Read the book: «Bei Erwachen Mord»
George Warren
Bei Erwachen Mord
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
Epilog
Impressum neobooks
Prolog
Hör auf, mich so anzustarren! Dieser glasige Blick – ich hasse dich! Ich halte das nicht mehr aus! Dreh deinen Kopf weg! Tu nicht so, als ob du das nicht könntest. Na, dann dreh ich eben deinen Kopf zur Seite …
Ich habe dich um nichts gebeten. Ich habe niemanden jemals um etwas gebeten. Du hast für mich entschieden, und ich musste es ausbaden! Alle haben immer über meinen Kopf hinweg mein Schicksal bestimmt – aber damit ist es schon lange vorbei! Deswegen bin ich heute hergekommen – um dir das zu sagen … Ich bin jetzt mein eigener Herr! Hast du das nicht eben gemerkt?
Oder hattest du etwa geglaubt, ich wäre nach all dem, was du mir angetan hast, einfach still und leise von der Bühne getreten? Da hast du dich geirrt, mein Schatz … Man bezahlt irgendwann für alles im Leben. So oder so – und meistens mit Zinsen …
Du warst nichts für mich. Außer Abscheu, empfinde ich nichts für dich …
Aber das Schlimme ist, dass ich dein Gesicht nicht vergessen kann … Ich kriege es einfach nicht aus meinem Kopf! Es ist immer da – Tag und Nacht – und ich sehe dich überall! Es verfolgt mich, lässt mir keine Ruhe … was für eine Qual!
Vielleicht werde ich dich nach dem heutigen Tag vergessen? Mehr konnte ich dazu wirklich nicht tun … Ich hoffe es – so, wie ich nie etwas erhofft habe.
Aber warum lebe ich überhaupt? Um diese furchtbaren Erinnerungen mit mir herumzuschleppen? Jeder Tag und jede Nacht sind eine Marter. Vielleicht ist es wirklich die größte Gnade, nie geboren zu werden.
1
Rolf schreckte aus dem Schlaf. Schweiß rann an seiner Stirn hinunter, und sein Laken war klamm.
Da war er wieder, dieser Albtraum, ganz ähnlich wie vor einer Woche. Nur Ort und Personen schienen andere, abgesehen von ihm selbst. Er war der Hauptakteur. Rolf griff sich an die Stirn und wandte seinen Kopf zur linken Bettseite. Monika schlief friedlich. Ihr Gesicht war unter der Masse der blonden Haare kaum zu erkennen. Die Gartenbeleuchtung, die das Schlafzimmer leicht erhellte, tauchte sie und die Gegenstände in ein bläulich kaltes Licht. Ein Blick auf die Leuchtziffern seiner Uhr zeigte ihm, dass es erst kurz vor fünf war.
Rolf richtete sich auf und stieg leise aus dem Bett. Der Traum war noch zu gegenwärtig, an Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Er brauchte Luft. Unten trat er durch die Wohnzimmertür in den Garten. Der Morgen graute schon und kündigte einen neuen, warmen Sommertag an. Er setzte sich auf einen der Liegestühle, die um das ovale Schwimmbad standen, und öffnete eine neues Päckchen Chesterfields. Gierig saugte er an der Zigarette.
Langsam verschwand der Druck, den er auf seiner Brust fühlte, und die Bilder des Traumes verloren an Kraft, ihre Konturen lösten sich auf. Er fühlte noch die Anspannung seiner Muskeln, das Aufbäumen des Mädchens, ihre weit aufgerissenen dunklen Augen, die ihn in Todesangst anstarrten, den kurzen Kampf und dann den Geruch ihres verschwitzten, reglosen Körpers. Was für ein absurder Traum!
Wann hatte das alles angefangen? Etwa vor zwei Monaten. Die Träume hatten an Intensität zugenommen. Er konnte sich noch genau an die Gesichter der Frauen erinnern. Seltsam – wenn er früher geträumt hatte, war alles verschwommen und surreal gewesen.
Der Himmel wurde allmählich heller und färbte sich rötlich gelb. Das Wasser im Schwimmbecken schien von roten Schlieren durchzogen. Rolf konnte vom Liegestuhl aus die vom Morgendunst halbverhüllte Pazifikküste sehen.
Noch benommen stand er auf und ging zurück ins Haus. In der Küche setzte er Kaffee auf und zündete sich eine zweite Zigarette an.
„Du bist schon wach?“
Rolf drehte sich um. Monika stand auf der Marmortreppe, die in den Wohnraum herunterführte, die leichte Bettdecke über den Schultern. Er blickte sie an. Obwohl sie jetzt schon zwei Jahre zusammen waren, hatte er sich immer noch nicht an ihre Schönheit gewöhnt. Er konnte sich nicht sattsehen an ihren großen, himmelblauen Augen, den ebenmäßigen Gesichtszügen, ihren sinnlichen Lippen. Er musste unwillkürlich an die berühmten Maler und Bildhauer denken, die seit Anbeginn der Zeit versuchten, die Schönheit der Schöpfung auf einer Leinwand oder mit Hilfe eines Marmorblockes festzuhalten. Es war ihnen im Grunde nie gelungen. Die Natur selbst war die größere Künstlerin.
Rolf nickte. „Ja Spatz – ich bin schon wach – wie du siehst …“
Monika rieb sich ihre Augen. „Irgendetwas scheint dich zu bedrücken. Ist es die Firma?“ Sie sah ihn etwas verschlafen an.
Ralf nahm sie in den Arm und küsste sie auf die Stirn. „Wir kommen kaum mit den Aufträgen mit. Es läuft wie geschmiert. Du riechst gut – nach einem Mädchen, das gerade wach geworden ist …“
„Und wie riecht ein Mädchen, das gerade wach geworden ist?“, fragte Monika lächelnd und zog die Baumwolldecke enger um ihren Körper.
„Nach Honig und Buttermilch.“
„Und du stinkst nach Tabak!“ Monika verzog ihr Gesicht. „So früh am Morgen schon! Irgendetwas stimmt doch mit dir nicht. Du siehst wirklich ziemlich fertig aus.“ Sie fuhr mit ihrem Zeigefinger über die Falten auf seiner Stirn.
Rolf sah sie müde an. „Danke für die Blumen. Ich bin auch zwölf Jahre älter als du. Lass uns in zehn Jahren noch mal darüber reden, wie man beim Aufwachen aussieht – dann wirst auch du die Neonleuchte über dem Spiegel auslassen und nur die Badezimmerlampe anschalten …“
Monika lachte. „Warten wir erst einmal ab, ob wir dann überhaupt noch zusammen sind – vielleicht gebe ich dir ja schon vorher den Laufpass. Auf jeden Fall wirst du in zehn Jahren doppelt so viele Falten haben – ich werde dich da nie einholen. Die zwölf Jahre Vorsprung kann dir niemand mehr nehmen ...“
Rolf fiel wieder ein, dass er die Frauen immer für die Leichtigkeit bewundert hatte, mit der sie selbst am frühen Morgen eine heitere Unterhaltung führen konnten, ohne dass es für sie eine größere Anstrengung zu sein schien. Ihn kostete selbst ein einfaches ‚Guten Morgen‘ eine riesige Überwindung. Er reichte Monika eine Tasse Kaffee und stieg hoch ins Badezimmer. Als er vor dem Spiegel stand und den Rasierschaum anrührte, überkam ihn eine große Mattigkeit – es gab Tage, an denen man nicht in die Gänge kam und selbst die kleinsten Handgriffe zu einer Herausforderung wurden. Er sah genauer in den Spiegel und musste sich rechtgeben – man sollte ab einem gewissen Alter Neonleuchten unbedingt meiden.
2
Als Rolf in der Firma ankam, stand sein Geschäftspartner schon ungeduldig auf der eisernen Treppe, die zu den Büros im ersten Stock führte. Der Gebäudekomplex aus leichtem Beton lag in Half Moon Bay, etwa dreißig Kilometer südlich von San Francisco. Die Sicht auf die Küstenlinie war atemberaubend, gerade zu dieser Tageszeit, wenn die gleißende Sonne die letzten Nebelbänke über dem Pazifik verdrängt. Aber dies war der einzige Luxus, den sich Rolf und sein Partner John Baudassin gegönnt hatten. Das Bürogebäude erinnerte eher an eine weißgetünchte Kaserne – nicht gerade eine Visitenkarte für die beiden Architekten, die sich durch ihre originellen Entwürfe für elegante Bungalows einen Namen gemacht hatten.
Rolf musste unwillkürlich lächeln, als er John auf der Treppe in der Morgenbrise stehen sah. Sein schütteres, braunes Haar hing ihm wirr ins Gesicht, das eine ordentliche Rasur vertragen hätte. Sein Popelinanzug war wahrscheinlich im vergangenen Sommer zum letzten Mal aufgebügelt worden, und seine Krawatte dokumentierte ziemlich genau, was er gefrühstückt hatte. Die einzige Ausnahme in dem vernachlässigten Erscheinungsbild waren seine cognacfarbenen Oxfords, die in der Sonne glänzten. John war ein Schuhfetischist, nicht nur was Frauen anbelangte.
Sein Geschäftspartner sah ärgerlich von oben auf Rolf herab und tippte nervös auf seine Armbanduhr. „Schön, dass du überhaupt noch weißt, wo unser Büro liegt! Ich sitze schon seit acht in unserem Bunker und habe dir auch die Pläne für deine Verabredung zusammengesucht. Ich hoffe, dass ich nichts auf deinem Zeichentisch liegen gelassen habe. Du hast hoffentlich deinen Termin mit Diana Cleverly nicht vergessen?“
Rolf fiel siedeheiß wieder ein, dass er eine Verabredung mit einer Klientin hatte. „Tut mir leid, dass ich etwas später dran bin … Nein, natürlich habe ich den Termin nicht vergessen.“
„Ich reiße mir den Hintern auf, um neue Klienten an Land zu ziehen, und du bist derjenige, der die Termine platzen lässt. Ja ich weiß, ich bin nur eine emsige Ameise und du der geniale Künstler. Etwas mehr Pünktlichkeit und Liebe zum Detail täten dir trotzdem gut!“ John machte eine ärgerliche Handbewegung und holte Luft. „Hast du dich heute Morgen mit Monika gestritten, oder kamt ihr beide vor lauter Leidenschaft nicht aus den Federn? Dir bleiben noch genau vier Stunden bis zu deinem Termin. Vielleicht schaffst du es ja in dieser Zeit bis zum See Tahoe. Nimm es eben mit der Geschwindigkeitsbegrenzung nicht so genau …“
Rolf wusste, dass John recht hatte. Zum Glück fehlte die Zeit, sich auf eine Diskussion einzulassen, bei der er das hätte zugeben müssen. „Ich hole noch meinen Fotoapparat aus dem Büro und mache mich auf die Socken. Und frage unsere Sekretärin, ob sie mir noch schnell einen Kaffee machen kann – einen starken.“
John hielt Rolf am Ärmel fest, als er die Treppe hinaufstieg. Sein Ärger schien etwas verflogen zu sein. „Du siehst ziemlich müde und abgespannt aus, alter Junge. Vielleicht ist Monika doch etwas zu jung für dich?“
Rolf grinste zurück. „Das gleiche Kompliment hat mir Monika heute Morgen auch schon serviert. Es liegt zwar schon an den Nächten, aber nicht an Monika.“
Die beiden traten in das Innere. Die Büros waren genauso spartanisch gestaltet wie das Äußere des Gebäudes. Die schmucklosen Räume waren nur durch gläserne Wände getrennt. Rolf konnte sehen, wie ihre Sekretärin Susan Harlow eifrig in ihren Telefonhörer sprach. Wie er Susan kannte, ging es wahrscheinlich weniger um etwas Geschäftliches als um ihre nächste Verabredung. John ging in ihr Büro und kam nach einigen Minuten mit einer Tasse Kaffee und Rolfs Skizzen zurück.
„Zunächst einmal der Kaffee, damit du überhaupt wach wirst, und hier – dein Meisterwerk.“ John drückte ihm die Pläne in die Hand, die dieser in eine große, lederne Mappe stopfte. Dann setzte sich Rolf auf den blauen Nierentisch neben dem Eingang und nippte an dem Kaffee.
Er starrte auf die blitzenden Schuhe seines Geschäftspartners. „Geht es dir auch manchmal so, dass du in den Spiegel schaust und das Gefühl hast, dass die Person, die zurückblickt, nicht du selbst bist? Seit einiger Zeit kenne ich mich selbst nicht mehr …“
John trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. „Höre auf zu philosophieren und setz dich in deinen Wagen. Du hast noch etwas über drei Stunden bis zu deinem Termin.“
Rolf sah ihn deprimiert an.
Sein Partner klopfte ihm auf die Schulter. „Wenn du etwas auf dem Herzen hast, reden wir am Samstagnachmittag bei meiner Gartenparty darüber. Es kommen auch die Rogers und meine Schwester mit ihrem Mann. Meine Frau kann sich um Monika kümmern, und wir haben Zeit, uns einige Augenblicke auszuklinken. Dann kannst du mir ja erzählen, wo der Schuh drückt.“
Rolf nickte und stand auf. Dann stieg er widerwillig die eiserne Treppe zu seinem dunkelblauen Chevrolet hinunter und legte die Mappe mit den Plänen in den Kofferraum. Er hatte 220 Meilen vor sich und würde es wohl kaum pünktlich zu seinem Termin schaffen. Er zündete sich eine Zigarette an und drückte auf das Gaspedal.
3
Diana Cleverly war eine dieser kleinen Filmstars, die nur in Nebenrollen auftreten. Rolfs Schätzung nach konnten ihre Auftritte ihr nicht mehr als ein paar hundert Dollar pro Woche einbringen. Dennoch schien sie plötzlich zu Geld gekommen zu sein. Sie hatte sich am See Tahoe in Dollar Point eine imposante Villa aus den vierziger Jahren gekauft und sein Architektenbüro mit der Umgestaltung des Gebäudes beauftragt. Diana Cleverly hatte einen teuren Geschmack, denn ihre Ideen für die Neugestaltung des Anwesens bezifferten sich auf etwa hunderttausend Dollar. Der Vorschuss war pünktlich auf dem Konto des Büros eingegangen.
Als Rolf mit einer Stunde Verspätung die von prächtigen Zedern umgebene Auffahrt zu ihrem Haus hochfuhr, sah er sie schon auf einem der Granitlöwen hocken, die die große Veranda einrahmten.
Sie war eine hübsche Rothaarige von etwa dreißig Jahren, die jetzt ihre vollen Lippen zu einem Schmollmund verzog. „Wenn Sie Ihre Aufträge genauso pünktlich erledigen, wie Sie Ihre Termine einhalten, dann hätte ich lieber nebenan ein Studio gekauft“, sagte sie mit ihrer dunklen, samtigen Stimme. Sie deutete mit ihrer von Sommersprossen übersäten Hand auf einen Gebäudekomplex, der in etwa einem Kilometer Entfernung unten am See zu sehen war – der bekannte Accor Seniorenclub.
Rolf trat näher. Das grelle Sonnenlicht ließ Cleverlys Haut noch weißer erscheinen. Auf ihrer Stirn und über ihrer Oberlippe hatten sich kleine Schweißperlen gebildet. Ein dunstiger Geruch umgab ihre weibliche Figur, die in scharfem Gegensatz zu ihrer Kleidung stand. Zu ihrem streng geschnittenen Kostüm trug sie ein blütenweißes Hemd und eine hellblaue Krawatte.
„Sie wissen ja, wie der Verkehr die beste Planung …“
Diana unterbrach ihn unwirsch. „Natürlich – der Staat Kalifornien hat gerade heute beschlossen, das gesamte Straßennetz zu erneuern – und Sie standen deswegen permanent in Verkehrstaus. Sparen Sie sich die Ausreden für Ihre Frau auf und kommen Sie aus der Sonne.“
Sie traten in die kühle, weite Eingangshalle des Hauses, die durch die schweren Seidenvorhänge in ein grünliches Licht getaucht war. Der spanische Bewurf an den Wänden und die Säulen, die die Halle von dem Salon trennten, waren typisch für den Stil der vierziger Jahre.
„Wollen Sie etwas essen? Der Catering-Service in Dollar Point hat mir eine kalte Platte hochgeschickt.“
Rolf schüttelte den Kopf. „Danke nein, aber ich würde einen Whisky nicht ausschlagen.“ Er bot ihr eine Zigarette an.
Sie reichte ihm ein Glas und wies ihm einen Sessel in der Eingangshalle zu. Dann nahm sie ihm die Mappe mit den Plänen aus der Hand und entfernte sich rauchend in den Salon.
„Ich würde Ihnen die Skizzen gerne erklären“, rief Rolf ihr nach.
Diana verzog spöttisch ihren hübschen Mund. „Nicht nötig, Baupläne sind wie Straßenkarten. Ich habe, wie Sie bemerkt haben, Augen im Kopf.“
Und die hatte sie tatsächlich – mandelförmig und grün. Rolf musste unwillkürlich an eine Katze denken.
Er saß wie ein Examenskandidat vor dem Raum, in dem eine Jury über seine Leistungen berät. Es war das erste Mal, dass ihn ein Kunde so abgefertigt hatte. Er wurde etwas nervös. Die Ideen, die er im letzten Monat auf dem Zeichentisch zu Papier gebracht hatte, überzeugten ihn selbst nicht so richtig. Er war weit entfernt von der Kreativität, die er in früheren Projekten an den Tag gelegt hatte. Wenn er sich nur von dem Druck freimachen könnte, der vor etwa zwei Monaten urplötzlich über ihn gekommen war und den er selbst nur schwer zu fassen bekam.
Rolf stand auf und zog einen der flaschengrünen Vorhänge zur Seite. Er starrte durch die hohen, rechteckigen Fenster der Eingangshalle auf den See hinunter. Er konnte von Weitem einige Kinder im glitzernden Wasser plantschen sehen – wäre er doch nur genauso frei und unbeschwert.
Cleverly kam nach zehn Minuten wieder aus dem Salon. Ohne Umschweife kam sie zur Sache. „Ihre Skizzen spiegeln meine Ideen ziemlich genau wider – aber mehr auch nicht.“
Rolf räusperte sich. „Mehr auch nicht? War das nicht, was Sie von unserem Büro erwartet haben?“
Sie schüttelte ungeduldig den Kopf. „Meine Ideen sollten nur ein Anhaltspunkt sein. Wo ist Ihre Kreativität? Wofür ist Ihr Architektenbüro so bekannt? Um Salon und Speisesaal zusammenzulegen, brauche ich keinen Stararchitekten. Dazu hätte der Maurer aus Dollar Point gereicht. Ich möchte, dass Sie die Natur und das Panorama mit in den Salon integrieren. Sie müssen das Ganze hier zum See hin öffnen. Es ist alles zu beengt und muffig.“ Cleverly machte eine weit ausholende Armbewegung in Richtung der Fenster im Salon. Ihre Stimme nahm einen aggressiven Ton an, und rote Flecken erschienen auf ihren Wangen. Ihre Augen hatten sich zu zwei Schlitzen verengt.
Rolf hatte nicht mit dieser Reaktion gerechnet. Er fühlte sich wie der Teilnehmer einer Safari, der sich verlaufen hat und unversehens einer Löwin gegenübersteht. „Wenn wir die Räume auf der ersten Etage zusammenlegen, ergibt sich automatisch ein Panoramaeffekt, da wir durch eine große, einheitliche Fensterfront …“
Cleverly unterbrach ihn wieder. „Es ist zu heiß, als dass ich Lust hätte, mich weiter mit Ihnen über diese mittelmäßigen Pläne zu streiten. Hunderttausend Dollar sind viel Geld – zumindest zu viel, um es für etwas auszugeben, das mich nicht überzeugt – ich bin nicht so wohlhabend, wie es vielleicht den Anschein hat. Kommen Sie mit etwas Neuem!“
Rolf schaute auf ihren weißen Hals, der durch ihre Erregung leicht angeschwollen war. Es juckte ihn in den Händen, ihren Redeschwall durch einen schnellen Griff zu beenden. Aber er lächelte höflich. „Es tut mir leid, wenn diese Entwürfe Sie nicht überzeugt haben sollten. Ich werde Sie selbstverständlich überarbeiten.“
Das Telefon läutete im Hintergrund. Sie gab ihm die Pläne mit einer resoluten Bewegung zurück.
Bevor Rolf noch etwas sagen konnte, ließ ihn das Geräusch leichter Schritte herumfahren. Ein Mädchen war aus einem der angrenzenden Zimmer in die Eingangshalle herausgetreten. Sie schien sehr jung zu sein. Ihr dunkles Haar und ihre schwarzen Augen, die Cleverly fragend, fast ängstlich anschauten, kontrastierten mit ihrer weißen Haut. Sie trug nur ein leichtes, beiges Baumwollkleid und war barfuß, obwohl es im Innern des Hauses ziemlich kühl war.
„Ich wollte Sie nicht stören, Miss Cleverly, aber Herr … einer Ihrer Klienten hat gerade angerufen.“
Rolf bemerkte ein leichtes Stottern. Das Mädchen sprach mit einem starken spanischen Akzent.
Cleverlys Gesicht entspannte sich beim ihrem Anblick, und der Ausdruck der Härte verschwand aus ihren Augen. „Das ist Joanna, meine … Sekretärin. Lass uns bitte alleine, Joanna, ich bin hier gleich fertig – dann werde ich ihn zurückrufen.“
Das Mädchen blieb unschlüssig stehen und verschwand erst, als Diana ihr nochmals freundlich zunickte.
Dann wandte sie sich wieder Rolf zu. Ihr Blick wurde kalt. „Ich hoffe, dass Sie das nächste Mal etwas Originelleres mitbringen. Und beeilen Sie sich bitte. Ich möchte nicht noch Jahre in dieser Ruine zubringen. Können Sie in zwei Wochen etwas Neues vorlegen? Ich meine, etwas wirklich Neues …“
Rolf nickte. „Unser Büro wird natürlich alles daransetzten, einen neuen Entwurf zu erarbeiten, der Sie zufriedenstellt. In zwei Wochen – nun, wir werden uns bemühen.“
„Bemühen?“ Sie stampfte leicht mit dem Fuß auf. „Ich glaube, dass zwei Wochen eine wirklich großzügige Zeitplanung sind – wenn man bedenkt, dass Sie bereits einen Monat Zeit hatten, um das hier zu produzieren.“ Cleverly deutete auf die Pläne, die Rolf in seinen verschwitzten Händen hielt. Dann drehte sie sich grußlos um und ließ ihn in der Gesellschaft seiner zu Makulatur gewordenen Skizzen zurück.
In der Luft lag noch ein Hauch ihres schweren Duftes.
Als Rolf zu seinem Wagen lief, musste er über sich selbst lachen. War das wirklich er – der große Stararchitekt, dem die Eingebungen nur so zuflogen? Er musste sich eingestehen, dass Cleverly nicht ganz unrecht hatte. Man konnte seinen Entwurf im besten Fall konventionell nennen – dafür hätte er allenfalls im Grundstudium für Architektur eine passable Note eingeheimst.
4
John Baudassin brach in schallendes Gelächter aus. Die beiden Partner schlürften auf dem Balkon, der vor Rolfs Büro lag, ihren Whisky. Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu, und Dunst legte sich langsam über den Pazifik. Rolf hatte den Ventilator aus seinem Büro vor die beiden Korbsessel gestellt, und das Summen des Geräts wirkte beruhigend auf seine Nerven.
„Die hat dich ja heute ganz schön zusammengefaltet. Ein Glück, dass du diesen Auftrag an Land gezogen hast, sonst würdest du mir jetzt Vorwürfe machen. Na ja, irgendwo liegt sie nicht falsch – du scheinst nicht mehr ganz bei der Sache zu sein. Ich fand deine Pläne nicht schlecht, aber sie haben mich auch nicht vom Hocker gerissen … Der Bungalow, den du damals Olrik in San Clemente hingesetzt hast, das war was. Aber vielleicht sind wir wie Schriftsteller. Nach dem Bestseller kommt dann erst einmal eine lange Flaute.“
Rolf schaute in Johns aufgedunsenes, verschwitztes Gesicht. Ein leichter Ekel überkam ihn. Er hatte seinen Partner eigentlich nie richtig gemocht. Es war eher ein Zufall gewesen, der die beiden geschäftlich zusammengeführt hatte. John war ein geschickter Organisator und verfügte über ein weites Netzwerk. Rolf war dagegen ein Einzelgänger und hatte am Anfang seiner Karriere Schwierigkeiten gehabt, seine wirklich originellen Ideen an den Mann zu bringen. Er war nie ein guter Verkäufer gewesen. Die beiden hatten sich auf einem Seminar über die Architektur der dreißiger Jahre kennengelernt und hatten sehr schnell das Potential des jeweils anderen erkannt.
Rolf fühlte, dass sein Partner nicht unbedingt die Person war, vor der er gerne sein Seelenleben ausbreitete. Andererseits kannte er auch niemanden sonst, dem er sich anvertrauen konnte. Monika würde er sicher nicht mit seinen Psychosen belasten.
Er holte aus seinem Arbeitszimmer eine Schachtel Cohibas und bot John eine an. Dann nahm er einen tiefen Schluck. Der Whisky rann warm und ölig seine Speiseröhre hinunter. „Ich schlafe seit mehreren Wochen sehr schlecht …“ Rolf suchte nach den passenden Worten.
„Wenn meine Frau so aussähe wie Monika, würde ich auch nicht schlafen“, grinste sein Partner.
Rolf verzog ärgerlich sein Gesicht. „Das meine ich nicht, John … Ich leide unter … Albträumen … seit etwa zwei Monaten.“
Baudassin zuckte mit den Schultern. „Das passiert uns doch allen. Was meinst du, wie es mir ergeht, wenn ich dem Finanzamt unseren Jahresabschluss verkaufen muss?“
„Diese Albträume wiederholen sich … mit Variationen. Sie sind sehr … beklemmend.“
John sah seinen Geschäftspartner fragend an.
Rolf fuhr fort. „Ich hatte immer ein sehr normales Verhältnis zu Frauen, ich meine …“
John verzog spöttisch sein Gesicht „Normal? Sagen wir, du bist nicht unbedingt monogam. Du hast es nie sehr lange mit einer ausgehalten, und parallel lief auch immer etwas. Vielleicht nennt man das heutzutage normal …“
„Ich wollte sagen, dass ich Frauen mag und ihre Gesellschaft immer gesucht habe …“
„Ja, dass du ihre Gesellschaft gesucht hast, kann ich voll und ganz bestätigen – sogar während unserer Bürozeiten!“, unterbrach ihn John ironisch.
Rolf fuhr mit der Hand durch seine Haare. Wie sollte er seinem spießigen Partner bloß erklären, was ihn bedrückte? „Im Klartext, ich habe mir nie etwas aus sadistischen Spielchen gemacht. Mein Sexualleben ist … normal. Ich kann noch nicht mal sagen, dass ich einen besonderen Fetischismus entwickelt hätte ...“
John kaute auf seiner Zigarre und sah etwas verlegen auf den Kachelboden der Terrasse.
Rolf stand auf. „Vielleicht sollten wir es dabei belassen … Du wirst mich eh nicht verstehen …“
„Setz dich hin und spuck es aus!“
Rolf ließ sich wieder in den Korbsessel fallen und fasste sich an die Stirn. Obwohl es kühler geworden war und der Ventilator einen angenehmen Luftzug erzeugte, rann ihm der Schweiß am Rücken herab. Der Himmel über dem Pazifik hatte jetzt eine lehmartige Färbung angenommen. Die Konturen der Klippen, die steil ins Meer fielen, verschwammen in dem bräunlich-gelben Licht, so als ob man sie durch ein volles Whiskyglas betrachten würde.
„Ich habe zwei Frauen erwürgt – in diesen verdammten Träumen … Und das Schlimme ist, dass ich es genossen habe … ich meine, ich genieße es im Traum. Ich habe das Gefühl einer großen Genugtuung, als ob ich eine lang ausstehende Rechnung begleichen würde – ein Gefühl der Rache. Natürlich ist mir beim Erwachen übel – keine Spur mehr von dieser Genugtuung.“
John wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß aus der Stirn und sah Rolf belustigt an. „Alter Junge, muss ich mir Sorgen machen? Vielleicht sollte ich Monika vor dir warnen? Tja, manchmal könnte ich meine Frau auch erwürgen, und das nicht nur im Traum – besonders, wenn sie fünfhundert Dollar beim Bridge verliert. Wer waren denn die Mädchen, mit denen du diese Gewaltorgien ausgelebt hast? Ich hoffe, sie waren wenigstens hübsch?“
Rolf ging auf Johns ironischen Ton nicht ein. „Etwas anderes ist mir aufgefallen: Die Träume sind sehr real. Ich kann mich danach genau an Farben und Düfte erinnern, an die Frauen … an ihre weit aufgerissenen Augen. Wenn ich früher mal einen Traum hatte, wusste ich beim Aufwachen nur noch dunkel, worum es überhaupt gegangen war…wenn überhaupt. Jetzt ist alles sehr deutlich, als ob ich einfach von einem Raum in den anderen ginge, wenn ich wach werde. Und noch etwas Seltsames … die Mädchen in meinen Träumen haben unterschiedliche Kleidung, Frisuren, Körpergrößen – aber immer das gleiche Gesicht …“
„Das gleiche Gesicht?“ Johns Stimme hatte den ironischen Ton jetzt endlich verloren. „Wessen Gesicht?“
Rolf schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Es ist das Gesicht einer Frau, die ich nie zuvor gesehen habe – jedenfalls nicht bewusst. Aber der Traum ist so deutlich, dass ich dir jede Einzelheit ihrer Physiognomie beschreiben könnte.“
John beugte sich leicht vor und klopfte ihm auf die Schulter. „Nerven – nichts als Nerven, Rolf. Ich glaube einfach, du bist mit den Nerven runter. Vielleicht hat dich der letzte Auftrag zu sehr beansprucht. Du solltest Urlaub machen. Du hast wirklich viel Energie in die Villa Olrik gesteckt und hättest den neuen Auftrag gar nicht übernehmen sollen. Vor allem nicht mit dieser Kratzbürste – keine Wunder, dass du in deinen Träumen Mordlust verspürst.“ John grinste wieder. „Vielleicht solltest du mit einem Seelenklempner reden. Ich habe dir ja gesagt, dass auch mein Schwager am Samstagnachmittag zu meiner Party kommen wird. Liam ist, wie du weißt, Psychiater. Ich persönlich glaube an das ganze Zeug nicht – alles Hokuspokus. Aber vielleicht tut es dir gut, mit ihm darüber zu reden. Er wird sicher eine vollkommen abgefahrene Erklärung finden – genauso abgefahren wie deine Geschichte ...“
Rolf leerte sein Glas und stand auf. „Mal sehen, John – ich werde es mir überlegen. Zumindest weißt du jetzt, was mich in letzter Zeit bedrückt und worunter meine Arbeit leidet. Ich mache mich jetzt vom Acker. Es war ein langer und heißer Tag, und ich muss für Monika noch ein Medikament unten bei Walgreens kaufen.
John erhob sich ebenfalls und trat mit Rolf ins Innere. Dann wandte er sich nochmals an seinen Partner. „Ich werde hier noch etwas arbeiten. Wenn du sowieso bei Walgreens vorbeifährst, könntest du mir vielleicht ein Päckchen Seconal holen? Hier ist das Rezept. Du kannst den Stoff einfach bei mir in den Briefkasten werfen. Vera wird noch nicht zu Hause sein. Sie spielt mit ein paar Freundinnen Bridge. Nun ja, du kommst doch sowieso an meinem Haus vorbei, wenn du zu dir zurückfährst …“
Rolf lächelte. Er schien also nicht der einzige zu sein, der unruhige Nächte mit kleinen, rosafarbenen Pillen zu überstehen versuchte.
5
Johns Haus lag in der Seymour Street. Ein großer Klinkerbau mit einer von Zypressen umgebenen Auffahrt.
Rolf parkte seinen Wagen unten auf der Straße und wollte gerade die Auffahrt hochlaufen, als er Johns Nachbarn, Bob Rogers, in einiger Entfernung in einer angeregten Unterhaltung mit dessen Frau Molly erblickte. Molly war eine alte Bekannte Monikas, und Rolf hatte die beiden näher kennengelernt, als er anfing, mit Monika auszugehen. Die Rogers schienen in eine heftige Diskussion verwickelt. Die Stimme der Frau hob sich schrill von Bobs Bariton ab. Rolf blieb jetzt stehen – er wollte sich nicht in einen Ehekrach einmischen.
Doch dann bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. Die Frau hatte nicht die Figur von Molly Rogers. Sie war sehr schlank und überragte ihr Gegenüber. Ihr dunkelbraunes Haar fiel in leichten Wellen auf ihr stark tailliertes Kostüm.
„Du hast diese Masche schon zu oft angewandt, Bobby! Hör auf, ich hab’s satt … Du wirst es ihr nie sagen. Aber glaube ja nicht, dass ich dich so gehen lasse. So kommst du mir nicht davon. Das wäre zu einfach – viel zu einfach!“ Sie drehte sich mit einem Ruck um und stand vor Rolf. Er starrte in ein paar große, braune Augen, die ihn wütend anblickten. Sie kniff ihren Mund zusammen und drängte sich an ihm vorbei.
Die Frau hatte eine beinah einschüchternde Ausstrahlung. Rolf wusste nicht, ob es an ihrem perfekten Erscheinungsbild oder ihrer augenscheinlichen Wut lag. „Donnerwetter!“, entfuhr es ihm.
Bob Rogers hatte ihn jetzt erst bemerkt. Er schluckte und seine sonst so ölige Stimme klang rau und unsicher.
„Ach Rolf … Na, alter Bursche, ich … Du kennst das ja – unzufriedene Kunden … Heutzutage verfolgen sie dich bis nach Hause … Das war eine Freundin von Johns Schwester. Ich … äh, hatte mich angeboten, ihr bei der Suche nach einer Wohnung in Frisco zu helfen …“
Der sonst so tadellos gekleidete Immobilienmakler sah ziemlich zerzaust aus. Er griff nach seinem Einstecktuch und wischte sich die Stirn ab. Rolf hatte Bobby immer als selbstsicheren Mann erlebt, der es schaffte, seiner Mitwelt auch den größten Schund ohne Schwierigkeiten anzudrehen, und dies auch skrupellos tat. Er war es nicht gewohnt, ihn so aus der Fassung zu sehen.
Rogers wich seinem Blick aus, als ob er fürchtete, dass Rolf seine Gedanken lesen könnte. „Man sollte Geschäft und Freundschaften immer trennen – eine goldene Regel, die ich ständig predige … und an die ich mich selbst nicht gehalten habe ...“
Rolf ärgerte sich jetzt, dass er in Rogers Privatangelegenheiten hineingeraten war. Ja, er kannte Bob, – aber es wäre zu viel, ihr Verhältnis als Freundschaft zu bezeichnen. Hätte er sich doch bloß ferngehalten. „Hallo Bobby, ich wollte mich da nicht einmischen. John bat mich, ihm etwas vorbeizubringen, und ich sah dich neben seiner Auffahrt. Ich dachte, du würdest gerade mit Molly reden. Ich brauche wahrscheinlich schon eine Brille.“
„Einmischen? Du hast mich gerettet!“ Rogers lächelte gewinnend. Er hatte sich jetzt wieder vollkommen im Griff. Er zog einen Kamm hervor und strich seine dunklen, welligen Haare glatt. Da war er wieder – der Schauspieler. „Komm mit rein, wir trinken einen Aperitif. Molly ist mit Johns Frau im Bridgeclub.“
Rolf sehnte sich nach Ruhe und Monikas Gesellschaft. Zuerst Diana Cleverly und jetzt noch einen Absacker mit Bob Rogers wären für einen Tag zu viel des Guten gewesen. „Nichts für ungut, Bobby, aber ich bin heute nicht richtig in Schuss – muss wohl eine leichte Sommergrippe sein. Wir sehen uns ja am Samstag bei Johns Gartenparty.“ Er nickte Rogers zu und wandte sich zum Gehen.
Bobby hielt ihn am Arm fest. „Ja richtig – Johns langweilige Party zum 4. Juli … Ach Rolf, vielleicht könntest du das alles hier für dich behalten … diese geschäftliche Diskussion, die du gerade beobachten musstest.“
„Welche geschäftliche Diskussion, Bobby?“ Rolf zwinkerte ihm zu.
Rogers nickte dankbar. „Nun ja, diese … äh … Kundin, wird wahrscheinlich auch da sein. Sie ist ja eine Freundin von Johns Schwester, die mit ihrem Mann ebenfalls eingeladen ist.“ Rogers hatte seine Selbstsicherheit wieder verloren und sah bedrückt auf den Boden.
Rolf ahnte schon, dass Bobby ihn jetzt gleich auf eine Tournee durch sein Privatleben mitnehmen würde – etwas, das er unbedingt vermeiden wollte – aber es war schon zu spät.
„Wird ein schwieriger Samstag.“ Bob seufzte, dann öffnete er das Ventil. „Ich habe diese Frau bei einer Geburtstagsfeier von Johns Schwester kennengelernt. Und irgendwann ist es dann passiert – es läuft nun schon etwa ein Jahr. Es ist Wahnsinn und ich weiß nicht, wie ich mich in diese Situation hineinmanövrieren konnte. Aber jedes Mal, wenn ich mit ihr Schluss machen will … Ich meine, ich kann einfach nicht die Finger von ihr lassen. Aber ich werde mich nie von Molly trennen … Tja, du hast ja die Szene eben mitbekommen. Ich weiß nicht, wie ich aus dem Mist wieder rauskommen soll …“ Rogers griff sich an den Kragen und lockerte seine Krawatte. Dann holte er tief Luft. „Ich brauche jetzt wirklich einen Drink. Komm doch kurz mit rein …“
„Sonst gerne, Bobby, aber ich bin sehr müde und wäre heute bestimmt kein guter Ratgeber. Wir können morgen telefonieren und uns überlegen, wie wir das Kind am Samstag schaukeln – wir werden schon einen Ausweg finden. Ich werde das hier noch in Johns Briefkasten werfen und dann die Heimreise antreten.“ Rolf klopfte ihm auf die Schulter und wandte sich zum Gehen. Er wusste, dass Bobby in der Gesellschaft seiner gut ausgestatteten Bar bestens aufgehoben war und sich schnell in einen tiefen Schlaf trinken würde.
Wenn er selbst doch auch nur wie früher durch einen einfachen Drink seine innere Ruhe wiederfinden könnte.
6
Rolf kurbelte das Fenster etwas herunter und ließ die kühle Abendluft in den Wagen strömen, als er die Straße nach El Granada entlangfuhr. Die Sonne glich jetzt einer dunklen Orange, die dicht über dem Meer sanft durch den Dunst leuchtete und die Küste in ein rötliches Licht tauchte. Es war, als ob sich der Tag mit letzter Kraft gegen das Herannahen der Nacht wehrte, indem er ein loderndes Feuer entfachte und es gegen die aufkommende Dunkelheit schleuderte.
Rolf steckte sich eine Zigarette an. Das goldene, waffelförmige Feuerzeug hatte ihm Monika geschenkt.
Er musste an den Augenblick denken, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Er hatte seinen Auftrag gerade beendet und aß mit seinem Klienten im Pierre zu Abend. Der alte Grey war von dem neuen Bungalow so begeistert, dass er eine Flasche Krug nach der anderen bestellte. Beide waren leicht beschwipst.
Eigentlich hatte Grey Monika zuerst entdeckt. Rolf erklärte ihm gerade den Vorteil von Spannbeton, wobei er aufgrund seines Pegelstandes immer von Sparbeton sprach, als der Alte geistesabwesend an Rolf vorbeischaute. Dann murmelte er etwas vom Fluch des Altwerdens.
Als sich Rolf dann unauffällig umdrehte, sah er sie. Monika saß mit einem älteren Herrn an einem der Fenstertische. Sie glich einer Elfe. Ihr dichtes, blondes Haar lag wie eine Pelzboa über ihrer rechten Schulter. Sie blickte ihren Tischpartner mit ihren großen, blauen Augen aufmerksam an. Er hatte das Bild noch genau vor Augen und erinnerte sich an seinen ersten Gedanken. Was treibt dieses Mädchen mit dem alten Knacker? Es hatte sich dann später herausgestellt, dass es Monikas Vater war, der in San Francisco vorbeigeschaut hatte.
Er war die ersten Monate ihrer Beziehung so glücklich gewesen wie kaum jemals zuvor in seinem Leben. Als sie zu ihm zog, ließ Monika ihre Arbeit bei Wells Fargo sausen und nahm ihr Kunststudium wieder auf. Halbtags arbeitete sie in einer Galerie. Rolf hatte das Gefühl, nach einer sechsunddreißigjährigen, turbulenten Reise auf einem Seelenverkäufer endlich in einen ruhigen Hafen eingelaufen zu sein. Sein unstetes Leben und seine Streifzüge durch die Nachtclubs Friscos schienen der Vergangenheit anzugehören.
Als er endlich ankam und die beleuchtete Auffahrt zu seinem Haus hinauffuhr, sah er einen dunklen Chrysler vor seiner Garage stehen. Wenn er sich nicht irrte, war das der Wagen von Monikas Vater. Seltsam, er hatte sich doch gar nicht angekündigt?
„Schau, wer vorbeigekommen ist!“ Monika hatte die Tür geöffnet, bevor er noch den Hausschlüssel hervorgezogen hatte, und umhüllte ihn mit ihrer solaren Ausstrahlung. Neben ihr die große Gestalt ihres Vaters. Beide hatten die gleichen himmelblauen Augen, das gleiche einnehmende Lächeln.
Rolf hoffte, dass er im Alter wie Monikas Vater sein würde – genauso gutaussehend. Im Gegensatz zu vielen alleinstehenden, älteren Männern war Earl Lindblad äußert gepflegt. Er trug einen eleganten, dunkelblauen Zweireiher, der seine schlanke Gestalt hervorhob. Sein volles, weißes Haar war sorgfältig mit Brillantine nach hinten gekämmt. Lindblad musste in seinen jungen Jahren sicher Erfolg bei Frauen gehabt haben. Er vermittelte ein Gefühl von großer Gelassenheit – und es gibt im Leben nichts Stärkeres als Gelassenheit.
„Herr Lindblad, eine nette Überraschung. Laden Sie mich zu einem meiner Whiskys ein?“
Der Alte lächelte. „Darf ich Sie in Ihr Haus bitten?“
Rolf umarmte Monika kurz. Zu mehr konnte er sich in Gegenwart ihres Vaters nicht hinreißen lassen.
Die Männer traten in den spärlich möblierten Salon, und Rolf bereitet drei Whisky Soda zu.
„Sie sind jetzt häufig an der Westküste. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie kommen, hätte ich einen Tisch im Pierre bestellt.“ Rolf wandte sich mit den Gläsern Lindblad zu.
„Dein Pierre kann gar nicht mit mir mithalten.“ Monika griff nach ihrem Drink und stieg die Stufen zur Küche hoch.
Earl Lindblad setzte sich unaufgefordert auf eines der grauen Ledersofas und sah Rolf freundlich an. „Wissen Sie, ich fühle mich noch zu jung, um mich vollkommen auf mein Altenteil zu setzen. Ich habe immer Physik unterrichtet und das wiedergekaut, was andere entdeckt haben …“
„Papa hat was ganz Neues erfunden und ist jetzt Unternehmer!“, schallte es aus der Küche.
„Ich habe mit meinem Teilhaber ein Miniaturhalbleiter-Bauelement entwickelt, das es ermöglichen würde, noch handlichere Transistorradios herzustellen – ein Radio, das Sie in ihre Brusttasche stecken könnten, ohne dass es weiter auffallen würde. Kurzum, zwei kalifornische Technologieunternehmen scheinen interessiert zu sein. Deshalb habe ich mich in einen Handelsreisenden verwandelt.“
„Du bist jetzt Geschäftsmann, Papa, nicht Handelsreisender!“ Monika kam mit einer großen Platte Roast Beef und Salat herunter. „Zu mehr hatte ich in der Mittagspause keine Zeit …“
„Warum hast du heute Nachmittag keine Nachricht in der Firma hinterlassen? Wenn ich gewusst hätte, dass dein Vater kommt, wäre ich früher nach Hause gekommen und hätte ein Barbecue vorbereiten können“, sagte Rolf.
„Ja, ein Barbecue! Das ist mein Rolf. Er kann kaum einen Salat anrichten, geschweige denn ein Ei kochen. Aber wenn es ums Grillen von Fleisch geht, müssen wir Frauen eine Meile Abstand halten – das kann nur er richtig. Der Höhlenmensch scheint sich wirklich noch in allen Männern zu verstecken … huhu.“ Monika zog ihre schlanken Arme wie ein kleines Äffchen hoch und grinste Rolf an.
Obwohl die Nacht bereits hereingebrochen war, hatte sie den Tisch unter der durch einen blauen Lampion beleuchteten Laube neben dem Schwimmbad gedeckt. Von hier hatte man einen grandiosen Ausblick auf den Pazifik, auf dem das kalte Licht des Mondes einen breiten, silbernen Kanal bis zum Horizont formte. Die leichte Brise, die vom Meer her wehte, war angenehm kühl und roch nach Zedernholz. Sie setzten sich und lauschten einige Sekunden dem Rauschen der Brandung.
„Es muss heute bei der Hitze sicherlich schwer gewesen sein, etwas Originelles auf dem Zeichentisch zu entwerfen“, unterbrach Lindblad das Schweigen.
Rolf lächelte. „Tja, heute war auch ich als Handelsreisender unterwegs. Ich habe eine Klientin besucht, die ihre Villa am See Tahoe renovieren lässt. Es ging also eher darum, etwas zu verkaufen, was ich während des letzten Monats ausgebrütet habe. Es lief nicht besonders gut. Die Klientin war der Meinung, dass mein Entwurf zu konventionell sei.“
„Am See Tahoe?“ Lindbad sah von seinem Teller auf.
„Ja, in Dollar Point. Kennen Sie die Gegend?“
Lindbad nippte an seinem Weinglas. Dann räusperte er sich. „Nein, ich war selbst noch nicht da. Aber die Gegend ist mir natürlich ein Begriff. Viele der Schönen und Reichen haben dort ihre Sommerhäuser.“
Monika nahm lachend die Hand ihres Vaters. „Dann wirst du auch bald dort wohnen, Papa. Ich bin ganz sicher, dass deine Erfindung wie eine Bombe einschlägt. Vergiss nicht, uns einzuladen, wenn es soweit ist.“
Lindblad achtetet nicht auf seine Tochter. Er schien mit seinen Gedanken woanders zu sein. „Wenn Sie dort eine Villa renovieren, müssen Sie wahrscheinlich noch öfters raus nach Dollar Point?“
Rolf nickte. „In zwei Wochen auf jeden Fall. Am liebsten würde ich dich hinschicken, Monika. Cleverly würde dir wahrscheinlich aus der Hand fressen …“
„Clerverly?“ Lindblad sah auf.
„Ja, meine Kundin – Diana Cleverly. Hat einen Charakter wie ein Feldwebel – sieht aber ganz nett aus.“
Monika kicherte. „Ich muss mir doch keine Sorgen machen, Rolf?“
Er kniff sie leicht in die Wange. „Nein Monika, du brauchst dir bestimmt keine Sorgen zu machen. Ich glaube, du wärst eher ihr Typ.“
Es war jetzt frisch geworden. Monika ging ins Haus, um sich eine Strickjacke zu holen. Dann kam sie mit einem silbernen Tablett, auf dem Kaffee und Cognac standen, zurück. „Wo ist eigentlich dein Gepäck, Papa?“
„Liegt noch im Wagen …“ brummte Lindblad.
„Rolf wird es holen, und ich bereite dir das Gästezimmer vor.“
Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich habe heute noch eine geschäftliche Verabredung und werde euch jungen Leute nach dem Abendessen in Frieden lassen.“
Monika sah ihn besorgt an. „Aber Papa, du hast den ganzen Tag hinter dem Steuer gesessen, und es ist schon beinahe Mitternacht!“
„Ich würde wirklich gerne bleiben, aber es ist … wichtig. Wir werden uns sehr bald wiedersehen und dann werde ich mehr Zeit mit dir verbringen.“ Er streichelte ihre Wange.
Es schien Rolf, als ob Lindblad wie ein Meteor durch Monikas Leben sauste. Er tauchte immer unangekündigt auf und verschwand dann genauso schnell wieder. Er hatte sich nie richtig um seine Tochter gekümmert. Trotzdem liebte Monika ihren Vater abgöttisch. Sie sprach sehr oft von ihm. Ihre Mutter, die vor einigen Jahren nach langer Krankheit gestorben war, erwähnte sie hingegen kaum.
Als er sich von seiner Tochter verabschiedet hatte und mit Rolf zu seinem Wagen schritt, drehte sich Lindblad plötzlich zu ihm und nahm seine Hand. „Ich bin wirklich so froh, dass Monika bei Ihnen wohnt, Herr Bennett. Es ist eine unsichere Welt, in der wir leben. Ich verstehe vieles nicht mehr – manchmal auch mich nicht. Ich habe mich immer zu Taten hinreißen lassen, die ich dann bereut habe … das war mein ganzes Leben so. Dabei habe ich die wirklich wichtigen Dinge aus den Augen verloren.“ Er blickte Rolf geistesabwesend an. Dann strich er seine Haare nach hinten und stieg in den Wagen.
Seltsam, dass Menschen, die ihr Leben lang nur an ihr Vergnügen und ihre Selbstverwirklichung gedacht haben, sich im Alter plötzlich um ihre Kinder sorgten. War es die Einsamkeit, die man in den späteren Jahren stärker spürte, oder das Ende des Lebens, das mehr und mehr die Gedanken der Menschen beherrschte, und ihnen ihre Versäumnisse deutlich vor Augen führte? Rolf stand noch eine Weile an der Auffahrt zu seinem Haus und starrte auf den dunklen, von Zedern umgebenen Weg, der zur Küste führte. Irgendetwas schien den Alten zu bedrücken. Welche geschäftliche Verabredung mochte er noch um diese Uhrzeit haben?
7
Ich fühle mich leicht und frei. – Ich gleite durch die dunklen Straßen. Meine Füße berühren den Boden kaum. Die bläulich-schwarzen Gebäude rechts und links beugen sich über mich. Aber sie können mich mit ihren schiefen Fenstern nicht sehen. Das herausdringende Licht erhellt nur spärlich die einsamen Gassen, die sich in Windungen dunkelrot vor mir hinziehen.
Ich kann jetzt den Takt ihrer schnellen Schritte auf dem Pflaster hören. Die Dunkelheit scheint sie zur Eile anzutreiben. Aber es ist zwecklos – auch, wenn sie noch einige hundert Meter Vorsprung hat. Ich werde sie bald einholen – sehr bald. Und dann wird sie für alles bezahlen! Sie scheint stehen geblieben zu sein. Will sie es mir wirklich so einfach machen? Nein – nun ist sie in eine Seitengasse abgebogen. Ich höre wieder ihre raschen Schritte … aber diesmal viel näher. Sie hätte nicht stehen bleiben sollen. Ich kann bereites ihren Duft einatmen … den salzig dunstigen Geruch ihres Schweißes. Ich liebe den Geruch der Angst. Jetzt kann ich sie schon vor mir sehen – sie beschleunigt ihre Schritte, dreht sich mehrmals um ... Sie hat mich gesehen – sie fängt an zu rennen!
Meine elastischen Schritte werden immer größer. Ich nehme mehrere Meter auf einmal … ich bin jetzt direkt hinter ihr … ich hole mit meinen Armen aus … greife nach ihrem Hals und drücke sie gegen mich. Sie versucht zu schreien. Meine Hände umklammern ihren Hals wie ein Schraubstock … meine Armmuskeln schwellen an. Ich fühle das Blut in ihrer Schlagader pulsieren … es kommt nur ein unterdrücktes Keuchen aus ihrem Mund, ich drücke noch fester zu. Sie windet sich, und ein Beben durchzieht ihren Körper ... ihre Hände umklammern meine Handgelenke, ihre Nägel dringen in das Leder meiner Handschuhe – ich fühle keinen Schmerz. Ihre langen, dunklen Haare verdecken ihre Augen … Ich will sie sehen … die Augen – die weit aufgerissenen Augen! Sie bäumt sich noch einmal auf, schlägt um sich, dreht ihren Kopf. Ich drücke fester zu, aber ich lasse mir Zeit. Ich bin Herr über die Sekunden, die ihr noch bleiben – ich musste ja auch leiden – Jahre des Leidens … Sie beißt mich, tritt, versucht sich freizumachen. Sie hat einen Schuh verloren, und ich kann ihren krampfhaft zuckenden Fuß sehen – ihre Zehen sind angezogen, sie strampelt heftiger … jetzt endlich sehe ich ihre dunklen Augen, die sich immer schneller hin und her bewegen. Ihre Pupillen sind erweitert. Jetzt schiebt sich die Iris nach oben, und ich kann nur noch das Weiße ihrer Augen sehen. Ich drücke noch fester zu – meine Arme sind zum Bersten gespannt, ich drücke sie zu Boden. Ihr Widerstand wird immer schwächer. Ich lege mich auf sie und fühle das Zucken ihres schweißüberströmten Körpers. Ich kann vor Erregung kaum atmen ... ich will jetzt nicht länger warten und umklammere ihren Hals noch fester. Ich fühle ein leichtes Knacken – ihr Körper erschlafft. Das Aufbäumen hat sich in ein leichtes Zittern verwandelt, ihr Blick wird immer glasiger, ich besitze sie jetzt vollkommen ... ich bin auf dem Höhepunkt angelangt. Das Leben scheint aus ihren Augen gewichen zu sein, sie starrt mich an ... aus ihrem linken Mundwinkel tropft der Speichel langsam auf ihren weißen Hemdkragen … ich vergrabe meine Zähne in ihrem Hals … das Blut strömt pulsartig über meine Lippen. Eine große Wärme überkommt mich und breitet sich in meinem Körper aus – so warm wie der Geruch, der ihrem nassen Körper entströmt.
Ich fühle mich befreit und ruhig, mein Körper entspannt sich. Sie hat bezahlt …
8
Rolf fuhr mit einem Aufschrei hoch. Es hämmerte wie in einem Dieselmotor in seinem Kopf. Verschwommen erkannte er die Möbel seines Schlafzimmers, das von der Gartenbeleuchtung erhellt war. Es war nur ein Traum – nur ein Traum …
Panik überkam ihn.
„Monika!“ Rolf drehte sich hastig im Bett um ... Richtig, sie war ja heute in San Francisco geblieben. Sie übernachtete immer bei der Inhaberin der Galerie, wenn die monatliche Vernissage veranstaltet wurde. Er hatte ihr eingeschärft, nachts die gefährliche Küstenstraße nach El Granada zu meiden.
Und er selbst – war gestern Nacht mit John und einem von dessen Bekannten versackt … Irgendwann hatte er aufgehört, die Gläser zu zählen. Er konnte sich gar nicht mehr an den anderen Mann erinnern.
Rolf hielt sich seinen dröhnenden Schädel, in dem das Platzkonzert munter weiterlief.
Eine starke Übelkeit stieg in ihm auf. Er fühlte, dass er sich gleich übergeben würde, und schaffte es gerade noch ins Badezimmer. Als Rolf sich dann im Spiegel ansah, merkte er, dass er sich noch nicht einmal ausgezogen hatte. Er schaute an sich herunter. Sein Jackett und seine Krawatte waren blutverschmiert.
Dann entdeckte er die Platzwunde auf seiner Stirn. Er musste wohl hingefallen sein. Als er seinen Hinterkopf betastete, bemerkte er auch eine Beule. Er öffnete den Hahn und hielt seinen schmerzenden Kopf unter das kalte Wasser. Rolf starrte wieder auf die Verletzung und überlegte, ob er nicht lieber einen Notarzt rufen sollte, um die Wunde nähen zu lassen. Doch der bloße Gedanke, jetzt mit jemandem sprechen zu müssen, erfüllte ihn mit starkem Widerwillen. Die Verletzung hatte sowieso aufgehört zu bluten.
Er versuchte krampfhaft, sich an den gestrigen Abend zu erinnern. Nichts, er sah nur Johns grinsendes Gesicht vor sich – und wer war der andere Mann gewesen?
Die Erinnerungen an seinen Traum kamen wieder hoch.
Rolf griff nach dem Hörer des Telefons. Er musste wissen, was er letzte Nacht getrieben hatte – John konnte ihn sicherlich aufklären. Er schaute auf seine Armbanduhr. Es war fünf – nein, er konnte jetzt seinen Partner nicht anrufen.
Irgendwie musste er einen klaren Kopf bekommen. Mit unsicheren Schritten lief Rolf die Treppe zur Küche hinab und bewegte sich auf die Kaffeemaschine zu. Sein Blick fiel auf den Küchentisch, auf dem ein Glas und eine halbvolle Whiskyflasche standen. Bloß nicht!
Er bemerkte, dass auch auf dem Stuhl Blut klebte.
Er wandte sich der Espressomaschine zu und ließ sich einen Kaffee einlaufen. Dann griff er nach dem Päckchen Chesterfields.
Rolf fühlte sich sehr schwach und hätte sich gerne wieder hingelegt. Es war Samstag. Aber er musste das alles hier und sich selbst in Ordnung bringen, bevor Monika morgens aufkreuzen würde. Und dann war ja heute diese verdammte Gartenparty. Es war wirklich nicht notwendig, John gleich zweimal innerhalb von vierundzwanzig Stunden zu sehen.
Rolf stellte die Whiskyflasche in die Bar zurück und begann, die Küche zu reinigen. Auch unter dem Tisch fand er Blutspuren. Kaum zu glauben, dass seine Wunde so stark geblutet hatte ... Vielleicht hatte er am Hinterkopf auch eine Verletzung?
Im Badezimmer stellte er sich mit dem Rücken zum Hauptspiegel und versuchte, mit Monikas kleinem Kosmetikspiegel seinen Hinterkopf zu untersuchen, konnte aber keine weiteren Blutspuren auf seinen Haaren entdecken. Er strich mit der Hand über die schmerzende Beule.
Rolf betrachtete wieder die Blutspuren auf seiner Kleidung und dachte unwillkürlich an seinen Alptraum. Das Blut musste zwangsläufig von der Verletzung auf seiner Stirn kommen – er hatte doch nur geträumt! Wieder überkamen ihn die Selbstzweifel.
Er zog seine Kleidung aus und wechselte auch den Bettbezug, der sich in einem ähnlichen Zustand befand. Dann steckte er alles in einen Plastiksack und beförderte diesen in den Müllcontainer vor dem Haus. Nach einer heißen Dusche überkam ihn wieder ein starkes Schwindelgefühl, und er beschloss, sich doch wieder hinzulegen.
9
„Du Schlafmütze – raus aus den Federn! Jetzt wird es aber langsam Zeit!“
Rolf schlug die Augen auf. Er war von einem goldenen Seidenvorhang umgeben, und von oben schauten ihn zwei blaue Opale an.
Er ließ seine Finger durch Monikas Haare gleiten und zog ihr Gesicht zu sich herunter. Er schaute auf ihren lächelnden Mund und zeichnete mit seinem Zeigefinger die Konturen ihrer Lippen nach.
Sie schreckte plötzlich hoch. „Was hast du mit deiner Stirn gemacht?“ Dann strich sie mit ihrer Hand über seine Brust. „Und dieser große blaue Fleck?“
Rolf sah erst jetzt das Hämatom auf seiner Brust. „Ich bin heute Nacht die Treppe runtergefallen, als ich ohne Licht in die Küche wollte …“
Die Erklärung erschien auch ihm selbst einleuchtend. Seine Kopfschmerzen hatten nachgelassen, und die Gedanken wurden wieder etwas klarer. Ganz gleich, ob er sich betrank oder Nembutal schluckte, oder beides gleichzeitig – er wurde diese Träume einfach nicht mehr los. Vielleicht war es wirklich gar keine so schlechte Idee, wenn er heute mit Johns Schwager sprach.
„Du hättest dir was Ernsthaftes antun können! Nachts ohne Licht durchs Haus zu schleichen …“ Monika blickte ihn vorwurfsvoll an.
Rolf sah auf. „Was meinst du? Ja natürlich, – du hast vollkommen recht, Spatz. Wieviel Uhr ist es eigentlich?“
„Es ist Mittag. Als ich heute Morgen ankam, hast du gepennt wie ein Murmeltier. Ich wollte dich nicht wecken …“
Rolf dehnte seinen schmerzenden Körper. „Wir müssen gegen vier bei John sein.“
Monika lächelte und legte ein elegantes, blaues Cocktailkleid auf das Bett. „Schau mal, was du mir gestern geschenkt hast. Ich habe es bei Hillsdale gesehen und dachte mir, dass ich es sowohl für die Vernissage als auch für Johns Party tragen könnte. Du siehst – zwei Fliegen mit einer Klappe …“ Sie sah ihn schelmisch an. „Ein Glück, dass du mit einem so praktischen Mädchen lebst. Du sparst richtig Geld!“
Er zog sie zu sich runter und küsste sie lange.
Als sie hinuntergegangen war, griff Rolf zum Telefon. Hoffentlich konnte ihn sein Geschäftspartner über die Ereignisse der gestrigen Nacht aufklären.
„Hallo John, war ja eine raue Sitzung gestern Nacht … Sag mal, wann haben wir eigentlich die Kurve gekratzt?“
„Keine Ahnung, Rolf, wann du gegangen bist … Ich erinnere mich nur noch, dass du dich angeregt mit einer hübschen Brünetten unterhalten hast, als wir im Blue Parrot waren …“
„Wir waren im Blue Parrot?“
„Ja, erinnerst du dich etwa nicht daran? Unser Kunde wollte etwas vom Nachtleben San Franciscos sehen, und du hast diesen Club empfohlen …“
„Um wieviel Uhr war das?“, fragte Rolf mit besorgter Stimme.
„Etwa gegen zwei.“
„Und danach?“, forschte er weiter.
„Und danach – keine Ahnung. Du warst auf einmal weg. Wir dachten, dass du mit der Brünetten nach oben gegangen seist. Leidest Du etwa an Amnesie?“ John räusperte sich am anderen Ende der Leitung. „Ich bin dann so gegen vier nach Hause gekommen – das hat mir jedenfalls Vera erzählt. Und da mich Vera nicht abgemurkst hat, bin ich wahrscheinlich ohne Begleitung gekommen.“
Rolf lächelte bitter. Vera wäre es wahrscheinlich auch egal gewesen, wenn John mit einer ganzen Armee von Blondinen zu Hause ankam – solange sein Geschäft lief und er ihre Spielschulden beglich.
„Kannst du dich noch an das Aussehen des Mädchens erinnern? Irgendetwas, das dir aufgefallen ist?“, fragte er Baudassin.
Rolf hörte ein Brummen am anderen Ende der Telefonleitung.
„Tut mir leid Rolf, aber dafür war ich selbst zu angeheitert. Kannst du dich denn an gar nichts mehr erinnern? Ich meine, sie saß ja auf deinem Schoss, nicht auf meinem …“
Rolf legte auf und ließ sich in die Kissen zurücksinken. Das Telefonat mit John hatte nicht gerade dazu beigetragen, ihn zu beruhigen – im Gegenteil. Wieder überkamen ihn Atemnot und panische Angst. Die Trennlinie zwischen Traum und Realität verschwamm immer mehr. Er hatte doch nur geträumt? Er befand sich in seinem Schlafzimmer. Monika rumorte unten in der Küche – es konnte nur ein Traum gewesen sein!
10
Beide hatten keine große Lust auf Johns Party und die Gäste, die sich wie üblich zum 4. Juli in seinem Garten einfanden. Aber John legte immer großen Wert auf das Ereignis, dass abends mit einem kleinen Feuerwerk endete. Einmal wäre John beinahe ein Feuerwerkskörper ins Gesicht geflogen – aber er hatte Glück und kam mit leichten Verbrennungen an seiner Wange davon.
Die Rogers würden kommen – der einzige Lichtblick für Monika, die sich mit ihrer Freundin aus der High-School-Zeit austauschen konnte. Dann Johns Schwester und ihr Mann, Liam Villan. Er war der Interessanteste der ganzen Bande – die Gespräche mit ihm waren meistens ganz anregend. Liam war auf fast allen Gebieten bewandert, egal ob sich die Diskussionen um Medizin, Politik oder Wirtschaft drehten. Und er ließ die Unterhaltung nie eintönig und trocken werden, sondern mischte immer einen Witz oder eine Anekdote in das Gespräch. Ab und zu lud John auch einige Klienten und ihre Familien ein, um die Arbeitswoche auf den Feiertag auszudehnen.
Als Monika und Rolf die Auffahrt zu Johns imposanter Villa mit Blumen und einer Flasche Bourbon hochliefen, schlugen ihnen schon die Klänge von Volare entgegen. Sie hatten eine Stunde Verspätung und waren wahrscheinlich die letzten Ankömmlinge.
John öffnete ihnen gutgelaunt die Tür. Sein schlecht gebügeltes Hemd und seine grauen Popelinhosen hatten schon einige Flecken abbekommen, aber seine schwarz-weißen Oxfordschuhe waren tadellos poliert. Seine Frau Vera stand neben ihm. Sie war genauso rundlich wie er und verströmte Humor und Lebenslust. Obwohl ihre Figur nicht gerade dem klassischen Schönheitsbild entsprach, umgab sie eine starke Sinnlichkeit. Die meisten Männer, mit denen Vera in Berührung kam, konnten nicht genau sagen, was es war – aber sie hatte Erfolg.
Es war ein offenes Geheimnis in Johns Bekanntenkreis, dass Vera nicht gerade die Treue erfunden hatte. Rolf konnte dies bestätigen. Bevor er Monika kennenlernte, hatten sich die beiden mehrmals in einer kleinen Fischerhütte am Strand von Half Moon Bay getroffen. Vera war wirklich ein Erlebnis, und Rolf hatte damals beinahe eine körperliche Abhängigkeit zu ihr entwickelt. Er wusste nicht, ob John von der Sache etwas mitbekommen hatte.
„Rolf ist wie immer pünktlich. Na, alter Junge – ich hoffe, du bist gestern doch noch zu Hause angekommen?“, frotzelte John.
Monika sah ihn von der Seite fragend an. Sie kannte die gemischten Gefühle, die ihr Freund seinem Partner gegenüber hegte, ohne dass ihr Rolf jemals einen wirklichen Grund dafür genannt hätte. „Was war denn gestern Abend, John? Wart Ihr beide unterwegs?“
„Ja – Rolf und ich haben deine Abwesenheit schamlos ausgenutzt und an der Strandbar vor unserem Büro einen zur Brust genommen – vielleicht haben wir es etwas übertrieben.“
Monika sah Rolf ärgerlich an. „Dann bist du also deshalb gestern Nacht die Küchentreppe runtergefallen! Kein Wunder … Du solltest dich wirklich etwas besser kontrollieren!“
„Tja, Selbstkontrolle ist nicht unbedingt Rolfs Sache …“ John zwinkerte Rolf zu und servierte ihnen zwei Tom Collins an der Bar. Dann schob er die beiden in den parkähnlichen Garten zu den übrigen Gästen. Die Sonne hatte jetzt am Spätnachmittag an Kraft verloren und tauchte die Anwesenden in ein sanftes, goldenes Licht. Die Hitze war einer lauwarmen Brise gewichen und man konnte trotz Gelächter und Jazzklängen das leichte Rascheln der Blätter in den Bäumen vernehmen.
Sein Geschäftspartner hatte wie üblich keine Kosten gescheut. Die Kellner, die vom Catering Service gestellt worden waren, schwirrten in hellgrauem Livree wie Motten um die Gäste zwischen den Blumenbeeten und servierten Kaviar mit Blinis, eiskalten Wodka und Champagner. Im Hintergrund spielte ein Orchester mit Oboen, Saxofonen, Bratschen und Trommeln. Rolf musste innerlich lächeln, als er feststellte, dass mehr Bedienstete als Gäste auf dem Rasen standen.
An dem mit bunten Hors d’oeuvre und Salaten bedeckten Buffettisch, der vor den großen französischen Fenstern der Villa stand, unterhielten sich die Rogers. Bobby war wie immer wie aus dem Ei gepellt. Er trug einen cremefarbenen Zweireiher, und seine Haare waren sorgfältig nach hinten gekämmt. Neben ihm Monikas Freundin Molly, eine kalte und etwas fade Schönheit, die selten lächelte und die Unterhaltung meistens ihrem Mann überließ. Rolf hatte nie begriffen, wie Monika sich so gut mit ihr verstehen konnte. Sie waren grundverschieden.
Bobby schien sich in der Gegenwart seiner Frau zu langweilen und ließ seine Augen unaufhörlich umherschweifen. Dann fing er ein Gespräch mit Johns Schwager Liam an. Rolf und Monika gesellten sich zu ihnen.
„Jetzt ist der günstigste Moment zum Kaufen. Natürlich sollte man bei den augenblicklichen Kreditbedingungen nicht auf Banken angewiesen sein. Aber deshalb sind die Preise so interessant – viel interessanter als beispielsweise in Florida, wo kubanische Emigranten seit Castros Putsch die Immobilienpreise hochtreiben … Hallo ihr beiden!“ Bob gab Monika und Rolf die Hand. „Ich erkläre Liam gerade die negative Korrelation zwischen Zinsen und Hauspreisen …“
Liam schien sich nicht sonderlich für die Korrelation zu interessieren, denn seine intelligenten, dunklen Augen schielten ständig an ihm vorbei. Er war ein schlanker, nervöser Mann, den man nie ohne eine Zigarette in der Hand antraf. „Bobby, verschwende deine Spucke lieber auf jemanden, der wirklich Kapital hat. Ich bin nur ein Psychiater mit durchschnittlichem Einkommen.“ Er lächelte Rogers nachsichtig an.
Monika hatte sich einen zweiten Tom Co genommen und unterhielt sich mit Molly. Rolf musste innerlich lächeln. Wie schaffte sie es nur, diesen Eiswürfel zum Reden zu bringen? Aber Monika hatte eine besondere Gabe, das Zutrauen ihrer Mitmenschen zu gewinnen. Sie konnte besonders gut mit Kindern umgehen, und es war dann immer schwer, die Kleinen wieder von ihr zu trennen.
Etwas abseits am oberen Ende des ovalen Schwimmbads standen Johns Schwester Kimberley und ein anderes Paar. Rolf erkannte die dunkle Schönheit, die sich am Donnerstag mit Bobby vor Johns Haus gestritten hatte. Groß und elegant stand sie neben einem jungen Mann, der auf eine Bemerkung von Johns Schwester hin in schallendes Gelächter ausbrach. Sie ließ sich aber nicht von der guten Laune ihres Begleiters anstecken und starrte unverwandt zu Bobby Rogers hinüber. Obwohl sie nicht viel sprach, wirkte sie nicht kalt. Es war eher ihre ungewöhnliche Schönheit, die einschüchternd wirkte.
Liam sah Rolfs Blick nach und nickte.
„Ja, Faith ist wirklich eine Wucht. Meine Frau hat sie im Reitclub kennengelernt. Wir haben sie ab und zu zum Essen eingeladen – aber eigentlich wissen wir wenig über sie.“
„Und der neben ihr ist ihr Mann?“
Der Psychiater schüttelte den Kopf. „Das wäre er gerne. Nein, Nik ist ein Junge, den sie oft mitschleppt, um nicht alleine auf Gesellschaften zu erscheinen – einer dieser Müßiggänger und Nichtsnutze.“
Rolf musterte Faith eingehend. „Sie scheint wirklich gewagte Dekolletés zu mögen …“
Liam lächelte ironisch. „Rolf, du solltest in deinem Alter inzwischen gelernt haben, dass keine Frau glaubt, sie sei für eine Party richtig angezogen, wenn sie sich nicht genug ausgezogen fühlt. Komm mit, ich mache euch bekannt ...“
Rolf nahm sich ein zweites Glas und folgte Liam am Rande des Beckens entlang zu der kleinen Gruppe, die unter einer großen Trauerweide stand.
„Hallo Faith, darf ich dir Rolf Bennett vorstellen. Er führt mit John das Architektenbüro und ist vor allem ein guter Freund. Rolf, das ist Faith Dommartin ...“
Rolf reichte ihr die Hand und war erstaunt über ihren festen Griff. Obwohl Rolf sehr groß war, sahen ihre dunklen Augen ihn auf gleicher Höhe an. Ein unauffälliger Blick auf ihre Schuhe zeigte ihm, dass die hohen Absätze etwas dazu beitrugen.
„Kimberley brauche ich dir ja nicht vorzustellen, und das ist Nik Heath, der äh … Golfspieler,“ fuhr Liam fort.
Nik zog eine Grimasse. Er schien mit der Beschreibung seines Profils nicht ganz zufrieden zu sein.
Rolf wandte sich wieder dem holografischen Bild zu. Anders konnte man Faith kaum bezeichnen. „Haben wir uns nicht schon einmal gesehen?“
Sie schien den ironischen Unterton in seiner Stimme zu überhören und verzog keinen Muskel ihres Gesichtes. „Ich wüsste nicht wo. Aber natürlich – Sie erinnern mich total an meinen Urgroßvater in seinen letzten Jahren ...“
„Faith – kannst du dich nicht ausnahmsweise benehmen?“ Kimberley sah ihre Freundin ärgerlich an.
Das holografische Bild blickte zu Rolf. „Verzeihen Sie, Herr … Bennett. Eigentlich wurde ich gut erzogen. Keine Ahnung, was danach passiert ist. Sie arbeiten also mit John zusammen. Seltsam, ganz Kalifornien scheint von Architekten und Immobilienmaklern nur so zu wimmeln …“ Sie schaute wieder flüchtig zu Bobby runter. Ihr Blick hatte jetzt etwas Sehnsüchtiges, und leichte Grübchen bildeten sich auf ihren Wangen.
Rolf wurde schlagartig klar, dass Faith den etwas schmierigen Rogers wirklich liebte. Das holografische Bild nahm menschliche Züge an. Was fand sie bloß an ihm?
Rolf erhaschte Liams Blick und merkte, dass Bobby und er nicht die Einzigen waren, die von Faith beeindruckt waren. Liam starrte einige Sekunden auf sie – der Ausdruck seiner Augen hatte etwas Gieriges.
Auch Bob sah gelegentlich zu ihr herauf. Aber er schien eher Angst vor einem Skandal zu haben, denn er drehte sich immer hastig weg, wenn sich ihre Blicke trafen. Rolf konnte sich gut in ihn hineinversetzten. Wahrscheinlich zählte Rogers die Minuten, bis die ganze Sache vorbei war, und er ungeschoren mit seiner Frau nach Hause gehen konnte.
„Ihr Männer seid doch solche Feiglinge …“ Faith schien zu sich selbst zu sprechen. „Kein Wunder, dass Herzinfarkte meistens euch treffen …“
Rolf wandte sich an Faith und lächelte. „Urteilen Sie nicht zu hart über die Männer. Im Grunde denken wir wie ihr Frauen, nur handeln wir manchmal impulsiver und unüberlegter, wenn es um … äh … zwischenmenschliche Beziehungen geht. Manchmal vergessen wir dann die Verpflichtungen, die wir eingegangen sind. Aber wir können sie deswegen nicht einfach ganz über Bord werfen.“
„Das ist nett gesagt. Man könnte auch sagen, ihr Männer richtet mit eurer Gleichgültigkeit einen Scherbenhaufen an und versteckt euch dann hinter der Familie, die ihr betrogen habt. Andere müssen dann die Scherben wegräumen. Da – sehen Sie ihn sich an …“ Faith deutete mit dem Kopf zu Bobby. „Er weiß nicht, wohin er schauen soll, und versteckt sich wie ein Schuljunge hinter dem Büffet. Ich werde hier auf Johns Fest schon kein Skandal machen – so gut müsste er mich jetzt eigentlich kennen!“ Sie sah auf ihren Solitär, den sie schon die ganze Zeit während ihres Gesprächs um ihren Finger gedreht hatte. Es war bestimmt nicht Bobby gewesen, der ihr diesen Ring geschenkt hatte.
„Er hat eben Ihre Worte am Donnerstagabend sehr ernst genommen …“
„Sie haben also mitgehört?“ Faith sah Rolf spöttisch an.
„Ich habe es nicht vermeiden können. Glauben Sie mir, es war unabsichtlich – die Geschichten der anderen interessieren mich keinen Penny.“
„Schön, dass es auch Menschen wie Sie gibt – manche machen aus den Geschichten der anderen ihren Hauptbroterwerb. Ich konnte Spanner nie leiden. Sie haben etwas Schmutziges …“
Er sah sie etwas erstaunt an. Ihr Vokabular passte so gar nicht zu ihrer eleganten Erscheinung.
„Kennen Sie die Rogers eigentlich gut?“ Faith zog ein goldenes Zigarettenetui aus ihrer Handtasche.
Rolf schüttelte den Kopf. „Meine Verlobte kennt sie besser als ich – sie ist mit Bobbys Frau auf die High-School gegangen. Aber seit ich mit ihr zusammen bin, waren wir öfters gemeinsam unterwegs.“
Faith sah ihn nachdenklich an. „Dann kennen Sie ihn also doch etwas besser. Vielleicht könnten Sie mir mal einen Gefallen tun?“
„Einen Gefallen? Gerne … Wie?“
Dann schüttelte sie ihren Kopf, als ob sie es sich anders überlegt hätte „Ein andermal – reden wir ein andermal darüber …“
Die beiden hatten sich während ihrer Unterhaltung von der kleinen Gruppe unter der Trauerweide entfernt. Es war Rolf jetzt unangenehm, dass er Kimberley und Nik Heath vernachlässigt hatte, aber seine Augen wurden immer wieder von Faith angezogen. Sie hatte etwas Hypnotisches. Als er an Bobby dachte, musste er lächeln. Ihm kam ein alter Spruch in den Sinn, den John immer zitierte, wenn er die Spielschulden seiner Frau begleichen musste. „Die Frauen kosten uns den Verstand. Deshalb wird es am Ende immer sehr teuer.“
„Lassen Sie es mich wissen, wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann.“ Rolf nickte ihr noch einmal zu und gesellte sich wieder zu Kimberley und Nick.
Faith schritt rauchend zum Grill, der am unteren Ende des Schwimmbades aufgestellt war, und einen angenehmen Duft verströmte. Die Abenddämmerung war jetzt hereingebrochen und John hatte die Gartenbeleuchtung einschalten lassen.
„Ich habe gehört, Sie sind professioneller Golfspieler, Herr Heath?“ Rolf war nie ein sonderlich guter Schauspieler gewesen und sein Interesse wirkte etwas künstlich.
„Ich spiele Golf, weil es mir Spaß macht. Gott sei Dank bin ich finanziell nicht darauf angewiesen.“ Der junge Mann sah Rolf überheblich an.
„Ich verstehe – und was machen Sie beruflich?“
„Ich bin Nik Heath – Heath, sagt Ihnen der Name nichts? Meinem Vater gehört die Heath Corporation Bank – man könnte sagen, ich bin mein eigener Chef!“ Er lachte laut auf.
Rolf erinnerte sich jetzt wieder daran, warum er Johns Partys und seine Gäste so mochte.
Er ließ nach einigen Minuten die kleine Gruppe stehen und wollte zu Monika gehen, als Liam ihn am Arm festhielt. „Hör mal Rolf – John hat mir gesagt, dass ihr im Büro die letzte Zeit viel zu tun hattet und du etwas mit den Nerven runter bist. Möchtest du mit mir darüber sprechen? Wenn ja, sollten wir es jetzt tun und nicht erst das Ende des Feuerwerks abwarten. Es ist doch jedes Jahr das gleiche ...“
Beide sahen zu Monika hinüber, die sich im Schein eines großen, blauen Lampions angeregt mit Vera und Molly unterhielt – dann nickte Rolf.
The free sample has ended.