Read the book: «Rhöner Nebel»
Friederike Schmöe
Rhöner Nebel
Kriminalroman

Zum Buch
Es ist nie vorbei Anja Riedeisen bittet Privatdetektivin Katinka Palfy um Hilfe: Sie ist zu einer Feier in dem Internat in der Rhön eingeladen, wo sie vor 30 Jahren ein freiwilliges soziales Jahr ableistete. Eine der Nonnen, die damals auch dort Dienst taten, feiert ihren 80. Geburtstag. Aber aus unerklärlichen Gründen fürchtet sich Anja vor der Begegnung mit ehemaligen Kollegen, Schülern und ihrer ersten großen Liebe. Katinka soll sie als Beschützerin – offiziell „als Freundin“ – begleiten.
Vor Ort überwältigen Anja die alten Erinnerungen an den Suizid ihrer Freundin Kirsten. Erst jetzt kann Anja sich eingestehen, dass sie nie an Selbstmord glaubte. Katinka Palfy beginnt zu ermitteln. Was haben der frühere Zivildienstleistende Tobias, der Kirstens Freund war, und die anderen ehemaligen Angestellten zu verbergen?
Geboren und aufgewachsen in Coburg, wurde Friederike Schmöe früh zur Büchernärrin – eine Leidenschaft, der die Universitätsdozentin heute beruflich nachgeht. In ihrer Schreibwerkstatt in der Weltkulturerbestadt Bamberg verfasst sie seit 2000 Kriminalromane und Kurzgeschichten, gibt Kreativitätskurse für Kinder und Erwachsene und veranstaltet Literaturevents, auf denen sie in Begleitung von Musikern aus ihren Werken liest. Ihr literarisches Universum umfasst u. a. die Krimireihen um die Bamberger Privatdetektivin Katinka Palfy und die Münchner Ghostwriterin Kea Laverde.
Impressum
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Twitter: @GmeinerVerlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2020 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
info@gmeiner-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Matthias / stock.adobe.com
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-8392-6300-6
Haftungsausschluss
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser,
ein Albertus-Magnus-Internat hat es meines Wissens in der Rhön nie gegeben. Falls doch, dann ist die in diesem Buch erwähnte pädagogische Anstalt eine gänzlich andere. Alle Figuren, Klarnamen, Decknamen und Handlungen sind frei erfunden. Sollten Sie Ähnlichkeiten mit realen Personen feststellen, selbst wenn diese auffällige Autos fahren, spielt Ihnen vermutlich gerade Ihr eigener Kopf einen Streich. Die hier geschilderte Zeitgeschichte allerdings spiegelt die »echten« späten 1980er-Jahre in der oberfränkischen Provinz wider, ihr Lebensgefühl, ihre Nischen und die sich Stück für Stück herbeischleichende Aufbruchsstimmung. Und natürlich reflektiert die Handlung auch das, was mehr als 30 Jahre später aus der Region geworden ist.
Friederike Schmöe
*
9.1.1988
1.
Die Provinzoberin ließ Schwester Gertrudis warten.
Gertrudis ging im Flur auf und ab, weniger aus Nervosität als wegen der Kälte, die ihr die Beine hochkroch. Unter dem Rock trug sie dicke Strumpfhosen; ihre Stiefel waren mit Fell gefüttert und die Strickjacke, ein Weihnachtsgeschenk von Romana, wärmte zusätzlich. Trotzdem fröstelte sie. Das Mutterhaus in Würzburg war ein alter Kasten, renovierungsbedürftig. Schaudernd dachte sie an die Zeit, die sie hier verbracht hatte, bevor sie vor fünf Jahren ins Internat in die Rhön versetzt worden war.
Vor dem Neuanfang dort oben hatte sie sich gefürchtet. Doch die Rhön mochte rau sein und eisig, stets vom Wind umtost und auf den ersten Blick wenig anheimelnd, Gertrudis hatte sich schnell eingewöhnt. Zudem waren die Fenster gerade erst ausgetauscht worden, sie selbst als Direktorin des Internats und Hausoberin hatte das veranlasst, und sogar in einem harten Winter wie diesem hatten sie und ihre Mitschwestern es warm und gemütlich. Es zog nicht, und aus dem Wasserhahn kam heißes Wasser, das hatte sie für das ganze Internat durchgesetzt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, doch im Mutterhaus konnte man davon nur träumen. Der Provinzleitung waren die Hände gebunden, selbst wenn eine von außen auferlegte Askese niemandem mehr zeitgemäß vorkam. Nein, Gertrudis kannte das Problem, das hinter der zunehmenden Verwahrlosung steckte: Geldmangel. Eine neue Heizung für das riesige Gebäude? Unerschwinglich. Moderne Fenster? Nicht dran zu denken.
Auch im Internat brauchte sie eine Strategie. Die Bäder für die Schüler waren vorsintflutlich. Bei der Besichtigung zum Ende des Schuljahres, wenn noch unentschlossene Eltern in die Eingeweide ihrer katholischen Erziehungsanstalt blickten, schämte Gertrudis sich jedes Mal für die grau gekachelten Badezimmer.
Die Tür öffnete sich.
»Gertrudis, entschuldige, dass du warten musstest. Ich wurde am Telefon aufgehalten!« Die Provinzoberin zog Gertrudis an sich und deutete einen Wangenkuss an. Sie war eine grobknochige, kräftig gebaute Frau. Eine Bohnenstange wie Gertrudis ertrank fast in dieser Umarmung.
»Nicht der Rede wert.«
»Wir müssen über so vieles sprechen. Tee?«
»Gern.« Gertrudis wurde ins Zimmer geschoben. Ihr stand der Sinn nicht nach Tee, im Mutterhaus wurde entweder Hagebutte oder die Hauskräutermischung gereicht, beides hatte sie so gut wie ein Leben lang schlucken müssen. Sie verbiss sich ein Lächeln, das Wortspiel sagte so viel aus. Aber Gertrudis würde sich hüten, die Provinzoberin durch eine Ablehnung zu reizen. Schließlich ging es um etwas. Irgendwo im Stock über ihnen klingelte ein Telefon.
»Hausmischung?«
»Ja, natürlich!«
Die Provinzoberin lächelte breit. Sie war frisch gewählt und stürzte sich voller Energie in jede noch so kleine Einzelheit ihrer Leitungsfunktion. Selbst wenn es nur darum ging, Tee einzugießen, wirkte sie dabei, als unternähme sie einen ausgeklügelten diplomatischen Schachzug. Nun wurde Gertrudis doch nervös.
Die Oberin ließ sich hinter ihrem Schreibtisch nieder. Ein hölzernes Ungetüm, ein Erbstück, wie so viele Möbel hier. Jemand hatte sein Erbe dem Orden gespendet. Wohin mit all den alten Dingen?
»Berichte. Wie geht es euch da oben im Gebirge?«
Gertrudis hatte sich alles zurechtgelegt. Mit Zahlen konnte sie. Das Internat trug sich, noch, wurde großzügig vom bayerischen Staat unterstützt. Schließlich bot es Jugendlichen in einer strukturschwachen Region die Möglichkeit, eine weiterführende Schule zu besuchen, mit zusätzlicher Betreuung sowie Sportangeboten, und darüber hinaus hatten sie ja seit zwei Jahren diesen Sonderzweig. Der kostete extra, wobei die Eltern der dort lernenden Schüler mehr als bereit waren, für die zusätzlichen Dienstleistungen zu zahlen.
»Wie geht es euren Versagern?«, kam die Provinzoberin zum Punkt.
»Den Begriff mag ich nicht so sehr«, konterte Gertrudis.
»Ich verstehe. Es handelt sich um Jugendliche, die einfach Pech hatten.«
»Nicht unbedingt Pech. Manchmal ist es eine Verkettung vieler ungünstiger Umstände, die dazu führen, dass sie ihre Schulkarriere abbrechen, in die Sucht rutschen, von zu Hause weglaufen.« Gertrudis nippte an ihrer Tasse. Der gleiche, grasige Geschmack, den sie seit ihrem Noviziat vor beinahe 40 Jahren kannte. Ihr Magen krampfte sich empört zusammen. Sie ignorierte ihn, genauso wie den leidenden Blick des Gekreuzigten an der Wand hinter dem Schreibtisch.
»Ich bekomme ab und zu Anfragen von Reportern. Alles Mögliche wollen sie über euch wissen. Die entsprechenden Zeitungsausschnitte habe ich dir zugeschickt.« Die Provinzoberin lehnte sich zurück, strahlend vor Stolz.
»Die positive Resonanz freut uns. Das Konzept funktioniert. Die allermeisten Jugendlichen begreifen unser Internat und die Sonderförderung als ihre letzte Chance. Sie arbeiten mit. Das ist die Grundvoraussetzung.«
»Wohl wahr. Und die Bilanz?«
Gertrudis überlegte blitzschnell. Zum Ende des vergangenen Schuljahres war das Geld knapp geworden.
»Romana hat mir erzählt, dass die Spendensituation sich gebessert hat«, fügte die Provinzoberin hinzu.
Gertrudis wurde blass. Ihre Mitschwester Romana fungierte als ihre Stellvertreterin. Die Chemie zwischen ihnen stimmte nicht. Zudem war Romana knapp zehn Jahre jünger, energiegeladen, robust und ehrgeizig. Sie würde liebend gern die Internatsleitung übernehmen. Probleme, die Gertrudis nicht schlafen ließen, stachelten Romana nur an, unkonventionelle Lösungen zu erarbeiten.
»Wir haben einen Vater, dessen Sohn Schulprobleme hatte und der von der Extrabetreuung profitiert. Ein Industrieller. Er spendet großzügig.«
Die Provinzoberin legte die Fingerspitzen aneinander. »Meine Liebe. Spenden sind gut. Leider sind sie nicht vorauszusehen. Ich brauche die Gewissheit, dass wir es mit den regulären Einnahmen schaffen.«
Wenn die Provinzoberin von Romana geimpft worden war, und ihr Hinweis auf die Spenden ließ keine anderen Rückschlüsse zu, war sie vielleicht mit den Zahlen besser vertraut, als sie durchblicken ließ. Gertrudis entschied sich, ehrlich zu sein.
»Selbstverständlich kosten die zusätzlichen Pädagogen Geld. Anders können wir jedoch die spezielle Förderung der Jugendlichen, die Schulprobleme haben, nicht leisten. Des Weiteren behelfen wir uns mit Referendaren, die keine Stelle im regulären Schuldienst bekommen haben. Sie übernehmen Stunden bei uns.«
Wieder das Telefon. Irgendwo über ihr.
»Nachhilfe.«
»Man kann es so nennen. Im Kern geht es um die individuellen Lerndefizite der Schüler. Die müssen aufgefangen werden. Außerdem helfen uns die Mädchen, die bei uns ihr freiwilliges soziales Jahr ableisten.« Gertrudis räusperte sich. »Womöglich können wir in dem Rahmen eine weitere Stelle einrichten. Dieser Förderzweig ist unsere einzige Chance, wenn wir auf lange Sicht bestehen wollen.«
Es war heraus. Gertrudis würde die Worte nie zurücknehmen können.
Ein Windstoß fuhr gegen das Fenster. Grau hockte der Himmel auf den Dächern Würzburgs. In der Rhön würde es weiterschneien. Zeit, an den Aufbruch zu denken, wenn sie nicht im Dunkeln zu Hause ankommen wollte.
»Könnt ihr die Kosten drücken?«
»Da wäre auch noch unser Zivi …«
»Versteh mich nicht falsch. Ich möchte bei diesem Förderprojekt bleiben. Ich halte es für zukunftsfähig, wirklich! Wann immer ich kann, weise ich auf das Albertus-Magnus-Internat hin. Demnächst geht ein Informationsbrief an die Schulbehörden in Bayern und Hessen raus. Werbung ist alles. Nicht kleckern, klotzen. Eventuell können wir bei den Ministerien auf höhere Zuschüsse pochen.« Sie lachte laut und herzlich, während in ihrem Rücken das Fenster im Wind klapperte. »Du machst gute Arbeit, Gertrudis. Denk bitte daran: Spenden helfen, wenn es mal knapp wird. Doch hauptsächlich müssen die Einnahmen von den Beiträgen der Eltern und den staatlichen Mitteln kommen. Ich möchte nicht von einer Person abhängig werden. Das verstehst du sicher?«
Gertrudis nickte und murmelte ein paar Floskeln. Dieses Gespräch lief trotz allem nicht auf ein Desaster zu, wie sie zuvor gefürchtet hatte.
»Damit du dich vollständig auf das Internat konzentrieren kannst, möchte ich dir eine Belastung abnehmen. Ab Februar übernimmt Schwester Romana das Administrative. Du legst all dein Gewicht in die pädagogische Arbeit.«
Darauf lief es hinaus! Ein Schauder rann Gertrudis über den Rücken. Unwillkürlich kreuzte sie die Arme vor der Brust, als müsse sie sich vor einem Faustschlag schützen. Um Pädagogik ging es in ihrem Amt gerade nicht! Eher um Betriebswirtschaft.
»Ich …«
»Keine Widerrede. In unserem Alter müssen wir mit unseren Kräften haushalten. Leider sieht die Nachwuchssituation unseres Ordens, du entschuldigst die Wortwahl, hundsmiserabel aus. Wenn der Herr keine Wunder geschehen lässt, bleiben irgendwann nur wir Alten übrig. Noch Tee?«
Sie sondert mich aus, dachte Gertrudis, während sie mechanisch ihre Tasse hochhielt und sich die grasige Brühe einschenken ließ. Langsam, aber sicher. Und Romana rückt immer näher. Bis sie mich ausgestochen hat. Bloß wegen ihres Förderers mit den Goldhosen. Unversehens brach ihr der Schweiß aus.
Sie musste aufpassen.
*
18.5.2018
2.
Privatdetektivin Katinka Palfy hatte kein Problem mit mysteriösen Persönlichkeiten. Im Prinzip fand sie undurchschaubare Menschen sogar interessanter als jene, in denen sie lesen konnte wie in einem offenen Buch. Dass allerdings ihre neue Klientin Anja Riedeisen, 51, sich davor fürchtete, bei einer Geburtstagsfeier ihre einstige Jugendliebe wiederzutreffen, und deshalb eine Personenschützerin dabeihaben wollte, hielt sie für unverhältnismäßig. Natürlich ging es bei diesem neuen Auftrag um etwas anderes als 30 Jahre alte romantische Gefühle. Wenngleich Anja Riedeisen dazu noch nicht viel gesagt hatte.
Katinka steuerte ihren italienischen Kleinwagen, gutmütig »der Italiener« genannt, die Höhenzüge der Rhön hinauf. Von Bamberg, wo sie lebte und üblicherweise auch arbeitete, keine weite Reise.
»Damals ging hier eine der am schärfsten bewachten Grenzen der Welt durch«, ließ sich Anja vernehmen.
»Damals.«
»Sie müssen verstehen. Diese Fahrt ist der reinste Flashback für mich! Seinerzeit«, sie lachte verlegen, »lag dort rechts Thüringen und dort links Bayern. Unser Internat befand sich ganze fünf Kilometer von der sogenannten Ostzone entfernt. Zu Beginn des Schuljahres bekamen wir Ermahnungen, uns nicht zu nah an die Grenze zu bewegen.«
»Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, Ihr freiwilliges soziales Jahr an so einem abgelegenen Ort zu machen?«, fragte Katinka aus echter Neugier. Das Kürzel FSJ war ihr nicht gänzlich unvertraut. Doch so etwas wie eine Grenze gab es nicht mehr. 30 Jahre waren eine lange Zeit, fand Katinka. Die Welt hatte sich in der Zwischenzeit Pi mal Daumen 262.800 Mal um die eigene Achse gedreht.
Der Landschaft der Rhön hatte die Zeit bislang nichts anhaben können. Stoisch, schroff, abwartend wirkten die geduckten Sträucher am Feldrand. Ab und zu drückte eine Windbö den Wagen zur Seite.
»Ich bin in Fulda aufgewachsen. Katholisch konservativ. Wollte Lehrerin werden, auf keinen Fall Wirtschaft studieren, sonst hätte mein Vater mich vollkommen vereinnahmt.«
»Warum?«
»Er besitzt eine Papierfabrik. Alles stellt er her, von Geschenkpapier über Fotopapier bis Grußkarten. Wäre ich ein Sohn gewesen, hätte er mich vermutlich gezwungen, in die Firma einzusteigen. Als ich mit meinem Studienwunsch rausrückte, kriegte er zu viel. Ich ließ mich von seinen Wutanfällen und Bestechungsversuchen nicht davon abhalten, hatte Informationen von verschiedenen Universitäten angefordert. Am liebsten wollte ich nach Passau, weit weg von den Eltern. Als er mitbekam, wie ernst es mir war, gab er sich kompromissbereit. Ich sollte ruhig erst mal ein Praktikum machen, ich würde schon sehen, dass Lehramt nichts für mich ist.«
»Da hat er sich wohl getäuscht!«
»Richtig. Ich bin doch Lehrerin geworden. Das freiwillige Jahr im Internat hat mir sehr gut gefallen. Danach bekam ich einen Studienplatz und später eine Anstellung im Gymnasium in Bamberg. Meine Wunschstadt übrigens! Was will man mehr.«
Katinka setzte den Blinker, folgte den Wegweisern. Rund um die schmalen Straßen ragten die dunklen Gipfel der Rhön auf. In der Ferne konnte man die Wasserkuppe ahnen mit der markanten Radarkuppel. Ein paar Wolken zogen sich dort zusammen. Ansonsten war der Himmel blitzblau. Mai eben.
»Aber warum hier oben?«
»Wegen der ganzen Zankerei mit den Eltern hatte ich mich recht spät beworben. Eigentlich wäre ich lieber weiter weggegangen, so wurde es die Rhön. Sehr viel mehr Stellen waren nicht mehr frei.«
»Ein Pflaster für Eisenbereifte.«
»So schlimm ist es nicht«, lachte Anja Riedeisen. »Alles war ja neu für mich. Ich hatte eine Menge Ablenkung und kam kaum zum Grübeln. Die Tage vergingen wie im Flug. Das Albertus-Magnus-Internat hatte zwei Jahre zuvor einen zusätzlichen Zweig eingerichtet. Extraförderung für Schulabbrecher, die es noch einmal probieren wollten.«
»Und da haben Sie sich verliebt?«
»In Martin Süderbeck. Kindisch, dennoch eine prägende Beziehung. Er hatte zwei Schlamperjahre hinter sich und wurde erst im Alter von 18 einsichtig. Plötzlich wollte er doch das Abitur machen. Er war schon älter als ich. Meine Schulkarriere hingegen war eine Brave-Mädchen-Chronik: schnurstracks zum Ziel.«
Katinka grinste. »Was nichts heißt.« Sie ließ den Blick schweifen. Außer dem einen oder anderen Motorrad, dessen Fahrer das Frühlingswetter genoss, waren sie allein auf der Straße. »Wie verhielt sich eigentlich Ihre Mutter zu Ihrer Idee, ein Jahr in der Rhön pädagogisch tätig zu sein?«
»Sie stand immer auf der Seite meines Vaters.« Anja seufzte. »Heißt so viel wie: Sie war dagegen. Was soll ich sagen: Ich habe mich durchgesetzt. Die Zeit hier oben tat mir gut. Endlich weg von der Enge der Familie konnte ich herausfinden, was sonst außer Gehorsam und stillem Groll in mir steckte. Ich war glücklich hier auf den windumwehten Höhenzügen, mit dem Ballast der deutschen Nachkriegsgeschichte im Rücken. Irgendwie nahm man das alles sowieso einfach hin. Die Grenze wurde schnell zur Normalität. Wir arrangierten uns damit, dass Thüringen, in das wir von der nächstgelegenen Anhöhe rüberschauen konnten, unerreichbar blieb. Wir riefen Freunde in den USA an, aber niemanden ein paar Kilometer weiter. Wir kannten da keinen. Seltsam. Einem Jugendlichen von heute kann man das nicht mehr nahebringen.«
»Es gab keine Handys. Telefonieren war teuer.«
»Und das Telefon stand an der zugigsten Stelle im Haus! Damit man sich kurzfasste.«
Ein Trupp Radfahrer in aerodynamischem Outfit rauschte ihnen entgegen, sich gegen den Wind stemmend.
»Kirsten und ich sind auch immer mit dem Rad unterwegs gewesen.« Anja deutete auf die Sportler. »Bei Wind und Wetter. Sogar im Winter.«
»Kirsten?«
Es blieb eine Weile still. »Meine Freundin. Die zweite FSJ-lerin im Internat. Wir verstanden uns super. Von Anfang an.«
Irgendetwas schwang da noch mit, fand Katinka. Trotzdem unterließ sie es nachzuhaken. Ihr Auftrag bestand darin, bei der bevorstehenden Geburtstagsfeier einer der Ordensschwestern, die vor 30 Jahren das Haus geführt hatten, Anja als vermeintliche »Freundin« zu begleiten. Anja war geschieden, ein anderer Mann als Begleitperson nicht in Sicht. Alleine zu fahren, kam ihr ebenso wenig angemessen vor. Es ging um Samstag und Sonntag in der Rhön. Das war alles. Für Katinka eine willkommene Abwechslung zu diversen anderen Aufträgen.
»Erzählen Sie mir mehr über die Nonnen«, bat Katinka. Besser, sie besann sich auf das Naheliegende. Zumal sich in ihrer Beziehung zu Hardo in der letzten Zeit ein Misston eingeschlichen hatte. Was Katinka auf eine vermurkste Ermittlung zurückführte, die bei der Bamberger Polizei für handfesten Ärger gesorgt hatte. Jemand hatte seine Kompetenzen überschritten, und ihr Lebensgefährte Harduin Uttenreuther musste den Schlamassel ausbaden. Ihr ging allmählich die Geduld aus, um seine Launen und sein rüffeliges Gehabe zu ertragen.
»Schwester Romana war stellvertretende Leiterin. Eine temperamentvolle Person voller Tatendrang. Mit ihr führte ich mein Bewerbungsgespräch. Himmel, war ich nervös! Trotz katholischer Sozialisation hatte ich zum ersten Mal mit Nonnen zu tun. Dann war da Schwester Gertrudis, die Direktorin, verantwortlich für das pädagogische Konzept. Äußerlich war sie das ganze Gegenteil von Romana. Außerdem gehörten eine Küchenschwester und eine Erzieherin dazu. Außer Kirsten, mir und den Hauptamtlichen gab es noch einen Zivi. Tobias. Ob er auch kommt?«, murmelte sie, mehr zu sich selbst.
Katinka nahm Tempo weg. Rechts am Weg stemmte sich eine Kapelle aus Sandstein gegen den Himmel, wuchtig, wehrhaft. Dahinter blühte ein Holunderstrauch, silbern glänzend vor dem stahlblauen Himmel. Die harsche Landschaft machte es einem bei diesem traumhaften Frühlingswetter leicht, in Bewunderung auszubrechen.
Den Wagen, der über die Hügelkuppe auf sie zuschoss, sah sie beinahe zu spät. Sie wandte ihren Blick erst wieder der Straße zu, als sie Anjas lautes Schreien hörte. Riss das Steuer herum. Gab Lichthupe.
»Verdammt, ist der meschugge?« Sie lenkte den Italiener ganz nach rechts, spürte groben Untergrund unter den Reifen. Das Steuerrad umklammernd hielt sie die Spur.
Der Sportwagen, ein superflaches, schwarzes Modell, röhrte vorbei. Sie erhaschte gerade noch einen Blick auf das höhnische Grinsen des Fahrers.
»Honk!« Katinka schaltete die Warnblinkanlage an und hielt. »Frau Riedeisen?« Vorsichtig berührte sie ihre Klientin an der Schulter. Die zuckte zurück, hob sogar den Arm, als müsste sie sich verteidigen. »Es ist nichts passiert! Wir sind nicht im Graben gelandet.«
Anja presste die Hände vors Gesicht. Ihr Schreien war in ein dünnes Wimmern übergegangen.
Katinka wartete. Diese Frau brauchte ein wenig Zeit. Und sie hatte vor etwas Angst. Jedoch nicht unbedingt vor dem Zusammentreffen mit ihrer ersten Liebe vor 30 Jahren.
*
3.
»Albertus-Magnus-Zentrum«, stand auf einem Hinweisschild, daneben ein größeres mit der Aufschrift: »Zur Fremdsprachenkorrespondentenschule«.
»Sieh an. Früher hieß es nicht Zentrum«, sagte Anja Riedeisen lächelnd.
Katinka bog auf die schmale Zufahrtsstraße. Zwei mehrstöckige neobarocke Gebäude erhoben sich am Waldrand, Sandstein, warm in der hellen Frühlingssonne leuchtend. Frisches Grün hatte sich noch kaum in den Wald verirrt, dafür sorgten die auf einer Wiese vor dem linken Haus geparkten Autos für Farbflecke.
»Meine Güte! Hier hat sich fast nichts verändert! Das linke Haus war das, wo die unteren Klassen wohnten. Auch die Schwestern und wir als Freiwillige hatten dort unsere Zimmer. Ich frage mich, ob sie wenigstens die gruseligen Badezimmer renoviert haben.«
»Es sind 30 Jahre vergangen«, warf Katinka ein. »Da muss man schon mal ein Fenster auswechseln. Ich weiß, wovon ich rede.« Sie dachte an die unbezahlten Rechnungen von ihren letzten Renovierungsarbeiten. Alles in allem kam ihr dieser Auftrag entgegen. Leicht verdientes Geld mit einem gewissen Freizeitfaktor.
»Da haben Sie recht.«
»Wer wohnte in dem rechten Gebäude?«
»Die älteren Schüler und ein Ehepaar. Beide waren als Pädagogen tätig.«
»Soweit ich weiß, waren die meisten Internate in den 80ern nach Geschlechtern getrennt.«
»Das trifft für die Städte zu, aber hier in der Einöde – da musste man gerechterweise Jungen wie Mädchen eine Chance geben.«
»Die Schule befand sich nicht hier?«
»Nein, in Mellrichstadt. Die Schüler besuchten entweder das Gymnasium oder die Realschule. Ein Bus brachte sie jeden Morgen hin, mittags gab es einen Rückfahrtdienst und noch einmal einen gegen 16 Uhr.«
»Mittlerweile haben die Schwestern die Räumlichkeiten anscheinend weitervermietet. Die Fremdsprachenkorrespondentenschule muss in dem rechten Gebäude sein, oder?«
»Offenbar, ja. An so etwas wäre früher nie zu denken gewesen. Der Platz wurde für die Schüler benötigt. Wahrscheinlich hat der Unterhalt der Anlage an der Kasse der Nonnen genagt und sie gezwungen, durch Vermietung Geld zu verdienen. Die meisten kamen uns damals schon recht alt vor. Mittlerweile müssen sie Greisinnen sein. Und Nachwuchs gibt es kaum noch.«
Katinka stellte ihren Italiener neben einem Mustang mit Münchner Nummer ab. »Aus den Schülern sollte richtig was geworden sein, wenn man die schicken Fahrzeuge betrachtet.«
»Ich sage Ihnen, Internatserziehung war seinerzeit begehrt. Was sollte man hier draußen denn tun, außer brav zu lernen?«
»Knutschen im Wald?«
Anja Riedeisen lachte. »Das stand selbstverständlich auch auf dem Programm.«
»Sollen wir?«
»Ich muss erst mal durchatmen.«
Katinka wandte den Kopf. Das Gesicht ihrer Auftraggeberin war blass. Die Unterhaltung hatte sie von ihren Sorgen anscheinend nicht abgelenkt.
»Was ist los, Frau Riedeisen?«
»Ist nicht so einfach. Ehrlich.«
»Sie haben es doch damals ganz gut ausgehalten. Mit 20 hat man meistens mehr Probleme als mit 50. Habe ich mir sagen lassen.«
Wieder ein leises Lachen. »Sie haben recht. Deswegen wollte ich Sie dabeihaben.«
»Als Motivationsfaktor?«
Anja Riedeisen stieg aus. »Sehen Sie den flachen Anbau ganz rechts? Das war die Innenturnhalle. Sportangebote hatte man gute. Es gab sogar ein Außenschwimmbad im Sommer. Ob sie das noch haben?«
»Wir werden es gleich feststellen.«
Katinka schritt forsch auf den Platz zwischen den beiden Gebäuden zu. Partyzelte waren aufgestellt. Etliche Besucher in schicker Kleidung standen dort herum, einige mit Sektgläsern in den Händen. Die Unterhaltungen wirkten verhalten, man befand sich in der Aufwärmphase. Katinka bemerkte zwei Nonnen, die sich um die Gäste kümmerten. Wie Butler in zu weiten Kleidern kreisten sie um die Besucher.
»Anja! Mein Gott, Anja Mähling? Wie ich mich freue!« Eine Schwester löste sich aus der Menge und marschierte auf Anja und Katinka zu.
»Schwester Romana! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!«
»Anja, das ist so schön, dich zu sehen. Ich darf doch beim Du bleiben?«
Anja Riedeisen lachte.
»Das ist Schwester Romana, sie war stellvertretende Direktorin, als ich hier meinen Dienst versah. Eine Freundin, Katinka Palfy.«
»Und Anja heißt jetzt Riedeisen.« Katinka streckte der Nonne die Hand hin. »Auch von mir die besten Wünsche zum Geburtstag.«
Die Schwester griff energisch zu und schüttelte Katinkas Hand. Sie war eine von diesen korpulenten, heiteren Frauen, die mit ihrer unermüdlichen Tüchtigkeit nahezu jedes Problem aus der Welt schaffen und jeden Wunsch erfüllen konnten.
»Freut mich, freut mich. Danke bestens. Namen sind Schall und Rauch, aber mein Gedächtnis funktioniert ansonsten wie geschmiert. Bislang lässt es allenfalls bei Telefonnummern nach.« Sie lachte herzlich. »Ihr hattet eine lange Reise, nehme ich an, also stärkt euch erst einmal! Wir haben Prosecco da sowie alkoholfreie Drinks. Schlagt mir nicht über die Stränge, die eigentliche Party steigt erst heute Abend.«
»Wir übernachten«, wandte Anja ein. »Einen Prosecco können wir uns genehmigen, oder?«
»Warum nicht«, nickte Katinka.
Schwester Romana schlug sich an die Stirn. »Seht ihr, wohin Eigenlob führt. Hatte ich doch glatt vergessen, dass ihr auf der Übernachtungsgästeliste steht. Im Ernst: Ich habe die meisten Sachen wirklich im Kopf. Anders als unsere liebe Gertrudis.« Sie senkte die Stimme. »Sie steht an der Schwelle zur Demenz.«
»Ach du Schreck.« Anja sah betroffen drein. »Das hätte ich nie gedacht. Sie war immer so eine kontrollierte Person, hatte das Internat perfekt im Griff.«
Schwester Romana winkte ab. »Sich im Griff zu haben bedeutet nicht, dass man mit dem Leben zurechtkommt. Meine Meinung.«
Eine kurze Pause entstand. Die Schwester streckte sich, um nach Neuankömmlingen Ausschau zu halten.
»Sie haben sich extra keine Geschenke gewünscht«, sagte Anja. »Aber so ganz mit leeren Händen wollte ich nicht kommen. Daher habe ich eine Blumenschale für die Kapelle besorgt. Ist das in Ordnung?«
»Mein liebes Kind, natürlich. Etwas für die Gemeinschaft ist genau das Richtige. Was brauche ich schon? Materielles beschwert nur. Im Alter merkt man das deutlicher als je zuvor.«
»Wer von den früheren Schwestern ist denn heute noch hier?«
»Nur Richhilde, die ehemalige Küchenchefin. Du erinnerst dich sicher an die köstlichen Baumkuchen, die es zu Festtagen gab? Allein ihr Werk. Tja, Schwester Ursula, eine unserer besten Erzieherinnen, ist vor zehn Jahren gestorben. Das Küchenteam ist mittlerweile komplett weltlich. Richhilde hat Arthrose und kann sich kaum bewegen. An Arbeit ist nicht mehr zu denken, wenngleich sie sich an einem Tag wie heute zusammenreißt und versucht, ihren Beitrag zu leisten. Falls sie sonst das Haus verlässt, muss es ein guter Tag sein, sie kommt nur unter Schmerzen die Treppen runter. Heute leitet Schwester Irmtraud unseren Minikonvent, sie stieß vor drei Jahren dazu. Vier Schwestern, hier draußen, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen!« Schwester Romana nahm drei Gläser Prosecco von einem Tisch. Ein Windstoß bauschte ihren Rock auf. »Draußen feiern in der Rhön, das gelingt nicht immer. Der Herrgott meint es gut mit uns. Auf eure gesunde Ankunft in der Vergangenheit!« Sie lachte fröhlich und stieß mit Katinka und Anja an. Die Gläser klirrten.
Katinka sah sich um. Unter den Gästen hatten sich mittlerweile Grüppchen gebildet. Viele schienen mit ihren Familien gekommen zu sein. Kinder flitzten über die Wiesen, zwei unzufriedene Teenager hockten auf einer Bank und daddelten auf ihren Handys. Der Empfang hier oben schien zu wünschen übrig zu lassen, denn beide machten ausgesprochen verdrossene Gesichter.
»Schön hier. Lüftet den Geist«, sagte sie.
»Richtig. Ich mochte es früher nicht so gern, mittlerweile kann ich die Vorzüge schätzen«, lächelte Schwester Romana. »Besser spät als nie. Zum Sommer wird der Konvent aufgelöst.«
»Was?« Entgeistert sah Anja die Schwester an.
»Wir sind alt. Alle Orden leiden an Nachwuchsmangel. Wie sollen wir eine Einrichtung dieser Größe halten? Schon vor 15 Jahren haben wir die Hälfte der Gebäulichkeiten an die zukünftigen Fremdsprachenkorrespondenten vermietet. Die kommen zum Unterricht mit dem Auto. Unsere Schüler werden sich im kommenden Schuljahr andere Unterkünfte suchen müssen. Es sind ohnehin nicht mehr viele. So etwas wie ein Internatsleben gibt es kaum noch. Tja.«
Katinka ließ den Blick schweifen. An einem sonnigen Frühlingstag wirkte alles malerisch, ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber im November, in Tristesse und Düsternis? Meins wäre es nicht, dachte sie.
»Ist das Ehepaar Krone noch hier?«, fragte Anja.
»Beide gehen im Sommer in Frührente. Sie haben sich einen Alterssitz in Thüringen verschafft, stell dir vor. Hinter der Grenze!«, gluckste Schwester Romana. »Wer hätte das damals gedacht?«
»Niemand. Ich kann mich erinnern, wie Sie mich eingewiesen haben, als ich meinen Dienst hier begann«, lächelte Anja. »Vorsicht im Wald. Nicht bis zur Grenze gehen. Spätestens an den weiß-blauen Pfosten stehen bleiben. Die Schüler darauf hinweisen.«
Schwester Romana zeigte auf ein Grüppchen. »Da drüben steht Gitta Krone. Ganz die alte, was?«
Neugierig beäugte Katinka eine dünne Frau in Jeans und einem Herrenhemd, die gerade ihr Saftglas abstellte und ein etwa vierjähriges Mädchen zurechtwies, das unter dem Tisch mit den Getränken ein charmantes Versteck zum Spielen gefunden hatte.
»Humorvoll war sie nie«, sinnierte Anja.
»Wenn ihr eure Zimmer in Augenschein nehmen wollt: Im Treppenhaus hängt ein Zettel mit euren Namen und der Zimmernummer. Zweiter oder dritter Stock. Kein Lift, leider. Wir alten Nonnen müssen wenigstens bloß in die erste Etage raufklettern. Selbst das schafft die arme Richhilde kaum. Sie ist diejenige von uns, die am längsten hier lebt. Mit Übernahme des Internats durch den Orden kam sie in die Rhön.«
Anja nickte abgelenkt. Eine andere Nonne löste sich aus der Menge.
»Romana?«, rief sie. Ihre Stimme klang heiser. Sie war klein, sehr mager, knochig beinahe. Ihre Füße steckten in Schnürstiefeln, die ihr eindeutig zu groß waren.
»Meine Güte, sie hat wieder die dicken Winterschuhe angezogen«, wisperte Romana. »Das ist es, was das Alter aus den Menschen macht. Früher war sie so eine fähige Chefin. Sie ist 91, wusstest du das, Anja?« Laut rief sie: »Gertrudis, kannst du dich an unsere Anja erinnern?«
Die dünne Nonne blinzelte kurzsichtig. »Anja Mähling.« Sie lächelte breit. »Das freut mich ganz besonders.«
»Mich ebenfalls, Schwester Gertrudis. Schön, Sie wiederzusehen.«
Gertrudis streckte die Hand aus. »Du warst ja eine von denen, die uns besonders ans Herz gewachsen sind!«
Schwester Romana verdrehte die Augen.
»Und Sie? Kenne ich Sie auch?«, wandte Gertrudis sich an Katinka.
Helle blaue Augen strahlten sie an.
»Nein, wir sind uns noch nicht begegnet. Ich bin eine Freundin von Anja.«
»Sie heißt Karina«, sagte Schwester Romana.
»Katinka.«
Romana nahm die andere Nonne bei der Hand. »Ist denn unser Tobias schon hier? Ihn kennt Anja doch noch.«
Katinka musterte Schwester Romana neugierig. Sie wirkte, als habe sie sich seit Wochen auf diesen Tag gefreut und wäre nun bereit, ihn in vollen Zügen auszukosten.
»Tobias Gebsen?«, hörte sie Anja aufgeregt fragen. Von Nervosität war nichts mehr zu spüren.
»Genau der. Ihr entschuldigt uns?«, bat Romana. »Gerade kommt ein Schwung Gäste.«
»Natürlich, kein Thema!« Anja nickte den Nonnen lächelnd zu.
Beide gingen davon, die magere Gertrudis steif wie ein Stock, Romana eilfertig.
Katinka stellte ihr Glas ab.
»Was dagegen, wenn ich mich ein bisschen umsehe?«, flüsterte sie Anja zu.
Ein Schatten glitt über Anjas Gesicht.
»Ich bin in einer Viertelstunde zurück. Möchte einfach die Anlage kennenlernen.«
»Klar. Natürlich«, nickte Anja.
*
4.
Katinka schlenderte über das Gelände. Der Wind ließ die Tischdecken flattern. Jemand brachte ein paar Feldsteine, um sie zu beschweren. Gelächter. Ein Sektglas fiel um. Leute wuselten umher. Mehr Gäste kamen vom Parkplatz herüber.
Eine runde Frau um die 50 mit kurz geschnittenem grauen Haar und einem Korb am Arm trat Katinka in den Weg.
»Grüß Gott!« Ein Namensschildchen an ihrem Pullover wies sie als Schwester Irmtraud aus. »Wir haben Badges für unsere Gäste vorbereitet, damit wir wenigstens voneinander wissen, wie wir heißen.«
»Katinka Palfy.«
Die Schwester wühlte im Korb. »Bitte, für Sie! Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise?«
»Hatten wir. Ich bin eine Freundin von Anja Riedeisen. Sie hat als Freiwillige hier ein soziales Jahr absolviert. Vor 30 Jahren.«
»Ich bin erst seit drei Jahren hier. Die Namen von früher sagen mir leider nicht viel.«
»Darf ich neugierig sein?«, bat Katinka. »Warum tragen Sie keine Ordenstracht?«
»Meine Generation tut das nur noch bei Bedarf.« Sie lächelte. »Ihnen wird dies vielleicht eigenartig vorkommen. Dennoch: Ich bin die jüngste Schwester in diesem Altenheim. Mit 55!«
»Ich habe gehört, es gibt bloß noch vier Schwestern.«
»Stimmt. Wir halten die Fahne hoch!« Sie nickte Katinka zu und ging weiter zu den nächsten Gästen, die gerade vom Parkplatz herüberkamen, ein Paar mit zwei Kindern.
»Herzlich willkommen«, rief Schwester Irmtraud. »Verraten Sie mir Ihre Namen? Wir haben Badges vorbereitet.«
»Martin Süderbeck«, sagte der Mann. »Und Carola. Meine Frau.«
Sieh an, das ist er also, dachte Katinka. Anja Riedeisens erste Liebe.
Martin Süderbeck war groß, schlaksig, sein lockiges braunes Haar lichtete sich bereits, aber der grau melierte Dreitagebart gab ihm ein charmantes Aussehen. Er lächelte Schwester Irmtraud an, als er sein Namensschild in Empfang nahm. Grübchen in den Wangen. Ein jung gebliebenes Gesicht.
»Bitte sehr«, freute sich Schwester Irmtraud. »Und für die Kinder?«
»Linda und Delia. Eigentlich wollten sie gar nicht mit, lieber bei der Oma bleiben, nicht wahr?«, wandte er sich an zwei Mädchen von etwa zehn Jahren, die einander glichen wie das berühmte Ei dem anderen.
»Seid ihr Zwillinge?«, wollte Schwester Irmtraud wissen.
»Klar, sieht man doch«, antwortete die eine cool.
Katinka musste grinsen. Durchsetzungsvermögen und Wurstigkeit gegenüber Autoritäten konnte ein Mädchen nicht früh genug lernen.
Unauffällig behielt sie die Süderbecks im Blick, während sie weiterging. Das Gebäude auf der rechten Hofseite wirkte verlassen. Am Eingang prangte ein Schild: Fremdsprachenkorrespondentenschule. In einem Plastikkasten daneben warteten Flyer auf Interessenten. Katinka drückte die schwere Türklinke. Verschlossen.
»Das Internatsgebäude ist das andere«, erklärte jemand.
Katinka drehte sich um. »Gut, dass Sie es sagen. Ich war noch nie hier.«
Der Mann warf sich in die Brust. »Nein?«
Sie lugte auf sein Namensschild. Manfred Krone. »Und Sie?«
»Ich habe mein halbes Leben in diesem Haus als Pädagoge Dienst getan.«
»Zusammen mit Ihrer Frau, habe ich recht?«
Er starrte Katinka missmutig an. Es war offensichtlich, dass er dieses Detail gerne bühnenreif ausgestaltet hätte.
»Und nun gehen Sie in Frührente. Sehen Sie, so schnell sprechen sich Dinge herum.«
Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das kenne ich wirklich zur Genüge. Wir haben es im Albertus-Magnus-Zentrum mit einer Börse zu tun, nichts bleibt unbekannt.«
»Schwester Romana hat es mir erzählt.«
»Romana! Der Name ist Programm. Die Ähnlichkeit mit dem Wort ›Roman‹ fällt ja wohl gleich auf. Also mit einem dicken Schmöker.« Krone hoffte auf eine Reaktion, die ihm belegte, dass sein Witz gut war.
Katinka ging nicht auf ihn ein. »Sie sieht jung aus. Nicht wie 80.«
»Nein, sie hat sich gut gehalten, hat ununterbrochen überall mitgemischt. Wer mit jungen Leuten arbeitet, bleibt im Herzen frisch.«
Du aber nicht, dachte Katinka, während sie den Lodenjanker und den Bauchansatz über der Cordhose ihres Gegenübers musterte.
»Mag sein.«
»Sind Sie auch im Internatsgeschäft tätig?«
»Bloß Begleitperson. Ich bin eine Freundin von Anja Riedeisen. Früher Mähling.«
Täuschte sie sich, oder wurde Krone tatsächlich eine Spur blasser?
»Wahrhaftig? Anja ist hier? Sie war eine sehr tüchtige Freiwillige. Hat sich schnell reingefunden. Der Winter damals, der dauerte fast ein Dreivierteljahr. Wobei …« Er zögerte. »Kein ganz unproblematisches Jahr.«
»Wegen des Winters?«
»Nein. Pädagogisch gesehen. Ich hoffe, Sie genießen das Wochenende!« Er ließ Katinka stehen.
*
7.7.1987
5.
Mähling fuhr mit Abblendlicht und schaltete es ganz aus, als er kurz nach halb elf auf die Zufahrt zum Albertus-Magnus-Internat einbog. Um diese Jahreszeit leuchtete der Himmel selbst nach zehn Uhr abends noch wie Silber.
Er hielt, drehte am Rückspiegel, kämmte sein Haar zurück, stieg aus. Hätte er den Kopf in den Nacken gelegt, wäre ihm der Himmel vorgekommen wie in Sternenlicht gebadet.
Schwester Romana stand in der Tür, am ganzen Körper Einsatzbereitschaft ausstrahlend.
»Schwester Romana, guten Abend.«
»Gelobt sei der Herr und so weiter. Kommen Sie herein, Herr Mähling. Wenn Sie wegen …«
Er hob die Hand. »Ich würde mich gerne … in Ruhe mit Ihnen unterhalten.«
»Das Haus liegt im Tiefschlaf.« Sie lächelte. »Gehen wir in mein Büro!«
Er folgte ihr in den ersten Stock, wo sie lautlos – die Nonnen schliefen auf diesem Flur – durch die Glastür mit der Aufschrift »Sekretariat« ins Allerheiligste der Büroräume schlüpften.
Romana bewegte sich trotz ihrer Körperfülle schnell und leise. Sie führte Mähling an einem überladenen Schreibtisch vorbei, auf dem eine Schreibmaschine mit ein paar eingespannten Blättern stand, durch eine Schiebetür hindurch.
»Mein Reich!«
Mähling sah sich in dem muffigen kleinen Raum um, in dem außer für einen massiven Schreibtisch mit Drehstuhl und zwei Sesseln kaum noch Platz für einen Aktenschrank war.
»Kann ich Ihnen etwas anbieten? Ein Bier?«
»Ich muss noch fahren.«
»Vielleicht einen Kaffee?«
»Nein, wirklich nicht nötig. Ich brauche Ihren Rat.«
»Immer gern. Bitte, setzen Sie sich.«
Er sank in einen Sessel. Die Spiralfedern spürte er im Hintern. Die Nonnen lebten wirklich am Limit. Für sich selbst zweigten sie von den diversen Geldströmen anscheinend nichts ab. Sie waren, wie man so sagte, nicht käuflich. Auf ihre Art konsequent. Einmal arme Ordensschwester, immer arme Ordensschwester. Er bewunderte und verachtete dieses Verhalten zugleich.
Romana nahm ihm gegenüber Platz.
»Meine Tochter hat sich bei Ihnen für ein freiwilliges soziales Jahr beworben.«
»Das ist mir bekannt, ich habe das Bewerbungsgespräch mit ihr geführt.«
»Also haben Sie sie bereits kennengelernt!«
»Ein liebenswürdiges junges Mädchen, wenn ich das sagen darf.«
»Danke.« Das Lob brachte Mähling aus dem Konzept. Er fühlte sich nun noch nervöser als eben. Es fiel ihm schwer, um etwas zu bitten. Aber er musste es tun. »Ich habe ein Anliegen.«
»Ich höre?«
»Anja, meine Tochter, darf es nicht wissen.«
Schwester Romana verschränkte die Arme. »Sie können auf meine Diskretion vertrauen. Außer mir weiß es niemand. Das wird auch so bleiben.«
»Gut. Schön. Also. Ich verlasse mich auf Sie.«
»Natürlich können Sie das!« Die Nonne sah entrüstet drein.
Mähling spürte die Sprungfedern und wusste, dass er mit Romana rechnen konnte.
»Sie können sich sicher sein, es wird nicht Ihr Schaden sein.«
Sie winkte ab.
Irgendwo in dem alten Haus knackte etwas. Er fuhr zusammen. Verdammt, wenn er sich sogar vor Holz ängstigte, das sich ausdehnte oder zusammenzog …
»Das war der Anlass meines Besuches, Schwester.« Ihm brach der Schweiß aus. Dass Anja sich ausgerechnet hier bei den Nonnen bewerben musste! Ihm blieb wirklich nichts erspart. Mühsam stemmte er sich hoch.
»Ich hätte Ihnen gern etwas angeboten, Herr Mähling.«
»Nicht nötig. Ich muss wirklich zurück.« Wie albern, die weite Fahrt auf sich zu nehmen für ein paar Sätze.
»Sie arbeiten zu viel.« Schwester Romana stand ebenfalls auf. »Von Zeit zu Zeit sollten auch Sie sich etwas schonen.«
»Da haben Sie recht.« Er verachtete Ratschläge wie diese. Die Nonne hatte doch keine Ahnung, wie es war, ein Unternehmen zu führen.
»Ich bringe Sie raus.«
Er folgte ihr durch das stille Gebäude. In Zukunft würde er noch vorsichtiger sein müssen.
*
6.
Sich vorsehen.
Nichts dem Zufall überlassen. Lieber unter den Leuten bleiben. Sich nicht verkriechen.
All das habe ich gelernt. Nicht wahr?
Stell dich ans Fenster, damit sie von draußen sehen, dass du dazugehörst.
Die Geräusche im Haus sind heute Morgen verblasst. Alle sind draußen. Das herrliche Wetter!
Von hier oben habe ich immer gern die Zufahrt beobachtet. Wie viele Wagen heute den Weg heraufkommen. Die ganze Wiese ist zugeparkt. Was für ein schöner Tag! Wenn ich an den Winter denke. Wie die wenigen PKW sich hier heraufkämpfen!
Einer kam immer in der Nacht.
Heb den Kopf und zeig, was du willst. Sag klar, wohin es gehen soll.
Ich habe das alles hier aufrechterhalten. Selbst wenn es keiner mehr weiß, mehr wissen will, ich entsinne mich sehr gut. Ohne mich gäbe es heute kein Fest.
Andere werden sagen, dass es trotzdem nicht für die Ewigkeit war. Da kann ich nicht widersprechen. Nur Gott ist ewig.
Heiliger Geist,
Du Hauch des Lebens
Du Feuer vom Himmel
Du Beistand der Christen
Du Helfer im Gebet
Du Unterpfand der Erlösung
– erbarme dich unser1
*
1 Aus: Gotteslob. Katholisches Gebet- und Gesangbuch der Erzdiözese Bamberg 2013. Heilig-Geist-Litanei, S. 609f.
18.5.2018
7.
Katinka hatte die Blumenschale für Schwester Romana aus dem Kofferraum geholt und stellte sie gerade an einer windgeschützten Stelle am Hauseingang ab.
»Da sind Sie ja!« Anja stürzte auf Katinka zu, als hätte sie tagelang allein in einer Wüste ausgehalten.
»Martin Süderbeck ist angekommen. Mit Frau und Kindern.«
»Habe ich gesehen!«
Anja Riedeisen wirkte nun genauso unter Strom wie während der Fahrt in die Rhön. Die Entspannung, die sich vorhin auf ihre Züge gelegt hatte, schien es nie gegeben zu haben.
»Gehen Sie es an! Begrüßen Sie ihn! Er wird Ihnen ja wohl nicht den Kopf runterreißen.«
»Wir haben uns 30 Jahre nicht gesehen«, jammerte Anja, während sie in einer Aufwallung von Entschlossenheit ihre Handtasche unter den Arm klemmte. »Und er ist verheiratet! Meine Güte, wie viel Zeit vergangen ist.«
»Haben Sie nie versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen?«
»Nein, irgendwie ergab sich nie der richtige Moment. Anscheinend funktionierte unsere Beziehung nur hier oben. Nach dem Abitur leistete er seinen Zivildienst, nicht weit von hier, ich studierte in München, also …«
»Anja?«
Der Schlaks mit den Locken kam auf sie zu.
»Jetzt hat er das Rennen gemacht«, murmelte Katinka. »Geschwindigkeit ist alles.«
»Martin?«
»Verdammt, ist das lang her!« Martin Süderbecks Gesicht rötete sich, als er Anja linkisch umarmte und schließlich an den Schultern packte, um sie ein Stück von sich wegzuhalten. »Du hast dich überhaupt nicht verändert!«
»Das habe ich überhört.« Sie lachte.
Er wandte sich an seine Frau, die ihm nachkam. »Carola, das ist Anja, ich habe dir von ihr erzählt. Anja hatte das Abitur schon in der Tasche, als sie hier ihren Freiwilligendienst antrat.«
»Während du gepaukt hast, was du all die Jahre verpasst hattest«, vollendete seine Frau. »Faulpelz! Ich kenne die Geschichte.« Mit einem freundlichen Lächeln drückte sie Anja die Hand. Sie war sehr groß, fast so eine lange Latte wie ihr Mann. Ihre perfekten Beine steckten in weißen Jeans. Das Haar trug sie in einem schicken, kinnlangen Schnitt, den der Wind hartnäckig sabotierte. »Hi. Ich bin Carola.«
»Freut mich, freut mich.« Anja zeigte auf Katinka. »Das ist meine Freundin Katinka Palfy. Ich hatte keine Lust, alleine zu kommen.«
»Bist du verheiratet?«, fragte Martin Süderbeck rundheraus.
»Nicht mehr. Und die Kinder gehen längst eigene Wege.«
»Das können wir von unseren Wirbelwinden leider nicht sagen, was?« Martin Süderbeck legte seiner Frau den Arm um die Schultern. »Wir waren einfach spät dran.«
»Du warst spät dran«, betonte seine Frau. »Ich nicht.«
Katinka schüttelte den beiden die Hand. »Freut mich, Sie kennenzulernen.«
»Haben Sie zufällig auch Internatserfahrung?«, wollte Martin wissen.
»Nicht die Bohne«, antwortete Katinka.
»Sie Glückliche!«
»Tu nicht so!« Carola gab ihrem Mann einen Klaps auf den Po. »Dir hat es hier gefallen, das hast du mir selbst erzählt.«
Er zwinkerte. »Wer wird so kaltschnäuzig sein, seiner Frau zu widersprechen! Meine Mutter war jedenfalls erleichtert, als ich endlich das Abitur in der Tasche hatte. Da es keinen Vater gab, hing alles an ihr. Der kiffende Jungspund, der in der Gosse landet, wenn er die Schule schmeißt, das war ihr Schreckensszenario, wenn es um meine Zukunft ging. Inzwischen kann ich ihre Ängste verstehen.«
»Rundum geläutert«, lästerte Carola. »Ich besorge uns einen Sekt.« Sie machte sich von ihrem Mann los und ging davon.
»Bist du jemals wieder hier gewesen seit 1988?«, wandte Martin sich an Anja.
»Nein. Nie.«
»Was sich in der Zwischenzeit geändert hat! Man mag es kaum glauben. Ich habe noch auf dem Schirm, wie ich am ersten Tag als Schüler instruiert wurde, die Grenze zu meiden. Stimmt es, dass die Nonnen im Sommer ihre Zelte abbrechen?«
Anja nickte. »Soweit ich weiß.«
Ein unbehagliches Schweigen senkte sich herab.
»Ich glaube, ich helfe Ihrer Frau mal beim Servieren«, entschuldigte sich Katinka, Anjas panischen Blick ignorierend. Wofür fürchtete sich die Frau? Süderbeck würde ihr bestimmt nicht vor all den Leuten an die Wäsche gehen. Im Davonschlendern hörte sie, wie Martin sagte:
»Bist du wirklich Lehrerin geworden?«
»Bin ich. Deutsch und Geografie. Und du?«
»Architekt.«
»Wahnsinn.«
»Findest du?«
»Ich wusste nicht, dass du dafür ein Faible hattest.«
Katinka grinste. Die beiden würden sich zweifellos zusammenraufen. Carola kam ihr entgegen, zwischen ihren Fingern steckten vier Sektgläser.
»Befreien Sie mich?«, lachte sie.
»Das ist mein drittes heute. Allmählich steigt mir der Schampus zu Kopf.« Katinka nahm ihr zwei Gläser ab.
»Halb so wild. Manche gesellschaftlichen Anlässe kann man sowieso nur betrunken ertragen.« Sie schien es als Witz gemeint zu haben. Wie zur Bestätigung trank sie ein Glas in einem Zug zur Hälfte leer. »Schön hier.«
»Im Frühling …«, begann Katinka.
»… ist es überall schön. Trinken wir auf den Frühling!«
»Zum Wohl!« Katinka stieß mit ihr an. Carola war stark geschminkt, eine dicke Schicht Make-up verbarg erste Fältchen um die Augen.
»Martin war total aufgekratzt, als er die Einladung zu diesem Geburtstagsfest bekam. Er war wirklich seit 30 Jahren nicht mehr hier. Seine Mutter ist vor fünf Jahren gestorben. Sie lebte in Bad Königshofen, das ist nicht weit von hier. Wir haben sie oft besucht, aber Martin hatte nie Lust, bei der Gelegenheit ins Gebirge raufzufahren.«
»Anja konnte sich auch nie zu einem Besuch aufraffen.«
»Merkwürdig, nicht wahr?« Carola sah träumerisch in die Ferne. »Ich treffe mich jedes Jahr mit meinen alten Klassenkameraden.«
»Ihr Mann hat gar keinen Kontakt zu seinen früheren Mitschülern?«
»Er fühlte wohl keine starke Zugehörigkeit zu ihnen, weil er erst später in die Klasse kam.«
»Kann sein.« Katinka mochte keinen Small Talk, doch wenn sie schon sonst nichts zu tun hatte, schadete es nicht, in die Dynamiken hinter den Beziehungen einzusteigen.
»Wie halten Sie es mit Nonnen?« Carola kippte das zweite Glas.
»Was meinen Sie?«
»Hatten Sie jemals mit Nonnen zu tun?«
»Ich lebe in Bamberg, da gibt es ausreichend.«
»Wirklich?«
»Wo wohnen Sie denn?«
»Im Taunus. Als die Kinder kamen, sind wir aufs Land gezogen. Vorher lebten wir in Frankfurt. Ich bin von Haus aus ein Großstadtmensch. Und Martin arbeitet immer noch in dem Architekturbüro, wo er nach dem Studium angefangen hat. Jedenfalls: In Frankfurt sind Nonnen Fehlanzeige.«
Katinka lachte. »Bayern tickt da wohl anders.«
»Kann sein. Ich werde mal nach den Mädchen sehen.« Carola nickte Katinka zu und ging davon.
Einige der Gäste machten sich mittlerweile zu ihren Autos auf, um ihr Gepäck zu holen. Manche schienen bereits ihre Zimmer bezogen zu haben und gaben Hinweise, wer wo untergebracht war.
Katinka ging zu Anja und Martin zurück.
»Nach der Sache mit Kirsten war nichts mehr so, wie es vorher war«, sagte Anja gerade mit gesenkter Stimme.
»Ihr habt euch super verstanden, oder?«
»Sie war die beste Freundin, die ich je hatte. Ich hätte es nicht geschafft, noch einmal herzukommen. Nach allem, was war …«
»Noch ein Gläschen?«, unterbrach Katinka, während sie Anja das zweite Sektglas hinhielt.
Anja unterbrach sich abrupt. »Gern.«
»Ich hole unser Gepäck und sehe mal, wo wir schlafen«, sagte Katinka leichthin.
»Gut, natürlich, das wäre … ja, gute Idee.«
»Dann bis gleich.«
Turteltauben! Katinka lief zu ihrem Italiener. Als sie mit den Reisetaschen zurück zum Haus ging, sah sie, wie Anja und Martin weiter angeregt miteinander sprachen. Die beiden hatten offenbar schnell wieder einen Draht zueinander gefunden.
»Suchen Sie Ihr Zimmer?« Ein beinahe zwei Meter großer, durchtrainierter Mann in schwarzer Motorradkluft stand hinter der Eingangstür und fuhr mit einem ölverschmierten Finger über eine Liste, die an der Wand hing.
»Zwei Zimmer, um genau zu sein«, erwiderte Katinka. »Katinka Palfy und Anja Riedeisen.«
»Ich habe meine Brille vergessen. Palfy, das könnte hier sein.« Er kniff die Augen zusammen.
Unheimlich blaue Augen. Und buschige Augenbrauen. Wie besonders haarige Raupen, dachte Katinka. Der Typ Mann, der sie ansprechen würde, hätte sie nicht Hardo. Wobei sie erleichtert war, heute einmal nicht seine düstere Laune aushalten zu müssen. Seit jemand in der Polizeidirektion Mist gebaut hatte und intern kein Stein auf dem anderen blieb, war er zu einem grantigen Verdrießling mutiert. Katinka konnte zwar verstehen, dass ihm der ganze Ärger an die Nieren ging. Das machte es für seine Mitmenschen jedoch nicht einfacher.
Sie stellte sich neben den Easy Rider. »Da haben wir es ja: Palfy 201 und Riedeisen 202«, sagte sie leichthin.
»Finden Sie auch den Namen Gebsen auf der Liste?«
»Gebsen, Tobias.« Katinka tippte mit dem Finger auf den Eintrag. »Dritter Stock, 301.«
»Danke.« Er lachte. »Ich dachte immer, es wäre peinlich, die Lesebrille aus der Westentasche zu ziehen. Mittlerweile habe ich den Eindruck, es ist viel peinlicher, wenn man sich ständig einen Vorleser suchen muss.«
»Da ist was dran. Sie waren Zivi hier, oder?«
»Sie sind gut informiert. Vor 30 Jahren. Und Sie?«
»Ich bin Begleitperson. Meine Freundin leistete hier ihr freiwilliges soziales Jahr ab. Sie heißt Anja Riedeisen, früher Mähling.«
»Anja ist gekommen? Wahnsinn! Das waren Zeiten!«
Katinka musterte den Mann neugierig. Der sprichwörtliche Hüne. Mit riesigen Füßen. Mindestens Schuhgröße 47. Richtige Elbkähne.
»Echt?«
»Klar! Die Rhön schweißt zusammen, müssen Sie wissen!« Er grinste. »Na, dann ziehe ich mal ein. Zum Glück nur für eine Nacht.« Er hievte einen Rucksack hoch. Katinka wünschte sich, er bliebe noch ein paar Minuten hier stehen.
»War es so schlimm damals?«
»Nein!« Er winkte ab. »Überhaupt nicht. Meistens jedenfalls nicht.«
*
27.9.1987
8.
Als hätte er nicht genug Sorgen. Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder … Sei’s drum. Eduard Mähling rieb sich die Hände. Wenigstens aus den andauernden Geldproblemen hatte er einen Ausweg gefunden. Zufälle gab es, die hätte sich niemand ausdenken können. Nun allerdings wurde der Boden unter seinen Füßen heiß. Er selbst war der Einzige, dem es auffiel. Horweg sah die Sache naturgemäß anders. Und van Cuun erst! Dieser Spinner mit seinem Mercedes in Goldmetallic.
Nein, es lag nicht an dem Wagen. Van Cuun hatte ihm oft genug erläutert, dass es in seiner Branche ein Vorteil war aufzufallen. Man müsste eben nur richtig auffallen, hatte van Cuun gesagt und sich über diesen vermeintlichen Witz kaputtgelacht.
Mähling fand weder den Wagen noch van Cuun noch den Witz lustig. Aber er hatte sich saniert. Durch Typen wie Horweg und van Cuun.
Mähling zog die Arbeitszimmertür zu. Seine Tochter war nicht mehr im Haus. Das große Kind ging eigene Wege. Und seine Frau hatte sich im Laufe der Ehe daran gewöhnt, dass ihr Mann nicht zu sprechen war, wenn er sich im Arbeitszimmer verschanzte. Störungen waren nicht zu erwarten.
Er goss sich einen Whiskey ein. Das ledrige Aroma stieg ihm angenehm in die Nase. Doch seltsamerweise beruhigte der Duft ihn heute nicht im Geringsten. Er steckte in Schwierigkeiten.
Alles hatte mit einem offiziellen Geschäft mit der DDR begonnen. Er belieferte das Wirtschaftsministerium in Ostberlin mit seinen Papierprodukten. Auf der Leipziger Messe hatte er das eingefädelt. Er wollte eigentlich vorfühlen, ob er in der DDR produzieren lassen könnte. Zu einem Bruchteil der Kosten, die er im Westen decken musste. Letztlich war alles anders gekommen. Er hatte gut verkauft. Vor allem Fotopapier. Hochwertiges. Wofür die da drüben so viel Fotopapier benötigten – Mähling war es gleichgültig. Hauptsache, er ging nicht in Insolvenz. Kurz darauf interessierte sich der Osten außerdem für seine Schreibmaschinen. Die gute alte Brother. Mit Korrekturband und Speicherfunktion, ganze drei Seiten konnte die im Gedächtnis behalten! Nicht alle wollten auf Computer umsteigen, obwohl immer mehr Leute das Maul aufrissen und taten, als wäre so ein Rechner das Ende aller Geheimnisse des Planeten. Mähling glaubte nicht an das neue Zeitalter. Die Handhabung war viel zu kompliziert, es würde lange dauern, bis Otto Normalverbraucher die Technik anwenden konnte. Insofern investierte er lieber in die Schreibmaschine, da lief alles ganz intuitiv. Wie man es kannte. So wollte die Masse der Kunden es haben.
Als Unterhändler hatte Horweg gute Arbeit geleistet. Der Ostberliner hatte Mähling seinerzeit sogar in Fulda besucht. Bei einem Drink in Mählings Arbeitszimmer war ihm die Kohlezeichnung von Degas aufgefallen.
Ich hätte nichts sagen sollen, dachte Mähling. Hätte Horweg doch denken sollen, es wäre wirklich ein Degas.
Stattdessen hatte Mähling aufgekracht. Hatte sich sicher gefühlt, auch ein bisschen geschmeichelt. Horweg war jemand, der einem anderen Honig ums Maul schmieren konnte. Damals, 1985.
Die Zeichnung sehe aus wie ein Degas, hatte Mähling gesagt. In Wirklichkeit handelte es sich um eine außerordentlich gut gemachte Kopie.
Eine Fälschung? Wie Horweg ihn angesehen hatte. Seine spitze Nase, die schwarzen Augen! Richtig gelodert hatten die.
Wenn man so wolle, könnte man es eine Fälschung nennen, hatte Mähling geantwortet, und der folgende Schluck Whiskey hatte ein Brennen in seinem Magen ausgelöst.
Wie der Drink jetzt. Er stellte das Glas weg.
Horweg hatte ihm aus dem Stegreif eine Idee unterbreitet und um Stillschweigen gebeten, bis er sich nach oben abgesichert hätte. Für Mähling wäre mit Sicherheit ein guter Nebenverdienst drin. D-Mark, selbstverständlich. Dabei hatte Horweg Mähling freundlich zugenickt. Mit einem lauernden Ausdruck im Gesicht. Der ließ Mähling heute noch einen kalten Schauer über den Rücken laufen.
Zwei Monate später hatte Horweg erneut in Fulda Station gemacht. Seinen Wartburg parkte er selbstbewusst auf Mählings Auffahrt. Dem war so viel Offenheit unangenehm, er wollte nicht, dass die Nachbarn mitbekamen, dass er Besuch von drüben hatte. Später fragte ihn tatsächlich jemand danach. Mähling redete sich mit einem angeblichen Verwandten seiner Frau heraus.
Er müsse verstehen, erläuterte Horweg. Da gäbe es Leute in der Nomenklatura, die seien weit aufgestiegen, aber eben nicht bis ganz an die Spitze. Trotz Ehrgeiz und Talent. Trotz guter Kontakte. Irgendwie reichte es nicht. Diese Leute suchten sich anderweitig Bestätigung. Ob Mähling das nachvollziehen könne?
Mähling nickte und merkte, dass er in die Falle gegangen war. Er kannte sich mit Verhandlungsstrategien aus. Wer einmal Ja sagte, kam aus der Schleife nur schwer heraus. Zudem saß ihm der Schreck des Beinahe-Bankrotts noch im Nacken, den er allein durch die Extrageschäfte mit Ostberlin abgewendet hatte. Wer weiß, wie lange diese Beziehungen bestehen würden!
Ob Mähling Kontakt zu dem Fälscher herstellen könne?
Mähling reagierte geschickt. Der Künstler sei eine zarte Seele. Nicht fürs raue Geschäftsleben geschaffen.
Horweg verstand. Natürlich, so waren sie halt, diese Künstler. Joviales Lachen. Noch ein Drink.
Worum es Herrn Horweg denn ginge?
Sie kamen ins Geschäft. Fälschungen von Kunstwerken – keine ganz bekannten, aber auch keine No-Names. Solche Kohlezeichnungen wie dieser Degas, die wären etwas für die frustrierten Zwischengrößen drüben im Osten. Geld spiele keine Rolle, versicherte Horweg. Unzufriedene ruhig zu halten, das sei im Interesse von ganz oben.
Mähling trat ans Fenster. Es nieselte leicht. In der Kälte würde die Feuchtigkeit bald auf der Straße gefrieren. Ein früher Winter in diesem Jahr.
1985 – der Herbst mit Horweg lag nur zwei Jahre zurück, und doch schien ihm unendlich viel Zeit vergangen.
Anfangs, nachdem die Firma gerettet war, hatte er den Drang verspürt, seiner Frau eine Freude zu machen. Sie wäre gern weggezogen. Nach Frankfurt vielleicht, da fühlte sie sich wohl, Fulda war ihr zu klein, zu bischöflich, schlicht zu langweilig.
Aber ein Ortswechsel kam nicht in Frage. Die Nähe zur Grenze bedeutete einen Standortvorteil für ihn und Horweg. Er, Mähling, kümmerte sich um die Fälschungen. Maximal vier pro Jahr. So ein Gemälde oder eine Zeichnung war ja keine Massenware. Die Zwischengrößen drüben sollten sich gebauchpinselt fühlen. Es wäre kontraproduktiv, wenn zu viele von ihnen in kurzer Zeit mit Kunst abgespeist würden.
Mähling hatte die zusätzlichen Finanzen behutsam in die Papierfabrik umgeleitet und auch den Nonnen etwas davon abgegeben. Wenn er es recht bedachte, blieb ihm persönlich gar nicht so viel. Immerhin musste er noch van Cuun bezahlen. Er hoffte, in nicht allzu ferner Zukunft den Strom an neuen Bildern versickern lassen zu können. Eine Laune des Künstlers vorschützen – das ginge.
Die DDR 1987 war nicht mehr die von 1985. Die alten Tattergreise an der Regierung wurden immer seniler. Nur eine Frage der Zeit, wann Minister Rauchfuß ins Stolpern geriet. Die hatten drüben einen Minister für Materialwirtschaft nötig. Das musste man sich mal vorstellen! Mähling konnte darüber nur lächeln. Und nicht genug Papier im Land. Was für ein armseliger Staat!
Bei seinem letzten Besuch vor einigen Wochen hatte Horweg ihm zu verstehen gegeben, dass er es nicht für sinnvoll hielte, wenn Mähling ohne Not aus ihrem gemeinsamen Geschäft ausstiege. Mähling war klug genug zu erkennen, dass Horweg in der Klemme steckte. Horweg war jemand, der Probleme unkonventionell löste. Dabei mochte es Kollateralschäden geben.
Sei’s drum, Mähling würde weitermachen. Für eine Weile. Er würde die Intervalle unmerklich verlängern. Nicht mehr vier Bilder im Jahr, höchstens drei. Eines vor Weihnachten und eins im Frühling.
Dann würde man sehen.
*
18.5.2018
9.
Die Schlüssel steckten von außen. Katinka stieß die Tür zu 201 auf. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Ein Waschbecken. Der alte Parkettboden knarrte bei jedem Schritt.
Sie warf ihre Sachen auf das Bett. Öffnete das Fenster, gegen altmodische Stores kämpfend. Von hier blickte sie direkt auf die Zufahrtsstraße, über die sie und Anja vor zwei Stunden gekommen waren. Rechts lag der Wald, ungewohnt nah. Bis auf die vielen Autos auf der Wiese wirkte die Gegend tatsächlich völlig verlassen. Sie schoss ein Foto und schickte es an Hardo. »Bin in der tiefsten Pampa gelandet«, schrieb sie dazu. Vielleicht vermochte ein wenig Flapsigkeit ihm wenigstens ein Lächeln zu entlocken.
WC und Duschen lagen anscheinend auf dem Gang. Nicht der neueste Standard, aber für eine Übernachtung durchaus auszuhalten. Katinka schleppte Anjas Reisetasche zu Nr. 202. Von hier blickte man in den Innenhof. Sie lehnte sich aus dem Fenster und hielt nach Anja Ausschau. Die stand etwas abseits, hielt Martin am Arm und redete wie ein Wasserfall auf ihn ein. Ab und zu ließ sich Martin zu einem Schulterzucken oder einer hilflosen Geste hinreißen. Tobias Gebsen in seiner Motorradkluft trat auf den Hof, blickte sich suchend um. Offensichtlich suchte er nach Anja, denn als er sie gesehen hatte, ging er demonstrativ ein paar Schritte in die andere Richtung, behielt Anja aber im Blick. Wie viele Liebeleien mochten sich in einem solchen Internat voller Jungen und Mädchen und zusätzlich recht jungem Personal abgespielt haben? Umso mehr in den 80ern, als Hits wie Madonnas »Like a Virgin« viral gingen. Nichts Besonderes aus heutiger Sicht, vordem eine Provokation.
Unten umkreiste Gebsen Anja und Martin wie ein hungriger Hai. Katinka musste schmunzeln.
Carola Süderbeck kam auf ihren Mann zu, an jeder Hand ein Mädchen. Linda und Delia, dachte Katinka, klingt wie in einem Liebesroman. Martin entdeckte seine Familie und hob grüßend die Hand. Die Mädchen stürmten auf ihren Vater zu. Anja schien erst einmal abgeschrieben. Sie trat lächelnd beiseite, doch ihre Mimik konnte nicht verbergen, dass das Gespräch gestört worden war und Anja dies nicht gefiel. Martin offenbar auch nicht. Oje, dachte Katinka. Alte Liebe rostet nicht. Wenn das stimmt …
Tobias Gebsen vermutete, dass seine Chance gekommen war. Er nahm zwei Gläser vom Tisch und ging schnurstracks auf Anja zu, die neben den Süderbecks stand und nicht wusste, wohin mit sich.
Vom Haus näherte sich Schwester Gertrudis. Sie trug ein Tablett mit Knabbereien vor sich her, sehr vorsichtig. Gerade als Gebsen an einem Grüppchen Frauen vorbeinavigierte, kreuzte sie seinen Weg. Um ein Haar hätte er das Tablett aus den Armen der Nonne gefegt.
Katinka schloss das Fenster, verließ das Zimmer und sperrte von außen ab. Beide Schlüssel in den Jeanstaschen, lief sie die Treppe hinunter ins Freie. Sie wollte die Begrüßung zwischen Anja und Tobias Gebsen mitbekommen. Der ehemalige Zivi jedoch war noch ins Gespräch mit Schwester Gertrudis vertieft.
»Nein, ich habe keine Stunde bereut, die ich hier oben verbracht habe«, hörte sie ihn sagen.
Die Stimme der Nonne war zu leise, als dass Katinka sie verstehen konnte.
Tobias fühlte sich anscheinend bemüßigt, die Schwester zu beruhigen. »Nein, das wäre viel zu kurz gedacht …«
Gertrudis unterbrach ihn. Er musste sich zu ihr hinunterbeugen, um sie zu verstehen. Katinka tänzelte um ein paar Grüppchen herum, kam näher heran.
»Dass du ausgerechnet in diesem traurigen Jahr bei uns sein musstest. Ich meine, wir wussten alle, was das Mädchen dir bedeutete«, unterbrach Gertrudis.
Schon wieder die Liebe, seufzte Katinka innerlich. Kein Wunder, diese Einöde verlangte geradezu nach Abwechslung. Und die Nonne schien wahrhaftig kein so schlechtes Gedächtnis zu haben, wenn sie die entscheidenden Daten im Kopf hatte.
»Schwester, das ist lange her. Lassen wir die Vergangenheit ruhen. Sie entschuldigen?« Geschickt wich Tobias Gertrudis aus, die ihm erneut den Weg verstellen wollte, sah sich kurz um und eilte dann mit Riesenschritten auf Anja zu.
»Es gibt gleich einen Imbiss«, rief Gertrudis ihm nach.
Anja lachte erstaunt auf, als Gebsen vor ihr stand und sie umarmte. Ebenso linkisch wie Martin Süderbeck zuvor.
Katinka bediente sich an den Knabbereien und ging auf Horchposten hinter drei Frauen, die sich angeregt unterhielten. Ein paar Angestellte trugen Tabletts mit Speisen in den Innenhof und richteten die Platten auf den Biertischen an.
»Dass du hergekommen bist!«, rief Tobias. »Wahnsinn!«
»Du bist ja auch hier!«
»Bei mir ist das was anderes. Ich wohne nicht weit. Und nach allem, was war …«
»Ja! Nach allem, was war.« Anjas Stimme klang scharf und ablehnend.
»Unterstellungen halten sich anscheinend ein halbes Leben lang«, ging Tobias auf Abwehr.
»Ich unterstelle nichts. Ich weiß nur, dass Kirsten todtraurig war wegen dir.«
»Verdammt, wir waren 19, Anja! Hast du geglaubt, dass wir heiraten würden? Mit dir und Martin war es wenig später auch aus.«
»Nach dieser Sache – das war so ein Schock! Ich wollte einfach mit niemandem aus dem Internat mehr etwas zu tun haben.«
»Martin war garantiert nicht verwickelt. Der war zur fraglichen Zeit in der Schule. Nur du bist irgendwo rumgestromert.«
»Ich war mit dem Rad unterwegs, von Mellrichstadt hierher!«
»Nichts für ungut, ich sollte nicht den Zyniker geben.« Tobias Gebsen hob die Arme. »Vergiss es, Anja. Ich habe mich gefreut, dass wir uns hier treffen würden. Verdirb mir das nicht. Wir hatten an und für sich eine gute Zeit, du, Kirsten und ich.«
»So kann man es nennen.« Es klang bitter. »Aber kurz darauf ging die Welt unter. Du willst doch nicht behaupten, dass du danach einfach so weitermachen konntest?«
»Ich habe meinen Zivildienst beendet und eine Ausbildung begonnen. Später habe ich meinen Meister gemacht und leite jetzt einen eigenen kleinen Betrieb. Zurzeit bilde ich sogar zwei Lehrlinge aus. Und du?«
»Ich bin Lehrerin.«
»Das wolltest du damals schon.«
»Und ich habe mich durchgesetzt. Mein Vater war gegen meine Berufswahl.«
»Du hattest in den Nonnen starke Fürsprecherinnen.«
Die drei Frauen, hinter denen Katinka unauffällig Posten bezogen hatte, wanderten geschlossen zur Sektbar. Katinka stand mit einem Mal für Anja und Tobias sichtbar da. Sie zog die Schlüssel aus der Hosentasche und ging auf Anja zu.
»Ich habe unsere Zimmer identifiziert. Mit Hilfe von Herrn Gebsen.«
»Ach?« Anja guckte erstaunt.
»Hier, Ihr Schlüssel. Zimmer 202.«
»Danke.« Anja nahm ihn. »Mir knurrt allmählich der Magen.«
»Das Büffet wird gerade aufgebaut, danach soll eine Hausführung stattfinden. Schließen wir uns an?«, fragte Katinka.
»Warum nicht, ich würde mitgehen, immerhin ist es lange her.« Anja sah versonnen an der Fassade hoch.
»Also«, nickte Tobias, »ich besorge mir einen Snack. Man sieht sich.«
»Oh Mann«, stöhnte Anja, als er außer Hörweite war.
»Was war mit Kirsten?«, erkundigte Katinka sich.
Alle Farbe wich aus Anjas Gesicht. »Kirsten?« Anja starrte auf den Schlüssel in ihrer Hand. »Welche Zimmernummer, sagten Sie?«
»202. Im zweiten Stock mit Blick auf den Hof.«
»Im zweiten Stock?« Jetzt sah Anja wirklich krank aus.
»Gibt es damit ein Problem?«
»Sagen Sie, liegen noch immer dieses Gemeinschaftsbad und die WCs am Ende des Ganges?«
»Besichtigt habe ich sie nicht. Im Zimmer war jedenfalls keine Nasszelle.«
»Mein Gott.« Anja wandte sich. »Ich glaube …«
»Frau Riedeisen«, sagte Katinka. »Wovor haben Sie Angst?«
»Lassen Sie uns was essen«, lenkte Anja ab.
*
10.
Schwester Romana lud zur Hausführung, als fordere sie Freiwillige auf, in einen Boxring zu treten. Resolut in die Hände klatschend rief sie: »Die Hausführung fängt in fünf Minuten an. Bitte sammelt euch am Eingang!« Ihre Stimme trug weit über den Hof.
Katinka stellte ihren Teller weg. Sie hatte sich eine Portion Reissalat genommen und trank rasch ein paar Schlucke Limonade hinterher. Mit Anja war nicht mehr zu reden. Sie hatte sich in eine Unterhaltung mit Gitta Krone geflüchtet und Katinka nicht einbezogen. Irgendein sehr spezielles Problem hat sie, dachte Katinka, während sie unweit der beiden Frauen stehen blieb und unaufmerksam den Ausführungen von Gitta Krone lauschte. Unter Pädagogik verstand die Erzieherin anscheinend, Menschen die korrekte, also ihre, Sicht auf das Leben und alles weitere beizubringen, und sie beschwerte sich bitterlich, dass ihre selbstlosen Bemühungen bis heute nicht anerkannt wurden.
»Es wird immer schlimmer, Anja, das können Sie mir glauben. Heutzutage bewältigen Sie den pädagogischen Alltag nicht ohne eine Nahkampfausbildung. Ich bin so froh, dass Manfred und ich endlich aus allem raus sind. Internatsarbeit ist eine Stressbelastung wie in einem Flughafentower.«
Katinka verdrehte die Augen, während sie ihre Klientin antippte. »Anja? Wir wäre es mit der Hausführung? Ich glaube, Herr Gebsen möchte sich auch anschließen.« Sie wies mit dem Kinn auf den Mann in seiner Motorradkluft, der sich bereits am Eingang aufgestellt hatte. Mit seinen fast zwei Metern überragte er alle anderen.
»Ich komme gleich.« Demonstrativ wandte Anja sich wieder Gitta Krone zu.
Katinka schloss sich den Leuten an der Eingangstür an. Eine Menschentraube wartete auf Schwester Romana, die die paar Stufen zum Haus hochstieg und alle aufforderte, nah beieinander zu bleiben. Freudiges Gelächter erklang.
»Ihnen müssen die Räumlichkeiten ja vertraut sein«, sagte Katinka zu Tobias Gebsen, an dessen Seite sie sich wie selbstverständlich eingefunden hatte.
»Das stimmt.« Er grinste Katinka an. »Warum siezen Sie eigentlich Ihre Freundin?«
»Wir kennen uns noch nicht so lang. Waren Sie denn früher mit Anja befreundet? Oder hatte man nur miteinander zu tun, weil man zufällig am selben Ort arbeitete?«
»Nein, wir unternahmen recht viel zu Beginn des Schuljahres. Abends mal flott nach Mellrichstadt runter, Disko. Ab November wurde das leider schwierig wegen des Wetters. Es schneit wie verrückt hier.«
Die Gruppe folgte Schwester Romana einen Gang hinunter.
»Unseren ehemaligen Schülern muss ich wohl nichts über die Musikübungsräume sagen, nicht wahr?«, dröhnte die Schwester. Katinka lugte in eine Kammer, gerade groß genug für ein Klavier und zwei Hocker.
»Wenn die Anfänger Unterricht hatten, mied man die Ecke gern«, lachte Gebsen. »Manchmal hat einer geübt, ganz der brave Klavierschüler, und sein Kumpel konnte im selben Zimmer unbeobachtet den Moonwalk nach Michael Jackson üben. Der war anno dazumal total in.«
»Hat Sie das nicht gestört? An so einem entlegenen Ort festzusitzen?«
»Eigentlich nicht. Ich stamme aus der Gegend. Raues Wetter macht mir nichts aus. Zudem war der Hausmeister sehr nett zu mir und ein wahres Bastelgenie. Ich habe mich schon immer für Technik interessiert. Was ich bei ihm alles gelernt habe …«
»Also hat sich der Zivildienst gelohnt.«
Gebsen nickte. »Schauen Sie, Romana öffnet gerade die Tür zum Speisesaal. Lange Tische mit Stühlen, kein Bild an der Wand, drei tote Fliegen auf dem Fenstersims. So war das damals.«
Katinka lachte. Gebsens lockere Art tat ihr gut, vor allem nach Anjas Geheimnistuerei. »Konnte einem auf den Appetit schlagen, schätze ich.«
»Der Geräuschpegel hier drin war so hoch, dass Gehörschutz eine gute Investition gewesen wäre. Allerdings nur bis zu dem Moment, in dem das Essen auf den Tisch kam.«
Katinka ließ den Blick schweifen. Ein ganzes Schülerleben so zu verbringen, eingetaktet in die Abläufe eines Tages – man musste dafür geboren sein.
Aus Anlass der Geburtstagsfeier hatte man aus den langen Tafeln Sechsertische gemacht. Einige Frauen wirbelten durch den Saal, dekorierten, deckten die Tische. Die Atmosphäre knisterte, Vorfreude lag in der Luft.
»Anja meinte, es hätte sogar ein Schwimmbad gegeben.«
»Als ich hier Zivi war, ja. Später hat man das zugeschüttet. Zu pflegeintensiv, zu teuer.«
»Ich nehme an, Sie waren so etwas wie ein Kleeblatt?«
»Was?«
»Sie, Anja und Kirsten?«
»Wenn Sie so wollen … Wir haben uns gleich gut verstanden. Später hat sich Anja in Martin verguckt und ich mich in Kirsten.«
»Wirklich?«
»Ja, aber wir waren letztlich zu unterschiedlich. Ich kam aus einer Familie mit vier Geschwistern und den Großeltern, die bei uns lebten, war also an Umtrieb und Chaos gewöhnt. Kirsten hatte nur ihre Mutter und sehnte sich oft nach Ruhe. Die Mutter arbeitete an einem Theater. Kirsten kannte viele Schauspieler und andere kreative Leute. Ich war es gewohnt, mit praktisch denkenden Menschen zu tun zu haben. Am Anfang zogen wir einander an. Die viel beschworenen Gegensätze. Dann wurde es schnell schwierig. Die Erwartungen waren zu unterschiedlich. Zudem waren wir noch richtige Kinder.«
»Kirsten ist heute nicht da?«
Gebsen blieb ruckartig stehen, Katinka wäre beinahe gegen ihn geprallt.
»Hat Anja Ihnen das nicht erzählt?«
»Was denn?«
Die Gruppe war vorausgegangen und in der Küche verschwunden. Von fern drang Schwester Romanas Organ zu ihnen heraus.
»Kirsten ist tot.«
»Ach du Schreck.«
»Ja. Sie starb während ihres sozialen Jahres. Eine Tragödie war das. Echt. Ich hätte nie gedacht …« Sein Blick verlor sich in der Vergangenheit.
»Sie hätten nie gedacht?«
»Ach, sei’s drum. Ist müßig.« Ein trauriges Lächeln spielte um seine Lippen. »Wollen Sie nicht die Küche bestaunen?« Damit eilte er auf seinen langen Beinen davon.
Katinka hatte Mühe, dass sie hinterherkam.
*
11.
Letztlich ist stets das Geld das Problem. Sogar im Kloster.
Der Unterhalt des Hauses war und ist zu kostspielig. Müssen wir unser Zuhause wirklich aufgeben? Das Leben erscheint mir so aussichtslos. Abgeschoben werden, in ein Altersheim für Nonnen. Darf das unser Ende sein?
Wir haben uns ins Zeug gelegt, mit den veränderten Bedingungen umzugehen, haben Häuser und Besitz verkauft, das Geld in Fonds angelegt, alles gemacht, was die Berater vorschlugen, ohne genau zu verstehen, was wir da taten. Ist es nicht besser, die Dinge auf sich beruhen zu lassen? Muss man jeden Dreck wieder unter dem Teppich hervorkehren? Ist es nicht barmherziger, wenn er sich dort festtritt? Alle haben zurück in ihr Leben gefunden. Warum es erneut auseinanderreißen?
Nichts hat uns sattelfest gemacht. Kein Gebet, keine Vernunftentscheidung, kein Zähneknirschen.
Ich habe geahnt, dass diese Feier keine gute Sache sein wird. Es wäre angemessener, wenn wir beteten für die, die wir vernichtet haben, ohne es zu wollen. Wie eigenartig das Leben mit uns Menschen spielt! Oder spielt Gott mit uns?
Heiliger Geist,
Geist der Weisheit und der Einsicht
Geist der Erkenntnis und der Frömmigkeit
Geist der Gottesfurcht
Geist des Glaubens und der Hoffnung
Geist der Liebe
– erbarme dich unser2
*
2 Aus: Gotteslob. Katholisches Gebet- und Gesangbuch der Erzdiözese Bamberg 2013. Heilig-Geist-Litanei, S. 609f.
10.2.1988
12.
Es schneite. Der Winter wollte kein Ende nehmen. Mähling hatte den Motor gehört und trat ans Esszimmerfenster. Schob die Gardine ein wenig zur Seite. Tatsache. Horweg. Unangemeldet. Er ließ den Store fallen, aber Horweg hatte ihn bereits erspäht und machte keinen Hehl daraus. Gönnerhaft winkte er Mähling zu. Vor ein paar Tagen hatte die Nachbarin gesagt: »Sie bekommen ganz schön oft Besuch von drüben! Dass die ihre Leute so oft rauslassen.«
Die alte Wagner, zum Henker! Die hatte vorne und hinten Augen. Natürlich war ihr aufgefallen, dass immer derselbe Wartburg auf der Auffahrt parkte. Mähling begann zu schwitzen. Seine Frau war bei ihrer Schwester. Wenigstens hatte er freie Bahn.
Er ging zur Tür und öffnete, ehe Horweg klingelte.
»Herr Horweg!« Er bemühte sich um einen fröhlichen Klang. Ein netter Überraschungsbesuch unter Freunden. Wer würde an diese Version glauben? Horweg bestimmt nicht.
»Es tut mir leid, dass ich so unangekündigt hereinschneie. Im wahrsten Sinne des Wortes. Was für ein Wetter! In der Rhön oben steckt man beinahe fest. Wenigstens waren die Schneepflugfahrer fleißig. Auf beiden Seiten.« Er grinste.
»Kommen Sie rein.« Mähling führte ihn ins Arbeitszimmer. »Darf’s ein Drink sein?«
»Da sage ich nicht Nein.«
Mähling goss Bourbon in zwei schwere Tumbler.
»Zum Wohl!«
»Auf die Feindbilder!« Horwegs Augen blitzten. »Was wären wir ohne sie, nicht wahr, Eduard?«
Mähling hob sein Glas. »Was führt Sie zu mir?«
»Meine Kunden warten. Es geht um einen fähigen Beamten des Ministeriums für Staatssicherheit. Er musste bei einer Beförderung leider in die zweite Reihe treten. Tja, zu schade, dass es nur eine beschränkte Anzahl hoher Positionen gibt und zu viele Kandidaten mit herausragenden Talenten, die eine Beförderung verdienen.«
Horweg trug seine Worte so überzeugt vor, dass Mähling sich fragte, ob der Mann wirklich an diesen Mist glaubte.
»Sie haben Angst, dass der Übergangene Druck macht, wenn er nicht mit einem gleichwertigen Bonus beschwichtigt wird«, sagte er ruhig.
Horweg lehnte sich zurück. Sein Haar war zu lang für einen DDR-Kader. Er agiert in einer Grauzone, dachte Mähling. Ein zu smarter, zu cleverer Typ. Der sich in alle Richtungen absichert. Eine schillernde Schmeißfliege.
»Lassen Sie mich ehrlich sein, Eduard. Sie zögern nun schon recht lang.«
»Der Künstler braucht mehr Zeit.«
»Für eine simple Kohlezeichnung, die er streng genommen bloß abpausen musste?«
Mähling schwitzte noch mehr. Spaßend hob er den Zeigefinger: »Lassen Sie das um Gottes willen nicht den Künstler hören.«
Horweg beugte sich vor. Er wusste um die Macht des Schweigens. Nachdenklich drehte er den Tumbler in seinen feingliedrigen Fingern, während er angelegentlich den Perserteppich musterte. »Bei euch im Westen nagen die Künstler am Hungertuch. Der arme Poet. Der arme Maler.«
Mähling erwiderte nichts. Er ließ sich auf das Kräftemessen ein. Ihm blieb nichts anderes übrig. Dass Künstler Mimosen seien, diese Ausrede hatte er längst überstrapaziert. Er wollte aussteigen aus diesem Geschäft, aber er war zu ängstlich. Wenn das Ministerium für Materialbeschaffung in Ostberlin sein Fotopapier nicht mehr wollte, stünde er da. Zumal ihm in der Folge auch das Geld aus dem Business mit Horweg abginge. Ein Sechsjähriger könnte ausrechnen, dass er bis zum Sommer pleite wäre.
»Ich will damit sagen«, fuhr Horweg fort, als Mähling keine Anstalten machte, etwas zu erwidern, »ich kann mir nicht vorstellen, dass der Mann den guten Verdienst einfach so in den Wind schreibt.«
»Vermutlich arbeitet er darüber hinaus noch für andere. Ich kann ihn nicht drängen, das ist die Basis meiner Zusammenarbeit mit ihm. Ansonsten macht er dicht. Dann war es das.«
Horweg ließ die braune Flüssigkeit im Glas schwappen. »Eduard. Ich darf Sie doch Eduard nennen, nach allem, was wir in der Vergangenheit miteinander ausgehandelt haben? Männer wie wir können die Welt verändern, mein Freund.«
Verändere erst mal dein absurdes Land da drüben, dachte Mähling. Er hätte sich nie auf Horweg einlassen dürfen. Der Mann war mit allen Wassern gewaschen und würde nicht davor zurückscheuen, Opfer zu bringen. Man wusste genug über die Machenschaften der Stasi, über die »Zersetzung« unliebsamer Bürger, die man kaputtmachte, indem man ihre sozialen Beziehungen zerstörte, ihnen die wirtschaftliche Lebensgrundlage nahm, sie wegsperrte. Leute wie Horweg hatten diesen menschenverachtenden Irrsinn perfektioniert.
»Sie haben doch einen Sohn. Nicht?«
»Ich habe eine Tochter.« In Mählings Innerem wurde alles ganz leer und kalt.
»Eine Tochter, aber auch einen Sohn. Ihre Frau weiß nichts davon, wie?«
Die folgende Stille knallte gegen Mähling wie eine Druckwelle. Du dreckiges Arschloch, dachte Mähling. Er stand auf. Lauernd sah Horweg ihn von unten an. Die Wanduhr tickte, und Mähling fand den Gedanken, dass seine Zeit ablief, absurd und erschreckend real zugleich.
»Ich werde sehen, was ich tun kann.«
»In spätestens vier Wochen.« Horweg erhob sich ebenfalls. »Immer wieder eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen, mein Freund.«
*
18.5.2018
13.
Die Hausführung endete nach einem Marsch durch sämtliche Stockwerke in der Kapelle, einem hellen Raum mit blauem Deckengewölbe, der im Stil des naiven Bauernkatholizismus gehalten war. Katinka meinte sich zu erinnern, dass dieser Begriff von Schwester Romana mit einem spöttischen Lächeln ausgesprochen worden war. Das Geburtstagskind blühte sichtlich auf. Mit ihren 80 Jahren entfaltete die Schwester eine Energie, die Katinka im Augenblick völlig abging. Sie sehnte sich nach einer Pause von den vielen Eindrücken und nach einer Stunde Ruhe, in der sie über Anja und ihre wahren Beweggründe, eine Detektivin zu engagieren, nachdenken konnte. Die Gruppe löste sich auf, einige wollten einen Spaziergang unternehmen, andere ihre Zimmer beziehen.
»Nicht vergessen, um 16 Uhr ist die Andacht, danach Abendessen!«, rief Schwester Romana in die Runde.
Katinka stöhnte leise. Von einem Programmpunkt zum nächsten getrieben zu werden, war ihre Sache nicht. Während der Hausführung war sie weiter bei Tobias Gebsen geblieben, obwohl dieser auf ihre Frage nach der geheimnisvollen Kirsten hin nachgerade verstummt war. Jedes Wort musste sie ihm aus der Nase ziehen. Nun hastete er davon, ängstlich darauf bedacht, nicht wieder in ein Gespräch verwickelt zu werden. Anja wechselte ein paar Worte mit Gitta Krone und verließ ebenfalls die Kapelle.
Katinka ging ihr nach. Im zweiten Stock angekommen, zögerte Anja kurz, bevor sie den Schlüssel in die Zimmertür schob. Sie gab sich einen Ruck und sperrte auf. Als sie die Tür schließen wollte, drückte Katinka dagegen und trat mit Anja in das Zimmer.
»Frau Riedeisen, ich reise ab. Ich stelle Ihnen einen halben Tag und die Fahrtkosten in Rechnung. Das war es dann.«
»Wie bitte?« Anjas Gesichtsausdruck, eben noch schroff, geriet zu einer erschrockenen Grimasse.
Katinka schloss die Tür hinter sich und sank auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. Schweigend sah sie zu, wie ihre Klientin nach Worten rang.
»Was ist denn los?«, brach es schließlich aus Anja heraus.
»Das wüsste ich auch gern. Warum haben Sie mich als Begleitperson verpflichtet? Worum geht es Ihnen wirklich? Ich kann so nicht arbeiten.«
»Ich wollte nur eine Begleitung.«
»Da hätten Sie wer weiß wen mitnehmen können. Einen Ihrer Söhne oder eine echte Freundin. Warum mich?«
»Ist das so wichtig? Sie passen bis morgen auf mich auf. Das ist alles, was ich will, und ich bezahle dafür.«
»Sind Sie in Gefahr? In dem Fall brauche ich Fakten. Ansonsten kann ich Sie nicht beschützen und setze meinen guten Namen aufs Spiel.« Katinkas Handy gab Laut. Sie zog es aus der Tasche. Eine Antwort von Hardo zu dem Foto, das sie vor Stunden geschickt hatte. »Sapperlot«, schrieb er. Sonst nichts. Katinka steckte das Smartphone weg.
»Ich verstehe nicht«, murmelte Anja.
»Wer kann Ihnen gefährlich werden, Frau Riedeisen? Und in welcher Weise?«
Anja rang die Hände. »Niemand, glaube ich. Aber … ich fühle mich unwohl hier.«
»Vorhin hatten Sie ein angeregtes Gespräch mit Gitta Krone. Da wirkte nichts feindselig. Auch nicht im Kontakt mit den Schwestern Romana und Gertrudis. Geschweige denn Ihr kleiner Flirt mit Süderbeck. Also, was ist der Punkt?«
Anja ging zum Fenster. Sie schlüpfte aus ihrem Blazer, warf ihn aufs Bett. »Sie haben sich doch einverstanden erklärt mit meinem Auftrag. Warum setzen Sie mich jetzt unter Druck?«
Katinka hatte einen Grundsatz. Sie ließ sich nicht auf Psychodiskussionen ein.
»Wer war Kirsten, Frau Riedeisen?«
Anja fuhr herum. Ihr Gesicht war käseweiß.
»Was …«
»Sie, Tobias Gebsen und Kirsten waren Freunde. Sie hatten alle ein Jahr oder etwas mehr im Internat zu verbringen, alles war neu für Sie drei. Zu Beginn des Schuljahres unternahmen Sie ab und zu etwas gemeinsam, fuhren nach Mellrichstadt, gingen in die Disko. Und hernach brach das ab. Gebsen sagte, es hätte am Wetter gelegen, in diesen Breiten ist es im Herbst oft umständlich, bei überfrierender Nässe oder Schnee am Abend kilometerweit über die Höhen zu fahren. Außerdem verliebten Sie sich in Martin. Ein netter Kerl übrigens.«
Anja schluckte. Sie starrte auf Katinkas Füße. Die fühlte das Bedürfnis, mit den Zehen zu wackeln.
»Also blieben Tobias und Kirsten allein übrig. Die beiden verliebten sich. Und? Wo war das Problem?«
»Es gab kein Problem«, erwiderte Anja heiser.
»Tobias und Kirsten verstanden sich später nicht mehr so gut. Die Abgeschiedenheit, der Umstand, dass für beide ein neuer Lebensabschnitt in einer fremden Umgebung begann, führte sie zu Beginn zusammen. Nach einer Weile trug das nicht mehr.«
»Kirsten war wie ich im pädagogischen Dienst. Sie wollte später vielleicht Theaterpädagogik studieren. Ihre Mutter war Dramaturgin am Theater in Würzburg.« Anjas stieß sich vom Fenster ab, setzte sich aufs Bett. Nachdenklich strich sie über die Decke. »Fühlt sich genauso an wie damals. Dicke Federbetten. Die haben mich anfangs erdrückt. In den kalten Winternächten war ich doch sehr dankbar darum. Die Heizung funktionierte zwar gut, aber sie wurde ab zehn Uhr abends ausgestellt und sprang erst morgens um fünf wieder an.«
Katinka wartete. Waren Menschen erst einmal ins Reden gekommen, hörten sie so schnell nicht mehr auf.
»Kirsten verguckte sich ziemlich schnell in Tobias. Zuvor hatte sie eine harte Trennung von ihrem vorherigen Freund vollzogen. Dann knallte es schnell wieder.«
»Sie verstanden sich gut, Sie beide?«
»Total. Wie Seelenverwandte. Ich musste nur ein Thema antippen, sofort stimmte Kirsten ein. Wir empfanden die Welt beide gleich. Wollten etwas besser machen. Raus aus der Enge des Elternhauses. Bei mir war es der dominante Vater, der zu viel verbot. Für Kirsten war es anders: Ihre Mutter war antiautoritär eingestellt. Sie feierte viele Erfolge in ihrer Theaterwelt, hatte unzählige Freunde und Bewunderer, war stets von kreativen Typen umgeben. Kirsten verspürte den inneren Zwang nachzuziehen, sich beweisen zu müssen. Dass sie auch etwas schaffte. Auf einem anderen Gebiet als die Mutter.«
Katinka dachte, dass junge Menschen um die 20 sich alle endgültig von ihrem Elternhaus lösen, ihren eigenen Weg finden mussten. Der Erfolg bestand ja gerade darin, es ohne Hilfe zu schaffen. Vom Innenhof drang Stimmengewirr herauf. Eine Wolke verschleierte kurz die Sonne.
»Kirsten hatte das Zimmer, in dem Sie jetzt wohnen. Ich dieses. Wir beide lebten allein auf diesem Stock, die anderen Zimmer waren schon nicht mehr bewohnt. Ich fürchtete mich oft, wenn ich bei Kirsten im Zimmer saß und spät nachts zu mir rüber wollte. Bloß über den Gang zu gehen, war unheimlich.«
»Das Ehepaar Krone, wo wohnten die?«
»Im anderen Haus, bei den älteren Schülern. Sie hatten eine eigene große Wohnung. Luden die Kollegen ab und zu ein, zu Bier und Brotzeit. Ab der Oberstufe gab es keine Schlafsäle mehr, die Schüler wohnten in Zweibettzimmern, hatten sogar eine kleine Teeküche zur Verfügung.«
»Und hier im Haus?«
»Im ersten Stock befanden sich das Direktorat mit Vorzimmer, außerdem die Schwesternzimmer. Da hat sich bis heute nichts verändert. Allerdings gab es noch einen Mädchenschlafsaal auf der ersten Etage. Die Jungen der Unter- und Mittelstufe verteilten sich über den dritten Stock. Sechs Kinder pro Schlafsaal. Kirsten und ich waren morgens für das Wecken zuständig. Wenn wir die Nacht durchdiskutiert hatten, über Gott und die Welt, schleppten wir uns halb tot um 6.15 Uhr nach oben. Oder nach unten.« Sie lachte auf. Allmählich nahm ihr Gesicht wieder Farbe an.
»Es muss doch noch andere Angestellte gegeben haben.«
»Die wohnten nicht hier. Nur Gitta und Manfred Krone und wir Freiwilligen. Die Küchenangestellten kamen alle aus der Umgebung. Eine Frühschicht war für das Frühstück zuständig, die traten ihren Dienst um fünf Uhr morgens an. Mittags wurde warm gekocht. Wenn Schüler später aus der Schule kamen, wärmten sie sich meistens selbst etwas auf, das waren ohnehin die Älteren, die machten das selbstständig. Die letzte Küchenhilfe verließ das Internat gegen 16 Uhr, zu der Zeit war das Abendbrot bereits auf den Servierwagen gerichtet. Die Pädagogen kamen gegen zwölf. Sie betreuten die Hausaufgaben, machten Freizeitangebote. Deren Spätschicht endete gegen 22 Uhr.«
»Wo war Gebsen untergebracht?«
»Drüben, im anderen Haus. Da ist auch die Hausmeisterwohnung.« Anja hatte sich durch die umständlichen Ausführungen ein wenig beruhigt. Katinka wartete eine Weile. Schließlich fragte sie:
»Und Kirsten? Warum starb sie?«
Anja hob den Blick. Tränen standen in ihren Augen, als sie Katinka ansah und entgegnete:
»Das weiß ich nicht. Niemand weiß das. Wirklich nicht.«
*
The free sample has ended.