Read the book: «So war es in der DDR und nicht anders»

Font::

So war es in der DDR und nicht anders

Aus dem Leben erzählt und nicht verklärt

Gerd Leonhardt

SO WAR ES IN DER DDR UND NICHT ANDERS

Aus dem Leben erzählt und nicht verklärt

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2013

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

ISBN 9783954888115

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt und Begriffe

Cover

Titelseite

Impressum

Vorwort

Dankeswort

Reparationen

Unser Uran

Eine soziale DDR!?

Sowjetische Musikauffassung

Die Arbeit

1968 und der von der „Links-Partei“ vergessene Einmarsch in die CSSR

Die Arbeit und die Kunst

„Unsere“ Gastarbeiter!?

Die Musiker

Auf Tournee

Der ABV

Die nationale Volksarmee

Die Kasernierte Volkspolizei

In Nordböhmen 1971

Atheismus

Die „Aktion Rose“

Die Arbeit

Die Bevölkerung

Der Chef des Staatssicherheitsdienstes

Die Grabweihe

Die Lebensmittelkarten

Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen

Die Betriebsräte

17. Juni 1953

In der DDR konnte jeder werden was er wollte, ob er will oder nicht!

Staatsverrat

Im Schlachthof in Karl-Marx-Stadt

Hausarbeitstag für Frauen

Freiheitssender 904

Die Bauern

Ein Abstecher in der Kosmos Bar

Fussnoten

Akzise

Noch einmal Fichtelberg

Aufbau des Sozialismus

Der „drive“ und die Musik

Die Wehrpflicht (Stand 1960 vor Mauerbau)

Faschismus

Haftarbeitslager

Politische Häftlinge

Bei der Ferdy Mothes Combo

Fussnoten

Vorwort

Es war nicht alles schlecht in der DDR. Diesen Satz hört man öfter. Es war auch nicht alles schlecht in anderen Diktaturen, könnte man ebenfalls sagen. So allerdings geht das nicht.

Die Ziele eines Staates sind maßgebend für das Gesamtbild. „Ganz Deutschland soll des Volkes eigen sein“, propagierte die SED. „Die DDR ist der einzig rechtmäßige deutsche Staat“. Das nennt man Alleinvertretungsanspruch und hat mit Demokratie nichts zu tun!

Dieses Buch soll nicht nur jungen Menschen helfen, sich ein wahrhaftes Bild zu machen über diesen ehemaligen Staat, sondern auch jenen, die später einmal den Beruf eines Musikers ergreifen wollen. Der Verfasser beschreibt ein umfangreiches Bild, wie man als Amateur oder nicht privilegierter Berufsmusiker in der DDR lebte. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Und wer wie ich die „komplette“ DDR erlebt hat, wird auch manchmal schmunzeln!

Dankeswort

Ich möchte mich an dieser Stelle bei dem Deutschen Bundeswehrverlag – ehm. Deutscher Bundes-Verlag – bedanken für die freundliche Genehmigung des Druckes von Zitaten aus der Broschüre: „Ein Taschenbuch – und Nachschlagebuch über die sowjetische Besatzungszone Deutschlands.“

Im Grunde bin ich eigentlich froh, dass mein Großvater ehemals am Leipziger Konservatorium Musik studierte und mir den einzigen Anreiz gab, wenn auch ganz unbewusst – ich möchte Musik machen! Für uns Kinder, wir hatten ja keinen Vater, was nach dem Krieg als normal galt, war es das großartigste, wenn der Opa sagte: „Am Sonntag gehen wir nach Lichtenwalde.“ (Lichtenwalde liegt nebenbei erwähnt an der östlichen Peripherie von Chemnitz, ausgestattet mit einem Park, der als schönster seiner Art in Deutschland ausgezeichnet ist.) Das hieß für uns, es gibt ein 50-zig-Pfennigstück aus gutem Nachkriegskupfer, denn die Russen hatten bis zum Jahr 1954 noch nicht alles „raus geschafft“. Und jetzt kommt die Hauptsache. Der Opa spielt in der ersten Kneipe nach Ende der Straßenbahnhaltestelle Klavier! Dies war eine Prozedur der besonderen Art. Zumeist musste der „Bienenstock“ herhalten, eine kleine Gaststätte vor dem Schloss Lichtenwalde gelegen. Für uns damals 9- bis 12-jährige Cousins war es immer ein tolles Erlebnis. Kaum in dieser Gaststätte angekommen, ging mein Großvater schnurstracks zum Klavier, welches zu dieser Zeit noch kultureller Normalbestand einer jeden Kneipe war. Er klappte den oberen Deckel auf, danach wurde die vordere und untere Abdeckung vom Klavier entfernt. Meistens waren wenige Gäste anwesend, denen wurden dann mindestens eine Stunde lang klassische Variationen und Fantasien angeboten. Von Händel über Bach, Wagner und Liszt, nebenbei bemerkt sein Lieblingskomponist, spielte mein Opa sich in Rage, dass er schwitzte und dabei sehr laut die Luft ausstieß. Dann aber wusste ich – jetzt kommt das Finale. Dieses war das einfache „La Paloma“. Natürlich konnten wir damals nur maximal 10-15 Takte mit“hören“, danach war es vorbei. Eine Fantasie, inbrünstig vorgetragen und mit Harmonien gestaltet, von denen wir damals noch wenig Ahnung hatten. Mit Liszt, von dem man sagte, er habe Hände von der Größe eines Scheißhausdeckels, konnte er super umgehen. Mein Großvater konnte auf dem Klavier einen Tonumfang von 17 Halbtönen greifen und dies inklusive kannibalischer Harmonien mit 10 Fingern. Wir haben das später einmal nachgezählt. Leider wusste er aber nicht mehr, welche Harmonien er einst griff, denn er hatte alles vergessen. Aber das geht jeden angehenden Musiker so.

„Wer seine Fähigkeiten nicht ausbaut, pflegt und erweitert, wird schlechter“. Frei nach dem logisch bekannten Spruch: „Stillstand ist Rückschritt!“

Als Kinder gingen wir, meine Mutter hielt uns dazu an, jeden Sonntag in die Kirche, um vielleicht wieder ein paar Sternbuchblümchen zu erhalten. Also bunte Bilder mit Engelchen darauf. Später, als ich 10 Jahre alt war – die Kirche bekam gerade wieder neue Glocken – wurde uns in der Schule gesagt, wir sollten doch nicht mehr in die Kirche gehen. Schließlich könnten wir dort nichts lernen. Wir standen da und wussten nicht, was wir machen sollten. Der Kalender zeigte das Jahr 1954.

Mein damaliger Klassenkamerad und Freund war Sohn einer Bauernfamilie und musste genauso wie Beethoven an das Klavier geprügelt werden, welches in der so genannten „Guten Stube“ stand und nur aus diesem Grunde einmal in der Woche aufgeschlossen wurde. Die Klavierstunde war für ihn das schlimmste Vorkommnis in der ganzen Woche. In meinen Augen war er ein unmusikalisches Rindvieh, denn ich durfte ihn in der Schule ja „singen“ hören. Ich wäre froh gewesen, wenn meine Mutter die Zeit und das Geld hätte aufbringen können mich zum Klavierunterricht zu schicken. Von einem eigenem Klavier ganz zu schweigen. Ganze zwei Jahre später, ich war indessen 14 Jahre alt, konnte ich mir mein erstes Instrument leisten. Es war natürlich kein Klavier, sondern ich kaufte mir von meinem ersten Lehrlingsgeld eine Akkordzither, und dies zu einem Wahnsinnspreis von 21.- Mark der DDR. Dieses wunderschöne Instrument begleitete mich bis heute, und es klingt immer noch so, als hätte ich es gerade erst gekauft! Wer eine Akkordzither nicht kennt, dazu Folgendes: Es gibt dazu so genannte Unterlegenoten. Man braucht also nur die Melodiestimme mit dem rechten Daumen abzuspielen und mit den linken Daumen den bezifferten entsprechenden Akkord anzuzupfen. Natürlich gehörte kein großes Können dazu, dieses Instrument in kurzer Zeit einigermaßen zu beherrschen. Die Noten dafür musste jemand geschrieben haben, der entweder keine Ausbildung hatte oder kein musikalisches Gehör, denn die meisten Harmonien waren falsch. Ich habe dann die meisten bekannten Stücke für die Zither selber geschrieben. Alsbald bekam ich neuen „Hunger“ und kaufte mir kurz darauf meine erste Gitarre. Doch weil das Geld nicht zu etwas Besserem reichte, war es eine traurige „Wandergitarre“. Ein furchtbares Instrument, die Saitenlage war grauenvoll hoch. Es gab kein Schallloch, sondern zwei S-förmige Schlitze. Die Resonanz entsprach annähernd dem Klang einer Glocke aus Plastik. Aber wie soll Sperrholz schon klingen? Ein großer „Meister“ sagte einmal: „Das beste Instrument ist gerade gut genug zum Lernen“. Na, dann guten Appetit!

Zu dieser Zeit – so 1958 – kam der Musikinstrumentenbau in Sachsen langsam wieder in Hochform.

Reparationen

1 „Obwohl der Umfang der von Deutschland zu leistenden R. praktisch erst mit dem Industriebeschränkungsplan vom März 1946 von den vier Alliierten festgelegt wurde, führte die SU (Sowjetunion) bereits vor diesem Zeitpunkt in der SBZ {sowjetisch – besetzte Zone}, umfangreiche Demontagen durch, von denen nicht bekannt ist, ob die Gegenwerte dem Reparationskonto gutgeschrieben wurden. Eine Abrechnung über die Entnahmen ist bis heute noch nicht veröffentlicht worden. Sie wird kaum jemals erfolgen, da die Sowjets im Widerspruch zum Potsdamer Abkommen ohne Zustimmung der Westalliierten ungeheure Entnahmen aus der laufenden Produktion forderten. {...} a) Beuteaktionen: Die Besetzung Ost- und Mitteldeutschlands durch die Rote Armee war mit einem rücksichtslosen Beutezug verbunden. Ohne irgendwelche Registrierung wurden riesige Sach- und Kunstwerte aus öffentlichem und Privatbesitz beschlagnahmt und ostwärts verfrachtet. Ferner erbeuteten die Sowjets Mrd.-Beträge an Reichsbanknoten, denen sie später deutsche Lieferungen und sonstige Leistungen „bezahlten“. Der Wert der bei den Beuteaktionen entnommenen Gegenstände wird auf etwa 5 Mrd. Mark geschätzt; die Menge der erbeuteten Banknoten muss mit ebenfalls mindestens 5 Mrd. Mark angenommen werden.

b) Demontagen: Die Sowjets hielten sich nicht daran, kriegswichtige Industrien zu entfernen, sondern demontierten und beschlagnahmten auch für die Friedenswirtschaft unentbehrliche industrielle Kapazitäten. Folgende Abschnitte der Demontagen sind erkennbar:

1. Welle von Mai bis Anfang Juli 1945. Bis zum Beginn der Besetzung Berlins durch die vier Alliierten räumten die Sowjets hier alle in dieser kurzen Zeit nur irgend demontierbaren Fabriken, vor allem in West-Berlin, aus. Etwa 460 Berliner Betriebe wurden von den Sowjets voll demontiert und abtransportiert, davon 149 Betriebe des Maschinen und Apparatebaus, 51 Metallurgiebetriebe, 46 Betriebe der Feinmechanik und Optik und 44 Betriebe der Elektroindustrie. Etwa 75 v.H. der bei der Kapitulation noch vorhandenen Kapazitäten wurden betroffen. 2. Welle von Anfang Juli bis Herbst 1945. Hiervon wurden industrielle Großbetriebe der gesamten Zone ebenso wie mittlere und kleinere Werke betroffen. Zu dieser Zeit begann auch der Abbau der zweiten Gleise auf sämtlichen Eisenbahnstrecken der Zone. Wieder wurden Produktionskapazitäten von Friedensindustrien abgebaut: Braunkohlenindustrie, Ziegeleien, Textil- und Papierfabriken, Zuckerfabriken usw. 3. Welle von Frühjahr bis Spätsommer 1946. Nach einer vorbereiteten Liste wurden weit mehr als 200 große Industriebetriebe der chemischen Industrie, der Papierindustrie, Schuhfabriken, Textilwerke usw. demontiert. 4. Welle von Oktober 1946 bis Frühjahr 1947. Obwohl Marschall Solokowski bereits am 21.05.1946 die Demontagen für abgeschlossen erklärt hatte, setzte einige Monate später eine vierte Welle ein, von der z.B die Zeisswerke Jena, Kraftwerke, Druckereien und einige Rüstungsbetriebe, die bis dahin für die Sowjets weitergearbeitet hatten, betroffen wurden. 5. Welle Herbst 1947. Nach einem weiteren halben Jahr wurden nochmals wichtige Betriebe der Friedensindustrie abgebaut: Braunkohlenwerke, Brikettfabriken, Kraftwerke und weitere 1.100 km Eisenbahngleise. 6. Welle Frühjahr 1948. Bei dieser vorläufig letzten Welle wurden drei Betriebe, die vorher zu SAG-Betrieben erklärt worden waren, voll oder zum Teil demontiert, darunter Anlagen des Buna-Werkes in Schkopau (Sowjetische Aktiengesellschaften).

Von den Demontagen wurden oft auch solche Betriebe betroffen, die inzwischen durch die deutschen Arbeiter wieder in Gang gebracht worden waren. Der „Bremer Ausschuss für Wirtschaftsforschung“ gibt in seiner 1951 veröffentlichten Schrift „Am Abend der Demontagen“ u.a folgende Demontageverluste der SBZ im Vergleich zum Jahre 1936 an: Walzwerke 82 v. H., Eisenschaffende Industrie 80 v. H., Hohlziegelerzeugung 75 v. H., Zementindustrie 45 v. H., Papiererzeugung 45 v. H., Energieerzeugung 35 v. H., Schuhindustrie 30 v. H., Textilindustrie 25 v. H., Zuckererzeugung 25 v. H., Braunkohlenbergbau 20 v. H., Brikettfabriken 19 v. H.,´“

Im August des Jahres 1958 begannen Verhandlungen über die Rückkehr deutscher Kriegsgefangener. Dies haben die Menschen im Ostteil Deutschlands nicht Ulbricht, sondern Adenauer zu verdanken! Leider kam mein Vater nicht wieder. Da im Westteil der Marshallplan den Aufbau Westdeutschlands beschleunigte, hatte die Sowjetunion in Mitteldeutschland erst einmal jedes zweite Gleis der deutschen Reichsbahn ausgebaut und weggeschafft. Und die Hauptindustriegebiete befanden sich vor dem Krieg – außer dem Ruhrgebiet – vor allem in Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Dennoch sollten die nächsten 10 Jahre für die nachwachsenden Musiker gute Zeiten werden. Die besten Musikinstrumente aus dem Erzgebirge und dem Vogtland konnten frei gekauft werden. Derweil begann die SED, sowohl die Privatwirtschaft als auch die fleißig arbeitenden Bauern langsam, aber immer intensiver zu attackieren. Die Entwicklung interessierte uns junge Burschen vorerst wenig, obwohl ich schon damals spürte, dass in unserem von Russen besetzten Territorium etwas nicht stimmte.

Ein Spruch war damals sehr beliebt unter uns Kindern. Die Frage lautete: „Was ist, wenn dein Schlüssel abbricht?“ Antwort: „Da ist der Bart ab“.

„Der Spitzbart muss weg“ – genau diesen Spruch haben wir bedenkenlos überall hingekritzelt. Ich verfügte schon als Kind ein grauenvolles und gnadenloses „Gerechtigkeitsgefühl“, und dieses brachte mich auch später oft in Bedrängnis.

Aber für mich gab es vorerst nur eines, und zwar ein Gitarrenlehrbuch kaufen und „bimsen“. Das ist sächsisch und heißt: Lernen, dass die Schwarte knackt. Mir schmerzten manchmal abends die Hände vom vielen Greifen. In der Schule war ich nicht ganz so fleißig. Ich habe mir nur in solchen Dingen Mühe gegeben, die mir Spaß machten.

Etwa so wie Karl May, der ja bekanntlich aus dem nahen Hohenstein-Ernstthal stammte und ähnlich wie ich öfters mal die Schule schwänzte. Erst im Jahr 1985 brachte es die totalitäre Führung der Betonkommunisten fertig, in dessen Geburtshaus ein Museum zu eröffnen. Karl-May-Bücher waren in der DDR ja verboten. Wie? Nein, das ist Tatsache! Ich besaß trotzdem eines – den vom Großvater „geerbten“ zweiten Band von Winnetou. Allerdings konnte ich noch mehr von denen lesen, denn bei meinen Großeltern im Haus nannte ein älterer Architekt fast alle Bände dieses großen sächsischen Sohnes sein eigen. Im Ernstfall wäre er alle Bücher los gewesen. Die kommunistischen Ereiferer verbrannten zwar diese Bücher nicht wie die NSDAP im Jahr 1933, doch sie waren ein Stachel im Geiste der „Freien deutschen Jugend“, wie die Kaderschmiede der SED genannt wurde. Ein jedes, was aus dem „Westen“ kam, war verboten! Alle sollten der FDJ beitreten. Weiterhin mussten viele in die lächerliche „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ eintreten. Es war ekelhaft. Wir sollten die Rotarmisten ehren, und gleichzeitig wurde meine Klassenkameradin von Russen, wie sie von uns Kindern genannt wurden, vergewaltigt! Das Mädchen war derzeit zehn Jahre alt! Da wurde viel versucht, dieses Verbrechen zu vertuschen. Noch 1989, kurz vor unserer Flucht in die Freiheit, wurde die Tochter unserer Sängerin im Zeisigwald nahe Karl-Marx-Stadt von Russen vergewaltigt.

Wer sich weigerte, in bestimmte DDR-Organisationen einzutreten, wie: Junge Pioniere, FDJ, GST oder Ordnungsgruppen, machte sich bereits verdächtig. Ich wurde auch nur Mitglied der FDJ, weil alle Lehrlinge eintreten sollten. Nachdem ich merkte, dass es hierbei nur um Zahlen für die Meldung nach Ostberlin ging, war ich nach vier Wochen wieder draußen, indem ich das Mitgliedsbuch zerriss. Mein Verhalten konnte man schon als Eklat bezeichnen, und es war „dumm“ von mir, denn diese Daten wurden natürlich ohne mein Wissen gespeichert. So etwas ging nur wieder gutzumachen, indem man sich z. B später für drei Jahre freiwillig zur Nationalen Volksarmee verpflichtete. Danach standen dem korrekten DDR-Bürger männlichen Geschlechts logischerweise alle Türen offen.

Mein langjähriger Freund Gerold gehörte auch dazu. Er hat Hauer in den unmenschlichen Wismutgruben des Erzgebirges gelernt, in denen die Sowjetunion uns in Form von Reparationen das sächsische Uran entnahm.

Unser Uran

2 „Der Uranbergbau in der SBZ wird von der sowjetischen Wismut AG., seit 1.1.1954 angeblich zu einer deutsch-sowjetischen Aktiengesellschaft umgewandelt, betrieben. Die Sowjets schufen damit ein völkerrechtliches Novum, da erstmalig die Siegermacht eines Krieges ohne Fühlungsnahme mit früheren Verbündeten nach eigenem Ermessen in dem von ihr besetzten Gebiete die Bodenschätze als Reparationsleistungen ausbeutet. {...} 1. Erzgebirge und Vogtland mit den Hauptzentren in und um Aue, Johanngeorgenstadt, Falkenstein und Schneeberg; 2. Thüringen mit Hauptzentren um Ronneburg.

Die Zahl der im Uranbergbau beschäftigten Deutschen wird von der Wismut AG. streng geheimgehalten. Nach zuverlässigen Schätzungen betrug der Beschäftigungsstand bei der Wismut AG. im Herbst 1951 etwa 225.000.´“

Viele Bergschadengebiete im Erzgebirge sind durch den Uranbergbau noch heute zu sehen. (Aue, Johanngeorgenstadt, Falkenstein, Schneeberg, Ronneburg und andere.)´“

Nach der Lehre in den Wismutgruben verpflichtete sich mein Kindergartenfreund Gerold für drei Jahre zur Marine nach Peenemünde. Als er entlassen wurde, bekam er einen Posten beim Stadtbezirksbüro als „Kulturreferent“ – einem typischen, subventionierten „Sinnlosberuf“ der DDR. Davon gab es viele Zehntausende im Terrorstaat DDR. Man besucht mal den Tierpark, fragt nach Problemen, die es ohnehin immer gab. Oder es wurde ein neuer Jugendclub eröffnet, wo er den Leitern mitteilte, was die neuen politischen Vorgaben sind. Mein Freund konnte das nicht lange durchstehen, da wir alle eine andere Meinung hatten gegenüber der kommunistischen Diktatur, die sich immer weiter herauskristallisierte.

Trotzdem muss ich sagen, in der einstmaligen DDR haben wir eine gute Allgemeinbildung erhalten. Beim Betrachten der heutigen Pisaergebnisse, wird mir schlecht. Selbst angeblich gebildete Studenten in den „Fernsehgewinnshows“, die gar die einfachsten Fragen nicht beantworten können, beweisen, dass die Allgemeinbildung in Deutschland rapide auf dem Rückzug ist. Da bin ich ja noch froh, dass neben den Bayern die Sachsen, Thüringer und Baden-Württemberger die „Spitze“ bilden. Aber auch sie erbleichen gegenüber den Leistungen von Finnland oder Südkorea zum Beispiel. „Der Staat ist nun mal das Eben- und Leitbild der politischen Führungselite“ Und da wird es, dank linker Schulpolitik in Deutschland, in den nächsten Jahren noch viel schlechter werden.

Leider waren die politische Verblödung und dazu das sinnlose Lernen der Russischen Sprache vollkommen fehl am Platze. Ein einziges Mal konnte ich meine russischen Kenntnisse anwenden. Bei einem Spaziergang auf dem Karl-Marx-Städter Brodway, der „Straße der Nationen“, sprach mich ein junger Rotarmist an, der gerade vom Hauptbahnhof kam und zu seiner neuen Garnison wollte. Ich konnte ihm fast fließend mitteilen, welche Straßenbahn er zu nehmen hatte. Etwa so, wie sich Angela Merkel mit dem ehemaligen Dresdner „Stasilehrling“ Putin unterhält. Ich wäre froh gewesen, man hätte mir Französisch beigebracht, zumal meine Großmutter aus der französischen Schweiz stammte und mein Großvater in Straßburg geboren wurde.

Inzwischen lernte ich erst einmal weiter Gitarrespielen ohne Lehrer, denn das Geld dafür konnte meine fleißige Mutter, die zwei Jungen versorgen musste, nicht aufbringen. Doch das war ein Vorteil unserer Generation. Wir hatten kein Fernsehen. Das Fahrrad wurde mit Teilen vom Schuttabladeplatz zusammengebaut. Während der Schulferien trieben wir die Kühe aus, natürlich für Geld, und zum Essen fanden wir genug in fremden Gärten. Es gab auch eine neue Wurstsorte, die von Nikita Chruschtschow angeregt wurde. Sein Rat bestand darin, nicht so viel Fett zu essen, sondern die „Wurst am Stengel“ zu verspeisen – den Mais! Wir waren also hart gesotten und kein bisschen verwöhnt, und all das sollte sich im späteren Leben auch auszahlen! Die beste Lebensschule, die man bekommen kann, ist – nicht verwöhnt zu werden!

Eine soziale DDR!?

In den enteigneten Betrieben der DDR wurden die Eltern unterstützt. Alle Kinder ab dem Schulalter konnten auf „volkseigene Betriebs- und Staatskosten“ einmal im Jahr 14 Tage in den Urlaub fahren. Das war eine gute Sache. So war ich 9-mal in den Kinderferien und obendrein immer in anderen Gegenden der DDR. Die Eltern, meistens war es nur die Mutter, bekamen somit auch Gelegenheit, sich von den Arbeitsstrapazen zu erholen. Nein, es wurde nicht geschlafen in der DDR! Aber das hirnlose Wirtschafts- Plan und Subventionssystem, welches von der Sowjetunion diktiert wurde, war eine „Teilhauptursache“ der Misswirtschaft in der DDR.

Indessen verbreitete sich ein „böser“ Virus, denn nun schwappte die „Westmusik“ zu uns rüber, inklusive Rock´n Roll. Dazu konnte die Führung der SED nichts anderes entgegensetzen, als möglichst vieles von „drüben“ zu verbieten. Dies sollte ich auch ganz schnell merken. Wir waren oft zum so genannten „Schloßteichfest“ in der Stadt. Weil wir am Stadtrand wohnten, liefen wir durch den Küchwald, um Straßenbahngeld zu sparen und ich nahm ab und zu meine Brennholzgitarre mit. Inzwischen konnten wir ja die Hits von Gus Backus, Bill Ramsey, Martin Lauer, Peter Kraus, Peter Beil und vielen anderen auswendig. Dann saßen wir manchmal am Schloßteich und machten etwas Musik.

Es dauerte nicht lange, da erschien auch schon die erste Polizeistreife und meinte: „Ausweis, und sofort aufhören!“

„Warum?“, fragte ich das erste Mal.

„Das ist Ruhestörung!“

„Aber die Musik von den Fahrgeschäften ist doch viel lauter“, meinte ich.

„Da komm mal mit“. Ich wurde regelrecht verhaftet und in das nahe gelegene Polizeipräsidium gebracht. Dort wurden meine Angaben und der Ausweis überprüft, und ich wurde aufgeklärt, dass das Musizieren auf der Straße verboten sei. Straßenmusik ist „Ruhestörung“ und kann als „Landstreicherei“ bestraft werden. Apropos Ruhestörung: Das nächste Wohnhaus stand etwa 300 m entfernt! Ja, und das nächste Mal würde meine Gitarre konfisziert.

An meiner Stimme kann es nicht gelegen haben, denn meine Freunde sagten allesamt: „Leo hat ’ne Superstimme:“

Im Sommer gab es dann immer das so genannte „Pressefest“. Heute übrigens immer noch. Da kam mal eine Beat bzw. Gitarrengruppe aus Schweden, wo es uns so richtig kribblig den Rücken runter lief. Vier „Bretter alias E-Gitarren“ und Drums. Damals bekannte Hits nur mit reinem Gitarrensound gespielt. Wie sagten wir zu dieser Zeit? „Die blanke Lecke“, und obendrein mit einer Superanlage, dass wir aus dem Staunen gar nicht herauskamen. Hier sagte ich mir: „Ach, wenn du bloß Musiker werden könntest.“

Nach einer gebrauchten Halbresonanz Schlaggitarre – ebenfalls mit chaotischer Saitenlage – kaufte ich mir auf Teilzahlung eine E-Gitarre. Ein Super Brett mit einer Spielbarkeit bis über den 24-ten Bund, und auch darüber hatten die Finger noch genügend Platz! Der Gitarrist weiß, was das heißt. Die Saiten blieben fast kerzengerade, ohne auch nur minimal zum Steg aufzusteigen.

Warum auch? Dieses Instrument hätte ich 10 Jahre später nie und nimmer kaufen können. Für ganze 378,- Mark der DDR. Dies wären nach dem „Umtauschkurs“, den wir nach unserer Flucht 1989 in Coburg vorfanden, ganze 34,36 DM oder heutzutage 17,50 €!

Also, am „Ausverkauf der DDR“, wie die Genossen immer schimpften, war schon was dran. Auch habe ich auf der Musikmesse in Frankfurt/Main, nach der Wende, ein solches Instrument niemals wieder gesehen!

Doch noch einmal zurück. Früher – also vor oder während des Krieges – gab es in allen größeren Städten in Deutschland die so genannten Stadtpfeifen. Das waren keine Personen, auch niemand, der in der Politik arbeitet, sondern die damaligen Musikschulen. Also ging es ab in derartige Einrichtungen, und man ließ sich musikalisch und auch politisch bilden.


Der Verfasser: zweiter von rechts mit dieser E-Gitarre vorm Haus „Bärenstein“ beim „Stoneln und Beateln“. Anno 1964

In der DDR war die geistig-politische Ausrichtung teilweise wichtiger als die musikalische. So wurde jedenfalls gesagt: Ohne die richtige Weltanschauung kannst Du auch keine ordentliche Musik machen. Das war in der DDR um Gottes Willen, nein, um Karl Marx’ Willen kein Widerspruch. Wir kommen noch später darauf zurück.

Die Waldbühne in Berlin/West haben wir kurz vor „Ladenschluss“, also im Jahr 1961, und unwissentlich, was bald passieren wird, noch einmal besucht. Hier verspürte ich große Lust, gleich dort zu bleiben. Doch ich ließ mich von meinen Freunden überreden und habe es dennoch zwei Monate später bereut. Wie sagte doch Walter Ulbricht, genannt die „Sportulbe“, kurz vor dem Mauerbau!?

„Die Bauarbeiter in Berlin bauen Wohnungen, die haben keine Zeit, eine Mauer zu errichten.“

Viele meiner Schulkameraden sind schon vorher mit Sack und Pack „ausgewandert“. Auch wir versuchten es, nur hat dies meine Mutter bis heute noch nicht erfahren. Jedoch bewog uns das Gebrülle und Hundegebell im Grenzbereich unseres schönen Vogtlands, wieder umzukehren. Wie hieß ein Titel einer unserer Schlagersängerinnen? „Mit 17 hat man noch Träume, da wachsen noch alle Bäume, in den Himmel der Liebe“. Aber so liebreizend waren die Grenzsoldaten nicht, denn sie hatten Schießbefehl. Und wir verspürten nicht die geringste Lust, wegen „Republikflucht“ eine Weile hinter Gefängnismauern zu hausen. Eine grandiose Zeit brach an nach dem Auferstehen der Mauer. Zehntausende wurden eingesperrt wegen jenes obigen Vergehens. Hunderttausende wurden regelmäßig „überprüft“. Lächerliche „Untaten“ wurden furchtbar bestraft. Es genügte, am Vorabend des 1. Mai ein paar Lämpchen auszudrehen, die am Rand eines Bildes von Walter Ulbricht leuchteten. Ich habe einen Bekannten von mir zwei Jahre nicht mehr gesehen. Er wurde daraufhin für dieses „Vergehen“ eingesperrt!

Liebe Leser, vergleichen Sie bitte nur ein Beispiel über diesen totalitären kommunistischen Staat! Im dritten Reich gab es etwa 7 000 Personen, die für den „Staatsschutz“ tätig waren, den so genannten SD (Sicherheitsdienst). In der humanistischen, menschenfreundlichen, sozialistischen DDR gab es über 90 000 hauptamtlich Beschäftigte der Staatssicherheit. Hinzu kamen 1,9 Millionen Mitglieder der Zuträgerpartei SED.

Jeder Kaderleiter (Personalchef) war logischerweise ein Gehilfe des SSD (Staatssicherheitsdienstes). Obendrein existierten mehrere 100 000 Mitglieder der „Kampfgruppen“, die aufgestellt wurden, um nie wieder einen „17. Juni“ zu erleben bzw. einen solchen im Keim zu ersticken. Der FDGB, genannt „Freier Deutscher Gewerkschaftsbund“ war die größte Frechheit, die sich Kommunisten ausgedacht hatten. Die Verfassung der DDR, bis zum Bau der Mauer, garantierte in Artikel 14 Abs. 2 das Streikrecht der Gewerkschaften. Doch der FDGB lehnte Streiks in VEB, also „volkseigenen Betrieben“, ab. Die Argumentation lautete: Der Bürger kann nicht gegen sein eigenes Eigentum streiken. Privatwirtschaft durfte hingegen bestreikt werden, damit sie noch schneller von der Bildfläche verschwand.

Nach Errichtung der Mauer gab es noch andere nette Dinge, die sich die „Wandlitztruppe“ einfallen ließ. Es gab auf einmal Ordnungsgruppen der FDJ (Freie Deutsche Jugend), die den Auftrag erhielten, sämtliche „Ochsenköpfe“ – Antennen, mit denen man das ARD empfangen konnte – von den Dächern des Landes zu verbannen und herunterzureißen. Wer sich diesem Unterfangen widersetzte, wurde polizeilich vorgeführt, wie dies hieß. Der bayrische Berg „Ochsenkopf“ war für uns in Sachsen – und auch noch etwas weiter nördlich – das Symbol für freies Fernsehen. Im Handel gab es auf einmal keine entsprechenden Aluminiumstäbe mehr, um sich eine Antenne selbst zu bauen. Also machte man folgendes: Wir fuhren in das heutige Mecklenburg-Vorpommern und ließen von Verwandten offiziell die Fernsehantenne für den Kanal 4 kaufen. Das war das DDR-Fernsehen für den Norden. Die Genossen waren darüber natürlich informiert, und deshalb blieb Bürgern aus dem Süden der DDR die Antenne für den Kanal 4 verwehrt! Schließlich musste ja der Personalausweis gezeigt werden!

Mein Ziel bestand erst einmal darin, mich musikalisch zu festigen. Auf meinem Brett, sprich E-Gitarre, alle Titel zu spielen, die ich entweder auf der Mittelwelle oder Langwelle von Radio Luxemburg hörte. Dazu gehörte natürlich eine Truppe, anfangs mit Akkordeon und Gitarre. Dann probten wir in einer Gartenkantine schon zu viert, mit zwei Gitarren, Akkordeon und Schlagzeug. Nun verhielt sich es nicht so, wie hier im vereinigten Deutschland, dass man ohne weiteres Musik machen durfte. Es gab genaue Vorgaben des Kulturministeriums der DDR, in denen stand, dass ein jeder, der musizieren möchte, um damit Geld zu verdienen, erst einmal eine „Einstufung“ absolvieren musste. Dies hatte sich der DDR-Kulturminister, Herr Klaus Gysi, so erdacht.

Da gab es die – man höre und staune – Einstufung A. Das bedeutet, mit dieser Klasse darf man offiziell 4,00 Mark verdienen, pro Stunde natürlich plus Nebenkosten wie Anfahrt, Technik oder Notenmaterial. Die Klasse B war schon ganze 6,00 Mark wert. Die Stufe C umfasste 7,50 Mark, und danach gab es freie Vereinbarung. Dazu gab es für Amateure, wie unsereiner, noch eine theoretische Prüfung sowie ein praktisches Vorspiel. Die theoretische Prüfung bestand darin, dass man von einem kleinen Haufen umgedrehter Zettelchen drei ziehen musste. Auf deren Vorderseite standen Fragen, und wer diese bestand, bekam die Stufe E zugesprochen. Das war die theoretische Grundstufe, die jeder bestehen musste. Diese Prozedur durfte jedes Jahr aufs Neue vollführt werden. Dazu gab es dann verschiedene Hinweise, die beispielsweise lauteten: „Ihr müsst die AWA-Listen (hier GEMA) ordentlich ausfüllen!“ In der DDR natürlich im Verhältnis 60 Prozent zu 40 Prozent, was bedeuten sollte, nur 40 Prozent Hits aus dem Westen und 60 Prozent DDR-Titel. Nur hätten wir uns in der gängigen Praxis daran gehalten, wären wir unweigerlich von der Bühne gefegt worden.

Heute würde ich es begrüßen, wenn junge Amateure eine adäquate Prüfung ablegen würden, denn was in den hiesigen Gazetten als „Spitzenbands“ angepriesen wird, ist größtenteils eine Zumutung. Hier muss ich aber eine große Brücke schlagen zu den Blasorchestern, die ich in den alten Bundesländern kennen gelernt habe. Was bei denen an fleißiger, ehrenamtlicher und notistischer Arbeit geleistet wird, ist mehr als nur enorm. Ja, und diese vielen Musiker aller Altersgruppen treten auf, ohne Geld einzuheimsen. Dazu sind sie alle gewisse Notisten und keine „Banknotenmusiker“ wie die meisten Lärmamateure in Deutschland!

Bei unseren ersten Auftritten als zugelassene Band merkte ich, als Musikus steht man nicht nur auf der Bühne, nein, man wird auch von den jungen Damen bewundert. Also, wenn dies kein Grund ist, zu „Höherem“ zu streben. Unser Akkordeonist arbeitete als Erzieher in einem '„Jugendwerkhof“ für Mädchen. Ein Werkhof war ein offenes Heim für junge Menschen, deren Eltern die Erziehung ihrer Kinder über den Kopf wuchs oder wo die Eltern nicht aufzufinden oder einfach „verschwunden“ waren. Dies sagten jedenfalls die Erzieher. In Wirklichkeit konnten die Erziehungsberechtigten die DDR noch vor dem Mauerbau verlassen und wollten nun die Kinder nachholen. Ein solches Unterfangen war höchst gefährlich. Keineswegs können die jungen Menschen so einfach in den furchtbaren Kapitalismus entlassen werden, meinte man. Und Bossa, so nannten wir unseren Bandchef, denn damals gab es noch keinen „Bandleader“, brachte es fertig und machte zwei Musiktermine aus mit dem Werkhof. Das hieß für uns inzwischen fünf junge Musikanten: Wir spielten die neuesten „Westhits“ vor den Augen von 67 Mädchen, die jungen Erzieherinnen nicht mit eingerechnet. Weshalb ich diese Erlebnisse nicht vergesse, liegt wohl an Folgendem. Als wir eine Pause einlegten und auch mal pinkeln mussten, gingen wir in Richtung Männertoiletten, die gab es dort auch. Nur was war denn das? Sämtliche Toiletten waren schon mehrfach belegt mit Mädchen, die auf einen von uns fünf Kerlen warteten. Die Erzieherinnen mussten die Mädels erst einmal aus den Männertoiletten jagen. Doch beim zweiten Mal blieben die Erzieherinnen fern. Also gab es eine Menge zu tun, und wir mussten uns selbst der „herrlichen Angriffe erwehren“.

Als zwei Jahre später die ersten Beatles- und Stones-Titel erschienen, kamen wir uns damals schon vor wie Superstars, obwohl wir nur kleine Amateure waren. Die Bühnenmode damals bestand aus weißem Hemd, weißen Hosen, und im unteren Teil der Hosenbeine wurde auf „Glocke“ ein blauer Keil eingenäht. Ansonsten alles sehr eng gehalten, auf gut deutsch „Röhrenjeans“ genannt. Manchmal legten wir uns mit Hosen in die Badewanne und ließen sie am Körper trocknen. Dann saßen sie auch ordentlich.

Natürlich hatten wir für den nächsten Sonntag „Termine“ ausgemacht. Dann fuhren wir nach Klaffenbach, so heißt dieser Ort nahe dem heutigen Chemnitz. Wir warteten in der vereinbarten Gaststätte. Da die meisten Mädels Ausgang bekamen, dauerte es auch nicht lange, und für jeden war genug „Arbeit“ vorhanden. In ihren Augen waren wir Stars. Doch die Mädchen hatten es schwer. Arbeit gab es zumeist in der Landwirtschaft, denn sie mussten ja irgendeinen Beruf erlernen. Nach ihrer Ausbildung wurden sie auf alle Bezirke der DDR verteilt.

Mittlerweile spielte ich in einer neuen Formation. Zwei Gitarren, Bass und Drums. Was hatten wir für eine Technik? Eigenbauverstärker mit zwei Boxen. Die Lautsprecher waren jedoch super. Wir kannten jemanden, der als alter Kinotechniker bekannt war. In der Nähe von Karl-Marx-Stadt, gab es einen ehemaligen Stützpunkt aus der Vorkriegszeit, wo noch jede Menge ausrangierter Kinostandlautsprecher zu haben waren! Die befanden sich zwar im total verdreckten Zustand, klangen aber wie neu und machten echt Dampf! Uff, war das eine Wolke! Eben echt deutsche Wertarbeit. Diese Monster waren ziemlich schwer und musste deshalb in der Box auf dem Boden angeschraubt werden, doch mit ihnen konnten wir eine Weile mithalten. Die Boxen haben wir uns selber gebaut. Getragen wurden sie zu viert! Das Hallgerät für mein „Gitarrenbrett“ war ein so genannter Federhall. So gab es für 120,00 Mark ein Selbstbauset mit einer Handvoll Widerständen, zwei Reglern und einem Aluminiumkasten von etwa 60 cm Länge mit zwei langen Metallfedern darinnen. Mit dessen Hilfe konnte man schon einen gewissen Sound erstellen. Jedenfalls besser als gar kein Effekt. Allerdings konnten andere junge Musiker, die ihre Verwandten im freien Teil Deutschlands hatten, mit Original „Echoletten“ uns ziemlich alt aussehen lassen, denn inzwischen gab es eine riesige Welle an „Beattruppen“. Wir nannten uns Jugendtanzorchester „REAL“. Logischerweise fragten uns viele, was denn in Englisch „real“ heißt. Das war uns wurscht. Wir wollten die Stones, Beatles, Birds und alle anderen „echt-real“ nachkupfern. Na ja, uns fehlten wohl auch etwas die Stimmen dazu. Gut, ich konnte schon damals den „Postillon von Lonjumeau“ singen. Wir hatten dieses Stück häufig genug mit Akkordeonbegleitung in Gartenkantinen aufgeführt, nur ein Wildschwein macht noch keine Herde.

Die nächste „Vorspielprüfung“ war wieder an der Reihe. Als Kapellenleiter bekam man Bescheid, dass bis zu einem bestimmten Datum die Band zum Vorspiel gemeldet werden musste. Wir spürten – es lag etwas in der Luft. Nur was? Die SED-“Schwarten“ (Zeitungen) trugen zwar viele Namen, wie in Karl-Marx-Stadt die „Volksstimme“, die dann später in „Freie Presse“ umbenannt wurde und auch heute noch so heißt, aber sie schrieben allesamt das Gleiche. Was die SED-Lappen montags schrieben, durften die Blockflötenzeitungen dann am Dienstag nachdrucken. Viele von denen zogen vom Leder gegen die jungen Beatgruppen. Hier wurde schließlich „kapitalistisches Gedankengut verherrlicht“. Wie hieß es doch damals? „Lange Haare, kurzer Verstand“.

Alles wollte man verbieten, was aus dem bösen Westen kam. Genauso verblödet wie heutzutage, wo man jeden jungen Mann, der seine Haare schon frühzeitig verlor, als „Rechtsradikalen“ verdächtigt.

Es war ein Sonntag, als das Vorspiel beginnen sollte. Für diese Prozedur war der große Saal des VEB Gerätewerke auserkoren worden. Der Saal war voll, nicht mit Gästen, aber mit „Beatbands“ aus der gesamten Gegend. Was gab es da? Die „White Stones“, „Black Stones“, „Sputniks“, „Ferdy Herfter“ „Rhytmixer“ und viele schon bekannte Formationen.

Ein Funktionär und damaliger Berufmusiker, mit dem ich später auch noch gemuckt habe, trat auf die Bühne und sprach lautstark durch das Mikrofon: „So, Jungs, hört mal her, alles was hier drei Gitarren und Schlagzeug ist, die können gleich wieder gehen! Das gibt es gar nicht! Das ist keine Musik!“ – Stille und weiter: „Es dürfen nur die Bands vorspielen, die schon eine Spielerlaubnis hatten.“

Aha, also möchte man keine neuen Störenfriede haben, die fast keine DDR-Schlager spielen. Bloß diese DDR-Schnulzen wollte man genauso wenig spielen. Die Alternative bestand darin, eigene Stücke zu schreiben. Diese gab es zwar, doch 90 Prozent der Zuhörer weigerten sich standhaft, sie zu hören. Versuche diesbezüglich waren sinnlos. Dafür fehlte uns wohl die richtige politische „Ausrichtung“!

Es gab logischerweise Aufstand in Maßen. Man beschwerte sich, und wer eine gewisse Durststrecke von ein paar Wochen durchgehalten hatte und nicht zu aufdringlich wurde, konnte trotzdem vorspielen. Diesmal im Rathaus! Die Genossen wurden etwas nervös, und deshalb kam nun die erste Welle der „Kapellenverbote“. Die Richtlinie der SED lautete: Nur die eigene Musikkultur sollte gefördert werden und nicht die „jugendfeindliche Westmusik“.

Für die jungen Leute von damals war es eine harte Zeit. Man musste einfach durchhalten, wenn man ein gewisses Ziel vor den Augen hatte. Wir wollten genauso frei Musik gestalten wie Musiker im anderen Teile Deutschlands. Nur hatten wir entschieden schlechtere Voraussetzungen, aber das machte uns hart!

Sowjetische Musikauffassung

Musik

3 „Nach der in der DDR maßgebenden sowjetischen Musikauffassung kann „... das Wesen der Musik unmöglich im inhaltlosen Spiel reiner Klangformen bestehen ... sondern darin, die Vielfalt der Wirklichkeit in das Musikgestalten einfließen zu lassen. Musik, in diesem Sinn aufgefasst, spiegelt nicht nur Wirklichkeiten, sondern vermag auch aktiv in die Lebenszusammenhänge einzugreifen und somit zur Veränderung und Umgestaltung der gesellschaftlichen Zustände beizutragen.“´

Dies war für jeden Musikbegabten „leicht und verständlich“ zu verstehen. Hier hat man versucht, die Normen des sozialistischen „Realismus“ auch in der Musik aufleben zu lassen. Man wollte keinen Beat für die Jugend, sondern Klassik mit Paul Dessaus „Herrn Puntila und seinem Knecht Matthi“. Disharmonien statt melodischen Beat. Schmerzende Intervalle, damit jeder drauf hört! Nicht umsonst hat dieser Herr seinem Namen große Ehre gemacht. An seinem Haus soll gestanden haben: „Bissiger Hund“, und dies, obwohl er gar keinen Hund besaß. Böse Zungen sprachen von ihm als „Des-Sau“ oder Cis-Schwein“, und gar viele Sänger hatten Mühe; selbst erlebt in Karl-Marx-Stadt, die „schönen“ schrägen Intervalle sauber zu singen. Natürlich nur mit mäßigem Erfolg oder nur dort, wo es wirkte. Im Sprechtheater ging das Anliegen voll auf. Es gab eine Reglementierung, so dass der überwiegende Teil jener Stücke, die aufgeführt wurden, aus der Sowjetunion stammte. Einzig und allein mit dem Resultat, dass die gebildete Bevölkerung diesen Aufführungen fernblieb. Selbst hier wusste die SED-Führung sich zu helfen. Besonders in den größeren Städten wurden so genannte „Theaterringe“ gegründet. Die Schulen wurden zu monatlichen Theaterbesuchen mit den Kindern zwangsverpflichtet. Aber auch der Normalbürger konnte sich in so einem „Theaterring“ einkaufen. Für die Schüler war es sozialistische Bildung, und die Erwachsenen sorgten unbewusst dafür, dass die Aufführungen der ungeliebten russischen Stücke nicht im Abseits standen, sondern ebenso „gut“ besucht waren wie der „Freischütz“ von Karl Maria von Weber. Das Theateranrecht musste für das ganze Spieljahr gekauft werden, und wer bestimmte Bühnenwerke nicht sehen wollte, hatte somit für das Zuhausebleiben bezahlt. Natürlich waren die Preise lächerlich niedrig im Gegensatz zu den heutigen!

Doch das Musiktheater in der DDR konnte sich schon frühzeitig sehen lassen. Da dieser Apparat ein reines Subventionsmonster war, vermochte der Staat aus dem Vollen zu schöpfen. Schon bis zum Bau der Berliner Mauer gab es in der DDR Vorzeigetheater von höchstem Niveau. Zu nennen wären Institute von großer Tradition, wie das Leipziger Gewandhaus, die Dresdner Philharmonie, die Berliner Staatsoper, der Thomaner- und Kreuzchor und viele andere Staatstheater. Insgesamt 39 Sinfonie- und Kulturorchester, 47 Theater- und 3 Rundfunkorchester existierten. In der Klassik hatte die Staatsführung ihr Ziel erreicht! Anders verhielt es sich bei der „einfachen“ Schlagermusik. Hier versuchte man durch das Erich-Weinert-Ensemble, also dem Berufschor der DDR-Grenztruppen, den sozialistisch geschulten Nachwuchs zu fördern. Mit Frank Schöbel und anderen ist das Unterfangen ganz gut gelungen, aber es war eben nicht jene Musik, die den Großteil der damaligen Jugend zu dieser Zeit ansprach. Siehe diese Noten und deren Tempo:


Genau das war ein „Spitzenschlager“ der DDR. Langweilige Schlafwagenmusik! Obwohl eine schöne Melodie, jedoch für „unsere Bühne“ und „unser Publikum“ vollkommen ungeeignet.

Mit dem Volkeigenen Betrieb „Amiga“ versuchte man, die aktuellen Schlager der DDR zu vermarkten. Dieses Vorhaben gelang nur bedingt, denn dort durfte nur derjenige eine LP machen, der auch das nötige sozialistische „Niveau“ aufwies. Das hieß erstens: Der Text muss den Normen der „sozialistischen Moral“ entsprechen. Zweitens: Die Musik darf keine westliche Orientierung aufweisen (Rock´n Roll/Beat). Drittens: Der Künstler muss Absolvent einer der Musikhochschulen sein oder zumindest eine gute politische Schulung vorweisen. Ja, und viertens: Er muss auch musiktheoretisch über die adäquate Bildung verfügen. Wer dann noch in die „Amigastuben“ hineinwollte, brauchte sehr, sehr gute Beziehungen zur politischen und musikalischen Nomenklatura.

Man steckte in der Klemme, und das Fenster, aus welchem man sich zu weit hinausgelehnt hatte, war aufgeschlagen. Wir sollten doch eine „Freie Jugend“ sein! Das Nachspielen der Musik – ich vermeide englische Worte, da ich in Deutschland geboren bin – der Beatles, Rolling Stones und aller anderen emporkommenden Bands wollte man in der DDR radikal verbieten!

Wie schon anfangs erwähnt, wurden vielen Bands aus verschiedenen fadenscheinigen Gründen die Auftritte verwehrt. Man suchte in Abrechnungen kleinliche Fehler, sprach ein Verbot aus, weil die Truppe „Totenkopfschauen“ veranstaltet hatte. (Nichts anderes als beleuchtete Faschingsmasken). Ja, oder man hielt sich nicht an die vorgegebenen Regeln betreffs 60 Prozent zu 40 Prozent. Das schlimmste Vergehen aber waren aber die Buchstaben „VE“. Dies bedeutete „Verbotene Einfuhr“ und betraf einige Jahre lang alle Titel der Rolling Stones, als Beispiel genannt, oder Titel mit „unsozialistischem Text“ bzw. antikommunistischer Ausfälle anderer Bands aus der freien Welt. Die Leidtragenden waren u. a. die Butlers, die Sputniks, Band Meißen, die Swingenden Gitarren oder Klaus Renft. Mehrere Hundert Gitarrengruppen in der DDR wurden damals verboten. Ausschlaggebend sollte damals der im Jahr 1965 stattfindende Auftritt der Rolling Stones auf der Waldbühne gewesen sein, so munkelte man damals in gewissen Kreisen. Allzu sehr half dieses Gebaren nicht, denn jene Bands, die dauerndes „Auftrittsverbot“ bekamen, formierten sich neu unter neuem Namen. Amen! Das Paradoxon daran war, dass es die ersten Titel der Beatles „Little child“, „And the sweet“, „The cry and for shadow“ u. a. kurz darauf plötzlich als 45er Single zu kaufen gab. Leider hielt die Freude nur ein paar Wochen an, dann hatten die Genossen alles aus den Schaufenstern verbannt. Apropos Beatles – auch später, als man wieder etwas normal im Oberstübchen wurde, hat es in der DDR nicht eine einzige LP von den Beatles oder den Rolling Stones gegeben! Wohl aber wurden sie teilweise in den „sozialistischen Bruderländern“ verkauft. Die damalige privilegierte Theo-Schumann-Combo löste dieses Problem anders, und zwar mit Duldung der „Freunde“ in Ostberlin. Man übernahm den Titel der Stones, „The last time“, und fabrizierte daraus den DDR-Schlager „Das kann doch nicht wahr sein“. Also verbotene Musik mit genehmigtem Text. Die „Lumanns“ waren allesamt Absolventen der Musikhochschulen und hatten in der DDR zeitweise einen hohen Beliebtheitsgrad. Knackige Passagen für Gitarristen und Bassisten. Da hat sich in der „Repube“ so mancher die Finger „gebrochen“ beim Nachspielen. Vom musikalischen Können her waren sie besser als viele „Spitzenwestbands“. Doch der Gesang blieb schwach, und das „ordentliche Auftreten“ war nicht sehr beliebt.

Durch die ständigen Verbote wurde die Beatkultur bewusst klein gehalten, und nur die Linientreuen vermochten sich frei zu entfalten. So konnten sich Formationen wie die Pudhys, die sich anpassten, einen steilen Aufstieg machen. Ebenso wie Karat, Lift u. a. Aber trotz aller Bemühungen wurde die DDR diesbezüglich völlig überrannt. In Ungarn gab es die Omegas und in Polen die Roten Gitarren. Diese beiden spielten die Beatgruppen hier an die Wand, wofür jene jedoch nichts dafür konnten. Man durfte ja nicht richtig!

Die Arbeit

„In der „DDR“ kann jeder werden, was er will“. So lautete ein Spruch der SED, und ich füge hinzu: „Jeder kann werden, was er will, ob er will oder nicht!“ Die Berufswahl verlief ganz einfach. Man ging zu einem „Beratungsgespräch“ in das Rathaus, und dort wurde jedem jungen Menschen, der einen Beruf erlernen „musste“, gesagt, welche Möglichkeiten es gerade noch gab. Natürlich adäquat zu den Zeugnissen. Ich wollte in einem Musikgeschäft Verkäufer lernen. Es existierten noch zwei Privatgeschäfte in meiner Stadt, aber ohne die Möglichkeit, dort jemanden ausbilden, und dies aus den allseits bekannten Gründen. Also sagte man mir: „Wir haben noch einen Platz als Pelztierzüchter, das ist einmalig in der DDR. Da wird viel Geld verdient. Alles andere ist schon vergeben.“ Und da es kein Wartejahr gab wie im vereinigten Deutschland, musste ich einen Lehrvertrag abschließen. Zuvor war ich noch gefragt worden, ob ich tierlieb sei.

Somit waren die „Sache“ und das „Beratungsgespräch“ beendet. Meinen Beruf als Pelztierzüchter konnte ich kurz nach Beendigung der Lehre nicht mehr ausführen, weil dieser Betrieb geschlossen wurde. Den Nutrias und Nerzen hatte es scheinbar auch nicht gefallen, denn sie rissen entweder reihenweise aus oder wurden gestohlen. Zumal es viele Beschwerden hagelte, da sich gegenüber die volkseigene Brotunion befand. Nun zeigte sich im ganzen Bezirk Karl-Marx-Stadt keine Möglichkeit, meinen erlernten Beruf weiterzuführen. Nach zwei bis drei Arbeitsstellen bewarb ich mich bei den städtischen Theatern als Bühnentechniker, auch „Kulissenschieber“ genannt. Hier kam wieder etwas „Wärme“ in meinen Körper, denn ich konnte fast jeden Abend kostenlos im Opernhaus sein. Es war mehr die klassische Musik, die mich bewog diesen Schritt zu tun, mehr als Kulissen hin und her zu schieben. Die Beatmusik konnte ich erst einmal an den Nagel hängen, da ich annähernd jedes Wochenende im Opernhaus Dienst hatte. Es gab aber ein Hauptdepot für die beiden Theater, wo sämtliche Dinge für das Musiktheater, das Schauspiel und die Requisite aufbewahrt wurden. Dort setzte ich mich die nächsten fünf Jahre fest. Zur gleichen Zeit wurde die „Singakademie Karl-Marx-Stadt“ gegründet, ein Amateur-Chor mit etwa 160 Mitgliedern. Der Chorepetitor war gleichzeitig Leiter des Opernchores, in welchem ich sofort dabei war und für den Kammerchor herausgepickt wurde. Mit dem ganzen Chor führten wir viele berühmte Chorwerke auf. Von Orffs „Carmina burana“ bis Händels „Messias“ wurde die ganze Bandbreite durchgequirlt. Ich versuchte die Möglichkeit auszuloten, beruflich so schnell wie möglich in die Sangeskunst einzusteigen. Obgleich ich hin und her gerissen wurde zwischen Oper und Beat. Ich nahm Privatgesangsunterricht. Dieser war für mich kostenlos, da ich sozusagen im „Betrieb“ arbeitete und mit der Maßgabe studierte, als Chorist in drei bis vier Jahren eingestellt zu werden. Diese Möglichkeit war in der DDR gegeben, falls das entsprechende musikalische, sängerische und „politische“ Niveau vorhanden war. Bei letzterem musste ich etwas „vorspielen“, was jedoch normal war. Genau dieses Verstellen fiel mir schwer. Ich hielt besser den Mund!

In der Oper war die sozialistische Ausrichtung ebenfalls zu sehen und zu spüren. Als man im Jahr 1965 die „Aida“ inszenierte, wurde der Einmarsch der Wehrmacht in Österreich nachempfunden. An den Portalen stand mit Eichenlaub und in Goldschrift zu lesen: „Kanonen statt Butter“. Überall gab es Leute, die entweder alles noch marschmäßiger aufziehen oder mit einer Inszenierung Protest ausdrücken wollten. Genauso wie am „Deutschen Theater“ in Berlin. Hier trat 1963 der Intendant zurück, weil das Stück „Die Sorgen und die Macht“ von der Kulturkommission verboten wurde. Und dies in jenem Theater, welches nach dem Krieg am 07.09.1945 als erstes wieder eröffnet wurde. Es gab viele derartiger Dinge, die aber größtenteils unter den Tisch gekehrt wurden, falls sich eine Möglichkeit dafür bot.

1968 und der von der „Links-Partei“ vergessene Einmarsch in die CSSR

In den Staaten des „Warschauer Vertrages“ wurde ein jedes mit der sowjetischen Eisenhand geregelt. Sämtliche „Regierungen“ in den „Bruderstaaten“ waren Lakaien und Speichellecker Moskaus, mit Abstrichen gegenüber Albanien und Jugoslawien, denn Tito hatte seinen Krieg selbst gewonnen. Ihren Frust, dass alles nicht so gelang, wie man es sich laut Marx und Engels vorgestellt hatte, luden diese Roten Faschisten bei den Bürgern ab. Logisch, dass es ab und zu wieder einmal „Ärger“ geben würde. So geschah es auch 1968. Zufälligerweise drehte man in Prag einen Film über den Zweiten Weltkrieg, dazu wurden 20 Panzer amerikanischer Herkunft gebraucht. Diese fuhren dann aus Bayern auch in die tschechischen „Barrandov“-Filmstudios. Manche Funktionäre hatten jenen Einsatz schon als den verfrühten „Prager Frühling“ verstanden. Dubcek, der neue Vertreter Moskaus, wollte seinem Volk etwas mehr Freiheit und wirkliche Demokratie anbieten, und er meinte es ernst. Das Resultat: Wir mussten im August des Jahres 1968 mit den anderen „Bruderarmeen“ in die Tschechoslowakei einmarschieren, um den „Imperialismus“ abzuwehren. Mehrere Wochen lang wurden im Kreis Marienberg (Oberes Erzgebirge) große Truppenkontingente der NVA und der Sowjetarmee zusammengezogen. Als Grund gab man an, dass „Konterrevolutionäre Elemente“ gemeinsam mit der NATO einen Überfall auf die Bruderländer beabsichtigen. Genau jenem Streben sollte „vorgebeugt“ werden. Während unsere Truppen sich etwas „arrogant“ zeigten und zurückhielten, ließen die Russen die Sau raus. Sämtliche Wälder der Region waren voll mit russischem Dung und der „Prawda“. Wir kamen später dort an, und die „Iwans“ marschierten als erste rein. Ich wähle bewusst dieses Schimpfwort im Zusammenhang mit dieser Intervention! Im Süden gingen schon die Ungarn über die Grenze. Wir waren etwas danach dran. Die russischen Einheiten der Rückwärtigen Dienste bildeten eine LKW-Schlange, die Fahrzeug an Fahrzeug von Karl-Marx-Stadt bis nach Prag reichte – und dies in beide Richtungen. Nein, das waren keine Divisionen, sondern ganze Armeen, welche einmarschierten. Die sowjetischen Panzer fuhren durch mehrere Dörfer kerzengeradeaus und durchbrachen viele Häuser einfach so und ohne jegliche Rücksicht. Wer sich in den Weg stellte – und derer gab es viele – wurde ohne zu zögern überrollt. In Bärenstein sahen wir die ersten Resultate. In der gegenüberliegenden Stadt Weipert stand mit übergroßen Buchstaben auf mehreren Dächern zu lesen: „1938 Hitler – 1968 Ulbricht!“ Uns wurde es, bis auf wenige Ausnahmen, speiübel. Zu diesen Verbrechern wollte ich nicht gehören, denn Jahre später haben wir zu einen Blasmusikorchester in Nejdek, früher Neudek, sehr gute freundschaftliche Verbindungen aufgebaut. Sie haben uns auch mehrere Dörfer gezeigt, wo diese Truppen einst durchfuhren. Zum ersten Mal seit Bestehen der Mauer war ich froh, wieder in der DDR zu sein! Meine Wut auf das Militär war unvorstellbar. Verständlich, denn mein Vater musste auch für einen verbrecherischen Krieg sein Leben hergeben.

Der überaus beliebte Dubcek wurde nach Russland bestellt und abgesetzt. Wenige Jahre früher hätten die Sowjets mit solchen ehrlichen freiheitsliebenden Menschen, wie Dubcek einer war, die Todesstrafe verhängt. Für ihn installierte man den Kommunisten Husak, den großen „Freund“ Honeckers. Wie sagt doch der zynische Philosoph? „Der Krieg ist ein Nebenprodukt der Friedenskunst.“ Aha! Siehe „Bush Junior“!

Die Arbeit und die Kunst

Inzwischen hatte ich ein neues Instrument „entdeckt“, nämlich die Bassgitarre. Gleichzeitig absolvierte ich ein Teildirektstudium für Bass und Tuba. Bass in Dresden und Tuba beim Ersten Bassisten im Opernhaus Karl-Marx-Stadt.

Im Jahr 1969 sang ich am Opernhaus in Karl-Marx-Stadt vor, wurde aber nicht engagiert. Zwar sagte man mir:“Sie haben ausgezeichnet gesungen ...“, doch es ist so „Tradition“, wer nicht direkt von der Schule kommt, fällt erst einmal durch. Ein Jahr später bekam ich meinen Vertrag, und hier gleich als Chorsolist.

Ich hatte Glück, da ein sehr guter erster Tenor an die „Komische Oper“ nach Berlin gehen durfte. So wurde ich, zum Neidwesen verschiedener Kollegen, in allen Inszenierungen an dessen Stelle gesetzt, und diese war meistens ganz vorn.

„Unsere“ Gastarbeiter!?

Im östlichen Teilstaat gab es genügend Arbeit für alle. Die Löhne wurden tief gehalten und demzufolge immer und überall Arbeitskräfte gesucht. Das Dilemma begann etwa im Jahr 1964. Viele neue und große, staatlich bezahlte Wohnungen wurden gebaut. Die meisten zwar in Ostberlin, doch der Rest kam auch nicht schlecht weg. Die meisten Betriebe in und um Chemnitz waren oder wurden wieder aufgebaut. Nur vielen Werken fehlten ausreichend Mitarbeiter. So entschloss sich die nicht gewählte Regierung der DDR, aus den befreundeten Staaten Arbeiter zu rekrutieren. Zuerst wurden Verträge mit Ungarn abgeschlossen, um für eine bestimmte Zeit Bürger dieses Landes bei uns arbeiten zu lassen, da es dort weniger Arbeit gab.

Die ehemalige Gießereifirma „Krautheim“ in Borna bei Karl-Marx-Stadt suchte seit langem viele Mitarbeiter. Hier kamen nun die ersten ungarischen Bürger an, junge Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Kurzerhand baute man für sie, in der Nähe des Betriebes, eine große Baracke für etwa 50 bis 60 Personen, und die Sache schien gelaufen. Weit gefehlt! Allen Ungarn hatten die „Herrschaften“ in Ostberlin ein höheres Gehalt versprochen als den Einheimischen, und dies auch gehalten. Wenige Zeit später gab es Krawall. Durch einen Freund von mir, der dort arbeitete, erfuhr ich alles brühwarm. Es wurde eine Versammlung in der großen Betriebskantine anberaumt. „Die Ungarn kriegen mehr Geld als wir“, so lautete der Protest. Der Vertreter der Gewerkschaft, die letztendlich keine war, erklärte, alle sollten weiter arbeiten und die Sache würde geregelt. Nichts da! Keiner der Arbeiter stand auf. Die Alteingesessenen protestierten: „Das kommt gar nicht in Frage, jetzt wird das geklärt!“ Dann erschien wohl noch die „BPO“, also die Betriebsparteiorganisation der SED oder auch Unterorganisation der Staatssicherheit. Dies führte letztendlich zu der Regelung, dass ein jeder etwas davon haben sollte: Die Ungarn bekamen Arbeit und die Deutschen etwas mehr Geld. Weil die „Gastarbeiter“ aus Ungarn eine Minimiete bezahlen sollten, wurde diese daraufhin noch weiter gekürzt, und somit war der erste Frieden gerettet.

Wohnungen waren knapp, und jeder, der in seinem Betrieb einen AWG-Vertrag abschließen konnte, war froh. Derjenige wusste, in ein paar Jahren konnte er mit der Familie eine staatsfinanzierte Neubauwohnung beziehen. Die AWG, genannt „Arbeiter- und Wohnungsbaugenossenschaft“, war eine staatlich-betriebliche Organisation, in die eigentlich jeder eintreten konnte. Er sollte jedoch verheiratet sein, wenigstens ein Kind haben, in Schicht arbeiten oder auch bei den bewaffneten Organen tätig sein. Hinzu kamen noch viele andere Aspekte die bei einer solchen Vergabe die entscheidende Rolle spielten. Ein Teil wurde auch vom Staat, sprich vom entsprechenden Betrieb, mitfinanziert, und der andere Teil musste bezahlt und mit Eigenleistungen erbracht werden.

Kurze Zeit danach kam der nächste Mitarbeiter-Schub aus Ungarn. Und diesen neuen Arbeitskräften wurde mitten in der Stadt ein komplettes Hochhaus zugesagt. Dieses Haus war gerade erst fertiggestellt worden, und die Bürger von Karl-Marx-Stadt sollten dort einziehen. Viele der Ein-, Drei- und Vierraumwohnungen waren bereits für die Bürger der Stadt eingeplant, und sie hatten jahrelang gewartet. Rigoros wurde ihnen mitgeteilt, es gäbe im Moment noch keine Wohnungen. Wie war das doch mit dem „Staatseigentum“? Wer sind denn nun die Herren in der DDR? Die einfachen Bürger keinesfalls. Dieses Hochhaus wurde daraufhin im Volksmund auch „Paprikaturm“ genannt. Nichts gegen die ungarischen Bürger, sie freuten sich und hatten Arbeit. Die Mädchen aus der Stadt belagerten förmlich den „heißen“ Turm, und wir versuchten mit ihnen auszukommen.

Da es in Borna (bei Karl-Marx-Stadt) nur zwei Gaststätten gab, waren die „Buden“ abends immer voll. Voll waren sie aber auch schon, bevor die Ungarn kamen. Also zeigten sich langsam die ersten Spannungen. Man versuchte zuerst noch im Billardländerwettkampf die dicke Luft zu zerstäuben, doch nachdem die beiden Seiten genügend verloren hatten, kam, was kommen musste: Wir standen uns im Weg. Meine Freunde und ich hielten uns raus aus den „Plänkeleien“. Erst gab es fast jeden Tag abends Keilereien, und später stahlen ein paar Idioten den Ungarn ihre Motorräder, die sie sich hart erarbeitet hatten. Aber es sollte noch anders kommen.

Im Laufe der nächsten Jahre wurden verschiedene Gebiete der DDR, in denen die Industrie vorrangig war, mit „Saisonarbeitern“ förmlich überschwemmt. Nach den Ungarn trafen die Polen in unserer Stadt ein.

Da jeder Arbeit hatte, konnte auch niemand sagen, die würden uns die Arbeit wegnehmen. Nein, ganz im Gegenteil! In der DDR hatte ein jeder laut Gesetz nicht nur das „Recht auf Arbeit, sondern auch die Pflicht zur Arbeit“. Wer länger als eine Woche keiner geregelten Tätigkeit nachging, konnte von der Volkspolizei vorgeführt werden und wegen „Landstreicherei“ – Sie kennen das schon – mit Gefängnis bestraft werden! In diesem Staat existierten keine Arbeitslosen. Wer nicht arbeitete, erhielt auch kein Geld! Es gab keine Sozialhilfe oder ähnliches. Warum auch? Arbeit war mehr als ausreichend vorhanden, und qualifizieren konnte sich jeder. Natürlich blieb den meisten ihr Berufswunsch verwehrt, aber zählt das, wenn man überhaupt erst einmal Arbeit hat?!

Mit den Polen kamen die ersten weiblichen Arbeitskräfte, die auch in der DDR einen Berufsabschluss machen konnten. Die polnischen Arbeiter verstreute man im ganzen Land, von Frankfurt/Oder bis nach Annaberg-Buchholz im Erzgebirge. Im Norden waren viele Frauen von ihnen in der Fleischindustrie beschäftigt, wo man sich im Fernsehen darüber beschwerte, die Deutschen würden zu schnell arbeiten. Im Süden waren sie beim VEB „Kupferring“ im Erzgebirge tätig. Ich habe vereinzelte Polinnen kennengelernt. Darunter fanden sich einige bildhübsche junge Damen. Nur die Zähne – eine sehr traurige Kombination! Des Weiteren kamen nach Karl-Marx-Stadt Menschen aus Bulgarien, Kuba (genannt Kubbis), Vietnam (genannt Fidschis), Mosambikaner (genannt Mosis) und Russen, diese vertreten in der gesamten DDR mit über 750 Stützpunkten! Aber letztere waren nicht zum Arbeiten da, sondern um auf uns aufzupassen und auszubeuten. Es waren ja unsere „Brüder“, und diese werden einem ja vorgesetzt! Freunde kann man sich bekanntlich aussuchen. Viele der „Saisonarbeiter“ konnten ihren ersten ordentlichen Beruf erlernen, den sie dann in ihrer Heimat ausüben konnten. Im Allgemeinen waren sie so zwischen drei bis sieben Jahren da, um anschließend mit anderen Mitbürgern ihres Staates ausgetauscht zu werden. Dies erwies sich für die DDR als große Stütze, zumal ja der Ostteil Deutschlands in Osteuropa das „Aushängeschild“ war und Vorbildcharakter haben sollte. In den Jahren 1969 bis 1970 ging es nach unseren bescheidenen Lebensvorstellungen wohl auch ganz schön vorwärts. Ulbricht musste etwas tun, sprich einkaufen, denn die Genossen hatten sich kurz nach dem Bau der Mauer verpflichtet, in sieben Jahren die Bundesrepublik Deutschland nicht nur einzuholen. Nein, es galt der Spruch: „Überholen ohne einzuholen.“ Ein sinnloser Versuch, die florierende Marktwirtschaft im Westen mit „Rotem Terror“ und Unterdrückung der Bevölkerung gleichzusetzen.

Wie sagte man doch so schön: „Zwei Apfelsinen im Jahr und zum Parteitag Bananen.“


Allein die Tatsache, dass ein Teil unserer „Gastarbeiter“ den in der DDR ausgeführten Beruf in ihrer Heimat gar nicht ausüben konnte, war den Politquacksalbern in Ostberlin egal. Also schnappten sich viele junge „Zeitgastarbeiter“ eine einheimische Frau, und die wurde auch geheiratet. Das Ende vom Lied, sie brauchten nicht wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Nicht umsonst ist der Ostteil Deutschlands mit ehemaligen Bürgern aus diesen Staaten gut „besetzt“.

Hier aber ein Schnitt! Alle wussten, nur wer arbeitet, durfte bleiben. Damals gab es in Ostdeutschland, dank fehlender Arbeitsloser, auch keine Sozialhilfe.

Die Bevölkerung reagierte zusehends sauer, denn ein großer Prozentanteil des staatlichen Wohnungsbaus wurde nur für diese Gastarbeiter verbaut. Wenn wieder einmal ein paar Tausend '„Saisonarbeitskräfte“ nach Vertragsende in ihre Heimat fuhren, mussten sämtliche Häuser komplett renoviert werden. Natürlich erfolgte das auf Kosten der Bevölkerung. Ganze Horden ausländischer Krawallmacher zogen besonders an den Wochenenden durch die Stadt und liefen ganz bewusst dorthin, wo es „rundging“. Da gab es eine Großgaststätte, in welcher ich später auch musikalisch gastierte, mit dem wohlklingenden Namen „Schlachthof“. In der Nachbarschaft war der Stadtschlachthof und davor befand sich ein Hotel mit gleichnamigem Tanzsaal. Also schon vom Namen her der „ideale“ Platz, um die „Friedliche Völkerverständigung“, wie es in Ostberlin hieß, praktisch zu erleben und mit „Leben zu erfüllen“.

Langsam wurde es auch zur Gewohnheit, dass inzwischen schon die schönsten und größten Wohnungen mit der besten Sicht auf die Innenstadt den Bürgern aus fernen Ländern vorbehalten war. So auch nach dem Putsch in Chile. Mehrere Tausend Chilenen suchten Zuflucht in die DDR und wurden logischerweise großzügig unterstützt von unserer nicht gewählten Regierung. Hunderte Großplattenwohnungen wurden den Immigranten voll möbliert zur Verfügung gestellt! Als letzte Gruppe kamen ein paar Hundert junge Menschen aus Libyen zu uns. Hier kündigte man uns an, sie seien allesamt „Arbeiterkinder“, denen es nicht so gut gehe wie uns. Die Bürger waren aber gar nicht so arm, wie man uns beizubringen versuchte, denn ihre frei konvertierbare Währung – davon hatten sie überaus reichlich – war sehr beliebt bei den jungen ostdeutschen Damen. Schließlich konnte man damit im „Intershop“ einkaufen. Wer es nicht weiß, ein „Intershop“ in der DDR war ein Geschäft, in dem man Waren aus der BRD kaufen konnte und gar noch etwas billiger als dort.

Jetzt aber etwas zum Lachen. Eine der breitesten Straßen in Karl-Marx-Stadt war die Karl-Marx-Allee in der Mitte der Stadt. Direkt vor dem Haus der ehemaligen SED-Bezirksleitung hatte der sowjetische Bildhauer Lew Kerbel im Jahr 1971 seinen überdimensionalen 12 Meter hohen Karl-Marx-Kopf aufgestellt. Und dieser Kopf schaute direkt gegenüber in den „Intershop“ hinein. Was wird Karl bloß so gedacht haben über unsere DDR-“Aluminiumwährung“? Die Straße heißt heute noch die „Die Schädelgasse“.

Die Libyschen Jungen waren sehr beliebt bei den Mädchen, denn sie hatten richtiges Geld und lachten über uns Deppen. Obwohl – ich möchte mich nicht beschweren. Ab und zu haben wir auch als Musiker später in der „Hofbar“ oder der „Jalta Bar“ bei der praktischen Ausübung unserer Kunst „DDR-Geld“ getauscht, und zwar in Dollars. Wir büßten zwar etwas ein, doch für ein paar gute Rasierklingen und ein Parfüm für die Frauen war uns der Tausch schon wert. Diese Möglichkeit aber hatten nur wenige Menschen bis auf jene, deren Verwandte im freien Teil Deutschlands lebten. Und nicht jeder, der Verwandte „drüben“ hatte, bekam auch selbst Pakete in die DDR geschickt.

Vielen Bürgern waren speziell die Libyer ein Dorn im Auge. Extra ihretwegen wurde eine spezielle Mensa gebaut. Diese Gruppe bildeten Studenten mit Privilegien. Wahrscheinlich nur deshalb, weil sie hartes Geld hatten, bekamen sie auch Silberbesteck und keines aus Aluminium wie die anderen Kommilitonen. Ja, und eine Ärztin war immer für sie in Bereitschaft. Daran sieht man schon den traurigen Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Während die Bürger der „Bruderländer“ in die großen preiswerten älteren Tanzlokale gingen, bevölkerten die Bürger aus westlichen Staaten die teureren Bars dieser Stadt und ließen es sich auch anmerken, dass sie dank der richtigen Währung weitaus beliebter waren. Ein reinweg unzumutbarer Zustand!

Nun gut, eine Währung hatten wir auch. Zum Beispiel lag der Einzelhandelsumsatz pro Kopf der Bevölkerung der DDR für Nahrung und Genussmittel bei 3.400 Mark der DDR. So wenig? Das Brötchen kostete ja auch nur 5 Pfennig. Und nach drei Tagen konnte man es als Hammer benutzen. Aber für zwei Tage war es verzehrbar. Das Brot schnitt mit 52 Pfennig ebenso gut ab. Nur nach fünf Tagen begann es schon zu schimmeln, da es sehr schlecht gebacken wurde und zu frisch war. Außerdem war der Laib nicht doppelt gebacken, wie dies bei einem guten Bäckerbrot üblich ist. Das Viertel Kaffee kostete 8,75 Mark, und das war nicht nur zu teuer, sondern er hatte auch eine grauenvolle Qualität. Kaffee musste auf den Weltmarkt für Dollar eingekauft werden, und dafür hatten die Genossen kein Geld übrig. Bier nannten wir „Sterbehilfe“, da selbiges nach drei Tagen aussah, als schwämmen Hunderte von Wasserflöhen darin.

Also, bei denen da oben sparte man nicht. Wir kommen noch später darauf zurück.

Für Industrieerzeugnisse gaben die DDR-Bürger 3.200 Mark aus im Schnitt. Der Durchschnittslohn lag bei etwa 850 bis 900 Mark. Viele Menschen in der DDR waren es jedoch gewohnt, „nebenbei“ noch ein paar Kleinigkeiten zu „erledigen“. Ein Spruch hieß nicht umsonst: „Man war gelernter DDR Bürger.“

Churchill gebrauchte als erster den Spruch vom „Eisernen Vorhang“. Nur wenn man in einer sozialistischen Mangel- und Betrugswirtschaft aufwächst, bekommt man Ideen, das nicht Vorhandene trotzdem aufzutreiben. Erwartung in der DDR – das war ein Geisteszustand, dem auf der Skala menschlicher Gefühle die Hoffnung vorausgeht und die Verzweiflung folgt.

In der Musik gibt es den „Trugschluss“, der die kadenzierende Dominante nicht immer zur Tonika zurückführt, sondern vielleicht die Tonikaparallele zum Schluss behält. Genauso verhielt es sich mit dem gelernten DDR-Bürger. Der normale Weg in das Geschäft war sinnlos, um fünf Sack Zement zu kaufen. Also machte man dem Nachbarn, Freund oder Bekannten ein Angebot für etwas, das jener eben nicht hat. Man tauschte eben wie zur Hamsterzeit.

Zur Erklärung: Die Hamsterzeit begann nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Menschen, vor allem Frauen, fuhren mit dem, was man noch besaß, um es in anderen Gegenden einzutauschen, damit die Kinder, die größtenteils keinen Vater mehr hatten, etwas zu essen bekamen. Nur als Hinweis: In meiner Klasse, ich bin 1950 eingeschult worden, waren wir 26 Kinder. Davon hatten ganze drei einen Vater! Noch im Jahr 1989, also kurz vor „Ladenschluss“, war die Hamster- und Tauschzeit in der DDR aktueller denn je!

Am besten war derjenige im Ostteil Deutschlands dran, der „Westgeld“ sein Eigen nannte, denn damit konnte man alles erwerben. Nach dem Bau der Mauer brauchte die Führung der DDR wahre Unmengen guten Stahls, um die Grenzanlagen auszubauen mit Selbstschussanlagen und vielen anderen netten Überraschungen. Genau das kostete dem Staat viel Geld, also mussten Devisen ran. Wer Westgeld besaß, musste es sofort eintauschen, sonst konnte er wegen Devisenvergehen bestraft werden. Also rannte jeder, der harte Währung hatte, in die sozialistische Bank und erhielt für sein Geld so genannte „Forumschecks“. Damit hatten die Genossen einen klugen Schachzug gemacht! Die Bürger horteten das gute „Westgeld“ nicht mehr zu Hause wie bisher, und der Staat konnte sofort darüber verfügen. In dieser Zeit gab es auch den bezeichneten Ausspruch für den Fall, wenn jemand etwas brauchte, das es wenig oder gar nicht zu kaufen gab: „(W)Forum handelt es sich?“ Das hieß so viel wie: „Hast du Forumschecks, kriegst du, was du brauchst.“ Beispiel: An meinem Wartburg war der Auspuff kaputt. Der volkseigene Reparaturbetrieb hatte natürlich keine. Also ab zu einem der letzten privaten „Krutscher“, wie das so hieß.

„Mein Auspuff hat ein Loch.“

„Na ja, wir schauen mal nach und machen das Loch zu. Da fällt mir ein, mein Mitarbeiter kennt jemanden, der einen neuen Auspuff hat!? Aber ich glaube, der braucht etwas ‚anderes‘ dafür!“

Genau das war DDR-Originalmusik. Unsere Philosophie war die Richtung vieler Straßen, die von nirgendwo ins Nichts führten. Tolle Zukunft.

Für mich ist es deshalb nicht nachvollziehbar, wie man Menschen heute zur Faulheit erzieht. Wer nicht arbeitet und mitunter genauso viel an finanziellen Zuwendungen bekommt wie jemand, der jeden Tag schaffen geht, wird ein Berufsfaultier und für die Gesellschaft nutzlos und parasitär. Doch das ist meine persönliche Meinung, und die muss nicht geteilt werden.

Es gab eben niemanden in der DDR, der gesagt hätte wie hier im öffentlich-rechtlichen Anstalts-Fernsehen: „Die Bundesrepublik Deutschland bietet an, dass man nicht arbeiten muss, aber trotzdem allerhand Geld bekommt. Warum soll ich das nicht ausnutzen?“ Worte eines jungen ausländischen Mitbürgers in einer Fernsehgesprächsrunde, oder auch im Ersatzdeutsch „Talkshow“ genannt. Intelligenter wird die ganze Sache auch nicht, selbst wenn man es englisch nennt! Welch grauenvolle Politik!

Trotz einer katastrophalen „Subventionswirtschaft“ brachte es die DDR zum 10-stärksten Industriestaat der Welt. Und dies bei einem Anteil am Territorium der Erde von 0,03 Prozent! Da kann man sich ausmalen, wenn die Bürger der DDR hätten wirklich frei arbeiten dürfen, was aus diesem Teilstaat geworden wäre.

Andererseits hätte es auch umgedreht geschehen können. Die USA wären die „Armen“ gewesen und nicht die Russen. Ja, und das reiche Russland hätte in Ostdeutschland den tollen „Stalinplan“ statt des Marshallplans gebracht. Dann dürften im Jahr 1989 die „Ossis“ zu den „Wessis“ gesagt haben: „Jetzt müsst ihr erst einmal richtig ‚arbeiten‘ lernen!“ Genauso, wie sich ein paar Hirnlose gegenüber den Ostdeutschen äußerten. Mit dem Begriff „Neue Bundesländer“ habe ich meine Probleme, nur um Sachsen herauszunehmen. Sachsen ist älter als die meisten westdeutschen Bundesländer. Von der Kulturtradition, dem Fleiß dieses großen, pünktlichen und stolzen Volkes ganz zu schweigen.

Mein erster Vertrag am Opernhaus in Karl-Marx-Stadt, den ich 1970 unterschrieb, hatte mir einen „Zweitwunsch“ erfüllt. Endlich Berufskünstler!?


Der Verfasser im „Tannhäuser“, drittes Bild, in Karl-Marx-Stadt

Ein Herzenswunsch ging endlich in Erfüllung. Geträumt hatte ich schon als kleiner Junge in der Schule, als wir eine Schülerinszenierung vom „Stülpner Karl“ aufführten. Darinnen spielte ich jenen Hauptmann, der den „Karl“ verhaftete, und stellte für mich fest, dass mir das lag; auf der Bühne vor einem Publikum zu spielen. Ich hatte schon gesagt, dass ich innerhalb der Familie keine passenden Vorbilder hatte – bis auf meinen Großvater, der neben der musikalischen auch sonst eine sehr große Allgemeinbildung hatte.

Der staatliche Abschluss wurde mir kurze Zeit darauf schriftlich bestätigt. Mir selbst hat der Beruf als Chorsolist sehr großen Spaß gemacht, doch leider gab es als Chorist nicht sehr viel zu verdienen. Unsere sehr guten Solisten erhielten monatlich knapp 1.000,00 DDR Mark in Karl-Marx-Stadt und mussten mitunter gar 5- bis 6mal pro Woche eine längere Soloparty singen. Viele von ihnen gaben Unterricht, um noch etwas Geld dazuzuverdienen. Wir bekamen als Choristen um die 600,00 Mark brutto. Nebenbei hatte ich noch einige kleine Soloaufgaben, die extra bezahlt wurden, und dazu etwas Schminkgeld, doch letztendlich wurde es nicht viel mehr. Gut, ich habe das ja vorher gewusst. Also bitte nicht beschweren, sagte ich mir.

Im Spätherbst des gleichen Jahres las ich in der ach so „Freien Presse“ ein Inserat, wo ein Gitarrist für eine Berufsband gesucht wurde. Gut, und was machte ich? Natürlich, ich sprach und spielte vor und hätte auch sofort einen ersten Dreimonatsvertrag unterschreiben können. Nur war ich engagiert am Städtischen Opernhaus! Als ich meinen dortigen Vertrag wieder auflösen wollte, stellten sich sowohl der Intendant als auch die Leitung quer, und dies mit Recht. Ich hatte ja einen 2-Jahresvertrag unterzeichnet. Jetzt bekam ich Panik. Der eigentliche Wunsch meines Lebens sollte in Erfüllung gehen, wenn bloß nicht dieser Vertrag wäre. Also stellte ich mich stur und kam nicht mehr zu meinen Vorstellungen. Dies führte zu einem Riesenkrach, denn ich war ja Chorsolist und hatte neben dem Opernchor auch ein paar Soloaufgaben zu erledigen. Durch mein Fernbleiben fehlte dann ein wichtiger Mann auf der Bühne, und diese Lücke musste entsprechend gefüllt werden. Vor allem die „Schwuliberts“ im Chor machten Dampf gegen mich, zumal ich einen aus ihrer Garde hatte abblitzen lassen und mir obendrein noch die schönste Chordame schnappte. Aber es gab auch versöhnlichere Töne von ein paar alten Hasen die meinten, der Gerd macht das richtig. Nein, hier gab es wahrlich nichts zu verdienen. Das tat mir alles sehr, sehr leid, und ich gebe zu, mein Verhalten war echt stinkig! Aber der musikalische Duft der Berufstanzmusiker, (so hießen wir damals) hatte mich in seinen Bann gezogen. Somit wurde mein Vertrag am Opernhaus in Karl-Marx-Stadt aufgelöst, und ich konnte ab Januar 1971 im schönen Annaberg-Buchholz, mitten im Erzgebirge, in meine erste Berufsformation einsteigen.

The free sample has ended.

Age restriction:
0+
Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
254 p. 8 illustrations
ISBN:
9783954888115
Copyright Holder::
Автор
Download format:

Similar books