Read the book: «Die Gedächtnislosen»

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GÉRALDINE SCHWARZ
DIE GEDÄCHTNISLOSEN

Erinnerungen

einer Europäerin

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

LES AMNÉSIQUES

© 2017 Flammarion, Paris

Dieses Buch erscheint im Rahmen

des Förderprogramms des Institut français.


Erste Auflage dieser aktualisierten Ausgabe

© 2019 by Secession Verlag für Literatur, Zürich

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Christian Ruzicska

Lektorat: Joachim von Zepelin

Korrektorat: Rotkel Textwerkstatt

www.secession-verlag.com

Gestaltung und Typografie: Erik Spiekermann

ISBN 978-3-906910-76-5

eISBN 978-3-906910-31-4

1Nazi oder Nicht-Nazi sein

2Deutschland im »Jahre Null«

3Das Phantom der Löbmanns

4Die Leugnung des Karl Schwarz

5Oma oder der diskrete Charme des Nationalsozialismus

6Kind von Mitläufern

7Von der Verdrängung zur Besessenheit

8Süßes Frankreich …

9Der Holocaust? Sagt mir nichts.

10Der Pakt

11Erinnerungen einer Deutsch-Französin

12Die Mauer ist tot, es lebe die Mauer!

13Österreich und Italien – kleine Übereinkünfte mit der Vergangenheit

14Nazis sterben nie

Für meine Eltern

VERWORREN IST DAS LABYRINTH des Gedächtnisses, leicht verliert man sich in seinen Versäumnissen und Lügen, in seinen toten Winkeln und in der überwältigenden Fülle seiner Irrungen.

Schwer zu bezwingen sind die Manipulatoren der Erinnerung, die Verfälscher der Geschichte, die Konstrukteure falscher Identitäten, die Schürer von Hass und die Züchter nazistischer Fantasien.

Ich muss meinen Weg im Dickicht der Vergangenheit finden, die Fäden aufgreifen, die meine Familiengeschichte bietet: die Erinnerungen einer gewöhnlichen deutschen und einer gewöhnlichen französischen Familie, ein Mitläufer der Nazis hier, ein Gendarm im Dienste von Vichy dort.

Diesen Fäden folge ich durch alle Risse und Lücken hindurch, von meinen Großeltern über die Generation meiner Eltern bis hin zu mir, einem Kind Europas, dem der Geruch des Krieges fremd ist. Und ich verwebe sie mit den Spuren der großen Geschichte, dem Suizid der europäischen Zivilisation – und dem, was darauf folgte: die grandiose Erhebung der Menschen über ihre Dämonen, des Friedens über den Krieg, der Demokratie über die Diktatur.

Es gilt, das Gedächtnis einer Familie dem Urteil der Weisheit der Historiker zu unterwerfen, diese Lügen- und Mythenjäger. Der Wissenschaft ein wenig Seele einzuhauchen, ihr das Fleisch und Blut einer Familienerzählung zu verleihen und mit ihr die Unschärfe der Conditio humana.

Ich will verstehen, was war, um zu wissen, was ist, Europa seine Wurzeln zurückgeben, die die Gedächtnislosen versuchen, ihm zu entreißen.


1Nazi oder Nicht-Nazi sein

ICH WAR NICHT WIRKLICH dazu berufen, mich für Nazis zu interessieren. Die Eltern meines Vaters standen weder aufseiten der Opfer noch aufseiten der Täter. Sie zeichneten sich nicht durch mutige Bravourakte aus, hatten sich aber auch nicht in blindem Eifer versündigt. Sie waren schlichtweg Mitläufer, Menschen, die »mit dem Strom schwammen«. Schlichtweg im Sinne einer Haltung, die der Mehrheit der Deutschen entsprach, einer Akkumulation kleinerer Blindheiten sowie feigherzigen und konformistischen Verhaltens, die in ihrer Summe die notwendige Voraussetzung für die schlimmsten staatlich organisierten Verbrechen schuf, die die Menschheit je erlebt hat. Nach der Niederlage und den auf sie folgenden Jahren fehlte meinen Großeltern wie den meisten Deutschen der nötige Abstand zur Einsicht, dass ohne die Teilhabe der Mitläufer, die auf individueller Ebene noch so gering ausgefallen sein mochte, Hitler nicht imstande gewesen wäre, Verbrechen solchen Ausmaßes zu verüben.

Der Führer selbst ahnte dies und fühlte seinem Volk regelmäßig den Puls, um zu prüfen, wie weit er gehen konnte, was gerade noch ging und was nicht mehr, wobei er das Land zugleich mit antisemitischer und nationalsozialistischer Propaganda überschwemmte. Die erste in Deutschland organisierte, groß angelegte Judendeportation, die dazu dienen sollte, die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung auszuloten, fand im Südwesten statt, genau in jener Gegend, in der meine Großeltern lebten: Im Oktober 1940 wurden mehr als 6.500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach Frankreich in das nördlich der Pyrenäen gelegene französische Internierungslager Gurs deportiert. Um die Bürger an ein solches Schauspiel zu gewöhnen, waren die Ordnungskräfte darauf bedacht, den Schein zu wahren, vermieden also Gewalt und setzten statt der später verwendeten Güterwaggons reguläre Reisezüge ein. Um Gewissheit darüber zu erlangen, mit wie viel Widerstandsgeist sie beim Volk zu rechnen hatten, schreckten die verantwortlichen Nazis nicht davor zurück, am helllichten Tage zu agieren, und trieben Gruppen mit Hunderten von Juden, beladen mit schweren Koffern, weinende Knirpse Seite an Seite mit erschöpften Greisen, durch die Innenstädte bis zum Bahnhof – und alles unter den Augen apathischer Bürger. Am nächsten Morgen ließen die Gauleiter stolz in Berlin verkünden, dass ihre Region als erste in Deutschland »judenrein« war. Der Führer dürfte sich gefreut haben, von seinem Volk so gut verstanden zu werden: Es war reif mitzulaufen.

Nur eine Episode, leider die einzige, hatte später gezeigt, dass das Volk nicht so machtlos gewesen war, wie es nach dem Krieg glauben machen wollte. 1941 konnten protestierende deutsche Bürger gemeinsam mit katholischen und protestantischen Bischöfen jenes Vernichtungsprogramm geistig und körperlich behinderter Menschen – oder solcher, die dergestalt eingestuft wurden – unterbrechen, welches Adolf Hitler mit dem Ziel befohlen hatte, die arische Rasse von diesen »minderwertigen Leben« zu reinigen. Obwohl die nach dem Krieg als Aktion T4 bezeichnete Geheimoperation bereits in vollem Gange war und schon 70.000 Menschen durch Vergasung mit Kohlenmonoxid in speziellen Zentren in Deutschland und Österreich ihr Leben gelassen hatten, gab Hitler angesichts dieser Empörung in der Bevölkerung klein bei und stoppte sein Vorhaben. Der Führer hatte begriffen, welches Risiko er einging, sollte er sich zu offenkundig als grausam erweisen. Es ist dies womöglich auch einer der Gründe, warum das Dritte Reich eine so unfassbar große Energie für den unendlich komplexen und mit hohen Kosten verbundenen Transport der europäischen Juden an den Tag legte, um sie in Polen, weit ab vom Blick ihrer Mitbürger, in isolierten Lagern zu vernichten.

Kurz nach Kriegsende aber stellte sich in Deutschland kaum jemand die Frage, was passiert wäre, wäre die Mehrheit nicht mit dem Strom geschwommen, sondern gegen eine Politik angegangen, die ihre Absicht, die menschliche Würde mit Füßen zu treten, als ob man Küchenschaben zermalmt, bereits sehr früh offenbart hatte. Mit dem Strom geschwommen zu sein wie mein Großvater war derart verbreitet gewesen, dass die Banalität dieses Übels zum mildernden Umstand gereichte – und zwar selbst in den Augen der alliierten Streitkräfte, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Deutschland zu entnazifizieren.

Nach ihrem Sieg hatten die Amerikaner, Franzosen, Briten und Sowjets das Land und seine Hauptstadt Berlin in vier Besatzungszonen aufgeteilt, in denen sie sich jeweils darum bemühten, in Zusammenarbeit mit deutschen Schiedskammern die nationalsozialistischen Elemente der Gesellschaft aufzuspüren und zu bestrafen. Sie hatten die Verwicklung in die Verbrechen des Nationalsozialismus in vier Stufen eingeteilt, deren ersten drei theoretisch die Eröffnung eines Strafverfahrens rechtfertigten: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete und Mitläufer. Entsprechend der offiziellen Definition wurde mit Letzterem bezeichnet, »wer nicht mehr als nominell am Nationalsozialismus teilgenommen hat«, insbesondere, »wer als Mitglied der NSDAP […] lediglich Mitgliedsbeiträge bezahlte [und] an Versammlungen, deren Besuch Zwang war, teilnahm […]«. Tatsächlich überstieg in Deutschland mit seinen in den Grenzen von 1937 69 Millionen Einwohnern die Masse der Mitläufer die Zahl der acht Millionen Parteimitglieder der NSDAP. Millionen weitere waren angegliederten Organisationen beigetreten und viele mehr hatten den Nationalsozialismus begrüßt, ohne jedoch Mitglied einer nationalsozialistischen Organisation gewesen zu sein. Meine Großmutter zum Beispiel, die kein Parteibuch besaß, fühlte sich Adolf Hitler stärker verbunden als mein Großvater, der eines besaß. Den Alliierten aber blieb nicht die Zeit, sich mit diesen Feinheiten auseinanderzusetzen. Sie hatten bereits genug zu tun mit den Minderbelasteten, den Belasteten und den Hauptschuldigen, mit der Unzahl an Beamten des höheren Dienstes, die ihre kriminellen Befehle in diesem bürokratischen Labyrinth, welches das Dritte Reich war, erteilt hatten, und all jenen, die diese dann nicht selten mit infamer Beflissenheit ausführten.

Einfache Mitglieder der nationalsozialistischen Partei wie mein Großvater kamen mehr oder weniger unbeschadet davon. Seine einzige Strafe bestand darin, dass er sich der Kontrolle über sein kleines Unternehmen, der Mineralölgesellschaft Schwarz & Co., enthoben sah, die für die Dauer einiger Jahre einem von den alliierten Autoritäten ernannten Verwalter anvertraut worden war. Es hätte ihm vermutlich auch einige Schwierigkeiten bereitet, einen Beamtenposten anzunehmen, wenn er dies denn gewollt hätte. Seine Tochter, meine Tante Ingrid, meint sich zu entsinnen, er wäre dazu verurteilt worden, »Steine zu klopfen«, doch merkwürdigerweise hat mein Vater keinerlei Erinnerung daran und hegt wenig Zweifel, dass im höchst unwahrscheinlichen Fall einer solchen Bestrafung mein Großvater, »schlau, wie er war«, es irgendwie erreicht hätte, einer solchen Fron zu entkommen. Ihm ist eher im Gedächtnis haften geblieben, dass sein Vater niemals bessere Geschäfte gemacht habe als in ebenjener Zeit des Arbeitsverbots, da er sich auf dem Feld der Schattenwirtschaft im Vergleich mit dem legalen Markt als weitaus gewiefterer Geschäftsmann erwies. Er entsinnt sich, dass bei der Familie Schwarz stets Wein aufgetischt wurde, Fleisch, Eier und Äpfel, Dinge, von denen viele im zerstörten Nachkriegsdeutschland sogar den Geschmack vergessen hatten. Dieses Auseinanderklaffen der Erinnerungen der beiden Kinder von Karl Schwarz ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass die eine ihrem Vater ebenso sehr verbunden wie der andere ihm fern war.

Naturgemäß konnte man die acht Millionen Mitglieder der NSDAP nicht alle ins Gefängnis werfen, schon deshalb nicht, da in den Vollzugsanstalten nicht ausreichend Platz war. Seit dem Frühling 1945 hatten die Alliierten massenweise ehemalige Parteifunktionäre und Mitglieder der SS festgenommen, sodass etwa 300.000 Personen in Gefangenschaft saßen. Von allen Alliierten bemühten sich die Amerikaner mit größter Strenge, ihre Zone zu entnazifizieren, zumindest anfangs.

Mannheim, wo meine Großeltern lebten, befand sich just in der amerikanischen Zone, die den Norden Baden-Württembergs, Bayern und Hessen umfasste, wozu dann noch der Südwesten Berlins hinzukam sowie im Norden das Bremer Land, das aufgrund seiner Lage an der Nordsee strategisch wertvoll war. Die Amerikaner genossen einen guten Ruf und meiner Tante Ingrid bleibt bis heute ein Bild vor Augen, wie sie »stets lächelnd und vor Gesundheit strotzend in ihren Jeeps saßen, was ein wenig Frohsinn« in das unheilvolle Ambiente Nachkriegsdeutschlands mischte. Dennoch zeigte sich der Militärgouverneur über die US-Besatzungszone, der spätere Präsident der Vereinigten Staaten, Dwight D. Eisenhower, wenig optimistisch und mutmaßte, dass es mindestens 50 Jahre intensiver Umerziehung bedurfte, um den Deutschen demokratische Grundprinzipien beizubringen. Diese Aufgabe übernahmen die neuen Medien, die für die Vorteile der Demokratie warben. Aber den allergrößten Ehrgeiz entwickelten die Amerikaner dabei, die Vergangenheit aller Deutschen, die älter als 18 Jahre waren, zu überprüfen. Dazu gaben sie Fragebögen mit etwa 130 Fragen aus, die einen Hinweis auf den Grad der Verstrickung mit dem NS-Regime und den ihrer ideologischen Indoktrination liefern sollten.

Mit extremer bürokratischer Konsequenz begannen sie, Millionen von Formularen zu verlesen, die sich in ihren Büros stapelten, hatten sie doch das Ziel vor Augen, die Schuldigen zu bestrafen und die Gesellschaft von den am stärksten von den Nazis indoktrinierten Personen zu reinigen. Jeder Beamte, der vor dem 1. Mai 1937 der NSDAP beigetreten war – und dies waren Hunderttausende –, wurde entlassen. Ende des Winters 1945/46 hatten in der amerikanischen Zone über 40 Prozent der Beamten ihre Anstellung verloren.

Ich habe keine Kopie des Entnazifizierungsfragebogens meines Großvaters finden können, doch er muss ihn ausgefüllt haben, da ein Brief der Besatzungsmächte darauf verweist, dass sie schon sehr bald um seine Mitgliedschaft in der Partei wussten.

Als er 1970 starb, suchte mein Vater in sämtlichen Papieren von Karl Schwarz nach den Spuren seines Mitgliedsausweises und etwaigen Parteiabzeichen, jedoch erfolglos. In Erwartung des Einmarsches der Alliierten in Mannheim im März 1945 hatte er wohl wie die meisten seiner Landsleute diese kompromittierenden Beweise ins Feuer des Küchenofens geworfen und mit ihnen gleich auch die Flagge der Nazis, die er – wie es der Brauch war an Festtagen – auf seinem Balkon gehisst hatte, und, wer weiß, vielleicht ja auch ein Porträt des Führers, das er in seinem Arbeitszimmer um des lieben Friedens willen aufgehängt oder das meine Großmutter in ihrer Verbundenheit in einer Schublade aufbewahrt hatte. Doch dies alles war vergebliche Mühe, da die örtlichen Anführer der NSDAP Reißaus genommen hatten, ohne sich die geringsten Sorgen darüber zu machen, auch das Register der Parteimitglieder in Mannheim zu zerstören, das die Amerikaner bei ihrer Ankunft unversehrt vorfanden.

Doch nicht alles hatte Karl verschwinden lassen. Unter seinen persönlichen Habseligkeiten entdeckte mein Vater eine äußerst merkwürdige Wappenzeichnung: ein schwarz-goldener Ritterhelm vor einem Hintergrund aus Pflanzen, zwischen denen ein Fabelwesen auftaucht, eine Art Kreuzung zwischen Ziege und Hirsch mit roten Hörnern und Hufen, dessen Nacken von einem Pfeil nämlicher Farbe durchbohrt ist. Darunter steht in einer ausschweifenden Kalligrafie der Name Schwarz geschrieben, die Jahreszahl 1612 und folgender Text: »Diese in Schwaben u. Franken in mehreren Linien blühende bürgerliche Familie leitet ihre Herkunft v. Rothenburg her.« Die Ahnenforschung erlebte in Zeiten des Nationalsozialismus einen gewaltigen Aufschwung und hatte den Status einer Quasi-Wissenschaft im Dienste des Regimes angenommen, das seinen schwammigen Rassentheorien eine Glaubwürdigkeit andichten musste, die ihm keine ernst zu nehmende Theorie hätte liefern können. Diese Zeichnung besaß einen rein dekorativen Wert, da für den Eintritt in die NSDAP ein ganz anderes Papier vonnöten war: ein besonders umfassender und detaillierter Arier-Nachweis, für den man eine Unmenge an Belegen beibringen musste, mit denen die arische Abstammung des Bewerbers und seines Ehepartners bis zurück ins Jahr 1800 bewiesen werden sollte. Dass Karl Schwarz darüber hinaus ohne jegliche äußere Notwendigkeit diese Tusche- und Aquarellzeichnung hatte anfertigen lassen, lässt mich ratlos zurück. Mein Großvater war kein überzeugter Nationalsozialist, dafür war er viel zu sehr in seine Freiheit verliebt. »Er hatte sie vielleicht im Büro der Firma aufgehängt, da gelegentlich vorbeischauende Kunden oder Nazi-Funktionäre dann weniger Fragen stellten und ihn in Ruhe ließen«, sagt mein Vater. In den Dreißigerjahren kursierten überall in Deutschland Gerüchte über Kaufleute, die verdächtigt wurden, ihre jüdische Abstammung zu verschleiern, womit eine Atmosphäre der Paranoia und Denunziation in einem Grade genährt wurde, dass einige dieser Händler sogar Anzeigen in Zeitungen schalteten, um jegliche Verbindung zum Judentum öffentlich zu dementieren. Opa hatte seinen Arier-Nachweis verschwinden lassen, merkwürdigerweise aber sein Aquarell verschont und bis zu seinem Tode aufbewahrt. »Ich denke, dass ihm diese Zeichnung gefiel, da sie die Illusion der Abstammung von einem glorreichen Geschlecht gewährte. Und mein Vater träumte gern von solcher Größe.« In gewisser Hinsicht war Karl Schwarz ein Mann seiner Zeit.

Angesichts der ungeheuren Dimension der Aufgabe, die sie sich gestellt hatten, entschlossen sich die Amerikaner, deutsche Behörden bei der Entnazifizierung einzubeziehen. Personen, die nach der Auswertung der Fragebögen einer tieferen Verstrickung verdächtig waren, mussten vor eine der deutschen Spruchkammern, von denen es einige Hundert gab. In Mannheim sichtete man 202.070 Formulare, danach wurden 169.747 Personen als »nicht betroffen« klassifiziert. Gegen insgesamt 8.823 Personen wurde bis zum September 1948 ein Spruchkammerverfahren eröffnet mit den folgenden Urteilen: 18 Hauptschuldige, 257 Belastete, 1.263 Minderbelastete, 7.163 Mitläufer, 122 Entlastete. Ich weiß nicht, ob mein Großvater vorgeladen wurde. Doch weil die Amerikaner aufgrund der Komplizenschaft vor allem der Juristen mit dem Nationalsozialismus nicht ausreichend viele »saubere« deutsche Richter vorgefunden hatten und sich also darin fügten, innerhalb der alten Garde zu rekrutieren, hatte Karl Schwarz ohnehin nicht besonders viel zu befürchten. Und dies umso weniger, als die Besatzer es sich angesichts des dringenden Personalnotstands nicht mehr erlauben konnten, kompromisslos vorzugehen, wenn sie gleichzeitig auch noch die wirklich zahlreichen drängenden Probleme anpacken wollten: Unterernährung, Wohnungsnot, Mangel an Kohle, um heizen zu können … Hinzu kamen die ersten Vorzeichen eines neuen Krieges, diesmal eines kalten, was die Aufmerksamkeit der Amerikaner auf einen neuen Feind richtete: die Sowjetunion und den kommunistischen Block. Der anfänglichen Strenge folgte eine Nachlässigkeit bei der Entnazifizierung mit dem Ziel, diese so bald wie möglich abzuschließen, um den Wiederaufbau eines Westdeutschlands zu beschleunigen, das am Saum des feindlichen kommunistischen Territoriums gelegen war.

Die Briten setzten bei der Entnazifizierung ihrer Zone, die Hamburg, Niedersachsen, Westfalen, den Norden der Rheinprovinz, Schleswig-Holstein und den Sektor in der Mitte Berlins zwischen dem französischen im Norden und dem amerikanischen im Süden umfasste, weniger als die Amerikaner auf Strafe. Sie zielten vor allem auf eine Umerziehung mithilfe neu gegründeter Medien, darunter dem Nordwestdeutschen Rundfunk und Zeitungen wie Die Zeit und Die Welt. Manchmal wurde diese auch mit eiserner Faust durchgesetzt, so etwa in der westfälischen Stadt Burgsteinfurt, wo der britische Stadtkommandant die Bevölkerung dazu verpflichtete, sich ein filmisches Dokument über die Gräuel anzusehen, welche die Befreier der KZS gefilmt hatten. Nach englischem Vorbild entstanden Klubs, in denen Deutsche und Briten einander begegnen konnten. Das Verhältnis jedoch zwischen Bevölkerung und Besatzern blieb vornehmlich kühl, anders als in der amerikanischen Zone, wo man engere Verbindungen miteinander einging. Die Briten wurden als »Kolonialmacht« empfunden. Sie etablierten eine Parallelwelt für ihre eigenen Bedürfnisse, nutzten eigens ihnen vorbehaltene Waggons, Läden und Kinos, an denen Schilder mit der Aufschrift »Keep out« und »No Germans« angebracht waren. Sie beschlagnahmten Wohnungen, was wiederum bei der deutschen Bevölkerung angesichts der bitteren Wohnungsnot wütende Reaktionen hervorrief. Aber der Krieg hatte die Briten selbst volkswirtschaftlich äußerst geschwächt und sie hatten schon Mühe, allein die Kosten der Besatzung zu finanzieren. Sie gaben schließlich ihr Ziel auf, die deutsche Gesellschaft zu läutern, und begnügten sich damit, nur Nationalsozialisten aus höheren öffentlichen Ämtern zu entlassen und die großen Fische zu belangen. Das geschah in einem Maße, dass namhafte Nazis aus der amerikanischen Zone sich schleunigst mühten, in die britische zu gelangen. Die Engländer wollten vor allem die Wirtschaftskraft Deutschlands schnellstmöglich wiederherstellen, auch in ihrem eigenen Interesse. Darum waren sie kompromissbereit, wenn ein Angeklagter zur Wirtschaftselite im Reich zählte, wie zum Beispiel Günther Quandt.

Quandt war kein überzeugter Nationalsozialist, sondern ein Opportunist, der abgewartet hatte, bis Hitler im Januar 1933 an die Macht gekommen war, um dann erst dessen Partei zu finanzieren und ihr beizutreten. Zu dieser finanziellen Nähe fügte sich eine familiäre, da die zweite Ehefrau des Industriellen, Magda Ritschel, von der er sich einige Jahre nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Harald hatte scheiden lassen, im Dezember 1931 den zukünftigen Propagandaminister Joseph Goebbels heiratete, eine Eheschließung, bei welcher der Führer als Trauzeuge anwesend war. Zwar geriet Quandt mit Goebbels wegen der Betreuung seines Sohnes in Konflikt, doch zahlte sich seine Loyalität gegenüber Hitler aus. Quandt häufte ein kolossales Vermögen an, indem er zu einem der größten Ausrüster der Militärindustrie wurde. Er beutete rund 50.000 Zwangsarbeiter aus, die zu Niedrigpreisen vom Reich »geliehen« wurden, um den massiven Mangel an Arbeitskräften auszugleichen, der der Mobilmachung der Männer für den Einsatz an der Front geschuldet war. 1946 verhafteten die Amerikaner Quandt, jedoch entkam er den Nürnberger Prozessen dank der Engländer, die es »versäumten«, den Amerikanern die ihn belastenden Papiere auszuhändigen, und die seine Schuld so bedeutungslos erscheinen ließen, dass sie ihn schließlich als Mitläufer klassifizierten.

Im Januar 1948 setzten ihn die Amerikaner, ohne nähere Nachforschungen zu betreiben, auf freien Fuß. Wenig später wickelte die britische Armee mit ihm Rüstungsgeschäfte ab. Denn Quandt stellte technische Ausrüstungen her, die ihm die ganze Welt neidete, insbesondere die einzigartige Batterie für die »Wunderwaffe«, die von den Nazis während des Krieges entwickelt worden war und den Respekt der Feinde auf sich zog: die V2, die erste vom Menschen erschaffene ballistische Rakete. Nach dem Krieg weigerte sich die Familie Quandt – heute unter anderem größter Aktionär des Automobilherstellers BMW – lange Zeit, Auskunft über die suspekten Quellen ihres Vermögens zu geben, bis schließlich 2007 die Ausstrahlung des NDR-Dokumentarfilms Das Schweigen der Quandts sie dazu zwang, ihre Vergangenheit offenzulegen.

Auch die Franzosen, deren Zone als kleinste den Süden Baden-Württembergs, Rheinland-Pfalz, das Saarland und den Nordwesten Berlins umfasste, wurden sich schnell der Vorteile bewusst, wenn man sich den Industriellen gegenüber als nachsichtig zeigte. Als Dank dafür ließen sich Geschäfte viel leichter abwickeln. Ganz allgemein hatten sich die Franzosen den Ruf erworben, von allen Besatzungsmächten diejenige zu sein, die am wenigsten an einer Entnazifizierung interessiert war. Dass Frankreich eng mit dem Dritten Reich zusammengearbeitet hatte und seine Verwaltung nach dem Krieg noch immer gespickt war mit ehemaligen Kollaborateuren des Vichy-Regimes, denen es davor graute, die Anklagen gegen die Nazis könnten sich auch gegen sie wenden, war sicherlich einer der Gründe, warum die Zahl der Gerichtsverfahren sich in einem sehr begrenzten Rahmen hielt. General de Gaulle, der nach dem Krieg Frankreich regierte, befürwortete eine dauerhafte Teilung des Landes und ein Maximum an Reparationsleistungen. Trotz der Kollaboration mit dem Dritten Reich in letzter Minute an den Tisch der Sieger geladen, verhielten sich die Franzosen wie eine wahrhafte Besatzungsmacht, konfiszierten Wohnungen, um französische Lehrer, Ingenieure und Beamte unterzubringen, und beschlagnahmten Lebensmittel in Hülle und Fülle, während viele Deutsche in den Kellern lebten, hungrig und ohne Kohle zum Heizen. Es gab selbst Serienschändungen und Plündereien.

In der sowjetischen Zone, zu der die fünf östlichsten Länder zählten – Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern sowie der Osten Berlins –, gingen die Besatzungsbehörden rigoros an die Entnazifizierung heran. Allerdings zielte die Verfolgung nicht nur auf Nazis, sondern auch auf alle »Unerwünschten«, die man loswerden wollte, sogenannte »Klassenfeinde«, darunter vor allem ehemalige Junker, Großgrundbesitzer und die Wirtschaftselite sowie nicht zuletzt Sozialdemokraten und andere Kritiker der Besatzungsmacht, die versuchte, ein Staatssystem nach sowjetischem Vorbild zu installieren. Die Nazis dieser Zone hatten mehr zu befürchten als in den drei anderen Zonen, auch weil sie sich gegenüber den Sowjets nicht rechtfertigen konnten, ihre Mitgliedskarte aus Opposition zum Bolschewismus angenommen zu haben – ein Argument, das im Westen immerhin ein gewisses Gewicht besaß. Für eine Verhaftung reichte oft der Verdacht. Einige zogen es vor, aus dem Osten zu fliehen, vor allem, weil dort die Haftbedingungen besonders entsetzlich waren. Die Sowjets hatten Zehntausende mutmaßliche Nazis und »Unerwünschte« in den ehemaligen Konzentrationslagern des Dritten Reiches interniert, in denen gut 12.000 Häftlinge ums Leben kamen. Weitere Zehntausende wurden in die Sowjetunion deportiert, von denen viele in den dortigen Lagern ums Leben kamen.

Im März 1948 hatten die Sowjets bereits circa 520.000 Angestellte, darunter viele ehemalige Mitglieder der NSDAP, aus dem öffentlichen Dienst entlassen, insbesondere in der Verwaltung und der Justiz, deren Personal es möglichst schnell mit »loyalen« Kommunisten zu ersetzen galt. In weniger als einem Jahr waren den kommunistischen Organisationen nahestehende neue Richter und Staatsanwälte »ausgebildet« worden, die dann auch 1950 im Namen der eben erst gegründeten noch ganz jungen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) eine Serie an Schnellverfahren leiteten: die Waldheimer Prozesse. Innerhalb von zwei Monaten erschienen etwa 3.400 Beschuldigte, ohne dass es irgendwelche Zeugen gegeben hätte und meist auch ohne juristischen Beistand vor diesen unerfahrenen Richtern und Staatsanwälten, die meist in weniger als 30 Minuten ihre Entscheidung fällten, wobei die Urteile bereits im Vorhinein festgelegt worden waren, ohne dass zwischen Mitläufern, Belasteten und Feinden des kommunistischen Regimes unterschieden worden wäre. Diese Schauprozesse hatten vor allem den Zweck, die Internierung Tausender in den Speziallagern nachträglich zu legitimieren. 3.324 Angeklagte wurden verurteilt, über die Hälfte von ihnen erhielt Haftstrafen von 15 bis 25 Jahren, 24 wurden hingerichtet. Damit betrachtete die DDR die Entnazifizierung als abgeschlossen, leugnete fortan ihre historische Verantwortung für die Verbrechen des Dritten Reiches und sah sich selbst nicht länger als Erbin dieser dunklen Vergangenheit.

Die deutsche Bevölkerung lehnte den Entnazifierungsprozess ab, den sie als unerträgliche Demütigung empfand, als Siegerjustiz. Dagegen befürwortete sie mehrheitlich – zumindest gleich nach dem Krieg – die Prozesse gegen die ranghöchsten Vertreter des Dritten Reiches.

Im November 1945 wurde in Nürnberg auf Initiative der Amerikaner ein Prozess gegen 24 Hauptkriegsverbrecher des Dritten Reiches vor einem internationalen Militärtribunal unter der Befehlsgewalt der vier Besatzungsmächte eröffnet. »Die Idee, den Krieg und alle mit ihm verbundenen Grausamkeiten nicht mehr als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern als Verbrechen zu behandeln, für das Politiker und führende Militärs wie für jedes andere Verbrechen auch zur Rechenschaft gezogen werden können«, war völlig neu, analysiert der Jurist Thomas Darnstädt in seinem Buch Menschheitsverbrechen vor Gericht 1945. Die großen Richtlinien des Verfahrens waren zuvor in Washington unter Aufsicht des Richters Robert H. Jackson entwickelt worden. Die Sowjets, die ihrerseits fürchteten, aufgrund der Übergriffe der Roten Armee und des 1939 mit Hitler vereinbarten Nichtangriffspakts selbst beschuldigt zu werden, verlangten, dass die internationale Strafgerichtsbarkeit von Nürnberg ausschließlich für Angeklagte der Achsenmächte Geltung haben sollte. Richter Jackson weigerte sich: »Wir sind nicht bereit, eine Vorschrift im Hinblick auf strafrechtliches Verhalten gegenüber anderen festzulegen, wenn wir nicht bereit wären, sie auch gegen uns anwenden zu lassen.« Die Briten, deren heftige und mörderischen Bombardements gegen die deutsche Zivilbevölkerung sie in eine heikle Position gebracht hatten, handelten einen Kompromiss aus: Die Strafnormen sollten auf jedweden Staat zutreffen, die Kompetenzen des Nürnberger Tribunals sich aber auf die Verbrechen der Nationalsozialisten begrenzen. Mehr als 2.000 Helfer wurden eingesetzt, um den Prozess vorzubereiten und zumindest einen Teil der kilometerlangen Akten zu erforschen, die ein ultrabürokratisches System hinterlassen hatte.

Ein Jahr nach der Eröffnung des Nürnberger Prozesses fiel der Urteilsspruch: Zwölf der Angeklagten wurden zum Tode durch den Strang verurteilt, unter ihnen die Nummer zwei im Reich, Hermann Göring, der Reichsminister des Auswärtigen, Joachim von Ribbentrop, der letzte Chef des machtvollen Reichssicherheitshauptamts, Ernst Kaltenbrunner, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, der Gründer der antisemitischen Wochenzeitung Der Stürmer, Julius Streicher, und der ehemalige Ideologe der Partei und Leiter des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg; drei, unter ihnen der Stellvertreter Hitlers, Rudolf Heß, wurden zu lebenslanger Haft verurteilt und zwei weitere, Albert Speer, Architekt und Reichsminister für Bewaffnung und Munition, sowie Baldur von Schirach, Chef der Hitlerjugend, zu 20 Jahren Haft. Vier Organisationen – die NSDAP, die Gestapo, die SS und der SD (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS) – wurden als »verbrecherische Organisationen« eingestuft. Die Richter entschieden aber gegen die Forderung der Anklage, auch den Generalstab und das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) miteinzubeziehen.

Dieser Prozess bewies den Willen der Alliierten, insbesondere der Amerikaner, die Nazi-Verbrechen nicht ungestraft zu lassen. Nach Robert H. Jackson ermöglichte er, eine »neue Weltordnung durch das Recht« zu bestimmen und ein Verbrechen neuer Qualität zu definieren: das Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Kurzfristig zeitigte er aber nicht die erwünschten Effekte, weder auf internationaler Ebene noch in Deutschland. Richter Jackson hatte die Anklage wegen des »Verbrechens gegen den Frieden« und des »Komplotts« in den Vordergrund gestellt – entsprechend der Vorstellung, dass »eine Gangsterbande sich des Staates bemächtigt« habe, wie er an seinen Präsidenten Harry S. Truman schrieb. Diese Sichtweise gab einer Legende Nahrung, die in der Folge lange allen Widerlegungsversuchen standhielt: der These, dass die Verbrechen der Nazis das Ergebnis eines geheimen, von einer kleinen Gruppe von Anführern um Hitler herum entwickelten Plans gewesen seien, die ihre Befehle an Untergebene weitergeleitet habe, von denen wiederum nur wenige gewusst haben, dass sie einem kriminellen Regime dienten. Ein weiteres Problem, auf das einige Juristen im Verlaufe des Prozesses aufmerksam machten, ergab sich daraus, dass hier Sieger Besiegte verurteilten und der beschränkte Auftrag des Gerichts die Kriegsverbrechen der Alliierten ungesühnt ließ: die Kollaboration von Vichy-Frankreich, die massiven Bombardierungen der deutschen Zivilbevölkerung durch Amerikaner und Briten, die von der Roten Armee in den Ostgebieten des Reichs begangenen Grausamkeiten, die von den Amerikanern über Japan abgeworfenen Atombomben.

Eines der großen Versäumnisse des Prozesses aber bestand darin, die Einzigartigkeit des Genozids an den Juden vernachlässigt zu haben, da es den Straftatbestand des Völkermords damals noch nicht gab. »Selbst im Angesicht der unvergleichlichen Verbrechen der Nazis war ein Tabu des überkommenen Völkerrechts noch immer nicht zu knacken: keine Einmischung in die ›inneren Angelegenheiten‹ eines souveränen Staates«, die Verbrechen gegen die deutschen Juden aber wurden als solche eingeschätzt, urteilt Thomas Darnstädt. Zudem waren kurz nach dem Krieg viele Geschehnisse noch nicht wirklich bekannt. So war zum Beispiel das Protokoll der Wannseekonferenz, bei der im Januar 1942 die detaillierte Organisation des Holocaust an den Juden koordiniert wurde, damals noch nicht als Beweismittel bearbeitet worden.

Im weiteren Verlauf von Nürnberg mussten in insgesamt zwölf Nachfolgeprozessen zwischen 1946 und 1949 über 185 hochrangige Mediziner, Juristen, Industrielle, SS- und Polizeiführer, Militärs, Beamte und Diplomaten vor US-Militärgerichten erscheinen. Zum Tode verurteilt wurden 24 Angeklagte, davon wurden 13 Urteile vollstreckt, 20 erhielten lebenslange und 98 teilweise langjährige Freiheitsstrafen. Gleichzeitig bewegte die angesichts der aus den Konzentrationslagern stammenden Bilder empörte amerikanische Öffentlichkeit die USA ZU der Eröffnung der sogenannten Dachauer Prozesse innerhalb des Konzentrationslagers Dachau, hauptsächlich gegen das Personal der sechs in der amerikanischen Zone gelegenen Lager. Circa 1.600 Angeklagte wurden verurteilt, 268 der insgesamt 426 verhängten Todesurteile wurden vollstreckt.

Insgesamt wurden in den drei westlichen Zonen bis Ende 1949 rund 10.000 NS -Täter gerichtlich verurteilt, von denen wiederum 806 die Todesstrafe erhielten. Angesichts der vorgegebenen Zeit offenbart diese Bilanz eine gewisse Effizienz, insbesondere auf Seiten der Amerikaner. Allerdings gelang es vielen von jenen, die angesichts ihrer Verantwortung für die Verbrechen des Dritten Reiches fraglos verdient hätten, aus der Gesellschaft ausgeschlossen und ins Gefängnis gesperrt zu werden, durch die Maschen des von den Alliierten zu weit gespannten Netzes zu rutschen. Es genügte, sich als Mitläufer auszugeben, indem man einige Papiere fälschte und vermeintliche Entlastungszeugen schmierte, deren Glaubwürdigkeit von den alliierten Behörden nur selten zu überprüfen war, teils weil sie von der schieren Flut der Verfahren überwältigt waren, teils weil ihr Ansporn nachzulassen begann.

Aber auch ganz andere Interessen warfen erste Schatten auf die Intentionen der Alliierten: Während man sich gern damit brüstete, die deutsche Wirtschaft wieder auf die Beine stellen zu wollen, zogen die Besatzer, allen voran die Amerikaner, aus ihrer Machtposition Nutzen, um technologisches Know-how zu stehlen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts waren die spektakulären Leistungen deutscher Wissenschaftler von der Welt neidvoll wahrgenommen worden. Zwischen 1900 und 1945 waren 38 Nobelpreise an Deutsche verliehen worden. Im gleichen Zeitraum hatte Frankreich 16 erhalten, Großbritannien 23 und die Vereinigten Staaten 18. Die Niederlage des Reiches war für diese Länder die Gelegenheit, sich fehlendes technisches Wissen anzueignen, was gerade im Kontext des Kalten Krieges noch an Brisanz gewann.

So wurden im Rahmen der amerikanischen Operation Paperclip massenhaft Wissenschaftler aus Deutschland herausgeschleust. Dies geschah heimlich, um zu verhindern, dass diejenigen, die mit dem Nazi-Regime kollaboriert hatten – wie etwa Wernher von Braun, der Vater der V2, Mitglied der NSDAP und der SS –, in die Hände der internationalen Gerichtsbarkeit fielen. Es ist zum Teil dem Vorsprung dieser Experten auf dem Gebiet der chemischen Waffen, der Raumfahrt, der ballistischen Raketen und der Düsenflugzeuge geschuldet, dass die Vereinigten Staaten während des Kalten Krieges ihre technologische Überlegenheit ausspielen konnten. Auch auf anderen, zivilen Gebieten wurden zahlreiche Innovationen gestohlen, von Elektronenmikroskopen über Kosmetikartikel und Textilmaschinen bis zu Tonbandgeräten, Insektiziden und sogar Schlittschuhschleifer- sowie Papierservietten-Maschinen. Das Vereinigte Königreich tat sich gleichfalls keinen Zwang an, sich an Patenten und Technologien zu bereichern. Der amerikanische Historiker John Gimbel schätzt, dass die Briten und in noch größerem Umfang die Amerikaner auf diese Weise Deutschland ein intellektuelles Vermögen im damaligen Wert von zehn Milliarden US-Dollar entwendet hätten, was heute in etwa 100 Milliarden US-Dollar entspricht.

Die Franzosen waren in dieser Hinsicht weitaus weniger engagiert. Im Gegensatz zu den anderen Alliierten glaubten die Behörden nicht, dass es möglich war, deutsche Technologien aus ihren jeweiligen Kontexten herauszulösen und im eigenen Land zu integrieren. Aber das Militär und die Luftfahrtindustrie haben den Wert dieser kostbaren Kenntnisse und Erfahrungen erkannt und ließen mehrere Hundert Wissenschaftler nach Frankreich kommen, insbesondere jene, die an der Vz-Rakete gearbeitet hatten. Jetzt wurden sie bei der Konstruktion der Düsentriebwerke von Jagdflugzeugen, des ersten Airbus, der ersten französischen Raketen und des ersten Helikopters der späteren Firma Eurocopter, heute Airbus Helicopters, eingesetzt. Auch war ihr Beitrag bei der Entwicklung von U-Booten, Torpedos, Radarsystemen, Granaten und Panzermotoren erheblich und erlaubte Frankreich ein paar beachtliche Durchbrüche zu erzielen. Die Sowjets setzten Tausende deutscher Experten mitsamt ihren Familien in Züge, um sie auch gegen ihren Willen nach Russland zu verschleppen – unter ihnen etwa der Assistent von Wernher von Braun, Helmut Gröttrup. Diese waren anfangs daran beteiligt, das Raketenprogramm Stalins auf den Weg zu bringen und damit zumindest indirekt auch am Start der Sputnik in der UdSSR im Oktober 1957, dem ersten künstlichen Erdsatelliten.

Diese und ähnliche Interessenkonflikte beschädigten den Ruf der Alliierten, aber sie sollten nicht vergessen lassen, dass sie das Verdienst haben, Kriegsverbrecher und NS-Funktionäre bestraft und der Bevölkerung ein erstes Verständnis der Schändlichkeit des Dritten Reiches bewusst gemacht zu haben. So sagt die 1936 geborene Schwester meines Vaters, sie habe seit ihrer Jugend gewusst, dass »die Nazis Verbrechen begannen haben«, dass »dies in der Schule und selbst in den Medien erwähnt« worden sei, in welchen sie Fotos der Konzentrationslager gesehen habe. Ich war erstaunt darüber, da mein Vater, der 1943 zur Welt gekommen ist, mir gegenüber immer nur von einem vollständigen Gedächtnisschwund nach dem Krieg gesprochen hat. Dann wurde mir klar, dass Ingrid zu einer Zeit die Schule besucht hatte, als die Amerikaner in Mannheim versuchten, die Deutschen »umzuerziehen«, wohingegen zu jener Zeit, da mein Vater zur Schule ging, die Episode der Entnazifizierung bereits beendet war.

1948 wurden die drei westlichen Zonen fusioniert, um einen neuen Staat, die Bundesrepublik Deutschland, zu gründen. Die Alliierten kamen darin überein, auch Westdeutschland vom Marshallplan profitieren zu lassen, ein Kreditprogramm, mit dem der Wiederaufbau zahlreicher westeuropäischer Staaten finanziert werden sollte. Mein Vater sagt noch heute, dass »Deutschland Glück gehabt hat, mit dieser Nachsicht behandelt worden zu sein, bedenkt man die Verbrechen, die es begangen hatte«. Es hat alles in allem vom Kalten Krieg profitiert.

Ende der Vierzigerjahre zogen sich die Alliierten von der ungeheuren Herausforderung der Entnazifizierung zurück, für die es ihnen letztlich an Wissen über die Komplexität des Nazi-Regimes mangelte. Ohnehin konnte niemand von außen diese Aufgabe anstelle der Deutschen bewältigen. Es lag an ihnen selbst, ihre Geisteshaltung zu ändern und ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Es gab gute Gründe, diesbezüglich pessimistisch zu sein.


2Deutschland im »Jahre Null«

NACH DEM KRIEG ging es in der Familie meines Vaters nie um Politik, Diskussionen am Tisch waren eher selten: Die Kinder durften nur sprechen, wenn man ihnen ausdrücklich das Wort erteilte, und taten sie es doch, mussten sie damit rechnen, die Hucke vollzubekommen, da Karl eine autoritäre Vorstellung von Vaterschaft besaß.

In der apokalyptischen Atmosphäre Nachkriegsdeutschlands hatte nicht die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Priorität, es ging vielmehr darum, so schnell wie möglich ein neues Leben aufzubauen und zu organisieren. Die Familie Schwarz lebte in einer Dreizimmerwohnung in der ersten Etage eines kleinen Mietshauses, das 1902 vom Vater meiner Großmutter errichtet worden war, einem Tischler, der es 1935 seiner Tochter hinterlassen hatte, da sie die einzige Überlebende seiner neun Kinder war. Die Chamissostraße war hart von den alliierten Bombenangriffen getroffen worden, doch wie durch ein Wunder hatte das dort gelegene Wohnhaus das Schlimmste überstanden, während die Gebäude der gegenüberliegenden Straßenseite zu einer Ruinenwüste zertrümmert worden waren. Diese urbane Entstellung empfanden einige dennoch als Glück: »Das war für uns Kinder ein Terrain unglaublicher Abenteuer, wir konnten laufen, springen, klettern, uns verstecken und haufenweise Schätze entdecken«, erinnert sich mein Vater.

Während des gesamten Krieges waren Mannheim und seine Nachbarstadt Ludwigshafen, beide am Zusammenfluss von Rhein und Neckar gelegen, häufiger als jede andere Stadt dieser Gegend Ziel der Angriffe – insgesamt 304 –, was ihrer Infrastruktur als Hafenstädte, ihren industriellen Zentren für Maschinenbau und Elektronik sowie ihrer chemischen und pharmazeutischen Produktion geschuldet war. In Wirklichkeit aber hatten die Briten, gemessen an der Anzahl ihrer Luftangriffe, insbesondere die Wohngebiete ins Visier genommen, die am dichtesten besiedelt waren. Mannheim schien ihnen bestens geeignet gewesen zu sein, um eine Bombardierungstechnik zu testen, die man Carpet bombing oder Flächenbombardement nannte und deren Zweck, wie es der Name besagt, darin bestand, eine urbane Fläche so weit zu schleifen, bis sie einem Teppich glich. Die Stadt schien für dieses Experiment aufgrund der Einteilung ihres Zentrums in Karrees wie geschaffen, da diese eine genaue Auswertung der Explosionsfolgen mithilfe von Luftaufnahmen ermöglichte. Zum Glück meiner Großeltern lag ihr Mietshaus vom Stadtzentrum leicht abgelegen. Einige der Bomben hatten jedoch eine so große Sprengwirkung, dass ihre Detonationen Wohngebiete im Umkreis von mehreren Kilometern beschädigen konnten – Schäden, die mein Großvater nach und nach peinlich genau den deutschen Obrigkeiten vorlegte, um entsprechende Wiedergutmachung zu erhalten.

Mein Vater und ich sind die Akten durchgegangen, die Opa sein ganzes Leben lang sorgsam im Keller aufbewahrt hatte, als hätte er noch Jahre nach Kriegsende befürchtet, es käme einer, der seine erlittenen Verluste leugnen und von ihm verlangen würde, die Abgeltungen zurückzuzahlen. Nach jedem Angriff kamen die Behörden, um die Schäden für eine Wiedergutmachung festzustellen, die häufig erst viel später ausbezahlt wurde: »Durch Luftdruckeinwirkung infolge Bombeneinschlags bei dem Fliegerangriff vom 5./6.8.41 wurde auf oben bezeichnetem Grundstück Gebäudeschaden verursacht. Es entstand Dach- u. Glasschaden. Wände und Decken sind gerissen. Der Schaden wurde dem Grunde nach durch das Augenscheinprotokoll des städt. Hochbauamtes vom 4.11.1941 der Höhe nach durch die vorgelegten, von Architekt Anke geprüften und bestätigten Handwerkerrechnungen mit zusammen RM 4841,83 nachgewiesen. Außerdem wurden dem Geschädigten Ersatzleistungen in Natur in Höhe von RM 340,67 gewährt. Die Entscheidung ergeht kostenfrei.« Dieser Brief der Feststellungsbehörde des Oberbürgermeisters ist auf den 15. Mai 1943 datiert, das heißt fast zwei Jahre nach dem Schaden, vor allem aber inmitten des Zusammenbruchs, in dem sich das Dritte Reich bereits befand, und ich finde es ziemlich faszinierend, dass aller chaotischen Zustände zum Trotz die deutsche Bürokratie weiterhin mit einer solchen Präzision funktionierte.

Der verheerendste Angriff war jener in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1943. In nur wenigen Stunden warf eine Flotte von 605 Maschinen der Royal Air Force 150 Minen, 2.000 Sprengbomben, 350.000 Brandbomben sowie 5.000 mit weißem Phosphor bestückte Bomben ab. Die Stadtbewohner flüchteten sich in die etwa 52 großräumigen Bunkeranlagen, die mehr als 130.000 Personen Schutz boten. Es ist dieser Infrastruktur zu verdanken, dass die Anzahl der zivilen Opfer der Bombardements auf etwa 1.700 Tote in Mannheim beschränkt blieb, verhältnismäßig wenige also, bedenkt man die Massivität der Angriffe. Als am 6. September die Bewohner wie Zombies aus ihren unterirdischen Verstecken hervorkletterten, war das Stadtzentrum nur mehr Schutt und Asche, brennende Ruinen. Der gesamte Komplex der Gesellschaft für Mineralölprodukte meines Großvaters, dessen Lage sich in unmittelbarer Nähe zum Hafen befand, war ausgebrannt. Das Gebäude auf der Chamissostraße hatte ebenfalls Schaden genommen, der im Keller eingerichtete und den Einwohnern als Schutzraum dienende Bunker jedoch hatte standgehalten. Seine Grundfesten existieren im Übrigen heute noch – große, in die Decke eingezogene Stahlbalken sowie eine hermetisch verschließbare Panzertür, die so unglaublich schwer ist, dass ich sie als kleines Kind gar nicht allein öffnen konnte, wollte ich aus dem Keller Marmelade holen. Es war meine Tante Ingrid, die mir Jahre später erklärte, dass mit Beginn des Krieges die NSDAP Männer geschickt hatte, um den Keller in einen Privatbunker umzubauen, was ein Privileg gegenüber all jenen war, die in den öffentlichen Bunkern Schutz suchen mussten.

Zum Zeitpunkt des Angriffs vom September hatte meine Oma, wie viele andere Frauen und Kinder, die vor den immer häufigeren Bombardierungen Schutz gesucht hatten, Mannheim bereits mit der sechsjährigen Ingrid und meinem eben erst geborenen Vater verlassen. »Er war ein krankes Kind, er hatte Bronchitis und wollte einfach nicht aufhören zu husten«, berichtet meine Tante. »Der Doktor hatte zu uns gesagt: ›Bei all dem Staub aus den Ruinen sollten Sie die Stadt besser meiden!‹« Ihr erstes Ziel war dann der Odenwald, eine hübsche, hügelige Landschaft direkt hinter Mannheim. »Wir lebten bei zwei alten Fräuleins, die bald schon die Nase voll hatten von dem schreienden Baby. Also hatten sie zu meiner Mutter gesagt: ›Lydia, du musst woandershin, das ist uns zu viel.‹« Ihr Weg führte sie weiter nach Franken zu den Eltern von Karl Schwarz. »Das waren arme Bauern, die schon drei Kinder ernähren mussten. Wir lebten auf engstem Raum miteinander, und da es gar nicht genug Teller gab für alle, steckten wir unsere Löffel einfach direkt in einen mitten auf den Tisch gestellten Kessel, ich fand das ulkig.« Davon weitaus weniger amüsiert war allerdings Oma, die es nicht mehr ertrug, sich noch länger aufzudrängen, und die bald schon dem Bürgermeister des kleinen Marktfleckens damit drohen sollte, »Dummheiten zu begehen«, falls er nicht schnellstmöglich eine Unterkunft für sie finden sollte. »Ich hatte sie begleitet, und sie sagte zu ihm so etwas Furchtbares wie: ›Ich hänge mich auf oder werfe mich mit meinen Kindern in den Fluss‹«, erinnert sich meine Tante. Ein Bauer bot ihnen ein Zimmer an, im Gegenzug dafür musste meine Großmutter bei jedem Wetter hart auf den Feldern arbeiten und Tag für Tag die Kühe melken.

Ich habe Fotos aus dieser Zeit des Exils gefunden, das sich über zwei Jahre erstrecken sollte. Ingrid mit ihren beiden blonden Zöpfen, leichtfüßig wie eine Gazelle in den grünen Hügeln, und mein Vater, sein hellblond leuchtendes Haar wie eine Mähne über seinem Puppengesicht tragend, wie er mühsam vor einem Gänsegehege herumkraxelt und strahlend offen lacht. Manchmal ist auch Opa auf diesen Negativen zu sehen, er kam sie jedoch selten in dieser Zeitspanne besuchen.

Als 1939 der Krieg ausbrach, war Karl Schwarz 36 Jahre alt, wurde aber nicht einberufen, was neben seinem Alter vielleicht auch daran lag, dass die Kriegsanstrengungen des Reiches zunächst noch nicht so vieler Männer bedurften, nachdem die Wehrmacht ihre Schlachten in Polen, Skandinavien, den Beneluxländern und im Juni 1940 schließlich auch in Frankreich per Blitzsieg entschieden hatte. Der Auftakt zum Unternehmen Barbarossa am 22. Juni 1941 jedoch, das über drei Millionen Soldaten der Achsenmächte in den Ansturm auf die Sowjetunion entlang einer Front warf, die sich von der Ostsee bis hin zu den Karpaten zog – eine in der Militärgeschichte noch nie da gewesene Ausdehnung –, veränderte die Ausgangslage: Je tiefer das Dritte Reich in diesem soldatenfressenden Krieg stecken blieb, desto geringer wurde die Chance, dem Leidensweg an der Ostfront zu entkommen.

Karl, ein Lebemann, der keinerlei Lust verspürte, in den eisigen Steppen Russlands den kleinen Soldaten des Nazi-Regimes zu spielen, musste sich von nun an geschickt anstellen, wollte er sich drücken. Seine Parteimitgliedschaft in der NSDAP als Trumpf allein stach nicht mehr. Er musste höhere Instanzen von der unbedingten Notwendigkeit seiner Anwesenheit in Mannheim überzeugen und ihnen klarmachen, dass er seine Geschäfte weiterhin betreiben musste. Werde seine Kundschaft der Mineralölprodukte beraubt, so mochte er argumentiert haben, bestünde die Gefahr, dass sie ihren Beitrag zur deutschen Wirtschaft nicht mehr leisten könne. Bedenkt man die sehr bescheidene Größe seiner Gesellschaft, sowie die Drosselung seiner Produktion während des Krieges und andererseits den dringlichen Mangel an Männern für die Front, muss Karl Schwarz ein außergewöhnliches Überzeugungstalent an den Tag gelegt haben, um von der Verpflichtung zum Dienst in der Wehrmacht freigestellt worden zu sein. Gut möglich, dass er bereits in ebendiesem Augenblick den Einfall hatte, die Wehrmacht zu seinem Kunden zu machen, indem er zweifelsohne einen für Letztere vorteilhaften Preis anbot. So machte er sich der Wirtschaft des Reiches nützlich.

Ich muss ihm zumindest ein gewisses Talent zugestehen, das es ihm erspart hat, einer kriminellen Bande megalomaner und suizidaler Nazis als Kanonenfutter zu dienen. Vor Kurzem jedoch, als mein Vater und ich die im Keller gehorteten Ordner durchgingen, schien der Hintergrund von Opas Freistellung plötzlich unter einem anderen Licht auf. In einem auf den 4. März 1946 datierten Brief klagt sein Geschäftspartner der Schwarz & Co. Mineralölgesellschaft, Max Schmidt1, meinen Großvater an, die Nazi-Obrigkeiten darüber informiert zu haben, dass er, Schmidt, kein Mitglied der NSDAP war, und er damit allein die Absicht verfolgt habe, dass Schmidt an seiner statt zur Armee eingezogen würde. »Ihr damaliger Vorwurf, dass Sie mich wegen meiner Nichtzugehörigkeit zur Partei haftbar machen sollten, ist kein Fantasiegebilde, sondern leider Tatsache gewesen, genau wie Ihre sonstigen Aussagen, die Sie heute nicht mehr wahrhaben wollen. Im Übrigen drehten Sie bisher den Wind stets so, wie es für Ihre eigenen Zwecke günstig war, während ich Ihrerseits nur als das notwendige geldgebende und auftragsbringende Übel angesehen wurde.« Und er fügt hinzu: »Ich bin ja nicht freiwillig Soldat geworden. Durch meine Einziehung zur Wehrmacht wurde Ihnen ja erst die Möglichkeit gegeben, für den Betrieb unabkömmlich gestellt zu werden.«

Bei den Behörden muss mein Großvater geahnt haben, dass, sollte denn überhaupt eine Chance bestanden haben, der Wehrmacht mit der Begründung entkommen zu können, die Firma benötige einen Geschäftsführer, diese dann nur für ihn oder seinen Partner gegolten hätte, keinesfalls aber für beide zugleich. Und gut möglich, dass er eben in diesem Moment und ganz nebenbei hatte durchsickern lassen, dass sein Partner Max Schmidt kein Parteimitglied war.

Vom Frühling 1943 an lebte Karl allein, da Frau und Kinder inzwischen aufs Land gezogen waren. Die Abende müssen ein wenig traurig gewesen sein in dem halb leeren Gebäude auf der Chamissostraße, dessen Einwohner entweder aus der Stadt verbannt oder aber an der Front dem Tod und der Kälte trotzten, abgesehen von drei oder vier Seelen, die in dieser gespenstischen Kulisse diverser Wohnungen zusammenlebten, in deren Decken, Böden und Wänden Risse klafften und deren zerborstene Fenster mithilfe großer Kartonstücke abgedichtet worden waren. Um ein wenig Aufmunterung zu erfahren, begab sich mein Großvater in das Kabarett Eulenspiegel, auf der Langen Rötterstraße, einer kleinen Seitenstraße. Viele Kabaretts, Varietéhäuser und Theater des Dritten Reiches hatten bis zum 1. September 1944 ihren Betrieb fortgeführt, als schließlich Propagandaminister Joseph Goebbels deren Schließung anordnete. Bis dahin waren viele Künstler vom Armeedienst befreit, da ihre Rolle im Wesentlichen darin gesehen wurde, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung von den allgegenwärtigen Schreckensszenarien, in die Hitler sie zu stürzen im Begriffe war, abzulenken.

Das Etablissement existiert nicht mehr, aber ich habe in den Papieren meines Großvaters ein Blatt gefunden, dessen Briefkopf in hübscher roter Kalligrafie den Schriftzug »Eulenspiegel – Parodistisches Kabarett« trägt. Am unteren Seitenrand sind Auszüge positiver Pressestimmen wiedergegeben. Aus Saarbrücken: »Selten wird Kunst in dieser pikanten Form serviert. Mit klassischem und volkstümlichem Gesang paart sich ein schalkhafter Humor, durchweht von sprühendem Geist. Das Ganze als Eulenspiegelparodie war, man kann es nicht anders bezeichnen, eine Glanzleistung.« Aus Mannheim: »Die Eulenspiegel gewannen schnell Sympathie, denn sie zeigten Originalität, Geist und – welch seltene Wohltat – Niveau.« Auf halber Höhe des auf den 2. Februar 1948 datierten Briefes steht geschrieben: »Wir bestätigen hiermit, dass Herr Karl Schwarz zu unserer Gruppe gehört«, und unten auf der Seite bezeugt dies die Unterschrift des Leiters des Kabaretts, Theo Lustfeld2. Welches Motiv sich auch immer hinter diesem Dokument verbergen mag, das zweifellos als Alibi gedient haben musste, um meinen Großvater nach dem Krieg von möglichen Unregelmäßigkeiten reinzuwaschen, so verweist es doch darauf, dass Karl das Etablissement häufiger aufgesucht haben muss, um ein solch heimliches Einverständnis erlangt haben zu können. Tatsächlich hatte er vor allem mit einer Dame verkehrt, einer Künstlerin, die zugleich die Ehefrau des Chefs war, Frau Lustfeld, und sich dem Paar so sehr angenähert, dass er nach der Zerstörung seiner Firma im September 1943 sein Büro und seine Lagerhalle gleich neben ihrer Wohnung in einer an den Randgebieten von Mannheim gelegenen Ziegelei einrichtete, wo er dann auch bis zum Ende des Krieges wohnte. Und da es kaum vorstellbar ist, dass der Ehemann von der intimen Nähe, die seine Frau an ihren neuen gemeinsamen Freund band, keinen Wind bekommen hatte, hält mein Vater es für durchaus wahrscheinlich, dass sie eine Art Ménage-à-trois führten, die bis zum Tode meines Großvaters halten sollte. Als Oma begriff, dass die Lustfelds, die sich während ihrer Abwesenheit so rührend um ihren Ehemann gekümmert hatten, mehr als nur Freunde waren, stürzte sie dies in einen Schmerz, von dem sie sich nie mehr wirklich erholen sollte. Glücklicherweise hat sie diese unangenehme Entdeckung erst sehr viel später gemacht und nicht schon nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 bei ihrer Rückkehr mit den Kindern nach Mannheim. Ein anderer Schock erwartete sie dort bereits: Die Stadt, in der sie das Licht der Welt erblickt hatte, war zur Hälfte verschwunden.

Mannheim war im Südwesten Deutschlands eine der am meisten zerstörten Städte; 70 Prozent des Zentrums und 50 Prozent der restlichen Stadt lagen in Trümmern. Es hatte den desaströsen Luftangriff vom September 1943 gegeben und zahlreiche weitere, und schließlich flogen die Bomber der Royal Air Force am 2. März 1945 noch ein letztes Mal los, obwohl das Ende des Krieges bereits absehbar war, und entzündeten einen Feuersturm, der den Rest der historischen Altstadt mit sich davontrug. Ende März hatten die Mannheimer bei der Ankunft der Amerikaner die Waffen gestreckt und waren auf diese Weise, ohne es zu wissen, dem Schlimmsten überhaupt entkommen, denn ein amerikanischer Geheimplan sah vor, über mehreren Städten nukleare Sprengbomben niedergehen zu lassen, sollten die Deutschen Widerstand leisten – Mannheim und Ludwigshafen zählten zu den möglichen Zielen.

Falls Oma mit dem Zug angekommen sein sollte, so hat sie neben dem Bahnhof das große Barockschloss, von dessen 500 Zimmern ein einziges unberührt geblieben war, an allen Ecken und Enden durchlöchert gesehen. Um zur Chamissostraße zu gelangen, hat sie die alten großen Einkaufsstraßen überqueren müssen, die einst von prächtig erleuchteten Kaufhäusern gesäumt gewesen waren, vor Leben nur so wimmelnd und jeglichen Überfluss zur Schau stellend – Magnete, in die man aus der ganzen Region herbeigeströmt war, um Einkäufe zu erledigen. Karstadt und die ehemaligen jüdischen, nun aber arisierten Kaufhäuser Kander, Gebrüder Rothschild, Hermann Schmoller & Co waren zum Großteil wie Kartenhäuser unter den Bomben zusammengesackt. Von den Cafés, die im Sommer stets ihre schönen Terrassen geöffnet hatten, um den Damen Sahnetorten und Kaffee zu servieren, war keine einzige Spur mehr verblieben, abgesehen vielleicht von einigen aus ihren Firmenschildern herausgerissenen Buchstaben oder auch den Scherben des Geschirrs, das den Namen des Caféhauses trug und nun als Splitter aus den Trümmerbergen herausragte, die sich an den Gehsteigkanten auftürmten, um den Weg freizugeben. Ganze Straßenzüge waren verschwunden, verwandelt in großflächige, schemenhafte Terrains, auf denen hier und da die Karkassen von Gebäuden und die körperlosen Fassaden fortbestanden, aufgestellt wie Theaterkulissen im Nichts. Ich stelle mir Oma vor, wie sie, eine äußerst gläubige Protestantin, die altvertraute Silhouette einer Kirche mit ihren Blicken sucht und an deren Stelle nichts als das nackte Skelett eines Kirchenschiffs vorfindet und ein vor der klaffenden Öffnung eines Glockenturms schief hängendes Kreuz.

Wie viele Deutsche haben wohl, meinen Großeltern gleich, ihre Geburtsstadt derart entstellt gesehen, die Identität eines Lebens? Hamburg war in ein Feuermeer verwandelt worden, das bis zu 40.000 Menschen das Leben kostete und die Hälfte aller Wohnungen zerstörte, Dresden, Meisterwerk des Barocks, war nach einem Bombensturm, der circa 25.000 Einwohner tötete, zu einer Geisterstadt geworden. Hannover, Kassel, Nürnberg, Magdeburg, Mainz, Frankfurt waren zu 70 Prozent verschwunden, während das gesamte Ensemble im Industriebecken an Rhein und Ruhr – Köln, Düsseldorf, Essen, Dortmund – unter den Bomben zusammengebrochen war. Einige Gemeinden wie Düren, Wesel oder Paderborn waren sogar zu mehr als 96 Prozent verschwunden. Summa summarum verlor jede fünfte Familie ihr Zuhause. Die Zahlen schwanken, aber vermutlich starben während der Luftangriffe etwa 300.000 bis 400.000 Menschen, so der Historiker Dietmar Süß. Mindestens ebenso viele erlitten lebenslange Folgeschäden und Millionen weitere waren traumatisiert.

Am 14. Februar 1942 hatte London über eine Anweisung dem Oberkommandierenden des Bomber Command der Royal Air Force, Arthur Harris, mitgeteilt, dass er seine Streitkräfte ohne jede Beschränkung einzusetzen habe, die Operationen sollten » on the morale of the enemy civil population and in particular the industrial workers « fokusiert werden, sprich auf Wohngebiete. Arthur Harris erhielt den Spitznamen Bomber Harris. Bevor ich dieses Buch zu schreiben begann, war mir dieser Held der Briten nicht bekannt, und ich muss, als ich in London studierte, wohl zigmal an seiner 1992 enthüllten Statue vorübergegangen sein, ohne ihr jemals meine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Seit die Erinnerungsarbeit jedoch für mich zur Obsession geworden ist, jage ich ihr in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen nach, wo immer ich mich aufhalte. Für gewöhnlich widme ich mich ihr ganz allein, denn den Tag mit Toten zu verbringen trifft nicht gerade aller Welt Geschmack. So nutzte ich auch einen Blitzbesuch in London, um mir die Statue anzusehen, auf der Arthur Harris vor der St. Clement Danes Church thront. Dieses Mal las ich das Epitaph: »Im Gedenken an einen exzellenten Befehlshaber und die mutigen Besatzungen der Bombergeschwader, von denen über 55.000 ihr Leben für die Freiheit ließen. Die Nation schuldet jedem von ihnen unermesslichen Dank.«

Die Bombardierung der Zivilbevölkerung hatte zum Ziel, die Moral der Deutschen und ihre Unterstützung für Hitlers Krieg zu brechen, Historiker sind sich heute aber einig, dass sie nicht dazu beigetragen hat, den Krieg zu verkürzen. Diese Angriffe, ursprünglich als Vergeltung für die zerstörerischen Luftangriffe der Deutschen auf Coventry, auf London und auch auf Rotterdam gedacht, wandelten sich im weiteren Verlauf zu mordsüchtiger Rache. In den letzten Monaten des Krieges bombardierten die Briten und Amerikaner Deutschland beinahe täglich, obwohl die Niederlage des Reiches längst klar war.

Abgesehen von der Masse der zivilen Todesopfer führten diese Verheerungen dazu, dass Deutschland ganze Teile seiner kulturellen und historischen Identität verlor. Sieht man sich Bilder von Mannheim, Berlin oder Köln vor dem Krieg an, so wird einem ein vollkommen anderes Land präsentiert. Doch auch wenn die Alliierten Verbrechen begangen haben, die primäre Verantwortung für diese Gewaltspirale fällt zweifellos dem Dritten Reich zu, denn hätte es den Krieg in Europa nicht vom Zaun gebrochen, Deutschland hätte niemals auf diese Weise gelitten und wäre nicht in solchem Maße verunstaltet worden. Das allergrößte Leid aber brachten nicht die Bomben über die Deutschen, sondern der mörderische Wahn des Führers, der auf den Schlachtfeldern mehr als fünf Millionen deutschen Soldaten das Leben kostete.

Meine Großeltern waren von diesem Blutbad nicht direkt betroffen. Doch unzählige jener, die ihnen nahestanden, hatten den Tod eines der Ihren in diesem Krieg zu beweinen, den Hitler weiterzuführen sich in den Kopf gesetzt hatte, obwohl mehrere Generäle ihm geraten hatten, sich doch zurückzuziehen. Der Mann von Karls Schwester Heidi, ein Offizier der Wehrmacht und glühender Nationalsozialist, war an der Ostfront gestorben, so wie mindestens 3,5 Millionen andere deutsche Soldaten auch, die die Weigerung ihres Führers, angesichts der evidenten Überlegenheit der Sowjets in den letzten Kriegsjahren einen Rückzieher zu machen, mit ihrem Leben bezahlt hatten. Nachdem sein Plan, die UdSSR in den wenigen Monaten des Sommers 1941 zu erobern, misslungen war, trieb Hitler seine Männer an, ihren Vormarsch bei eisigem Winter ohne jegliche Ausrüstung gegen die Kälte bis vor die Tore Moskaus fortzusetzen. Trotz Temperaturen von minus 50 Grad Celsius und ohne Handschuhe geschweige denn Mäntel, erteilte er ihnen den Befehl, um jeden Preis anzugreifen und ihre Position zu halten. »Wir wussten nicht, wo sich die Front befand. Wir knieten oder lagen im Schnee. Die Knie froren uns am Boden fest«, schrieb ein Wehrmachtssoldat in seinen Aufzeichnungen. Unfähig, Gräben in das harte Eis zu ziehen, um darin Schutz zu finden, starben die deutschen Soldaten wie die Fliegen, erschossen von russischen Kugeln oder erledigt von Kälte und Hunger. Ein Jahr später, der Warnhinweise seiner Generäle über den katastrophalen Zustand der Truppen zum Trotz, zwang der Führer die ausgemergelten Soldaten noch einmal zum Angriff, diesmal gegen Stalingrad – eine Offensive ohne jegliche Aussicht auf Erfolg, die darauf hinauslief, seine Männer in den sicheren Tod zu schicken. Die rund 220.000 Soldaten der 6. Armee wurden eingekesselt, sie trugen nichts als dünne Kleidung und litten unter beißendem Hunger. Nur etwa 6.000 kehrten in ihre Heimat zurück.

In Nordafrika, einem weiteren Kriegsschauplatz, fiel die Opferbilanz für die Deutschen mit einigen Zehntausend Toten vergleichsweise niedrig aus, da Erwin Rommel, der als »Wüstenfuchs« gefeierte General, der die Offensive des Afrikakorps gegen die Briten leitete, den Mut besessen hatte, Hitler zumindest einmal nicht zu gehorchen. Bei der Schlacht von El Alamein hatte der Führer trotz der offensichtlichen logistischen Unmöglichkeit, den Feind zurückzudrängen, einen seiner gefürchteten Durchhaltebefehle gegeben: »Ihrer Truppe können Sie keinen anderen Weg zeigen als den zum Siege oder zum Tode.« Rommel, der seinem Chef gegenüber stets äußerst loyal gewesen war, wies jedoch alle beweglichen Einheiten an, sich zurück- und nach Westen abzuziehen. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944, die den Niedergang des Reiches bestätigte, redete Rommel dem Führer zu, den Krieg doch zu beenden; er provozierte damit aber nur den Zorn eines Tyrannen, der von seinem maßlosen Machtstreben verblendet war. Wenig später wurde ihm unterstellt, er habe an einem fehlgeschlagenen Putsch der Offiziere gegen das Nazi-Regime teilgenommen. Erwin Rommel, dessen Kühnheit und Triumphe Deutschland jubeln und den Feind zittern ließen, erhielt den Befehl, sich umzubringen – und führte ihn auch aus.

Ähnlich wie er versuchte am Ende des Krieges eine wachsende Zahl von Generälen, Hitler zur Vernunft zu bringen, aber der Führer beharrte unerschütterlich auf seiner Position und konnte sich dabei auch auf die anhaltende und nicht nachvollziehbare Unterstützung eines Teils des Oberkommandos stützen. Wenige Monate vor der Kapitulation, obgleich alle Hoffnung bereits verloren war, fiel den Anführern der Nazis in ihrem selbstmörderischen Wahn nichts Besseres ein, als den Kreis der potenziellen Opfer noch einmal zu erweitern, indem sie auch noch die wenigen, die als Kanonenfutter verblieben waren, einziehen ließen. Vor allem Jungen im Alter von 16 oder 17 Jahren und Männer über 45 Jahre bildeten den »Volkssturm«, der kaum bewaffnet die Städte verteidigen sollte, die längst nicht mehr zu verteidigen waren. Sie wurden skrupellos in den Tod geschickt, um das selbstherrliche Bild des Deutschen, das der Eitelkeit des Führers entsprach, bis zum Äußersten zu pflegen: entweder vollständiger Sieg oder totale Niederlage.

Die Deutschen, die jene letzten Kriegsmonate durchlebten, erinnern sich an diese wie an eine Apokalypse. Das Land fiel in sich zusammen, brannte, explodierte, schrie, zerbrach und ging in einem Danteschen Inferno unter. Wie ein Löwe im Käfig umherirrend, versank Adolf Hitler in der bedrückenden Atmosphäre seines Bunkers unter der Berliner Reichskanzlei in einem trotzigen, selbstzerstörerischen Wahn und zog der Kapitulation den Untergang vor, in den er sein eigenes Volk zu stürzen trachtete, welches sich der nationalsozialistischen Revolution als »unwürdig« erwiesen hatte. Am 30. April schoss er sich, nachdem er seinen Hund getötet hatte, eine Kugel in den Kopf, und Eva Braun, seine Partnerin, die kurz vor seinem Tod zu heiraten er endlich eingewilligt hatte, vergiftete sich mit Zyankali. Am 1. Mai dann war es an seinem Propagandaminister, Joseph Goebbels, einem fanatischen Antisemiten, und seiner Frau Magda, einer besessenen Anhängerin des Nationalsozialismus, Zyankali zu schlucken, nachdem sie es zuvor ihren sechs Kindern verabreicht hatten, die in Propagandafilmen als hellblonde Engel dafür hatten herhalten müssen, die Deutschen innerlich zu rühren.

Selbstmord verbreitete sich in dem Augenblick, da die Ankunft der Roten Armee unausweichlich erschien, wie eine Epidemie. Pastoren, vor allem in Berlin, waren wegen des Ansturms Gläubiger beunruhigt, die sie aufsuchten, um ihnen anzuvertrauen, dass sie stets eine Ampulle Zyankali bei sich trugen. Die Anzahl der Berliner, die sich in den letzten Kriegswochen das Leben nahmen, lag wahrscheinlich bei mehr als 10.000. In Demmin, einer kleinen, in Vorpommern gelegenen Stadt mit etwa 15.000 Einwohnern, die am 30. April von der Roten Armee erobert worden war, nahmen sich zwischen 500 und 1.000 Personen das Leben, darunter nicht wenige Frauen, die zuvor ihre eigenen Kinder umgebracht hatten. Andere Städte erlitten ein ähnliches Schicksal. Meine Tante erinnert sich an die Verzweiflung ihrer Mutter: »Die Amerikaner waren bereits im Lande und meine Mutter rief noch immer aus: ›Wir werden den Krieg nicht verlieren! Der Führer wird gewinnen! Wenn wir den Krieg verlieren, bringe ich mich um!‹«

Dass Oma nicht zur Tat schritt, mag daran gelegen haben, dass ihr Schicksal im Vergleich zu anderen nicht ganz so furchtbar war. Nachdem sie das zu Ruinen zerfallene Stadtzentrum Mannheims durchquert hatte, muss ihr beim Anblick des noch stehenden Familienhauses ein schweres Gewicht vom Herzen gefallen sein. Aber um überleben zu können, reichte die eigene Bleibe nicht aus, erst recht nicht, wenn sie überall durchlöchert war. Ganze Wände, ein Stück der Bedachung und ein Teil der Treppe waren weggerissen und sämtliche Fenster in tausend Scherben zerborsten. Nach und nach kehrten die Mieter vom Land zurück, um sich wieder in ihren Wohnungen niederzulassen. Aber sie mussten diese mit jenen teilen, die alles verloren hatten. In Mannheim waren von etwa 86.700 Wohnungen nur 14.600 nicht von den Bomben getroffen worden. Angesichts der drückenden Wohnungsnot war bestimmt worden, dass mindestens acht Personen sich eine Wohnung der Größe wie im Gebäude auf der Chamissostraße teilen mussten, wobei jede etwa 90 Quadratmeter umfasste. Opa entkam der Reglementierung, da er vorgegeben hatte, sein Bruder Willy würde mit seiner Familie unter seinem Dach wohnen. Allerdings erinnert sich meine Tante, dass ihre Eltern regelmäßig Familienmitglieder, die in Not geraten waren, aufnahmen und sie selbst im Wohnzimmer hinter einem großen Laken schlafen musste, das als Vorhang diente. Im Erdgeschoss fand sich hingegen ein alter, allein lebender Junggeselle mit einer ganzen Flüchtlingsfamilie wieder. »Wir nannten die Flüchtlinge Rucksackdeutsche, wir konnten nur ahnen, dass sie einen wirklichen Albtraum hinter sich hatten«, sagt Ingrid.

Die 12 bis 14 Millionen Vertriebenen aus dem Osten, denen die Heimat entrissen worden war, in der sie sich seit Generationen verwurzelt fühlten, gehörten zweifellos zu den am schwersten betroffenen deutschen Zivilisten. Insbesondere die aus den deutschen Ostgebieten waren unter furchtbaren Bedingungen vor der Ankunft der Roten Armee geflohen, die aufgebracht vom Anblick der von der Wehrmacht während ihres Rückzugs niedergebrannten Dörfer und vom Tod von Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen einen nicht gerade geringen Tatendrang verspürt haben dürfte. Mehr als 1,4 Millionen deutsche Frauen wurden vergewaltigt und Hunderttausende Männer in die Gulags gesteckt und zur Zwangsarbeit verdammt.

In der Tschechoslowakei ging es weniger blutig zu, doch der erzwungene Fortzug von drei Millionen Deutschen war ebenfalls sehr schmerzhaft verlaufen. Im österreichisch-ungarischen Kaiserreich waren die Sudetendeutschen in Böhmen und Mähren im Norden des Landes zu Wohlstand gelangt. Aber ihre Situation verschlechterte sich nach der Zerschlagung des Kaiserreichs im Jahr 1918, als ein neuer unabhängiger tschechoslowakischer Staat seine deutschsprachige Minderheit zu diskriminieren begann.

Die Notwendigkeit beschwörend, seinen »Blutsbrüdern« zu Hilfe eilen zu müssen, annektierte Hitler das Sudetenland im Oktober 1938 unter den Bravorufen einer überwiegenden Mehrheit der örtlichen Bevölkerung, die erst gar keine Zeit verlor, nun ihrerseits die Tschechen zu diskriminieren und aus der Region zu vertreiben. Nach der Niederlage des Reiches wechselte die Rache wieder die Seiten, und nun war es an den Deutschen, auf die Straße gesetzt und wie Aussätzige verjagt zu werden, wobei Tausende vor Erschöpfung starben oder ermordet wurden. Der tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš ordnete per Dekret an, dass sämtliche Güter der Deutschen »beschlagnahmt«, sprich gestohlen werden sollten. 2002 verurteilte der tschechische Präsident Václav Havel diese Vertreibungen öffentlich.

Der Empfang dieser Flüchtlinge in Westdeutschland war nicht besonders herzlich, schließlich hatte man mit den Wohnungslosen aus der eigenen Region schon genug zu tun. Empathie findet sich selten in Kraft gesetzt, wenn alle Welt leidet. So hatten meine Großeltern zwar Mieter, aber diese konnten nur wenig Miete zahlen. Die Schäden der Angriffe vom September 1943, die sowohl das Gebäude als auch Opas Fabrik getroffen hatten, waren noch immer nicht ausgeglichen worden. Mein Großvater verbrachte ganze Tage damit, bei den Behörden vorstellig zu werden. Glücklicherweise hatte er vor dem großen Bombardement ein vollständiges Inventar seiner Güter erstellt, das ich im Keller in Mannheim gefunden habe.

Bei der Lektüre dieser Liste, die jedes einzelne Kleidungsstück, das gesamte Mobiliar, jedes einzelne Zubehör, das meine Großeltern besaßen, aufzählt, fand ich mich in jener Kulisse wieder, in der Oma gelebt hatte, als ich noch ganz klein war, und von der ich gedacht hatte, mich nur noch vage an sie erinnern zu können: Nach ihrem Tod – ich war sechs Jahre alt – hatte mein Vater die Wohnung vollkommen umgestaltet. Nicht ohne einen Kloß im Hals zu spüren, sah ich vor mir deutlich das Zimmer meiner Großmutter wiedererstehen, in dem sich schwere dunkle Holzmöbel befanden, ein Bild, das eine idyllische germanische Landschaft darstellte, ein für die Größe des Zimmers viel zu massives Bett und über diesem ein beeindruckendes Kruzifix, vor dem Lydia jeden Abend gebetet hatte. Die Wohnung bestand aus einem Salon, einer großen Küche, in der Oma ganze Tage damit verbrachte, Gebäck auf Blechen so groß wie ihr Ofen für die sonntäglichen Runden zu Kaffee und Kuchen zu backen, sowie einem Herrenzimmer, in welchem man in Sesseln, die einer Art-déco-Bibliothek und einem dazu passenden Schreibtisch gegenüberstanden, sitzend Pfeife und Zigarre rauchen durfte, wenn die Finanzen es erlaubten, allerdings nur unter Männern. Eine andere Liste, die ich fand, ist auf den Tag nach den Verwüstungen durch die Bombardements im September 1943 datiert und verzeichnet die Verluste. Wie detailliert Opa den Schaden notierte – er gibt dabei auch »einen Kanarienvogel samt Käfig« an, »eine Türklinke«, »leere Flaschen« und »leere Obstkisten« –, liefert einen Eindruck von der angespannten finanziellen Situation meiner Großeltern während dieser Zeit.

Sehr schnell war es Karl Schwarz gelungen, eine weitaus effizientere Lösung zu finden, als auf die Schadensersatzleistungen des Staates zu warten, um die Lebensbedingungen seiner Familie zu verbessern. Zwar hatten die Alliierten ihn der Kontrolle seiner Gesellschaft enthoben, aber sie wussten nicht, dass er in einer Ziegelei außerhalb der Stadt noch über ein ganzes Lager an Öl- und Petroleumfässern verfügte. In jenen Zeiten des Mangels glichen diese Reserven purem Gold auf dem Schwarzmarkt, von wo mein Großvater die unglaublichsten Schätze mit nach Hause schleppte: Lagen an Eierkartons, die er im Gartenhäuschen im Hof unterbrachte, Hunderte von Äpfeln, die im kühlen Keller frisch gehalten wurden, ganze Schinken, die im Badezimmer von der Decke hingen, und sogar – unerhörter Luxus in diesen entbehrungsreichen Zeiten – Knallkörper und Sekt zu Silvester. Karl war der Einzige im Viertel, der ein Auto besaß und davon profitierte, »dass immer ausreichend Platz zum Parken vorhanden war«, wie mein Vater belustigt erzählt. In der Nachbarschaft galt die Familie Schwarz als außergewöhnlich gut situiert, wohingegen andere Jungen in der Schule mit leerem Magen und in Schuhen mit löchrigen Sohlen erschienen. »Man war ein wenig neidisch auf uns«, sagt meine Tante, die ihrem Vater stets dankbar gewesen ist, »sich für seine Familie so durchgebissen zu haben«.

Jeder schlug sich in diesem am Boden liegenden Deutschland so gut durch, wie er es vermochte. Eine der größten Attraktionen meines Vaters als Kind bestand darin, zum Fenster zu eilen, sobald er das Hupen der schweren Jeeps hörte, die vor dem Hauseingang hielten, wenn amerikanische Soldaten kamen, um ihre Begleitung für den Abend abzuholen. »Es gab die beiden Töchter der Dame über uns sowie eine Nachbarin, die zwar verheiratet war, aber nicht wusste, ob ihr Mann zurückkehren würde, und man musste ja doch weiterleben«, erinnert er sich. Zahlreiche deutsche Kriegsgefangene kehrten erst viele, manche sogar erst zehn Jahre nach Kriegsende heim, während sie ihre Ehefrauen allein auf sich gestellt und voller Ungewissheit zurücklassen mussten. Etwa 1,3 Millionen von ihnen kehrten niemals aus der Sowjetunion zurück und wurden unter verabscheuungswürdigen Bedingungen zur Arbeit gezwungen, nachdem das Reich seinerseits 3,3 von 5,7 Millionen russischen Kriegsgefangenen ermordet oder sterben lassen hatte.

Materiell war für eine deutsche Frau in dieser Zeit ein für tot erklärter Ehemann besser als ein vermisst gemeldeter. Im ersten Fall konnte sie sofort eine Rente erhalten, im zweiten musste sie oft über mehrere Jahre kümmerlich ihr Leben ohne Pension oder Witwenrente fristen und dabei häufig doch nur auf die Bestätigung warten, dass der Ehemann tatsächlich tot war. »Die jungen Frauen aus Mannheim begannen mit den Amerikanern auszugehen, die sie in ihre Kasernen mitnahmen, wo sie tanzen, ins Kino gehen, sich satt essen und sich mit den jungen Männern amüsieren konnten, die in ihren Uniformen ziemlich attraktiv wirkten«, erzählt mein Vater.

Manchmal bildeten diese Zusammenkünfte den Anfang einer schönen Liebesgeschichte, wie etwa bei einem der beiden Mädchen aus dem oberen Stockwerk, das einen Amerikaner geheiratet hatte und dessen Tochter Cynthia dann die Kindheitsfreundin meines Vaters wurde, bevor ihre Eltern 1949 in die Vereinigten Staaten umsiedelten. Für andere wiederum, wie etwa für die mit einem Mann in Gefangenschaft verheiratete Nachbarin, glichen diese Treffen eher einer Art Prostitution. Alle im Gebäude wussten Bescheid, aber schlecht angesehen war sie deshalb nicht, denn die Zigaretten der Amerikaner konnten manchmal einer ganzen Familie helfen zu überleben. »Offiziell hatten die Amerikaner ihren Soldaten verboten, mit deutschen Mädchen zu verkehren, aber das funktionierte nur wenige Monate. Und wenn mein Vater sie in seinem Hause akzeptierte, dann geschah dies wahrscheinlich im Austausch gegen einige Geschäfte und Zigaretten.« Mit dem Wertverfall der Reichsmark waren Zigaretten zur Referenzwährung auf dem Schwarzmarkt gediehen und es gab keinen Weg an ihnen vorbei, da die Lebensmittelmarken 1946 je nach Versorgungslage für einen Erwachsenen täglich zwischen 800 und 1.500 Kalorien vorsahen. Viele hungerten, einige starben, selbst vor Kälte, da auch die Kohle rationiert und der Winter 1946/47 extrem hart war. In Opas Fotoalbum gibt es ein Bild des zugefrorenen Rheins, auf dem Mannheimer flanieren, als befänden sie sich auf der Newa in Sankt Petersburg.

Weitere neue Besucher des Wohnhauses waren die sogenannten »Onkel«. Da die Rente an Kriegswitwen nur unter der Bedingung ausgezahlt wurde, dass sie alleinstehend blieben, hatten sie keinerlei Interesse daran, wieder zu heiraten. Und da das Gesetz es nicht verheirateten Paaren verbot zusammenzuleben, machte sich die Gewohnheit breit, seinen neuen Partner als einen Onkel vorzustellen. Der Vermieter war angehalten, auf die Einhaltung dieses Gesetzes von seinen Mietern zu achten, andernfalls hatte er eine Strafe zu zahlen. Karl Schwarz aber drückte ein Auge zu, brillierte er doch selbst in der Illegalität. Er war ein großzügiger Mensch und teilte seine Beute vom Schwarzmarkt gern mit seiner Familie und Freunden an einem sonntäglichen Tisch. »Die Gespräche handelten von den Renten, die nicht zu erhalten man befürchtete, wenn man im Dritten Reich Beamter oder Soldat gewesen war. Die Inflation, die unauffindbaren Produkte und der Klatsch der Nachbarschaft … das waren die Hauptfragen der Zeit – und nicht etwa, wer was unterm Nationalsozialismus gemacht hatte«, erklärt mein Vater.

Manchmal beklagte man jene, deren Schicksal noch schlimmer war, wie etwa die Berliner, deren Zukunft ebenso unfassbar erschien wie der Anblick der Ruinen, in denen herumirrende Flüchtlinge spukten, die nach Ratten jagten, um was zu essen zu haben, oder Frauen, die sich als Prostituierte den Soldaten vor den Augen von Kindern hingaben, die vorbeiziehenden Kleinlastern auflauerten, um etwaige herunterfallende Kohlestücke aufzusammeln. Der Film Deutschland im Jahre Null von Roberto Rossellini, der 1947 in Berlin gedreht wurde, ist eines der atemberaubendsten Zeugnisse dieser vom Gefühl des Nichts angefassten Zeit. Inmitten der Ruinen der Hauptstadt erzählt der italienische Regisseur die Geschichte eines zwölfjährigen Jungen, Edmund, der seiner Familie im Elend hilft, indem er mehrere kleine Jobs an Land zieht. Um seinen kranken Vater zu retten, ruft er seinen ehemaligen Schullehrer zu Hilfe, der ihm, beherrscht von der Nazi-Ideologie, rät, sich vom kranken Glied der Familie zu befreien, welches das Überleben der Gruppe gefährde. Nachdem er seinen Vater vergiftet hat, springt Edmund von einer Ruine in den Tod.

1Pseudonym

2Pseudonym


3Das Phantom der Löbmanns

DIE VERGANGENHEIT, die meine Großeltern für immer unter den Ruinen des Dritten Reiches verschüttet glaubten, tauchte eines Morgens im Januar 1948 im Briefkasten wieder auf, als Karl Schwarz einen Umschlag vorfand, dessen Absender auf Anhieb das Unheil ankündigte: Dr. Rebstein-Metzger, Rechtsanwältin – Mannheim. In dem Brief teilte die Anwältin kurz gefasst mit, dass ihr Klient, ein gewisser Julius Löbmann, der in Chicago lebte, von der Schwarz & Co. Mineralölgesellschaft rund 11.000 Reichsmark kraft eines Gesetzes einfordere, das in der amerikanischen Zone eingesetzt worden sei und Wiedergutmachungen für die unter dem Nationalsozialismus ihres Eigentums beraubten Juden vorsehe.

Von der Geschichte dieses Briefes und dessen, was er auslöste, haben weder mein Vater noch meine Tante – die es liebt, Familiengeschichten zu erzählen – jemals gesprochen. Ich wusste, dass Opa Mitglied der NSDAP war und seine Firma einst Juden gehört hatte – mein Vater muss es mir wohl im Vertrauen gesagt haben, als ich in der Schule die Geschichte des Dritten Reiches studierte, aber ich war damals noch zu jung, um mich für die Hintergründe zu interessieren. Es geschah sehr viel später aufgrund einer Bemerkung meiner Tante Ingrid, dass ich mich entschloss, die Ordner von Opa zu durchstöbern, die seit dem Tod meiner Großeltern im Keller des Mannheimer Wohnhauses aufbewahrt wurden. Unter den Papieren, die im Laufe der Zeit zwar vergilbt, deren aufgedruckte Buchstaben aber noch immer gut lesbar waren, fand ich einen Vertrag, der bezeugte, dass Karl Schwarz zwei jüdischen Brüdern, Julius und Siegmund Löbmann, sowie deren jüdischem Schwager, Wilhelm Wertheimer, dessen Schwestern Mathilde und Irma sie geheiratet hatten, eine kleine Gesellschaft für Mineralölprodukte abgekauft hatte. Die Firma Siegmund Löbmann & Co. lag in der Gegend des Industriehafens von Mannheim nahe am Neckar gelegen, in der Helmholtzstraße 7a. Es ist aber vor allem das Datum, das von Interesse ist: August 1938, für die deutschen Juden das Jahr des endgültigen Absturzes in die Hölle, denn nun nahm der Druck durch Verfolgung und Diskriminierung in geradezu schwindelerregender Weise zu und zwang sie, ihr Eigentum zu Niedrigstpreisen aufzugeben.

Von der Familie Löbmann konnte ich nur recht wenige Spuren finden, bis ich im Internet auf eine Familie Loebmann stieß, die tatsächlich in Chicago lebte, wo Julius wohnte, als er von meinem Großvater Wiedergutmachungsleistungen einforderte. Die darauffolgende Entdeckung einer langen Liste an Loebmanns im Onlinetelefonbuch aber setzte meinen Hoffnungen ein jähes Ende. Ebenso gut konnte man eine Stecknadel in einem Heuhaufen suchen. Ich begann also meine Nachforschungen auf die Linie der Wertheimer zu konzentrieren, den Namen der Familie des dritten Eigentümers der Siegmund Löbmann & Co., Wilhelm, dessen zwei Schwestern Julius und Siegmund geheiratet hatten. Dabei stieß ich auf einen Artikel, der eine Lotte Kramer, geborene Wertheimer, erwähnte, Tochter von Sophie, der dritten Wertheimer-Schwester. Lotte war eine der letzten noch lebenden Zeuginnen der Kindertransporte, einer Rettungsaktion, mit der mehr als 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei zwischen 1938 und 1940 nach England gelangten. Ich fand ihre Spur in einem Seniorenheim in Peterborough, einer kleinen, gut eine Stunde nördlich von London gelegenen Stadt. Sie stimmte umgehend einem Treffen mit mir zu.

Lotte Kramer ist 95 Jahre alt. Eine kleine, zierliche Frau mit feinen Gesten und so höflich, wie es nur Engländerinnen sein können. Sie hatte zwei Sessel einander gegenüber gestellt, nah genug, damit wir uns gut verstehen konnten, und erzählte mir von ihrem Leben und was sie über das der Löbmanns wusste.

»Meine Mutter Sophie und ihre beiden Schwestern liebten sich sehr«, sagt sie und nimmt eine Schwarz-Weiß-Fotografie von der Wand, auf der drei junge Frauen zu sehen sind. Die Jüngste von ihnen, Mathilde, mit einem dicken Knoten im Haar und einer gestreiften Bluse, hat ein hübsches, zielgerichtetes und offenes Gesicht; ihr zur Seite Irma, die Älteste der drei, trägt einen Kragen mit Häkelsaum, der ihre müden und vielleicht ein wenig traurigen Züge aufheitert; die Letzte, Sophie, sitzend, eine Medaille um den Hals tragend, zeigt einen unsicheren Blick, der mit vager Hoffnung erfüllt ist. Lotte wurde 1923 in Mainz geboren, wo sie auch aufwuchs. Regelmäßig legte sie die knapp 100 Kilometer zurück, die sie von Mannheim trennten, um ihre heiß geliebte Cousine Lore zu besuchen, die Tochter von Siegmund und Irma Löbmann. Sie erinnert sich an ihre ausgedehnten Spaziergänge in den Gärten am Fuße des Wasserturms, an das Flanieren auf den belebten Straßen und den nie fehlenden Kaffee und Kuchen ihrer Tante Irma, einer »hervorragenden Köchin«. »Es kam sogar vor, dass wir alle gemeinsam zum Urlaub im Kraichgau aufbrachen, ins Geburtsdorf der Löbmanns, wo auf einem Bauernhof damals ein Teil ihrer Familie lebte. Wir waren sehr verbunden miteinander.«

Die Wertheimer-Schwestern hatten drei Brüder: Siegfried, der in den Zwanzigerjahren fortgezogen war, um sich in den USA niederzulassen, Paul, der in der Zeit des Nationalsozialismus nach Frankreich ins Exil ging, und Wilhelm, der zu Beginn der Dreißigerjahre in die Firma Siegmund Löbmann & Co. investierte, um seinen beiden Schwägern zu helfen, das von der Wirtschaftskrise 1929 schwer getroffene Haus zu retten. Dank dieser Unterstützung erholte sich die Firma wieder, bevor sie dann unter der Bürde der zunehmenden Diskriminierung jüdischer Geschäfte im Nationalsozialismus wieder abrutschte.

Lotte war neun Jahre alt, als Hitler an die Macht kam. Im Januar 1933 hatte der deutsche Präsident Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg angesichts der Wahlerfolge der NSDAP, die im Juli 1932 mit 37 Prozent und im November desselben Jahres mit 33 Prozent der Stimmen zur ersten politischen Partei des Landes geworden war, klein beigegeben: Er hatte den Chef der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Adolf Hitler, zum Kanzler ernannt. Der zögerte nicht lange, löste den Reichstag auf, rief Neuwahlen aus und inszenierte mit dem Ziel, die absolute Mehrheit im Parlament zu erreichen, eine aggressive Kampagne, die geprägt war von Propaganda, Parteiverboten, Repressalien und Drohungen gegen andere Kandidaten. Trotzdem verfehlte Hitler sein Ziel, da seine Partei im März nicht mehr als 43,9 Prozent der Stimmen erhielt.

In Mannheim, einer Stadt, in der traditionell die SPD und die KPD besonders stark vertreten waren, kam die NSDAP Ende der Zwanzigerjahre auf keine 100 Mitglieder. Aber nachdem sich mit der Wirtschaftskrise von 1929 die Zahl der Arbeitslosen verdreifacht hatte, wurde mit den Parlamentswahlen vom Juli 1932 die NSDAP mit 29,3 Prozent der Stimmen zur stärksten politischen Kraft der Stadt. Kurz nach ihrer Machtergreifung 1933 zerschlugen die lokalen Nazi-Autoritäten sowohl die SPD als auch die KPD, verboten Zeitschriften und zwangen den Bürgermeister von Mannheim, beim Verbrennen der Fahne der Republik zuzuschauen, bevor sie ihn in ein Krankenhaus sperrten. Unmittelbar darauf wurden mehr als 50 jüdische Beamte entlassen, noch bevor das Regime am 7. April 1933 das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« erließ, um schon bald darauf alle »nicht arischen« oder politisch missliebigen Beamten ihres Dienstes zu entheben, Universitätsangestellte und Wissenschaftler inbegriffen.

Mit rasanter Geschwindigkeit verbreitete sich in Mannheim, wo mit gut 6.400 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde Badens lebte, ein Antisemitismus neuer Ordnung. In der gesamten Region waren die Veränderungen zu spüren. »Plötzlich gab es überall antisemitische Propaganda, auf der Straße, in den Zeitungen, im Radio«, erinnert sich Lotte. »Eines Tages haben wir mit der Schulklasse einen Propagandafilm für Kinder gesehen, der die Geschichte eines zum Nazismus konvertierten Jungen zeigte, was uns unglaublich beeindruckte, wir wollten alle sein wie er.« Auf ihrem Heimweg von der Schule ging sie tagtäglich an der Hitlerjugend vorbei. »Ich war eifersüchtig, ich träumte davon, eine von ihnen zu sein, sie wirkten in ihren Uniformen so unglaublich glücklich.« Es war vor allem die Normalität, die sie beneidete, sie, das kleine jüdische Mädchen, das schon als Kind die Ausgrenzung, Erniedrigung und Scham zu ertragen hatte, die ihrer Gemeinschaft aufgebürdet worden waren.

In einem hervorragenden Buch mit dem Titel Ausgeplündert, zurückerstattet und entschädigt – Arisierung und Wiedergutmachung in Mannheim erklärt die Historikerin Christiane Fritsche, wie in vielen Bereichen auf lokaler Ebene zahlreiche antisemitische Maßnahmen ergriffen wurden, ohne dass ein nationales Gesetz sie gerechtfertigt hätte. Die Handelskammer von Mannheim gab den Ton an, indem sie sich Ende März ihrer jüdischen Mitglieder entledigte, sprich: ihres eigenen Präsidenten und eines Drittels ihres Personals. Parallel dazu, und aus eigener Initiative, schlossen zahlreiche Institutionen und Verbände von Kaufleuten, Rechtsanwälten, Medizinern mit irritierender Geschwindigkeit Juden aus ihren Reihen aus. Damit wurden ihnen nicht nur die wesentlichen professionellen Netzwerke genommen, sondern auch ihr Ruf geschädigt, womit sie einen Teil ihrer Kundschaft verloren, was den Niedergang ihrer finanziellen Lage und ihres Lebensmuts noch weiter beschleunigte.

Eine weitere Form der Stigmatisierung und Isolation der Juden bestand im Aufruf zum Boykott ihrer Läden. In vielen deutschen Städten gab es schon bald nach der »Machtergreifung« kleinere Aktionen: SA- und SS-Männer standen vor den Türen jüdischer Geschäfte, um die Kundschaft abzuschrecken. Voller Ungeduld stimmten sich auf lokaler Ebene Vertreter der NSDAP und andere Nazi-Organisationen miteinander ab, um endlich zur Tat schreiten zu können und für den 1. April 1933 einen nationalen Tag des Boykotts aller jüdischen Geschäfte auszurufen. Schon Tage zuvor druckten die Zeitungen unablässig Boykottaufrufe und Plakate. Quer durch das gesamte Land stellten sich Mitglieder der SS und SA in Uniform vor jüdische Geschäfte, um Kundschaft beim Betreten derselben zu behindern, Schaufenster mit antisemitischen Botschaften vollzuschmieren, Reden an die Menge zu halten oder Spruchbänder zu schwingen, auf denen geschrieben stand: »Deutsche, wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!« An diesem Samstag hatten viele Läden und Kaufhäuser, da sie vorgewarnt waren und weil orthodoxe Juden den Sabbat feierten, ihre Türen verschlossen gehalten und ihre Jalousien heruntergelassen. Andere wurden verwüstet und ausgeplündert, Juden zusammengeschlagen. Auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung nicht aktiv mitgemacht hatte, zeigte sich, dass die Nazis nicht mit Widerstand rechnen mussten.

Wenige Monate später, so erläutert Christiane Fritsche, ließ das Reichswirtschaftsministerium die Industrie- und Handelskammer wissen, dass eine »Unterscheidung zwischen arischen oder nicht rein arischen Firmen innerhalb der Wirtschaft nicht durchführbar« sei, denn eine »solche Unterscheidung mit dem Zwecke einer Boykottierung nicht arischer Firmen (würde) notwendig zu erheblichen Störungen des wirtschaftlichen Wiederaufbaus führen«. Diese Angst vor Arbeitslosigkeit war einer der Gründe, warum das NS-Regime zunächst nicht per Gesetz gegen Juden in der Wirtschaft vorging, erklärt die Historikerin. Bis Mitte der Dreißigerjahre beteuerten daher Reichsminister und NS-Größen immer wieder, »dass es kein Sondergesetz gegen Juden in der Wirtschaft geben werde und dass Übergriffe gegen jüdische Betriebe zu unterbleiben hätten«. Dieses Signal jedoch wurde auf lokaler Ebene nicht respektiert.

Eines der wirkungsmächtigsten Instrumente in Mannheim war die örtliche Nazi-Zeitung Hakenkreuzbanner, die tagtäglich dazu aufrief, die 1.600 jüdischen Geschäfte der Stadt zu boykottieren, indem sie deren Namen und Adressen bekannt gab, ja, manchmal sogar jene ihrer Kunden, die sie weiterhin aufsuchten und dafür der Illoyalität gegenüber dem Führer bezichtigt wurden. Christiane Fritsche, die Tausende Seiten dieser Tageszeitung durchforstet hat, fand in ihr »praktische Tipps«, welche das Hakenkreuzbanner den Ehemännern erteilt hatte, um ihre Frauen davon abzubringen, weiterhin bei Juden einzukaufen. Sie sollten ihnen drohen, das Haushaltsgeld zu kürzen: »Wenn Du zum Juden läufst, weil er angeblich billiger ist, dann brauchst Du auch nicht so viel Haushaltsgeld, als wenn Du bei einem anständigen deutschen Kaufmann kaufst.« Die Zeitung drohte ebenfalls damit, die Namen der »Judenliebchen« zu veröffentlichen, von Frauen also, die angeblich Beziehungen mit Juden unterhielten. Diese Einschüchterungskampagnen konnten in Städten mittlerer Größe wie Mannheim mit damals etwa 280.000 Einwohnern greifen, da die Bürger eine öffentliche Verunglimpfung mehr fürchten mussten als in einer anonymen Großstadt wie Berlin.

Eine weitere Methode zur Hetze bestand nach Fritsche darin, Gerüchte über den hygienischen Zustand in der Küche eines jüdischen Restaurants oder die sexuellen Vorlieben eines jüdischen Firmenchefs in Umlauf zu bringen. In einigen Fällen führte dies sogar bis zu den Schmutzprozessen, die auf Grundlage falscher Anklagen wegen Gaunerei, sexueller Belästigung oder Hehlerei geführt wurden. Jüdische Unternehmer waren häufig von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen und wurden daran gehindert, ihre Produkte auf Messen auszustellen. Andere lokale Direktiven verboten Juden, ihre Schaufenster in der Vorweihnachtszeit mit »christlichen« Dekorationen zu schmücken, also mit Engeln, einem Weihnachtsbaum oder einer Krippe, was darauf hinauslief, ihnen ein »nicht arisches« Etikett zu verpassen, womit ihre Umsätze während dieser Hochsaison noch einmal deutlich gesenkt wurden. Das Hauptaugenmerk galt den großen jüdischen Kaufhäusern, von denen es in Mannheim vier gab. Die Stadt verbot ihren Beamten sogar unter Androhung von Strafe, in diesen Häusern einzukaufen. 1936 waren bereits drei von ihnen wegen finanzieller Notlage an »Arier« veräußert worden.

»Ich glaube, dass die Löbmanns dem Schlag standhielten, da ich mich nicht erinnern kann, bei meinen Besuchen einen Wandel in ihrer Lebensführung bemerkt zu haben. Das heißt, sie lebten bescheiden, sie waren verhältnismäßig religiös, religiöser als wir«, berichtet Lotte Kramer. Da die Löbmanns keinen Einzelhandel betrieben, waren sie von dieser Hexenjagd wahrscheinlich in einem geringeren Maße betroffen als andere. Ihre Kundschaft war weniger sichtbar als jene, die durch die Türen eines Schneiders oder Bäckers ging, und ließ sich daher nicht so leicht von angedrohten Verleumdungen abschrecken. Aber eben nicht alle, denn der von 1933 an sichtbare Einsturz der Umsatzzahlen der Firma Siegmund Löbmann & Co., deren Auflistung ich in Opas Papieren gefunden habe, zeigt, dass auch diese unter der Illoyalität einiger Kunden gelitten hatte, sei es aus Angst oder aus Antisemitismus.

Anfangs noch schöpfte die deutsche Gesellschaft ihren Enthusiasmus gegenüber dem Nationalsozialismus eher aus einem neuen Vertrauen auf die Stärke ihres Vaterlands als aus der antisemitischen Besessenheit ihrer Nazi-Führer, die lauthals hinausschrien, dass nur ein von seinen »nicht arischen« Elementen gereinigtes Deutschland aus seiner Asche neu auferstehen könne – und zwar dank eines Volkes, dem seine rassische Harmonie eine in der Geschichte der Menschheit nie da gewesene Kraft verleihen werde. Dieser Wahn war zudem pure Mythologie, da sich die Deutschen, wie alle anderen auch, bereits unendlich viele Male mit anderen Völkern vermischt hatten, und dies schon Jahrtausende vor der Ankunft Adolf Hitlers und Joseph Goebbels’ auf Erden, die im Übrigen keinem einzigen morphologischen Kriterium eines vermeintlichen Ariers entsprachen.

Viele Bürger hatten anderes zu tun, als Juden zu jagen, nur weil sie Juden waren. Da sich aber rasch Gelegenheiten boten, aus dieser Verfolgung persönlichen Nutzen schlagen zu können, steigerte sich die Begeisterung für die rassische Sache – und zwar quer durch sämtliche Schichten der Gesellschaft. So fanden sich selbst in den gebildeten Milieus kaum Universitätsprofessoren, Wissenschaftler, Anwälte oder Juristen, die sich dem Ausschluss jüdischer Kollegen widersetzt hätten, brachten deren nun frei gewordene Posten doch all jenen einen unverhofften Vorteil, denen es aufgrund mangelnder Kompetenz nicht gelungen war, eine solche Stelle zu besetzen.

Der Fall des Philosophen Martin Heidegger, Mitglied der NSDAP bis zum Ende des Krieges und von 1933 bis 1934 Rektor der Universität in Freiburg, spiegelt das vorherrschende damalige Klima in den Universitätszirkeln wider, deren Professoren mehrheitlich die Einführung einer Quotenregelung wünschten, um die »Überrepräsentation« von Juden an den Hochschulen und allgemein bei intellektuellen Posten zu beenden. Bereits 1916 schrieb Heidegger in einem Brief an seine spätere Ehefrau Elfriede, die eine notorische Antisemitin war: »Die Verjudung unserer Kultur und Universitäten ist allerdings schreckerregend.« 1929 schrieb er Victor Schwoerer, dem Vizepräsidenten der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft: »[…] es geht um nichts Geringeres als um die unaufschiebbare Besinnung darauf, dass wir vor der Wahl stehen, unserem deutschen Geistesleben wieder echte bodenständige Kräfte und Erzieher zuzuführen oder es der wachsenden Verjudung im weiteren u. engeren Sinne endgültig auszuliefern.« Andere Akademiker neideten ihren jüdischen Kollegen schlicht und einfach den Erfolg.

Sich seiner Konkurrenten billig entledigen zu können war auch der Hauptgrund eines plötzlich aufkommenden Antisemitismus in der Wirtschaftswelt. Von den Kunden seiner in Schwierigkeiten geratenen Mitbürger profitieren zu können war derart verführerisch, dass Händler in Mannheim nicht zögerten, in ihren Schaufenstern zu verkünden: »Kaufen Sie hier in einem deutschen Geschäft.« Die in Not geratenen jüdischen Kaufleute begannen, ihre Medaillen aus dem Ersten Weltkrieg hervorzuholen und sich an ihre Westen zu heften, andere wiederum versuchten, sich über Wasser zu halten, indem sie Preisnachlässe und Ratenzahlungen für Billigwaren anboten. »Ganz ohne entsprechende Gesetze hatte sich in den Wochen unmittelbar nach der Machtergreifung damit in schier atemberaubender Geschwindigkeit ein Bewusstseinswandel bei vielen Deutschen vollzogen: jüdisch oder arisch – das machte auf einmal auch im Geschäftsleben einen Unterschied«, analysiert Christiane Fritsche.

Es geschah vielleicht auch vor diesem Hintergrund, dass Karl Schwarz die Wappenzeichnung anfertigen und in seinem Büro aufhängen ließ, die seine arischen Wurzeln bekräftigte und die mein Vater bei seinem Tode vorgefunden hat.

Die Diskriminierung im gesellschaftlichen Leben war ebenso erbarmungslos: Verbote für Juden, ins Kino zu gehen, auf Bälle, ins Theater, in öffentliche Schwimmbäder; Ausschlüsse aus den Sporthallen und bei sämtlichen Arten von Vereinen. Es gibt ein Foto, auf dem Frauen und Männer in Badekleidung zu sehen sind, die ganz offensichtlich zu Tode erschrocken über Bootsanleger im Rhein bei Mannheim laufen, um den paramilitärischen SA-Angehörigen zu entkommen, die sich zu den Badenden gesellten, um Juden niederzuknüppeln. Diese Szene ging dem nächsten, noch umfassenderen Schritt beim Ausschluss der Juden aus der Gesellschaft voraus: den Nürnberger Rassengesetzen von 1935, die sie zu Bürgern zweiter Klasse degradierten und sie der Rechte beraubten, die einem deutschen Staatsbürger zustanden.

Ihre ganze Jugend lang verfolgte Lotte die rapide Verelendung der jüdischen Lebenswelt. Sie erinnert sich deutlich: »In meiner Klasse gab es fünf Jüdinnen, und auch wenn wir kein ausgeprägtes politisches Bewusstsein hatten, so verstanden wir doch, dass die Situation für uns schlimmer war, wir sprachen nur unter uns darüber. Unsere Mütter hatten sich verändert, sie waren besorgt, wir mussten unmittelbar nach der Schule nach Hause kommen, durften mit niemandem sprechen.« Eines Tages erklärten die Eltern ihr, dass sie keine deutsche Schule mehr besuchen dürfe und in eine jüdische Anstalt umgeschult werden müsse. »Der Lehrer war sehr nett, er entschuldigte sich gegenüber unseren Eltern und schlug sogar vor, abends Nachhilfestunden zu geben, sollten wir sie benötigen.«

Trotz dieser Verfolgung hatten 1936 nur 1.425 der insgesamt 6.400 Juden aus Mannheim die Stadt verlassen, während sich auf nationaler Ebene von der Gemeinde mit mehr als 500.000 Juden etwa 150.000 ins Exil begeben hatten. Vermutlich waren es jene, die schon am meisten gelitten hatten, da sie politisch engagiert waren, ihren Beamtenposten verloren hatten oder ihr Geschäft bankrottgegangen war. Paradoxerweise sollten sie dem Schicksal später dafür danken, die ersten Opfer gewesen zu sein, was sie zur rechtzeitigen Abreise motiviert hatte.

Weil es den Löbmanns mehr schlecht als recht gelang, ihre Geschäfte fortzuführen, war zu emigrieren für sie lange keine Option, so wie wohl für die meisten Juden in Deutschland, und sei es auch nur, weil es bedeutet hätte, das eigene Vermögen den Nazis zu überlassen. Wie so häufig im Dritten Reich war der Umgang mit Juden von einem tiefen Widerspruch geprägt. Auf der einen Seite wollten die Nationalsozialisten ihnen das Leben möglichst unerträglich machen, um sie zur Auswanderung zu bewegen. Auf der anderen Seite aber stellten die Behörden ihrem Fortzug unüberwindbare Schwierigkeiten in den Weg. So stieg die Steuer auf Devisentransfers aus Deutschland heraus bis 1934 auf 20 Prozent und bis 1939 auf einen mehr als abschreckenden Satz von 96 Prozent. Hinzu kam die Reichsfluchtsteuer: Ab einer Summe von 50.000 Reichsmark mussten die Emigranten dem Regime 25 Prozent ihres Gesamtvermögens und Einkommens abtreten. Ganz zu schweigen von dem Verwaltungslabyrinth, das es zu durchlaufen galt, wollte man legal auswandern.

Im Grunde aber lag das wesentliche Motiv der Abneigung der Juden gegen eine Auswanderung darin, dass sie gar keine Lust hatten, ihre Heimat zu verlassen, um sich in einem Land wie Palästina niederzulassen, einer Halbwüste mit kargem Klima und einer Kultur, die ihnen unendlich fremd war. Denn sie liebten Deutschland zutiefst.

Wie konnten sich die Löbmanns und die vielen anderen nur weiterhin einem Land verbunden fühlen, das sie dergestalt misshandelte, und warum haben sie nicht erkannt, wie ernst die Lage bereits für sie war?

In Wirklichkeit war die Gefahr für eine Unternehmerfamilie wie die Löbmanns gar nicht so deutlich lesbar, da zunächst keine nationalen Gesetze gegen jüdische Unternehmen erlassen wurden, was die Illusion aufrechtzuerhalten half, dass es Juden trotz allem möglich war, wirtschaftlich im Dritten Reich zu existieren und zu überleben. Und dies nur umso mehr, als sich zur Abfederung der Auswirkungen der Boykottbewegung eine ökonomische Parallelwelt herausgebildet hatte, die ausschließlich aus jüdischen Unternehmern, Händlern und Kunden bestand.

Hinzu kam Selbstverblendung. Lotte Kramer, deren Vater »ununterbrochen wiederholte, dass er nicht fortgehen wollte«, erklärte mir, der Wille ihrer Familie dazubleiben, sei so stark gewesen, dass jedes kleine Zeichen von Solidarität innerhalb der deutschen Gesellschaft genügt habe, um sie zu beruhigen. »In der Schule hatte ich eine nicht jüdische Freundin. Als die Juden die Schule verlassen mussten, sagte deren Mutter zu meiner: ›Ich will, dass unsere Töchter Freundinnen bleiben.‹ Es war dann meine Mutter, die sie davon überzeugen musste, dass dies zu gefährlich war. Aber diese Reaktionen schenkten neues Vertrauen.«

Man teilte positive Erlebnisse miteinander, etwa jenes von einem Pärchen, das der Polizei dummes Zeug erzählt hatte, um seine bedrohten Nachbarn zu decken, oder das vom kleinen, anonymen Koffer voller Medikamente, den eine gute Seele vor der Haustür einer jüdischen Familie abgestellt hatte, deren Kinder krank waren. »Meine Eltern hatten sehr enge nicht jüdische Freunde, Greta und Bertold, die abends, als sich die Lage bereits verschlechtert hatte, heimlich zu uns kamen, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei, und uns dabei Sachen brachten, die zu besorgen für uns kaum mehr möglich war. Sie gingen ein ziemlich hohes Risiko ein.« Die Tragik dabei aber war, dass diese Herzensseelen mit ihrer gut gemeinten Hilfe, ohne es zu wissen, die Gemeinde noch ermutigten, weiterhin das Beste zu erhoffen, obwohl es zu dieser Zeit noch möglich gewesen wäre, der Falle zu entkommen, von der niemand ahnen konnte, wie tödlich sie sein sollte.

Ich habe über die Solidaritätsbekundungen nachgedacht, die den Löbmanns das Herz erwärmt haben mussten, und ich glaube, es war vor allem die Treue zumindest eines Teils ihrer Kundschaft. Ich habe eine mehrseitige Liste gefunden, die Opa mit der Firma übernommen hatte. Dieser lange Parademarsch an Namen erzählt von einem anderen Deutschland, von jenen Menschen nämlich, die ihre Loyalität nicht aufgekündigt hatten.

Lotte Kramer liefert mir noch eine andere Erklärung für deren Illusion: »Wir hatten das Gefühl einer gewissen Normalität, denn innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ging das Leben weiter. Vielleicht war die Ausgrenzung auf dem Land und in den Dörfern schneller spürbar gewesen, aber in großen Städten wie Mainz und Mannheim konnte man die Verbote leichthin vergessen, da alles intern gelebt wurde. Es gab die jüdische Schule, den jüdischen Sportklub, Tanzkurse, Feste, Konzerte und viele Freunde … Und es gab die Synagoge, sie spielte eine wichtige Rolle im Zusammenhalt der Gemeinschaft. Die Löbmanns, sie gingen regelmäßig zur Synagoge.«

Die kleinen, mir von Lotte gelieferten Hinweise waren entscheidende Teile des Puzzles, die mir gefehlt hatten, um zu begreifen, warum die Löbmanns und mit ihnen die große Mehrheit der Juden bis zur letzten Minute geglaubt hatten, in ihrem Land weiterhin eine erträgliche Existenz führen zu können und dass ihr Heimatland wieder zur Besinnung kommen und endlich aufhören würde, Juden zu verstoßen, die den Wissenschaften, der Philosophie, der Literatur, den Künsten und der Wirtschaft unzählige Talente geschenkt hatten, ohne die Deutschland niemals auf so vielen Gebieten solch strahlende Erfolge hätte feiern können. Am Ende hatten sie sich eher mit dieser erniedrigenden Behandlung abgefunden, als den Exodus zu wählen.

Darum musste die Familie Löbmann alle Hoffnung aufgegeben haben, als sie sich schließlich doch entschied fortzugehen. Von 1936 an begann das Regime, das bis dahin einer »Entjudung« der Wirtschaft keine Priorität gegeben hatte, das Ruder herumzureißen. Die Arbeitslosigkeit war stark zurückgegangen, die Wirtschaftskrise überwunden, von nun an galt die Arisierung jüdischer Güter als vorrangiges Ziel. 1938 erließ Berlin immer mehr Sonderregelungen für jüdische Unternehmen, mit denen deren Inhaber, die ihre Firmen bislang nicht verkauft hatten, gezwungen werden sollten, diese an »Arier« zu übertragen. Für die Firma Siegmund Löbmann & Co. lag der erste Schlag in der drastischen Senkung der den Juden bewilligten Einkaufsquoten von Werkstoffen, was sich auf den Handel mit Erdölprodukten fatal auswirkte. Dann wurden sie gezwungen, in einem Verzeichnis detaillierte Angaben über die Gesamtheit ihrer Besitztümer einzutragen: von Immobilien über Betriebsvermögen, Versicherungen, Wertpapiere, Bargeld, Schmuck, Kunst bis hin zu ihrem vollständigen Haushalt. Eine weitere Verordnung verlangte schließlich, dass alle jüdischen Firmen als solche erkennbar waren. Gleichzeitig verschärften die Nationalsozialisten die politische Verfolgung der jüdischen Gemeinde: Polizeirazzien, willkürliche Internierungen, Zerstörungen von Kultstätten. Diese alarmierende Entwicklung dürfte es gewesen sein, die Siegmund und Julius überzeugte, sich von ihrer Firma zu trennen, um mit dem Verkaufserlös ihre Auswanderung zu finanzieren. Aber sie waren nicht die Einzigen, Zehntausende Juden boten 1938 ihre Unternehmen gleichzeitig zur Übernahme feil, womit ein erdrückendes Überangebot entstand. Unter diesen Bedingungen war klar, wen der Markt begünstigte.

Die Aussicht, ein gutes Geschäft machen zu können, hat möglicherweise die Entscheidung von Karl Schwarz beeinflusst, die Ölfirma Nitag zu verlassen, bei der er immerhin die sichere Stelle eines Generalbevollmächtigten innehatte, ein ordentliches Gehalt verdiente und ausreichend Respekt genoss, um 1935 innerhalb der Firma zum Delegierten der nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront befördert zu werden. Es war übrigens auch das Jahr, in dem er in die NSDAP eintrat, vielleicht weil die Parteimitgliedschaft eine Bedingung seiner Beförderung war. Unwahrscheinlich ist, dass er sich aus Begeisterung der Partei anschloss. Denn Opa war ein Hedonist, ein Lebemann, für den die sadomasochistischen Kraftmeiereien der Macht, mit denen sich die Nationalsozialisten hervortaten, wenig Anziehung besaßen. Deren blinder Gehorsam entsprach mitnichten seinem unabhängigen Geist, der seinen Freiraum beanspruchte. Er liebte es, allein in den Bergen, die Freiburg überragen, Ski zu fahren und an den Seen zu campen, wo er seiner Leidenschaft für die Freikörperkultur frönen konnte, einer Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland gegründet worden war. Bei Nitag dürften die Unterordnung unter seinen Chef, der die Regeln vorgab, die Routine des Angestellten und die Erwartung einer Beförderung als einzige jährliche Aufregung auf ihm gelastet haben. Er wird wohl von Unabhängigkeit geträumt und sich vorgestellt haben, dass er sich bei seiner Pfiffigkeit und seinem Kommunikationsgeschick auf eigene Beine stellen kann – und dies nur umso mehr, als er in seiner Jugend gelernt hatte, in einem Labor Petroleum und Paraffin herzustellen. Er hat das Zeugnis dieser Ausbildung aufbewahrt, auf dem präzisiert wird: »Wir waren während dieser Zeit mit der Führung, Fleiß und Betragen des Herrn Schwarz stets zufrieden.«

Vielleicht hätte mein Großvater es trotzdem nicht gewagt, allein in See zu stechen, wenn sein Kollege Max Schmidt ihm nicht eines Tages seine eigene Verachtung gegenüber diesem folgsamen Leben gestanden hätte. Ich stelle mir vor, wie die beiden ihren Abgang gleich einer Flucht aus der Gefangenschaft vorbereiteten, nach getaner Arbeit bei einem Glas Bier zum Feierabend. Und tatsächlich hatte das Vorhaben etwas von einem Komplott, da Karl und Max sich nicht nur vornahmen, zu zweit ein Konkurrenzunternehmen zu gründen, wenn auch ein sehr viel kleineres, sondern auch noch sieben ihrer Kollegen abzuwerben und deren Kundschaft gleich mit. Die Gelegenheiten, welche die zu Schleuderpreisen angebotenen jüdischen Firmen boten, dürften diese konspirative Atmosphäre nur noch verdichtet haben, denn mein Großvater war kein glühender Antisemit, er muss sich der Schande bewusst gewesen sein, die es bedeutete, aus der Not der Juden Profit zu schlagen.

Die beiden Komplizen suchten wahrscheinlich das Register der Firmen auf, die noch zu arisieren waren, etwa ein Drittel der insgesamt 1.600 jüdischen Unternehmen, die es in Mannheim gegeben hatte. Die anderen waren entweder bereits verkauft oder aber nach ihrem Bankrott liquidiert worden.

Wie mag der Seelenzustand, mit dem Karl und Max die Löbmanns trafen, zu beschreiben sein? Verlegenheit? Schuldgefühl? Oder war es die Arroganz derer, die sich in der Position des Mächtigeren wissen? Ich weiß es nicht, aber ich verfüge über einen Hinweis: Karl und Max haben 10.353 Reichsmark für die Firma bezahlt, also »nur« circa 1.100 Reichsmark weniger als der ursprünglich festgelegte Preis. Im Wissen, dass dieser den Erwartungen der NS-Obrigkeiten angepasst sein musste, um deren Einwilligung zum Handel zu erhalten, war es vielleicht ein Anflug von Mitgefühl, der es den beiden verbat, das Ganze noch weiter zu treiben. Sicher ist, dass es weitaus schlimmere Profiteure als meinen Großvater bei diesen Gaunereien gab, unerbittliche Aasgeier, welche die einerseits wachsenden Schwierigkeiten für jüdische Unternehmer, einen Käufer zu finden, und andererseits ihre bedrückende Not, genug Geld für den Wegzug und die Gründung einer neuen Existenz im Ausland zusammenzubringen, aufs Erbärmlichste ausreizten. Durch Großzügigkeit zeichnete sich Karl Schwarz jedoch auch nicht gerade aus, da er widerspruchslos die von den Nazis festgelegte Regelung zur Preisfindung anwendete: Nur der materielle Wert einer jüdischen Firma sollte berücksichtigt werden, für ihren immateriellen Wert aber sollte es keinen Pfennig geben. Damit wurde genau das ausgespart, was sie häufig am wertvollsten machte: die vielen Jahre, in denen man sich einen guten Ruf aufgebaut und also einen festen Kundenstamm gewonnen hatte, um eine Dienstleistung, ein Produkt, eine Marke zu verbessern, eine Formel zu entwickeln oder Patente zu sichern.

Nach dem Verkauf begleitete Julius Löbmann über mehrere Monate meinen Großvater für 400 Reichsmark auf dessen Geschäftsreisen, um ihn der Kundschaft der Firma vorzustellen – womit eben genau jener Wert realisiert wurde, den Karl Schwarz und Max Schmidt nicht bezahlt hatten. Ich denke, dass das Einvernehmen zwischen Karl und Julius verhältnismäßig »gut« gewesen sein muss, sonst wäre es wohl kaum zu diesen gemeinsamen Reisen gekommen, und dies erst recht, als es von nun an Juden verboten war, sich auf Geschäftsreise zu begeben. Unterkünfte und Restaurants, die sie über Jahre hinweg als Kunden empfangen hatten, verkündeten nun in ihren Schaufenstern: »Juden unerwünscht.« Ihre Lage verschlechterte sich zusehends. Berufsverbote häuften sich. Sie erhielten von Amts wegen einen zweiten Vornamen in ihre Personalpapiere gedruckt, damit man sie besser unterscheiden konnte: Sara für Frauen, Israel für Männer. Und schließlich wurde in ihre Pässe ein großes J gedruckt.

Während dieser Reisen muss Opa wegen Julius eine ganze Reihe von Leuten angelogen haben, Straßenpolizisten etwa, Hotelbesitzer oder auch Restaurantbetreiber … Dieses Risiko gemeinsam getragen zu haben, dürfte sie einander nähergebracht haben. Das aber sollte mit den Novemberpogromen 1938 ein Ende finden.

Am 9. November 1938 waren Julius und Opa zusammen im Schwarzwald auf Geschäftsreise, in einer idyllischen Kulisse aus Hügeln und Tannenwäldern. Als sie im Laufe des 10. November nach Mannheim zurückkehrten, hatte der antisemitische Hass eine weitere Gewaltschwelle überschritten. Ein brutaler Pogrom war quer durch das Reich von Mitgliedern der NSDAP, der SA und der Hitlerjugend angefacht worden, wobei Hitler »ausdrücklich seine Zustimmung zu den antijüdischen Aktionen gegeben« hatte, schreibt der Historiker Dietmar Süß in seinem Buch Ein Volk, ein Reich, ein Führer: Die deutsche Gesellschaft im Dritten Reich. Nach seinen Schätzungen »muss man wohl – als direkte oder indirekte Folge der Pogrome – von etwa 1.300 bis 1.500 Todesopfern und 1.406 zerstörten Synagogen ausgehen, 30.756 jüdische Männer wurden verhaftet und in Konzentrationslager gesteckt«.

Lotte Kramer hat es nicht vergessen: »Wir erhielten den Anruf eines Onkels, der gegenüber der Synagoge wohnte, wo sich auch unsere Schule befand, er sagte zu unserer Mutter: ›Schick deine Kinder nicht zur Schule, das Gebäude brennt!‹ Mein Vater bekam rechtzeitig den Rat, er solle verschwinden, woraufhin er sich in den Wäldern versteckte. Mit unserer Mutter sind wir hoch auf den Dachboden gestiegen, von wo aus wir durch das kleine Fenster hindurch die Leute auf der Straße sahen, wie sie Geschäfte verwüsteten; zum Glück kamen sie nicht zu uns. Mein Vater kehrte bei Einbruch der Nacht zurück und in dieser Nacht schlief ich im Bett meiner Eltern. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich wirklich Angst.«

In Mannheim begannen die Gewalttätigkeiten am 10. November bei Sonnenaufgang. Drei Synagogen wurden zerstört, eine von ihnen sogar mit Sprengsätzen pulverisiert, Männer wurden festgenommen, um sie später ins Konzentrationslager Dachau zu verschleppen. Profitgier war einer der Hauptbeweggründe für diesen Ausbruch an krimineller Energie: Der Großteil der jüdischen Läden wurde ebenso geplündert wie zahlreiche Wohnungen. Die Banditen des Nationalsozialismus machten in ihren Autos Plünderfahrten, drangen bei Armen ebenso ein wie bei Reichen, raubten, was sie konnten, und zerstörten den Rest. Viele Mannheimer Bürger waren von dieser Barbarei schockiert, die ihren verharmlosenden Namen »Reichskristallnacht« den Scherben von Millionen zersplitterten Scheiben schuldet. Opa wird ähnlich empfunden haben, als er, gerade zurückgekehrt von einer Reise, von seinem Lieferwagen aus dieses traurige Schauspiel betrachtete: brennende Bücher, Möbel, die aus den Fenstern auf den Bürgersteig flogen, zerstörte Fenster und Vitrinen. Julius an seiner Seite packte die Unruhe, als er erfuhr, dass Teile seiner Familie festgenommen worden waren. An diesem Tage beendeten sie ihre illegale Zusammenarbeit, sie war zu gefährlich geworden.

Die Verwandten von Julius konnten befreit werden und von nun war höchste Eile geboten, die Abreise in die USA zu organisieren. Die Familie hatte Kontakte nach Chicago und New York, wo Siegfried lebte, der Bruder von Irma und Mathilde Wertheimer, der in den Briefen an seine Schwestern Lobeshymnen auf Amerika sang. Die Löbmanns schickten tatsächlich erste Möbelstücke nach Chicago, was sie sich dank des Geldes aus dem Verkauf der Firma leisten konnten. Doch es war eine optimistische, wenn nicht gar naive Geste, denn wenn es schon vor 1938 äußerst schwierig war, ein Visum für die USA zu erhalten, so erwies sich dies von nun an als so gut wie unmöglich.

Angesichts der wachsenden Zahl jüdischer Flüchtlinge rief der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt im Juli 1938 zu einer internationalen Konferenz auf, in der vagen Hoffnung, dass die Teilnehmerstaaten sich verpflichten würden, zusätzliche Kontingente aufzunehmen. Nachdem Italien und die UdSSR die Einladung abgewiesen hatten, fanden sich die Vertreter von 32 Staaten und 24 Hilfsorganisationen für neun Tage in Évian-les-Bains ein, am Ufer des Genfer Sees. In der Kühle der Salons des majestätischen Hôtel Royal, zu seiner Einweihung 1909 als »schönstes Hotel der Welt« bezeichnet, Insel gekrönter Häupter und renommierter Künstler, lösten sich die internationalen Delegierten auf der Rednerbühne darin ab, ihr tiefstes Mitgefühl für das Schicksal der europäischen Juden auszudrücken. Aber niemand bot seine Gastfreundschaft an, abgesehen von der Dominikanischen Republik, die im Gegenzug dafür Subventionen einforderte. Die Vereinigten Staaten, von nur einem Geschäftsmann repräsentiert, weigerten sich, ihre festgelegte Quote von 27.370 Visa pro Jahr für Deutschland und Österreich zu erhöhen. Eines der einflussreichsten Länder der Erde hatte damit den Ton vorgegeben und der Rest der Welt zögerte nicht, ihm zu folgen.

Trotz der immensen Kolonialreiche, die Großbritannien und Frankreich damals noch besaßen, wurde keine einzige der denkbaren Optionen praktisch in Betracht gezogen, weder Palästina noch Algerien oder auch Madagaskar. Frankreich erklärte, dass es »einen äußersten Sättigungspunkt in der Flüchtlingsfrage« erreicht hätte. Der Abgesandte aus Australien ließ verlauten, sein Land, eines der weitläufigsten der Welt, habe »kein Rassenproblem« und verspüre »auch keine Neigung, durch eine ausländische Masseneinwanderung eines zu importieren«. Der Vertreter der Schweiz, Heinrich Rothmund, Chef der Fremdenpolizei, teilte mit, sein Land sei ein reines Transitland. Dieser notorische Antisemit hatte nie seinen Hass gegenüber Juden verhehlt, die er als »artfremde Elemente« betrachtete, welche die Schweiz mit »Verjudung« bedrohten.

Ich stelle mir diese Vertreter der »internationalen Gemeinschaft« mit ihren verstimmten und betont schmerzlich berührten Gesichtsausdrücken vor, wie sie zwischen zwei Anstandsreden im Schatten der eleganten Pergola dieses Hotels Erfrischungen zu sich nehmen, in dem einst Marcel Proust, Sohn einer elsässischen Jüdin, überzeugter Dreyfusianer, Passagen seines Buches Auf der Suche nach der verlorenen Zeit geschrieben hat, ein literarisches Meisterwerk, das ganz Frankreich zum Stolz gereichte. Die zukünftige israelische Ministerpräsidentin Golda Meir, die nach Évian als »jüdische Beobachterin aus Palästina« geladen war, sollte später festhalten: »Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung.«

Von was für Zahlen war die Rede? Es ging darum, unter 32 Staaten, die direkt oder indirekt über große Territorien verfügten, die etwa 360.000 Juden aufzunehmen, die es in Deutschland noch gab, zu denen noch etwa 185.000 Juden aus Österreich hinzukamen. Es handelte sich dabei zum Großteil um großstädtische, gut ausgebildete und praktisch erfahrene Bürger, die für viele Länder eine Bereicherung dargestellt hätten. Etwa für ein Land wie Argentinien, das angesichts seiner riesigen, unterbevölkerten Landstriche stets auf der Suche nach solchen Einwanderern war. Und doch unterzeichnete sogar noch vor dem Ende der Konferenz in Évian der argentinische Außenminister José Maria Cantilo ein Rundschreiben, das unter dem Siegel der Verschwiegenheit sämtlichen argentinischen Konsulaten befahl, Visa – auch Touristenvisa – allen Personen zu verweigern, »von denen anzunehmen ist, dass sie ihr Herkunftsland verlassen haben oder verlassen wollen, weil sie als unerwünschte Personen angesehen werden, oder des Landes verwiesen wurden, ganz unabhängig vom Grund ihrer Ausweisung« – mit anderen Worten: den Juden.

Es fällt schwer, in dieser pauschalen Zurückweisung von Flüchtlingen etwas anderes zu sehen als den Ausdruck einer internationalen Antisemitismus-Epidemie, die weit über die Grenzen des Dritten Reiches hinausragte. China, auf der Konferenz nicht vertreten, war eines der wenigen Länder, das europäische Flüchtlinge akzeptierte, sogar ohne Visum, weil es dort keine Einwanderungsquoten gab. Da sie nirgendwo anders hingehen konnten, begaben sich bis zu 20.000 Juden nach Schanghai, und dies der komplizierten Sprache, der fremden Kultur und der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse zum Trotz. Doch selbst in solcher Entfernung wurden sie noch von der langen Hand der Nazis erfasst: Ende 1941 sperrten die Japaner, die einen Teil Chinas okkupiert hatten, auf Druck ihrer deutschen Alliierten die europäischen Juden in ein Getto, wo 2.000 von ihnen unter desaströsen Lebensbedingungen starben.

Nicht einmal nach den Qualen der Novemberpogrome rührte sich die internationale Gemeinschaft. Einzig Großbritannien erklärte sich mit einer Geste bereit, 10.000 jüdische Kinder in britische Familien aufzunehmen, womit jene Kindertransporte gemeint sind, die Lotte Kramer das Leben gerettet haben. Zugleich aber schloss es mit Palästina, das unter britischem Mandat stand, eine der letzten noch offenen Türen für die europäischen Juden. Aus Angst, die bereits bestehenden Spannungen zwischen Arabern und Juden könnten sich noch weiter zuspitzen, legten die Briten zwischen 1939 und 1944 eine Quote für jüdische Migranten von insgesamt 75.000 Personen fest, während noch beinahe zehn Millionen Juden auf dem europäischen Kontinent lebten.

Nach dem 9. November 1938 und der sukzessiven Abschaffung der letzten Rechte, die Juden noch besaßen, machte sich Panik breit. Hunderttausende, die sich bis dahin geweigert hatten, verstanden plötzlich, dass sie das Land so schnell wie nur eben möglich verlassen mussten. Sie strömten in Massen vor die Konsulate der ganzen Welt, die schon in den Jahren zuvor immer weniger Visa ausgestellt hatten und sich nun angesichts dieses Ansturms an Hoffnungslosigkeit noch abweisender zeigten. Die Diplomaten hatten entsprechende Anweisungen erhalten.

»Mein Vater begab sich zum amerikanischen Konsulat und harrte dort sehr lange aus«, berichtet Lotte Kramer. »Er kehrte mit einer Nummer in der Hand nach Hause zurück, aber er befand sich so weit unten auf der Warteliste … Wir wussten, dass wir keinerlei Chance hatten. Meine Eltern versuchten es auch mit Panama, Ecuador, von wo aus sie hofften, in die USA gelangen zu können, aber sie erhielten nichts.« Trotz der evidenten Aufnahmekapazität dieses von europäischen Juden bevorzugten Ziellands, in dem viele bereits Familienangehörige besaßen, die sich aller Erfahrung nach hervorragend integriert hatten, blieben die USA ihrem Schicksal gegenüber ungerührt und hielten mit einer bürokratisch grausamen Hartnäckigkeit an ihrer Quote fest.

Eine der wohl dramatischsten Episoden dieser Politik bildete die Reise der St. Louis im Frühling 1939, einem transatlantischen Passagierdampfer aus Hamburg, der Havanna ansteuerte und 937 Personen an Bord hatte, fast alle von ihnen deutsche Juden, die Kuba als Transitland erreichen wollten, um von dort in die USA zu gelangen. Kuba aber, für das man zuvor in Deutschland noch Visa bekommen konnte, hatte in der Zwischenzeit wegen eines politischen Skandals die Einreisebestimmungen geändert. Provokateure hatten die öffentliche Meinung gegen Juden aufgeheizt und eine antisemitische Demonstration noch vor der Ankunft des Schiffes organisiert. Nur 29 Passagiere durften schließlich an Land gehen, die St. Louis aber wurde aus den kubanischen Gewässern verjagt.

Sie fand sich vor Miami wieder, und zwar so nahe der Küste, dass die Flüchtlinge die Lichter an Land sehen konnten. Kapitän Gustav Schröder und jüdische Organisationen versuchten, Präsident Franklin D. Roosevelt davon zu überzeugen, ihnen Asyl zu gewähren. Vergeblich. Der Hauptgrund dafür war die Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung, die angesichts der während der Wirtschaftskrise gestiegenen Arbeitslosigkeit allergisch auf jegliche Immigration reagierte, vor allem auf die der europäischen Juden, deren Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt man mehr fürchtete, als dass man Verständnis für ihre Situation hatte. Es lag nun an Kanada, sich solidarisch zu zeigen, aber auch hier erwies sich der Immigrationsbeauftragte Frederick Blair als unerbittlich. Anfang Juni 1939 zurück in Europa, weigerte sich Kapitän Schröder, seine Passagiere an Deutschland auszuliefern, und ließ sie in Antwerpen an Land gehen. Ein Viertel von ihnen fand im Holocaust den Tod.

Die Familie Löbmann hat nie ein Visum erhalten. Es ist gut möglich, dass sie sich mit dem Möbeltransport in die USA an diese fast unmögliche Perspektive geklammert hat, um ihre materiellen Güter nicht aufgeben zu müssen, anstatt ihre Haut zu retten und es mit anderen Ländern zu versuchen. Aber auch ein Visum hätte ihnen mitnichten garantiert, sicher am gewünschten Ziel in Übersee anzukommen, denn dazu musste man zumindest ein, wenn nicht zwei Drittländer durchqueren, Frankreich, Portugal, Belgien, die Niederlande, die Schweiz, wo gewissenlose Mittelsmänner Bestechungsgelder verlangten, die umso höher wurden, je stärker die Not der Juden anwuchs. Reisebüros, Konsulate, Schlepper, Hotelbesitzer, bestochene Beamte – wie viele haben sich nicht am Antisemitismus bereichert! Die Mittel der Löbmanns aber waren begrenzt, da die Summe, die sie aus dem Verkauf ihrer Firma gezogen hatten, nach den für Juden geltenden Verordnungen auf einem vom Reich kontrollierten Konto, von dem sie jeweils nur kleinere Summen abheben durften, blockiert war.

Trotzdem war es noch nicht vollkommen unmöglich, Deutschland zu verlassen. Nach den Novemberpogromen 1938 konnten bis zu 40.000 Juden flüchten. Unter ihnen befand sich Lotte Kramer. Ihre Lehrerin an der Schule in Mainz hatte von den organisierten Kindertransporten nach Großbritannien gehört und einen Platz für sie gefunden. »Meine Mutter sprach mit ihrer Schwester Irma darüber, der es gelang, auch ihre beiden Kinder Lore und Hans im Transport unterzubringen. Ich wollte von meinen Eltern nicht getrennt sein, aber ich war mit meinen Cousins zusammen, und es war ein wenig wie ein Abenteuer.«

1939 konnten noch fast 80.000 Juden das Land verlassen, davon mindestens 1.000 Juden aus Mannheim. Einige von ihnen landeten in Indien oder Kenia, Länder, die nicht ihre erste Wahl gewesen waren.

Die Familie Löbmann hat vielleicht zu lange gezögert, sich von Amerika als Bestimmungsort abzuwenden und sich stattdessen mit dem Lebensminimum irgendwohin zu retten. Diese Abneigung gegen alles Improvisierte wurde zu ihrer Fessel. Je länger die Löbmanns abwarteten, desto mehr ging ihr Vermögen zur Neige und damit die Chance, doch noch auswandern zu können. Denn nach dem 9. November 1938 gab es kein Halten mehr bei den organisierten Plünderungen. Um die Juden für jene Pogrome zu bestrafen, deren unglückselige Opfer sie selbst ja waren, forderte das NS-Regime von ihnen eine Sühneleistung in Form einer neuen Steuer, der Judenvermögensabgabe, mit der die Nationalsozialisten 25 Prozent des Vermögens derer ergaunerten, die wie die Löbmanns mehr als 5.000 Reichsmark besaßen. Dann befahl man ihnen im Februar 1939, sämtliche Gegenstände aus Silber, Gold und Platin auszuhändigen, ebenso wie Perlen und Edelsteine, und zwar für einen Preis, der häufig nur ein Zehntel des eigentlichen Wertes ausmachte. Wenige Monate später zwang eine neue Verordnung diejenigen, die das Land verließen, zusätzlich zur Steuer auf Devisen und zur Reichsfluchtsteuer eine progressive Auswandererabgabe zu bezahlen.

Die Lage der in Deutschland festsitzenden Juden verschlimmerte sich zusehends. Hitler hatte entschieden, sie endgültig aus dem Wirtschaftsleben und der Arbeitswelt auszuschließen. Diejenigen, die bereits alles verloren hatten, wurden zwangsweise herangezogen, um Straßen zu bauen oder den Müll zu entfernen, während Firmen, die noch nicht arisiert worden waren, zu Schleuderpreisen verkauft wurden. Einige Juristen trieben den Zynismus so weit, dass sie die Eigentümer, die in Dachau eingesperrt waren, aufsuchten, um sie den Verkaufsvertrag unterzeichnen zu lassen. Man riss sich Grundstücke unter den Nagel, auch die der Synagogen, der jüdischen Organisationen, der jüdischen Friedhöfe. In Mannheim, wie Christiane Fritsche berichtet, hat selbst die evangelische Kirche an dieser finsteren Zerlegung teilgenommen – und damit die Preise aufs Erbärmlichste gedrückt.

Am Morgen des 22. Oktober 1940 tauchten Nazi-Schergen in den Häusern der Löbmanns sowie bei Wilhelm Wertheimer, dem Bruder von Irma und Mathilde, auf und befahlen ihnen, ihre Koffer zu packen: Jeder Erwachsene hatte das Recht auf maximal 50 Kilogramm Gepäck sowie 100 Reichsmark und sollte Nahrung und Wasser für drei Tage mitnehmen. Ihre Konten, ihre Wertpapiere sowie ihr Grund und Boden wurden mit allem, was sie beinhalteten, gepfändet. Wenige Stunden später warteten sie auf dem Gleis des Mannheimer Bahnhofs gemeinsam mit ungefähr 2.000 anderen Juden der Stadt darauf, in einen Zug zu steigen, dessen Ziel sie nicht kannten. Ungefähr die Hälfte der Mannheimer Gemeinde war in den Jahren davor ins Exil geflohen. Acht Juden hatten sich noch am Morgen der Razzia das Leben genommen. Mehreren Hundert war es gelungen, sich zu verstecken, nur Ehepartner arischer Personen wurden verschont.

Am 23. Oktober setzte sich ein aus neun Zügen bestehender Konvoi mit etwa 6.500 Gefangenen in Bewegung. 4.500 weitere Juden aus dem Südwesten Deutschlands, dem Saarland, aus Baden und der Pfalz waren ebenfalls im Rahmen dieser Aktion verhaftet worden. Nachdem der Transport bei Kehl den Rhein überquert hatte, kam er nachts in Chalon-sur-Saône an, einem Ort, der direkt an der Demarkationslinie lag, die Frankreich nach der Niederlage in eine vom Dritten Reich besetzte Zone im Norden des Landes und eine sogenannte »freie« Zone im Süden unterteilte, die von der begrenzt autonomen französischen Regierung mit Sitz in Vichy kontrolliert wurde. Anders als die Deutschen es sich ausgemalt hatten, legte Vichy, das inzwischen ein eigenes »Judenstatut« zu deren Diskriminierung eingeführt hatte, Protest ein. Vor vollendete Tatsachen gestellt, ließen die französischen Behörden jedoch die Züge in die »freie« Zone einfahren, in der die Deutschen theoretisch kein Sagen hatten, wobei sie deutlich darauf hinwiesen, dass es außer Frage stand, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederholen durfte.

Nach zwei Tagen, während derer sie der Brutalität der SS ausgeliefert waren, kamen die Passagiere, von denen viele hohen Alters waren, im Lager Gurs im Südwesten Frankreichs an. In diesem von Vichy verwalteten Internierungslager befanden sich Juden und Nicht-Juden aller Nationalitäten – mit Ausnahme der französischen, die entweder von den Nazis deportiert wurden oder aber vom französischen Regime in der »freien« Zone verhaftet worden waren. In Gurs gab es weder Hinrichtungen noch Folter, aber Hunderte der Häftlinge starben aufgrund der Lebensbedingungen, sie verhungerten oder kamen vor Kälte um in diesen fensterlosen Baracken, in denen es weder sanitäre Anlagen noch fließendes Wasser gab, in die der Regen eindrang und wo das Bettzeug aus mit Stroh gefüllten Säcken bestand, die auf den schlammigen Boden geworfen waren. Irma Wertheimer, die Ehefrau von Siegmund Löbmann, erkrankte schwer und wurde Ende November 1941 in ein Hospital in Aix-en-Provence transportiert. Siegmund wurde in das nahe gelegene Internierungslager Les Milles überführt, um in ihrer Nähe sein zu können.

Aus Gurs zu fliehen war verhältnismäßig einfach, da dessen Umzäunung nur zwei Meter hoch und weder elektrisiert noch mit Wachtürmen verstärkt war. Dennoch gab es wenige Fluchtversuche, da die größere Herausforderung erst noch folgte: ein langes, angsterfülltes Versteckspiel mit der Polizei. Vermutlich weil ein solcher Ausbruch mit Kindern und älteren Eltern unvorstellbar war, zogen viele Gefangene die Familie der Freiheit vor.

In Gurs hatten religiöse und humanitäre Verbände die Erlaubnis erhalten, Nahrung zu liefern, medizinische Versorgung anzubieten und den Alltag der Inhaftierten zu erleichtern. Eine von ihnen, die internationale jüdische Hilfsorganisation HICEM, half den Juden dabei, die nötigen Unterlagen für die Einreichung einer Emigrationsanfrage zusammenzustellen. Jene, denen dies gelang, baten den Vorsteher des Lagers, nach Marseille, diesem großen französischen Hafen am Mittelmeer, überführt zu werden, hegten sie doch die Hoffnung, sich von dort aus nach Übersee einschiffen zu können. So gelangten im April 1941 schließlich auch Julius und Mathilde Löbmann mit ihrem Sohn Fritz sowie Wilhelm Wertheimer und seine Frau Hedwig mit ihrem Sohn Otto nach Marseille. Dank der Unterstützung der Mitarbeiter aus der Gedenkstätte des Lagers Les Milles, einer der Vorzeigeinstitutionen in Frankreich, um die jungen Generationen für dieses Gedenken zu sensibilisieren, konnte ich den weiteren Weg der Mitglieder dieser Familie nachzeichnen.

Die Männer kamen nach Les Milles, das unter der Verwaltung von Vichy stand und wo zahlreiche Künstler und Intellektuelle wie etwa Golo Mann und Lion Feuchtwanger interniert waren. Die Frauen und Kinder wurden in zu Unterbringungszentren umfunktionierten Hotels in der Innenstadt von Marseille geschickt.

Hedwig und Otto, der damals neun Jahre alt war, wurden ins Hôtel Bompard gebracht, Mathilde und Fritz, damals zwölf Jahre alt, ins Hôtel Terminus les Ports. Man litt an Unterernährung, an Hygienemangel, an Ungeziefer, an mangelnder Kleidung und Kälte in diesen Häusern, in denen die Stromversorgung und das Wasser rationiert waren und deren Besitzer oft nicht die geringsten Skrupel hatten, die vom französischen Staat ausgezahlten Aufwandsentschädigungen in die eigene Tasche zu stecken und nur einen Bruchteil den Gästen zugutekommen zu lassen. Außerdem war man dem Gutdünken widerwärtiger Figuren wie dem Arzt Félix Roche-Imbart ausgesetzt, der seiner sadistischen Lust frönte, die Unterbringung erkrankter Gäste in Hospitälern und Sanatorien zu verhindern und ihnen den Besuch von Ehegatten zu verbieten. Trotz allem waren im Vergleich zum Lager in Gurs die Lebensbedingungen deutlich bessere. Internationale Hilfsorganisationen gaben Kindern Unterricht und richteten für die Mütter Nähkurse ein, vor allem aber konnten die meisten Frauen sich frei in der Stadt bewegen, am Strand spazieren gehen und weiterhin versuchen, die notwendigen Behördenwege zu erledigen, um auswandern zu können.

Laut Archiv des Lagers Les Milles muss Hedwig versucht haben, für ihre Familie amerikanische Visa zu erhalten. Was wahrscheinlich auch für Mathilde gilt. Sie kamen zu spät. Kurz zuvor war ein solches Ziel noch umsetzbar, dank des amerikanischen Vizekonsuls in Marseille, Hiram Bingham IV, der Visa und gefälschte Papiere beschaffte. Oder aufgrund der Hilfe des amerikanischen Journalisten Varian Fry, dem es gemeinsam mit einem großen Netzwerk an Unterstützern gelungen war, mehr als 2.000 Juden aus Frankreich herauszuschleusen, unter denen sich hauptsächlich Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler wie Claude Lévi-Strauss, Max Ernst, Hannah Arendt oder Marc Chagall befanden. Als Reaktion, aber auch auf Druck des Vichy Regimes hin, entzog das Aussenministerium in Washington dem Konsulat die Entscheidungshoheit in Sachen Visavergabe, versetzte Hiram Bingham IV nach Portugal und konfiszierte den Pass von Varian Fry.

Hedwig Wertheimers und Mathilde Löbmanns Bestrebungen zur Emigration scheiterten im Sommer 1942, sie wurden mit ihren Söhnen nach Les Milles überführt, wo sie wieder auf ihre Ehemänner Julius und Wilhelm trafen. Die Stimmung war bedrückend. Im Lager Drancy nördlich von Paris hatten die Deportationen nach Auschwitz begonnen. Offiziell hieß es, um die Häftlinge in Arbeitslager zu bringen. Beim Anblick der Viehwaggons, in die man ganze Familien ohne Wasser einpferchte, fragten sich viele, warum man wohl auch Kinder, die gar nicht befähigt waren zu arbeiten, in die Züge zwängte. Es war auch schon von Massakern die Rede.

Hedwig und Mathilde mussten die Gefahr gerochen haben. Wie andere Mütter auch, entschieden sie sich, ihre Söhne dem jüdischen Kinderhilfswerk anzuvertrauen. Zeugen haben von herzzerreißenden Trennungen berichtet, dem Weinen der Kinder, die man von ihren Müttern trennte, die wiederum damit zu kämpfen hatten, Haltung zu wahren, um ihre Kleinen nicht zu beunruhigen. Otto wurde ins Château de Montintin südlich von Limoges gebracht, wo sich mehrere Hundert Kinder zwischen 12 und 17 Jahren versteckt hielten, unter ihnen vor allem deutsche Juden, die dort von einem Arzt beschützt wurden. Fritz ging in eine ähnliche Anstalt, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Kinder vor der Deportation zu retten.

Im Frühling 1943 hatten die beiden Cousins das Glück, noch einmal in einem der letzten Zufluchtsorte Frankreichs vereint zu sein, der in der damals von Italien besetzten Zone im Südosten Frankreichs lag. In Izieu, einem kleinen, hoch gelegenen Dorf an den Hängen eines Arms der Rhône, hatte die polnisch-jüdische Widerstandskämpferin Sabine Zlatin gemeinsam mit ihrem Ehemann ein Heim errichtet, wo sie die Kinder vor der Deportation bewahren wollte. Zum ersten Mal seit Langem konnten Fritz und Otto wieder an die Leichtigkeit der Kindheit anknüpfen. In der Gedenkstätte von Izieu zeigen Fotos diese Kinder auf einer weiten Wiese, ihr Haar im Wind, als Gruppe vor einem Haus, die Großen tragen die Kleineren auf ihren Armen, in Badehose auf einem Steg an einem See. Sie lächeln fast immer und es ist auf diesen Bildern, die Aufnahmen welcher glücklichen Kindheit auch immer sein könnten, nicht der Hauch eines Vorzeichens zu sehen.

Die italienische Besatzungszone war für Juden die sicherste, da sich die Italiener, im Gegensatz zu den Franzosen, so gut es ging weigerten, sie auszuliefern. Im September 1943 aber, nach der Kapitulation des faschistischen Italiens, kippte die Situation, da nun die Deutschen die italienische Zone in Frankreich besetzten. Die aufkommende Gefahr ahnend, machte sich Sabine Zlatin Anfang April 1944 auf, eine andere Zufluchtsstätte zu finden. Doch während ihrer Abwesenheit geschah es am Morgen des 6. April, dem ersten Tag der Osterferien, als die Kinder gerade dabei waren, ihr Frühstück vorzubereiten, dass zwei Lastwagen der Wehrmacht und ein Dienstwagen der Gestapo die 44 Jungen und Mädchen, den Ehemann von Sabine Zlatin und sechs Erzieher festnahmen und ins Lager von Drancy brachten. Der Befehl dazu stammte vom Leiter der Gestapo in Lyon, Klaus Barbie, einem Mann, der für seine an Wahnsinn grenzende Besessenheit berüchtigt war, Juden und Widerstandskämpfer zu jagen, die er dann mit hemmungsloser Leidenschaft allen möglichen Foltermethoden unterwarf, deren genialer Erfinder er sich zu sein rühmte.

Am 15. April 1944 wurden Fritz Löbmann und Otto Wertheimer, damals 15 und 12 Jahre alt, in einem Konvoi zusammen mit 30 anderen Kindern von Izieu nach Auschwitz deportiert. Am Tag ihrer Ankunft wurden sie vergast.

Zwei Jahre zuvor waren die Eltern von Otto Wertheimer, Hedwig und Wilhelm, und die Mutter von Fritz Löbmann bereits nach Drancy überführt worden. Am 17. August wurden sie mit dem Konvoi Nummer 20 verschleppt. Endstation: Auschwitz. Am 2. September war es dann Siegmund, der nach Drancy kam, er wurde am 7. September mit dem Konvoi Nummer 29 deportiert. Endstation: Auschwitz. Seine Einsamkeit wird seine Notlage nur noch schlimmer gemacht haben. Seine Frau Irma stand auf der Liste der zu Deportierenden des Lagers Les Milles, dürfte aber wohl in letzter Sekunde gerettet worden sein, und dies womöglich von Medizinern, die ihre Notaufnahme im Krankenhaus von Aix-en-Provence verlangten.

Julius Löbmann stand ebenfalls auf der Liste, war jedoch nicht auffindbar. Ihm war die Flucht gelungen. Da es so gut wie unmöglich war, aus Les Milles zu entkommen, musste Julius während einer seiner alltäglichen Wege ins nahe gelegene Dorf Saint-Cyr-sur-Mer geflohen sein, wo er als Teil eines Trosses von Zwangsarbeitern im Dienste der französischen Industrie und Landwirtschaft (GTE) arbeitete. Er muss sich wohl unversehens entschieden haben, als er begriffen hatte, dass seine Familie nicht entkommen würde. Er allein konnte fliehen, die anderen saßen im abgeschlossenen Bereich des Lagers in der Falle. Ich stelle mir vor, wie er sich von seiner Frau verabschiedet, von seinem Sohn, seinem Bruder, seinem Schwager und in der Nacht vor seiner Flucht kein Auge zugemacht hat. Und dann am eigentlichen Tag, an dem es galt, den richtigen Moment zu erfassen, um sich davonzustehlen, um in die Pinienwälder von Saint-Cyr-sur-Mer zu verschwinden oder auf dem Rückweg vom Wagen abzuspringen.

Die Chancen für einen geflohenen Juden, der ohne Geld, ohne Kontakte und ohne irgendwelche Kenntnisse über Frankreich sich selbst überlassen war, waren unter einem Regime, das mit Deutschland kollaborierte und aus freien Stücken antijüdische Verordnungen eingeführt hatte, äußerst gering. Es sei denn, das Schicksal entschied sich, großmütig zu sein und ihn mit einem dieser mutigen und mitfühlenden Franzosen zu begünstigen, die während des Krieges Juden in ihren Kellern oder auf ihren Dachböden versteckt hielten und ihnen regelmäßig heimlich brachten, was zum Überleben reichen musste. Aber selbst dieses Szenario konnte tragisch enden, wenn der Schutzengel denunziert und von der Gestapo oder der französischen Polizei verhaftet wurde und seine Schützlinge gefangen oder in ihren Löchern ohne irgendeine Hilfe zurückblieben.

Wer auf sich allein gestellt blieb, der musste schlau und verwegen sein; und schenkt man Lotte Kramer Glauben, so war Julius dies. Um nicht Gefahr zu laufen, seine Herkunft preiszugeben, gab er sich als taubstumm aus und ließ sich in einem großen Hotel an der Côte d’Azur wahrscheinlich irgendwo in der italienisch besetzten Zone zwischen Nizza und Menton als Liftboy anheuern. Ich weiß nicht, ob sein Patron geahnt hat, mit wem er es zu tun hatte, er besaß jedoch die Güte, trotz der fehlenden Papiere dieses ulkigen Kerls mit Pupillen so blau und Haaren so blond wie bei einem Deutschen ein Auge zuzudrücken.

Nach dem Einmarsch der Deutschen in die italienische Zone muss Julius miterlebt haben, wie Offiziere der Wehrmacht und der SS in dem Hotel abgestiegen sind. Wie viele Male täglich hat er wohl das Martyrium erleiden müssen, diese Männer auf ihre Etage zu fahren, in der Enge der Aufzugskabine ihre Uniformen zu streifen, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließen, seine Hände zittern zu fühlen, wenn er den Knopf bediente, und sein Herz vor Angst trommeln zu spüren, dass ihm ein Blick, ein Reflex passieren mochte, ein »Bitte schön« oder ein »Danke« oder ein »Guten Morgen« – ein einziges Wort auf Deutsch und er wäre verloren gewesen. Im Sommer 1944 wurde er von diesem Druck befreit, als die Truppen der Alliierten in der Normandie und später in der Provence landeten und die Besatzer aus Frankreich verjagten. Vielleicht ging er nach Drancy in der Hoffnung, dort seine Lieben wiederzufinden, und erfuhr dann, dass alle Gefangenen nach Auschwitz gebracht worden waren. War Julius in diesem Moment bereits klar, wofür der Name Auschwitz stand?

Seit dem Sommer 1941 wussten die Briten, dass die Kommandos der SS, deren Funkverschlüsselung sie dechiffriert hatten, im Osten Europas Massaker anrichteten. In der Folgezeit gab es dafür immer mehr Indizien, die den Alliierten aus unterschiedlichen Quellen der deutschen Armee, von Vertretern der jüdischen Bevölkerung und von polnischen Widerstandskämpfern zugespielt wurden. Im Frühling 1942 zeigte sich der Daily Telegraph alarmiert: »Mehr als 700.000 polnische Juden sind bei einem der größten Massaker der Weltgeschichte ermordet worden.« Immer mehr Medien verbreiteten diese Informationen, selbst die Gaskammern wurden erwähnt. Am 17. Dezember 1942 verurteilten die Alliierten diese »bestialischen Vernichtungsmethoden« öffentlich und einhellig. Der britische Radiosender BBC übertrug die Erklärung, die wörtlich lautete: »Niemand wird niemals mehr sagen können, er habe nie etwas von Deportierten gehört. Diejenigen, die fähig sind zu arbeiten, werden in den Lagern ausgebeutet, bis sie vor Erschöpfung sterben. Die Kranken und Gebrechlichen sterben vor Kälte oder an Hunger oder werden brutal umgebracht.« Die amerikanischen, britischen und sowjetischen Regierungen wussten sogar, dass schon mehr als zwei Millionen Juden umgebracht worden und fünf Millionen aufs Schlimmste bedroht waren.

Da diese Informationen von Vichy-Frankreich zensiert wurden, wird Julius einen letzten Funken Hoffnung bewahrt haben, vor allem für seinen kleinen Fritz, diesen Jungen, der noch ein Kind war. Die Nazis würden doch wohl nicht auch noch Kinder ermordet haben. Aber an wen konnte er sich wenden und um Hilfe bitten? Seine ganze Familie, all seine Freunde waren verschwunden, und das befreite Frankreich kümmerte sich keinen Deut um die dem Tod entronnenen Juden. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als nach Amerika zu gehen, nach Chicago, jener Stadt, in die seine Familie geplant hatte zu fliehen, bevor sie von Mannheim fortgerissen wurde.

Während der Überquerung des Atlantiks muss Julius an Bord des Schiffes, das sich von einem in Feuer und Blut versinkenden Europa entfernte, ein Gefühl tiefer Traurigkeit bei der Vorstellung übermannt haben, diese Reise nun allein angetreten zu haben, mit der sich die Seinen als letzten Ausweg voller Bitterkeit abgefunden hatten, und von der er niemals geglaubt hätte, dass sie sich eines Tages in einen unerreichbareren Traum verkehren sollte: sie alle gemeinsam auf diesem Schiff, befreit vom Untergang ihres Heimatlandes. Die Augen auf den Horizont gerichtet, an dem bald schon der ersehnte amerikanische Kontinent aufscheinen sollte, wird Julius wohl gespürt haben, dass er dort niemals das Leben mit seinem Sohn Fritz teilen würde, auch nicht mit seiner Frau Mathilde und auch nicht mit seinem Bruder Siegmund.


4Die Leugnung des Karl Schwarz

CHICAGO WAR für die europäischen Juden eines der ersten Wunschziele, da es nach New York und Warschau mit etwa 270.000 Mitgliedern die drittgrößte jüdische Gemeinde weltweit beherbergte. Die Einflussreichsten und am besten Integrierten von ihnen waren deutscher Abstammung. Als Erste angekommen, hatten sie von 1840 an soziale, kulturelle und religiöse Einrichtungen aufgebaut, mit denen die Gemeinde aufblühte. Mit der Jahrhundertwende strömten Juden aus Osteuropa und Russland hinzu, die vor Pogromen aus ihren Ländern flohen, in den Dreißigerjahren schlossen sich ihnen die Opfer der Nazi-Verfolgungen an, wie etwa der ungarische Maler und Fotograf László Moholy-Nagy. Auch nicht jüdische Deutsche waren in Chicago emigriert, so einer der Gründer der modernen Architektur, Ludwig Mies van der Rohe, der Nazi-Deutschland weniger aus Gründen des politischen Widerstands verlassen hatte, sondern weil das Regime moderner Kunst gegenüber feindlich gesonnen war und seine Arbeit nicht schätzte. Seine minimalistische Architektur des »Fast nichts« prägt Chicagos Erscheinungsbild bis heute: Wolkenkratzer aus Stahl und Glas und vor allem die imperiale Crown Hall auf dem Campus des Institute of Technology, ein rechteckiger Grundriss aus Metall und Glas, eingefügt in einen grünen Garten.

Vor diesem Hintergrund wird Julius Löbmann wahrscheinlich schon bald andere Exilanten getroffen haben, vielleicht sogar Freunde oder ehemalige Mannheimer, die seine Familie, sein Geschäft gekannt hatten, mit denen er Erinnerungen an ein Deutschland austauschen konnte, das für immer verschwunden war. Immerhin war beinahe die Hälfte der 3.500 Mannheimer Juden, denen es gelungen war, sich ins Exil zu retten, in die USA ausgewandert. Auf diese Weise wird Julius wohl auch die Bekanntschaft von Erna Fuchs gemacht haben, die, wie er, ursprünglich aus dem Badischen stammte, das sie 1937 mit ihrer Familie verlassen hatte, um sich in Chicago niederzulassen. Er hat nicht lange gezögert, sie zu heiraten, denn nach Papieren aus den Archiven in Karlsruhe trug Erna 1949 bereits den Namen Löbmann und lebte unter derselben Adresse wie er. Sich schnell mit einer Jüdin aus seiner Heimat neu vermählt zu haben, die begreifen konnte, was er durchgemacht hatte, muss Julius vor großer Einsamkeit bewahrt haben. Denn auch wenn die Gemeinde in Chicago Emigranten offenherzig aufgenommen haben mag, so konnten sich doch viele Mitglieder keinen Begriff davon machen, was ihre Religionsbrüder unter dem Nationalsozialismus erlitten hatten. Umso weniger war das noch von der nicht jüdischen amerikanischen Gesellschaft zu erwarten, die vor dem Krieg doch recht wenig Mitgefühl gezeigt hatte.

Als sich 1938 für die europäischen Juden immer deutlicher ein düsteres Schicksal abzeichnete, hatten Meinungsumfragen ergeben, dass mehr als 80 Prozent der Amerikaner gegen eine Erhöhung der Einwanderungsquote waren. Ein Jahr später stellten sich mehr als 60 Prozent der Amerikaner in Umfragen gegen einen von Senator Robert Wagner und der Abgeordneten Edith Rogers vorgeschlagenen Gesetzentwurf, der die Aufnahme von weiteren 20.000 deutsch-jüdischen Kindern außerhalb der festgelegten Quote vorsah. Das Projekt wurde von antisemitischen Interessengruppen vereitelt, bevor es überhaupt noch dem Kongress zur Abstimmung vorgelegt werden konnte.

Ahnte Julius, welche Verbindung zwischen dem Mangel an Solidarität in den USA und dem Schicksal seiner Familie bestand? Viele jüdische Immigranten waren den USA dennoch dankbar dafür, überhaupt aufgenommen worden zu sein und eine Chance zur Integration und zum sozialen Aufstieg erhalten zu haben, wie nur wenige andere Länder sie boten. Der starke deutsche Akzent von Henry (Heinz) Kissinger, einem bayerischen, 1938 nach New York geflohenen Juden, hinderte diesen nicht daran, ein legendärer amerikanischer Außenminister zu werden. Wie viele Briefe von Juden beinhalteten nicht dieses Bekenntnis zum Patriotismus: »Wir sind schon echte Amerikaner geworden!« Nur wenige all jener, die in andere Länder emigriert waren, haben das von sich sagen können. Selbst in Israel ist Juden die Integration häufig schwergefallen, da sie sich weigerten, Hebräisch zu lernen und von einer tiefen Sehnsucht nach ihrem Heimatland durchdrungen waren.

Als das Kriegsende verkündet wurde, wird Julius Löbmann voller Erwartung versucht haben, irgendetwas über seinen Sohn, seine Frau und die anderen herauszufinden. Dann wird er aber auch die Bilder über die Vernichtungslager in den Medien gesehen haben, die mitten unter Bergen von Leichen lebendige Tote zeigten. Die Hoffnung muss sich schlagartig aufgelöst haben. Welche Spuren blieben ihm von diesen Verschwundenen? Einige Fotografien vielleicht, Gegenstände, Kleider und die Möbelstücke, welche die Familie von Mannheim aus nach Chicago geschickt hatte. Es sei denn, diese wären niemals heil in Chicago angekommen, da die Nazis nach dem Einmarsch in die Niederlande zahlreiche Container mit jüdischem Eigentum gestohlen hatten, die im Hafen von Rotterdam darauf warteten, ihren Besitzern über den Atlantik zu folgen.

Mit dieser letzten Plünderung nahm man den Flüchtlingen, von denen viele mit dem Lebensminimum emigriert waren, noch den letzten Rest dessen, was das Dritte Reich ihnen nicht schon vorher geraubt hatte. Für sie war das Exil von einem schwindelerregenden finanziellen und gesellschaftlichen Niedergang begleitet, von dem sich nur die wenigsten erholen sollten, denn andere Hürden wie die Sprachbarriere oder die Schwierigkeit, ihre deutschen Diplome im Ausland anerkennen zu lassen, kamen hinzu. Die Bewährungsprobe war vor allem für diejenigen besonders traumatisch, die in Deutschland Karriere gemacht hatten und die nun, 40-jährig, 50-jährig, die soziale Leiter bis zum Boden hinunterfielen. Eine Mannheimerin, die ein Kaufhausimperium besaß und führte, wurde in New York Putzfrau. Erfolgreiche Geschäftsmänner, die in ihrem Geburtsland als Vorbild dienten, waren plötzlich auf den Platz eines Assistenten verbannt. Rechtsanwälte und Mediziner fanden sich in einer kräftezehrenden körperlichen Arbeit wieder, wobei ihnen, selbst wenn sie alt waren und krank, keine andere Wahl blieb, da es in den Vereinigten Staaten keinerlei soziale Absicherung gab. Zur Erniedrigung, die mit dem sozialen Abstieg einherging, gesellte sich die materielle Ungewissheit. Nicht wenige sahen für sich keinen anderen Ausweg als den Suizid.

Julius Löbmann muss in den Genuss der Hilfe von Verwandten oder jüdischer Organisationen gekommen sein, denn glaubt man den Adressen, die auf den an meinen Großvater gerichteten Briefen stehen, hat er keine Armut erlebt. Anfang 1947 lebte er in einem gepflegten Ensemble von mehreren kleinen Backsteingebäuden in Wicker Park, einem Viertel mit vielen polnischen Emigranten. Zwei Jahre später wohnte er gemeinsam mit seiner Ehefrau Erna in Kenwood, einer hübschen Gegend am Rande des Michigansees, deren Häuser im georgianischen Stil und dem des Art déco errichtet worden waren und die eine Zeit lang der Chicagoer Elite als Rückzugsort gedient hat. Das Paar lebte in einem anspruchslosen, doch behaglich erscheinenden Gebäude auf einer breiten von Bäumen und Villen gesäumten Allee, nicht unweit der Synagoge und der jüdischen Schulen.

So ungefähr stellte sich die Situation von Julius Löbmann dar, als er im Januar 1948 von den beiden Inhabern der Mineralölgesellschaft, Karl Schwarz und Max Schmidt, Reparationszahlungen einforderte. Kurz zuvor war in der amerikanisch besetzten Zone ein Gesetz verabschiedet worden, welches vorsah, dass sämtliche Güter, die unter dem NS-Regime geraubt oder »zwangsverkauft« worden waren, ihren Eigentümern oder deren Erben zurückerstattet werden mussten. Das Rückerstattungsgesetz setzte mit der Verkündung der Nürnberger Gesetze am 15. September 1935 einen Stichtag fest, nach welchem jedwede Transaktion jüdischen Eigentums anfechtbar war. Die amerikanische Zone war in dieser Frage Vorreiter und äußerst kategorisch. Die Fluggesellschaft PanAm machte in den USA mit dem Thema sogar Werbung: »Sie müssen nach Deutschland wegen Rückerstattungsforderungen? Tägliche Flüge der PAA in die wichtigsten deutschen Städte.« Die Airline bot Flugtickets zu niedrigen Preisen an, die für Julius und auch den Großteil der Flüchtlinge aber unbezahlbar blieben, wohingegen jene, die sie sich hätten leisten können, sich dagegen sträubten, ins Land der Täter zurückzukehren.

Die Briten warteten zwei Jahre lang, bevor sie ihrerseits einen rechtlichen Rahmen für Rückerstattungen schufen, der demjenigen der Amerikaner ähnlich war. In der französischen Zone hingegen war das Gesetz weniger zwingend, da es den Stichtag erst auf den 14. Juni 1938 festsetzte, den Tag, von dem an Juden dazu gezwungen worden waren, ihre Geschäfte und Unternehmen in einem öffentlichen Register einzutragen, um deren Arisierung zu vereinfachen. Die Franzosen waren der Auffassung, dass es bei einer Übernahme vor diesem Datum Angelegenheit des Klägers sein sollte, die Illegalität der Transaktion zu beweisen.

Karl hatte sicherlich vom Rückerstattungsgesetz gehört. Nach dem Krieg hatten die amerikanischen Besatzungsbehörden seine Firma unter Aufsicht gestellt, da sie dank des vollständig erhaltenen Registers die vielen in Mannheim arisierten jüdischen Firmen und Grundbesitze ausfindig gemacht hatten, unter denen sich auch die Mineralölgesellschaft befand. Allerdings muss Opa wohl gedacht haben, dass er zu jener Gruppe gehörte, die einen »fairen Preis« bezahlt hatte, und folglich bald vom Verdacht, Juden ausgebeutet zu haben, befreit sein würde. Viele Käufer dachten wie er, denn das NS-Regime hatte die Bürger bei bestem Gewissen zu Komplizen gemacht, indem es diese Verbrechen legalisierte. In Karls Vorstellung hatte er folglich völlig legitim gehandelt, als er das Unternehmen im öffentlichen Register der zum Verkauf stehenden jüdischen Firmen fand und den damaligen »Marktpreis« bezahlte – und zwar mit einem Vertrag, den die Behörden für gültig erklärten. Und dies nur umso mehr, als er davon überzeugt gewesen zu sein schien, dass die Transaktion »in freundschaftlichster Weise erfolgt« sei, wie er es in den zahlreichen mit Julius Löbmann und vor allem dessen Rechtsanwälten geführten Briefwechseln, deren Kopien ich im Keller des Mannheimer Hauses gefunden habe, stets wiederholte.

So antwortete mein Großvater der Rechtsanwältin Rebstein-Metzger wie selbstverständlich, dass er nicht das Geschäft der Firma Löbmann weitergeführt, sondern schlicht die materiellen Güter gekauft und auf diesem Fundament seine eigene Firma gegründet hätte. Er war überzeugt, sich als besonders großzügig erwiesen zu haben, indem er zumindest zum Marktpreis Objekte gekauft habe, die gar keinen Wert besessen hätten. »Bei der Bewertung der Einrichtungsgegenstände wurde jeder Gegenstand bis in das Kleinste (ein Knäuel Schnur, Packpapier, Stempel, Bleistiftspitzmaschine etc.) bewertet«, unterstreicht er. Ihm zufolge habe er außerdem eine Summe von 5.000 Reichsmark für Verpackungen und leere Tonnen bezahlt, die sich bei den Kunden der Löbmanns befanden und die er nie mehr habe zurückholen können. Es war für ihn offensichtlich, dass »es sich nicht um eine tatsächliche Arisierung gehandelt hat«. Und so vermochte er sich nicht vorzustellen, »in welcher Form Herr Löbmann Rückerstattungsansprüche stellen möchte«.

Die Rechtsanwältin erwiderte: »Der Kauf- und Übernahmevertrag zeigt klar, dass es sich um einen Geschäftskauf im Ganzen handelte und nicht nur um einen Verkauf von Einrichtungsgegenständen. Sie haben sich sogar das Recht ausbedungen, den Firmennamen Siegmund Löbmann & Co. mit oder ohne Zusatz weiterzuführen. Richtig ist nur, dass Sie lediglich Einrichtungsgegenstände bezahlt haben, so wie dies bei derartigen Verkäufen damals eben üblich war. Ich kann auch nicht erkennen, dass Sie wenigstens diese Gegenstände angemessen bezahlten. Aus Ihren mitübersandten Anlagen ergibt sich vielmehr, dass überall nur die sog. Liquidationswerte, und zwar abgerundet, eingesetzt wurden.« Meinem Großvater fiel nichts Besseres ein, als den Ton noch weiter zu verschärfen, indem er der Rechtsanwältin schrieb, dass es sich bei den Einrichtungsgegenständen »um sehr alte Stücke« gehandelt habe, »welche im freien Handel seinerzeit billiger zu haben gewesen wären, abgesehen davon, dass sich für diese Dinge infolge ihrer Unansehnlichkeit anderweitig kein Liebhaber mehr gefunden hätte«.

Nach mehreren erfolglosen Briefwechseln mit der Rechtsanwältin Rebstein-Metzger schrieb Opa schließlich Julius Löbmann persönlich: »Ich und meine Frau haben sich aufrichtig gefreut, dass Sie den hinter Ihnen liegenden Leidensweg wenigstens lebend überstanden haben, und das Schicksal Ihres Herrn Bruders und Schwagers tief bedauert. Sind die Familien ebenfalls umgekommen? Obwohl wir und wohl die meisten Deutschen das grausame Schicksal Ihrer Glaubensgenossen nicht gewollt haben, müssen wir nun alle darunter leiden. Dies zeigt auch unsere Auseinandersetzung, mit welcher ich ja nicht gerechnet hatte, nachdem ich Ihnen seinerzeit bestimmt nichts in den Weg legte und unsere ganzen Vereinbarungen in freundschaftlichster Weise erfolgten (…). Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind ja bei uns ganz trostlos. Ich glaube, Sie machen sich ganz falsche Vorstellungen vom Umfang unseres Geschäftes.« Er beendete seinen Brief wie folgt: »Wie geht es Ihrer Familie? Hoffentlich ist hier auch alles wohlauf? Meine Frau wurde dieses Jahr bereits 2-mal an Darmgeschwüren operiert und muss sich im September einer weiteren Operation unterziehen. So ist immer etwas.«

Mein Großvater hatte die Situation 1938 sicherlich weniger ausgenutzt als andere, da er nur einen Preisnachlass von zehn Prozent im Vergleich zum ursprünglichen Preis ausgehandelt hatte. Nichtsdestotrotz scheint ihm fünf Jahre nach dem Krieg nicht bewusst gewesen zu sein, dass das Dritte Reich per se ein Unrechtsstaat war und dass folglich jegliches in dieser Zeit vereinbarte Geschäft unter dieser Bedingung betrachtet werden muss. Er war wohl ehrlich schockiert, als er erfuhr, dass die Juden, die angeblich deportiert worden waren, um, wie die Nazis es behauptet hatten, im Osten zu arbeiten, in Wirklichkeit in grauenvollen Lagern ermordet worden waren. Aber er hatte die Dimension dessen so wenig begriffen, dass er seinen Schmerz mit dem von Julius Löbmann verglich – »müssen wir nun alle darunter leiden«. Und dann auch diese misstönende Bemerkung: »So ist immer etwas.«

Viele, die Betriebe arisiert hatten, reagierten wie Karl Schwarz, als man sie aufforderte, Juden zurückzugeben, was ihnen zustand: Sie verwiesen auf ihr eigenes Unglück, ihren miserablen Gesundheitszustand, ihre Schwierigkeiten, den Kopf über Wasser zu halten. Das fehlende Schuldbewusstsein und die Ausblendung wurden dadurch gestützt, dass sich darin die vorherrschende Geisteshaltung der Deutschen spiegelte, die folglich kaum auf Kritik stieß. Anstatt Mitgefühl für die Opfer des Nationalsozialismus zu bezeugen, bemitleideten sie sich unerlässlich selbst ob ihres eigenen Schicksals.

Die deutsch-jüdische Politologin Hannah Arendt, die in die Vereinigten Staaten emigriert war, machte zwischen August 1949 und März 1950 eine Reise nach Deutschland und war wie vor den Kopf gestoßen darüber, wie sehr die Bevölkerung in »Gefühlsmangel, Herzlosigkeit, billige[r] Rührseligkeit« erstarrt war. »Ob es sich dabei um eine irgendwie absichtliche Weigerung zu trauern oder aber um den Ausdruck einer echten Gefühlsunfähigkeit handelt«, sei »schwer zu sagen«, schreibt sie. 1967 lieferten die beiden Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich ihre Antwort auf diese Frage in ihrem Buch Die Unfähigkeit zu trauern. Ihnen zufolge war diese »Verleumdung und Verdrängung« die Konsequenz eines Traumas, dessen Ursache aber nicht etwa die im Dritten Reich begangenen Verbrechen waren: »Hitler repräsentierte eine Allmachtvorstellung, sein Tod und seine Entwertung durch den Sieger bedeutete auch den Verlust eines narzisstischen Objekts und damit eine Ich- oder Selbstverarmung und -entwertung.« Mit dieser Niederlage sahen sich die Deutschen, die den Führer und den Nationalsozialismus auf Händen getragen hatten, »wie selbstverständlich von der persönlichen Verantwortung entbunden«. Eine solche Verweigerung öffnete einer verblüffenden Verharmlosung der Vergangenheit Tür und Tor.

Diese Haltung konnte sich in den folgenden Jahren nur umso mehr verfestigen, als die Regierung unter dem ersten Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, sie sowohl mit einer moralischen Rechtfertigung als auch mit einem gesetzlichen Rahmen untermauerte, den der Historiker Norbert Frei »Vergangenheitspolitik« genannt hat. Kaum an die Macht gelangt, begrub der Kanzler die von den Amerikanern und Briten ins Werk gesetzte Entnazifizierung, dieses Unternehmen zur Reeducation and Reorientation. »Durch die Denazifizierung ist viel Unglück und viel Unheil angerichtet worden«, sagte Adenauer bei seiner Regierungserklärung am 20. September 1949. »Die Kriege und auch die Wirren der Nachkriegszeit haben eine so harte Prüfung für viele gebracht und solche Versuchungen, dass man für manche Verfehlungen und Vergehen Verständnis aufbringen muss.« Wo es ihr »vertretbar« erschien, war die Bundesregierung entschlossen, »Vergangenes vergangen sein zu lassen«, wie der Kanzler es formulierte. Diese Formel fand über sein eigenes politisches Lager hinaus Zustimmung, da die Entnazifizierung weitgehend unpopulär war, selbst unter Sozialdemokraten. Die Geburt der Bundesrepublik sollte auch einen Ausgangspunkt bilden, um einen Schlussstrich ziehen zu können unter die angebliche Einteilung der Deutschen durch die Alliierten in zwei Klassen: »politisch Einwandfreie« und »Nichteinwandfreie«. Dieser Wunsch mochte nachvollziehbar erscheinen, doch abgesehen von wenigen Ausnahmen diente er lediglich dazu, am Ende alle Deutschen in die Kategorie der Einwandfreien zu überführen.

So war eines der ersten Gesetze, die der Bundestag verabschiedete, ein Straffreiheitsgesetz, von dem unter anderem Zehntausende Nazis profitierten, die zu einer Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten verurteilt worden waren, einschließlich solcher Straftäter, denen etwa eine Körperverletzung mit Todesfolge zur Last gelegt wurde. Das Gesetz nützte zugleich jenen »Illegalen«, die in den Untergrund abgetaucht waren, um den Gerichten zu entkommen. Anfangs gaben sich die alliierten Hohen Kommissare noch eher zurückhaltend angesichts einer solchen Rechtsbeugung, erklärten sich schließlich aber unter dem Druck Adenauers doch einverstanden.

Das war nur ein Vorspiel. 1951 erlaubte ein weiteres Gesetz, das unter der Bezeichnung »131er-Gesetz« bekannt wurde, die mehr als 300.000 Beamten und Berufssoldaten, die von den Alliierten entlassen worden oder bei inzwischen aufgelösten Behörden in den Ostgebieten beschäftigt gewesen waren, wieder zu integrieren und ihnen ihr Recht auf Rente zu sichern. Zehntausende, die tief in Verbrechen verwickelt waren, profitierten von diesem Gesetz, ja sogar die kriminellen Häscher der Gestapo. Am 31. März 1955 waren etwa 77 Prozent der Beamten des Verteidigungsministeriums, 68 Prozent des Wirtschaftsministeriums, 58 Prozent des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung und mehr als 40 Prozent des Innenministeriums Nutznießer dieses Gesetzes. Eines der wenigen gegenüber der Amnestiepolitik kritisch eingestellten Blätter, die Frankfurter Rundschau, enthüllte, dass im Außenministerium zwei Drittel der leitenden Positionen von ehemaligen Mitgliedern der NSDAP besetzt waren. Adenauer mühte sich eiligst, im Geiste seiner Zeit eine Antwort zu liefern: »Man kann doch ein Auswärtiges Amt nicht aufbauen, wenn man nicht wenigstens zunächst an den leitenden Stellen Leute hat, die von der Geschichte von früher her etwas verstehen. (…) Ich meine, wir sollten jetzt mit der Naziriecherei Schluss machen.«

Die sensibelsten Bereiche waren Bildung und Justiz, wo der Prozentsatz der ehemaligen Parteimitglieder unter den Beschäftigten extrem hoch war. Lehrer, die zuvor Tugenden des Nationalsozialismus gelehrt hatten, sollten nun demokratische Werte vermitteln. Die personelle Kontinuität des Dritten Reiches im Rechtswesen der Bundesrepublik stellte ein beachtliches Hindernis bei Strafverfolgungen von NS-Verbrechern dar. Viele Richter und Staatsanwälte waren kaum daran interessiert, das zu verurteilen, was sie selbst mit geschaffen hatten, und zögerten Untersuchungen so lange hinaus, bis sie diese schließlich einstellen konnten. Sie waren übrigens bestens positioniert, um sich selbst von jeglicher Mitverantwortung freistellen zu lassen, und so wurde trotz ihrer engen Verstrickungen im Dritten Reich kaum einer von ihnen je verurteilt.

1954 sollte ein neues Amnestiegesetz die Entnazifizierung vollends in Stücke fleddern. Unter dem Einfluss der FDP, die das Justizressort innehatte und bei den ehemaligen Nazis, die sie verteidigte, sehr populär war, wurde das strafmildernde Prinzip des »Befehlsnotstands« eingeführt, das den Angeklagten de facto seiner Verantwortung enthob, auch wenn er ein Kriegsverbrecher war oder ein hochstehender Nazifunktionär gewesen ist, da alle Befehle immer »von oben« kamen. Das Gesetz, das weitgehend vom Bundestag bestätigt wurde, glich einer Generalamnestie. Unmittelbar darauf fielen die juristischen Strafverfolgungen von nationalsozialistischen Gewaltverbrechen auf ein extrem niedriges Niveau ab. Die Legende, dass es im Dritten Reich nicht möglich gewesen sein sollte, einem kriminellen Befehl den Gehorsam zu verweigern, ohne sein Leben riskiert zu haben, war zum offiziellen Narrativ geworden.

In seinem sich über fünf Jahre hinziehenden Briefwechsel mit Julius Löbmann und dessen Rechtsanwälten gab Karl Schwarz seinen larmoyanten Tonfall nie auf. »Ich kann mir auch denken, dass Sie selbst jeden Pfennig notwendig gebrauchen können. Ohne die Berechtigung Ihres Anspruches anzuerkennen, mache ich Ihnen deshalb den Vorschlag, Ihnen DM 4.000 und zwar in monatlichen Raten von mindestens DM 200 zu zahlen. Diese DM 200 müssen wir uns bei den augenblicklichen Verhältnissen direkt vom Munde absparen. Es ist deshalb das alleräußerste vertretbare Angebot, ohne die ganze Existenz zu gefährden. Mehr lässt sich in den nächsten Jahren nicht herauswirtschaften, da wir ja ganz von vorne anfangen müssen.« Und er schließt wie folgt: »Ich glaube, dass Sie für die heutigen Verhältnisse auch entsprechendes Verständnis haben.«

Unter der Oberfläche eines Dementis ließ mein Großvater das Eingeständnis durchscheinen, dass der von ihm gezahlte Preis zwar den damaligen Verhältnissen entsprochen habe, tatsächlich aber nicht »angemessen« gewesen sein mochte. »Wenn wir bei dem Kauf die Sache von einem Sachverständigen hätten nachprüfen lassen«, so hatte er der Rechtsanwältin Rebstein-Metzger geschrieben, »hätten wir nicht einmal die Hälfte des Kaufpreises an die Firma L. bezahlen dürfen.« Dass er die Übernahme nicht von einem Sachverständigen überprüfen ließ, geschah vielleicht aus Mitgefühl für die Juden. Aber diese Äußerung zeigt zugleich, dass er stets im Bilde war über die Unrechtmäßigkeit der Gesetze. Er muss gewusst haben, dass die »Schätzungen« der NSDAP ganz bewusst lächerlich gering ausgefallen waren und dass die Löbmanns keine andere Wahl hatten, als einen niedrigen Preis vorzuschlagen, um den Verkauf zu besiegeln und mit dem Geld ihre baldmöglichste Flucht ins Exil finanzieren zu können. Karl Schwarz stellte sogar in Aussicht, »höhere Raten« zahlen zu wollen, sollte er dazu »in die Lage« sein. Aber Julius Löbmann antwortete nicht. Nach Monaten ohne Nachricht erhöhte er sein Angebot auf 5.000 Deutsche Mark.

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519 p. 16 illustrations
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9783906910314
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