Read the book: «Handbuch Demenzvorsorge»

Der Autor

Prof. Dr. med. Georg Adler ist Psychiater und Psychotherapeut mit dem Schwerpunkt Gerontopsychiatrie. Er ist außerplanmäßiger Professor der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg und Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen und Akademien. Seit 2006 leitet er das Institut für Studien zur Psychischen Gesundheit (ISPG) in Mannheim, das im Bereich der Vorbeugung, Früherkennung und Behandlung von Demenzerkrankungen tätig ist. Dort werden insbesondere Studien mit innovativen Therapieverfahren zur Behandlung der beginnenden und leichten Alzheimer-Demenz durchgeführt. Darüber hinaus ist er Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Rheinland-Pfalz sowie Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP) und der Deutschen Akademie für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DAGPP).
Georg Adler
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-038036-3
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-038037-0
epub: ISBN 978-3-17-038038-7
Inhalt
1 Vorwort
2 1 Epidemiologie und gesellschaftliche Bedeutung der Demenzerkrankungen
3 2 Neurobiologie der Alzheimer-Demenz
4 2.1 Amyloid-Kaskaden-Hypothese
5 2.2 Infektionshypothese
6 2.3 Cholinerge Hypothese
7 2.4 Neurovaskuläre Hypothese
8 2.5 Andere Hypothesen
9 3 Frühe Zeichen der Alzheimer-Demenz
10 4 Neuropsychologische Frühsymptome der Alzheimer-Demenz
11 4.1 Mini-Mental State Examination (MMSE)
12 4.2 Montreal Cognitive Assessment (MoCA)
13 4.3 Uhrentest
14 4.4 Strukturiertes Interview für die Diagnose einer Demenz vom Alzheimer-Typ, der Multiinfarkt- (oder vaskulären) Demenz und Demenzen anderer Ätiologie (SIDAM)
15 4.5 Consortium to Establish a Registry for Alzheimer’s Disease (CERAD)
16 4.6 Verbaler Lern- und Merkfähigkeitstest (VLMT)
17 4.7 Repeatable Battery for the Assessment of Neuropsychological Status (RBANS)
18 4.8 Cambridge Neuropsychological Test Automated Battery (CANTAB)
19 4.9 Merkfähigkeits- und Aufmerksamkeitstest (MAT)
20 5 Diagnostik von Frühstadien der Alzheimer-Demenz
21 6 Ansätze zur Prävention der Alzheimer-Demenz
22 7 Risikofakoren der Alzheimer-Demenz
23 7.1 Genetische Risikofaktoren
24 7.2 Übergewicht
25 7.3 Diabetes mellitus
26 7.4 Hypercholesterinämie
27 7.5 Hyperhomocysteinämie
28 7.6 Arterielle Hypertonie
29 7.7 Schlafstörungen
30 7.8 Mangelnde körperliche Fitness
31 7.9 Rauchen
32 8 Körperliche Aktivierung zur Prävention der Alzheimer-Demenz
33 9 Kognitive und soziale Aktivierung zur Prävention der Alzheimer-Demenz
34 10 Naturstoffe zur Prävention der Alzheimer-Demenz
35 10.1 Wirkmechanismen und Besonderheiten
36 10.2 Einzelsubstanzen
37 Alkohol
38 Bryostatin
39 Homotaurin (Tramiprosat)
40 Huperzin A
41 Melatonin
42 Östrogene
43 Omega-3-Fettsäuren
44 Spermidin
45 Vitamin B
46 Vitamin C
47 Vitamin D
48 Vitamin E
49 10.3 Extrakte
50 Blaubeeren
51 Ginkgo biloba
52 Ginseng
53 Griechischer Bergtee
54 Grüntee
55 Kaffee
56 Knoblauch
57 Kokosöl
58 Kurkuma
59 Melisse
60 Safran
61 Salbei
62 Weihrauch
63 11 Diäten
64 12 Diagnostisches und therapeutisches Vorgehen
65 12.1 Untersuchungsgang
66 12.2 Weiterführende Diagnostik
67 12.3 Präventive und therapeutische Maßnahmen
68 Risikofaktorenmanagement
69 Änderung des Lebensstils
70 Symptomatische Behandlung
71 Krankheitsmodifizierende Behandlung
72 Begleitung
73 Literatur
74 Sachregister
Vorwort
Die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung in den entwickelten Ländern ist naturgemäß mit einer Zunahme der Häufigkeit von altersassoziierten Krankheiten verbunden. Das gilt auch für die Demenzerkrankungen, an denen in Deutschland etwa anderthalb Millionen Menschen leiden. Deren Anzahl wird sich in den nächsten beiden Jahrzehnten um etwa 50 % erhöhen, da in diesem Zeitraum die geburtenstarken Jahrgänge, die etwa zwischen 1950 und 1970 geborenen sogenannten Babyboomer, in das Lebensalter mit deutlich ansteigender Häufigkeit von Demenzerkrankungen eintreten.
Die bei weitem häufigste Ursache der Demenz ist die Alzheimer-Krankheit. Die der Alzheimer-Krankheit zugrundeliegenden neurobiologischen Prozesse sind mittlerweile gut bekannt. Sie haben einen jahrzehntelangen Vorlauf, bis es schließlich zu einer Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit kommt. Diese lange präsymptomatische Krankheitsphase und die Auswirkungen von beeinflussbaren Risikofaktoren auf die Krankheitsentwicklung sind günstige Voraussetzungen für präventivmedizinische Maßnahmen. Zur Prävention der Alzheimer-Demenz liegen umfangreiche, meist gut gesicherte Erkenntnisse vor. In diesem Werk wird der aktuelle Stand dieses Wissens zusammenfassend dargestellt und kritisch bewertet, um Hilfestellung für eine individuelle Beratung von Personen zur Demenzprävention zu geben.
Von den Betroffenen und ihren Angehörigen wird auch häufig recht spezifisch nach dem möglichen Nutzen von Naturstoffen zur Demenzprävention gefragt. Um diese Fragen angemessen und differenziert beantworten zu können, wurde der aktuelle Stand der gesicherten Erkenntnisse zu den gängigsten Einzelsubstanzen und Extrakten in einem eigenen Kapitel dargestellt.
Für die Prävention von Demenzerkrankungen ist natürlich auch die Früherkennung von großer Bedeutung, denn bei Personen, die ein hohes Risiko für die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz haben oder die sich möglicherweise in einem frühen Stadium der Erkrankung befinden, sind Präventionsmaßnahmen besonders dringlich. Eine Schwierigkeit bei der Früherkennung der Alzheimer-Demenz besteht darin, eine durch die Erkrankung bedingte Verminderung der geistigen Leistungsfähigkeit von normalen altersbedingten Veränderungen zu unterscheiden. Zur Klärung dieser Frage werden charakteristische Befunde und ihre Bedeutung auf den verschiedenen diagnostischen Ebenen dargestellt – von den eigenen Wahrnehmungen der Betroffenen über die Erhebung und Untersuchung der verschiedenen Risikofaktoren und neuropsychologischen Tests bis hin zu den weiterführenden bildgebenden und laborchemischen Untersuchungsmethoden.
Schließlich werden für den Fall einer drohenden oder beginnenden Demenzerkrankung Maßnahmen für eine sinnvolle Frühbehandlung vorgeschlagen, die darauf abzielen, den Krankheitsverlauf wirksam zu verzögern. Das betrifft die Behandlung von Risikofaktoren, verschiedene Empfehlungen für Lebensstil und Ernährung und die medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten.
Eine derartige Präventivmedizin ist in anderen medizinischen Bereichen, insbesondere in Onkologie und Kardiologie, seit vielen Jahren gut etabliert. In den entsprechenden Fachgebieten bestehen fundierte und differenzierte Erkenntnisse über die Aussagekraft und den Nutzen von Vorsorgeuntersuchungen, über die weitere gestaffelte diagnostische Vorgehensweise und über therapeutische Maßnahmen in frühen Krankheitsstadien. Ziel des hier vorgelegten Handbuchs zur Demenzvorsorge ist es, den gegenwärtigen Wissensstand zu Risikofaktoren, Präventionsmaßnahmen, Früherkennung und Frühbehandlung der Alzheimer-Demenz für die Praxis aufzubereiten und zusammenzufassen. Es richtet sich an Hausärzte, Psychiater, Neurologen, Geriater, Gerontologen, Fort- und Weiterbildungskandidaten und Medizinstudenten.
Meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Institut für Studien zur Psychischen Gesundheit in Mannheim bin ich für ihre wertvolle Unterstützung bei der täglichen Arbeit in der Demenzvorsorge und der Behandlung von Alzheimer-Patienten sowie für zahlreiche Anregungen und Hinweise verbunden.
Mannheim, im Juli 2021
Georg Adler
1 Epidemiologie und gesellschaftliche Bedeutung der Demenzerkrankungen
Bis zum Jahr 2040 werden in Deutschland die sogenannten geburtenstarken Jahrgänge, also die Personen, die zwischen 1950 und 1970 geboren wurden, ins Rentenalter eingetreten sein. Die auf sie folgenden Jahrgänge sind deutlich schwächer besetzt (
Abb. 1.1), so dass es binnen weniger Jahre zu einem erheblichen Anstieg der absoluten Anzahl und des Bevölkerungsanteils der Personen im Rentenalter kommen wird. Der sogenannte Altersquotient der Bevölkerung, also die Anzahl von Personen im Rentenalter, die auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter kommt, wird auf einen Wert von über 80 ansteigen.
Dieser demographische Wandel wird mit einer erheblichen Zunahme der altersassoziierten Erkrankungen und damit auch der Demenzerkrankungen verbunden sein. Die weitaus häufigste Ursache einer Demenz ist die Alzheimer-Krankheit. Ihre Häufigkeit nimmt im höheren Lebensalter erheblich zu und erreicht jenseits des 85. Lebensjahres Werte um 30 Prozent (
Abb. 1.2) (Wu et al. 2016).
Hingegen ist vor dem 50. Lebensjahr die Häufigkeit von Demenzen sehr niedrig und liegt bei etwa 0,25 Promille, wobei nur etwa 30 % der Demenzerkrankungen in dieser Altersgruppe auf die Alzheimer-Krankheit zurückzuführen sind (Lambert et al. 2014).
Die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Demenzerkrankungen in Deutschland wurden für das Jahr 2016 auf 54 Mrd. € geschätzt und werden sich erwartungsgemäß bis zum Jahr 2060 auf 145 Mrd. € erhöhen (Michalowsky et al. 2019). Derzeit werden diese Kosten jeweils zu ungefähr der Hälfte durch das Gesundheitssystem und durch die Familien aufgebracht. Aufgrund der niedrigen Geburtenrate, der hohen Scheidungsrate und des steigenden Anteils von im Alter allein lebenden Personen wird die Leistungsfähigkeit der Familien für die Versorgung der Demenzkranken abnehmen. Dementsprechend wird sich der Kostenanteil des Gesundheitssystems in Zukunft erhöhen.
In epidemiologischen Untersuchungen wurde eine Reihe von beeinflussbaren Faktoren identifiziert, die das Risiko für die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz erhöhen. Zu diesen beeinflussbaren Risikofaktoren gehören Diabetes mellitus, Bluthochdruck im mittleren Lebensalter, Übergewicht im mittleren Lebensalter, körperliche Inaktivität, Depressivität, Rauchen und schlechte Bildung. Die Stärke des Zusammenhangs zwischen diesen Faktoren und dem Risiko für die Entwicklung einer Demenz lässt vermuten, dass etwa ein Drittel aller Demenzerkrankungen durch gezielte Einwirkung auf diese Risikofaktoren verhindert werden kann (Norton et al. 2014).
Abb. 1.1: Bevölkerungsstruktur Deutschlands 2020 (Statistisches Bundesamt (Destatis) 2019, Bevölkerungspyramide: Altersstruktur Deutschlands von 1950 – 2060 (destatis.de)). In dieser Abbildung ist die Personenanzahl der einzelnen Jahrgänge für Männer und Frauen dargestellt. Die Jahrgänge der Babyboomer, also der Personen, die derzeit etwa zwischen 45 und 65 Jahre alt sind, sind erheblich stärker besetzt als die folgenden Jahrgänge.
Für diese Vermutung spricht auch, dass die altersbezogene Neuerkrankungsrate für Demenzen in Europa in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken ist. So wurde in der Rotterdam-Studie bei zwei Kohorten, die 1990 bzw. 2000 untersucht wurden, eine Abnahme der altersbezogenen Neuerkrankungsrate für Demenzen um 24 % beobachtet (Schrijvers et al. 2012). Diese Abnahme ging mit einer Intensivierung der Behandlung von Gefäßrisikofaktoren bei der später untersuchten Kohorte einher. Auch bei der englischen Cognitive Function and Ageing Study (CFAS), bei der mehr als 7.500 über 65-jährige Personen in zwei Kohorten zwischen 1989 und 1994 und zwischen 2008 und 2011 untersucht
Abb. 1.2: Altersbezogene Häufigkeit der Demenz in Europa (Wu et al. 2016). In dieser Abbildung ist die Häufigkeit der Alzheimer-Demenz, wie sie in verschiedenen epidemiologischen europäischen Studien ermittelt wurde, in % über den entsprechenden Altersgruppen dargestellt. Die Häufigkeit nimmt mit dem Lebensalter stark zu und erreicht bei den über 85-Jährigen Werte um 30 %.
wurden, wurden vergleichbare Ergebnisse gefunden (Matthews et al. 2013). In den zwanzig Jahren, die zwischen der Untersuchung der beiden Kohorten liegen, nahm die standardisierte Querschnittshäufigkeit der Demenz von 8,3 % auf 6,5 % ab. Bessere Bildung und eine intensivere Behandlung von Gefäßrisikofaktoren in der jüngeren Kohorte wurden von den Autoren dafür als Ursachen angenommen. Diese Faktoren scheinen stärker wirksam zu sein als die im Intervall zwischen der Untersuchung der beiden Kohorten eingetretenen entgegengerichtet wirksamen Veränderungen, vor allem die größere Häufigkeit von Übergewicht und Diabetes mellitus sowie die besseren Überlebenschancen nach Schlaganfällen.
Allerdings wirkt sich der demographische Wandel auf die Anzahl und den Bevölkerungsanteil der an Demenz Erkrankten erheblich stärker aus als die Abnahme der altersbezogenen Neuerkrankungsrate. Dennoch besteht die begründete Hoffnung, dass durch gezielte Präventionsmaßnahmen etwa 30 % der Demenzerkrankungen, die anhand der Entwicklung der Altersstruktur der Bevölkerung zu erwarten sind, vermieden werden können (Luck und Riedel-Heller 2016). Um dieses Präventionspotenzial ausschöpfen zu können, sind allerdings zielgerichtete gesundheitspolitische Maßnahmen erforderlich. Vor dem Hintergrund des allgemein gestiegenen Gesundheitsbewusstseins könnte eine intensive und erfolgreiche Beteiligung der Bevölkerung an geeigneten Präventionsmaßnahmen möglich werden, wie es sich bei einem Projekt abzeichnet, das von uns gemeinsam mit der Alzheimer Gesellschaft Rheinland-Pfalz durchgeführt wird (Adler 2019).
Bei den über 50-jährigen nicht dementen Teilnehmern dieses Demenz-Präventionsprogramms wurde eine starke Häufung beeinflussbarer Risikofaktoren der Alzheimer-Demenz festgestellt. Das waren insbesondere
• Übergewicht (bei 61,7 %),
• nicht oder unzureichend behandelte Hypercholesterinämie (bei 38,9 %),
• niedrige kardiorespiratorische Fitness (bei 37,1 %),
• niedrige motorische Fitness (bei 33,6 %),
• Hyperhomocysteinämie (bei 29,0 %),
• nicht oder unzureichend behandelte arterielle Hypertonie (bei 22,5%),
• Prädiabetes oder Diabetes mellitus (bei 20,7 %) und
• Rauchen (bei 12,3 %) (Adler 2019).
Bei über 20 % der untersuchten Personen bestanden vier oder mehr dieser Risikofaktoren. Für die meisten dieser Risikofaktoren zeigten sich im Querschnitt bei den untersuchten Personen Zusammenhänge mit Gedächtnisstörungen. Dies gilt in besonders hohem Maß für eine schlechte körperliche Fitness sowie für Prädiabetes oder Diabetes mellitus. Bemerkenswert waren signifikante Querschnittskontingenzen einerseits zwischen Gesundheitsmerkmalen, die eng mit dem Lebensstil zusammenhängen wie Übergewicht, schlechte körperliche Fitness oder Rauchen, und andererseits medizinischen Risikofaktoren der Alzheimer-Demenz wie Bluthochdruck, Prädiabetes oder Diabetes mellitus, Hypercholesterinämie und Hyperhomocysteinämie. Diese Zusammenhänge, die auch in der von uns untersuchten Altersgruppe noch im Querschnitt nachweisbar waren, weisen auf ein beträchtliches Präventionspotenzial hin, das durch Änderungen des Lebensstils erschlossen werden kann.
Besorgniserregend ist in diesem Zusammenhang die zunehmende Häufigkeit von Übergewicht und Diabetes mellitus bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Außer der individuellen Beratung und Behandlung der Betroffenen spielen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Ernährung und körperliche Aktivität eine große Rolle, wobei auch die Politik Einflussmöglichkeiten hat und Verantwortung trägt (Tataranni 2003).
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Identifikation beeinflussbarer Risikofaktoren für die Entwicklung einer Demenz und die Häufung dieser Risikofaktoren bei älteren Erwachsenen eine ausgezeichnete Basis für wirksame Maßnahmen zur Demenzprävention darstellt. Die daraus ableitbaren Maßnahmen betreffen sowohl den Lebensstil als auch die medizinische Behandlung der Risikofaktoren. Auf diese Weise könnte die durch den demographischen Wandel bedingte starke Zunahme von Demenzerkrankungen erheblich abgemildert werden.
2 Neurobiologie der Alzheimer-Demenz
Unter Demenz versteht man eine im Laufe des Lebens auftretende Störung des Kurzzeitgedächtnisses und der geistigen Leistungsfähigkeit, die zu einer Beeinträchtigung der für ein selbstständiges Leben erforderlichen Alltagsfertigkeiten führt. Ein derartiges Demenz-Syndrom kann verschiedene Ursachen haben, z. B. die Alzheimer-Krankheit, Durchblutungsstörungen des Gehirns oder andere neurodegenerative Erkrankungen. Aber auch allgemein körperliche Erkrankungen, wie z. B. eine ausgeprägte Anämie, oder andere Gehirnerkrankungen, wie z. B. ein Gehirntumor, können eine Demenz verursachen.

Abb. 2.1: Histopathologische Veränderungen bei der Alzheimer-Demenz (Alzheimer 1911). Zeichnungen Alzheimers, in der die Plaques und Fibrillen in der Großhirnrinde bei zwei Alzheimer-Patienten abgebildet sind.
Die bei weitem häufigste Ursache der Demenz ist jedoch die Alzheimer-Krankheit. Ihre Symptomatik und die zugrundeliegenden histopathologischen Veränderungen des Gehirns in Form von Plaques und Fibrillen wurden erstmalig 1906 von Alois Alzheimer beschrieben (
Abb. 2.1).
Mittlerweile ist bekannt, dass die Plaques überwiegend aus dem Eiweiß Beta-Amyloid, die Fibrillen überwiegend aus Tau-Protein bestehen. Die der Alzheimer-Krankheit zugrundeliegenden neurobiologischen Prozesse, die zur Ablagerung von Beta-Amyloid und Tau-Protein im Gehirn in Form von Plaques und Fibrillen führen, laufen über viele Jahre ab, bis sie schließlich zu Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit führen (Morris 2005).
2.1 Amyloid-Kaskaden-Hypothese
Die vorherrschende Theorie für die der Alzheimer-Demenz zugrundeliegenden neurobiologischen Prozesse ist die Amyloid-Kaskaden-Hypothese (Hardy und Higgins 1992). In ihrer ursprünglichen Form besagt sie, dass die Erkrankung durch die übermäßige Produktion, Aggregation und extrazelluläre Ablagerung von Beta-Amyloid, einem Abbauprodukt des Amyloid-Präkursor-Proteins (APP), ausgelöst wird. Als Folge der erhöhten Beta-Amyloid-Konzentration im Interstitium kommt es intrazellulär zur Bildung von Neurofibrillen aus hyperphosphoryliertem Tau-Protein. In den vergangenen Jahren ist die Amyloid-Kaskaden-Hypothese mit dem Zuwachs der Kenntnisse über die neurobiologischen Krankheitsabläufe weiterentwickelt worden (Hardy 2009).
Die überzeugendsten Hinweise für eine ursächliche Rolle von Beta-Amyloid in der Genese der Alzheimer-Krankheit stammen aus Studien bei den autosomal dominant vererbten familiären Alzheimer-Demenzen, die etwa 1–5 % der Krankheitsfälle ausmachen (Reitz und Mayeux 2014) und bei denen Mutationen der Gene für das Amyloid-Präkursor-Protein (APP), für Präsenilin 1 (PSEN1) oder für Präsenilin 2 (PSEN2) vorliegen (Guerreiro und Hardy 2014). Die bei diesen Alzheimer-Demenzen gewonnenen Erkenntnisse wurden auf die sogenannte sporadische Alzheimer-Demenz, die bei der ganz überwiegenden Anzahl der Patienten vorliegt, übertragen.
Das Amyloid-Präkursor-Protein (APP) ist ein großes Membranprotein, das insbesondere in den Synapsen von Nervenzellen vorkommt. Die physiologische Funktion des APP ist noch unbekannt; möglicherweise spielt es eine Rolle bei der synaptischen Plastizität. Bei der Verstoffwechselung von APP fällt Beta-Amyloid an, das durch Sekretasen aus dem APP herausgeschnitten wird. PSEN1 und PSEN2 sind katalytische Untereinheiten der Gamma-Sekretase, die an diesem Prozess beteiligt ist.
Wahrscheinlich besteht bei den familiären, früh beginnenden Formen der Alzheimer-Demenz eine genetisch bedingte Überproduktion von Beta-Amyloid, während bei den sporadischen, spät beginnenden Formen der Alzheimer-Demenz eher eine verminderte Elimination von Beta-Amyloid die treibende Kraft des Krankheitsprozesses ist (Mawuenyega et al. 2010). Die Elimination von Beta-Amyloid aus dem Gehirn findet einerseits durch Amyloid-abbauende Enzyme, andererseits durch verschiedene Transportmechanismen statt.
Die Mehrzahl der Amyloid-abbauenden Enzyme sind Zink-Metalloproteasen, unter anderem Neprilysin (NEP), Insulin-degrading enzyme (IDE) und Angiotensin-converting enzyme (ACE) (Nalivaeva und Turner 2019). Eine verminderte Aktivität des IDE, das im Gehirn sowohl Insulin als auch Beta-Amyloid hydrolysiert, ist vermutlich eine der Ursachen für die engen Zusammenhänge zwischen Alzheimer-Demenz und Typ-2-Diabetes mellitus (Steen et al. 2005).
Bei der Elimination von Beta-Amyloid aus dem Gehirn wirken auch Apolipoprotein E und Alpha-2-Makroglobulin mit, die den Transport von Beta-Amyloid durch die Blut-Hirn-Schranke in den Blutkreislauf fördern (Ries und Sastre 2016). Die Wirksamkeit der Elimination durch Apolipoprotein E ist dabei von der Isoform dieses Enzyms abhängig: die Isoform E2 ist wirksamer als E3, die wiederum wirksamer als E4 ist (Deane et al. 2008). Das Apolipoprotein E4 wirkt sich auf zweierlei Weise ungünstig auf das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit aus. Es ist zum einen mit einer verminderten Elimination von Beta-Amyloid aus dem Gehirn verbunden (Castellano et al. 2011), zum anderen zerfällt es zu neurotoxisch wirksamen Fragmenten (Mahley und Huang 2012).
Das Gehirn verfügt zur Gewebedrainage und zur Entfernung von Abfallprodukten an Stelle der Lymphgefäße über das sogenannte glymphatische System, ein perivaskuläres Netzwerk (Nedergaard 2013), das Anschluss zum lymphatischen System hat (Louveau et al. 2015). Lösliches Beta-Amyloid und Tau-Oligomere werden durch das glymphatische System aus dem Gehirn transportiert (Iliff et al. 2012, 2014). Die treibenden Kräfte im glymphatischen System sind Strömungs- und Diffusionsdruck (Benveniste et al. 2019). Die Elimination von Beta-Amyloid durch das glymphatische System ist im Tiefschlaf erhöht (Xie et al. 2013). Daher erhöht jegliche Art der Schlafstörung das Risiko für die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz (Yaffe et al. 2014).
Die Ablagerungen von Beta-Amyloid im Gehirn folgen im Krankheitsverlauf einem charakteristischen raum-zeitlichen Muster (Nelson et al. 2009). Sie beginnen im basalen Neokortex und breiten sich später über den Hippokampus in den gesamten Kortex aus.
Eine erhöhte Konzentration von Beta-Amyloid im Interstitium wirkt neurotoxisch, führt zur Atrophie von Dendriten und Axonen und schließlich zum Zelluntergang (Yankner et al. 1990). Ein dabei wirksamer Mechanismus ist, dass Beta-Amyloid über den Caspase-Rezeptor die intrazelluläre Hyperphosphorylierung und Fibrillenbildung des Tau-Proteins fördert (Götz et al. 2001).
Die physiologische Funktion des Tau-Proteins besteht in der Stabilisierung der Mikrotubuli sowie in der Unterstützung des Wachstums der Neuriten und des intrazellulären Transports von Zellorganellen. Dabei wird seine Funktion physiologischerweise durch die von Kinasen und Phosphatasen katalysierte Phosphorylierung und Dephosphorylierung geregelt. Unter dem Einfluss von Beta-Amyloid wird das Tau-Protein hyperphosphoryliert. Dadurch kommt es zur Desintegration und zum Funktionsverlust der Neurotubuli, die die Straßen für den intrazellulären Transport von Zellorganellen darstellen. Dies führt zur Schädigung und schließlich zum Untergang der Nervenzellen (Reddy 2011). Das hyperphosphorylierte Tau-Protein wird unlöslich und aggregiert zu Filamenten und Fibrillen (Iqbal et al. 2005).
Analog zu den Prionen-Erkrankungen werden bei der Alzheimer-Krankheit toxische Konformationstypen von Beta-Amyloid und Tau-Protein gebildet. Diese Konformationstypen wirken infektiös und können bei anderen Beta-Amyloid- oder Tau-Protein-Molekülen gleichartige Konformationsänderungen auslösen und so zu einer Verbreitung der Erkrankung im Gehirn führen (Jucker und Walker 2013).
Die schädigenden Wirkungen von Beta-Amyloid und Tau-Protein bewirken synergistisch zunächst eine synaptische Funktionsstörung, die bereits in Frühstadien der Alzheimer-Demenz im Positronen-Emissions-Tomogramm in Form eines verminderten Glukose-Stoffwechsels sichtbar wird (Mosconi et al. 2009). Später kommt es zum Untergang der Nervenzellen, der sich in der strukturellen Bildgebung des Gehirns als Atrophie zeigt.
Die für die Alzheimer-Demenz charakteristischen neuropsychologischen Veränderungen in Form von Störungen des Gedächtnisses und der geistigen Leistungsfähigkeit folgen diesen neurobiologischen Prozessen mit jahrelanger Latenz (Sperling et al. 2011). Daher ist es für die begriffliche Klarheit sinnvoll, von der »Alzheimer-Demenz« die »Alzheimer-Krankheit« zu unterscheiden, bei der die beschriebenen neurobiologischen Krankheitsprozesse, insbesondere die Beta-Amyloid-Pathologie bestehen, ohne dass die Betroffenen schon notwendigerweise unter einer Demenz oder einer leichten kognitiven Beeinträchtigung leiden.
2.2 Infektionshypothese
Die Infektionshypothese zur Genese der Alzheimer-Demenz ist eine neuere Modifikation der Amyloid-Kaskaden-Hypothese. Die zentrale Rolle spielt dabei die vor einigen Jahren erkannte antimikrobielle Wirkung des Beta-Amyloids (Gosztyla et al. 2018). Die übermäßige Anhäufung von Beta-Amyloid im Gehirngewebe wird im Kontext der Infektionshypothese nicht als Folge einer fehlerhaften Produktion oder gestörten Elimination dieses Eiweißes, sondern als gezielte antimikrobielle Maßnahme des Organismus verstanden (Fulop et al. 2018). Als Auslöser einer vermehrten Beta-Amyloid-Produktion werden verschiedene mikrobielle Erreger in Betracht gezogen, insbesondere der Parodontitis-Erreger Porphyromonas gingivalis, dessen DNS in den Amyloid-Plaques nachgewiesen wurde (Singhrao et al. 2015). Auf dieser Grundlage wird derzeit eine Therapiestudie mit einem Medikament durchgeführt, das die Proteasen von Porphyromonas gingivalis, die Gingipaine, hemmt (Dominy et al. 2019).
2.3 Cholinerge Hypothese
Die cholinerge Hypothese bezieht sich auf Veränderungen auf der Ebene der Neurotransmitter, die die Folge der Neurodegeneration sind. Sie besagt, dass die kognitiven Beeinträchtigungen bei der Alzheimer-Demenz durch eine Störung der Funktion des Neurotransmitters Acetylcholin verursacht werden. Bei Alzheimer-Patienten wurde in den Amygdala, im Hippokampus und im Kortex eine Verminderung der Aktivität des Enzyms Cholinacetyltransferase, das die Synthese von Acetylcholin katalysiert, gefunden sowie eine verminderte synaptische Konzentration von Acetylcholin (Francis et al. 1999). Die cholinerge Hypothese der Alzheimer-Demenz wurde bereits 1976, also vor der Amyloid-Kaskaden-Hypothese, formuliert und hat mit der Entwicklung der Acetylcholinesterase-Hemmer zu den ersten Medikamenten für eine wirksame symptomatische Behandlung der Alzheimer-Demenz geführt.
2.4 Neurovaskuläre Hypothese
Bei der neurovaskulären Hypothese wird die Bedeutung der zerebralen Durchblutung für die Alzheimer-Demenz hervorgehoben. Bei der Alzheimer-Demenz wurden nämlich bereits vor dem Auftreten neurodegenerativer Veränderungen Funktionsstörungen der kleinen zerebralen Gefäße nachgewiesen (Ruitenberg et al. 2005). Durch diese Gefäßveränderungen wird die Elimination von Stoffwechsel-Abbauprodukten wie Beta-Amyloid beeinträchtigt, welches seinerseits auch gefäßschädigend wirkt (Thomas et al. 1996). Die neurovaskuläre Hypothese erklärt auch die negative Wirkung von Gefäßrisikofaktoren wie Hypercholesterinämie oder Diabetes mellitus auf das Erkrankungsrisiko und auf den Verlauf der Alzheimer-Demenz.
2.5 Andere Hypothesen
Es wurden noch verschiedene andere Hypothesen für die Pathogenese der Alzheimer-Demenz entwickelt, die bestimmte Elemente der Amyloid-Kaskaden-Hypothese oder andere Faktoren wie Entzündungsprozesse, Metall-Ionen oder die Genregulation durch Micro-RNAs in den Vordergrund stellen. Sie spielen aber bislang in der wissenschaftlichen Diskussion nur eine untergeordnete Rolle (Liu et al. 2019).
3 Frühe Zeichen der Alzheimer-Demenz
Im Frühverlauf der Alzheimer-Demenz können grundsätzlich drei Phasen unterschieden werden. In Phase 1, der präsymptomatischen Phase, sind die neurobiologischen Krankheitsprozesse der Alzheimer-Krankheit, insbesondere die Amyloid-Pathologie, nachweisbar, ohne dass es bereits zu einer Verminderung der geistigen Leistungsfähigkeit gekommen ist. In Phase 2, der Phase der leichten kognitiven Beeinträchtigung (mild cognitive impairment, MCI), sind die neurobiologischen Veränderungen weiter fortgeschritten und es machen sich erste Zeichen der kognitiven Leistungsminderung, insbesondere in Form von Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, bemerkbar. Das selbstständige Funktionieren im Alltag ist allerdings noch nicht beeinträchtigt. In Phase 3, der Phase der leichten Demenz, haben schließlich die Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit ein solches Ausmaß erreicht, dass darunter auch die Alltagsfertigkeiten zu leiden beginnen.
Wie bereits im vorhergehenden Kapitel erwähnt, bestehen die charakteristischen neurobiologischen Veränderungen der Alzheimer-Krankheit schon jahrelang, bevor die geistige Leistungsfähigkeit nachlässt (Jack et al. 2010). Die testpsychologische Erfassung von geringgradigen kognitiven Leistungseinschränkungen wird allerdings durch verschiedene methodische Einschränkungen erschwert, beispielsweise durch Schwankungen in der Tagesform und durch das unterschiedliche Ausgangsniveau der Getesteten.
Aber schon bevor sich testpsychologisch eindeutig fassbare krankheitsbedingte Einschränkungen des Gedächtnisses oder der kognitiven Leistungsfähigkeit zeigen, also in der oben erwähnten Phase 1, werden von vielen Betroffenen selbst Veränderungen des geistigen Leistungsvermögens bemerkt. Aus diesem Grund wurde bereits in den 1980er Jahren bei der Stadieneinteilung der Alzheimer-Demenz mit der Global Deterioration Scale (GDS) das Symptom »Klagen über das Nachlassen des Gedächtnisses« als ein wesentliches Krankheitsmerkmal aufgenommen (Reisberg et al. 1982).
Die Selbstwahrnehmung von Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit und die emotionale und kognitive Verarbeitung dieser Eindrücke spielen wohl auch eine Rolle für die Entwicklung von sozialem Rückzug, Depressivität, Ängstlichkeit und Misstrauen, wie sie häufig bei Alzheimer-Patienten auftreten, noch bevor diese in Phase 2 oder Phase 3 der Erkrankung eintreten.
In einer Untersuchung zum Zeitverlauf derartiger nicht kognitiver Symptome von Alzheimer-Patienten zeigte sich, dass schon zwei bis drei Jahre bevor die klinischen Kriterien für das Demenz-Syndrom erfüllt waren, also bevor die Beeinträchtigungen von Gedächtnis und kognitiver Leistungsfähigkeit ein Ausmaß erreicht hatten, das die Alltagsfertigkeiten beeinträchtigte, bei etwa der Hälfte der Alzheimer-Patienten Depressivität und sozialer Rückzug beobachtet wurden (
Abb. 3.1) (Jost und Grossberg 1996).

Abb. 3.1: Nicht kognitive Symptome im Zeitverlauf der Alzheimer-Demenz (modifiziert nach Jost und Grossberg 1996). In dieser Abbildung sind die Maxima der Häufigkeit nicht kognitiver Symptome der Alzheimer-Demenz über die Zeit vor der Erfüllung der Diagnosekriterien aufgetragen. Die Daten wurden bei 100 Patienten mit post mortem histopathologisch gesicherter Alzheimer-Demenz erhoben.
Vor diesem Hintergrund erschien es naheliegend zu untersuchen, ob die Selbstwahrnehmung der Betroffenen in Form von subjektiven Störungen der geistigen Leistungsfähigkeit, insbesondere von subjektiven Gedächtnisstörungen, ein geeignetes Hilfsmittel zur Früherkennung der Alzheimer-Demenz sein kann (Jessen 2014).
Subjektive Gedächtnisstörungen werden im Allgemeinen mit Hilfe von drei Fragen erhoben:
• Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Gedächtnis in letzter Zeit nachgelassen hat?
• Wenn ja, machen Sie sich deswegen Sorgen?
• Glauben Sie, dass Ihr Gedächtnis schlechter ist als das Gedächtnis vergleichbarer gleichaltriger Personen?
Diese Fragen werden im Allgemeinen in der angegebenen Reihenfolge mit abnehmender Häufigkeit bejaht. So beantworteten von 130 über 50-jährigen Teilnehmern eines Demenz-Präventionsprogramms 66 % die erste Frage mit »Ja«, 49 % die zweite und 32 % die dritte (Adler et al. 2018).
Bei bildgebenden Untersuchungen von Personen mit subjektiven Gedächtnisstörungen wurde gehäuft eine Verminderung des Hippokampus-Volumens gefunden, wie sie für die Alzheimer-Demenz charakteristisch ist (Tepest et al. 2008). Auch histopathologische Untersuchungen und Positronen-Emissions- Tomogramme mit Amyloid-Liganden zeigten bei diesen Personen gehäuft Amyloid-Ablagerungen (Amariglio et al. 2012; Perrotin et al. 2012).
Die wichtigste Frage ist allerdings, ob anhand der subjektiven Gedächtnisstörungen vorhergesagt werden kann, ob sich ein objektiv fassbares Nachlassen der Gedächtnisleistung entwickeln wird. Längsschnittuntersuchungen zeigen, dass dies der Fall ist. So ist beim Bestehen von subjektiven Gedächtnisstörungen das Risiko für die Entwicklung einer Demenz im Verlauf der folgenden fünf Jahre etwa um das Zwei- bis Dreifache erhöht (Reisberg et al. 2010; Mitchell et al. 2014). Dies gilt insbesondere bei Personen, bei denen neben den subjektiven Gedächtnisstörungen bereits leichte objektivierbare Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit bestehen oder die gut gebildet sind (Jonker et al. 2000). Man geht davon aus, dass gut gebildete Personen Veränderungen ihrer geistigen Leistungsfähigkeit einerseits subjektiv deutlicher wahrnehmen, aber andererseits bei testpsychologischen Untersuchungen durch ihre gute Bildung wegen Deckeneffekten der verwendeten Testinstrumente noch längere Zeit unbeeinträchtigt erscheinen.
Andererseits klagen Personen im höheren Erwachsenenalter häufig über ein Nachlassen des Gedächtnisses oder der geistigen Leistungsfähigkeit (Jonker et al. 2000; Lachman 2004). Daher wird die klinische Bedeutung von subjektiven Gedächtnisstörungen, insbesondere ihr individueller Vorhersagewert für die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz recht unterschiedlich bewertet (Reid und McIullich 2006; Mol et al. 2007; Kryscio et al. 2016).
Die Selbstwahrnehmung von Gedächtnisstörungen ist eine komplexe Leistung. Schließlich geht es um die Wahrnehmung einer unerwünschten oder befürchteten krankheitsbedingten Veränderung durch den Betroffenen bei sich selbst vor dem Hintergrund der alterstypischen Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit. Normalerweise kommt es mit zunehmendem Lebensalter zu einer Abnahme der sogenannten fluiden Intelligenzleistungen; das sind vor allem kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit und Flexibilität (Cattell 1943). Die sogenannten kristallinen Intelligenzleistungen, insbesondere die im Laufe des Lebens erworbenen Fertigkeiten und Kenntnisse, bleiben hingegen auch im höheren Lebensalter stabil und können weiter zunehmen (Salthouse 2003, 2009). Die Abnahme der fluiden Intelligenzleistungen, insbesondere der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit, führt zu Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit, die den Betroffenen als Gedächtnisstörungen erscheinen können (Murman 2015).
Die subjektive Wahrnehmung einer kognitiven Verschlechterung wird auch durch den individuellen Kenntnisstand hinsichtlich der normalen altersbedingten Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit und durch persönliche Erfahrungen mit Demenzerkrankungen bei anderen Personen, z. B. den eigenen Eltern, beeinflusst. Gleiches gilt für Depressivität, Ängstlichkeit sowie bestimmte Persönlichkeitszüge, insbesondere eine depressiv gefärbte selbstkritische Haltung (Jorm et al. 2004). All diese Faktoren beeinträchtigen die Verwertbarkeit der subjektiven Gedächtnisstörungen für die Prädiktion von objektiven Gedächtnisstörungen, so dass deren individueller Vorhersagewert von etlichen Autoren als eher gering eingeschätzt wird (Burmester et al. 2016).
Personen, die an einer Demenz erkrankt sind, berichten oft, dass im Vorfeld der Erkrankung gehäuft »Aussetzer« auftraten, beispielsweise Momente der räumlichen, zeitlichen oder situativen Desorientiertheit, Augenblicke der Verwirrtheit oder des Erschreckens, wenn eine eigentlich selbstverständliche Information nicht verfügbar war. Diese Erlebnisse werden »kognitive Blackouts« genannt und bilden wahrscheinlich eine wesentliche Grundlage für die subjektive Wahrnehmung einer kognitiven Verschlechterung bei einer beginnenden Demenz.
Um dieses Phänomen genauer zu erfassen, führten wir mit Patienten, die an einer leichten Alzheimer-Demenz erkrankt waren, halbstrukturierte Interviews durch, in denen sie nach Selbstbeobachtungen gefragt wurden, die ihnen rückblickend als frühe Zeichen der Demenzerkrankung erschienen (Adler 2017). Wir sammelten etwa zwanzig derartige von den Patienten angegebene Selbstbeobachtungen, skalierten sie in vier Stufen und untersuchten sie prospektiv bei Personen, die an einem Gedächtnis-Vorsorgeprogramm teilnahmen. Auf dieser Grundlage entwickelten und validierten wir einen Selbstbeurteilungs-Fragebogen mit 5 Items, die Checkliste für kognitive Blackouts (CKB) (
Kasten 3.1).
Die in den Items 2 bis 4 dargestellten Selbstbeobachtungen traten tatsächlich gehäuft bei Personen auf, bei denen sich auch in der neuropsychologischen Testung kognitive Beeinträchtigungen zeigten. Das Item 1 beschreibt hingegen eine Störung des Arbeitsgedächtnisses, die in der Bevölkerung im Allgemeinen für geradezu typisch für eine beginnende Demenzerkrankung gehalten wird. Diese Selbstbeobachtung wurde allerdings im Gegensatz zu unseren Erwartungen als einziges der von uns untersuchten Items von Personen mit objektiv bestätigten Gedächtnisstörungen signifikant seltener berichtet als von unbeeinträchtigten Probanden. Das hängt möglicherweise mit dem Vergessen derartiger häufig vorkommender Erlebnisse bei gleichzeitigem Auftreten gravierenderer Ereignisse oder mit mangelnder Offenheit der Befragten zusammen. Das Item wurde mit umgekehrter Skalierung in die Checkliste aufgenommen.
Kasten 3.1: Checkliste für kognitive Blackouts (CKB) (Adler 2017) Jedes Item wird in vier Ausprägungen von links nach rechts mit Werten von »0« bis »3« kodiert, so dass Scores zwischen 0 und 15 erreicht werden.
Wenn Sie an die letzten sechs Monate denken, wie oft kommt es vor, dass Sie
(1) … etwas aus einem anderen Zimmer holen wollen, dort aber vergessen haben, was Sie holen wollten?

(2) … kürzlich vereinbarte Termine oder Verabredungen vergessen einzuhalten oder ohne Erinnerungshilfe vergessen würden (z. B. Kalender, Hinweis durch andere)?

(3) … ein Buch oder einen Text lesen, aber nach kurzer Unterbrechung deutliche Schwierigkeiten haben, sich wieder hinein zu finden, oder dazu neigen, Inhalte »durcheinander zu werfen«?

(4) … überlegen müssen, welchen Monat wir gerade haben?

(5) … an einem fremden Ort deutliche Schwierigkeiten haben, sich zurecht zu finden oder einige Zeit brauchen, bis Sie die Wege kennen (z. B. im Hotel, den Fußweg in einem großen Einkaufszentrum zurück zum Auto)?

Bei der Validierung und weiteren Untersuchungen der CKB zeigte sich, dass Scores von 7 oder mehr mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für objektive Gedächtnisstörungen verbunden waren (Adler et al. 2018) und gehäuft bei Personen mit Risikofaktoren für die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz auftraten (Binder et al. 2017; Gnosa et al. 2019). Von den Befragten wurde die Checkliste im Allgemeinen positiv angenommen, da sie es zum einen schätzten, als Experten in eigener Sache befragt zu werden, zum anderen das Gefühl hatten, dass wesentliche Aspekte ihres subjektiven Erlebens bei der Untersuchung berücksichtigt wurden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Selbstbeurteilung der geistigen Leistungsfähigkeit, insbesondere wenn sie sich auf die Selbstbeobachtung von typischen Phänomenen für beginnende Demenzerkrankungen bezieht, durchaus einen diagnostischen Wert hat und gegebenenfalls weitere Untersuchungen auslösen sollte.
4 Neuropsychologische Frühsymptome der Alzheimer-Demenz
Das wichtigste und diagnostisch konstitutive neuropsychologische Symptom der Demenz ist die Gedächtnisstörung, insbesondere die Störung des episodischen Kurzzeitgedächtnisses. Darunter versteht man die Fähigkeit, sich mit zeitlichem Abstand an kontextgebundene Informationen zu erinnern, also z. B. detailliert zu wissen, was man am vergangenen Wochenende unternommen oder vorgestern zu Mittag gegessen hat.
Das zweite wichtige Symptom der Demenz ist die Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit. Unter »geistiger Leistungsfähigkeit« subsumiert man Leistungen in verschiedenen kognitiven Bereichen, z. B. zu wissen, wo man sich in Raum und Zeit befindet, Dinge, mit denen man umgeht, richtig benennen zu können, Rechnen, Lesen, Schreiben, folgerichtig Denken und Situationen angemessen beurteilen zu können.
Wenn beide Symptome bestehen und außerdem durch die Einschränkungen von Gedächtnis und geistiger Leistungsfähigkeit die Fertigkeiten für das selbstständige Funktionieren im Alltag beeinträchtigt sind, sind die Kriterien für das Demenz-Syndrom erfüllt. Bestehen noch keine Beeinträchtigungen der Alltagsfertigkeiten, spricht man von einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (LKB) (mild cognitive impairment, MCI).
Es gibt verschiedene Kriterien für das Ausmaß der Störung von Kurzzeitgedächtnis und geistiger Leistungsfähigkeit, nach denen eine LKB oder vergleichbare Syndrome definiert werden. Es erscheint jedenfalls sinnvoll, zwischen drei Arten von LKB zu unterscheiden:
• die rein amnestische LKB, die ausschließlich die Gedächtnisleistung betrifft;
• die amnestische LKB, die neben der Gedächtnisfunktion auch andere Leistungsbereiche betrifft;
• die LKB, die andere Leistungsbereiche, aber nicht die Gedächtnisleistung betrifft (Winblad et al. 2004).
Die ersten beiden Arten von LKB sind charakteristisch für ein Frühstadium einer Alzheimer-Demenz, die dritte Art tritt eher in Frühstadien anderer Demenzerkrankungen auf.
Für die Feststellung kognitiver Defizite steht eine Reihe standardisierter Testverfahren zur Verfügung. Bei ihrer Verwendung und der Beurteilung der mit ihnen erhobenen Befunde müssen zwei wichtige Eigenschaften eines Testverfahrens besonders berücksichtigt werden, nämlich Spezifität und Sensitivität. Sensitivität bedeutet, bei welchem Prozentsatz erkrankter Personen die jeweilige Störung durch die Anwendung des Tests tatsächlich erkannt wird. Die Spezifität gibt hingegen die Wahrscheinlichkeit an, mit der die tatsächlich Gesunden, die nicht an der betreffenden Erkrankung leiden, im Test auch als gesund erkannt werden.
Die zutreffende Einschätzung der kognitiven Leistungsfähigkeit hat ihre grundsätzlichen methodischen Schwierigkeiten. Situative Einflüsse auf die Testung, der Zeitpunkt der Testung, Schwankungen der Tagesform, das Wohlbefinden zum Untersuchungszeitpunkt und eine Vielzahl anderer Variablen beeinflussen das Untersuchungsergebnis. Dies ist insbesondere in Frühstadien der Alzheimer-Demenz der Fall und auch eine erhebliche Schwierigkeit für die Erfolgskontrolle in Therapiestudien (Liyanage et al. 2018). Wenn wir andererseits die Instabilität der kognitiven Leistungsfähigkeit als möglichen Hinweis auf das Bestehen einer Alzheimer-Krankheit werten, müssen in möglichen Frühstadien der Erkrankung auch einzelne schlechte Testergebnisse ernst genommen werden. Sie sollten nicht einfach durch eine erneute Testung an einem anderen Tag »wegkontrolliert« und im Weiteren ignoriert werden.
Viele neuropsychologische Untersuchungsverfahren sind nicht für Alter und Bildungsgrad der Probanden normiert. In diesem Fall ist die Sensitivität der Tests für gut gebildete Personen wegen Deckeneffekten im Allgemeinen gering. In diesem Zusammenhang ist es andererseits wichtig zu beachten, dass in der Generation der Kriegskinder wegen der durch die Kriegsereignisse gestörten Bildungsbiografien das Bildungsniveau oft nicht aufschlussgebend über die kognitiven Fähigkeiten ist. Über das Intelligenz- und Bildungsniveau der Probanden versucht man sich mit Wortschatztests zu orientieren (Lehrl 2005; Schmidt und Metzler 1992).
Als besonders sensitiv für die Feststellung einer kognitiven Beeinträchtigung gelten Verfahren, die geschwindigkeitsabhängige Leistungen oder exekutive Funktionen untersuchen. Ein Problem ist dabei allerdings die geringe Spezifität dieser Methoden, denn sie messen auch physiologische altersabhängige Beeinträchtigungen der fluiden Intelligenz (Horn 1982), die wie Demenzerkrankungen mit dem Lebensalter häufiger und stärker werden, aber dennoch von diesen unterschieden werden müssen.
Im Folgenden sollen einige ausgewählte Verfahren zur Untersuchung der kognitiven Leistungsfähigkeit dargestellt werden. Dabei wurden einerseits Verfahren berücksichtigt, die häufig angewendet werden, um Hinweise für die Interpretation der auf diese Weise erhobenen Befunde zu geben. Andererseits werden Verfahren dargestellt, die für die Früherkennung eines kognitiven Defizits bei Alzheimer-Krankheit besonders geeignet erscheinen.
4.1 Mini-Mental State Examination (MMSE)
Die Mini-Mental State Examination (MMSE) ist das bekannteste und am häufigsten verwendete testpsychologische Instrument in der Demenzdiagnostik (Folstein et al. 1975). Untersucht werden in 30 Items, die jeweils mit einem Punkt bewertet werden, Sprach-, Gedächtnis- und Konstruktionsfunktionen in den Domänen Orientierung, Konzentration, Sprache, Praxie und Gedächtnis. Der MMSE-Score korreliert positiv mit der Bildung und negativ mit dem Alter. Hohe Effektivität besteht beim Feststellen von moderaten oder schweren Gedächtnisproblemen. Bei der Diagnostik der leichten kognitiven Beeinträchtigung ist die Effektivität erheblich geringer. Maximal können 30 Punkte erreicht werden. Ein Wert von 26 oder weniger wird als Hinweis auf eine kognitive Beeinträchtigung, ein Wert von 22 oder weniger Punkten wird als Hinweis auf eine Demenz betrachtet. Der Test hat eine hohe Spezifität bei der Beurteilung der Demenz, die Sensitivität ist deutlich niedriger, weshalb zusätzlich andere Skalen benutzt werden sollten. Außerdem werden bei der Auswertung das Alter und die Bildung nicht berücksichtigt. Mit einer Dauer von 5–10 Minuten ist die MMSE schnell und einfach durchzuführen.
4.2 Montreal Cognitive Assessment (MoCA)
Das Montreal Cognitive Assessment (MoCA) ist ein relativ neues Verfahren (Nasreddine et al. 2005). In der Durchführung dauert es etwas länger als die MMSE. Es eignet sich als Screeninginstrument für leichte kognitive Beeinträchtigungen und Demenz. Wie bei der MMSE können maximal 30 Punkte erreicht werden. Der Cut-off-Score liegt bei 26 Punkten für eine leichte kognitive Beeinträchtigung; in manchen Studien wird ein Score von 23 Punkten zur Erhöhung der Spezifität empfohlen. Die Scores von MoCA und MMSE korrelieren hoch miteinander (r = 0,87). Im Unterschied zur MMSE wird bei der Auswertung des MoCA der Bildungsgrad berücksichtigt, und zwar durch die Addition von einem Punkt für Personen mit 12 oder weniger Bildungsjahren. In vergleichenden Untersuchungen zeigt sich das MoCA der MMSE aufgrund seiner höheren Sensitivität bei der Erkennung einer leichten kognitiven Beeinträchtigung überlegen (Trzepacz et al. 2015).
4.3 Uhrentest
Der Uhrentest (Shulman et al. 1993) gehört ähnlich wie die MMSE zu den bekanntesten Instrumenten bei der Beurteilung von kognitiven Defiziten. Dieser Test ist ein sehr schnelles Screening-Verfahren, leicht in der Durchführung und der Auswertung, das die visuelle Konstruktion und Problemlösung prüft. Es wird gut durch die Patienten angenommen und wird kaum durch Bildung, Kultur und Sprache beeinflusst. Die Sensitivität des Tests ist hoch, jedoch ist er wenig spezifisch. Maximal können 6 Punkte erreicht werden, je höher der Wert, desto größer die Defizite. Ein Score von 3 oder höher wird als Hinweis auf das Vorliegen einer Demenz gewertet.
4.4 Strukturiertes Interview für die Diagnose einer Demenz vom Alzheimer-Typ, der Multiinfarkt- (oder vaskulären) Demenz und Demenzen anderer Ätiologie (SIDAM)
Das strukturierte Interview für die Diagnose einer Demenz vom Alzheimer-Typ, der Multiinfarkt- (oder vaskulären) Demenz und Demenzen anderer Ätiologie (SIDAM) (Zaudig und Hiller 2002) ist ein praktikables, wenig zeitaufwendiges Untersuchungsverfahren, das einen guten Gesamteindruck von der kognitiven Leistungsfähigkeit des Probanden liefert. Der kognitive Leistungstest führt zum SISCO (SIDAM-Score) und umfasst die Skalen Orientiertheit, Gedächtnis (unmittelbare Wiedergabe, Kurzzeitgedächtnis, Langzeitgedächtnis), intellektuelle Leistungsfähigkeit und höhere kortikale Funktionen (verbale/rechnerische Fähigkeiten, optisch-räumliche Konstruktionsfähigkeit und Aphasie/Apraxie). Das SIDAM enthält auch die Items der MMSE, so dass mit dem SIDAM gleichzeitig der MMSE-Score ermittelt wird. Die maximale Punktzahl für den SISCO beträgt 55 Punkte; Werte zwischen 34 und 51 sprechen für eine leichte kognitive Beeinträchtigung und Werte unter 34 für das Vorliegen einer Demenz (Busse et al. 2002). Die Dauer für die Durchführung des SIDAM beträgt zwischen 15 und 30 Minuten.
4.5 Consortium to Establish a Registry for Alzheimer’s Disease (CERAD)
Das Consortium to Establish a Registry for Alzheimer’s Disease (CERAD) ist eine umfangreiche, in den USA entwickelte Testbatterie, die für den deutschsprachigen Raum von der Universität Basel übersetzt und normiert wurde (Monsch 1997). Die CERAD-Testbatterie umfasst sieben Untertests, nämlich Mini-Mental State Examination (MMSE), Wortflüssigkeit, Modified Boston Naming Test (MBNT), konstruktive Praxis, Lernen, Wiedergeben und Wiedererkennen einer Wortliste), einen verbalen Intelligenztest (Wortschatztest, WST) und einen visuomotorischen Geschwindigkeitstest (Zahlen-Verbindungs-Test-G, ZVT-G).
Seit 2005 gibt es die erweiterte Version CERAD-NP (Neuropsychologische Testbatterie), in der zusätzlich die Untertests Trial Making Test und phonemische Wortflüssigkeit aufgenommen wurden. Das CERAD sowie das CERAD-NP ist nach Alter, Bildung und Geschlecht normiert. Die Dauer der Testung beträgt 45–50 Minuten. Bei der Auswertung werden Bildung, Alter und Geschlecht berücksichtigt (Satzger et al. 2001).
4.6 Verbaler Lern- und Merkfähigkeitstest (VLMT)
Beim Verbalen Lern- und Merkfähigkeitstest (VLMT) (Helmstaedter et al. 2001) wird dem Probanden zunächst fünfmal eine Liste aus 15 semantisch unabhängigen Wörtern präsentiert. Im Anschluss an jede Präsentation sollen die präsentierten Wörter in beliebiger Reihenfolge wiedergegeben werden. Nach diesen fünf Durchläufen findet eine Distraktionsaufgabe, ein Abruf nach der Distraktion und nach einem weiteren halbstündigen Intervall ein Wiedererkennungsdurchgang statt. Mit dem VLMT können unterschiedliche Parameter des deklarativen verbalen Gedächtnisses wie die Supraspanne, die Lernleistung, die langfristige Enkodierungs- bzw. Abrufleistung und die Wiedererkennungsleistung erfasst werden. Es werden insbesondere Kurzzeitgedächtnis, Arbeitsspeicherprozesse und Wiedererkennungsprozesse erfasst. Die Testzeit beträgt etwa 20–25 Minuten; hinzu kommt noch die halbstündige Verzögerung bis zur Erfassung der Wiedererkennungsleistung.
4.7 Repeatable Battery for the Assessment of Neuropsychological Status (RBANS)
Die Repeatable Battery for the Assessment of Neuropsychological Status (RBANS) (Randolph et al. 1998) besteht aus zwölf Untertests, die zu fünf Scores für die Leistungsbereiche Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Kurzzeitgedächtnis, visuospatiale Leistungen und Sprache führen. Die RBANS wurde zum Screening für Demenz und leichte kognitive Beeinträchtigung entwickelt. Der Gesamtwert erlaubt die Feststellung eines kognitiven Defizits mit hoher Sensitivität und Spezifität (Duff et al. 2010). Die Durchführung dauert etwa 30 Minuten.
Die eben aufgeführten Tests werden als Papier-Bleistift-Tests von einem Testleiter mit den Patienten durchgeführt. Diese Testsituation wird von den Probanden mitunter als unangenehm erlebt. Sie empfinden Scham oder Scheu, befürchten Defizite zu zeigen und fühlen sich bloßgestellt. Für das Testergebnis spielen auch die sogenannten Testleitereffekte eine Rolle. Dazu gehört zum Beispiel die Erwartung des Testleiters an den Probanden wie auch die gegenseitige Sympathie oder Antipathie, die zu Bewertungsfehlern führt.
Eine Möglichkeit, diese Probleme zu umgehen, kann der Einsatz einer computergestützten Testung bieten. Derartige Verfahren bieten einige Vorteile gegenüber der traditionellen Testung. Durch die standardisierte Durchführung und Auswertung wird eine hohe Testgüte garantiert und die Störvariablen werden minimiert. Die computergestützte Testung ist zeit- und personalsparend bei der Durchführung und Auswertung. Auswertungsfehler werden vermieden und die Verlaufsdiagnostik wird durch die schnelle Verfügbarkeit von vergleichbaren gespeicherten Ergebnissen erleichtert. Außerdem entfallen die unangenehme soziale Situation für die Probanden und die Testleitereffekte. Daher sollen an dieser Stelle zwei computergestützte Testbatterien, die für die Demenzdiagnostik geeignet sind, dargestellt werden.
4.8 Cambridge Neuropsychological Test Automated Battery (CANTAB)
Die Cambridge Neuropsychological Test Automated Battery (CANTAB) ist eine in England seit den 1980er Jahren entwickelte computergestützte Testbatterie, die ursprünglich insbesondere für die Untersuchung von Kindern angewendet wurde (Fried et al. 2015). Sie enthält unter anderem Aufgaben zum räumlichen Arbeitsgedächtnis, zur Reaktionszeit und zu exekutiven Funktionen. Auch für die Erkennung von Patienten mit Demenz und leichter kognitiver Beeinträchtigung ist das Verfahren geeignet (Cacciamani et al. 2018).
4.9 Merkfähigkeits- und Aufmerksamkeitstest (MAT)
Der Merkfähigkeits- und Aufmerksamkeitstest (MAT) wurde als Verfahren zur Früherkennung kognitiver Beeinträchtigungen bei Patienten mit beginnender Demenz entwickelt und validiert (Adler et al. 2012). Es werden Aufgaben zur selektiven Aufmerksamkeit, zum visuellen, verbalen und episodischen Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis sowie zu exekutiven Funktionen präsentiert. Der MAT ist einfach konstruiert und kann auch von Patienten mit leichter Demenz gut durchgeführt werden. Der Test ist für Bildung, Geschlecht und Alter normiert. Der MAT wurde auch schon zur Untersuchung kognitiver Beeinträchtigungen bei Patienten mit Multipler Sklerose verwendet (Adler und Lembach 2015). Die Untersuchungsdauer für die bei der Untersuchung von Patienten mit beginnender Demenz ergiebigsten Leistungsbereiche (selektive Aufmerksamkeit, episodisches Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis, exekutive Funktionen) beträgt etwa 30 Minuten.
Ein grundsätzlicher Nachteil der Testung nur mit computergestützten Verfahren ist der fehlende persönliche Eindruck. Deswegen sollte diese Art des Testens nur als ergänzende Methode und nicht als Ersatz für eine Testung durch erfahrene Untersucher gesehen werden.
Als Vorgehensweise zur neuropsychologischen Diagnostik bei Verdacht auf eine leichte kognitive Beeinträchtigung erscheint es sinnvoll, sich zunächst einen Überblick über die Leistungsfähigkeit des Probanden zu verschaffen. Dies geschieht am besten mit einem Verfahren, das eine gewisse Breite der kognitiven Leistungen abbildet. Zu diesem Zweck erscheint uns das SIDAM am günstigsten, aber auch die Verfahren MMSE oder MoCA sind dafür geeignet. Sofern sich bei diesen Verfahren keine erheblichen Defizite zeigen, sollten in einem zweiten Schritt eingehender die Leistungsbereiche untersucht werden, die am wahrscheinlichsten bei einer beginnenden Demenzerkrankung beeinträchtigt sind. Dies kann beispielsweise mit den Tests VLMT, RBANS, CERAD oder MAT geschehen.
Auf diese Weise lässt sich die kognitive Leistungsfähigkeit eines älteren Probanden recht zuverlässig beurteilen. Aus verschiedenen, teilweise schon angesprochenen Gründen kann es vorkommen, dass die Testergebnisse in der »Grauzone« liegen, also nicht eindeutig als auffällig oder unauffällig bewertet werden können. In diesem Fall empfiehlt es sich, eine Nachuntersuchung nach spätestens zwölf Monaten zu vereinbaren, um ein klareres Bild zu gewinnen. Alternativ kann es in dieser Situation allerdings auch durchaus angemessen sein, bereits zu diesem Zeitpunkt weitere technische Untersuchungen zur Klärung der neuropathologischen Situation anzustreben. Dies gilt insbesondere für gut gebildete, besorgte Probanden mit subjektiven Gedächtnisstörungen und Risikofaktoren für die Entwicklung einer Demenzerkrankung.
5 Diagnostik von Frühstadien der Alzheimer-Demenz
Die Selbstwahrnehmung von kognitiven Defiziten, leichte objektive Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit oder bekannte Risikofaktoren können für das Bestehen einer beginnenden Demenzerkrankung sprechen, so dass weitere diagnostische Maßnahmen erwogen werden. Es lassen sich keine eindeutigen Kriterien dafür angeben, wann genau derartige Untersuchungen angebracht sind. Neben objektiven Faktoren wie einer deutlichen Abnahme der kognitiven Leistungsfähigkeit oder einem hohen Maß von Risikofaktoren spielen auch subjektive Präferenzen eine Rolle. Das Ergebnis der diagnostischen Untersuchungen kann eine Bedeutung für eine Behandlung und für präventive Maßnahmen, aber auch für die weitere Lebensplanung und für zu treffende juristische Verfügungen haben.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass vor dem 50. Lebensjahr die Querschnittshäufigkeit einer Demenz mit 0,25 Promille sehr niedrig ist und dass in dieser Altersgruppe nur etwa 30 % der Demenzerkrankungen auf die Alzheimer-Krankheit zurückzuführen sind (Lambert et al. 2014). Beim Beginn einer Alzheimer-Demenz vor dem 65. Lebensjahr ist zudem die Symptomatik häufig atypisch (Barnes et al. 2015). Auch seltene Sonderformen der Alzheimer-Demenz wie die posteriore kortikale Atrophie treten zumeist vor dem 65. Lebensjahr auf (Crutch et al. 2012).
Wenn es bereits zu einer eindeutigen Abnahme der kognitiven Leistungsfähigkeit gekommen ist, dienen die ersten diagnostischen Schritte dazu, möglicherweise bestehende allgemein-körperliche Erkrankungen oder manifeste Gehirnerkrankungen als Ursache der kognitiven Leistungsminderung zu erkennen bzw. auszuschließen. Zu den dazu angebrachten Untersuchungen gehören neben einer gründlichen körperlichen Untersuchung eine Reihe von Laboruntersuchungen, mit denen häufige Erkrankungen, die zu einer Minderung der geistigen Leistungsfähigkeit führen können, erfasst werden, insbesondere Anämien, entzündliche Erkrankungen oder Schilddrüsenfunktionsstörungen. Auch eine bildgebende Untersuchung des Gehirns – Magnetresonanztomogramm (MRT) oder Computertomogramm (CT) – ist sinnvoll, um beispielsweise ein chronisches subdurales Hämatom oder einen Hirntumor zu erkennen. Eine Atrophie des medialen Schläfenlappens mit einer Verschmälerung des Hippokampus spricht für das Bestehen einer Alzheimer-Demenz (Visser et al. 2002).
Wenn diese Ausschlussdiagnostik durchgeführt wurde und keine Ursache der kognitiven Leistungsminderung identifiziert werden konnte, können gezielt die Biomarker der Alzheimer-Krankheit untersucht werden, deren Gesamtschau eine Feststellung der Alzheimer-Krankheit und gegebenenfalls ihres Schweregrads erlaubt.
Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Alzheimer-Krankheit zwar das häufigste pathologische Substrat einer Demenz ist, jedoch nicht selten gleichzeitig weitere pathologische Veränderungen wie Durchblutungsstörungen oder Alpha-Synukleinopathien vorliegen, die gleichfalls Einfluss auf den Schweregrad der Demenz haben (Schneider et al. 2007; Nelson et al. 2010).
Der Verlauf der Alzheimer-Krankheit, also der der Alzheimer-Demenz zugrundeliegenden neuropathologischen Prozesse, beginnt viele Jahre, bevor es zu einem Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit kommt. Wie bereits erwähnt, können im Verlauf einer Alzheimer-Demenz drei Phasen unterschieden werden:
• Die erste Phase ist die »präsymptomatische Phase«, in der Alzheimer-typische neuropathologische Veränderungen bestehen, aber die kognitive Leistungsfähigkeit noch nicht beeinträchtigt ist.
• Die zweite Phase ist die »prodromale Phase«, in der eine leichte kognitive Beeinträchtigung auftritt, typischerweise mit Gedächtnisstörungen, aber die Alltagsfertigkeiten noch erhalten sind.
• Die dritte Phase ist die der leichten Demenz, bei der ausgeprägte kognitive Leistungsminderungen in verschiedenen Bereichen mit Beeinträchtigung der Alltagsfunktionen bestehen.
Die Alzheimer-Krankheit beginnt mit einer Störung des Beta-Amyloid-Stoffwechsels, indem entweder zu viel Beta-Amyloid aus dem Amyloid-Präkursor-Protein produziert oder zu wenig Beta-Amyloid aus dem Gehirn eliminiert wird (Hardy und Selkoe 2002). Vermutlich in Folge der neurotoxischen Wirkungen des Beta-Amyloids (Klein et al. 2004) kommt es intrazellulär zu einer abnormalen Aggregation von Tau-Protein und im weiteren Verlauf zu synaptischen Funktionsstörungen, Zelltod und Hirnatrophie.
Das Ausmaß der kognitiven Leistungsminderung korreliert enger mit dem Ausmaß der Tau-Fibrillen als mit dem der Beta-Amyloid-Plaques (Bennett et al. 2004). Noch höher ist die Korrelation des Ausmaßes der kognitiven Einschränkungen mit dem Verlust an synaptischer Dichte (Terry et al. 1991) und dem Ausmaß der Hirnatrophie (Savva et al. 2009).
Bei den Biomarkern der Alzheimer-Krankheit kann man die Biomarker, die die Beta-Amyloid-Pathologie abbilden (Beta-Amyloid1-42im Liquor, Beta-Amyloid-Darstellung in der Positronenemissionstomographie (PET)), von denen unterscheiden, die die auf die Beta-Amyloid-Pathologie folgenden neurodegenerativen Prozesse abbilden (Tau-Protein im Liquor, Fluorodesoxyglukose-PET(FDG-PET), Elektroenzephalogramm (EEG) und MRT).
Erniedrigtes Beta-Amyloid1-42im Liquor und die Amyloid-Darstellung im Amyloid-PET bilden das Ausmaß der Amyloid-Ablagerungen im Gehirn ab. Die Befunde beider Untersuchungsverfahren korrelieren hoch miteinander (Fagan et al. 2006). In Autopsie-Studien bestätigt sich der Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von Beta-Amyloid-Plaques und der Erniedrigung des Beta-Amyloids1-42im Liquor (Strozyk et al. 2003) bzw. den Amyloid-Ablagerungen im PET (Ikonomovic et al. 2008).
Die Erhöhung des hyperphosphorylierten Tau-Proteins im Liquor (Phospho-Tau) ist ein spezifischer Hinweis auf die im Rahmen der Alzheimer-Krankheit ablaufende Tau-Pathologie (Buerger et al. 2006). Das gesamte Tau-Protein im Liquor (Gesamt-Tau) hat hingegen eher die Merkmale eines unspezifischen neuronalen Destruktionsmarkers und ist auch bei verschiedenen anderen Schädigungen des Gehirns erhöht (Hesse et al. 2001).
Das FDG-PET stellt den zerebralen Metabolismus dar und bildet insbesondere die synaptische Aktivität ab (Attwell und Laughlin 2001). Daher ist bei der Alzheimer-Krankheit die verminderte Glukoseaufnahme im FDG-PET ein Indikator der synaptischen Funktionsstörung. Dabei zeigt die Verminderung der Glukoseaufnahme ein charakteristisches räumliches Muster und betrifft insbesondere den temporoparietalen Kortex und den hinteren Teil des Gyrus cinguli (Jagust et al. 2007). Das Ausmaß der Verminderung der Glukoseaufnahme korreliert bei Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder Alzheimer-Demenz mit dem Ausmaß der kognitiven Leistungsminderung (Minoshima et al. 1997).
Das EEG entsteht durch die Summation postsynaptischer Potenziale im Kortex. Die typischen Veränderungen des EEG bei der Alzheimer-Demenz bestehen in einer Verlangsamung der Grundaktivität und einer Verminderung der Kohärenz, insbesondere über dem temporalen Kortex (Adler et al. 2003). Diese EEG-Parameter korrelieren bei der Alzheimer-Demenz mit der Krankheitsschwere (Prichep et al. 1994) und können Behandlungseffekte abbilden (Briels et al. 2020).
Im MRT lässt sich das Ausmaß der Hirnatrophie feststellen, die bei der Alzheimer-Demenz vor allem durch das Absterben von Dendriten, Synapsen und Neuronen verursacht wird (Bobinski et al. 1999). Bei der Alzheimer-Demenz zeigt sich eine hohe Korrelation zwischen quantitativen Maßen der Hirnatrophie, insbesondere der Volumenverminderung des Hippokampus, und dem Ausmaß der kognitiven Beeinträchtigung (Jack et al. 1992).
Die eben beschriebenen Veränderungen von Biomarken bei der Alzheimer-Demenz beginnen bereits vor dem Auftreten von Gedächtnisstörungen und kognitiver Leistungsminderung. So finden sich bei etwa 20–40 % der kognitiv unbeeinträchtigten älteren Personen im Amyloid-PET oder im Liquor Hinweise für Ablagerungen von Beta-Amyloid (Bouwman et al. 2009; Mintun et al. 2006). Auch Zeichen der Neurodegeneration wie verminderte Glukoseaufnahme im FDG-PET oder Volumenminderung im MRT können bei kognitiv unbeeinträchtigten Personen gefunden werden, haben dann allerdings einen hohen Vorhersagewert für die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz (Minoshima et al. 1997; Kaye et al. 1997).
Bei der Alzheimer-Krankheit folgen die Veränderungen der Biomarker einem charakteristischen biphasischen Muster (
Abb. 5.1). Zunächst treten die Zeichen der Amyloid-Pathologie auf, gefolgt – nach einem individuell unterschiedlich langen Intervall – von den Zeichen der Neurodegeneration (Ingelsson et al. 2004; Jack et al. 2009).

Abb. 5.1: Zeitlicher Ablauf der Veränderungen von Biomarkern und der Symptomatik bei Patienten mit Alzheimer-Demenz (Jack et al. 2010). In der Abbildung ist das Ausmaß und die zeitliche Abfolge der Veränderungen von Zeichen der Beta-Amyloid-Pathologie, Tau-Pathologie, Neurodegeneration und der klinischen Symptomatik der Alzheimer-Demenz dargestellt.
Von besonderem Interesse für die Demenzprävention ist das individuell unterschiedlich lange Intervall zwischen dem Auftreten der Beta-Amyloid-Pathologie und den folgenden neurodegenerativen Prozessen. Faktoren, die die Länge dieses Intervalls beeinflussen, sind neben der kognitiven Reserve (Stern 2012) andere neuropathologische, insbesondere zerebrovaskuläre Veränderungen (Nelson et al. 2010).
Da Blut leichter zugänglich ist als Liquor, wären diagnostisch aussagefähige Blutmarker der Alzheimer-Krankheit wünschenswert – am ehesten, um das weitere diagnostische Vorgehen mit invasiveren Untersuchungsmethoden besser planen zu können. Allerdings ist die Bestimmung ZNS-spezifischer Proteine im Blut schwierig, wegen deren niedriger Konzentrationen, dem Abbau durch Proteasen im Plasma und der Interferenz durch andere Proteine im Blut. Die Bestimmung des Tau-Proteins im Plasma ist bereits möglich (Zetterberg et al. 2013); die diagnostische und prognostische Bedeutung ist allerdings noch nicht eindeutig geklärt.
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