Read the book: «Fontanes Kriegsgefangenschaft»
Hans-Dieter Schütt
Fontanes
Kriegsgefangenschaft
Wie der Dichter in Frankreich
dem Tod entging

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ebook im be.bra verlag, 2020
© der Originalausgabe:
edition q im be.bra verlag GmbH
Berlin-Brandenburg, 2020
KulturBrauerei Haus 2
Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin
Lektorat: Gabriele Dietz, Berlin
Umschlag: hawemannundmosch, Berlin (Titelfoto oben: © Theodor-Fontane-Archiv
Potsdam, unten: © Pierre BRYE / Alamy Stock Foto)
ISBN 978-3-8393-2143-0 (epub)
ISBN 978-3-86124-740-1 (print)
www.bebraverlag.de
INHALT
Vorwort
Abermals ein Kriegsbuch Zwischen den Fronten
Kriegsjournalist auf Abwegen Verhaftung
Furchtbare Ängste In Gewahrsam
Weißbrot statt Nusstorte Gefängnisalltag in Besançon
Es ist ein Unglück passiert Auf der Suche nach dem »verlorenen Freund«
Böse und gute Nachrichten Entscheidungen in Besançon
Irrfahrt durch Frankreich Von Besançon auf die Insel Oléron
Himmlische Ruhe und stürmischer Regen Als officier supérieur auf der Atlantikinsel Oléron
Wer hatte mich befreit? Freilassung
Auf Ehrenwort frei Rückkehr
Epilog Zur Entstehung und Wirkung von Theodor Fontanes Kriegsgefangen
Anhang
Personenverzeichnis
Stationen der Kriegsgefangenschaft Fontanes
Initiativen zur Rettung Fontanes
Übersichtskarte
Literaturverzeichnis
Anmerkungen
Bildnachweis
Dank
Die Autoren
VORWORT
Fontane warf seine Reisetasche in die Ecke, sich selber aufs Sofa, kreuzte die Hände über der Brust, atmete hoch auf und sagte das eine Wort: Frei.[1] Endlich! Nach einer wochenlangen Odyssee durch Frankreichs Gefängnisse – von Lothringen bis zum Atlantik – kehrte der Dichter im Dezember 1870 als freier Mann nach Preußen zurück. Seine Reise, die er als Journalist für die Berichterstattung über den noch andauernden Deutsch-Französischen Krieg begonnen hatte, endete in einem Albtraum: Fontane wurde verhaftet, der Spionage verdächtigt und vor ein Kriegsgericht gestellt. Erst rückblickend realisierte er, was bei diesem Abenteuer auf dem Spiel stand: Hier war das Todtschiessen nah.[2]
Als Fontane bei seinem »romantischen« Ausflug zum Geburtsort der französischen Nationalheiligen Jeanne d’Arc weit hinter der Front verhaftet wurde, ignorierte er zunächst die Gefahr. Aber schon die erste Nacht in einer Zelle voller Ratten ließ ihn daran zweifeln, dass es sich bei seiner Festnahme nur um einen Irrtum handeln könne. Weil sich die lokale Militärbehörde für nicht zuständig hielt, wurde sein Fall durch die Instanzen gereicht und der vermeintliche preußische Spion unter den Attacken einer aufgebrachten und antipreußisch gesinnten Bevölkerung von einem Festungsort zum anderen transportiert. Die schlimmsten Tage erlebte Fontane in der Zitadelle von Besançon, wo er auf die Entscheidung des Kriegsgerichts wartete. Das Gefühl des äußerlichen Unsauberseins, das mit der Vorstellung einer gewissen innerlichen Unreinheit einherging, raubte ihm allen Mut und alle Zuversicht. Bis er schließlich in der Zitadelle auf der Atlantikinsel Oléron landete, wo er einen privilegierten Gefangenenstatus »genoss«.
Zwei Perspektiven
Wie es zu Fontanes Festnahme kam und wie er nur knapp dem Tod entging, wird in diesem Buch erzählt. Die dramatische Geschichte seiner Inhaftierung und seiner Rettung wird erstmals aus zwei Perspektiven rekonstruiert: aus der Sicht des Gefangenen und der seiner Helferinnen und Helfer. Denn kaum hatte die Nachricht über Fontanes Gefangennahme Berlin erreicht, setzten seine Frau Emilie und vor allem seine Freunde alle Hebel in Bewegung, um ihn zu retten. Das aktivierte Netzwerk – umfangreicher als bisher bekannt – reichte über die Landesgrenzen hinweg und war mit dem preußischen Ministerpräsidenten Bismarck und dem französischen Justizminister Crémieux prominent besetzt. Da nur wenig über die Hilfsaktionen an die Öffentlichkeit gelangte und sich zum Teil auch überkreuzten, war sich Fontane auch am Ende seines Lebens nicht sicher, wer ihn eigentlich gerettet hatte. Selbst die Forschung kommt zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen, obwohl die Aufarbeitung dieses spannenden biografischen Kapitels seit rund einhundert Jahren andauert.
Komplexer Fall
Dass der Fall bisher nicht gelöst werden konnte, hat mehrere Ursachen. Einerseits trug Fontane selbst nicht viel zur Aufklärung bei. Sein autobiografisches Buch Kriegsgefangen verleitet, das Erlebte – so der Untertitel – als realistischen Bericht seiner Haftzeit zu lesen. Der Text ist zwar die wichtigste und umfangreichste Quelle, aber vorrangig eine literarische. Fontane hat die Wirklichkeit modifiziert und gerafft, wenn es in sein poetisches Konzept passte. Und hat wohl nie damit gerechnet, dass der Wahrheitsgehalt seiner Aussagen jemals überprüft würde.
Andererseits wird die Rekonstruktion durch die lückenhafte Quellenlage erschwert. Entscheidende Dokumente wie das Kriegsgerichtsurteil sind nicht überliefert. Daher führten in der Vergangenheit einzelne, durchaus spektakuläre Funde zur Darstellung von nur ausgewählten Aspekten der Kriegsgefangenschaft Fontanes. Aus dem Blick gerieten dabei die Gewichtung und vor allem die Verknüpfung der verschiedenen Handlungsstränge. Stattdessen erheben einige Fontane-Forscher den Anspruch, mit Legenden über den Erfolg einzelner Rettungsbemühungen aufräumen zu wollen; die älteste ist die sogenannte »Crémieux-Legende« (1910) und die jüngste die »Bismarck-Legende« (2018). Problematisch ist darüber hinaus die häufig fehlende Differenzierung zwischen den einzelnen Personenkreisen sowie den drei Etappen der Rettung Fontanes: Freispruch vom Spionage-Vorwurf, privilegierter Gefangenenstatus und Freilassung auf Ehrenwort.
Neue Quellen
Eine umfangreiche Recherche in den Archiven und vor Ort hat es ermöglicht, dass sowohl Fontanes Erlebnisse während der Haftzeit als auch die Initiativen seiner Retter detailliert nachgezeichnet werden konnten. Der Untersuchung liegen nicht nur die bekannten und neu interpretierten Quellen zugrunde, sondern bisher unveröffentlichte bzw. nicht ausgewertete Briefe, Notizbuchaufzeichnungen und amtliche Dokumente. Hierzu gehören beispielsweise zwei Fontane-Schreiben an Emilie, mehrere Brief-Entwürfe, die Fontane auf der Insel Oléron verfasste, sowie Dokumente zur Liberationsordre der französischen Regierung, die im Pariser Militärarchiv lagern. Darüber hinaus wurden die Erinnerungen über die Gefangenschaft eines Sergeanten herangezogen, dem Fontane in der Zitadelle auf Oléron begegnet ist und der sein Buch in Anlehnung an Fontane ebenfalls Kriegsgefangen nannte.
Nicht nur Fontane war sich der Brisanz seines Falls bewusst. Der Kommandant der Festung Oléron soll dem Dichter schon bei der Begrüßung auf der Insel prognostiziert haben, dass Fontane die Gefangenschaft auf Isle d’Oléron segnen werde: Sie werden einen guten Stoff gewinnen und Ihr zukünftiger Biograph einen noch besseren.[3] Zu diesem Zeitpunkt hatte der Kriegsgefangene schon längst mit der Aufzeichnung seiner Erlebnisse begonnen, die unmittelbar nach seiner Rückkehr zunächst in der Vossischen Zeitung, 1871 dann als Buch publiziert wurden. Im Nachwort wird die Entstehung und zeitgenössische Wirkung von Kriegsgefangen thematisiert, die Fontane eine bis dahin nicht gekannte mediale Aufmerksamkeit bescherte.
Originalschauplätze in Frankreich
Die historischen Schauplätze von Fontanes Kriegsgefangenschaft existieren noch. Sowohl die Zitadelle von Besançon als auch die Festung auf der Insel Oléron sind touristische Anziehungspunkte. Und in Domrémy, wo Fontane am 5. Oktober 1870 verhaftet wurde, kann wie vor 150 Jahren das Geburtshaus der Jeanne d’Arc besichtigt werden. Am Beispiel von Domrémy lässt sich anschaulich beweisen, wie man mithilfe der neu edierten Notizbücher und der erhaltenen Gebäude-Szenerie zu differenzierten Erkenntnissen gelangt. Dass Fontane genauso verhaftet wurde, wie er es in Kriegsgefangen beschreibt und wie es anschließend jahrzehntelang tradiert wurde, gehört auf das weite Feld der Literarisierung.
Gabriele Radecke & Robert Rauh
Ahrenshoop, im Sommer 2020

Theodor Fontane 1870, Fotoatelier Loescher & Petsch Berlin
ABERMALS EIN KRIEGSBUCH Zwischen den Fronten
Wellen in Warnemünde
Es sollte ein entspannter Urlaub werden. Im Juli 1870 befand sich Theodor Fontane zur Sommerfrische an der Ostsee, bevor der Fünfzigjährige Mitte August bei der Vossischen Zeitung seine neue Stelle als Theaterkritiker antreten würde.[1] Zusammen mit seiner Frau Emilie und zwei seiner Söhne, dem dreizehnjährigen Theodor und dem sechsjährigen Friedrich, hielt er sich seit dem 12. Juli in Warnemünde auf.[2] Doch das Urlaubsidyll war von Anfang an getrübt. An der Ostseeküste tobten Sturm und Regen.[3] Und in Europa kündigte sich ein neuer Krieg an.
Die Kandidatur des katholischen Erbprinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen für die vakante spanische Krone hatte einen Konflikt zwischen Frankreich und Preußen ausgelöst, den der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck zu verschärfen verstand. Nachdem der preußische König Wilhelm I. die spanische Thronbewerbung seines Verwandten zurückgezogen und damit dem französischen Druck nachgegeben hatte, glaubte die französische Regierung, den diplomatischen Erfolg ausweiten zu können. Und überspannte den Bogen. Der französische Botschafter reiste in den Kurort Bad Ems und verlangte am 13. Juli auf der Kurpromenade von Wilhelm die Zusicherung, auch künftig keine Hohenzollernkandidatur in Spanien mehr zu billigen – was der preußische König entschieden ablehnte. Bismarcks Mitarbeiter Heinrich Abeken, der den König in Bad Ems begleitete, protokollierte die Vorgänge und telegrafierte den Bericht nach Berlin. Diese »Emser Depesche« wurde von Bismarck in einer gekürzten und verschärften Version an die Presse gegeben. Die Pressemeldung erweckte nun den Eindruck, der französische Botschafter sei in Bad Ems in ungebührender Weise aufgetreten und der König hätte weitere diplomatische Kontakte abgelehnt. Daraufhin sah sich der brüskierte und innenpolitisch ohnehin unter Druck stehende Kaiser Napoléon III. am 19. Juli 1870 zur Kriegserklärung an Preußen veranlasst. Eine einzige Depesche, wenn auch nichts drinsteht, kommentierte Fontane einen Monat später, wiegt ganze Berge von Literatur auf.[4] Die Kriegserklärung war der offizielle Beginn des Deutsch-Französischen Krieges, der erst im Mai 1871 mit dem Frieden von Frankfurt am Main sein Ende fand.
Ein ungeheurer Lärm brach los, dessen Wellen wir selbst in dem stillen Warnemünde verspürten, notierte Fontane später im Tagebuch.[5] Unmittelbare Auswirkungen spürten sowohl das kleine Ostseebad als auch die Fontanes selbst: Während an der Ostsee das Gerücht umging, man müsse mit dem Erscheinen von 14 [französischen] Panzerschiffen vor Warnemünde rechnen[6], nahm Fontanes ältester Sohn auf preußischer Seite am Feldzug teil. Detailliert wird der neunzehnjährige George Fontane in den folgenden Monaten den Eltern über seine Erlebnisse an der Front berichten. Am Tag der Kriegserklärung hatte George im Schnellverfahren seine letzten Prüfungen für das Offiziersexamen bestanden[7] und rückte am 26. Juli als »Seconde-Lieutnant« der preußischen Armee Richtung Westen aus. Stolz verkündete er, wahrscheinlich werde seine Division die Avantgarde bilden.[8] Weder er noch seine Eltern ahnten zu diesem Zeitpunkt, dass der Vater dem Sohn bald nach Frankreich folgen würde – als Kriegsjournalist.
Am 1. August entschieden die Fontanes, ihren Urlaub in Warnemünde abzubrechen. Emilie kehrte mit den beiden Söhnen direkt nach Berlin zurück; Fontane fuhr über Rostock nach Dobbertin, wo er seine langjährige Vertraute und Förderin Mathilde von Rohr besuchte.[9] Auch in der klösterlichen Abgeschiedenheit holten ihn die Frontnachrichten ein. Und die preußische Propaganda, die er im Hinblick auf die Mär vom nationalen Verteidigungskrieg kritiklos übernahm: Man hat nur 2 Dinge als Trost, schrieb er an Emilie, dieser Kampf wurde uns aufgedrängt, er trat als Unvermeidlichkeit an uns heran und dann zweitens die Vorstellung, 500.000 Muttersöhne haben dasselbe durchzumachen [wie ihr Sohn George].[10] Die erste Siegesnachricht traf am 5. August ein. Tags zuvor hatte ein gesamtdeutsches Heer in der Schlacht bei Weißenburg die Franzosen geschlagen. Auf deutscher Seite kamen circa siebenhundert Soldaten und Offiziere ums Leben, auf französischer über tausend. Die Nachricht löste bei Fontane zwiespältige Empfindungen aus. Mein Herz schlug […] höher, bekennt er gegenüber seiner Frau, doch könne er ein Schmerzgefühl nicht los werden. Wozu das alles? Um nichts! Blos damit Lude Napoleon festsitzt oder damit der Franzose sich ferner einbilden kann, er sei das Prachtstück der Schöpfung – um solcher Chimäre willen der Tod von Tausenden![11]

Ungeheurer Lärm in dem stillen Warnemünde: Blick auf die Strandpromenade und den Leuchtturm, Postkarte, um 1900
Ein drittes Mal im Felde
Am 7. August, als George Fontane mit seinem Bataillon »unter donnernden Hurras die [französische] Grenze« überschritt[12], kehrte sein Vater in die flaggende, siegestrunkene Hauptstadt zurück.[13] In der Wohnung fand er einen Brief seines Verlegers vor und hielt im Tagebuch fest: Herr v. Decker wünscht abermals ein Kriegsbuch. So wird es denn eine Trilogie: 1864, 66, 70.[14] Rudolf von Decker, Eigentümer und Verleger der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei, war durch die Wanderungen durch die Mark Brandenburg auf Fontane aufmerksam geworden[15] und hatte ihn zunächst mit einem Buch über den Deutsch-Dänischen Krieg von 1864[16] beauftragt; zwei Jahre später mit einer Publikation über den preußisch-österreichischen Krieg von 1866[17], dessen zweiter Halbband im Juli 1870 erschienen war. Nun also ein Buch über den Deutsch-Französischen Krieg. Dabei hatte Fontane das Gefühl: nun sei es auf Lebenszeit an Siegen und Siegesbeschreibung genug. Es hat anders kommen sollen; alles steht ein drittes Mal im Felde, so denn auch wir.[18]
Während Fontane mit Decker über die Vertragsbedingungen für das neue Kriegsbuch, unter anderem ein Honorar [von] 50 T[alern] pro Bogen[19], verhandelte, wurde sein jüngstes Manuskript, das er als Briefe aus Mecklenburg veröffentlichen wollte, [u]nter den obwaltenden Umständen nicht mehr angenommen. Wer will jetzt, schrieb er an Mathilde von Rohr, Plaudereien über Warnemünde und Doberan lesen![20] Dafür floss frisches Geld aus einer anderen Quelle in die stets klamme Familienkasse. Fontane nahm am 15. August seine neue Referenten-Tätigkeit als Theaterkritiker für die Vossische Zeitung auf.[21] In seiner ersten Rezension über die Aufführung von Schillers Wilhelm Tell, mit der am 17. August im Königlichen Opernhaus die Berliner Theatersaison eröffnet wurde, rechtfertigte er den Krieg gegen Frankreich nun auch öffentlich: Der Tell enthalte kaum eine Seite, gewiss keine Scene, die nicht völlig zwangslos auf die Gegenwart, auf unser Recht und unseren Kampf gedeutet werden könnte.[22]
Nachdem Decker auf alle Bedingungen eingegangen war[23], begann Fontane seine Reise nach Frankreich zu planen. Im September legte er ein neues Notizbuch an, das er mit dem Titel Kriegsschauplatz 1870 versah und worin er unter anderem beteiligte Regimenter und Namen führender Offiziere notierte.[24] Über den Kriegsverlauf diskutierte Fontane mit seinem Freund Bernhard von Lepel – und war nach wie vor hin- und hergerissen: Welche Siege, welche Verluste! Am Ende kam er jedoch zu dem Schluss, dass es keinen Sinn mache, alle diese Verluste aufzuzählen, wie er Mathilde von Rohr schrieb. Erfreuen wir uns an der einen großen Tatsache, dass wir wenigstens gesiegt haben und dass wir auf Feindes Land stehn.[25]

Welche Siege, welche Verluste! Das Dorf Bazeilles bei Sedan nach der Schlacht vom 1. September 1870, Holzstich 1895
Anfang September überschlugen sich die Ereignisse. Nachdem die französische Armee infolge der kriegsentscheidenden Schlacht von Sedan in der Nähe der belgischen Grenze vom 1./2. September 1870 kapituliert hatte und Napoléon III. sowie über 10.000 französische Armeeangehörige in Gefangenschaft geraten waren, wurde am 4. September in Paris die Dritte Republik ausgerufen. »Eigentlich müsste der Krieg aus sein«, konstatierte der preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke.[26] Aber die provisorische »Regierung der Nationalen Verteidigung« unter General Louis Jules Trochu und seinem Innenminister Léon Gambetta führte den Krieg fort. Da die französische Armee aufgrund von Tod, Desertation und Gefangennahme dezimiert war, setzte die provisorische Regierung nun auf die Mobilisierung der Bevölkerung – mit antideutscher, stellenweise hasserfüllter Propaganda sowie der massenhaften Einberufung wehrfähiger Männer, die im Schnellverfahren ausgebildet und bewaffnet wurden. Aus einem kontrollierten »Kabinettskrieg« der Regierung entwickelte sich ein enthemmter Volkskrieg, wozu auch die Partisanenkämpfe von »Franctireur«-Einheiten [Freikorps] gehörten. Hauptkriegsschauplätze wurden jetzt die Kämpfe um Metz und die französische Hauptstadt. Außenminister Jules Favre verkündete am 6. September, den Preußen solle nicht ein Quadratmeter Frankreich und nicht ein Stein einer französischen Festung preisgegeben werden.[27] Als die preußische Armee immer weiter an Paris heranrückte und einen Ring um die Stadt bildete, wurde der Beschluss revidiert, die neue Regierung werde Paris auch im Falle einer Belagerung nicht verlassen. Ein Teil des Kabinetts, unter ihnen auch Justizminister Adolphe Crémieux, verließ am 12. September die Hauptstadt und bildete in Tours einen zweiten Regierungssitz.[28]
Der Kriegsjournalist Fontane wollte nun so schnell wie möglich nach Frankreich aufbrechen. Am 11. September informierte er seinen Verleger Decker, in den nächsten Tagen seine Reise auf den Kriegsschauplatz antreten zu wollen, und bat ihn um regelmäßige Vorschusszahlungen.[29] Vier Tage später verschob er den Reiseplan, um den Fall von Metz abzuwarten.[30] Auch sein Sohn George fieberte, dichter an das Frontgeschehen heranzukommen. Seine Division rechne mit der Beteiligung an den Kämpfen vor Paris, schrieb er am 16. September seinen Eltern, »wobei man sich doch vielleicht noch ein Eisernes Kreuz verdienen« könne.[31]
Ende September muss Fontane entschieden haben, den Fall von Metz nicht mehr abwarten zu wollen.[32] In wenigen Stunden brech ich auf, teilte er am 25. September Mathilde von Rohr mit, um Metz, Sedan und Paris zu studieren. Er wünsche sich, seinen Jungen heil und gesund wiederzusehn und dem Einzuge unserer Truppen die Elyseischen Felder hinauf beiwohnen zu können. Spätestens am 6. Oktober, so seine Hoffnung, müsse er vor Paris eintreffen.[33]
Es kam anders, wird er rückblickend im Tagebuch notieren.[34] Am 6. Oktober, dem zweiten Tag seiner Gefangenschaft, erhielt Fontane die Mitteilung, dass am nächsten Morgen über sein Schicksal entschieden werde.[35]
Chancen und Gefahren
Mit »Zittern und Zagen«, erinnerte sich Familienfreundin Henriette von Merckel, habe Emilie »ihren geliebten Gatten nach Frankreich reisen« sehen.[36] Als Fontane sich am 27. September von seiner Frau verabschiedete, war beiden bewusst, dass die Fahrt ein Risiko war. Dass Fontane mit Legitimationspapieren des preußischen Kriegsministeriums im Gepäck und einer Rot-Kreuz-Armbinde ausgestattet war, konnte Emilie nur ein schwacher Trost sein. »Du weißt«, wird sie ihn später erinnern, »dass es mein Wunsch war, Deine Abreise um einige Monate zu verschieben«.[37] Ihr Mann setzte sich bewusst darüber hinweg. Später wird er in seinem Buch Kriegsgefangen reflektieren, dass er bei aller Friedfertigkeit seines Berufs mit dem Bewusstsein in Frankreich eingerückt sei, dass eben Krieg sei und er die Chancen und Gefahren des Krieges bis zu einem gewissen Grade zu teilen haben werde.[38]

Kriegsschauplatz 1870: Fontanes Notizbuch D6 für die Recherche zum Deutsch-Französischen Krieg
Zwar galt Ende September der endgültige Sieg der Deutschen als sicher, aber es gab noch keinen Waffenstillstand. Und die Kämpfe dauerten ungeachtet der französischen Niederlage von Sedan noch immer an. Das Risiko erhöhte sich, weil Fontane allein nach Frankreich aufbrach. Bei seinen früheren Reisen zu Kriegsschauplätzen war er 1864 in Dänemark von Ernst Waldemar Heffter, dem stellvertretenden Chefredakteur der Kreuzzeitung, und 1866 in Böhmen von seinem Jugendfreund Hermann Scherz begleitet worden.
Um Emilie zu beruhigen, schrieb Fontane regelmäßig Briefe, in denen er ihr versicherte: Es geht mir gut. Er unterhielt sie mit Berichten über seine Eisenbahnfahrten, erste Bekanntschaften und sein mangelhaftes Französisch. Und er scherzte sogar: Wanzen würden ihn viel mehr ängstigen als die franctireurs [französische Freischärler].[39] Die Reise, so resümierte er bereits nach fünf Tagen, sei, wenn es so fortgeht, im höchsten Maße lehrreich, interessant und geradezu erhebend.[40]
Fontane war bereits am 28. September auf dem ersten Kriegsschauplatz, der elsässischen Grenzstadt Weißenburg [frz.: Wissembourg], angekommen.[41] Im Notizbuch beschrieb er die Stadt und die Stimmung – französisch, aber antikaiserlich – und hielt nüchtern fest: Das Land wird nun wieder deutsch werden.[42] Außerdem notierte Fontane für sein Kriegsbuch erste Beobachtungen und Befragungen über die Gefechte[43] und reiste – etwas fiebrig vom windigen Wetter – einen Tag später auf das nächste Schlachtfeld nach Wörth[44], wo er auf der Kuppe Station machte, auf der Kronprinz [Friedrich Wilhelm] gestanden und die Bataille geleitet hatte.[45]
Über die Franzosen I
Fontanes Notizen enthalten – neben den Beschreibungen der Kriegsgebiete – auch Eindrücke von Land und Leuten, die er, wie bei früheren Unternehmungen, für Reisefeuilletons in verschiedenen Zeitungen verwenden wollte. So hielt er nach seinem Aufenthalt in Wörth am 29. oder 30. September fest, die Gegend sei sehr hübsch und sehr wohlhabend, aber man bemerke keine Modernität im guten Sinne; in allem spricht sich der Stillstand eines alten Culturvolkes aus, das es bis zu einer gewissen Höhe gebracht hat, aber darüber auch nicht hinaus will. […] Sehr lehrreich sei ein Vergleich. Ursprünglich wären die Franzosen uns ja unendlich überlegen gewesen, nun aber würden die deutschen Dörfer – zumindest dort, wo Neues eingezogen ist –, in der Art des Häuserbaus, im Ackerbetrieb (so weit ich das beurtheilen kann) in Tracht, überhaupt in Entfaltung einer gewissen bäuerlichen Wohlhabenheit ihnen überlegen. Es würden jene Leute fehlen, wie wir deren zahllose haben, die die Ackerkultur als Wissenschaft treiben und immer Neues ersinnend oder alles Neue erprobend, für stete Fortentwicklung sorgen. In Frankreich sei es muthmaßlich geblieben wie es vor 100 Jahren war.[46] Offenbar griff Fontane auf Erfahrungen während seiner Exkursionen in die Mark Brandenburg zurück. So beschreibt er im Wanderungen-Band Oderland, der 1863 erschienen war, die Agrar-Innovationen der Frau von Friedland in Kunersdorf.[47]
Etwas verkürzt, aber um so pointierter fiel Fontanes Fazit einige Tage später in seinem Brief an Emilie aus: Wo immer man in Deutschland reist, hat man den Eindruck des Fortschritts, der ascendence [des Aufstiegs], hier überall den Einruck des Rückschritts, des Verfalls. Um dem Vorwurf der Voreingenommenheit zu begegnen, fügte er hinzu, er könne sich in seinen Beobachtungen kaum irren, denn er trage aufgrund seiner vielen Reise-Erfahrungen keine Vorurtheils-Brille. Selbst Österreich, das er zur Recherche seines Buches über den Deutschen Krieg von 1866 bereist hatte, mache nicht sehr den Eindruck der Stagnation wie dieses moderne Frankreich. Außerdem sollte Emilie an seinen Erfahrungen in französischen Unterkünften teilhaben. In den Hotels sei von Luxus, Comfort, Elegance, keine Spur. Natürlich existirt das alles, aber wenn man fast 8 Tage in einem Lande sei, will man doch auch etwas davon gesehn haben. Das Essen ist gut, das Frühstück erbärmlich; der »Tischwein« das Schreckniß aller Deutschen.[48] Fontane wird sich nach solch einem Luxus noch zurücksehnen.
Zunächst nahm die Reise aber ihren geplanten Verlauf. Am 30. September verließ er Sulz, von wo aus er Wörth besucht hatte, verbrachte die Nacht in Saarbourg im Coupé und kam am 1. Oktober in Blainville an. Dort stieg er in den Postzug nach Nancy um.[49] In Nancy schrieb Fontane einen Tag später an Emilie, er beabsichtige, nach Toul zu fahren. Die Festung war seit dem 12. September belagert und am 23. September – nach einem zehnstündigen Artilleriebeschuss – gerade erst von den Preußen erobert worden. In Toul wollte Fontane einerseits die Gartenmauer sehen, hinter der George mit seinem Bataillon gelegen hat, und andererseits einen Ausflug nach Vaucouleurs und Dom Remy [Domrémy] unternehmen.[50] Einen Ausflug, von dem er nicht wieder nach Toul zurückkehren sollte.
KRIEGSJOURNALIST AUF ABWEGEN Verhaftung
Ausflug nach Domrémy
Es gab Hinweise, es besser nicht zu tun. Vor allem die »Mahnungen seiner Freunde zur äußersten Vorsicht«. Aber Fontane habe sich »nicht abhalten lassen«, erinnerte sich Henriette von Merckel.[1] Auf seiner Reise zu den Kriegsschauplätzen wollte er unbedingt ins Jeanne-d’Arc-Land, um zwei bedeutende Stätten der französischen Nationalheiligen zu besuchen: Domrémy und Vaucouleurs.
In Domrémy, wo Jeanne d’Arc um 1412 geboren wurde, sollen ihr mit dreizehn Jahren die Heilige Katharina, später auch die Heilige Margarete und der Erzengel Michael erschienen sein. Deren göttliche Botschaft war immer dieselbe: Jeanne müsse Frankreich von den Engländern befreien. Diese Befreiung hätte einen Konflikt beendet, der als Hundertjähriger Krieg (1337–1453) in die Geschichte eingegangen ist.
Im benachbarten Vaucouleurs versuchte Jeanne d’Arc 1429 den zunächst skeptischen Burgkapitän Robert de Baudricourt für ihre Mission zu gewinnen. Nachdem Baudricourt Jeanne einer Prüfung ihres Glaubens unterzogen hatte, stattete er sie mit einer Eskorte und einem Schwert für die Reise an den französischen Hof aus. Noch im selben Jahr begleitete die inzwischen Siebzehnjährige den französischen König Karl VII. bei der entscheidenden Schlacht vor Orléans gegen die Engländer – und verhalf Frankreich zum Sieg. Während die Franzosen Jeanne d’Arc daraufhin als Heilige verehrten, wurde sie in England als Hexe verdammt. Als sie ein Jahr später in die Hände der Engländer fiel, wurde sie 1431 durch die Inquisition zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Gestalt des heldenhaften Bauernmädchens zu einem Nationalmythos der Franzosen, der in unzähligen Romanen, Theaterstücken und Gesängen thematisiert wurde. Ihre Lebensstationen wurden zu Pilgerstätten. Jedes Kind in Frankreich kennt den Geburtsort Domrémy, der ihr zu Ehren den Zusatz »la Pucelle« [die Jungfrau] in den Dorfnamen aufnahm. In Deutschland wurde ihre Geschichte vor allem durch Friedrich Schillers 1801 uraufgeführtes Drama Die Jungfrau von Orléans bekannt.
Im Herbst 1870 befanden sich die Jeanne d’Arc-Orte Domrémy und Vaucouleurs außerhalb der preußisch besetzten Gebiete. Fontane wusste das. Aber sein »romantischer Zug nach dem Geburtsort der Jungfrau war stärker als seine Weisheit, und – die Strafe folgte auf dem Fuße.«[2]
Auch vor Ort gab es Anzeichen, die als Reisewarnung gedeutet werden konnten. Fontane traf am 3. Oktober in Toul ein, das seit der Kapitulation am 23. September von deutschen Truppen besetzt war. Nachdem er im Hôtel de la ville de Metz abgestiegen war[3], gelang es ihm dank dem Kriege und den Requisitionen nicht, in der ganzen Stadt einen Wagen aufzutreiben. Den Ausflug nach Domrémy selber aufzugeben schien Fontane untunlich; er hätte jede Mühe und jeden Preis darangesetzt.[4] So übte er sich in Geduld und hielt im Notizbuch fest: Viel flanirt. Ein Buch über Jeanne gekauft. Schließlich fand sich bei der kranken Mad[ame] Grosjean doch noch eine Kutsche, die er – nach einer Reparatur – für den nächsten Tag mieten konnte. Zufrieden las er am Abend in »Jeanne d’Arc«, ging [f]rüh zu Bett und startete am nächsten Morgen um 7 Uhr seine Fahrt nach Vaucouleurs und Domremy.[5] Der Schicksalstag nahm seinen Lauf.
Fontane bewaffnet
Ich freute mich sehr auf diesen Ausflug, schreibt Fontane in Kriegsgefangen. Aber er hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl. Bereits der Kutscher, ein »Knecht« der Madame Grosjean, flößte ihm wenig Vertrauen ein, am wenigsten als er versicherte: die Partie sei in einem Tag nicht zu machen. Man könne am Abend nicht nach Toul zurückkehren, sondern müsse in Vaucouleurs übernachten. Obwohl Fontane daraufhin ein starker Verdacht durch den Kopf schoss, glaubte er, dieser Person schlimmstenfalls Herr werden zu können: Fontane lud seinen Lefaucheux-Revolver und wickelte ihn derart in seine Reisedecke, dass er durch einen Griff von rechts her, in die muffartige Rolle hinein, den Kolben packen und eine »Gefechtsstellung« einnehmen konnte. Ausdrücklich betont Fontane, dass er den Revolver nicht mitgeführt habe, um etwa auf eigene Hand Frankreich mit Krieg zu überziehen. Man habe aber die Pflicht, sich gegen mauvais sujets [üble Kerle] und die Effronterien [Unverschämtheiten] des ersten besten Strolches zu schützen.[6] Dass der Revolver, den Fontane zur Notwehr mitführte, bei seiner Verhaftung zum Corpus Delicti wurde, gehört zur Ironie dieser Geschichte.

Er ging von Hand zu Hand: Revolver, Modell Lefaucheux M 1858, Fontanes Exemplar ist verschollen
Da in keinem der überlieferten Dokumente auf die Herkunft des Revolvers Bezug genommen wird, kann nur gemutmaßt werden, von wem Fontane ihn erhalten hatte. Entweder er hat den Revolver – ein französisches Modell – in Frankreich erworben. Oder bereits in Berlin. Infrage kommt ein Freund, dessen Trinkflasche er bereits bei sich trug[7] und von dem er sich schon einmal bewaffnen lassen wollte: Bernhard von Lepel. Der Offizier und Schriftsteller zählte zu seinen engsten Vertrauten. Im September 1848 fragte Fontane bei Lepel an, ob er nicht auf väterlicher Rumpelkammer eine alte aber gute Büchse habe. Fontane würde den Freund nicht einen so sonderbar klingenden Wunsch […] an’s Herz legen, wenn er sich nicht, wie immer, in Geldverlegenheiten befände. Sein Anliegen begründete Fontane mit den – von ihm ausdrücklich herbeigewünschten – Kämpfen der radikalen Demokraten während der »Septemberrevolution« von 1848.[8] Lepel, der im Revolutionsjahr 1848 die königstreuen Truppen unterstützte, lehnte den Freundschaftsdienst in gewohnt humorigem Tonfall ab: Fontane habe offenbar keine Bedenken, ihn »um eine Waffe zu bitten«, mit der er gegen seine konservative Partei fechten wolle. Und Lepel fragte, ob der Freund seine Bitte mündlich »ohne zu lachen« wiederholen könnte.[9] Ungeachtet dessen ist es umstritten, ob sich Fontane tatsächlich mit der Waffe in der Hand an den Barrikadenkämpfen beteiligt hatte.

Frappante Ähnlichkeit mit der Mark Brandenburg: Landstraße zwischen Vaucouleurs und Domrémy, 2020
In Frankreich kam der Revolver jedenfalls nicht zum Einsatz. Auch nicht, als der Kutscher einen weiteren Fahrgast auflas und der erneut misstrauisch gewordene Fontane daraufhin seine Reisedecke unwillkürlich etwas zurecht rückte. Der Fremde erwies sich jedoch als ein freundlicher, angenehmer Mann und so setzten sie plaudernd über Krieg und Frieden ihren Weg fort.

Zum Frühstück hinter der Front: Hôtel de la Providence in Vaucouleurs, Postkarte, um 1900
Wie im Märkischen
In Kriegsgefangen schildert der Kriegsjournalist auf Abwegen seinen Ausflug ins Jeanne-d’Arc-Land als entzückende Fahrt. Das lässt sich auch 150 Jahre später nachvollziehen. Malerisch führt die Straße durch kleine, stille Ortschaften und überquert hier und da die schmale Maas, die sich kurvenreich durch die Ebene schlängelt. Von rechts her traten mächtige Weingelände, in der Mitte des Abhangs mit hellleuchtenden Dörfern geschmückt, bis an die Straße heran; nach links hin dehnten sich Fruchtfelder, dahinter Bergzüge, oft in blauer Ferne verschwimmend. Zwei Orte und ein paar Berge weiter erinnert Fontane die Landschaft aufgrund frappanter Ähnlichkeit mit dem Nuthethal an seine märkische Heimat – und die Erzählweise an seine Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
Nach drei Stunden erreichte die Fahrgemeinschaft Vaucouleurs, ein[en] reizende[n] kleine[n] Ort, der sich am westlichen Ufer der Maas, etwa dreißig Kilometer von Toul, befindet. Für den Aufenthalt hatte der Kutscher zwei Stunden festgesetzt. Zeit genug, die alte Kapelle und das leidlich wohlerhaltene Schloss des ›Ritters Baudricour[t]‹, das die Stadt beherrscht, zu besuchen.[10] Tatsächlich wendete Fontane für das Besichtigungsprogramm weniger Zeit auf. Denn zunächst machte er Station im Hôtel de la Providence in der Rue de Jeanne d’Arc, um sein Handgepäck, eine Tasche und Lepels Trinkflasche, zu deponieren – und um zu frühstücken.[11] Gestärkt suchte er anschließend die geschichtsträchtigen Stätten auf. Wer allerdings in Kriegsgefangen eine Beschreibung erwartet, wird enttäuscht. Darüber zu berichten, erklärt der Autor, sei hier nicht der Ort.[12]

Das Schloss des Ritters auf der Crête des Berges: Porte de France in Vaucouleurs, Fontanes Skizze vom 5. Oktober 1870, Notizbuch D6
Eindrücke finden sich dagegen in Fontanes bisher nicht bekannten Notizen über Vaucouleurs. Die noch heute erhaltenen Sehenswürdigkeiten liegen – aufgezogen wie an einer Perlenkette – am Abhang eines Berges, dessen Fuß bis in das Stadtzentrum reicht: erst die Kirche, dann die Kapelle und ganz oben auf der Crête [Krone] des Berges das Schloss des Ritters. Um sie zu besichtigen, musste man damals wie heute unzählige Steinstufen erklimmen. Während die Kirche Saint-Laurent und die 1928 rekonstruierte Burgkapelle noch erhalten sind, existieren von der Burganlage nur noch Reste. Zu ihnen gehört die 1733 erneuerte Porte de France. Hier soll Jeanne d’Arc, nachdem sie von Burgherr Robert de Baudricourt mit sechs Begleitern ausgestattet sowie mit dem Ausspruch »Va, va et advienne que pourra« [»Geh, geh und komme, was will«] verabschiedet worden war, am 13. Februar 1429 aufgebrochen sein, um den französischen Thronerben aufzusuchen. Durch das Thor hindurch sieht man auf die Mauern und Dächer der Häuser [,] die weiter hinab am Abhang stehn, zwischen diesen Häusern und Dächern stehn Baumkronen und […] über diese hinaus ragt der spitze gothische Thurm der Stadtkirche.[13] Wachsen die Bäume nicht weiter in den Himmel, wird man auch künftig diesen Blick genießen können.

Auf der Krone des Berges: Burgkapelle und Porte de France in Vaucouleurs, 2020
Um zwölf Uhr ging es weiter nach Domrémy, circa zwanzig Kilometer südlich von Vaucouleurs. Kurz vor der Einfahrt in das Dorf erfährt Fontanes Beschreibung des Jeanne d’Arc-Landes eine romantische Steigerung: Durch die herbstlich klare Luft zogen Tausende von Sommerfäden, und auf meine neugierige Frage, welchen Namen diese weißen Fäden in Frankreich führten, antwortete der Kutscher, es seien die Haare der Heiligen Jungfrau. War es denkbar, formuliert Fontane beflügelt, unter glücklicherer Vorbedeutung in das Dorf der Jeanne d’Arc einzuziehen? Um dann abrupt zu konstatieren: Und doch täuschten alle diese Vorzeichen.

Ich machte meine Notizen: Geburtshaus der Jeanne d’Arc in Domrémy, Fontanes Skizze vom 5. Oktober 1870, Notizbuch D6
Alles war Poesie
Um drei Uhr etwa fuhren sie in die Hauptstraße von Domrémy ein. Fontanes Eindruck, trotz hellen Sonnenscheins und des weißen Anstrichs der Häuser, war ein düsterer; alles schien auf Verfall und Armut hinzudeuten. Der Kutscher hielt vor einem rußigen, anscheinend herabgekommenen Gasthause, das in verwaschenen Buchstaben die Inschrift trug: »Café de Jeanne d’Arc«. Es war unheimlich.
Domrémy hat seitdem nicht viel getan, um seinen Besuchern einen besseren Eindruck zu vermitteln. Auch heute strahlt die Sonne vom Himmel, aber die Einfahrt in die Hauptstraße lässt keine Freude aufkommen. Die Häuser sind ergraut und die Fenster mit Rollläden verschlossen. Nirgends Blumen vor den Häusern; stattdessen sprießt Unkraut. Wir halten vor dem schmucklosen Hotel Jeanne d’Arc, dessen heruntergelassene Jalousien und verwitterter Anstrich darauf hindeuten, dass es die besten Tage hinter sich zu haben scheint. Gegenüber ein Imbiss und daneben ein Souvenirshop, die beide den Versuch unternehmen, Touristen nicht sich selbst zu überlassen. Wie Fontane haben wir vor, uns diesem Eindruck zu entziehen – und suchen unverzüglich die geweihte Stätte auf, wo »la Pucelle« geboren wurde. Es sind nur hundertfünfzig Schritt; in einem Stück Gartenland liegt das ehrwürdige Gemäuer.

Pilgerstätte bis heute: Geburtshaus der Jeanne d’Arc in Domrémy, 2020
Nachdem Fontane die Glocke an einem sauberen drahtgeflochtenen Gittertor gezogen hatte, das den Garten von der Straße schied, öffnete eine Nonne, die ihn hineinbat und durch das Haus führte. Als er in der Nische über der niederen Eingangstür das in Stein gemeißelte Bild der gewappneten Jungfrau und im Haus den alten eichenen Wandschrank sah, der Jeanne d’Arc jahrelang als Truhe gedient hatte, fiel alles Misstrauen von ihm ab; Fontane fühlte sich ganz dem Zauber dieser Stunde hingegeben.
In Kriegsgefangen ergänzt der Reisende den eher seltenen Hinweis: Ich machte meine Notizen.[14] Und da das Notizbuch erhalten ist, erfährt man, dass Fontane weitaus mehr über seinen Rundgang in der heiligen Stätte festgehalten hat. Es seien nur drei Details genannt, die heute noch zu sehen sind: gleich im ersten Raum ein großer alter Kamin links an der Wand, in der Mitte eine Statue der Jungfrau in Bronze, 2 Fuß hoch [jetzt in einer Ecke platziert] sowie das leere, drei halbe Arme im Quadrat große Schlafzimmer mit einem kleinen Lochfenster.[15]

Sich jedes Kleinste einprägend: Dorfkirche Saint-Rémy (Jeanne d’Arcs Taufkirche) in Domrémy, links vor dem Portal die Statue der Jeanne d’Arc, Postkarte, um 1900
Das Haus selbst ist heute Teil eines Museums. Um es zu besichtigen, muss man zunächst einen modernen Anbau passieren, in dem freundliche und auskunftsbereite Mitarbeiter darauf hinweisen, dass der Besucher keinen Eintritt bezahlen, aber die coronabedingte Maske aufsetzen muss. Wir passieren den Anbau, in dem mittels Animationen die »Gesichter der Jeanne d’Arc« präsentiert werden, dann den Garten, in dem es – im Gegensatz zum Ort – grünt und blüht, und gelangen schließlich in das märchenhaft anmutende Häuschen mit dem schiefen Dach. An diesem heißen Junitag sind wir überall allein, können in Ruhe Fotos machen und die Gegebenheiten mit Fontanes Notizen abgleichen. Dann treten wir zurück in den Garten und versenken uns noch einmal in den Anblick dieses in Geschichte und Dichtung gleich gefeierten Ortes. Fontane geriet in einen Sinnestaumel – alles war Poesie.
Romantisch auch die Dorfkirche, in der Jeanne d’Arc getauft wurde und die zusammen mit dem Geburtshaus auf der linken und dem Hotel Jeanne d’Arc auf der rechten Seite eine filmreife Kulisse bietet. Fontane verweilte wohl eine Viertelstunde in der Kirche, sich jedes Kleinste einprägend. Dann trat er wieder vor das Portal der Kapelle, zu deren Linken sich eine Statue der Pucelle erhebt. Das Denkmal befindet sich heute, gut zweihundert Meter vom alten Standort entfernt, zwischen zwei Linden und – weniger romantisch – vor einem Besucherparkplatz. Die Jungfrau kniet im Gebet, presst die linke Hand aufs Herz, während sie die rechte gen Himmel hebt. Ausgerechnet hier, vor dem Denkmal der Jeanne d’Arc, fand Fontanes Fahrt ins alte, romantische Land ein jähes Ende.

Filmreife Kulisse: Dorfkirche Saint-Rémy (ohne Statue der Jeanne d’Arc) und Hotel Jeanne d’Arc in Domrémy, 2020
Verhaftung
Fontanes Urteil über das 1855 von Eugène Paul geschaffene Denkmal der Jeanne d’Arc war schnell gefällt: eine wohlgemeinte, aber schwache Arbeit. Als er dann mit seinem Stock an die Statue klopfte, um sich zu vergewissern, ob es Bronze oder gebrannter Ton sei, sah er eine Gruppe von Acht bis zwölf Männern, […] ziemlich eng geschlossen und untereinander flüsternd auf sich zukommen. Fontane stutzte, ließ sich in seiner Untersuchung aber nicht stören und fragte unbefangen, als sie heran waren, ob sie wüssten, aus welchem Material die Statue gemacht sei. Man antwortete ziemlich höflich, sie bestünde aus Bronze. Die Männer zeigten jedoch keinerlei Interesse, mit dem Fremden über kunsthistorische Fragen zu fachsimpeln. Stattdessen verlangten sie seine Papiere. Und weil es ihnen nicht gelang, sich darin zurechtzufinden, forderten sie Fontane auf, ihnen zur Überprüfung seiner Angaben in das Wirtshaus zu folgen.

Eine wohlgemeinte, aber schwache Arbeit: Statue der Jeanne d’Arc in Domrémy, 2020
Noch glaubte Fontane, die Situation im Griff zu haben. Die ganze Szene, so peinlich sie war, hatte nicht gerade viel Bedrohliches. Im Gegenteil: Nach dem Eintritt in das Café Jeanne d’Arc schien sie ein immer helleres Licht gewinnen zu wollen. Es wurden Wein und Reimser Biskuit herumgereicht und Fontane ergriff die Gelegenheit, den umstehenden, mehrheitlich angetrunkenen Dorfbewohnern, deren Zahl von Minute zu Minute wuchs, zu erklären, dass er sich auf einer Recherche-Tour für ein Buch über den noch andauernden Deutsch-Französischen Krieg befände und dass er heute eine spezielle[n] Exkursion nach Domremy, in den Geburtsort der französischen Nationalheldin Jeanne d’Arc, unternommen habe. Alles wurde wohlwollend aufgenommen.
Aber der kleine Lichtstrahl, der eben durchbrechen wollte, sollte bald wieder schwinden. Erst wurde die zuhörende Gesellschaft überrascht von einem poignard [Dolch], den ein junger Bauer aus Fontanes Stock zog, dann von seinem Revolver, der zum Vorschein kam, als Fontane aufgefordert wurde, seine Reisedecke auszuwickeln. Die Waffe ging von Hand zu Hand und wurde mit sehr verschiedenen Gefühlen betrachtet. Bevor die Stimmung ganz zu kippen drohte, wurde Fontane von einem Mann aus dem Kreise der Minorität, vermutlich einem Franctireur [französischem Freischärler][16], gefragt, ob er damit einverstanden sei, dass man ihn nach Neufchâteau auf die Souspräfektur [Bezirksverwaltungsbehörde] führte. Der Bedrängte musste lächeln; ebenso gut hätte man ihn fragen können, ob er damit einverstanden sei, gehängt zu werden.
Kaum hatte Fontane seine Einwilligung ausgesprochen, als man seinen Kutscher, der ihn übrigens, wie er ausdrücklich betont, nicht verraten hatte, antrieb, seinen Braunen wieder einzuspannen. Fontane bezahlte seine Zehrung bei der Wirtin, die ihn teilnahmsvoll ansah. Vor dem Wirtshaus bestiegen sie den Wagen: Rechts der Kutscher, links ein Franctireur, Fontane eingeklemmt zwischen beiden. Kurz darauf hatten sie Domrémy verlassen. Die Sonne war im Niedergang; der Abend klar und schön; so ging es auf Neufchâteau zu.[17] Offenbar war ihm in diesem Moment bewusst geworden, dass er seine Freiheit verloren hatte. Aber er ahnte noch nicht, in welcher Gefahr er tatsächlich schwebte. Erst rückblickend wird Fontane die Situation in seinem Tagebuch auf den Punkt bringen: Hier war das Todtschiessen nah.[18]
Fontanes Verhaftung vor dem Jeanne-d’-Arc-Denkmal könnte sich so abgespielt haben. Sie könnte aber auch anders verlaufen sein.
Erlebtes, aber die Wahrheit?
Die Geschichte der Verhaftung wird seit ihrer ersten Veröffentlichung im Dezember 1870[19] in allen Fontane-Publikationen immer wieder genau so erzählt. Obwohl es sich bei Kriegsgefangen um keinen sachlichen Bericht eines Journalisten, sondern um die autobiografische Schrift eines Dichters handelt, wurde Fontanes Version nicht infrage gestellt. Und für Fontane war es offenbar verlockend, die romantische Reise ins Jeanne d’Arc-Land auf ihrem Höhepunkt poetisch enden zu lassen.
Mehrere Indizien, die sich sowohl in den Notizen und im gedruckten Text als auch vor Ort finden lassen, sprechen jedoch dafür, dass die Verhaftung weitaus unspektakulärer über die Bühne gegangen sein könnte. Vermutlich wurde Fontane nicht vor der Statue der Jeanne d’Arc festgenommen. Denn anders als in Kriegsgefangen erzählt, wurde er nicht bei der Materialuntersuchung unterbrochen, sondern hatte sie – wie die Bemerkung im Notizbuch belegt – bereits beendet: Ob es Erz ist oder gebrannte Thonmasse [,] ist nicht zu sehn. Es scheint aber Thonmasse. Zudem hatte Fontane seine vor Ort angefertigten Notizen über die letzte Station seines Rundgangs durch Domrémy abgeschlossen. Sie enden mit dem wenig schmeichelhaften Urteil über die Statue, das er später, etwas modifiziert, in Kriegsgefangen übernimmt: das Ganze eine schwächliche conventionelle Leistung.[20] Entlarvender als die Notizen ist jedoch ein Hinweis im gedruckten Text, den Fontane schlichtweg übersehen haben muss. Auf dem späteren Transport zur Zitadelle von Besançon traf er einen jener Herren, die seine Verhaftung vor dem Hause der »Pucelle« herbeigeführt […] hatten.[21] Wo also wurde Fontane verhaftet: vor der Kirche oder vor dem Geburtshaus der Jeanne d’Arc? So viel vorweg: weder noch.
Fraglich ist auch, wie sich Fontane verdächtig machte. Dass er sich als Tourist durch Domrémy bewegte, war für die Einheimischen unschwer zu erkennen. Und dass er vor und in den Jeanne-d’-Arc-Orten in einem Notizbuch schrieb und skizzierte, war vielleicht ungewöhnlich – aber wies ihn das als einen Spion aus? Und wer hat ihn überhaupt beobachtet? Die Acht bis zwölf Männer, die ihn festnahmen, können es nicht gewesen sein, wenn sich das Gasthaus Café de Jeanne d’Arc in dem heutigen Hotel Jeanne d’Arc befunden haben sollte, wofür die Ähnlichkeit des Namens sprechen würde. Eine Überprüfung vor Ort ergibt: Die Sicht aus den Fenstern ermöglicht einen Blick auf die Straße oder auf die Seitenwand der Kirche. Aber es war unmöglich, Fontane beim Abklopfen der Statue vor der Kirche zu beobachten. Vom Wirtshaus erst recht nicht zu sehen war, wer sich vor der Geburtsstätte der »Pucelle« aufhielt, weil sich das Haus zurückversetzt neben der Kirche befindet.
Dass sein Kutscher, der nicht zum ersten Mal einen Jeanne-d’Arc-Touristen chauffierte, ihn nicht verraten hatte, hebt Fontane ausdrücklich hervor. Wer war es dann? Eine naheliegende Antwort klingt zunächst einmal verstörend: Fontane selbst. Aber mit Sicherheit unbeabsichtigt.
Und so könnte sich die Verhaftung tatsächlich abgespielt haben: Nachdem die entzückende Fahrt hinter die Front völlig problemlos verlaufen war, er alle Jeanne-d’-Arc-Stätten ungehindert besichtigen und in Vaucouleurs in einem öffentlichen Etablissement sogar frühstücken konnte, hatte Fontane – ungeachtet seines düsteren Eindrucks von Domrémy – vermutlich keine Bedenken, auch das Café de Jeanne d’Arc aufzusuchen, vor dem der Wagen ohnehin gehalten hatte und in dem sich sein Kutscher aufhielt. Bemerkenswert in Kriegsgefangen ist die ausführliche Schilderung, wie Fontane den Dorfbewohnern, deren Zahl von Minute zu Minute wuchs, seine Mission zu erläutern versucht. Wurde er befragt? Erzählte er von selbst? Wie auch immer: alles [wurde] wohl aufgenommen. Misstrauisch wurden die angetrunkenen Gasthausbesucher erst, als durch einen Zufall Fontanes Waffen zum Vorschein kamen. Nachdem die Stimmung ziemlich hoch ging, wurde der bedrängte Fremde vermutlich von einem Franctireur gefragt, ob er damit einverstanden sei, dass man ihn nach Neufchâteau auf die Souspräfektur führe.
Für die Version, dass Fontane im Gasthause verhaftet wurde, spricht außerdem ein korrektes Detail, das womöglich versehentlich in Fontanes Geschichte geraten – oder im Text stehen geblieben ist: In Kriegsgefangen erwähnt er, dass er vor dem Verlassen des Wirtshauses seine Rechnung bezahlte. Dass er nicht nur (mit-)getrunken, sondern auch gegessen hatte, belegt die Verwendung des Begriffes Zehrung. Unwahrscheinlich ist es, dass damit Wein und Reimser Biskuit gemeint sind, die bei dem Gelage herumgegeben wurden. Daher ist es unglaubwürdig, dass man Fontane vor dem Denkmal verhaftete, ihn anschließend in das Gasthaus abführte, um seine Person und seine Reiseberechtigung zu überprüfen[22], und ihn dann in aller Ruhe trinken und speisen ließ.
Ungeachtet dessen gilt es im Kontext der Verhaftung gleich mit einer zweiten Legende aufzuräumen. In nahezu allen Veröffentlichungen über Fontanes Kriegsgefangenschaft wird behauptet, der Dichter sei von Franctireurs festgenommen worden. Das Buch Kriegsgefangen enthält dazu widersprüchliche Hinweise: Zum einen schreibt Fontane (in einem anderen inhaltlichen Zusammenhang), dass er von einer Franctireurschaft verhaftet wurde.[23] Zum anderen ist bei der konkreten Schilderung seiner Festnahme nur von einer Gruppe von Acht bis zwölf Männern die Rede. Und im Gasthaus, wohin ihn die Männer brachten, wurde ihm kein Franctireur-Anführer gefährlich, sondern der betrunkene Maire [Bürgermeister].[24] Übereinstimmend in beiden Textstellen ist dagegen, dass ihn im Wirtshaus Franctireurs vor den Insulten [Beschimpfungen] des Dorfpöbels gerettet hatten.[25] Wer hat Fontane nun verhaftet: die Dorfbewohner von Domrémy (Dorfpöbel) oder die Franctireurs? Eine Antwort gibt sein handgeschriebener Lebenslauf, den er für den französischen Innenminister in Vorbereitung auf seine Freilassung verfassen musste. Demnach haben ihn keine Franctireurs verhaftet, sondern: Landleute.[26] Fontane hat diesen Aspekt seiner Festnahme später nicht aufgeklärt. Wie so einiges andere auch nicht. Für die Folgen seiner Festnahme und angesichts der Lebensgefahr, in der er nun schwebte, war es allerdings nicht entscheidend.
Für die erzählerische Darstellung der Verhaftung jedoch konstruierte er eine Szene, die einfach zu schön ist, um wahr zu sein. Wie heißt es doch über die letzte Viertelstunde seiner romantischen Reise: alles war Poesie.
FURCHTBARE ÄNGSTE In Gewahrsam
Nächtliche Attacke
Seit gestern bin ich ein Gefangener, schrieb Fontane am 6. Oktober 1870 an seine Frau. In Domremy, eben in voller Jean d’Arc-Bewunderung, wurde ich verhaftet. Man habe ihn für einen verkappten preußischen Officier gehalten.[1] Den Brief verfasste er in Langres, als er die erste schlimme Nacht bereits hinter sich hatte. Nach seiner Verhaftung in Domrémy, erzählt Fontane in Kriegsgefangen, war er zunächst nach Neufchâteau gebracht worden, wo er Monsieur Cialandri vorgeführt wurde. Der Souspräfekt bedauerte, Fontane unter den gegebenen Umständen nicht ohne weiteres in Freiheit setzen zu können. Und erklärte ihm, der Capitaine der Gendarmerie, nach dem er bereits geschickt habe, werde das Weitere veranlassen. Alles in allem, vermutete Fontane, schien die Situation nicht hoffnungslos.
Dass er sich geirrt hatte, zeigte der Auftritt des Capitaine. Der Offizier nahm den Bericht des Souspräfekten entgegen, warf dann und wann ein kurzes Wort ein und blickte, scharf musternd, mit seinen dunklen Augen zu Fontane herüber. Der hielt dem Blick des Capitaine stand, weil er sich nicht provozieren lassen wollte, weil er sich unschuldig fühlte und weil er davon überzeugt war, dass man durch Sichkleinmachen noch nie das Herz eines Feindes erobert hat.
Schließlich wandte sich der Capitaine mit einigen Fragen an Fontane, der erneut entschieden verneinte, ein officier prussien zu sein. Aber es gelang ihm nicht, den französischen Offizier von seiner Unschuld zu überzeugen, geschweige sein Herz zu erobern. Fontane wurde wieder abgeführt – diesmal direkt in das Gefängnis der Stadt, ein weitschichtiges Gebäude, wo ihn der Capitaine zunächst in die Wohnung des Greffier [Gerichtsschreibers] von Neufchâteau brachte. Als der Greffier sich erhob und ihnen entgegenschritt, war Fontane wie vom Donner getroffen. Vor ihm stand das leibhaftige Ebenbild seines Vaters, der vor drei Jahren, fast um dieselbe Stunde, verstorben war. Hier sah er ihn wieder, frisch, lebensvoll, hoch aufgewachsen, mit breiten Schultern und großen Augen, im Auge jene Mischung von Strenge und Gutmütigkeit, wie sie ihm eigentümlich gewesen war. Bevor Fontane über die Sinnestäuschung nachdenken konnte, wurden letzte Zweifel beseitigt, in welcher Lage er sich befand. Der Capitaine übergab ihn dem Gerichtsschreiber, der den wohlklingenden Namen Mr. Palazot führte, verbeugte sich mit einem Anflug von Ironie und ließ ihn mit seinem Hüter allein. Fontane war jetzt Gefangener.
Nachdem er Uhr und Geld und kleines Perlmuttermesser, das gerade ausgereicht haben würde, einen Maikäfer zu ermorden, bei ihm deponiert hatte, stellte Monsieur Palazot die üblichen Fragen und machte sich Notizen. Dann wurde Fontane zu Tisch gebeten und entkam der immer lebhafter werdenden Debatte gegen neun Uhr, als ihn eine völlige Erschöpfung überfiel und er bat, in sein Zimmer geführt zu werden. Er glaubte, wirklich Zimmer gesagt zu haben. Tatsächlich trug es die Inschrift »chaot« – Gefängnis. Als ihm der übliche Gefängnisapparat – der Schemel, der Wasserkrug, das eiserne Bett – gewahr wurde, musste er lächeln und sprach vor sich hin: alles echt. Das Ganze hatte zudem nichts Abschreckendes. Die Wände waren weiß, die Laken sauber, durch das breite Gitterfenster fiel das Mondlicht. Aber der Fakt blieb: Fontanes Exkursion ins Jeanne-d’Arc-Land endete in einer Zelle. Er war, wie Fontanes Freund Hermann Freiherr von Wangenheim schrieb, »aus dem romantischen Land, das er durchwanderte, in die Wirklichkeit« gefallen.[2]
An Schlaf war nicht zu denken. In der Nacht jagte unter dem Fußboden geschwaderartig und mit stampfendem Gepolter die Kavallerie. Jeden Augenblick musste Fontane fürchten, dass sie sein Bett mit Sturm nehmen würden. Es waren Ratten. Nie habe er diese Tiere mit solcher Frechheit sich gebärden sehen; sie waren überall, zupften und zerrten an den Decken. Und ließen sich durch sein Husten und Zurufen nicht im geringsten stören. Fontane flüchtete auf das breite Fensterbrett. Aber das höllische Getier ließ nicht von ihm ab. Die Ratten drängten sich an den Schemel, den Fontane als eine Art Treppenstufe vor das Fenster geschoben hatte, und versuchten, diesen zu erklettern. Schließlich gaben sie auf. Um vier Uhr wurde es still, um fünf dämmerte es und um sieben erschien Mr. Palazot, der für Fontanes Schlaflosigkeit lediglich ein müdes Lächeln übrighatte.[3] Im Notizbuch vermerkt Fontane nur kurz und knapp: Furchtbare Nacht.[4]

Furchtbare Nacht: Fontanes nachträgliche Einträge über den Beginn seiner Gefangenschaft Anfang Oktober 1870, Notizbuch D6
Feindlich gesinnte Bevölkerung
Es blieb furchtbar. Obwohl Monsieur Palazot es seinem Gefangenen am Morgen des 6. Oktober ermöglichen wollte, den Schlaf nachzuholen, blieb zum Ausruhen keine Zeit. Gegen neun Uhr, erzählt Fontane in Kriegsgefangen, kamen drei Gendarmen, um ihn nach der Festung Langres, zum Brigadegeneral zu bringen. Der Transport wurde zu einer Tortur. Weil der Bahnhof an der entgegengesetzten Seite der Stadt lag, musste Fontane – eskortiert von den Gendarmen – also die Hauptstraße der ganzen Länge nach passieren. Nachdem sich schon am Abend vorher die Nachricht seiner Verhaftung in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet hatte, lief der Gefangene durch ein Spalier von Schaulustigen: Es war eine Art Volksfest. In Langres, wo er vier Stunden später eintraf, entwickelte sich der Marsch zum Gefängnis – das sich zu Fontanes Leidwesen auch hier am äußersten Stadtrand befand – zu einem Spießrutenlauf durch eine feindlich gesinnte Bevölkerung. Ein Phänomen, das Fontane in den nächsten Wochen auch an allen anderen Orten begleitete und das von anderen Kriegsgefangenen bestätigt wird. Adolf Genzel, ein Sergeant aus Halberstadt, berichtet in seinen Erinnerungen von der »außer Rand und Band geratenen« Bevölkerung, die in den Städten »johlend und schreiend, schimpfend und fluchend« die Gefangenentransporte vom Bahnhof zum Gefängnis begleitete. »Frauenzimmer kamen dicht an uns heran, spuckten nach uns und hielten mir drohend ihre kleinen Fäuste vor das Gesicht.« Und vor einem Gefängnis in Moulins, wo auch Fontane später Station machen wird, schien »das Geschrei und das Verlangen, uns die Köpfe abzuschlagen«, kein Ende zu nehmen.[5]
In Langres war es vor allem die Straßenjugend, die ziemlich arg hinter Fontane her war, namentlich in den engen Gassen. Auch wenn er nicht alles verstand, was sie ihm zuriefen, so hatte er doch gerade Ohr genug, um das immer wiederkehrende »pendre« [hängen] und »fusiller« [erschiessen] sehr deutlich herauszuhören. Fontane, derart bedrängt, hatte große Angst. Er spricht es in Kriegsgefangen nicht aus, sondern vermittelt seine Furcht metaphorisch, indem er sich eines alten Liedes bedient. Als er in Neufchâteau von Haus zu Haus an den Gruppen Neugieriger vorüber musste, ging ihm die Figur der »Mary Hamilton« durch den Sinn. Die altschottische Ballade »The Queen’s Mary« hatte Fontane in Walter Scotts Textsammlung »The Minstrelsy of the Scottish Border« gelesen. Sie handelt von einer Hofdame am schottischen Hof, die vom König geschwängert wird. Weil Mary das Kind getötet hat, wird sie selbst zum Tode verurteilt. Fontane zitiert die Strophe, in der sie unter Beobachtung der vor ihren Häusern stehenden Männern und Frauen die Straß’ entlang schreitet. Und ergänzt: Mary Hamilton schritt auf einen Hügel zu, um dort zu sterben. Wohin schritt ich?[6]
Ein paar Tage später wird er seine Angst vor der französischen Bevölkerung relativieren. Aber nicht in Kriegsgefangen, sondern in einem Brief an seine Frau. Die Menschen seien sehr aufgebracht gegen uns, und wenn man durch die Städte und Dörfer kommt, spürt man irgendwie eine Gefahr. Doch Fontane war – und das schreibt er nicht nur zur Beruhigung an Emilie – der Bevölkerung nicht schutzlos ausgeliefert. Nehmen die Obrigkeiten die Dinge in ihre Hand, sei alles in Ordnung. Die Erregung legt sich, und die Gerechtigkeit waltet.[7] Auch Adolf Genzel hebt »die Nothwendigkeit unserer Bedeckung« durch die begleitenden Gendarmen hervor, die es schwer genug hatten, die Gefangenen »vor der rasenden Bevölkerung« und ihren »thätlichen Angriffen« zu schützen.[8]
Hoffnung in Langres
Fontane wurde in Langres in ein Verhörslokal gebracht, in dem die Militärgerichtsbarkeit der Brigade ihren Sitz hatte. Bevor zwei Capitaines die Befragung vornahmen, legte der Gendarmeriewachtmeister Fontanes Papiere, darunter auch die Legitimationskarten, Briefe und Notizbücher, die man ihm in Domrémy abgenommen hatte, auf den Tisch. Fontane, der aufgrund von Schlaflosigkeit und des anstrengenden Marsches durch Langres einer Ohnmacht nahe war, bat um ein Glas Wasser. Ihm war bewusst, dass es hier auf seine Antworten sehr erheblich ankommen würde. Statt Wasser wurde ihm Wein gebracht. Fontane stürzte ihn hinunter und war nun wie neubelebt. Auch für ein Überleben gab es Hoffnung. Obwohl man erneut einen Offizier aus ihm herauspressen wollte, waren die Fragen im Gegensatz zum Verhör in Neufchâteau ruhiger, weniger feindselig. Zudem schienen Fontanes Erscheinung, seine Sprachweise und vor allem die Notizen seines Taschenbuchs die Situation zu seinen Gunsten zu wenden. Seine Zuversicht steigerte sich, nachdem er am Schluss des zehnminütigen Zwiegesprächs mit den beiden Capitaines das Wort »Kaserne« gehört zu haben glaubte. Ein Wort, das ihm angesichts seiner Lage schon halb wie Freiheit klingen musste.[9]
Fontanes Optimismus, mit einem blauen Auge davonzukommen, hatte noch einen weiteren Grund. Den er in Kriegsgefangen nicht verrät und der nur indirekt aus seiner Korrespondenz hervorgeht. Die Capitaines gestatteten dem Gefangenen, Briefe zu schreiben. Diese Chance nutzte Fontane, um seine Frau nicht nur über seine Gefangenschaft zu informieren, sondern ihr detaillierte Anweisungen zu geben, wer zu kontaktieren sei, um die französische Regierung wissen zu lassen, dass er nichts weiter als ein Schriftsteller pur et simple sei, der für sein Buch den Kriegsschauplatz bereist. Vielleicht sei es möglich, sowohl auf irgend einen einflussreichen Kirchenfürsten als auch auf den Justizminister Crémieux und Außenminister Favre einzuwirken.
Außerdem informierte er Emilie am Ende des Briefes, an Crémieux selbst eben ein Telegramm gerichtet zu haben.[10] Darin teilte Fontane dem Justizminister auf Französisch mit, ein enger Freund von Professor Lazarus und ein Autor wie er zu sein[11] – und beteuerte seine Unschuld: Er sei ein Schriftsteller und kein preußischer Offizier.[12] Sicherheitshalber wandte sich Fontane auch gleich an Lazarus, um ihn zu bitten, er möge ihn an Crémieux empfehlen und auf den Wert seiner Werke, insbesondere der Kriegsbücher von 1864 und 1866, hinweisen. Sein Metier sei die Geschichte.[13]
Während sich Fontane in Kriegsgefangen also als ein Häftling darstellt, der den lokalen Behörden ausgeliefert war und der sich für die Verteidigung ausschließlich auf seine Integrität und seine Überzeugungskraft verlassen musste, war er tatsächlich selbst schon aktiv geworden. Bereits 24 Stunden nach seiner Festnahme mobilisierte Fontane genau den Personenkreis, der sich später für ihn einsetzen würde. Was er nicht wusste: Seine Briefe an Emilie kamen in Berlin zunächst nicht an. Es bedurfte jedoch keines Anstoßes, denn die Freunde bemühten sich unaufgefordert um seine Freilassung.
Im Anschluss an das Verhör wurde er in ein graues schlossartiges Gebäude geführt und einer neuen Obhut übergeben. Monsieur Bourgaut, der den Gefangenen in Empfang nahm, plapperte fortwährend mit halblauter Stimme lange Sätze vor sich hin, die Fontane nicht verstand. Er brachte ihn in ein geräumiges, in allem übrigen aber seinen Erwartungen wenig entsprechendes Zimmer. Das breite Fenster war dicht vergittert, die Dielen zernagt oder durchgetreten, und in einem zweihandgroßen Loch des zugemauerten Kamins lagen abgenagte Knochen. Als Fontane an das Fenster trat und durch die Gitterstäbe hinunterblickte, musste er den letzten Rest der Vorstellung aufgeben, dass er sich in einer Kaserne befände. Und ein letzter Funken Hoffnung erlosch vor der Nachtruhe, als Monsieur Bourgaut noch einmal vorbeischaute, ihm den Abendtee servierte und ihn dann mit einer Hiobsbotschaft um den Schlaf brachte. Er nahm eine gewisse feierliche Haltung an und erklärte, um vieles deutlicher und akzentuierter als gewöhnlich, dass der Brigadegeneral morgen früh in Gegenwart der zivilen und militärischen Autoritäten über sein Schicksal entscheiden werde. Obwohl die letzten Worte einen ziemlich finstren Klang hatten, kam der völlig erschöpfte Fontane nicht zum Nachdenken, sondern schlief zunächst ein.
Mitten in der Nacht fuhr er auf. Der unruhigen Seele, die bis dahin vergeblich den wie tot Schlafenden gerüttelt und geschüttelt hatte, gelang es, ihn jetzt plötzlich ins Leben zurückzuholen.
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