihnen persönlich sagen und sie auch an das Totenbett begleiten. Telefonisch konnte man schwer beurteilen, wie sie auf die Todesnachricht reagieren würden. Trauer und Verzweiflung suchen sich ihren eigenen Weg.
Ich musste nicht sehr lange auf sie warten, wahrscheinlich wohnte sie ganz in der Nähe. Sie kam mir auffallend langsam, fast zögerlich, mit ernster Miene über den langen Stationsflur entgegen, ich erwartete sie vor seinem Zimmer. Sie ahnte bereits nichts Gutes. Es hatte beinah den Anschein, als wollte sie die Wahrheit überhaupt nicht erfahren. Je näher sie auf mich zukam, desto langsamer wurden ihre Schritte. Warum wohl hatte der Doktor sie mitten in der Nacht in das Krankenhaus gerufen? Und sie kam nicht alleine. Sie trug eingehüllt in eine warme, himmelblaue Decke einen etwa drei Monate alten Säugling in den Armen, der friedlich schlief. Dieses Kind würde seinen leiblichen Vater nie kennenlernen, es würde nie eine Erinnerung an ihn haben. Die Mutter war 20 Jahre alt, von kräftiger Statur und hochgewachsen. Sie blickte mich ernst und besorgt an. Ich teilte ihr die traurige Nachricht mit. Sie blickte mich weiterhin schweigend und ernst an, ihr Gesicht blieb so regungslos, als hätte sie nicht zugehört oder meine Worte nicht richtig verstanden. Ich erklärte ihr auch den schlimmen Lungenbefund als Todesursache. Sie konnte nicht sprechen, stellte auch keine Fragen, drückte nur ihr kleines Kind fester an sich. Ohne eine Miene zu verziehen, wurden ihre Augen feucht, und dann lief die erste Träne über ihre Wange, und danach noch eine, und langsam wurden es immer mehr. Sie sagte auch weiterhin kein Wort, sie weinte lautlos. Ich hörte kein Schluchzen, keinen verzweifelten Schrei, ich hörte nichts von ihr. Ich bot ihr einen Stuhl an, ich war versucht, sie tröstend in den Arm zu nehmen, war mir aber nicht sicher, ob dies angemessen war. Meine Augen wurden, so glaube ich, auch feucht. Ich bot ihr noch an, jemanden für sie zu verständigen, der ihr beistehen konnte, aber sie wollte dies alles nicht, sie schüttelte nur langsam und schweigend den Kopf. Ich war damals als junger Assistenzarzt mit dieser schwierigen Situation emotional überfordert. Dann führte ich sie an das Bett ihres verstorbenen Ehemannes und sprach ihr mein Mitgefühl aus.
Während des Medizinstudiums hatte man uns so manche Fächer gelehrt, bei denen wir Studenten uns von Beginn an gefragt hatten, was sie mit unserem späteren Beruf zu tun haben sollten. So begann unser erstes Semester unter anderem mit Biologie, Chemie und Physik. Meine Biologiekenntnisse hatten mir in jener Nacht jedenfalls nicht weitergeholfen. Auch im weiteren Verlauf des Studiums fehlte größtenteils der Praxisbezug. Auf Situationen wie die Überbringung von unerwarteten Todesnachrichten oder eine vernünftige, aber mitfühlende Kommunikation mit Patienten und Angehörigen wurden wir in keinster Weise vorbereitet. Ich sollte in späteren Jahren alle erdenklichen Reaktionen bei der Überbringung von Todesnachrichten erleben, die von tiefer Traurigkeit und Verzweiflung bis zu Teilnahmslosigkeit reichten und in einem Fall sogar mit unberechtigten Anschuldigungen endeten.
Montagmorgen, 9:00 Uhr, Röntgenbesprechung. Der Chefarzt demonstrierte die Röntgenbilder meines Wochenendes. Nach anderen Aufnahmen hängte er das Röntgenbild des jungen Mannes an den Schaukasten. Er zögerte, aber für sein geschultes Auge bestand kein Zweifel: Metastasen. Er drehte sich abrupt zu mir um. „Stimmt das Geburtsdatum?“ Ich antwortete: „Das stimmt!“ „Dann müssen wir dringend …“ Ich musste ihn nun endgültig unterbrechen: „Herr Chefarzt, der Patient ist in der vergangenen Nacht leider verstorben.“ Im Demonstrationsraum, in dem alle Ärzte der internistischen Abteilung versammelt waren, herrschte auf einmal betretenes, ungläubiges Schweigen, alle drehten sich zu mir um. Derjenige Kollege, der mir vor Beginn meines Dienstes den Patienten mit der Bemerkung „Ich glaube, der hat nichts“ übergeben und sich frühzeitig in sein dienstfreies Wochenende verabschiedet hatte, schaute mich völlig entgeistert an. Ich erwiderte sehr lange und eindringlich seinen Blick, und zwar so lange, bis er verlegen wegschaute. Er wusste damit sehr genau, um welchen Patienten es sich handelte. „Haben Sie die Angehörigen verständigt?“, fragte der Chefarzt weiter. „Die Ehefrau ist gekommen, ich habe mit ihr gesprochen“, gab ich zur Antwort. Es folgte eine längere Pause, bis der Chefarzt zu bedenken gab: „Aber er war nur zwei Tage bei uns!“ Darauf erklärte ich noch die therapeutischen Maßnahmen, die ich ergriffen hatte. Eine weitere Pause folgte. Schließlich bat er mich, die Ehefrau anzurufen und sie zu fragen, ob sie mit einer Obduktion einverstanden wäre.
Ich rief sie nach der Röntgenbesprechung an, und sie war einverstanden.
Die Obduktion ergab den folgenden Befund: zahlreiche Metastasen der Lunge eines malignen Melanoms (Hautkrebs), einzelne weitere Metastasen in Gehirn und Leber. Der Primärtumor, von dem die Metastasen ausgegangen waren, konnte nicht gefunden werden. Die Diagnose Hautkrebs hatte der Pathologe anhand der feingeweblichen Struktur der Metastasen gestellt. Diesen Befund teilte mir der Chefarzt, dem mein Gemütszustand keineswegs entgangen war, vorab mit. Er wollte mir damit zeigen, dass ich nicht versagt hatte und dass der Patient aufgrund seiner schweren, weit fortgeschrittenen bösartigen Tumorerkrankung rein nach medizinischen Kriterien nicht zu retten gewesen war.
Auf dem Heimweg an diesem Tag dachte ich dennoch traurig: zum Leben zu spät, zum Sterben zu früh.
6 Stille Nacht, heilige Nacht
Es war Anfang Dezember geworden, und die ersten strengen Nachtfröste hatten eingesetzt. Schneefall war in den Wetterberichten noch nicht vorhergesagt, wahrscheinlich würde es auch in diesem Jahr keine weiße Weihnacht geben.
Ich hatte in dieser Woche Ambulanzdienst, was bedeutete, dass ich für alle Patienten, die ohne eine Klinikeinweisung eintrafen, zuständig war. Meine Aufgabe bestand darin, zu entscheiden, ob ein Patient stationär aufgenommen werden musste oder durch den Hausarzt weiterzubehandeln war. Dies war nicht immer eine leichte Entscheidung. Patienten mit Einweisung wurden von den Ambulanzschwestern direkt auf die Station gewiesen. Man tat gut daran, seine eigenen Patienten auf der Station zügig zu versorgen mit Blutentnahmen, Visiten und Anordnungen, um genügend Spielraum zu gewinnen für den Fall, dass sich der Ambulanzfunk in der Brusttasche des Arztkittels meldete. Es gab Tage, an denen der Ambulanzfunk nahezu unaufhörlich piepte, bisweilen kamen auch mehrere Patienten gleichzeitig, sodass man selektieren musste, welcher Patient am dringendsten einer ärztlichen Hilfe bedurfte. Im Ernstfall, wenn die Arbeit alleine nicht mehr zu bewältigen war, konnte man natürlich auch einen Kollegen zur Mitarbeit bitten.
An diesem Vormittag, als ich meine Stationsarbeit natürlich noch nicht beendet hatte, setzte der grelle, nicht zu überhörende Piepton in meinem Kittel ein. Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten, auf dieses Alarmsignal zu reagieren. Dies ist eigentlich ein Widerspruch in sich, es gibt sie aber dennoch. Man könnte das nächste Telefon aufsuchen und erst einmal nachfragen, worum es sich handelt, um dann in Ruhe zu entscheiden. Man könnte aber auch alles stehen und liegen lassen, um sich so schnell wie möglich in die Ambulanz zu begeben.
Diese letztere Variante bevorzugte ich, wann immer dies möglich war. Also eilte ich durch das Treppenhaus in die Ambulanz im Erdgeschoss. Durch die leicht geöffnete Ambulanztür wehte mir schon ein penetranter Gestank entgegen. Ich öffnete die Türe und betrat den weitläufigen Raum, um mich der Quelle meiner Missempfindung zu nähern. Ich habe den Ambulanzschwestern nie verziehen, dass sie mich ohne jegliche Vorwarnung vor diesem fürchterlichen Gestank heruntergerufen hatten. Ich verlangsamte sofort instinktiv meine Schritte. Im Rollstuhl saß ein zusammengekauertes Häuflein Elend mit zerzausten, wild in alle Richtungen abstehenden Haaren, mit langem, ungepflegtem Rauschebart, mit zerfledderter Kleidung, hochrotem Gesicht, wässrigen geröteten Augen und nahezu unaufhörlich hustend. Die Schwestern in der Ambulanz kannten ihn wohl schon, und ich sollte ihn noch gut kennenlernen, er war ein stadtbekannter Vagabund. Sein einziges Zuhause war die Straße. Meine Nase sagte mir, dass der Körper dieses vielleicht gerade 50-jährigen Stadtstreichers seit mindestens zwei Monaten keinen Waschlappen mit Seife mehr gesehen hatte. Natürlich war er Alkoholiker, denn auch jetzt meinte ich, in dieser bunten Mischung unterschiedlichster Ausdünstungen den markanten Hauch einer deftigen Alkoholfahne wahrzunehmen. Die Ambulanzschwestern, für gewöhnlich eher hartgesotten, hatten sich in Kenntnis seiner Person und wohl früherer Erfahrungen mit ihm bereits mit Handschuhen bewaffnet. Ich tat es ihnen sofort gleich. Seine Haut glühte, denn er hatte 39,8 Grad Celsius Fieber.
„Bitte machen Sie ihm den Rücken frei, ich möchte die Lunge abhören“, sagte ich zu den Schwestern. Der anhaltende Husten und das hohe Fieber deuteten auf eine Lungenentzündung hin. Trotz Handschuhen bemühten sie sich demonstrativ, ihm nur mit spitzen Fingern, abgewandtem Gesicht und gerümpfter Nase die verschmutzte Jacke, mehrere löchrige Pullover, ein kariertes Baumwollhemd und ein wohl ehemals weißes, aktuell eher graues Unterhemd hochzuziehen. Eine betäubende Wolke aus Schweißgeruch und Urin schlug mir entgegen, sodass ich versucht war, um eine Nasenklemme zu bitten. Die Untersuchung mit dem Stethoskop ließ keinen Zweifel: Entzündung in beiden Lungenunterlappen, wahrscheinlich von den Bronchien ausgehend. „Wir müssen ihn stationär aufnehmen“, teilte ich den Schwestern sogleich mit. Wahrscheinlich in Erinnerung an frühere Erlebnisse mit dem Stadtstreicher hörte ich aus dem Hintergrund prompt die zaghafte Frage: „ Sie wissen aber, was Sie tun?“ – „Weiß ich“, gab ich zurück. Ich fuhr ihn eigenhändig im Rollstuhl auf die Station, auch um weiteren Vorbehalten zu entgehen. Offenbar hatte sich dieser Mann hier in der Vergangenheit wirklich keine Freunde gemacht.
Auf der Etage meiner Station fuhr ich mit ihm vorneweg schnurstracks unserer Oberschwester in die Arme. Die Bezeichnung Oberschwester gibt es heute nicht mehr, die moderne Bezeichnung lautet Pflegedienstleitung. Ich mochte sie, eine äußerst engagierte Frau, deren Zuhause, so schien es, das Krankenhaus war, wo sie sich aufopferte, herzlich zu den Patienten, verständnisvoll und mit offenem Ohr für ihre Schwestern. Wenn ihre Verwaltungsarbeit es zuließ oder wenn auf einer Station eine Schwester krankheitsbedingt ausgefallen war, half sie dort aus. Sie war eine Institution und mit Leib und Seele Krankenschwester. Sie hatte meinen Respekt. Seitdem habe ich keine Pflegedienstleitung mehr gesehen, die auf einer Station bei einem personellen Engpass ausgeholfen hätte.
Die Oberschwester bezog auf dem Stationsflur gerade frisch ein Patientenbett. Sie sah mich mit meinem neuen Patienten schon von Weitem kommen und unterbrach sofort ihre Arbeit. Dann schlug sie entrüstet die Hände über dem Kopf zusammen und kam uns mit den Händen wild in der Luft fuchtelnd entgegen. „Herr Doktor, den können Sie direkt wieder nach Hause schicken, den nehmen wir hier nicht auf!“ Eine für sie höchst ungewöhnliche, unbarmherzige Reaktion, dachte ich mehr als verwundert, was war denn nur in sie gefahren? In ihrer Empörung hatte sie wohl ganz vergessen, dass das einzige Zuhause dieses Mannes die Straße war, wo er in seinem desolaten Gesundheitszustand und bei den frostigen Temperaturen kaum überleben würde. Offenbar hatte sich mein neuer Schützling in unserem Krankenhaus auf allen Etagen vor meiner Zeit tatsächlich sämtliche Sympathien verscherzt. Ich erwiderte sehr bestimmt: „Schwester, ich kann ihn unmöglich fortschicken, er hat eine beidseitige Lungenentzündung.“ Der zusammengekauerte Insasse unseres Rollstuhls nickte bei meinen Worten sofort heftig und zustimmend, obwohl er diese Diagnose gar nicht selbst gestellt hatte. Höchst widerwillig musste sich die Oberschwester in ihr Schicksal fügen. Ich aber hatte als junger Assistenzarzt in diesem Moment gegen ein seinerzeit goldenes, jedoch ungeschriebenes Gesetz im Krankenhaus verstoßen, das da lautet: „Verscherze dir ja niemals das Wohlwollen der Oberschwester.“
Das anschließende Röntgenbild zeigte die Lungenentzündung noch viel ausgedehnter, als ich es vermutet hatte. Mein neuer Schützling war damit viel zu lange ohne ärztliche Versorgung durch die Straßen der Stadt gelaufen. Die Infektion war durch Bakterien, sogenannte Pneumokokken, ausgelöst worden, einen recht häufigen Pneumonie-Erreger. Da der Patient für Mitpatienten absolut unzumutbar war, bekam er auch noch ein Einzelzimmer, mit allen Annehmlichkeiten wie ein Privatpatient, ein Umstand, der die Laune der Oberschwester natürlich auf einen neuen Tiefpunkt sinken ließ. Ich versorgte ihn mit einem breit wirkenden Antibiotikum, einem schleimlösenden Medikament und mit Infusionen, die ein fiebersenkendes Medikament enthielten. Mir war vollkommen bewusst, dass die Behandlung wegen der Ausdehnung der Lungenentzündung ihre Zeit brauchen würde. Die Therapie zeigte nach wenigen Tagen erste Erfolge, denn das Fieber ging langsam, aber stetig zurück. Unser Patient fühlte sich besser, sodass seine Lebensgeister wieder erwachten.
Es gibt nun verschiedene Arten von Alkoholikern: solche, die im Rausch bösartig und aggressiv werden, andere, die eher gutmütig sind, und wieder andere, die mit ihrem Leben fast schon abgeschlossen haben und in einem Sumpf aus Gleichgültigkeit feststecken. Er war eindeutig ein Schelm, von der gutmütigen Art. Als ich das fröhliche, vielleicht etwas listige Blinken in seinen Augen sah, wusste ich Bescheid. Ich musste mir eingestehen, dass er mir noch nicht einmal unsympathisch war, so verkommen er auch war. Wie er dermaßen unter die Räder kommen konnte, hat er mir nie verraten.
Jedenfalls hatte sich sein Zustand so weit gebessert, dass ich bei der nächsten Visite ein Vollbad in unserer berühmten großen Badewanne verordnete. Die Stationsschwester notierte meinen Auftrag eifrig in seinem Anordnungsbogen. Bei der Visite am darauffolgenden Tag stank er aber immer noch. Ich schaute die mich bei der Visite begleitende Schwester fragend und vorwurfsvoll an und tippte mit dem Zeigefinger auf den Eintrag im Anordnungsbogen vom Vortag: „Wir hatten leider noch keine Zeit“, flüsterte sie kleinlaut. Es war ganz offensichtlich, dass die eingehende Waschung dieses ungepflegten Menschen nicht gerade zu den bevorzugten Tätigkeiten unserer Schwestern gehörte. Daher sagte ich betont streng: „Bitte heute noch, und zwar sofort nach der Visite!“ Die Begeisterung der Schwester hielt sich dennoch in engen Grenzen, wie ihren Gesichtszügen zu entnehmen war. Aber ich mochte es eben nicht besonders, wenn meine Anordnungen nicht umgesetzt wurden, unabhängig davon, um welche Anordnungen es sich handelte. Ich musste mich auf Mitarbeiter verlassen können, so wie sie sich auf mich verlassen konnten.
Bei der Visite am darauffolgenden Tag saß mein Patient freudestrahlend und kerzengerade in seinem Bett. Er war sogar ordentlich frisiert und rasiert worden und vollkommen umgeben von einer riesigen Duftwolke aus Fichtennadelöl und anderen Essenzen, die sich bis an die Türschwelle seines Zimmers ausgebreitet hatte. Die Schwestern mussten das Badewasser mit mindestens einer ganzen Flasche solcher Zutaten veredelt haben, denn diesmal wollten sie alles richtig machen. Ein neuer Mensch war geboren worden, so schien es, ich hätte ihn fast nicht wiedererkannt. Er thronte nun beinahe so stolz und glückselig in seinem Bett, dass es den Anschein hatte, als ob seine Hoheit die Untertanen wohlwollend und gnädig zu einer Audienz empfangen wollte. Mit diesem Eindruck sollte ich auch gar nicht so falschliegen.
Nur wenige Tage später, es war inzwischen kurz vor Weihnachten, zogen mich die Schwestern fast flehentlich am Ärmel in ihr Stationszimmer und schlossen hinter mir sofort die Türe. Für ihr Anliegen hatten sie sich sogar des Beistands der Oberschwester versichert, der mein Patient schon immer ein Dorn im Auge gewesen war und die mich seit Tagen mit strafenden Blicken bei unseren Begegnungen auf dem Stationsflur würdigte. Ganz unvorbereitet traf mich aber die jetzige Zusammenkunft nicht, da sich die Schwestern schon mehrfach über meinen Patienten beschwert hatten. „Herr Doktor, wir müssen mit Ihnen reden“, verkündeten sie wichtig. Was dann folgte, war eine nicht enden wollende Litanei von neuen Beschwerden über meinen Patienten: „Der benimmt sich hier wie ein Prinz auf der Erbse, lässt sich von vorne bis hinten bedienen, klingelt pausenlos und wegen jeder Kleinigkeit, so als wäre er hier der einzige Patient, er sei ja so krank, fordert zu den Mahlzeiten immer einen Nachschlag, als wäre dies hier ein Viersternehotel, und … und …“ Ich unterbrach sie vorsichtshalber, denn ihr Vortrag hätte sich sonst sicherlich noch längere Zeit hingezogen. Ich konnte ihnen nicht gänzlich widersprechen, denn einen ähnlichen Verdacht hatte ich auch schon gehegt. Er fühlte sich ausgesprochen wohl auf unserer Station, einmal abgesehen von dem gut fortschreitenden Genesungsprozess. Offensichtlich verfügte er auch über das Talent, gewissermaßen auf Vorrat essen zu können, denn der Winter war ja noch lange nicht vorüber. Wahrscheinlich war es ihm schon seit Jahren nicht mehr so gut gegangen. Ich erklärte ihnen aber auch, dass seine Lungenentzündung noch nicht vollständig auskuriert sei und er sicher über Weihnachten im Krankenhaus bleiben müsste. Auf diese meine Botschaft reagierten sie zunächst mit entsetztem Schweigen, gefolgt von einem mehrstimmigen Chor lautstarker, stöhnender Proteste und gekrönt von einem gemeinsamen, ohnmächtigen Augenrollen in Richtung der Zimmerdecke.
Dem Patient erklärte ich allerdings bei der nächsten Gelegenheit, dass seine Rundumversorgung durch die Schwestern ab sofort beendet sei und er tagsüber sein Bett zu verlassen habe. Er zeigte dafür vollstes Verständnis, nickte dazu ganz brav und sagte: „Jawoll, Herr Doktor.“ Wohin ihn meine ärztlich verordnete Selbstständigkeit allerdings führen würde, sollte sich dann sehr bald noch erweisen.
Die Gestaltung des Dienstplans für die Weihnachtstage und den Jahreswechsel gestaltete sich immer etwas schwierig, besonders aber die Besetzung des Nachtdienstes am Heiligen Abend. Es wurde, wenn möglich, Rücksicht genommen auf Kollegen mit Familie oder anderen Verpflichtungen. Wenn niemand bereit war, den Dienst zu übernehmen, wurde eben durch eine Streichholzziehung entschieden: Der Pechvogel, der das Zündhölzchen ohne Schwefelkopf gezogen hatte, hatte den Dienst gewonnen. Da ich noch keine Kinder hatte, meldete ich mich also freiwillig für den Nachtdienst am Heiligen Abend. Irgendwann wäre ich in jedem Fall an der Reihe, wenn nicht in diesem, dann sicherlich im nächsten Jahr.
Es war Heiliger Abend. Den Weihnachtsbaum hatte ich einen Tag zuvor gekauft und bereits geschmückt, die Bescherung würde am ersten Weihnachtsfeiertag stattfinden. Also trat ich meinen Dienst an diesem 24. Dezember an, ein normaler Arbeitstag im Krankenhaus wie jeder andere auch. Zu Weihnachten waren die Stationen immer relativ leer, viele Patienten wünschten die Entlassung, um im Kreis ihrer Familien feiern zu können. Andererseits benötigten wir auch freie Betten, da die Arztpraxen über die Feiertage geschlossen waren und die Patienten ohne Einweisung direkt das Krankenhaus aufsuchten. So war es zu Beginn dieses Dienstes zunächst ziemlich ruhig auf den Stationen. In der Adventszeit waren die Stationen von den Schwestern liebevoll mit Gestecken aus frischen Tannenzweigen und Adventskränzen geschmückt worden, um den Patienten eine Freude zu bereiten. An der Wegkreuzung, dort, wo der Gang aus der Röntgenabteilung auf den sehr langen Quergang zu den beiden großen internistischen Stationen links und rechts mündete, hing ein riesiger Adventskranz mit dicken roten Wachskerzen von der Flurdecke. Hier und da hatte der Duft von Weihnachtsgebäck und frisch geschnittenem Tannengrün die üblichen Krankenhausgerüche verdrängt.
Am Abend wurde ich in die Ambulanz gerufen. Dort erwartete mich eine betagte Patientin mit schwerer Atemnot. Meine Untersuchung mit dem Stethoskop ergab eine akute Herzschwäche mit Wasseransammlung in der Lunge, einem Lungenödem. Sie war von den Ambulanzschwestern bereits mit einer Sauerstoffsonde in der Nase versorgt worden und glücklicherweise noch kreislaufstabil. Ich verabreichte ihr sofort eine Entwässerungsspritze. Die noch bestehende Kreislaufstabilität musste ich ausnutzen, denn würde der Blutdruck infolge der Herzschwäche kritisch absinken, so wären die Nieren nicht mehr ausreichend durchblutet, und das Entwässerungsmittel würde nicht mehr wirken. Dann hätten wir verloren. Dieses Stadium der Herzschwäche war durchaus ein ernster Notfall. Wir fuhren die Patientin rasch in die Röntgenabteilung, das Röntgenbild bestätigte voll und ganz die Diagnose in Form einer „weißen Lunge“ durch die massive Wassereinlagerung. Die Patientin musste sehr schnell auf die Station gebracht und wieder an die Sauerstoffflasche angeschlossen werden, und sie benötigte umgehend die nächste Spritze zur Entwässerung. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, auf welche filmreife Szene ich zusteuern sollte.
Ich schnappte mir also das Bett mit der Patientin und schob es eilig mit wehendem Arztkittel in Richtung der Station. Genau in diesem Augenblick ertönte der wunderschöne Gesang eines großen Frauenchors, der mit klaren, hellen Stimmen das schöne Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ sang. Es war eine große Gruppe unserer indischen Nonnen, gekleidet in ihre langen schwarzen Gewänder und schwarzen Hauben, die seit vielen Jahren als Krankenschwestern an unserer Klinik ihren Dienst verrichteten. Der Gesang hallte ungemein laut an den kahlen Wänden der langen Stationsflure wider, die hohe Tonlage ließ tatsächlich an den Gesang von Engeln denken. Die Schwestern hatten zuvor alle Türen der Patientenzimmer geöffnet, damit die bettlägrigen Patienten an dem schönen Vortrag teilhaben konnten. Langsam kam der Gesang näher. An der Flurgabelung, unter dem großen Adventskranz mit den dicken roten Kerzen, bog der Nonnenchor schließlich um die Ecke.
Von der anderen Station, also aus der Gegenrichtung der Nonnen, stimmte plötzlich eine raue, leicht grölende Männerstimme, zweifelsohne ein guter Tenor, in den Gesang mit ein. Um die Ecke bog etwas torkelnd der sichtlich genesene Stadtstreicher, fröhlich über dem alkoholselig geröteten Kopf langsam im Takt des Liedes eine bereits halb geleerte, große Schnapsflasche schwenkend. Er war unverkennbar in seinem Element. Erstaunlicherweise kannte er sogar den Text dieses schönen Weihnachtsliedes. Die Herkunft der Schnapsflasche konnte ich trotz gründlicher Recherche nie aufklären. In unserer Krankenhauskantine gab es ganz sicher keinen Schnaps. Welch eine schöne Bescherung! Na warte, mein Freund, dachte ich relativ humorlos. Ich raste mit meiner Patientin im Bett mitten durch den Nonnenchor hindurch, der dadurch zwar in zwei Gruppen zerteilt wurde, seinen Vortrag aber keineswegs unterbrach, ebenso wenig wie natürlich der Stadtstreicher. Einen Heiligen Abend wie diesen hatte ich noch nie erlebt.
Die Patientin überlebte ihre akute Herzschwäche, und den König der Landstraße konnte ich noch vor Neujahr vollkommen geheilt entlassen. Damit kehrte unter den Schwestern auf meiner Station endlich wieder Ruhe ein, und der Groll der Oberschwester gegen mich verrauchte mit der Zeit.
Der Winter war noch lange nicht vorüber. Anfang Februar war es bitter kalt geworden, und die Stadt war inzwischen von einer dicken, gefrorenen Schneedecke überzogen. Ich hatte einmal wieder Nachtdienst. Immer wenn ein Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht vor der Klinik hielt, verhieß das in der Regel nichts Gutes. Eskortiert und gestützt von zwei Wachtmeistern erschien wenige Minuten später eine kümmerliche Gestalt auf dem Stationsflur, eine deftige Alkoholfahne eilte ihr wie immer weit voraus. Es war der mir inzwischen bestens bekannte Stadtstreicher. „Den haben wir hilflos auf einer Parkbank gefunden“, erklärten sie. Dieser Ruheplatz war bei dem Dauerfrost und in alkoholisiertem Zustand gar keine gute Idee von ihm, so dachte ich sofort. Alkohol erweitert die Blutgefäße und führt daher noch schneller zu einer Erfrierung. Ich schaute sie dennoch weiter fragend an. „Wir bringen ihn zum Ausnüchtern!“ – „Ich habe hier aber keine Ausnüchterungszelle“, erwiderte ich auf der Stelle. Sie ließen allerdings nicht locker: „Wir auch nicht, unsere ist schon besetzt.“
„Na schön“, stöhnte ich einwilligend. Ich nahm ihn in Empfang, hakte ihn bei mir unter und begleitete ihn auf die Station. Mit Ausnahme des erhöhten Alkoholspiegels war er diesmal kerngesund, abgesehen von einer nur leichten Unterkühlung. Er war wohl noch rechtzeitig von Passanten gefunden worden. Und er war keineswegs so volltrunken, dass er vollständig desorientiert gewesen wäre. Ich lenkte meine Schritte an der Gangkreuzung auf dem Flur nach rechts in Richtung unseres großen Badezimmers mit der freistehenden Badewanne, die er bereits kennengelernt hatte, er hingegen tendierte deutlich nach links in Richtung des ihm wohlbekannten Viersterne-Rundumversorgungszimmers. Er kannte sich inzwischen bestens aus. Wir drifteten ein wenig auseinander. Ein kurzes, aber hartnäckiges Tauziehen konnte ich zu meinen Gunsten entscheiden. „Nichts da, hier geht’s lang!“, sagte ich sehr bestimmt, worauf er mich sichtlich enttäuscht anblickte. Wir betraten also das gut beheizte Badezimmer. Dort musste ich ihm noch einige Regeln erklären: „Also hören Sie zu. Wir haben hier für solche Fälle ein Feldbett, das werden wir von dem Tragegestell auf den Boden setzen, dann können sie nicht mehr tiefer fallen. Die Schwestern bringen Ihnen warme Decken, und eine Kanne warmer Tee und einige Scheiben Brot werden sich auch noch finden lassen. Niemand darf wissen, dass sie hier übernachten. Ich habe einen sehr strengen Chefarzt, der kommt schon morgens um 7:00 Uhr ins Haus. Wenn der etwas bemerken sollte, bekomme ich großen Ärger!“ Er nickte ganz verständnisvoll, er hatte begriffen: „Is ja juut, Herr Dokter, isch tu allet, watse saajen“, lallte er in einem Gemisch aus rheinischem und berlinerischem Dialekt.
Der Chefarzt betrat natürlich nicht um 7:00 Uhr frühmorgens das Krankenhaus, aber ich nach wenigen Stunden Schlaf in dem Dienstzimmer, das sich in dem Gebäude gegenüber der Klinik befand. Ich lenkte meine Schritte sofort auf die Station und öffnete die Badezimmertüre. Mein nächtlicher Gast war verschwunden und hatte den Raum sogar relativ ordentlich hinterlassen. Die leere Teekanne, ein Becher und ein Teller, den er bis auf den letzten Brotkrümel geleert hatte, standen einsam neben der Liege auf dem Fußboden. „Na also, hat doch prima geklappt“, sagt ich zu mir selbst. Dann öffnete ich weit die beiden großen Flügelfenster, und die Alkoholschwaden in dem Raum entfleuchten in die kalte, klare Winterluft.
Ich konnte nicht behaupten, dass dieser Vagabund die Situation ausnutzte und aus unserem Krankenhaus seinen zweiten Wohnsitz machte. In den folgenden Jahren kam er vielleicht zwei- bis dreimal im Jahr für eine Nacht, vorzugsweise in den kalten Wintermonaten und auffallenderweise immer dann, wenn ich Nachtdienst hatte. Inzwischen verhielt es sich schon so, dass sich die Nachtschwestern und ich uns in einer eisigen Winternacht fragten, wann uns unser Freund wieder besuchen würde, es wäre doch eigentlich genau sein Wetter. Kurze Zeit später suchte er dann tatsächlich eine wärmende Bleibe für eine Nacht. Vielleicht verhielt es sich aber auch so, dass meine Kollegen in ihren Nachtdiensten nicht die Geduld mit ihm aufbrachten und ihn, betrunken wie er war, direkt wieder auf die Straße setzten. Ich hegte auch den Verdacht, dass er diverse andere Möglichkeiten der Unterbringung kannte, zum Beispiel das nicht sehr weit entfernte Obdachlosenasyl. Unser gastliches Krankenhaus schien er immer nur dann aufzusuchen, wenn er sich woanders gerade einmal wieder sämtliche Sympathien verscherzt hatte. Auf seine Weise war er ein kleiner Überlebenskünstler am Rande der Gesellschaft, ohne festen Wohnsitz, der sich aber dennoch nicht aufgegeben hatte.
Zu unserem Krankenhaus führte ein schmaler Zugangsweg durch ein kleines Waldstück mit dicht stehenden hohen Kiefern der angrenzenden Heidelandschaft, die Durchfahrt war jedoch nur für Rettungsfahrzeuge gestattet. Dennoch nutzte ich, wie übrigens viele andere Mitarbeiter auch, diese Zufahrt auf dem Weg zur Arbeit regelmäßig, bedeutete sie doch eine wesentliche Abkürzung, so dass ich morgens zehn Minuten länger zu Hause schlafen konnte. Eines Morgens erschienen auf dem Zugangsweg hinter einem mächtigen Kiefernstamm in dem Waldstück zunächst die rote Kelle, dann der uniformierte Arm und schließlich der dazugehörige Polizist, nebst einem Kollegen. Ich war in einen gemeinen Hinterhalt geraten und ertappt worden. „Führerschein und Zulassung bitte“, sagten sie streng. Es folgte ein ausführlicher Vortrag über die begangene Verkehrswidrigkeit, die mich trotz intensiver Beteuerungen meiner Unabkömmlichkeit im Krankenhaus zehn Deutsche Mark kostete. Es war auch nur ein schwacher Trost, dass an diesem Morgen noch zahlreiche andere Mitarbeiter der Klinik mein Schicksal teilen mussten. Ärgerlich war nur die Tatsache, dass diese beiden Ordnungshüter in einer Rekordzeit so viele Mitarbeiter zur Kasse gebeten hatten. Während des Mittagessens in der Kantine an diesem Tag gab es nur ein Thema: Wir Ärzte fragten uns natürlich fachübergreifend, wer die gewinnbringende Anregung zu dieser modernen Form einer Wegelagerei gegeben hatte. Chirurgen, Neurologen und Internisten waren sich in ungewohnter Eintracht sehr schnell einig, dass diese Idee nur von „ganz oben“ gekommen sein konnte.
Viele Monate nach meiner grob fahrlässigen Verkehrswidrigkeit hatte ich wieder einmal Nachtdienst, und in dieser Nacht gab es nun wirklich überhaupt nichts zu tun. Ich saß gemütlich mit den beiden Nachtschwestern bei einer Tasse Kaffee zusammen. Diese friedliche und harmonische Runde wurde spät abends abrupt unterbrochen durch drei nebeneinandergehende Personen, die langsamen Schrittes über den langen Stationsflur auf uns zukamen. Die mittlere Person zeigte ein auffallend unsicheres Gangbild, ähnlich einem schwankenden Schiff auf stürmischer See, sodass sie von den Begleitern kräftig gestützt werden musste. Schon von Weitem erkannte ich sie alle drei, Gesichter konnte ich mir schon immer gut einprägen: Es handelte sich um den König der Landstraße mit langem Rauschebart und der üblichen kräftigen Alkoholfahne und um die beiden Polizisten mit der roten Kelle, die mich um die horrende Summe von zehn Deutschen Mark erleichtert hatten.
Sie konnten sich wohl nicht mehr an mich erinnern, denn an jenem Morgen hatten sie einfach zu viele Verkehrssünder zur Kasse bitten müssen. Sie fragten: „Guten Abend, könnten Sie bitte bei diesem Mann eine Blutprobe abnehmen?“ Darauf wollte ich erst einmal wissen, was er denn überhaupt ausgefressen hätte. „Der hat mal wieder randaliert“, erklärten sie. Ich flunkerte ein wenig und teilte ihnen voller Bedauern mit, dass ich momentan furchtbar überlastet wäre, dass gleich mehrere dringende Aufgaben auf mich warten würden und ich die Blutprobe daher leider nicht entnehmen könnte. Bei diesen meinen Worten schien es mir fast so, als hätte ich bei einem kurzen Seitenblick ein fröhlich-triumphierendes, wenn nicht sogar ein dankbares Aufblitzen in den Augen meines Lebenskünstlers wahrgenommen, mit dem sich seine Gesichtszüge sichtbar entspannten. Jedenfalls blieb den beiden Polizisten nichts anderes übrig, als darauf achselzuckend mit dem Randalierer in ihrer Mitte und unverrichteter Dinge die Klinik wieder zu verlassen. Und ich erinnerte mich an meine dringende Aufgabe und kehrte zufrieden zu meiner Tasse Kaffee zurück, die ich nicht kalt werden lassen wollte. Wohlgelaunt dachte ich an ein geläufiges Sprichwort: „Man sieht sich doch immer zweimal im Leben“.
Bevor ich gemäß der Ausbildungsordnung zum Internisten die Klinik wechseln musste, begegneten wir uns noch ein letztes Mal, und diesmal nicht in einem kalten Winter, sondern im Hochsommer. Es gab in unserem Stadtteil eine kleine Fußgängerzone mit einigen Geschäften wie Bäckereien, Weinhandel, Blumenladen, Discounter und anderen mehr. An dem schönen Sommertag war die Fußgängerzone gut besucht, einige Passanten saßen unter den großen, rot-weiß gemusterten Sonnenschirmen vor den Bäckereien und nahmen einen kleinen Imbiss oder eine Tasse Kaffee zu sich. An meinem freien Nachmittag schlenderte ich gemächlich an den Geschäften entlang, um einige Besorgungen zu machen.
Schon von Weitem sah ich ihn an einer Straßenecke auf einem niedrigen Höckerchen sitzen, seine Füße hatte er auf einen kleinen Schemel gestützt, seine Hemdsärmel waren in der warmen Nachmittagssonne hochgekrempelt. Auf seinen angezogenen Knien ruhte ein großer Zeichenblock, auf dem er eine vor ihm stehende Frau offenbar mit Bleistift und Kennermiene porträtierte. Sein Blick richtete sich immer wieder auf ihr Gesicht und den Zeichenblock, einige Striche skizzierte er sogar, ohne die Augen von ihrem Gesicht abzuwenden. Mehrere Passanten standen um ihn herum und bewunderten sein Werk. Ich musste zweimal hinschauen, denn ich hätte ihn fast nicht wiedererkannt, unser letztes Zusammentreffen lag schon viele Monate zurück: Von seinem Rauschebart hatte er sich getrennt, seine Haare waren mehr als ordentlich frisiert, er war für seine Verhältnisse relativ ordentlich gekleidet, und seine mir nur allzu gut bekannte Alkoholfahne fehlte ebenfalls. Als ich langsam zu der Gruppe der Schaulustigen trat, blickte er nur kurz zu mir auf. In seinem Blick lag Erkennen, er verzog jedoch keine Miene, offenbar war ihm unser Wiedersehen an diesem Ort und in dieser Situation nicht angenehm. Ich blickte ihm von hinten über die Schulter auf seine Zeichnung und konnte es kaum glauben: Mit scharfer Beobachtungsgabe und erheblichem künstlerischem Talent hatte er die Gesichtszüge dieser Passantin mit wenigen Bleistiftstrichen und einigen Schraffierungen so gekonnt zu Papier gebracht, als würde sie nicht vor uns stehen, sondern aus dem Zeichenblock herauswachsen. Besser hätte man dieses Porträt nicht gestalten können. Die Art und Weise, wie er die Zeichnung angefertigt hatte, sagte sehr viel über ihn aus.
Ich hatte schon immer geahnt, dass in diesem rätselhaften Menschen viel mehr steckte, als nur ein hoffnungsloser Alkoholiker. Seine Augen, sein Blick und seine Gestik bei unserer ersten Begegnung, damals kurz vor Weihnachten, hatten es mir verraten. Als die Passantin ihr Porträt zufrieden zusammenrollte, unter den Arm klemmte und ihren Weg fortsetzte, fragte ich ihn, wie viel er denn für seine Kunstwerke nehmen würde: „Och, was die Leute so geben, Herr Doktor, meistens zehn Mark.“ „Und dann?“ Er sagte nichts, blickte mich nur an und wies mit einer Kopfdrehung und einer kurzen Anhebung des Kinns in die Richtung des nahegelegenen Kiosks, der dort am Marktplatz stand. Dort gab es neben Zeitungen und Tabakwaren sicherlich auch Schnaps, und er würde das Entgelt für sein Kunstwerk gewiss nicht in eine Zeitung investieren. Er war ehrlich, ich hatte seine Geste wohl verstanden.
Ich hatte mir über die Jahre, die ich ihn kannte, nie eingebildet, ihn von seiner Alkoholabhängigkeit befreien zu können. Dazu wäre sicherlich eine sechsmonatige Entziehungskur erforderlich gewesen, mit allerdings nur fraglichem Erfolg. Stattdessen habe ich ihn aber ein wenig bedauert, weil er mit seinem Humor, seiner Schlitzohrigkeit und seinem zweifelsohne vorhandenen künstlerischen Talent sehr viel mehr aus seinem Leben hätte machen können.
Dennoch hatte ich nie den Eindruck gehabt, dass er mit seinem Lebensstil unglücklich war, vielleicht aber doch mit einer einzigen Ausnahme: einer frostigen, bitterkalten Winternacht ohne ein wärmendes Dach über dem Kopf.
7 Das Schulzeugnis
Die Arbeit der letzten Tage war anstrengend genug, und die Innere Abteilung war mit Patienten nahezu voll belegt. Mein letzter Nachtdienst lag noch nicht lange zurück, und nun trat ich bereits den nächsten Nachtdienst an. Warum mussten eigentlich die meisten ernsten Notfälle nachts in die Klinik kommen und warum auch noch ausgerechnet in meinen Diensten? Ich haderte mit meinem Schicksal und ertappte mich bei finsteren Verschwörungstheorien, so als hätten es alle erdenklichen lebensbedrohlichen Notfälle nur auf meine Dienste abgesehen. Dies war natürlich nicht der Fall, denn schließlich waren auch meine Arztkollegen in ihren Diensten gut beschäftigt, aber so war an diesem Abend eben die Stimmungslage.
Ich erhielt einen Anruf von unserem Pförtner, der mir mitteilte, dass sich der Notarzt „mit einer Tablettenvergiftung“ angekündigt hatte. Nun war es seinerzeit nicht so, dass der Notarzt jeden Patiententransport in die Klinik telefonisch ankündigte. Dies geschah in der Regel nur bei besonders dringenden Notfällen. Daher begab ich mich sofort in die große Halle neben der Notfallambulanz, in die der Notarztwagen einfahren würde, und wartete dort zusammen mit den Ambulanzschwestern.
Die Bezeichnung „Tablettenvergiftung“ konnte nun allerhand bedeuten. Abhängig von dem eingenommenen Medikament und der Dosierung konnte es sich um eine relativ harmlose oder aber auch um eine lebensgefährliche Vergiftung handeln. Über die Gründe der Vergiftung, die von einer versehentlichen Überdosierung über einen dummen Streich bis zu einem ernst gemeinten Selbstmordversuch reichten, fehlten uns ebenfalls jegliche Informationen. In dieser Ungewissheit warteten wir also auf den Notarztwagen.
Nach wenigen Minuten hörten wir in der Ferne schon das Martinshorn, das langsam näher kam und immer lauter wurde. Die Krankenwagenfahrer ließen das Martinshorn bis unmittelbar vor dem Krankenhaus eingeschaltet, obwohl auf der Zufahrtsstraße zu dieser Nachtstunde so gut wie kein Verkehr herrschte. Auch dieser Umstand deutete eher auf einen sehr dringenden Notfall hin. Kurz darauf fuhr der Notarztwagen schon in die Halle hinein. Als die Rettungssanitäter aus dem Wagen sprangen und die Wagentüren öffneten, sah ich zwei 14-jährige Mädchen mit sehr blasser Hautfarbe und somit in schlechtem Zustand. Ich reagierte mehr als erstaunt, denn auf gleich zwei Patientinnen war ich nicht vorbereitet worden. Entweder der Notarzt oder der Pförtner hatte bei seinem Anruf die zweite Patientin unterschlagen. Dem Notarzt war es bei beiden nicht gelungen, eine Infusionskanüle in die Vene zu legen. Den Grund hierfür sah ich gleich: Obwohl beide Mädchen gertenschlank waren und die Venen daher eigentlich gut sichtbar sein mussten, war dies eben nicht der Fall, denn sie waren kaum mit Blut gefüllt. Bei beiden Patientinnen war der Puls am Handgelenk nur sehr flach tastbar, und dazu vollkommen unregelmäßig und viel zu langsam. Auch die Blutdruckwerte waren erheblich erniedrigt. Das schaffte ich unmöglich alleine, denn ich konnte unmöglich beide gleichzeitig versorgen. Ich bat den diensthabenden Anästhesisten (Narkosearzt) um Unterstützung.
Laut dem Bericht des Notarztes hatte die erste junge Patientin die Versetzung zum Ende des Schuljahres nicht geschafft, sie war also sitzen geblieben. Die zweite Patientin hatte zwar die Versetzung geschafft, war aber als beste Freundin der Handlungsweise der Sitzenbleiberin gefolgt. Letztere hatte bei ihrer Großmutter auf der Ablage des Badezimmerspiegels über dem Waschbecken ein fast volles Röhrchen mit Herztabletten gefunden. Den Inhalt hätten sie sich geteilt und vor mehreren Stunden mit einem Schluck Bier eingenommen. Sie waren aber keinesfalls alkoholisiert, denn ich konnte keine Alkoholfahne riechen. Das leere Tablettenröhrchen hatte der Notarzt mitgebracht.
Damals wurde dieses Medikament, in der Regel eine Tablette täglich, zur Stärkung des Herzmuskels bei Patienten mit einer Herzmuskelschwäche verordnet. In massiver Überdosierung eingenommen, wie in dem vorliegenden Fall mit mindestens zehn Tabletten bei jeder Patientin, kann es jedoch zu lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen mit Todesfolge führen. Wenn das Medikament einmal ins Blut gelangt ist, wird es leider nur sehr langsam über zehn Tage abgebaut. Die Tabletteneinnahme lag bereits so viele Stunden zurück, dass die Tabletten bereits aus dem Darm resorbiert worden waren und ihre gefährliche Wirkung am Herz entfaltet hatten, wie am Puls der Mädchen unschwer zu erkennen war. Ein Gegenmittel gab es nicht, was bedeutete, dass mir nur die Behandlung der äußerst ernst zu nehmenden Folgeerscheinungen der Vergiftung blieb. Nun klagten die beiden über Schwindel, Benommenheit und Farbensehen, also die bekannten Nebenwirkungen bei einer Überdosierung. Glücklicherweise gehören hierzu auch Übelkeit und Erbrechen, und sie hatten sich zu Hause bereits mehrfach übergeben, wie sie sagten. Immerhin war es ihnen so schlecht gegangen, dass sie noch soeben den Notarzt rufen konnten.
Die aktuelle Situation war nicht dazu geeignet, um sich tiefgreifende Gedanken über die näheren Umstände der unüberlegten Handlungsweise der beiden Schülerinnen zu machen. Das jugendliche Alter der beiden, die grundlose Mittäterschaft der versetzten Schülerin und der Aufenthaltsort in Großmutters Wohnung sprachen für sich. Durch ihre Dummheit hatten sie mich in ernsthafte Bedrängnis gebracht. Wäre die aktuelle Lage nicht so ernst gewesen, dann hätte ich ihnen gerne eine ausführliche Standpauke gehalten. Was blieb also zu tun?
Ich dachte zunächst an eine Magenspülung, ließ den Gedanken aber wieder rasch fallen, denn der Zeitpunkt der Tabletteneinnahme lag viel zu lange zurück, und außerdem hatten sie erbrochen und damit den Magen entleert. Sie erhielten allerdings in Wasser aufgelöste Kohletabletten mit dem Ziel, die Resorption noch im Darm befindlicher Tablettenreste zu verhindern. Als sie die Gläser mit der pechschwarzen Kohleflüssigkeit sahen, verzogen sie simultan das Gesicht. „Runter damit, sonst werdet ihr sterben!“, sagte ich bewusst streng. Damit wussten sie nun endgültig, worum es ging, es ging um ihr Überleben! Wir befanden uns keineswegs in einer Situation, die langwierige Diskussionen und Erklärungen erlaubte, sondern rasches Handeln erforderte. Meine Worte verfehlten jedenfalls nicht ihre Wirkung, und sterben wollten sie offenbar doch nicht. Und wir hatten reichlich Kohletabletten aufgelöst, die kann man nicht überdosieren. Sie hoben die Gläser, hielten sich demonstrativ mit zwei Fingern die Nase zu, schauten sich gegenseitig an und leerten sie gemeinsam mit widerwilliger Miene bis zum letzten Tropfen.
Auf dem Handrücken, am Unterarm und in der Ellenbeuge meiner Patientin war zunächst keine Vene sichtbar, trotz eingehender Stauung mit dem Stauschlauch am Oberarm. Also musste ich die Venen tasten. Am Unterarm fand ich nach längerer Suche endlich eine Vene an typischer Stelle und führte vorsichtig die Infusionskanüle in die Vene. Die Kanüle lag richtig, denn es kam nach Entfernung der Metallkanüle Blut zurück. Auch meinem Kollegen war die Venenpunktion bei dem anderen Mädchen gelungen, und die ersten Infusionen begannen zu tropfen. Über diese Kanülen konnten wir wichtige Medikamente direkt in die Vene verabreichen. Das EKG zeigte bei beiden Patientinnen den identischen Befund, nämlich den für diese Vergiftung typischen abweichenden Verlauf der EKG-Kurve. Der Herzschlag war viel zu langsam, etwa 35 Schläge pro Minute (normale Herzfrequenz 70 bis 80 Schläge pro Minute!), weil die Überleitung der Herzerregung vom linken Herzvorhof in die linke Herzkammer teilweise blockiert war. Bei der höchstgradigen Blockierung hätten sie sofort einen vorübergehenden Herzschrittmacher benötigt, und dies im zarten Alter von 14 Jahren!
Selbstverständlich dachte ich schon wegen der sehr niedrigen Herzschlagfolge über den Herzschrittmacher nach. Dagegen sprachen aber gleich mehrere Gründe: Ich konnte nicht beide Schrittmacher gleichzeitig legen, auch war keine der jungen Patientinnen im gegenwärtigen Zustand transportfähig in eine andere Klinik, die Anlage eines Schrittmachers ist nicht frei von Komplikationen, und eine Verschlimmerung der aktuellen Situation durfte ich mir keinesfalls erlauben. Natürlich stimmte ich mein Vorgehen in jener Nacht mehrfach telefonisch mit dem Chefarzt, der Rufbereitschaftsdienst hatte, ab, und er gab mir volle Rückendeckung für meine Entscheidung gegen die Herzschrittmacher. Für diese Handlungsweise mussten wir uns später zwar einige kritische Worte von Kollegen anderer Abteilungen anhören, unser Vorgehen habe ich aber nie bereut. Natürlich hatten diese Kollegen im Nachhinein gut reden, denn sie waren in der besagten Nacht schließlich nicht anwesend, und sie hatten auch keine sofortige Entscheidung über die Behandlung der lebensgefährlichen Vergiftungen treffen müssen. Dieser sehr schwierige Fall sollte sich später noch sehr schnell in unserer Klinik herumsprechen und einige hohe Wellen schlagen.
Die beiden Patientinnen wurden auf die Station verlegt und an Monitore angeschlossen, die die Herztätigkeit aufzeichneten. Es wurden Alarmgrenzen eingestellt, sodass die Monitore bei Unter- oder Überschreitung der Alarmgrenzen Alarm gaben, zum Beispiel bei einem weiteren Abfallen der Herzfrequenz. Sicherheitshalber hatte ich den Notfallkoffer, der alle Utensilien für eine Wiederbelebung enthielt, in das Zimmer der beiden jungen Patientinnen bringen lassen. Die Zimmertüre wurde offen gelassen, und die Nachtschwestern hatten genau gegenüber ihr Dienstzimmer und damit von dort aus durch die großen Glasscheiben die beiden Patientinnen im Blick. Ich verbrachte eine schlaflose Nacht und hielt praktisch neben ihren Betten eine Sitzwache ab, um auf jede neue Rhythmusstörung sofort reagieren zu können. Der Ernst der Lage war mir durchaus bewusst. In dieser Nacht gab es zum Glück keine anderweitigen Notfälle in der Klinik, so dass ich mich ganz auf die beiden Patientinnen konzentrieren konnte.
Es wurde wirklich ein schwieriges Unterfangen. Da die Herzfrequenz sehr niedrig blieb, versuchte ich mit einem Medikament gegenzusteuern, das in stündlichen Abständen injiziert werden musste. Bei meinen häufigen Kontrollgängen in das Zimmer der beiden Schülerinnen bemerkte ich im weiteren Verlauf eine zunehmende Anzahl von Extraschlägen aus der linken Herzkammer, die vermutlich ebenfalls auf die Tablettenvergiftung zurückzuführen waren. Würden solche Extraschläge in schnellerer Folge oder in ganzen Salven auftreten, so würden sie in einem Kammerflimmern enden. Bei Kammerflimmern mit seinen rasend schnellen, wirkungslosen Zuckungen verliert der Herzmuskel seine Pumpfunktion und fördert kein Blut mehr, und der Patient verliert das Bewußtsein. Dies hätte zu einer sofortigen Elektroschocktherapie mit dem Defibrillator geführt, der in ihrem Zimmer bereitstand. Die Behandlung mit Elektroschocks bei den beiden jungen Schülerinnen galt es auf jeden Fall zu vermeiden, denn ob diese allerletzte Maßnahme erfolgreich enden würde, stand auch noch in den Sternen. Auch gegen diese Extraschläge begann ich also eine medikamentöse Therapie, worauf sich die Anzahl der Extraschläge langsam verringerte.
Im Laufe der nächsten Tage stellte sich bei beiden Schülerinnen eine langsame Stabilisierung der Herztätigkeit ein. Mit jedem neuen Tag konnten wir auch einen weiteren Anstieg der Herzfrequenz beobachten, und die Rhythmusstörungen in Form der Extraschläge waren damit ebenfalls rückläufig. Die Auswirkungen der Tablettenvergiftung ließen endlich nach, es hatte auch lange genug gedauert. Bald konnten wir dann die Überwachung an den Herzmonitoren beenden. In täglichen EKG-Kontrollen normalisierte sich die Kurve der einzelnen Herzschläge wieder. Und je mehr sich die beiden Schülerinnen übrigens von der Tablettenvergiftung erholten, desto leiser wurden auch die kritischen Stimmen einiger Kollegen wegen der nicht erfolgten Schrittmacher-Therapie, bis sie schließlich ganz verstummten.
Natürlich haben wir die beiden Schülerinnen abschließend einer Psychiaterin vorgestellt, die keinerlei Selbstmordgefährdung feststellen konnte. Von einer suizidalen Absicht war ich von Anbeginn auch nicht ausgegangen, wir wollten uns lediglich absichern. Die Einnahme von Großmutters Herztabletten war nur ein sehr unüberlegter, ausgesprochen dummer Streich zweier junger unreifer Mädchen. Vielleicht hatte die Sitzenbleiberin ihre schlechten schulischen Leistungen bis zur Zeugnisausgabe vor ihren Eltern verheimlichen können und Angst gehabt, das Zeugnis den Eltern vorzulegen. Oder sie hatte die Tabletten aus Angst vor einer strengen Bestrafung aus dem Badezimmer der Großmutter genommen.
An die Eltern der beiden Schülerinnen kann ich mich in keiner Weise entsinnen. Ganz sicher waren sie aber in jener Nacht, als ich um das Leben der beiden Schülerinnen kämpfte, nicht anwesend, ebenso wenig wie andere Angehörige. Selbst an den folgenden Tagen der Behandlung ist mir eine Begegnung mit Angehörigen nicht erinnerlich. Vielleicht kam der Besuch erst außerhalb meiner Dienstzeiten, oder es gab doch auch schwierige familiäre Verhältnisse.
In jener Nacht war ich ausschließlich auf die notwendigen therapeutischen Maßnahmen konzentriert, heute aber frage ich mich, wie ich mich wohl gefühlt hätte, wenn die Behandlung kein gutes Ende gefunden hätte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Schülerinnen ausreichend verständlich machen konnte, wie sehr sie ihr junges Leben durch die Tabletteneinnahme aufs Spiel gesetzt hatten. Ich kann nur hoffen, dass die insgesamt zweiwöchige Klinikbehandlung ein einschneidendes Erlebnis für sie war, das sie für den Rest ihres Lebens nicht mehr vergessen haben. Ich habe es auch nicht vergessen.
Ob sie wohl heute noch beste Freundinnen sind?
8 Ungeklärte Fieberschübe
Nun war ich bereits einige Jahre an diesem Krankenhaus tätig. Ich hatte viel erlebt, gründliches Arbeiten gelernt, die täglichen Herausforderungen wurden langsam zur Routine. Bisweilen konnte es dennoch geschehen, dass man bei einer vermeintlichen Routinearbeit auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeholt wurde.
Meine neue Patientin war erst wenige Tage zuvor aus dem Krankenhaus eines Nachbarortes entlassen worden, wo sie zehn Tage lang wegen einer Lungenentzündung behandelt worden war. Kaum zu Hause angekommen, hatte sie nach wenigen Tagen erneut Fieber entwickelt. Der Hausarzt hatte sie darauf in unsere Klinik eingewiesen. Auf das vorherige Krankenhaus war sie aus verständlichen Gründen nicht so gut zu sprechen.
Sie sollte eine sehr geduldige Patientin werden. Sie war vielleicht 55 Jahre alt, groß gewachsen, von schlanker Statur, und dichte, pechschwarze, relativ kurz geschnittene Haare umrahmten ihr blasses Gesicht. Sie war eine höfliche Person, bescheiden, auffallend still, sehr ernst, das Lachen war ihr offenbar vergangen. Sie war bisher immer gesund gewesen, die Mandeln waren vor langer Zeit operiert worden, in relativ jungen Jahren hatte sie einen Herzschrittmacher bekommen, darüber hinaus bot ihre Vorgeschichte keine Auffälligkeiten.
Nun hatte sie also wieder hohes Fieber, nur wenig Husten ohne Auswurf, und in der Blutuntersuchung fanden sich hohe Entzündungswerte und eine leichte Blutarmut, die ihre Gesichtsblässe erklärte. Eine solche Blutarmut ist bei chronischen Infekten nicht ungewöhnlich. Die Röntgenaufnahme zeigte eine etwas ungewöhnliche Lungenentzündung mit einer eher keilförmigen Verschattung. Die übrigen Untersuchungen, auch das EKG, waren in Ordnung, ganz überwiegend handelte es sich um Impulse des Herzschrittmachers, dessen Unterstützung sie wohl dringend benötigte. Die wenigen körpereigenen Herzaktionen im EKG zeigten keine Auffälligkeiten.
Da sie bereits in dem auswärtigen Krankenhaus Antibiotika bekommen hatte, entnahm ich zunächst Blutkulturen. Dabei wird eine Blutprobe in ein Blutkulturfläschchen gegeben, das eine Nährlösung enthält, auf der die Bakterien wachsen können, wenn welche vorhanden sind. Die Blutkulturflaschen wurden im Brutschrank warm gehalten und mit dem nächsten Transport in ein Speziallabor gesandt. Sollten Bakterien enthalten sein, so könnte man feststellen, um welche Bakterien es sich handelt, und das wirksame Antibiotikum austesten. Die Blutkulturen waren jedoch negativ, so erfuhren wir einige Tage später. Negativ im medizinischen Sprachgebrauch bedeutet, dass keine Bakterien gefunden worden waren.
Wir waren also gezwungen, ohne einen Erregernachweis eine Antibiotikatherapie zu beginnen. Das Fieber fiel zwar ein wenig, das Röntgenbild mit seiner keilförmigen Verschattung blieb jedoch völlig unverändert. Diese Keilform störte uns ungemein, denn eine Lungenentzündung hätte eine eher wolkige, flächenhafte Verschattung im Röntgenbild hervorgerufen. Wir ließen daher eine spezielle Lungenuntersuchung, ein Szintigramm, anfertigen: Dieses zeigte einen Lungeninfarkt, also das Resultat einer Lungenembolie. Bei der Lungenembolie wird eine Lungenarterie durch ein Blutgerinnsel verschlossen, sodass dieser Bereich der Lunge nicht mehr durchblutet wird und dadurch ein idealer Nährboden für die Ansiedlung von Bakterien entsteht. Allerdings lag eine Beinvenenthrombose als Ausgangspunkt des Blutgerinnsels nicht vor. Wir ergänzten die Therapie durch ein zweites Antibiotikum und begannen eine blutverdünnende Therapie, um die Durchblutung in der verstopften Arterie zu verbessern und um weitere Embolien zu verhindern.
Diese Erweiterung der Therapie zeigte nun endlich Wirkung. Die Patientin entfieberte vollständig, die Röntgenkontrolle war in Ordnung. Die Patientin fühlte sich deutlich besser, und das Lächeln in ihren Augen kehrte zurück. Allerdings störte mich, dass die Entzündungswerte im Blut keinerlei Besserungstendenz zeigten.
Der Frieden währte leider nicht sehr lange. Nur eine Woche später kam der Rückschlag: erneuter steiler Fieberanstieg, Schüttelfrost, diesmal Husten mit eitrigem Auswurf. Nun zeigte das Röntgenbild eine typische Lungenentzündung, allerdings in der anderen Lungenseite! Neben der körperlichen Schwäche durch den neuerlichen hochfieberhaften Infekt war die Patientin niedergeschlagen, ihre aufkeimende Hoffnung auf eine dauerhafte Genesung war verflogen, sie war enttäuscht, fast deprimiert. Sie wurde von Tag zu Tag stiller und besorgter, sie hatte berechtigte Angst um ihren Gesundheitszustand.
Nichts kann aus Sicht von Patienten so quälend und lähmend sein wie Ungewissheit, aus Sicht eines Arztes in gewisser Weise auch, wobei die „Lähmung“ des Arztes eher einem Ansporn weicht, die korrekte Diagnose zu finden. Ungewissheit beherrscht die Gedanken, setzt sich im Kopf fest und raubt den Schlaf. In dem Maß, in dem die Ungewissheit wächst, sinkt der Glaube an eigene Stärke. Diese Ungewissheit kann sicherlich zermürbender sein als selbst die Kenntnis einer sehr ungünstigen Diagnose. Es schien so, als ob die Patientin an genau diesem Punkt angelangt war. Wir führten ausführliche Gespräche, ich versuchte, sie in jede unserer Überlegungen und Entscheidungen mit einzubeziehen. So entwickelte sich eine sehr offene, ehrliche Beziehung zwischen Arzt und Patientin. Sie blieb geduldig, sie vertraute uns. Und mir ließ sie keine Ruhe. Patienten mit einem solch ungeklärten Krankheitsverlauf verfolgten mich gedanklich nicht selten bis in meine eigenen vier Wände.
Also setzte ich mich zu Hause spät abends vor dem Schlafengehen noch vor meinen großen, alten Bücherschrank und durchstöberte mehrere dicke internistische Fachbücher nach Erkrankungen mit wiederkehrenden Fieberschüben, zum Beispiel verschiedene rheumatische Erkrankungen, wie auch viele andere Krankheiten. Draußen war es bereits Nacht geworden, durch die geöffnete Balkontüre wehte ein Hauch frischer Nachtluft in den Raum. Die zugezogenen Vorhänge wiegten sich leise im Wind. Hin und wieder bellte draußen ein Hund auf der Straße, ein später Heimkehrer fuhr mit dem Auto vorbei. Ein aufgeschreckter Vogel flog laut rufend durch den Garten. Im Haus war es ganz still, meine Familie schlief schon lange. Für den kommenden Tag machte ich mir einige Notizen für ergänzende Blutuntersuchungen, bevor ich mein nächtliches Studium beendete.
Ich war zu dem Ergebnis gekommen, dass der Schüttelfrost, der die Fieberschübe meiner Patientin begleitete, wie auch die Höhe des Fiebers eindeutig für eine bakterielle Infektion sprachen, obwohl wir diese Bakterien bislang noch nicht hatten nachweisen können. So macht man sich als Arzt auch in seiner Freizeit weit mehr Gedanken, als mancher Patient glauben mag. Besonders die ungeduldigen Patienten, oder eben auch Patienten mit einem langwierigen Krankheitsverlauf, ließ ich bisweilen einmal wissen, dass sie mich bis in solche späten Nachtstunden beschäftigten. Hierdurch wich häufig ihre Ungeduld einem besseren Verständnis für die besonderen Herausforderungen der Diagnosestellung und Behandlung.
Selbst der alte, erfahrene Chefarzt war mittlerweile ziemlich ratlos. Bei seiner nächsten Visite ordnete er an, dass sämtliche Untersuchungen bei unserer Patientin zu wiederholen wären. Dazu gehörten leider auch die Erhebung der Krankenvorgeschichte und der körperliche Untersuchungsbefund. Vor meinen Augen, aber wenigstens nicht vor der Patientin, zerteilte er meine zeitaufwendig und akribisch ausgefüllten mehrseitigen Formulare in immer kleinere Schnipsel. Ungläubig und hilflos stand ich daneben und musste die Vernichtung meiner Aufzeichnungen mit ansehen. Es half nichts, wir mussten noch einmal ganz von vorne beginnen. Wir ließen die Patientin bewusst auffiebern, indem wir die bisherigen Antibiotika vollständig absetzten, und nahmen dann erneute Blutkulturen sogar auch nachts zum Zeitpunkt des Fiebergipfels ab. Inzwischen vermuteten wir schon, dass irgendwo im Körper dieser Patientin sozusagen ein Nest oder Depot von Bakterien sitzen musste, aus dem die Bakterien mit dem Blutstrom in andere Organe, in diesem Fall die Lunge, geschwemmt wurden. Dieser Vorgang wird Sepsis, im Volksmund Blutvergiftung, genannt. Die Sepsis ist unbehandelt ein lebensgefährliches Krankheitsbild. Nur fehlte uns dafür eben der Beweis, wir mussten zwingend die Bakterien im Blut finden. Auch das Ergebnis der mehrfach entnommenen neuen Blutkulturen blieb jedoch negativ. So setzten wir abermals ohne Bakteriennachweis ein anderes Antibiotikum ein und hatten Erfolg, auch diese Lungenentzündung bildete sich zurück. Alle, die Patientin, und nicht zuletzt auch wir Ärzte, waren erleichtert und guter Hoffnung.
Es folgte der nächste Fieberschub mit Schüttelfrost! Mittlerweile wurde der Krankheitsverlauf der Patientin natürlich im Arztkollegium bei den täglichen Besprechungen intensiv diskutiert, und wir kamen zu der Entscheidung, sie in die Uniklinik zu verlegen. Wir waren bei diesem ungeklärten Krankheitsverlauf deutlich an unsere Grenzen gestoßen, traten auf der Stelle, waren keinen Schritt weitergekommen.
Nur drei Tage nach der Verlegung erhielt ich von demjenigen Kollegen in der Uniklinik, dem ich den schwierigen Fall bereits vorab telefonisch ausführlich geschildert hatte, eine Rückmeldung: „Wir haben sofort neue Blutkulturen abgenommen, es wurden Streptokokken nachgewiesen.“ Mir verschlug es die Sprache. Ungläubig dachte ich darüber nach, wie das möglich sein konnte. In unseren zahlreichen Blutkulturen war nie der Nachweis von Bakterien gelungen. Wir waren also sehr wohl auf dem Weg zur richtigen Diagnose gewesen, aber die Blutkulturen hatten versagt. Wo konnte nur der Fehler liegen? Lag es an der Nährlösung in den Blutkulturflaschen, oder waren sie im Labor nicht adäquat angesetzt und untersucht worden, oder hatten sie auf dem Transport in das Fremdlabor gelitten? Und wie sollten wir überhaupt zukünftig vorgehen, wenn unsere Blutkulturen regelmäßig versagten? Ich war mehr als enttäuscht und auch erzürnt, unsere ganze wochenlange Mühe war vergeblich geblieben.
Solche Fragen musste ich immer sofort klären, ich führte zahlreiche Telefonate mit unserem eigenen Labor, wie auch mit dem Fremdlabor in der Mikrobiologie. Im Endeffekt habe ich das Rätsel der erfolglosen Blutkulturen nicht lösen können. Einige Wochen später erhielten wir allerdings neue Blutkulturflaschen von einer anderen Herstellerfirma, möglicherweise als direkte Folge dieser Geschichte. Die neuen Blutkulturen funktionierten dann einwandfrei, wir erhielten mit ihnen genau die Ergebnisse, die zu erwarten waren.
Der Nachweis ausgerechnet von Streptokokken, die sich auf den Kulturnährböden gerne kettenförmig anordnen und daher ihren Namen tragen, ist nicht so günstig, können sie doch allzu häufig zu einer Herzmuskelentzündung führen. Dies kann eine sehr heimtückische Krankheit sein, da sie nicht immer, wie eben auch bei unserer Patientin, im EKG zu erkennen ist. Und die Ultraschalldiagnostik des Herzens steckte damals gerade erst in ihren Anfängen. Mit Ultraschall hätte man die Diagnose leichter stellen können, da sich die Bakterien allzu gerne auf den Herzklappen ansiedeln.
Etwa drei Monate später kam die Chefarztsekretärin freudestrahlend, mit einer Tageszeitung über ihrem Kopf wedelnd, auf dem Stationsflur geradewegs auf mich zugelaufen. Sie war eine kleine, lebhafte Person, durchaus gutmütig, äußerst redselig und furchtbar neugierig. Sie musste ihre Nase rein überall hineinstecken, und dank dieser ungewöhnlichen Veranlagung wurde sie für uns Assistenzärzte zu der wichtigsten Informationsquelle unserer Abteilung. Nur die letzten Neuigkeiten der obersten Führungsebene, die sie nebenbei aufschnappte, behielt sie natürlich für sich, um sich keinen Ärger einzuhandeln. Über das aktuelle Stimmungsbarometer des Chefarztes waren wir aber stets zuverlässig informiert, ein nicht zu unterschätzender Vorteil besonders vor einer angekündigten Chefarztvisite. Ihre eigentlichen Pflichtaufgaben als Chefsekretärin erledigte sie im Handumdrehen, ihre flinken Finger flogen in einer schwindelerregenden Geschwindigkeit über die Tastatur des Computers. Ich hegte schon den ernsthaften Verdacht, dass sie sich dieses rasante Arbeitstempo nur angeeignet hatte, um genügend Zeit für ihr Hauptinteresse, nämlich den gepflegten Informationsaustausch, zu finden. Oftmals begann sie ihre Vorträge mit den bedeutsamen Worten „Stellen Sie sich nur vor …“ oder „Haben Sie schon gehört …?“, worauf postwendend ein ausführlicher Bericht über die letzte Neuigkeit folgte.
An diesem Morgen rief sie mir also bereits von Weitem auf dem Stationsflur entgegen: „Haben Sie heute schon die Zeitung gelesen? Schauen Sie mal, was ich gefunden habe, Herr Doktor!“ Sie tippte mit der Spitze ihres rechten Zeigefingers auf eine Zeitungsannonce, die klein gedruckt, aber schwarz umrandet war. Ich beugte mich interessiert über die Zeitung, in der schwarz auf weiß geschrieben stand: „Herzlichen Dank sage ich meinen Lieben zu Hause, meinen Verwandten und Freunden nah und fern, die während meines langen Krankenhausaufenthaltes an mich dachten. Danken möchte ich auch Dr. Sodtke und den Schwestern der Station IC und Dr. S. wie der gesamten 1. Med. Abt. der Uniklinik Düsseldorf.“ – Unterschrift meiner Patientin. Diese öffentliche Danksagung war insofern mehr als erstaunlich, als wir durch das Versagen unserer Blutkulturen rein gar nichts zu der eigentlichen Diagnosefindung hatten beitragen können. Wir hatten lediglich die wiederkehrenden Lungenentzündungen behandelt, ohne aber die Ursache dafür zu finden.
Nur wenige Tage nach dem Erscheinen dieser Annonce rief sie mich an, und ich erfuhr das vorläufige Ende ihrer ungewöhnlichen Leidensgeschichte. Als Ursprung ihrer wiederholten Blutvergiftungen hatte man die Sonde des Herzschrittmachers identifiziert, von dort aus waren die Bakterien (Streptokokken) immer wieder in ihr Blut gelangt. Die Sondenspitze ihres Herzschrittmachers lag korrekt am Boden der Herzkammer, war dort mit einem winzigen Drahthäkchen im Herzmuskel verankert worden und im Laufe der Jahre wohl vollständig in den Muskel eingewachsen. So musste die Sonde unter dem Schlüsselbein, wo sie an die Schrittmacherbatterie unter der Haut angeschlossen war, freigelegt und mit Gewichten ein dauerhafter Zug ausgeübt werden, damit sich die Sondenspitze lockerte. Es war ein sehr schmerzhaftes Verfahren, das wohl mehrere Tage gedauert hatte, wie sie berichtete. Während dieser Zeit hatte man sie mit starken Schmerzmitteln versorgt. Schließlich hatte man die Sonde entfernen können und eine neue Schrittmachersonde gelegt. Durch die Bakterien habe sie auch eine Herzmuskelentzündung bekommen. Während der mehr als zweimonatigen Behandlung in der Uniklinik habe sie dauerhaft Antibiotika bekommen. Seitdem seien keine weiteren Fieberschübe mehr aufgetreten. Ich erklärte ihr noch einmal mein aufrichtiges Bedauern über unsere unergiebigen Blutkulturen und wünschte ihr von ganzem Herzen gute Besserung.
Fünf Jahre nach diesen Ereignissen trat ich in einer kleinen, aufstrebenden Stadt in der Nähe meine erste Oberarztstelle auf der Inneren Abteilung des dortigen Krankenhauses an. Gemeinsam mit dem bisherigen Oberarzt, der die Chefarztstelle übernommen hatte, wurde ich der Lokalpresse vorgestellt. Bereits am nächsten Tag erschien ein ausführlicher Zeitungsbericht mit entsprechenden Fotos.
Wenige Tage später wurde ich durch den Pförtner über Funk ans Telefon gerufen. Eine Frauenstimme nannte ihren Namen. Ich wusste sofort, wer sie war, wenn auch inzwischen fünf lange Jahre nach unserer Begegnung vergangen waren. Sie war meine ehemalige Patientin mit der infizierten Herzschrittmachersonde. Es ging ihr wohl den Umständen entsprechend gut, wie sie erzählte. Sie hatte mit Freude den Bericht in der Zeitung gelesen und wünschte mir viel Erfolg und Glück in meiner neuen Position als Oberarzt.
Sie hatte mich mit ihrem Anruf nach dem langen Zeitraum seit ihrer damaligen Verlegung in die Uniklinik vollkommen überrascht. Selten habe ich mich mehr über ein Zeichen der Dankbarkeit gefreut, das sie mir auf ihre ruhige und stille Weise für die damalige Behandlung und Begleitung vermittelt hat.
Dankbarkeit als Erinnerung des Herzens.
9 Der Neubeginn
Im letzten Jahr der Tätigkeit an meiner alten Wirkungsstätte hatte ich, zunächst zusammen mit einer Kollegin, die Magenspiegelung (Gastroskopie) eingeführt, und dies in Konkurrenz mit dem alten Chefarzt, der unbeirrt an der Röntgenuntersuchung des Magens mit Kontrastmittel festhielt. Bald wurde aber deutlich, welche ungeheuren Chancen in dieser neuen Untersuchungsmethode lagen, ließen sich doch im Gegensatz zur Röntgenuntersuchung kleinste Magengeschwüre und -tumoren im Anfangsstadium erkennen und durch Entnahme von Gewebeproben beweisen. Seitdem nahm die Endoskopie, das Hineinschauen in innere Hohlräume, eine rasante Entwicklung.
Anschließend absolvierte ich gemäß der Ausbildungsordnung zum Internisten ein Jahr in einer großen Röntgenklinik in der Nachbarstadt, zunächst mit eingeschränkter Motivation, ich wollte schließlich kein Radiologe werden. In späteren Jahren sollten mir die dort erworbenen Kenntnisse aber noch sehr nützlich sein. Vor allen Dingen verfügte diese Klinik neben einem Computertomografen auch über ein gutes Ultraschallgerät. So konnte ich bei Patienten mit einem krankhaften Befund in der Computertomografie die Diagnose mittels Ultraschall studieren und nachvollziehen. Es wurden Hunderte von Untersuchungen, die ich vorzugsweise nach dem Dienstende durchführte. So brachte ich mir die Untersuchungstechnik mit Ultraschall zum großen Teil selbst bei. Die neuen Untersuchungsverfahren wie Endoskopie und Sonografie hatten mein Interesse für Erkrankungen des Bauchraums geweckt.
Nun betrat ich also meinen neuen Arbeitsplatz am Großklinikum der Stadt, das fast dreimal so groß wie das ehemalige Krankenhaus war, und dort die internistische Fachabteilung für Gastroenterologie, die für Magen- und Darmkrankheiten zuständig ist. Daneben gab es zwei weitere internistische Kliniken, die Kardiologie und die Nephrologie (Herz- und Nierenkrankheiten). Das Hauptgebäude war ein weithin sichtbarer Hochhausturm mit mindestens acht Etagen, mit angegrauter Betonfassade, vielleicht in den 60er-Jahren errichtet. Die überdimensional hohe Eingangshalle erinnerte mich an die unpersönliche Atmosphäre einer Bahnhofshalle und sollte zu einem späteren Zeitpunkt noch traurige Berühmtheit erlangen.
Die drei internistischen Abteilungen verfügten zusammen über eine bunte Mischung aus insgesamt etwa 30 Assistenzärzten. Ich traf sehr nette Kollegen, die mich mit offenen Armen aufnahmen, und mit denen man vertrauensvoll und freundschaftlich zusammenarbeiten konnte. Andere verhielten sich zunächst eher neutral und wollten den neuen Kollegen erst einmal abwartend beäugen. Dann aber gab es auch die kleine Fraktion der hochnäsigen Kollegen, die fast schon mitleidig auf mich herabschauten und ein gequältes Lächeln aufsetzten, sobald sie erfuhren, dass ich lediglich aus dem mittelgroßen Krankenhaus der Stadt kam. Mit dieser eher speziellen Willkommenskultur hatte ich auf gar keinen Fall gerechnet, zumal ich schon einige Jahre länger im Krankenhaus arbeitete als viele meiner neuen Kollegen. Zudem war ich in eine Art Ellenbogengesellschaft geraten, in der jeder Assistenzarzt um bestimmte Untersuchungen kämpfte, die ihn in seiner persönlichen Ausbildung zum Facharzt weiterbrachten. Der Konkurrenzdruck war hoch. Nicht so ganz selten aber hörte ich gerade von den überheblichen Kollegen große Worte mit wenig Substanz dahinter.
Ausgerechnet von demjenigen Assistenzarzt mit dem größten Mundwerk, den man recht treffend als Windhund oder Hans Dampf in allen Gassen bezeichnen konnte, fiel mir im Ultraschallraum ein Patient in die Hände. Diesen Patienten betreute der Kollege auf seiner Station selbst, und er hatte die Ultraschalluntersuchung vor einigen Tagen schon einmal durchgeführt. Dabei hatte er keinen wesentlichen krankhaften Befund feststellen können. Nun sollte daher eine Kontrolle erfolgen, die Fragestellung auf dem Anforderungsschein für die Untersuchung lautete wie bereits bei der Voruntersuchung „Unklare Oberbauchschmerzen“.
Als sich der Patient auf die Liege in dem abgedunkelten Ultraschallraum legte, bemerkte ich schon seinen eher unglücklichen Gesichtsausdruck: Dieser Mann hatte erstens noch weiterhin Beschwerden, er spürte zweitens, dass er ernsthaft krank war, und er machte sich drittens Sorgen um das Ergebnis der Untersuchungen. Seine Schmerzen konnte er recht genau etwas seitlich im linken Oberbauch lokalisieren, wenngleich diese Region relativ selten bei Bauchschmerzen angegeben wird. Bei der bereits durchgeführten Magenspiegelung hatte man keine Ursache für die Beschwerden finden können.
Ich gab ein Gleitgel auf seine Bauchdecke und verteilte es mit dem Schallkopf, dann begann ich die gründliche Untersuchung sämtlicher Bauchorgane in der Reihenfolge, die ich mir angeeignet hatte. Solch eine Reihenfolge ist sehr sinnvoll, um keines der zahlreichen Bauchorgane zu vergessen. Als ich bei der Milz im linken Oberbauch angelangt war, die am besten von der Seite aus dargestellt werden kann, wollte ich meinen Augen nicht trauen, aber es gab keinen Zweifel: Inmitten der vergrößerten Milz fand ich einen großen, nur noch zum Teil flüssigen, also bereits älteren Bluterguss, der aufgrund seiner Größe eigentlich nicht zu übersehen war. Zusätzlich war im linken Oberbauch am unteren Milzpol ein geringer, halbmondförmiger Flüssigkeitssaum zu sehen, der dort keineswegs hingehörte und auf einen Milzriss mit entsprechender Blutung hindeuten konnte. Der Patient hatte wahrscheinlich noch Glück, dass nicht eine noch größere Blutmenge ausgetreten war. Alle anderen Bauchorgane waren vollkommen in Ordnung. Damit war die Ursache seiner Oberbauchschmerzen hinreichend erklärt. Während ich dem Patienten das Gel mit einem Handtuch abwischte, teilte ich ihm den Befund mit, wie auch die weitere erforderliche Diagnostik und die sich daraus ergebende Konsequenz einer baldigen Operation. Er bedankte sich für die gründliche Untersuchung.
Bevor der Patient den Untersuchungsraum verließ, schaute ich noch rasch in seiner Patientenakte auf den Vorbefund meines Kollegen und konnte mich nur noch wundern: Er hatte alle Bauchorgane mit Ultraschall untersucht und beschrieben, aber eben mit einer Ausnahme: Die Milz hatte er überhaupt nicht erwähnt! Wenn er die Milz untersucht hätte, so hätte er sie mit diesem gravierenden pathologischen Befund ganz gewiss beschrieben. Alles deutete darauf hin, dass er sträflich vergessen hatte, sie zu untersuchen. Nun ist eine Verletzung der Milz ein mehr als seltenes Ereignis, dem ein entsprechender Unfall vorausgehen muss. Auf meine gezielten Fragen berichtete der Patient dann, dass er sich vor ungefähr drei Wochen mit der linken Körperseite sehr heftig an seiner geöffneten Autotüre gestoßen habe. Auch hierüber fehlten aber in dem Aufnahmebogen über die Krankenvorgeschichte jegliche Angaben.
Meinen Ultraschallbefund formulierte ich in diesem Fall ganz besonders präzise und bis in die geringsten Einzelheiten detailliert. Der diktierte Befund musste von den Sekretärinnen erst noch geschrieben werden und würde daher frühestens am Ende des Tages auf der Station vorliegen. Es bestand aber für den Patienten durchaus akuter Handlungsbedarf, weshalb ich den Kollegen vorab telefonisch über das Ergebnis informierte. Er fiel buchstäblich aus allen Wolken, auf denen er bis zu diesem Tag gewandelt war.
Meine Diagnose aus dem Ultraschallraum wurde anschließend in der Computertomografie voll und ganz bestätigt. Mit diesem Befund musste der Patient dringend operiert werden, weil der Bluterguss einfach zu groß und ein Milzriss auch weiterhin nicht auszuschließen war. Die Milz musste wahrscheinlich vollständig entfernt werden.
Mein Untersuchungsergebnis breitete sich so schnell wie ein Lauffeuer auf unserer Abteilung aus, zumal der Patient bereits zehn Tage lang ohne Diagnosestellung in der Klinik verweilte.
Seit diesem Ereignis wurde der Kollege aus dem kleineren Krankenhaus der Stadt nicht mehr mitleidig belächelt. Offenbar konnte man als Arzt selbst an einem nur mittelgroßen Krankenhaus gründliches Arbeiten lernen. In der Folgezeit wurde ich von Kollegen noch häufiger zur Kontrolle von Ultraschallbefunden hinzugezogen, wenn sich die Kollegen bei einem Befund nicht ganz sicher waren. Langsam entspannte sich das Arbeitsklima.
Der Kollege mit dem großen Mundwerk hatte sichtlich ein schlechtes Gewissen und wurde recht kleinlaut – wenn auch nur für wenige Tage.
10 Eine unerwartete Bedrohung
Es gibt keinen anderen Ort im Krankenhaus, an dem Freude und Leid so nah beieinanderliegen, wie die internistische Intensivstation. Hier wurden Patienten aufgenommen, die lebensbedrohlich erkrankt waren, und häufig waren bei einem Patienten gleich mehrere Organe betroffen, wodurch die Behandlung zusätzlich erschwert wurde. Ein kontinuierliches Arbeiten war häufig nicht möglich, wenn ein neuer Notfall dringend versorgt werden musste oder wenn bei einem bereits stationär liegenden Patient eine Reanimation (Wiederbelebung) erfolgen musste.
Bei der Reanimation wurden alle routinemäßigen Tätigkeiten stehen und liegen gelassen, Ärzte, Schwestern und Pfleger arbeiteten Hand in Hand, Herzmassage, künstliche Beatmung, Injektion von Medikamenten folgten. Als nächste Maßnahme erfolgte der Elektroschock mit dem Defibrillator, mit langsamer Steigerung der Stromstärke. Alle arbeiteten konzentriert, es gab kein Wort zu viel, sämtliche Maßnahmen mussten blitzschnell erfolgen. Jede Sekunde zählte, mit häufigem Blick auf den Herzmonitor, um das Ergebnis der Wiederbelebung, also möglichst den Beginn einer normalen Herztätigkeit, zu kontrollieren. Solch eine Reanimation konnte 20 Minuten und länger dauern, unter dauerhafter Fortsetzung der Herzdruckmassage auf dem Brustbein des Patienten, damit das Blut auf diese Weise durch den Körper strömen konnte. Solch eine Herzmassage ist durchaus anstrengend, muss sie doch in hoher Frequenz und durchaus kräftig erfolgen, sodass wir uns gegenseitig damit abwechselten. Eine Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff durfte nicht eintreten, und dazu musste das Blut im Körper des Patienten zirkulieren. Bereits nach fünf Minuten ohne Sauerstoff kann ein bleibender Gehirnschaden eintreten. Trotz sofortigem Beginn war längst nicht jede Reanimation erfolgreich, der Erfolg war auch abhängig von der Schwere der jeweiligen Grunderkrankung. Es gab teils erfreuliche, überraschende Erfolge einer Wiederbelebung, mit denen nicht unbedingt zu rechnen war, aber ebenso erlebten wir sehr bittere und unerwartete Niederlagen. Nach Abschluss einer solchen dramatischen Aktion musste die zuvor unterbrochene Versorgung der übrigen Patienten wieder aufgenommen werden.
Dieser Ablauf bedeutete für Ärzte und Pflegepersonal der Intensivstation, dass kaum eine zeitliche Möglichkeit bestand, um die seelische und körperliche Belastung zu verarbeiten. Die praktische Durchführung der Wiederbelebung wurde zwar zur Routine, aber das Ergebnis trugen wir in unseren Kleidern mit nach Hause in die eigenen vier Wände, und hinter jedem Misserfolg stand ein Patientenschicksal. Die Gedanken daran verfolgten uns auch nach dem Ende eines Arbeitstages. Darüber hinaus war die Sterberate von Patienten auf der Intensivstation hoch, denn längst nicht jeder der lebensgefährlich erkrankten Patienten konnte trotz aller Errungenschaften der modernen Medizin gerettet werden. Die Begegnung mit dem Sterben und dem Tod war allgegenwärtig. Wir stießen oftmals an die Grenzen dessen, was derzeitig möglich war. Wir waren eben nicht die allmächtigen, weiß gekleideten Wunderheiler, die viel zitierten Halbgötter in Weiß, wir konnten nur versuchen, mithilfe der vorhandenen technischen Möglichkeiten unser Bestes zu geben. So lehrte mich die Arbeit auf der Intensivstation Demut und Bescheidenheit. Ich hinterfragte mich und mein Handeln oft genug, ob ich nicht etwas hätte besser machen können.
Ich hatte über Nacht einen neuen Patienten auf die Intensivstation bekommen. Er war etwas über 70 Jahre alt, hatte ergraute, kurz geschnittene Haare, einen ebenfalls ergrauten Schnurrbart, eine sehr hagere Statur, ausgemergelte Haut und saß aufrecht im Bett bei hochgestelltem Kopfende. Die Mitte seines Schnurrbartes wie auch seine Fingernägel waren nikotingelb verfärbt, wahrscheinlich war er Kettenraucher. Auch das leicht bräunliche Hautkolorit des Patienten fiel mir auf. Zwischen seinen Hustenanfällen spitzte er die bläulich angelaufenen Lippen, um die Luft besser ausatmen zu können, er hatte sichtlich Luftnot. Seine schlechte körperliche Verfassung verhieß nichts Gutes, er hatte keinerlei Kraftreserven.
Die Röntgenaufnahme seiner Lunge hatte ich mir bereits angeschaut, sie zeigte eine deutliche Lungenentzündung. Aber fast noch schlimmer war die massive Überblähung seiner Lunge (Lungenemphysem), wobei ich diese Kombination überhaupt nicht mochte. Dazu passte auch der Befund bei der körperlichen Untersuchung, sein Brustkorb war enorm vorgewölbt durch die dauerhafte, sicherlich seit vielen Jahren bestehende Lungenüberblähung. Die Mediziner sprechen sehr treffend von einem Fassthorax, einem fassförmigen Brustkorb. Das leise Pfeifen bei seiner Ausatmung sprach zusätzlich für relativ eng gestellte Bronchien, die das Ausatmen erschwerten, ähnlich wie bei einem Asthma bronchiale. Sein Hauptproblem war also die massive Lungenüberblähung in Verbindung mit der Lungenentzündung. Der Sauerstoffgehalt in seinem Blut war so weit erniedrigt, dass er kurz vor einer künstlichen Beatmung durch das Beatmungsgerät stand. Andererseits war sein Körper seit vielen Jahren an den chronischen Sauerstoffmangel gewöhnt, nur hatte die aktuelle Lungenentzündung seine noch funktionsfähige Atemfläche weiter eingeschränkt. Die schlimme Wahrheit war, dass seine Lungenfunktion selbst ohne die Lungenentzündung kurz vor dem Ende stand.
Wir versorgten ihn mit einem zentralen Venenkatheter in einer großen Vene, um lebenswichtige Medikamente direkt injizieren zu können, mit einer Kanüle in der Arterie über dem Handgelenk, um Blutproben für die Sauerstoffmessung entnehmen zu können, und mit zwischenzeitlichen Sauerstoffgaben über eine Nasensonde. Er erhielt breit wirksame Antibiotika, schleimlösende Medikamente sowie weitere Medikamente gegen die Verengung der Bronchien. Und er bekam mehrfach täglich eine Atemtherapie durch die Physiotherapeuten. Da er eben keine körperlichen Reserven hatte, hatte er auch nicht die Kraft, den in den Bronchien festsitzenden Schleim abzuhusten. Daher mussten wir ihm mehrfach täglich eine dünne Sonde in die Luftröhre einführen und mit steriler Kochsalzlösung eine Spülung der Bronchien vornehmen. Das abgesaugte Sekret wurde eingesandt, und nach dem Befund waren unsere Antibiotika gegen die nachgewiesenen Bakterien wirksam. Eine solche Bronchialspülung ist für den Patienten sehr unangenehm, zumal die Bronchialschleimhaut sehr empfindlich reagiert. Sobald unser Patient die dünne Spülsonde mit einigen erklärenden Worten unserer tüchtigen Intensivschwestern sah, reagierte er zunächst mit abwehrenden Handbewegungen, gefolgt von einem dankbaren Augenaufschlag, wenn er fühlte, dass seine Bronchien vom Schleim befreit waren und er wieder freier durchatmen konnte.
Er sprach nicht viel, vielleicht mit etwas osteuropäischem Akzent, er war aber kein unangenehmer Patient. Langsam bildete sich die Lungenentzündung zurück. Es folgten wenige Tage, an denen es ihm besser ging. Dennoch waren wir uns fast sicher, dass uns eine Behandlung über mehrere Wochen auf der Intensivstation bevorstand, und so sollte es auch kommen.
Einige Tage später betrat ich morgens zum Dienstbeginn eiligen Schrittes die „Bahnhofshalle“, also mit anderen Worten die Eingangshalle unseres Krankenhauses. Ich verlangsamte unwillkürlich meine Schritte und blieb entsetzt stehen. An der Wand gegenüber der Pförtnerloge standen aneinandergereiht einige wenige Stühle, vor denen über Nacht eine riesige Müllhalde entstanden war: leere Plastikflaschen, Pappschachteln, Papierberge, Zeitungen, Plastikbesteck, einige Essensreste, Trinkbecher, es fehlten eigentlich nur noch Zigarettenkippen. Ich war nicht nur entsetzt über den Schaden, sondern wunderte mich auch darüber, dass dieser Müllberg nicht durch unser Reinigungspersonal entfernt worden war. Alle Regeln der Krankenhaushygiene waren hier missachtet worden. Dieser Anblick erinnerte wahrhaftig an eine Invasion von Vandalen. Ich vermutete weit über 100 Invasoren, allein nach der Anzahl der Trinkbecher zu urteilen. Eine solch große Anzahl von Chaoten konnte unmöglich alleine aus unserer friedlichen Stadt gekommen sein, sie mussten aus größerer Entfernung angereist sein. Ich setzte meinen Weg auf die Intensivstation kopfschüttelnd fort. Abends auf dem Heimweg war der Müllberg verschwunden.
Als ich am nächsten Morgen die Klinik betrat, bot sich mir ein Anblick, als hätten am Vortag überhaupt keine Aufräumungsarbeiten stattgefunden: Der neue Müllberg rund um die wenigen Sitzmöglichkeiten hatte eher noch zugenommen. Inzwischen hatte man Papierkörbe aufgestellt, in denen jedoch gähnende Leere herrschte, der Müll war wieder breit auf dem Boden verstreut worden. Angesichts dieses eines Krankenhauses unwürdigen Anblicks ging ich zum Pförtner: „Sagen Sie mal, was ist hier eigentlich los?“ – Er antwortete: „Das waren die Sinti und Roma, die kommen immer abends oder nachts, wegen eines Patienten auf der Intensivstation.“ Bei diesen Worten beschlich mich langsam, aber sicher ein sehr ungutes Gefühl: Das wird ja wohl nicht …? Übrigens sollten die Müllberge in der Eingangshalle noch etwa sieben Tage anhalten, bis Ordnungsamt und Polizei die Situation in unserem kommunalen Krankenhaus in den Griff bekamen.
Trotz weitgehender Rückbildung der Lungenentzündung blieben die Sauerstoffwerte im Blut unseres Patienten unbefriedigend, mit diesen Werten würde er im Alltag keinesfalls belastbar sein. Wir versuchten, unsere Therapie zu variieren und anzupassen. Wir hatten natürlich die Möglichkeit einer künstlichen Beatmung, wollten diese aber unbedingt vermeiden, darin bestand Einigkeit. Kurzfristig würde der Patient davon natürlich profitieren, aber wir konnten ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht wieder von dem Beatmungsgerät abtrainieren, dazu waren die Grundvoraussetzungen seiner Lungenfunktion zu schlecht. Und schon kündigte sich leider die nächste Lungenentzündung an.
Eines Morgens kam die für das Zimmer meines Patienten zuständige Schwester zu mir und bat mich, zur Eingangstüre der Intensivstation zu gehen, dort würde es Ärger durch Angehörige meines Patienten geben. Vor der Türe erwarteten mich vier junge Männer mit bronzefarbenem Hautkolorit, pechschwarzen Haaren und dunklen Augen. Was ich gar nicht mochte, war der Umstand, dass ich dieser Horde junger Männer alleine, also ohne Zeugen, gegenüberstand. Mit vor Wut glühenden, weit aufgerissenen Augen forderten sie den sofortigen Einlass, um meinen Patienten zu besuchen. Sie waren sehr aufgebracht, zornig, emotional gesteuert, vollkommen respektlos. Wahrscheinlich hatte es zuvor mit der Schwester schon ein entsprechendes Wortgefecht gegeben. Diskussionen in solch aufgeheizter Stimmung konnten sehr gefährlich werden, und sie führten häufig zu gar keinem Ergebnis. Ich hatte mir sehr frühzeitig angewöhnt, in solchen Situationen einfach wortlos zuzuhören, und mein Verstehen einfach durch sporadisches Kopfnicken anzudeuten. Sollten sie doch erst einmal ihr Pulver verschießen und ihren Ärger loswerden. Es folgte wie erwartet eine Schimpftirade über das Krankenhaus im Allgemeinen und die Intensivstation im Besonderen, Schuldzuweisungen über den schlechten Gesundheitszustand des Patienten, über die Dauer der Behandlung, das eingeschränkte Besuchsrecht. Endlich trat eine kurze Gesprächspause ein, so dachte ich jedenfalls. Ich versuchte mit ruhigen Worten zu erklären, dass gerade die Visite stattfände und anschließend noch die anderen beiden Patienten in dem Zimmer zu versorgen wären. Danach wäre ein kurzer Besuch für zehn Minuten möglich, ein längerer Besuch wäre zu anstrengend für den Patienten, denn er bräuchte viel Ruhe.
Darauf aber ging plötzlich alles blitzschnell und ohne jegliche Vorwarnung: Es machte klick, jedenfalls ein schnappendes, metallisches Geräusch. Schneller, als mein Auge es erfassen konnte, hatte der Wortführer ein Stilett aus seiner Jackentasche hervorgerissen und hielt mir die Spitze der ausgefahrenen, blitzenden, langen Klinge vor die Brust. Ich spürte den leichten Druck der Klingenspitze auf meinem Brustbein. Der Mann mit dem Stilett fauchte mich an: „Du lässt uns jetzt sofort rein, sonst passiert was!“ Nun reichte es mir aber endgültig, ich trat den sofortigen Rückzug an. Ich schloss ebenfalls sehr rasch die Eingangstüre, die von außen nicht zu öffnen war. Ein wütendes Rütteln an der Türe von außen folgte noch und zum krönenden Abschluss ein kräftiger Tritt gegen die dicke Milchglasscheibe. Ich war für wenige Sekunden vollkommen schockiert. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass ein Arzt, der immerhin alles Mögliche für die Gesundung seiner Patienten unternimmt, mit Waffengewalt bedroht werden könnte.
Ich informierte den zuständigen Oberarzt, und der verständigte die Polizei. Die Polizisten konnten die vier Halunken noch vor der Eingangstüre in Empfang nehmen. Da die Roma wahrscheinlich aus guten Gründen weder mit der Polizei noch mit Justizbehörden engeren Kontakt pflegen wollten, wurde folgende Vereinbarung getroffen: Ich verzichtete auf eine Anzeige gegen die Bedrohung mit dem Messer, und sie hatten die Regeln des Krankenhauses zu akzeptieren: zehn Minuten Besuchszeit durch maximal zwei Personen nach Absprache mit dem Pflegepersonal, und nur ein Ansprechpartner für den täglichen Arztbericht über den Krankheitsverlauf. Ich konnte ja unmöglich mit 150 aus ganz Europa angereisten Roma kommunizieren. Dieser Ansprechpartner sollte die anderen informieren. Seitdem normalisierte sich das Verhältnis zu den Angehörigen weitgehend, mit Ausnahme einiger kleinerer Scharmützel.
Obwohl ich nun wirklich kein furchtsamer Mensch bin, muss ich gestehen, dass ich am Ende dieses Arbeitstages das Klinikum nicht wie üblich durch den Haupteingang, sondern durch einen wenig benutzten Nebeneingang an der Rückseite des Gebäudes verließ. Bevor ich nach draußen trat, hatte ich mich vorsichtig in alle Richtungen umgeschaut, um mich zu vergewissern, dass mir niemand auflauerte oder folgte. Vielleicht würden sich die Roma daran erinnern, dass wir die Polizei verständigt hatten, wer wusste schon, was in ihren Köpfen vorging? Es ging aber alles gut, und ich kam unbeschadet nach Hause. Es war ein sehr seltener Moment in meinem Leben. Ich hatte wirklich große Angst um meine körperliche Unversehrtheit, Angst um mein Leben. Selbst heute noch, nach so vielen Jahren, weiß ich sehr genau, auf welchen Teil meines Brustbeins der Täter die Messerspitze drückte, und ebenso wenig habe ich seine hasserfüllten Augen vergessen. Solch eine Erfahrung vergisst man nicht, sie verfolgt einen ein Leben lang. Es ist nicht so, dass man daran denkt, oder gar davon träumt, aber man vergisst sie nicht.
Mir war klar geworden, dass mein Patient ein bedeutender Stammeshäuptling unter den Roma war. Einerseits bewunderte ich den Zusammenhalt dieser Volksgruppe. In der Vergangenheit hatte ich immer einmal wieder Patienten im Krankenhaus sterben sehen, einsam und ohne Begleitung durch ihre Familie, obwohl es sehr wohl Angehörige gab. Aber diese Missachtung aller Regeln, diese Respektlosigkeit, Forderungen bis zur Gewaltandrohung, die provozierende Verschmutzung der Klinik, von der sie eigentlich Hilfe erwarteten, waren eine Schande.
Meinem Patienten ging es leider immer schlechter. Trotz mehrfacher, sehr ausführlicher Aufklärung über die Chancen und insbesondere die Risiken einer künstlichen Beatmung bestanden die Angehörigen und auch der Patient auf der Ausschöpfung aller bestehenden Möglichkeiten. Also wurde der Patient an das Beatmungsgerät angeschlossen und musste daher in ein künstliches Koma versetzt werden. Damit hatten wir endgültig eine Grenze überschritten: Wir verlängerten nicht mehr sein Leben, sondern wir verlängerten sein Sterben. Trotz mehrfacher Versuche ließ er sich nicht mehr von der künstlichen Beatmung entwöhnen, so wie wir es bereits befürchtet hatten.
Er verstarb drei Wochen später infolge einer erneuten Lungenentzündung im Beisein der engsten Angehörigen. Ich hatte an diesem Tag nach einem Nachtdienst auf der Intensivstation dienstfrei. Wie ich hörte, hat man ihm einen würdigen Abschied bereitet.
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