Read the book: «Don Carlos»

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Friedrich Schiller

Don Carlos

INFANT VON SPANIEN

Ein dramatisches Gedicht

Saga

Don CarlosCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1787, 2020 Friedrich Schiller und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726630886

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

PERSONEN

 

 Philipp der Zweite, König von Spanien

 

 Elisabeth von Valois, seine Gemahlin

 

 Don Carlos, der Kronprinz

 

 Alexander Farnese, Prinz von Parma, Neffe des Königs

 

 Infantin Klara Eugenia, ein Kind von drei Jahren

 

 Herzogin von Olivarez, Oberhofmeisterin

 

 Marquisin von MondekarDamen der Königin

 

 Prinzessin von Eboli Damen der Königin

 

 Gräfin FuentesDamen der Königin

 

 Marquis Von Posa, ein Malteserritter

 

 Herzog von Alba Granden von Spanien

 

 Graf von Lerma, Oberster der Leibwache Granden von Spanien

 

 Herzog von Feria, Ritter des Vlieses Granden von Spanien

 

 Herzog von Medina Sidonia, Admiral Granden von Spanien

 

 Don Raimond von Taxis, Oberpostmeister Granden von Spanien

 

 Domingo, Beichtvater des Königs

 

 Der Großinquisitor des Königreichs

 

 Der Prior eines Kartäuserklosters

 

 Ein Page der Königin

 

 Don Ludwig Merkado, Leibarzt der Königin

Mehrere Damen und Granden, Pagen, Offiziere,

die Leibwache und verschiedene stumme Personen

ERSTER AKT

Der königliche Garten in Aranjuez.

Erster Auftritt

Carlos, Domingo.

domingo:

Die schönen Tage in Aranjuez

Sind nun zu Ende. Eure Königliche Hoheit

Verlassen es nicht heiterer. Wir sind

Vergebens hier gewesen. Brechen Sie

Dies rätselhafte Schweigen. Öffnen Sie

Ihr Herz dem Vaterherzen, Prinz. Zu teuer

Kann der Monarch die Ruhe seines Sohns –

Des einz’gen Sohns – zu teuer nie erkaufen.

Carlos sieht zur Erde und schweigt.

Wär noch ein Wunsch zurücke, den der Himmel

Dem liebsten seiner Söhne weigerte?

Ich stand dabei, als in Toledos Mauern

Der stolze Karl die Huldigung empfing,

Als Fürsten sich zu seinem Handkuß drängten

Und jetzt in einem – einem Niederfall

Sechs Königreiche ihm zu Füßen lagen –

Ich stand und sah das junge stolze Blut

In seine Wangen steigen, seinen Busen

Von fürstlichen Entschlüssen wallen, sah

Sein trunknes Aug’ durch die Versammlung fliegen,

In Wonne brechen – Prinz, und dieses Auge

Gestand: Ich bin gesättigt.

Carlos wendet sich weg.Dieser stille

Und feierliche Kummer, Prinz, den wir

Acht Monde schon in Ihren Blicken lesen,

Das Rätsel dieses ganzen Hofs, die Angst

Des Königreichs, hat Seiner Majestät

Schon manche sorgenvolle Nacht gekostet,

Schon manche Träne Ihrer Mutter.

carlos dreht sich rasch um: Mutter?

– O Himmel, gib, daß ich es dem vergesse,

Der sie zu meiner Mutter machte!

domingo: Prinz?

carlos besinnt sich und fährt mit der Hand über die Stirne:

Hochwürd’ger Herr – ich habe sehr viel Unglück

Mit meinen Müttern. Meine erste Handlung,

Als ich das Licht der Welt erblickte, war

Ein Muttermord.

domingo: Ist’s möglich, gnäd’ger Prinz?

Kann dieser Vorwurf Ihr Gewissen drücken?

carlos:

Und meine neue Mutter – hat sie mir

Nicht meines Vaters Liebe schon gekostet?

Mein Vater hat mich kaum geliebt. Mein ganzes

Verdienst war noch, sein Einziger zu sein.

Sie gab ihm eine Tochter – O, wer weiß,

Was in der Zeiten Hintergrunde schlummert?

domingo:

Sie spotten meiner, Prinz. Ganz Spanien

Vergöttert seine Königin. Sie sollten

Nur mit des Hasses Augen sie betrachten?

Bei ihrem Anblick nur die Klugheit hören?

Wie, Prinz? Die schönste Frau auf dieser Welt

Und Königin – und ehmals Ihre Braut?

Unmöglich, Prinz! Unglaublich! Nimmermehr!

Wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen;

So seltsam widerspricht sich Carlos nicht.

Verwahren Sie sich, Prinz, daß sie es nie,

Wie sehr sie ihrem Sohn mißfällt, erfahre;

Die Nachricht würde schmerzen.

carlos: Glauben Sie?

domingo:

Wenn Eure Hoheit sich des letzteren

Turniers zu Saragossa noch entsinnen,

Wo unsern Herrn ein Lanzensplitter streifte –

Die Königin mit ihren Damen saß

Auf des Palastes mittlerer Tribüne

Und sah dem Kampfe zu. Auf einmal rief’s:

„Der König blutet!“ – Man rennt durcheinander,

Ein dumpfes Murmeln dringt bis zu dem Ohr

Der Königin. „Der Prinz?“ ruft sie und will –

Und will sich von dem obersten Geländer

Herunterwerfen. – „Nein! Der König selbst!“

Gibt man zur Antwort – „So laßt Ärzte holen!“

Erwidert sie, indem sie Atem schöpfte.

Nach einigem Stillschweigen.

Sie stehen in Gedanken?

carlos: Ich bewundre

Des Königs lust’gen Beichtiger, der so

Bewandert ist in witzigen Geschichten.

Ernsthaft und finster.

Doch hab ich immer sagen hören, daß

Gebärdenspäher und Geschichtenträger

Des Übels mehr auf dieser Welt getan,

Als Gift und Dolch in Mörders Hand nicht konnten.

Die Mühe, Herr, war zu ersparen. Wenn

Sie Dank erwarten, gehen Sie zum König.

domingo:

Sie tun sehr wohl, mein Prinz, sich vorzusehn

Mit Menschen – nur mit Unterscheidung. Stoßen

Sie mit dem Heuchler nicht den Freund zurück.

Ich mein es gut mit Ihnen.

carlos: Lassen Sie

Das meinen Vater ja nicht merken. Sonst

Sind Sie um Ihren Purpur 1 .

domingo stutzt: Wie?

carlos: Nun ja.

Versprach er Ihnen nicht den ersten Purpur,

Den Spanien vergeben würde?

domingo: Prinz,

Sie spotten meiner.

carlos: Das verhüte Gott,

Daß ich des fürchterlichen Mannes spotte,

Der meinen Vater seligsprechen und

Verdammen kann!

domingo: Ich will mich nicht

Vermessen, Prinz, in das ehrwürdige

Geheimnis Ihres Kummers einzudringen.

Nur bitt ich Eure Hoheit, eingedenk

Zu sein, daß dem beängstigten Gewissen

Die Kirche eine Zuflucht aufgetan,

Wozu Monarchen keinen Schlüssel haben,

Wo selber Missetaten unterm Siegel

Des Sakramentes aufgehoben liegen –

Sie wissen, was ich meine, Prinz. Ich habe

Genug gesagt.

carlos: Nein, das sei fern von mir,

Daß ich den Siegelführer so versuchte!

domingo:

Prinz, dieses Mißtraun – Sie verkennen Ihren

Getreusten Diener.

carlos faßt ihn bei der Hand:

Also geben Sie

Mich lieber auf. Sie sind ein heil’ger Mann,

Das weiß die Welt – doch, freiheraus – für mich

Sind Sie bereits zu überhäuft. Ihr Weg,

Hochwürd’ger Vater, ist der weiteste,

Bis Sie auf Peters Stuhle niedersitzen.

Viel Wissen möchte Sie beschweren. Melden

Sie das dem König, der Sie hergesandt.

domingo:

Mich hergesandt? –

carlos: So sagt ich. O, zu gut,

Zu gut weiß ich, daß ich an diesem Hof

Verraten bin – ich weiß, daß hundert Augen

Gedungen sind, mich zu bewachen, weiß,

Daß König Philipp seinen einz’gen Sohn

An seiner Knechte schlechtesten verkaufte

Und jede von mir aufgefangne Silbe

Dem Hinterbringer fürstlicher bezahlt,

Als er noch keine gute Tat bezahlte.

Ich weiß – O still! Nichts mehr davon! Mein Herz

Will überströmen, und ich habe schon

Zuviel gesagt.

domingo: Der König ist gesonnen,

Vor Abend in Madrid noch einzutreffen.

Bereits versammelt sich der Hof. Hab ich

Die Gnade, Prinz –

carlos: Schon gut. Ich werde folgen.

Domingo geht ab. Nach einem Stillschweigen.

Beweinenswerter Philipp, wie dein Sohn

Beweinenswert! – Schon seh ich deine Seele

Vom gift’gen Schlangenbiß des Argwohns bluten;

Dein unglücksel’ger Vorwitz übereilt

Die fürchterlichste der Entdeckungen,

Und rasen wirst du, wenn du sie gemacht.

Zweiter Auftritt

Carlos. Marquis von Posa.

carlos:

Wer kommt? – Was seh ich? O ihr guten Geister!

Mein Roderich!

marquis: Mein Carlos!

carlos: Ist es möglich?

Ist’s wahr? Ist’s wirklich? Bist du’s? – O, du bist’s!

Ich drück an meine Seele dich, ich fühle

Die deinige allmächtig an mir schlagen.

O, jetzt ist alles wieder gut. In dieser

Umarmung heilt mein krankes Herz. Ich liege

Am Halse meines Roderich.

marquis: Ihr krankes,

Ihr krankes Herz? Und was ist wieder gut?

Was ist’s, das wieder gut zu werden brauchte?

Sie hören, was mich stutzen macht.

carlos: Und was

Bringt dich so unverhofft aus Brüssel wieder?

Wem dank ich diese Überraschung? Wem?

Ich frage noch? Verzeih dem Freudetrunknen,

Erhabne Vorsicht, diese Lästerung!

Wem sonst als dir, Allgütigste? Du wußtest,

Daß Carlos ohne Engel war, du sandtest

Mir diesen, und ich frage noch?

marquis: Vergebung,

Mein teurer Prinz, wenn ich dies stürmische

Entzücken mit Bestürzung nur erwidre.

So war es nicht, wie ich Don Philipps Sohn

Erwartete. Ein unnatürlich Rot

Entzündet sich auf Ihren blassen Wangen,

Und Ihre Lippen zittern fieberhaft.

Was muß ich glauben, teurer Prinz? – Das ist

Der löwenkühne Jüngling nicht, zu dem

Ein unterdrücktes Heldenvolk mich sendet –

Denn jetzt steh ich als Roderich nicht hier,

Nicht als des Knaben Carlos Spielgeselle –

Ein Abgeordneter der ganzen Menschheit

Umarm ich Sie – es sind die flandrischen

Provinzen, die an Ihrem Halse weinen

Und feierlich um Rettung Sie bestürmen.

Getan ist’s um Ihr teures Land, wenn Alba,

Des Fanatismus rauher Henkersknecht,

Vor Brüssel rückt mit spanischen Gesetzen.

Auf Kaiser Karls glorwürd’gem Enkel ruht

Die letzte Hoffnung dieser edeln Lande.

Sie stürzt dahin, wenn sein erhabnes Herz

Vergessen hat, für Menschlichkeit zu schlagen.

carlos:

Sie stürzt dahin.

marquis: Weh mir! Was muß ich hören!

carlos:

Du sprichst von Zeiten, die vergangen sind.

Auch mir hat einst von einem Karl geträumt,

Dem’s feurig durch die Wangen lief, wenn man

Von Freiheit sprach – doch der ist lang begraben.

Den du hier siehst, das ist der Karl nicht mehr,

Der in Alkala 2 von dir Abschied nahm,

Der sich vermaß in süßer Trunkenheit,

Der Schöpfer eines neuen goldnen Alters

In Spanien zu werden – O, der Einfall

War kindisch, aber göttlich schön! Vorbei

Sind diese Träume. –

marquis: Träume, Prinz? – So wären

Es Träume nur gewesen?

carlos: Laß mich weinen,

An deinem Herzen heiße Tränen weinen,

Du einz’ger Freund. Ich habe niemand – niemand –

Auf dieser großen, weiten Erde niemand.

So weit das Zepter meines Vaters reicht,

So weit die Schiffahrt unsre Flaggen sendet,

Ist keine Stelle – keine – keine, wo

Ich meiner Tränen mich entlasten darf,

Als diese. O, bei allem, Roderich,

Was du und ich dereinst vom Himmel hoffen,

Verjage mich von dieser Stelle nicht.

Marquis neigt sich über ihn in spracbloser Rührung.

carlos:

Berede dich, ich wär ein Waisenkind,

Das du am Thron mitleidig aufgelesen.

Ich weiß ja nicht, was Vater heißt – ich bin

Ein Königssohn – O, wenn es eintrifft, was

Mein Herz mir sagt, wenn du aus Millionen

Herausgefunden bist, mich zu verstehn,

Wenn’s wahr ist, daß die schaffende Natur

Den Roderich im Carlos wiederholte

Und unsrer Seelen zartes Saitenspiel

Am Morgen unsres Lebens gleich bezog,

Wenn eine Träne, die mir Lindrung gibt,

Dir teurer ist als meines Vaters Gnade –

marquis:

O teurer als die ganze Welt.

carlos: So tief

Bin ich gefallen – bin so arm geworden,

Daß ich an unsre frühen Kinderjahre

Dich mahnen muß – daß ich dich bitten muß,

Die lang vergeßnen Schulden abzutragen,

Die du noch im Matrosenkleide machtest –

Als du und ich, zween Knaben wilder Art,

So brüderlich zusammen aufgewachsen,

Kein Schmerz mich drückte, als von deinem Geiste

So sehr verdunkelt mich zu sehn – ich endlich

Mich kühn entschloß, dich grenzenlos zu lieben,

Weil mich der Mut verließ, dir gleich zu sein.

Da fing ich an, mit tausend Zärtlichkeiten

Und treuer Bruderliebe dich zu quälen;

Du stolzes Herz gabst sie mir kalt zurück.

Oft stand ich da, und – doch das sahst du nie!

Und heiße, schwere Tränentropfen hingen

In meinem Aug’, wenn du, mich überhüpfend,

Geringre Kinder in die Arme drücktest.

Warum nur diese? rief ich trauernd aus:

Bin ich dir nicht auch herzlich gut? – Du aber,

Du knietest kalt und ernsthaft vor mir nieder:

Das, sagtest du, gebührt dem Königssohn.

marquis:

O stille, Prinz, von diesen kindischen

Geschichten, die mich jetzt noch schamrot machen.

carlos:

Ich hatt es nicht um dich verdient. Verschmähen,

Zerreißen konntest du mein Herz, doch nie

Von dir entfernen. Dreimal wiesest du

Den Fürsten von dir, dreimal kam er wieder

Als Bittender, um Liebe dich zu flehn

Und dir gewaltsam Liebe aufzudringen.

Ein Zufall tat, was Carlos nie gekonnt.

Einmal geschah’s bei unsern Spielen, daß

Der Königin von Böhmen, meiner Tante,

Dein Federball ins Auge flog. Sie glaubte,

Daß es mit Vorbedacht geschehn, und klagt’ es

Dem Könige mit tränendem Gesicht.

Die ganze Jugend des Palastes muß

Erscheinen, ihm den Schuldigen zu nennen.

Der König schwört, die hinterlist’ge Tat,

Und wär es auch an seinem eignen Kinde,

Aufs schrecklichste zu ahnden. – Damals sah ich

Dich zitternd in der Ferne stehn, und jetzt,

Jetzt trat ich vor und warf mich zu den Füßen

Des Königs. Ich, ich tat es, rief ich aus:

An deinem Sohn erfülle deine Rache!

marquis:

Ach, woran mahnen Sie mich, Prinz!

carlos: Sie ward’s!

Im Angesicht des ganzen Hofgesindes,

Das mitleidsvoll im Kreise stand, ward sie

Auf Sklavenart an deinem Karl vollzogen.

Ich sah auf dich und weinte nicht. Der Schmerz

Schlug meine Zähne knirschend aneinander;

Ich weinte nicht. Mein königliches Blut

Floß schändlich unter unbarmherz’gen Streichen;

Ich sah auf dich und weinte nicht – Du kamst;

Laut weinend sankst du mir zu Füßen. Ja,

Ja, riefst du aus, mein Stolz ist überwunden.

Ich will bezahlen, wenn du König bist.

marquis reicht ihm die Hand:

Ich will es, Karl. Das kindische Gelübde

Erneur’ ich jetzt als Mann. Ich will bezahlen.

Auch meine Stunde schlägt vielleicht.

carlos: Jetzt, jetzt –

O zögre nicht – jetzt hat sie ja geschlagen.

Die Zeit ist da, wo du es lösen kannst.

Ich brauche Liebe. – Ein entsetzliches

Geheimnis brennt auf meiner Brust. Es soll,

Es soll heraus. In deinen blassen Mienen

Will ich das Urteil meines Todes lesen.

Hör an – erstarre – doch erwidre nichts –

Ich liebe meine Mutter.

marquis: O mein Gott!

carlos:

Nein! Diese Schonung will ich nicht. Sprich’s aus

Sprich, daß auf diesem großen Rund der Erde

Kein Elend an das meine grenze – sprich –

Was du mir sagen kannst, errat ich schon.

Der Sohn liebt seine Mutter. Weltgebräuche,

Die Ordnung der Natur und Roms Gesetze

Verdammen diese Leidenschaft. Mein Anspruch

Stößt fürchterlich auf meines Vaters Rechte.

Ich fühl’s, und dennoch lieb ich. Dieser Weg

Führt nur zum Wahnsinn oder Blutgerüste.

Ich liebe ohne Hoffnung – lasterhaft –

Mit Todesangst und mit Gefahr des Lebens –

Das seh ich ja, und dennoch lieb ich.

marquis: Weiß

Die Königin um diese Neigung?

carlos: Konnt ich

Mich ihr entdecken? Sie ist Philipps Frau

Und Königin, und das ist span’scher Boden.

Von meines Vaters Eifersucht bewacht,

Von Etikette ringsum eingeschlossen,

Wie konnt ich ohne Zeugen mich ihr nahn?

Acht höllenbange Monde sind es schon,

Daß von der hohen Schule mich der König

Zurückberief, daß ich sie täglich anzuschauen

Verurteilt bin und wie das Grab zu schweigen.

Acht höllenbange Monde, Roderich,

Daß dieses Feu’r in meinem Busen wütet,

Daß tausendmal sich das entsetzliche

Geständnis schon auf meinen Lippen meldet,

Doch scheu und feig zurück zum Herzen kriecht.

O Roderich – nur wen’ge Augenblicke

Allein mit ihr –

marquis: Ach! Und Ihr Vater, Prinz –

carlos:

Unglücklicher! Warum an den mich mahnen?

Sprich mir von allen Schrecken des Gewissens,

Von meinem Vater sprich mir nicht.

marquis:

Sie hassen Ihren Vater?

carlos: Nein! Ach, nein!

Ich hasse meinen Vater nicht – doch Schauer

Und Missetäters Bangigkeit ergreifen

Bei diesem fürchterlichen Namen mich.

Kann ich dafür, wenn eine knechtische

Erziehung schon in meinem jungen Herzen

Der Liebe zarten Keim zertrat? Sechs Jahre

Hatt ich gelebt, als mir zum erstenmal

Der Fürchterliche, der, wie sie mir sagten,

Mein Vater war, vor Augen kam. Es war

An einem Morgen, wo er stehnden Fußes

Vier Bluturteile unterschrieb. Nach diesem

Sah ich ihn nur, wenn mir für ein Vergehn

Bestrafung angekündigt ward. – O Gott!

Hier fühl ich, daß ich bitter werde – Weg –

Weg, weg von dieser Stelle!

marquis: Nein, Sie sollen,

Jetzt sollen Sie sich öffnen, Prinz. In Worten

Erleichtert sich der schwer beladne Busen.

carlos:

Oft hab ich mit mir selbst gerungen, oft

Um Mitternacht, wenn meine Wachen schliefen,

Mit heißen Tränengüssen vor das Bild

Der Hochgebenedeiten mich geworfen,

Sie um ein kindlich Herz gefleht – doch ohne

Erhörung stand ich auf. Ach, Roderich!

Enthülle du dies wunderbare Rätsel

Der Vorsicht mir – Warum von tausend Vätern

Just eben diesen Vater mir? Und ihm

Just diesen Sohn von tausend bessern Söhnen?

Zwei unverträglichere Gegenteile

Fand die Natur in ihrem Umkreis nicht.

Wie mochte sie die beiden letzten Enden

Des menschlichen Geschlechtes – mich und ihn –

Durch ein so heilig Band zusammenzwingen?

Furchtbares Los! Warum mußt es geschehn?

Warum zwei Menschen, die sich ewig meiden,

In einem Wunsche schrecklich sich begegnen?

Hier, Roderich, siehst du zwei feindliche

Gestirne, die im ganzen Lauf der Zeiten

Ein einzig Mal in scheitelrechter Bahn

Zerschmetternd sich berühren, dann auf immer

Und ewig auseinanderfliehn.

marquis: Mir ahnet

Ein unglücksvoller Augenblick.

carlos: Mir selbst.

Wie Furien des Abgrunds folgen mir

Die schauerlichsten Träume. Zweifelnd ringt

Mein guter Geist mit gräßlichen Entwürfen;

Durch labyrinthische Sophismen kriecht

Mein unglücksel’ger Scharfsinn, bis er endlich

Vor eines Abgrunds gähem Rande stutzt –

O Roderich, wenn ich den Vater je

In ihm verlernte – Roderich – ich sehe,

Dein totenblasser Blick hat mich verstanden –

Wenn ich den Vater je in ihm verlernte,

Was würde mir der König sein?

marquis nach einigem Stillschweigen: Darf ich

An meinen Carlos eine Bitte wagen?

Was Sie auch willens sind zu tun, versprechen Sie,

Nichts ohne Ihren Freund zu unternehmen.

Versprechen Sie mir dieses?

carlos: Alles, alles,

Was deine Liebe mir gebeut. Ich werfe

Mich ganz in deine Arme.

marquis: Wie man sagt,

Will der Monarch zur Stadt zurückekehren.

Die Zeit ist kurz. Wenn Sie die Königin

Geheim zu sprechen wünschen, kann es nirgends

Als in Aranjuez geschehn. Die Stille

Des Orts – des Landes ungezwungne Sitte

Begünstigen –

carlos: Das war auch meine Hoffnung.

Doch, ach, sie war vergebens!

marquis: Nicht so ganz.

Ich gehe, mich sogleich ihr vorzustellen.

Ist sie in Spanien dieselbe noch,

Die sie vordem an Heinrichs 3 Hof gewesen,

So find ich Offenherzigkeit. Kann ich

In ihren Blicken Carlos’ Hoffnung lesen,

Find ich zu dieser Unterredung sie

Gestimmt – sind ihre Damen zu entfernen –

carlos:

Die meisten sind mir zugetan. – Besonders

Die Mondekar hab ich durch ihren Sohn,

Der mir als Page dient, gewonnen. –

marquis: Desto besser.

So sind Sie in der Nähe, Prinz, sogleich

Auf mein gegebnes Zeichen zu erscheinen.

carlos:

Das will ich – will ich – also eile nur.

marquis:

Ich will nun keinen Augenblick verlieren.

Dort also, Prinz, auf Wiedersehn!

Beide gehen ab zu verschiedenen Seiten.

Die Hofhaltung der Königin in Aranjuez.

Eine einfache ländliche Gegend, von einer Allee durchschnitten,

vom Landhause der Königin begrenzt.

Dritter Auftritt

Die Königin. Die Herzogin von Olivarez. Die Prinzessin von Eboli und die Marquisin Von Mondekar, welche die Allee heraufkommen.

königin zur Marquisin:

Sie will ich um mich haben, Mondekar.

Die muntern Augen der Prinzessin quälen

Mich schon den ganzen Morgen. Sehen Sie,

Kaum weiß sie ihre Freude zu verbergen,

Weil sie vom Lande Abschied nimmt.

eboli: Ich will es

Nicht leugnen, meine Königin, daß ich

Madrid mit großen Freuden wiedersehe.

mondekar:

Und Ihro Majestät nicht auch? Sie sollten

So ungern von Aranjuez sich trennen?

königin:

Von – dieser schönen Gegend wenigstens.

Hier bin ich wie in meiner Welt. Dies Plätzchen

Hab ich mir längst zum Liebling auserlesen.

Hier grüßt mich meine ländliche Natur,

Die Busenfreundin meiner jungen Jahre.

Hier find ich meine Kinderspiele wieder,

Und meines Frankreichs Lüfte wehen hier.

Verargen Sie mir’s nicht. Uns alle zieht

Das Herz zum Vaterland.

eboli: Wie einsam aber,

Wie tot und traurig ist es hier! Man glaubt

Sich in la Trappe 4 .

königin: Das Gegenteil vielmehr.

Tot find ich es nur in Madrid. – Doch was

Spricht unsre Herzogin dazu?

olivarez: Ich bin

Der Meinung, Ihro Majestät, daß es

So Sitte war, den einen Monat hier,

Den andern in dem Pardo 5 auszuhalten,

Den Winter in der Residenz, solange

Es Könige in Spanien gegeben.

königin:

Ja, Herzogin, das wissen Sie, mit Ihnen

Hab ich auf immer mich des Streits begeben.

mondekar:

Und wie lebendig es mit nächstem in

Madrid sein wird! Zu einem Stiergefechte

Wird schon die Plaza Mayor zugerichtet,

Und ein Auto da Fe 6 hat man uns auch

Versprochen –

königin: Uns versprochen! Hör ich das

Von meiner sanften Mondekar?

mondekar: Warum nicht?

Es sind ja Ketzer, die man brennen sieht.

königin:

Ich hoffe, meine Eboli denkt anders.

eboli:

Ich? – Ihro Majestät, ich bitte sehr,

Für keine schlechtre Christin mich zu halten

Als die Marquisin Mondekar.

königin: Ach! Ich

Vergesse, wo ich bin. – Zu etwas anderm. –

Vom Lande, glaub ich, sprachen wir. Der Monat

Ist, deucht mir, auch erstaunlich schnell vorüber.

Ich habe mir der Freude viel, sehr viel

Von diesem Aufenthalt versprochen, und

Ich habe nicht gefunden, was ich hoffte.

Geht es mit jeder Hoffnung so? Ich kann

Den Wunsch nicht finden, der mir fehlgeschlagen.

olivarez:

Prinzessin Eboli, Sie haben uns

Noch nicht gesagt, ob Gomez hoffen darf?

Ob wir Sie bald als seine Braut begrüßen?

königin:

Ja! Gut, daß Sie mich mahnen, Herzogin.

Zur Prinzessin.

Man bittet mich, bei Ihnen fürzusprechen.

Wie aber kann ich das? Der Mann, den ich

Mit meiner Eboli belohne, muß

Ein würd’ger Mann sein.

olivarez: Ihro Majestät,

Das ist er, ein sehr würd’ger Mann, ein Mann,

Den unser gnädigster Monarch bekanntlich

Mit ihrer königlichen Gunst beehren.

königin:

Das wird den Mann sehr glücklich machen. – Doch

Wir wollen wissen, ob er lieben kann

Und Liebe kann verdienen. – Eboli,

Das frag ich Sie.

eboli steht stumm und verwirrt, die Augen zur Erde geschlagen,

endlich fällt sie der Königin zu Füßen:

Großmüt’ge Königin,

Erbarmen Sie sich meiner. Lassen Sie –

Um Gottes willen, lassen Sie mich nicht –

Nicht aufgeopfert werden.

königin: Aufgeopfert?

Ich brauche nichts mehr. Stehn Sie auf. Es ist

Ein hartes Schicksal, aufgeopfert werden.

Ich glaube Ihnen. Stehn Sie auf. – Ist es

Schon lang, daß Sie den Grafen ausgeschlagen?

eboli aufstehend:

O, viele Monate. Prinz Carlos war

Noch auf der hohen Schule.

königin stutzt und sieht sie mit forschenden Augen an:

Haben Sie

Sich auch geprüft, aus welchen Gründen?

eboli mit einiger Heftigkeit: Niemals

Kann es geschehen, meine Königin,

Aus tausend Gründen niemals.

königin sehr ernsthaft: Mehr als einer ist

Zuviel. Sie können ihn nicht schätzen – Das

Ist mir genug. Nichts mehr davon.

Zu den andern Damen. Ich habe

Ja die Infantin heut noch nicht gesehen.

Marquisin, bringen Sie sie mir.

olivarez sieht auf die Uhr: Es ist

Noch nicht die Stunde, Ihro Majestät.

königin:

Noch nicht die Stunde, wo ich Mutter sein darf?

Das ist doch schlimm. Vergessen Sie es ja nicht,

Mich zu erinnern, wenn sie kommt.

Ein Page tritt auf und spricht leise mit der Oberhofmeisterin, welche

sich darauf zur Königin wendet.

olivarez: Der Marquis

Von Posa, Ihro Majestät –

königin: Von Posa?

olivarez:

Er kommt aus Frankreich und den Niederlanden

Und wünscht die Gnade zu erhalten, Briefe

Von der Regentin Mutter übergeben

Zu dürfen.

königin: Und das ist erlaubt?

olivarez bedenklich: In meiner Vorschrift

Ist des besondern Falles nicht gedacht,

Wenn ein kastilianischer Grande Briefe

Von einem fremden Hof der Königin

Von Spanien in ihrem Gartenwäldchen

Zu überreichen kommt.

königin: So will ich denn

Auf meine eigene Gefahr es wagen.

olivarez:

Doch mir vergönne Ihro Majestät,

Mich solang zu entfernen.

königin: Halten Sie

Das, wie Sie wollen, Herzogin.

Die Oberhofmeisterin geht ab, und die Königin gibt dem Pagen einen

Wink, welcher sogleich hinausgeht.

Vierter Auftritt

Königin. Prinzessin von Eboli. Marquisin von Mondekar und Marquis von Posa.

königin: Ich heiße Sie

Willkommen, Chevalier 7 , auf span’schem Boden.

marquis:

Den ich noch nie mit so gerechtem Stolze

Mein Vaterland genannt als jetzt. –

königin zu den beiden Damen: Der Marquis

Von Posa, der im Ritterspiel zu Reims

Mit meinem Vater eine Lanze brach

Und meine Farbe dreimal siegen machte –

Der erste seiner Nation, der mich

Den Ruhm empfinden lehrte, Königin

Der Spanier zu sein.

Zum Marquis sich wendend.

Als wir im Louvre 8

Zum letztenmal uns sahen, Chevalier,

Da träumt’ es Ihnen wohl noch nicht, daß Sie

Mein Gast sein würden in Kastilien.

marquis:

Nein, große Königin – denn damals träumte

Mir nicht, daß Frankreich noch das einzige

An uns verlieren würde, was wir ihm

Beneidet hatten.

königin: Stolzer Spanier!

Das einzige? – Und das zu einer Tochter

Vom Hause Valois?

marquis: Jetzt darf ich es

Ja sagen, Ihro Majestät – denn jetzt

Sind Sie ja unser.

königin: Ihre Reise, hör ich,

Hat auch durch Frankreich Sie geführt. – Was bringen

Sie mir von meiner hochverehrten Mutter

Und meinen vielgeliebten Brüdern?

marquis überreicht ihr die Briefe:

Die Königin-Mutter fand ich krank, geschieden

Von jeder andern Freude dieser Welt,

Als ihre königliche Tochter glücklich

Zu wissen auf dem span’schen Thron.

königin: Muß sie

Es nicht sein bei dem teuern Angedenken

So zärtlicher Verwandten? bei der süßen

Erinnrung an – Sie haben viele Höfe

Besucht auf Ihren Reisen, Chevalier,

Und viele Länder, vieler Menschen Sitte

Gesehn – und jetzt, sagt man, sind Sie gesonnen,

In Ihrem Vaterland sich selbst zu leben?

Ein größrer Fürst in Ihren stillen Mauern,

Als König Philipp auf dem Thron – ein Freier!

Ein Philosoph! – Ich zweifle sehr, ob Sie

Sich werden können in Madrid gefallen.

Man ist sehr – ruhig in Madrid.

marquis: Und das

Ist mehr, als sich das ganze übrige

Europa zu erfreuen hat.

königin: SO hör ich.

Ich habe alle Händel dieser Erde

Bis fast auf die Erinnerung verlernt.

Zur Prinzessin von Eboli.

Mir deucht, Prinzessin Eboli, ich sehe

Dort eine Hyazinthe blühen – Wollen

Sie mir sie bringen?

Die Prinzessin geht nach dem Platze.

Die Königin etwas leiser zum Marquis.

Chevalier, ich müßte

Mich sehr betrügen, oder Ihre Ankunft

Hat einen frohen Menschen mehr gemacht

An diesem Hofe.

marquis: Einen Traurigen

Hab ich gefunden – den auf dieser Welt

Nur etwas fröhlich –

Die Prinzessin kommt mit der Blume zurück.

eboli: Da der Chevalier

So viele Länder hat gesehen, wird

Er ohne Zweifel viel Merkwürdiges

Uns zu erzählen wissen.

marquis: Allerdings.

Und Abenteuer suchen ist bekanntlich

Der Ritter Pflicht – die heiligste von allen,

Die Damen zu beschützen.

mondekar: Gegen Riesen!

Jetzt gibt es keine Riesen mehr.

marquis: Gewalt

Ist für den Schwachen jederzeit ein Riese.

königin:

Der Chevalier hat recht. Es gibt noch Riesen.

Doch keine Ritter gibt es mehr.

marquis: Noch jüngst

Auf meinem Rückweg von Neapel war

Ich Zeuge einer rührenden Geschichte,

Die mir der Freundschaft heiliges Legat

Zu meiner eigenen gemacht. – Wenn ich

Nicht fürchten müßte, Ihre Majestät

Durch die Erzählung zu ermüden –

königin: Bleibt

Mir eine Wahl? Die Neugier der Prinzessin

Läßt sich nichts unterschlagen. Nur zur Sache.

Auch ich bin eine Freundin von Geschichten.

marquis:

Zwei edle Häuser in Mirandola,

Der Eifersucht, der langen Feindschaft müde,

Die von den Gibellinen und den Guelfen

Jahrhunderte schon fortgeerbt, beschlossen,

Durch der Verwandtschaft zarte Bande sich

In einem ew’gen Frieden zu vereinen.

Des mächtigen Pietro Schwestersohn,

Fernando, und die göttliche Mathilde,

Colonnas Tochter, waren ausersehn,

Dies schöne Band der Einigkeit zu knüpfen.

Nie hat zwei schönre Herzen die Natur

Gebildet füreinander – nie die Welt,

Nie eine Wahl so glücklich noch gepriesen.

Noch hatte seine liebenswürd’ge Braut

Fernando nur im Bildnis angebetet –

Wie zitterte Fernando, wahr zu finden,

Was seine feurigsten Erwartungen

Dem Bilde nicht zu glauben sich getrauten!

In Padua, wo seine Studien

Ihn fesselten, erwartete Fernando

Des frohen Augenblickes nur, der ihm

Vergönnen sollte, zu Mathildens Füßen

Der Liebe erste Huldigung zu stammeln.

Die Königin wird aufmerksamer. Der Marquis fährt nach einem kurzen Stillschweigen fort, die Erzählung, soweit es die Gegenwart der Königin erlaubt, mehr an die Prinzessin von Eboli gerichtet.

Indessen macht der Gattin Tod die Hand

Pietros frei. – Mit jugendlicher Glut

Verschlingt der Greis die Stimmen des Gerüchtes,

Das in den Ruhm Mathildens sich ergoß.

Er kommt! Er sieht! – Er liebt! Die neue Regung

Erstickt die leisre Stimme der Natur,

Der Oheim wirbt um seines Neffen Braut

Und heiligt seinen Raub vor dem Altare.

königin:

Und was beschließt Fernando?

marquis: Auf der Liebe Flügeln,

Des fürchterlichen Wechsels unbewußt,

Eilt nach Mirandola der Trunkene.

Mit Sternenschein erreicht sein schnelles Roß

Die Tore – ein bacchantisches Getön

Von Reigen und von Pauken donnert ihm

Aus dem erleuchteten Palast entgegen.

Er bebt die Stufen scheu hinauf und sieht

Sich unerkannt im lauten Hochzeitssaale,

Wo in der Gäste taumelndem Gelag

Pietro saß – ein Engel ihm zur Seite,

Ein Engel, den Fernando kennt, der ihm

In Träumen selbst so glänzend nie erschienen.

Ein einz’ger Blick zeigt ihm, was er besessen,

Zeigt ihm, was er auf immerdar verloren.

eboli:

Unglücklicher Fernando!

königin: Die Geschichte

Ist doch zu Ende, Chevalier? – Sie muß

Zu Ende sein.

marquis: Noch nicht ganz.

königin: Sagten Sie

Uns nicht, Fernando sei Ihr Freund gewesen?

marquis:

Ich habe keinen teurern.

eboli: Fahren Sie

Doch fort in der Geschichte, Chevalier.

marquis:

Sie wird sehr traurig – und das Angedenken

Erneuert meinen Schmerz. Erlassen Sie

Mir den Beschluß –

Ein allgemeines Stillschweigen.

königin wendet sich Zur Prinzessin von Eboli:

Nun wird mir endlich doch

Vergönnt sein, meine Tochter zu umarmen. –

Prinzessin, bringen Sie sie mir.

Diese entfernt sich. Der Marquis winkt einem Pagen, der sich im Hintergrunde zeigt und sogleich verschwindet. Die Königin erbricht die Briefe, die der Marquis ihr gegeben, und scheint überrascht zu werden. In dieser Zeit spricht der Marquis geheim und sehr angelegentlich mit der Marquisin von Mondekar. – Die Königin hat die Briefe gelesen und wendet sich mit einem ausforschenden Blicke zum Marquis.

Sie haben

Uns von Mathilden nichts gesagt? Vielleicht

Weiß sie es nicht, wieviel Fernando leidet?

marquis:

Mathildens Herz hat niemand noch ergründet –

Doch große Seelen dulden still.

königin:

Sie sehn sich um? Wen suchen Ihre Augen?

marquis:

Ich denke nach, wie glücklich ein Gewisser,

Den ich nicht nennen darf, an meinem Platze

Sein müßte.

königin: Wessen Schuld ist es, daß er

Es nicht ist?

marquis lebhaft einfallend:

Wie? Darf ich mich unterstehen,

Dies zu erklären, wie ich will? – Er würde

Vergebung finden, wenn er jetzt erschiene?

königin erschrocken:

Jetzt, Marquis, jetzt? Was meinen Sie damit?

marquis:

Er dürfte hoffen – dürft er?

königin mit wachsender Verwirrung:

Sie erschrecken mich,

marquis – er wird doch nicht –

marquis: Hier ist er schon.

Fünfter Auftritt

Die Königin. Carlos.

Marquis von Posa und die Marquisin von Mondekar treten nach dem Hintergrunde zurück.

carlos vor der Königin niedergeworfen:

So ist er endlich da, der Augenblick,

Und Karl darf diese teure Hand berühren! –

königin:

Was für ein Schritt – welch eine strafbare,

Tollkühne Überraschung! Stehn Sie auf!

Wir sind entdeckt. Mein Hof ist in der Nähe.

carlos:

Ich steh nicht auf – hier will ich ewig knien.

Auf diesem Platz will ich verzaubert liegen,

In dieser Stellung angewurzelt –

königin: Rasender!

Zu welcher Kühnheit führt Sie meine Gnade?

Wie? Wissen Sie, daß es die Königin,

Daß es die Mutter ist, an die sich diese

Verwegne Sprache richtet? Wissen Sie,

Daß ich – ich selbst von diesem Überfalle

Dem Könige –

carlos: Und daß ich sterben muß!

Man reiße mich von hier aufs Blutgerüste!

Ein Augenblick, gelebt im Paradiese,

Wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüßt.

königin:

Und Ihre Königin?

carlos steht auf: Gott, Gott! ich gehe –

Ich will Sie ja verlassen. – Muß ich nicht,

Wenn Sie es also fordern? Mutter, Mutter,

Wie schrecklich spielen Sie mit mir! Ein Wink,

Ein halber Blick, ein Laut aus Ihrem Munde

Gebietet mir, zu sein und zu vergehen.

Was wollen Sie, das noch geschehen soll?

Was unter dieser Sonne kann es geben,

Das ich nicht hinzuopfern eilen will,

Wenn Sie es wünschen?

königin: Fliehen Sie!

carlos: O Gott!

königin:

Das einz’ge, Karl, warum ich Sie mit Tränen

Beschwöre – fliehen Sie! – eh meine Damen –

Eh meine Kerkermeister Sie und mich

Beisammen finden und die große Zeitung

Vor Ihres Vaters Ohren bringen –

carlos: Ich erwarte

Mein Schicksal – es sei Leben oder Tod.

Wie? Hab ich darum meine Hoffnungen

Auf diesen einz’gen Augenblick verwiesen,

Der Sie mir endlich ohne Zeugen schenkt,

Daß falsche Schrecken mich am Ziele täuschten?

Nein, Königin! Die Welt kann hundertmal,

Kann tausendmal um ihre Pole treiben,

Eh diese Gunst der Zufall wiederholt.

königin:

Auch soll er das in Ewigkeit nicht wieder.

Unglücklicher! Was wollen Sie von mir?

carlos:

O Königin, daß ich gerungen habe,

Gerungen, wie kein Sterblicher noch rang,

Ist Gott mein Zeuge – Königin, umsonst!

Hin ist mein Heldenmut. Ich unterliege.

königin:

Nichts mehr davon – um meiner Ruhe willen –

carlos:

Sie waren mein – im Angesicht der Welt

Mir zugesprochen von zwei großen Thronen,

Mir zuerkannt von Himmel und Natur,

Und Philipp, Philipp hat mir Sie geraubt –

königin:

Er ist Ihr Vater.

carlos: Ihr Gemahl.

königin: Der Ihnen

Das größte Reich der Welt zum Erbe gibt.

carlos:

Und Sie zur Mutter –

königin: Großer Gott! Sie rasen –

carlos:

Und weiß er auch, wie reich er ist? Hat er

Ein fühlend Herz, das Ihrige zu schätzen?

Ich will nicht klagen, nein, ich will vergessen,

Wie unaussprechlich glücklich ich an Ihrer Hand

Geworden wäre – wenn nur er es ist.

Er ist es nicht – Das, das ist Höllenqual!

Er ist es nicht und wird es niemals werden.

Du nahmst mir meinen Himmel nur, um ihn

In König Philipps Armen zu vertilgen.

königin:

Abscheulicher Gedanke!

carlos: O, ich weiß,

Wer dieser Ehe Stifter war – ich weiß,

Wie Philipp lieben kann und wie er freite.

Wer sind Sie denn in diesem Reich? Laß hören.

Regentin etwa? Nimmermehr! Wie könnten,

Wo Sie Regentin sind, die Alba würgen?

Wie könnte Flandern für den Glauben bluten?

Wie, oder sind Sie Philipps Frau? Unmöglich!

Ich kann’s nicht glauben. Eine Frau besitzt

Des Mannes Herz – und wem gehört das seine?

Und bittet er nicht jede Zärtlichkeit,

Die ihm vielleicht in Fieberglut entwischte,

Dem Zepter ab und seinen grauen Haaren?

königin:

Wer sagte Ihnen, daß an Philipps Seite

Mein Los beweinenswürdig sei?

carlos: Mein Herz,

Das feurig fühlt, wie es an meiner Seite

Beneidenswürdig wäre.

königin: Eitler Mann!

Wenn mein Herz nun das Gegenteil mir sagte?

Wenn Philipps ehrerbiet’ge Zärtlichkeit

Und seiner Liebe stumme Mienensprache

Weit inniger als seines stolzen Sohns

Verwegene Beredsamkeit mich rührten?

Wenn eines Greisen überlegte Achtung –

carlos:

Das ist was andres – Dann – ja, dann – Vergebung!

Das wußt ich nicht, daß Sie den König lieben.

königin:

Ihn ehren ist mein Wunsch und mein Vergnügen.

carlos:

Sie haben nie geliebt?

königin : seltsame frage!

carlos:

Sie haben nie geliebt?

königin :– ich liebe nicht mehr.

carlos:

Weil es Ihr Herz, weil es Ihr Eid verbietet?

königin:

Verlassen Sie mich, Prinz, und kommen Sie

Zu keiner solchen Unterredung wieder.

carlos:

Weil es Ihr Eid, weil es Ihr Herz verbietet?

königin:

Weil meine Pflicht – – Unglücklicher, wozu

Die traurige Zergliederung des Schicksals,

Dem Sie und ich gehorchen müssen?

carlos: Müssen?

Gehorchen müssen?

königin: Wie? Was wollen Sie

Mit diesem feierlichen Ton?

carlos: So viel,

Daß Carlos nicht gesonnen ist, zu müssen,

Wo er zu wollen hat; daß Carlos nicht

Gesonnen ist, der Unglückseligste

In diesem Reich zu bleiben, wenn es ihm

Nichts als den Umsturz der Gesetze kostet,

Der Glücklichste zu sein.

königin: Versteh ich Sie?

Sie hoffen noch? Sie wagen es, zu hoffen,

Wo alles, alles schon verloren ist?

carlos :

Ich gebe nichts verloren als die Toten.

königin:

Auf mich, auf Ihre Mutter hoffen Sie?

Sie sieht ihn lange und durchdringend an – dann mit Würde und Ernst.

Warum nicht? O, der neu erwählte König

Kann mehr als das – kann die Verordnungen

Des Abgeschiednen durch das Feu’r vertilgen,

Kann seine Bilder stürzen, kann sogar –

Wer hindert ihn? – die Mumie des Toten

Aus ihrer Ruhe zu Eskurial 9

Hervor ans Licht der Sonne reißen, seinen

Entweihten Staub in die vier Winde streun

Und dann zuletzt, um würdig zu vollenden –

carlos:

Um Gottes willen, reden Sie nicht aus.

königin:

Zuletzt noch mit der Mutter sich vermählen.

carlos:

Verfluchter Sohn!

Er steht einen Augenblick starr und sprachlos.

Ja, es ist aus. Jetzt ist

Es aus. – Ich fühle klar und helle, was

Mir ewig, ewig dunkel bleiben sollte.

Sie sind für mich dahin – dahin – dahin –

Auf immerdar! – Jetzt ist der Wurf gefallen.

Sie sind für mich verloren. – O, in diesem

Gefühl liegt Hölle – Hölle liegt im andern,

Sie zu besitzen. – Weh! ich faß es nicht,

Und meine Nerven fangen an zu reißen.

königin:

Beklagenswerter, teurer Karl! Ich fühle –

Ganz fühl ich sie, die namenlose Pein,

Die jetzt in Ihrem Busen tobt. Unendlich,

Wie Ihre Liebe, ist Ihr Schmerz. Unendlich,

Wie er, ist auch der Ruhm, ihn zu besiegen.

Erringen Sie ihn, junger Held. Der Preis

Ist dieses hohen, starken Kämpfers wert,

Des Jünglings wert, durch dessen Herz die Tugend

So vieler königlichen Ahnen rollt.

Ermannen Sie sich, edler Prinz. – Der Enkel

Des großen Karls fängt frisch zu ringen an,

Wo andrer Menschen Kinder mutlos enden.

carlos:

Zu spät! O Gott, es ist zu spät!

königin : Ein Mann

Zu sein? O Karl! wie groß wird unsre Tugend,

Wenn unser Herz bei ihrer Übung bricht!

Hoch stellte Sie die Vorsicht – höher, Prinz,

Als Millionen Ihrer andern Brüder.

Parteilich gab sie ihrem Liebling, was

Sie andern nahm, und Millionen fragen:

Verdiente der im Mutterleibe schon

Mehr als wir andern Sterblichen zu gelten?

Auf, retten Sie des Himmels Billigkeit!

Verdienen Sie, der Welt voranzugehn,

Und opfern Sie, was keiner opferte!

carlos:

Das kann ich auch. – Sie zu erkämpfen, hab

Ich Riesenkraft, Sie zu verlieren, keine.

königin:

Gestehen Sie es, Carlos – Trotz ist es

Und Bitterkeit und Stolz, was Ihre Wünsche

So wütend nach der Mutter zieht. Die Liebe,

Das Herz, das Sie verschwenderisch mir opfern,

Gehört den Reichen an, die Sie dereinst

Regieren sollen. Sehen Sie, Sie prassen

Von Ihres Mündels anvertrautem Gut.

Die Liebe ist Ihr großes Amt. Bis jetzt

Verirrte sie zur Mutter. – Bringen Sie,

O, bringen Sie sie Ihren künft’gen Reichen

Und fühlen Sie, statt Dolchen des Gewissens,

Die Wollust, Gott zu sein. Elisabeth

War Ihre erste Liebe. Ihre zwote

Sei Spanien! Wie gerne, guter Karl,

Will ich der besseren Geliebten weichen!

carlos wirft sich, von Empfindung überwältigt, zu ihren Füßen:

Wie groß sind Sie, o Himmlische! – Ja, alles,

Was Sie verlangen, will ich tun. – Es sei!

Er steht auf.

Hier steh ich in der Allmacht Hand und schwöre –

Und schwöre Ihnen, schwöre ewiges –

O Himmel, nein! nur ewiges Verstummen,

Doch ewiges Vergessen nicht.

königin: Wie könnt ich

Von Carlos fordern, was ich selbst zu leisten

Nicht willens bin?

marquis eilt aus der Allee:

Der König!

königin : Gott!

marquis: Hinweg,

Hinweg aus dieser Gegend, Prinz!

königin: Sein Argwohn

Ist fürchterlich, erblickt er Sie –

carlos: Ich bleibe!

königin:

Und wer wird dann das Opfer sein?

carlos zieht den Marquis am Arme: Fort, fort!

Komm, Roderich!

Er geht und kommt noch einmal zurück.

Was darf ich mit mir nehmen?

königin:

Die Freundschaft Ihrer Mutter.

carlos: Freundschaft! Mutter!

königin:

Und diese Tränen aus den Niederlanden.

Sie gibt ihm einige Briefe. Karl und der Marquis gehen ab. Die Königin sieht sich unruhig nach ihren Damen um, welche sich nirgends erblicken lassen. Wie sie nach dem Hintergrunde zurückgehen will, erscheint der König.

Sechster Auftritt

König. Königin. Herzog Alba. Graf Lerma. Domingo. Einige Damen und

Granden, welche in der Entfernung zurückbleiben.

könig sieht mit Befremdung umber und schweigt eine Zeitlang:

Was seh ich! Sie hier! So allein, Madame?

Und auch nicht eine Dame zur Begleitung?

Das wundert mich – wo blieben Ihre Frauen?

königin:

Mein gnädigster Gemahl –

könig: Warum allein?

Zum Gefolge.

Von diesem unverzeihlichen Versehn

Soll man die strengste Rechenschaft mir geben.

Wer hat das Hofamt bei der Königin?

Wen traf der Rang, sie heute zu bedienen?

königin:

O, zürnen Sie nicht, mein Gemahl – ich selbst,

Ich bin die Schuldige – auf mein Geheiß

Entfernte sich die Fürstin Eboli.

könig:

Auf Ihr Geheiß?

königin: Die Kammerfrau zu rufen,

Weil ich nach der Infantin mich gesehnt.

könig:

Und darum die Begleitung weggeschickt?

Doch dies entschuldigt nur die erste Dame.

Wo war die zwote?

mondekar, welche indessen zurückgekommen ist und sich unter die übrigen Damen gemischt hat, tritt hervor:

Ihro Majestät,

Ich fühle, daß ich strafbar bin –

könig: Deswegen

Vergönn ich Ihnen zehen Jahre Zeit,

Fern von Madrid darüber nachzudenken.

Die Marquisin tritt mit weinenden Augen zurück. Allgemeines Stillschweigen. Alle Umstehenden sehen bestürzt auf die Königin.

königin:

Marquisin, wen beweinen Sie?

Zum König. Hab ich

Gefehlt, mein gnädigster Gemahl, so sollte

Die Königskrone dieses Reichs, wornach

Ich selber nie gegriffen habe, mich

Zum mindesten vor dem Erröten schützen.

Gibt’s ein Gesetz in diesem Königreich,

Das vor Gericht Monarchentöchter fordert?

Bloß Zwang bewacht die Frauen Spaniens?

Schützt sie ein Zeuge mehr als ihre Tugend?

Und jetzt Vergebung, mein Gemahl – ich bin

Es nicht gewohnt, die mir mit Freude dienten,

In Tränen zu entlassen. – Mondekar!

Sie nimmt ihren Gürtel ab und überreicht ihn der

Marquisin.

Den König haben Sie erzürnt – nicht mich –

Drum nehmen Sie dies Denkmal meiner Gnade

Und dieser Stunde. – Meiden Sie das Reich –

Sie haben nur in Spanien gesündigt;

In meinem Frankreich wischt man solche Tränen

Mit Freuden ab. – O, muß mich’s ewig mahnen?

Sie lehnt sich an die Oberhofmeisterin und bedeckt das Gesicht.

In meinem Frankreich war’s doch anders.

könig in einiger Bewegung: Konnte

Ein Vorwurf meiner Liebe Sie betrüben?

Ein Wort betrüben, das die zärtlichste

Bekümmernis auf meine Lippen legte?

Er wendet sich gegen die Grandezza 10 .

Hier stehen die Vasallen meines Throns.

Sank je ein Schlaf auf meine Augenlider,

Ich hätte denn am Abend jedes Tags

Berechnet, wie die Herzen meiner Völker

In meinen fernsten Himmelsstrichen schlagen? –

Und sollt ich ängstlicher für meinen Thron

Als für die Gattin meines Herzens beben? –

Für meine Völker kann mein Schwert mir haften

Und – Herzog Alba: dieses Auge nur

Für meines Weibes Liebe.

königin: Wenn ich Sie

Beleidigt habe, mein Gemahl –

könig: Ich heiße

Der reichste Mann in der getauften Welt;

Die Sonne geht in meinem Staat nicht unter –

Doch alles das besaß ein andrer schon,

Wird nach mir mancher andre noch besitzen.

Das ist mein eigen. Was der König hat,

Gehört dem Glück – Elisabeth dem Philipp.

Hier ist die Stelle, wo ich sterblich bin.

königin:

Sie fürchten, Sire?

könig: Dies graue Haar doch nicht?

Wenn ich einmal zu fürchten angefangen,

Hab ich zu fürchten aufgehört –

Zu den Granden. Ich zähle

Die Großen meines Hofs – der erste fehlt.

Wo ist Don Carlos, mein Infant?

Niemand antwortet. Der Knabe

Don Karl fängt an, mir fürchterlich zu werden.

Er meidet meine Gegenwart, seitdem

Er von Alkalas hoher Schule kam.

Sein Blut ist heiß, warum sein Blick so kalt?

So abgemessen festlich sein Betragen?

Seid wachsam. Ich empfehl es euch.

alba: Ich bin’s,

Solang ein Herz an diesen Panzer schlägt,

Mag sich Don Philipp ruhig schlafen legen.

Wie Gottes Cherub vor dem Paradies

Steht Herzog Alba vor dem Thron.

lerma: Darf ich

Dem weisesten der Könige in Demut

Zu widersprechen wagen? – Allzu tief

Verehr ich meines Königs Majestät,

Als seinen Sohn so rasch und streng zu richten.

Ich fürchte viel von Carlos’ heißem Blut,

Doch nichts von seinem Herzen.

könig: Graf von Lerma,

Ihr redet gut, den Vater zu bestechen,

Des Königs Stütze wird der Herzog sein –

Nichts mehr davon –

Er wendet sich gegen sein Gefolge.

Jetzt eil ich nach Madrid.

Mich ruft mein königliches Amt. Die Pest

Der Ketzerei steckt meine Völker an,

Der Aufruhr wächst in meinen Niederlanden.

Es ist die höchste Zeit. Ein schauerndes

Exempel soll die Irrenden bekehren.

Den großen Eid, den alle Könige

Der Christenheit geloben, lös ich morgen.

Dies Blutgericht soll ohne Beispiel sein;

Mein ganzer Hof ist feierlich geladen.

Er führt die Königin hinweg, die übrigen folgen.

Siebenter Auftritt

Don Carlos, mit Briefen in der Hand, Marquis von Posa

kommen von der entgegengesetzten Seite.

carlos:

Ich bin entschlossen. Flandern sei gerettet.

Sie will es – das ist mir genug.

marquis: Auch ist

Kein Augenblick mehr zu verlieren. Herzog

Von Alba, sagt man, ist im Kabinett

Bereits zum Gouverneur ernannt.

carlos: Gleich morgen

Verlang ich Audienz bei meinem Vater.

Ich fordre dieses Amt für mich. Es ist

Die erste Bitte, die ich an ihn wage.

Er kann sie mir nicht weigern. Lange schon

Sieht er mich ungern in Madrid. Welch ein

Willkommner Vorwand, mich entfernt zu halten!

Und – soll ich dir’s gestehen, Roderich? –

Ich hoffe mehr – Vielleicht gelingt es mir,

Von Angesicht zu Angesicht mit ihm

In seiner Gunst mich wiederherzustellen.

Er hat noch nie die Stimme der Natur

Gehört – laß mich versuchen, Roderich,

Was sie auf meinen Lippen wird vermögen!

marquis:

Jetzt endlich hör ich meinen Carlos wieder.

Jetzt sind Sie wieder ganz Sie selbst.

Achter Auftritt

Vorige. Graf Lerma.

lerma: Soeben

Hat der Monarch Aranjuez verlassen.

Ich habe den Befehl –

carlos : Schon gut, Graf Lerma,

Ich treffe mit dem König ein.

marquis macht Miene, sich zu entfernen. Mit einigem Zeremoniell:

Sonst haben

Mir Eure Hoheit nichts mehr aufzutragen?

carlos:

Nichts, Chevalier. Ich wünsche Ihnen Glück

Zu Ihrer Ankunft in Madrid. Sie werden

Noch mehreres von Flandern mir erzählen.

Zu Lerma, welcher noch wartet.

Ich folge gleich.

Graf Lerma geht ab.

Neunter Auftritt

Don Carlos. Der Marquis.

carlos: Ich habe dich verstanden.

Ich danke dir. Doch diesen Zwang entschuldigt

Nur eines Dritten Gegenwart. Sind wir

Nicht Brüder? – Dieses Possenspiel des Ranges

Sei künftighin aus unserm Bund verwiesen!

Berede dich, wir beide hätten uns

Auf einem Ball mit Masken eingefunden,

In Sklavenkleider du, und ich aus Laune

In einen Purpur eingemummt. Solange

Der Fasching währt, verehren wir die Lüge,

Der Rolle treu mit lächerlichem Ernst,

Den süßen Rausch des Haufens nicht zu stören.

Doch durch die Larve winkt dein Karl dir zu,

Du drückst mir im Vorübergehn die Hände,

Und wir verstehen uns.

marquis: Der Traum ist göttlich.

Doch wird er nie verfliegen? Ist mein Karl

Auch seiner so gewiß, den Reizungen

Der unumschränkten Majestät zu trotzen?

Noch ist ein großer Tag zurück – ein Tag –

Wo dieser Heldensinn – ich will Sie mahnen –

In einer schweren Probe sinken wird.

Don Philipp stirbt. Karl erbt das größte Reich

Der Christenheit. – Ein ungeheurer Spalt

Reißt vom Geschlecht der Sterblichen ihn los,

Und Gott ist heut, wer gestern Mensch noch war.

Jetzt hat er keine Schwächen mehr. Die Pflichten

Der Ewigkeit verstummen ihm. Die Menschheit

– Noch heut ein großes Wort in seinem Ohr –

Verkauft sich selbst und kriecht um ihren Götzen.

Sein Mitgefühl löscht mit dem Leiden aus,

In Wollüsten ermattet seine Tugend,

Für seine Torheit schickt ihm Peru Gold,

Für seine Laster zieht sein Hof ihm Teufel.

Er schläft berauscht in diesem Himmel ein,

Den seine Sklaven listig um ihn schufen.

Lang, wie sein Traum, währt seine Gottheit. – Wehe

Dem Rasenden, der ihn mitleidig weckte.

Was aber würde Roderich? – Die Freundschaft

Ist wahr und kühn – die kranke Majestät

Hält ihren fürchterlichen Strahl nicht aus.

Den Trotz des Bürgers würden Sie nicht dulden,

Ich nicht den Stolz des Fürsten.

carlos: Wahr und schrecklich

Ist dein Gemälde von Monarchen. Ja,

Ich glaube dir. – Doch nur die Wollust schloß

Dem Laster ihre Herzen auf. – Ich bin

Noch rein, ein dreiundzwanzigjähr’ger Jüngling.

Was vor mir Tausende gewissenlos

In schwelgenden Umarmungen verpraßten,

Des Geistes beste Hälfte, Männerkraft,

Hab ich dem künft’gen Herrscher aufgehoben.

Was könnte dich aus meinem Herzen drängen,

Wenn es nicht Weiber tun?

marquis: Ich selbst. Könnt ich

So innig Sie noch lieben, Karl, wenn ich

Sie fürchten müßte?

carlos: Das wird nie geschehen.

Bedarfst du meiner? Hast du Leidenschaften,

Die von dem Throne betteln? Reizt dich Gold?

Du bist ein reichrer Untertan, als ich

Ein König je sein werde. – Geizest du

Nach Ehre? Schon als Jüngling hattest du

Ihr Maß erschöpft – du hast sie ausgeschlagen.

Wer von uns wird der Gläubiger des andern,

Und wer der Schuldner sein? – Du schweigst? Du zitterst

Vor der Versuchung? Nicht gewisser bist

Du deiner selbst?

marquis: Wohlan! Ich weiche.

Hier meine Hand.

carlos: Der Meinige?

marquis: Auf ewig

Und in des Worts verwegenster Bedeutung.

carlos:

So treu und warm, wie heute dem Infanten,

Auch dermaleinst dem König zugetan?

marquis:

Das schwör ich Ihnen.

carlos: Dann auch, wenn der Wurm

Der Schmeichelei mein unbewachtes Herz

Umklammerte – wenn dieses Auge Tränen

Verlernte, die es sonst geweint – dies Ohr

Dem Flehen sich verriegelte, willst du,

Ein schreckenloser Hüter meiner Tugend,

Mich kräftig fassen, meinen Genius

Bei seinem großen Namen rufen?

marquis: Ja.

carlos:

Und jetzt noch eine Bitte! Nenn mich du!

Ich habe deinesgleichen stets beneidet

Um dieses Vorrecht der Vertraulichkeit.

Dies brüderliche Du betrügt mein Ohr,

Mein Herz mit süßen Ahnungen von Gleichheit.

– Keinen Einwurf – Was du sagen willst, errat ich.

Dir ist es Kleinigkeit, ich weiß – doch mir,

Dem Königssohne, ist es viel. Willst du

Mein Bruder sein?

marquis: Dein Bruder!

carlos: Jetzt zum König!

Ich fürchte nichts mehr – Arm in Arm mit dir,

So fordr’ ich mein Jahrhundert in die Schranken.

Sie gehen ab.

ZWEITER AKT

Im königlichen Palast zu Madrid.

Erster Auftritt

König Philipp unter einem Thronhimmel. Herzog von Alba in einiger Ent-

fernung von dem König mit bedecktem Haupt. Carlos.

carlos:

Den Vortritt hat das Königreich. Sehr gerne

Steht Carlos dem Minister nach. Er spricht

Für Spanien – ich bin der Sohn des Hauses.

Er tritt mit einer Verbeugung zurück.

philipp:

Der Herzog bleibt, und der Infant mag reden.

carlos sich gegen Alba wendend:

So muß ich denn von Ihrer Großmut, Herzog,

Den König mir als ein Geschenk erbitten.

Ein Kind – Sie wissen ja – kann mancherlei

An seinen Vater auf dem Herzen tragen,

Das nicht für einen Dritten taugt. Der König

Soll Ihnen unbenommen sein – ich will

Den Vater nur für diese kurze Stunde.

philipp:

Hier steht sein Freund.

carlos: Hab ich es auch verdient,

Den meinigen im Herzog zu vermuten?

philipp:

Auch je verdienen mögen? – Mir gefallen

Die Söhne nicht, die beßre Wahlen treffen

Als ihre Väter.

carlos: Kann der Ritterstolz

Des Herzogs Alba diesen Auftritt hören?

So wahr ich lebe, den Zudringlichen,

Der zwischen Sohn und Vater unberufen

Sich einzudrängen nicht errötet, der

In seines Nichts durchbohrendem Gefühle

So dazustehen sich verdammt, möcht ich

Bei Gott – und gält’s ein Diadem – nicht spielen.

philipp verläßt seinen Sitz mit einem zornigen Blick auf den

Prinzen:

Entfernt Euch, Herzog!

Dieser geht nach der Haupttür, durch welche Carlos gekommen war; der König winkt ihm nach einer andern.

Nein, ins Kabinett,

Bis ich Euch rufe.

Zweiter Auftritt

König Philipp. Don Carlos.

carlos geht, sobald der Herzog das Zimmer verlassen hat, auf

den König zu und fällt vor ihm nieder, im Ausdruck der

höchsten Empfindung: Jetzt mein Vater wieder,

Jetzt wieder mein, und meinen besten Dank

Für diese Gnade – Ihre Hand, mein Vater. –

O süßer Tag! – Die Wonne dieses Kusses

War Ihrem Kinde lange nicht gegönnt.

Warum von Ihrem Herzen mich so lange

Verstoßen, Vater? Was hab ich getan?

philipp:

Infant, dein Herz weiß nichts von diesen Künsten.

Erspare sie, ich mag sie nicht.

carlos aufstehend: Das war es!

Da hör ich Ihre Höflinge – Mein Vater!

Es ist nicht gut, bei Gott! nicht alles gut,

Nicht alles, was ein Priester sagt, nicht alles,

Was eines Priesters Kreaturen sagen.

Ich bin nicht schlimm, mein Vater – heißes Blut

Ist meine Bosheit, mein Verbrechen Jugend.

Schlimm bin ich nicht, schlimm wahrlich nicht – wenn

Oft wilde Wallungen mein Herz verklagen, [auch

Mein Herz ist gut –

philipp: Dein Herz ist rein, ich weiß es,

Wie dein Gebet.

carlos: Jetzt oder nie! – Wir sind allein.

Der Etikette bange Scheidewand

Ist zwischen Sohn und Vater eingesunken.

Jetzt oder nie! Ein Sonnenstrahl der Hoffnung

Glänzt in mir auf, und eine süße Ahnung

Fliegt durch mein Herz – Der ganze Himmel beugt

Mit Scharen froher Engel sich herunter,

Voll Rührung sieht der Dreimalheilige

Dem großen, schönen Auftritt zu! – Mein Vater!

Versöhnung!

Er fällt ihm zu Füßen.

philipp: Laß mich und steh auf!

carlos: Versöhnung!

philipp will sich von ihm losreißen:

Zu kühn wird mir dies Gaukelspiel –

carlos: Zu kühn

Die Liebe deines Kindes?

philipp: Vollends Tränen?

Unwürdi’ger Anblick! – Geh aus meinen Augen.

carlos:

Jetzt oder nie! – Versöhnung, Vater!

philipp: Weg

Aus meinen Augen! Komm mit Schmach bedeckt

Aus meinen Schlachten, meine Arme sollen

Geöffnet sein, dich zu empfangen – So

Verwerf ich dich! – Die feige Schuld allein

Wird sich in solchen Quellen schimpflich waschen.

Wer zu bereuen nicht errötet, wird

Sich Reue nie ersparen.

carlos: Wer ist das?

Durch welchen Mißverstand hat dieser Fremdling

Zu Menschen sich verirrt? – Die ewige

Beglaubigung der Menschheit sind ja Tränen;

Sein Aug’ ist trocken, ihn gebar kein Weib –

O, zwingen Sie die nie benetzten Augen,

Noch zeitig Tränen einzulernen, sonst –

Sonst möchten Sie’s in einer harten Stunde

Noch nachzuholen haben.

philipp:

Denkst du den schweren Zweifel deines Vaters

Mit schönen Worten zu erschüttern?

carlos: Zweifel?

Ich will ihn tilgen, diesen Zweifel – will

Mich hängen an das Vaterherz, will reißen,

Will mächtig reißen an dem Vaterherzen,

Bis dieses Zweifels felsenfeste Rinde

Von diesem Herzen niederfällt. – Wer sind sie,

Die mich aus meines Königs Gunst vertrieben?

Was bot der Mönch dem Vater für den Sohn?

Was wird ihm Alba für ein kinderlos

Verscherztes Leben zur Vergütung geben?

Sie wollen Liebe? – Hier in diesem Busen

Springt eine Quelle, frischer, feuriger

Als in den trüben, sumpfigen Behältern,

Die Philipps Gold erst öffnen muß.

philipp: Vermeßner,

Halt ein! – Die Männer, die du wagst zu schmähn,

Sind die geprüften Diener meiner Wahl,

Und du wirst sie verehren.

carlos: Nimmermehr!

Ich fühle mich. Was Ihre Alba leisten,

Das kann auch Karl, und Karl kann mehr. Was fragt

Ein Mietling nach dem Königreich, das nie

Sein eigen sein wird? – Was bekümmert’s den,

Wenn Philipps graue Haare weiß sich färben?

Ihr Carlos hätte Sie geliebt. – Mir graut

Vor dem Gedanken, einsam und allein,

Auf einem Thron allein zu sein. –

philipp von diesem Worte ergriffen, steht nachdenkend und in sich

gekehrt. Nach einer Pause: Ich bin allein.

carlos mit Lebhaftigkeit und Wärme auf ihn zugehend:

Sie sind’s gewesen. Hassen Sie mich nicht mehr,

Ich will Sie kindlich, will Sie feurig lieben,

Nur hassen Sie mich nicht mehr. – Wie entzückend

Und süß ist es, in einer schönen Seele

Verherrlicht uns zu fühlen, es zu wissen,

Daß unsre Freude fremde Wangen rötet,

Daß unsre Angst in fremden Busen zittert,

Daß unsre Leiden fremde Augen wässern! –

Wie schön ist es und herrlich, Hand in Hand

Mit einem teuern, vielgeliebten Sohn

Der Jugend Rosenbahn zurückzueilen,

Des Lebens Traum noch einmal durchzuträumen!

Wie groß und süß, in seines Kindes Tugend

Unsterblich, unvergänglich fortzudauern,

Wohltätig für Jahrhunderte! – Wie schön,

Zu pflanzen, was ein lieber Sohn einst erntet,

Zu sammeln, was ihm wuchern wird, zu ahnen,

Wie hoch sein Dank einst flammen wird! – Mein Vater,

Von diesem Erdenparadiese schwiegen

Sehr weislich Ihre Mönche.

philipp nicht ohne Rührung: O, mein Sohn,

Mein Sohn! du brichst dir selbst den Stab. Sehr reizend

Malst du ein Glück, das – du mir nie gewährtest.

carlos:

Das richte der Allwissende! – Sie selbst,

Sie schlossen mich, wie aus dem Vaterherzen,

Von Ihres Zepters Anteil aus. Bis jetzt,

Bis diesen Tag – o, war das gut, war’s billig? –

Bis jetzt mußt ich, der Erbprinz Spaniens,

In Spanien ein Fremdling sein, Gefangner

Auf diesem Grund, wo ich einst Herr sein werde.

War das gerecht, war’s gütig? – O, wie oft,

Wie oft, mein Vater, sah ich schamrot nieder,

Wenn die Gesandten fremder Potentaten,

Wenn Zeitungsblätter mir das Neueste

Vom Hofe zu Aranjuez erzählten!

philipp:

Zu heftig braust das Blut in deinen Adern.

Du würdest nur zerstören.

carlos: Geben Sie

Mir zu zerstören, Vater. – Heftig braust’s

In meinen Adern – Dreiundzwanzig Jahre,

Und nichts für die Unsterblichkeit getan!

Ich bin erwacht, ich fühle mich. – Mein Ruf

Zum Königsthron pocht, wie ein Gläubiger,

Aus meinem Schlummer mich empor, und alle

Verlorne Stunden meiner Jugend mahnen

Mich laut wie Ehrenschulden. Er ist da,

Der große, schöne Augenblick, der endlich

Des hohen Pfundes Zinsen von mir fordert:

Mich ruft die Weltgeschichte, Ahnenruhm

Und des Gerüchtes donnernde Posaune.

Nun ist die Zeit gekommen, mir des Ruhmes

Glorreiche Schranken aufzutun. – Mein König,

Darf ich die Bitte auszusprechen wagen,

Die mich hieher geführt?

philipp: Noch eine Bitte?

Entdecke sie.

carlos: Der Aufruhr in Brabant

Wächst drohend an. Der Starrsinn der Rebellen

Heischt starke, kluge Gegenwehr. Die Wut

Der Schwärmer zu bezähmen, soll der Herzog

Ein Heer nach Flandern führen, von dem König

Mit souveräner Vollmacht ausgestattet.

Wie ehrenvoll ist dieses Amt, wie ganz

Dazu geeignet, Ihren Sohn im Tempel

Des Ruhmes einzuführen! – Mir, mein König,

Mir übergeben Sie das Heer. Mich lieben

Die Niederländer; ich erkühne mich,

Mein Blut für ihre Treue zu verbürgen.

philipp:

Du redest wie ein Träumender. Dies Amt

Will einen Mann und keinen Jüngling –

carlos: Will

Nur einen Menschen, Vater, und das ist

Das einzige, was Alba nie gewesen.

philipp:

Und Schrecken bändigt die Empörung nur,

Erbarmung hieße Wahnsinn. – Deine Seele

Ist weich, mein Sohn, der Herzog wird gefürchtet –

Steh ab von deiner Bitte.

carlos: Schicken Sie

Mich mit dem Heer nach Flandern, wagen Sie’s

Auf meine weiche Seele. Schon der Name

Des königlichen Sohnes, der voraus

Vor meinen Fahnen fliegen wird, erobert,

Wo Herzog Albas Henker nur verheeren.

Auf meinen Knien bitt ich drum. Es ist

Die erste Bitte meines Lebens – Vater,

Vertrauen Sie mir Flandern –

philipp den Infanten mit einem durchdringenden Blick betrachtend:

Und zugleich

Mein bestes Kriegsheer deiner Herrschbegierde?

Das Messer meinem Mörder?

carlos: O mein Gott!

Bin ich nicht weiter, und ist das die Frucht

Von dieser längst erbetnen großen Stunde?

Nach einigem Nachdenken, mit gemildertem Erust.

Antworten Sie mir sanfter! Schicken Sie

Mich so nicht weg! Mit dieser übeln Antwort

Möcht ich nicht gern entlassen sein, nicht gern

Entlassen sein mit diesem schweren Herzen.

Behandeln Sie mich gnädiger. Es ist

Mein dringendes Bedürfnis, ist mein letzter,

Verzweifelter Versuch – ich kann’s nicht fassen,

Nicht standhaft tragen wie ein Mann, daß Sie

Mir alles, alles, alles so verweigern. –

Jetzt lassen Sie mich von sich. Unerhört,

Von tausend süßen Ahndungen betrogen,

Geh ich aus Ihrem Angesicht. – Ihr Alba

Und Ihr Domingo werden siegreich thronen,

Wo jetzt Ihr Kind im Staub geweint. Die Schar

Der Höflinge, die bebende Grandezza,

Der Mönche sünderbleiche Zunft war Zeuge,

Als Sie mir feierlich Gehör geschenkt.

Beschämen Sie mich nicht! So tödlich, Vater,

Verwunden Sie mich nicht, dem frechen Hohn

Des Hofgesindes schimpflich mich zu opfern,

Daß Fremdlinge von Ihrer Gnade schwelgen,

Ihr Carlos nichts erbitten kann. Zum Pfande,

Daß Sie mich ehren wollen, schicken Sie

Mich mit dem Heer nach Flandern!

philipp: Wiederhole

Dies Wort nicht mehr, bei deines Königs Zorn!

carlos:

Ich wage meines Königs Zorn und bitte

Zum letztenmal – Vertrauen Sie mir Flandern.

Ich soll und muß aus Spanien. Mein Hiersein

Ist Atemholen unter Henkershand –

Schwer liegt der Himmel zu Madrid auf mir

Wie das Bewußtsein eines Mords. Nur schnelle

Veränderung des Himmels kann mich heilen.

Wenn Sie mich retten wollen – schicken Sie

Mich ungesäumt nach Flandern.

philipp mit erzwungener Gelassenheit:

Solche Kranke

Wie du, mein Sohn, verlangen gute Pflege

Und wohnen unterm Aug’ des Arzts. Du bleibst

In Spanien; der Herzog geht nach Flandern.

carlos außer sich:

O, jetzt umringt mich, gute Geister –

philipp, der einen Schritt zurücktriti: Halt!

Was wollen diese Mienen sagen?

carlos mit schwankender Stimme: Vater,

Unwiderruflich bleibt’s bei der Entscheidung?

philipp:

Sie kam vom König.

carlos: Mein Geschäft ist aus.

Geht ab in heftiger Bewegung.

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180 p. 1 illustration
ISBN:
9788726630886
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