Read the book: «Was mich umtreibt»

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GALEN STRAWSON

Was mich umtreibt Tod, Freiheit, Ich …

Philosophische Essays

Aus dem Englischen

von Wera Elisabeth Homeyer


Inhalt

Vorwort

Einleitung

1Das Bewusstsein vom Ich

2Ein Irrtum unserer Zeit

3Ich habe keine Zukunft

4Alles eine Frage des Glücks

5Wie man ist, dazu kann man sich nicht machen

Ein Gespräch mit Tamler Sommers

6Die dümmste Behauptung

7Wahrhafter Naturalismus

8Das ungeschichtliche Leben

9Two Years’ Time

Anmerkungen

Vorwort

Die meisten der vorliegenden Arbeiten sind Versuche, Gedankengänge besser darzulegen, mit denen ich mich ursprünglich an ein Publikum professioneller Philosophen gewandt hatte. Den ersten Essay schrieb ich 1995, den letzten 2016. Zwei Essays erschienen im London Review of Books («Das Bewusstsein vom Ich» 1996 und «Wahrhafter Naturalismus» 2013), weitere zwei in The Times Literary Supplement («Alles eine Frage des Glücks» 1998 und «Ein Irrtum unserer Zeit» 2004). «Wie man ist, dazu kann man sich nicht machen» erschien zum ersten Mal im März 2003 in The Believer; thematisch stimmt dieser Essay zum Großteil mit «Alles eine Frage des Glücks» überein, er ist jedoch weniger formal. «Die dümmste Behauptung» ist eine Kurzfassung des 2017 am Wolfson College in Oxford gehaltenen Isaiah Berlin-Vortrags unter dem Titel «A Hundred Years of Consciousness: A Long Training in Absurdity». «Das ungeschichtliche Leben» wurde für die von Zachary Leader herausgegebene Sammelschrift On Life-Writing verfasst, die 2015 bei Oxford University Press erschienen ist. Eine Kurzfassung von «Ich habe keine Zukunft» erschien in Philosophy Now im Jahr 2007. «Two Years’ Time» wurde 2016 in der Zeitschrift Areté unter dem Titel «Whisper, Memory» veröffentlicht.

Die meisten Essays habe ich geringfügig überarbeitet und Zitate aus anderen Arbeiten übernommen. Sie sind nicht zusammenhängend, stehen aber im Hinblick auf einige wichtige Aspekte in einer äußerst nützlichen Beziehung zueinander. Mein besonderer Dank gilt Edwin Frank bei New York Review Books, der mich dazu ermuntert hat, die Essays zusammenzustellen und gemeinsam in einem Band zu veröffentlichen. Thematisch überschneiden sie sich in gewissen Punkten direkt, was sicherlich stören würde, wäre das Buch dazu bestimmt, an einem Stück gelesen zu werden; das ist es aber nicht. Die Quellenangaben zu den zahlreichen Zitaten liefere ich am Ende des Buches.

Vor zwanzig Jahren waren Arbeiten zu breit angelegten Themen rar und oftmals schwer zugänglich. «Things are different today» («Heute sehen die Dinge anders aus»), um mit Mick Jaggers zeitlosen Worten zu sprechen. Bulletins über den Tod, die Ewigkeit, das Bewusstsein, die Willensfreiheit, die Liebe, das Gedächtnis, die Wahrheit, die Existenz, das Selbst und den Kosmos treffen täglich in den E-Mail-Accounts ein. Viele von ihnen sind mitreißend, fundiert und kenntnisreich. Manchmal fühlt man sich allerdings förmlich überschwemmt. «Es gibt einfach zu vieles, um darüber nachzudenken.» Das von Saul Bellow beklagte «schwachsinnige Inferno» der Mainstream-Kultur ist schon schlimm genug, das sophistizierte Dampfbad sofort verfügbarer Hochkultur ist nicht immer besser. Steigt der Druck, gilt es noch immer, so seltsam restaurativ dies auch erscheinen mag, sich der Worte zu erinnern, die Descartes 1642 schrieb: «Es ist dem Individuum unmöglich, die große Anzahl neuer Bücher zu studieren, die jeden Tag veröffentlich werden.»

Ich habe mich mit vielen, vielen Menschen unterhalten oder mit ihnen korrespondiert. Sie haben mir geholfen, über diese Themen nachzudenken. Darunter Miri Albahari, Andrea Ashworth, David Auerbach, Anita Avramides, Julian Barnes, Barry Dainton, Daniel Dennett, Rosemary Dinnage, Francis Duncan, Owen Flanagan, Jerry Fodor, Helen Frowe, Rebecca Goldstein, Mark Greenberg, Simon Halliday, Paul Harris, Aaron Hauptman, Robyn Hitchcock, Mark Johnston, Jean Knox, Robert Kuhn, Douglas MacLean, Avishai Margalit, Annalena McAfee, Ian McEwan, Michelle Montague, Iris Murdoch, Thomas Nagel, Redmond O’Hanlon, Derek Parfit, David Pears, Philip Pettit, Antonia Phillips, Amélie Rorty, John Ryle, Marya Schechtman, Claude Silvestre, Michael Smith, David Sosa, Patrick Stokes, P. F. Strawson, Charles Taliaferro, Rosemary Twomey, Samantha Vice, Kathy Wilkes, Susan Wolf, Paul Woodruff, und Dan Zahavi.

Ich danke Susan Barba, Daniel Drake, Sara Kramer sowie Gregory Nipper für ihre professionelle Hilfe bei der Nachbearbeitung und in den verschiedenen Phasen des Korrekturlesens.

Einleitung

Manche Menschen bekommen schon sehr früh einen Begriff von Unendlichkeit. Vor allem bei kleinen Kindern mit einer Vorliebe für Zahlen ist dies durchaus nicht ungewöhnlich – erst kürzlich konnte ich das bei einem meiner Enkel beobachten. Ein Leben lang bleibt die Unendlichkeit verstörend für uns Menschen, insbesondere, wenn sie als Ewigkeit verstanden wird und, was unweigerlich geschieht, zum Gedanken an den Tod weiterführt. Doch gerade als Kinder trifft uns diese Erkenntnis mit großer Wucht, wie ich aus eigenem Erleben bestätigen kann. Obwohl es keinen Todesfall in meiner Familie gegeben hatte und meine Freundin aus Kindertagen (mit fünf Jahren hatten wir uns «verlobt») auch erst sehr viel später durch einen tragischen Unfall ums Leben kommen sollte, hatte ich seit meinem vierten Lebensjahr panische Angst vor dem Tod. Als ich mit 22 Monaten ganze drei Tage ohne Besuchserlaubnis meiner Familie im Krankenhaus verbringen musste, kam mir dies schier unendlich vor. (Es half auch nichts, dass man mir sagte, dass meine Eltern sonst ernstlich erkranken könnten.) Das areligiöse Umfeld, in dem ich aufwuchs, war für eine Bewältigung dieser Angst auch nicht gerade zuträglich. Am schlimmsten jedoch litt ich in meiner Kindheit unter dem Umstand, dass ich kaum schlafen konnte – zum einen, weil ich ein ungemütliches Armeebett im Dachzimmer eines großen, kalten Hauses mein Eigen nannte, vor dessen Tür sich obendrein ein feuerverzinktes Ungetüm von einem Wassertank befand, zum anderen, weil alle Übrigen weit weg waren. Mein Bruder und meine Schwester schliefen in dem Stockwerk unter mir und meine Eltern sogar zwei Treppenfluchten (21 Stufen und noch einmal 16 Stufen) tiefer. So lag ich Nacht für Nacht allein in der Dunkelheit wach und dachte über den Tod nach, über die zukünftige ewig währende Nicht-Existenz meiner selbst, und noch viel schlimmer, meiner gesamten Familie. (Auf S. 93 werde ich kurz darauf eingehen.) Sehr viel später habe ich während einer kurzen Psychotherapie meinem Therapeuten gegenüber geäußert, ich sei «mit dem Tod aufgewachsen», was etwas melodramatisch klingt, aber in gewisser Weise durchaus zutrifft. Bis ins junge Erwachsenenalter hinein beschäftigte mich das Thema Tod nachhaltig. Der Friedhof St. Giles lag nur ein paar hundert Meter von unserem Haus in Oxford entfernt. Und obwohl ich ja wusste, dass es für die unendliche Dauer des Totseins, also der Nicht-Existenz, keinen Unterschied macht, beunruhigte es mich stark, dass auf dem Friedhof offensichtlich kein Platz mehr war. Ich wünschte mir, wenn es schon für eine so lange Zeit sein müsste, wenigstens an einem Ort gemeinsam mit meiner Familie begraben zu sein.

Wie vielleicht alle Kinder, sehnte ich mir, als ich noch sehr klein war, eine gute Fee herbei, die mir jedweden Wunsch erfüllen könnte. Ich wusste bereits aus den mir bekannten Märchen, dass es wohl wenig klug wäre, alle meine zukünftigen Wünsche von dieser Fee erfüllen zu lassen, denn wenn sich etwas rächt, dann Habgier. So wünschte ich mir also ausschließlich, endlich schlafen zu können, wann immer ich wollte – auch wenn es noch so verlockend erschien, sich eine Süßigkeiten-Maschine herbeizaubern zu lassen.

Eine kindliche Fixierung auf den Tod ist zwar eine Besonderheit, ungefähr so, wie als Linkshänder oder mit roten Haaren geboren zu werden, aber nicht unbedingt außergewöhnlich, wie ich 1974 herausfinden sollte, als mir das Buch The Discovery of Death in Childhood and After von Sylvia Anthony in die Hände fiel. Bereits Dreijährige können sich des Todes sehr bewusst sein. In den späten Siebzigerjahren, meine Tochter war ungefähr drei, hatte einer ihrer Spielkameraden mit starken Todesgedanken zu kämpfen. Im Gegensatz zu mir war er jedoch in der Lage, seinen Ängsten offen Ausdruck zu geben. Wurde die Angst des Nachts zu groß, schrie ich manchmal. Kamen dann meine Eltern zu mir, was durchaus nicht immer der Fall war und lang anhaltendes Weinen erforderte, behielt ich alles für mich und erfand schnell einen Albtraum, in dem ich von Wölfen verfolgt wurde. Ein Grund dafür, dass ich meinen Eltern die Gedanken über Tod und Ewigkeit nicht anvertrauen konnte, war sicherlich, dass ich tief im Innern bereits wusste, dass ich richtig lag, und dies nicht auch noch aus ihrem Mund bestätigt wissen wollte. Vergeblich versuchte ich dann, die Ritterfiguren von meiner Zimmertapete zu meiner Verteidigung einzusetzen – auch sie waren nicht gegen die Ewigkeit gewappnet. Immer wieder erfand ich eine Geschichte von einem kleinen Jungen, der mit seiner Mutter in einem rot-weiß gepunkteten Fliegenpilz wohnte, nur um meine Gedanken vom Tod abzulenken. An viel erinnere ich mich nicht mehr, aber meine Einbildungskraft reichte nie lang genug aus, um alles Düstere aus meinen Gedanken zu verbannen.

Der Tod war also eines der ersten Themen (und damit meine ich die eigentlichen, großen Themen, Fragen «kosmischer Ordnung», nicht Dinge wie die Größe meiner Ohren oder die Gepäckausgabe in Heathrow), die mich nachhaltig beschäftigten, und doch nimmt er in diesem Buch nur einen marginalen Platz ein. Seither bin ich mein Leben lang ein Mensch geblieben, der von Besorgnis umgetrieben wurde, und damit bin ich nicht allein. Wir alle sind im «kosmischen Sinne» verstört, sobald wir uns nicht ausschließlich darum kümmern müssen, zu überleben, es warm zu haben oder uns zu ernähren, wie es leider viel zu vielen Menschen auf dieser Welt ergeht. Natürlich sind einige Menschen in höherem Maße besorgt als andere, aber dies kann allein der Tatsache geschuldet sein, dass wir mehr Zeit dazu haben, uns Gedanken zu machen. Vielleicht haben wir nur deshalb mehr Zeit, weil wir «Schlaflose» sind. Besäße ich ein magisches, unfehlbares Instrument zum Messen meiner Betroffenheit, einen «Sorgometer», ich läge bestimmt oberhalb der 85 Prozent – wie weit darüber, vermag ich nicht zu sagen –, und doch mäße dieser «Sorgometer» nur die bewussten, offen zutage tretenden Ängste.

Die hier zusammengestellten Texte beschäftigen sich mit der Freiheit des Willens, dem Bewusstsein, dem Tod, aber auch damit, was es bedeutet, als Philosoph ein wahrhafter «Naturalist» zu sein, einer, der an nichts Übernatürliches glaubt. Sie handeln von der Idee des Ichs, dem Bewusstsein, ein Selbst zu sein oder eines zu besitzen; von diesem Selbst in der Zeit, vom Narrativen im Leben und en passant von menschlicher Leichtgläubigkeit ohne Grenzen. Bei den Kapiteln, welche das «Narrative», also das «Erzählerische» abhandeln («Ein Irrtum unserer Zeit» und «Das ungeschichtliche Leben») schwingt etwas Polemik mit, denn ich schrieb sie gegen den anscheinend allgemein verbreiteten Konsens, dass jeder, der sein Leben in irgendeiner Form «anpasst», notwendigerweise auch ein «narratives» Leben führt. Meines Erachtens liegt dieser Sicht eine schwerwiegende, ja sogar schädliche Fehleinschätzung zugrunde. Es berührt mich immer noch zutiefst, wie viel Dankbarkeit mir im Laufe der Jahre dafür entgegengebracht wurde, dass ich dem meine eigene Position entgegengesetzt habe. All jene Menschen bestätigten mir, dass sie sich immer irgendwie «falsch» gefühlt hätten, nicht in der allgemein anerkannten «narrativen» Art zu leben. Ihr Echo macht all die Feindseligkeiten wett, die ich durch Verfechter des «Pro-Narrativen» erfahren musste. (Was bedeutet es überhaupt, «narrativ» zu leben? Ich weiß es bis heute nicht, und ich glaube, ich kann auch keinen besseren Erklärungsversuch unternehmen als auf den Seiten 255f.)

Vor rund zehn Jahren, kam es mir in den Sinn, dass meine «nicht-narrative» Sicht des Lebens (wie auf den Seiten 65-68 erläutert) in der 1995 begonnenen Einnahme des Antidepressivums Fluoxetin begründet liegen könnte. Zumindest könnte dies jemand mutmaßen, der nicht daran glaubt, dass ein Mensch von Natur aus überhaupt in der Lage ist, eine «ungeschichtliche» Sicht auf das Leben zu haben. Zu keinem Zeitpunkt war ich selbst jedoch von der Richtigkeit dieser Annahme überzeugt, denn ich kannte zahlreiche Personen, die trotz der Einnahme von Fluoxetin eine stark narrative Sichtweise beibehielten. Einige Jahre später stieß ich auf einen Tagebucheintrag aus dem Juli 1994, einer Zeit, lange bevor ich mich mit diesem Thema befasst hatte: «Nichts Narratives, keinerlei Entwicklung in meinem Leben. Es scheint mir, mein Leben habe keine weitere Ausdehnung als über den jeweiligen Moment hinaus – dass ich eine Person bin, die von einem Tag zum anderen fortbesteht. Zum Teil traf dies wohl schon immer zu, es hat sich allerdings in letzter Zeit gravierend verstärkt. Was den einzelnen Tag überdauert und ihn mit dem folgenden verbindet, sind Probleme oder noch zu erledigende Dinge. Sie halten mein Leben zusammen. Ich besitze nicht wirklich ein Selbst. Ich denke, im Vergleich zu anderen, entspricht das der Wahrheit.» Manch einem mag es seltsam erscheinen, dass eine Person zutiefst von der Vorstellung des Todes verängstigt sein kann, ohne das eigene Leben wirklich als «Lebensgeschichte» zu begreifen. Eigentlich ist die Erklärung recht einfach, sie bedarf allerdings auch einer näheren Erläuterung, da die Diskussion um das «Narrative» oft recht konfus geführt wird.

Für alle «Nicht-Narrativen» sind Søren Kierkegaards Schriften Inbegriff der irrigen Annahme, dass nur ein strikt auf die eigene Geschichte gerichtetes Leben dem Urteil der Unendlichkeit standhält. Kierkegaard postuliert, dass es absolut notwendig sei, sich selbst im Blick zu behalten. In Die Krankheit zum Tode, unter dem Pseudonym Anti-Climacus veröffentlicht, schreibt er: «Im Grunde kommt jeder in der Ewigkeit so an, dass er die genaueste Anzeige auch von jeder geringsten Kleinigkeit, die er verübte oder unterließ, selbst mitbringt und abliefert.» Jeder habe also «bis ins kleinste Detail» Rechenschaft über sein Leben abzulegen.

Johann Wolfgang von Goethe bietet ein erstes Gegenargument:

«Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: ‹erkenne Dich selbst›, so müssen wir es nicht im asketischen Sinne auslegen. Es ist keineswegs die Heautognosie (i.e. Selbst-Erkenntnis) unserer modernen Hypochondristen, Humoristen und Heautontimorumenen (i.e. Masochisten) damit gemeint; sondern es heißt ganz einfach: gib einigermaßen Acht auf Dich selbst, nimm Notiz von Dir selbst, damit du gewahr werdest, wie Du zu Deinesgleichen und der Welt zu stehen kommst. Hierzu bedarf es keiner psychologischen Quälerei, jeder tüchtige Mensch weiß und erfährt, was es heißen soll; es ist ein guter Rat, der einem Jeden praktisch zum größten Vorteil gedeiht.»

In ihrem Buch The Sovereignty of Good untermauert Iris Murdoch diese These. Sie stellt die Idee der Selbst-Erkenntnis als Befreiung infrage und bringt ihr ein tiefes Misstrauen als «Mechanismus der Phantasie» entgegen. Ihrer Auffassung nach kontrolliere dieser Mechanismus unser ethisch-emotionales Welt-Verständnis:

«Selbst-Erkenntnis im Sinne eines minutiösen Verstehens des eigenen ‹Apparats›, erscheint mir, bis vielleicht auf sehr rudimentärem Niveau, meistens enttäuschend … Es ist nicht die Untersuchung des ‹Phantasie-Apparats› selbst, die befreiend wirkt, sondern etwas außerhalb desselben Gelegenes. Eine eingehende Betrachtung des ‹Phantasie-Apparats› fungiert wohl eher als Wirkungsverstärker.»

Albert Camus bringt dies wie folgt auf den Punkt – und damit stimmen wohl auch religiös eingestellte «Narrative» überein:

«Denn wenn es eine Sünde gegen das Leben gibt, so besteht sie vielleicht nicht so sehr darin, an ihm zu verzweifeln, als darin, auf ein anderes Leben zu hoffen und sich der unerbittlichen Größe dieses Lebens zu entziehen.»

Auch in den beiden Essays, in denen ich mich mit der Frage nach dem Bewusstsein beschäftige, klingt durchaus eine gewisse Polemik an. (In «Die dümmste Behauptung» und weniger direkt in «Wahrhafter Naturalismus»). Polemik deshalb, weil ich die aktuelle Debatte zutiefst deprimierend finde. Auf beiden Seiten sind die Fronten verhärtet und es besteht kaum Offenheit für die Argumente der jeweils anderen. Da sind zum einen diejenigen, die, so wie ich selbst, wissen, dass Bewusstsein existiert, und die von Grund auf respektieren, dass wir genau wissen, was dieses Bewusstsein ist und dass nichts im Leben mit größerer Gewissheit existiert. Ihnen gegenüber stehen die Zweifler, die all dies negieren oder doch zumindest zum Teil ablehnen, auch wenn sie selbst das nicht unbedingt so von sich behaupten würden – zwecklos, jemanden aus dieser Liga überzeugen zu wollen, man wird noch nicht einmal Gehör finden. Trotzdem möchte ich drei Dinge mit Nachdruck klarstellen:

Erstens ist es absolut inkohärent, einzuräumen, dass Bewusstsein zwar «irgendwie» existiert, gleichzeitig aber die Realität von Bewusstsein anzuzweifeln oder gar zu verneinen. Zweitens gibt uns auch die Naturwissenschaft keinerlei Grund, auf irgendeine Weise anzuzweifeln, dass bewusste Erfahrungen etwas anderes sind, als sie zu sein scheinen; vor allem das subjektive Erleben in all seiner Vielfalt und Fülle von Geruch, Geschmack, Fühlen, Sehen, Hören, Denken und Emotionen. Drittens kann auch die Naturwissenschaft nicht widerlegen, dass bewusste Erfahrungen etwas zutiefst Physisches sind, ebenso physisch wie die Erdanziehungskraft, wie Bewegung oder Elektrizität. Bei diesem dritten Punkt bedarf es einer gewissen Erklärungsarbeit, da viele von uns einen blinden Fleck entwickelt haben, wenn es darum geht, was überhaupt als physisch begriffen werden kann. Aber der Schlüssel zur Erklärung ist einfach: Wir haben keine Kenntnis darüber. Wie kommen wir dann dazu, zu denken, wir wüssten mehr über die eigentliche Natur des Physischen, als es in Wahrheit der Fall ist?

Nirgends jedoch scheiden sich die Geister so sehr wie an der Frage nach dem freien Willen. Wenngleich diese Fragestellung eine der ältesten der Menschheit überhaupt ist, erfährt man wohl schwerlich sonst so viel Ablehnung, wie wenn man das Fehlen der Willensfreiheit postuliert. Man wird von Hass-Briefen förmlich überschwemmt, äußert man sich nur in diese Richtung. Einige dieser Nachrichten sind hässlich, andere bedrohlich, doch allesamt sprechen sie für die Stichhaltigkeit des Arguments. Eine zehn Jahre alte Mail bewahre ich noch immer: «Ich möchte Ihnen nur sagen, dass Sie wohl der bescheuertste Idiot überhaupt sind und dass dies das schlimmste, zusammenhangloseste und absurdeste philosophische Argument ist, das ich je gelesen habe. Schreiben Sie nicht – nie wieder!»

Es fällt schwer, dies nicht als Bestätigung zu werten. Die Heftigkeit, die einem aus diesen Äußerungen entgegenschlägt, spricht dafür, dass die Schreiber die Berechtigung des Arguments durchaus anerkennen, und dies lässt ihren Ärger etwas deplatziert erscheinen. Stimmen sie im Grunde mit uns überein? Und warum machen sie uns dies dann zum Vorwurf? Und sollten sie denken, dass wir falsch liegen, warum dann dieses Gefühl der Beleidigung? Was wohl hätten sie Einstein erwidert, als er äußerte: «Würde ein Wesen von höherer Intelligenz und Einsicht den Menschen und sein Handeln betrachten, so müsste es unweigerlich über die menschliche Illusion, nach freiem Willen zu handeln, schmunzeln.» (Auf S. 122 zitiere ich diese Passage noch ausführlicher).

Der letzte der hier aufgenommenen Texte handelt von meinen Erfahrungen in den 1960er-Jahren – die mich nicht umtreiben. Als Craig Raine, Herausgeber des literarischen Magazins Areté, dem verlegerischen Äquivalent zu Thompson’s Hound of Heaven, mich bat, meine Erinnerungen an diese Zeit niederzuschreiben, war ich daran absolut nicht interessiert und versuchte auf jede erdenkliche Weise, drum herumzukommen. Ich fragte seine Tochter, die Dramatikerin Nina Rain, wie ich wohl der Forderung ihres Vaters entgehen könne, worauf sie mir schlicht antwortete: «Kannst du nicht.»

Ich empfinde Philosophie – und damit meine ich Philosophie in ihrem umfassendsten Sinne – als eine zutiefst konkrete, sinnliche Aktivität, und damit stehe ich nicht allein. Die Welt der Ideen erscheint mir genauso plastisch wie die Welt der Seen und Berge, ja sogar in noch stärkerem Maße. Die Topographie der geistigen Welt lässt sich ebenso wenig ändern wie man Samarkand in größere Nähe zu Buchara versetzen könnte, selbst wenn man neue Perspektiven entdecken kann oder feststellt, dass man die Landkarte falsch gezeichnet hat oder der Mensch die Erde lange Zeit für eine Scheibe hielt. Ideen besitzen in der Welt des Geistes die gleiche Körperlichkeit in ihrer Ausdehnung, ihrer natürlichen Begrenzung und in ihrem Panorama. Man kann sie berühren. Sie besitzen einen individuellen Geschmack, ästhetische Eigenschaften, emotionale Schattierungen, Kurven, Oberflächen, Innenseiten, versteckte Plätze, Struktur, Geometrie, dunkle Gänge, lichtvolle Plätze, Auren, Kraftfelder und sie sind kombinationsfähig.

Mit den Worten Bertrand Russells: «Reisen ist ein Vergnügen, sowohl in der geistigen als in der physischen Welt, und es ist gut, zu wissen, dass wenigstens in der geistigen Welt es weite Gebiete gibt, die noch sehr unvollkommen erforscht sind.»

Aber ich spürte: Du bist ein Ich.

ELIZABETH BISHOP

1Das Bewusstsein vom Ich
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Von einem «Selbst» zu sprechen klingt zumeist befremdlich. Einige Philosophen behaupten sogar, dass das «Selbst» oder «Ich» eine Illusion sei, entstanden durch einen inkorrekten Gebrauch der Sprache. Das scheint mir wenig plausibel, denn so dumm ist der Mensch nicht. Die Frage nach dem «Ich», nach dem «Selbst», wird nicht durch einen unsachgemäßen Sprachgebrauch aufgeworfen, der unvermittelt grundlos auftritt. Im Gegenteil, der Ausdruck «das Selbst» erwächst aus dem vorausgehenden eigenständigen Empfinden, dass so etwas wie ein «Ich» existiert. Es entsteht aus dem Bewusstsein vom Ich, vom «Selbst». Der Ausdruck «das Selbst» mag in der Alltagssprache ungewöhnlich anmuten und hat in einigen Sprachen auch keine direkte Entsprechung. Nichtsdestotrotz lassen sich in allen Sprachen Umschreibungen finden, die der Rolle des «self» im Englischen oder «Selbst» im Deutschen vergleichbar sind – mag diese Rolle auch noch so diffus sein. Die meisten Menschen verbinden etwas mit dem Ausdruck «das Ich». Er findet auf natürliche, ungezwungene Weise Eingang in philosophische, psychologische oder religiöse Fragestellungen, die ganz selbstverständlich der menschlichen Natur entspringen. Und doch denke ich, dass die Existenz und die Natur des «Ich» die Philosophie vor ein ernsthaftes Problem stellen, das weit über ein bloßes Gedankenspiel hinausreicht. Anthony Kenny und einige andere Philosophen machen es sich zu leicht, wenn sie die «Essenz der Theorie vom Ich» auf einen «grammatikalischen Fehler» herunterbrechen. Es ist schlicht falsch, wenn man in der Wandlung von myself («ich selbst») zu my self («mein Selbst») keine Bedeutungsverschiebung erkennt, sondern eine bloße grammatikalische Nachlässigkeit, «ein Stück philosophischen Nonsens’, bestehend auf dem Missverständnis des reflexiven Pronomens». Es stimmt allerdings, dass wir die Natur des Ich – die ganz gewöhnliche, zutiefst menschliche Erfahrung, ein «Ich» zu besitzen oder ein «Ich» zu sein – erst einmal genauer beleuchten müssen, bevor wir uns die Frage stellen, ob es überhaupt ein «Ich», ein «Selbst» gibt.

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Einige bezweifeln, dass es überhaupt so etwas wie ein allen Menschen gemeinsames Bewusstsein vom «Selbst» gibt. Und doch existiert ein psychisches Fundament, das allen Menschen eigen ist, gleich welcher Kultur sie entstammen, sogar in weitaus größerer Übereinstimmung, als dies viele Anthropologen oder Soziologen wahrhaben wollen. Ein gemeinsames «Mensch-Sein», tiefe emotionale und kognitive Gemeinsamkeiten, die alle Differenzen kultureller Prägung übersteigen. Die Psyche des Menschen besitzt ein überaus breit gefächertes Spektrum. Und doch findet man große Varietäten in der psychischen Grundstruktur des Menschen eher innerhalb eines einzelnen Kulturkreises als im interkulturellen Vergleich. Der radikale kulturelle Relativismus, wie ihn der Anthropologe Clifford Geertz vertritt und der von breiten Teilen der akademischen Welt immer noch als bindend angesehen wird, scheint die genetischen Determinanten der menschlichen Natur sowie die unstrittigen Gemeinsamkeiten des menschlichen Lebens an sich außer Acht zu lassen.

Daher und weil ich ein unbekümmertes «kantianisches» Vertrauen in die Fähigkeit der Philosophie hege, zu Schlüssen von hoher Allgemeingültigkeit zu gelangen, wenn es um Fragen dieser Art geht, möchte ich diese Bemerkungen zum gewöhnlichen Bewusstsein des Menschen von seinem Selbst – sollten sie sich als wahr erweisen – der gesamten Menschheit zusprechen. Hinsichtlich der Frage nach dem «Selbst» sind die Unterschiede zwischen denen, die schlafen können, und denen, die es nicht können, wohl größer als alle kulturellen Differenzen. Emil Cioran räumt der Schlaflosigkeit sogar eine so immense Bedeutung ein, dass er geneigt ist, den Menschen als «das übernächtigte Tier» zu bezeichnen.

Mit «Bewusstsein vom Ich» meine ich also das sichere Empfinden des Menschen, eine spezifische mentale Gegenwart zu sein, ein mentaler Jemand, mentaler Ort der Wahrnehmung, ein bewusstes mentales Subjekt, das sich von seinen einzelnen Erfahrungen, Gedanken, Hoffnungen, Wünschen und Gefühlen unterscheidet. Dieses «Selbst-Bewusstsein» bildet sich bei fast allen Menschen bereits in der Kindheit aus. Besonders lebhaft erfahren wir es meistens, wenn wir allein sind und denken, aber auch im Lärm eines überfüllten Raumes kann es deutlich zutage treten. Eng damit verbunden ist für die meisten Menschen der Eindruck, dass ihr Körper bloß Wohnstatt für ihr geistiges Wesen ist, ihr eigentliches «Selbst». Physische Betätigung oder Schmerz verdrängen ihn nicht; vielmehr wirken sie oft verstärkend darauf, dass das «Selbst» als etwas vom Körper Unabhängiges verstanden wird.

Damit meine ich nicht, dass ein Bewusstsein vom «Selbst» mit dem Glauben an eine immaterielle, unsterbliche Seele zusammenfällt. Philosophische Materialisten, die, wie auch ich, davon ausgehen, dass jede Bewusstseinsaktivität ein rein physischer Vorgang ist, erleben das «Selbst» im gleichen Maße wie jeder andere Mensch auch.

Unser allgemeiner, natürlicher und unreflektierter Begriff vom «Ich» lässt sich in sechs bis sieben teilweise ineinandergreifende Aspekte gliedern, die ich im Folgenden näher erläutern möchte. Psychische Störungen oder besondere spirituelle Praktiken, so interessant und berechtigt ihre Betrachtung auch sein mag, werde ich dabei ausklammern.

– Erstens: Das «Selbst» wird als Ding erfahren/verstanden, wenngleich schwer fassbar.

– Zweitens: Es ist etwas ausschließlich Mentales; auch dies bedarf genauerer Erläuterung.

– Drittens: Es ist das erlebende Subjekt, welches ganz bewusst fühlt, denkt oder auswählt.

– Viertens: Es ist singulär, einzigartig.

– Fünftens: Es ist etwas Distinktes, klar Unterschiedenes in folgendem Sinne: es ist nicht dasselbe Ding wie der ganze Mensch, insofern der Mensch als ein Ganzes betrachtet wird.

– Sechstens: Es wird als Agens, als Handelndes, Wirkendes erfahren/verstanden.

– Siebtens: Es besitzt einen Charakter, eine individuelle Persönlichkeit.

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Was genau bedeutet es also, das «Selbst» als Ding zu verstehen? Erst einmal lässt sich sagen, dass das «Selbst» weder ein Zustand noch eine Eigenschaft von etwas ist. Ebenso wenig wird es als Ereignis oder Prozess erfahren. Also kann es sich notwendigerweise nur um ein Ding handeln. Kein Ding im Sinne der Körperhaftigkeit eines Steines oder eines Stuhls, aber doch im weitesten Sinne ein Ding mit Kausalcharakter. Also etwas, das Veränderungen unterliegen kann und das Einfluss auf andere Dinge nimmt. George Berkeleys Charakterisierung des «Selbst» als «geistiges tätiges Prinzip» kann hier genauso gut dienen wie jede andere. «Prinzip» in seinem alten Sprachgebrauch scheint das Problem auf elegante Weise zu lösen, indem es weitestgehend ein Ding evoziert, ohne gleich an ein fassbares Objekt, wie einen Tisch oder einen Stuhl, zu erinnern. Und doch denke ich, dass wir die Kategorie Ding um den von Fichte geprägten Begriff «Tathandlung» erweitern sollten. Objekte physischer Natur, wie Stühle, Berge, etc., werden auf metaphysisch-wissenschaftlicher Ebene ebenso als Prozess betrachtet. Prozesse, die nichts weiter zu sein brauchen, als sie es bereits sind, und darin weiter existieren oder stattfinden dürfen.

Betrachten wir die zweite Eigenschaft des «Selbst», das rein Mentale. Auf den ersten Blick einleuchtend, bedarf es bei der mentalen Natur des «Selbst» doch einer differenzierteren Erklärung. Die zentrale Idee scheint folgende: Wenn das «Selbst» als Ding gedacht wird, scheint seine Forderung, dem Bereich der Dinge anzugehören, schon durch seine mentale Natur ausreichend begründet zu sein. Nichtsdestotrotz kann es über eine nicht-mentale Natur verfügen, wie ich oder andere Philosophen annehmen – eine nicht-mentale Natur in Form eines Systems oder einer Vielzahl von Systemen innerhalb des Gehirns. Aber die «Dinghaftigkeit» des «Selbst» gründet hier nicht auf der Ebene des Nicht-Mentalen. Das «Selbst» ist ein mentales «Selbst». Es stimmt, dass wir ganz selbstverständlich davon ausgehen, mentale und nicht-mentale Eigenschaften zu besitzen. Das wirkt sich allerdings nicht auf die allgemein verbreitete Auffassung vom «Selbst» als etwas spezifisch Geistigem aus.

Wie bereits gesagt, schließt das Bewusstsein vom «Selbst» als einem spezifisch mentalen Ding nicht notwendigerweise den Glauben an eine immaterielle Seele ein. Es trägt allerdings durchaus Züge, die einen solchen Glauben ganz unweigerlich nach sich ziehen können. Es ist einfach, sich das mentale «Selbst» als autarke, sich selbst genügende Einheit vorzustellen, die innerhalb einer Sphäre existiert, die nichts mit der durch die Physik beschriebenen Realität zu tun hat. Die Dinge sind nicht das, was sie scheinen, wie wir Materialisten sagen, aber sie erscheinen als das, was sie scheinen. Und vor diesem Hintergrund lässt es sich einfach erklären, wie natürlich es ist, das «Selbst» als etwas spezifisch Mentales zu betrachten.

Die dritte Eigenschaft des «Selbst» als Subjekt der Erfahrung und des Erlebens erscheint mir eindeutig und leicht zu verstehen. Was also ist ein Subjekt der Erfahrung? Der eine oder andere mag dies als heikle Fragestellung betrachten, und doch meine ich, dass der gesunde Menschenverstand eine sehr präzise Vorstellung davon hat. Vielleicht ist die Antwort nicht so leicht in Worte zu fassen, aber das Verständnis davon besitzen wir intuitiv, da wir alle Subjekte der Erfahrung sind und uns unserer selbst sehr bewusst sind, unabhängig davon, welche religiöse oder philosophische Überzeugung wir vertreten. Eigentlich wird der Mensch in seiner Gesamtheit von Körper und Geist als Subjekt der Erfahrung betrachtet, wie nebenbei auch alle anderen Lebewesen. Wir Menschen tendieren allerdings dazu, insbesondere unser mentales «Selbst» als erfahrendes, erlebendes Subjekt anzusehen. Das muss nicht notwendigerweise korrekt sein. Ich versuche an dieser Stelle vor allem zu beschreiben, wie wir dies erleben.

Nun zum vierten Aspekt des «Selbst», seiner Singularität. Aber inwiefern ist das «Selbst» denn einzigartig? Nicht in Form eines einzelnen Kollektivs, wie beispielsweise ein Haufen Murmeln singulär ist, sondern eher in dem Sinne, dass eine einzelne Murmel einzigartig ist, wenn man sie in Vergleich zu einem Haufen Murmeln setzt. Das «Selbst» wird standardmäßig als singulär betrachtet. Dies gilt sowohl für sein «synchrones» Erscheinen, also zu einem bestimmten Zeitpunkt während einer einheitlichen, lückenlosen Bewusstseinsperiode, als auch für seine «diachrone» Existenz, d. h. als etwas über einen längeren Zeitraum hinweg Bestehendes. Wirklich ununterbrochene Bewusstseinseinheiten sind, wie ich denke, extrem kurz, wenige Bruchteile einer Sekunde vielleicht, allerhöchstens ein paar Sekunden. Man sollte den Terminus «synchron» durchaus etwas ausdehnen, um solche Abschnitte abdecken zu können.

Manche behaupten, das «Selbst» als etwas Fragmentarisches, Multiples zu erleben, und ich glaube, jeder von uns hat entsprechende Erfahrungen gemacht, um zu verstehen, was damit gemeint ist. Manches Mal sind wir rasch wechselnden, sich überlagernden Stimmungen oder gravierenden inneren Interessenkonflikten unterworfen. Gedankliche Prozesse können mit einer solch rasenden Geschwindigkeit ablaufen, dass sie förmlich auf uns einstürzen und keine gedankliche Ordnung mehr zulassen. Das mag als Beleg für ein multipel-synchrones Erfahren des Selbst genommen werden.

Nehmen wir einander widerstreitende Bedürfnisse in uns wahr, verstärkt dies jedoch meist unseren Eindruck vom «Selbst» als einer singulären Einheit. Ist es nicht letztendlich so, dass man eine derartige innere Diskrepanz nur dann zu registrieren vermag, wenn man sich im Grunde als ein Einziges betrachtet? Wie ist es zum Beispiel, wenn uns eine chaotische Gedankenflut überkommt? Meistens empfinden wir uns dann als hilflose Zuschauer einem mentalen Pandämonium gegenüber. Und auch hier: Die Erfahrung, ein bloßer Zuschauer zu sein, verstärkt doch wieder unsere Wahrnehmung von uns selbst als singulärer Einheit. Und sollte man annehmen, dass es überhaupt möglich ist, sich als multipel-synchrones «Ich» wahrnehmen zu können, setzt dies ein Höchstmaß an selbstreflexivem Denken voraus, das wiederum von vornherein derartige Erfahrungen ausschließt. Die Metapher der Multiplizität ist machtvoll, aber sie bleibt eben doch nur eine Metapher, die ihre Stärke aus der ursprünglichen Erfahrung von Singularität bezieht. Wie Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft bemerkt, «… kann doch das subjektive Ich nicht geteilt und verteilt werden, und dieses setzen wir doch bei allem Denken voraus».

Nun zum fünften Aspekt des «Selbst», seiner Unterschiedenheit. Wovon unterscheidet sich das «Selbst»? Auf diese Frage lassen sich gleich mehrere Antworten finden. Zuallererst wird das «Selbst» als etwas von der körperlichen Gesamtheit des Menschen Verschiedenes verstanden. Darüber hinaus unterscheidet es sich zweitens auch von allen mentalen Vorgängen, wie Gedanken und Gefühlen etc., denn es hat Gedanken und Gefühle, fällt aber nicht mit ihnen zusammen oder wird gar von diesen gebildet. – David Hume zog das «Selbst» als Serie mentaler Vorgänge in Betracht. Der gesunde Menschenverstand steht allerdings einer solchen «Bündel-Theorie» entgegen. Hume selbst hat diesen Gedanken am Ende auch wieder verworfen. – Drittens lässt sich sehr wohl denken, dass das «Selbst» von allen unbewusst ablaufenden mentalen Vorgängen, wie Überzeugungen, Vorlieben, Erinnerungen oder Charakterzügen, unterschieden ist. Und zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass es sich als getrennt von allem Physischen denken lässt – etwa als immaterielle Seele. Diese Idee ist allerdings nicht integraler Bestandteil des «Ich-Bewusstseins».

Unter dem sechsten Aspekt wird das «Selbst» gemeinhin als Agens, als Handelndes verstanden. Es geht seinen eigenen Aktivitäten nach – Denken, Vorstellen, Wählen –, und das ganz unabhängig von den übrigen Aktivitäten des Körpers, ja es setzt diese sogar selbsttätig in Gang. Um es mit den Worten von William James auszudrücken: «Anstrengung der Aufmerksamkeit ist somit die wesentliche Erscheinung des Wollens.» Für uns alle ist dies wohl ohne Weiteres nachzuvollziehen.

Der siebte Aspekt besteht in der These, dass das «Selbst» einen Charakter, eine Persönlichkeit besitzt, so wie auch der gesamte physische Mensch. Wir alle verstehen unseren individuellen Charakter als die Art, wie wir von unserem Wesen her sind. Gehen wir also davon aus, dass unsere Existenz ein mentales «Selbst» einschließt, so sehen wir ganz selbstverständlich dieses geistige «Ich» als Sitz unserer Persönlichkeit.

4

Setzt man voraus, dass diese sieben Aspekte das gewöhnliche «Bewusstsein vom Ich» im Wesentlichen umfassen, stellt sich doch die Frage, ob sie für das genuine, eigentliche «Bewusstsein vom Selbst» allesamt unabdingbar sind. Ich denke nicht – nicht einmal im Falle der menschlichen Spezies.

Der Zweifel an der Charakterlichkeit des Selbst liegt auf der Hand. Für die meisten Menschen ist ihre eigene individuelle Persönlichkeit im jeweilig gegenwärtigen Moment kaum wahrnehmbar. Sie ist der Standpunkt, von dem aus die Welt betrachtet wird, oder das Instrument, durch welches das Äußere erfahrbar wird. Sie stellt sich ihnen als automatische, nicht hinterfragbare Gegebenheit dar, als eine globale, unsichtbare Kondition ihres Lebens, wie die Luft, nicht als ein Objekt der Erfahrung. Ian McEwan spricht von einem «gläsernen Kontinuum unserer Persönlichkeit», wobei er, wie ich glaube, die Transparenz oder Unsichtbarkeit des eigenen «Selbst» meint, das sich der Wahrnehmung durch das «Selbst» entzieht. Sartre äußert sich dazu folgendermaßen:

«Diese Überlegungen ermöglichen eine Erklärung dessen, was wir Charakter nennen. Es ist hierbei ja festzuhalten, dass der Charakter nur als Erkenntnisobjekt für den Andern eine bestimmte Existenz hat. Das Bewusstsein erkennt seinen Charakter nicht – außer, wenn es sich reflexiv vom Gesichtspunkt des Andern aus bestimmt – […] Deshalb bietet die bloße introspektive Selbstbeschreibung nie einen Charakter dar.»

An dieser Stelle sollte unbedingt erwähnt werden, dass die meisten Menschen sich selbst in bestimmten Situationen als «Ort des Bewusstseins», als bloßen «kognitiven Standpunkt» erfahren. Meist sind es kurze Begebenheiten, die in uns ein derartiges Erleben unserer selbst hervorrufen: Erschöpfung, Einsamkeit, Schock, Sex, abstraktes Denken, Langeweile, ein heißes Bad oder einfach das Gefühl beim Aufwachen.

Auch eine klinische Depression kann bei gravierendem Verlauf eine «Entpersonalisierung» mit sich bringen. Ein pathologisches Phänomen, das sich für die erkrankte Person auch über einen längeren Zeitraum hinweg als realer Zustand darstellt. Gleich einer außerirdischen Spezies ohne individuelle Persönlichkeit und dennoch ausgestattet mit einem klaren Verständnis von sich als «Ort des Bewusstseins».

Demgegenüber steht ein starkes Empfinden der eigenen mentalen Individualität, wie es beispielsweise Gerard Manley Hopkins umschreibt:

«Mein Selbst-Sein, mein Bewusstsein und das Gefühl meiner selbst, der Geschmack meines Selbsts, von Ich und mir über und in allen Dingen, der deutlicher ist als der Geschmack von Bier oder Alaun, deutlicher als der Geruch eines Walnussblatts oder von Kampfer, und der für einen anderen Menschen nicht mitteilbar ist auf irgendeine Weise … Nichts anderes in der Natur kommt diesem unbeschreiblichen Akzent von Tonhöhe, Unterscheidungskraft und Selbsterfahrung, dem Bewusstsein meines eigenen Selbst, nahe.»

Mich irritieren Hopkins Zeilen. Es fällt mir schwer, nachzuvollziehen, dass sie der Wahrheit entsprechen sollen, selbst wenn so mancher sie mir als exakt und zutreffend bestätigt hat. Um mit Sartre zu sprechen: Den meisten Menschen entzieht sich ihre Persönlichkeit der eigenen momentanen Wahrnehmung und bleibt für sie schlicht unbemerkt.

5

Hartnäckiger hält sich die Idee, das Empfinden vom «Selbst» müsse zwangsläufig eine gewisse Dauerhaftigkeit einschließen. Ich denke jedoch, dass die Selbstwahrnehmung zu jedem gegebenen Zeitpunkt lebhaft und vollständig ist, mag der ununterbrochene «Bewusstseinsabschnitt» auch noch so kurz sein.

Man mag davon ausgehen, dass es dem Menschen unmöglich ist, sich nicht als fortdauerndes «Selbst» zu empfinden, auch, dass eine solche Hypothese der menschlichen Natur und Lebensrealität entgegensteht, und doch bin ich der festen Überzeugung, dass ein Leben ohne das Bewusstsein einer Langzeitkontinuität des mentalen «Ich» durchaus im Bereich menschlicher Erfahrung liegt. Wir können uns sehr wohl im Klaren darüber sein, als mehr oder weniger gleichbleibende körperliche Präsenz zu existieren, ohne dies notwendigerweise für unser mentales «Ich» in Anspruch zu nehmen. Vielleicht spielt diese Vorstellung von emotionaler Warte aus keine große Rolle für uns, vielleicht trägt sie auch nicht grundlegend zu unserer generellen Wahrnehmungsweise bei. Die einzelnen Menschen unterscheiden sich tiefgreifend in ihrem Erleben von Kontinuität.

Diesen Unterschieden Rechnung tragend, möchte ich William James zitieren:

«In der ersten Person überlasse ich meine Beschreibung der Akzeptanz der anderen, für deren Selbstbeobachtung es [die Kontinuität] sich als wahr erweisen mag, und gestehe meine Unfähigkeit, den Anforderungen anderer zu entsprechen, wenn es andere gibt.»

Als James dies schrieb, wird er wohl kaum ernsthaft in Betracht gezogen haben, dass es jemanden gibt, der anders empfindet als er selbst. Ebenso wenig wird Hume davon ausgegangen sein, dass manche Menschen, wenn sie den Blick nach innen richten, ein gleichförmiges, fortdauerndes «Selbst» vorfinden, auch wenn er, Hume, sich sicher ist, dass ein «solches Prinzip» nicht in ihm zu finden sei. Für mich dagegen steht außer Frage, dass andere Menschen anders sind als ich selbst. Allerdings denke ich, dass meine Art des «Selbst-Erlebens» gleichwohl Teil des normalen menschlichen Erfahrungsspektrums ist, auch wenn sie die Normalität einer Minderheit repräsentiert – einer Minderheit, die in etwa der Häufigkeit roter Haare entspricht.

Die gleiche Divergenz findet sich bei der Merkbzw. Erinnerungsfähigkeit der Menschen. Manche verfügen über ein exzellentes «autobiografisches» Gedächtnis und eine außergewöhnlich lebhafte Erinnerung, die nicht nur verlässlich, sondern ebenso nachhaltig ist. Häufig ist dieses Erinnern sehr aktiv und vermischt sich mit gegenwärtigen Gedanken. Andere dagegen verfügen nicht über ein solch ausgeprägtes persönliches Gedächtnis. Ihr Erinnern verläuft in sehr ruhigen Bahnen und greift fast nie in das gegenwartsbezogene Denken ein. Gleichermaßen variierend zeigt sich die Vorstellungskraft der Menschen, ihre Fähigkeit, Dinge zu antizipieren oder Vermutungen über die Zukunft anzustellen.

Diese Differenzen treten in Wechselwirkung miteinander. Es scheint, dass manche Personen in einer «narrativen» Weise leben und fälschlich annehmen, jeder andere tue dies gleichfalls. Sie erfahren ihr Leben als etwas, das eine Gestalt und eine Geschichte aufweist, als eine Erzählhandlung. Einige führen Tagebuch mit Blick auf die Nachwelt oder entwerfen gar ihre zukünftige Biografie. Andere sind in weitaus größerem Maße «Selbst-Erzähler»: Sie repetieren ihre Erinnerungen regelmäßig und ändern die Interpretation ihres Lebens immer wieder von Neuem ab. Manche sind großartige Planer, die ihr zukünftiges Leben in «Langzeitprojekten» durchstrukturieren. Andere dagegen haben keine frühen Ambitionen, keine späte Erkenntnis einer Berufung, kein Interesse daran, eine Karriereleiter zu erklimmen. Sie besitzen nicht die Tendenz, ihr Leben als Entwicklung zu betrachten, als eine aufeinander aufbauende Lebensgeschichte. Für sie stellt es sich vielmehr als episodische Abfolge einzelner Lebenssituationen dar, zwischen denen sie zu gegebener Zeit wechseln. Manche Menschen planen wenig und sorgen sich kaum um die Zukunft. Manche leben intensiv in der Gegenwart. Manche sind einfach ziellos. Dies kann zum einen durch den Charakter bedingt sein, zum anderen als Folge besonderer spiritueller Übungen auftreten. Sowohl Mittellosigkeit – das absolute Fehlen von Chancen – als auch übergroßer Wohlstand können dazu führen. Es sind die Träumer, Mystiker, Freaks dieser Welt oder aber diejenigen, die hart arbeitend nur von einem Tag zum nächsten zu denken vermögen. Die Ursachen sind hier schillernd. Es gibt Kreative, denen es an Ambition oder langfristigen Zielen mangelt – die Sprunghaften, die von einem kurzen Projekt zum anderen leben, und auch jene, denen ganz «en passant» ein großes, umfangreiches Werk gelingt. Andere hingegen sind, manchmal ohne es zu wissen, in ihrem Charakter sehr beständig, eine Bedingung, unter der das «Selbst» leicht als Kontinuität wahrgenommen werden kann. Dann gibt es noch diejenigen, die beständig in ihrer Unbeständigkeit sind, die sich selbst dauerhaft als «Stückwerk» empfinden, welches sich immer wieder neu zusammensetzt. Und zuletzt auch solche Menschen, die wie betäubt durchs Leben gehen.

Ich selbst befinde mich irgendwo am «episodischen» Ende des Spektrums. Ich habe kein Empfinden meines Lebens als Lebensgeschichte und interessiere mich kaum für meine eigene Vergangenheit. Mein «biografisches» Gedächtnis ist schwach ausgebildet und hat kaum Auswirkungen auf mein gegenwärtiges Bewusstsein. Die Zukunft plane ich allerdings sehr wohl, und insoweit kann ich mich gedanklich durchaus als fortdauernde Präsenz auffassen. Aber diese Art von «Selbstverständnis» fühlt sich für mich fern und theoretisch an. Am besten umschreibe ich das für mich übliche Empfinden meiner selbst folgendermaßen: Ich glaube nicht, dass mein «Ich» als solches in der Zukunft existiert, der Mensch Galen Strawson hingegen schon.

Im Januar 1996 schrieb ich: Der Gedanke, es bis zu den Vorlesungen für das Wolfson College im März fertigstellen zu müssen, bereitet mir einiges Unbehagen, das die üblichen körperlichen Reaktionen mit sich bringt. Ich fühle die Anspannung unvermittelt und empfinde sie auf natürliche Weise als zu mir gehörig, auch wenn ich nicht das Gefühl habe, dass ich es selbst bin, der die Vorlesung halten wird. Es erscheint mir sogar rundheraus falsch, zu sagen, dass ich es sein werde. Das ist exakt, was ich fühle, und nicht etwas, das ich aufgrund irgendwelcher theoretischen Überzeugungen glaube. Warum fühle ich dann Angst? Wahrscheinlich ist die Empfänglichkeit dafür angeboren, quasi «fest verdrahtet» und verbunden mit dem Selbsterhaltungstrieb: Meine Zukunftsangst bewegt sich sicherlich im normalen menschlichen Rahmen. Sie ist biologisch begründet und autonom, insofern sie als etwas unmittelbar Spürbares fortdauert, ohne auf emotionaler Ebene zu gründen, denn es ist ja nicht mein augenblickliches «Ich», das morgen sein wird.

Meine Art von «Selbsterfahren» ist nur eine unter vielen. Ohne Zweifel gibt es weit extremere Formen. Ich habe sie an dieser Stelle beschrieben, um meine These zu stützen, dass das «Bewusstsein vom Ich» nicht notwendigerweise Kontinuität über einen langen Zeitraum einschließt. Das «Selbst» als etwas Fortdauerndes zu erfahren mag verbreitet sein, es ist jedoch nicht universell. Bei manchen schwindet dieses Empfinden mit der Zeit, bei anderen durch Reflexion.

6

Einige sind der Ansicht, dass Bewusstseinserfahrungen und -vorgänge fließen, gleichsam als «Bewusstseinsstrom». Unabhängig von jedweder theoretischen Annahme reicht ihnen zur Begründung die bloße Erfahrung.

Nach William James:

«Das Bewusstsein erscheint sich daher selbst nicht als in Stücke zerhackt. Worte wie ‹Kette› oder ‹Zug› geben nicht richtig den Eindruck wieder, den es unmittelbar von sich selbst gewinnt. Es besteht nicht aus verbundenen Gliedern; es fließt. Ein ‹Fluss›, ein ‹Strom›, das sind die Metaphern, durch welche es am natürlichsten versinnbildlicht wird. Wir wollen es also, wenn wir von nun an davon sprechen, den Strom des Denkens, des Bewusstseins oder des subjektiven Lebens nennen.»

Das war im Jahr 1890 sicher eine bahnbrechende Neuerung gegenüber dem damals in der Psychologie vorherrschenden Atomismus, der Bewusstseinsprozesse mit Metaphern wie Folge oder Kette, Sammlung, Bündel oder Haufen umschrieb. Der heutige Trend verleitet uns allerdings vielleicht dazu, das Bewusstsein zu sehr als Fluss aufzufassen. Ein wichtiger Aspekt: Wenn Bewusstsein als Strom empfunden wird, mag dies zur Erklärung beitragen, warum Menschen ein Gefühl von Dauerhaftigkeit haben.

In der Tat halte ich die Fluss-Metapher für unangemessen, selbst wenn man einwendet, dass ein Fluss ja auch Seen und Wasserfälle ausbildet (und natürlich Steine und Algen mit sich führt). Von Natur aus hat das Denken wenig Kontinuität. Ein Strömen ist kaum zu vernehmen, zumindest wenn ich von mir ausgehe. Mein Denken springt von bloßem Bewusstsein zu «Selbst-Bewusstsein» und wieder zurück. Es stürmt los, reißt ab, wallt auf und kehrt um. Für James verhält sich das Denken wie «das Leben eines Vogels im beständigen Wechsel flüchtiger Bewegung und Ruhe» – ein wunderbares Bild. Und doch bewegt sich der Vogel innerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums. Der Vergleich lässt also außer Acht, dass die Gedankenfolge immer wieder unterbrochen wird durch Umwege, Brüche, Nebengedanken und das Hintergrundrauschen, vor allem dann, wenn wir unsere Gedanken schweifen lassen.

Anders stellt es sich dar, wenn wir unsere Aufmerksamkeit zielgerichtet auf geordnet ablaufende Prozesse in der Außenwelt lenken, beispielsweise bei einem schnellen, spannenden Spiel oder wenn wir Musik hören. Das Denken oder das Bewusstsein scheint dann die Struktur und den Verlauf des Phänomens anzunehmen, auf das es fokussiert ist. Trotzdem kann es auch jetzt immer noch abschweifen, von Neuem beginnen oder sich mit fremden Inhalten beschäftigen. Aber ist ein einzelner spekulativer Gedanke überhaupt in der Lage, etwas aufzudecken, was in groben Zügen auf das Denken insgesamt zutrifft? Manch einer findet, dass James Joyce in seinem Roman Ulysses die Darstellung von Bewusstseinsprozessen bei Stephen Dedalus besser gelingt als bei Molly Bloom.

Stephen Dedalus:

Wer schaut mir hier zu? Wer wird denn wohl je irgendwo die geschriebenen Worte hier lesen? Zeichen auf weißem Feld. Für irgendwen irgendwo in deinen flötendsten Tönen. Der gute Bischof von Cloyne zog den Vorhang des Tempels aus seinem Schaufelhut: Schleier des Raums mit gefärbten Emblemen, schraffiert auf seinem Feld. Moment mal, halt. Gefärbt auf einer Fläche: doch, das stimmte schon.

Molly Bloom:

lass mal sehn, ob ich noch wieder etwas eindämmern kann 12345 was sind das eigentlich für Blumen die sie da erfunden haben wie die Sterne die Tapete in der Lombard Street war viel schöner die Schürze die er mir geschenkt hat die war so ähnlich gemustert ich hab sie aber bloß zweimal getragen lieber die Lampe bißchen runterdrehn und nochmal versuchen dass ich früh auch aus den Federn komme ich werde zu Lambe gehen da neben Findlater dass sie uns ein paar Blumen schicken die ich in der Wohnung aufstellen kann für den Fall dass er ihn morgen mit nach Hause bringt heute meine ich nein nein …

Andere favorisieren Dorothy Richardson, die als Erste im Roman die «stream of consciousness»-Technik verwendet.

«Es war ganz sicher falsch, Predigten zu hören … verdummend … es sei denn, sie waren intellektuell … Vorträge wie die von Mr. Brough … aber das war ebenso schlecht, weil das keine Predigten waren … Beides war schlecht und sollte nicht erlaubt sein … eine Kanzelrede … Predigten … Kanzelreden … eine ruhige Kanzelrede mochte schon nett sein … und keine Mildtätigkeit – klingendes Kupfergeld und ein klirrendes Becken … Caritas … Ich bin sicher, ich habe keine …»

Virginia Woolf schrieb einst, dass Richardson zu einer neuen Form gefunden habe, die man als «psychologischen Satzbau des weiblichen Geschlechts» bezeichnen könne, aber ich bezweifle, dass diese Merkmale in irgendeiner Weise geschlechtsspezifisch sind.

7

Während des Bewusstseinsprozesses kommt es immer wieder zu Brüchen, und das nicht nur auf inhaltlicher Ebene. Das Denken kann sich auf einen vollkommen anderen, neuen Gegenstand richten, ohne dass wir eine Unterbrechung oder zeitliche Lücke im Bewusstseinsprozess empfinden. Trotzdem scheint mir, dass ein nahtlos fortlaufendes Bewusstsein relativ selten zu erleben ist. Wenn ich allein bin und nachdenke, vor allem über das Denken selbst, stelle ich fest, dass mein Bewusstsein immer wieder von Neuem hervorgebracht wird. Dies impliziert automatisch punktuelle Phasen von Nicht-Bewusstheit. Die (unvergleichlich kurzen) Sequenzen ununterbrochenen Bewusstseins stehen radikal unverbunden nebeneinander, selbst wenn es sich um denselben (oder nahezu denselben) Gedanken handelt, der nach blitzartigem Aussetzen wiederauftaucht. Nach meinem Empfinden handelt es sich um eine kontinuierliche Abfolge von Bewusstseins-Neustarts aus dem Nichts.

Manche Brüche bringen einen kompletten Fokus-Wandel mit sich, andere trennen Gedanken, die sich mit demselben Inhalt beschäftigen. Manches Mal richten wir unsere Aufmerksamkeit in so vollständiger Weise auf etwas, dass uns ein Bewusstseins-Bruch fast entgeht. Es handelt sich dann eher um eine Zäsur, ein gänzlich akzidentelles Merkmal des Bewusstseins-Mechanismus (quasi eine «refresh rate»). Vielleicht liegt ihre Funktion darin, die Aufmerksamkeit neu zu fassen und zu bündeln, um eine neue Synthese im kantianischen Sinne zu schaffen. Diese Sequenzierungsprozesse laufen mit einer unglaublichen Geschwindigkeit ab, sodass es uns extrem schwerfällt, solche Lücken oder Brüche wahrzunehmen; aber unmöglich ist es nicht. Man stelle sich dies ungefähr so wie den Lidschlag vor: Eigentlich bleibt er unbemerkt, erst wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf ihn richten, nehmen wir ihn wahr.

Vielleicht ist dies ja eine vorschnelle Generalisierung meines eigenen Erlebens oder ein unwillentliches Bekenntnis von Schizophrenie. Und doch gehe ich davon aus, dass ein sorgfältiges mentales Selbst-Studium jedem Menschen bis zu einem gewissen Grad ähnliche Erkenntnisse beschert. Glaubt man daran, dass Bewusstsein fließend vonstatten geht, wird man es unweigerlich auch als Bewusstseinsstrom erleben, aber bei genauerer Überlegung wird man diese Metapher mit Sicherheit in Zweifel ziehen.

Ezra Pound scheint so etwas nicht ganz Perfektes im Sinn gehabt zu haben, als er schrieb:

«Eine bewusste Disjunktion,

Nichts sein als diese verwischte

Serie

von Unterbrechungen.»

Pounds Worte treffen hervorragend auf jemanden wie Malcolm Lowry zu – auf seine Begabung und seine Vision, nicht seine Trunkenheit. Für einige stellen sie eine akkurate Beschreibung harter und effektiver Gedankenarbeit dar, die sich mit schwierigen Inhalten beschäftigt. Für andere bilden sie ganz gewöhnliche Denk-Prozesse ab, ohne irgendeine Geringschätzung zu implizieren.

«Sind Sie sicher? Vielleicht ist die Erfahrung der Disjunktion ein Artefakt der Introspektion: Vielleicht werden die Tatsachen durch den Versuch, sie zu beobachten, verzerrt. Vielleicht ist das nicht beachtete Bewusstsein in Wirklichkeit ein Fluss.»

Darauf habe ich zwei Antworten. Erstens: Auch wenn das Auftreten von Unterbrechungen teilweise oder sogar zu großen Teilen durch das «Hinschauen» künstlich erzeugt wäre, zeigt dies doch, wie Bewusstsein sich selbst erscheint. Dieser Aspekt ist vor allem dann interessant, wenn man Bewusstseinsaktivitäten das Gefühl von Kontinuität zugrunde legt. Zweitens: Wir werden spontan einer Zäsur im Bewusstsein gewahr, d.h. wir stellen fest, was gerade passiert, und nicht umgekehrt, dass wir nur dann etwas stattfinden sehen, wenn wir auch genau darauf achten. (Man kann hier schlicht und ergreifend keine Entscheidung treffen, denn das würde voraussetzen, dass wir in der Lage wären, etwas zu beobachten, während es gleichzeitig unbeobachtet bleibt.)

8

Wenn es in der Natur unseres Bewusstseins liegt, sich von Moment zu Moment zu bewegen, entstammt unser Empfinden von Kontinuität also nicht wirklich einem objektiv ununterbrochenen Gedankenstrom. Die Quellen für dieses Gefühl müssen zwangsläufig andere sein. Dank unseres Kurzzeitgedächtnisses und durch die Beständigkeit und Kohärenz des gedanklichen Inhalts bleiben unsere Erfahrungen durch die Zeit hindurch miteinander verbunden – trotz radikaler Sprünge und Zäsuren im Bewusstseinsprozess.

Untersuche ich den Ablauf meines Denkens detailliert, mag es fahrig und ruckartig erscheinen. Und doch steht meine Erfahrung in Verbindung mit einem ganzen Pool von Konstanten und stetigen Wandlungsprozessen in meiner Umwelt, meinen Körper eingeschlossen. (Ein Beispiel: Ich arbeite eine Stunde lang in einem Raum; ich betrachte den Regen auf der Fensterscheibe, denn kehre ich zu meiner Seite zurück; während der ganzen Zeit halte ich denselben Stift.)

Auf den ersten Blick wirken diese äußerlichen Konstanten und die Beständigkeit meiner Gedankeninhalte wie Charakteristika meines Bewusstseinsprozesses. Sie sind dies aber nicht wirklich. Und doch vermögen sie mir das Gefühl eines beständigen «Ichs» zu geben und tun dies den ganzen Tag über. Auf diese Weise bahnt sich die Idee ihren Weg, dass dieses «Ich» auch über den Schlaf hinaus fortbesteht, und so von Woche zu Monat und von Monat zu Jahr.

Wenngleich mir mein Bewusstseinsprozess nicht als nahtloser Fluss erscheint, kann ich trotzdem mein mentales «Selbst» als Konstante empfinden. Beim ersten Blick auf unser Bewusstsein vom «Ich» – es ist bereits schwer, darüber nachzudenken und es nicht bloß zu haben – wird unsere unmittelbare Reaktion sein, unser «Selbst» als etwas zu begreifen, das den gesamten wachbewussten Tag über fortbesteht. Etwas, das all die Gedankenfragmente und Erfahrungssequenzen hat, selbst jedoch ungeteilt ist. Gestützt wird diese Reaktion durch unsere Wahrnehmung unserer selbst als gesamter Mensch mit einer fest verankerten Palette von grundsätzlichen Überzeugungen, Vorlieben, Begabungen, mentalen Fähigkeiten usw.

In meinem Fall ist diese Reaktion an sich schwach ausgeprägt und leicht zu untergraben. Denke ich über mein mentales Leben nach, verstehe ich mich sowieso nicht als gleichbleibendes «Ich», nicht einmal für einen einzigen Tag, geschweige denn darüber hinaus. Das Gefühl von Kontinuität beschränkt sich bei mir auf meine rein körperliche Anwesenheit. Wenn ich mich als «mentales Subjekt der Erfahrung» betrachte, empfinde ich mein «Ich» in jedem Augenblick als ein neues. Nicht was meine Persönlichkeit oder mein Aussehen betrifft, in der Hinsicht besitze ich sehr wohl eine perfekte Kenntnis davon, was mich, Galen Strawson, an jedem Tag gleichbleibend ausmacht. Wenn ich allerdings den Kern meines Selbstverständnisses als mentales Wesen nehme, fühle ich mich immer wieder neu.

In seiner Autobiografie schreibt John Updike: «Ich habe das beharrliche Gefühl, im Leben und in der Kunst, dass ich gerade erst anfange.» Das trifft es genau. Die Erfahrung vom «Ich» als etwas, das sich immer wieder neu bildet, ist meines Erachtens fundamental und universal zugänglich, wird bei vielen aber durch vertraute und gegenläufige Denkgewohnheiten blockiert. Nur Reflexion kann dies klar zutage treten lassen. Ich fühle mich besonders den Zeilen Harold Brodkeys verbunden:

«Unser Gefühl von Gegenwärtigkeit bewegt sich gewöhnlich in Wellen voran, von denen wir geistig abgeworfen werden; wir schweifen ab. Gewöhnlich tauchen wir wieder auf, reiten weiter auf der Welle und stürzen ab, immer von Neuem … doch was uns ausmacht, ist dieses Abfallen und Wiederkehren.»

Ich empfinde mich als Nomaden in der Zeit, wobei diese Metapher widersinnig ist, denn es handelt sich ja um das «Ich» selbst, das die Flüchtigkeit einer temporären Lagerstätte hat.

Wissenschaftliche Untersuchungen von Ernst Pöppel und Eva Ruhnau haben ergeben, dass das «bewusste Jetzt» ungefähr drei Sekunden andauert, d.h. länger bestehen wir nicht als wir selbst. «In diesem Sinne», schreibt Miroslav Holub, «währt unser Ich drei Sekunden». Seine Behauptung hat Berührungspunkte mit meiner Ansicht. Aber die Kürze des «bewussten Jetzt» muss meines Erachtens nicht notwendigerweise zu dem Gefühl eines Bewusstseinsbruchs oder der Neuheit beitragen. Unsere Erfahrung kann wie ein dünner Lichtstrahl erscheinen, der weich und beständig umherschweift. Die festgestellte Dauer des «bewussten Jetzt» mag das obere Limit einer unterbrechungsfreien Gedankensequenz sein, aber daraus ist nicht zu folgern, dass innerhalb einer vier Sekunden langen Periode überhaupt eine Zäsur bewusst wahrgenommen wird (dies muss nicht einmal ein einziges Mal an einem Tag passieren). Ebenso wenig meine ich, dass das «Ich» uns nicht auch länger andauernd als dieses «bewusste Jetzt» erscheinen kann, wenn wir darüber nachdenken. Ich gebrauche das Wort «Langzeit-Ich» nur vage, aber mit folgender Grundintention: Selbstverständlich kann es so empfunden werden, dass das «Ich» über einen Zeitabschnitt hinaus besteht, der einen Bruch oder eine Zäsur umfasst, und seine zeitliche Ausdehnung mag in unterschiedlichen gedanklichen Kontexten sehr verschieden sein. (Todesangst wirft da interessante Fragen auf).

9

Manch einer mag Zweifel daran hegen, auf welche Weise ich Bewusstsein erfahre. Diejenigen, die mich nicht gerade anzweifeln, werden mich mit Sicherheit einer kleinen Minderheit zurechnen. Wahrnehmungen wie die meinen mögen als das unnatürliche Resultat philosophischer Betätigung erscheinen oder gar als Folge von Drogenkonsum. Philosophische Überlegungen führen aber nicht dazu, die geistige «Festplatte» durcheinanderzubringen. Philosophie bringt uns nur dazu, die uns angeborene Erfahrungsweise genauer zu betrachten. Erscheint sie uns im alltäglichen Leben ungewöhnlich oder gar unnatürlich, kann sie dennoch ein zutreffendes Bild von den wirklich ablaufenden Prozessen liefern. Umgekehrt lassen schließlich viele naturhafte Erfahrungen die Dinge in einem falschen Licht erscheinen. Viel wichtiger noch: Jeder normale Mensch, der sich mit diesen Themen beschäftigt, kann zu derselben Erkenntnis gelangen.

Menschen können durchaus ein sehr lebhaftes Bewusstsein ihrer selbst haben, ohne zwangsläufig anzunehmen, dass dieses «Selbst» eine Persönlichkeit oder eine Dauer besitzt. Sogar das Verständnis vom «Selbst» als Agens, als Handelndes, als Akteur, kann sich auflösen (in positiver wie in negativer Weise). Verbessern sich dadurch unsere Aussichten für die These, dass ein Bewusstsein vom Selbst die genaue Darstellung von etwas sein könnte, das tatsächlich existiert, selbst unter der Voraussetzung eines wahren Materialismus? Ich denke schon, obwohl eine vollständige Diskussion eine genaue Stellungnahme erfordert, was es heißt, ein wirklicher und wahrhaftiger Materialist zu sein. (Zu Beginn sollte man jedenfalls ganz Realist sein in Bezug auf das Bewusstsein.) Eingehender müsste dann untersucht werden, welches Verständnis wir davon haben, was überhaupt ein Ding oder Objekt ist.

Den besten Beleg für die Existenz des «Selbst» kann man bei einigen Vertretern des Buddhismus finden. Er lässt die Existenz des «Selbst» im Sinne eines Subjekts der Erfahrung, eines Bewusstseinsortes zu jedem gegebenen Zeitpunkt zu, ohne auf die für den Buddhismus wesentliche Kritik an der Idee vom «Selbst» zu verzichten. Diese Auffassung stellt also keine Bestätigung für diejenigen dar, die an eine Seele glauben, lässt uns aber auch nicht mit dem Nichts zurück. Und sie geht andererseits nicht so weit wie die analytische Philosophie, die das «Selbst» als Mythos betrachtet, sofern es als etwas von dem als ein Ganzes betrachteten Menschen Unterschiedenes betrachtet wird. Diese Auffassung bietet uns ein «Selbst», das gleichzeitig materiell solide und unverwechselbar mental ist. Wie kurzlebig auch immer es sein mag – es ist so real wie ein Stein.

Ich denke, ich werde diese Zeilen nicht abschicken, der Geist erscheint als so neuer Ort, letzte Nacht ist für mich überholt.

EMILY DICKINSON

2Ein Irrtum unserer Zeit
1

Für den Psychologen Jerome Bruner ist das «Selbst eine fortwährend von Neuem geschriebene Geschichte». Wir sind ständig damit beschäftigt, eine «selbst-produzierende Erzählung» zu betreiben. «Am Ende werden wir zu den autobiografischen Geschichten, in denen wir ‹über unser Leben erzählen›.» Oliver Sacks stimmt dem zu:

«Jeder von uns hat eine Lebensgeschichte, eine Art innerer Erzählung, deren Gehalt und Kontinuität unser Leben ist. Man könnte sagen, dass jeder von uns eine ‹Geschichte› konstruiert und lebt. Diese Geschichte sind wir selbst, sie ist unsere Identität.»

Vielstimmig klingt die Akzeptanz aus den Reihen der Geistes- und Sozialwissenschaften: Literaturwissenschaften, Psychologie, Anthropologie, Soziologie, Philosophie, Politikwissenschaft, Religionswissenschaft. Ein Echo findet sich auch in der Psychotherapie, in der Medizin, in der Rechtswissenschaft, in Wirtschaft und Design: Im typischen Fall erfahren Menschen ihr Leben als eine Geschichte irgendeiner Art oder zumindest als eine Sammlung von Geschichten.

Ich nenne dies die Psychologische Narrativitätsthese. Sie besteht in einer Behauptung darüber, wie Menschen normalerweise ihr Leben erfahren, zumindest den empirischen Fakten nach. Dies entspreche unserer Natur. Oft erscheint sie in Verbindung mit der Ethischen Narrativitätsthese, wie ich sie bezeichne, die einen normativen, evaluierenden oder ethischen Anspruch hat. Das heißt, ein reicher erzählerischer Ausblick auf das eigene Leben ist unbedingt wünschenswert, denn er ist essenziell, um gut zu leben und eine vollständige Persönlichkeit zu sein.

Diese beiden Thesen führen zu vier möglichen Positionen. Erstens: Man nimmt an, die empirische, psychologische These trifft zu, die ethische nicht. Unser Denken sei also zutiefst narrativ, und dies wird negativ bewertet, wie in Roquentin verkörpert, dem Protagonisten in Sartres Roman Der Ekel. Diese Haltung wird auch den Stoikern zugeschrieben, speziell Mark Aurel.

Zweitens: Die empirische These wird abgelehnt, die ethische These anerkannt, was bedeutet, dass wir nicht von Natur aus narrativ sind, es aber sein sollten, um ein gutes Leben führen zu können. Verschiedene Versionen dieser Haltung findet man bei Plutarch und in einigen Schriften aus heutiger Zeit.

Drittens: Man ist von der Richtigkeit beider Thesen überzeugt. Es liegt in der Natur des Menschen, das Leben als Lebensgeschichte zu betrachten, und es ist darüber hinaus auch notwendig, dies zu tun, um glücklich sein zu können. Diese Ansicht wird von der heutigen Psychologie vertreten, gefolgt von der zweiten Position. Sie lässt der Möglichkeit viel Raum, dass wir sehr davon profitieren würden, narrativer zu sein, als wir es in Wahrheit sind. Und sie stellt in Rechnung, dass wir beim «Schreiben» unserer Lebensgeschichte darüber hinaus auf die eine oder andere Weise falschliegen können.

Viertens und letztens: Beide Thesen sind falsch, was meiner Meinung entspricht. Ich halte es für bedauerlich und sogar schädlich, dass der aktuelle Trend zur dritten Position geht. Ich glaube nicht, dass es nur einen einzigen Weg gibt, wie Menschen ihr Dasein in der Zeit erleben, und erst recht nicht, dass es nur einen guten und richtigen Weg gibt, den es zu beschreiten gilt. Im Gegenteil, es gibt Menschen, die ihr Leben nicht als zusammenhängende Geschichte erfahren. Genauso wie es unterschiedliche nicht-narrative oder explizit anti-narrative Arten gibt, die eigene Existenz auf Erden gelungen zu gestalten. Vertritt man die zweite oder dritte Ansicht, so beschränkt man das menschliche Selbstverständnis, indem man wichtige Denkmöglichkeiten gar nicht erst zulässt. Ethische Alternativen werden von vornherein ausgeklammert und belasten fälschlicherweise all jene, die nicht ins gängige Modell passen. Im psychotherapeutischen Kontext kann sich dies als hochgradig destruktiv erweisen.

2

Zur weiteren Verfolgung dieses Gedankens ist es hilfreich, zwischen dem Bewusstsein von mir selbst als körperliche Ganzheit und dem Verständnis meines inneren Wesens als mentale Einheit zu unterscheiden.

Henry James schreibt über eines seiner frühen Werke: «Ich denke über … das infrage kommende Meisterwerk … als Werk einer völlig anderen Person als mir selbst … ein naher … Verwandter, sagen wir, vielleicht ein entfernter Cousin.» James zweifelt nicht daran, als Mensch Henry James der Autor jenes Buches zu sein. Es ist aber nicht dieselbe Person, dasselbe «Ich», das dieses Buch verfasst hat.

Wohl jeder ist mit diesem Gefühl in der einen oder anderen Weise vertraut. Es begegnet uns vor allem dann, wenn sich die Umstände inneren Fortbestehens geändert haben, unabhängig davon, wie sich die Umstände verhalten, die uns als gesamte Person betreffen. Die jeweilige religiöse Überzeugung eines Menschen tut hierbei nichts zur Sache. Petrarca, Proust, Parfit und tausend andere geben uns ein lebhaftes Zeugnis dieses Eindrucks. Ich setze deshalb die Gültigkeit dieses Phänomens als gegeben voraus und möchte hiermit eine weitere Variable zur Beschreibung des Selbst-Verständnisses einführen: die Unterscheidung zwischen «vorübergehendem» und «dauerhaftem» Selbst-Erleben. (Ich habe auch die Termini «episodisch» und «diachronisch» verwendet.) Dauerhaftes Selbst-Erleben beschreibt im Wesentlichen das Gefühl, dass das «Selbst» schon in (fernerer) Vergangenheit existiert hat und auch in (fernerer) Zukunft existieren wird – also etwas ist, das eine Langzeit-Kontinuität besitzt, etwas, das über einen langen Zeitraum besteht, vielleicht das gesamte Leben hindurch. Ich gehe davon aus, dass die Mehrheit der Menschen sich als «Dauerhafte» empfinden und dass viele, die sich als «dauerhaft» erleben, auch narrativ sind, d.h. ihr Leben als Lebensgeschichte auffassen.

Erlebt man sich dagegen als vorübergehend, als Vorübergehende/r, so hat das eigene «Selbst» in der (ferneren) Vergangenheit noch nicht existiert und wird auch in der (ferneren) Zukunft nicht mehr bestehen. Dabei ist man sich sehr wohl dessen bewusst, als Mensch in seiner Gesamtheit eine Langzeit-Kontinuität zu besitzen.

Die Kategorien vorübergehend/dauerhaft (bzw. episodisch/diachronisch) und narrativ/nicht-narrativ sind sehr unterschiedlicher Natur, stehen aber ganz offensichtlich in Bezug zueinander. Menschen, die sich als «Vorübergehende» empfinden, sehen ihr Leben meist nicht als Lebensgeschichte.

«Vorübergehend» (episodisch) und «dauerhaft» (diachronisch) sind die jeweiligen Extreme menschlichen Zeitempfindens. Im Leben der meisten Menschen sind sie nicht unbedingt in Reinform vorzufinden, sondern bestimmen das Empfinden eines jeden nur bis zu einem gewissen Grad. Personen, die sich von ihrer Grundstruktur her als «episodisch» begreifen, können sich durchaus mit einzelnen emotional aufgeladenen Begebenheiten aus ihrer Vergangenheit verbunden fühlen – im Sinne von «das ist mir selbst widerfahren» (z.B. peinliche Situationen). Gleiches gilt für Vermutungen über die Zukunft, dass etwas antizipiert wird, was dem «Ich» geschehen wird (z.B. der Tod). Umgekehrt können Personen, die sich als überwiegend diachronisch, eben dauerhaft bezeichnen, eine lebhafte Erinnerung an Vergangenes haben, ohne sich noch mit diesen Erinnerungen persönlich-emotional verbunden zu fühlen. Viele unterschiedliche Faktoren können hier zu einem individuellen Wandel in beide Richtungen des Spektrums beitragen. Die Tendenz unseres persönlichen Empfindens in der Zeit wird allerdings genetisch bedingt sein. Wir finden hier gleichsam eine grundlegende «Variable zur individuellen Unterscheidung» vor. Verschiedene Kulturen begünstigen sicherlich eine bestimmte Lebenswahrnehmung. Unser individuelles Erleben, in seiner Bandbreite oszillierend zwischen episodisch (vorübergehend) und diachronisch (dauerhaft) sowie narrativ und nicht-narrativ, ist meiner Meinung nach jedoch psychologisch begründet und kulturübergreifend auf der ganzen Welt anzutreffen.

3

Diachronische (Dauerhafte) und Episodische (Vorübergehende) missverstehen einander nur allzu leicht. Diachronisch empfindenden Menschen mag die episodische Lebenswahrnehmung unterkühlt, leer und defizitär erscheinen, obwohl sie genauso emotional artikuliert, tiefgründig und sensibel sein kann wie eine dauerhafte. Gleichermaßen entfalten sich in ihr Freundschaft, Liebe und Loyalität. Doch in ihrem ethischen und emotionalen Charakter unterscheiden sich beide Lebensformen tiefgreifend. Man begeht allerdings einen schwerwiegenden Fehler, wenn man der episodischen Art Vitalität, Engagement, Humanität, Moral oder menschliche Erfüllung abspricht. (Wozu leider so manch ein Diachronischer neigt.) Andererseits laufen viele Episodische Gefahr, die diachronische Lebensweise als eingeschränkt, blockiert, repetitiv, selbstbezogen und nicht authentisch zu verurteilen.

Episodische Menschen sind scheinbar stärker im gegenwärtigen Augenblick verankert, was nicht heißen soll, dass nicht auch diachronische ganz im Hier und Jetzt zu leben vermögen. Genauso wenig lässt sich behaupten, dass episodisch lebende Menschen keine Verantwortung für ihre eigene Vergangenheit trügen oder nicht aus ihr lernen könnten. Informationen aus und Verbindlichkeiten gegenüber der Vergangenheit sind lediglich in beiden Lebensarten von unterschiedlichem Gehalt und ziehen jeweils andere Konsequenzen nach sich.

Episodisch Veranlagte müssen sich des Häufigeren den Vorwurf gefallen lassen, ihr Umgang mit der Vergangenheit sei in hohem Maße dysfunktional. Worauf man die Antwort geben kann, dass die Vergangenheit in der Gegenwart lebendig und präsent sein kann, ohne als Vergangenheit fortzuleben – präsent und lebendig, insofern sie die Gegenwart erst gebildet und zu dem gemacht hat, was sie jetzt ist. Man kann sich das am Beispiel eines Musikers verdeutlichen, dessen heutige Virtuosität das Ergebnis zahlreicher Übungsstunden in der Vergangenheit ist, ohne dass er sich dieser direkt zu erinnern braucht. Dies lässt sich auf die ethische Entwicklung des Menschen übertragen. Nimmt man Rilkes Betrachtungen zu Dichtung und Erinnerung, so lässt sich sogar ein gewisser Vorteil der episodischen Einstellung zur Vergangenheit gegenüber der diachronischen feststellen. «Um eines Verses willen … muss man … viele Erinnerungen haben … Und es genügt auch noch nicht, dass man Erinnerungen hat … Denn die Erinnerungen selbst sind es nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst.»

Anhand ihrer literarischen oder philosophischen Werke lassen sich nicht wenige Autorinnen und Autoren eindeutig als episodisch veranlagt bestimmen. Um nur einige zu nennen: Michel de Montaigne, Earl of Shaftesbury, Laurence Sterne, Coleridge, Stendhal, Hazlitt, Ford Madox Ford, Virginia Woolf, Jorge Luis Borges, Fernando Pessoa, Iris Murdoch (eine stark episodische Persönlichkeit mit ausgeprägt narrativer Natur), Freddie Ayer, Bob Dylan, Proust (trotz all seiner lebhaften Erinnerungen, die vielleicht gerade durch seinen episodischen Charakter inspiriert sind) und ebenfalls Emily Dickinson. Diachronische Naturen lassen sich nicht so leicht anhand ihrer Werke ausmachen, vielleicht, weil es sich hier um die allseits akzeptierte Norm handelt. Dazu zählen sicher Platon, Augustinus, Heidegger, Wordsworth, Dostojewski, Joseph Conrad, Graham Greene sowie alle Verfechter des Narrativen in der aktuellen ethisch-psychologischen Debatte. Bei meinen Freunden finde ich es ausgesprochen einfach, zu erkennen, welcher Mentalität sie zuneigen. Viele von ihnen sind diachronisch, im Gegensatz zu meinen Eltern – beide eindeutig episodisch.

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Angesichts der Tatsache, dass die diachronische (dauerhafte) Wahrnehmung weitgehend der Norm entspricht und daher vergleichsweise gut verstanden wird, möchte ich etwas mehr zum Verständnis der episodischen (vorübergehenden) beitragen. Da ich mich zu den eher episodischen Naturen zähle, nehme ich mich selbst als Beispiel. Wie jeder Mensch habe ich eine Vergangenheit und verfüge über eine beachtliche Menge an faktischem Wissen darüber. Auch erinnere ich einige meiner früheren Erlebnisse «von innen heraus», um philosophisch zu sprechen. (Ich erinnere mich nicht nur daran, dass die Begebenheiten stattgefunden haben, sondern auch daran, wie sie sich damals anfühlten.) Und doch verstehe ich mein Leben nicht als Lebensgeschichte, nicht einmal in Form von unstrukturierten Episoden. Ich habe weder ein gesteigertes oder spezielles Interesse an meiner Vergangenheit (siehe Otto Frisch, S. 278) noch an meiner persönlichen Zukunft.

Woher dieser Mangel an Interesse rührt, erkläre ich folgendermaßen: Natürlich bin ich mir bewusst, dass es sich um die Vergangenheit und Zukunft des Menschen Galen Strawson handelt, aber nicht um die Vergangenheit oder Zukunft meines «Selbst», wenn ich mich als solches betrachte. Ich habe kein signifikantes Gespür dafür, dass das «Ich», welches sich gerade mit dieser Fragestellung beschäftigt, in der Vergangenheit existiert hat. Hierbei handelt es sich nicht um ein Versagen des Gefühls, sondern um das Erkennen der Tatsache, wer ich bin, wer derjenige ist, der gerade über sich nachdenkt.

An dieser Stelle möchte ich die Bezeichnung «Ich*» einführen, um das Ich zu kennzeichnen, das sich als «Selbst» empfindet, als innere geistige Präsenz im Unterschied zum Ich, der Person Galen Strawson als menschliches Wesen. Zu diesem «Ich*» zählen eine Reihe verwandter Formen wie «mich*», «mein*», «du*», «man selbst*», «sich selbst*» usw. Sie alle beziehen sich auf das innere, mentale «Selbst». Ob dieses innere, mentale «Selbst» wirklich existiert, tut nichts zur Sache, denn es geht um das Empfinden eines solchen mentalen «Ich». Auch wenn es nicht existieren sollte, existiert aber die Empfindung.

Meine weiter zurückliegende Vergangenheit ist also nicht «mir*» widerfahren. Was resultiert dann daraus? Sicher nicht, dass ich keinerlei autobiografische Erinnerungen an diese vergangenen Erlebnisse habe. Diese habe ich sehr wohl und sie sind selbstverständlich die Erfahrungen des Menschen, der ich bin. Und doch ist es nicht dasselbe, als wenn ich empfände, dass «ich*» sie gehabt hätte, oder besser gesagt, hatte. Um noch einmal zusammenzufassen: Es sind die Erlebnisse, die Galen Strawson hatte, aber nicht «ich selbst*».

Einwand: Wenn ich eine vergangene Begebenheit «von innen heraus» erinnere, muss sie zwangsläufig als etwas erlebt werden, was «mir selbst*» widerfahren ist. Antwort: Auch wenn dieser Einwand auf den ersten Blick plausibel erscheint, ist er falsch. Eine Begebenheit kann zwar «von innen heraus» erinnert werden, und doch heißt das nicht, dass das «Ich*» selbst auch das Subjekt der erinnerten Erfahrung ist.

Beispielsweise erinnere ich mich «von innen heraus» daran, wie es war, aus dem Ruderboot gefallen zu sein, also visuell (das Wasser umschließt mich usw.), kinästhetisch usw. Nicht wie in einem Film, in dem man als Dritter von außen zuschaut, wie jemand ins Wasser fällt. Und doch leitet sich daraus nicht das Gefühl ab, dass das, was passiert ist, «mir selbst*» widerfahren ist, dem Wesen, als das ich mich jetzt gerade verstehe, wenn ich über mich als «Selbst» nachdenke. Nicht einmal, wenn die Erinnerung emotional aufgeladen ist, folgt daraus notwendigerweise dieses Gefühl.

Aus 1. «Die Erinnerung hat in emotionaler Hinsicht den Charakter eines ‹von innen heraus›-Erlebens» folgt also nicht automatisch 2. «Die Erinnerung wird als etwas erfahren, das ‹mir selbst*› widerfahren ist.» Für viele Menschen scheint dies häufig oder meistens zuzutreffen, es stimmt aber nicht mit den Tatsachen meines persönlichen Erlebens überein.

Ich bin mir vollkommen bewusst, dass meine Vergangenheit die meinige im Sinne eines menschlichen Wesens ist und dass sie relevant für mein heutiges «Ich*» ist, einschließlich der emotionalen und moralischen Aspekte. Ich denke, dass ich ein normales Verständnis von meinen, Galen Strawsons, Verpflichtungen besitze, die ich anderen gegenüber habe. Gleichzeitig habe ich kein Gespür dafür, dass ich als «Ich*» in der Vergangenheit existiert habe, sondern betrachte es als selbstverständlich, dass es «mich*» im metaphysischen Sinne noch nicht gab.

Was meine (rein praktische) Sorge um die Zukunft betrifft, denke ich, dass sie sich im Rahmen der normalen menschlichen Bandbreite bewegt, wenn auch am unteren Ende. Sie ist vor allem biologisch begründet, was bedeutet, dass ich sie als seltsam autonomes, rein körperliches Phänomen empfinde. Ich kann eine solche Sorge tief in den Eingeweiden verspüren, während mir gleichzeitig die Gewissheit abgeht, dass «Ich*» in der Zukunft da sein werde.

Sie mögen dies als ziemlich inkohärenten Standpunkt betrachten, und doch handelt es sich um mein unmittelbares persönliches Erleben, das ich hier phänomenologisch korrekt beschrieben habe.

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So viel lässt sich in Kürze zur diachronischen und zur episodischen Form des Erlebens sagen. Kommen wir nun zum erzählerischen, narrativen Aspekt. Was bedeutet es, von Natur aus «narrativ» zu sein? Muss man sich, um narrativ zu sein, auch notwendigerweise als diachronischer, fortdauernder Mensch empfinden? (Diachronisch, episodisch und narrativ gebrauche ich hier selbstverständlich in ihrem psychologischen Sinne.)

Eine klare Stellungnahme zur psychologisch-narrativen These findet man in der Figur des Roquentin in Sartres Roman Der Ekel:

«… ein Mann ist immer ein Geschichtenerzähler, er lebt, umgeben von seinen und den Geschichten anderer, durch sie hindurch sieht er alles, was ihm zustößt. Und er versucht sein Leben so zu leben, als ob er es erzählte.»

Sartre betrachtet den erzählerischen Impuls als bedauerlichen Defekt. Er akzeptiert die psychologisch-narrative These als gegeben, während er die ethisch-narrative These ablehnt. Die menschliche Neigung, das Leben als Geschichte aufzufassen, stellt für ihn einen nicht zu korrigierenden Irrglauben dar, etwas zutiefst Nicht-Authentisches.

Die pro-narrative Mehrheit mag Sartre einräumen, dass beim «Verfassen» der eigenen Lebensgeschichte etwas «schieflaufen» kann, besteht aber weiterhin darauf, dass das Narrative essenziell für ein gutes Leben sei. Was den ethisch-narrativen Gesichtspunkt betrifft, teile ich Sartres Meinung. Ich möchte mich nun eingehender den verschiedenen Versionen der psychologisch-narrativen These widmen. Oliver Sacks (Jeder von uns «konstruiert und lebt eine ‹Erzählung› … diese Erzählung sind wir») und Jerome Bruner (das Selbst ist eine fortwährend von Neuem geschriebene Geschichte) möchte ich ein Zitat Daniel Dennetts zur Seite stellen:

«Wir alle sind virtuose Romanciers, die sich mit allen möglichen Verhaltensweisen befassen … und wir setzen immer das beste ‹Gesicht› auf, wenn wir können. Wir versuchen, all unser Material zu einer einzigen guten Geschichte zusammenzufügen. Und diese Geschichte ist unsere Autobiografie. Die Hauptfigur in dieser Autobiografie ist das eigene Ich.»

Marya Schechtman geht noch einen Schritt weiter, indem sie die psychologische eng mit der ethischen These verwebt. Sie schreibt: «[Eine Person] … erschafft ihre Identität, indem sie eine autobiografische Erzählung erschafft – die eigene Lebensgeschichte.» Man sollte eine reiche «und ausdrückliche Geschichte [des eigenen Lebens]» besitzen, «um sich als Persönlichkeit vollständig entwickeln zu können». Charles Taylor behauptet: «Um uns das eigene Leben wenigstens im minimalen Sinne verständlich zu machen» ist es notwendig, «dass wir das eigene Leben im Sinne einer narrativen Darstellung begreifen müssen», und zwar nicht als «optionales Extra». Unser Leben «spiele sich […] in diesem Raum voller Fragen ab, die nur durch eine zusammenhängende Geschichte beantwortet werden können.»

Douglas Coupland legt der Figur der Claire in seinem Roman Generation X folgende Worte in den Mund: «[Claire] bricht das Schweigen und sagt, es sei nicht gesund, das Leben als eine Abfolge isolierter, kleiner, cooler Momente zu leben. ‹Entweder entstehen aus unserem Leben Geschichten, oder es gibt einfach keinen Weg hindurch›.»

Taylor legt noch mehr ethisches Gewicht darauf, ‹gut durchs Leben zu kommen›:

«Nun erkennen wir, dass dieser Sinn für das Gute in mein Verständnis des eigenen Lebens als einer sich entfaltenden Geschichte eingeflochten werden muss.» Denn: «Aufgrund meines gegebenen Standorts bezüglich des Guten, unter den verschiedenen Möglichkeiten auswählend, zu einem Entwurf, der die Richtung meines Lebens im Verhältnis zum Guten bestimmt. Stets wird mein Leben insofern im Sinne einer narrativen Darstellung begriffen …» Dies sei, so sagt er, eine «Sache der Notwendigkeit, dass mein Selbstverständnis zeitliche Tiefe aufweist und narrative Elemente enthält».

Und der Philosoph Paul Ricœur, führender Verfechter des Narrativen, pflichtet ihm bei:

«Wie könnte schließlich ein Handlungssubjekt seinem eigenen, als Ganzes genommenen Leben eine ethische Qualifikation verleihen, wenn dieses Leben nicht zusammengefasst wäre, und wie könnte es zusammengefasst sein, wenn nicht genau in Form einer Erzählung.»

Ich frage mich nun vor allem, was genau es bedeutet, seinem Leben einen ethischen Charakter zu geben, wenn man es als Ganzes betrachtet, und warum es überhaupt so wichtig sein sollte, dies zu tun, wenn man sich doch inmitten all der großartigen Schönheit des Seins befindet. Wahrscheinlich werden viele, die so denken, von einem Gefühl der eigenen Bedeutung motiviert, das anderen Menschen fehlt. Häufig geht eine religiöse Überzeugung mit dieser Sichtweise einher. Letztendlich steht doch das «Selbst» im Zentrum der meisten Religionen.

Alasdair MacIntyre vertritt eine ähnliche Ansicht wie Charles Taylor: «… dass diese Einheit in der Einheit einer in einem einzigen Leben verkörperten Erzählung besteht. Zu fragen: ‹Was ist das Gute für mich?› bedeutet zu fragen, wie ich diese Einheit am besten leben und vervollständigen könnte.» Und er führt weiter aus:

«Die Einheit eines menschlichen Lebens ist die Einheit einer narrativen Suche … [und] die einzigen Kriterien für Erfolg oder Misserfolg in einem menschlichen Leben als Ganzes sind die Kriterien für Erfolg oder Misserfolg in einer erzählten oder noch-zu-erzählenden Suche. Eine Suche nach was? … Eine Suche nach dem Guten … Das gute Leben für den Menschen ist das Leben, das man damit verbringt, nach dem guten Leben für den Menschen zu suchen.»

Auf den ersten Blick eine nicht-psychologische These: Ein gutes Leben ist eines, das erzählerische Einheit besitzt. Aber ein gutes Leben ist eines, das mit der Suche nach einem guten Leben verbracht wird, und das, so wird suggeriert, schließt unbedingt eine narrative Perspektive ein. Narrative Geschlossenheit verlangt also psychologische Narrativität.

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Entspricht überhaupt irgendetwas davon der Wahrheit? Ich glaube kaum. Mir scheint es, als sprächen MacIntyre, Taylor und all die anderen Verfechter der ethisch-narrativen These im Grunde von sich selbst. Das, was sie sagen, mag ja für sie selbst zutreffen, sowohl in psychologischer wie in ethischer Hinsicht. Es mag darüber hinaus auch das beste ethische Projekt sein, dem so geartete Menschen sich verschreiben können. Das Problem dabei ist nur, dass man fast sicher sein kann, dass diese eigene Lebensgeschichte an irgendeinem Punkt auf mehr oder weniger desaströse Weise schiefläuft. Und man wird all jenen, die zu einem anderen ethischen Typ zählen, nicht gerecht, indem man sie glauben macht, das Narrative sei unabdingbar für ein gutes Leben. Die besten Leben, meine ich, sind nie in eine derartige Selbst-Erzählung verwickelt.

Mich irritieren Aussagen wie diejenige des Philosophen John Campbell: «Identität [in der Zeit] ist zentral für das, was uns im Leben etwas bedeutet: etwas, das mir wichtig ist, … ist was ich aus meinem Leben gemacht habe.» Ich habe mir nie die Frage gestellt: «Was hat Galen Strawson aus seinem Leben gemacht?» oder: «Was habe ich aus meinem Leben gemacht?» Und die Antwort darauf interessiert mich nicht im Entferntesten. Ich lebe mein Leben einfach, und diese Art, darüber nachzudenken, ist schlicht und ergreifend nicht Teil meines Lebens. Das heißt aber nicht, dass ich in irgendeiner Weise unverantwortlich wäre. Es bedeutet eben, dass für mich nur zählt, wer ich jetzt gerade, im gegenwärtigen Augenblick bin. Meine Vergangenheit hat mich als Mensch, der ich heute bin, geformt. Aber es ist das heutige Wesen als Resultat aus der Vergangenheit, das mir wichtig ist, und nicht die Vergangenheit selbst. Hier stimme ich mit dem Earl of Shaftesbury überein:

«Die Metaphysiker … beteuern, dass das Selbst verloren ist, nimmt man [einem Menschen] die Erinnerung. Aber was ist für die Erinnerung von Bedeutung? Was habe ich mit diesem Teil zu tun: Wenn ich, während ich bin, so bin, wie ich sein sollte, was kümmert’s mich weiter? Und so lasse ich mich jede Stunde verlieren und zwanzig aufeinanderfolgende Selbst oder neue Selbst sein, das ist alles für mich: Solange ich nicht meine Meinung verliere [i.e. meine allgemeine Einstellung, meinen Charakter, meine moralische Identität]. Wenn ich das mit mir trage, bin ich es; alles ist gut … Das Jetzt; das Jetzt. Bedenke: das ist alles.»

Es gibt eine bekannte Bemerkung Kierkegaards, die vielleicht schon zitiert wurde, um die narrative Position zu stützen:

«Es ist völlig wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rücklings verstanden werden müsse. Aber darüber vergisst man den anderen Satz, dass es vorlings [vorwärts] gelebt werden muss. Dieser Satz – je mehr er durchdacht wird – endet gerade damit, dass das Leben in der Zeitlichkeit niemals richtig verständlich wird, eben weil ich keinen Augenblick die vollkommene Ruhe bekommen kann, um die Stellung ‹rücklings› einzunehmen.»

Macht die Idee, sein Leben als eigene Geschichte zu betrachten, im Hinblick auf die Zukunft überhaupt einen Sinn? (Schließlich kann man nur in die Zukunft hinein leben, eine andere Richtung gibt es nicht.) Ich bezweifle das. Wenn man möchte, kann man ja gern versuchen, seine Lebensgeschichte zu schreiben. Aber das geht nur im Blick zurück und gelingt ganz sicher nicht in perfekter Weise. Vor allem sollte man sich davor hüten, sich von der Vergangenheit seine Haltung gegenüber der eigenen Zukunft diktieren zu lassen. Kierkegaard sagt später: Wir sollten leben «wie jemand, der ein Diktat schreibt, den Stift stets gezückt, in Erwartung dessen, was kommt, um nicht sinnlos einen Punkt zu setzen, bevor die Bedeutung vollständig ist, oder sonst seinen Stift rebellisch wegzuwerfen».

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