Read the book: «Man liebt nur, was einen in Freiheit setzt!»

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JOHANN CHRISTOPH FRIEDRICH SCHILLER wurde 1759 in Marbach am Neckar geboren und studierte zunächst Jura, dann Medizin und lehrte in Jena. Bereits mit 13 Jahren tätigte er seine ersten literarischen Versuche. Zeitlebens plagten ihn immer wieder gesundheitliche und finanzielle Sorgen. Er beschäftigte sich intensiv mit der Literatur Shakespeares, Voltaires, Rousseaus, machte Bekanntschaft mit Fichte, Hölderlin, Humboldt und pflegte eine intensive Freundschaft mit Goethe. Als hervorragender Kenner der griechischen Mythologie und der europäischen Geschichte bestimmt er zusammen mit Goethe, Wieland und Herder den Stil der Weimarer Klassik. Er starb 1805 in Weimar.

DR. PHIL. HANS-JOACHIM SIMM, geboren 1946 in Braunschweig, lebt als freier Publizist bei Frankfurt am Main. Er war bis 2009 Leiter des Insel Verlags, des Verlags der Weltreligionen und der Buchreihe edition unseld. Er gab zahlreiche Werkausgaben deutscher Dichter und Schriftsteller und diverse Anthologien heraus.

Zum Buch

Der Band zeigt die großen Themen des Menschseins, um deren Klärung Schiller gerungen hat, Fragen nach der Würde und den Werten der Liebe und der Freundschaft; Schiller gibt Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele und offenbart gleichermaßen seinen nie verlorenen Glauben an eine höhere Gerechtigkeit. Die vorliegende Sammlung belegt sowohl die Zeitlosigkeit als auch die biographischen und geschichtlichen Hintergründe des Schillerschen Denkens und Schreibens. Kontexte bleiben erkennbar, und zugleich wird die Gegenwärtigkeit Schillers unmittelbar ersichtlich.

Herausgegeben von

Hans-Joachim Simm

Friedrich Schiller ist keineswegs auf einzelne Aspekte zu reduzieren, seine Persönlichkeit nicht und auch nicht sein Werk. Der Vielschichtigkeit und Lebendigkeit seiner Ideen und seines Werkes will die vorliegende Sammlung Ausdruck geben, voran mit Gedichten aller Gattungen, von den Hymnen bis zu den Xenien. In der Gedichtauswahl wie in den Auszügen aus den Prosaschriften und den Dramen erscheint ein sehr modernes Bild des Klassikers. In den Briefen, die hier versammelt sind, wird sein inneres Leben sichtbar. Seine ästhetischen Schriften sind vom Nachdenken über das Verhältnis von Sinnlichkeit, Schönheit und Freiheit geprägt. Im Zentrum seiner Dramen, wie den Räubern und Don Carlos, steht die Idee der Freiheit, sowohl der politischen und gesellschaftlichen als auch der persönlichen Freiheit, die ihm Voraussetzung für jene war.

"Ich habe ihn (Schiller) auswendig gelernt, habe in seiner Sprache gesprochen und in seinen Bildern geträumt." Fjodor Dostojewski

Friedrich Schiller

Man liebt nur, was einen in Freiheit setzt!

Friedrich Schiller

Man liebt nur,
was einen in
Freiheit setzt!

Herausgegeben von

Hans-Joachim Simm


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2014

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH

Bildnachweis: Friedrich Schiller auf einem Esel sitzend

(Illustration nach einer Zeichnung von

Johann Christian Reinhart 1785/87)

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0414-1

www.marixverlag.de

INHALT

Ein Klassiker für die Gegenwart

Der berufene Leser

Irrend suchte mein Blick umher

An die Parzen

Die Blumen

Der Flüchtling

Die Größe der Welt

Das Glück und die Weisheit

Zuversicht der Unsterblichkeit

Vorüber die stöhnende Klage

Der Triumph der Liebe

Elysium

Laura am Klavier

Ich möchte gern in dieser holperichten Welt einige Sprünge machen, von denen man erzählen soll

Die Räuber

Schlagfertige Antwort

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua

An Andreas Streicher, Bauerbach 8. Dezember 1782

Kabale und Liebe

Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?

Der Kampf

An Christian Gottfried Körner, Mannheim 10. Februar 1785

An Ferdinand Huber, Mannheim 25. März 1785

Untertänigstes Promemoria an die Konsistorial-Rat Körnersche weibliche Waschdeputation

Das Universum ist ein Gedanke Gottes

An die Freude

Philosophische Briefe

Don Karlos

An Ferdinand Huber, Weimar 28. August 1787

An Christian Gottfried Körner, Weimar 7. Januar 1788

Auch ich war in Arkadien geboren

Die Götter Griechenlandes

Resignation

An Christian Gottfried Körner, Weimar 2. Februar 1789

An Caroline von Beulwitz, Weimar 5. Februar 1789

Da rief man denn! Der neue Professor wird lesen

An Christian Gottfried Körner, Jena 28. Mai 1789

An Charlotte von Lengefeld, Jena 24. Juli 1789

Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?

Geschichte des Dreißigjährigen Krieges

Für Johannes Groß

Die Kultur soll den Menschen in Freiheit setzen

Über Anmut und Würde

Die Begegnung

Kallias

Die verschiedene Bestimmung

Über das Erhabene

Die idealische Freiheit

Brief an den Herzog von Augustenburg, 3. Dezember 1793

Nur der Starke wird das Schicksal zwingen

An Johann Wolfgang Goethe, Jena 31. August 1794

Die Sänger der Vorwelt

Das Ideal und das Leben

Durch das Ideal kehrt er zur Einheit zurück

Die Ideale

Über naive und sentimentalische Dichtung

An Charlotte Schiller, Weimar 20. September 1794

An Johann Wolfgang Goethe, Jena 29. September 1794

Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit

Die Teilung der Erde

Über die ästhetische Erziehung des Menschen

Spiel des Lebens

Spruch des Konfuzius

Spruch des Konfuzius

Pegasus im Joche

Der Metaphysiker

Die Weltweisen

Die zwei Tugendwege

Suchst du das Höchste, das Größte?

Das Unwandelbare

Theophanie

Das Höchste

Unsterblichkeit

Das verschleierte Bild zu Sais

Die Macht des Gesanges

Man liebt nur, was einen in Freiheit setzt

Über die notwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner Formen

An Johann Gottlieb Fichte, Jena 4. August 1795

Würde des Menschen

Das Ehrwürdige

Die schönste Erscheinung

Güte und Größe

Griechheit

Die zwei Fieber

Warnung

Wechselwirkung

Pflicht für jeden

Die Übereinstimmung

Der Schlüssel

Glaubwürdigkeit

Wahrheit

Schönheit

Aufgabe

Bedingung

Das eigne Ideal

An Wilhelm von Humboldt, Jena 1. Februar 1796

Daß es dem Vortrefflichen gegenüber keine Freiheit gibt als die Liebe

Das Mädchen aus der Fremde

An Johann Wolfgang Goethe, Jena 2. Juli 1796

Des Mädchens Klage

Lies uns nach Laune, nach Lust, in trüben, in fröhlichen Stunden

Der Kunstgriff

Amor als Schulkollege

Analytiker

Der Geist und der Buchstabe

Wissenschaft

Das philosophische Gespräch

An den Leser

An gewisse Umschöpfer

Der Purist

Ich

Dem Zudringlichen

Unglückliche Eilfertigkeit

Was ist das Schwerste

Böser Kampf

Die Idealwelt

Wahl

Ein deutsches Meisterstück

Freund und Feind

Das Tor

Es glänzen viele in der Welt

Licht und Wärme

Der Taucher

Der Handschuh

Hoffnung

Das Geheimnis

Die Worte des Glaubens

Breite und Tiefe

Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn

Poesie des Lebens

Die Bürgschaft

Das Lied von der Glocke

Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum

Wallenstein

Nänie

Denn Soldaten, Helden und Herrscher habe ich vor jetzt herzlich satt

An Johann Wolfgang Goethe, Jena 19. März 1799

An Friedrich Hölderlin, Jena 24. August 1799

An Christian Gottfried Körner, Jena 26. September 1799

Die Worte des Wahns

An Christian Gottfried Körner, Jena 1. November 1799

Maria Stuart

Die Jungfrau von Orleans

Das Mädchen von Orleans

Ewig jung ist nur die Phantasie

Der Antritt des neuen Jahrhunderts

An die Freunde

An Johann Friedrich Cotta, Weimar 4. September 1800

Die vier Weltalter

Kassandra

Alles Göttliche auf Erden / Ist ein Lichtgedanke nur

Die Gunst des Augenblicks

Sehnsucht

Die Braut von Messina

An Johann Friedrich Cotta, Weimar 1. Juli 1802

Der Jüngling am Bache

Berglied

Der Pilgrim

Punschlied

Und eine Freiheit macht uns alle frei

Wilhelm Tell

An Wilhelm von Wolzogen, Weimar 20. März 1804

An Johann Friedrich Cotta, Weimar 22. Mai 1804

An Johann Wolfgang Goethe, Weimar 6. Juni 1804

An Charlotte Schiller, Weimar 21. August 1804

An Christian Gottfried Körner, Weimar 10. Dezember 1804

An Johann Wolfgang Goethe, Weimar 22. Februar 1805

An Wilhelm von Humboldt, Weimar 2. April 1805

Doch noch kein Auge schaute / Den Meister, der es baute

Parabeln und Rätsel

Demetrius

Abschied vom Leser

Nachbemerkung

EIN KLASSIKER FÜR
DIE GEGENWART

Friedrich Schiller ist keineswegs auf einzelne – oft aus den unterschiedlichsten Motiven popularisierte – Aspekte zu reduzieren, seine Persönlichkeit nicht und auch nicht sein Werk. Er war nicht ausschließlich der enthusiastische Stürmer und Dränger, noch war er nur der pathosschwere Dramatiker, auch nicht der abstrakt-philosophische Gedankenlyriker, der Verfasser von Balladen, die zur Parodie reizen, und schon gar nicht der Sentenzenschreiber oder Versveredler von Volksweisheiten. Die Vorurteile, ja der Spott schon der Romantiker haben den Blick auf Schiller und sein Werk verstellt, die Vereinnahmung zum ‚deutschen Nationaldichter‘ und Charakterisierungen wie „erhaben, edel, herzerhebend“ haben „seine poetische Individualität, seine unbändige Imagination und seine überragende Intellektualität“ (Norbert Oellers) verdeckt.

Der Vielschichtigkeit und Lebendigkeit seiner Ideen und seines Werkes will die vorliegende Sammlung Ausdruck geben, voran mit Gedichten aller Gattungen, von den Hymnen bis zu den Xenien. In der Gedichtauswahl wie in den Auszügen aus den Prosaschriften und den Dramen erscheint überraschenderweise ein sehr modernes Bild des Klassikers. In den Briefen, die hier versammelt sind, in den Briefen an Freunde, die ihn, wie Christian Gottfried Körner oder Johann Wolfgang Goethe, lange Zeit begleiteten, wird sein inneres Leben, seine Zerrissenheit sichtbar. Zu schaffen machten ihm seine schwierige Stellung in der höfischen Gesellschaft Weimars, die Abwehr von Intrigen, finanzielle Nöte, die drückende Sorge um die Familie, Existenzängste. Er hat – auch das wird in der Anthologie deutlich – sein Werk einem ständigen Kampf gegen sich selbst abgetrotzt, vor allem gegen seine Krankheit; oft hat er seine Arbeit geradezu als Sklaverei empfunden. Nur auf diesem Hintergrund sind Hochgestimmtheit und Witz, Begeisterung und Verzweiflung zu verstehen, die sein Werk durchziehen.

Neben den Alltagsproblemen des Dichters, die auch heute noch berühren und so gar nicht fremd sind, zeigt der Band die großen Themen des Menschseins, um deren Klärung Schiller gerungen hat, Fragen nach der Glückseligkeit, der Vollkommenheit und Würde, der Natur, der Schönheit, der Sittlichkeit und Tugend, der Hoffnungen, der Liebe und Freundschaft; Schiller gibt Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele und offenbart gleichermaßen seinen nie verlorenen Glauben an eine höhere Gerechtigkeit.

Seine ästhetischen Schriften sind vom Nachdenken über das Verhältnis von Sinnlichkeit, Schönheit und Freiheit geprägt. Im Zentrum seiner Dramen steht die Idee der Freiheit, sowohl der politischen und gesellschaftlichen als auch der persönlichen Freiheit, die ihm Voraussetzung für jene war. Der Freiheitsgedanke blieb von den „Räubern“ über „Don Carlos“„bis in die letzte Lebenszeit, in der das Tell-Drama entstand, sein Leitmotiv.

Nicht erst aufgrund der Französischen Revolution allerdings verstand er Freiheit als eine keineswegs unproblematische Aufgabe der Menschheit ... er demonstrierte die inhumanen Folgen eines bis zum Extrem getriebenen Freiheitskonzepts“ (Jochen Schmidt). Toleranz und Freiheit des einzelnen enden dort, wo dem anderen sein Recht auf Selbstverwirklichung genommen wird. Auch das ein hochaktueller Gedanke. Als ‚Dialektiker der Freiheit‘, der die humanitären Chancen ebenso wie die Aporien erkannte, wurde Schiller bezeichnet.

Die Sammlung belegt sowohl die Zeitlosigkeit als auch die biographischen und geschichtlichen Hintergründe des Schillerschen Denkens und Schreibens. Kontexte bleiben erkennbar, und zugleich wird die Gegenwärtigkeit Schillers unmittelbar ersichtlich.

Der berufene Leser

Welchen Leser ich wünsche? Den unbefangensten, der mich, Sich und die Welt vergißt und in dem Buche nur lebt.

IRREND SUCHTE MEIN
BLICK UMHER
An die Parzen

Nicht ins Gewühl der rauschenden Redouten

Wo Stutzerwitz sich wunderherrlich spreißt

Und leichter als das Netz der fliegenden Bajouten

Die Tugend junger Schönen reißt; –

Nicht vor die schmeichlerische Toilette,

Wovor die Eitelkeit, als ihrem Götzen, kniet,

Und oft in wärmere Gebete

Als zu dem Himmel selbst entglüht;

Nicht hinter der Gardinen listgen Schleier,

Wo heuchlerische Nacht das Aug der Welt betrügt

Und Herzen, kalt im Sonnenfeuer,

In glühende Begierden wiegt,

Wo wir die Weisheit schamrot überraschen,

Die kühnlich Phöbus’ Strahlen trinkt,

Wo Männer gleich den Knaben diebisch naschen,

Und Plato von den Sphären sinkt –

Zu dir – zu dir, du einsames Geschwister,

Euch Töchtern des Geschickes, flieht

Bei meiner Laute leiserem Geflister

Schwermütig süß mein Minnelied.

Ihr einzigen, für die noch kein Sonett gegirret,

Um deren Geld kein Wucherer noch warb,

Kein Stutzer noch Klag-Arien geschwirret,

Kein Schäfer noch arkadisch starb.

Die ihr den Nervenfaden unsers Lebens

Durch weiche Finger sorgsam treibt,

Bis unterm Klang der Schere sich vergebens

Die zarte Spinnewebe sträubt.

Daß du auch mir den Lebensfaden spinntest,

Küß ich, o Klotho, deine Hand; –

Daß du noch nicht den jungen Faden trenntest,

Nimm, Lachesis, dies Blumenband.

Oft hast du Dornen an den Faden,

Noch öfter Rosen drangereiht,

Für Dorn’ und Rosen an dem Faden

Sei, Klotho, dir dies Lied geweiht.

Oft haben stürmende Affekte

Den weichen Zwirn herumgezerrt,

Oft riesenmäßige Projekte

Des Fadens freien Schwung gesperrt;

Oft in wollüstig süßer Stunde

War mir der Faden fast zu fein,

Noch öfter an der Schwermut Schauerschlunde

Mußt er zu fest gesponnen sein:

Dies, Klotho, und noch andre Lügen

Bitt ich dir itzt mit Tränen ab,

Nun soll mir auch fortan genügen,

Was mir die weise Klotho gab.

Nur laß an Rosen nie die Schere klirren,

An Dornen nur – doch wie du willst.

Laß, wenn du willst, die Totenschere klirren,

Wenn du dies eine nur erfüllst:

Wenn, Göttin, itzt an Laurens Mund beschworen

Mein Geist aus seiner Hülse springt,

Verraten, ob des Totenreiches Toren

Mein junges Leben schwindelnd hängt,

Laß ins Unendliche den Faden wallen,

Er wallet durch ein Paradies,

Dann, Göttin, laß die böse Schere fallen!

O laß sie fallen, Lachesis!

An den Frühling

Willkommen, schöner Jüngling!

Du Wonne der Natur!

Mit deinem Blumenkörbchen

Willkommen auf der Flur!

Ei! ei! da bist ja wieder!

Und bist so lieb und schön!

Und freun wir uns so herzlich,

Entgegen dir zu gehn.

Denkst auch noch an mein Mädchen?

Ei, Lieber, denke doch!

Dort liebte mich das Mädchen,

Und’s Mädchen liebt mich noch!

Fürs Mädchen manches Blümchen

Erbettelt’ ich von dir –

Ich komm und bettle wieder,

Und du? – du gibst es mir?

Willkommen, schöner Jüngling!

Du Wonne der Natur!

Mit deinem Blumenkörbchen

Willkommen auf der Flur!

Die Blumen

Kinder der verjüngten Sonne,

Blumen der geschmückten Flur,

Euch erzog zu Lust und Wonne,

Ja, euch liebte die Natur.

Schön das Kleid mit Licht gesticket,

Schön hat Flora euch geschmücket

Mit der Farben Götterpracht.

Holde Frühlingskinder, klaget!

Seele hat sie euch versaget,

Und ihr selber wohnt in Nacht.

Nachtigall und Lerche singen

Euch der Liebe selig Los,

Gaukelnde Sylphiden schwingen

Buhlend sich auf eurem Schoß.

Wölbte eures Kelches Krone

Nicht die Tochter der Dione

Schwellend zu der Liebe Pfühl?

Zarte Frühlingskinder, weinet!

Liebe hat sie euch verneinet,

Euch das selige Gefühl.

Aber hat aus Nanny’s Blicken

Mich der Mutter Spruch verbannt,

Wenn euch meine Hände pflücken

Ihr zum zarten Liebespfand,

Leben, Sprache, Seelen, Herzen,

Stumme Boten süßer Schmerzen,

Goß euch dies Berühren ein,

Und der mächtigste der Götter

Schließt in eure stillen Blätter

Seine hohe Gottheit ein.

Der Flüchtling

Frisch atmet des Morgens lebendiger Hauch;

Purpurisch zuckt durch düst’rer Tannen Ritzen

Das junge Licht und äugelt aus dem Strauch;

In gold’nen Flammenblitzen

Der Berge Wolkenspitzen.

Mit freudig melodisch gewirbeltem Lied

Begrüßen erwachende Lerchen die Sonne,

Die schon in lachender Wonne

Jugendlich schön in Auroras Umarmungen glüht.

Sei, Licht, mir gesegnet!

Dein Strahlengruß regnet

Erwärmend hernieder auf Anger und Au.

Wie flittern die Wiesen,

Wie silberfarb zittern

Tausend Sonnen im perlenden Tau!

In säuselnder Kühle

Beginnen die Spiele

Der jungen Natur.

Die Zephyre kosen

Und schmeicheln um Rosen,

Und Düfte beströmen die lachende Flur.

Wie hoch aus den Städten die Rauchwolken dampfen!

Laut wiehern und schnauben und knirschen und stampfen

Die Rosse, die Farren;

Die Wagen erknarren

Ins ächzende Tal.

Die Waldungen leben,

Und Adler und Falken und Habichte schweben

Und wiegen die Flügel im blendenden Strahl.

Den Frieden zu finden,

Wohin soll ich wenden

Am elenden Stab?

Die lachende Erde

Mit Jünglingsgebärde,

Für mich nur ein Grab!

Steig empor, o Morgenrot, und röte

Mit purpurnem Kusse Hain und Feld!

Säusle nieder, o Abendrot, und flöte

In sanften Schlummer die tote Welt!

Morgen, ach, du rötest

Eine Totenflur;

Ach! und du, o Abendrot! umflötest

Meinen langen Schlummer nur.

Die Größe der Welt

Die der schaffende Geist einst aus dem Chaos schlug,

Durch die schwebende Welt flieg ich des Windes Flug,

Bis am Strande

Ihrer Wogen ich lande,

Anker werf’, wo kein Hauch mehr weht

Und der Markstein der Schöpfung steht.

Sterne sah ich bereits jugendlich auferstehn,

Tausendjährigen Gangs durchs Firmament zu gehn,

Sah sie spielen

Nach den lockenden Zielen,

Irrend suchte mein Blick umher,

Sah die Räume schon – sternenleer.

Anzufeuern den Flug weiter zum Reich des Nichts,

Steur ich mutiger fort, nehme den Flug des Lichts,

Neblicht trüber

Himmel an mir vorüber,

Weltsysteme, Fluten im Bach

Strudeln dem Sonnenwandrer nach.

Sieh, den einsamen Pfad wandelt ein Pilger mir

Rasch entgegen – „Halt an! Waller, was suchst du hier?“

„Zum Gestade

Seiner Welt meine Pfade!

Segle hin, wo kein Hauch mehr weht

Und der Markstein der Schöpfung steht!“

„Steh! du segelst umsonst – vor dir Unendlichkeit!“

„Steh! du segelst umsonst – Pilger, auch hinter mir! –

Senke nieder,

Adlergedank dein Gefieder!

Kühne Seglerin, Phantasie,

Wirf ein mutloses Anker hie.“

Das Glück und die Weisheit

Entzweit mit einem Favoriten,

Flog einst Fortun’ der Weisheit zu.

„Ich will dir meine Schätze bieten,

Sei meine Freundin du!

Mein Füllhorn goß ich dem Verschwender

In seinen Schoß, so mütterlich!

Und sieh! Er fodert drum nicht minder

Und nennt noch geizig mich.

Komm, Schwester, laß uns Freundschaft schließen,

Du keuchst so schwer an deinem Pflug.

In deinen Schoß will ich sie gießen,

Auf, folge mir! – Du hast genug.“

Die Weisheit läßt die Schaufel sinken

Und wischt den Schweiß vom Angesicht.

„Dort eilt dein Freund – sich zu erhenken,

Versöhnet euch – ich brauch dich nicht.“

Zuversicht der Unsterblichkeit

Zum neuen Leben ist der Tote hier erstanden,

Das weiß und glaub ich festiglich.

Mich lehrens schon die Weisen ahnden,

Und Schurken überzeugen mich.

VORÜBER DIE
STÖHNENDE KLAGE
Der Triumph der Liebe
Eine Hymne

Selig durch die Liebe

Götter – durch die Liebe

Menschen Göttern gleich!

Liebe macht den Himmel

Himmlischer – die Erde

Zu dem Himmelreich.

Einstens hinter Pyrrhas Rücken,

Stimmen Dichter ein,

Sprang die Welt aus Felsenstücken,

Menschen aus dem Stein.

Stein und Felsen ihre Herzen,

Ihre Seelen Nacht,

Von des Himmels Flammenkerzen

Nie in Glut gefacht.

Noch mit sanften Rosenketten

Banden junge Amoretten

Ihre Seelen nie –

Noch mit Liedern ihren Busen

Huben nicht die weichen Musen,

Nie mit Saitenharmonie.

Ach! noch wanden keine Kränze

Liebende sich um!

Traurig flüchteten die Lenze

Nach Elysium.

Ungegrüßet stieg Aurora

Aus dem Schoß Oceanus’,

Ungeküsset sank die Sonne

In die Arme Hesperus’.

Wild umirrten sie die Haine,

Unter Lunas Nebelscheine,

Trugen eisern Joch.

Sehnend an der Sternenbühne

Suchte die geheime Träne

Keine Götter noch.

—

Und sieh! der blauen Flut entquillt

Die Himmelstochter sanft und mild,

Getragen von Najaden

Zu trunkenen Gestaden.

Ein jugendlicher Maienschwung

Durchwebt wie Morgendämmerung

Auf das allmächtge Werde

Luft, Himmel, Meer und Erde.

Schon schmilzt der wütende Orkan

(Einst züchtigt’ er den Ozean

Mit rasselndem Gegeißel)

In lispelndes Gesäusel.

Des holden Tages Auge lacht

In düstrer Wälder Winternacht,

Balsamische Narzissen

Blühn unter ihren Füßen.

Schon flötete die Nachtigall

Den ersten Sang der Liebe,

Schon murmelte der Quellen Fall

In weiche Busen Liebe.

Glückseliger Pygmalion!

Es schmilzt! es glüht dein Marmor schon!

Gott Amor Überwinder!

Glückseliger Deukalion,

Wie hüpfen deine Felsen schon!

Und äugeln schon gelinder!

Glückseliger Deukalion,

Umarme deine Kinder!

—

Selig durch die Liebe

Götter – durch die Liebe

Menschen Göttern gleich.

Liebe macht den Himmel

Himmlischer – die Erde

Zu dem Himmelreich.

—

Unter goldnem Nektarschaum

Ein wollüstger Morgentraum,

Ewig Lustgelage,

Fliehn der Götter Tage.

Prächtig spricht Kronions Donnerhorn,

Der Olympus schwankt erschrocken,

Wallen zürnend seine Locken –

Sphärenwirbeln gibt sein Atem Sporn,

Göttern läßt er seine Throne,

Niedert sich zum Erdensohne,

Seufzt arkadisch durch den Hain,

Zahme Donner untern Füßen,

Schläft, gewiegt von Ledas Küssen,

Schläft der Riesentöter ein.

Majestätsche Sonnenrosse

Durch des Lichtes weiten Raum

Leitet Phöbus’ goldner Zaum,

Völker stürzt sein rasselndes Geschosse;

Seine weißen Sonnenrosse,

Seine rasselnden Geschosse

Unter Lieb und Harmonie

Ha! wie gern vergaß er sie!

Zitternd vor der Götterfürstin

Krümmen sich die Götter, dürsten

Nach der Gnade goldnem Tau.

Sonnenglanz ist ihre Schminke,

Myriaden jagen ihrem Winke,

Stolz vor ihrem Wagen prahlt der Pfau.

Schöne Fürstin! ach die Liebe

Zittert mit dem süßen Triebe,

Deiner Majestät zu nahn.

Seht ihr Kronos’ Tochter weinen?

Geister kann ihr Wink verneinen,

Herzen weißt sie nicht zu fahn.

—

Selig durch die Liebe

Götter – durch die Liebe

Menschen Göttern gleich.

Liebe macht den Himmel

Himmlischer – die Erde

Zu dem Himmelreich.

—

Liebe sonnt das Reich der Nacht,

Amors süßer Zaubermacht

Ist der Orkus untertänig:

Freundlich schmollt der schwarze König,

Wenn ihm Ceres’ Tochter lacht;

Liebe sonnt das Reich der Nacht.

Himmlich in die Hölle klangen

Und den wilden Beller zwangen

Deine Lieder, Thrazier –

Minos, Tränen im Gesichte,

Mildete die Qualgerichte,

Zärtlich um Megärens Wangen

Küßten sich die wilden Schlangen,

Keine Geißel klatschte mehr;

Aufgejagt von Orpheus’ Leier

Flog von Tityon der Geier;

Leiser hin am Ufer rauschten

Lethe und Cocytus, lauschten

Deinen Liedern, Thrazier,

Liebe sangst du, Thrazier.

—

Selig durch die Liebe

Götter – durch die Liebe

Menschen Göttern gleich.

Liebe macht den Himmel

Himmlischer – die Erde

Zu dem Himmelreich.

—

Durch die ewige Natur

Düftet ihre Blumenspur,

Weht ihr goldner Flügel.

Winkte mir vom Mondenlicht

Aphroditens Auge nicht,

Nicht vom Sonnenhügel?

Lächelte vom Sternenmeer

Nicht die Göttin zu mir her,

Wehte nicht ihr Flügel

In des Frühlings Balsamhauch,

Liebe nicht im Rosenstrauch,

Nicht im Kuß der Weste –

Stern und Sonn und Mondenlicht,

Frühling, Rosen, Weste nicht

Lüden mich zum Feste.

Liebe, Liebe lächelt nur

Aus dem Auge der Natur

Wie aus ihrem Spiegel!

Liebe rauscht der Silberbach,

Liebe lehrt ihn sanfter wallen;

Seele haucht sie in das Ach

Klagenreicher Nachtigallen,

Unnachahmliches Gefühl

In der Saiten Wonnespiel,

Wenn sie Laura! hallen.

Liebe, Liebe lispelt nur

Auf der Laute der Natur.

Weisheit mit dem Sonnenblick,

Große Göttin, tritt zurück,

Weiche vor der Liebe.

Nie Erobrern, Fürsten nie

Beugtest du ein Sklavenknie,

Beug es itzt der Liebe.

Wer die steile Sternenbahn

Ging dir heldenkühn voran

Zu der Gottheit Sitze?

Wer zerriß das Heiligtum,

Zeigte dir Elysium

Durch des Grabes Ritze?

Lockte sie uns nicht hinein,

Möchten wir unsterblich sein?

Suchten auch die Geister

Ohne sie den Meister?

Liebe, Liebe leitet nur

Zu dem Vater der Natur,

Liebe nur die Geister.

Selig durch die Liebe

Götter – durch die Liebe

Menschen Göttern gleich.

Liebe macht den Himmel

Himmlischer – die Erde

Zu dem Himmelreich.

Elysium
Eine Kantate

CHOR

Vorüber die stöhnende Klage!

Elysiums Freudengelage

Ersäufen jegliches Ach –

Elysiums Leben

Ewige Wonne, ewiges Schweben,

Durch lachende Fluren ein flötender Bach.

ERSTE STIMME

Jugendlich milde

Beschwebt die Gefilde

Ewiger Mai,

Die Stunden entfliehen in goldenen Träumen,

Die Seele schwillt aus in unendlichen Räumen,

Wahrheit reißt hier den Schleier entzwei.

ZWEITE STIMME

Unendliche Freude

Durchwallet das Herz.

Hier mangelt der Name dem trauernden Leide,

Sanfter Entzücken nur heißet hier Schmerz.

DRITTE STIMME

Hier strecket der wallende Pilger die matten

Brennenden Glieder im säuselnden Schatten,

Leget die Bürde auf ewig dahin –

Seine Sichel entfällt hier dem Schnitter,

Eingesungen von Harfengezitter,

Träumt er, geschnittene Halmen zu sehn.

VIERTE STIMME

Dessen Fahne Donnerstürme wallte,

Dessen Ohren Mordgebrüll umhallte,

Berge bebten unter dessen Donnergang,

Schläft hier linde bei des Baches Rieseln,

Der wie Silber spielet über Kieseln,

Ihm verhallet wilder Speere Klang.

FÜNFTE STIMME

Hier umarmen sich getreue Gatten,

Küssen sich auf grünen samtnen Matten,

Liebgekost vom Balsamwest,

Ihre Krone findet hier die Liebe,

Sicher vor des Todes strengem Hiebe,

Feiert sie ein ewig Hochzeitfest.

Laura am Klavier

Wenn dein Finger durch die Saiten meistert –

Laura, itzt zur Statue entgeistert,

Itzt entkörpert steh ich da.

Du gebietest über Tod und Leben,

Mächtig wie von tausend Nervgeweben

Seelen fordert Philadelphia; –

Ehrerbietig leiser rauschen

Dann die Lüfte, dir zu lauschen;

Hingeschmiedet zum Gesang,

Stehn im ewgen Wirbelgang,

Einzuziehn die Wonnefülle,

Lauschende Naturen stille,

Zauberin! mit Tönen, wie

Mich mit Blicken, zwingst du sie.

Seelenvolle Harmonien wimmeln,

Ein wollüstig Ungestüm,

Aus den Saiten, wie aus ihren Himmeln

Neugeborne Seraphim;

Wie, des Chaos Riesenarm entronnen,

Aufgejagt vom Schöpfungssturm die Sonnen

Funkend fuhren aus der Finsternus,

Strömt der goldne Saitenguß.

Lieblich itzt wie über bunten Kieseln

Silberhelle Fluten rieseln, –

Majestätisch prächtig nun

Wie des Donners Orgelton,

Stürmend von hinnen itzt, wie sich von Felsen

Rauschende, schäumende Gießbäche wälzen,

Holdes Gesäusel bald,

Schmeichlerisch linde,

Wie durch den Espenwald

Buhlende Winde,

Schwerer nun und melancholisch düster,

Wie durch toter Wüsten Schauernachtgeflüster,

Wo verlornes Heulen schweift,

Tränenwellen der Cocytus schleift.

Mädchen, sprich! Ich frage, gib mir Kunde:

Stehst mit höhern Geistern du im Bunde?

Ists die Sprache, lüg mir nicht,

Die man in Elysen spricht?

Von dem Auge weg der Schleier!

Starre Riegel von dem Ohr!

Mädchen! Ha! schon atm ich freier,

Läutert mich ätherisch Feuer?

Tragen Wirbel mich empor? – –

Neuer Geister Sonnensitze

Winken durch zerrißner Himmel Ritze –

Überm Grabe Morgenrot!

Weg, ihr Spötter, mit Insektenwitze!

Weg! Es ist ein Gott – – – –

ICH MÖCHTE GERN IN DIESER
HOLPERICHTEN WELT EINIGE
SPRÜNGE MACHEN, VON
DENEN MAN ERZÄHLEN SOLL
Die Räuber
I 2

KARL VON MOOR: Pfui! Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert, zu nichts nütze, als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen und die Helden des Altertums mit Kommentationen zu schinden und zu verhunzen mit Trauerspielen. Die Kraft seiner Lenden ist versiegen gegangen, und nun muß Bierhefe den Menschen fortpflanzen helfen.

[...]

Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Konventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen – belecken den Schuhputzer, daß er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht fürchten. – Vergöttern sich um ein Mittagessen und möchten einander vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich überboten wird. – Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in die Kirche kommt, und berechnen ihren Judenzins am Altare – fallen auf die Knie, damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können – wenden kein Aug von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke frisiert ist. – Fallen in Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht.

III 2

KARL VON MOOR: [...] Bruder – ich habe die Menschen gesehen, ihre Bienensorgen, und ihre Riesenprojekte – ihre Götterplane und ihre Mäusegeschäfte, das wunderseltsame Wettrennen nach Glückseligkeit; – dieser dem Schwung seines Rosses anvertraut – ein anderer der Nase seines Esels – ein dritter seinen eigenen Beinen; dieses bunte Lotto des Lebens, worein so mancher seine Unschuld und – seinen Himmel setzt, einen Treffer zu haschen, und – Nullen sind der Auszug – am Ende war kein Treffer darin. Es ist ein Schauspiel, Bruder, das Tränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelächter kitzelt.

Schlagfertige Antwort

In einigen öffentlichen Blättern wurde vor einiger Zeit die Grille von der bevorstehenden Verheuratung der katholischen Weltgeistlichen verbreitet; zwei artige Frauenzimmer zankten sich deswegen miteinander, welche von beiden wohl den ehrwürdigen Kaplan bekommen sollte. Schont eure Nägel und Haare, sagte der ehrwürdige Pater, dann wann es ja einmal so weit kommen sollte, so dörfen wir, so wie die Priester der griechischen Kirche, nur Jungfern heuraten.

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua
II 8

FIESCO der sich niedersetzt: Genueser – Das Reich der Tiere kam einst in bürgerliche Gärung, Parteien schlugen mit Parteien, und ein Fleischerhund bemächtigte sich des Throns. Dieser, gewohnt, das Schlachtvieh an das Messer zu hetzen, hauste hündisch im Reich, klaffte, biß und nagte die Knochen seines Volks. Die Nation murrte, die Kühnsten traten zusammen, und erwürgten den fürstlichen Bullen. Itzt ward ein Reichstag gehalten, die große Frage zu entscheiden, welche Regierung die glücklichste sei? Die Stimmen teilten sich dreifach. Genueser, für welche hättet ihr entschieden?

ERSTER BÜRGER: Fürs Volk. Alle fürs Volk.

FIESCO: Das Volk gewanns. Die Regierung ward demokratisch. Jeder Bürger gab seine Stimme. Mehrheit setzte durch. Wenige Wochen vergingen, so kündigte der Mensch dem neugebackenen Freistaat den Krieg an. Das Reich kam zusammen. Roß, Löwe, Tiger, Bär, Elefant und Rhinozeros traten auf und brüllten laut: Zu den Waffen! Itzt kam die Reih an die übrigen. Lamm, Hase, Hirsch, Esel, das ganze Reich der Insekten, der Vögel, der Fische ganzes menschenscheues Heer – alle traten dazwischen und wimmerten: Friede! Seht, Genueser! Der Feigen waren mehr denn der Streitbaren, der Dummen mehr denn der Klugen – Mehrheit setzte durch. Das Tierreich streckte die Waffen, und der Mensch brandschatzte sein Gebiet. Dieses Staatssystem ward also verworfen. Genueser, wozu wäret ihr itzt geneigt gewesen?

ERSTER UND ZWEITER: Zum Ausschuß! Freilich, zum Ausschuß!

FIESCO: Diese Meinung gefiel! Die Staatsgeschäfte teilten sich in mehrere Kammern. Wölfe besorgten die Finanzen, Füchse waren ihre Sekretäre. Tauben führten das Kriminalgericht, Tiger die gütlichen Vergleiche, Böcke schlichteten Heuratsprozesse. Soldaten waren die Hasen, Löwen und Elefant blieben bei der Bagage, der Esel war Gesandter des Reichs, und der Maulwurf Oberaufseher über die Verwaltung der Ämter. Genueser, was hofft ihr von dieser weisen Verteilung? Wen der Wolf nicht zerriß, den prellte der Fuchs. Wer diesem entrann, den tölpelte der Esel nieder. Tiger erwürgten die Unschuld; Diebe und Mörder begnadigte die Taube, und am Ende, wenn die Ämter niedergelegt wurden, fand sie der Maulwurf alle unsträflich verwaltet – Die Tiere empörten sich. Laßt uns einen Monarchen wählen, riefen sie einstimmig, der Klauen und Hirn und nur einen Magen hat – und einem Oberhaupt huldigten alle – einem, Genueser – aber indem er mit Hoheit unter sie tritt – es war der Löwe.

III 2

FIESCO: [...] Wenn auch des Betrügers Witz den Betrug nicht adelt, so adelt doch der Preis den Betrüger. Es ist schimpflich, eine Börse zu leeren – es ist frech, eine Million zu veruntreuen, aber es ist namenlos groß, eine Krone zu stehlen. Die Schande nimmt ab mit der wachsenden Sünde.

An Andreas Streicher, Bauerbach 8. Dezember 1782

Was Sie tun, lieber Freund, behalten Sie diese praktische Wahrheit vor Augen, die Ihren unerfahrnen Freund nur zu viel gekostet hat: Wenn man die Menschen braucht, so muß man ein H[undsfot]t werden, oder sich ihnen unentbehrlich machen. Eines von beiden, oder man sinkt unter.

Kabale und Liebe
III 1

SEKRETÄR WURM: [...] Der gereizten Leidenschaft ist keine Torheit zu bunt. Sie sagen mir, der Herr Major habe immer den Kopf zu Ihrer Regierung geschüttelt. Ich glaubs. Die Grundsätze, die er aus Akademien hieher brachte, wollten mir gleich nicht recht einleuchten. Was sollten auch die phantastischen Träumereien von Seelengröße und persönlichem Adel an einem Hof, wo die größte Weisheit diejenige ist, im rechten Tempo, auf eine geschickte Art, groß und klein zu sein. Er ist zu jung und zu feurig, um Geschmack am langsamen, krummen Gang der Kabale zu finden, und nichts wird seine Ambition in Bewegung setzen, als was groß ist und abenteuerlich.

V 7

FERDINAND: [...] Toren sinds, die von ewiger Liebe schwatzen, ewiges Einerlei widersteht, Veränderung nur ist das Salz des Vergnügens.

Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?

Ich kenne nur ein Geheimnis, den Menschen vor Verschlimmerung zu bewahren, und dieses ist – sein Herz gegen Schwächen zu schützen.

Der Kampf

Nein, länger werd’ ich diesen Kampf nicht kämpfen,

Den Riesenkampf der Pflicht.

Kannst du des Herzens Flammentrieb nicht dämpfen,

So fordre, Tugend, dieses Opfer nicht.

Geschworen hab’ ich’s, ja, ich hab’s geschworen,

Mich selbst zu bändigen.

Hier ist dein Kranz, er sei auf ewig mir verloren!

Nimm ihn zurück und laß mich sündigen.

Zerrissen sei, was wir bedungen haben!

Sie liebt mich – deine Krone sei verscherzt!

Glückselig, wer, in Wonnetrunkenheit begraben,

So leicht, wie ich, den tiefen Fall verschmerzt.

Sie sieht den Wurm an meiner Jugend Blume nagen

Und meinen Lenz entflohn,

Bewundert still mein heldenmütiges Entsagen,

Und großmutsvoll beschließt sie meinen Lohn.

Mißtraue, schöne Seele, dieser Engelgüte!

Dein Mitleid waffnet zum Verbrechen mich.

Gibt’s in des Lebens unermeßlichem Gebiete,

Gibt’s einen andern, schönern Lohn als dich?

Als das Verbrechen, das ich ewig fliehen wollte?

Tyrannisches Geschick!

Der einz’ge Lohn, der meine Tugend krönen sollte,

Ist meiner Tugend letzter Augenblick!

An Christian Gottfried Körner, Mannheim 10. Februar 1785

Unterdessen, daß die halbe Stadt Mannheim sich im Schauspielhaus zusammendrängt, einem Auto da Fé über Natur und Dichtkunst – einer großen Opera – beizuwohnen, und sich an den Verzuckungen dieser armen Delinquentinnen zu weiden, fliege ich zu Ihnen, meine Teuersten, und weiß, daß ich in diesem Augenblick der Glücklichere bin. Jetzt erst fange ich an, meine Phantasie, die unruhige Vagabundin, wieder lieb zu gewinnen, die mich aus dem traurigen Einerlei meines hiesigen Aufenthalts so freundschaftlich weg, und zu Ihnen führt. Es ist kein Opfer, das ich Ihnen bringe, wenn die Erinnerung an Sie meinen ganzen Horizont um mich her zernichtet – es ist wirklicher Eigennutz, meine süßeste Erholung von meiner jetzigen freudenlosen Existenz, daß meine Seele um Sie schweben darf. Augenblicke, wie der gegenwärtige, wo alle meine Empfindungen in wollüstiges Trauern dahinschmelzen, wo ich in mich selbst zurücktrete, und von meiner eigenen Armut schwelge; solche Augenblicke, wo meine Seele aus ihrer Hülle schwebt und mit freierem Fluge durch ihre Heimat Elisium wandert, sollen den Freunden meines Herzens geheiligt sein. Wenn Sie zuweilen, mitten unter den berauschenden Zerstreuungen Ihres Lebens von einer plötzlichen Wehmut überrascht werden, die Sie nicht gleich erklären können, so wissen Sie von jetzt an, daß in der Minute Schiller an Sie gedacht hat – dann hat sich mein Geist bei Ihnen gemeldet.

Dieser Eingang, fürchte ich, wird einer Schwärmerei gleicher sehen als meiner wahren Empfindung, und doch ist er ganz, ganz Stimmung meines Gefühls. Für Sie, meine besten, kann ich schlechterdings keine Schminke auftragen, diese armselige Zuflucht eines kalten Herzens kenne ich nicht. Seit Ihren letzten Briefen hat mich der Gedanke nicht mehr verlassen wollen: „Diese Menschen gehören Dir, diesen Menschen gehörest Du.“ – Urteilen Sie deswegen von meiner Freundschaft nicht zweideutiger, weil sie vielleicht die Miene der Übereilung trägt. – Gewissen Menschen hat die Natur die langweilige Umzäunung der Mode niedergerissen. Edlere Seelen hängen an zarteren Seilen zusammen, die nicht selten unzertrennlich und ewig halten. Große Tonkünstler kennen sich oft an den ersten Akkorden, große Maler an dem nachlässigsten Pinselstrich – edle Menschen sehr oft an einer einzigen Aufwallung. Doch vernünfteln möchte ich über meine Empfindungen nicht gern.

An Ferdinand Huber, Mannheim 25. März 1785

Das ist also vermutlich der letzte Brief, den ich Ihnen von Mannheim aus schreibe. [...]

Ich bin Willens, bei meinem neuen Etablissement in Leipzig einem Fehler zuvorzukommen, der mir in Mannheim bisher sehr viel Unannehmlichkeit machte. Es ist dieser, meine eigne Ökonomie nicht mehr zu führen, und auch nicht mehr allein zu wohnen. Das erste ist schlechterdings meine Sache nicht – es kostet mich weniger Mühe, eine ganze Verschwörung und Staatsaktion durchzuführen, als meine Wirtschaft; und Poesie, wissen Sie selbst, ist nirgends gefährlicher, als bei ökonomischen Rechnungen. Meine Seele wird geteilt, beunruhigt; ich stürze aus meinen idealistischen Welten, sobald mich ein zerrissner Strumpf an die wirkliche mahnt. Fürs andere brauch ich zu meiner geheimern Glückseligkeit einen rechten wahren Herzensfreund, der mir stets an der Hand ist, wie ein Engel, dem ich meine aufkeimenden Ideen und Empfindungen in der Geburt mitteilen kann, nicht aber durch Briefe, oder lange Besuche erst zutragen muß. Schon der nichtsbedeutende Umstand, daß ich, wenn dieser Freund außer meinen 4 Pfählen wohnt, die Straße passieren muß, ihn zu erreichen, daß ich mich umkleiden muß und dergleichen, tödet den Genuß des Augenblicks, und die Gedankenreihe kann zerrissen sein, bis ich ihn habe. Sehen Sie mein Bester, das sind nur Kleinigkeiten, aber Kleinigkeiten tragen oft die schwerste Gewichte im Verlauf unsers Lebens. Ich kenne mich besser, als vielleicht tausend andrer Mütter Söhne sich kennen, ich weiß wie viel, und oft wie wenig ich brauche, um ganz glücklich zu sein.

Untertänigstes Promemoria an die Konsistorial- Rat Körnersche weibliche Waschdeputation
Eingereicht von Einem niedergeschlagenen Trauerspieldichter in Loschwitz

Dumm ist mein Kopf, und schwer wie Blei,

Die Tabaksdose ledig,

Mein Magen leer, der Himmel sei

Dem Trauerspiel gnädig!

Ich kratze mit dem Federkiel

Auf den gewalkten Lumpen;

Wer kann Empfindung, wer Gefühl

Aus hohlem Herzen pumpen.

Feu’r soll ich gießen auf’s Papier

Mit angefrornem Finger –

O Phöbus, hassest Du Geschmier,

So wärm’ auch Deinen Jünger.

Die Wäsche klatscht vor meiner Tür,

Es plärrt die Küchenzofe,

Und mich – mich ruft das Flügeltier

Nach König Philipps Hofe.

Ich steige mutig auf das Roß,

In wenigen Sekunden

Seh’ ich Madrid; am Königsschloß

Hab’ ich es angebunden.

Ich eile durch die Galerie,

Und siehe da – belausche

Die junge Fürstin Eboli

Im süßen Liebesrausche.

Jetzt sinkt sie an des Prinzen Brust

Mit wonnevollem Schauer,

In ihren Augen Götterlust,

Doch in den seinen Trauer.

Schon ruft das schöne Weib Triumph,

Schön hör’ ich – – Tod und Hölle!

Was hör’ ich? – einen nassen Strumpf

Geworfen in die Welle.

Und weg ist Traum und Feerei!

Prinzessin, Gott befohlen!

Der Teufel soll die Dichterei

Beim Hemdenwaschen holen.

Gegeben in unserer jammervollen Lage,

unweit dem Keller.

Friedrich Schiller,

Haus- und Wirtschaftsdichter.

DAS UNIVERSUM IST EIN
GEDANKE GOTTES
An die Freude

Freude, schöner Götterfunken,

Tochter aus Elysium,

Wir betreten feuertrunken

Himmlische, dein Heiligtum.

Deine Zauber binden wieder,

Was der Mode Schwert geteilt;

Bettler werden Fürstenbrüder,

Wo dein sanfter Flügel weilt.

CHOR

Seid umschlungen, Millionen!

Diesen Kuß der ganzen Welt!

Brüder – überm Sternenzelt

Muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,

Eines Freundes Freund zu sein;

Wer ein holdes Weib errungen,

Mische seinen Jubel ein!

Ja – wer auch nur eine Seele

Sein nennt auf dem Erdenrund!

Und wers nie gekonnt, der stehle

Weinend sich aus diesem Bund!

CHOR

Was den großen Ring bewohnet,

Huldige der Sympathie!

Zu den Sternen leitet sie,

Wo der Unbekannte thronet.

Freude trinken alle Wesen

An den Brüsten der Natur,

Alle Guten, alle Bösen

Folgen ihrer Rosenspur.

Küsse gab sie uns und Reben,

Einen Freund, geprüft im Tod.

Wollust ward dem Wurm gegeben,

Und der Cherub steht vor Gott.

CHOR

Ihr stürzt nieder, Millionen?

Ahndest du den Schöpfer, Welt?

Such ihn überm Sternenzelt,

Über Sternen muß er wohnen.

Freude heißt die starke Feder

In der ewigen Natur.

Freude, Freude treibt die Räder

In der großen Weltenuhr.

Blumen lockt sie aus den Keimen,

Sonnen aus dem Firmament,

Sphären rollt sie in den Räumen,

Die des Sehers Rohr nicht kennt.

CHOR

Froh, wie seine Sonnen fliegen,

Durch des Himmels prächtgen Plan,

Laufet, Brüder, eure Bahn,

Freudig wie ein Held zum Siegen.

Aus der Wahrheit Feuerspiegel

Lächelt sie den Forscher an.

Zu der Tugend steilem Hügel

Leitet sie des Dulders Bahn.

Auf des Glaubens Sonnenberge

Sieht man ihre Fahnen wehn,

Durch den Riß gesprengter Särge

Sie im Chor der Engel stehn.

CHOR

Duldet mutig, Millionen!

Duldet für die beßre Welt!

Droben überm Sternenzelt

Wird ein großer Gott belohnen.

Göttern kann man nicht vergelten,

Schön ists, ihnen gleich zu sein.

Gram und Armut soll sich melden,

Mit den Frohen sich erfreun.

Groll und Rache sei vergessen,

Unserm Todfeind sei verziehn,

Keine Träne soll ihn pressen,

Keine Reue nage ihn.

CHOR

Unser Schuldbuch sei vernichtet!

Ausgesöhnt die ganze Welt!

Brüder – überm Sternenzelt

Richtet Gott, wie wir gerichtet.

Freude sprudelt in Pokalen,

In der Traube goldnem Blut

Trinken Sanftmut Kannibalen,

Die Verzweiflung Heldenmut – –

Brüder, fliegt von euren Sitzen,

Wenn der volle Römer kreist,

Laßt den Schaum zum Himmel sprützen:

Dieses Glas dem guten Geist.

CHOR

Den der Sterne Wirbel loben,

Den des Seraphs Hymne preist,

Dieses Glas dem guten Geist

Überm Sternenzelt dort oben!

Festen Mut in schwerem Leiden,

Hülfe, wo die Unschuld weint,

Ewigkeit geschwornen Eiden,

Wahrheit gegen Freund und Feind,

Männerstolz vor Königsthronen –

Brüder, gält es Gut und Blut, –

Dem Verdienste seine Kronen,

Untergang der Lügenbrut!

CHOR

Schließt den heilgen Zirkel dichter,

Schwört bei diesem goldnen Wein:

Dem Gelübde treu zu sein,

Schwört es bei dem Sternenrichter!

Rettung von Tyrannenketten,

Großmut auch dem Bösewicht,

Hoffnung auf den Sterbebetten,

Gnade auf dem Hochgericht!

Auch die Toten sollen leben!

Brüder trinkt und stimmet ein,

Allen Sündern soll vergeben,

Und die Hölle nicht mehr sein.

CHOR

Eine heitre Abschiedsstunde!

Süßen Schlaf im Leichentuch!

Brüder – einen sanften Spruch

Aus des Totenrichters Munde!

Philosophische Briefe

Wir haben Begriffe von der Weisheit des höchsten Wesens, von seiner Güte, von seiner Gerechtigkeit – aber keinen von seiner Allmacht. Seine Allmacht zu bezeichnen, helfen wir uns mit der stückweisen Vorstellung dreier Sukzessionen: Nichts, sein Wille und Etwas. Es ist wüste und finster – Gott ruft: Licht – und es wird Licht. Hätten wir eine Real-Idee seiner wirkenden Allmacht, so wären wir Schöpfer, wie Er.

Jede Vollkommenheit also, die ich wahrnehme, wird mein eigen, sie gibt mir Freude, weil sie mein eigen ist, ich begehre sie, weil ich mich selbst liebe. Vollkommenheit in der Natur ist keine Eigenschaft der Materie, sondern der Geister. Alle Geister sind glücklich durch ihre Vollkommenheit. Ich begehre das Glück aller Geister, weil ich mich selbst liebe. Die Glückseligkeit, die ich mir vorstelle, wird meine Glückseligkeit, also liegt mir daran, diese Vorstellungen zu erwecken, zu vervielfältigen, zu erhöhen – also liegt mir daran, Glückseligkeit um mich her zu verbreiten. Welche Schönheit, welche Vortrefflichkeit, welchen Genuß ich außer mir hervorbringe, bringe ich mir hervor, welchen ich vernachlässige, zerstöre, zerstöre ich mir, vernachlässige ich mir – Ich begehre fremde Glückseligkeit, weil ich meine eigne begehre. Begierde nach fremder Glückseligkeit nennen wir Wohlwollen, Liebe.

Liebe also – das schönste Phänomen in der beseelten Schöpfung, der allmächtige Magnet in der Geisterwelt, die Quelle der Andacht und der erhabensten Tugend – Liebe ist nur der Widerschein dieser einzigen Urkraft, eine Anziehung des Vortrefflichen, gegründet auf einen augenblicklichen Tausch der Persönlichkeit, eine Verwechslung der Wesen.

Wenn ich hasse, so nehme ich mir etwas, wenn ich liebe, so werde ich um das reicher, was ich liebe. Verzeihung ist das Wiederfinden eines veräußerten Eigentums – Menschenhaß ein verlängerter Selbstmord; Egoismus die höchste Armut eines erschaffenen Wesens.

Die Philosophie unsrer Zeiten – ich fürchte es – widerspricht dieser Lehre. Viele unsrer denkenden Köpfe haben es sich angelegen sein lassen, diesen himmlischen Trieb aus der menschlichen Seele hinwegzuspotten, das Gepräge der Gottheit zu verwischen und diese Energie, diesen edeln Enthusiasmus im kalten, tötenden Hauch einer kleinmütigen Indifferenz aufzulösen. Im Knechtsgefühle ihrer eignen Entwürdigung haben sie sich mit dem gefährlichen Feinde des Wohlwollens, dem Eigennutz, abgefunden, ein Phänomen zu erklären, das ihrem begrenzten Herzen zu göttlich war. Aus einem dürftigen Egoismus haben sie ihre trostlose Lehre gesponnen und ihre eigene Beschränkung zum Maßstab des Schöpfers gemacht – Entartete Sklaven, die unter dem Klang ihrer Ketten die Freiheit verschreien.

Das Universum ist ein Gedanke Gottes. Nachdem dieses idealische Geistesbild in die Wirklichkeit hinübertrat und die geborene Welt den Riß ihres Schöpfers erfüllte – erlaube mir diese menschliche Vorstellung – so ist der Beruf aller denkenden Wesen, in diesem vorhandenen Ganzen die erste Zeichnung wiederzufinden, die Regel in der Maschine, die Einheit in der Zusammensetzung, das Gesetz in dem Phänomen aufzusuchen und das Gebäude rückwärts auf seinen Grundriß zu übertragen. Also gibt es für mich nur eine einzige Erscheinung in der Natur, das denkende Wesen. Die große Zusammensetzung, die wir Welt nennen, bleibt mir jetzo nur merkwürdig, weil sie vorhanden ist, mir die mannigfaltigen Äußerungen jenes Wesens symbolisch zu bezeichnen. Alles in mir und außer mir ist nur Hieroglyphe einer Kraft, die mir ähnlich ist. Die Gesetze der Natur sind die Chiffern, welche das denkende Wesen zusammenfügt, sich dem denkenden Wesen verständlich zu machen – das Alphabet, vermittelst dessen alle Geister mit dem vollkommensten Geist und mit sich selbst unterhandeln. Harmonie, Wahrheit, Ordnung, Schönheit, Vortrefflichkeit geben mir Freude, weil sie mich in den tätigen Zustand ihres Erfinders, ihres Besitzers versetzen, weil sie mir die Gegenwart eines vernünftig empfindenden Wesens verraten und meine Verwandtschaft mit diesem Wesen mich ahnden lassen. Eine neue Erfahrung in diesem Reiche der Wahrheit, die Gravitation, der entdeckte Umlauf des Blutes, das Natursystem des Linnäus, heißen mir ursprünglich eben das, was eine Antike, in Herkulanum hervorgegraben – beides nur Widerschein eines Geistes, neue Bekanntschaft mit einem mir ähnlichen Wesen. Ich bespreche mich mit dem Unendlichen durch das Instrument der Natur, durch die Weltgeschichte – ich lese die Seele des Künstlers in seinem Apollo.

Vier Elemente sind es, woraus alle Geister schöpfen, ihr Ich, die Natur, Gott und die Zukunft. Alle mischen sie millionenfach anders, geben sie millionenfach anders wieder, aber eine Wahrheit ist es, die, gleich einer festen Achse, gemeinschaftlich durch alle Religionen und alle Systeme geht – „Nähert euch dem Gott, den ihr meinet.“

Don Karlos
III 10

MARQUIS: [...] Geben Sie

Gedankenfreiheit. –

Sich ihm zu Füßen werfend.

KÖNIG überrascht, das Gesicht weggewandt und dann wieder auf den Marquis geheftet.

Sonderbarer Schwärmer!

Doch – stehet auf – ich –

MARQUIS: Sehen Sie sich um

In seiner herrlichen Natur! Auf Freiheit

Ist sie gegründet – und wie reich ist sie

Durch Freiheit! Er, der große Schöpfer, wirft

In einen Tropfen Tau den Wurm, und läßt

Noch in den toten Räumen der Verwesung

Die Willkür sich ergetzen – Ihre Schöpfung,

Wie eng und arm! Das Rauschen eines Blattes

Erschreckt den Herrn der Christenheit – Sie müssen

Vor jeder Tugend zittern. Er – der Freiheit

Entzückende Erscheinung nicht zu stören –

Er läßt des Übels grauenvolles Heer

In seinem Weltall lieber toben – ihn,

Den Künstler, wird man nicht gewahr, bescheiden

Verhüllt er sich in ewige Gesetze;

Die sieht der Freigeist, doch nicht ihn. Wozu

Ein Gott? sagt er; die Welt ist sich genug.

Und keines Christen Andacht hat ihn mehr

Als dieses Freigeists Lästerung gepriesen.

KÖNIG: Und wollet Ihr es unternehmen, dies

Erhabne Muster in der Sterblichkeit

In meinen Staaten nachzubilden?

MARQUIS: Sie,

Sie können es. Wer anders? Weihen Sie

Dem Glück der Völker die Regentenkraft,

Die – ach so lang – des Thrones Größe nur

Gewuchert hatte – stellen Sie der Menschheit

Verlornen Adel wieder her. Der Bürger

Sei wiederum, was er zuvor gewesen,

Der Krone Zweck – ihn binde keine Pflicht

Als seiner Brüder gleich ehrwürdge Rechte.

An Ferdinand Huber, Weimar 28. August 1787

Glaube mir, es steht unendlich vielen unserer Gewalt, wir haben unser Vermögen nicht gekannt – dieses Vermögen ist die Zeit. Eine gewissenhafte sorgfältige Anwendung dieser kann erstaunlich viel aus uns machen. Und wie schön wie beruhigend ist der Gedanke, durch den bloßen richtigen Gebrauch der Zeit, die unser Eigentum ist, sich selbst, ohne fremde Hilfe ohne Abhängigkeit von Außendingen, sich selbst alle Güter des Lebens erwerben zu können. Mit welchem Rechte können wir das Schicksal oder den Himmel darüber belangen, das uns weniger als andere begünstigte – Er gab uns Zeit und wir haben alles sobald wir Verstand und ernstlichen Willen haben mit diesem Kapitale zu wuchern.

An Christian Gottfried Körner, Weimar 7. Januar 1788

Ohngeachtet ich lange Zeit eines Freundes nicht so bedürftig gewesen bin, kann ich es doch immer noch nicht erlangen, Dir, mein Lieber, etwas vollständiges und klares über mich selbst und meine gegenwärtigen Empfindungen zu schreiben. Fürs erste gehe ich wirklich seltener mit mir selbst um, ich bin mir ein fremdes Wesen geworden, weil mir meine Arbeiten wenig Zeit lassen, meinem inneren Ideengange zu folgen; und dann bin ich meiner Gedanken und der Erfahrungen über mich selbst noch nicht so Meister, um sie darstellen zu können. Kannst Du wohl aus einer Folge meiner Briefe an Dich die gegenwärtige Stellung meines Gemüts erraten? Ich glaube, kaum.

[...]

Aber ich muß eine Frau dabei ernähren können, denn noch einmal, mein Lieber, dabei bleibt es, daß ich heirate. Könntest Du in meiner Seele so lesen, wie ich selbst, Du würdest keine Minute darüber unentschieden sein. Alle meine Triebe zu Leben und Tätigkeit sind in mir abgenützt; diesen einzigen habe ich noch nicht versucht. Ich führe eine elende Existenz, elend durch den inneren Zustand meines Wesens. Ich muß ein Geschöpf um mich haben, das mir gehört, das ich glücklich machen kann und muß, an dessen Dasein mein eigenes sich erfrischen kann. [...] Ich bin bis jetzt, ein isolierter fremder Mensch in der Natur herumgeirrt, und habe nichts als Eigentum besessen. Alle Wesen, an die ich mich fesselte, haben etwas gehabt, das ihnen teurer war als ich, und damit kann sich mein Herz nicht behelfen. Ich sehne mich nach einer bürgerlichen und häuslichen Existenz, und das ist das Einzige, was ich jetzt noch hoffe.

AUCH ICH WAR IN
ARKADIEN GEBOREN
Die Götter Griechenlandes

Da ihr noch die schöne Welt regiertet,

An der Freude leichtem Gängelband

Glücklichere Menschalter führtet,

Schöne Wesen aus dem Fabelland!

Ach! da euer Wonnedienst noch glänzte,

Wie ganz anders, anders war es da!

Da man deine Tempel noch bekränzte,

Venus Amathusia!

Da der Dichtkunst malerische Hülle

Sich noch lieblich um die Wahrheit wand! –

Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,

Und, was nie empfinden wird, empfand.

An der Liebe Busen sie zu drücken,

Gab man höhern Adel der Natur.

Alles wies den eingeweihten Blicken,

Alles eines Gottes Spur.

Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen,

Seelenlos ein Feuerball sich dreht,

Lenkte damals seinen goldnen Wagen

Helios in stiller Majestät.

Diese Höhen füllten Oreaden,

Eine Dryas starb mit jenem Baum,

Aus den Urnen lieblicher Najaden

Sprang der Ströme Silberschaum.

Jener Lorbeer wand sich einst um Hilfe,

Tantals Tochter schweigt in diesem Stein,

Syrinx’ Klage tönt’ aus jenem Schilfe,

Philomelens Schmerz in diesem Hain.

Jener Bach empfing Demeters Zähre,

Die sie um Persephonen geweint,

Und von diesem Hügel rief Cythere,

Ach, vergebens! ihrem schönen Freund.

Zu Deukalions Geschlechte stiegen

Damals noch die Himmlischen herab,

Pyrrhas schöne Töchter zu besiegen,

Nahm Hyperion den Hirtenstab.

Zwischen Menschen, Göttern und Heroen

Knüpfte Amor einen schönen Bund.

Sterbliche mit Göttern und Heroen

Huldigten in Amathunt.

Betend an der Grazien Altären

Kniete da die holde Priesterin,

Sandte stille Wünsche an Cytheren

Und Gelübde an die Charitin.

Hoher Stolz, auch droben zu gebieten,

Lehrte sie den göttergleichen Rang,

Und des Reizes heilgen Gürtel hüten,

Der den Donnrer selbst bezwang.

Himmlisch und unsterblich war das Feuer,

Das in Pindars stolzen Hymnen floß,

Niederströmte in Arions Leier,

In den Stein des Phidias sich goß.

Beßre Wesen, edlere Gestalten

Kündigten die hohe Abkunft an.

Götter, die vom Himmel niederwallten,

Sahen hier ihn wieder aufgetan.

Werter war von eines Gottes Güte,

Teurer jede Gabe der Natur.

Unter Iris’ schönem Bogen blühte

Reizender die perlenvolle Flur.

Prangender erschien die Morgenröte

In Himerens rosigtem Gewand,

Schmelzender erklang die Flöte

In des Hirtengottes Hand.

Liebenswerter malte sich die Jugend,

Blühender in Ganymeda’s Bild,

Heldenkühner, göttlicher die Tugend

Mit Tritoniens Medusenschild.

Sanfter war, da Hymen es noch knüpfte,

Heiliger der Herzen ewges Band.

Selbst des Lebens zarter Faden schlüpfte

Weicher durch der Parzen Hand.

Das Evoë muntrer Thyrsusschwinger

Und der Panther prächtiges Gespann

Meldeten den großen Freudebringer.

Faun und Satyr taumeln ihm voran,

Um ihn springen rasende Mänaden,

Ihre Tänze loben seinen Wein,

Und die Wangen des Bewirters laden

Lustig zu dem Becher ein.

Höher war der Gabe Wert gestiegen,

Die der Geber freundlich mit genoß,

Näher war der Schöpfer dem Vergnügen,

Das im Busen des Geschöpfes floß.

Nennt der meinige sich dem Verstande?

Birgt ihn etwa der Gewölke Zelt?

Mühsam späh ich im Ideenlande,

Fruchtlos in der Sinnenwelt.

Eure Tempel lachten gleich Palästen,

Euch verherrlichte das Heldenspiel

An des Isthmus kronenreichen Festen,

Und die Wagen donnerten zum Ziel.

Schön geschlungne seelenvolle Tänze

Kreisten um den prangenden Altar,

Eure Schläfe schmückten Siegeskränze,

Kronen euer duftend Haar.

Seiner Güter schenkte man das beste,

Seiner Lämmer liebstes gab der Hirt,

Und der Freudetaumel seiner Gäste

Lohnte dem erhabnen Wirt.

Wohin tret ich? Diese traurge Stille

Kündigt sie mir meinen Schöpfer an?

Finster, wie er selbst, ist seine Hülle,

Mein Entsagen – was ihn feiern kann.

Damals trat kein gräßliches Gerippe

Vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuß

Nahm das letzte Leben von der Lippe,

Still und traurig senkt’ ein Genius

Seine Fackel. Schöne, lichte Bilder

Scherzten auch um die Notwendigkeit,

Und das ernste Schicksal blickte milder

Durch den Schleier sanfter Menschlichkeit.

Nach der Geister schrecklichen Gesetzen

Richtete kein heiliger Barbar,

Dessen Augen Tränen nie benetzen,

Zarte Wesen, die ein Weib gebar.

Selbst des Orkus strenge Richterwaage

Hielt der Enkel einer Sterblichen,

Und des Thrakers seelenvolle Klage

Rührte die Erinnyen.

Seine Freuden traf der frohe Schatten

In Elysiens Hainen wieder an;

Treue Liebe fand den treuen Gatten

Und der Wagenlenker seine Bahn;

Orpheus’ Spiel tönt die gewohnten Lieder,

In Alcestens Arme sinkt Admet,

Seinen Freund erkennt Orestes wieder,

Seine Waffen Philoktet.

Aber ohne Wiederkehr verloren

Bleibt, was ich auf dieser Welt verließ,

Jede Wonne hab ich abgeschworen,

Alle Bande, die ich selig pries.

Fremde, nie verstandene Entzücken

Schaudern mich aus jenen Welten an,

Und für Freuden, die mich jetzt beglücken,

Tausch ich neue, die ich missen kann.

Höhre Preise stärkten da den Ringer

Auf der Tugend arbeitvoller Bahn:

Großer Taten herrliche Vollbringer

Klimmten zu den Seligen hinan;

Vor dem Wiederforderer der Toten

Neigte sich der Götter stille Schar.

Durch die Fluten leuchtet dem Piloten

Vom Olymp das Zwillingspaar.

Schöne Welt, wo bist du? – Kehre wieder,

Holdes Blütenalter der Natur!

Ach! nur in dem Feenland der Lieder

Lebt noch deine goldne Spur.

Ausgestorben trauert das Gefilde,

Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,

Ach! von jenem lebenwarmen Bilde

Blieb nur das Gerippe mir zurück.

Alle jenen Blüten sind gefallen

Von des Nordes winterlichem Wehn.

Einen zu bereichern, unter allen,

Mußte diese Götterwelt vergehn.

Traurig such ich an dem Sternenbogen,

Dich, Selene, find ich dort nicht mehr;

Durch die Wälder ruf ich, durch die Wogen,

Ach! sie widerhallen leer!

Unbewußt der Freuden, die sie schenket,

Nie entzückt von ihrer Trefflichkeit,

Nie gewahr des Armes, der sie lenket,

Reicher nie durch meine Dankbarkeit,

Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre,

Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr,

Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere,

Die entgötterte Natur!

Morgen wieder neu sich zu entbinden,

Wühlt sie heute sich ihr eignes Grab,

Und an ewig gleicher Spindel winden

Sich von selbst die Monde auf und ab.

Müßig kehrten zu dem Dichterlande

Heim die Götter, unnütz einer Welt,

Die, entwachsen ihrem Gängelbande,

Sich durch eignes Schweben hält.

Freundlos, ohne Bruder, ohne Gleichen,

Keiner Göttin, keiner Irdschen Sohn,

Herrscht ein andrer in des Äthers Reichen

Auf Saturnus’ umgestürztem Thron.

Selig, eh sich Wesen um ihn freuten,

Selig im entvölkerten Gefild,

Sieht er in dem langen Strom der Zeiten

Ewig nur – sein eignes Bild.

Bürger des Olymps konnt ich erreichen,

Jenem Gotte, den sein Marmor preist,

Konnte einst der hohe Bildner gleichen;

Was ist neben dir der höchste Geist

Derer, welche Sterbliche gebaren?

Nur der Würmer Erster, Edelster.

Da die Götter menschlicher noch waren,

Waren Menschen göttlicher.

Dessen Strahlen mich darnieder schlagen,

Werk und Schöpfer des Verstandes! dir

Nachzuringen, gib mir Flügel, Waagen,

Dich zu wägen – oder nimm von mir,

Nimm die ernste, strenge Göttin wieder,

Die den Spiegel blendend vor mir hält;

Ihre sanftre Schwester sende nieder,

Spare jene für die andre Welt.

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