Read the book: «Hexen Wahn-Sinn»

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für meine Frau Heidrun (Heidi), die in der Walpurgisnacht 1971 als Hexe (?) geboren wurde

&

im Gedenken an Pfarrer Martin Schrems,

der mich auf die Idee brachte und ermutigt hat,

mich auch einmal als Krimi-Autor zu versuchen.

Leider bekam er nur die ersten 30 Seiten davon zu lesen,

da er am 6. September 2013 mit seinem Motorrad tödlich verunglückt ist.

Manchmal vermisse ich ihn sehr,

die Ideen, die er in mir weckte,

wozu er mich ermutigte und vor allem:

dass wir uns - wie früher so oft -

gemeinsam und „lust- voll"

Gedanken über die Zukunft der Kirche machten

und das in unserem kleinen Bereich,

wo wir Verantwortung trugen, auch umsetzten!

Danksagung

Dank darf ich vor allem meiner lieben Freundin Kathleen Rainer sagen, die sehr viele Stunden aufgewendet hat, um - wieder einmal - meine Lektorin zu sein. Sie hat mich zum Teil „gezwungen", „Gefühl" und „Lebendigkeit" in dieses Buch zu bringen und auch dafür gesorgt, dass es keine „Predigt" oder eine wissenschaftliche Abhandlung wird. Schlussendlich ermutigte sie mich auch, Eigenschaftswörter zu verwenden und bestand darauf, dass ich in meinen Sätzen einen Punkt fand.

Tausend Dank, Kathleen!

Diese Geschichte ist reine Fiktion,

die meinem Kopf entsprungen ist.

Auch wenn viele Orte und manche Personen,

die im Buch genannt sind,

real existieren,

ist das, was ich dort geschehen lasse

oder Menschen zuschreibe,

nichts als Fiktion.

Es ist nicht meine Absicht,

dabei jemanden oder einen bestimmten Ort

in ein schlechtes Licht zu rücken

oder in Verruf zu bringen.

Wien, Samstag, 2. November 2019

Brigadier Dr. Alois Pichler, M.A., stellvertretender Landespolizeidirektor von Wien, denkt gerade daran, ins Bett zu gehen. Es ist Allerseelen, kurz vor 2 Uhr früh, als sein Diensthandy klingelt. Als er schlaftrunken auf sein Display sieht, wundert er sich: es ist der Leiter der Gerichtsmedizin Univ. Prof. Dr. Johannes Schumhart. Der liebe Professor tat normalerweise nicht um 2 Uhr früh Dienst. Überrascht darüber hebt er ab.

„Hallo Hannes! Planst du zu Allerseelen um 2 Uhr früh ein Totengedenken? Wollen wir uns gemeinsam aller Toten erinnern, die ich dir die letzten 20 Jahre zukommen habe lassen?" fragt er scherzhaft. Über die Jahre waren sie fast so etwas wie Freunde geworden.

„Lois, mir ist gar nicht zum Scherzen! Kannst du bitte sofort zu mir in die Gerichtsmedizin kommen, ich muss dir was zeigen!" war seine ernste Antwort.

„Ok, ich komme! - Gib mir 40 Minuten! - Willst du mir nicht sagen, worum es geht?"

„Nein, nicht am Telefon! - Komm einfach - dann siehst du, warum!"- „Stell dich aber darauf ein, dass es länger werden kann" fügt der Gerichtsmediziner noch hinzu, bevor er auflegt.

Lois hat so etwas befürchtet. Er schreibt eine kurze Notiz: „Musste noch mal weg - weiß nicht, wann ich heimkomme! - Frühstücke ohne mich - ich bin aber rechtzeitig zurück für die Fahrt zu meinen Geschwistern" und pickt das Post It für seine Frau Andrea auf die Kühlschranktür.

Andrea war so etwas gewohnt. Es war Teil seines Berufes. Nicht zum ersten Mal hatte er mitten in der Nacht das eheliche Bett verlassen müssen. Trotzdem hat er immer wieder ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber. Seine erste Frau Ulli hatte genau deswegen vor 4 Jahren die Scheidung eingereicht. Sie wollte nicht mehr akzeptieren, dass sie als Ehefrau nie so wichtig gewesen war wie sein Beruf.

Er nimmt seine Autoschlüssel und seinen Mantel vom Haken, steigt ins Auto und fährt von seinem Haus, einer alten, aber erst vor kurzem renovierten Villa in Baden nach Wien hinein. Um diese Uhrzeit geht das Gott sei Dank problemlos und schnell. Kurz nach halb drei Uhr früh betritt er halb verschlafen schon die Gerichtsmedizin.

Der Pförtner nickt ihm - auch schläfrig - zu: „Der Herr Universitätsprofessor erwartet Sie schon im Obduktionssaal 1." Dann widmet er sich wieder seinem Buch. Alois geht die Treppe zum Obduktionssaal hinunter. In der Nacht ist dieses Gebäude noch düsterer als sonst. Er kann gar nicht anders als an den Leitspruch des Hauses denken:

„Taceant colloquia. Effugiat risus. Hic locus est ubi mors gaudet succurrere vitae" („Das Reden verstumme, das Lächeln entfliehe, denn dies ist der Ort, wo der Tod sich erfreut, beizustehen dem Leben")

(Giovanni Battista Morgagni (1682 - 1771)

Anatom und Begründer der modernen Pathologie)

Im Obduktionssaal erwartet ihn schon Hannes und sagt nur: „Hallo! Entschuldige, dass ich dich aus dem Bett holen musste, aber schau dir das bitte an!"

Hannes weist auf den großen Bildschirm im Saal und ein Foto erscheint: Das erste zeigt eine Frau, ca. 30 Jahre alt, blond, vollkommen nackt, auf ihren Brüsten sind mit Kreis umrandete Pentagramme eingebrannt, die ein Teufelskopf ziert. Die Brustwarzen ragen zwischen den Augen des Teufels hervor; auf der rechten Brust ist „M A L E" zu lesen und der fünfte Zwischenraum des Pentagramms ist mit einem verkehrten Kreuz gefüllt.


Auf der linken Brust ist im Pentagramm „F I C A" eingebrannt.


Male - fica war die klassische Bezeichnung für eine Hexe im Mittelalter, auch wenn Alois sich immer über diese ungenaue Übersetzung des Lateinischen ärgerte, weil „Übel-Täterin" die bessere Übersetzung gewesen wäre. Alois konnte seine humanistische Bildung nicht leugnen, sie war irgendwie Teil seiner selbst geworden. Er hatte gelernt, dass das mittlerweile selten gefragt war, aber er liebte einfach die alten Sprachen und ärgerte sich, wenn Dinge falsch übersetzt wurden. Solche Irrtümer gaben ihm immer noch einen Stich in sein humanistisch geprägtes Sprachenherz.

Damit aber noch nicht genug, neben der Schändung der Brüste war auch auf dem blank rasierten Venushügel der Frau ein Schlangenkopf eingebrannt, aus dem eine gespaltene Zunge hing.


Alois stellt sich die Schmerzen, die das verursacht haben musste, höllisch vor und schaut Hannes fragend an.

„Hannes reicht ihm eine noch dünne Akte und sagt: „Die Frau wurde am 1. November um 1.32 Uhr früh von der Feuerwehr gefunden. Es handelt sich um eine gewisse Maria Frauscher, 32 Jahre alt. Sie arbeitete als Mental-Trainerin und Kräuterpädagogin. Sie hatte in der Leopoldstadt, Nähe Nestroyplatz, eine kleine Wohnung. Im Kleingartenverein Rosental-Satzberg Alt hat sie ein früheres Schrebergartenhaus zu ihrem Arbeitsplatz umgestaltet, wo sie mitunter auch gerne übernachtete. Ein Nachbar, der zufällig etwas in seinem Schrebergarten holen wollte, sah Rauch aus dem Häuschen aufsteigen und alarmierte die Feuerwehr. Die Feuerwehr löschte den Brand und fand darin die Leiche der Frau, und es wurde sofort die Kripo verständigt. Wäre die Feuerwehr eine halbe Stunde später gekommen, wäre das Holzhaus völlig abgebrannt und von der Leiche nicht viel mehr als ein verkohlter Klumpen übriggeblieben. Die Frau ist an Rauchgasvergiftung gestorben, die Brandzeichen, die du da siehst, wurden ihr bei lebendigem Leib zugefügt, es scheint so, dass der Vorgang sehr lange - ich vermute über drei Stunden - gedauert hat. Die einzelnen Eindrücke mit dem glühenden Eisen erfolgten so in etwa im Abstand von einer Stunde. Ich gehe davon aus, dass sie bei der Brandmarkung ohnmächtig geworden ist, der Täter - ich glaube nicht, dass es eine Täterin war -aber das ist deine Aufgabe das herauszufinden, hat ihr dann Effortil intravenös gespritzt - du kannst hier die Einstichstellen an der Vene erkennen" - Johannes zeigt Alois vier Einstichstellen an der rechten Armbeuge und zwei weitere an der linken. „Das Effortil konnte ich auch neben hohen Mengen von Morphin in ihrem Blut nachweisen. Als sie wieder bei Bewusstsein war und miterleben konnte, was er ihr angetan hat, ging die Folter weiter und das nächste Brandzeichen wurde gesetzt. An den Armen und Beinen weist sie Abdrücke auf, die darauf schließen lassen, dass sie gefesselt war. Dort fanden sich Spuren von Anglersilk und im Mund Stofffasern. Sie wurde mit ihren eigenen Strümpfen geknebelt. Weiters sind keine Spermaspuren an oder in ihr und auch kein Hinweis, dass sich der Täter an ihr vergangen hätte. Ich fand überhaupt keine Fremd-DNA an ihr. Der Täter war da überaus gewissenhaft. Nach dem letzten Brandmal lag die Frau gefesselt auf ihrer Bett-Liege und jemand hat den offenen Kamin des Schrebergartens so präpariert, dass die stark harzenden Scheite des Kamins das Bettzeug in Brand setzten, dann die Einrichtung und schließlich das Haus, aber das konnte die Feuerwehr zum großen Teil verhindern.

Lois, kannst du mir bitte sagen, was das soll? Und versprichst du mir bitte, dass ihr das Schwein, das das getan hat, findet! - Ich habe in meinen gut 30 Jahren als Pathologe viel gesehen, aber das gehört zum Ärgsten, was bisher bei mir auf meinem Tisch gelandet ist."

Alois schaut Hannes verblüfft an und fragt: „Hast du noch deine Flasche irischen Whisky da - ich glaube ich brauch jetzt einen." Hannes geht wortlos zu einem Schrank holt seinen Bushmills Rare 21 Jahre heraus, gießt zwei Gläser halbvoll und reicht eines davon Alois. Sie trinken ihn gemeinsam wortlos mit einem Schluck aus. Das, was Alois gesehen hat, war sogar für ihn ein Schock. In seiner Laufbahn hat er schon viele Leichen gesehen, aber noch nie eine, die derart - mit Präzision und als rituelle Tat - verunstaltet wurde.

Als Alois ausgetrunken hat, verabschiedet er sich von dem Pathologen. Er will nicht mehr heim. Nachdem er das gesehen hat, ist ihm die Lust aufs Schlafen vergangen. Er hat jetzt einen Fall zu lösen und macht sich gleich auf den Weg ins Büro.

Dort angekommen lässt er sich die Akte zu der Frau geben und liest sie gewissenhaft durch, erkundigt sich, was die Diensthabenden bis jetzt unternommen haben.

Nachdem er sich selbst ein Bild gemacht hat, macht er sich auf dem Heimweg. So wie jedes Jahr wollte er mit seiner ganzen Familie zu Allerseelen zum Grab seiner Eltern ins Salzkammergut fahren, wo er sich mit seinen Geschwistern immer traf und sie danach noch bei seinem Bruder am elterlichen Hof beisammensaßen. Er hoffte, dass er dabei die Bilder vergessen oder zumindest soweit zur Seite schieben konnte, dass er ihnen nicht den gemeinsamen Nachmittag verderben würde.

Wien, Montag, 4. November 2019

Als Alois am Montag früh ins Büro kommt, liegt ein Stapel Papiere auf seinem Tisch. Eines bereitet ihm Sorgen, das neue System, das sie vor einem halben Jahr installiert haben, das mehr oder weniger automatisch Todesfälle in ganz Österreich vergleicht, hat eine Nachricht ausgeworfen.

Im letzten halben Jahr sind zwei weitere Frauen in ihren Holzhäusern verbrannt bzw. verkohlt.

Die Erste in Vorarlberg. Eine gewisse Maria Oberegger, 22 Jahre alt, die als Escort-Dame gemeldet war. Sie verbrannte am 30. April in ihrer Berghütte im Montafon, die sie sich als Liebesdomizil und Arbeitsstätte eingerichtet hatte.

Als Brandursache waren Kerzen angegeben: Die Feuerwehr und Polizei gingen davon aus, dass die Hütte in Brand geriet, weil die Frau vergessen hatte, die Kerzen zu löschen, als sie zu Bett ging. Sie erstickte im Schlaf. Die Hütte brannte vollständig nieder und der Leichnam der Frau verkohlte darin.

Die zweite Frau war eine gewisse Maria Brandstätter, 41 Jahre alt. Sie arbeitete als Kinesiologin und Heilpraktikerin und hatte vor allem, was Heilpflanzen und Kräuter betrifft, einen gewissen Bekanntheitsgrad.

Sie verbrannte, weil am 21. Juni zwei Propangasflaschen explodiert sind, die sie in ihrem Seehaus am Attersee lagerte und deshalb das Seehaus explodierte. Die Feuerwehr und Polizei fanden nichts, was auf Fremdverschulden hinwies und so wurde das Wenige, was von ihr übrig blieb, schnell freigegeben, Man ging von einem klassischen Unfall aus. Die Frau wurde eingeäschert und ihre Urne in Weyregg am Attersee beigesetzt.

Das Ende des Computerausdrucks waren fünf Zeilen:

30. April: Beltane - Walpurgisnacht

21. Juni: Litha - Sommersonnenwende

31. Oktober: Samhain - Beginn des keltischen Jahres

Diese Tage markieren Festtage im Jahreskreis der Kelten

und gelten auch als Hexenfeste bzw. Hexen-Feiertage!

Der Brigadier ist auf einmal hellwach. Er mag dieses neumodische Zeug zwar nicht wirklich, er sehnt sich nach der alten Polizeiarbeit, wo alles noch von Hand gemacht wird, aber wenn er den Computerausdruck richtig liest, lässt sich erkennen, dass es da Zusammenhänge geben könnte. Also steht er auf und macht sich auf dem Weg zum Staatsanwalt. Er will ihn um die Exhumierung der Prostituierten im Montafon bitten. Schließlich hat ja vor allem die Staatsanwaltschaft die Installation dieses neuen Computersystems gefordert, weil sie der Meinung war, die „alten“ ermittelnden Beamten können keine großflächigen Vergleiche anstellen, dafür wäre das neue Computerprogramm für sie dann sehr hilfreich.

Alois denkt an Bartholomäberg, den kleinen Ort im Montafon, wo alle reden würden, weil irgendeiner – er, ein Wiener - sich das so einbildete, das Grab der jungen Frau unbedingt öffnen und die Totenruhe der armen Frau damit stören will. Aber er hatte keine andere Wahl.

Wieder zurück in seinem Büro schickt er Hannes eine Mail in die Pathologie, in der er ihm mitteilt, dass er bald – wahrscheinlich morgen - eine Leiche aus Vorarlberg auf seinem Tisch haben wird. Er bittet ihn darin, sich die genau anzuschauen und nach Merkmalen zu suchen, die mit der obduzierten Frau vom Wochenende in Zusammenhang stehen könnten.

Alois liest sich die Fallakten noch einmal genau durch. drei Frauen, verteilt auf ganz Österreich: Vorarlberg – Oberösterreich – Wien, jede verbrannte an einem Tag, der für Hexen eine gewisse Bedeutung hat.

Es klingt für ihn fantastisch und unwirklich, aber zumindest nachgehen will er dem, was ihm da der Computer vorschlägt.

Wien, Dienstag, 5. November 2019

Brigadier Alois Pichler sitzt sehr früh am Morgen nachdenklich in seinem Büro. Im Laufe des Vormittags würde die Leiche aus Vorarlberg bei Hannes auf der Pathologie landen und er hat die Fallakten zu den anderen beiden Opfern vor sich. Sie gaben wirklich nicht viel her. Sie waren - und dafür gab es durchaus gute Gründe - als „Unfall" klassifiziert worden. Er fand keine Hinweise auf Schlampereien der zuständigen Behörden. - Das hatte er auch nicht vermutet.

Gegen neun Uhr läutet sein Telefon. Alois schaut aufs Display. Die Nummer ist unterdrückt. Dennoch hebt er ab. Auch wenn er es nicht wirklich will, sitzt er auf einmal ganz stramm. Es ist der Innenminister.

Er kennt den derzeitigen Innenminister nicht persönlich.

Der Innenminister erzählt ihm von seinem Gespräch, das er gestern mit dem Staatsanwalt geführt hat und dass beide zur Überzeugung gekommen sind, es sei notwendig, in dem Fall eine Sonderkommission (SOKO) einzusetzen. Der Innenminister betraut Brigadier Dr. Alois Pichler hiermit mit der Leitung und Zusammenstellung dieser SOKO. Räume und Infrastruktur dafür bekäme er direkt im Innenministerium. Die entsprechenden Bescheide und Unterlagen würden im Laufe des Tages bei ihm eintreffen, aber er solle sich schon einmal überlegen, wen er aller in seiner SOKO haben möchte. Der Innenminister teilt noch mit, dass er sich rasche Ergebnisse erwartet und regelmäßige Berichte über den Fortgang der Ermittlungen. Er wünscht ihm noch viel Glück dabei und damit ist das Telefonat beendet.

Also ist er nun erstmals Leiter einer SOKO [i]. Alois muss innerlich lachen, weil er an all die Kriminalfilmserien denken muss, die sich SOKO nennen - SOKO Kitzbühl und SOKO Donau schaute er selbst auch ganz gerne an, auch wenn er weiß, dass diese Serien mit der Realität einer SOKO wenig gemeinsam haben:

Und jetzt darf, nein muss er die nun leiten und denkt dabei an seine Frau Andrea. Sie wird sicher wenig Begeisterung, aber – wie immer – Verständnis zeigen. Er nimmt sich deshalb fest vor, dass bis zur Geburt ihres zweiten Kindes – im April - der Fall gelöst sein muss. Er überlegt sogar, sich Väterkarenz zu nehmen. Andrea wünschte sich das so sehr von ihm.

Den Rest des Tages verbringt er mit der Durchsicht von Personalakten und Telefonaten zum Fall. Am späten Nachmittag hat er sein Team beisammen, auch alles andere Wichtige in die Wege geleitet und die benötigte Infrastruktur organisiert. Er staunt, wie schnell manches geht, wenn man ein Schreiben bzw. eine Order des Innenministers in den Händen hält. Morgen, spätestens übermorgen würden die Räume im Innenministerium für sie adaptiert und die Computer installiert sein. Für Freitag, neun Uhr früh hatte er seine erste Team-Sitzung festgelegt.

Es ist schon fast 18 Uhr als Alois wieder in die Pathologie geht. Hannes hatte ihn angerufen und er ahnt Schlimmes: Er denkt an die verkohlten Leichen der Frauen und was sie durchgemacht haben mussten. Er fragt sich, „Warum ist sie gebrandmarkt worden?" Weiters: „Wer ist fähig, so etwas Schreckliches nicht nur zu tun, sondern akribisch zu planen? Ja vielleicht auch noch Freude daran zu haben, ihr stundenlang dabei zuzusehen, wie sie leidet und dann qualvoll stirbt?"

Hannes zeigt ihm am Bildschirm ein Bild der verkohlten und teilweise auch schon verwesten Leiche der Frau aus dem Montafon. Daneben das von Frau Frauscher, mit den Brandzeichen.

Er legt über das Bild ein anderes, das der Pathologe in Bregenz am 2. Mai gemacht hatte. Es zeigte Reste eines Brandeindrucks auf der Brust - bei der ersten Obduktion war der Pathologe davon ausgegangen, dass es durch ein Metallstück verursacht worden war, das während des Brandes auf sie fiel. Hannes stellt fest: „Bei der Untersuchung der damals gemachten Bilder und nach der Exhumierung kann ich beweisen, dass dieser Eindruck genau einem Teil des Pentagramms unserer Wienerwald-Leiche entspricht: ein Teil des Kreises und ein Teil des Jota vom Siegel lassen sich klar rekonstruieren." Das kann auch Alois erkennen, als am großen Bildschirm die Abdrücke übereinandergelegt werden.

Hannes: „Alois, ich sage dir gleich, der Kollege in Bregenz war nicht schlampig. Ich an seiner Stelle hätte exakt den gleichen Bericht geschrieben wie er. Nun, da wir unsere Leiche aus dem Wienerwald haben, die nicht vollkommen verbrannt ist, wissen wir aber, wovon der Abdruck auf ihrer Brust stammt. Ich hatte ein Vergleichsstück und kann dir versichern, so wie du es eben gesehen hast - der Abdruck auf der Brust der Maria aus Vorarlberg stammt vom gleichen Eisen wie der bei unserer Maria aus dem Wienerwald.

Alois, da ist jemand unterwegs, brandmarkt Frauen als Hexen und verbrennt sie dann anschließend?"

Alois Gehirn beginnt zu arbeiten. Er denkt sich:

Drei Frauen: eine Prostituierte, eine Kinesiologin bzw. Heilpraktikerin und eine Mentaltrainerin und Kräuterpädagogin.

Zwei unverheiratet, eine zweimal geschieden.

Alle mit dem Vornamen Maria.

Alle drei waren zu ihrem Todeszeitpunkt anscheinend allein und verbrannten.

Er musste dringend einen alten Schulkollegen anrufen und sich mit ihm unterhalten. Plötzlich hat er so viele Fragen an ihn.

Er bedankt und verabschiedet sich - fast geistesabwesend - von Hannes, greift zu seinem Handy und wählt die Nummer, die er normalerweise nur zweimal im Jahr wählt. Es ist die Nummer seines alten Schulfreundes P. Martin, mit dem ihn über die Jahrzehnte so vieles verbindet.

Rohr im Kremstal, Dienstag, 5. November 2019

P. Martin sitzt wieder einmal auf seinem Stammplatz beim Kirchenwirt. Es ist Anfang November. Er genießt wie üblich sein dunkles Weißbier und die Stimmung im Wirtshaus. Neben der Stiftsbibliothek ist das sein Lieblingsort, er kann hier seinen Gedanken freien Lauf lassen. Gerne hört er auch zu, was so im Ort getratscht wird und wenn wer mit ihm reden will, kann er sich einfach zu ihm setzen. Dann waren sie mehr oder weniger ungestört. Die Leute setzten sich nun mal viel lieber zu ihm in seine Ecke im Wirtshaus, um ihre Sorgen los zu werden als dass sie ihm im Beichtstuhl besuchen. Hier im Wirtshaus hört er deshalb viel mehr von den Sorgen seiner „Schäfchen“ als in Beichtstuhl oder der Kirche. Gut 15 Jahre war er schon Pfarrer in dieser kleinen 1.250 Einwohner zählenden Gemeinde nahe des Benediktinerstiftes Kremsmünster, wo er vor 30 Jahren eingetreten war. Jetzt unterrichtete er dort im Stiftsgymnasium an der Oberstufe Geschichte und bei den Pubertierenden in den dritten und vierten Klassen Religion. Insgesamt eine halbe Lehrverpflichtung, die er jeweils Dienstag und Donnerstag hält. Die diesjährige Maturklasse hat ihm heute gesagt, wer aller bei ihm maturieren will. Und er freute sich, von den 18 in der Matura-Klasse wollten sechs bei ihm antreten. Er ist stolz, dass er die Jugendlichen so für die Geschichte begeistern kann. Jeder, der bei ihm maturiert, darf sich zwei „Steckenpferde“ wählen, mit denen sie sich besonders beschäftigen wollen. Am meisten hat ihn die rothaarige, sommersprossige Hanna mit ihren Themen fasziniert. P. Martin findet es recht passend, dass sie den „Hexenwahn im Mittelalter“ ausgesucht hat und dazu die keltischen Wurzeln im österreichischen Brauchtum. Gemeinsam mit den Jugendlichen nach Passendem in der Bibliothek zu stöbern und „Besonderes“ zu finden, darauf freut er sich, auch wenn es für ihn sehr zeitaufwendig ist. In der Stiftsbibliothek hält er sich genau so gerne auf wie beim Kirchenwirt. Es hatte einiges an Überredungskunst gebraucht, den Abt zu überzeugen, dass er in die Bibliothek moderne Schreibtische und Leselampen und WLAN installieren durfte.

Er liest einfach viel lieber direkt in der Bibliothek, als dass er sich die Bücher mit heimnimmt. Da hat er das Gefühl, als würden ihm alle, die vor ihm in über 1.200 Jahren in der Bibliothek gearbeitet und studiert hatten, bei seinen Forschungen helfen und dass er nicht allein ist. Einsam fühlt sich P. Martin eigentlich niemals. Es gab so gut wie niemanden im Ort, den er nicht kannte und der ihn nicht mindestens einmal zur Seite genommen hatte, um mit ihm zu reden. Es war schon ziemlich am Anfang, als er als Pfarrer installiert wurde, dass er erkannte: Menschen kommen nicht so gerne in die Kirche, wenn sie reden wollen. Sie reden leichter, wenn der Pfarrer zu ihnen kommt oder man nebenbei was anderes tun kann. Daher sitzt er so oft beim Kirchenwirt.

Da brummt auf einmal das Handy in seiner Hosentasche. Er nimmt es heraus, sieht, es ist sein alter Schulfreund, der Pichler Lois, mittlerweile stellvertretender Landes-Polizeidirektor in Wien. Normalerweise trafen sie sich zweimal im Jahr: um die Weihnachtszeit und Ostern herum, wenn der Lois seine Geschwister in Oberösterreich zu den Festtagen besuchte. Dann kam er auch bei ihm vorbei für eine gemeinsame Whiskynacht und schlief bei ihm im Pfarrhof. Er wundert sich sehr, dass ihn der Lois schon Anfang November anruft, so früh machten sie normalerweise die Whiskynacht nicht aus.

Insgeheim hofft P. Martin, dass der Lois wieder einmal mit ihm reden will, weil er in einem kniffeligen Kriminalfall nicht weiterkommt. Das war schon zweimal der Fall gewesen. Hoffnungsvoll hebt er ab: „Hallo Lois!" „Hallo Martin!" kommt gleich die vertraute Stimme. Im selben Atemzug gleich die Frage: „Martin, ich brauche dringend einen deiner kostbaren Whiskys!" Gemeinsam Whisky trinken war immer angesagt, wenn Alois Probleme oder Sorgen hatte. „Wann hast du Zeit für mich?" Martin blättert in seinem Terminkalender und sagt: „Morgen habe ich vormittags pfarrlich was, treffen wir uns danach um 13.00 Uhr in der Stiftsschenke? Das sollte sich ausgehen, wenn es auch für dich so passt."

„Ja, super, also morgen Mittagessen in der Stiftsschenke. - Richte mir bitte alles her, was du über Hexen und Hexenverfolgung hast - bis morgen!"

„Hexen" - wundert sich Martin, „Was will Lois bloß damit?" Er trinkt schnell aus und macht sich auf den Weg ins Kloster, um die Nachforschungen für seinen Freund schon einmal zu beginnen. Ins Kloster braucht er keine viertel Stunde.

Wien, Mittwoch, 6. November 2019

Alois geht angespannt ins Büro, schnappt sich die Akten bzw. fertigt davon Kopien an, per Mail durfte er nichts an Fremde schicken, aber die Kopien nimmt er sich öfters mit nach Hause, obwohl das eigentlich nicht gerne gesehen wird. In diesem Fall gibt es immensen Druck von oben und da hat er gewisse Freiheiten - zumindest sieht das Alois so.

Er sagt seiner Sekretärin, dass er sich morgen Nachmittag die neuen Räume im Innenministerium anschauen wird und ab Freitag sie beide dort ihr neues Büro haben werden. Am Freitag um neun Uhr ist auch die erste Team-Besprechung der SOKO und sie soll bitte an alle Mitglieder, die er sich ausgesucht hat, eine Nachricht schicken über Ort und Zeitpunkt des Treffens. Die Liste der Mitglieder findet sie in ihrer Mail. Inzwischen hat er einiges zu recherchieren und fährt dazu ins Stift Kremsmünster. Er freut sich sogar irgendwie, wieder mal ins Stift zu kommen. Das war der Ort, wo er 8 Jahre lang das Stiftsgymnasium und Internat besuchte und maturiert hat. P. Martin ist sein Schulkollege, mittlerweile ein guter Lehrer - Professor nennen sie das im Stift - und Pfarrer geworden. Er ist ein wandelndes historisches Lexikon. Und er ist auch so etwas wie sein Haus- und Hofseelsorger; hat ihn getraut, seine Kinder getauft, seine Eltern begraben und war ihm vor vier Jahren zur Seite gestanden, als sich seine Frau von ihm scheiden ließ. Er freut sich auf den Besuch und ihre Whiskyverkostung, obwohl er auch weiß, dass es dieses Mal viel Dienstliches zu besprechen gibt, wo ihm Martin dabei behilflich sein kann.

Bevor er sich aber auf den Weg nach Kremsmünster macht, macht er schnell einen Abstecher nach Pressburg in sein Lieblings-Whisky Geschäft: „The White Mouse - The whisky for connoisseur" - um einen passenden Whisky für seinen Freund zu besorgen. Seit 2015 gibt es in Pressburg Anfang April immer ein Whisky-Festival und da hat er das Geschäft entdeckt, sich mit dem Besitzer angefreundet und dessen Sohn, der in Schottland studiert hat. Seither bekommt er dort jeden Whisky, den er haben will.

Es geht sich alles so gut aus, dass er zum Ein-Uhr-Glockenschlag auf den Parkplatz des Klosters vorfährt.

Kremsmünster, Mittwoch, 6. November 2019

P. Martin sitzt bis knapp vor drei Uhr früh in der Bibliothek. Er sucht sich alles, was er zum Thema Hexen findet zusammen - das brauchte er eh auch dann für Hannas Matura. Es graust ihm etwas, wenn er daran denkt, was seine Kirche, die er so sehr liebt, da angerichtet hat. Dass sie den Menschen im sogenannten düsteren Mittelalter ihre Ängste nicht genommen hat, sondern die Menschen in ihrem Hexen-Wahn sogar noch unterstützte und bestärkte. Das ist für P. Martin die Ursache von allem Bösen: Angst - vor Neuem, dem Unbekannten, vor was auch immer.

Die alten Dokumente über die Hexen packt er sorgsam auf einen freien Schreibtisch - neuere Dokumente scannt er einfach ein und hat sie dann digital auf seinem Laptop. Die neuen Zeiten haben so manche Vorteile, und doch vermisst er es, so wie früher nur in Büchern zu blättern, das Gewicht der Geschichte zu spüren und alte Codices zu entziffern, anstatt einfach alles am Bildschirm oder über das Internet herzuholen. Apropos Internet: die Unterlagen, die nicht in der Stiftsbibliothek lagernd sind, die muss er sich von Bibliotheken besorgen, wo sie längst digitalisiert wurden. Das kann er aber auch daheim erledigen und fährt - ziemlich geschafft - heim in seinen Pfarrhof, um zumindest 4 Stunden zu schlafen bevor er seine pfarrlichen Termine wahrnehmen muss. Um halb eins macht er sich wieder auf den Weg ins Stift.

Er denkt gerne an Lois. Einer der wenigen Freunde, die er im Internat hatte.

In den Arkaden, die zum Tötenhengst und zu den Stufen, die vom Kloster hinab in den Markt führen, treffen sie einander. Freudig umarmen sie sich fest. Über ein halbes Jahr haben sie sich nicht mehr gesehen.

„Komm mit in die Schenke, zuerst essen wir - dann wird gearbeitet! - Keine Widerrede" sagt Martin Lois bestimmt.

Lois greift in seine Tasche und überreicht Martin als Gastgeschenk einen Whisky. Martin muss innerlich schmunzeln, wenn er sich erinnerte, wie Lois und er die Liebe zum Whisky entdeckt haben. Damals - September 1991 - als sie gemeinsam für einen Monat durch Schottland trampten, bevor Martin seine Studien am Missionary Institute in London aufnahm, um für sich zu klären, ob er nicht doch in einem Missionsorden besser aufgehoben wäre als bei den Benediktinern. Und beide hatten eine Leidenschaft entwickelt, möglichst viel über Whisky zu erfahren und sie zu sammeln. Zweimal waren sie danach noch für jeweils zehn Tage nach Schottland gefahren, Martin hatte Alois in Irland besucht, als er dort eine Ausbildung für Interpol machte und Alois war bei Martin, als dieser in den USA studierte. So hatten sie sich nach und nach die wichtigsten Whisky-Regionen er-„arbeitet". Seit Jahren redeten sie auch von einer Kanada-Reise. Deshalb hatte sich mit der Zeit eine ganz eigene Form der Kommunikation zwischen ihnen entwickelt, die kaum Worte brauchte, und die Auswahl des Whiskys zeigte dem anderen, was wirklich in ihm vorging. Alois hat einen Schweizer Whisky ausgewählt, von denen gab es nicht wirklich viele. Erst in den letzten Jahren hatten einige wenige Bauern in den Alpen begonnen, auch aus ihrem Gersten-Malz Whisky zu destillieren. Einen „Bergsturz" hatte Lois gewählt und will ihm damit sagen, dass er Angst hat, dass ein Berg über ihm einstürzen wird und hofft, dass Martin ihm dabei hilft, den Berg vorm Einsturz zu retten.

Bevor sich Martin aber damit beschäftigte, soll es ein gescheites Essen geben. Sie hatten noch viel Zeit, um sich mit Alois´ Problem auseinanderzusetzen.

Martin bestellt eine Grillplatte für zwei Personen. Die haben sie früher immer gegessen, als der Pater, der die Firmvorbereitung leitete, zum Abschluss alle zu einem großen Essen einlud. Das ist eine gute Unterlage für den Whisky und von dem würden sie einigen brauchen, fürchtet Martin. Nein, er fürchtet sich nicht wirklich, er freut sich auf eine Art und Weise auf die gemeinsame Zechnacht und vor allem war er neugierig, was Lois wohl so große Sorgen bereitet. Während des Essens schweigen sie beide, was ziemlich ungewöhnlich ist, weil sie sonst gerne in Erinnerungen an die gemeinsame Internatszeit im Stift schwelgen oder was ihnen alles an Whiskys in letzter Zeit untergekommen ist. Martin erkundigt sich nur, wie es der Familie geht, er hatte ihn vor 15 Jahren getraut, ihre Tochter getauft, später bei zwei Flaschen Whisky erfahren, dass die Ulli, seine erste Frau, einfach mit den Anstrengungen von Lois Beruf nicht mehr zurechtkam und die Scheidung wollte. Vor knapp vier Jahren hatte Lois die Andrea gefunden oder eher umgekehrt sie ihn bei einem Kulturfestival in Wien. Sie kamen sich bald näher und heirateten. Martin hat für die beiden eine Segensfeier gemacht und ihr Kind getauft, das vor knapp 2 Jahren auf die Welt kam. Lois erzählt auch, dass ein zweites im Kommen war und Hannes freut sich jetzt schon auf die schöne Taufe, die es dann wieder geben wird.

Als sie fertig gegessen haben, gehen sie in die Bibliothek, holen alle Unterlagen, die Martin bereitgelegt hat, und fahren gemeinsam in Martins Pfarrhof nach Rohr, um zu arbeiten.

Rohr im Kremstal, Mittwoch, 6. November 2019

Im Pfarrhof angekommen, breiten sie alle Unterlagen auf dem großen Arbeitstisch aus. Martin fordert Lois auf, einen passenden Whisky für die beiden auszuwählen. Insgeheim fragt er sich, welchen er wohl wählen wird. So wie Lois aussah, ist sich Martin sicher, er wird zu einem Islay greifen. In der Rauchigkeit der Islay Whiskys haben sie schon manches Mal ihre Sorgen versenkt wie in den Mooren des Islays. Meist ging es um Dinge, die man am Liebsten einfach nur vergessen will. Man redet noch einmal darüber, versenkt sie im Moor und sie kamen nie wieder an die Oberfläche. Oder, was besser war, indem sie miteinander redeten, lichteten sich die Nebel des Moores und es war wieder eine Zukunft zu sehen. Martin hat Recht. Lois stellt einen Bruichladdich, die Sherry Variante, und zwei Gläser auf den Tisch.

Innerlich muss Martin lächeln, denn wenn Lois einen Whisky will, der in Sherry-fässern herangereift ist, dann hat sein Problem mit Frauen zu tun. Die Sherry Fässer sind den Frauen zugeordnet, die traditionellen Eichenfässer den Männern. Bruichladdich ist die westlichste Destillerie auf der Insel Islay, wo der Atlantik einen natürlichen Hafen bildet, aber mitunter sich auch heftige Strudel bilden oder die Stürme, die sich dort gefangen haben, lange im Kreis drehen. Martin hofft nur, dass sich Lois Beziehung mit Andrea nicht im Kreis dreht. Das ist aber eher unwahrscheinlich, weil als sich Martin zuvor nach der Familie erkundigt hat, schien alles perfekt zu sein. Martin gießt den Whisky in zwei Gläser und sie prosten sich mit einem Slàinte mhath! zu. Genüsslich nehmen sie einen Schluck. Martin reißt dann doch der Geduldsfaden und sagte: „Lois, sag endlich, was dich bedrückt!"

„Martin, ich bin heute bei dir, damit du mir bitte sagst, dass ich dumm bin und es im 21. Jahrhundert nicht noch Menschen, nein Bestien gibt, die Hexen verbrennen. Wir haben drei Fälle, in denen jemand - Gott weiß, welch krankes Hirn - Frauen, die er für Hexen hält, sucht, sie auskundschaftet und sich die Zeit nimmt, sie bei vollem Bewusstsein als Hexen zu brandmarken und sie nachher dann bei lebendigem Leib zu verbrennen. Dafür scheint er oder sie in ganz Österreich unterwegs zu sein: wir wissen bisher von wahrscheinlich drei Frauen, eine aus Vorarlberg, eine aus Oberösterreich und eine aus Wien, wo die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass sie auf die gleiche grausame Weise als Hexen zu Tode kamen. Martin, sag mir bitte, was du denkst und was du über Hexen weißt. Ich, nein wir alle bei der Polizei, sind ratlos bei diesem Fall!" Mit einem kräftigen Schluck trinkt Lois daraufhin sein Whiskyglas leer und legt das Bild vom Körper der Frau auf den Tisch und daneben drei Detailaufnahmen der Abdrücke auf den Brüsten und der Scham. Daneben zwei Bilder der anderen Frauen. „Wir vermuten, dass mit ihnen dasselbe angestellt wurde. Eine war eine Prostituierte, eine Heilpraktikerin und Kinesiologin und die dritte, von der die Bilder der Abdrücke stammen, Mentaltrainerin und Kräuterpädagogin.

Eine ist am 30. April, eine am 21. Juni und die letzte am 31. Oktober verbrannt."

Martin schweigt kurz, er sieht sich die Bilder an. Er ist davon schockiert, aber er sagt nichts oder gibt sich ruhiger und gefasster als er wirklich ist. Er ordnet seine Gedanken. Er fängt dann einfach an, vor sich hin zu reden in der Hoffnung, Lois etwas Nützliches[ii] mitteilen zu können.

„Hexen bzw. die Verfolgung von Hexen gibt es so ab dem Jahr 1000. In den deutschsprachigen Ländern stieß der Hexenglaube zuerst auf Ablehnung. Bis der Inquisitor Heinrich Kramer deswegen den Papst um Hilfe bat. Papst Innozenz VIII erließ 1484 die sogenannte Hexenbulle, mit der er die Verbreitung der Hexensekte stoppen wollte und den Adel um Mithilfe dabei bat. Mithilfe des Buchdrucks wurde die Hexenbulle vervielfältigt und fand weiteste Verbreitung und Beachtung. Dieses machten sich der Dominikanermönch Jacob Sprenger und Heinrich Kramer, zunutze. Sie hefteten dem Machtwort des Papstes ihr dreiteiliges Werk bei, das sie 1487 unter dem Titel „Malleus Maleficarum" - deutsch: „Der Hexenhammer" - veröffentlichten. Es war fortan Entscheidungsgrundlage bei Hexenprozessen.

Darin führt Kramer an, dass Frauen besonders geeignet sind, dem Teufel zu verfallen und nennt 5 Kennzeichen für eine Hexe:

1. Teufelspakt: die Hexe geht einen Pakt mit dem Teufel ein und bekommt dafür als Gegenleistung besondere Fähigkeiten oder Wissen im Umgang mit Kräutern und Giften.

2. Teufelsbuhlschaft: die Hexe verkehrt mit dem Teufel in sexueller Weise: sie lernt dadurch, wie sie Männer verführen kann bzw. sie sich hörig macht und so zu Handlungen bringt, die sie eigentlich ablehnen, aber dem Treiben des Teufels dienen.

3. Flug durch die Luft: Hexen können durch die Luft fliegen.

4. Hexensabbat: regelmäßige, geheime, nächtliche, festartigen Treffen der Hexen mit dem Teufel, wo sie ihn auch anbeten und mit ihm tanzen bzw. sich ihm hingeben.

5. Schadenszauber: im Wesentlichen reden wir hier von Zauberei, die einer Person Schaden zufügt, einen Menschen sterben oder krank werden lässt oder Wetterzauber, wo Ernte vernichtet wird oder die Pest erzeugt wird.

Martin schaut sich noch einmal die Bilder an und erklärt Lois dann: „Die Teufelsdarstellung im Pentagramm erinnert mich an das Baphomet-Siegel, das die Kirche Satans verwendet, die 1966 in San Francisco gegründet wurde. Ob es wirklich genau dieses Symbol ist, muss ich aber noch recherchieren. Ich weiß - jetzt im Moment - auch nicht, ob und vom wem genau diese Darstellung früher verwendet wurde. Auf jeden Fall weist es darauf hin, dass die Frau nach Ansicht des Mörders einen Pakt mit dem Teufel gemacht hat. Kein Schmerzempfinden an den Brüsten galt als sicheres Hexenzeichen im Mittelalter. Das Brandzeichen auf der Scham weist auf ihre Buhlschaft mit dem Teufel hin. Im katholischen Verständnis war lange Zeit als Form für den Geschlechtsverkehr einzig die Missionarsstellung erlaubt, weil davon wenig Lust ausging, vor allem für die Frau. Der Geschlechtsakt diente alleine der Fortpflanzung. Lustgewinn wurde als teuflisch angesehen. Angeblich neigen nach Heinrich Kramer, dem Autor des Hexenhammers, Frauen eher zu geschlechtlichen Ausschweifungen als Männer und das führe zur Teufelsbuhlschaft. Der Teufel wird auch von Grund auf nur männlich gedacht, deswegen sei der Geschlechtsverkehr des Teufels eben nur mit Frauen möglich.

Wenn deine Toten sich mit Energie, Kräutern, Heilmitteln und Giften auskannten, kommen sie leicht in den Verdacht der Hexerei. Auch ihre Schönheit trotz ihres Alters hat eine große Bedeutung, um sie als Hexe anzusehen. - Martin hatte sie alle mindestens 5 Jahre jünger geschätzt, als Lois ihm ihr Alter nannte. Eine Prostituierte, eine Frau, die mit mehr als einem Mann in ihrem Leben Sex hat, galt als „Mannstoll". Dann hieß es gleich, sie verführt die Männer, die tun das, weil sie unter dem Bann der Hexe stehen und nicht freiwillig. Eigentlich sind sie alle brav und gottesfürchtig, aber in Gegenwart der Hexe müssen sie dann tun, was sie will und verfallen ihr. Also die formalen Kriterien für eine Hexe sind erfüllt - wir leben nur nicht mehr im Mittelalter, sondern im 21. Jahrhundert. Wer glaubt, heute Hexen jagen, foltern und schließlich verbrennen zu müssen, kann ich dir auch nicht sagen.

Noch etwas: du hast gesagt, die Brände waren am 30. April, am 21. Juni und am 31. Oktober. Alle drei Daten kann man mit Hexen in Beziehung bringen: der 30. April ist die Walpurgisnacht - klassisch die Nacht der Hexen, wo sie sich versammeln. Der 21. Juni ist Sommersonnenwende, eine Nacht, wo große Feuer abgebrannt werden und wo es auch heißt, dass die Hexen sich treffen, gerne über diese Feuer fliegen und drumherum tanzen. Der 31. Oktober, Samhain, die wörtliche Bedeutung von Samhain ist „Summers End", also das Ende des Sommers und der Beginn des neuen Jahres im keltischen Kalender. Nach keltischem Verständnis´ ist das eine Nacht, wo die Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits eine sehr dünne ist, somit haben die Teufel es leicht, in unsere Welt zu kommen und sich mit den Hexen zu treffen. Das sind zwar etwas weit hergeholte Vermutungen, aber du hast ja gefragt, was mir dazu einfällt. Theoretisch könnte jeden Freitagabend/Nacht eine Hexennacht sein. Es gibt ja den Begriff des Hexensabbats [iii].

Für wahrscheinlicher halte ich es aber, dass ihr mit dem nächsten Mord in der Thomasnacht (Nacht vom 21. auf den 22. Dezember = Wintersonnenwende) rechnen müsst. Also habt ihr - nach meiner persönlichen Einschätzung - noch ein wenig Zeit, um zu suchen, auch wenn ich nicht weiß, wo ihr da beginnen sollt und was genau ihr suchen sollt."

Martin steht auf und holt einen anderen Whisky aus seiner Sammlung und auch eine frische Karaffe Wasser. Alois muss lächeln, als er die Flasche sieht und staunt wieder einmal über Martins Whiskykenntnisse, denn einen Passenderen gibt es wohl kaum:

Aberlour - nicht wirklich so ein besonderer Whisky, aber er wird zweifach gelagert: zuerst in Eichenfässern - und danach in Sherry-Fässern, die Schotten nennen das Double Cask - das gilt als die Verbindung von Mann und Frau. Martin hielt also klar einen Mann für den Täter.

Die Destillerie Aberlour in den Highlands ist Ende des 19. Jahrhunderts einmal durch ein Feuer völlig zerstört worden und nach dem Wiederaufbau durch ein erneutes Feuer schwer beschädigt worden. Martin will ihm mit der Auswahl des Whiskys sagen: Einmal wurde schon alles durch Feuer vernichtet - Lois dachte da an die drei Frauenleichen - und es wird weitere Brände geben - doch am Ende wird aus den Ruinen Neues entstehen, zwar gezeichnet vom Unglück, aber akzeptabel. Lois hofft inständig, dass sich das als richtig erweisen wird, als er Martin stumm, aber dankbar zuprostet.

Damit lassen sie den Fall liegen und widmen sich ihren Jugenderzählungen, um auf andere Gedanken zu kommen. Leicht angetrunken und sehr müde fallen sie um zwei Uhr morgens ins Bett.

Burg-Kloster Finstermünz
Freitag, 29. Juni 2018
Fest der Apostelfürsten Peter und Paul

Seit 800 Jahren existieren Teile der Burg Finstermünz, durch die P. Gregor schreitet. Schon zur Römerzeit führte hier die römische Via Claudia Augusta als einer der wichtigsten Alpenübergänge an Finstermünz vorbei.

Er geht zur Brücke hinunter und schaut lächelnd in den Inn. Endlich hat er sein lang ersehntes Ziel erreicht. Eben haben ihn seine Mitbrüder zum Abt gewählt. Er ist sich sicher, er wird dem Namen, den er sich beim Ordenseintritt vor 30 Jahren gewählt hat, alle Ehre machen. So wie Papst Gregor VII als „Zuchtrute Gottes" und als „Heiliger Satan", die Kirche im 11. Jahrhundert reformiert hat, wird er nun diesen - seinen - Orden reformieren. Das Kloster wird wieder seiner Aufgabe nachkommen, die der letzte Herr dieser Burg, Baron Gregor von Finstermünz, in seinem Nachlass bestimmt hat und weswegen er seine Burg und Besitztümer dem Orden schenkte.

Wie riesig diese Burg[iv] in Wirklichkeit ist, weiß kaum jemand. Denn Finstermünz ist eine Höhlenburg, wo Mönche tief in den Felsen große, teils geheime Räume geschlagen und später gesprengt haben. Gregor ist jetzt Abt des Ordens, der im Jahr 1559 die Burg und alle damit verbundenen Rechte vom letzten Baron von Finstermünz übertragen bekam. Diesem letzten Baron, Gregor von Finstermünz, war im Jahr 1527, als er noch im besten Mannesalter war, von einer alten Frau in Nauders prophezeit worden, dass er der letzte Finstermünz sein wird und sein Geschlecht mit ihm (aus)sterben wird. Damals war gerade sein zweiter Sohn geboren worden und die Taufe wurde auf der Burg groß gefeiert, als die alte Frau ihre Weissagung beim Festmahl verkündete. Zwei Jahre später waren sowohl seine Frau als auch seine beiden Söhne innerhalb kürzester Zeit - ganz plötzlich - gestorben. Baron Gregor von Finstermünz beschuldigte die Frau der Hexerei. Sie landete auf dem Scheiterhaufen, aber der Baron von Finstermünz fand trotzdem keine Ruhe. Seine zweite Frau gebar ihm keine Kinder mehr und so nach und nach kam ihm die Erkenntnis, dass die Frau, obwohl als Hexe verbrannt, Recht behalten hat. Er bat deshalb die heilige Inquisition, ihm Ordensmänner zu schicken, denen er seine Burg und Liegenschaften schenken würde, wenn sie im Gegenzug dafür sorgen würden, dass niemand mehr sein Schicksal erleiden musste. Die heilige Inquisition nutzte diese Gelegenheit, um eine lang gehegte Idee in die Tat umzusetzen.

1540 wurden die ersten ausgesuchten Mönche diesem Orden zugewiesen. Sie nannten sich Bonifici - die, die Gutes tun - aber eigentlich war es der Gegenbegriff zu Malefica - Hexe.

Um in den Orden der Bonifici aufgenommen zu werden, musste ein Mann in einem Waisenhaus aufgewachsen sein oder schon in sehr jungen Jahren von seiner Mutter verstoßen worden sein. Damit war sichergestellt, dass er möglichst wenig Zeit im Einflussbereich von Frauen verbracht hatte. Die Mönche nahmen sich dann um den kleinen Buben an und erzogen ihn ganz in ihrem Sinn. Im Wesentlichen lebten die Mönche nach den Regeln des heiligen Augustinus, hatten jedoch von der heiligen Inquisition ihre eigenen Regel-Ergänzungen bekommen. Frauen waren für sie das Abbild des Bösen und Gesandte von Satan. Die Frauen hatten sich schon im Paradies mit der Schlange verbündet und waren somit für die Vertreibung aus dem Paradies verantwortlich. Jedem Mönch war die Berührung einer Frau außer zur Folter oder Schändung verboten. Die Kinderjahre wurden größtenteils der Bildung gewidmet. Hatte ein Bub das Mannesalter erreicht, lebte er drei Jahre in der äußeren Gemeinschaft des Ordens und erlernte dort einen für die Gemeinschaft nützlichen Beruf. Am Ende der drei Jahre konnte er sich entscheiden, ob er der Gemeinschaft beitreten wollte oder nur mit seinem Beruf dienlich sein wollte. Nach weiteren 5 Jahren stand es den Männern frei, die Gemeinschaft ganz zu verlassen oder sich für immer an den Orden zu binden. Damit wurde er in den inneren Zirkel der Gemeinschaft aufgenommen und bekam auch eine eigene Zelle in den Tiefen der Höhlenburg zugeteilt. Diese ewige Entscheidung wurde mit der Kastration des Mönches besiegelt. Der Orden hatte nie wirkliche Nachwuchsprobleme. Die umliegenden Bergbauern überließen den Mönchen gerne einen Buben, wenn die Kinderzahl allzu groß war und es Schwierigkeiten gab, sie zu ernähren. Auch die Mägde, die ungewollt schwanger wurden, gaben ihre Buben gerne nach dem Abstillen im Kloster ab, um fortan wieder ohne uneheliches Kind ihren Dienst an einem neuen Ort antreten zu können. Die Bonifici hatten in all den Jahrhunderten ihrer Existenz nie weniger als 30 Brüder im inneren Kreis gezählt, in den besten Zeiten waren es über 150. Sie waren dafür bekannt, dass sie Talente in den Burschen erkennen und in den verschiedensten Handwerksberufen eine solide Ausbildung anboten. Jedes Jahr suchten sie in den Waisenhäusern, mittlerweile auch in den Schulen des Umlandes drei bis fünf halbwüchsige Jungen aus, für die sie die Ausbildung übernahmen. Der Orden, der derzeit knapp 80 Personen umfasste, davon 57 im inneren Zirkel, legte seitdem großen Wert auf eine gute Ausbildung [v].

Als die Hexenverfolgung nicht mehr ins Bild der Zeit passte, war Bildung-Ausbildung auch der Schwerpunkt des Klosters geworden. Im Jahr 1784 hatte der damalige Abt Gunther sogar mit der Tradition der feierlichen Kastration bei der ewigen Profess gebrochen. Ab dann fand sie nur mehr bei denen statt, die es ausdrücklich wünschten. Abt Gregor war einer von nur zehn Mönchen in der inneren Gemeinschaft, die ihre Profess nach den alten überlieferten Ordensregeln geleistet hatten. Er hatte sich bei seiner Profess für die feierliche Kastration entschieden, weil er so seinen Auftrag besser erfüllen kann. Damit ist sichergestellt, dass Hexen keine Möglichkeit haben, ihn in ihren Bann zu ziehen.

Nach Abt Gregors Überzeugung hat sich der Orden in den letzten drei Jahrhunderten zu sehr von seiner eigentlichen Bestimmung entfernt, für die er gegründet worden war. Abt Gregor ist sich sicher, unter ihm als Abt wird sich das Alles jetzt ändern. Dafür musste er aber noch einige Vorbereitungen treffen. Er blickt in sich gekehrt, sich mit Gott besonders verbunden fühlend von der Steinbrücke hinab in den Inn und betet inbrünstig, dass Gott - ER, der Allmächtige - ihm die Kraft gibt, den Orden wieder zur alten Bestimmung zurück zu führen.

Wien, Donnerstag, 7. November 2019

Martin und Lois waren für ihre Verhältnisse sehr spät - erst um sieben Uhr morgens - aufgestanden. Beide frühstückten normalerweise nicht. Es gehörte fast schon zum Morgenritual der beiden, was viele für unfreundlich hielten: dass sie sich nicht wirklich anblicken, schnell ihre Morgentoilette machen und dann einfach verschwinden. Martin fährt ins Stiftsgymnasium. Donnerstag ist ja einer seiner Unterrichtstage. Lois macht sich auf den Weg nach Baden. Er will ein paar Stunden mit seiner Frau verbringen. Er fürchtet, ihm wird in den nächsten Wochen nicht so viel Zeit für seine Familie bleiben.

Kurz nach zwei macht sich Alois von Baden aus auf den Weg ins Innenministerium in den 1. Bezirk, direkt neben der Hofburg. Er ist gespannt, was sie für Räume für seine SOKO freigemacht haben. Auf jeden Fall wird er sich die nächsten Wochen, wahrscheinlich Monate, in geschichtsträchtigen Räumen aufhalten, was ihm auf eine Art und Weise auch Freude bereitet. Wenn er schon so einen schweren, heiklen Fall zu lösen hat, dann war es Trost, es in einer so geschichtsträchtigen Umgebung zu tun.

Beim Pförtner erfährt er, dass alle Mitglieder der SOKO spezielle Ausweise bekommen werden, er dafür nur die Namen mitteilen muss, er erhält die dafür notwendigen Formulare. Es gibt auch 8 Parkplätze in der Tiefgarage für die, die wie er selbst von auswärts einpendeln. Alois macht einen Rundgang und ist überrascht und zufrieden: sie haben fast einen ganzen Stock des Gebäudes. Er fragt sich kurz, wer da wohl ausquartiert worden war. Aber er ist froh, dass sie genug Räume haben: er hat ein Büro, der Vorraum für zwei Sekretariatskräfte, einen großen Konferenzraum, der Platz bietet für bis zu 15 Personen. Büros für die IT-Fachleute, Kriminalisten, Raum für 1-2 Spezialisten. Er hat von der Uni Wien beim Institut Geschichte, Fachbereich für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften einen Experten oder eine Expertin angefordert, der/die ihnen zum Thema Hexen weiterhelfen kann und eine Expertin oder Experten vom Institut für Religionswissenschaften, die sich bei esoterischen Strömungen, Wicca und ähnlichem auskennt.

Sein Eindruck ist, dass alles sehr gut passt.

Burg-Kloster Finstermünz, Freitag, 2. November 2018

Die Klostergemeinschaft hat gerade ihrer toten Mitbrüder durch die Jahrhunderte gedacht. Im Nekrologium (Totenverzeichnis des Klosters) steht an diesem Tag auch der erste Abt des Klosters, Abt Bonifatius. Er starb 1568, genau vor 450 Jahren. Unter ihm erreichte das Kloster seine erste Größe. Durch seine strenge und gewissenhafte Führung wurden damals die Grundlagen und Mechanismen entwickelt, die Abt Gregor in seinem Kloster jetzt wieder mit Leidenschaft lebendig machen will.

Er hat die Mitbrüder gebeten, nach dem Abendessen im Refektorium sitzen zu bleiben. Alle Bediensteten und alle, die nicht zum inneren Kreis des Klosters gehörten, wurden vorzeitig von ihm heimgeschickt.

Abt Gregor erhebt sich und geht zum Lesepult, von dem sonst normalerweise vor und während des Essens Schriftstellen und die Regel des Ordens verlesen werden.

„Liebe Mitbrüder, vier Monate nach meiner einstimmigen Wahl ist es an der Zeit euch mitzuteilen, wie ich mir die weitere Zukunft unseres Ordens vorstelle und was ich dafür als die nächsten notwendigen Schritte sehe. Ihr alle gehört dem Inneren Kreis des Klosters an und wisst um unseren Auftrag, den uns der Gründer des Klosters gegeben hat und von dem wir uns in den letzten Jahrhunderten weit entfernt haben. Unser ursprünglicher Auftrag war: Hexen zu suchen, zu verhören, über sie zu urteilen und das Urteil an ihnen zu vollstrecken. Der letzte Hexenprozess, an dem das Kloster beteiligt war, war der von Anna Schnidenwind, geborene Trutt, die am 24. April 1751 in Endingen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Wie ihr auch wisst, entschied Abt Gunther dann im Jahre 1784, die Bestimmung des Klosters, Hexen zu verfolgen, vom Papst ändern zu lassen. Gleichzeitig fiel auch die Verpflichtung der Mönche, sich bei der feierlichen Ewigen Profess kastrieren zu lassen.

Seitdem hat sich dieses Kloster auf andere Aufgaben konzentriert und seine wirkliche Berufung aufgegeben.

Es ist meine Absicht, dem Unwesen, das der Teufel seither ohne Hindernis treiben kann, Einhalt zu gebieten. Wir Bonifici werden dieser Welt und den Menschen wieder den Schutz zukommen lassen, der uns bei der Gründung aufgetragen wurde. So tragen wir bei, dass sich das Paradies auf Erden wieder ausbreiten kann.

Ich weiß, jeder von euch hat bei seiner Ewigen Profess dem Abt Gehorsam und dem Orden zu dienen versprochen. Ich werde euch jetzt mitteilen, was meiner Überzeugung nach in Zukunft die Aufgaben des Klosters sein werden. Ihr habt dann die ganze Nacht und morgen bis nach der Vesper Zeit für euch zu entscheiden, ob ihr weiterhin zu eurem Versprechen steht oder ob ihr lieber in einen anderen, nicht so strengen Orden wechseln wollt. Ich erinnere euch aber an das Schweigegelübde, das für alles, was hier im Refektorium gesprochen wird, gilt. Wer es bricht, hat mit unendlichen Qualen im Jenseits zu rechnen.

Ihr seid in den Orden der Bonifici eingetreten. Wir leben nach der Regel des heiligen Kirchenvaters Augustinus. Genau jener Kirchenvater Augustinus hat uns gelehrt: Menschen können keine Magie wirken. Der Satan und seine Dämonen haben diese - ihnen von Gott gegebene Fähigkeit - auch nach ihrem Abfall von Gott behalten dürfen. Wenn also eine Frau Magie wirkt, Zauber ausspricht, dann kann sie das nur, weil in ihr der Satan oder ein Dämon wirkt. Das heißt konkret: Jede Art von Zauberei ist Teufelswerk! Jedes Handeln einer Hexe beruht auf einen Pakt, den sie mit einem Dämon oder dem Teufel selbst geschlossen hat. Es liegt an uns, das im Hexenprozess zu beweisen und die Hexen dann dem göttlichen Urteil zu übergeben.

Als ihr in den Orden eingetreten seid, haben die damaligen Äbte von euch nicht mehr eingefordert, was in den alten Regeln unseres Hauses verlangt wird und deshalb ist es nur recht und billig, dass ihr in euch geht und euch fragt, ob dieser Orden der richtige für euch ist. Weiters, ob ihr bereit seid, dem Auftrag dieses Klosters und dieses Ordens zu erfüllen? Es muss sich niemand Sorgen machen. Ich trage Sorge, dass alle, die sich entscheiden sollten, uns zu verlassen, in einem anderen Orden aufgenommen werden, wo sie sich wohl fühlen werden."

Der Abt nickt seinem Prior zu und der legt in die Mitte des Refektoriums einige Gegenstände. „Ihr kennt sicher alle ganz genau unsere Klostergeschichte. Jeder hat sie in seinem Noviziat ausführlich studieren müssen. Diese Werkzeuge, die ihr jetzt in der Mitte seht, wurden bei der Gründung des Klosters von unserem Gründer und Stifter, Baron Gregor von Finstermünz extra für uns angefertigt. Die heilige Inquisition hat sie uns zur Erfüllung unseres Auftrages anvertraut. Der Auftrag unseres Ordens - der Bonifici - ist simpel: Hexen ausfindig zu machen, sie als solche zu kennzeichnen und das Urteil über sie zu sprechen und das Urteil dann auch zu vollstrecken." - Abt Gregor zeigt zwei kunstvoll geschmiedete Stigmata (Gegenstand, mit dem man besondere Zeichen setzen kann) mit je einem Goldgriff, hebt sie hoch und führt sie jedem Mitbruder des inneren Zirkels vor die Augen. Jeder kann so den Wortlaut, den sie bilden, klar erkennen:

Male-Fica - Hexe!

„Gegen die „Male-fica" (Hexe) sind wir „Boni-fici" (die Gutes tun) gegründet und eingesetzt worden!" sagt er eindringlich dabei. „Das ist die Bestimmung dieses Ordens und es ist die Aufgabe von mir, eurem Abt, euch zu zeigen und dabei zu unterstützen, wie jeder einzelne von uns, wir alle gemeinsam, dieser Bestimmung am besten nachkommen können."

Abt Gregor nimmt das dritte Stigma zur Hand, es zeigt einen Schlangenkopf mit heraushängender gespaltener Zunge


und zitiert: „So steht es in der Heiligen Schrift: Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen. Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens." (Gen 3, 13-14)

Abt Gregor fährt fort: „Mit diesen wertvollen Gegenständen, die nur unser Kloster besitzt, soll jede Hexe gebrandmarkt werden. Sie sind aus kostbarem Platin gefertigt, das erst bei einer Temperatur von 1.768 Grad Celsius schmilzt, um über 200 Grad mehr als Eisen. Schaut euch genauestens das Kostbarste, was unser Kloster besitzt, an und dann entscheidet selbst, ob sie weggesperrt im Tresor des Klosters verkümmern sollen - so wie in den letzten 270 Jahren -oder ob sie wieder herausgeholt und benützt werden sollen - als Brandzeichen für die Hexen in unserer Zeit?"

Abt Gregor nimmt den Siegelring des ersten Abtes, ebenfalls aus Platin gefertigt, in seine Hand: Es zeigt das Symbol der Inquisition: Kreuz, Olivenzweig und Schwert und dazu die Worte aus dem Psalm 73: „Exurge Domine et Judica causam tuam!" - „Steh auf, Herr, und urteile über deine Streitsache!" auf der linken Seite der Name des Ordens: Bonifici und auf der rechten Seite der Name des Abtes: Abt Bonifatius.

Er nimmt seinen eigenen Abtring aus einer Schatulle, den er nach dem alten Vorbild anfertigen hat lassen, steckt ihn sich an seinen Finger und hebt seine Hand mit den Worten: „Ich gelobe, diesen Orden wieder zu seiner Bestimmung zu führen!"

Dann nimmt Abt Gregor den Ring vom Finger und legt ihn zu den anderen vier wertvollen Kostbarkeiten auf den Tisch in der Mitte des Refektoriums.

„Kommt und seht, worauf dieses Kloster und unser Orden gegründet wurde und entscheidet für euch selbst, ob ihr bereit seid, diesen Weg mit mir zu beschreiten."

Ohne sich noch einmal umzublicken, verlässt Abt Gregor wortlos und festen Schrittes das Refektorium.

Wien, Freitag, 8. November 2019

Alois Pichler ist schon kurz nach sechs Uhr früh im Innenministerium und betritt dort zum ersten Mal seinen neuen Arbeitsplatz. Er ist mit Erlass des Innenministers vom 6. November 2019 per heutigem Tag zum Leiter der SOKO „Frauenmorde" ernannt worden. Er muss lachen, weil sich der Innenminister wohl nicht getraut hat, sie „Hexenverbrennung" zu nennen.

Auf seinen Schreibtisch liegen sämtliche Akten zu dem Fall auf einem Stapel.

Als er seinen Computer hochfährt, stellt er erfreut fest, dass sein Emailaccount und auch sonst alles darauf genau so eingerichtet ist wie er es von seinem früheren Arbeitsplatz in der Landespolizeidirektion gewöhnt ist.

Um 8 Uhr beginnen die beiden Sekretariatskräfte ihre Arbeit. Die eine ist Frau Miriam Wageneder, 53 Jahre alt. Sie arbeitet seit fast 20 Jahren - als er 2001 seinen Dienst in der Landespolizeidirektion Wien aufnahm als seine Sekretärin. Es war sein Wunsch, nein eigentlich seine Bedingung, dass sie für die Dauer der Existenz der SOKO mit ihm den Dienstort wechselt. Sie sind ein eingespieltes Team. Sie kann mit all seinen Macken gut umgehen und sie arbeitet genauso, wie er es braucht. Weiters ist sie die Kraft, die das Chaos, zu dem er mitunter neigt, in die nötige Perfektion verwandelt.

Die andere ist eine gewisse Frau Gerlinde Rath, 31 Jahre jung. Sie hat bisher hier im Innenministerium als persönliche Assistentin für einen Sektionschef gearbeitet, der gerade aufgrund einer Tumoroperation in einem längeren Krankenstand ist. Ihre Aufgabe wird sein, dass sie die Abstimmung mit dem Innenminister regelt. Sie ist in diesem Gebäude seit ihrer Lehre „daheim". Alois hofft, dass durch sie ein reibungsloser Ablauf mit dem Innenministerium möglich sein wird.

Die Büros nebenan gehören den Kriminalpolizisten. Derzeit gehören der SOKO 4 Kriminalpolizisten an. Alois fürchtet aber, dass er die noch erweitern muss. Zwei stammen von dem Team, das mit dem Fall Frauscher von Anfang an betraut war: Sie haben ihm auch bisher schon die entsprechenden Akten und Unterlagen zusammengesucht und all die Kleinarbeit erledigt, die zu einem Kriminalfall nun mal dazu gehört. Einer kommt vom Bezirkspolizeikommando Vöcklabruck und eine Bezirksinspektorin Sylvia Stadler kommt vom Bezirkspolizeikommando Bludenz. Das soll sicherstellen, dass alle Informationen von den bisher bekannten Tatorten auch hier in Wien bei der SOKO landen und die Zusammenarbeit mit den Beamten vor Ort hervorragend funktioniert. Sie alle wurden von ihren Dienststellen bis auf Widerruf der SOKO in Wien dienstzugeteilt.

Dann gibt es ein großes Büro für die IT. Es ist technisch am neuesten Stand und mit 2 Fachleuten besetzt: ein IT-Techniker hier aus dem Innenministerium und ein Senior Data Engineer vom BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik). Alois weiß zwar nicht wirklich, was diese Berufsbezeichnungen genau bedeuten, aber er ist zuversichtlich, dass sie ihm eine große Hilfe sein werden.

Pünktlich um neun Uhr treffen sich diese neun Personen im Konferenzraum. Alois stellt sich kurz vor, sagt auch jedem, warum er gerade ihn oder sie in dieser SOKO haben will. Dann bittet er auch alle anderen, sich kurz vorzustellen, da sie alle sich vor diesem Tag noch nie begegnet sind bzw. beruflich gemeinsam gearbeitet haben.

Er bittet alle darum, in dieser SOKO auf akademische Titel, Dienstgrade und Berufsbezeichnungen zu verzichten, sich ab dieser Team-Besprechung zu duzen und sagt, dass er darauf hofft, dass sie gut zusammenarbeiten und die Fälle bald lösen werden. Er geht zu jeder Person persönlich hin, reicht ihm bzw. ihr die Hand und sagt: „Willkommen in meinem Team, ich bin der Alois. Ich freue mich auf unsere gute Zusammenarbeit." Dann skizziert er auf dem White Board das Aufgabenfeld jeder einzelnen Person, bittet, kreativ zu sein und ungewöhnliche Gedankengänge zu entwickeln. Seine Tür steht jederzeit für alle offen und jeder kann kommen, auch wenn er meint, die Idee sei noch so sonderbar. Wenn wer was braucht, soll er sich einfach bei ihm melden. Er, Alois, wird sein Bestes tun, dass sie all das bekommen, was sie brauchen.

Er schließt die Besprechung damit, dass er sich auf die Zusammenarbeit freut, und jeder zu allen Unterlagen in seinem Account Zugang hat. Sie sollen sich im Anschluss diese Unterlagen genau anschauen. Es wird fortan dreimal in der Woche: Montag, Mittwoch und Freitag um neun Uhr früh eine gemeinsame Dienstbesprechung geben, wo jeder mitteilen kann, wo er gerade steht, was seine nächsten Schritte sind und was er braucht. Nächste Team-Besprechung am nächsten Montag um neun Uhr. Er übergibt jedem seinen Ausweis, mit dem er freien Zugang zu diesen Räumen hat.

Alois widmet sich dann den Berichten des Frauenmordes von der Frau Maria Frauscher in Wien:

Opfer: Frau Maria Frauscher

geboren am 11. September 1988 in Graz;

Wohnadresse: Praterstraße 36/4

Zweitwohnsitz: Kleingartenverein Satzberg Alt, 1140 Wien - den hat sie 2014 von ihrer Tante geerbt.

Beruf: Diplomierte Eltern/Kind-Mentaltrainerin, Kräuterpädagogin

Eltern: Harald und Hermine Frauscher, geb. Mitter, Schanzelgasse 63, 8010 Graz

Ausbildung: Nach der Schule 2004-2007 Lehre als Kosmetikerin und Abschluss bei DM - Drogerie Markt GmbH in Graz, ausgezeichnete Lehrabschlussprüfung, 2010 (berufsbegleitend) Ausbildung zur Kräuterpädagogin am DRUMBL (Akademie für Aus- und Weiterbildung GmbH) in Graz, 2011 (ebenfalls berufsbegleitend) Ausbildung zur diplomierten Eltern/Kind Mentaltrainerin am DRUMBL,

2013 Übersiedelung nach Wien und seither selbständig als Eltern/Kind-Mentaltrainerin und Kräuterpädagogin

Hat einen Vertrag mit der Bildungsdirektion Wien zur Beratung von Lehrkräften in Krisenfällen und mit dem Familien-Kompetenzzentrum von Prosoz Wien.

Hat eigene Klienten in beiden Bereichen.

Familienstand: ledig - nach Auskunft der Eltern und Freundinnen keine fixe Partnerschaft, ab und an sehr kurzfristige Affären.

Bericht Kripo:

Die Kleingartenanlage war in dieser Nacht leer, es hat den Anschein, dass nur Frau Frauscher dort genächtigt hat. Alle anderen Besitzer können nachweisen, dass sie zum Tatzeitpunkt nicht vor Ort waren. Das letzte Paar hat kurz vor 18.00 Uhr - nach Einbruch der Dunkelheit - die Kleingartenanlage verlassen.

Ein Nachbar, ein gewisser Herr Ing. Wolfgang Greindl ist gegen halb zwei Uhr früh in seine Hütte gefahren, nachdem ihn seine Frau beschimpfte, weil er das Gesteck für das Familiengrab dort liegen hat lassen. Er sah den Rauch und alarmierte die Feuerwehr, die innerhalb von zehn Minuten eintraf, den Brand löschte und die Frauenleiche in der Hütte vorfand.

Er ist niemandem auf dem Weg zum Schrebergarten bzw. beim Verlassen begegnet, auch keinem Fahrzeug.

Es gibt keine Zeugen, die etwas bemerkt haben.

Erkundigungen über das Opfer zeigen keine Auffälligkeiten.

Bericht Spurensicherung:

Die Spurensicherung hat im Kamin, auf den Scheiten und auf Teilen der Bettwäsche Aceton gefunden; der Analyse nach dürfte es von der Marke MEYER stammen. Die Firma verkauft es in Gebinden von 1 Liter, 6 Liter, 12 Liter, 30 Liter und 200 Liter Inhalt, vorwiegend an Malerbetriebe und Firmen, die Aceton zum Reinigen und Entfetten von Ausrüstung oder Werkstücken verwenden.

Artikel- und Sicherheitsdatenblatt liegen dem Bericht bei.

An bzw. neben der Leiche fanden sich noch Reste einer Angelschnur, eine Anaconda Rockshocker Leader - Schlagschnur, sie zeichnet sich durch hohe Abriebfestigkeit und hohe Knotenfestigkeit aus. Eine Spule mit 150 Meter davon kostet so an die 20 Euro und ist in jedem guten Angelgeschäft erhältlich, natürlich auch über den Internethandel.

An der Eingangstüre fanden sich keine Einbruchsspuren, also wird das Opfer den oder die Täter zu sich in die Hütte gelassen haben.

Der Laptop der Verstorbenen fand sich in ihrem Auto. Dort gab es einen Terminkalender. Darin ist am 1. November um 18 Uhr ein Termin mit einem gewissen Kaiser Claudius, Vermerk Erstgespräch verzeichnet. Dabei war aber weder eine Telefonnummer, Bild oder Adresse und auch im Handy oder der Klienten-Datenbank des Opferns fand sich dazu kein Eintrag, obwohl sie ansonsten in ihrer persönlichen Cloud eine sehr detaillierte Datenbank mit Angaben zu den Vorlieben, Problemen und Anschauungen und dem Verlauf der Behandlungen ihrer Klienten hatte.

In der Hütte fanden sich Spuren, Fingerabdrücke, etc. von der Besitzerin, etwas ältere von einer männlichen Person im Badezimmer - die aber nirgends registriert sind. Es gab nur ein benutztes Glas an der Spüle mit den Fingerabdrücken des Opfers, darin fanden sich Spuren von GHB (Gamma-Hydroxy-Buttersäure) - sogenanntes Liquid Ecstasy, das häufig als K.O. Tropfen verwendet wird, um Opfer gefügig zu machen.

Im Geschirrspüler war das Geschirr vom Frühstück, Mittagessen und eine Schüssel mit Salat stand noch auf der Anrichte.

Im offenen Kamin wurden die Brandzeichen, die am Opfer verwendet wurden, glühend heiß gemacht. Es fanden sich dort keine Metallreste des Metalls, mit dem die Brandzeichen gesetzt wurden.

Bericht Feuerwehr: bei dem Feuer handelte es sich eindeutig um Brandstiftung, ausgehend vom offenen Kamin, der an war. Darin waren Buchenholzscheite aufgestapelt - dieselben, wie sie auch an der Hauswand - in etwa drei Kubikmeter - gelagert sind. Im offenen Kamin unter den Buchenholzscheiten fanden sich große Glutreste. Als Brandbeschleuniger wurde Aceton verwendet, das sich auf den Scheiten und dem Bettzeug fand.

OBDUKTIONSBERICHT

Todesursache: Rauchgasvergiftung

In den Atemwegen fanden sich Spuren von Aceton.

Im Blut Spuren des Medikamentes Effortil und hohe Mengen von Morphin.

Drei massive Brandmale: zwei an den Brüsten, einer am Venushügel - fachmännisch gesetzt ohne Spuren an anderen Stellen des Körpers - das lässt darauf schließen, dass das Opfer reglos war. Weitere Verbrennungen zweiten und dritten Grades, verursacht durch die brennende Bettdecke.

Vier Einstiche in der rechten Armbeugen-Vene, zwei in der linken Armbeugen-Vene (Morphin und Effortil).

Abschürfungen und Hämatome aufgrund einer Fesselung an den Arm- und Fußgelenken, ebenso Fesselspuren im Hüftbereich, an diesen Körperstellen auch ein leichter Abrieb von Kunststoff, wie er für Schlagschnüre beim Angeln verwendet wird und Reste davon auch noch in der Hütte gefunden wurden.

Im Grunde genommen nur die Bestätigung all der Dinge, die Hannes, der Pathologe, schon in der Nacht zum 2. November erwähnt hat.

Burg-Kloster Finstermünz, Samstag, 3. November 2018

Die Klostergemeinschaft der Bonifici hat die Vesper gebetet und sich danach still zum Mahl im Refektorium versammelt. Als das Essen beendet ist, steht Abt Gregor auf, schreitet voller Überzeugung zum Lesepult und liest aus der Ordensregel das 7. Kapitel vor:

1. Gehorcht eurem Oberen sowie einem Vater, aber auch mit dem gebührenden Respekt, der ihm aufgrund seines Amtes zusteht.

2. Es ist in erster Linie Aufgabe des Oberen, dafür zu sorgen, dass man alles, was hier gesagt ist, auch verwirklicht und dass man Übertretungen nicht achtlos übergeht. Es ist seine Aufgabe, auf fehlerhaftes Verhalten hinzuweisen und für Besserung zu sorgen.

3. Euer Oberer soll sich nicht deshalb glücklich schätzen, weil er kraft seines Amtes gebieten, sondern weil er in Liebe dienen kann. Allen soll er durch gute Werke ein Beispiel geben. Er soll diejenigen, die ihre Arbeit vernachlässigen, zurechtweisen, den Ängstlichen Mut machen, sich der Schwachen annehmen, mit Allen Geduld haben.

4. Indem ihr aus Liebe gehorcht, stellt ihr unter Beweis, dass ihr nicht nur mit euch selbst Erbarmen habt, sondern auch mit eurem Oberen. Denn auch für eure Gemeinschaft gilt: je höher einer gestellt ist, desto größer ist die damit verbundene Gefahr!

Abt Gregor geht zurück zum Tisch in der Mitte, nimmt seinen Siegelring und steckt ihn sich an seinen Finger der rechten Hand. - Er schaut hoch und sagt mit fester Stimme: „Wer von euch bereit ist, mit mir die Zukunft dieses Klosters nach dem Auftrag unserer Gründung zu gestalten, mit mir die Zukunft dieser Gemeinschaft zu prägen und ihrer Bestimmung nachzukommen, der kommt im Anschluss zu mir in die Mitte des Refektoriums, beugt sich zu meinem ausgestreckten Arm und küsst mir den Ring, schaut mir anschließend in die Augen und sagt laut: „Voveo - ich gelobe!" Wer sich dagegen entscheidet und das Kloster verlassen will, der stellt sich wortlos vor seinen Platz im Refektorium."

Abt Gregor geht zur Mitte des Refektoriums und wartet auf die Prozession seiner Mitbrüder nach der Sitzordnung bei Tisch: Prior, Subprior und dann jeder nach dem Eintrittsdatum ins Kloster steht auf und tritt nach vorne zum Abt, beugt sich zu seinem Ring und küsst ihn, hebt dann den Kopf, schaut dem Abt ins Gesicht und spricht „Voveo! - Ich gelobe!", geht anschließend schweigend zurück zu seinem Platz und setzt sich wieder. Nur zwei Mönche stehen auf und stellen sich stumm vor ihre Plätze im Refektorium.

Nachdem so fast alle ihre Zustimmung gezeigt haben, geht Abt Gregor zu den beiden noch stehenden Mönchen und sagt zu Ihnen: Bruder Ansgar und P. Virgil, ihr seht also eure Zukunft nicht mehr in unserem Orden. Ich habe vorsorglich mit den Ordensgemeinschaften Gespräche geführt, die euch gerne aufnehmen wollen: das eine ist das Zisterzienserkloster Wettingen Mehrerau in Bregenz und zwei Gemeinschaften, die auch - wie wir - die Regeln des hl. Augustinus als Grundlage haben: das Augustiner Hospiz am Großen St. Bernhard und das Kloster Neustift bei Brixen in Südtirol. Bis zum Beginn des neuen Kirchenjahres bitte ich euch, dass ihr an eurer neuen Wirkungsstätte angekommen seid - teilt mir mit, wo ihr gerne hinwollt - ihr könnt natürlich auch vorher jedes Kloster besuchen und es für eine Woche kennenlernen. Das habe ich so mit den dortigen Äbten vereinbart. Auch wenn ihr uns hier fehlen werdet, akzeptiere ich eure Entscheidung und ich, wir - die ganze Klostergemeinschaft - wünschen euch alles Gute für eure Zukunft. Ihr seid von nun an von allen Pflichten für diese Gemeinschaft entbunden und nicht mehr Mitglieder dieses Kloster-Kapitels."

Lautes Trommeln mit den Händen auf die Tische begleitet den letzten Satz des Abtes und dann stimmt der Kantor des Klosters einen feierlichen Choral an, in den alle einstimmen, um die beiden Mitbrüder zu verabschieden.

Nachdem die beiden verabschiedet wurden, versammelt Abt Gregor die Patres und Brüder im Kapitelzimmer des Klosters um sich. Er bittet das jüngste Mitglied des inneren Zirkels, Frater Origines, zu sich, überreicht ihm den Schlüssel zum Tabernakel der Pankratiuskapelle in der Klosterkirche. Der enthält kein Gefäß mit heiligen Hostien, sondern die Gründungsurkunde des Klosters. Frater Origines fühlt sich geehrt, holt stolz und voller Freude die fast 500 Jahre alte Pergamentrolle und überreicht sie dem Abt. Der entrollt sie und zitiert daraus:

„Die Hexerei ist die schlimmste Häresie (vom wahren Glauben abweichende Lehre) überhaupt. Sie ist weit mehr als nur eine Abweichung vom wahren Glauben, nämlich die vollständige Absage an den dreieinigen christlichen Gott und die Annahme des Teufels zum Herrn. Der Teufel ist es auch, der die Verdächtigen befähigt, sich in Tiere zu verwandeln und ihren Mitmenschen auf übernatürliche Weise Schaden zuzufügen. Auf diese Häresie steht der Tod durch Verbrennen, um ihnen so jede Chance auf Wiederauferstehung ihres Körpers zu nehmen. Aufgabe des Ordens der Bonifici und ihrer Mitglieder ist es, Hexen ausfindig zu machen, als Hexen zu brandmarken und ihrer Bestimmung - dem Tod durch Verbrennung - zu übergeben."

Daraufhin rollt der Abt das alte kostbare Pergament wieder zusammen und überreicht es wieder Fr. Origines, dass er es an seinen Ehren-Platz in der Kapelle zurückbringt.

Als dieser zurück ist, bittet der Abt den ältesten Mitbruder, Pater Eusebius, dass er in Begleitung von Fr. Origines in der Bibliothek die erste Chronik des Klosters holt. Als die beiden zurück sind, nimmt der Abt den schweren Codex in seine Hände, in dem die erste Chronik des Klosters handschriftlich verzeichnet wurde. Er wendet sich an das Kapitel: „So soll es sein: die Jungen sollen den Alten helfen, die Last der Geschichte zu tragen und die Alten sollen mit ihrer Erfahrung dafür den Jungen die Schätze der Geschichte erschließen!" Dann öffnet er die erste Chronik des Klosters und liest daraus vor:

„Damit der Orden und dieses Kloster seine Bestimmung erfüllt, wird verfügt:

Der Abt des Klosters wählt aus der Gemeinschaft sechs Mönche aus, die sich über die Jahre fest im Glauben und standhaft gegen die Versuchungen des Teufels erwiesen haben. Sie bilden mit dem Abt die „Sodalitas" der Gemeinschaft.

Die Sodalitas setzt sich zusammen aus:

Dem Iudex - „Richter" - diese Position nimmt der Abt selbst ein.

Zwei Inquisitores - „Kläger", ihre Aufgabe ist, die Feminae maleficae (fortan: Hexen) ausfindig zu machen, Beweise für ihre Untaten zu sammeln und den Prozess vorzubereiten.

Zwei Percontatores - „Befrager", einer von ihnen soll ein Medicus sein. Ihnen obliegt die Befragung. Dazu werden ihnen die diesem Orden anvertrauten drei Stigmata als Mittel zur Befragung übergeben und sie in deren Verwendung genau angewiesen und eingeschult.

Die Befragung läuft in zwei Phasen ab:

Phase eins - Territio (Einschüchterung):

Die Hexe wird vollkommen entkleidet und stehend oder liegend fixiert.

Dann werden ihr die Stigmata vor Augen geführt und ihre drei schwersten Vergehen vorgetragen und die Beweise dafür vorgelegt.

Als Reihenfolge gilt wie im Malleus Maleficarum (Hexenhammer) festgesetzt:

1. Der Pakt mit dem Teufel

2. Die Teufelsbuhlschaft (Geschlechtsverkehr mit dem Teufel)

3. Hexenflug

4. Treffen mit dem Teufel und anderen Hexen (am Hexensabbat)

5. Schadenzauber

Phase zwei - Interrogatio poenalis (peinliche Befragung):

Es werden dabei die Instrumente angewendet, es ist darauf zu achten, dass die Hexe dabei bei Bewusstsein ist. Sollte die Hexe das Bewusstsein verlieren, sind vom Medicus Mittel einzusetzen, dass sie wieder das Bewusstsein erlangt und die Befragung fortgesetzt werden kann bis ihr alle drei Stigmata eingebrannt wurden. Es ist gewissenhaft darauf zu achten, dass die Hexe diese Befragung überlebt!

Als Prozedur für die Interrogario poenalis ist vorgesehen:

In einem Feuer werden die drei Stigmata glühend heiß gemacht, damit die Brandzeichen „ewig" von Bestand sind.

Zuerst wird das Stigma „Male" auf die rechte Brust der Hexe gebrannt, und zwar so, so dass die Brustwarze im Ring des Stigmas zu liegen kommt, nachdem die Hexe davor zu den ihr vorgeworfenen Vergehen - der Schwere nach - befragt wurde.

Als zweites wird das Stigma „Fica" auf die linke Brust gebrannt, so dass die Brustwarze im Ring des Stigmas zu liegen kommt, nachdem die Hexe davor nach den Zeiten ihrer Vergehen befragt wurde.

Als drittes schließlich wird das Stigma „Lingua Serpentis" so auf den Venushügel der Hexe gebrannt, dass die gespaltene Zunge nach unten schaut. Davor wird ihr die Möglichkeit gegeben, dem Teufel abzuschwören und Gott um Vergebung zu bitten.

Zwei Exsecutores - „Vollstrecker": ihnen obliegt es, das Urteil zu vollstrecken, dafür Sorge zu tragen, dass die Hexe so verbrannt wird, dass ihr Körper nicht mehr auferstehen kann.

Idealerweise indem sie dazu auf einem Stoß Holz aufgebahrt wird - lebend und für alle sichtbar, der dann in Brand gesetzt wird oder auch indem sie in ein Haus aus Holz gelegt wird, das dann in Brand gesetzt wird und sie unter sich begräbt.

Das Kapitel (beschlussfassendes Gremium) des Klosters ist einmal im Monat über die Handlungen der Sodalitas zu informieren und Mitglieder des Kloster-Kapitels sollen die Handlungen der Sodalitas mit ihrem Gebet unterstützen und, sofern es die Erfüllung ihrer Aufgaben zulassen, bei der Erfüllung des Auftrages dort mithelfen, wo Hilfe von Nöten ist und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten dienlich sind."

Abt Gregor schließt die Chronik wieder und übergibt sie Fr. Origines, dass er sie wieder an ihren angestammten Platz zurückbringt. Als Fr. Origines wieder zurück an seinem Platz ist, schaut der Abt jeden in der Runde eindringlich an und fragt schließlich: „Wer von euch ist würdig und fähig, von mir in die Sodalitas berufen zu werden?

Ich, als Iudex und als Abt dieses Klosters, rufe als Inquisitor: Fr. Siegfried."

Fr. Siegfried ist mit seinen 34 Jahren einer der jüngsten im inneren Kreis des Ordens, er hat an der ETH in Zürich einen Master of Science - Cyber Security erlangt und ist im Kloster für die IT und die IT-Sicherheit zuständig.

Fr. Siegfried tritt stolz nach vor und sagt laut: „Paratus sum - ich bin bereit!"

Abt Gregor: „Ich rufe als zweiten Inquisitor: P. Columban".

P. Columban ist 43 Jahre alt und hat nach dem Theologiestudium und seiner Priesterweihe an der Universität Freiburg im Breisgau, einen Master of Science, Klinische Psychologie, Neuro- und Rehabilitations-wissenschaften erlangt. Er ist im Orden derjenige, der bei Konflikten gerufen wird oder wenn ein Ordensmitglied Probleme hat und hat so gut wie immer eine Lösung gefunden. Für die meisten jungen Ordensbrüder ist er ihr Beichtvater.

P. Columban tritt etwas zögerlich nach vor und sagt gehorsam: „Paratus sum - ich bin bereit!"

Mit der Auswahl der beiden wird klar, welche Strategie Abt Gregor bei der Suche nach den Hexen verfolgt: er hat den Fachmann des Klosters für moderne Technologien mit dem Fachmann für die menschliche Psyche vereint.

Abt Gregor fährt fort: „Ich rufe als Percontator: Fr. Johannes."

Fr. Johannes ist gerade 50 Jahre alt geworden und ist seit 20 Jahren der für das Kloster zuständige Allgemein-mediziner. Mit seiner Wahl hat Abt Gregor die Bestimmung nach dem Medicus unter den Percontatoren erfüllt.

Fr. Johannes tritt nach vor und sagt - sich in sein Schicksal fügend - laut: „Paratus sum - ich bin bereit!"

Abt Gregor: „Ich rufe als zweiten Percontator: P. Arbogast.

P. Arbogast gehört mit seinen 62 Jahren schon zu den älteren noch aktiven Mitgliedern des Ordens, er leitet die Schmiede und gilt dort als sehr gestrenger, aber gerechter Lehrherr. Im Bezirk Landeck laufen ein paar Männer herum, die ein Brandzeichen seiner Schmiede an ihrem Körper tragen, weil sie sich nicht so, wie P. Arbogast das erwartet hat, verhalten haben.

P. Arbogast tritt voller Überzeugung und sich sehr geehrt fühlend nach vor und sagt laut: „Paratus sum - ich bin bereit!"

Abt Gregor: „Als ersten Exsecutor rufe ich Fr. Konrad."

Fr. Konrad ist 56 Jahre alt und der Forstmeister des Klosters. Er hält sich am liebsten im Wald auf, hat eine Leidenschaft für die Jagd und auch eine kleine Köhlerei unweit des Klosters.

Fr. Konrad tritt etwas zögernd nach vor und sagt eher flüsternd: „Paratus sum - ich bin bereit!"

Abt Gregor: „Als zweiten Exsecutor und letztes Mitglied der Sodalitas rufe ich Fr. Augustinus.

Fr. Augustinus ist 49 Jahre alt, ist am Oberstufenrealgymnasium der Barmherzigen Schwestern in Zams Lehrer für Biologie und Geografie.

Im Orden ist er der Brandschutzbeauftragte.

Fr. Augustinus tritt in sich gekehrt nach vor, spricht dann aber laut und deutlich: „Paratus sum - ich bin bereit!"

So wählt Abt Gregor mit großer Sorgfalt seine Sodalitas. Besonders auffällig dabei ist, dass alle - bis auf Fr. Siegfried - zu den wenigen des inneren Zirkels der Bonifici gehören, die - wie der Abt selbst - bei ihrer ewigen Profess nach dem alten Ordensritual auf eigenen Wunsch feierlich kastriert wurden.

Abt Gregor reicht freudig nach der Wahl der Sodalitas allen Brüdern des inneren Zirkels den besonderen Wein des Klosters: einen Grumello, der im Veltlin, nahe dem Comer See in einem Weinberg, der dem Kloster gehört, gereift ist. Er wird ausschließlich für das Kloster Finstermünz gekeltert und zu ganz besonderen Anlässen getrunken. Heute ist so ein Tag.

Er erhebt das Glas: „Auf die Zukunft unseres Ordens und dieser Gemeinschaft!" Alle prosten ihm zu und so endet der Abend, der die Zukunft des Klosters Finstermünz von nun an prägen wird.

Wien, Montag, 11. November 2019

Brigadier Alois Pichler kam - wie so oft - zeitig, um sechs Uhr ins Büro und wie die Woche davor lag auf seinen Schreibtisch wieder ein Ausdruck des Computerprogrammes. Dieses Mal hatten sie die Suche - mittels Europol - auf ganz Europa ausgeweitet und drei weitere Treffer von Frauen gelandet, die in diesem Jahr in ihren Holzhäusern verbrannt sind.

1. Frau Dr. Barbara Kneidinger, 51 Jahre, Scheidungs-anwältin in Chur im Kanton Graubünden in der Schweiz ist am 2. Februar 2019 in ihrer Almhütte am Gürgaletsch in der Nähe von Chur verbrannt. - Angeblich ein Unfall: Brand durch eine brennende Kerze.

Da sie sich der Religion der Wicca zugehörig fühlte, wurde ihr Leichnam nach testamentarischer Verfügung durch eine „alkalische Hydrolyse [vi]" bestattet.

Alois runzelt verblüfft die Stirn und seine Google-Suche ergibt, dass das in der Schweiz mittlerweile eine anerkannte Bestattungsform ist, die aber keine verwertbaren Spuren hinterlässt. Die Urne von Frau Dr. Kneidinger wurde am Friedhof Chur, Fürstenwald, beigesetzt.

2. Frau Judith Pramberger, 59 Jahre, Betreiberin eines Swingerklubs in Tübingen in Baden-Württemberg in Deutschland. Sie ist am 21. März 2019 gemeinsam mit ihrem Ehemann in ihrem Swingerklub umgekommen und verbrannt.

Bericht Kripo Stuttgart:

Todesursache: tödliche Stromstöße, Verbrennung bis zur Unkenntlichkeit Tathergang: Die letzten Gäste hatten gegen 1 Uhr früh den Swingerklub verlassen, das Ehepaar Pramberger hatte den Gästen mitgeteilt, dass sie sich noch gemeinsam ein wenig im SM-Zimmer vergnügen wollten, um ein paar Dinge auszuprobieren. Nach Aussage eines gewissen Herrn Harald Neumayr, Freund des Paares und Stammgast: neue Strom-Foltergeräte und die eiserne Jungfrau. Es gab in dieser Nacht in der Gegend ein heftiges Gewitter, ein Blitz schlug - so gegen 2.30 Uhr früh in den Swingerklub ein. Die Blitzschutzanlage des Gebäudes, in dem sich der Swingerklub befand, war erst ein halbes Jahr davor (21. August 2018) überprüft worden, schien aber an diesem Abend defekt gewesen zu sein. Der Blitzschlag führte im Swingerklub durch die Stromleitungen zu einem heftigen Stromstoß, der bis an die eiserne Jungfrau gelangte, in der Frau Pramberger von ihrem Mann eingesperrt war und tötete sie. Herr Pramberger kam zu Tode, weil er (vermutlich als er versuchte, die eiserne Jungfrau zu öffnen) selbst tödliche Stromstöße erfuhr. Die Feuerwehr wurde erst um sechs Uhr früh informiert - bei deren Eintreffen stand das Haus schon im Vollbrand und Teile davon waren schon eingestürzt. Laut Bericht des Brandsachverständigen war die Brandursache Blitzschlag.

Quelle des Brandes: SM-Zimmer des Swingerklubs, das sich im Obergeschoß - in der ausgebauten Mansarde - befand.

Das SM-Zimmer und in Folge das gesamte Haus geriet in Brand, stürzte ein und bedeckte die beiden Leichen unter sich bzw. die Leichen fanden sich zwei Stockwerke tiefer im Kellergeschoß, da sämtliche Decken (Holztramdecken) eingestürzt waren.

Die beiden Opfer konnten mittels DNA identifiziert werden, an den verkohlten Körpern bzw. was davon übrig war, konnten die Stromstöße nachgewiesen werden.

Die beiden Leichname wurden auf dem Friedhof Tübingen-Weilheim beigesetzt.

3. Frau Theresia Freundlinger, 43 Jahre, Bäuerin und Besitzerin einer Kräutermanufaktur in Sölden im Schwarzwald in Baden-Württemberg in Deutschland. Sie ist am 23. September 2019 in ihrer Kräuterhütte verbrannt:

Bericht Kripo Freiburg im Breisgau:

Brandursache: Explosion einer Propangasflasche, die dort für die Heizung der Hütte in Verwendung stand.

Todesursache: Tod in Folge der Explosion von Propangas und anschließendem Brand der Hütte.

Tathergang: Frau Freundlinger war - so gut wie jeden Abend/Nacht - mit der Extraktion von Essenzen aus ihren Kräutern beschäftigt und der Anfertigung von Salben und Tinkturen - Reste davon fanden sich im gesamten Areal.

Die Heizung der Hütte erfolgte mittels einer 33kg Propangasflasche der Firma Primagaz - laut den Unterlagen von Frau Freundlinger wurde die am Todestag gewechselt. Es kam zum Austritt von Gas, was sich am Boden der Hütte sammelte- und entzündete.

Es gab in der Hütte einen offenen Kamin. Die Ermittler vermuten aber, dass Frau Freundlinger, sie hatte eine Vorliebe für genagelte Holzschuhe der Firma Berkemann (in ihrem Haus fanden sich neun Paar dieser Marke in diversen Farben) bei der Arbeit mit ihren Schuhen einen Funken erzeugt hat: die Türzargen der Eingangstür und der Terassentür waren aus Metall. Dadurch hat sich das Gas am Boden entzündet.

Frau Freundlinger wurde eingeäschert und ihre Urne auf testamentarischen Wunsch im Ruhewald Wittnau neben der ihres Mannes in einem Baum-Grab beigesetzt.

Burg-Kloster Finstermünz, Sonntag, 4. November 2018

Abt Gregor feiert mit seinen Mit-Brüdern die Sonntagsmesse und hält eine flammende Predigt zum Evangelium des 31. Sonntag im Jahreskreis, wo er ihnen und allen Mitfeiernden darlegt, was damit gemeint ist, wenn es heißt: „Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben, mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft." Er legt kraftvoll und mit Leidenschaft aus, was er „mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und ganzer Kraft" meint. Jeder der Anwesenden spürt seine Leidenschaft dahinter. Nach der Messe bittet er die neu ernannten Mitglieder der Sodalitas zu sich ins Büro. Alle setzen sich um den großen Besprechungstisch des Abtes.

Auf jedem Platz liegt schon für jeden ein Folder mit Faksimile (originalgetreue Nachbildung) der Gründungsurkunde und den Seiten der Kloster-Chronik, die er gestern verlesen hat, wie ein Hexenprozess bei den Bonifici abzulaufen hat. Abt Gregor heißt alle herzlich willkommen, dankt ihnen für die Bereitschaft, Mitglieder der Sodalitas zu sein. Er schaut Fr. Siegfried und P. Columban an und sagt: „Jetzt liegt es an euch beiden, euch auf die Suche nach Hexen zu machen, die würdig sind, dem Gericht Gottes ausgeliefert zu werden, das durch unsere Hand ausgeführt wird. Wir schauen uns dann gemeinsam eure Liste an und entscheiden, welche Hexe die Erste nach fast 300 Jahren sein wird, die von uns befragt und gerichtet wird.

Fr. Siegfried erklärt, dass es ein paar Tage dauern wird, bis er einen entsprechenden Algorithmus entwickelt hat, der ihm bei der Suche helfen wird: Er bittet die Sodalitas festzulegen, was der geographische Rahmen für seine Suche sein soll.

Das wird kurz diskutiert und das „Zielgebiet" wird schließlich definiert: ganz Österreich, die deutsch-sprachige Schweiz, Südtirol und die deutschen Bundes-länder Baden Württemberg und Bayern.

Dann dreht sich die Diskussion um die Suchparameter:

Vergehen einer Hexe:

- Femina - weibliches Wesen mit minderem Glauben

- Mannstollheit

- besonderes Wissen über Kräuter und Gifte

- Tod / Unglück, das sie verursacht hat

- besondere Beziehung zu Tieren (Verwandlung)

- Hexenflug

- Leberfleck/Muttermale/Tattoos, die der Teufel hinterlassen hat (Teufelsbuhlschaft)

- Beweise für Einfluss auf Menschen/Männer, die in Folge Handlungen setzen, die nicht ihrer eigenen Absicht entsprechen und eine schwere Sünde darstellen

- eigenen Willen und Männern gegenüber eine rebellische Natur

- zu selbständig / unabhängig von einem Mann

- schaut jünger/schöner aus als es ihrem Lebensalter entspricht

- zu wohlhabend

- gibt sich vor allem mit Frauen ab

Einige Diskussionen drehen sich um die Tatsache, dass es im 21. Jahrhundert auch eine weltliche Gerichtsbarkeit gibt. Deshalb muss man äußerst vorsichtig sein, dass auf das Kloster oder die Brüder kein schlechtes Licht fällt oder jemand aus dem Kloster in Verdacht gerät. Insofern wäre es von Vorteil, wenn der Vorfall so getarnt wird, dass die jeweils zuständige Behörde den Hexenprozess zu einem „Unfall" erklärt und so den Akt abschließt.

Es sollen Hexen ausgesucht werden, die möglichst alleine wohnen und ein eigenes Holzhaus haben, das man in Brand setzen kann.

Die letzte Diskussion geht um den Zeitplan. Für wann der erste Hexenprozess geplant ist, dass er stattfinden soll.

Abt Gregor macht den Vorschlag, dass man sich da an die klassischen Hexenfeiertage - die alten Lichterfeste hält:

Yulfest die Wintersonnenwende bzw. Thomasnacht: die Nacht vom 21. Dezember auf den 22. Dezember.

Maria Lichtmess bzw. das keltische Imbolc-Fest: - die Nacht von 1. Februar auf den 2. Februar.

Ostara: die Frühlings-Tag- und Nachtgleiche: Nacht von 20. März auf 21. März

Beltane - die Walpurgisnacht: Nacht vom 30. April zum 1. Mai

Litha - Sommersonnenwende: Nacht von 21. Juni auf den 22. Juni

Mabon: Herbst-Tag- und Nacht-Gleiche: Nacht vom 22. September auf den 23. September

Samhain: Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November

So hat man genau sieben - die Heilige Zahl - Hexen, die man finden, befragen und an den Tagen richten wird.

Alle stimmen diesem Vorschlag zu und Fr. Siegfried und P. Columban versprechen, bis zum nächsten Treffen der Sodalitas in drei Wochen, am 25. November, dem Christkönigssonntag, erste Vorschläge zu präsentieren. Die Sodalitas solle dann beim nächsten Klosterkapitel am letzten Tag des alten Kirchenjahres, am 1. Dezember, die ersten Hexen präsentieren, die sie für einen Prozess ausgewählt haben.

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265 p. 10 illustrations
ISBN:
9783752961881
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