Read the book: «Buddhas Tausend Gesichter»

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Für all meine Lehrer und Lehrerinnen
meine Schülerinnen und Schüler.
Möge der Segen der Übertragungslinien
uns alle befreien.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort von Stephen Batchelor
Dank
Schreibweise und Aussprache von Begriffen und Namen in Pali, Sanskrit und Tibetisch
Einführung
♦Buddhas tausend Gesichter – Legenden und Lehren Erleuchteter
Das Leben des Buddha – Dharma heute
♦Siddhartha Gautama, der Erwachte
Weggefährten des Buddha
♦Ananda, Beschützer der Buddha-Lehre – Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft
♦Sariputta und Moggallana – Meister der Weisheit, Meister der übersinnlichen Kräfte
♦Mahakassapa, der große Asket – Abkehr und Hingabe
Die erste Sangha der Frauen
♦Mahapajapati, die Mutter der Nonnen-Sangha – Entschlusskraft und Meisterschaft auf dem Weg zur Befreiung
♦Khema Theri, anmutige Königin, weise Nonne – Befreiung vom Anhaften an Schönheit und Glanz
♦Uppalavanna, die Erniedrigte, die alles Leid überwindet – Wahres Glück ist nur im Innern zu finden
♦Ambapali, die Kurtisane mit dem großen Herzen – Achtsamkeit, Freigebigkeit, Hingabe
Die Meister des Großen Mitgefühls
♦Asanga – Auf der Suche nach bedingungsloser Liebe
♦Shantideva – Alles Glück der Welt entsteht aus dem Wunsch, andere glücklich zu sehen
♦Atisha – Radikale Transformation von Herz und Geist
Die furchtlosen, weisen Frauen vom Himalaya
♦Mandarava – Prinzessin und Mahasiddha
♦Yeshe Tsogyal – Wilde Königin des All-Guten
♦Ma-chig Lab-drön – Das Abtrennen der Dämonen
Die Große Vollendung
♦Patrul Rinpoche – Erleuchteter Vagabund
Die Kammatthana-Waldtradition
♦Ajahn Mun – Spiritueller Kämpfer in Thailands Dschungel
Die Weisen vom Lande des Schnees
♦Je Tsongkhapa – Weiser Erneuerer der Dharma-Lehre
♦Geshe Rabten – Unerschütterlich wie ein Berg
Die Erkenntnis-Meditation wird wiederentdeckt
♦Anagarika Munindra – Unbeschwerte Hingabe auf dem Weg
Anhang
♦Bibliografie
♦Anmerkungen
♦Autor / Kontakte
Vorwort
von Stephen Batchelor
Versuchen Sie sich, eine Zukunft vorzustellen, in der alles, was vom Buddhismus geblieben ist, Texte sind: Alte Schriften und Kommentare in Vers und Prosa, ausgezeichnet erhalten und verwahrt in alten Klöstern, Tempeln und Bibliotheken. Sie vertiefen sich in diese Texte und finden tiefgründige Philosophien, detaillierte Meditationsanleitungen und bedeutungsvolle Erwägungen zu moralischen und ethischen Werten. Wenn aber niemand mehr am Leben wäre, der diese Lehren in die Praxis umsetzte, würden diese Schriften im besten Fall Faszination erwecken oder wehmütige Sehnsucht nach einer längst entschwundenen Vergangenheit entfachen. Im schlechtesten Fall wären sie so leblos und bedeutungslos wie hieroglyphische Anrufungen an den ägyptischen Gott Horus.
Damit der Buddhismus eine lebendige Tradition bleibt, braucht es mehr als nur Texte. Er muss sich in Menschen verkörpern – in Leuten wie Sie und ich –, welche die transformative Kraft des Dharma in ihr Leben einbringen. Ich zweifle sehr daran, dass meine Motivation stark genug gewesen wäre, mein eigenes Leben dieser Praxis zu widmen, wäre ich nicht lebenden, atmenden, menschlichen Beispielen des Dharma begegnet. Denn jene, die mich buddhistische Philosophie, Meditation und Ethik lehrten, taten mehr, als nur Informationen über diese Themen zu vermitteln. Sie offenbarten mir durch ihr lebendiges Beispiel und ohne viele Worte ihre ganz persönliche Art, in dieser Welt zu wirken. Wenn sie redeten, lag die Bedeutung von dem, was sie sagten, nicht nur in den Worten, die sie äußerten, sondern in der Art und Weise, wie sie diese äußerten: den Rhythmen, den Kadenzen, der Sprache, der Gestik und des Lachens, den bedeutungsvollen Pausen zum Nachdenken, der Ernsthaftigkeit, Leidenschaft und Entschlossenheit, mit der sie ihre Lehren verkörperten.
In dieser Sammlung ist es Fred von Allmen gelungen, den Dharma sowohl anhand der Lebensgeschichten buddhistischer Meister und Meisterinnen als auch durch deren Lehren darzulegen. Dadurch werden wir daran erinnert, dass es in der Praxis des Buddhismus nicht nur darum geht, sich theoretisches Wissen anzueignen oder tiefe meditative Zustände zu erlangen, sondern ebenso darum, das, was man gelernt und erfahren hat, in Worte und Taten zu übertragen, die auch das Leben anderer berühren. Buddhas Leben selbst ist genauso sehr eine Dharma-Belehrung, wie es seine im Kanon aufgezeichneten Lehrreden sind. Was er tut, ist genauso bedeutungsvoll wie das, was er sagt. Man mag zum Beispiel darüber erstaunt sein, wie wenig er in den Sutras über Mitgefühl oder »spirituelle Freundschaft« zu sagen hat. Aber diese Grundwerte werden durch sein Leben verkörpert, in dem er sich in selbstloser Weise der Aufgabe widmet, anderen einen spirituellen Pfad zu weisen, Gemeinschaften zu bilden, die für alle Menschen offen sind, ungeachtet ihrer Kaste oder ihres Geschlechts, und eine Reihe von Ideen und Praktiken zu entwickeln, die den Fortbestand des Dharma für zukünftige Generationen sichert.
Die gleichen Qualitäten des Mitgefühls und des Wohlwollens für andere prägen auch die Lebensgeschichten der Meisterinnen und Meister, die auf den folgenden Seiten erzählt werden. Sobald diese Gestalten für uns zum Leben erwachen, bemerken wir, wie sie alle den Dharma auf ihre eigene, sehr persönliche Art gelebt haben. Es gibt kein »buddhistisches Standard-Leben«, dem sie nacheiferten und zu verwirklichen suchten. Ganz im Gegenteil: Die lebendigen Verkörperungen des Dharma entwickeln sich in Formen, die angemessen sind für die an bestimmten Ort, zu gewissen Zeiten vorherrschenden Verhältnisse. Ein besonderes Merkmal des Buddhismus ist seine große Anpassungsfähigkeit, so dass er sich an Orten und in historischen Situationen entfaltet hat, die so verschieden sind wie das antike Magadha, die Tang-Dynastie in China, das mittelalterliche Tibet oder das moderne Burma und Thailand. Diese Kunst der Anpassung wird aber nicht durch den Buddhismus als solchen lebendig, sondern durch jene Männer und Frauen, die ihn praktizieren und seine Lehren mit frischer Stimme in die Worte fassen, die den neuen Situationen entsprechen und von den Menschen verstanden werden.
Heutige Leser und Leserinnen mögen erstaunt sein über die Berichte von übersinnlichen Fähigkeiten, die einigen der Figuren in diesem Buch zugeschrieben werden. Sollen wir diese Wunder für bare Münze nehmen? Sollen wir annehmen, dass sie eine symbolische oder archetypische Wahrheit vermitteln? Oder sollen wir sie ganz einfach ignorieren? Man muss verstehen, dass solche Legenden aus prä-modernen Kulturen stammen, die nicht zwischen dem Wörtlichen und dem Symbolischen unterschieden haben, wie wir es heute tun. So wie es naiv sein kann, Wunder für wahr zu halten, so kann es auch zynisch sein, zu behaupten, sie hätten keinen größeren Wert als Märchen. Überlieferungen von Wundertaten haben überlebt, weil sie in denjenigen, denen diese Geschichten einst erzählt wurden, Vertrauen und Inspiration erweckten. Heute gilt es für uns, einen mittleren Weg zu finden zwischen Leichtgläubigkeit und Misstrauen in Bezug auf übersinnliche Fähigkeiten und Wunder. Aber wie immer dem auch sei: Ob Heilige oder Yoginis Wunder vollbrachten oder nicht, diese Menschen sollten wir nicht nach einzelnen, möglicherweise ungewöhnlichen Taten beurteilen, sondern nach der Qualität ihres gesamten Lebens. Auf diese Weise wirken ihre Geschichten weiter als Inspiration für all jene, die versuchen, die Lehren des Dharma in der heutigen Zeit in ihrem Leben zu verkörpern.
Stephen Batchelor
Aquitaine, Januar 2012
Dank
Zur Entstehung dieses Buches war ich auf Hilfe, Unterstützung und Information mannigfacher Art angewiesen, wofür ich mich hier herzlich bedanken möchte.
Großer Dank gebührt Horst Christoph, der über Jahre hinweg immer wieder bereit war, meine Texte zu lektorieren, der ausgezeichnete Vorschläge machte und hilfreiche Tipps gab, um die Geschichten lebendiger zu gestalten.
Ursula Richard, meine wunderbare und verlässliche Literaturagentin und Verlegerin, half mir durch ihre umfangreiche Arbeit, den Text flüssiger und lesbarer zu machen, und ermunterte mich, auch die Dharma-Inhalte ausführlicher darzustellen. Auch für ihre Bereitschaft, dieses Buch herauszugeben, wissend, dass es in unserer vermehrt auf »Meditation für den Alltag« und »Buddha als praktischer Lebensratgeber« ausgerichteten Markt nicht mehr selbstverständlich ist, ein Buch dieser Art zu verlegen, möchte ich ihr einmal mehr herzlich danken.
Meine Wertschätzung geht auch an Stephen Batchelor für das Vorwort. Ihm selbst ist ja sehr wichtig geworden, die Figuren aus Buddhas Zeiten zu geschichtlich und menschlich greifbaren Personen zu machen und sie somit aus dem Bereich der Mythen in die »reale Welt« zu holen. Von daher war es für mich spannend zu sehen, was er zu diesem Buch über Heilige und Erleuchtete schreiben würde.
Besonderer Dank gebührt meiner Frau Ursula Flückiger für ihre liebenswürdige und unermüdliche Unterstützung aller Art, durch die meine Schreibarbeit überhaupt erst möglich wurde, sowie für ihre vielen nützlichen Hinweise und durchdachten Ideen und Vorschläge, die in dieses Buch eingeflossen sind und es bereichern.
Große Dankbarkeit fühle ich auch für meine unübertrefflichen Dharma-Lehrer und -Lehrerinnen, die ihre Zuhörerschaft immer wieder mit Lebensgeschichten alter Meister und Meisterinnen zu inspirieren wussten: Geshe Rabten, Geshe Jampa Lodrö, Tsoknyi Rinpoche, S. N. Goenka, Jack Kornfield, Sharon Salzberg, Joseph Goldstein und andere.
Für seine Vorschläge, die mich zum Titel dieses Buches inspiriert haben, geht mein Dank an Urs Haller, der auch maßgebend an meinen früheren Büchern mitgearbeitet hat.
Für die Biografien und Geschichten habe ich mich auf zahllose Bücher und Internet-Hinweise gestützt. Ein Großteil davon wird in den Fußnoten aufgeführt. Viele nützliche Quellen von Detailinformationen können aber nicht speziell erwähnt werden. Doch auch diese weiß ich sehr zu schätzen.
Für das Kapitel über den ehrwürdigen Geshe Rabten und jenes über Sri Anagarika Munindra habe ich mich auf meine eigenen Erfahrungen gestützt, die ich während der langen Perioden, die ich in der Nähe der beiden Meister zubrachte, machen konnte sowie auf die vielen Geschichten und Informationen, die in ihrem jeweiligen Umfeld verbreitet wurden. Zusätzliche Quellen waren für mich Geshe Rabtens Autobiographie The Life and Teachings of Geshe Rabten, übersetzt und herausgegeben von B. Alan Wallace1, und Mirka Knasters Buch Living this Life Fully, Stories and Teachings of Munindra2. Für diese beiden wertvollen Quellen möchte ich meine besondere Wertschätzung bekunden.
Meinem Lehrer Tsoknyi Rinpoche sowie Jack Kornfield danke ich für ihre empfehlenden Worte.
Mögen die vorliegenden Legenden und Lehren eine Inspiration sein auf dem Dharma-Weg zur Befreiung.
Schreibweise und Aussprache von Begriffen und Namen in Pali, Sanskrit und Tibetisch
Für Pali und Sanskrit wird die international gebräuchliche Schreibweise verwendet.
Die tibetischen Begriffe sind nach demselben Prinzip phonetisch dargestellt.
| Buchstabe | Wortbeispiel | Deutsche Aussprache |
| c, cc, ch = tsch | citta, anicca, chö | tschitta, anitscha, tschö |
| j = dsch | dorje, jhana | dordsche, dschana (wie im engl. »joy«) |
| ñ = ny | prajña | pradschnya (wie in sp. mañana) |
| sh = sch | klesha | klescha |
| v = w | vedana | wedana |
Schreibweise und Aussprache spezifischer Namen:
| sh | Shantideva | Schantideva |
| sh | Atisha | Atischa |
| sh | Yeshe | Yesche |
| sh | Geshe | Gesche |
| ch | Ma-chig | Ma-tschig |
| ch | Chö oder Chöd | Tschö oder Tschöd |
| j | Ajahn | Adschahn |
Dort wo Begriffe in Pali und Sanskrit erwähnt werden, gilt folgende Regel: (Pali/Sanskrit).
EINFÜHRUNG:
Buddhas tausend Gesichter – Legenden und Lehren Erleuchteter
Die lebendige Essenz der Übertragungslinien,
immer wieder entdeckt, verwirklicht und weitergegeben,
ist mehr als das Wissen um die Lehre:
Es ist das Feuer der Begeisterung
für die uns innewohnende Weisheit und Verbundenheit.
Geschichten buddhistischer Heiliger – wozu?
Als ich den Teilnehmenden meiner Meditationskurse erzählte, ich würde gern ein Buch über buddhistische Praxis schreiben, veranschaulicht am Beispiel des Lebens von »Heiligen«, waren die Reaktionen zurückhaltend bis skeptisch. Wozu sollten wir heute noch so etwas Anachronistisches wie alte Legenden und Geschichten brauchen? Was sollten wir daraus lernen können? In meinen Meditationskursen und Retreats fühlen sich viele Menschen gerade deshalb zuhause, weil keine Religion gelehrt wird, weil sie an keine Dogmen glauben müssen – weil nur das gelehrt wird, was sie direkt in ihr Leben umsetzen können: Das Kultivieren einer wachen und sanften Achtsamkeit, mit deren Hilfe sie die Gesetzmäßigkeiten des Daseins und der wahren Natur des Geistes ergründen können, wodurch befreiende Weisheit und tiefe Verbundenheit entstehen. Eine anspruchsvolle, aber auch sehr pragmatische Sache. Und nun diese alten Heiligengeschichten!
Doch auch in diesen Legenden und Lehren geht es um den Weg zu Glück und innerer Befreiung – eine Praxis, wie sie der Buddha und die Meisterinnen und Meister der letzten Jahrtausende gelehrt und gelebt haben. Es geht in ihnen um das, was heute noch genauso wesentlich ist: die Erkenntnis der Vergänglichkeit aller Dinge des Daseins, das Verstehen des Leidens, das durch Festhalten an Vergänglichem entsteht und durch Verlangen nach immer Mehr, Höher, Besser und Schneller, nach immer mehr Gütern, mehr Spaß, mehr angenehmen Erfahrungen. Es geht um das Erkennen der inneren Dämonen – Ärger, Hass und Angst, Begehren, Neid und Arroganz – und um die Mittel, sich davon zu befreien. Und es geht darum, wie man heilsame, Glück schaffende Herzens- und Geistesqualitäten wie Großzügigkeit, Mitgefühl und Gelassenheit entwickeln und kultivieren kann.
Wie einige, zugegebenermaßen außergewöhnliche Menschen, diese Erkenntnisse erlangt haben, den Weg der Befreiung gegangen sind und ihn in ihrem Leben umgesetzt haben, davon möchte ich in den folgenden Geschichten erzählen. Dabei sind mir vor allem ihre vorgelebte Praxis und positive Lebensart ganz wichtig.
Ich möchte mit diesen Erzählungen auch einige lebendige Einblicke in die buddhistische Geschichte geben. Für Menschen von heute, die viel Zeit und Energie investieren, um die Lehren und Praktiken aus fernen Kulturen ins eigene Leben zu integrieren, kann es interessant und aufschlussreich sein, zu verstehen, was die Menschen von damals bewegte, so zu handeln – und so zu praktizieren –, wie sie es taten. Manche Details in diesen Geschichten sind legendenhafte Ausschmückung, doch vielfach werden auch die Lebensumstände der damaligen Zeit erstaunlich wirklichkeitsnah wiedergegeben. Das ermöglicht uns, unterscheiden zu lernen, was uns diese Heiligen für unser eigenes Leben lehren und was wir als Bestandteil fremder Kulturen und ferner Zeiten erkennen und wertschätzen können, uns aber nicht zu eigen machen müssen.
Und noch einen Grund gab es für mich, das Thema der »buddhistischen Erleuchteten« anzugehen. Ich stelle immer wieder fest, dass die Kursteilnehmenden und Meditierenden in meinem Umfeld zwar oft von den Methoden buddhistischer Praxis angetan sind, sich aber mit der dahinter stehenden zweieinhalbtausendjährigen Tradition keineswegs verbunden fühlen. Zuerst fand ich dies eher hilfreich und verstand es als Ausdruck innerer Unabhängigkeit und Freiheit von »Altlasten«, die Religionen ihren Anhängern oft mitzugeben scheinen: von nicht hinterfragten Dogmen und Ritualen bis hin zu fundamentalistischer Erstarrung.
Aber ich musste dann erkennen, dass dieses fehlende Interesse an der Geschichte der eigenen Praxis-Tradition auch einen Mangel an Eingebundensein und Zugehörigkeit bedeuten kann. Doch ein spiritueller Weg, der unser Wesen zutiefst transformieren soll, kann nicht einfach auf die Anwendung einiger Methoden beschränkt sein. Auf diesem Weg, der unser ganzes Leben und unsere ganze Hingabe verlangt, ist es wesentlich, dass wir uns sowohl unserer Praxis wie auch der Tradition tief verbunden fühlen. Dieses Gefühl von Eingebundensein und Vertrauen gibt uns die Inspiration, die Kraft und die Ausdauer, die nötig sind, um die Schwierigkeiten und Durststrecken, wie sie uns immer wieder begegnen, überwinden oder auflösen zu können und uns langfristig in unserer Praxis zu verwurzeln.
Gegenwärtig wächst das Interesse an Meditation und der Erforschung der Achtsamkeit, und sie scheinen zunehmend in der Mitte der Gesellschaft anzukommen und Anwendung zu finden in den Bereichen der Psychotherapie, Gesundheit und Wellness. Das ist sehr begrüßenswert und – wenn ernsthaft angewendet – für viele Menschen hilfreich und heilend. Damit einher geht zugleich die Tendenz, Meditation zu säkularisieren. Auch dies ist wünschenswert, befreit es doch die zentralen Anliegen und die wertvollen Mittel der Praxis von einem religiösen Überbau, der über die Jahrhunderte bis heute Menschen oft mehr geschadet als genützt hat. Leider scheint dadurch aber auch das Wissen um die Wichtigkeit tiefer Praxis mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten. Selbst Dharma-Lehrer und -Lehrerinnen können sich von dieser Tendenz verführen lassen, nicht nur weil die Leiden mancher Menschen auch durch rein säkular verstandene Methoden geheilt werden können, sondern möglicherweise auch, weil sich so ein größeres Publikum finden lässt. Wenn wir aber den Pfad und die Praxis zum vollständigen Erwachen, zur Befreiung von den »täuschenden und quälenden Eigenschaften von Herz und Geist« (kilesa/klesha) wie Verblendung, Verlangen und Ablehnung und ihre weitreichenden leidvollen Auswirkungen, lebendig erhalten wollen, dann brauchen wir auch Menschen, die ihr ganzes Leben in diese Praxis investieren – bis zum Erreichen der vollständigen Befreiung. In diesem Buch finden sich Geschichten über Menschen, deren Leben wir nicht unbedingt in dieser Konsequenz nachahmen können oder wollen, Geschichten, die uns aber daran erinnern, dass es immer wieder Individuen gab – und hoffentlich weiter geben wird –, die den Weg des Erwachens bis zur Vervollkommnung gegangen sind.
Vertrauen – Eingangstor für alle heilsamen Qualitäten
Vertrauen zählt zu den stärksten Kräften auf dem Weg. Vertrauen – nicht zu verwechseln mit blindem Glauben – gilt als ein Eingangstor für alle heilsamen Qualitäten. Vertrauen öffnet Herz und Geist, es macht uns berührbar und inspiriert uns, nicht nur intellektuell, sondern auch emotional, ja, noch tiefer gehend erreicht Vertrauen die Schichten unseres Unterbewusstseins! Vertrauen (saddha/shraddha) ist die erste der Fünf Spirituellen Fähigkeiten, die wir kultivieren müssen, um den Pfad zu betreten und ihn stetig weitergehen zu können. Es ist dieser Prozess des Vertrauens, des Sich-Öffnens, der Inspiration und Hingabe, der einen Fluss spiritueller Energie, einen Strom des Segens in uns zum Fließen bringt.
Oft erlebe ich, wie Teilnehmende, selbst wenn sie in Meditationsretreats angenehme Erfahrungen machen, unvermittelt wieder von der Praxis ablassen, während andere, selbst wenn sie mit großen Hindernissen konfrontiert sind, konsequent dabei bleiben, bis die Schwierigkeiten geklärt sind. Dieses Plus an Beständigkeit und Zielbewusstsein entsteht durch die Wirkung einer Kraft: der Kraft des Vertrauens.
Lama Tsoknyi Rinpoche illustriert die Funktionsweise dieses »Segensstroms« mit einem zeitgemäßen, sehr treffenden Bild: »Die Buddhas und Bodhisattvas stehen mit ihren Handys permanent in Verbindung zu uns. Das Problem ist, dass wir nicht rangehen, weil wir es gar nicht klingeln hören und – noch öfter – das Besetztzeichen ertönt: Wir sind zu beschäftigt, um die Verbindung zuzulassen.« Diese Verbindung können wir aufnehmen – durch Vertrauen!
In der buddhistischen Praxis sind Vertrauen und Hingabe unverzichtbar. Vertrauen in die Belehrungen, in die Methoden der Praxis und in die Lehrenden. Unter Letzteren kann der Buddha als der ursprüngliche Lehrer und Archetyp des Erwachens zu Weisheit und Mitgefühl verstanden werden – oder auch die eigenen Lehrer, Lehrerinnen, die Lamas, Sayadaws, Ajahns, Shifus oder Roshis – oder die gesamte Übertragungslinie großer Meister und Meisterinnen, von Buddha bis zu uns heute.
Der bekannte amerikanische spirituelle Lehrer Ram Dass wurde einmal gefragt, was für ihn beim Übermitteln der Lehre das Wichtigste sei. Er antwortete, es sei die in der eigenen Erfahrung wurzelnde Überzeugung und das daraus entstandene Vertrauen, das in den Schülern und Schülerinnen große Inspiration und Hingabe wecke.
Die tibetischen Praktiken der »Hingabe an die Lehrenden«, das sogenannte Guru-Yoga, betonen, diese Hingabe ermögliche den schnellsten und mühelosesten Zugang zu den Verwirklichungen. Sie öffne einen Kanal für Segensströme, die durch die Übertragungslinie der Meister und Meisterinnen in unseren Geist und unser Herz fließen. Hingabe sehen sie als das Herzstück der Methoden zur eigenen Verwirklichung.
Weises Vertrauen
Wir brauchen auf unserem Weg tiefes Vertrauen und Hingabe, aber natürlich brauchen wir auch Weisheit, eine Art von gesundem Menschenverstand, mit dem wir die Dinge unvoreingenommen und mit Scharfsinn überprüfen.
In den Anfängen meiner Praxis besuchte ich ein Meditationszentrum, in dem zwei Retreats in zwei unterschiedlichen buddhistischen Traditionen stattfanden. Beide Traditionen lehrten die Hingabe an den Meister, die Meisterin als wichtigen Verstärker für die eigene Praxis. Als die Teilnehmenden Gelegenheit hatten, den beiden Retreat-Leitern Fragen zu stellen, war ihre brennendste Frage die nach der Hingabe an die Lehrenden. Worauf der aus der einen Tradition stammende Lehrer betonte: »Wenn dein Meister sagt, Schwarz ist Weiß, dann ist Schwarz für dich Weiß!« Der zweite, einer anderen Tradition angehörende Lehrer unterstrich hingegen: »Leute, überprüft es besser selbst!«
In seiner berühmten Lehrrede an die Kalamer ermutigt der Buddha seine Zuhörerschaft, selbst herauszufinden, was für ihr Leben und ihre spirituelle Praxis wertvoll und hilfreich sei:
Aus diesem Grunde eben, Kalamer, haben wir es gesagt: Geht nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach bloßen Vernunftgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters. Wenn ihr aber, Kalamer, selbst erkennt: »Diese Dinge sind heilsam, sind untadelig, werden von Verständigen gepriesen, und, wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zu Segen und Wohl«, dann oh Kalamer, möget ihr sie euch zu eigen machen.3
Wir sind auf dem Weg zur Befreiung voll und ganz auf authentische Belehrungen und weise Unterstützung durch erfahrene und qualifizierte Lehrende angewiesen, wollen wir uns nicht auf endlosen Umwegen oder gar in Sackgassen wiederfinden. Dazu brauchen wir nicht nur irgendwelche guten Ratschläge, sondern die über Jahrhunderte erprobten Belehrungen von Menschen, die in einer ungebrochenen Übertragungslinie stehen.
Es gibt aber auch immer wieder Menschen, die – ohne in eine Übertragungslinie eingebunden zu sein – echte befreiende Erfahrungen gemacht haben. Sie können oft auch mit großer Überzeugungskraft ihre Erkenntnisse weitergeben. In der Regel genügt dies den Ansprüchen der Mehrzahl ihrer Schülerinnen und Schüler. Es besteht aber die Gefahr, dass die so Erleuchteten auf die von ihnen gemachten Erfahrungen beschränkt bleiben und den meist noch viel weiter führenden Weg nicht sehen, der in einer authentischen Übertragungslinie klar dargelegt würde – selbst von Lehrenden die weniger »erleuchtet« sind.
Die authentischen Belehrungen sollten wir mit wacher Hingabe aufnehmen, kontemplieren und in die Meditation und den Alltag integrieren. Andererseits müssen wir die Gesetzmäßigkeiten des Lebens und die Natur unseres Geistes aber auch selbst erforschen, um schließlich zu erkennen, was zu mehr Leiden führt und was befreiend ist. Beides ist also wichtig: Vertrauen und Weisheit.
Übertragungslinien
Die Dharma-Lehre beinhaltet im Wesentlichen achtsames Gewahrsein, gepaart mit einer inneren Haltung der liebevollen Gelassenheit; ein Gewahrsein, in dem wir mehr und mehr verweilen und das Erkenntnis und befreiende Weisheit ermöglicht. Zugleich sind es Qualitäten wie Güte, Mitfreude und Großzügigkeit, die uns zu einer Lebenshaltung der mitfühlenden Verbundenheit führen. Befreiende Weisheit und Großes Mitgefühl, das ist und bleibt die Essenz der Lehre des Buddha seit zweieinhalbtausend Jahren.
Eben diese Essenz und die Methoden, sie im eigenen Leben zu verwirklichen, haben zahllose Menschen in den verschiedensten Kulturkreisen über Jahrtausende praktiziert, verkörpert und weitergegeben. Ob in der indischen Antike, im tibetischen Mittelalter, im modernen China, in Japan oder im heutigen Westen – die äußere Form hat sich immer wieder gewandelt. Und die lebendige Essenz der Übertragungslinie wurde immer wieder neu entdeckt, verwirklicht und weitervermittelt. Was auf diese Weise weitergegeben wird, ist aber stets mehr als die Lehren und das Wissen: Es sind auch Inspiration, Vertrauen und Hingabe, die der gelebten Praxis und Verwirklichung entspringen. Es ist das Feuer der Begeisterung für die uns innewohnende Weisheit und Verbundenheit. Ich empfinde es als ein großes Privileg, als einen Glücksfall und eine tiefe Inspiration, Empfänger zu sein, Teil zu sein dieser befreienden Lehren und dieser segensreichen Energien, hier und heute.
Lebensläufe buddhistischer Erwachter
Um diese Übertragungslinien für uns lebendig werden zu lassen, ist es hilfreich, einzelne, außergewöhnliche Menschen aus diesen Linien oder Begründer neuer Äste und Zweige dieses großen Baumes kennenzulernen. In vielen asiatischen Traditionen ist dies ein wichtiger Aspekt der Belehrungen: Biografisches dieser Meister und Meisterinnen wird vermittelt, Geschichten über sie werden erzählt und markante Zitate vorgetragen. Diese Erzählungen und Legenden sind dabei auch stets ein Anlass, Dharma-Belehrungen darin einzuflechten. Genau dies ist auch mein Bestreben in diesem Buch.
Anders als in unserer westlichen Kultur, in der man von Biografien erwartet, dass sie spannend, persönlich und möglichst intim sind, enthalten diese Geschichten meist wenig genaue Lebensdaten oder Charakterschilderungen. Es sind vielmehr Legenden, die in ihrer archetypischen Darstellung auf unseren Geist, unser Herz und unsere Praxis bis hinein in unseren Alltag wirken, indem sie uns durch symbolische und urbildliche Begebenheiten berühren.4 Sind wir bereit, uns diesen Geschichten zu öffnen, können wir daraus großen Nutzen ziehen.
Auch wenn die meisten von uns nicht in Höhlen leben oder einen Großteil ihres Lebens im Kloster verbringen – die Leid schaffenden Emotionen wie Hass, Begehren oder Verblendung und die daraus entstehenden Probleme (Frustration, Einsamkeit, Suchtverhalten, Stress, Ängste, Sorgen, Depression) sind die Gleichen geblieben. Und auch der Weg, der aus diesem Leiden heraus zu Freiheit, Freude und Gelassenheit führt, ist heute genauso begehbar wie in alten Zeiten.
Die Menschen, deren Leben hier erzählt wird, kommen aus dem indischen, südostasiatischen und tibetischen buddhistischen Kulturkreis. Obwohl die meisten von ihnen in fernen Zeiten lebten, obwohl sie manchmal durch die Lüfte fliegen oder Dämonen begegnen, sind sie in ihrem Menschsein nicht so sehr anders als wir, im Gegenteil: Vieles verbindet uns mit ihnen. In diesem Sinne habe ich diese Sammlung außergewöhnlicher Lebensläufe, Geschichten und Zitate – eine Auslese aus der Fülle der überlieferten Legenden – zusammengestellt.
Diese Menschen können Vorbild für uns sein:
Wir begegnen Siddhartha Gautama, wie er mutig und unbeirrt auf seinem Weg zum vollständigen Erwachen voranschreitet und weise und mitfühlend in den darauffolgenden Jahrzehnten seines Lebens agiert. Wir lernen die Hauptschüler des Buddha kennen: Sariputta, den gelehrten Weisen, und Mogallana, den tiefgründigen Mystiker. Wir begegnen Mahakassapa, dem strengen Asketen, und Ananda, dem liebenswürdigen und selbstlosen Diener Buddhas. Wir vernehmen von Pajapati, der mutigen und entschlossenen Anführerin der Frauen, die Nonnen werden wollen, von Khema, der schönen Weisen, und wir hören, wie Uppalavanna, die Erniedrigte, und Ambapali, die Kurtisane, vollständige Befreiung erlangen. Wir erfahren von den gelehrten Meistern des großen Mitgefühls: Asanga, Shantideva und Atisha. Wir begegnen Mandarava und Yeshe Tsogyal, den faszinierenden Prinzessinnen-Dakinis5, und der kühnen, furchtlosen Ma-chig Labdrön. Wir können uns inspirieren lassen von der Radikalität, mit der Meister wie Patrul Rinpoche oder Ajahn Mun die Praxis in ihr Leben umsetzen. Und wir hören von Je Tsongkhapa, dem einflussreichen Gelehrten und Erneuerer, und von dem hochgebildeten Geshe Rabten, dem weisen Mönch und gütigen Vater. Und wir begegnen dem indischen Meister Munindra, welcher die Erkenntnis-Meditation den Menschen aus dem Westen nahe bringt.
Doch was ist es, das diese Menschen bewegte, aus ihrem gewohnten, nicht selten wohlbehüteten Alltag auszubrechen, auf allen Komfort zu verzichten und außergewöhnliche Risiken und Herausforderungen auf sich zu nehmen? Es ist die drängende Frage nach dem Sinn dieses Daseins, eines vergänglichen, oftmals ungerechten, oft auch leidvollen Lebens. Und es ist – viel mehr noch – die tiefe Ahnung, dass eine ganz andere Art von Sein möglich ist: ein Leben in innerer Verbundenheit, in Freiheit und Glück. Ein Leben, wie es jedem und jeder von uns, ohne Ausnahme, möglich ist, das aber erst verwirklicht oder wiederentdeckt werden muss.
Warum aber habe ich Lebensläufe aus so vielen verschiedenen Traditionen gewählt? Geht es in dieser spirituellen Praxis denn nicht darum, Vertrauen in die eigene Übertragungslinie, die Quelle des eigenen Weges zu kultivieren? Studiert man ausschließlich die eigene Tradition, besteht eine Gefahr, die vielen meist noch nicht einmal bewusst ist: Die anderen Übertragungslinien und Traditionen werden nicht selten als weniger gut, oft auch als minderwertig oder gar irrig angesehen. Damit entsteht die leider auch im Buddhismus verbreitete Neigung zum Sektierertum. Durch die Auswahl an Lebensgeschichten und Legenden aus verschiedenen buddhistischen Traditionen möchte ich dieser bedauernswerten Tendenz etwas entgegenwirken. Allerdings enthält dieses Buch keine Geschichten aus dem Kulturkreis Ostasiens, was nicht an meiner mangelnden Wertschätzung liegt, sondern an meinen beschränkten Kenntnissen von diesen Traditionen. Das biographische Material, das uns aus den ersten zwei Jahrtausenden buddhistischer Geschichte zur Verfügung steht, ist oft recht spärlich. Ich wollte aber Menschen – Männer wie Frauen – aus den verschiedenen Epochen des Buddhismus vorstellen, um deutlich zu machen, auf welch reiches Erbe wir heute zurückblicken können: auf eine lange Kette von Menschen, die den Dharma (die Lehre) durch ihre eigene Praxis zum Leben erweckt und weitervermittelt haben.
Was heißt erwacht oder erleuchtet?
»Erleuchtung« oder »Erwachen« ist in spirituellen Kreisen ein vieldeutig verwendeter, schillernder Begriff, und gar manche bezeichnen sich heute öffentlich als erleuchtet. Dort, wo dann aber das Verhalten des oder der »Erleuchteten« nicht gerade Heiligkeit vermuten lässt, wird oft suggeriert, Erleuchtung bedeute, eine unbegrenzte innere Freiheit erlangt zu haben, die außerhalb der ethischen Normen Normalsterblicher liege und damit von verantwortlichem oder vorbildlichem Verhalten entbunden sei. Eine beträchtliche Anzahl ansonsten kritischer Menschen bewundern heute solche Auslegungen.
In der Mehrzahl der buddhistischen Traditionen jedoch wird Erwachen seit jeher recht genau definiert: Echte befreiende Erkenntnis muss von den Fesseln der Täuschung, aber auch von Leid schaffenden Emotionen befreien. Wenn diese trotzdem im Verhalten von Erleuchteten wahrnehmbar sind, heißt das nicht unbedingt, dass sie keine echten Erfahrungen des Erwachens gemacht hätten und kompetent darüber berichten könnten. Aber der Weg zur vollständigen Befreiung ist weit. Erst wenn alle Geistesgifte wie Verlangen, Ablehnung, Verblendung und deren Auswirkungen völlig aus dem Wesen eines Menschen verschwunden sind, kann man wirklich von vollständigem Erwachen sprechen. Solche Menschen sind selten, sie sind Heilige und können für uns eine kostbare Quelle der Inspiration sein.
Zwischen Verklärung und Skepsis – wie wir auf Heilige reagieren
Die meisten Legenden und Geschichten in diesem Buch haben, wie schon erwähnt, symbolischen und archetypischen Charakter. Die Protagonisten leisten Übermenschliches, vollbringen Wundertaten und verwirklichen höchste menschliche Ideale. Solche Erzählweisen wollen uns unsere Möglichkeiten vorbildhaft spiegeln. Bei uns können solche Legenden allerdings auch ganz andere Reaktionen hervorrufen – von leichtgläubiger Begeisterung bis hin zu skeptischer Ablehnung.
Wer den gesunden Menschenverstand und die Vernunft hinter sich lässt, sei es aufgrund der Sehnsucht nach romantischer Verklärung, sei es aufgrund des Wunsches, sich einem Kreis von Auserwählten zugehörig zu fühlen, befindet sich auf spirituellem Glatteis. Wer sich aber, gefangen in rein rationalem Denken, vor den grenzenlosen Möglichkeiten unseres Geistes verschließt, bringt sich selbst um den Reichtum und die Tiefe echter spiritueller Praxis.
Wir sollten uns auch nicht verleiten lassen, solche Vorbilder zu trivialisieren und unser Augenmerk darauf zu richten, dass auch sie Fehler hatten. Vielmehr können wir den Schritt wagen, durch sie auch unsere eigenen schönen und heilsamen Qualitäten zu entdecken, sie anzuerkennen und uns daran zu erfreuen.
In diesem Sinn will dieses Buch all die wunderbaren, uns innewohnenden Fähigkeiten feiern und uns aufrufen, diese Fähigkeiten zu stärken und zum Blühen zu bringen.
DAS LEBEN DES BUDDHA – DHARMA HEUTE
So wie das Wasser des Meeres nur einen Geschmack hat –
den Geschmack von Salz,
so hat die Lehre des Erwachten nur einen Geschmack –
den Geschmack der Befreiung.6
(BUDDHA)
Leben und Wirken des Siddhartha Gautama7 – des vollständig Erwachten, des Buddha – sind auch für uns heute Lebende noch von außerordentlichem Wert und Interesse, zeigen sie doch, wie ein Mensch aus eigener Kraft Befreiung erlangt, das Wesen des menschlichen Herzens und Geistes zutiefst verstanden hat und fähig gewesen ist, anderen durch Belehrungen und geschickte Mittel einen gangbaren Weg zu dieser inneren Freiheit aufzuzeigen. In diesem Sinne sind sein Leben und seine Lehren bis heute von tiefer Bedeutung und von großer Inspirationskraft.
Im Laufe der Zeiten ist das Leben des Buddha von seinen Anhängern zum Mythos umgestaltet worden, er wurde fast zum Gottmenschen gemacht. In Asien beten Millionen Menschen zum Buddha, dafür, dass die Geschäfte gut gehen oder dass man nach dem Tod in einem Himmel wiedergeboren werden möge. Umgekehrt gibt es heute Bestrebungen, die Figur des Buddha von allen Mythen zu befreien und ihn als realen Menschen in einer realen Welt mit all ihren Zwängen und Dilemmas verstehbar zu machen. Beide Betrachtungsweisen beinhalten sowohl nachvollziehbare Beweggründe als auch sinnvolle Absichten und Ziele. Beide wollen die Religion und die religiöse Praxis den jeweiligen kulturellen Gegebenheiten und Bedürfnissen der Menschen anpassen.
Wir werden nie genau wissen können, wer der Buddha wirklich gewesen ist und wie seine unmittelbare Umwelt und sein Leben tatsächlich ausgesehen haben. Trotzdem, oder gerade deshalb, möchte ich im Folgenden einige Legenden über ihn und sein Leben erzählen und sie für uns heute mit Bedeutung zu füllen versuchen. Mir geht es dabei nicht darum, herauszufinden, wer er wirklich gewesen ist, auch nicht um eine Darstellung des Buddha als »Religionsgründer«. Der Buddha hat sich nicht als »Buddhist« verstanden. Im Wesentlichen geht es darum, dass er praktisch anwendbare Mittel zur inneren Befreiung aufgezeigt hat, die – mit den erforderlichen Anpassungen an unsere Kultur – auch heute noch sehr wirkungsvoll sind und für jene, die sie konsequent anwenden, zu außerordentlich tiefer innerer Transformation und Freiheit führen können.
Siddhartha Gautama, der Erwachte
Meine Befreiung ist unerschütterlich.8
(BUDDHA)
Die Tatsachen des Lebens
Siddhartha Gautama wächst in Kapilavatthu, der Hauptstadt der Sakya, im Palast seines Vaters, des Königs Suddhodana, heran. Weil ein Astrologe prophezeit hat, der Prinz werde entweder ein Herrscher oder ein Heiliger werden, tut der König alles, um letzteres zu verhindern. Er umgibt seinen Sohn mit Luxus und Komfort und allen nur erdenklichen materiellen Dingen, lässt ihn in Sicherheit und Annehmlichkeit aufwachsen. Er will alles tun, um seinem Sohn eine unbeschwerte Kindheit und Jugend zuteil werden zu lassen und das bedeutet auch, dass er ihn um jeden Preis davor bewahren will, den harten Tatsachen des Lebens ins Auge sehen zu müssen – sich also mit Vergänglichkeit, Alter und Tod auseinandersetzen zu müssen. So lebt Prinz Siddhartha beschützt und umhegt, beschränkt auf ein Leben hinter den Mauern des Palastes, ohne von den Härten des Lebens berührt und herausgefordert zu werden.
Viele Parallelen lassen sich hier zu unserem eigenen Leben finden. Unter einer behüteten Kindheit wird vielfach verstanden, Kindern auf jeden Fall die Begegnung mit Leidvollem zu ersparen. Doch auch als Erwachsene leben wir in dieser Gesellschaft wie unter einer Glasglocke: Wir leben in Sicherheit, meist recht komfortabel und haben mehr als genug von dem, was wir brauchen. Gleichzeitig wird das Leiden ausgegrenzt und verdeckt. Geistig Behinderte und psychisch Kranke werden in psychiatrischen Kliniken und Heimen untergebracht. Obdachlose werden vielfach von bestimmten öffentlichen Plätzen und aus den städtischen Zentren vertrieben. Alte, gebrechliche Menschen leben einsam in ihren Wohnungen, versorgt von ambulanten Pflegediensten, oder in zum Teil sehr abgelegenen Alters- oder Pflegeheimen. Die Toten werden schnell wegtransportiert, in eine spezielle Umgebung, wo sie zurechtgemacht und geschminkt werden, als ginge es zu einer Party. Ich war zwanzig, als ich zum ersten Mal einen toten Menschen sah; es war meine Großmutter, die man im Sarg, hinter einer Glaswand, aufgebahrt hatte. Das war damals für mich die einzige Gelegenheit, dem Tod ins Auge zu blicken. Wir grenzen den Tod und möglichst alles Leidvolle aus, verdrängen diese Tatsachen des Lebens und tun am liebsten so, als gäbe es das alles nicht.
Prinz Siddhartha findet eine ähnliche Situation vor, doch gibt er sich damit nicht zufrieden. Er will wissen, wie das Leben wirklich ist, was Täuschung ist und was Wirklichkeit – und ob diesem unerklärlichen Dasein nicht doch ein tieferer Sinn innewohnt. Ähnlich geht es auch manchen von uns: Irgendwie reicht uns der materielle Wohlstand nicht, auch nicht die Sicherheit und das Behütetsein. Wir wollen mehr über das Dasein wissen, wir wollen das Leben, wollen uns selbst tiefer verstehen.
Prinz Siddhartha will die Welt, die Wirklichkeit, sehen und erkunden und das Gefängnis des Palastes verlassen. Schließlich ist sein Vater dazu bereit, dies zuzulassen, und eine Rundfahrt durch die Stadt wird für den Prinzen organisiert. Der König befiehlt jedoch, dass zuerst die Häuser neu gestrichen und die Straßen gereinigt werden sollten. Vor allem aber müssten alle Alten und Kranken aus dem Stadtbild entfernt werden. Es soll also eine Szenerie geschaffen werden, die unserer Lebenswirklichkeit nicht unähnlich ist. Als der Prinz dann in seiner Kutsche durch die hübsch hergerichtete Stadt fährt, hat er aber vier Begegnungen mit für ihn aufrüttelnden Botschaften und klaren Hinweise, dass es im Leben mehr zu erforschen gibt, als das, was man isst und trinkt und wie man sein Geld mehrt und sich vergnügt.
Bei der ersten Rundfahrt begegnet Prinz Siddhartha einem kranken Menschen; er sieht ein leidendes und gequältes Wesen, das unter großen Schmerzen leidet. Auf seine Frage: »Was ist denn das?«, sagt Chanda, sein Freund und Kutscher: »Dies ist ein kranker Mensch.« Auf Siddharthas Drängen erklärt er weiter: »Krankheit ist etwas, das uns allen widerfährt. Es liegt in der Natur des Körpers, dass er krank wird und dass er Schmerz und Leiden erfährt.« Dies berührt den Prinzen sehr.
Auf seiner zweiten Ausfahrt begegnet er einem alten, gebrechlichen Menschen, der gebeugt und kraftlos seines Weges geht. Auch dieser Anblick verstört den Prinzen, und sein Freund erklärt ihm: »Das ist ein Mensch, der alt geworden ist, dessen Sinne ihre Kraft verloren haben, dessen Energie versiegt und dessen Körper schwach geworden ist und zerfällt. Jedem von uns wird es genauso ergehen.«
Bei seiner dritten Rundfahrt durch die Stadt sieht Siddhartha einen Leichnam. Auch einen Toten hat er noch nie zuvor gesehen. Auf seine Frage erklärt ihm Chanda: »Das ist ein Toter. Jeder von uns wird ohne Ausnahme sterben.« In Indien werden die Toten von ihren Verwandten auf der Bahre durch die Straße getragen. Dabei singen und rezitieren sie laut den Namen Gottes. Und jedermann sieht: Da ist wieder jemand gestorben. Auch bei uns wird gestorben. Aber dies geschieht mehrheitlich im Verborgenen. Und so können wir uns vor der Auseinandersetzung mit dieser Wirklichkeit des Lebens immer wieder herumdrücken, spüren aber vielleicht zumindest unterschwellig oft ein Gefühl der Unruhe und Angst, die uns darauf verweist, dass es da etwas gibt, was wir uns nicht anschauen mögen, was aber dadurch nicht einfach verschwindet.
Obschon man den Prinzen im Palast von den harten Tatsachen des Lebens abgeschirmt hat, wird er wohl schon eine Ahnung davon gehabt haben, dass es über diese Lebenswirklichkeit hinaus noch etwas anderes gibt – das ausgesperrte Leidvolle. Aber es hat der Konfrontation, der aktiven Auseinandersetzung mit diesen Gegebenheiten des Daseins bedurft; sie sind die Voraussetzung dafür gewesen, dass er dann zu wirklichkeitsnaher Klarheit und Verbundenheit zu gelangen vermag und die innere Haltung des Verdrängens und der Entfremdung ernsthaft verändern kann.
Ein viertes Mal macht der Prinz eine Fahrt durch die Stadt und er sieht einen Asketen, einen Wandermönch, der große Ruhe, Gelassenheit und Heiterkeit ausstrahlt. Auf Siddharthas Nachfrage hin erklärt ihm Chanda: »Dies ist ein Mönch, einer, der aus der Gesellschaft ausgestiegen ist, um den Weg des Heils zu gehen, um das eigene Herz zu befreien.« Da beginnt der Prinz zu verstehen, dass es Menschen gibt, die sich ernsthaft den Fragen des Lebens stellen; Menschen, die wirklich suchen: nach einem Weg zur Erkenntnis, nach einem Weg zu mehr Verbundenheit und Ganzheit. Und diese Erfahrung wirkt so nachhaltig auf ihn, dass er beschließt, den Palast zu verlassen und ein Leben als Suchender zu beginnen. So zieht er in die Hauslosigkeit, um als Asket und Bettelmönch lebend nach einem tieferen Sinn des Lebens, nach einem Weg zur inneren Befreiung zu suchen. Dies ist ein erster, tiefgreifender Bruch mit den Gewohnheiten und Werten seines bisherigen Lebens.
Auch hier lassen sich Parallelen zu unserem Leben finden. In den meisten Fällen mag unsere Entscheidung nicht gar so radikal aussehen wie die von Siddhartha Gautama. Nur wenige entschließen sich, alles aufzugeben, vielleicht nach Asien zu gehen, sich den Kopf kahl zu scheren, strenge Regeln auf sich zu nehmen und in einem Kloster oder Ashram zu leben.
Eher ist es vielfach so, dass wir uns innerlich neu zu orientieren und uns von Belanglosem zu lösen beginnen. Vielleicht beschließen wir, unseren Geist zu erforschen und besuchen ein Meditationszentrum, eine Stätte der Einkehr, ein Kloster auf Zeit. Wir suchen Stille, Klarheit. Wir möchten unseren Geist, unser Herz erforschen. Wir sind auch bereit, einiges loszulassen an Komfort und lieben Gewohnheiten. Diese Art des Innehaltens, der Abkehr von der Welt ist nötig, um sich selbst begegnen zu können. Obschon dies oft nicht leicht fällt und wir versucht sein mögen, noch ein bisschen Außenwelt ins Retreat hinüberzuretten, gilt doch: Retreat heißt Rückzug. Rückzug aus der Geschäftigkeit, aus der endlosen Zerstreuung durch die zahllosen, scheinbar notwendigen und doch unnötigen Dinge des Lebens, Rückzug auf das Wesentliche. Auch hier ist der zukünftige Buddha ein großes Beispiel für uns. Stellen wir uns vor, er wäre in die Hauslosigkeit gezogen, hätte aber seine Diener mitgenommen, seine Kutsche für unterwegs und Geld, um sich Dinge kaufen zu können. Wir wären wohl etwas weniger beeindruckt und inspiriert von seinem Lebensweg. Wie schwer fällt es dagegen heute manchen von uns, während eines Retreats auch nur auf das Mobiltelefon zu verzichten.
Der Weg der Sammlung und Vertiefung
Prinz Siddhartha verlässt also den Palast seines Vaters, lässt nicht nur seinen Reichtum, sondern auch seine Eltern, seine Frau und seinen Sohn zurück. Seine neue Lebenssituation kann man sich vielleicht so vorstellen: Der Tag ist heiß, die Luft ist diesig. Die Sahlbäume stehen in voller Blüte. Die Gegend ist unbewohnt und wild, mit Felsen und Höhlen, das nächste Zentrum der Zivilisation liegt viele Tage Fußmarsch entfernt. Unter Bäumen und in Höhlen leben Yogis, spärlich bekleidet, mit mattierten Haaren. Sie sitzen auf Fellen und meditieren oder üben sich im Yoga. Andere singen Mantras oder rezitieren heilige Texte. Eine tiefe Stille, ein großer Friede liegt über dieser Gegend, als hätte sich wenig verändert, seit dem Beginn der Zeit. Am Ufer des nahen Flusses vollführen Saddhus ihre heiligen Rituale und Waschungen.
Ein Mann erscheint, sein Auftreten ist würdig – und doch etwas unsicher. Erst vor kurzer Zeit hat er seine königlichen Gewänder abgelegt und seinen Kutscher mit seinem Pferd zurückgeschickt in den Palast. Er trägt jetzt die zwei, drei Tücher der Asketen und schaut sich um nach Lehrern und Vorbildern. Noch sind ihm die Sinnesfreuden des Palastes nahe. Es ist der Prinz Siddhartha, der zukünftige Buddha.9
Prinz Siddhartha sucht nun einen Lehrer. So zieht er im ganzen Land umher, bis er die besten Meister seiner Zeit findet. Er ist ein schneller und gelehriger Schüler, und es dauert nicht lange, da hat er alles gemeistert, was ihm diese Lehrer beizubringen vermögen. Zuerst verbringt er einige Zeit bei Alara Kalama, einem bekannten Meister, der die Meditation der sieben Versenkungsstufen (jhana/dhyana) lehrt. Als Siddhartha diese verwirklicht hat, lädt ihn der Meister ein, an seiner Seite zu lehren. Obschon diese Meditationszustände gewaltige Höhen und Weiten des Seins eröffnen, obschon Zustände höchster Glückseligkeit und Einheit erfahren werden, spürt der Prinz-Asket, dass er noch nicht die endgültige innere Befreiung erlangt hat. Er zieht weiter.
Als Nächstes sucht er Uddaka Ramaputta auf. Von diesem Weisen heißt es, dass er eine weitere, die achte Versenkungsstufe beherrscht: den Zustand der »Weder-Wahrnehmung-noch-Nicht-Wahrnehmung«, den Gipfel aller möglichen Erfahrungen innerhalb des bedingten Seins. Auch diese Stufe meistert der Prinz. Doch auch jetzt ist in ihm die Gewissheit, das Ende seines Weges und seiner Suche noch nicht erreicht zu haben.
Nicht nur zu jener Zeit, sondern auch heute noch, gibt es spirituelle Traditionen, in denen die Meditation des »gesammelten und ruhevollen Verweilens« (samatha/shamata) und die Verwirklichung der bereits erwähnten Stufen der Versenkung, als letztendlicher Weg der Befreiung gesehen werden. Obschon diese Sammlungs- und Versenkungsstufen außerordentlich tiefe, reinigende und klärende Zustände von Herz und Geist sind, die unserer Meditation erst die Festigkeit und Tiefe verleihen, ohne die wir immer wieder mit Unklarheit und Zerstreuung kämpfen müssen, haben sie nicht die Kraft, Herz und Geist endgültig von der Macht der täuschenden und quälenden Zustände (kilesa/klesha), zu befreien und somit das Ende allen Leidens zu ermöglichen.
Prinz Siddhartha hat nicht nur die innere Klarheit, dies zu erkennen, sondern auch die Ehrlichkeit und den Mut, einmal mehr die Konsequenz daraus zu ziehen: Obwohl seine Lehrer, die größten Meister der Zeit, ihn einladen, an ihrer Seite zu lehren – ein sicher verlockendes Angebot, das Reputation und hohen spirituellen Status verspricht und das nicht nur damals etliche vermutlich gerne angenommen hätten –, macht er sich auf den Weg, um weiter zu suchen.
Der Buddha wird später immer wieder nach Kriterien gefragt, nach denen man beurteilen könne, ob ein Weg, eine Praxis hilfreich und befreiend sei oder nicht. Zu jener Zeit, wie heute, sind zahlreiche Gurus unterwegs, die behaupten, den wirklich befreienden, den einzigen oder zumindest den schnellsten Weg zu lehren. Der Buddha schlägt vor, man solle das, was gelehrt wird, nicht einfach glauben, weil es aus einer alten Tradition stammt oder weil die lehrende Person eine Autorität zu sein scheint oder weil ihre Rede ergreifend und überzeugend klingt.
Vielmehr solle man so vorgehen wie beim Prüfen von Gold: Dieses muss gekratzt, gerieben und durch Säure und Feuer getestet werden. Was letztlich all den Prüfungen standhält, kann als echt angesehen werden. Das bedeutet, dass wir selbst ernsthaft und gründlich überprüfen müssen, was für uns stimmt, indem wir das Gehörte anwenden und herausfinden, ob es heilsam ist und zu Segen und Wohl führt. Dies ist eine Aufforderung zur Selbstverantwortung und verlangt Interesse, Mut, Unabhängigkeit, Selbstvertrauen und große Ehrlichkeit, vor allem sich selbst gegenüber. Natürlich verlangt es von uns mehr als das Anhören von ein paar Belehrungen oder die Teilnahme an einigen Meditationsabenden. Wir müssen uns wirklich mit der Praxis auseinandersetzen und sie über längere Zeit konsequent üben. Dann werden wir selbst wissen, ob sie uns dahin führen kann, wo wir hingehen möchten. Genau das hat der zukünftige Buddha getan, er hat praktiziert und geprüft – und dann seine ersten Lehrer verlassen, um seine Suche fortzusetzen.
Der Weg der Askese
Die Unbeirrbarkeit, mit der sich Prinz Siddhartha der weiteren Praxis widmet, die Entschlossenheit, mit der er die Tiefen seines eigenen Wesens erforscht, um klar zu sehen, ist äußerst beeindruckend. Nachdem er seine beiden Lehrer verlassen hat, wendet er sich auf der Suche nach endgültiger Befreiung den damals weit verbreiteten Methoden der extremen Askese zu. Selbst-Kasteiung der härtesten Art gilt damals als bestes Mittel, die Kräfte des Verlangens und der Begierde zu überwinden und somit innere Befreiung und unerschütterlichen Frieden zu verwirklichen.
Eine der Methoden, die er kennenlernt, um das innere Getriebenwerden, das Verlangen nach Sein, die Begierde in Geist und Herz zum Versiegen zu bringen, besteht darin, den Atem zu stoppen. Der Buddha beschreibt später, wie er sich darin geübt hat, den Atem anzuhalten, bis die Luft durch die Ohren, dann sogar durch die Augen herausbirst, und wie er den Atem schließlich völlig anhalten kann, bis er ohnmächtig umfällt und man ihn für tot hält. Doch nach einer Zeit kommt er auch bei dieser Methode zu dem Schluss, dass er dadurch vollständigen inneren Frieden nicht finden wird.
Prinz Siddhartha praktiziert auch das Überwinden der Angst. In den Dschungeln Indiens gibt es Gründe genug, sich zu fürchten. Tiger, Elefanten und Kobras leben in diesen damals über weite Strecken menschenleeren Gebieten. Der zukünftige Buddha sitzt mit gekreuzten Beinen in Meditationshaltung unter den Bäumen oder übt Gehmeditation. Dabei nimmt er sich vor, immer dann, wenn Angst ihn zu überwältigen droht, die Position beizubehalten, die er in dem Moment gerade innehat, wenn Angst in ihm aufsteigt. Wenn er da sitzt und in der Ferne – oder gar in der Nähe – einen Tiger hört, bleibt er so lange sitzen, bis die aufgekommene Angst wieder vergangen ist. Wenn er Gehmeditation übt und die Angst kommt, geht er so lange weiter, bis die Angst verschwunden ist. Wenn er sich niedergelegt hat und die Angst ihn packt, bleibt er so lange liegen, bis die Angst sich wieder aufgelöst hat.
Seine Begierde sucht er zu überwinden, indem er sich in extremem Fasten übt. Seine täglich einzige Mahlzeit reduziert er zunächst auf eine Handvoll Reis, dann isst er nur eine Handvoll Reis pro Woche und dann noch weniger – bis er schließlich ein einziges Reiskorn und dann ein einziges Sesamkörnchen pro Woche zu sich nimmt. Als er seinen Magen anfassen will, berührt er dabei die Wirbelsäule.
Letztlich muss er aber feststellen, dass keine dieser asketischen Praktiken ein Weg zur Befreiung ist. Zwar hat er – nach sechs Jahren der Askese – die Befreiung noch nicht verwirklicht, doch er hat unendliche Geduld und Ausdauer entwickelt. Und auch wenn den meisten von uns eine solch radikale asketische Praxis sehr fern sein mag, so sind die dabei kultivierten inneren Qualitäten und Eigenschaften auch für uns von Bedeutung, denn auf diesem Weg braucht es unendliche Geduld. Sind wir bereit, diese Praxis unser ganzes Leben lang zu üben – mindestens in diesem Leben? Wir können, ja, wir müssen alles in die Praxis hineinlegen, uns ihr hundertprozentig verschreiben. Und trotzdem geht es nur so schnell vorwärts, wie es eben geht. Es gibt keine Instant-Spiritualität, wie es Fertigmahlzeiten oder Instant-Kaffee gibt. Auch wenn man uns das immer wieder mal glauben machen möchte, aber so funktioniert es nicht. Vielmehr handelt es sich um ein immer tieferes Schauen und ein allmähliches Sich-Entfalten.
Einer meiner Lehrer erzählte, wie er als Junge im Garten Karotten gepflanzt hatte. Als nach einiger Zeit grüne Blätter zu sprießen begannen, wollte er wissen, ob unter den Schösslingen auch wirklich Karotten wachsen. Doch der ganze Wachstumsprozess dauerte ihm zu lange. Deshalb beschloss er, an den grünen Blättchen zu ziehen, um so das Wachstum zu beschleunigen. Dass diese Methode nicht funktioniert und sogar kontraproduktiv ist, wissen wir. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Praxis: Was wir brauchen, ist viel Geduld und Ausdauer. Wir brauchen Zeit – aber auch das unentwegte Bemühen, gegenwärtig zu sein, wach zu sein, zu schauen und zu lernen.
Amma Syncletica, eine christliche »Wüstenmutter«, schreibt über die Praxis: »Am Anfang ist es schwierig und braucht viel Arbeit (…) Dann aber folgt unbeschreibliche Freude. Es ist wie wenn man ein Feuer entfacht: Zuerst gibt’s viel Rauch und die Augen tränen, aber später kommt das erwünschte Resultat. So müssen wir das göttliche Feuer in uns entzünden – mit Tränen und Anstrengung.«10
Jeder und jede von uns muss den Weg selbst gehen. Um aber klar und tief sehen zu können, sind optimale innere Bedingungen Voraussetzung. Dazu brauchen wir einen »lang-ausdauernden« Geist. Der chinesische Meister Hsu Yün ist ein gutes Beispiel für diese außerordentliche Eigenschaft des Herzens. Mit 14 Jahren tritt er in ein taoistisches Kloster ein, später wird er als buddhistischer Mönch ordiniert, studiert die Regeln und die Schriften und verbringt anschließend drei Jahre im Retreat in völliger Abgeschiedenheit. Dann übt er sich jahrelang in strenger Koan-Praxis, anschließend lange Zeit in der Praxis des Reinen Landes des Buddha Amitabha. Er absolviert eine siebenjährige Pilgerschaft und besucht zu Fuß die heiligen Stätten in China, Indien und Tibet. Mit 55 werden ihm weitere tiefe Erfahrungen des Erwachens zuteil. Schließlich wirkt er für den Rest seines Lebens als Lehrer – nochmals 50 Jahre lang. Seine Reisen als Lehrer führen ihn nach Burma, Thailand, Malaysia und Vietnam. Auch wird er Vorsitzender der Chinese Buddhist Association, zusammen mit dem Dalai Lama, dem Panchen Lama und dem Großlama der Mongolei. 1959, im Alter von 119, stirbt er in Shanghai. In seiner letzten Rede sagte er zu seinen Schülern: »Ich bedaure, dass ich euch nicht so unterrichten kann, wie die großen alten Meister dies taten. Ich versuche einfach mein Bestes. Vergesst nicht: Es wird eine lange Reise sein. Übt euch mit lang-ausdauerndem Geist!«
Nach sechs Jahren der strengen Askese ist sich Prinz Siddhartha, der zukünftige Buddha, gewiss, dass nicht nur der Weg der meditativen Versenkung, sondern auch der Weg der Kasteiung – trotz seiner unendlichen Geduld und Ausdauer – nicht zur Befreiung führt. Es ist ihm nun ganz klar, dass weder Sinnesgenuss noch Selbst-Kasteiung gute Voraussetzungen sind, um Geist und Herz zutiefst zu entfalten. Er erinnert sich an eine Situation aus seiner Kindheit: Als sein Vater, der König, bei einem Ritual einen Acker pflügte, saß der Knabe im Schatten eines Rosenapfelbaumes. Dort wurde ihm eine Erfahrung tiefsten Friedens, höchster Präsenz und größter Offenheit zuteil. Die deutliche Erinnerung an diesen Augenblick ist es, die den Asketen schließlich dazu bewegt, die Selbstkasteiung aufzugeben und einen mittleren Weg zwischen den Extremen zu wählen. Er entschließt sich, wieder Nahrung zu sich zu nehmen, dem Körper Erholung zu gönnen, um wieder Kraft und Energie zu tanken.
Dies markiert einen weiteren konsequenten Schritt in seinem Leben. Er bricht mit einem selbst gewählten Praxis-Stil, dem in seiner Zeit in hohem Ansehen stehenden Weg der Askese. Der Bruch ist so radikal, dass die Schüler, die ihm damals folgen, ihn sogleich verlassen. Für sie ist er einer, der versagt hat und damit als Meister und Vorbild erledigt ist.
Immer wieder wagt der Buddha solche Schritte ins Unbekannte, und er tut es auch später in der Art, wie er lehrt. Auch das kann beispielhaft für uns sein. Auch wir müssen es immer wieder wagen, hinzuschauen, zu erforschen und zu prüfen: Sind die Dinge wirklich so, wie sie gelehrt werden, wie es die Tradition oder die Gesellschaft will, wie wir sie entsprechend unseren gewohnten Sichtweisen sehen? Folgen wir wirklich unseren eigenen tiefsten Erfahrungen, oder sind wir einfach Mitläufer? Das Wagnis, die Dinge zu hinterfragen, braucht aber nicht nur Mut, sondern auch außerordentliche Ehrlichkeit; Ehrlichkeit uns selbst gegenüber. Brechen wir eine Praxis ab und folgen einer anderen, weil sie uns zu anstrengend ist und wir hoffen, auf einfachere, mühelosere Weise ans selbe Ziel zu kommen? Oder weil wir zutiefst verstanden haben, dass dieser Weg für uns nicht hilfreich, nicht befreiend ist?
Der Weg der Erkenntnis: Vollständiges Erwachen, tiefster Frieden
Prinz Siddhartha nimmt nun wieder Nahrung zu sich und gelangt zu Kräften. Er setzt sich am Ufer des Niranjana-Flusses, in der Gegend des heutigen Bodhgaya, unter einen großen Baum und beschließt, nicht eher von seinem Sitz aufzustehen, bis er das Dasein in seiner ganzen Tiefe verstanden hat.
In tiefste Meditation versunken erkennt er den Kreislauf von Geburt, Tod und Leiden, den die Lebewesen endlos durchlaufen – von Verlangen getrieben, durch Anhaften gefesselt. Er durchschaut den Prozess des abhängigen Entstehens dieses vergänglichen Daseins und erkennt die Möglichkeit tiefster Befreiung durch das endgültige Versiegen des Durstes nach Existenz, durch die Erkenntnis des Unerschaffenen, Todlosen – Nirvana.
Es ist in dieser Nacht, dass Mara seinen Großangriff startet. Mara ist der mächtige Gott des »Bösen«, des Unheilsamen und Leidschaffenden, die Verkörperung aller schwierigen Energien und Kräfte des Herzens, der Täuschung, der Begierde, des Hasses. In traditionellen Bildern werden Maras Eigenschaften als Dämonen, als scheußliche Kreaturen, als Wilde personifiziert, die mit Speeren, Bogen und Kriegsbeilen auf den zukünftigen Buddha losstürmen, wobei dieser furchtlos inmitten aller Angriffe dasitzt – offen, gelassen, in innerer Balance.
Doch schickt Mara auch seine verführerischsten Kräfte in die Schlacht: Gier, Verlangen, Anhaften an Vergnügen, an Sinneslust, an Erfolg und Ehre, Festhalten an all dem, was wir meinen, unbedingt zu brauchen. Aber des zukünftigen Buddhas Haltung bleibt die gleiche: Anstatt sich mit den Verlockungen zu identifizieren, sich darin zu verlieren, ruht er in unerschütterlicher Offenheit und innerer Balance.
Als letzte Waffe setzt Mara den Zweifel ein. Er zweifelt das Recht des zukünftigen Buddha an, den Platz des Erwachens einzunehmen. Er zweifelt sein Recht auf innere Freiheit, auf vollständiges Erwachen an. Manche Statuen zeigen den Buddha, wie er mit der rechten Hand die Erde berührt. Damit ruft er die Göttin Erde als Zeugin dafür an, dass er in Hunderten vergangener Leben die heilsamen Qualitäten seines Geistes und Herzens zur Vollkommenheit entwickelt hat und ihm damit das Recht zusteht, den Platz des Erwachens einzunehmen. Es heißt, die Göttin Erde habe hundertfach und tausendfach gebebt, um das Recht des Buddha zu bestätigen.
Vielen ist sicher die Darstellung des zukünftigen Buddha bekannt, wie er voller Ruhe, Gelassenheit und Würde unter dem Baum sitzt, umtobt von Maras Armeen. Dabei verwandeln sich all die Speere, Pfeile und Keulen – Symbole der inneren negativen Emotionen und Aggressionen – in Blumen. Der Buddha sitzt in tiefstem Frieden, und Blumenblätter fallen. Dies ist ein weiterer wichtiger Hinweis: Es ist die Haltung des wachen Offenseins, des weisen Annehmens, der liebevollen Güte (metta/maitri), die all diese Dämonen, all diese unheilsamen Kräfte in Blumen, in die Qualität liebevoller Gelassenheit umwandelt.
Und eben diese innere Haltung ist es, die wir in der Meditation üben; wir üben, gegenwärtig zu sein, in einer Haltung der Offenheit, des Willkommenheißens. Diese wache, liebevolle Zuwendung, diese liebevolle Güte, bringen wir für das auf, was sich in unserem Innern zeigt, aber natürlich wirkt sie gleichermaßen auch nach außen. Begegnen wir unseren Mitmenschen mit einer solchen Haltung, fühlen sie sich respektiert und geliebt. Eine Atmosphäre der Furchtlosigkeit, des rücksichtsvollen, wertschätzenden und verantwortlichen Seins und Handelns entsteht.
In einer solchen Haltung sitzt auch Prinz Siddhartha unter dem Baum, in unerschütterlicher, liebevoller Gelassenheit, wie es heißt, und erlangt in dem Moment, in dem der Morgenstern über dem Horizont aufsteigt, vollständiges Erwachen. Er hat die endgültige und tiefst mögliche Offenheit, Klarheit und Ganzheit erreicht. Er ist frei von Verlangen, von der treibenden Kraft der Gier, frei von Hass und Täuschung, frei vom Nichtverstehen der Wirklichkeit. Tiefer, grenzenloser Frieden ist es, den er gefunden hat.
Genau hier liegt die überragende Bedeutung des Buddha für uns heute, die Aktualität seiner Lehre. Der Buddha erkennt die Möglichkeiten des menschlichen Herzens und Geistes. Er vertröstet nicht auf ein beglückendes Jenseits, sondern setzt sich direkt mit dem eigenen Geist in dieser Welt – hier und jetzt – auseinander. Er findet eine Lösung für das menschliche Dilemma, das Problem des Leidens, eine Lösung, die von jedem Menschen – jederzeit – anwendbar ist. Sein Leben lässt keinen Zweifel daran, was uns Menschen tatsächlich möglich ist. Aber es lässt auch keinen Zweifel daran, wie viel es dazu braucht: Es wird nämlich nichts weniger als alles von uns gefordert. Wir sollten diesen befreiten, vollkommenen Menschen nicht so sehr als ein Ideal betrachten, an dem wir uns messen müssten, sondern als Inspiration, sich mit aller Entschlossenheit und aus ganzem Herzen der Praxis zuzuwenden, um in Richtung innere Freiheit und Verbundenheit zu gehen.
Das Mitgefühl erwacht
Sieben Wochen lang genießt der Buddha den Frieden der großen Erkenntnis. Es heißt, dass er zuerst nicht habe lehren wollen, weil er glaubt, es gebe niemanden, der ihn verstehen könne. Nach sieben Wochen des inneren Friedens und der Ruhe blickt er mit seinem inneren Auge über die Welt. Er sieht, dass alle Lebewesen ständig damit beschäftigt sind, glücklich zu werden. Aus Verblendung und Unverstand tun sie jedoch immer wieder genau das, was ihnen Leiden beschert. Diese Erkenntnis ist es, die sein umfassendes, grenzenloses Mitgefühl, das er in zahllosen Leben entwickelt hat, vollständig zum Erblühen bringt.
Er sieht auch, dass es Menschen gibt, die nur »wenig Staub auf den Augen haben« und fähig sind, zu sehen, was er gesehen hat, zu verwirklichen, was er verwirklicht hat. So beschließt er, auf Wanderschaft zu gehen und zu lehren. In diesem Moment, mit dieser bedingungslosen Öffnung seines Herzens, ist er zur Vollendung gelangt.
Die Lehre
Zuerst wandert der Buddha von Bodhgaya nach Isipathana, dem heutigen Sarnath bei Benares. Dort trifft er auf die fünf Asketen, die ihn nach seiner Entscheidung, wieder genügend Nahrung zu sich zu nehmen, verlassen haben. Sie sind fest entschlossen, ihn noch nicht einmal zu begrüßen. Aber seine Würde und Ausstrahlung sind von solcher Kraft, dass sie ihm, entgegen ihrem eigenen Willen, einen Sitz als Lehrer anbieten. Und der Buddha hält vor ihnen seine erste Lehrrede und setzt damit das »Rad der Lehre« in Bewegung. Als Erstes lehrt er den Mittleren Weg zwischen Kasteiung und Ausschweifung sowie die Vier Edlen Wahrheiten – sozusagen die Grundaussagen, auf denen seine ganze Lehre aufbaut, die er in den folgenden Jahrzehnten unermüdlich darlegen wird. Der Buddha lehrt:
•dass dieses Dasein Konflikte, Schwierigkeiten und endloses Leiden aller Art beinhaltet, und er betont die Notwendigkeit, diese Tatsache vollständig wahrzunehmen und anzuerkennen;
•dass die Ursachen allen inneren Leidens in uns selbst liegen, in unserem Herzen, in unserem Geist;
•dass es möglich ist, sich von all diesem inneren Leiden und seinen Ursachen zu befreien, indem wir die Ursachen erforschen und sie letztlich überwinden und heilen;
•und legt den Weg, die Mittel und Methoden dar, die zu dieser Befreiung, zu tiefster Verbundenheit und zu weisem und engagiertem Wirken in dieser Welt führen.
Der Buddha hat die Tatsachen des Daseins ergründet und Dinge erkannt, die nie zuvor in dieser Klarheit und Genauigkeit gesehen und gelehrt worden sind. Das Herzstück seiner Lehre ist das bedingte abhängige Entstehen (paticca samuppada/pratitya samutpada) sowie die Leerheit von unabhängiger Selbstexistenz (anatta /anatman, suññatta/shunyata)
Das Herzstück seiner Praxis ist das achtsame Gewahrsein zum Zweck der befreienden Erkenntnis. Wesentlich sind auch seine Ermutigung zur persönlichen Selbstständigkeit in der Erforschung der Wirklichkeit und in der Umsetzung der Praxis und gleichzeitig seine nachdrückliche Aufforderung zur sozialen Einbindung in Gemeinschaft und Gesellschaft.
Was der Buddha damals entdeckt und gelehrt hat, ist auch für uns heute noch von Gültigkeit. Es gibt immer noch diesen Weg der Liebe und des Mitgefühls, den jeder und jede von uns wiederentdecken und verwirklichen kann – und uns steht diese Praxis der Erkenntnis und der Befreiung zur Verfügung und wir sind frei, sie zu nutzen.
Mitgefühl und Verbundenheit leben
Die nächsten 45 Jahre seines Lebens wandert der Buddha unermüdlich von Ort zu Ort. Menschen aller Herkunft und Glaubensrichtungen kommen zu ihm, um sich beraten und inspirieren zu lassen. Asketen, Mönche und Nonnen, Prinzessinnen und Könige, Kaufleute, Kurtisanen, Handwerker und Bauern, sogar Räuber und Mörder suchen ihn auf. Es kommen Gottesgläubige und Atheisten, Feueranbeter und Materialisten, Brahmanen und Kastenlose. Sie stellen ihre Fragen und erhalten Antworten in Form von Geschichten, Beispielen, weisen Erklärungen und vor allem praktischen Anweisungen.
Wer immer zur Praxis Fragen hat, kann zu ihm kommen und erhält einen Rat. Hat jemand ein philosophisches Problem, hilft er – oft durch geschicktes Zurückfragen – es auf praktische Weise zu lösen. Ist jemand in Not geraten, ist der Buddha für ihn da. Er schlichtet Fehden zwischen sich bekriegenden Volksstämmen. Er sorgt dafür, dass in seinem Orden klare und menschliche Richtlinien und Regeln herrschen, orientiert am Nutzen für den Weg zur Befreiung. Er achtet die Sitten und Bräuche der Gesellschaft und weiß geschickt damit umzugehen. Er ist aber auch bereit, radikal davon abzuweichen, wenn die Tradition im Gegensatz zum Weg der befreienden Weisheit und des Mitgefühls steht. In all den Jahren seines Wirkens stellt er sich unermüdlich in den Dienst des Wohles anderer.
Es gibt eine berührende Schilderung, wie der Buddha einmal zusammen mit Ananda einen Mönch antrifft, der unter schwerem Durchfall leidet und, unfähig sich zu rühren, im eigenen Dreck liegt. Nachdem sich herausstellt, dass seine Mitmönche sich nicht um ihn kümmern, bemühen sich die beiden um den Kranken, sie richten ihn auf, waschen ihn und betten ihn auf sein Lager. Daraufhin richtet der Buddha die folgenden Worte an seine Mönche: »Wenn ihr euch nicht umeinander sorgt, wer wird dann für euch sorgen? Wer immer auch mich pflegen würde, sollte auch die Kranken pflegen.«11 Für den Buddha ist Mitgefühl nicht nur ein Aspekt der Lehre, den man in formalen Meditationen – im Sinne von »Mögen alle Wesen glücklich sein« – üben sollte, sondern eine innere Haltung, die in allen Lebenssituationen zum Tragen kommt.
Das Ende eines außerordentlichen Lebens
Selbst in seiner letzten Stunde, in Kushinagar, dem Ort seines Sterbens und Eintretens in den befreiten Zustand nach dem Tod, ins Parinirvana, will ein religiöser Wanderer, Subhadda, noch eine dringende Frage an ihn richten. Als der Buddha, im Sterben liegend, von ferne hört, dass Ananda, sein Diener, den Besucher abweisen will, fordert er ihn auf, auch diesen Suchenden noch zu ihm zu lassen, damit er die Lehre hören könne. Sein Mitgefühl ist grenzenlos, bis zum Ende seines Lebens.
Sein Lebensweg, seine Art des Wirkens lassen ganz deutlich werden: Spirituelle Praxis ist nicht einfach als Weg zu persönlichem Wohlbefinden oder zur Selbstbefreiung zu verstehen, sondern sie verwirklicht sich nur dann, wenn sie letztlich der Allgemeinheit – allen Lebewesen – zugute kommt.
Der Buddha stirbt im Alter von etwa 80 Jahren. In einer seiner letzten Lehrreden geht es um die Frage, wer sein Nachfolger sein werde. Er ist nicht bereit, einen solchen zu benennen. Vielmehr erinnert er noch einmal daran, worauf wir uns wirklich verlassen sollten:
»Darum, Ananda, seid eine Insel für euch selbst, eine Zuflucht für euch selbst, keine äußerliche Zuflucht suchend; mit dem Dhamma als eure Insel, mit dem Dhamma als eure Zuflucht, ohne eine andere Zuflucht zu suchen.«12Und er erklärt, dass damit das beharrliche Praktizieren des achtsamen Gewahrseins gemeint ist.
Die zu praktizierenden vier Grundlagen der Achtsamkeit13 sind:
•die Achtsamkeit des Körpers, d. h. Achtsamkeit aller Körperempfindungen, einschließlich des Atems;
•die Achtsamkeit der Gefühlstönung (vedana), d.h. Achtsamkeit der angenehmen, unangenehmen oder neutralen Gefühlstönung jedweder Erfahrung;
•die Achtsamkeit des Geistes und der Geistesqualitäten, Geisteszustände und Emotionen wie z. B. Güte, Hass, Großzügigkeit, Geiz, Begierde, Wachheit, Schläfrigkeit, Sammlung oder Verwirrung;
•die Achtsamkeit der Objekte des Geistes, d. h. Achtsamkeit der fünf Hemmnisse, der fünf Daseinsgruppen, der zwölf Sinnesgrundlagen, der sieben Faktoren des Erwachens, der Vier Edlen Wahrheiten und der drei Daseinsmerkmale.14
Dies soll »eifrig, mit Wissensklarheit und ohne Anhaften oder Ablehnung« praktiziert werden.
Wir haben heute die Lehre, die uns den Weg einer befreienden Praxis zeigt. Wir haben die Praxis, die uns, wenn wir sie anwenden, ermöglicht, das Wesen der Wirklichkeit zu erkennen und uns von den täuschenden und quälenden Zuständen von Herz und Geist zu befreien. Wir haben Lehrer und Lehrerinnen, die uns die Lehren vermitteln und uns auf dem Weg unterstützen. Wir haben es in der Hand, den Weg der Weisheit und des Mitgefühls zu gehen. Worauf es ankommt, macht der Erwachte noch einmal in seinen letzten Worten klar: »Alles Entstandene ist vergänglich. Verwirklicht euch durch unermüdliche Aufmerksamkeit.«15
Dieser Weg, diese Lehre, diese Entdeckungsreise ist eine lebendige Erfahrung, die in den letzten 2500 Jahren ununterbrochen von unermüdlich im Leben und in der Praxis engagierten Frauen und Männern gelebt wurde und die wir uns auch heute zunutze machen können. Dies ist das Geschenk einer ungebrochenen Übertragungslinie. Dieses Geschenk geht an uns alle. Auch heute noch.
WEGGEFÄHRTEN DES BUDDHA
Den Geist unerschütterlich wie ein Felsen.
Frei von Anhaften an Dingen, die Anhaften erzeugen.
Frei von Wut gegen Dinge, die Wut provozieren.
Wie kann Leiden entstehen in jenen,
deren Geist und Herz solchermaßen
kultiviert worden ist?16
(BUDDHA)
Wie die Lebensgeschichte des Buddha können auch die der großen Meditierenden und Heiligen in seiner unmittelbaren Umgebung für unser Leben inspirierend und bereichernd sein: Ananda, sein Cousin, langjähriger Diener und Begleiter; Sariputta und Moggallana, die beiden Hauptschüler des Erwachten, sowie Mahakassapa, der große Asket, von dem der Buddha gesagt hat, dass er ihm in der Tiefe der Verwirklichung ebenbürtig sei. Mit diesen Männern beginnen die Übertragungslinien der Lehren des Buddha, welche auf ihren langen, manchmal verschlungenen Wegen durch Jahrtausende und verschiedenste Kulturen, heute, immer noch intakt, lebendig, befreiend und inspirierend, auch bei uns im Westen angekommen sind.
Ananda, Beschützer der Buddha-Lehre – Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft
Wer das Dhamma nicht hört und auch nicht versteht,
der altert töricht wie ein Ochse.
Sein Bauch nimmt zu, sein Magen wächst,
nur die Erkenntnis tut es nicht.17
(ANANDA)
Evam me sutam – So habe ich’s gehört
So oder ganz ähnlich beginnen die 84 000 Lehrreden des Buddha. »So habe ich’s gehört«, das ist die Stimme eines seiner engsten Schüler und Begleiter – die Stimme Anandas.
Auch Ananda gehört wie der Buddha zum Clan der Sakyas. Sein Vater ist ein Bruder des Königs; Ananda und der Buddha sind also Cousins – und sie sind am selben Tag geboren. Mit 37 Jahren tritt Ananda in den Orden des Erwachten ein, und Belatthasisa, ein höchst verwirklichter Mönch, wird sein Lehrer. Ananda erweist sich als ein guter Schüler und erreicht innerhalb eines Jahres die erste Stufe des Erwachens. Diese beinhaltet eine befreiende Einsicht in die wahre Natur aller Dinge, ein erstes Erkennen von Nibbana.18 Dadurch werden die falsche Überzeugung bezüglich eines unabhängig existierenden Selbstes, jeglicher Zweifel über den Weg zur Befreiung und der irrige Glaube an die befreiende Wirkung von Riten und Ritualen für immer aufgelöst.
Als Mönch ist Ananda sehr beliebt. Seine Qualitäten als Mensch und als Mönch werden weithin gepriesen, er erhält viel Lob und Anerkennung vom Buddha, von seinen erleuchteten Mönchskollegen und später auch von den vielen Menschen, die den Buddha aufsuchen oder von Ananda selbst belehrt werden. Doch all dies macht Ananda nie und zu keiner Zeit stolz. Er weiß, dass er alles, was »gut« in ihm ist, der Wirkung der Lehre und Praxis zu verdanken hat.
Es ist nicht bekannt, dass Ananda irgendwelche Feinde oder Rivalen gehabt hat, nicht einmal Neider. Auch später, als er als Buddhas »rechte Hand« täglich mit zahllosen Menschen jeder Art und Herkunft in Kontakt steht, ist nie von Konflikten, Spannungen oder Unstimmigkeiten die Rede. Das drückt sich auch in seinem Namen aus: »Ananda« bedeutet »geschätzt«, »liebenswürdig«, »angenehm«.19
Mit 55 Jahren sucht der Buddha, er ist mittlerweile bereits seit zwei Jahrzehnten als Lehrer auf Wanderschaft, einen neuen Diener, eine »rechte Hand«. Verschiedene Menschen haben ihm über die Jahre zur Seite gestanden, doch keiner hat sich als der ideale Helfer erwiesen. Was der Erwachte braucht, ist ein absolut integrer und verlässlicher Begleiter, einer, der ihm nahe ist und ihn in allem unterstützt, eine Art Sekretär. Vor allem aber braucht er jemanden, der zwischen ihm und der großen Zahl von Besuchern und Anhängern souverän vermitteln kann. Alle Mönche halten Ananda für die am besten geeignete Person, diese Aufgabe wahrzunehmen, und auch der Buddha ist einverstanden. Zu diesem Zeitpunkt ist Ananda bereits 18 Jahre lang Mönch in der Sangha20 des Buddha.
Ananda stellt Bedingungen
Obwohl Ananda diese große Aufgabe gerne übernehmen möchte, stellt er zunächst acht Bedingungen; werden sie ihm erfüllt, ist er bereit, für immer des Erwachten Begleiter und Diener zu werden. Zu diesen Bedingungen gehört, dass der Buddha eine geschenkte Robe oder Unterkunftsangebote oder persönliche Einladungen nie an Ananda weitergeben soll. Umgekehrt will Ananda immer dann, wenn er zu einem Mahl eingeladen wird, diese Einladung an den Buddha weitergeben dürfen. Ananda will damit dem Verdacht entgegenwirken, dass er den Job nur annimmt, um persönlich davon zu profitieren.
Zudem verlangt Ananda, dass er Menschen, die aus abgelegenen Gebieten gekommen sind, zum Buddha bringen kann. Dass er, wann immer er Fragen zur Lehre hat, sie dem Buddha jederzeit stellen kann. Und dass der Buddha, wann immer er in Anandas Abwesenheit eine Belehrung gibt, diese für ihn wiederholt. Diese Bedingungen sind Ananda wichtig, um auf seinem spirituellen Weg voranzukommen. Der Buddha erklärt sich bereit, alle seine Bedingungen zu akzeptieren.
Die Zustimmung zur letzten Bedingung ist nicht nur für Ananda selbst von größter Tragweite, sondern auch für alle nachfolgenden Generationen, bis zu uns heute. Denn von diesem Zeitpunkt an hat er jede Belehrung und Lehrrede des Buddha – ohne Ausnahme – gehört. Und er besitzt die außergewöhnliche Fähigkeit, sich an alles, was der Erwachte je gelehrt hat, aufs Wort genau zu erinnern – auch noch viele Jahre nach dessen Tod. Auf dem ersten Konzil, der Versammlung aller vollständig befreiten Schüler des Buddha, etwa ein Jahr nach dessen Hinscheiden, werden alle Lehrreden rezitiert und bestätigt, und es ist Ananda, der sie als Erstes wiedergibt: »So habe ich’s gehört …« Folgerichtig lautet auch einer seiner Ehrentitel: »Der, der viel gehört hat.«
Wir können die Bedeutung der Lehrreden des Buddha und deren spätere Auslegungen für uns heute kaum überschätzen. Wer der Dharma-Praxis und der Entfaltung von Weisheit und Mitgefühl einen zentralen Platz in seinem Leben einräumt, kann wohl kaum zu viel von dieser Lehre hören. Meine Lehrer und Lehrerinnen, von denen manche außergewöhnlich verwirklichte Menschen waren, saßen ihr Leben lang ihren Lamas, Ajahns oder Sayadaws unermüdlich zu Füßen, um ihnen zuzuhören. Diejenigen, welche noch leben, tun dies bis heute. Und wenn ihre Lehrer gestorben sind, empfangen sie die Belehrungen gegenseitig voneinander.
Es ist ein großes Privileg, Dharma-Vorträge hören zu können. Diese mögen interessant und unterhaltsam, eintönig oder gar langweilig sein. Aber immer ist es bereichernd, sie zu hören. Denn sie machen nicht nur mit der Lehre und der Praxis bekannt und vertraut, sondern erinnern immer wieder unmissverständlich daran, diese Lehre auch anzuwenden und konkret umzusetzen.
Der Prozess des Lernens wird in der tibetischen Tradition mit thö – sam – gom umschrieben. Dies bedeutet so viel wie zuhören, darüber nachdenken und meditieren. Das wache Zuhören ist dabei das Erste und Grundlegende. Dann wird über das Gehörte reflektiert und kontempliert. Erst auf dieser Grundlage folgt das Meditieren, das sich mit dem Gehörten, Reflektierten und Kontemplierten Vertraut-Machen, das Umsetzen und Anwenden.
»So habe ich’s gehört«, berichtet Ananda. Und wir können ihm unendlich dankbar sein – ihm, dem ersten Ohrenzeugen in der ununterbrochenen Kette von Menschen, die diese kostbaren Lehren über viele Generationen bis zu uns überliefert haben.
Von ihm selbst ist wenig überliefert. In den Theragata, den gesammelten Versen der Älteren (Thera heißt »Älterer« im respektvollen Sinne), gibt es einige wenige Verse, die Ananda zugeschrieben werden.
Aus des Erhabenen Mund hört’ ich zweiundachtzigtausend Lehrreden.
Und zweitausend mehr aus dem Mund seiner großen Schüler.
Von vierundachtzigtausend Reden die Bedeutung ich nun kenn’.
Wer das Dhamma nicht hört und auch nicht versteht,
Der altert töricht wie ein Ochse.
Sein Bauch nimmt zu, sein Magen wächst,
Nur die Erkenntnis tut es nicht. (…)
Folgst du jenen, die viel Dhamma hörten,
Wird die Lehre nicht versiegen.
Die Wurzel des vortrefflichen Lebens ist es,
Ein Dhamma-Beschützer zu sein.21
Man kann Ananda als einen der großen Beschützer der Lehre sehen: In umsichtiger Weise betreut er den Buddha, kümmert sich um die vielen Besucher und sorgt dafür, dass die Belehrungen des Erwachten richtig und vollständig weitergegeben werden.
Nach dem Tod des Buddha findet Ananda auch wieder Zeit, sich mit aller Energie der eigenen Meditationspraxis zu widmen. Da er der Einzige ist, der alle 84 000 Lehrreden gehört hat, braucht man ihn auf dem Konzil, der ersten Versammlung aller erwachten Schüler. Dort sind jedoch nur vollständig Befreite zugelassen, und dazu gehört Ananda noch nicht. So drängt man Ananda, noch eifriger zu praktizieren, damit er die »Teilnahmebedingungen« für die Versammlung erfüllt. Ananda ist nun gefordert! Tag und Nacht meditiert er ununterbrochen – auch in der letzten Nacht vor dem Konzil, das bei Sonnenaufgang beginnen soll. Während einer Gehmeditation wird ihm plötzlich klar, dass sein Bemühen viel zu angestrengt und verkrampft ist.
So entscheidet er, sich zur weiteren Meditation hinzulegen, um so die Faktoren des Erwachens in seinem Geist in die richtige Balance zu bringen. Genau während er dies tut, öffnet sich sein Geist für die drei noch fehlenden Stufen des Erwachens – die zweite und die dritte Stufe22 – und in dem Moment, als sein Kopf das Kissen berührt, ist er ein Arahat, ein vollständig Befreiter.23 Damit ist er frei von sämtlichen täuschenden und quälenden Fesseln von Herz und Geist wie Verlangen, Abneigung, Anhaften an Zuständen der Reinen Form und des Formlosen sowie den verbleibenden Spuren von Stolz, Ruhelosigkeit und Verblendung. All die Bemühungen und Anstrengungen seines langen, unermüdlichen, beispielhaften Praxisweges sind zur Reife gelangt. Doch ist er nicht nur vollständig befreit, nein, er ist auch gleich mit allen übersinnlichen Kräften24 ausgestattet. Dies erlaubt ihm, so die Überlieferung, sich im nächsten Augenblick auf dem für ihn reservierten Platz auf dem Konzil, wo alle bereits auf ihn warten, zu manifestieren – genau als die Sonne über dem Horizont aufgeht.
Richtiges Bemühen ist die eigentliche Kunst der Meditation. Es bedeutet, immer wieder zur unmittelbaren Erfahrung des Hier und Jetzt aufzuwachen und in direkten Kontakt damit zu treten. Dazu ist die Bereitschaft notwendig, Erfahrungen genau so zu fühlen, so zu belassen und so zu akzeptieren, wie sie gerade sind. Dies steht im Gegensatz zur üblichen Tendenz unseres Geistes, sich mit den Erfahrungen zu identifizieren, sich darin zu verlieren, um dann zu versuchen, sie entweder zu behalten oder loszuwerden oder sonstwie unter Kontrolle zu bekommen. Dieser Tendenz wirken wir entgegen, wenn wir mit sanfter Präzision, entspannter Sorgfalt und liebevoller Entschlossenheit dem Leben so begegnen, wie es in jedem Augenblick wirklich ist.
Dazu kultivieren wir Qualitäten des Geistes, wie zum Beispiel die sogenannten Sieben Faktoren des Erwachens: Achtsames Gewahrsein, Erforschen, Enthusiastisches Bemühen, Freudiges Interesse, Ruhe, Sammlung und Gelassenheit. Diese Erleuchtungsfaktoren ermöglichen es uns, das Wesen der Wirklichkeit, das heißt, deren Vergänglichkeit, Unzulänglichkeit und nichtselbstexistente, leere Natur zutiefst zu erkennen. Eben diese Erkenntnis ist es, die Herz und Geist von den Leid schaffenden Eigenschaften – Verlangen, Abneigung und Verblendung – letztlich zu befreien vermag. Und eben in dem Moment, in dem Ananda von seinem allzu angestrengten Bemühen ablässt, er sich entspannt, gelangen die Qualitäten des Erwachens ins perfekte Gleichgewicht – er realisiert vollständige Befreiung.
Ananda ist für sein außerordentliches Wissen um die Lehre bekannt, aber auch für seine Fürsorglichkeit und seine Bereitschaft, sich vorbehaltlos aufzuopfern. Einmal wird der Buddha, so die Legende, von einem wild gewordenen Elefanten angegriffen. Als Ananda sieht, dass der Erwachte in Gefahr ist, wirft er sich kurzentschlossen vor den Elefanten, um sich für den Erhabenen zu opfern. Der Buddha aber verfügt über übersinnliche Kräfte und vermag so Ananda vor dem sicheren Tod zu retten. Seine unerschütterliche und liebevolle Präsenz besänftigt den Elefanten, der sich beruhigt niederlegt.
Geschichten dieser Art lösen heute oft eine Debatte darüber aus, ob es wirklich solche übersinnlichen Kräfte gibt, wie sie der Buddha bei dieser Gelegenheit eingesetzt hat. Von größerer Relevanz für uns an dieser Geschichte ist aber die grenzenlose Hingabe Anandas, der sich ohne Zögern in Lebensgefahr begibt, um den Buddha vor der drohenden Gefahr zu schützen.
Wirkliche Hingabe an den Dharma und an Menschen, die Hilfreiches bewirken, ist eine mächtige Kraft auf dem spirituellen Weg. Hingabe ist dem Vertrauen nah verwandt, eine Eigenschaft, die oft als »Tor zu allen guten Qualitäten des Herzens und des Geistes« bezeichnet wird. Erst wenn wir Vertrauen und Hingabe entwickelt haben, können wir uns wirkungsvoll einer spirituellen Praxis widmen. Das bedeutet nicht, dass wir uns in blindem Glauben einer charismatischen Person oder einem religiösen Glauben oder Dogma unterwerfen oder hingeben sollten. Vielmehr bedeutet es, eine Praxis, die wir selbst ausprobiert und für wirkungsvoll befunden haben, von ganzem Herzen umzusetzen. Gepaart mit Weisheit und Klarheit können Vertrauen und Hingabe im Inneren wie im Äußeren tiefe spirituelle Wandlung bewirken.
Bittsteller für die Nonnen
Ananda spielt auch eine entscheidende Rolle beim Entstehen des ersten buddhistischen Nonnenordens. Hauptakteurin dabei ist die Stiefmutter des Buddha, Pajapati, die Schwester seiner früh verstorbenen leiblichen Mutter. Nach dem Tod ihres Ehemanns, König Suddhodana, Vater des Buddha, beschließt auch Pajapati, dem Leben im Palast zu entsagen und den Weg der Hauslosen zu gehen. Allerdings gibt es zu dieser Zeit in Indien kaum wandernde Asketinnen und Bettelnonnen. Trotzdem ist Pajapati entschlossen und bittet den Buddha um Aufnahme in seinen Orden. Wissend um die Probleme, die entstehen können, wenn Männer und Frauen im selben Orden sind, lehnt dieser die Bitte mehrfach ab. Ananda aber spürt, dass es nur gerecht und angemessen wäre, Frauen die gleichen Möglichkeiten zuzugestehen, sich voll und ganz der Praxis des Dharma zu widmen. Schließlich hat der Buddha selbst nie einen Zweifel daran gelassen, dass Frauen den Männern in spiritueller Hinsicht vollkommen ebenbürtig sind. Damit hat er sich klar gegen die Vorstellungen der damaligen, durch und durch patriarchalen Gesellschaft gestellt. Von Pajapatis Hingabe, Entschlossenheit und Entsagung bewegt, versucht Ananda immer wieder, den Buddha umzustimmen, bis dieser schließlich nachgibt und der Bildung eines Ordens, einer Sangha der Nonnen, zustimmt.
Im Laufe der Zeit ist die Möglichkeit für Frauen, die volle Ordination als Nonne zu erhalten, in vielen buddhistischen Ländern wieder verloren gegangen. Seit zwei, drei Jahrzehnten gibt es vonseiten westlicher Frauen aber auch Frauen aus buddhistischen Ländern Asiens aber starke Bestrebungen und Initiativen, die volle Nonnen-Ordination wieder in allen Traditionen einzuführen, was bisher erst teilweise gelungen ist. Dabei ist immer noch keineswegs klar, ob die Aufhebung der ursprünglich in den Regeln festgelegten Unterordnung der Frauen25 vom orthodoxen Klerus auch tatsächlich akzeptiert werden wird.
Jedenfalls ist die Rolle Anandas für die damaligen wie für die heutigen Verhältnisse sehr mutig, fortschrittlich und richtungsweisend.
Anführer und Friedensstifter
Nach dem Tod des Buddha wird Mahakassapa, einer seiner wichtigsten Schüler, zum »Ältesten« der Sangha. Diese Funktion wird nach Mahakassapas Ableben von Ananda bekleidet. So gehört Ananda auch in dieser Hinsicht zu den großen Autoritäten in der 2500-jährigen Übermittlung dieser befreienden Praxis. Er soll nach Buddhas Tod noch 40 Jahre gelebt haben und 120 Jahre alt geworden sein.
Anandas Leben ist von tiefer Fürsorglichkeit für die Menschen geprägt, die oftmals in großer Not zu ihm kommen oder in lebenswichtigen Fragen um Rat und Hilfe bitten. Noch am Ende seines Lebens ist er um seine Mitmenschen besorgt. Als er den Tod nahen fühlt, wandert er noch einmal von Rajagaha nach Vesali, wie es sein Meister oft getan hat. Als der König von Magadha und die Prinzen von Vesali hören, dass Anandas Tod bevorsteht, machen sie sich auf den Weg, um ihn zu finden. Ananda kommt dies zu Ohren und er ahnt, dass es einen Streit um seinen toten Körper geben wird, wenn er auf dem Boden einer der beiden oft miteinander im Streit liegenden Parteien aus dem Leben scheidet. Denn die Reliquien großer Heiliger, wie Ananda einer ist, gelten als mächtiger Segen, und den will man sich für das eigene Land oder den eigenen Clan sichern. Es heißt, dass Ananda sich, um keine Seite zu benachteiligen, im Augenblick des Todes mittels seiner übersinnlichen Kräfte in die Lüfte erhob und seinen Körper in Feuer aufgehen lässt. So gibt es keine sterbliche Hülle, über die man sich streiten kann. Tief bewegt von Anandas letzter Lektion einigen sich die streitenden Parteien friedlich, verteilen großmütig die verbliebenen Reliquien und errichten Stupas26 an verschiedenen Orten des Landes.
Ananda ist ein Mensch, den man leicht ins Herz schließen, dessen Leben aber auch eine wunderbare Quelle der Inspiration sein kann. Mit großer Hingabe hat er dem Buddha und dem Dharma gedient und sich dabei Freundlichkeit und Sanftheit bewahrt. Er hat eine ungemein wichtige Position innegehabt, scheint aber nie irgendwelchen Dünkel an den Tag gelegt zu haben. Er versuchte nie, sich in den Vordergrund zu spielen oder andere von seiner Wichtigkeit zu überzeugen. Er muss ein unglaubliches Geschick im Umgang mit Menschen besessen haben, hat er doch in den Jahrzehnten als Diener des Buddha mit so vielen Männern und Frauen aus ganz unterschiedlichen Hintergründen zu tun gehabt. Jeder, der viel mit Menschen zu tun hat, weiß, wie schwierig das manchmal sein kann. Seine Freundlichkeit und Sanftheit müssen also mit Klarheit und Entschiedenheit gepaart gewesen sein. Und er hat sich mit großer Ausdauer für das eingesetzt, was er als gerecht und richtig erkannt hat, wie zum Beispiel die Ordination von Frauen. Doch vor allem hat auch er vollständige Befreiung erlangt, obwohl der Schwerpunkt seiner Praxis in den vielen Jahren an der Seite des Buddha vermutlich nicht die Meditation gewesen ist, sondern sein Dienst an anderen. Welch wunderbares Vorbild Ananda für uns in all diesen Aspekten sein kann!
Sariputta und Moggallana – Meister der Weisheit, Meister der übersinnlichen Kräfte
Tut euch, ihr Mönche, mit Sariputta und Moggallana zusammen
und bleibt in ihrer Gesellschaft!
Sie sind weise Mönche und Helfer ihrer Ordensbrüder.
Sariputta ist wie eine Mutter, die gebiert,
und Moggallana wie eine Amme,
die das neugeborene Kind nährt.
Sariputta führt seine Jünger zur Frucht des Stromeintritts
und Moggallana geleitet sie zum höchsten Ziel.27
(BUDDHA)
Jugendfreunde auf der Suche nach der Wahrheit
Der Buddha hat zwei Hauptschüler: Sariputta und Moggallana, die oft in einem Atemzug genannt werden.
Der eine ist Kolita Moggallana. Er wird als Sohn einer reichen und angesehenen Familie aus der Brahmanen-Kaste in der Nähe von Rajagaha (heute Rajgiri), der Hauptstadt des Königreichs Magadha im heutigen indischen Staat Bihar, geboren. Am selben Tag kommt in einer befreundeten Familie im Nachbardorf Upatissa Sariputta zur Welt. Beide sind von sehr verschiedenem Charakter, doch werden die zwei Knaben schon in früher Kindheit zu unzertrennlichen Freunden. Sariputta ist ein tatendurstiger, wagemutiger Typ, voller Abenteuerlust und ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Kolita Moggallana ist dagegen vorsichtig und sucht eher das zu bewahren, was er erreicht hat.
Beide wachsen in Wohlstand und guten, harmonischen Verhältnissen auf, und so können sie, anders als die meisten ihrer Altersgenossen, ihre Kindheit größtenteils mit Spiel, Sport und anderen Vergnügungen verbringen. Eines Tages besuchen beide in der nahe gelegenen Stadt eine Theateraufführung. Es ist ein »leichtes« Stück, das dort gezeigt wird, und doch hat es für die beiden weitreichende Folgen. Denn sie erkennen, dass unter der unterhaltsamen Oberfläche des Theaterstücks noch eine verborgene, tiefere Bedeutung zu finden ist, die von der wahren Natur des Lebens kündet, von der Tatsache, dass das Dasein unzulänglich, allzu kurz und vergänglich ist. Eine Existenz, die nur auf Vergnügen und Unterhaltung aus ist, kann deshalb weder Sinn noch Erfüllung geben. Diese tiefe Erkenntnis gibt ihrem Leben eine entscheidende Wende. Sie entschließen sich, der Welt zu entsagen und als Asketen auf Wanderschaft zu gehen, verlassen ihr komfortables Zuhause und machen sich auf die Suche nach einem Lehrer, um die Wahrheit über das Dasein zu ergründen.
Etwa zur selben Zeit heiratet weit oben im Norden Indiens, im Königreich der Sakya, Prinz Siddhartha Gautama die Prinzessin Yasodara.
Ähnlich wie Sariputta und Moggallana vor 2500 Jahren ziehen im heutigen Indien noch immer Millionen Saddhus – Fakire, Asketen, Yogis, Swamis – durch das Land, um durch die Praxis der Hingabe, des Betens, des Fastens oder des Yoga und der Meditation zu innerer Freiheit zu gelangen. Es gibt Saddhus, die ein Gelübde ablegen, für den Rest ihres Lebens nur noch zu stehen. Auch nachts, während des Schlafens, legen sie sich nicht hin, sondern lehnen sich zum Beispiel über den niedrigen Ast eines Baumes. Vor einigen Jahren gelobte ein Saddhu, von Zentral-Indien aus fast 2000 Kilometer nach Norden zu einem heiligen Ort in Kaschmir zu pilgern – und zwar seitwärts rollend. Für diese Reise brauchte er etwa sechs bis acht Monate. Die enormen Anstrengungen, denen er sich dabei unterzog, und die vielen Verletzungen, die er sich durch diese Art der Fortbewegung zuzog, brachten ihn mehrmals in Todesnähe, aber er ließ nie von seinem Vorhaben ab.
Manche Saddhus praktizieren Yoga und Meditation, wieder andere geben sich dem Beten, dem Gesang oder der selbstlosen Arbeit für Arme und Leidende hin. Nicht jede dieser hingebungsvollen Praktiken führt zu innerer Befreiung. Und auch nicht jeder dieser Wege mag für ein spirituelles Wachstum förderlich und sinnvoll sein. Doch Menschen, die ihren Weg in einem solch radikalen Ausmaß gehen, um die Wahrheit über die Wirklichkeit dieses Daseins zu erforschen und zu erfahren, können auch für uns ein Quell der Inspiration sein. Sie stehen für die Tatsache, dass, wer tiefe innere Veränderung verwirklichen möchte, sich voll und ganz seiner Praxis hingeben muss, wie immer diese Praxis dann auch aussehen mag. Dabei ist zu bedenken, dass der Buddha, nicht zuletzt aufgrund eigener Erfahrungen mit asketischen Lebensweisen, stets einen mittleren Weg, jenseits der Extreme, gelehrt hat.
Zwei Jahrzehnte lang wandern Upatissa Sariputta und Kolita Moggallana, oft auf getrennten Wegen, durch Nordindien. Sie durchstreifen unwegsame Dschungel und unwirtliche Bergregionen, kommen durch viele Dörfer und Städte und lauschen den unterschiedlichsten Belehrungen, die sie dann in der Praxis erproben. Sie haben vereinbart, dass derjenige, der eine endgültig befreiende Lehre gefunden und selbst erfahren hat, den anderen suchen und ihm darüber berichten wird.
Eines Tages begegnet Sariputta dem Ehrwürdigen Assaji, einem erleuchteten Schüler des Buddha. Kaum hat Sariputta aus dem Munde Assajis den ersten Vers einer Belehrung gehört, erreicht er bereits die erste Stufe des Erwachens. Sogleich macht er sich auf, seinen Freund Moggallana aufzufinden, um ihm von seinen Erfahrungen zu berichten. Moggallana erkennt augenblicklich, welch tiefe Veränderung in Sariputta vorgegangen ist, so voller Erleichterung, so strahlend und befreit erscheint er ihm. Moggallana bittet ihn, ihm die Belehrung, die er vernommen hat, zu wiederholen – und auch er erreicht sogleich die erste Stufe des Erwachens.
Und das ist der Vers, den der Ehrwürdige Assaji gelehrt hat:
Der Tathagata (der Buddha) lehrt die Ursachen und Bedingungen für das Entstehen aller Dinge.
Und der Große Asket (der Buddha) lehrt, was sie zu einem Ende bringt.28
Dieser kurze Hinweis reicht den beiden – der Hinweis auf das bedingte, abhängige Entstehen aller Dinge und auf die Möglichkeit, das Unerschaffene, Unbedingte zu verwirklichen und damit dem Ende allen inneren Leidens einen beträchtlichen Schritt näher zu kommen. Alle Dinge des Daseins sind ständigem Wandel unterworfen; sie entstehen und vergehen von Moment zu Moment als Wirkung zahlloser vorhergegangener Bedingungen. Dies bedeutet, dass sie keinerlei festhaltbare Substanz oder unabhängige Selbstexistenz besitzen und deshalb auch in keiner Weise ergriffen und festgehalten werden können. Diese Tatsache zutiefst zu erkennen bewirkt ein vollständiges Loslassen, ein Ende allen Ergreifens, wodurch der Friede des Nibbana, des Unbedingten, der Befreiung erfahren werden kann.
Verwirklichung der inneren Befreiung
Sariputta und Moggallana genügt es, diesen einen Vers zu hören. Schön wär’s, wenn das immer so einfach wäre! Vielleicht denken wir, dass diese Erzählungen ja »nur« Legenden sind, welche die Ereignisse stilisiert und überzeichnet beschreiben und mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben. Das mag sein. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass viele Schüler des Buddha bereits vor ihrer Begegnung mit ihm große Praktizierende gewesen sind und viele Jahre der Askese und der tiefen Versenkungsmeditation (jhana), wie sie zu jener Zeit vorzugsweise gelehrt wird, geübt haben. Dies sind Meditationszustände in denen Herz und Geist in vollständig gesammelter Weise auf ein einziges Objekt ausgerichtet sind, wodurch unerschütterliche Ruhe, grenzenloser Friede und große Klarheit erfahren werden können. Sie sind außerordentlich hilfreiche, wenn auch nicht unabdingbare Voraussetzungen, um zur Erkenntnis des Wesens aller Dinge zu gelangen.
Für uns heute ist kaum mehr vorstellbar, was es heißt, wie Sariputta und Moggallana zwanzig Jahre lang durch die Wildnis des alten Indiens zu wandern – ohne festes Dach über dem Kopf, ohne gesicherte tägliche Nahrung, ohne Schutz vor Unwettern, Tieren oder Krankheiten. Doch schafft eine solche langjährige, konsequente Praxis des Entsagens und der Entwicklung von Geduld und Ausdauer ideale Voraussetzungen für eine Öffnung des Geistes und Herzens, und diese kann tiefe Erkenntnis und Befreiung bewirken. Durch ihre unermüdliche Suche ist der Geist Sariputtas und Moggallanas so vorbereitet, dass die Samen, die der Ehrwürdige Assaji mit seinen Worten setzt, sofort zur Reife gelangen und Früchte tragen.
Die Erfahrung augenblicklichen Erwachens, wie sie den beiden Mönchen widerfährt, wird auch in Zen-Geschichten häufig beschrieben. Der Schüler fragt den Meister: »Was ist die tiefste heilige Wahrheit?« Der Meister antwortet etwas oder packt den Schüler am Kragen oder stößt einen Schrei aus, und der Schüler wird augenblicklich erleuchtet. Auch hier vergisst man leicht, dass sich der Schüler, die Schülerin vielleicht schon während Jahrzehnten – manchmal Tag und Nacht – in Meditation geübt hat.
Bevor Sariputta und Moggallana zu Schülern des Buddha werden, berichten sie traditionsgemäß ihrem Lehrer, dem berühmten Sanjay, was sie gefunden haben. Dieser erkennt, dass seine Schüler den endgültigen Weg zur Befreiung entdeckt haben und dass die Lehre des Buddha seiner eigenen überlegen ist. Doch weil er selbst Hunderte von Schülern und Anhängern hat, glaubt er, es sich nicht leisten zu können, wieder zum Schüler zu werden. So bringt er es nicht über sich, sich Sariputta und Moggallana anzuschließen.
Dabei ist es so wichtig, gerade auch heute, dass wir immer Schüler, immer Schülerin bleiben. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass dies ein Maßstab für die Ernsthaftigkeit der Lehrenden ist. Wir brauchen einfach bis zur vollständigen, unzweideutigen Befreiung von allen Formen des Leidens immer wieder Lehrer, Lehrerinnen. Sonst laufen wir Gefahr zu stagnieren – unabhängig davon, was wir bereits verwirklicht haben.
Sariputta und Moggallana machen sich nun auf die Suche nach dem Buddha. Kaum sind sie mit ihm zusammengetroffen, erklärt er sie auch schon zu seinen Hauptschülern. Jeder vollkommen Erwachte, so der Buddha, hat ein Paar herausragender Schüler, die als Vorbilder und Mentoren für die Mönche wirken, die helfen, deren spirituelle Fortschritte zu fördern, und die mitwirken, die Ordensgemeinschaft zu führen und anzuleiten.29 Und dies sind für den Buddha Sariputta und Moggallana. Mit seiner Entscheidung, sie sofort zu seinen Hauptschülern zu machen, zeigen sich einige der Mönche gar nicht einverstanden. Schließlich sind etliche von ihnen seit Jahren Schüler des Buddha und haben längst vollständige Befreiung erlangt. Wäre es da nicht angemessener, einen der ihren zum Hauptschüler zu ernennen? Der Buddha aber erklärt, dass Sariputta und Moggallana in zahllosen Leben den Vorsatz gefasst und Wunschgebete gesprochen hätten, Hauptschüler des vollständig erwachten Buddha zu werden, und dass dieser Wunsch und diese Entschlossenheit nun Früchte trügen. Und er erläutert ihnen, welche Macht von Wunschgebeten, Visionen, Entschlüssen und Vorsätzen ausgehen.30 So hat zum Beispiel der Mönch Kondañña viele Leben lang hingebungsvoll praktiziert, um der Erste zu sein, der als Schüler des Buddha das Erwachen verwirklicht. Im Gazellenhain zu Isipathana (dem heutigen Sarnath) hört Kondañña dann als einer der fünf Asketen die erste Lehrrede des Buddha. Er begreift das Gesagte sofort und erlangt – tatsächlich als Erster – Befreiung.
Wunschgebete, Entschlüsse, Vorsätze haben Macht! Was wir uns vorstellen und vornehmen, unsere Visionen, sie prägen unser Leben – gleichgültig, ob wir an vergangene und zukünftige Existenzen glauben oder nicht. Ob wir unser Leben oder das ganze Dasein aus einer großen und weiten oder aus einer kleinen, engen Perspektive betrachten, macht einen gewaltigen Unterschied. Oft ist unsere Perspektive vergleichbar mit der einer Spinne in ihrem kleinen Winkel, die nicht weiß, dass es außer ihrer Ecke noch eine Wohnung, ein Haus, ja, eine ganze Welt gibt. Wenn wir die Dinge mit Weitblick betrachten und angehen, wird Außerordentliches möglich. So ist es zum Beispiel durchaus von Bedeutung, ob wir unser Leben von dem Vorsatz: »Möge ich Buddha werden zum Segen aller Lebewesen« leiten lassen und versuchen, diesen Wunsch so weit wie möglich umzusetzen, oder ob wir unsere Zeit vorwiegend damit verbringen, auf mehr Ansehen, Einfluss, Besitz und Genuss hinzuarbeiten. Beide Einstellungen und Visionen haben ihre eigenen Wirkungen! Es ist an uns, immer wieder von Neuem die für uns richtige zu wählen.
Buddhas bedeutendste Schüler
Als Moggallana die erste Belehrung vom Buddha selbst erhält, erreicht er sogleich vollständige Befreiung. Schon bald wird er zu einem großen Lehrer, bekannt und berühmt für seine Weisheit, sein Mitgefühl und seine übersinnlichen Kräfte. Er besitzt die Fähigkeit, Gedanken zu lesen, und kann auf unbegrenzt weite Distanzen hören. Er verfügt über hellseherische Fähigkeiten, vermag sich mittels Geistkörper über große Entfernungen fortzubewegen, und er ist imstande, aus der Distanz Objekte zu bewegen. Seine besonderen Fähigkeiten ermöglichen es ihm auch, die inneren Tendenzen eines Menschen vollkommen klar zu sehen, und zu erkennen, welcher Zugang zur Praxis und welche Methoden für diesen besonders hilfreich sind. Moggallana ist fähig, die karmischen Ursachen zu sehen, die jemanden in eine bestimmte Situation gebracht haben und die möglicherweise seinen Fortschritt auf dem spirituellen Weg hemmen. Er gibt präzise Hinweise und Erklärungen und macht Vorschläge zur Überwindung von karmischen Gegebenheiten, die für ungeübte Menschen gar nicht wahrnehmbar sind. Um jemanden zur Praxis anzuspornen, berichtet er zum Beispiel über die schrecklichen, leidvollen Daseinsbereiche, in denen diese Person einst wiedergeboren worden war. Manchmal setzt er seine Kräfte auch ein, um Menschen aus einer Notlage zu helfen. Immer ist er für seine Mitmenschen da, er berät sie, unterstützt sie, belehrt sie, und er ist Mönchen, Nonnen und Laien stets ein gutes Vorbild.
Anders als Moggallana braucht sein Freund Sariputta für die Verwirklichung seiner vollständigen Befreiung etwas länger: drei Wochen. Er wird als Lehrer vor allem für sein umfassendes Verständnis, sein großes Wissen und seine tiefe Weisheit bekannt. Tatsächlich stammen eine Anzahl von Belehrungen in der umfangreichen Sammlung der Lehrreden des Buddha von Sariputta. Er versteht es meisterhaft, seine Vorträge intellektuell interessant und zugleich praxis- und lebensnah zu gestalten. Auch in der Vielfalt der Themen stehen seine Lehrreden denen des Buddha in keiner Weise nach. Es heißt auch, dass Sariputta die »buddhistische Psychologie« (Abhidhamma), die der Buddha seiner verstorbenen Mutter in den Gefilden der Götter gelehrt haben soll, an die Mönche und Nonnen weitergegeben habe. Anders als die Belehrungen (sutta/sutra), die der Buddha immer auf unmittelbare Fragen Interessierter gab, ist das »Abhidhamma« ein sieben Bücher umfassender Text, in dem seine Belehrungen in systematisch geordneter Form dargestellt sind.
Zu Sariputtas Meisterschaft in der Lehre und ihrer Darlegung sagt der Buddha: »Sariputta hat die Essenz des Dharma so tief verwirklicht, dass, wenn ich ihn (…) sieben Tage und Nächte in vielfältigster Weise darüber befragen würde, er sieben Tage und Nächte in vielfältigster Weise darauf antworten könnte.«31 Bei anderer Gelegenheit erklärt er: »Sariputta weiß, was hilfreich ist, und er besitzt fünf Qualitäten: Er kennt die Lehren, er kennt das rechte Maß, er erkennt den richtigen Zeitpunkt, er versteht und er erkennt seine Zuhörerschaft.«32
Den Schrecken des Todes überwinden
Sariputta und Moggallana sterben beide im Alter von 84 Jahren, einige Monate vor dem Tod des Buddha. So verschieden sie charakterlich gewesen sind, so verschieden ist auch ihr Tod. Sariputta stirbt im Haus seiner Familie. Er ist schwer krank und stirbt in tiefem Frieden. Moggallana stirbt zwei Wochen später, aber unter ganz anderen Umständen. Die Anhänger einer Sekte sind seit langem eifersüchtig auf den Erfolg der Schüler des Buddha. So trachten sie Moggallana nach dem Leben und dingen schließlich sogar Mörder, um ihn zu töten. Sechsmal versuchen diese, den mittlerweile 84-Jährigen umzubringen, jedoch ohne Erfolg. Jedes Mal setzt Moggallana seine übersinnlichen Kräfte ein, erhebt sich in die Lüfte oder verschwindet einfach. Beim siebten Angriff aber verlassen ihn seine Kräfte, da, wie es heißt, noch negatives Karma aus früheren Leben in ihm wirksam ist, also die Rückwirkung unheilsamen Verhaltens auf den Handelnden selbst. Dies bedeutet auch, dass vollständige Befreiung nicht garantiert, in diesem Leben kein körperliches Leiden, welcher Art auch immer, zu erfahren. Moggallana wird zusammengeschlagen und schleppt sich – alle Glieder sind ihm gebrochen worden – an den Ort, an dem der Buddha und die Sangha weilen. Dort stirbt er. Trotz des schrecklichen Geschehens verliert auch er nie seinen tiefen inneren Frieden.
In dieser unerschütterlichen, von äußeren Umständen unbeeindruckten Gelassenheit liegt die echte Freiheit. Oft glauben wir, in der Meditation gehe es vor allem darum, dass wir uns angenehme Zustände verschaffen und möglichst lange in diesen verweilen. Doch in diesem Dasein, in dem alles sich wandelt und vielfältigsten, unkontrollierbaren Bedingungen unterworfen ist, kann letztendlich nur bedingungslose, liebevolle Gelassenheit eine wahre Zuflucht sein – so wie sie es für den ehrwürdigen Moggallana gewesen ist.
Trotz oder gerade wegen seiner herausragenden Position in der Sangha ist Sariputta bei seinen Mitbrüdern besonders für seine Einfachheit, Freundlichkeit und Fürsorge bekannt und beliebt gewesen. Er, der höchste in der Rangordnung, bleibt meist noch zurück, wenn alle anderen Mönche sich auf den Almosengang machen. Anstatt vorneweg zu gehen, bleibt er und räumt die Unordnung auf, die manche dieser sicher oft recht rohen Gesellen zurückgelassen haben. Dann kümmert er sich um die Mönche, die krank sind, und sorgt dafür, dass es ihnen an nichts fehlt. Als Letzter geht er schließlich ins Dorf oder in die nahe Stadt, um selbst um Almosen zu betteln.
Zu Ehren des großen Heiligen verfasst der Buddha nach Sariputtas Tod diesen Vers:
Verehrung ihm, dessen Geduld so war wie die der Erde,
Der seinen Geist, sein Herz befreit hatte,
Der mitfühlend, gut und heiter war,
Unerschütterlich wie die Erde.
Verehrung ihm, Sariputta,
der nun gegangen ist.33
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