Read the book: «Anderswelt»

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ZUM BUCH

Wie verändert sich das eigene Denken, wenn man sich ein halbes Jahr ausschließlich aus rechten Medien informiert? Ein Bericht aus der Anderswelt über die schleichende Aushöhlung unserer Demokratie.

Während die klassischen Printmedien von der FAZ bis zum Spiegel an Auflage verlieren, legen die rechten Publikationen seit mehreren Jahren zu. Rechtes Gedankengut sickert immer mehr in die Mitte der Gesellschaft und wird attraktiv für Bürger, die sich lange ganz anders verortet haben.

Der Nachrichtenjournalist Hans Demmel und der TV-Journalist Friedrich Küppersbusch analysieren in Anderswelt die Wirkungsweise rechter Medien anhand von Tichys Einblick, MMNews, KenFM, Compact und Junge Freiheit, deren Websites und YouTube-Kanälen. In einem »Selbstversuch« hat sich Hans Demmel ein halbes Jahr ausschließlich die Lektüre und die Videos dieser Publikationen verordnet, Tagebuch geführt und den Einfluss auf sein Denken festgehalten. Friedrich Küppersbusch liefert dazu den Faktencheck und die notwendigen Hintergrundinformationen: Wer sind die Stammleser, wie werden neue Leser, User, Seher angezogen? Wer finanziert diese Publikationen? Und wie kommt es, dass einst als seriös anerkannte Journalisten wie Roland Tichy, Peter Hahne, Matthias Matussek oder der Radiomoderator Ken Jebsen die rechte Publizistik prägen?

Aus einer Mischung von Tagebuch, Dokumentation, Reportage und Interviews entsteht ein Einblick in eine Szene, die in ihrem Gefährdungspotential für die Demokratie nicht nur unbekannt ist, sondern sträflich unterschätzt wird.

ÜBER DIE AUTOREN

Hans Demmel, geb. 1956, ist Journalist und hat u.a. beim Bayerischen Fernsehen gearbeitet, war US-Korrespondent bei SAT 1, Chefredakteur von VOX und von 2006 bis 2018 Geschäftsführer bei n-tv sowie von 2016 bis 2020 Vorstandsvorsitzender des Privatfunkverbands VAUNET. Er lebt in Köln.

Friedrich Küppersbusch, geb. 1961, Studium der Journalistik in Dortmund. Nach Stationen bei der WAZ und WDR-Radio Moderation des politischen Magazins »ZAK« beim WDR. Seit 1996 Geschäftsführender Gesellschafter der probono Fernsehproduktion. Er wurde mit dem Grimme-Preis und dem Fernsehpreis Telestar ausgezeichnet. Kolumnen bei der taz, Radio Bremen, RadioEINS und »KüppersbuschTV« bei YouTube. Er lebt in Dortmund.

HANS DEMMEL

ANDERSWELT

Ein Selbstversuch mit rechten Medien,

begleitet von Friedrich Küppersbusch

VERLAG ANTJE KUNSTMANN

INHALT

RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN

Ein Selbstversuch in der Welt alternativer Medien

VERSCHWÖRUNGSTHEORETIKER UND DIE MITTE DER GESELLSCHAFT FINDEN ZUEINANDER

Erstes vorsichtiges Herantasten

Nur nette Menschen auf den Berliner Straßen

Die kurzen Wege in die Tiefen der Anderswelt

Der Tag danach

Erste Zweifel

Absurde Theorien verkaufen sich

Deutschlands bekanntester VerschwÖrungstheoretiker

Die Bedrohung durch das Fremde

Opposition als Grundprinzip

DIE REALITÄT WIRD AUSGEBLENDET, WENN SIE NICHT INS DENKEN PASST

Das angebliche Ende der Meinungsfreiheit

Donald Trump aus der Sicht der Anderswelt

Journalismus à la AfD

Meister der Selbstinszenierung

Trump forever

Der Fall George Floyd anders betrachtet

Nachwuchsautoren zur US-Wahl

Der Tag der US-Wahl

Die Anderswelt feiert Bidens Niederlage

Deutschland hat eine neue Wochenzeitung

Trumps Niederlage wird weiter angezweifelt

Das angebliche »ErmÄchtigungsgesetz«

Halbzeit in der Anderswelt

Jana aus Kassel

Höcke live

Wenig Fakten, wilde Storys

Lockdown verschÄrft, der Ton wird rauer

Grenzen verschwimmen

Eine Exklusivmeldung aus der Anderswelt

ZWEIERLEI MASS – DAS PRINZIP DER ANDERSWELT

Flucht und Migration. Wo die Verunsicherung der Mitte begonnen hat

Wer und was ist die Lügenpresse?

Verirrt in der Anderswelt

Feindbild Flüchtling

Die NPD am Kiosk

Migranten werden nur negativ dargestellt

Der Sturm aufs Kapitol wird geschrumpft

Die letzten Tage in der Anderswelt

WAS IST DA MIT MIR PASSIERT?

Ist die Anderswelt eine Alternative, vielleicht die bessere?

NACHWORT

DANK

QUELLENVERZEICHNIS

Prolog
RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN
EIN SELBSTVERSUCH IN DER WELT ALTERNATIVER MEDIEN

Schlecht geschlafen, wirr geträumt. Um halb vier Uhr früh aufgestanden. Gelesen. Ich frage mich, was ich mir da vorgenommen habe: heute also ist der Tag, an dem aus einer spielerischen Idee Ernst werden soll. Und ich frage mich, ob das wirklich eine gute Idee war?

Bei den ersten Anti-Corona-Demonstrationen in den vergangenen Wochen war immer wieder ein Stichwort deutlich zu hören, das mich seit Jahren bewegt: Lügenpresse. Und es sind nicht so sehr die lauten Pegida-Schreier in Dresden und anderswo, die Sorgen machen, es sind die vielen, leisen Zweifler. Diejenigen, die dem Medien-Mainstream immer mehr misstrauen. Diejenigen, die im Internet ihr Informationsheil suchen, die googeln und recherchieren verwechseln, diejenigen, die nur noch das glauben wollen, was die eigene Meinung, das eigene Vorurteil bestätigt.

Langsam fräst sich so fremdenfeindliches, antidemokratisches Gedankengut in alle Gesellschaftsgruppen, unabhängig vom sozialen Status. Die Medien, die dies befeuern, geben oder besser nennen sich mal liberal-konservativ, mal offen rechts.

Es sind zum Teil bekannte Journalisten aus dem Mainstream, die sich in den letzten Jahren radikalisiert haben. Namhafte und früher zu Recht geschätzte Kollegen wie Roland Tichy, Matthias Matussek, Boris Reitschuster oder Ken Jebsen. In unterschiedlicher Intensität, aber unüberhörbar. Mich verunsichert dies schon länger und ich frage mich, welche Motivation dahintersteht.

Während die Auflagen fast aller etablierter Printmedien fallen, melden Compact und Co deutliche Zuwächse. Was genau ist in diesen Publikationen zu lesen? Wohin führt der Weg Leser, User, Zuschauer, wenn sie sich ausschließlich in diesen sogenannten alternativen Medien informieren?

Um dies herauszufinden, werde ich mich über ein knappes halbes Jahr hinweg aus meinem gewohnten Nachrichtenumfeld ausklinken. Also kein Spiegel, keine Zeit, keine FAZ, keine Süddeutsche Zeitung, kein Deutschlandfunk, kein n-tv, keine Tagesschau, keine sonstigen Nachrichten im Fernsehen und im Internet. Im selben zeitlichen Umfang wie sonst auch werde ich mir meine Nachrichten aus »alternativen Quellen« holen.

Es ist jetzt Ende August. Die Diskussion um Corona nimmt an Aggressivität zu, die US-Wahlen stehen bevor, das Dauerthema Migration wird voraussichtlich gerade in diesen sogenannten alternativen Medien auch weiter eine zentrale Rolle spielen. Der Plan ist relativ simpel: Tagebuch führen und hinschauen, wo es wahrscheinlich wehtut.

Mehr als vierzig Jahre habe ich in unterschiedlichen Funktionen im »Medien-Mainstream« gearbeitet und gelebt. Volontariat beim heimischen Lokalblatt in Oberbayern. Gute zehn Jahre als Reporter in München, in Diensten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Reporter, Korrespondent, Magazin-Chef, Chefredakteur dann im privaten Fernsehen, und schließlich zwölf Jahre als Geschäftsführer eines Nachrichtensenders. Themen vom Trachtenumzug am Chiemsee bis zum Trump’schen Wahlkampf, von Tschernobyl bis Fukushima, vom Sommermärchen bis 9/11, von FJS bis NYSE.

Nach langer Erfahrung sollte ich gestählt sein für diesen Selbstversuch, für diese Reise ins Dunkel der deutschen Medienlandschaft. Angst vor dem, was mich erwartet und was die Lektüre bei mir auslöst, habe ich dennoch. Diese Angst soll mir ein Begleiter auf dieser Reise nehmen.

Friedrich Küppersbusch, mein langjähriger Freund und Kollege wird mir für die nächsten knapp sechs Monate auf die Finger und in den Kopf schauen. Wie wird sich mein Kenntnisstand des öffentlichen Geschehens von dem des durchschnittlichen Nachrichtenkonsumenten unterscheiden? Wird, und wenn, wie wird sich meine Wahrnehmung verändern? Friedrich Küppersbusch soll die notwendigen Einschübe liefern, die Fakten einordnen und so helfen, Differenz und Desinformation deutlich zu machen. Und er soll mir, sollte es so weit kommen, den Aluhut vom Kopf reißen.

Im Wesentlichen wird meine Lektüre auf Websites stattfinden, doch auch Gedrucktes und Videos, vornehmlich auf YouTube, gehören dazu. Es sind fünf Publikationen, denenich regelmäßig folgen will, aber ich werde auch den Algorithmus-Empfehlungen folgen und Seitenwege einschlagen. Und, das sei vorab verraten: Es werden sich »Preziosen« finden wie ein fast einstündiges, bewundernd-unterwürfiges Interview von Frau von Storch mit Steve Bannon, dem weltweit wohl einflussreichsten aller rechten Publizisten.1 Und ich werde zwanzigjährige Nachwuchsautoren kennenlernen, die voller Überzeugung für ihre Version eines neuen Deutschland brennen, und ich werde lesen müssen, wie ein Ex-Kulturchef des Spiegel eine Ikone der Identitären Bewegung hochjubelt: Brittany Sellner-Pettibone, die Frau von Martin Sellner.

Am nächsten noch am bürgerlichen Rand scheint Tichys Einblick zu stehen.2 TE startete 2014 als Ein-Mann-Blog und erscheint seit 2016 auch in gedruckter Form. Es ist, so Roland Tichy, der Kopf dahinter, »das Magazin für alle, die die Nase voll haben vom bevormundenden Mainstream-Journalismus«.3 Das, so der herausgebende Finanzenverlag, »Monatsmagazin für die liberal-konservative Elite« hat nach offiziellen Verlagsangaben eine gedruckte Auflage von 37.000 Exemplaren. Die Website wird laut Eigenangabe Monat für Monat von 650.000 Lesern genutzt. Seit sechs Jahren nutzt Tichy sein Know-how als früherer Chefredakteur bei den Wirtschaftsmagazinen Impulse, €uro und WirtschaftsWoche für seine eigenständigen Aktivitäten. Bei ihm werden Politiker wie Thilo Sarrazin und Hans-Georg Maaßen nahezu kritiklos hochgejubelt. So trifft er anscheinend den Lesegeschmack einer verunsicherten, migrations- und europaskeptischen Leserschaft. Damit hat er ein multimediales Medienangebot geschaffen. Offenbar ein wirtschaftliches Erfolgsmodell.

Auch Michael Mross, Kopf und Hauptautor der MMnews, ist ein ehemals bekannter Wirtschaftsjournalist.4 Er setzt bei seinen MMnews auf ein offenbar unzufriedenes, zumindest finanziell gehobenes Bürgertum. MMnews startete er schon 2008. Die Website ist von allen Medien aus diesem Gesinnungs-Dunstkreis die mit dem umfangreichsten Angebot an aktuellen News. Der Schwerpunkt liegt auf den Rubriken Wirtschaft und Börse, inklusive aktueller Ticker-Meldungen. Daneben bietet Mross gegen Bezahlung einen Börsenbrief an, der regelmäßig dreistellige Aktiengewinne in Aussicht stellt. Die Trennlinien zu klassisch-konservativen Medien sind auch bei den MMnews nicht auf den ersten Blick erkennbar. Bei genauerem Hinsehen ist es ein ähnliches Geschäftsmodell wie bei Tichy, vordergründig wirtschaftsnah, bei genauerem Hinsehen jedoch durchsetzt mit radikaler Kommentierung. Offizielle Zahlen zur Reichweite nennt Mross nicht. Der Stern ist schon 2016 deutlich in seiner Beschreibung der Publikation: Mross wettere auf seinem Portal gegen die EZB und die »Medienhuren«. Außerdem gegen nahezu alle, die »behaupten, es gebe einen Klimawandel.«5

KenFM war ursprünglich der Titel einer vierstündigen Hörfunksendung bei Radio Fritz unter dem Dach des öffentlich-rechtlichen RBB, ausgestrahlt in den Jahren 2001 bis 2011. Moderiert wurde die Sendung von Kayvan Soufi Siavash, der für sich den Künstlernamen Ken Jebsen wählte. Die Rechte am Titel behielt Jebsen nach einer spektakulären Trennung vom RBB. Die aktuellen Inhalte der Website6 und des Kanals werden gemeinhin von Journalisten und Wissenschaftlern als verschwörungstheoretisch eingeordnet. Nur ein kurzer Blick in den YouTube-Kanal belegt dies. Das Spektrum reicht von einem Aufruf zur »Stiftung Aufarbeitung der Verbrechen des Corona-Schreckensregimes« bis zu »Es war kein Mordanschlag von Putin«. Sein bislang erfolgreichstes Video wurde im Mai 2020 hochgeladen. Eine Breitseite gegen Bill und Melinda Gates. Jebsen wirft deren Stiftung vor, die Corona-Pandemie ausgelöst zu haben, um über ein anschließendes Impf-Programm die Weltherrschaft an sich zu reißen. Mit deutlich mehr als drei Millionen gingen die Abrufe durch die Decke, auch wenn nach Faktenchecks alle Kernaussagen falsch waren.7 Jebsens Youtube-Kanal wird Ende Januar abgeschaltet werden, weil er mehrfach die »Community-Regeln« des Netzwerks verletzt hat. Er weicht aus auf Telegram, einen Instant-Messaging-Dienst, der ursprünglich in Dubai entwickelt wurde, auf dessen Homepage aber kein Impressum oder ein Hinweis darauf zu finden ist.8

Das Eigenverständnis von Compact findet sich auf der Website klar umrissen: »Lesen, was andere nicht schreiben dürfen. Für alle, die Mut zur Wahrheit haben, ist Compact das scharfe Schwert gegen die Propaganda des Imperiums. Eine Waffe namens Wissen, geschmiedet aus Erz wirtschaftlicher und geistiger Unabhängigkeit.«9 Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise verkaufte sich das Heft laut Spiegel Online 85.000 Mal, derzeit sind es etwa 40.000 Exemplare.10 Der starke Mann hinter Compact ist der ehemals ausgewiesen linke Journalist Jürgen Elsässer, der als Autor und Redakteur für Arbeiterkampf, konkret und Neues Deutschland gearbeitet hat. Mitte der Nullerjahre wandte er sich immer mehr dem Rechtspopulismus und dem Rechtsextremismus zu. Elsässer, der auch bei mehreren Pegida-Mahnwachen in Dresden als Redner auftrat, hat Compact bewusst zum Sprachrohr des radikalen Flügels der AfD entwickelt.

Das schließlich letzte Medium, das regelmäßig verfolgt werden soll, ist die Junge Freiheit, führenden Politikwissenschaftlern wie Gideon Botsch oder Hajo Funke zufolge das Sprachrohr der Neuen Rechten. Dem heutigen Wochenblatt geht eine vom aktuellen Chefredakteur Dieter Stein 1986 gegründete Schüler- und Studentenzeitung voraus. 1990 dann gründen zehn Autoren und Redakteure die »Junge Freiheit Verlag GmbH«. In den letzten zwölf Jahren ist die Auflage des Blattes stetig gestiegen. Von verschwindend kleinen 4.500 Exemplaren 2008 auf aktuell 31.000. Laut Eigenwerbung in einem PR-Video füllt die JF »eine gravierende Lücke im veröffentlichten Meinungsspektrum. Mit Informationen, Perspektiven und Hintergründen, die andere meistens ausblenden.«11 Die sanft-säuselnde Stimme im Video dann weiter: »Die Junge Freiheit ist wirklich unabhängig und bewahrt sich so die Freiheit, brisante Themen ohne political correctness zu behandeln.« In der heute, zu Beginn meines Versuchs, aktuellen Ausgabe Nummer 36/20 sind dies eine Eigenumfrage zu Corona, die zu dem Schluss kommt, das Land sei gespalten, ein »Zwischenbilanz« genanntes Interview mit einer »Flüchtlingshelferin«, Tenor: die deutsche Flüchtlingspolitik sei gescheitert.12 Dazu findet sich eine hymnische Buchbesprechung eines Titels namens »Corona-Alarm« der »Wissenschaftler Sucharit Bhakdi und Karina Reiss«. Dem Buchtitel werde ich in den nächsten Wochen mehrfach wiederbegegnen.

Diese fünf Publikationen, Tichys Einblick, MMnews, KenFM, Junge Freiheit und Compact, wurden ausgewählt, weil sie am bekanntesten und am stärksten verbreitet sind. Sie decken beispielgebend das Spektrum vom sich liberal gebenden seriös wirkenden Angebot wie Tichys Einblick über verworrene Verschwörungstheorien bei Jebsen bis zum unverhohlenen Rechtsradikalismus bei Compact ab.

Was sie eint: Alle verstehen und verkaufen sich als Alternative zu den von ihnen so genannten »System-Medien« und reklamieren, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. Der Wahrheit, der sich die »Lügenpresse«, wie sie ständig betonen, verweigert.

Der Beobachtungszeitraum endet in den letzten Januartagen 2021, der Stand der Recherche ist vom 31. März 2021.

Die Wege vom liberal-konservativen Report hin zu den absurdesten Verschwörungstheorien sind kurz. Am letzten Wochenende im August 2020 kreuzen sie sich in Berlin auf den Straßen rund um den Reichstag.

I VERSCHWÖRUNGSTHEORETIKER UND DIE MITTE DER GESELLSCHAFT FINDEN ZUEINANDER
ERSTES VORSICHTIGES HERANTASTEN

Es ist Freitag früh, der 28. August 2020. Ein trüber Spätsommermorgen und Tag eins meines Selbstversuchs. Für das bevorstehende Wochenende sind in Berlin Großdemonstrationen angekündigt. Vor drei Wochen schon haben nach Polizeiangaben zwischen 15.000 und 20.000 Menschen in Berlin gegen die Anti-Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern demonstriert. Offiziellen Angaben zufolge. Von den Organisatoren und den sie unterstützenden, meist rechten Medien werden diese Zahlen aggressiv bestritten. Sie wollen in etwa eine Million Menschen gezählt haben.

Gestern Abend habe ich mich noch einmal bei den von rechts so genannten System-Medien informiert. Dieser Begriff der System-Presse stammt aus einer Zeit, als es Medien in der heutigen Vielfalt von Verbreitungsformen noch nicht gab und Informa tionsvermittlung und politische Kommentierung fast ausschließlich in Zeitungen stattfand. Das Radio wurde zwar für die NS-Propaganda immer wichtiger, stand aber seit der ersten Sendung im Oktober 1923 unter staatlicher Kontrolle. Der Begriff der System-Presse entstand 1933, wie Cornelia Schmitz-Berning in ihrem Buch »Vokabular des Nationalsozialismus« festhält.1 Er war fester Bestandteil des offiziellen Sprachgebrauchs der Nazis. »Am 8. 4. 1933 verkündete Goebbels vor dem SA-Appell: ›Wir dürfen heute mit stolzem Selbstbewusstsein sagen, dass an unserer Kraft das System zerbrochen ist.‹ Zu System, verächtlich für die Weimarer Republik benutzt, gebildete Komposita sind Systembeamte, Systembonzen, Systempresse.«

Eines der großen Themen an diesem Tag ist in eben all diesen »System-Medien« die Entscheidung des Berliner Innensenators Andreas Geisel, die für das Wochenende geplante »Anti-Corona-Demonstration« zu verbieten. Sein Argument: der Infektionsschutz sei nicht gewährleistet. Zeitgleich hat die Kanzlerin die Ministerpräsidenten für den heutigen Tag geladen, um einheit lichere Anti- Corona-Maßnahmen zu verabreden. Mit mehr oder weniger Erfolg. So will Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff nichts von Strafen gegen Maskensünder wissen. Auch Außenminister Maas hat seine Kollegen aus den anderen EU-Staaten eingeladen, um eine gemeinsame Strategie zu den Demokratiebestrebungen in Belarus zu erarbeiten. Auch mit mehr oder weniger Erfolg. Nikos Dendias, der griechische Außenminister, hat sein Veto angedroht, sollte Belarus sanktioniert werden und nicht gleichzeitig auch die Türkei wegen deren Vorpreschens im Kampf um das Erdgas im Mittelmeer. Und dann noch ein Blick nach Milwaukee, wo die Basketball-Stars der Milwaukee Bucks den Ball niedergelegt haben, um so gegen den Rassismus in ihrem Land zu demonstrieren.

Nichts davon wird sich in der von mir verfolgten alternativen Presse wiederfinden, nicht einmal in Spurenelementen.

Freitag früh gehe ich zum Bahnhof. An den Kiosk oder die Tankstelle, wo mich ein Nachbar sehen könnte, habe ich mich nicht getraut, erkannt zu werden wäre mir dann doch peinlich. Schlimmer wäre es noch, wenn mir jemand aus meinem gutbür-gerlichen Wohnumfeld auf die Schulter hauen würde: »Freut mich, dass du einer von uns bist.« Das würde ich nicht hören wollen. Am Bahnhof muss ich mich erst einmal nach Tichys Einblick erkundigen. Es liegt ein bisschen versteckt in einer Ecke.

Gleich daneben, in räumlicher und inhaltlicher Nähe, die Junge Freiheit und daneben wiederum ein Heft, das mir bisher nicht bekannt war: »Zuerst! Deutsches Nachrichtenmagazin« mit dem Titelthema »Gibt es Rassismus in Deutschland? Angriff auf die weiße Welt«. Beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses schaudert es mich: »Gute, alte Zeit, als in Europa weiße Völker in weitgehend ritterlicher Weise gegeneinander fochten«, »Wird Wien zum Babylon? Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist auf bestem Weg, die gebürtigen Österreicher zu überflügeln«. Auf Seite fünf lese ich beim Durchblättern: »Doppelt so viel Geld für Auschwitz«. Außenminister Maas hat der Meldung zufolge bei einem Besuch in Polen zugesagt, die Summe für die Stiftung Auschwitz-Birkenau von 60 auf 120 Millionen zu erhöhen. »Der deutsche Steuerzahler kann sich gerade in Krisenzeiten darauf verlassen, dass die Politik die ihr zur Verfügung gestellten Mittel nur für die absolut wichtigsten und notwendigsten Zwecke ausgibt.«2

Ein erstes Fundstück, ein erster Abzweig vom gemäßigt scheinenden in den radikalen rechten Weg.

Das gedruckte Compact-Magazin ist hier am Kölner Bahnhofskiosk hinter einem vorgeschobenen Miniregal nur schwer zu finden. Seit Publikation und Verlag vom Verfassungsschutz beobachtet werden, wird es in manchen Zeitungskiosken gar nicht mehr angeboten.

Im Netz dann langsames Warmlaufen bei Tichys Einblick. Noch sind die für Samstag geplanten Demos in Berlin verboten, die Entscheidung dafür wird erst in der Nacht zum Samstag vom Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg getroffen werden.

Zeit für den ersten Fakteneinschub von Friedrich Küppersbusch:

Demo Genehmigungen

Freitag 13:47 Uhr: Spiegel Online meldet, das Berliner Verwaltungsgericht habe die Verbotsverfügungen der Polizei aufgehoben. Es gebe »keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit«. Der Veranstalter habe ein Hygienekonzept vorgelegt. Das Land habe die Auflagen nicht hinreichend geprüft.3

Samstag 3:02 Uhr: Tagesspiegel Online berichtet, das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg habe in der Nacht die Eilbeschlüsse des Verwaltungsgerichtes »im Wesentlichen« bestätigt. Schlagzeile: »Demonstrationen gegen Corona-Politik dürfen stattfinden.«4

Dazu schreibt Dushan Wegner, Gastautor bei Tichys Einblick: »Berlin verbietet Corona-Demos, liest man im Staatsfunk.«5 Na ja, im Funk zu lesen ist irgendwie ein bisschen schwierig, und ziemlich verschwurbelt geht es dann auch weiter. Eigentlich nicht nachvollziehbar verbindet Wegner (wie gerne würde ich ihn jetzt googeln, aber das scheint mir gegen die Spielregeln zu verstoßen) das Demonstrationsverbot mit dem »Brüsseler New pact on immigration and asylum« und flicht den von ihm als bekannt vorausgesetzten Roman »Hitchhikers Guide to the Galaxy« ein.

Dushan Wegner

Dushan Wegner, geboren als Dušan Grzeszczyk 1974 in der Tschechoslowakei, kam mit sechs Jahren nach Deutschland. Seiner Amazon-Autorenbeschreibung nach arbeitete er »als Programmierer, als Videojournalist, Politikberater und Publizist. Er studierte Theologie, dann Philosophie, Medienwissenschaften und Germanistik«, nach Angaben seines Verlages Westend war er »vormals Ausbilder und Redakteur beim Fernsehen … derzeit Texter und Politikberater. Sein Spezialgebiet ist die systematische Entwicklung von politischen Slogans und Talkingpoints.«6,7

Per Anhalter durch die Galaxis

»The Hitchhiker’s guide to the Galaxy« ist der Originaltitel der auch in Deutschland bekannten Science-Fiction-Komödie »Per Anhalter durch die Galaxis« von Douglas Adams. Erstveröffentlichung auf BBC Radio4 1978.8

Es ist mein erster bewusster Kontakt, mein erster für diesen Versuch gelesener Text. Ihn nachzuvollziehen fällt mir schwer. Ein Zitat vom Anfang: »… in den sozialen Medien liest man den Jubel der Staatsfunker und Gleichgeschalteten, und einem wird nicht-nur-leicht-übel.« Dieser Textteil ist noch halbwegs verständlich, für den Rest braucht es immense Konzentration: »Niemand hat nicht erwartet, dass im Schatten des Virus die ›üblichen Verdächtigen‹ drangehen würden, ihre ohnehin gehegten Ziele zu beschleunigen.« Zumindest mich, den Neuling in der Anderswelt, lässt dies ratlos zurück. Aber: Es gibt klar erkennbare Feindbilder bei Wegner: »Wolfgang ›schwarzer Koffer‹ Schäuble«, den »später an Ischias leidenden Wolfgang Juncker«, die »Chefin Deutschland ist die Jungkommunistin«. Gemeint ist wohl die Bundeskanzlerin.

Der zweite Kontakt: ein Video auf der Homepage von TE: Achim Winter und Roland Tichy am Tisch, ähnlich wie Statler und Waldorf aus der Muppet-Show, aber nicht in der Theaterloge und auch nicht ganz so witzig.9 Die Geschichte will Satire sein: Winters wohl fiktiver Freund aus Schwäbisch Gmünd hätte die Reise zur Demo ja schon gebucht, wüsste aber jetzt nicht so recht, was dort anfangen im fernen Berlin, sollte die Demo verboten werden. Tichys Tipps für den Ausflug in die Hauptstadt, in der es anscheinend drunter und drüber geht, versprechen ein unterhaltsames Wochenende. Winters Freund könne ja im Görlitzer Park unter Polizeischutz kiffen, sich am Abend dann Grillanzünder besorgen und straffrei einen Porsche anzünden und so weiter. In Berlin ginge das alles ganz problemlos. Satire? Na ja, ich komme mir beim Zusehen auf YouTube ein bisschen vor wie Fozzie Bär, der nichts versteht und sich nur wundern kann. Achim Winter kommt vom ZDF, und seine Kolumne auf Tichys Einblick verträgt sich offenbar mit seinen öffentlich-rechtlichen Kamera-Auf-tritten.

Dann lese ich bei Tichys Einblick noch ein Interview mit Diet rich Murswiek, der vorgestellt wird als »anerkannter Verfassungsrechtler, nachdem er bereits auf Bitten des Landtags von Rheinland-Pfalz gutachterlich tätig geworden ist«10.

Dietrich Murswiek

Deutscher Rechtswissenschaftler, gehörte von 1972 bis 2015 der CDU an und berät seit Mitte der 80er Bundestagsabgeordnete der CDU/CSU-Fraktion in staats- und völkerrechtlichen Fragen. »Bei seiner Berufung an die Universität Freiburg wurde ihm vorgeworfen, dass er in jungen Jahren im Umfeld rechtsextremer Kreise aktiv war.« 2018 verfasste Murswiek im Auftrag der AfD ein Gutachten zu »deren womöglich drohender Beobachtung durch den Verfassungsschutz«11.

Schon die Frage, die an Murswiek gestellt wird, warum »Black livesmatter-Demos anders behandelt« werden, anders als Anti-Corona-Demonstrationen nämlich, verweist darauf, dass diese von staatlichen Autoritäten aus politischen Gründen benachteiligt würden. Auf die Frage »Lassen sich Abstands- und Maskenpflicht bei Demonstrationen überhaupt noch rechtfertigen?« antwortet Murswiek mit der Gegenfrage, ob das Robert Koch- Institut gesicherte Erkenntnisse habe, dass »sich die Massendemonstrationen von BLM oder … von Gegnern der Coronapolitik … nachträglich als Hotspots für die Verbreitung des Virus erwiesen haben«.

Auf den ersten Blick, denke ich, ist dies zumindest nicht völlig von der Hand zu weisen. Doch wie wäre eine Nachverfolgung bei nicht registrierten Teilnehmern aus dem gesamten Bundesgebiet überhaupt möglich?

Ich klicke weiter zu Michael Mross, dem Kopf des Online-Konglomerats MMnews. Das Video ist etwa zehn Minuten lang, gedreht direkt vor dem Brandenburger Tor.12 Selbstsicher, redegewandt. Ein Profi, einer, der das Spiel mit der Kamera beherrscht.

»Berlin! Berlin! Hier spricht Berlin«, jubelt er in einer Großeinstellung. Die Vorfreude ist ihm anzusehen. Er erwartet Großes. Die Schätzung der Polizei, die bei etwa 30.000 zu erwar tenden Demonstranten liegt, hält er »für ein bisschen niedrig gegriffen. Ich denke, es werden sicher eine Million sein.«

Zehn Minuten lang spricht er ganz im Stil der von ihm so verachteten Mainstream-Medien in die Kamera. Und interviewt dann Menschen auf der Straße. MoS, men on street, nennt sich das im professionellen, sicherlich nicht mehr ganz politisch korrekten Vokabular. Die Menschen, die er interviewt, kommen sichtlich aus der Mitte der Gesellschaft. So wie das Ehepaar, das aus Brühl bei Köln angereist ist. Beide schätzungsweise um die fünfzig. Gutbürgerlich. Sie sind hier, um »das Grundgesetz zu verteidigen«. Beide loben die gelöste Stimmung und freuen sich, dass sie keine Masken sehen. Eine Werbe-Einblendung der Neuen Zürcher Zeitung unterbricht die Reportage, dann kommt eine junge Frau zu Wort. Um die dreißig, dezenter Chic. Ihre Empörung merkt man ihr an, es sei ja »wissenschaftlich erwiesen, dass die Masken gesundheitsschädlich sind«. Alle Interviewten sind sympathische, ruhige, nachdenkliche Menschen. Bei Mross tauchen keine Verschwörungstheoretiker auf, keine Neonazis, keine QAnon-Anhänger, wie sie beispielsweise die Berichterstattung von Spiegel TV über die erste Berliner Anti-Corona-Demo vor zwei Wochen geprägt haben.

Das, was ich da sehe, lässt mich über meine nicht wegzuleugnende Voreingenommenheit nachdenken. Geht es wirklich so schnell, Zweifel im Kopf zu säen? Die Sympathie-Werbung für die Protestierenden ist professionell gemacht und leicht durchschaubar. Doch wie wirkt das auf die ohnehin Zweifelnden?

NUR NETTE MENSCHEN AUF DEN BERLINER STRASSEN

Samstag, der 29. August. Der Tag der Demo. Von den Themen, die mir noch vom Donnerstag aus den klassischen Medien her im Gedächtnis geblieben sind, also einheitliche Corona-Regeln, Belarus, US-Wahlkampf und der dortige Rassismus, finde ich in allen von mir verfolgten Medien nichts.

Die Berliner Demonstration überstrahlt alles: »Wir hier unten, ihr da oben« zieht sich als Grundgedanke durch alle Artikel, alle Videos. Der Tag heute, Tag zwei meiner Reise in die Anderswelt, ist eine echte Herausforderung für den News-Junkie in mir. Der Reflex, ins Netz zu gehen, um mich auf den bisherigen Wegen zu informieren oder einen Nachrichtensender einzuschalten, ist kaum zu unterdrücken. Am Abend fange ich dann an, nachzulesen und nachzusehen, was denn in Berlin passiert sei.

Alexander Wendt auf der Website von Tichys Einblick hat praktisch keine Rechtsradikalen, keine Verschwörungstheoretiker gesichtet. Das ist weit weg von dem, was ich, bis vor Kurzem ausschließlich informiert durch klassische Medien, erwartet habe.

Alexander Wendt

geb. 1966 in Leipzig, war freier Journalist u. a. bei Wirtschaftswoche, Stern, Tagesspiegel. Wendt war Redakteur für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft beim Focus, er ist Buchautor und schreibt häufig für Tichys Einblick und die Achse des Guten.13

Wendt schreibt: »Es ist elf Uhr dreißig, Unter den Linden, und der Sturm der Extremisten auf Berlin fällt aus.« Er macht fünf Strömungen unter dem blauen Berliner Himmel aus: Corona- und Medienskeptiker, »Grundgesetzanhänger«, die dies laut Wendt auch auf T-Shirts vor sich hertragen. »Ich bin gegen alle Grundrechtseinschränkungen im Zusammenhang mit Corona« lässt sich »Christian, 30«, zitieren.14 Dann gibt es noch die »Leute mit den Merkel-muss-weg-Schildern, die offenbar finden, dass 15 Jahre unter der uckermärkischen Vorsteherin reichen«. Eine weitere Gruppe seien die »völlig Corona-Ungläubigen« und dann noch die Sonderabteilung »der Jesus-Freaks«, die »den Heiligen Geist anrufen«.

Zusammengefasst: »Sicherlich gab es auf der Demo-Meile auch Leute mit diversen Sockenschüssen. Dem Reporter scheint es, dass sie irgendwo auf der Skala zwischen einem halben Lauterbach und anderthalb Thunberg liegen, also im Toleranzbereich einer normalen Gesellschaft.«

Der Tag sei auch, so Wendt weiter, »Großkampftag für viele Journalisten, die nicht drei Tage umsonst Tatütata-Beiträge über die große Rechtsextremistenmobilisierung geschrieben und gesendet haben wollen.« Was Wendt, etwas kompliziert, sagen will: die etablierte Presse hätte ein Vorurteil geschürt. Wer von beiden Seiten recht hat, daran gibt es für ihn keinen Zweifel.

Eine Teilnehmerzahl findet sich bei Wendt nicht, aber eine sehr persönliche Zusammenfassung eines netten, eigentlich harmlosen Demo-Nachmittags. »Am Abend berichtet ZDF-heute-Journal von 38.000 Teilnehmern, wichtigste Meldung: ›Promi-Corona-Leugner Hildmann festgenommen.‹« Und weiter: »Was würden manche Qualitätssender eigentlich berichten, wenn sie Hildmann nicht hätten?«

Das Schema wenig Fakten, sehr viel Meinung, klare Feindbilder vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk bis zur Kanzlerin, wird in den nächsten Monaten immer wiederkehren. Die Palette kennt nur zwei Farben: schwarz und weiß.

Wendt zufolge »rennen am Abend noch zwei Dutzend Leute die Rampe und die Treppe vor dem Reichstagsgebäude hoch«. Gleichzeitig macht er etwa doppelt so viele Polizisten aus, die »die Protestler wieder hinunterbegleiten. ›Polizei verhindert Sturm auf den Reichstag‹, dichtet der Tagesspiegel.«

Was ist da wirklich passiert? Die Andeutungen und Einschübe bei Wendt machen neugierig, aber in meinen Quellen gibt es keine Aufklärung.

Polizeibericht: »Sturm auf den Reichstag«

Die Meldung Nr. 2051 der Berliner Polizei vom 30. 8. 2020: Um kurz nach 19 Uhr strömte eine Vielzahl an Personen aus dem Bereich Brandenburger Tor kommend in Richtung Wiese vor dem Reichstag. Um dies zu lenken bzw. zu unterbinden, sollten für den Bereich Simsonweg Ecke Scheidemannstraße Einsatzkräfte zusammengezogen werden. Diese Phase nutzte eine größere Personengruppe von etwa 300 bis 400 Personen, überwand aufgestellte Absperrgitter und gelangte so auf die Außentreppe des Reichstages. Wie durch den Pressesprecher der Polizei Berlin bereits im Einsatzgeschehen mitgeteilt wurde, haben die zur äußeren Sicherung des Reichstags am Ort befindlichen Einsatzkräfte unverzüglich reagiert und interveniert. Ein Eindringen in den Reichstag war den Personen daher nicht möglich. Mit weiteren zur Sicherung des Bereiches eingesetzten Kräften wurden die Personen von der Treppe zurückgedrängt. Hierbei kam es zu Angriffen auf Einsatzkräfte.15

YouTube empfiehlt mir auf der Suche nach »Berlin-Anti-Corona-Demonstration« ein Video von RT Deutsch, dem deutschsprachigen Sender aus Putins Propaganda-Maschinerie. Ein neuer Seitenweg in die Anderswelt.

Die Putin-Propagandisten liefern ein kurzes, technisch mangelhaftes Video mit Live-Charakter, teilweise schwarz, also ohne Bild, mit einem jungen, ganz sympathischen, sehr älplerischen Reporter und einer ebenfalls jungen, auch nicht unsympathischen Reporterin. Nette junge Leute, die beiden. Ein Kameraschwenk zeigt in der Tat eine beeindruckende Zahl von Menschen auf der Straße des 17. Juni. Der Text schließt mit »und es werden immer mehr«. Den Satz habe ich schon mal gehört, bei der Launch-Party für Tichys Einblick in Berlin vor vier oder fünf Jahren. Damals lief es mir kalt den Rücken runter.

YouTube führt mich jetzt weiter zu einem Video eines jungen Österreichers namens Rin99er. Der junge Mann auf dem Musikvideo ist der Reporter, der gerade von der Demo berichtet hat, und singt im klassischen Singer-Songwriter-Stil der Siebziger ein Protestlied des Jahres 2020. »Wir fahren das Land mit Hochgeschwindigkeit an die Wand«, und weiter: »Werden wir weiterhin blind und taub sein« und dann noch, er ist Österreicher: »Kritisch hinterfragen, ist im Nachbarland schon illegal«. Der Titel des Songs: »Fragen muss erlaubt sein«.16

Ich klicke nochmals zurück auf die Empfehlungsseite: Von neun empfohlenen Videos ist nur eines dabei, das nicht aus dem Umfeld rechter Propaganda oder von Verschwörungstheoretikern stammt: »Climbing in Austria – stairway to heaven«. Ansonsten: ein Video von »Vegains DE«, was mir als Quelle nichts sagt. 3.600 Likes, 3.600 Mal Daumen hoch: Ein junger Mann, anscheinend Hobbyreporter, knapp über zwanzig. Breites offenes Ge sicht. Sanfte Locken, einfacher Haarschnitt, grauer Kapuzenpulli, Typ netter Medizinstudent: »Wir sind einfach nur dahin gegangen, um zu gucken, sind da Tausende von Nazis? Die Antwort ist: nein. Ich habe einfach nur normale Leute gesehen.« Das, was er erzählt, belegt auch sein Video. Ausnahmslos nette Menschen, wie schon bei Mross im erwähnten Vorbericht von gestern.17

DIE KURZEN WEGE IN DIE TIEFEN DER ANDERSWELT

Noch ein Klick und ich bin mittendrin in wilden Theorien. Treffen hier die Wege besorgter Bürger und fanatischer Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker aufeinander? »No to Mafia« ist der Titel der Rede des ACU-Mitbegründers Heiko Schöning.18

ACU

ist laut Eigenbeschreibung die Abkürzung für »Außerpar lamentarischer Corona-Untersuchungsausschuss«. Dieser Ausschuss wiederum ist Teil der »World Freedom Alliance«. Das Ziel der Organisation, in der Heiko Schöning Vizepräsident ist: »Ein Ende der unbegründeten und teilweise lebensgefährlichen Corona-Maßnahmen und ein Ende der unsinnigen weltweiten Krise.«19

Es sind offensichtlich Zehntausende, die Schöning auf der Demo am 29. 8. in Berlin zuhören. Dunkelblauer Anzug, selbstsicheres Lächeln, fast weiße, halblange Haare, kräftige, warme Stimme. Er begrüßt alle »auf dieser größten Demonstration der europäischen Geschichte«. Er stellt ein Buch vor: »Corona Fehlalarm?« von Dr. Karina Reiss und Dr. Sucharit Bhakdi, »auf der Spiegel-Bestsellerliste auf Platz eins«. Es ist zwar nicht die Bestsellerliste aus dem gedruckten Spiegel, das Buch findet sich aber auf den Taschenbuchlisten bei Spiegel Online und wird in den nächsten Wochen zur Bibel der Corona-Gegner.

Die Autoren werde ich in den nächsten Monaten immer wieder sehen, vornehmlich als Interviewpartner auf YouTube-Medien, aber auch bei der umstrittenen Talkshow »Hangar-7« im österreichischen Servus TV. Sie werden zu den Stars der Szene.

Dr. Karina Reiss

ist Professorin am Biochemischen Institut der Universität Kiel und Vollmitglied des dortigen Exzellenzclusters »Precision Medicine in Chronic Inflammation«.20 Ab April 2020 tritt die Biochemikerin zusammen mit ihrem Mann Dr. Sucharit Bhakdi, mit dem sie auch das Buch »Corona Fehlalarm?« geschrieben hat, in der Anti-Corona-Szene auf.21 Fünf Fachschaften der Universität sprachen dem Buch die Wissenschaftlichkeit ab, eine gemeinsame Stellungnahme der medizinischen Fakultät und des Exzellenzclusters spricht von »unbelegeten und im Gegensatz zu seriösen internationalen wissenschaftlichen Erkenntnissen stehenden Behauptungen«. Das Anstellungsverhältnis besteht jedoch weiterhin.22

Dr. Sucharit Bhakdi

ist Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie. Bis 2012 war er Professor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und hat das dortige Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene geleitet.23 Sein »Durchbruch« in der Anti-Corona-Szene gelang ihm mit einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin, den er auf YouTube vorgetragen hat.24 Mit seinen Anti-Corona-Videos erreichte er in kürzester Zeit 50.000 Abonnenten. Der Kanal ist inzwischen gelöscht. Neben zahlreichen Medizin- und Forschungspreisen wurde Bhakdi wegen seiner pseudowissenschaftlichen Äußerungen zur Corona-Pandemie im Dezember 2020 der Negativpreis »Das goldene Brett vorm Kopf« verliehen.25

Heiko Schönings Redetext ist frei von Argumenten oder gar schlüssigen Fakten.

»Wir haben eine Gleichschaltung in der Welt«, so Schöning, »wir sehen, dass dieses Virus nicht die Toten fordert, auch nicht, dass diese Kranken in den Krankenhäusern da sind. Das sehen Ärzte überall«. Und dann kündigt er an, »dass bei uns ein Lockdown für September oder Oktober geplant ist, ähnlich wie in Melbourne«.

Gerade wollte ich für heute aufgeben. Dann habe ich mich doch noch ein bisschen durch die ACU-Seite geklickt und ein Video-Kurzinterview mit Robert F. Kennedy gefunden. »Das ist der schlimmste Kampf, den die Menschheit erlebt hat«, wird er übersetzt, »Regierungen lieben Pandemien, weil es ihnen die Fähigkeit gibt, Angst zu nutzen, Terror einzusetzen, totalitäre Kontrolle über die Gesellschaft auszuüben, Gehorsam zu erzwingen.«26

Wer das glaubt, müsste in der Tat dagegen aufstehen und Widerstand leisten. »Wir hier unten gegen die da oben« ist auch hier der Tenor. Und jemand mit dem Leumund eines Kennedy muss doch ernst genommen werden. Viel glaubhafter geht es doch für den Normal-User nicht mehr.

Robert Francis Kennedy junior

geb. 1954 in Washington, ein Neffe des US-Präsidenten John F. Kennedy. Rechtsanwalt, Umweltaktivist, Autor. Vertritt die inzwischen widerlegte These, Impfungen riefen Autismus hervor. War als Umweltaktivist für eine Position unter Obama im Gespräch, als Impfgegner für eine Kommission unter Trump. Unterzeichnete den umstrittenen fundamentalistischen Aufruf katholischer Würdenträger zu Corona. Polemisiert gegen Bill Gates. Angehörige des Kennedy-Clans warfen ihm öffentlich vor, »gefährliche Falschinformationen« zu verbreiten.27

Drei Klicks bis zum Abgrund: Dieses Internetprinzip funktioniert tatsächlich. Ich bin verblüfft und auch entsetzt, wie schnell das geht.

Diesen Weg ins Extreme hat die kanadische Soziologin Zeynep Tufekci schon 2016 in einer beeindruckenden Studie skizziert. Der Auslöser war eher zufällig: Die Autoplay-Funktion lotste sie bei einer Recherche zu Trumps Wahlkampf bei Google immer tiefer zu Videos von Holocaust-Leugnern und Rassisten. Tufekci machte, aufgeschreckt, mehrfach die Probe aufs Exempel, legte unterschiedliche Accounts an und kam immer wieder zur selben Erfahrung: von den Stichworten »Joggen« und »Vegetarier« zum Ultramarathon und zum aggressiven Veganismus waren die Klickwege gerade und kurz. Der Titel ihres 2016 in der New York Times erschienenen Artikels: »YouTube, der große Radikalisierer«. Sie folgert, es sei das erklärte Ziel der US-Konzerne, ihre User so lange wie möglich auf ihren Seiten zu halten. Warum das so ist, lässt sich einfach erklären: Längere Verweildauer bedeutet mehr Fläche, um Werbezeit zu verkaufen. Kaum jemand bestreitet heute, dass die Verweildauer des Besuchers und damit der User selbst das Produkt ist, das an die Werbewirtschaft verkauft wird. YouTube geht diesen Schritt, wenn man Tufekci folgt, noch entschiedener: Ihre Beobachtungen deuten darauf hin, dass Nutzer häufiger dranbleiben, wenn man beim nächsten Video ein kleines Stück aggressiver wird.28

Für diese Reise in die Anderswelt habe ich schon vor ein paar Tagen versucht, mich zu kalibrieren. Zu Beginn des Versuchs bot mir YouTube auf der Startseite auf meine bisherige Nutzung hin folgende Videos an: »Tauchen in Mozambique«, »Ausrastender Politiker«, »Ski-extrem«, einen Porsche-Testbericht, Wingsuit-Flüge und ein Interview mit Cem Özdemir. An dieser Stelle muss ich einflechten, dass ich YouTube kaum nutze und diese Auswahl meinen vielleicht fünfzig YouTube-Aufrufen in den letzten drei Jahren folgt. Was wird der Algorithmus vorschlagen, wenn ich intensiv meinen neuen Informationsquellen folge?

Binnen drei Tagen habe ich subjektiv denselben Eindruck wie Zeynep Tufekci. In den nächsten Wochen und Monaten werden mir Videos vorgeschlagen, zu denen ich nie einen Bezug hatte und nach denen ich nie gesucht hatte, von Videos mit den Kriegserlebnissen verschiedener SS-Gefreiter bis zu ausführlichen Waffentests wie der Erklärung einer »Volkssturmwaffe namens MP 3008«.

DER TAG DANACH

Es ist jetzt Sonntag, der 30. 8.: Alle Quellen, die ich heute lese, sind randvoll mit ihrer Darstellung der Berliner Ereignisse des Vortags.

Der »aktuell wichtigste Beitrag« bei KenFM ist ein Interview mit einem freundlichen Mitvierziger, erste graue Haare, offenes Siegerlächeln: Michael Ballweg.29

Michael Ballweg

gilt als Initiator der Demonstrationsbewegung »Querdenken 711« ab April 2020 zuerst in Stuttgart – Telefonvorwahl 0711. Geboren 1975, studierte er BWL und gründete 1996 die IT-Firma »Media Access GmbH«. Am 11. 8. 2020 kündigt seine Firmenhomepage ihre Abschaltung an, weil namhafte Kunden ihre Referenzen zurückgezogen hätten.30 Seither hat sich Ballweg zur Führungspersönlichkeit der Querdenken-Bewegung aufgeschwungen und nutzt sie nicht nur, um seine Ideologie zu verbreiten, sondern auch, um Geld zu verdienen. So sichert sich Ballweg die Rechte an den Namen vieler Querdenken-Ortsgruppen, verdient an den Einnahmen lokaler Quer-Denken-Merchandising-Verkäufen mit und lässt sich mitunter für Auftritte auf Querdenken-Demonstrationen bezahlen. So erhielt er für die Bewegt-bildrechte eines gemeinsamen Auftritts mit Thomas G. Hornauer auf einer Querdenken-Demo in Stuttgart im Juni 2020 von diesem 5.000 Euro.31 Im Dezember 2020 wurde bekannt, dass der Verfassungsschutz Baden-Württemberg »Querdenken 711« als Beobachtungsobjekt einstuft.

Thomas G. Hornauer

verdiente in den 90ern ein Vermögen mit Astrologie und Erotikpartner-Hotlines. Er kaufte den angeschlagenen Sender B.TV und produzierte dort den esoterischen TV-Kanal »Telemedial«. Zuletzt machte Hornauer als esoterische »königliche Hoheit« bei YouTube auf sich aufmerksam.32

Die erste Frage an Ballweg, was denn in der Nacht passiert sei, ist eigentlich einfach. Die Antwort ist dann eher kompliziert. »Wir haben die Demo gestern um 20:30 Uhr beendet, und danach habe ich die Versammlung ›Querdenken kämpft‹ eröffnet. Danach hat die Polizei mir mündlich erklärt, dass die Versammlung verboten wäre, dann habe ich nachgefragt […] Bundesverfassungsgericht eingeschaltet […] die Polizei hat geräumt dann heute Nacht, mit unschönen Bildern und auch Verletzten Bilder, in diesem Fall Beleg- oder Beweisbilder von dem angesprochenen Einsatz, fehlen. Die der Stimme nach junge Reporterin fasst bei dem Mann im T-Shirt mit dem Aufdruck »Berlin invites Europe« nach. Mein Eindruck nach drei Minuten Interview: Wir leben in einem Polizeistaat. Von Hunderttausenden Views ist jetzt die Rede, und unterwürfig, anders kann man das nicht sagen, beendet die junge Frau das Interview mit den Worten: »Du dankst der Community, die Community dankt dir.« Diese Art des Interviews wird sich in den nächsten Monaten praktisch immer wiederfinden. Innerhalb der »Community«, innerhalb der Anderswelt gibt es keine kritischen Fragen. Eine Szene, die aller Welt Mangel an Meinungsvielfalt und -freiheit vorwirft, kommt unter sich mit harmonischer Meinungseinfalt zurecht.

Der Tonfall an diesem Sonntag ist bei allen ähnlich. Mross: »Wir leben in einem Willkürstaat.« Tichys Einblick: »Ein großes Happening mit kleinen Verstörungen«. Junge Freiheit: »AfD nennt Corona-Demonstration in Berlin Erfolg.«

Der Eindruck, den ich aus all meinen Quellen mitnehme, ist der einer friedlichen Demonstrantenschar, praktisch ohne Rechtsextremisten, Reichsbürger, QAnon-Anhänger, denen eine im Lauf des Tages zunehmend aggressiver werdende Polizei gegenüberstand. Bei KenFM liest sich das so: »Am Ende dumpfe Gewalt gegen die Bürger! Es ist schockierend, dass der Berliner Senat, wir sprechen von der neu umjubelten zukünftigen Regierungsvariante Rot-Rot-Grün, für sich diesen Weg gewählt hat … Arm und sexy? Nein, arm und brutal gegen Bürger und Touristen«.33

YouTube verweist mich dann noch auf das Video eines österreichischen Instituts namens »RPP-Institut«

Das »Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie«

will laut Eigenbeschreibung »Psychiater, Psychotherapeuten und Psychologen in ein direktes Gespräch mit Religionswissenschaftlern, Philosophen und Theologen bringen« und organisiert hierfür Kongresse und Diskussionsrunden.34 Im Gegensatz zum Anspruch »Werteneutralität« des Instituts stehen Positionen seines Gründers Raphael Bonelli. Er nutzt den 86.000 Abonnenten starken YouTube-Kanal des Instituts, um gegen Feminismus, die »Genderideologie« und die »Abtreibungslobby« zu wettern.35 Zudem macht er sich in Österreich für die in Deutschland verbotene Konversionstherapie von homosexuellen Männern stark.36

Das empfohlene Video zeigt mit Musik unterlegte Drohnenbilder, immer wieder kaum spürbar aneinandergehängt: Massen von Menschen, die auch bei mir Zweifel erwecken, ob es wirklich nur 38.000 Teilnehmer waren. Alle Videos, die ich heute gesehen habe, haben sechsstellige Abrufzahlen und jeweils 20.000 und mehr Likes.37

Das ist Tag drei meiner Reise in die Anderswelt. Sonntagabend.

ERSTE ZWEIFEL

Am Montag, Tag vier, beschäftigen mich immer noch zwei Themen vom Vortag: die Zahl der Demonstranten und die Frage, was denn auf der Treppe zum Reichstag wirklich passiert ist.

Ich suche und finde das Stichwort »Sturm auf den Reichstag«. Es ist heute noch mal eingebettet in einen Artikel bei Tichys Einblick.38 Beschimpft wird hier der Berliner Tagesspiegel, der anscheinend über so etwas wie »einen Sturm auf den Reichstag« berichtet hat.

Auch in meinen Quellen finde ich, dass die offizielle Zahl der Demonstranten, von der Polizei ermittelt, von der Politik übernommen, bei 38.000 liegt. 38.000 exakt. Nicht knapp 40.000 oder zwischen 35.- und 40.000, nein: 38.000. Aus langer journalistischer Erfahrung, Brokdorf, Wackersdorf, TTIP und so weiter, weiß ich, dass die offiziellen Angaben und die der Organisatoren immer auseinanderklaffen. Im »Regelfall« liegt die Polizei bei der Hälfte dessen, was die Organisatoren angeben, und die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte. Nur wird es keine Mitte zwischen 38.000 und einer Million Menschen geben, die realistisch ist. Aber mein Eindruck aus den Bildern, die ich im Netz gesehen habe, ist eindeutig: das waren mehr als 38.000.

Jede kleine Unschärfe in klassischen Medien taugt zum Anlass, ihre Glaubwürdigkeit grundsätzlich zu bestreiten. Dahinter dann erfindet man sich die Fakten komplett frei. Allmählich fange ich an, den Begriff »alternative Fakten« zu verstehen. Und die Frage, die die leisen Zweifler umtreibt: Wem denn nun glauben?

Ähnlich geht es mir mit dem von den etablierten, den Mainstream-Medien anscheinend sehr gehypten »Sturm auf den Reichstag«. Zitiert wird dieser Begriff immer wieder, als Beleg für maßlose Übertreibung der »System-Medien«. Nach meinen Quellen war es ganz anders: Höchstens ein Dutzend Versprengte, die die Polizeiabsperrung nicht verstanden hätten, seien »die Treppe hochgegangen«.

Tagesdosis nennt sich heute am Montag die Aufmacher-Rubrik bei KenFM. Kein Video, aber gesprochener Text, der mit einem Foto unterlegt ist, das wieder eine beeindruckende Menschenmenge zeigt.39 Grob zusammengefasst ist es das, was ich schon seit Samstag andauernd höre: »Mindestens 300.000 […] Polizei hat ihre Arroganz gezeigt […] bunte Mischung von Teilnehmern«, dann kommt aber eine auch in der Tonalität neue Aussage: »Es waren auch einige dabei, die die Verhältnisse von gestern wieder haben möchten.« Das hatte ich bisher so klar noch nicht gehört oder gelesen. Und: Der Text ist professionell geschrieben und vorgetragen und glaubwürdig.

Schon nach vier Tagen setzen bei mir Zweifel ein, wo die Wahrheit zu finden ist. Es hat wirklich nicht lange gebraucht, um verunsichert und gleichermaßen beeindruckt zu sein. Auf den Boden zurückgeholt haben mich die haarsträubend unsinnigen Theorien wie die von der »Gates-Verschwörung« oder die »Merkel muss weg«-Passagen, mit denen ich auch immer wieder konfrontiert war. Zumindest für den Moment bin ich über eine Pause froh. Und kann mit Friedrich Küppersbusch darüber reden.

FK: Hans, als Nachrichtenprofi, welche »Alternativen Medien« hast du genutzt, bevor dein Selbstversuch losging?

HD: Ich bin immer mal wieder drüber gestolpert, meist über Social Media. Tichys Einblick und MMnews im Wesent lichen. Schon KenFM kannte ich nur vom Hörensagen, bei der Jungen Freiheit und Compact wusste ich, wie beide einzuordnen sind. Ich hab aber dort nie was entdeckt, keine Fakten, die mein Mainstream-Medium , die von mir verantworteten Nachrichten, bereichert hätten, nur Meinungsäußerungen.

FK: Dann hast du es gelesen, weil es neben beruflicher Lektüre – »sexy« war, frivol?

HD: Offen gestanden: Weil ich einige persönlich kenne! Und mich frage: Was macht der, wohin entwickelt der sich? Ich habe das aber nie als Journalismus gesehen, sondern als frei drehende Meinung. Ihren Zielgruppen nach dem Mund geschrieben.

FK: Hattest du nie Zweifel in Jahrzehnten als Mainstream-Nachrichten-Macher?

HD: Nie.

FK: Nie???

HD: Eigentlich nie. Ich hatte und habe ein Urvertrauen in die deutsche Medienbranche. Ok, das kam jetzt ein bisschen schnell – es gab immer mal Momente, wo ich Fragen hatte, an mich und andere redaktionell Handelnde

FK: Beispiel 9/11: Es gab diese Bewegtbilder, unklare Meldungen, und bei deutschen Sendern Moderatoren, die aus Not zwei Stunden live über defekte Navigationssysteme meditierten. Wir bauen doch auch Mist!

HD: Ja, zugegeben. Es wäre ja völliger Unsinn zu behaupten, es gäbe keine Fehler oder Fehleinschätzungen. Aber eben weitestgehend nicht mit System. Wobei mich dies an meine Zeit beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen erinnert. Die Berichterstattung um die geplante Wiederaufarbeitungsanlage für Kernbrennstäbe im oberpfälzischen Wackersdorf war schon sehr nahe an der Position der damaligen Bayerischen Staatsregierung.

FK: Stichwort Bayerischer Rundfunk: Franz Schönhuber, der Ahn der gegenwärtigen Rechtspopulisten, war dort dein Vorgesetzter?

HD: Zu meiner Ehrenrettung: Als er mich einstellte, galt er als SPD-nah.

FK: Thilo Sarrazin galt auch als SPD-nah. Konnte man denn von Schönhuber etwas über Populismus lernen?

HD: Sarrazin war ja bis vor Kurzem in der Partei. Er war ja auch Finanzsenator in Berlin, Mitglied im Vorstand der Bundesbank. Zu Schönhuber: Er hatte ein sehr gutes Gespür dafür, was die Menschen interessierte, nicht von oben herab wie Direktoren, er konnte wie wenig Andere dem Volk aufs Maul schauen. »Jetzt red i« hieß seine bekannteste Sendung. Das ist immer noch ein großes Stück Fernsehen und hat eine Menge bewegt. Wir als Reporter haben seinen Ideenreichtum oft gehasst: Montags kam er mit dem Taxi ins Büro, und wir mussten dann die Geschichten machen, die ihm der Taxifahrer erzählt hatte.

FK: Klassiker: Taxifahrer und Ommas in Wanne-Eickel haben in unserer Branche eine ungeheure Macht. Schön huber hatte dieses Ortungstalent – was will das Publikum hören – statt journalistischer Kriterien. Wie mächtig ist das?

HD: Ich war ja auf den verschiedenen, entgegen gesetz ten Seiten – Berichterstatter und Gegenstand von Berichterstattung – und habe gelernt: Applaus, Preise, Quoten, Schulterklopfen am Stammtisch, Auflagen sind Triebfedern. Das bringt aber auch das Geld für neue Projekte, Recherchen, Programme. Heute kann man sich anschauen, was passiert, wenn es fehlt: Redaktionen werden geschrumpft und gestrichen.

FK: Nun scharen sich Nutzer um neue Publikationen. Du hast sie bisher eher aus exotischem Reiz angeschaut.

HD: Extrem linke oder rechte Publizistik gehörte für mich nie dazu zum professionell Notwendigen.

FK: Nach den Lehrjahren im BR hättest du selbst dich in Richtung Populismus, Boulevardjournalismus radikalisieren können?

HD: Nichts gegen Boulevard – ich habe das ja auch gemacht. Es bedeutet zuerst einmal, Texte und Themen so aufzubereiten, dass es die Leute gerne lesen, und deren Interessen ernst zu nehmen. Boulevard im guten Sinn heißt ja nicht Geschäftsmodell statt Journalismus. Populismus ist eine andere Spezies. Das ist das, was wir gerade jetzt bei den Rechten erleben. Ich nenne dir drei Gründe. Erstens – einige Macher befällt anscheinend so etwas wie Alterskonservativismus. Stichwort Sarrazin. Zweitens: Haschen nach Anerkennung und Applaus. Drittens: Geschäftsinteressen, Marktlücken. Schau dir Abrufzahlen bei YouTube an oder die Auflagen der neuen Organe.

FK: Ok. Hans, hast du Angst?

HD: Ein … Ein bisschen. Ja.

FK: Wovor?

HD: Das Erste: Mich selbst politisch festzulegen. Meine Meinung sollte nie Leitschnur meines journalistischen Handelns sein. Und dann: Ich habe schon Angst davor, dass es mich … das habe ich in den ersten Tagen schon gespürt – dass es mich im Denken verändert. Gerade beim Thema Corona – da zeigten sich die »Mainstream-Medien« anfangs schon sehr regierungsnah, staatsfromm, fast als Teil der Pandemie-Bekämpfung.

FK: Du hast »ein bisschen Angst« – kann dabei herauskommen, dass dein Lebenswerk umfällt? Du erkennst, dass du den »falschen« Journalismus gemacht hast?

HD: Hm … Ok, es ist eher die Angst vor einem Zahnarztbesuch als die Angst vor einem Tiger, der vor dir das Maul aufreißt. Aber immerhin die Angst, dass es mein Denken verändert, wie ich es nie verändert haben wollte.

FK: Ist der Zahnarzt schon an einen Nerv gekommen bei deinem ersten harten Selbstversuch?

HD: Ja. Beim Demo-Wochenende in Berlin. Aus Erfahrung weiß ich um die Kalamitäten bei den Zuschauerzahlen. Voriges Mal waren nach meinem Kenntnisstand 30.000 da, QAnon, Neonazis, Knallköpfe, in erster Linie eine Demo extremer Positionen. Nächste Demo eine Million – das glaube ich nicht. Was ich in diesen sogenannten alternativen Medien gesehen habe, war etwa der in seiner Argumentation kaum nachvollziehbare Kennedy-Neffe. Also: Meine Widerstandskraft gegen all das war relativ hoch. Aber was ich gesehen habe, die Bilder, bringt mich dazu, die offizielle Zahl von 30.-, 35.000 anzuzweifeln. Was ich auch mitgenommen habe: Sehr viele Demonstranten kamen augenscheinlich aus der »bürgerlichen Mitte«. Der Profi in mir sagt: Ja gut, Frage der Auswahl. In der gesamten Berichterstattung habe ich keine Reichsflagge, schon gar keine Reichskriegsflagge gesehen, nichts von einem »Sturm auf den Reichstag«. Das tauchte nur indirekt auf. In den »alternativen Medien« sah das nach einem Grüppchen Versprengter aus, die sich auf dem Weg zur U-Bahn verlaufen haben.

FK: Du verwendest den Begriff Berichterstattung?

HD: Ja.

FK: Hans in Gefahr.

ABSURDE THEORIEN VERKAUFEN SICH

Die abenteuerlichste Version zur Stürmung des Reichstags werde ich fünf Monate später in Buchform finden. Der Autor wird im Klappentext als erfolgreicher, ernst zu nehmender Journalist vorgestellt. Studium der Politikwissenschaften in München, seit mehr als 30 Jahren Journalist, Schriftsteller und Dokumentarfilmer. »Der auf seinem Buch ›Das RAF-Phantom‹ … beruhende Fernsehfilm ›Das Phantom‹ erhielt im Jahr 2000 den Grimme-Preis.« Der Grimme-Preis, gestiftet vom deutschen Volkshochschulverband ist die renommierteste deutsche Auszeichnung für Fernsehproduktionen.

Gerhard Wisnewski beschreibt in seinem Jahrbuch 2021 »Verheimlicht, vertuscht, vergessen«, »wie der Reichstag gestürmt wurde – oder auch nicht«. Es ist der Eintrag vom 29. August, Seite 200. »Die nächsten sieben Seiten sollen beweisen, dass alles ganz anders war.«40

Unter dem frischen Eindruck der Erstürmung des Kapitols in Washington lese ich Mitte Januar 2021 Wisnewskis Version der Geschehnisse am Reichstag. Kein Sturm auf den Reichstag, sondern eine gezielte Aktion der Polizei, um die Querdenker-Bewegung zu diskreditieren. Zum Auftakt mokiert sich der Autor über die Berichterstattung der Bildzeitung: »Herrje: Krieg am Reichstag! Horden von Wilden stürmen das Reichstagsgebäude, nur wenigen Helden (Bild) der Polizei gelingt es, das Parlamentsgebäude vor der Besetzung durch Reichsbürger, Chaoten und Rechtsextreme zu schützen! Doch ehrlich. Das stand schließlich in der Bildzeitung.« Und dann gleitet Wisnewski ins Reich der Fantasie ab: »Nur ganz knapp, und auf der Regierungsbank hätten Reichsbürger Angela Merkel vom Stuhl gequetscht, das Mineralwasser der Saaldiener geschlürft, und am Rednerpult hätten Verschwörungstheoretiker ihre wirren Reden geschwungen.«

Doch Wisnewski zufolge war das alles erstens halb so wild und zweitens von der Polizei inszeniert. Eine angebliche V-Frau der Polizei namens Tamara K. hätte zum Sturm auf den Reichstag aufgerufen und später dies auch in YouTube-Interviews klar zugegeben. »Ja, es war tatsächlich auch so, dass es abgesprochen wurde mit der Polizei«, sagte sie klipp und klar laut Wisnewski am 31. August in einem Interview. »›Wir haben dahin auch Kontakte, dass wenn die ihre Helme ausziehen und sich von dem Gebäude entfernen, ist das unser Startschuss, das heißt, sie haben uns den Weg frei gemacht. Wir stehen mit denen in direktem Kontakt‹, erklärt sie weiter.«41

Tamara K.

ist ein bekanntes Gesicht in der Esoterik-/Reichsbürger szene. Die Heilpraktikerin lebt in einem 8.500-Einwohner Dorf in der Eifel, in dem es laut Verfassungsschutz genau einen Reichsbürgerfall gibt. Nach dem Sturm auf den Reichstag wird gegen sie wegen aufwieglerischen Landfriedensbruchs ermittelt.42

Wisnewski führt einen auf den ersten Blick glaubhaften Zeugen für seine These an, den ehemaligen »Kriminalbeamten Thomas Wüppesahl«. Er könne belegen, »dass die Polizei das bewusst zugelassen hat«.

Thomas Wüppesahl,

ehemaliger Bundestagsabgeordneter für die Grünen und bis 2005 Kriminalbeamter in Hamburg. Mitte der 70er-Jahre trat Wüppesahl den Grünen bei und zog 1987 über deren Landesliste Schleswig-Holstein in den Bundestag ein. Im selben Jahr trat er wegen interner Streitigkeiten aus der Partei aus und blieb als Fraktionsloser im Bundestag. Hier trat er vor allem für die Rechte fraktionsloser Abgeordneter ein. Ebenfalls 1987 gründete Wüppesahl mit einigen Arbeitskollegen die Vereinigung kritischer Polizisten.43 Nach mehreren niedergeschlagenen Strafanzeigen in den späten 90ern und frühen Nullerjahren wurde Wüppesahl 2005 wegen Vorbereitung und Versuchs der Beteiligung an einem Raubmord und Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Er hatte mit ehemaligen Kollegen geplant, einen Geldboten zu erschießen, dessen Arm mit einem Beil abzuhacken und diesen zu nutzen, um den fingerabdruckgesperrten Geldtransporter zu knacken. Er verteidigte sich mit dem Hinweis, er habe Missstände bei der Polizei aufdecken und einen verdeckten Ermittler überführen wollen.44 Seit 2020 tritt Wüppesahl als Redner auf Anti-Corona-Demos auf.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft kritischer Polizistinnen und Polizisten (Hamburger Signal) e.V.

wurde 1987 von drei Polizeibeamten als Reaktion auf die gewalttätigen Polizeieinsätze gegen die Anti-AKW-Bewegung gegründet. Die Bürgerrechtsbewegung setzt sich hauptsächlich aus Polizist*innen des grünen und sozialdemokratischen Spektrums zusammen und engagiert sich für mehr demokratische Gesinnung und Strukturen in der Polizei. Seit Beginn der Corona-Pandemie vertreten die Kritischen neben ihren üblichen, eher linken Positionen, wie z.B. Kritik am Rassismus innerhalb der Polizei, auch – und dies vor allem bei Corona-Themen – Querdenker-Positionen.

Laut Wisnewski erhielten die »Demonstranten eine Einladung erster Klasse, die Reichstagstreppe zu besetzen«. Die Polizei hätte bewusst die Auseinandersetzung gesucht und ermöglicht, »um das Spiel wieder zu beenden, sobald die gewünschten Bilder im Kasten sein würden«. Denn »die ganze Welt sollte sehen, wie gefährlich die Anti-Corona-Bewegung ist«. Und weiter: »Die Staatsmacht selbst hat die Demonstranten zum Erklimmen der Reichstagstreppe eingeladen.« Das könnte man als verrückte Räuberpistole abtun, wäre Wi snewski nicht, wie es im Klappentext von »Verheimlicht, vertuscht, vergessen – 2021. Das andere Jahrbuch« heißt, »führender Vertreter der Gegenöffentlichkeit und zählt zu den Pionieren des aktuellen Gegenzeitgeistes«. Erschienen ist das Buch in Deutschlands erfolgreichstem Verlag für rechte Sachbücher und obskure Romane: bei Kopp.

Gerhard Wisnewskis Buch springt im Januar 2021 neu auf Platz 10 der Spiegel-Bestsellerliste »Sachbuch«.

Der Kopp-Verlag, so schreibt der Literaturwissenschaftler Michael Butter, »fristete lange ein Nischendasein, hat aber in den letzten Jahren durch seine Präsenz im Netz – und natürlich durch das Erstarken des Rechtspopulismus – ungemein an Popularität gewonnen.«45

Gegründet wurde der Verlag 1994 von dem ehemaligen Stuttgarter Polizisten Jochen Kopp. Lange Jahre eher ein esoterischer Nischenverlag, ist er mittlerweile der wichtigste Umschlagplatz für gedrucktes rechtes Gedankengut in Buchformat. Beworben werden die verschiedenen Publikationen vorwiegend im rechten Umfeld von der Jungen Freiheit bis hin zu »Politically incorrect«.

Wer bei Google das Suchwort »Kopp« eingibt, bekommt folgende Vorschläge: Eva Hermans »Blutgericht Europa«, Thor Kunkels »Lügenpresse«, Gerhard Wisnewskis Jahrbuch 2021, aber auch Trockenbrot, sechs Dosen im Karton: »Langzeitlebensmittel speziell entwickelt für die Krisenvorsorge.«

Bis 2017 hat der Verlag auch die Website Kopp online betrieben, die wegen wirtschaftlichen Misserfolgs dann eingestellt wurde. Dort raunte die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman, bei der tödlichen Loveparade-Massenpanik hätten »ganz andere Mächte eingegriffen«.46 Oder Wisnewski fragte nach einer eventuellen Transsexualität Michelle Obamas, oder Udo Ulfkotte fabulierte vom »Fäkalien-Dschihad«: Erntearbeiter, die ihre Notdurft in den Feldern verrichten, um mit Absicht die deutsche Bevölkerung krank zu machen.47 Seit 2015 hat sich Kopp laut FAZ »zu einem der maßgeblichen Ideenlieferanten für die Anhänger von AfD und Pegida, Rechtsextremisten und anderen Kritikern der Merkel’schen Flüchtlingspolitik entwickelt.«48

Das passt auch zur Verlags-Ideologie. Nach eigenen Angaben hat man es sich zum Ziel gesetzt, »auf unbequeme Wahrheiten, unterdrückte Informationen und geheime Entdeckungen hinzuweisen«. Und: »Die Ausweitung von Zensur, Political correctness und Tabuthemen« soll untersucht werden. Kopp hat längst die Nische des esoterischen Kleinverlags verlassen. Für Michael Butter sind die Bücher des Kopp-Verlags »keine Randphänomene, sondern erreichen ein beträchtliches Publikum. In der Württembergischen Landesbibliothek, an die Kopp seine Pflichtexemplare abliefern muss, gehören die Bücher sogar zu den am meisten nachgefragten in der Abteilung für Zeitgeschichte.«49

DEUTSCHLANDS BEKANNTESTER VERSCHWÖRUNGSTHEORETIKER

Den Corona-Protest befeuert hat ein Mann, dessen Ziel es offensichtlich ist, Zweifel in breiten Schichten der Bevölkerung zu säen.

Er stellt sich am 4. Mai 2020 in einem Video vor. »Mein Name ist Ken Jebsen, ich bin ein freier Journalist in Deutschland und arbeite seit über 35 Jahren in diesem Land mit einem Presseausweis.«50

An diesem 4. Mai hofft Deutschland auf Lockerungen der Corona-Beschränkungen. Zwei Tage später werden die Einschränkungen des ersten Corona-Lockdowns dann auch reduziert werden.

Der Titel des Videos, das Jebsen bei YouTube hochlädt: »Bill Gates kapert Deutschland.«51 Es wird innerhalb von drei Tagen drei Millionen Mal angeklickt. Mehrere hochkarätige Faktenchecker entlarven das Video umgehend als Lügengespinst.

Jebsen im Vordergrund ist leicht überbelichtet, aber jede Faser des ernsten Gesichts strahlt Entschlossenheit aus. Und er kommt direkt zum Thema. Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung habe sich in die Welt-Demokratien gehackt, die Weltgesundheitsorganisation WHO sei zu 80 Prozent von eben dieser Stiftung finanziert, die Bundesregierung sei korrupt, die Wissenschaftler Drosten und Wieler auf der Gates’schen Lohnliste, Demonstranten würden verhaftet, weil sie das Grundgesetz hochhalten, Menschen, die nicht gegen Corona geimpft seien, würden die Grundrechte aberkannt.

In rasend schneller Abfolge knallt Jebsen seine Sätze, seine offensichtliche Wut ins Netz: Nach etwa zehn Minuten ist der düstere Mann so richtig in Rage. »Vor hundertzwanzig Jahren gab’s einen ganz starken Trend auch auf diesem Globus, einen Euthanasie-Trend […] Wo ist das alles gelandet? In Auschwitz.« Bevor der Zuhörer zum Nachdenken kommt, auf welchem Globus denn sonst noch solche Trends vorkommen könnten, hämmert Jebsen weiter. So wirr das alles ist: Er trifft offensichtlich den Nerv bei vielen, die die Anti-Corona-Maßnahmen ablehnen.

»Wir haben ja Glück, dass wir es bei Covid-19 mit einer relativ harmlosen Grippe zu tun haben.« Belege für diese These brauchen er und anscheinend auch sein Publikum nicht. Das Bild, das Jebsen von der bevorstehenden Zukunft zeichnet, ist der total überwachte Mensch. »Wir schlittern hier mit Riesenschritten in eine digitale Diktatur.« Bei Minute 17 geht es dann unter die Gürtel linie: »Diese Regierung baut, seit sie im Amt ist, dermaßen Scheiße, ist dermaßen korrupt … sie zwingt jetzt die ganze Welt zusammen mit Bill und Melinda Gates, sich eine Scheiße in die Vene zu pumpen.«

Faktencheck

Laut Faktenchecks strotzt das Video vor Falschaussagen. So ist zum Beispiel die Aussage, die WHO würde zu 80 Prozent von Bill und Melinda Gates finanziert werden, falsch. Die Spenden der Gates’ machten 2018 lediglich knapp 5 Prozent des WHO-Budgets aus. Auch wurden auf den »Hygienedemos« Menschen nicht festgenommen, weil sie ein Grundgesetz bei sich trugen, wie Jebsen sagt, sondern weil sie gegen die Berliner Eindämmungsverordnung verstoßen hatten. Sie wurden also nicht wegen des Grundgesetzes verhaftet, nur mit ihm. Ebenfalls als faktisch falsch stellte sich Jebsens Behauptung heraus, es sei eine »Impfpflicht durch die Hintertür« in Planung. Dies dementierte das Gesundheitsministerium auf Nachfrage von Correctiv.52 Ähnliches gilt für die Aussagen, die WHO-Gelder gingen nicht in die Forschung, sondern direkt in die Taschen der beteiligten Forscher und die deutsche Regierung riskiere Impfschäden durch vorschnelle Zulassung der Impfstoffe.53 Die Behauptung, Covid-19 sei wie eine relativ harmlose Grippe, wurde bereits des Öfteren im Verlauf der Pandemie widerlegt.54

Wer ist der Mann, der so schnell redet, dass der Zuschauer glaubt, er hätte aus Versehen auf den Vorspulknopf gedrückt?

Jebsen wirkt sportlich, fährt Motorrad, springt mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug. Sportarten, die gefährlich sind und perfekt zum Image des Outlaws passen. Er hat ein jugendlich-freundliches Lächeln, mit einem Hauch von Melancholie. Mitte fünfzig schätzungsweise, leicht angegrautes Haar. In allen Interviews strahlt er überbordendes Selbstbewusstsein aus.

Während Jebsen beispielsweise dem russischen Propagandasender RT Deutsch gerne und häufig Interviews gibt, hat er unsere Interviewanfrage nicht beantwortet. Im Internet und in Büchern gibt es viele Interviews mit ihm, die Interviewer waren fast immer Gleichgesinnte.

Einer davon ist Mathias Bröckers, der an einem gemeinsamen Wochenende mit Jebsen ein Gespräch geführt hat, aus dem ein etwa 250 Seiten dickes Buch geworden ist: »Der Fall Ken Jebsen – Wie Journalismus im Netz seine Unabhängigkeit zurückgewinnen kann.«55

Mathias Bröckers,

geboren 1954, schrieb u. a. für die taz und Telepolis. Er betreute die Satireseite »Die Wahrheit« der taz, trat auch als Kabarettist auf und engagierte sich unternehmerisch für Hanf- und Haschischprodukte. Mit Publikationen über 9/11 und unbewiesenen Theorien dazu fand er zunehmend Gehör in rechten und verschwörungsaffinen Zielgruppen. Mehrere Bestseller veröffentlichte er unter dem Pseudonym John S. Cooper. Sein Buch »Wir sind die Guten« zum Ukraine-Konflikt fand auch außerhalb der Szene Beachtung. Zur Pandemie vertritt Bröckers die Auffassung, die Grundrechtseingriffe stünden in keinem Verhältnis zur Gefährdungslage, die seit Mai 2020 nicht mehr gegeben sei.56,57

Der Klappentext ist ein langes Jebsen-Zitat: »Wir sagen als Fallschirmspringer ›in die Tür und Exit‹. Und das gab es in meinem Leben permanent: in die Tür und Exit. Du bist irgendwo drin, hast auch die Fähigkeiten, aber irgendwann musst du sagen, jetzt raus! Du musst im wahrsten Sinne des Wortes loslassen, in den freien Fall gehen, du brauchst Urvertrauen. Wo springst du da rein? In so ein Standbild aus vier Kilometern Höhe. Und so war das immer: als mein Vater die Kurve kratzte, auf der Waldorfschule, als ich bei der Bundeswehr dumm aufgefallen bin, als ich beim rbb rausflog. Überall in die Tür und Exit. Und dann, bamm! Geht der Schirm auf. Und du denkst: Wow, das Ding kann man ja lenken, das hätte ich ja schon längst machen sollen.«

2007 gewann Jebsen den angesehenen CIVIS-Medienpreis. 2011 dann im November folgte ein brutaler Absturz.58 Jebsen, damals Hörfunkmoderator beim rbb, hatte laut Tagesspiegel einem Hörer in einer E-Mail geschrieben, er wisse, dass Edward Bernays »den Holocaust als PR erfunden hat«. Joseph Goebbels habe das Buch gelesen und entsprechende Kampagnen umgesetzt. Bernays war einer der ersten Spindoktoren und gehörte mit zu den Vätern von Public relations, Politikberatung und Propaganda. Jebsen gab zu, die Mail geschrieben zu haben, bestritt aber den Vorwurf des Antisemitismus. Schließlich trennte sich der rbb von Jebsen mit der Begründung, er habe mehrfach journalistische Standards des rbb nicht eingehalten. Jeden, der in diesem Zusammenhang schreibt, er sei wegen antisemitischer Äußerungen gekündigt worden, überzieht Jebsen mit einer Klage.

Begegnung

Zu dieser Zeit suchte Jebsen Kontakt zu meiner Produk tionsfirma probono.TV. Wir trafen uns – er, seine Anwältin, ich – im Berliner Café »Einstein Unter den Linden«. Jebsen schilderte seine Radiosendung in hellen Farben und hohen Reichweiten, seine Lage im rbb hingegen als stiefmütterlich und heillos unterfinanziert. Sein Anliegen schien mir, mit einer Produktionsfirma seine Sendung weiterzuentwickeln und finanziell besser auszustatten. Wir kamen auf die Kontroverse um seine als antisemitisch bewertete Mail zu sprechen. Er schilderte, nachts und übermüdet nach einer Produktion unbedacht geschrieben zu haben, was seine zahlreichen Rechtschreibfehler belegen würden. Er spekulierte, der Publizist Henryk M. Broder habe die Hörer-Mail lanciert, auf die er dann missverständlich reagiert habe. Damit, so mein Eindruck, gelang es ihm zunächst auch, die Zusammenarbeit mit dem rbb fortzusetzen. Ende November trennte sich der rbb dann doch von Jebsen. Im Gespräch beeindruckte mich Jebsens hohes Energielevel, sein missionarisches Auftreten. Gefühlt kam ich in anderthalb Stunden fünf Minuten zu Wort – zu wenig, um belastbare Chancen für eine Zusammenarbeit auszuloten. – Ende 2017 untersagte der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) eine Veranstaltung mit Jebsen und attestierte ihm »offenen, abgründigen Israelhass, die Verbreitung typisch antisemitischer Denkmuster und kruder Verschwörungstheorien«. Der Dresdner Soziologe Felix Schilk bescheinigt Jebsen anhand ausführlicher Analyse seines Beitrages »Zionistischer Rassismus« von 2012 »alle Formen des Antisemitismus«.59,60 Im Januar 2021 sperrt YouTube den Kanal KenFM, weil Videos dort »gegen unsere Covid-19-Richt linien verstoßen haben«. Vorhergegangen waren eine Werbesperre im Mai 2020 und kurze Sperren im Herbst des Jahres.

Schon vor dem Rauswurf hatte sich Jebsen persönlich die Namensrechte an KenFM gesichert. Der ausstrahlende Sender rbb konnte den Sendungstitel nach der Trennung nicht weiter nutzen.

In allen Publikationen, in denen sich Jebsen darstellen darf, äußert er reichlich krude Gedanken. Zum Beispiel, wenn Kai Stuht,61 Fotograf und offenbar Bewunderer, fragt, ob er sich denn impfen lassen würde: Fünf Sekunden Pause. Jebsen, der es schafft, 15 Worte in fünf Sekunden zu packen, schweigt, lächelt, schlägt die Augen wie in Zeitlupe nach oben. Auf Nachfrage verheddert er sich erst mal und sagt dann: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen – ab 5:45 wird zurückgeschossen – dieser Impfstoff ist getestet auf Nebenwirkungen.« Am Ende räumt er dann doch ein: »Ich bin kein Testkandidat, der sagt, wir haben hier einen Impfstoff aus einem Haus, an dem sich auf jeden Fall Bill Gates finanziell beteiligt hat, sonst, da nehme ich lieber den russischen Impfstoff.«

Ein weiteres Beispiel liefert Jebsen in einem Podcast der Moderatorin und Schauspielerin Annett Fleischer.62 Sie weiß, Jebsen ist umstritten, macht aber kaum ein Hehl aus ihrer Bewunderung für den Gast: »Irgendwann, wenn man die Dinge hinterfragt, stößt man auf die Marke KenFM. KenFM ist zu einer Marke geworden, die hinterfragt, die tief leuchtet, die dem Mainstream nicht hinterherläuft.« Und dann sagt Jebsen: »Ich spiele mein Leben, das ist ein großes Spiel.«

Jebsen ist der wohl bekannteste und auch einflussreichste Verschwörungserzähler in Deutschland, aber ich werde in den nächsten Monaten noch anderen bekannten Köpfen begegnen. Fast alle schreien laut auf, wenn man sie mit dem Begriff »Verschwörungstheoretiker« oder politisch rechts einordnet.

Der Begriff Verschwörungstheorie wird in der öffent lichen Debatte kritisiert: Eine »Theorie« setzt wissenschaftliche Überprüfbarkeit und gegebenenfalls Widerlegung voraus. Beim Gemeinten handele es sich jedoch eher um ungestützte Behauptungen – Verschwörungserzählungen also, oder um tradierte Klischees: Verschwörungsmythen. Wir belassen es der Verständlichkeit halber bei der umgangssprachlichen »Verschwörungstheorie«.

Und es gibt unterschiedliche Schattierungen, aber für alle gilt: »Nichts ist, wie es scheint«. So beschreibt Michael Butter, der ein europäisches Forschungsprojekt zu Verschwörungstheorien leitet, die Szene. Er belegt, neben »mangelndem Vertrauen in die Politik ist der Glaube an Verschwörungstheorien ein Merkmal des populistischen Brodelns«. Sie seien »ein Indikator für die demokratiegefährdende Fragmentierung der Öffentlichkeit«.

»Verschwörung in der Krise« lautet der Titel einer repräsentativen Umfrage, die das »Forum Empirische Sozialforschung« der Konrad-Adenauer-Stiftung 2020 veröffentlicht hat.63 Erhoben wurden die Daten schon in den Monaten vor dem Ausbruch von Corona. Es ist derzeit im Herbst 2020 das für die Bundesrepublik aktuellste Datenmaterial. Die Forschung zur Verbreitung von Verschwörungstheorien ist der Studie zufolge relativ jung, »obwohl das Phänomen alt und bedeutsam ist«. Dass Verschwörungs-Erzählungen nicht harm- und folgenlose Spinnereien sind, sondern im Extremfall fürchterliche Konsequenzen nach sich ziehen können, führt Autor Jochen Roose so aus: »Immer wieder werden Anschläge von durch Verschwörungstheorien angestachelten Tätern verübt, wie beispielsweise von Anders Breivik in Norwegen, dem Attentäter von Christchurch oder dem Attentäter von Halle.«64 Kernpunkt der Studie ist die Frage, »ob geheime Mächte die Welt steuern«. 11 Prozent der Befragten antworteten, dies sei sicher richtig, 19 Prozent, dies sei wahrscheinlich richtig. Das bedeutet, dass fast ein Drittel der Befragten »zu der Annahme einer Weltverschwörung tendieren«.

Grundsätzlich, so die Studie weiter, »gibt es einen deutlichen Bildungseffekt. Das bedeutet aber keineswegs, dass nur Menschen mit formal niedrigen Bildungsabschlüssen an Verschwörungstheorien glauben.« Selbst bei Menschen mit Abitur und höheren Abschlüssen ist jeder »Fünfte der Ansicht, die Welt werde sicher oder wahrscheinlich von geheimen Mächten gesteuert«.

Die Corona-Krise wird über die nächsten Monate das bestimmende Thema in allen von mir intensiv genutzten Medien sein. Und ich werde von Tag zu Tag mehr lernen, was der Begriff alternative Medien im Klartext bedeutet. Und mir wird klarer werden, wie weit verzweigt diese Szene medial ist.

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220 p. 1 illustration
ISBN:
9783956144769
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