Read the book: «Tru & Nelle»

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G. Neri

Tru & Nelle

Eine Geschichte über die Freundschaft von Truman Capote und Nelle Harper Lee

Aus dem Englischen

von Sylvia Bieker und Henriette Zeltner


Für Edward


Inhalt

Tru & Nelle

Weitere Geschichten

Als wir uns Trumans Flugzeug ausliehen

Sooks geheime Rezeptur

Archulus Persons übertreibt’s mal wieder

Ein Monsterfisch und das Huhn mit zwei Köpfen

Wie ich Truman zum allerersten Mal sah

Auf nach Monroeville

Anmerkungen des Autors

Dank

Glossar

Bildnachweis

Tru & Nelle

Kunst ist eine Lüge, die die Wahrheit erzählt.

— Picasso


1.
Ein doppelter Irrtum

Monroeville, Alabama – Sommer, irgendwann während der Weltwirtschaftskrise

Als Truman Nelle das erste Mal sah, hielt er sie für einen Jungen. Sie beobachtete ihn wie eine Katze. Und zwar thronte sie auf einer brüchigen Mauer, die ihre weitläufigen Grundstücke voller alter Bäume voneinander trennte. Barfuß, in einer Latzhose und mit einem burschikosen Haarschnitt sah Nelle ungefähr so alt aus wie er, aber er konnte es nicht genau sagen. Denn er bemühte sich, nicht hinzustarren, und tat so, als würde er in seinem Buch lesen.

«Hey, du», sagte sie schließlich.

Truman schaute von den Seiten auf. Er saß reglos in seinem kleinen weißen Matrosenanzug in einem Korbstuhl auf der seitlichen Veranda des Hauses seiner ältlichen Verwandtschaft.

«Meinst du … meinst du mich?», sagte er mit hoher, dünner Stimme.

«Komm her», befahl sie.

Truman zupfte verlegen an seiner Stirnlocke und warf einen Blick über die Veranda Richtung Küchenfenster. Drinnen bereitete Sook, seine uralte (um drei Ecken verwandte) Großcousine, gerade ihre geheimnisvolle Medizin gegen Wassersucht und Rheumatismus zu. Normalerweise behielt Sook Truman immer im Auge. Aber momentan summte sie gedankenverloren ein Lied vor sich hin.

Truman stieg von der Veranda herunter, weil es ihn interessierte, wer dieser kleine Junge war. Seit er vor zwei Wochen in das Haus seiner Großcousinen gekommen war, hatte er noch keine Freunde gefunden. Es war Frühsommer und er sehnte sich danach, mit den vorbeilaufenden Jungen zu spielen, die auf dem Weg zum Schwimmteich waren. Also strich er seinen weißen Anzug glatt und spazierte langsam an den Spalieren der Glyzinien und Quitten vorbei, bis er zu der Mauer kam.

Truman war verblüfft. Er verzog das Gesicht. Nelles kurze Haare und die Latzhose hatten ihn in die Irre geführt. «Du bist … ein Mädchen?»

Nelle starrte ihn nur umso bohrender an. Trumans hohe Stimme, das weißblonde Haar und der Matrosenanzug hatten auch sie auf die falsche Fährte gelockt. «Du bist ein Junge?», fragte sie ungläubig.

«Ja, natürlich, Dummerchen.»

«Hmmpf.» Nelle sprang von der Mauer und landete direkt vor ihm. Sie war einen ganzen Kopf größer als er. «Wie alt bist du?», fragte sie.

«Sieben.»

«Du riechst komisch», stellte sie sachlich fest.

Er schnupperte an seinem Handgelenk, während er sie keine Sekunde aus den Augen ließ. «Das kommt von der Parfümseife, die meine Mutter mir aus New Orleans mitgebracht hat. Und wie alt bist du?»

«Sechs.» Sie schaute auf seinen Kopf und legte dann eine Hand darauf, wobei sie seine Stirnlocke platt drückte. «Wieso bist du so ein Knirps?»

Truman stieß ihre Hand weg. «Weiß ich nicht … Und wieso bist du so … hässlich?»

Nelle schubste ihn mitsamt seinem Buch auf die Erde.

«Hey!», schrie er mit knallrotem Gesicht. Sein schöner Anzug war schmutzig geworden. Wutschnaubend schob er den Unterkiefer vor (wo zwei Schneidezähne fehlten) und schaute sie finster an. «Das darf man nicht.»

Sie grinste. «Du siehst gerade aus wie eine der Bulldoggen vom Sheriff.»

Er zog seinen Kiefer wieder zurück. «Und du siehst aus wie–»

«Was um alles in der Welt hast du da überhaupt an?», fiel sie ihm ins Wort.

Eigentlich konnte sie selbst sehen, dass er seinen Sonntagsstaat mit dazu passenden Schuhen trug. «Man sollte immer bestmöglich aussehen, sagt meine Mutter», stieß er hervor und hatte Mühe, wieder auf die Beine zu kommen.

Sie kicherte. «Ist deine Mutter ein Admiral?»

Dann warf sie einen Blick auf das Buch, das immer noch auf dem Boden lag, und fing an, es mit ihrem nackten Fuß anzustupsen, bis sie den Titel erkennen konnte – Die tanzenden Männchen: Eine Sherlock Holmes Detektivgeschichte.

«Du kannst lesen?», fragte sie.

Truman verschränkte die Arme. «Natürlich kann ich lesen. Und ich kann auch schreiben. Meine Lehrerinnen mögen mich nicht, weil ich die anderen dumm dastehen lasse.»

«Mich kannst du nicht dumm dastehen lassen», sagte sie, schnappte sich das Buch vom Boden und sah sich dessen Rückseite an. «Ich kann auch lesen, dabei gehe ich erst in die erste Klasse.»

Damit drehte sie sich um und kletterte zurück auf die Mauer.

«Hey, mein Buch!», protestierte er. «Ich hab nicht gesagt, dass du es haben kannst!»

Sie hielt inne und musterte Truman, bis irgendetwas hinter ihm ihre Aufmerksamkeit erregte. Sook wedelte Rauch durchs Küchenfenster hinaus. Erst kniff Nelle die Augen in Sooks Richtung zusammen, dann sah sie wieder ihn an. «Sag mal, Miss Sook ist nicht deine Mama – dafür ist sie viel zu alt. Und ich weiß, dass ihr Bruder Bud auch nicht dein Pa ist. Wo stecken eigentlich deine Eltern?»

Truman blickte zum Haus zurück. «Sie ist meine Großcousine mütterlicherseits», sagte er. «Genau wie Bud und Jenny und Callie.»

«Ich hab mir schon immer gedacht, wie seltsam das ist, dass keiner von ihnen je geheiratet hat oder so», sagte Nelle und beobachtete Sook wieder. «Und jetzt wohnen sie immer noch alle zusammen, genau wie damals, als sie noch Kinder waren – obwohl sie so alt sind wie meine Granny.»

«Das liegt an Großcousine Jenny. Sie ist die Chefin von uns allen. Führt den Hutladen und den Haushalt gleichzeitig – und sie sorgt dafür, dass wir alle in der Familie bleiben.»

«Na schön, aber warum wohnst du hier?», fragte Nelle.

«Ich bleibe nicht lange hier. Mein Daddy ist weg, um sein Glück zu machen. Er ist ein … Entre-pre-nöör, wie er das nennt. Ich arbeitete mit ihm auf den Dampfern, die den Mississippi rauf und runter schippern, aber dann hat der Kapitän gesagt, ich muss gehen. Deshalb passen jetzt Sook und die anderen auf mich auf.»

«Warum haben die dich denn von einem Dampfer geschmissen?»

«Weil …» Er überlegte genau. «Weil ich zu viel Geld verdient habe», sagte er schließlich und zupfte an seinem übergroßen Kragen. «Weißt du, mein Daddy hat mich zur Unterhaltung mit an Bord genommen. Ich habe immer Stepptanz gemacht, wenn dieser farbige Typ, Satchmo Armstrong, Trompete spielte. Dann warfen die Leute mir so viel Geld zu, dass der Kapitän wütend wurde und gesagt hat, ich muss weg!»

Nelle wirkte skeptisch. «Du lügst. Oder zeig mal, wie du tanzen kannst.»

Truman blickte auf die weiche Erde, in der er stand. «Das kann ich hier nicht. Man braucht einen Holzboden zum Steppen. Außerdem habe ich meine Tanzschuhe nicht an.»

Nelle betrachtete seine Kleider. «Wer hat dich überhaupt diese komischen Klamotten gesteckt?», fragte sie.

«Die hat meine Mama in New Orleans gekauft. Von da kommen wir.»

Kein Junge, den sie kannte, trug je so etwas. «Na ja, da unten in New Or-liiiiins ziehen die Leute sich echt komisch an. Ist deine Mama jetzt dort?», fragte sie.

Truman schaute auf seine Schuhe. «Vielleicht.»

«Vielleicht? Ja, zum Kuckuck, warum bist du denn nicht bei ihr?», fragte sie.

Truman zuckte mit den Achseln. Darüber wollte er nicht reden.

«Wie du willst», meinte Nelle. «Sag mal, wie heißt du überhaupt?»

«Truman. Und du?»

«Ich bin Nelle. Nelle ist Ellen von hinten buchstabiert. So heißt meine Granny. Hast du auch einen Mittelnamen?»

Truman wurde rot. «Vielleicht. Und du?»

«Harper. Und du?»

Truman wurde noch ein bisschen röter. «Äh … Streckfus», sagte er sehr verlegen.

Nelle sah ihn verblüfft an, also erklärte Truman: «Mein Daddy hat mich nach der Firma benannt, für die er gearbeitet hat – die Streckfus Dampfschiff Company.»

Nelle verbiss sich ein Lachen. «Also, war das mit dem Boot wohl doch kein Scherz.» Sie wollte noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber anscheinend anders. «Okay, dann. Man sieht sich.»

Sie sprang auf ihrer Seite von der Mauer.

«Hey! Was ist mit meinem Buch?», rief er ihr nach.

Doch sie rannte schon auf ihr Haus zu. «Kriegst du zurück, wenn ich damit durch bin, Streckfus!»

Nachdem er selbst ins Haus zurückgekehrt war, erzählte Truman der alten Sook von seiner seltsamen Begegnung mit Nelle. Die schüttelte nur den Kopf. «Armes Kind. Ihr Daddy arbeitet die ganze Zeit und ihre Mama … na ja, die ist ein bisschen krank im Kopf.»

«Wie meinst du das?», fragte er.

Sook blickte zu Nelles Haus hinüber und fuhr sich mit den Händen durch ihr immer dünner werdendes graues Haar. Sie war klein und zierlich, aber voller Leben – und in ihren Ansichten unerschütterlich. «Ihre Mama benimmt sich manchmal wirklich eigenartig – läuft durch die Straßen und erzählt Leuten die seltsamsten Dinge. In manchen Nächten spielt sie um zwei Uhr morgens auf der Veranda Klavier und weckt die ganze Nachbarschaft auf. Manche sagen, sie macht das, um die Stimmen in ihrem Kopf zu übertönen.»

«Kann sie nicht etwas von deiner entwässernden Medizin dagegen nehmen?», fragte Truman.

Sook schüttelte den Kopf. «Manche Dinge lassen sich nicht heilen – nicht mal von meinem Spezial-Zauber-trank.» Sie beugte sich hinunter und flüsterte ihm zu: «Manchmal vergisst ihre Mama, Abendessen zu kochen, dann kriegen der arme Mr. Lee und seine Kinder nur Wassermelone zu essen!»

Kein Wunder, dass Nelle sich seltsam benahm.

An diesem Abend ging Truman seine Büchersammlung durch und suchte eines für Nelle aus. Ein Abenteuer der Rover Boys. Es hieß: Das Geheimnis des gesunkenen U-Boots.

Das wird ihr gefallen, dachte er. Dann legte er es für sie oben auf die Mauer.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, war das Buch fort.


2.
Der Prinz und das arme Mädchen

Es war ein besonders träger Morgen in der kleinen Stadt Monroeville, Alabama. Ein ganzer Tag war verstrichen, ohne dass Truman von Nelle gehört oder sie gesehen hatte. Er saß pflichtbewusst auf der Veranda und beobachtete ihr Haus mit seinen an Lebkuchen erinnernden Verzierungen an der Fassade und der rostigen Wetterfahne. Wegen der Hitze hing das Louisianamoos von den Eichen rundherum schlapp herab. Nur ein verbeultes Hoover-Cart, das von zwei alten Ponys gezogen wurde, weckte für einen Moment seine Aufmerksamkeit.

Die einzigen Leute, die sich draußen aufhielten, waren dunkelhäutige Arbeitskräfte, die Rasen mähten oder mit Besen aus Hartriegelzweigen den Gehsteig fegten. Gelegentlich hallten Hammerschläge des Hufschmieds durch die Gassen, dann war es wieder still.

Truman wurde es langweilig, auf Nelle zu warten, und so spazierte er die unbefestigten, staubig-rötlichen Wege entlang, die zwischen den Baumwollfeldern und Viehweiden der Umgebung verliefen. Dann schlenderte er am Fluss entlang und blickte zu den Bussarden hoch, die hoch über ihm kreisten. Nachdem er eine Weile an der Schokoladenwein-Pflanze geschnuppert und versucht hatte, die Nachtigallen dazu zu bringen, sein Pfeifen nachzumachen, kehrte er wieder nach Hause zurück.

Als es Nachmittag wurde, saß er erneut im Schatten der Veranda und fächelte sich in der betäubenden Hitze Luft zu. Eingehüllt in den Duft von Schlüsselblumen und Azaleen, der den Garten erfüllte, schlummerte er ein. Die schrille Sirene des Sägewerks weckte ihn. Er streckte sich wie eine träge Katze und bemerkte erst dann auf dem Beistelltischchen die zwei Bücher, die er Nelle geliehen hatte.

Er sprang auf und blickte sich nach ihr um, aber niemand war zu sehen. Als er nach den Büchern griff, entdeckte er darunter ein klitzekleines Taschenwörterbuch. Auf dem roten Einband stand: Das neue Webster-Wörterbuch und vollständiges Nachschlagewerk für die Westentasche – 45.800 Wörter. Er schlug es auf.

Auf die Titelseite hatte jemand mit der Hand geschrieben:

Für Nelle. Die Macht von Worten vermag Kriege auszulösen oder Frieden zu schaffen. Benutze sie weise. – A. C.

Nelle war durchgestrichen und in kindlicher Schrift hatte jemand mit Bleistift Bulldogge darüber geschrieben. Am nächsten Tag saß Truman wieder auf der Veranda, die rund um das ganze Haus lief, und bekam von Sook süßen Tee und Gebäck serviert. Er trug einen hübschen Anzug mit Fliege und sein feines blondes Haar war sorgsam über die Stirn gekämmt. Sook trug ihr übliches blaues Kleid mit Karomuster und eine weiße Schürze.

Sook war seit seiner Ankunft in Monroeville die einzige Gesellschaft für ihn gewesen. Offengestanden lebten alle Bewohner von Monroeville wie Farmer – standen auf bei Sonnenaufgang und gingen um acht schon wieder ins Bett. Alle, bis auf Truman und Sook. Während die anderen Großcousinen und sein Großcousin unter der Woche zur Arbeit gingen, blieben die beiden seltsamen Käuze zu Hause, manchmal zusammen mit ihrer Teilzeit-Köchin, einer schwarzen Frau namens Little Bit.

Truman wurde von allen wie ein empfindsamer blaublütiger Prinz behandelt. Keiner konnte sich auch nur vorstellen, dass er ein Maultier einspannte oder unter der heißen Sonne auf dem Baumwollfeld Unkraut hackte. Deshalb ließen sie ihn, genau wie Sook, einfach in Ruhe.

Ihre Aufgabe war es, die Hühner zu füttern oder die Scuppernong-Trauben zu pflücken. Sie wuchsen an dem Zaun, den Großcousine Jenny hinter dem Haus aus Tierknochen gebaut hatte. Manchmal gingen sie auch in den Wald, wo sie nach Kräutern für Sooks besondere Arzneitränke suchten.

Sonntags vertrieben sie sich die Zeit mit dem Basteln von Drachen, die sie mit Bildern aus alten Zeitschriften verzierten. Ansonsten faulenzten sie auf der Veranda, wo Sook Truman Geschichten erzählte oder die Witze aus der Zeitung vorlas oder ihn einfach nur verwöhnte.

Sook las ihm gerade den Comicstrip Kleine Waise Annie vor, als sie aufblickte und lächelte. «Oh, hallo, Miss Nelle. Kommst du zum Tee?»

Nelle war von oben bis unten verdreckt und trug eine zerlumpte Latzhose. Ihr Blick war auf Trumans ordentlich gebügelten Anzug geheftet. «Ach, ich glaube, dafür bin ich nicht richtig angezogen, Miss Sook», sagte sie leise.

«Ach, Unsinn, Miss Nelle. Uns musst du nicht beeindrucken. Miss Jenny putzt Tru gern heraus, aber eigentlich ist er gar kein so schnieker Bursche. Er isst genauso gern wie wir alle heiße Biscuits mit dunkler Soße und Weißdornmarmelade.» Sie hörte Nelles Magen knurren. «Ich weiß, dass du Kuchen magst, Liebes. Möchtest du etwas davon?» Sook hielt ihr den Teller hin, sodass sie die Naschereien sehen konnte.

Nelle lief das Wasser im Mund zusammen. «Also … vielleicht. Nur einen Bissen, Ma’am.» Sie machte einen Schritt auf die Veranda und bemerkte ihre schmutzigen Füße. «Ich kann ja einfach hier auf den Stufen sitzenbleiben. Danke, Ma’am.»

Da saß sie und aß ihr Kuchenstück, während Sook fortfuhr, den Comic laut vorzulesen. Truman sah Nelle zu, wie sie das ganze Stück mit drei Riesenbissen verschlang. Als sie fertig war, stand sie auf, als wolle sie gleich gehen. Aber dann setzte sie sich doch wieder hin.

«Wie geht’s deiner Mama?», fragte Sook, um ein Gespräch in Gang zu bringen.

Nelle runzelte die Stirn und schaute zu Boden. «Sie ist für eine Weile weg, unten an der Golfküste, weil sie da behandelt wird, Miss Sook. Daddy sagt, sie wird so gut wie neu sein, wenn sie sie wieder rauslassen.»

«Wo denn raus?», fragte Truman.

Da warf Sook ihm einen Blick zu, der ihm zu verstehen gab, nicht weiterzubohren. «Das ist gut, Liebes. Sogar ich brauche hin und wieder eine Pause, sonst würde ich auch verrückt –»

Schlagartig wurde Sook knallrot. «Oh, seht mal – der Kuchen ist ja alle. Ich hole uns noch welchen.» Bevor sie ging, flüsterte sie Truman ins Ohr: «Sei nett zu ihr.»

Truman saß allein mit Nelle da und war sich nicht sicher, was er sagen sollte. In seiner Jackentasche spürte er das Wörterbuch, das sie ihm hingelegt hatte. Vielleicht konnten sie ein Wortspiel spielen, nachdem er sich den ganzen Vormittag über interessante Wörter eingeprägt hatte. Aber dann fiel ihm etwas Besseres ein.

«Hättest du gern noch ein anderes Buch zum Lesen?»

Ihre Augen begannen zu leuchten.


3.
Insel der Merkwürdigen

Truman nahm Nelle mit in das große, weitläufige Haus, das mit allen möglichen schönen Dingen dekoriert war, die seine Großcousine Jenny über die Jahre gesammelt hatte: uralte Papierrosen, zierlicher Nippes in jeder Form und Größe, Glasvitrinen mit feinem Porzellan und Silber aus der ganzen Welt.

Vorbei an zwei majestätischen Säulen, die bis zur hohen Decke hinaufreichten, durchquerten sie die kleine Eingangshalle. Im Esszimmer saß Jenny über ihrem Wirtschaftsbuch. Obwohl sie schon über fünfzig war, sah sie mit ihrer milchweißen Haut und dem zu einem Knoten aufgesteckten rötlichen Haar immer noch hübsch aus.

Jennys eisblaue Augen musterten sie über den Rand ihrer Lesebrille hinweg. «Guten Morgen, Miss Nelle. Wie geht’s deiner Mutter?»

Truman mischte sich ein. «Darüber sollen wir nicht sprechen, Großcousine Jenny. Weil sie doch … du weißt schon, verrückt ist», flüsterte Truman eine Spur zu laut.

Jenny runzelte die Stirn. «Du darfst unserem Truman nicht böse sein, Liebes. Auch wenn er ein schlaues Kerlchen ist, kann er manchmal ziemlich … unhöflich sein.»

«Das ist schon in Ordnung, Miss Jenny», sagte Nelle und sah sich bewundernd um. «Truman wollte mir nur ein neues Buch ausleihen, Ma’am.»

Jenny lächelte. «Wie schön, Liebes.» Erst da bemerkte sie, wie schmutzig Nelle war. Seufzend widmete sie sich wieder ihrer Buchhaltung. «Tja, diese Bücher möchtest du jedenfalls nicht lesen, das kann ich dir versichern. Aber sie halten unsere Finanzen in Ordnung, damit ich die Rechnungen bezahlen kann, um mein Hutgeschäft zu betreiben und damit dieses Haus schuldenfrei bleibt.»

Truman zog Nelle weiter in den Flur, den Regale mit ledergebundenen Büchern in allen Farben vom Fußboden bis zur Decke säumten. Nelle staunte. So viele Bücher hatte sie noch nie gesehen.

«Nicht die hier, Dummerchen», sagte Truman. «Das sind langweilige Erwachsenenbücher. Die richtig guten habe ich in meinem Zimmer.»

«Psst, Tru.»

Es war sein alter Großcousin Bud, der den Kopf aus seiner Zimmertür steckte. Bud hatte schneeweißes Haar und gelbliche Zähne von dem vielen Tabak, den er rauchte. «Lust auf eine Partie Karten, kleiner Kumpel?»

«Jetzt nicht, Bud. Ich habe Besuch.»

Bud sah Nelle und nickte ihr zu. «Morgen, Miss Nelle. Wie geht’s deiner –»

Truman fiel ihm ins Wort. «Ich schaue später vorbei und vielleicht können wir dann Quartett spielen, ja?»

Bud zwinkerte ihm zu. «Alles klar, kleiner Kumpel.» Damit schloss er die Tür zu seinem verrauchten Zimmer.

Nelle rümpfte die Nase. «Dieser Tabak riecht seltsam.»

«Das ist medizinischer … gegen sein Asthma. Komm weiter.»

Er führte sie über den Flur zu seinem Zimmer. Aber gerade als er die Tür aufmachen wollte, schwang die Tür genau gegenüber auf. Darin stand seine Großcousine Callie. Callie war Lehrerin, streng gekleidet, mit kohlschwarzem Haar und schmalen grauen Augen.

«Was hast du denn vor, junger Mann?», sagte sie und musterte ihn. «Hast du deine Aufgaben erledigt?»

Truman verschränkte die Arme und richtete sich groß auf. «Nein, Ma’am. Weil nämlich Sommer ist. Und weil du nicht meine Mutter bist!»

«Du impertinenter Wicht – ich hab ja gesagt, dass du nichts als Ärger machen wirst, sobald du einen Fuß in dieses Haus gesetzt hast», schnaubte sie. «Wenn du eine Mutter hättest, die sich um dich kümmern würde, dann würden wir uns nicht um dich kümmern müssen! Was du brauchst, wäre ein ordentlicher Schlag mit dem Stock auf dein Hinterteil –»

Truman lachte. «Wenn du mir nur ein Haar krümmst, wird Jenny dich mit dem Stock verhauen!»

Callie schnappte nach Luft.

Nelle räusperte sich.

Callie hatte gar nicht bemerkt, dass Nelle auch da stand. «Miss Nelle.» Nelles schmutzige Gestalt schien sie nicht zu beeindrucken und sie zögerte auch nicht, das laut auszusprechen. «Ich habe Schüler mit so viel Dreck in den Ohren, dass man Mais darin anbauen könnte. Aber sie arbeiten auf den Farmen. Was für eine Entschuldigung hast du vorzubringen?»

«Kümmer dich gar nicht um sie, Nelle. Sie langweilt sich bloß wie ein Stück Brot, weil sie im Sommer keine Schüler hat, die sie rumkommandieren kann», sagte er. «Aber wenn du es wissen willst, Großcousine Callie, wir gehen jetzt in mein Zimmer und schauen uns Bücher an!»

Schnell zog Truman Nelle in sein Zimmer, bevor Callie noch irgendetwas dazu sagen konnte. Mit ihr zu streiten, war sowieso ein sinnloses Unterfangen.

Er machte die Tür hinter ihnen zu. «Endlich!», sagte er. «Hier schlafe ich.»

Nelle sah sich um und steuerte sofort auf ein kleines Regal zu, in dem alle möglichen Kinderbücher standen. «Donnerwetter», sagte sie beeindruckt. «Wer braucht eine Bibliothek, wenn er die alle hat?»

Sie legte den Kopf schräg, um die Titel entziffern zu können. «Welches Buch soll ich als Nächstes lesen?», fragte Nelle.

«Tja, was gefällt dir denn? Abenteuer? Fantasiegeschichten?» Er versuchte, ihren Geschmack zu erraten. «Warte mal. Ich weiß, was genau das Richtige …»

Er trat an sein Bett, griff unters Kopfkissen und zog ein schmales grünes Buch darunter hervor. «Das habe ich gerade ausgelesen. Sherlock Holmes, Der Mann mit dem geduckten Gang», sagte er und gab es ihr.

Nelle betrachtete die Umrisse des Pfeife rauchenden Sherlock Holmes auf dem Einband. «Kommt Watson da drin auch vor?»

«Selbstverständlich! Die beiden sind ein Team. Jeder weiß doch, dass beim Lösen von Kriminalfällen zwei Köpfe besser sind als einer.»

Nelle zuckte nur mit den Achseln und schob das Buch vorsichtig in die vordere Tasche ihrer Latzhose. Erst dann bemerkte sie das zweite Bett neben Trumans.

«Das ist eigentlich Sooks Zimmer», sagte er. «Sie haben mich nur hier einquartiert, bis ich wieder zu meiner Familie nach Hause gehe. So leiste ich ihr Gesellschaft, dem armen alten Ding.»

Nelle nickte. «Ich muss mir ein Zimmer mit meinen großen Schwestern Bär und Weezie teilen.»

«Du hast eine Bärin als Schwester?», fragte er.

«Nein, Dummerchen, wir nennen sie nur so. Sie ist fünfzehn Jahre älter als ich und so groß wie ein Bär.»

«Ich wünschte, ich hätte Schwestern, über die ich mich beklagen könnte», sagte er.

«Nein, das wünschst du dir nicht. Du hast es doch perfekt – schläfst mit deiner besten Freundin im Zimmer und hast Bücher gleich neben dem Bett. Das ist doch … himmlisch.»

Sie betrachtete verträumt das Regal und strich mit einem Finger über die Buchrücken: Tom Swift in Gefangenschaft, Das Geheimnis der Alten Mühle aus der Hardy Boys Serie, Nancy Drews Die verborgene Treppe.

«Manchmal wünschte ich mir, meine Schwestern würden verschwinden und mich in Ruhe lassen.» Sie seufzte.

«Denkst du das wirklich?», fragte er.

Sie wurde nachdenklich. «Sie machen sich immer lustig über mich. Sagen, dass Mama mich unter einem Stein gefunden hätte und ich nicht wirklich zur Familie gehören würde, weil sie ja so viel älter sind als ich. Ich hab Daddy danach gefragt, und er hat gesagt, das stimme überhaupt nicht.»

«Du hast Glück, einen Daddy zu haben, der auf deiner Seite ist …», sagte Truman, auch wenn Nelle ihm nicht wirklich zuhörte.

Sie starrte aus dem Fenster. «Als sich letzte Woche beim Murmelspielen drei Jungs über mich lustig gemacht haben, hielt ich es einfach nicht mehr aus, also musste ich sie zum Heulen bringen.»

«Wie denn?», fragte Truman.

«Indem ich ihre Gesichter in den Dreck gedrückt hab. Und weißt du, was meine Schwestern dann gemacht haben? Sie haben sich auf die Seite der Jungs gestellt! Ist das zu fassen?»

Truman wusste, wie es sich anfühlte, unerwünscht zu sein. «Ist das dein Zimmer da drüben? Mit dem Fenster neben der Hausecke?»

Sie nickte.

«Na gut, ich sag dir was. Wenn deine Schwestern sich jemals wieder gegen dich verbünden, dann gib mir ein Zeichen und dann schleich ich mich ans Fenster und erschreck sie zu Tode!» Truman kicherte voller Vorfreude.

Nelle gluckste. Irgendwie mochte sie diesen seltsamen kleinen Jungen. «Danke, Tru.»


4.
Zu heiss für Heckmeck

Ich glaube, ich schmelze», jammerte Truman mit seiner unverwechselbaren Singsang-Stimme. Nachdem sie stundenlang Piraten, Ritter der Tafelrunde, zwei Runden Murmeln und dreimal Jacks gespielt hatten, gingen ihnen die Ideen aus, was sie machen könnten.

Schwitzend und schläfrig ließen er und Nelle sich in den Schatten der Muskateller-Weinlaube plumpsen, wo es kühl war und ein Lüftchen wehte. Sie fächelten sich mit dem Kreuzworträtsel aus dem Monroe Journal Luft zu, das sie heute Morgen auch schon gelöst hatten.

«Die Wirklichkeit ist so langweilig! Ich wünschte, in diesem Ort würde wenigstens einmal irgendwas Aufregendes passieren. Jetzt bin ich schon über einen Monat hier, und es ist mit New Orleans überhaupt nicht zu vergleichen.»

«Tja, vielleicht ist es nicht so aufregend wie New Orleans», sagte Nelle. «Aber hier passieren trotzdem auch Sachen. Erst neulich ist wegen diesem schwarzen Jungen namens Edison eine ganze Menschenmenge auf dem Marktplatz zusammengelaufen, weil er alles nachmachen konnte, was man ihm sagte. Er konnte Vögel und Pferde imitieren, Mr. Barnett und sein Holzbein, die Baumwollentkörnungsmaschine, einfach alles. Ich hab ihn gebeten, den Postzug nachzumachen, und sofort fing er an, mit den Füßen über die Erde zu schlurfen, zu tuckern und zu tuten, wie eine Eisenbahnpfeife! So was sieht man nicht alle Tage!»

Truman ließ sich nicht beeindrucken. «Ich schätze, wir könnten runter zum Drugstore gehen und nochmal ein paar Süßigkeiten umsonst bekommen.» Er drehte die Augen in seinem Kopf nach hinten und begann zu zucken und zu rucken, als hätte er Krämpfe.

«Lass das. Wegen dir hat Mr. Yarborough beinah einen Herzanfall gekriegt. Sein Sohn ist Epileptiker, weißt du? Und ich glaube, er weiß genau, dass Krämpfe nicht mit Bonbons weggehen.»

«Er hat uns trotzdem Lakritze geschenkt.»

«Ja, um uns loszuwerden.»

Truman setzte sich auf. «Wir brauchen irgendein Großstadt-Abenteuer. So was wie … stell dir vor, jemand würde verschwinden. Oder es gäbe einen Mord in der Stadt! Dann hätten wir wirklich was zu tun.»

Nelle starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. «Was zum Kuckuck hätten wir denn mit einem Mord oder einer Entführung zu tun?»

«Na ja, den Fall lösen, natürlich. Wir könnten Detektive sein.» Er schnippte mit den Fingern. «Ich könnte Sherlock sein und du Watson! Das Gehirn und die Muskeln. Guck mal!» Er tat so, als würde er Pfeife rauchen.

«Warum kann ich denn nicht – ach, egal. Hier wird sowieso nie jemand ermordet. Mensch, sogar als General Lee höchstpersönlich nach Monroeville kam, hat er es den langweiligsten Ort der Erde genannt!»

Sie starrten beide in den tiefblauen Himmel von Alabama und zählten die kleinen weißen Baumwollbüschel, die aus der Baumwollentkörnungsmaschine durch die Stadt wehten.

«Also, da hat er mal recht gehabt», sagte Truman schließlich. «Ich schätze, es ist zu heiß für Heckmeck. Der einzige Ort, wo wahrscheinlich was los ist, das ist der Schwimmteich bei der Hatter-Mühle. Wir könnten schwimmen gehen und uns wenigstens abkühlen. Es ist zwar nicht Lake Pontchartrain, aber besser als nichts.»

Nelle verzog das Gesicht. «Da willst du nicht wirklich hin.»

Trumans Augen begannen zu leuchten. «Warum nicht? Gibt’s da Alligatoren? Ist es gefährlich?»

Nelle wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie kannte die Jungs, die sich bei der Mühle herumtrieben. Billy Eugene und seine Kumpel würden einen Jungen wie Truman gnadenlos verprügeln. Und das Wenigste, was sie tun konnte, war, ihm solchen Ärger zu ersparen.

«Nein, es ist nur …» Ihr fiel keine gute Ausrede ein.

«Was denn?» Neugierig legte er den Kopf schräg. «Du bist doch kein Hasenfuß, oder? Kannst du vielleicht nicht schwimmen?»

Nelle war gekränkt. «Nein, ich bin kein Hasenfuß und ich kann sicher besser schwimmen als du!» Sie wollte ihn mit durchdringendem Blick zum Wegsehen zwingen. Er lächelte sie aber nur an.

«Schön, dann lass uns hingehen», sagte sie. «Aber nur unter einer Bedingung.»

«Und die wäre?», fragte er unschuldig.

«Du musst dir was … Normaleres anziehen.»

«Was Normaleres?», wiederholte Truman und blies sich die langen feinen Ponysträhnen aus den Augen. «Seit wann macht normal denn Spaß? Ich meine, schau dich doch selbst an. Du bist ein Mädchen und ziehst dich an wie ein Junge!»

Nelle zupfte an ihrer Latzhose. Sie wusste, dass es sinnlos wäre, ihm zu widersprechen. Truman war nur ein Jahr älter als sie, aber er benahm sich, als wäre er schon erwachsen. «Schön», sagte sie. «Aber dann gib nicht mir die Schuld, wenn irgendwelche Jungs dich vom Dach der alten Mühle werfen. Du musst immer irgendwie … anders sein.»

Truman grinste wie ein schelmischer Kobold, der einen Streich ausheckte. «Wer, ich? Was kann ich dafür, wenn ich ein … Trendsetter bin.» Er wartete auf eine Reaktion von Nelle, die sich einfach weigerte, bei seinem kleinen Wörterbuchspiel mitzumachen. Er zückte trotzdem sein Mini-Wörterbuch und schlug es auf einer markierten Seite auf. «Das bedeutet ‹auf Neuerungen aus seiender Pionier› –»

«Ach, ist mir doch egal, was es bedeutet, Streckfus», sagte sie und tat so, als interessiere er sie überhaupt nicht.

Truman schob die Unterlippe vor und schmollte. Er hasste es, wenn sie ihn so nannte. «Wie du willst, Nä-lie Haar-perr!»

Sie streckte ihm die Zunge raus und er zuckte mit den Schultern.

«Na gut, dann los, zieh dich um», sagte sie. «Wir treffen uns da drüben, du alter … Leithammel.»

Truman kicherte. Nelle war der einzige Mensch, den er kannte, der genauso gut wie er mit Wörtern umgehen konnte.

Natürlich waren an diesem Nachmittag alle am Teich bei der Hatter-Mühle. Billy Eugene, Hutch, Doofie und Twiggs Butts blödelten herum, sprangen kopfüber ins Wasser und schrien den anderen Kindern ständig irgendwas zu. Die mädchenhaften Mädchen, die Angst hatten, sich das Haar nass zu machen, gaben niedliche Bemerkungen zurück und versuchten, sie dazu zu bringen, dass sie vom Dach der Mühle sprangen. Nelle blieb für sich und watete durch das kühle Wasser am Ufer, wo Fische sie an den Beinen kitzelten.

Plötzlich wurde alles still. Nelle blickte auf und sah Edison, den schlaksigen Jungen mit besonders dunkler Haut. Sie fand, er sah wie ein richtiger Afrikaner aus. In Shorts, die aus einem alten Mehlsack genäht waren, stand er am Teichufer, tauchte seine Zehen ins Wasser und machte dazu das Geräusch eines rauschenden Bachs.

«He, Junge, was treibst da du eigentlich?», schrie Billy Eugene.

Edison blickte sich um und merkte, dass alle ihn anstarrten. «Tauche meine Zehen ein und unterhalte mich mit dem Bach», antwortete er leise.

Die Jungs lachten. «Du weißt doch, dass Farbige hier nicht erlaubt sind. Du musst rüber zum Negerteich.*»

Edison machte ein verwirrtes Gesicht. «Der Negerteich ist ausgetrocknet, seit ihr den Damm gebaut habt.» Er zeigte ein Stück weiter auf den ausgetrockneten Teil des Teichs, in dem sich nur noch eingetrockneter Schlamm befand.

«Was kann dir denn ein bisschen Schlamm schaden, Junge?», sagte Billy. «Schwärzer kannst du sowieso nicht werden!» Er und seine Freunde lachten sich darüber kaputt.

Nelle konnte sehen, wie Edison die Zähne zusammenbiss. Sie hasste das, wenn Jungs wie Billy absichtlich Kinder schikanierten, die sich nicht wehren konnten. Denn ein farbiger Junge, der einen weißen schlug? Das war nicht erlaubt. Sie wollte schon selbst rübergehen und Billy Eugene einen Schlag auf die Nase verpassen, damit er sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte. Doch da hörte sie jemand singen.

«I found a million-dollar baby … in a five-an’-ten-cent store!» Nach dem Gesang wurde die Melodie gepfiffen und dann bog Truman um die Ecke. Unauffällig wie ein Pfau stolzierte er mit einem Sonnenschirm den Weg herunter und tat wie Der kleine Lord.

«Hey, Edison!» Er winkte und blieb stehen, damit jeder sein Badekostüm bewundern konnte.

Während die Jungs alle barfuß waren und alte Badehosen trugen, die aus abgeschnittenen langen Hosen gemacht waren, präsentierte Truman sich in einem knallroten Hawaiihemd, weißen Schwimmsandalen und einer modischen babyblauen Badehose, die seine Mutter ihm auf einer Reise nach Florida gekauft und geschickt hatte.

Nelle hatte das Gefühl, sie müsste vor Verlegenheit sterben. Als Edison Trumans Hemd anfassen wollte, wedelte dieser seine Hand scherzhaft weg. «Nicht berühren! Nur mit den Augen bewundern, so wie alle anderen auch.» Dann zwinkerte er Edison zu und flüsterte: «Jetzt komm mit mir.»

Edison folgte ihm grinsend.

Truman war klein für sein Alter, aber er hielt seinen großen Kopf hochgereckt und stolzierte so elegant wie ein schicker Prinz aus Monaco zu Nelle – was alle anderen mit staunenden Blicken verfolgten. Nelle war sich sicher, die Jungs würden ihn zusammen mit Edison in den Schlamm zerren, aber niemand sagte etwas – sie glotzten nur mit sperrangelweit aufgerissenen Mündern.

«Warum normal sein, wenn man auch Spaß haben kann?», sagte er, während er mit Edison zu Nelle watete. «So halten wir das jedenfalls in New Or-leeeens.»

Sie gaben ein eindrucksvolles Bild ab – der kleine Prinz, das jungenhafte Mädchen und der schlaksige schwarze Junge, der alles nachmachen konnte. In Monroeville waren sie vorläufig eine Attraktion.

Nur Truman konnte aus einem schläfrigen Samstag etwas Aufregendes machen.

*Dieser hier verwendete Begriff gehört in die Zeit und wird im Glossar erklärt.


5.
Kalt erwischt

Okay, mach die Augen auf», sagte Nelle.

Truman schob Nelles Hände von seinem Gesicht weg. Er fand sich mitten auf dem Marktplatz von Monroeville wieder. Direkt vor dem Gerichtsgebäude, dem ältesten und prächtigsten Bauwerk des Landes, auch wenn die Uhr in dem beeindruckenden Turm immer fünf Minuten nachging.

«Was wollen wir hier?», fragte er. Ihm war eher danach, wieder schwimmen zu gehen, aber Nelle hatte andere Pläne.

«Du meintest doch, du möchtest etwas Spannendes erleben. Nun, hier ist es», antwortete sie, als ob das ganz offensichtlich wäre.

«Das Gerichtsgebäude?»

Sie knuffte ihn in die Schulter. «Du Dummerchen. Was glaubst du, wo die ganzen Kriminellen landen? Ich dachte, du magst Sherlock Holmes?»

Truman riss die Augen auf. «Meinst du, hier wird ein Mordfall verhandelt?»

«Wer weiß? Ich komm’ oft her, und jedes Mal geht’s um irgendein Vergehen. Manchmal ist das besser, als ins Filmtheater zu gehen.»

Truman überlegte angestrengt. «Moment mal. Wie kommt es, dass man dich überhaupt reinlässt? Dürfen da nicht nur Erwachsene rein?»

«Nein, zum Kuckuck!», sagte sie und zog ihn mit. «Man kennt mich hier, weil ich eben über gewisse Beziehungen verfüge …»

Sie ging zum Haupteingang, vor dem ein paar Stadtpolizisten herumliefen. Einer der Officers, ein schwerfälliger Tölpel mit langem, zotteligem Bart, erkannte sie sofort. «Guten Morgen, Miss Nelle. Suchst du deinen Daddy?»

«Nö, wir sind hier, um bei dem neuen Fall zuzusehen.» Der Polizist hob die Augenbrauen und schmunzelte. «Also, der ist allererste Sahne, Miss Nelle. Ich hoffe, du und dein Freund, ihr seid nicht so leicht zu erschrecken.»

Truman hatte keine Lust, sich die Laune verderben zu lassen. «So schnell kriegen wir keine Angst. Denn Sie sollten wissen, ich habe der Gefahr schon aus nächster Nähe ins Auge geblickt, Sir. Als ich in New Orleans lebte, hielt ein Nachbar einen Tiger in seinem Keller.»

«Was du nicht sagst», entgegnete der Polizist.

«Doch das stimmt, Officer. Und Junge, Junge, dieser Tiger war vielleicht wild! Er hatte, soweit ich weiß, bereits zwei Menschen bei lebendigem Leib verschlungen.»

«Warum hat er dich dann nicht gefressen?», fragte Nelle.

«Na ja … Ich schätze, Tiger mögen mich», antwortete Truman ganz nüchtern. «Immer wenn ich ihn gestreichelt habe, hat er wie ein kleines Kätzchen geschnurrt. Eines Tages kam der Postbote vorbei, und wäre ich nicht da gewesen, wäre er von dem Tiger mit Haut und Haar verspeist worden!»

«Was? Das übertrifft ja alles, was ich bisher gehört habe», sagte der Polizist und glaubte Truman kein Wort. «Also, ich schätze mal, wie heißt es so schön – Tiger fressen keine Knirpse!», gackerte er vergnügt.

Die Officers lachten aus vollem Hals und betraten dann das Gerichtsgebäude. Truman blieb stur auf der ersten Treppenstufe stehen und kochte vor Wut.

«Kommst du nicht mit? Du willst doch nicht etwa die Show verpassen», sagte Nelle.

Truman rührte sich nicht, also packte ihn Nelle an der Hand und zerrte ihn in das Gebäude. Drinnen angekommen drängten sie sich durch die dicht beieinander stehenden Erwachsenen und erreichten eine schmale Treppe am anderen Ende der Eingangshalle. «Nun komm schon. Hier geht’s zu den besten Plätzen», erklärte sie und kletterte die hölzernen Stufen hinauf. Sie kamen zu einem Schild, auf dem NUR FÜR FARBIGE stand, aber Nelle beachtete es gar nicht und öffnete eine Tür. Dann standen sie auf einem menschenleeren Balkon, von dem aus man in luftiger Höhe den Gerichtssaal überblickte. Unten befanden sich eine Reihe Personen: der tölpelhafte Polizist von eben, ein schrulliger, alter Richter in schwarzer Robe, eine müde wirkende Gerichtsstenografin und ein enorm dicker Anwalt, der sich leise mit seiner Klientin beriet, einer weißen Frau, die seltsamerweise wie eine indische Prinzessin in goldene und schwarze Gewänder gekleidet war. Gegenüber von den beiden saß hinter einem Tisch ganz ruhig ein Mann in einem schlichten, dunklen dreiteiligen Anzug und mit einer Hornbrille auf der Nase. Er studierte jeden im Saal sorgfältig.

«Dein Daddy arbeitet hier?», fragte Truman, als sie sich hinsetzten. «Er ist aber nicht dieser fürchterliche Polizist, oder?»

«Nein, natürlich nicht.» Nelle zeigte auf den Mann mit der Brille. «Das ist er. Das ist A. C.»

Nelles Daddy schaute auf seine Taschenuhr. Er schien ein ernsthafter, nachdenklicher Mann zu sein.

«A. C.? Was ist das denn für ein Name?», fragte Truman.

«A. C. steht für Amasa Coleman, aber seit ich denken kann, nennen ihn die Leute einfach A. C. Er ist Rechtsanwalt und Diakon … und Herausgeber des Monroe Journal.»

Truman verspürte einen Hauch Eifersucht.

«Psst!» Nelle versuchte, die Aufmerksamkeit ihres Vaters zu erregen. «A. C.!»

Aber A. C. ignorierte sie. Er blickte erneut auf die Uhr und dann auf den leeren Stuhl neben sich.

«Du sagst nicht Daddy zu ihm?»

«Nö. Jeder nennt ihn A. C., warum dann nicht auch ich?», antwortete Nelle. «Hey, sieh mal, da tut sich was.»

A. C. ging auf den Richter zu, der dann auch den anderen Rechtsanwalt zu sich rief. Sie sprachen leise miteinander, es ging hin und her, und gelegentlich schauten sie zu dem leeren Stuhl.

Daraufhin schlug der Richter mit dem Hammer auf den Tisch. «Ist Mr. Archulus Persons im Saal anwesend?», fragte er schroff. «Gerichtsdiener?»

Der Polizist meldete sich zu Wort. «Nein, Euer Ehren. Mr. Persons ward heute noch nicht gesehen.»

Der Richter nickte und machte sich eine Notiz. «Also gut. Heute Nachmittag soll Haftbefehl gegen ihn erlassen werden … Ist der nächste Fall soweit?»

Nelle wirkte verwundert. «Heiliger Bimbam. Scheinbar ist der Verdächtige geflohen! Hey, das ist doch spannend –»

«Wir sollten besser gehen», meinte Truman leise. Er benahm sich, als hätte er einen Geist gesehen.

«Ach, komm schon, es gibt doch noch einen weiteren Fall. Einer ist so gut wie der andere. Beispielsweise wurde Mr. Cooper vergangene Woche angeklagt, weil er Miss Anna Maes Pfirsichkuchen vom Fensterbrett gestohlen haben soll –»

Doch da war Truman schon aufgesprungen und lief hinaus.

«Truman! Wo willst du hin?»

Er verschwand die Treppe hinunter, aber Nelle war ihm dicht auf den Fersen. «Tru! Warte!»

Er rannte durch die Lobby, die Stufen vor dem Gerichtsgebäude hinunter und rechts in die Alabama Avenue. Als sie ihn schließlich mitten auf der Straße am Ellenbogen erwischte und festhielt, war sie so atemlos und durcheinander, dass sie nicht einmal sah, wie das Auto auf sie beide zuraste.


6.
Eine knappe Sache

Das Gehupe und die quietschenden Reifen erschreckten sie beide fast zu Tode. Plötzlich starrten sie in zwei Scheinwerfer.

«Truman! Da bist du ja!»

Truman blinzelte und sah schemenhaft, wie sich eine Gestalt in dem Cabriolet aufrichtete, die nun durch den hochgewirbelten roten Staub in seine Richtung spähte.

«Daddy?», fragte er wie unter Schock.

Nelle ließ seinen Arm los. Vor Schreck hatte sie sich in die Hose gemacht.

Während sie mit rotem Kopf dastand und nicht wusste, was sie als Nächstes tun sollte, ging Truman um den Wagen herum zur Beifahrerseite. Sein Vater trug einen Panama-Strohhut und grinste von einem Ohr zum anderen.

«Daddy», sagte Truman atemlos.

«Komm, mein Sohn», sagte der und öffnete die Beifahrertür. «Wir müssen los. Jetzt.»

Truman stieg ein und warf sich seinem Vater in die Arme.

Der drückte ihn fest an sich, blickte aber nervös um sich. «Ich wollte dich überraschen. Bist du überrascht?»

Truman nickte und traute seinen Augen nicht. Zwei Monate hatte er den Vater nicht gesehen.

«Ich würde schon sagen, dass er überrascht ist!», sagte Nelle, deren Verlegenheit sich in Zorn verwandelt hatte. «Wo haben Sie denn bloß gesteckt? Also, wenn mein Daddy mich jemals so lange allein lassen würde, dann –»

«Wer ist denn dein reizender Freund, Truman?», fragte er. «Er scheint ein temperamentvoller Bursche zu sein.»

Da wurde Nelles Gesicht noch eine Spur röter. «Ich bin eine Sie, verdammt! Nur weil ich kein Kleid anhabe, heißt das nicht, dass ich keins anziehen könnte!»

Trumans Daddy tippte an seinen Hut. «Tja, dann musst du wohl die Königin der burschikosen Mädchen sein, was, Schätzchen?» Er stieß Truman mit dem Ellbogen an. «Lass dich nie mit einer temperamentvollen Frau ein, Tru. Das habe ich bei deiner Mutter gelernt. Jetzt müssen wir aber wirklich los –»

Truman schoss vor Aufregung in die Höhe. «Ist Mutter auch hier?»

Sein Vater ließ den Motor an. Es knirschte grässlich, als er den Gang einlegte. «Mehr oder weniger …»

Truman sah ihn mit dem Blick eines Hundewelpen an. «Bedeutet das, dass wir alle zusammen nach Hause fahren werden?»

Sein Vater wurde blass. «Wir haben Familienangelegenheiten zu besprechen, Truman. Lass uns erst einmal zum Haus fahren.»

Der Mann tippte nochmal in Nelles Richtung an seinen Hut. «Nett, dich kennengelernt zu haben, kleiner Hosenmatz. Mein Name ist Archulus Persons.»

Nelle blinzelte. «Einen Moment mal … Archulus?»

Er gab ordentlich Gas und ließ Nelle einfach auf der Straße stehen.

«Freut mich, dass du Freunde gefunden hast», sagte Arch, während er rasch von der Hauptstraße abbog und eine leere Gasse hinauffuhr. Dabei machte er einen nervösen Eindruck.

«Bringst du mich nach Hause?», fragte Truman.

Arch räusperte sich und begann stockend zu sprechen: «Truman … ich weiß, dass das für dich alles nicht leicht war, mein Sohn. Und wenn deine Mutter nicht so stur wäre, dann wären wir auch längst alle wieder zusammen. Aber sie hat diese Idee, in eine teure Großstadt wie New York zu ziehen … weil sie uns für Millionäre hält!» Er stöhnte. «Ach, ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.»

Eine Weile fuhren sie schweigend. Truman hatte so viele Fragen. Dann platzte diese aus ihm heraus: «Wieso haben die dich im Gericht gesucht?»

Archs Augenbrauen schossen in die Höhe. «Wovon redest du, mein Sohn? Warum sollte man den guten alten Archulus in einem Gericht suchen?»

«Das hab ich mich auch gefragt. Aber als der Richter im Gerichtssaal deinen Namen aufgerufen hat –»

Archs Gesicht lief dunkelrot an. «Oooh … das. Das war gar nichts. Nur ein Missverständnis drüben in Burnt Corn – oder war es in Cobb Creek? War da auch eine Frau, die aussah, als käme sie aus Indien?»

Truman überlegte und erinnerte sich an so eine Frau. «In gold-schwarzen Gewändern?»

«Genau die. Das war die Witwe des Großen Hadjah. Leider.» Er blickte nervös über seine Schulter. «Gott schenke ihm die ewige Ruhe.»

«Wer ist das?», fragte Truman.

Arch tat ungläubig. «Du meinst, du hast noch nie von ihm gehört, von dem Großen –» Er schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. «Natürlich nicht. Er hat das Zeitliche gesegnet, bevor wir die Chance zu einer Vorstellung hier in der Stadt hatten.»

Trumans Augen begannen zu strahlen. «Betreibst du ein Varieté?»

Arch grinste. «Varieté ist noch untertrieben. Es ist eher eine Extravaganza. ‹Lebendig begraben!›», verkündete er wie der legendäre Zirkusdirektor P. T. Barnum höchstpersönlich. «Das größte Wunder unserer Tage!»

«Du hast ihn lebendig begraben?»

«Das hättest du sehen sollen, Tru. Ich habe diesen ägyptischen Burschen drüben in Mississippi gefunden. Er konnte die Luft richtig lange anhalten. Dabei senkte er seinen Puls, bis er für Stunden in so eine Art Winterschlaf fiel!»

«Wirklich?», fragte Truman fasziniert.

«Tja, zumindest eine Stunde lang. Er trat wie ein indischer Prinz gekleidet auf, und dann begruben wir ihn für eine Stunde in einem Sarg mitten auf dem Marktplatz! Die Leute waren außer sich und wetteten, dass er niemals die ganzen sechzig Minuten durchhalten würde. Aber das tat er. Hat ein Vermögen damit gemacht!»

«Und was ist dann mit ihm passiert?»

Arch wischte sich den Schweiß von der Stirn. «Tja, bei der letzten Show lockten wir eine so große Menge an, dass bis ich alles Geld eingesammelt und die Wetteinsätze aufgeschrieben hatte, fast zwei Stunden vergangen … und traurigerweise auch der Große Hadjah von uns gegangen war.»

«Du meinst … er war gestorben?»

Arch nickte düster. «Wie sich rausstellte, war eine Stunde ungefähr die maximale Zeit, die er aushielt. Aber wer hätte das wissen können? Armer Kerl. Leider hab ich dadurch auch alles verloren. Und jetzt versucht diese Frau, mich auf den Anteil ihres Mannes zu verklagen. Lächerlich! Er war schließlich derjenige, der immer damit angab, wie lange er es unter der Erde aushalten würde. Aber wer ist am Ende immer der Dumme? Der gute alte Arch natürlich.»

Er hielt neben dem Zaun aus Tierknochen hinter dem Haus von Großcousine Jenny und stellte den Motor ab. Der Wagen kam klappernd zur Ruhe. Einen Moment lang saß Arch nur da und blickte zum Haus. «Hör zu, Truman, kein Wort davon zu deiner Mutter. Sie ist sowieso schon wütend genug auf mich. Da braucht sie nicht zu wissen, dass wir vielleicht sogar noch mehr verlieren. Aber ich werde es wiedergutmachen. Ich habe schon einen neuen Plan. Es gibt da diesen Boxer –»

Doch da war Truman schon ausgestiegen und rannte aufs Haus zu. Er hatte dieses überwältigende Gefühl, dass, wenn seine Mutter erst sein Gesicht sähe und merkte, wie sehr sie ihn vermisst hatte, die Familie vielleicht endlich wieder vereint sein würde.


7.
Spießrutenlauf

Als Trumans Daddy davonfuhr und Nelle allein auf der Straße zurückließ, wusste sie nicht so recht, was sie tun sollte. Erst als sie Twiggs Butts vor Dr. Fripps Gemischtwarenladen stehen sah, wusste sie, dass irgendwas nicht in Ordnung war. Er wirkte zuerst verwirrt – bis er anfing, über sie zu kichern.

«Was ist denn so lustig, Butts?», sagte Nelle und machte sich schon bereit, ihm das Grinsen vom Gesicht zu wischen.

Da zeigte er vorne auf ihre Hose. Ihr Blick ging ebenfalls nach unten, bis sie die Stelle entdeckte, wo sie sich in die Hose gemacht hatte. Leider klebte auch noch roter Staub auf dem feuchten Fleck.

Sie schnappte nach Luft und wurde noch eine Spur röter. Dass sie versuchte, den Staub wegzuwischen, ließ das Ganze nur noch schlimmer aussehen. Am liebsten hätte sie Butts geschlagen, aber das würde sie später nachholen.

Jetzt rannte sie los.

Weil sie nicht klar denken konnte, blieb sie einfach mitten auf der Straße und versuchte, beim Laufen die Hände vor sich zu halten. Alle schienen sie anzustarren. Je mehr Leute sie erkannte, desto schneller lief sie.

Zum Glück wohnte sie ja nur zwei Häuserblocks vom Marktplatz entfernt. Als sie ihre Straße erreicht hatte, rannte sie geradewegs an Bud vorbei, der am Rand seines Gartens gemütlich Pfeife rauchte.

«Schnellste des Tages, Miss Nelle –»

Wie gut, dass ihre Haustür offenstand, denn sonst hätte sie sie vielleicht eingerannt. So lief sie schnurstracks in ihr Zimmer. Zu ihrem Entsetzen saßen dort jedoch die beiden älteren Schwestern Weezie und Bär auf ihren Betten und unterhielten sich.

Sie blieb wie erstarrt direkt vor ihnen stehen. Und natürlich fielen ihre Blicke sofort auf die Peinlichkeit. Beide brachen in Gelächter aus.

«Ganz ehrlich, Nelle, wenn du schon ins Bett machst, dann solltest du dafür wahrscheinlich auch im Bett sein.»

«Das war ein Unfall!», schrie sie. Rasch ließ sie ihre Augen auf der Suche nach Ersatzklamotten durchs Zimmer schweifen, bevor ihre Schwestern noch einen Witz reißen konnten. Leider war das einzige saubere Kleidungsstück, das sie entdeckte, ein Kleid, das ihre Mutter für sie genäht, Nelle aber nie getragen hatte.

Die Schwestern lachten noch lauter, als sie begriffen, in welcher Zwickmühle sie steckte. Nelle biss die Zähne zusammen und schnappte sich das Kleid. Das war besser als jede weitere Sekunde in den Sachen, die sie jetzt gerade trug.

«Du meine Güte! Nelle in einem Kleid? Wie weit ist es mit der Welt schon gekommen?», scherzte Bär.

Nachdem Nelle in die Abstellkammer auf dem Flur gelaufen war und die Tür hinter sich zugeknallt hatte, hörte sie sie noch schallender lachen. Nelle schämte sich so und war wütend auf sich selbst. Vielleicht sollte sie einfach für immer hier drin bleiben. Mal sehen, wie ihnen das gefallen würde!

Dann zog sie ihre Latzhose aus und warf sie auf den Boden. Sie starrte das Kleid an, das sie in den Händen hielt. Zuletzt hatte sie eines getragen … zum Geburtstag ihrer Mutter vor zwei Jahren. Sie erinnerte sich noch, das Kleid dermaßen gehasst zu haben, dass sie es sich hinterher absichtlich vom Leib gerissen hatte. So, dass man es nicht mehr flicken konnte.

Jetzt ließ sie sich auf einen alten Koffer neben den Golfschlägern ihres Vaters sinken und hielt sich das Kleid vors Gesicht. Sie würde nicht weinen. Stattdessen holte sie tief Luft … und konnte plötzlich den Duft ihrer Mutter an dem Stoff riechen. Der brachte noch mehr Erinnerungen an den Geburtstag damals zurück. Wie Nelle versucht hatte, ihr an jenem Morgen bei einem Kreuzworträtsel zu helfen. Oder wie ihre recht mollige Mutter anmutig durchs Wohnzimmer getanzt war, während die Sonne durchs Erkerfenster hereinfiel. Und wie sie zusammen aus ihren Lieblings-Blumenkästen auf der Veranda Winterschneeball und lavendelfarbene Rosen für ihre Party gepflückt hatten. Am deutlichsten aber erinnerte sie sich daran, wie wunderschön ihre Mutter Klavier gespielt und wie Nelle während der Party vor allen Gästen Tea for Two gesungen hatte, während die Mutter sie am Klavier begleitete.

Es war das einzige Mal gewesen, dass sie je gemeinsam ein Lied vorgeführt hatten.


8.
Die kalte, harte Wahrheit

Die Hintertür zu Jennys Haus stand weit offen. Truman rannte hinein und blieb dann abrupt stehen. In der Küche war niemand. Er lauschte, aber alles, was er hören konnte, war sein eigener Herzschlag. Doch dann vernahm er Stimmen. Sie kamen aus dem vorderen Wohnzimmer.

Langsam bewegte er sich darauf zu. Im Haus war es ansonsten still, alle Schlafzimmertüren waren geschlossen. Die Frauen redeten in gedämpftem Ton.

Eine der Stimmen gehörte Sook. Die andere seiner Mutter.

Allein beim Klang ihrer Stimme musste Truman unweigerlich lächeln. Er überlegte, ob er sich vielleicht hinter sie schleichen sollte, um die Hände auf ihre Augen zu legen – und dann würde sie vor Freude aufkreischen und ihn so fest umarmen, dass er fast keine Luft mehr bekam.

Doch da hörte er, worüber sie sprachen. «Er hat dich so vermisst, Lillie Mae», flüsterte Sook. «Manchmal finde ich ihn weinend im Bett und halte ihn einfach eine gute Stunde im Arm, bis er einschläft. Er braucht seine Mama. Er braucht dich.»

«Ach, ich weiß nicht, Sook», sagte seine Mutter. «Ich möchte nicht schäbig klingen, aber … aber ich kann den Anblick meines Sohnes schlicht nicht ertragen – es kommt mir vor, als wäre er nicht einmal mein Kind.»

Für einen Moment herrschte Schweigen.

«Wie kannst du so etwas Schreckliches sagen – und das ist Unsinn, Lillie Mae! Ich habe ja selbst gesehen, wie du ihn geboren hast!», erklärte Sook.

«Das meine ich nicht. Ich weiß, es ist abscheulich von mir, aber der Junge ist so sonderbar. Er benimmt sich nicht, wie es ein normaler Junge tun sollte. Er ist ein Hochstapler wie sein Vater – er lebt in einer Fantasiewelt und zieht mich da mit hinein.»

«Das kann doch nicht dein Ernst sein, Lillie Mae. Er ist noch ein Kind.»

«Bei der Vorstellung, mit ihm und Archie sesshaft zu werden, fühle ich mich wie ein eingesperrtes Tier – das wird nie funktionieren!» Sie hielt kurz inne. «Darum habe ich entschieden: Truman wird von nun an hier leben.»

«Oh, Lillie Mae, Jenny wird das nicht zulassen. Ich glaube nicht, dass du auch nur ahnst, was das bei dem Jungen anrichten wird. Er wird durchdrehen.»

«Tja, ich habe schließlich nie ein Kind gewollt! Schau, was er aus meiner Figur gemacht hat. Ich bin erst sechsundzwanzig, aber schon derart ruiniert, dass ich mich Jahre älter fühle. Die Zeit vergeht wie im Flug und das Letzte, was ich brauche, ist, zu Hause zu hocken mit diesem altklugen kleinen –»

Sie blickte auf und sah Truman in der Tür zur Küche stehen. Er kämpfte mit den Tränen.

Seufzend verzog sie ihre rubinrot geschminkten Lippen zu einem gekünstelten Lächeln. «Truman. Du wirst hier glücklicher sein, Liebling. Vertrau mir. Ich mache mich einfach nicht gut als Mutter.»

Er wollte das nicht hören. Darum rannte er aus dem Haus, die Verandastufen hinunter und floh in die Arme seines Vaters.

«Hoppla, hoppla, kleines Kerlchen. Was ist denn los?» Arch spürte Trumans Tränen an seinem Hals. Als er aufblickte und sah, dass Lillie Mae an der Haustür stand, wurde er wütend. «Ist das dein Ernst? Konntest du nicht warten, bis ich da bin, bevor du es ihm gesagt hast?»

Sie zuckte mit den Achseln und zündete sich eine Zigarette an. «Er hat gelauscht. Was kann ich dafür?»

Arch trug Truman an die Seite des Hauses. «Hey, Kumpel, tut mir leid. Das hättest du nicht hören sollen.»

«Ich versteh das nicht», sagte Truman mit fest zugekniffenen Augen.

Arch seufzte. «Ich kann nur sagen, an jedem Horizont gibt es einen Silberstreifen, also … Ich werde dir jetzt deinen zeigen.»

Truman öffnete ein Auge. «Du gehst nicht fort? Du verlässt mich nicht?»

Arch verzog das Gesicht und kniete sich hin, damit Truman vor ihm stehen konnte. «Schau, mein Sohn. Ich weiß, wir haben gesagt, dass dies hier nur vorübergehend sein wird, wie ein Sommerurlaub. Aber die Wahrheit ist … deine Mutter und ich … wir erwarten beide unterschiedliche Dinge vom Leben …»

«Und was ist mit mir?», wimmerte Truman. «Mich wollt ihr nicht?»

Arch konnte ihm nicht in die Augen sehen. «Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit ich zurückkommen und dich holen kann. Allerdings brauche ich Zeit. Ich habe ein paar neue Ideen, von denen ich glaube, dass sie uns ein Vermögen einbringen werden, doch ich kann dich jetzt nicht mitnehmen.»

«Aber wir haben doch schon auf den Dampfschiffen zusammen gearbeitet …»

«Das war damals. Jetzt gehörst du in die Schule, wo du heranwachsen und klüger werden kannst als dein alter Herr. Ich weiß, du willst das nicht hören … aber ich hoffe, das hier hilft dir, damit du vorerst ein wenig glücklicher bist.»

Er drehte Truman um, sodass er einen ziemlich großen Gegenstand sah, der mit einer Plane abgedeckt war.

«Ich weiß ja, wie gebannt du Lindbergh und seinen Flug über den Atlantik verfolgt hast. Wenn du erwachsen bist, wartet die Welt bestimmt auf einen neuen Lucky Lindy und vielleicht wirst du sogar berühmt …»

Langsam zog Arch die Plane zurück und enthüllte ein hellgrünes, dreimotoriges Miniatur-Flugzeug mit einem roten Propeller, ein sogenanntes Ford Trimotor-Modell. Das einem überdimensionalen Dreirad mit Flügeln ähnelnde Gefährt war groß genug, sodass Truman darin Platz fand. Die Art und Weise, wie der Propeller in der Sonne strahlte, machte es zum Schönsten, was Truman je gesehen hatte.

«Ist es das aus dem Geschenkeladen?», fragte Truman.

Arch griff in seine Jackentasche und holte eine Fliegerkappe und Pilotenbrille hervor. «Klar, es ist genau das Modell, das du schon wolltest, als du noch ganz klein warst. Das ist von mir für dich. Darum wird dich jedes Kind in der Nachbarschaft beneiden. Und sobald ich meine Ziele erreicht und genug Geld habe, um wieder sesshaft zu werden, komme ich dich holen.»

«Versprochen?», fragte Truman.

«Natürlich, Kumpel.»

«Letztes Mal hast du mir einen Hund versprochen.»

Arch nickte. «Tja, das liegt an deiner Großcousine Jenny. ‹Keine Hunde in meinem Haus!›», machte er ihre Stimme nach. «Aber von ‹keine Flugzeuge› hat sie nichts gesagt. Also warum probierst du es nicht mal aus, bevor es ohne dich abhebt? Das ist das beste Flugzeug auf dem Markt!»

Er setzte Truman die Kappe und die Brille auf den Kopf. «Und du siehst auch um Längen besser aus als dieser Lindy!»

Truman kletterte in sein Flugzeug und drückte vorsichtig die Schalter im Cockpit. Alles sah aus, wie er es sich in einem richtigen Flugzeug vorstellte. Es fühlte sich gut an. Daraufhin zog er die Brille über die Augen, reckte er den Daumen hoch und gab seinem Vater das Zeichen für den Start.

«Aktivierung!», rief er.

Arch machte eine große Show daraus, den Propeller zu drehen, und Truman fuhr los. Er strampelte mit dem Flugzeug auf die Straße, als könnte es wirklich fliegen. Er stellte sich vor, genug Geschwindigkeit aufzunehmen, sodass die Räder tatsächlich vom Boden abhoben und er auf einmal in der Luft schwebte und hinaus in die ungestüme, blaue Ferne flog.

Da! Großcousin Bud auf seinem Baumwollfeld! Und da, die Hatter-Mühle mit Edison, der ins tiefe Wasser springt. Und da ist Billy Eugene, der feige Mistkerl.

Truman würde ihn und seine Kumpel im Sturzflug angreifen und vertreiben. In seiner Fantasie hatte er so viel Spaß, dass Truman nicht einmal bemerkte, wie Arch und Lillie Mae davonfuhren.


9.
Ein geheimer Plan

Danach war Truman sehr lange düster gestimmt. Nelle konnte ihn nicht einmal dazu bewegen, zum Spielen rauszukommen. Sie bat ihn, mit seinem Dreirad-Flieger fahren zu dürfen, aber er lehnte es rundheraus ab. Er war nicht böse, sondern wollte nur niemand sehen. Wochenlang blieb er in seinem Zimmer.

Sook ertrug es kaum, Truman so zu sehen, und versuchte alles, um ihn aus dieser Stimmung zu holen. Anfangs saß sie an seinem Bett und fütterte ihn wie einen kleinen Spatz, der aus dem Nest gefallen war. Später erzählte Sook ihm, wenn es still war, von der Grasharfe, die sie als Kind gehört hatte. So nannte sie die Geräusche, die der Wind machte, wenn er durch die leicht hügeligen Wiesen mit dem hohen Gras wehte. Dann flüsterte sie leise in sein Ohr, bis er einschlief.

Großcousine Jenny machte sich auch zunehmend Sorgen. «Solange ich am Leben bin und mich um dieses Haus kümmere, wirst du ein Dach über dem Kopf haben, junger Mann. Dir wird es weder an Kleidung noch an Essen im Bauch mangeln. Und deine Mama verdient nicht, dass du sie liebhast.»

Sein Großcousin Bud nahm ihn immer wieder mit zu seinem kleinen Baumwollfeld auf der anderen Seite des Hügels. Einfach damit er hin und wieder rauskam. Normalerweise gingen sie schweigend, während Truman niedergeschlagen auf Buds Schultern saß. Buds Schnurbart kitzelte ihn an den Beinen. Diesmal sagte Bud allerdings etwas.

«Das Leben ist ein verdammt hoher Hügel, auf den man klettern muss, kleiner Kumpel. Aber wenn’s dir zu steil wird, dann gehst du einfach auf alle Viere und krabbelst weiter. Früher oder später hast du den Buckel dann hinter dir», sagte er keuchend.

Sie schafften es hinauf und über den Hügel.

Auf dem Stück Baumwollfeld blieb Truman still vor der Hütte von Buds einzigem Arbeiter, Black John White (der so genannt wurde, damit man ihn nicht mit dem Tabakladenbesitzer White John Black verwechselte). Während Bud und Black John die Pflanzen begutachteten, machte Johns Frau für Truman warme Biscuits mit dunkler Soße, aber auch das heiterte ihn kaum auf.

Als eines Tages die Sonne unterging und das Gras rund um ihr Haus von Grün in Orange verwandelte, fragte Truman: «Bud, wie kommt es, dass ich kein richtiges Zuhause habe wie andere Kinder?»

Bud, der normalerweise die Ruhe selbst war, legte die Hände auf Trumans Schultern und sah ihm direkt in die Augen: «Tru, das hier ist dein Zuhause. Du bist blutsverwandt mit mir, mein Großcousin zweiten Grades über drei Generationen. Aber Blutsverwandtschaft ist nicht die wichtigste Verwandtschaft. Weißt du, welche das ist?»

«Nein, Sir.»

«Die Verwandtschaft der Liebe. Die kommt von Herzen. Und deshalb ist hier dein Zuhause. Du hast jedes Recht, Trübsal zu blasen. Das kann ich dir nicht verübeln. Aber wenn du dich mal umsiehst, dann wirst du es sehen – du bist ja schon zu Hause, kleiner Kumpel.»

Nelle fühlte sich einsam ohne ihren Freund. Um sie aufzuheitern, nahm A. C. sie mit auf den Golfplatz. Das gefiel ihr, weil sie sich dann wie eine Erwachsene vorkam. Sie war sein Caddy und durfte gelegentlich unter A. C.s Aufsicht einen Ball schlagen. Ihr Vater trug immer einen dunklen Anzug mit Weste, sogar auf dem Golfplatz. Das war schon eine Schau bei seinen ziemlich abgehackten Schlägen. Zwischen den einzelnen Löchern unterhielten sie sich.

«Ich versteh nicht, wieso Tru nicht mehr mit mir spielen will, A. C. In so einer Verfassung habe ich ihn noch nie gesehen», sagte sie.

«Tja, hab einfach Geduld, dann wird er schon kommen. Die Situation mit seinem Vater kann nicht leicht für ihn sein.»

Nelle hatte ihn das schon so lange fragen wollen. «Hast du ihn mal einsperren lassen?»

A. C. wählte seine Worte sorgsam. «Nein. Der Richter hat entschieden, keine Zeit damit zu vergeuden, dass er aufgespürt wird. Er glaubt, dass Arch schon bald wieder was anstellen wird. Und wenn er das tut, wird das Gericht immer noch da sein.»

«Armer Truman», sagte Nelle. «Es muss schrecklich sein, einen Lügner als Vater zu haben.»

A. C. legte eine Hand auf ihre Schulter. «Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet, mein Kind.»

«Was soll das denn heißen?»

«Es heißt, sei nicht voreilig mit deinem Urteil; warte, bis du die ganze Wahrheit kennst. Trumans Vater mag nicht vertrauenswürdig sein, aber ich glaube, er versucht, auf die einzige Weise für den Lebensunterhalt seiner Leute zu sorgen, die er kennt.»

«Das macht es für Tru nicht leichter», murmelte sie.

Ihr Vater blieb stehen und nahm das nächste Loch in Augenschein. «Nein, das tut es nicht. Aber was du tun kannst, ist, einfach nett zu Truman sein. Er braucht jemand auf seiner Seite. Manchmal ist eine kleine Geste der Freundschaft entscheidend.»

Schon bald hatte Nelle einen Plan geschmiedet, um ihren Freund aufzuheitern. Aber sie brauchte für ihr Projekt einen Flügelmann und suchte sich dafür einen von Trumans jüngsten Verwandten aus: Big Boy. Er sollte ihr helfen, Truman wieder zum Leben zu erwecken.

Big Boy war der Sohn von Lillie Maes Schwester Mary Ida. Sein richtiger Name lautete Jennings, deshalb bevorzugten alle seinen Spitznamen. Er und Truman waren gleich alt und er wohnte auf einer Farm ein kleines Stück außerhalb von Monroeville. Er war nicht besonders groß, aber bei seiner Geburt hatte er schon fünfeinhalb Kilo gewogen. Sein Wachstum hatte sich mit der Zeit verlangsamt, und mit sieben war er von durchschnittlicher Größe. Er trug eine Brille mit Gläsern so dick wie Colaflaschen-Böden, was seine Augen eulengroß wirken ließ. Als er von Nelles Plan hörte, wurden seine großen Augen sogar noch ein wenig größer.

«Dann soll das so eine Art Geheimversteck werden?»

«Mehr als das, Big Boy. Es wird unser Hauptquartier», sagte sie stolz.

«Hauptquartier wovon?», fragte er.

«Mensch, von unserem Detektivbüro natürlich. Das Einzige, was Truman aus seiner Stinklaune holen wird, ist ein gutes altes Rätsel, das es zu lösen gilt.»

«Aber in Monroeville gibt es doch gar keine Rätsel», sagte Big Boy. «Außer vielleicht warum die Uhr am Gerichtsgebäude immer fünf Minuten nachgeht.»

«Also, ich habe von Sherlock Homes gelesen», sagte Nelle. «Und der hat gemeint: ‹Für einen großen Geist ist nichts klein.»

«Das kapier ich nicht», antwortete Big Boy.

Nelle versuchte, es ihm zu erklären. «Dummerchen, nur weil du irgendwas direkt vor deiner Nase nicht siehst, heißt das nicht, dass es nicht passiert. Wer weiß, auf was wir hier noch stoßen werden, wenn wir erst mal anfangen, herumzuschnüffeln?»

Big Boy wirkte immer noch verwirrt.

«Schau mal.» Sie zeigte ihm eine Zeichnung von dem Versteck, die sie auf die Rückseite von einem Stück Einwickelpapier gekritzelt hatte. «Sherlock und Watson hatten die Baker Street 221b. Das hier wird unser Hauptquartier sein.»

Big Boy schob seine Brille hoch, um besser sehen zu können. «Ein Baumhaus?»

Die Zeichnung war unbeholfen, aber er bekam eine Vorstellung von dem, was Nelle vorschwebte. Das Baumhaus wurde von einem Zedrachbaum mit zwei Stämmen gehalten. Je ein Stamm ragte auf jeder Seite der Steinmauer auf, die ihre Grundstücke trennte. Das sah aus wie ein Tanzpaar aus Bäumen, das ein Haus in seinen Armen hielt. Eine Leiter aus dicken, an einen der Stämme genagelten Brettern führte hinauf zu einer Falltür, die man im Fall von Eindringlingen von innen verschließen konnte. Es gab alle möglichen raffinierten Extras: eine Luke mit Teleskop zum Ausspähen und ein Dosentelefon, das sowohl mit Trumans als auch mit Nelles Zimmer verbunden war – falls mal ein Notfall eintrat.

«Wow», sagte er. «Können wir auch eine Rutschstange wie bei der Feuerwehr einbauen? Du weißt schon, wenn man mal schnell ausrücken muss.»

«Ausgezeichnete Idee, Big Boy», sagte Nelle. «Wenn Tru das sieht, wird er in Nullkommanichts wieder ganz der Alte sein.»

Natürlich war es am Ende so, dass Großcousin Bud und Black John das meiste davon bauten. Nelle und Big Boy schleppten aber Holz vom ehemaligen, aufgegebenen Eishaus am Rand des Felds heran, reichten Hämmer und Nägel an, wenn sie gebraucht wurden, und übernahmen alle Feinarbeiten selbst. Nach zwei Wochen war Nelles Plan in die Tat umgesetzt.

Truman wusste, dass Nelle irgendetwas im Schilde führte, aber er konnte es nicht sehen, weil die Hausecke ihm die Sicht versperrte. Aber da war was im Busch. Jedes mal wenn er sich aufmachen wollte, um draußen nachzusehen, brauchten Sook oder Bud plötzlich seine Hilfe oder forderten ihn zu einer Partie Quartett auf.

Doch er sollte es bald erfahren.

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204 p. 8 illustrations
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9783772543272
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