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Funny van Dannen
An der Grenze zur
Realität
Über dieses Buch
Text …
In der Natur
Eine kleine Gurkenwalherde hatte die Orientierung völlig verloren und sich in einen Baggersee verirrt.
Haut ab, ihr Schlampenficker!, rief ein vereinsamter Angler. Ihr vertreibt den Hecht!
Du willst einen Hecht fangen?, fragte die Leitkuh. Wozu denn? Suchst du einen Freund?
Der Angler lachte: Ich will ihn essen, du dumme Kuh! Und jetzt haut ab!
Er schlug mit dem Käscher nach ihr.
Wir suchen den Essigsee, sagte die Leitkuh. Kannst du uns nicht helfen?
Essigsee? Nie gehört, sagte der Angler.
Sucht ihr den Essigsee?, fragte ein Rehkitz, das sich in der Nähe aus Rohrkolben ein Geweih bastelte.
Sag schon, rief der Angler, ich will, dass sie verschwinden!
Er ist ausgetrocknet, sagte das Rehkitz und setzte sich das Rohrkolbengeweih auf. Wie seh ich aus?
Unmöglich!, riefen alle Gurkenwale. Total doof.
Und wie findest du mich, Angler?, fragte das Kitz.
Mir gefällt’s, brummte der angegraute Mann. Du hast Talent.
Was ist das? Talent?, fragte das Reh.
Wenn man was kann, sagte der Mann, das ist Talent.
Die Wale lachten. So eine miese Erklärung hab ich ja noch nie gehört, rief die Leitkuh. Wenn man was kann! Dann hast du auch Talent zum Kacken, was?
Die Wale grölten. Das Rehkitz wurde ganz nervös. Die Äuglein blitzten, die zarten Hufe trappelten hyperaggressiv auf dem kieseligen Untergrund, dann krümmte es den Rücken wie eine böse Comic-Katze. Die Zeit stand still. Als es sich wieder entspannte, trieben die Gurkenwale leblos am Ufer. Der Angler stand von seinem Hocker auf und trat gegen die Köpfe der klobigen Tiere.
Sind sie tot?, fragte er das Rehkitz.
Es war verschwunden. Das Kolbengeweih lag am Boden. Der Angler setzte es sich auf. Es passte. Er ging ans Wasser und betrachtete sein Spiegelbild.
Wenn ich einmal tot bin, dachte er, werden sie glauben, dass mein Leben sehr gewöhnlich war. Aber heute steh ich hier am Wasser wie noch niemand vor mir.
Er nickte heftig. Die Kolben fielen auf das Wasser, die Wale wachten auf.
Was war das denn?, fragte die Leitkuh.
Der Angler packte seine Sachen und rief vom Auto aus: Danke für die schöne Zeit!
Märzgeflüster
Als es Frühling wurde, überfiel mich eine große Heiterkeit. Ich war so fröhlich, dass ich Gott bat, mir ein gelbes Auto zu schenken.
Du musst fleißig arbeiten, sagte Gott. Dann kannst du dir bald ein Auto kaufen.
Aber dann wird nicht mehr Frühling sein, sagte ich. Und ob das Auto dann gelb sein wird? Wohl eher schwarz oder silber, wie die meisten Autos hier. Denn so heiter wie heute bin ich nicht alle Tage, um ehrlich zu sein, so bin ich nur ganz selten.
Selber schuld, sagte Gott. Es ist für alles gesorgt. Du musst die Möglichkeiten nur nutzen.
Ach, sagte ich. Hör auf! Ich kann dein Gefasel nicht mehr hören. Die Menschheit ist in einem elenden Zustand. Du hast was falsch gemacht!
Alle Geschöpfe sind zufrieden, sagte Gott, nur ihr Menschen meckert rum. Ich habe mir große Mühe mit euch gegeben, aber viele wollen nicht begreifen, dass Leben Kämpfen heißt. Sie sind träge.
Viele können es gar nicht begreifen, erwiderte ich. Sie sind zu doof oder zu sanftmütig. Denen hättest du mehr von was-auch-immer mitgeben müssen.
Undankbarer!, sagte Gott.
Er grollte.
Du bist dumm und sanftmütig und dennoch hast du eine Frau gefunden, die dich liebt. Du hast dich fortgepflanzt, was willst du denn noch?
Aber die anderen!, sagte ich. All die Unglücklichen!
Denk einfach mal an dich, sagte Gott. Liebst du dich überhaupt?
Nein, sagte ich, warum sollte ich?
Aus Nächstenliebe, sagte er. Jeder ist sich selbst der Nächste!
Ich war von dieser Interpretation von Nächstenliebe überrascht und sagte: Liebe ist ein großes Wort.
Ein großes Gefühl, sagte Gott.
Ein großer Gedanke, sagte ich.
Eine große Sauerei, sagte Gott.
Eine große Geschichte, sagte ich.
Falsch, sagte Gott, um Sauerei zu steigern, hättest du »eine riesengroße Scheiße« sagen müssen.
Eine riesengroße Scheiße, sagte ich.
Planetenkotze!, rief Gott.
Und ich rief: Sonnenkotze!
Siehst du?, sagte Gott. Geht doch!
Auf einem Tisch
Eine feste Kiwi und eine dunkelblonde Wimper streiten sich über das Wesen der Welt. Die Kiwi findet die Welt lustig und sehr erfüllend: Immer, wenn mich etwas berührt, könnte ich platzen vor Glück!
Wart’s ab, meint die Wimper. Spätestens wenn sie dir mit dem Schälmesser auf die Pelle rücken, wirst du dich sehr anders fühlen! Und wenn sie dich gegessen haben, wirst du völlig auseinandergenommen und was von dir übrigbleibt, kann Gottseidank nicht vor Glück platzen.
Wer will mich essen?, fragt die Kiwi.
Menschen, sagt die Wimper. Große Wesen aus Fleisch und Blut!
Meinst du Koteletts?, fragt die Kiwi.
Du bist so doof! ruft die Wimper. Aber mit mir willst du über so etwas Wichtiges wie das Wesen der Welt diskutieren! Du solltest bescheidener sein! Also, pass auf: Menschen sind keine Koteletts, sie essen Koteletts, manche jedenfalls. Kiwis und Koteletts sind als Nahrung sozusagen Kollegen.
Kollegen, sagt die Kiwi langsam und ausgesprochen liebevoll. Kollegen. Ist das ein Gen?
Nein!, ruft die Wimper, das hat mit Genen nichts zu tun! Die Menschen essen Kiwis und Koteletts und Brot und Wurst und Ei und Reis.
Und Kollegen, sagt die Kiwi.
Die Wimper will weg. Verdammt! Kein Wind, kein Lufthauch! Kann hier mal bitte jemand ein Fenster aufreißen!, ruft sie. Doch es ist Nacht und alles still.
Warum essen uns die Menschen?, fragt die Kiwi.
Menschen müssen essen, erklärt die Wimper, sonst verhungern sie, also, sie sterben und werden zu Staub.
Wie schön!, ruft die Kiwi. Ich möchte auch zu Staub werden!
Kommt noch, sagt die Wimper.
Wie aufregend!, ruft die Kiwi. Ich könnte platzen vor Aufregung!
Bitte nicht, sagt die Wimper. So ganz bist du mir lieber.
Und woher weißt du so viel?, fragt die Kiwi. Oder tust du nur so schlau?
Ich war mal Teil eines Menschen, erzählt die Wimper. Mit meinem Volk beschützte ich ein Auge.
Die Kiwi staunt. Vor wem?
Fäuste, Steine, Raketen, sagt die Wimper. Vögel, Blitze, Meteoriten. Das ganze fliegende Gesocks.
Du bist klein, wendet die Kiwi ein.
Wir waren viele, entgegnet die Wimper. Dann fiel ich aus, jetzt bin ich frei.
Frei!, ruft die Kiwi. Was du für Wörter kennst!
Was heißt denn das schon wieder? Ich bin nicht mehr am Menschen dran, erklärt die Wimper, und du nicht an der Pflanze. Wir sind frei, wir können gehen, wohin wir wollen.
Ich kann nur rollen, sagt die Kiwi. Aber nur wo’s schräg ist oder wenn mich jemand schubst. Kannst du dich selbst bewegen?
So gut wie, meint die Wimper. Ich arbeite eng mit der Luft zusammen.
Es wird hell, bemerkt die Kiwi. Ich liebe das.
Das nennt man Tag, sagt die Wimper, das kommt vom Sonnenlicht.
Ich liebe Tags!, ruft die Kiwi.
Das heißt Tage!, schreit die Wimper. Tage!!! Lern endlich Deutsch, du dummes Obst!
Tu ich doch die ganze Zeit, sagt die Kiwi leise. Wie heißt der Himmel jetzt? Die Wimper schweigt.
Ach bitte!, ruft die Kiwi. Nur dieses eine Wort noch!
Morgenrot!, schreit die Wimper. Morgenrot!!!
Menage à trois
Zwei Steinbeißer hatten sich gleichzeitig in eine alte morsche Schiffsplanke verliebt und kämpften um sie. Das Holz hasste Gewalt und bot an, sich mit beiden gleichzeitig zu paaren.
Und dann bekommst du von uns beiden Kinder?, fragten die Fische gleichzeitig.
Vielleicht, sagte das Holz, vielleicht auch nicht.
Da paarten sich die Steinbeißer am einen und am anderen Ende mit dem Holz. Es genoss die Paarung sehr, war aber unfruchtbar.
Immer wieder kamen die Steinbeißer angeschwommen und paarten sich mit dem Holz, bis es ihnen dämmerte, dass es keine Nachkommen geben würde, da waren sie schon alt und schwach.
Warum hast du uns angelogen?, fragten sie das Holz.
Liebt ihr mich oder nicht?, fragte das Holz zurück.
Ja schon, brummten die Steinbeißer. Aber wir hätten uns fortpflanzen sollen!
Nein, sagte das Holz. Eure Instinkte sind im Eimer. Wer sich in morsches Holz verliebt, pflanzt sich nicht fort, das ist nur folgerichtig.
Ach so, sagten die Steinbeißer, und schwammen mit geschlossenen Augen fort.
Schule für Große
Folge 287
In Kunst sollten wir Jesus malen.
Ihr seid doch alle Christen, oder?, fragte Frau Christiansen.
Keiner sagte nein.
Darf ich Wachsmalkreiden nehmen?, fragte Sonja.
Was ihr wollt, sagte Frau Christiansen. Hauptsache, es wird ein gutes Bild.
Alle gaben sich große Mühe. Obwohl viele von der Kirche nicht viel halten, spürte man den Willen, Jesus gerecht zu werden. Ich glaube, alle mögen ihn. In den letzten Stunden vor den Ferien wurde dann über die fertigen Werke gesprochen.
Eugen, fragte Frau Christiansen, warum hast du Jesus am Kreuz gemalt?
Weil das für ihn am typischsten ist, sagte Eugen.
Und warum splitternackt und grellgeschminkt? Bist du homosexuell?
Nein, sagte Eugen. Ich mag Glamour, das ist alles.
Gut, sagte Frau Christiansen, gefällt mir gut! Auch der Hund unten am Kreuz. Ist das Jesus’ Hund?
Nein, meiner, sagte Eugen. Er soll Treue über den Tod hinaus symbolisieren.
Aha, sagte Frau Christiansen. Auch gut. Und du, Sonja, warum hat dein Jesus Brüste und einen Stringtanga?
Weil er eine Frau ist, sagte Sonja.
Wie finden die anderen das, fragte Frau Christiansen. Darf man Jesus als Frau malen?
Von mir aus, sagte Peter. Aber der Papst würde bestimmt abkotzen.
Peter, bitte!, ermahnte ihn Frau Christiansen. Drück dich gewählter aus. Hillary?
Der Jesus war ein Mann, das ist verbürgt. Den darf man nicht als Frau darstellen, das ist historisch falsch.
Richtig, sagte Frau Christiansen und sah mein Bild sehr lange an.
Ich hatte es mit Deckfarben angelegt und fand es sehr gelungen. Um nicht zu sagen: extremistisch ausdrucksstark.
Ja, sagte Frau Christiansen, nicht schlecht, ich meine, es hat eine gewisse Wucht. Auch durch die dicke schwarze Brillenfassung. Kann man machen, aber historisch natürlich genauso falsch wie Sonjas Bild. Solche Brillen gab es damals mit Sicherheit nicht. Und dann, ich muss schon sagen, mich erinnert dieses Portrait doch arg an diesen französischen Philosophen, diesen kleinen, hässlichen Kerl, wie hieß er doch?
Meinen Sie Sartre, fragte Udo, den Vater von Jacqueline Bouvier?
Ja, sagte Frau Christiansen. Aber das war nicht der Vater von Jacqueline Bouvier, der späteren Jackie Kennedy und noch späteren Onassis. Du meinst den Lebensgefährten von Simone de Beauvoir, nicht zu verwechseln mit Simon de Bolivar.
Sie lachte.
Manchmal seid ihr aber auch zu doof! Na, wie auch immer. Glaubt ihr, Jesus hätte so großen Erfolg gehabt, wenn er so hässlich wie Jean-Paul Sartre gewesen wäre?
Nein, sagte Dunja, sicher nicht. Zum Erfolg gehört immer eine gewisse Ansehnlichkeit. Ich glaube nicht, dass wir in einem eher hässlichen Mann den Sohn Gottes sehen würden.
Seh ich auch so, meinte Frau Christiansen. Einen hässlichen Erlöser will keiner, der muss schon schön sein.
Ich war schockiert und sackte im Stuhl zusammen.
Sie sah mich an. Ja, ist so!, rief sie. Kann ich auch nicht ändern, und würde ich auch gar nicht wollen. Dein Bild ist gut. Authentisch, nachhaltig, alles. Aber der Mensch will Schönheit, Schönheit und Wahrhaftigkeit und Heiligkeit und Mut und Klugheit, alles, alles, aber ohne Schönheit kannst du nichts verkaufen.
Ich sackte immer tiefer, ich rutschte vom Stuhl unter den Tisch und leckte vor Abscheu über die Worte der Lehrerin den Boden ab.
Nun schaut euch den Gestörten an!, sagte Frau Christiansen. Nur weil er die Realität nicht erträgt, leckt er den Boden ab!
Sie ging zum Pult und schrieb einen Tadel ins Klassenbuch. Dann schickte sie mich hinaus, um meine Zunge abzuwaschen. Als ich wiederkam, sprachen sie über Udos Bild. Er hatte Jesus als sympathischen Fisch in der Mitte des Ozeans dargestellt, die anderen Fische freundlich und interessiert lauschend drumherum, manche hatten sogar Ohren. Lauschende Fische! Ich lag schon wieder fast am Boden. Sogar die Haie guckten nett, mit nach oben gezogenen Mundwinkeln.
Sehr poetisch, sagte Frau Christiansen. In dir scheint ein kleiner Franz von Assisi zu stecken, was?
Udo von Assisi, flüsterte ich Dunja ins Ohr.
Sag es uns allen, sagte Frau Christiansen, los!
Oh, sagte ich, nichts Besonderes!
Bitte, sagte sie, es interessiert uns.
Na gut, ich sagte: Der heilige Franziskus und Dschingis Khan waren Zeitgenossen. Stellen Sie sich vor, es hätte damals schon das Fernsehen gegeben, und die beiden zusammen in einer Talkshow!
Unsinn, sagte Frau Christiansen, du redest nur Unsinn! Ich müsste dich schon wieder tadeln.
Der Papst und sagen wir mal Präsident Obama würden heutzutage auch nicht zusammen in einer Talkshow auftreten. Die müssen ihre Bücher dort gar nicht bewerben. Und Dschingis Khan konnte nicht mal schreiben.
Frau Christiansen, sagte ich. Sie machen auch Fehler. Obama und Dschingis Khan sind doch total verschiedene Typen.
Wir schweifen ab, rief die Lehrerin. Schnell! Wir haben noch zwei Minuten. Schaut euch das Bild von Dunja an.
Sie hielt es hoch.
Gut, murmelten alle.
Und die Stirnbandmessage?
Peace, sagte Eugen, kann ja nicht verkehrt sein.
Kitschig, sagte Frau Christiansen. Das ist ein Hippie, nicht Jesus!
Dunja schossen Tränen in die Augen.
Warum malen Sie nicht mal ein Bild von Jesus? fragte Peter.
Das mach ich, rief die Lehrerin, das mach ich!
Dann nahm sie ihre Handtasche vom Pult und ging mit ausgestreckten Armen hinaus. Das macht sie oft und das soll heißen: Ihr kreuzigt mich durch eure Existenz. Hat sie uns mal verraten, als sie beim Schulfest vom Prosecco angeschickert war. Jetzt sind wir schon gespannt.
In der Krise
Zwei Bratwürste standen an einem herrlichen Frühlingstag auf und wollten sich über die große Wirtschaftskrise unterhalten. Es ging nicht.
Es geht nicht, sagte die eine. Sie hieß Lisa P. Wir sind beide viel zu dumm, um auch nur ansatzweise zu verstehen, was da passiert.
Aber alle reden über die Krise, entgegnete die andere Bratwurst. Sie hieß Marco C. Glaubst du, die sind alle viel intelligenter als wir?
Hat schon mal eine Bratwurst den Nobelpreis bekommen?, fragte Lisa zurück. War eine Bratwurst schon mal Fußballbundestrainer oder Ingenieur?
Nein, sagte Marco. So gesehen hast du Recht. Aber die Menschen sind auch Spinner, findest du nicht? Sie glauben an so was wie Gott und Derivate. Und ewiges Leben, das ist doch völlig gaga.
Ja, sagte Lisa. Sie sind nicht so realistisch wie wir Bratwürste. Das macht sie anfälliger für Krisen. Wir wissen, dass wir auf der Welt sind, um gegessen zu werden. Punktum. Das ist für uns in Ordnung, aber die Menschen haben viel mehr Energie als wir, die treibt die tollsten Blüten. Sie haben Sex und spielen Golf und Musik.
Sex, fragte Marco, was ist das denn?
Sex ist immer vor Sieben, sagte Lisa. Und manchmal stöhnen sie dabei. Klingt gar nicht gut.
Und Golf?
Auch seltsam, sagte Lisa. Dafür brauchen sie Schläger.
Oha!, rief Marco. Sind Schläger nicht ganz üble Typen?
Ja, sagte Lisa. Sie schlagen kleine, weiße, niedliche Bälle. Die fliegen schreiend durch die Luft und verstecken sich in Löchern. Aber die Menschen finden sie und schlagen sie immer wieder.
Und Musik?, fragte Marco. Ist das noch schlimmer als Sex und Golf?
Geht so, sagte Lisa. Manchmal schon. Aber dafür braucht man Ohren.
Kenn ich, sagte Marco. Sieht scheiße aus. Stell dir vor, wir hätten Ohren!
Nein, sagte Lisa, das stell ich mir nicht vor. Ich möchte Schönheit, Schönheit und Perfektion. Und du möchtest das auch, wir sind so. Perfekt und schön. Die Menschen sind anders. Sie haben keinen Wert an sich. Hast du schon mal einen nackt gesehen?
Nein, sagte Marco, womit denn?
Augen, sagte Lisa. Menschen und Tiere und Würfel haben Augen. Ein Regenwurm hat mir mal erzählt, wie Menschen aussehen. Sie haben Ausstülpungen und Extremitäten, unten, oben, vorne, hinten.
Voll eklig, sagte Marco. Kein Wunder, dass sie keinen Wert an sich haben.
Ja, sagte Lisa. Und weil sie keinen Wert haben, müssen sie Werte schaffen, um sich gut zu fühlen.
Gut fühlen, fragte Marco, was ist das denn?
Verstehst du nicht, beschied ihm Lisa. Wir Bratwürste haben keine Gefühle. Gefühle machen Menschen laut oder leise, je nachdem.
Schon kompliziert, diese Menschen, meinte Marco. Und sie können wirklich Werte schaffen?
Na, schau dich an!, rief Lisa. Oder mich! Sie haben uns gemacht.
Machen?, sagte Marco langsam. Menschen können machen?
Ja, sagte Lisa, deshalb heißen manche auch Machos.
Marco staunte: Was du alles weißt!
Lisa legte sich hin.
Ich bin müde.
Und die Krise?, fragte Marco. Hat die auch mit diesem Machen zu tun?
Natürlich, sagte Lisa. Menschen machen uns, Menschen machen Geld, Menschen machen Menschen, Menschen machen Krisen und Werte und Worte. Leg dich bitte hinter mich, ich schlaf nicht gern allein.
Marco schmiegte sich an sie.
Weißt du, wie die Menschen das nennen?, fragte Lisa.
Liebe, sagte Marco stolz.
Nein, sagte Lisa, Löffelchen-Stellung.
Das Attentat
Der Sommer war wieder da und Prinzessin Trudi spielte mit ihrem Lieblingsfrosch im Sonnenschein.
Trudi, sagt der Frosch. Meine Zunge ist ganz trocken, mach uns noch ein Bierchen auf.
Nein!, rief die Prinzessin. Du bist schon betrunken!
Und wenn schon! rief der Frosch. Betrunkener ist noch schöner! Was hast du denn?
Ach, seufzte die Prinzessin. Mein Leben ist so langweilig!
Weil du nichts kannst, sagte der Frosch. Wenn du etwas könntest, würdest du nicht so langweilig sein.
Du findest mich langweilig?, rief die Prinzessin. Du findest mich langweilig, obwohl ich Klavier und Geige spiele und Gedichte schreibe?
Du bist musisch völlig unbegabt, sagte der Frosch. Mit deinen klobigen Pfoten solltest du Steinmetzin werden.
Da trat die Prinzessin mit schmerzverzerrtem Gesicht auf ihren Lieblingsfrosch. Er sagte Quak und starb.
Da kam ihr zweiter Lieblingsfrosch angehüpft und kritisierte Trudi: Immer müssen wir Frösche unter deinen impulsiven Reaktionen leiden!
Er hat nicht gelitten, entgegnete Trudi und warf den Frosch an die Wand. Er durchschlug die Mauer und noch eine und noch eine und noch eine und traf die Königin mitten ins Herz. Sie war auf der Stelle tot. Kugelfrosch tötet Königin, stand tags darauf in allen Zeitungen und alle fragten sich, wie es den Gegnern der Monarchie gelungen war, so gefährliche Frösche zu züchten.
Nora und der Teufelsaustreiber
Ein Teufelsaustreiber hatte bei Nora geklingelt und sich als der Teufelsaustreiber Peter Lustig vorgestellt.
Das wüsst ich aber!, rief Nora empört, wenn Peter Lustig jetzt Teufelsaustreiber wäre!
Ich bin nicht Peter Lustig, sagte der Teufelsaustreiber. Ich heiße genauso, aber ich bin ein ganz anderer.
Das seh’ ich, sagte Nora und blickte dem kleinen, sehr dicken Mann direkt in die Augen. Sie waren strahlend blau und hatten sowas Frisches, dass es Nora fast den Atem nahm.
Haben Sie Probleme mit dem Teufel?, fragte der Mann.
Mit dem Teufel?, fragte Nora. Nee. Aber wenn Sie wollen, können Sie für 5 Euro meinen Rasen mähen.
Ok, sagte der Mann. Wo steht der Mäher?
Ich hab keinen, sagt Nora.
Und womit soll ich den Rasen mähen?, fragte der Dicke.
Mit einem Nagelscherchen, sagte Nora.
Was denn?, rief der Mann. Soll ich etwa jeden Halm einzeln abschneiden? Es war von Mähen die Rede.
Na, wenn Sie kein Geld brauchen, sagte Nora und wollte die Tür schließen.
Nein, rief der Dicke, nun neugierig geworden. Ich mach’s. Wo ist der Rasen?
Kommen Sie, sagte Nora und führte den Teufelsaustreiber in ihr Schlafzimmer. Dort stand ein Bett, das aussah wie ein Fußballplatz, ein Bett mit echtem Rasen.
Jeder Halm soll exakt 2 cm lang sein, sagte Nora und gab dem Dicken ein Nagelscherchen und ein Lineal.
Schlafen Sie auf dem Rasen? fragte der Dicke.
Ja, sagte Nora. Glauben Sie vielleicht, ich spiele in meinem Schlafzimmer Fußball?
Der Teufelsaustreiber ging an die Arbeit und gegen Abend war er fertig. Er suchte Nora und fand sie in der Küche.
Wollen Sie auch einen Milchkaffee?
Gerne, sagte der Teufelsaustreiber. Ich bin fertig.
Oh!, rief Nora. Das ging aber schnell.
Ich bin fleißig, sagte der Mann. Und ich mache gern tüchtig voran. Lahmärsche hasse ich.
Geht mir auch so, sagte Nora.
Sie schlafen also auf dem Rasen, sagte der Dicke.
Nora nickte. Ich bin totaler Fußballfan, wissen Sie. Aber nicht von einem bestimmten Verein, von Fußball überhaupt.
Schön, sagte der Dicke, wenn man sich für Sport begeistern kann. Aber fehlt Ihnen denn nicht das Publikum?
Beim Schlafen?, fragte Nora.
Ja, sagte der Dicke. Gehört doch irgendwie dazu.
Nora sah ihn kritisch an. Na, Sie sind mir ja einer. Vor Publikum schlafen! So was würde mir nie einfallen. Ist doch viel zu laut. Und dann die Hooligans. Also Sie sind echt verrückt.
Und wie decken Sie sich zu?, fragte der Dicke. Mit einer Flagge?
Gar nicht, erklärte Nora. Ich schlafe nackt. In mir ist so viel Wärme, ich brauche keine Decke. Und ein Ohr muss auf dem Elfmeterpunkt liegen, sonst kann ich nicht einschlafen.
Sie stellte den Milchkaffee auf den Tisch.
Und sonst?, fragte der Dicke. Was machen Sie beruflich?
Früher, sagte Nora, war ich Rechtsanwaltsgehilfin, dann hab ich in der Lotterie gewonnen. Sofortrente. Seitdem beschäftige ich mich hauptsächlich mit Hitparadenstatistiken der 70er, 80er und 90er Jahre.
Lecker, der Milchkaffee, sagte Peter Lustig. Er stand auf und legte sein Kärtchen auf den Tisch.
Rufen Sie mich an, wenn’s der Rasen wieder braucht.
Nein, sagte Nora. Sie wollen ja nur mein Geld. Sie gab ihm die 5€.
Danke, sagte der Dicke und boxte Nora zärtlich in den Bauch.
Oh Gott!, rief sie. Jetzt bin ich von Ihrer Faust schwanger!
Ja, sagte der Dicke. In zwei Jahren werden Sie eine kleine, lustige Faust bekommen und wo die hinschlägt, wächst kein Gras mehr.
Was reden Sie denn?, rief Nora. Wollen Sie mir Angst machen?
Nein, nein, sagte der Dicke. Ich wollte witzig sein.
Nein, sagte Nora. Sie wollten mir zum Abschied wenigstens verbal eine reinhaun, weil Sie neidisch sind.
Auf was denn?, fragte der Teufelsaustreiber.
Auf meine kleine, heile Welt!, rief Nora und schloss die Tür mit ganz viel Feingefühl.
Die Pandaschau
Siebzig Pandabären kamen ungeordnet die Straße entlangmarschiert und blieben vor der alten Mühle stehen. Alle zusammen riefen sie: Heh, Müller! Bring uns Mehl!
Der alte Müller, der die alte Mühle nur noch aus Nostalgie in Schuss hielt, war so taub wie Beethoven zum Schluss. Er verbrachte die meiste Zeit im Internet. Eine Nachbarin jedoch hatte die Pandas rufen gehört und hängte sich aus dem Fenster.
Der Müller kann euch nicht hören!, rief sie. Wenn ihr was von ihm wollt, müsst ihr ihm mailen!
Wie?, riefen die Pandas. Wir sollen dem Müller mailen, dass er uns Mehl bringen soll? Döfer geht’s wohl nicht!
Sie polterten mit ihren weichen Tatzen gegen die Mühlentür und brüllten sich die Seelen aus dem Leib. Keine Reaktion.
Na, rief die Nachbarin. Was hab ich euch gesagt?
Die Pandas sahen sich an. Einer sagte: Dann hören wir eben auf die Alte.
Die anderen brummten Zustimmung. Hast du die Mailadresse vom Müller?, fragten sie die Frau.
AlterMüller@web.de, rief sie.
Ein Panda rief einen Freund zuhause an und bat ihn, dem Müller zu mailen. Zwei Stunden später kam der alte Müller mit einem Mehlsack raus und die Pandas puderten sich mit dem Mehl die schwarzen Flecken weg. Dann stellten sie sich nebeneinander auf und einer von ihnen machte Fotos.
Macht ihr das aus Langeweile?, fragte die Nachbarin, die sich das Schauspiel aus der Nähe angeschaut hatte.
Was ist das denn?, fragten die Pandas.
Ihr wisst nicht, was Langeweile ist?, staunte die Frau.
Die Pandas schüttelten sehr vorsichtig die Köpfe. Sie bedankten sich beim alten Müller, indem sie ihm ganz vorsichtig die Hand schüttelten.
Als der Mann der Nachbarin von der Arbeit nach Hause kam, erzählte sie ihm die Geschichte.
Stell dir das mal vor: Der alte Müller hat siebzig Pandas die Tatzen geschüttelt und zwar so behutsam, dass sie ganz weiß geblieben sind. Das hättest du mal sehen sollen! Da hast du was verpasst!
Hab ich eben was verpasst, erwiderte der Mann verärgert. Einer muss das Geld verdienen.
Ehrliche Arbeit
Ein paar Ameisen hatten ihr Erspartes zusammengeschmissen und sich davon ein Stück Gartenschlauch gekauft, nur Schlauch pur, kein Anschlussstück, kein regulierbares Spritzteil, nichts weiter. Nun verbrachten sie ihre gesamte Freizeit in und auf dem Schlauch, nie hatten sie so viel Freude.
Dürfen wir auch mal?, fragten andere.
Ja ok, sagten die Ameisen. Aber nur 5 Minuten.
Auch den anderen Ameisen gefiel der Gartenschlauch und als die Zeit rum war, wollten sie noch länger bleiben.
Nein, sagten die Besitzerameisen. Wir brauchen den ganzen Schlauch, ihr stört. Schmeißt doch auch euer ganzes Erspartes zusammen und kauft euch euer eigenes Stück.
Wir würden uns nie einen Gartenschlauch kaufen, erwiderten die anderen.
Was denn dann?, fragten die einen.
Einen fetten roten Ferrari!, riefen die anderen und schmissen ihr Erspartes zusammen. Sie holten sich einen fetten roten Ferrari und parkten ihn direkt neben dem dunkelgrünen Gartenschlauch. Da kam ein junger Mann mit seinem kleinen Hund vorbei. Der Hund schnupperte an einem Reifen, leckte auch daran.
Hey!, riefen die Ameisen. Das ist kein Leckauto!
Entschuldigt bitte!, rief der Mann. Mein Hund fährt total auf Reifen ab.
Schon gut!, riefen die Ameisen.
Womit habt ihr so viel verdient, fragte der junge Mann, dass ihr euch so ein Auto leisten könnt?
Mit Arbeit, sagten die Ameisen. Wir können ja nichts anderes.
Ist doch ok, sagte der Mann im Weitergehen. Für ehrliche Arbeit muss sich niemand schämen.
Er bog mit seinem Hündchen um die Ecke und die Ameisen spielten im Ferrari weiter Verstecken.
Schule für Große
Lebenskunde Anfang November
Wir hatten in Lebenskunde über St. Martin gesprochen und auf Schülerseite war die Meinung vorherrschend, dass es mit einem Stück Mantel nicht getan sein könnte.
Er hätte dem Bettler mindestens noch ein paar Goldstücke zustecken müssen, sagte Barbara. Als Heiliger muss man großzügig sein, da geht nicht Geiz ist geil.
Der Lehrer schüttelte den Kopf.
Ihr müsste die Geschichte historisch richtig einordnen. Das war doch finsterstes Mittelalter, da war das Leben eines armen Teufels gar nichts wert. Kennt ihr denn nicht die germanischen Sagen, die nordischen Heldenepen? Da wurden Menschen abgeschlachtet wie heutzutage die Schweine und die Hühner.
Und die Puten!, rief Jens dazwischen.
Exakt, sagte der Lehrer. Da galt das Recht des Stärkeren und sonst gar nichts. Und Martin war Soldat, vergesst das bitte nicht. Ihr habt doch noch die Bilder dieser deutschen Soldaten in Afghanistan vor Augen, die neulich für Empörung sorgten. Und die Soldaten damals waren noch viel härter drauf, oder glaubt ihr, die hätten mit Holzschwertern gekämpft?
Das verstehe ich nicht, sagte Lola. Wie kann denn ein Heiliger Soldat sein?
Gute Frage!, rief der Lehrer. Hat jemand eine Antwort?
Ich meldete mich und sagte, dass im Prinzip jede Berufsgruppe Heilige stellen könne, bis auf die Zuhälter vielleicht.
Der Lehrer sagte: Ja, schon. Doch das hilft uns nicht weiter. Wir überlegten.
Ich hab’s!, rief Heiko. Der wurde erst in dem Moment zum Heiligen, als er den Mantel teilte, oder?
Exakt!, rief der Lehrer. Das war die Wende! Vorher war Martin ein ganz normaler römischer Offizier, für den so ein Bettler ein atmendes Stück Dreck darstellte. Und plötzlich sieht er in ihm den leidenden Mitmenschen und hilft. Das ist der Punkt. Sehr gut, Heiko!
Wir alle sahen Heiko an. Er lächelte.
Bist du jetzt stolz?, fragte Linda.
Was soll das, Linda?, rief der Lehrer. Selbst beteiligst du dich kaum am Unterricht. Nimm dir an Heiko ruhig ein Beispiel. Wenn ihr alle so konzentriert mitarbeiten würdet, hättet ihr vom Leben schon viel mehr kapiert.
Ich will das nicht kapieren, sagte Linda kühl und ruhig. Was soll denn daran toll sein, wenn ein Bedürftiger von einem Besatzer einen halben Umhang kriegt? Da hat der Staat doch wohl voll versagt, wenn jemand halbnackt im Schnee rumsitzen muss.
Du hast Recht, sagte der Lehrer. Die Römer hatten kein funktionierendes Sozialsystem. Aber das können wir ihnen nicht vorwerfen, weil so etwas noch gar nicht erfunden war. Es gab weder Hartz IV noch Sozialhilfe. Das hieß damals Almosen und lief auf Spendenbasis.
Almosen?, fragte Lennart. Was ist das denn für ein komisches Wort? Hat das was mit Moos zu tun?
Wird mit nur einem O geschrieben, sagte der Lehrer. Das kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Erbarmen.
Na, passt doch!, rief Linda. Ist ja auch erbärmlich, was es bei uns an Sozialhilfe gibt!
Linda!, rief der Lehrer. Sei nicht ungerecht. Unser System ist eins der besten der Welt und es ist nicht unsere Schuld, wenn viele der Bedürftigen ihr Geld für Unterhaltungselektronik, Telefone, Tabak und Drogen ausgeben, anstatt ihren Kindern dafür gesundes Essen zu kaufen.
Die haben wenigstens noch Kinder!, rief Jens. Die anderen sind nicht so doof.
Jens, bitte!, rief der Lehrer. Das ist ja unerträglich. Du weißt ja gar nicht, wie dumm diese Bemerkung war. Es sind doch nicht nur sozial schwache und geistig benachteiligte Leute, die Kinder bekommen. Unsere Verteidigungsministerin z.B., das weiß doch jeder, die ist achtfache Mutter.
Sieben!, riefen alle.
Ich wollte nur testen, sagte der Lehrer, ob ihr euch überhaupt für Politik interessiert. Bravo! Also Jens, das war nichts. Wenn du selbst Kinder hättest, wüsstest du, wie viel Freude sie machen. Du siehst das viel zu negativ. Du müsstest dich generell mal fragen, ob du das Leben liebst oder ob du mehr darunter leidest. Und wenn du mehr darunter leidest, dann solltest du dich der Frage stellen, ob du mehr an anderen leidest oder an dir selbst. Und wenn ...
Da ging die Pausenklingel. Wir standen auf.
Stellt euch alle diese Fragen!, rief der Lehrer. Das ist die Hausaufgabe.
Urmode
Vor vielen, vielen, gefühlten hunderttausend Jahren saß ein Baumstamm im Wald auf einer glitschigen bemoosten Bank und trank Jägermeister aus der Flasche.
Lass mich mal kosten, bat ein junger Säbelzahntiger.
Nein, sagte der Baumstamm. Davon wird dir schlecht.
Ach, bitte, sagte der Tiger. Das sagst du doch nur, um mich abzuwimmeln. Ich weiß, dass dieses Zeug happy und unbesiegbar macht.
Ha!, lachte der Baumstamm. Wer hat dir denn den Quatsch erzählt?
Da entriss der Tiger dem Baumstamm die Flasche und trank sie mit gierigen Zügen leer. Er brüllte fürchterlich und schrie: Jetzt schnapp ich mir das Einhorn mit den prallsten Oberschenkeln.
Siehst du!, rief der Baumstamm. Jetzt bist du übermütig geworden!
So gefall ich mir am besten! rief der junge Tiger und schlich theatralisch los. Bevor er die Einhornherde zu Gesicht bekam, hatte diese bereits seine Fahne gerochen und war auf die steilste Anhöhe gesprungen, die der betrunkene Tiger nicht meistern konnte. Immer wieder kullerte er ins Tal und blieb schlussendlich ausgepowert liegen. Das Einhorn mit der längsten Zunge sagte: Für heute sind wir sicher. Und morgen hat er einen dicken Kopf. Aber übermorgen wird er es wieder versuchen. Und ich weiß, auf wen er es abgesehen hat.
Du meinst mich, nicht wahr?, sagte das Einhorn mit den prallsten Oberschenkeln.
Ja, sagte das Einhorn mit der längsten Zunge. Ich schlage vor, du wartest, bis er schnarcht. Dann gehst du runter und erledigst ihn.
Er ist so ein schönes Tier, sagte das Einhorn mit den prallsten Oberschenkeln.
Du bist auch ein schönes Tier, sagte das Einhorn mit den kleinsten, gemeinsten Augen. Worauf wartest du? Er schnarcht.
Da stieg das Einhorn mit den prallsten Oberschenkeln hinunter ins Tal und stach dem Säbelzahntiger seine tödliche Waffe ins Herz.
Am nächsten Tag kam der Baumstamm auf dem Weg zur Arbeit am toten Tiger vorbei. Er zog ihm das Fell ab und hängte es sich über. Die Kollegen nickten beeindruckt, als sie ihn so kommen sahen, und sein Lieblingskollege fragte: Wo kriegst du bloß immer die geilen Klamotten her?
Gänse
Ein deutscher Gewichtheber, der seine Karriere wegen Magersucht hatte beenden müssen, wachte eines Morgens mit zwei Gänsen an den Füßen auf.
Ach du Scheiße!, rief er aus. Wo kommt ihr denn her?
Die Gänse verstanden ihn nicht, aber sie fragten auf polnisch: Kannst du uns bitte losbinden, wir verpassen sonst den Zug nach Rio de Janeiro.
Ah, Rio de Janeiro!, rief der Gewichtheber. Ihr wollt mich wohl veräppeln.
Er wollte den Gänsen die Hälse verknoten, aber die Tiere waren stärker als er. Er konnte es nicht schaffen. Da rief er seine Freundin an. Sie kam und band die Tiere los. Sie sprangen vom Bett und tanzten Samba.
Sind doch ganz nett, die beiden, sagte seine Freundin. Warum hast du sie nicht einfach losgebunden?
Ich kam nicht drauf, sagte der Mann. Das musst du mir glauben.
Ja, gut, sagte die Freundin gelangweilt und tanzte mit den Gänsen. Sie wurden immer ausgelassener.
Los, tanz mit uns!, rief die Freundin.
Ich kann keinen Samba!, rief der ehemalige Gewichtheber und ging in die Küche. Er schnitt Blutwurst in die Pfanne, briet sie schön knusprig, hatte dann aber doch keine Lust auf sie. Er tat die Blutwurst auf einen Teller und ging zurück ins Schlafzimmer.
Hey!, rief er. Will von euch jemand Blutwurst?
Seine Freundin winkte ab: Samba tanzen und Blutwurst essen? Bist du verrückt?
Die Gänse aber sahen interessiert zu ihm hinüber. Er warf den Gänsen die Scheiben einzeln zu. Sie fingen sie mit dem Schnabel aus der Luft und als sie alle waren, steckten sie die Köpfe zusammen und schnatterten sich was zu. Übersetzt hieß es in etwa: Komm, wir bleiben hier. Es gibt Samba und Blutwurst, was will man mehr?
Sie fragten die Frau: Can we stay? We like your way of life.
Bruno!, rief die Freundin. Die Gänse würden gerne bleiben, geht das?
Haben sie denn kein Zuhause?, fragte Bruno.
Die Freundin übersetzte.
No, sagten die Gänse. No home. We are homeless geese from Eastern Europe.
Die Freundin übersetzte.
Na gut, sagte Bruno.
Also blieben sie und es dauerte keine Woche, da hatte er was mit ihnen. Die Freundin kriegte es heraus und stellte ihn vor die Wahl: Die Gänse oder ich. Also inserierte Bruno: Gänse günstig abzugeben.
Ein junger Mann erschien und fragte: Sind die auch belastbar?
Wie, meinte Bruno.
Nervlich, sagte der Mann. Bei mir läuft ständig Musik und dazu singe ich laut mit.
Das macht denen nichts!, sagte Bruno.
Er bekam 30 Euro für die beiden Gänse, weg waren sie. Bei ihrem neuen Besitzer durften die Gänse den ganzen Tag fernsehen und Sudokus lösen, bis eines Tages ein falscher Zeuge Jehovas auftauchte. Die Gänse waren allein zu Hause. Sie öffneten die Tür und der fette Zeuge stopfte sie in seinen Trolley. Er ging in den nächstbesten Park und drohte den lärmenden Gänsen mit dem Schlimmsten:
Wenn ihr nicht still seid, schmeiß ich mich auf euch!
Die Gänse lärmten weiter und der falsche Zeuge warf sich zwei Mal auf den Trolley. Zwei Tage später, am Weihnachtstag 2004, verputzte er mit seiner Schwester die beiden Gänse und am Abend säuberten sie die Knochen mit einem Spezial-Gänsefleischentferner. Dann bastelten sie aus den Knochen eine Art Pullover. Die Schwester zog ihn an.
Steht dir gut, sagte der falsche Zeuge, aber du musst was drunterziehn. Vor deiner hellen Haut heben sich die hellen Knochen so gut wie gar nicht ab.
Erst wollte die Schwester es nicht einsehen. Sie stellte sich vor einen Spiegel.
Du hast Recht, Mäuschen!, rief sie. Ich seh ja aus wie nackt!
Sie zog ein schwarzes T-Shirt ihres Bruders unter den Knochenpulli.
Total avantgardistisch!, sagte der Bruder. Stell dich mal vor den Weihnachtsbaum.
Er machte ein Foto von ihr.
Du schaffst es immer wieder, deine Individualität zu betonen, sagte er anerkennend. Da hast du echt Talent.
Die Schwester holte einen Kopfsalat aus dem Kühlschrank und warf die Blätter auf den Tannenbaum.
Was machst du denn jetzt?, rief der falsche Zeuge.
Mischwald, sagte die Schwester.
Der netteste Mensch der Welt
Schwuli sah so abgerissen aus, dass der Gebrauchtwagenhändler gar nicht mit ihm sprechen wollte. Er machte nur sehr schnelle Geh-weg-Gesten mit den Fingern einer Hand. Da nannte Schwuli ihn einen furzenden Schmetterling. Der Gebrauchtwagenhändler war von diesem Ausdruck angewidert und wünschte Schwuli einen Schlaganfall.
Dann lege ich mein Geld eben woanders an!, rief Schwuli und ging.
Er sog die betörenden Fliederdüfte gierig ein und wurde von einem dunkelblauen Kinderhandschuh, der in einem Gartenzaun steckte, angesprochen: Hey, Schwuli! Zeig mir die Welt!
Heute nicht, sagte Schwuli. Ich muss noch meine Oma kreuzigen.
Der Kinderhandschuh musste schlucken.
Das musst du jetzt nicht wirklich, oder?
Mann!, brüllte Schwuli. Du kennst mich doch. Ich bin der netteste Mensch der Welt.
Wieso heißt du eigentlich Schwuli?, fragte der Handschuh. Du bist doch gar nicht homosexuell.
Weil ich so nett bin, sagte Schwuli. Wenn du nett bist, nennen sie dich Schwuli oder Arschloch oder Opfer oder Penner, weißt du doch.
Ich bin auch nett, sagte der Handschuh, aber zu mir sagen alle nur Handschuh.
Korrekt, sagte Schwuli. Und warum hängst du hier ab?
Verloren worden, sagte der Handschuh. Jemand hat mich hier reingesteckt, damit ich gut zu sehen bin.
Nett, sagte Schwuli.
Mit wem reden Sie denn?, fragte eine Frau von 48.
Mit dem Handschuh, sagte Schwuli. Er sprach mich an.
Schade, dass sie einen an der Waffel haben, sagte die Frau. Sie sehn so schlecht gar nicht aus.
Er ist auch nett!, rief der Kinderhandschuh. Seine Kleider sind dreckig, aber sein Penis ist sauber und die Hände auch.
Zeigen Sie mal, sagte die Frau.
Schwuli hielt die Hände hin. Da spuckte die Frau ganz schnell drauf und rannte weg.
So eine Gestörte!, rief der Kinderhandschuh.
Ach, sagte Schwuli, sag nicht so krasse Sachen. Frauen in den Wechseljahren haben oft solche Hitzewallungen. Dann halten sie die Welt nicht aus und machen Sachen, die sie kurze Zeit später sehr bereuen.
Da kam die Frau zurück. Sie wischte mit einem Tempo Schwulis Hände ab und sagte: Tut mir leid. Ich habe manchmal so eine universelle Wut auf alle Idioten.
Schon gut, sagte Schwuli. Und die Wechseljahre?
Bis jetzt habe ich meine Periode noch immer regelmäßig, sagte die Frau. Also, ich muss weiter. Tschüss.
Die war auch nett, sagte der Kinderhandschuh.
Ja, sagte Schwuli. Nette Menschen erkennen einander, das ist das Schöne am Leben.
Unterirdisch
Einen halben Meter unter der Erdkruste hatten einige Erdgeister aus Mundharmonikaresten eine Bar gebaut und sie nach dem großen Komponisten »Morricone« getauft. Nun saßen sie am Tresen und starrten auf die mit kalter Lava gefüllten Flaschen.
Die Etiketten sind zu dick und zu weich, sagte ein Erdgeist.
Stimmt, sagte ein anderer. Sie hängen runter wie Schwabbelbäuche.
Hey Leute!, rief ein anderer, das ist unsere allererste selbstgebaute Bar, seid nicht zu streng mit ihr.
Und warum steht auf den Etiketten nicht Lava, sondern Love?, fragte ein vorbeihuschender, virtueller Maulwurfshügel.
Weil das für uns dasselbe ist, du Ei!, riefen die Erdgeister.
Zwei Zahlen
Eine Zwei lag tot im Straßengraben.
Was ist mit dir?, rief eine beschwippste Vier, die von einem Betriebsausflug nach Hause ging.
Ich bin tot, sagte die Zwei ganz leise.
Ermordet?, fragte die Vier.
Nein, nein!, rief die Zwei. Herzversagen, Altersschwäche, keine Ahnung. Immer müsst ihr Vieren alles dramatisieren.
Die Vier setzte sich neben die tote Zwei ins Gras und sah sie an.
Du siehst aus wie immer.
Warum auch nicht, sagte die Zwei. Bloß weil ich tot bin, muss ich ja nicht anders aussehen.
Wie geht’s dir denn?, fragte die Vier und streute Erde auf die Zwei.
Gut, sagte die Zwei. Aber hör auf, mich mit Dreck zu bewerfen.
Entschuldige, sagte die Vier. Ich war ganz in Gedanken. Wie findest du mein Plastikherz?
Geht so, sagte die Zwei. Soll ich mal reinpieksen?
Nein!, rief die Vier. Das hat mir Heinz geschenkt.
Heinz, die Eins?, rief die Zwei.
Ja!, jubelte die Vier. Er liebt mich und das ist für immer. Wir werden heiraten.
Aber er ist noch mit Ulli, der Null, zusammen, sagte die Zwei. Ist das kein Problem für dich?
Doch, sagte die Vier. Sie steht noch zwischen uns.
Dann seid ihr zusammen die 104, folgerte die Zwei.
Für eine Tote kannst du noch ganz schön kombinieren!, sagte die Vier.
Restenergie, flüsterte die Zwei. Wenn du eine halbe Stunde später hier vorbeigekommen wärst, hättest du von mir nichts mehr gehört.
Und warum bist du nicht einfach still?, fragte die Vier. Man muss nicht immer alles geben. Das Leben ist kein Fußballspiel. Und diese Gegend hier ist nachts ganz still viel schöner.
Ja, flüsterte die Zwei. Du bist gar nicht so doof, wie ich dachte.
Das waren ihre letzten Worte. Die Vier stand auf und ging. Noch wochenlang hatte sie den letzten Satz der Zwei im Ohr. Die Sache war dumm gelaufen.
Elterngespräch
Ich bin so ungeduldig, sagt Antonia, immer diese Ungeduld! Wenn ich mir einen Film anschaue, wünsche ich mir schon nach fünf Minuten, er wäre endlich vorbei.
Du musst dir gute Filme anschauen, sagt Immo, Filme, die dich fesseln.
Fesseln?, fragt Antonia. Wie meinst du das?
Ach, sagt Immo, sagt man doch so. Ich meine, wenn mich etwas langweilt, möchte ich auch, dass es schnell vorbei ist. Das geht wohl jedem so.
Du meinst, ich bin nichts Besonderes?, fragt Antonia.
Natürlich bist du etwas Besonderes, sagt Immo. Also generell auf jeden Fall. Aber so eine Reaktion ist sehr normal, da musst du dir keine Sorgen machen.
Sorgen mach ich mir auch keine, sagt Antonia. Aber jetzt zum Beispiel, da denke ich: Wann hört dieses blöde Gequatsche endlich auf? Verstehst du? Immer diese Ungeduld!
Immo nickt. Das ist nicht gesund, Antonia! Du musst ruhiger werden.
Geht nicht, sagt Antonia. Ich schlafe nicht mal ruhig, also kurz vielleicht, doch dann lauf ich durchs dunkle Haus und denke: Wann ist die Nacht endlich vorbei?
Warum machst du kein Licht an?, fragt Immo.
Wozu?, ruft Antonia. Ich gehe gern durch dunkle Räume, sie sind meine besten Freunde.
Antonia, sagt Immo, du musst andere Prioritäten setzen. Zum Beispiel Kinderkriegen. Das könnte dich von deiner Ungeduld ablenken oder dich zwingen, geduldiger zu werden.
Du immer mit deinem Kinderkriegen!, ruft Antonia. Das ist doch kein Allheilmittel!
Nein, sagt Immo. So etwas gibt es nicht. Ach, lass es! Kinder sollte man ohnehin nur um ihrer selbst willen bekommen oder einfach so, alles andere ist Missbrauch.
Gut, sagt Antonia. Dann will ich erstmal eins einfach so.
Ok, sagt Immo.
Die Vergessliche
Kaum hat die Werbefachfrau Katrin P. die ersten Wäschestücke, es sind ein paar Söckchen, auf die Leine gehängt, da sieht sie ihn schon wieder. Er steht mit großen, gierigen Augen hinter der mageren Eiche.
Wie kann er glauben, dass ich ihn nicht sehe?, geht es Katrin durch den Kopf. Sie geht nach hinten an den Zaun und ruft: Heh, Sie da! Was wollen Sie von mir? Ich seh Sie schon zum dritten Mal. Soll ich die Polizei rufen?
Nein, sagt der Mann. Nicht nötig. Ich schau nur ihrer Wäsche zu.
Was reizt Sie denn an meiner Wäsche?, fragt Katrin.
Sie schaukelt so geil im Wind, sagt der Mann.
Die Wäsche anderer schaukelt genauso geil im Wind, meint Katrin.
Finden sie?, fragt der Mann.
Also, sagt Katrin, verschwinden Sie!
Komm ich dir nicht bekannt vor?, fragt der Mann.
Vorsicht, denkt Katrin, er will mich fixieren. Nicht in die Augen schaun. Am besten ganz an ihm vorbei.
Sie schaut an ihm vorbei.
Ich kenn Sie nicht. Ich ruf die Polizei.
Sie dreht sich um.
Katrin!, ruft der Mann. Du warst mein Ein und Alles!
Ach Ecki!, sagt Katrin und macht wieder kehrt. Du bist das! Jetzt erst erkenn ich dich.
Katrin, sagt der Mann. Bist du glücklich geworden?
Ja, sagt Katrin. Ich bin dreimal geschieden und zwar glücklich. Jetzt hab ich einen, der ist 10 Jahre älter, auch nicht schlecht.
Na, dann bin ich beruhigt, sagt Ecki. Ich hab vor einiger Zeit von dir geträumt, weißt du. Da ging es dir gar nicht gut. Da warst du eine Akrobatin im Zirkus. Du hast mit einer langen Stange auf dem Hochseil gestanden und tränenüberströmt »Ecki, rette mich!« gerufen. Da wollt ich mal nach dir sehen.
Ecki, sagt Katrin. Das mit uns beiden ist seit über 30 Jahren vorbei. Und du träumst immer noch von mir?
Ecki lächelt. Ich bin eben eine treue Seele.
Na, nun weißt du ja, dass es mir gut geht, sagt Katrin. Aber das hättest du mich auch gleich beim ersten Mal fragen können, und ohne diese Wäsche-Nummer. Ganz schön verschroben, mein Lieber.
War ich doch auch damals schon, sagt Ecki.
Weiß Gott!, sagt Katrin. Jetzt fällt’s mir wieder ein. Du warst bizarr und voller nackter Emotionen.
Bin ich immer noch, sagt Ecki.
Katrin schüttelt sich. Mir ist kalt geworden, sagt sie. Ich mach mal weiter. Du hast ja sicher auch zu tun.
Sie sieht ihm in die Augen.
Es gibt so viel zu tun, sagt Ecki. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Und wenn du wissen willst, wie’s mir geht, komm mal auf meine Homepage.
Was muss ich denn eingeben?, fragt Katrin lächelnd. Ecki Bizarr?
Nein, sagt Ecki. Naked Emotions Germany.
Merk ich mir, sagt Katrin. Ist ja leicht!
Erst als sie wieder bei der Wäsche ist, denkt sie: Der hieß doch gar nicht Ecki, der hieß Stefan!
Jetzt ärgert sie ihre Vergesslichkeit, zum allerersten Mal!
Die Liebesreise
Sebastian sitzt im Zug, er fährt 252 km/h. Er schaut aus dem Fenster und sieht Stationen seines Lebens vorbeifliegen und andere Geschichtserscheinungen.
Oh!, ruft er erschrocken aus. Ist das der Train of History?
Die Frau im Sitz vor ihm dreht sich um und sagt: Das ist der Train of History.
Dann habe ich den falschen Zug erwischt!, ruft Sebastian. Ich muss raus! Wo ist der nächste Halt?
Gibt’s nicht, sagt die Frau. Die Endstation heißt Urknall, glaub ich. Wo wollten Sie denn hin?
Ich wollte mit dem Future-Train nach Brasilien, sagt Sebastian.
Das ist ein bisschen furchtbar, sagt die Frau und bietet Sebastian ein Stück Apfelsine an.
Ein bisschen?, ruft Sebastian. Sie sind gut!
Ich bin sehr gut, sagt die Frau. Schaun Sie, da draußen hängt Nietzsche und schmiert Popel an die Scheibe.
Das ist nicht Nietzsche!, ruft Sebastian. Das ist nur jemand, der ihm den Schnauzbart gestohlen und sich selbst angeklebt hat. Nietzsche würde so was nie machen!
Kennen Sie ihn gut?, fragt die Frau.
Wie schafft der das nur, fragt Sebastian, sich bei der Geschwindigkeit an der Scheibe festzuhalten?
Der Mann hat ihn gehört und brüllt: Hey, Seb! Schau dir mal meine Pfoten an! Ich bin Efeu-Man!
Ja, wirklich!, ruft Sebastian, schaun Sie sich das an!
Er kennt Sie, sagt die Frau. Sind Sie vielleicht der heilige Sebastian?
Bin ich vielleicht von Pfeilen durchbohrt?, fragt Sebastian zurück und schaut an sich herab.
Nein, sagt die Frau. Sie sind unverletzt und fit, niemand muss sie verarzten oder gesundpflegen. Sie haben noch mal Glück gehabt. Warum setzen Sie sich nicht neben mich? Der Platz ist frei. Wir könnten uns ineinander verlieben und eine verdammt gute Zeit haben.
Wie kann ich im falschen Zug sitzen und eine gute Zeit haben!, ruft Sebastian aufgeregt. Sie sind gut!
Ich bin sehr gut, sagt die Frau und nimmt ihre hässliche Handtasche vom freien Platz und wirft sie auf die Gepäckablage.
Wie schwungvoll!, denkt Sebastian und setzt sich neben sie. Der Zug rast immer schneller, Dinosaurier ziehen vorbei. Der Bordservice kommt.
Möchte hier vielleicht jemand einen Tannenzapfen oder Tierblut oder etwas anderes zum Anschauen oder Trinken?
Haben Sie ein Bildchen von Elvis Presley in Hot Pants?, fragt die Frau.
Aber natürlich, sagt der Service-Boy und zieht es aus dem Optikfach. Die Frau bezahlt mit einem Lächeln.
Und ich hätte gerne ein Schwarz-Weiß-Plakat, sagt Sebastian.
Und was soll draufstehen?, fragt der Boy, es ist Rex Gildo.
Militärmusik, sagt Sebastian. Und dazu bitte eine gekochte Kartoffel.
Rex Gildo reicht ihm beides und rechnet im Kopf: Macht nichts!
Danke, sagt Sebastian und klebt das Plakat mit der zerdrückten Kartoffel und mit der Schrift nach außen auf die Scheibe. Jetzt ist Efeu-Man nicht mehr zu sehen.
Gute Idee, sagt die Frau. Jetzt können wir uns ungestört verlieben.
Scheiße
Der verrückte Harm Cornelsen hat sich mit einer Büchse Fleckenspray an die Kuh Maria angeschlichen. Die Kuh hat ihn längst gewittert, fährt herum und nimmt ihn auf die Hörner. Harm hält sich an ihrem großen warmen Kopf fest. Die Kuh dreht sich, bis beiden total schwindelig ist. Harm fällt ins Gras und Maria muss sich setzen.
Welche Flecken wolltest du denn wegmachen?, fragt die Kuh. Die weißen oder die schwarzen?
Die Scheißflecken!, sagt Harm und alle Kühe lachen.
Diese Menschen!, ruft die Oberkuh Johanna. Warum sind eure Herzen nicht so rein wie eure Einbauküchen?
Lasst mich!, sagt Harm. Ich hab euch nichts getan.
Johanna nimmt ihm das Spray weg.
Geh jetzt, sagt sie Oberkuh.
Harm geht zum Bauern. Die Kühe haben Fleckenspray, sie wollen schnüffeln.
Der Bauer rennt los, aber die Kühe liegen schon verdämmert rum.
Oh Bauer!, sagt Johanna. Wir dachten, das macht uns leicht und unabhängig.
Ihr werdet nie leicht und unabhängig!, brüllt der Bauer. Was habt ihr nur für eine Scheiße im Kopf!
Harm steht am Zaun und sagt: Also auch noch Scheiße im Kopf!
Schule für Große
Mensch und Tier
Direkt nach den Sommerferien sollten wir den Unterschied zwischen Mensch und Tier herausarbeiten.
Warum sprechen wir nicht über unsere Ferienerlebnisse?, fragte Martha.
Ihr seid keine Kinder mehr, entgegnete Dr. Kanold.
Aber gleich am ersten Tag volle Pulle, sagte Dirk, das fällt nicht leicht.
Sollte es aber, meinte Dr. Kanold. Das Umschalten sollte in eurem Alter gelernt sein. Also, Dirk, bitte: Worin siehst du den wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier?
Fußball, sagte Dirk. Fußball.
Ich habe schon fußballspielende Elefanten gesehen, wandte der Lehrer ein. Ja bitte, Daisy!
Pornos, sagte Daisy. Tiere drehen keine Pornos.
Tiere drehen überhaupt keine Filme!, rief Eberhard.
Richtig, sagte Dr. Kanold. Die Richtung stimmt. Was sind denn Filme, wie heißt der Oberbegriff?
Unterhaltungsindustrie, sagte Ramona. Was uns von den Tieren unterscheidet, ist die Unterhaltungsindustrie.
Dr. Kanold nickte. Gut, Ramona. Das halten wir mal fest.
Er ging zur Tafel und schrieb das Wort »Unterhaltungsindustrie«.
Würden wir ohne die Unterhaltungsindustrie sterben?
Ich wusste nicht, worauf er hinauswollte, hatte aber das Bedürfnis, mich zu beteiligen. Ich erzählte, dass ich gestern auf der Tankstelle einen Hundehaufen gesehen hätte, in der Nähe einer Zapfsäule.
Das tun Hunde, sagte ich. Ein Mensch würde nie in der Nähe einer Zapfsäule seine Notdurft verrichten.
Wir sprachen über die Unterhaltungsindustrie, sagte Dr. Kanold. Ich verstehe den Zusammenhang nicht.
Ich schwieg und versuchte über Mimik den Eindruck schwerster Nachdenklichkeit zu vermitteln, so als hätte ich mich in kompliziertesten Gedanken verheddert.
Na gut, sagte der Lehrer, vielleicht fällt dir die passende Verbindung ja noch ein. Noch mal die Frage: Ist die Unterhaltungsindustrie lebensnotwendig?
Nein, sagte Per. Aber unser Leben wäre langweilig.
Dann ist das Leben der Tiere also langweilig, folgerte Dr. Kanold.
Nein, sagte Birgit. Die Tiere sind so sehr mit Nahrungssuche und Sex und Familie beschäftigt, dass ihnen nie langweilig wird.
Aber viele Tiere liegen oft faul rum, rief Erik dazwischen. Löwen, Hunde, Flundern. Denen ist langweilig, da bin ich mir ganz sicher. Die gähnen sogar oft.
Wir lachten.
Ich meine nicht die Flundern, rief Erik genervt.
Tiere kennen keine Langeweile, weil sie gar nicht wissen, was das ist. Sie haben keine Worte.
Sehr gut, sagte Dr. Kanold. Tiere haben keine Worte.
Er schrieb »Worte« an die Tafel.
Versicherungen!, rief Ramona.
Ja, sagte der Lehrer. Tiere haben keine Versicherungen.
Er schrieb »Versicherungen«.
Motorräder und Autos, sagte ich.
Komm bitte an die Tafel, sagte Dr. Kanold. Er gab mir die Kreide. Ich schrieb »Motorräder und Autos« unter »Versicherungen« und nach zehn Minuten stand die Tafel voller Begriffe, »Kugellager« war dabei, »Operationen« und »Musik«.
Das soll reichen, sagte Dr. Kanold schließlich. Das alles haben Tiere nicht. Was schließen wir daraus?
Tiere sind einfach, sagte Per. Ich würde sogar sagen: Eindimensional. Wir Menschen machen viel, viel mehr aus unserem Leben, deshalb sind wir glücklicher als die Tiere.
Keine Wertungen bitte, sagte Dr. Kanold. Das Glück der Tiere müssen wir gesondert behandeln, aber es stimmt: Auch mir erscheint das menschliche Leben vielfältiger, bunter. Kein Affe fliegt nach Mallorca oder Antalya.
Alle lachten. Dann ging es in die große Pause. Ich zog mir eine Cola und sprach mit Edgar über seinen großen Kopf.
Meine Frau mag ihn, sagte er, doch meine Schwiegereltern lehnen mich deswegen ab.
Wie kindisch, meinte ich.
Ja, kindisch, sagte Edgar, aber so sind sie. Da stößt man echt an Grenzen. Wie findest du ihn?
Ich hatte mir bis dahin über Edgars Kopf noch keine Meinung gebildet.
Mir fallen kleine Köpfe eher auf als große, sagte ich und sah ihn an. Dein Kopf ist voll in Ordnung, was denn sonst?
Du hast gut reden, sagte Edgar. Deiner ist normal groß.
Einen anderen kriegst du nicht mehr, sagte ich. Hör auf, dir über so was Gedanken zu machen, sei selbstbewusst!
Ich bin nicht selbstbewusst, sagte Edgar.
Die Pause war vorbei.
Die Vielfalt!, rief Dr. Kanold lächelnd. Die Vielfalt unterscheidet uns vom Tier. Was sonst noch?
Gut und böse!, rief Amanda. Das können Tiere nicht beurteilen.
Kannst du uns ein Beispiel nennen? fragte Dr. Kanold.
Amanda überlegte. Hitlers Schäferhund, sagte sie dann. Der wusste nicht, wie böse sein Herrchen war.
Das wussten viele Menschen auch nicht, sagte Dr. Kanold. Schlechtes Beispiel.
Der Eisbär Knut, sagte Amanda. Er hätte den Pfleger, der ihn großzog, sicher irgendwann gefressen. Kein Mensch frisst seine Pflegeeltern.
Knut hätte seinen Pfleger nie gefressen!, rief Ramona. Das ist eine Unterstellung!
Sensibles Thema, sagte der Lehrer. Das lassen wir beiseite.
Tiere denken nur ans Fressen!, sagte Per. Und wenn sie hungrig sind und Raubtiere, töten sie eben. Das ist nicht böse, nur natürlich.
Tiere denken auch ans Saufen und Ficken, sagte Roger. Sonst wären sie schon ausgestorben.
Wir wissen nicht, was Tiere denken, warf ich ein.
Die denken!, rief Martha. Geh mal in den Zoo, ins Affenhaus, und schau dem Orang-Utan in die Augen, da siehst du, dass er traurige Gedanken hat!
Das führt zu weit, rief Dr. Kanold. Es geht um Gut und Böse, um die Frage, ob Tieren moralische Regungen fremd sind.
Löwenmännchen töten die Nachkommen von Rivalen, sagte Edgar. Wenn das nicht böse ist. Die Großen fressen die Kleinen, das gilt allgemein. Da gibt’s kein Mitleid und keine Gerechtigkeit, höchstens, dass zum Schluss immer alle tot sind, aber ist das Gerechtigkeit?
Du musst deine Gedanken ordnen, Edgar, mahnte Dr. Kanold an. Du wirfst vieles durcheinander. So kommen wir nicht weiter. Daisy, bitte!
Tiere können gut sein, sagte Daisy, und Tiere können böse sein, das steht fest. Aber lachen können sie nicht.
Gut, lobte Dr. Kanold. Endlich ein klarer Gedanke! Den Tieren fehlt Humor, richtig. Warum?
Weil sie nichts zu lachen haben, sagte Karl. Und weil sie dumm sind. Wer dumm ist, hat nichts zu lachen. Er muss Angst haben, weil andere ihn ausrotten können, ohne mit der Wimper zu zucken.
Der Lehrer lächelte. Er hatte Karl in unsere Gruppe aufgenommen, weil er Amandas Bruder war. Sein Lieblingsausdruck war »Ausrotten«, den benutzte er fast immer.
Und warum haben wir Menschen Humor, Karl?, fragte Dr. Kanold.
Weil wir wissen, dass die ganze Scheiße irgendwann vorbei sein wird, sagte Karl.
Ach Karl!, stöhnte Dr. Kanold. Deine negative Einstellung zum Leben ist dümmer als ein Tier je sein kann. Du zerstörst dich selbst damit.
Tut mir leid, Herr Lehrer, sagte Karl. Die Rappen der Verzweiflung gehen manchmal durch mit mir.
Verzweiflung, sagte Dr. Kanold. Kann ein Tier verzweifeln? Nein. Karl ist ein Mensch, ein verzweifelter Mensch. Was lässt dich verzweifeln, Karl?
Das Leben könnte so schön sein, sagte Karl. Ich könnte jetzt mit einem Hubschrauber über die Po-Ebene fliegen oder auf Rügen Ziegen züchten, stattdessen das hier.
In einem halben Jahr ist die Zeit an unserer Schule vorbei, sagte Dr. Kanold. Dann hast du dich den Fragen des Lebens ausgiebig gestellt, dann tust du, was du willst. Sei nicht so ungeduldig. Karl nickte.
Humor ist Lebensfreude, erklärte Dr. Kanold, pure Lebensfreude, die über Dunkles triumphiert. Merkt euch das. Sagt es alle zusammen auf, steht auf!
Wir standen auf und sagten: Humor ist pure Lebensfreude, die über Dunkles triumphiert.
Wir genossen Dr. Kanolds Autorität, waren für den Rest des Unterrichts jedoch recht lahm, das lag wohl an den Ferien. Wir kamen nicht mal auf das Thema Arbeit, bis Dr. Kanold es kurz vor Schluss in den Raum stellte.
Arbeit! Ja, klar! Kein Tier würde von sich aus arbeiten. Viele schlugen sich mit der Hand vor die Stirn und Roger meinte, dass er in dieser Hinsicht eher ein Tier wäre.
Vielleicht hast du die Arbeit, die dir Freude macht, nur noch nicht gefunden, meinte Dr. Kanold.
Dazu müsste er sie suchen, sagte Birgit, Rogers Freundin, zu ihren Fingernägeln.
Aber die Biber!, rief Arthur. Und die Ameisen! Und die Schwalben, wenn sie ihre Nester bauen und ihre Jungen füttern, ist das keine Arbeit?
Hausarbeit, sagte Dieter. Wenn Tiere arbeiten, ist es immer Hausarbeit.
Und die Bienen?, fragte Daisy. Die stellen sogar etwas her.
Aber nicht, um es zu verkaufen, sagte Per. Das ist doch mehr privat.
Bist du bescheuert?, rief Karl. Private Bienen!
Bitte, sagte Dr. Kanold. Keine Kraftausdrücke. Ist Arbeit nur Arbeit, wenn sie verkauft wird?
Die Stunde war zu Ende.
Wir machen morgen an dieser Stelle weiter, sagte Dr. Kanold. Und geht bitte zeitig schlafen. Das war heute keine Glanznummer!
Wir verließen den Raum zügig und auf dem Flur fragte mich Mandy, ob ich ihr aus Spaß einen Liebesbrief mit Nackfoto schreiben würde. Sie ist so lustig!
Warum hast du dich heute nicht gemeldet?, fragte ich.
Mich interessieren Tiere nicht so sehr, sagte sie. Was ist jetzt, schreibst du mir?
Ich sagte: Gerne, Mandy. Gibst du mir deine neue Adresse?
Ein Brief für Christian
Wird Phantasie jetzt mit P oder F geschrieben?, fragt Sandra. Das ist doch vereinfacht worden, oder?
Also, Sandra!, rufe ich. Sprich das mal bitte: Pantasie! Das kann ja wohl nicht sein.
Ach!, ruft Sandra aus dem Büro. Diese ständigen Rechtschreibreformen haben mich völlig verunsichert. Ich weiß ja bald gar nichts mehr!
Übertreib nicht!, ruft Claudia. Was machst du überhaupt?
Ich schreibe einen Brief an Christian, ruft Sandra. Der hat mir auch geschrieben.
Einen richtigen Brief?, frage ich. Auf Papier?
Ja!, ruft Sandra. Und jetzt stört mich bitte nicht, ich muss mich konzentriern.
Sie schließt die Schiebetür züm Büro.
Wer ist denn dieser Christian?, frage ich Claudia.
Ein Ex von ihr, antwortet sie. Er ist vor drei oder vier Jahren nach Los Angeles gezogen. Filmbranche. Gelernter Jurist und Salsatänzer.
Interessante Mischung, sage ich.
Hilfst du mir beim Kartoffelschälen?, fragt Claudia.
Ja, gerne, sage ich. Ich hab ja beide Hände frei.
Sie holt die Kartoffeln, stellt einen Topf mit Wasser auf den Tisch und gibt mir einen Schäler.
Sind die festkochend?
Mehlig mag ich nicht, sagt Claudia.
Die Schiebetür geht auf, Sandra kommt raus.
Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Er hat jetzt eine Moslem-Freundin und ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Immer dieser Islam! Wie soll ich den denn finden?
Sandra, sagt Claudia. Du kennst weder die Frau noch den Islam, also sagst du nichts dazu, fertig. Gibt doch so viel zu erzählen!
Vielleicht müsste ich ihn warnen, sagt Sandra. Er ist in religiösen Dingen so unbedarft! Seine Eltern haben ihn atheistisch erzogen.
Na, ist doch prima, rufe ich. Dann hat er einen unverstellten Blick auf diese Dinge.
Mir ist nicht wohl bei der Vorstellung, sagt Sandra. Man müsste einfach mehr wissen. Das ist so wie mit den Atomkraftwerken. Man hat ein ungutes Gefühl und dabei weiß man gar nicht, wie die Teile funktionieren.
Die meisten Autofahrer wissen auch nicht, wie ein Auto funktioniert oder ein Motor, sagt Claudia. Die meisten von uns wissen doch nicht einmal, wie die eigene Verbrennung und Verdauung funktioniert. Wir wissen ja auch nicht genau, was wir so alles essen und tun es trotzdem. Wir wissen nur, was hinten rauskommt.
Ist ja auch das Wichtigste, sage ich.
Die Frauen schaun mich an. Ich lächle.
Na, sage ich, war nur ein Scherz. Aber hat nicht mal ein Bundeskanzler sowas Ähnliches gesagt? Wichtig ist, was hinten rauskommt? Ach, Schwamm drüber, worum ging es eigentlich?
Kannst du die Kartoffeln bitte runder schälen?, sagt Claudia. Ich mag solche Kanten nicht.
Ich sage: Gut, kein Problem. Du meinst also, man muss nur wissen, dass etwas gefährlich ist, um es abzulehnen?
Nein, sagt Claudia. Ich will nur sagen: Vieles funktioniert, ohne dass wir wissen, warum.
Ach so, sagen Sandra und ich.
Und das heißt auch, fährt Claudia fort, dass Christian, der heißt ja auch noch Christian! Also dass der und seine Frau trotz allem gut zueinander passen können, hey! Der Mensch besteht doch nur zu einem kleinen Teil aus Religion und zum größten Teil aus Wasser, ihr wisst doch: Alles fließt! Durch Vermischung entsteht doch nur ein bunteres, stärkeres Leben, das macht die Menschheit reicher. Schaut euch nur mal die lebenslustigen, quirligen Kölner an. Das ist ja ein unglaubliches Völkergemisch! Und dann schaut euch den Brandenburger an. Dieses Dumpfe!
Es gibt auch dumpfe Kölner, entgegne ich. Und dieser Kölsche Klüngel! Was sind das denn anderes als mafiöse Strukturen. Die haben zu viel altes Römerblut in ihren Adern, das ist auch nicht gut.
Gammelgene, sagt Sandra.
Wie?, wundere ich mich.
Na, wenn die schon die alten Römer hatten, sagt sie ernst und geht zum Kaffeeautomaten. Trinkt ihr auch einen Kaffee?
Nein, sagt Claudia. Ich bin schon nervös genug. Zuviel Kaffee macht mich ängstlich.
Ich muss lachen. Das liegt nicht am Kaffee, Claudia, sage ich. Das hat mit deiner ganzen Art zu tun.
Sie setzt die Kartoffeln auf.
Du rechnest ständig mit dem Bösen. Das ist nicht gut, sage ich.
Sie nimmt den Topf vom Herd und gießt das Wasser wieder ab.
Was ist?, fragt Sandra.
Ich will Pommes machen, sagt Claudia. Ihr bringt mich durcheinander mit eurem Gerede.
Du redest mehr als ich, sagt Sandra. Was gibt’s denn zu den Pommes?
Majo, sagt Claudia.
Nur Pommes?, fragt Sandra. Was soll ich denn jetzt schreiben.
Mach’s kurz, sag ich. Schreib einfach: Lieber Christian, ich hoffe es geht dir gut.
Mehr nicht?
Reicht doch, sage ich. Und dann schneidest du diese fröhliche Asiatin hier aus dem Cover, ich nehme eine Zeitschrift vom Stapel neben dem Lesesessel und lege sie vor Sandra hin. Die klebst du dazu. Das transportiert doch sehr viel Optimismus, findet ihr nicht?
Claudia fängt an, die Kartoffeln in Scheiben zu schneiden und wirft einen Blick auf die Asiatin.
Ja, die sieht wirklich frisch aus, sagt sie. Schick die dem Christian.
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