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DIE SÖHNE
DES SCHEIKS
AUF DER SUCHE NACH
MARAH DURIMEH
REISEERZÄHLUNG
VON
FRANZ KANDOLF

Herausgegeben von Bernhard Schmid
© 2017 Karl-May-Verlag, Bamberg
Titelbild: Elke Völkl
eISBN 978-3-7802-1626-7
INHALT
Einleitung
1. Eine rätselhafte Botschaft
2. Vom Tigris zum Zab
3. Durch die Schluchten des Dschelo Dagh
4. Das Amulett
5. Ein frohes Wiedersehen
6. Die ‚Schnur der tausend Wunder‘
7. Über die Grenze
8. In der Köhlerhütte
9. Trübe Nachrichten
10. Bei Ssali Ben Aqil
11. „Ihr wütet gegen euer eigenes Blut!“
12. Waffenstillstand
13. „Blutrache ist Selbstmord!“
14. Ein frecher Raub
15. Um Ssalis Willen
16. Gold
17. Der Verrückte
18. Die Teufelslosung
19. Halefs Meisterstück
20. Auf dem Rückzug
21. Der ‚Blutpreis‘
22. Wieder bei den Bebbeh
23. Der ‚Gelbe‘
24. Der Sieg
Nachwort
Auf den Spuren des Erzählmeisters
„…Und wen ich da oben auf dem Felsen fand?“
Einleitung
„…und wen ich da oben auf dem Felsen fand?“
Viele Personen sind mir auf meinen Reisen begegnet, die einen starken Eindruck hinterlassen haben, wenige dagegen, bei denen dieser Eindruck so nachhaltig war wie bei Ssali Ben Aqil.
Meine Leser wissen, wo ich diesen merkwürdigen Mann zum ersten Mal traf. Es war in dem kleinen Ort Khoi, nahe der persischen Grenze. Sein erstes Auftreten gegen mich und meinen Freund Hadschi Halef Omar war indes ein äußerst feindseliges – er trachtete uns nach dem Leben. Die Geschehnisse brachten es aber im Lauf von wenigen Stunden mit sich, dass sein Hass sich in Dankbarkeit, ja in Freundschaft verwandelte und dass der fanatische mohammedanische Theologe schließlich von mir, dem verachteten und gehassten Christen, mit einem Gefühl des Bedauerns schied. Ich habe von dieser ersten Begegnung in Band III meiner Reiseerzählung Im Lande des Mahdi erzählt.
Nach Jahren sollte er in einer Gegend, wo ich ihn am wenigsten erwartet hätte, zum zweiten Mal meinen Weg kreuzen. Die Verfolgung des berüchtigten Sklavenjägers Ibn Asl hatte mich bis in den tiefsten Sudan hineingeführt. Auf der Rückkehr, und zwar in der Nähe der Insel Aba, wo der Derwisch Mohammed Achmed auf den Zeitpunkt seiner ‚Berufung‘ harrte, kam ich abermals auf die Spur eines Sklavenzugs. Es gelang mir nicht nur, das Versteck der Sklavenjäger zu entdecken und die Sklaven zu befreien, sondern auch einem Gefangenen besonderer Art die Fesseln zu lösen. Es war – – Ssali Ben Aqil.
Der junge Wunderprediger war auf seiner Suche nach dem Mahdi – das baldige Erscheinen eines ‚Führers‘ lag damals gewissermaßen in der Luft – nach Ägypten gekommen, und man hatte ihn an den Derwisch Mohammed Achmed verwiesen als denjenigen, auf dem die Hoffnungen des Islam ruhten. Aber die Lehre des ‚Führers‘, die nichts als Gewalt und Hass predigte, hatte den Wahrheitssuchenden eher abgestoßen als angezogen, und er hatte dieses Gefühl seinem Lehrer nicht verschwiegen. Doch der ‚Führer‘ war nicht gewillt, auf eine solche Kraft – Ssali verfügte über eine glänzende Rednergabe – ohne Weiteres zu verzichten. Und da er seinen hoffnungsvollen Schüler nicht durch Worte von seiner ‚Berufung‘ überzeugen konnte, so ließ er ihn einsperren und ihm die Nahrung entziehen, in der Erwartung, die Qualen des Hungers würden ihm die fehlende Überzeugung beibringen.1
Als ich Ssali fand, war er dem Tode nahe. Ich nahm ihn mit mir, und während der Tage und Wochen unseres Beisammenseins schloss er sich noch viel inniger an mich an, als in den wenigen Stunden unserer ersten Begegnung möglich gewesen war. Ich führte ihn nach Jerusalem und zu den heiligen Stätten der Christenheit, und als wir zum zweiten Mal voneinander schieden, teilte er mir mit, dass er sich nicht nur innerlich von Mohammed und seiner Lehre entfernt habe, sondern dass er entschlossen sei, diesen Trennungsstrich auch äußerlich zu ziehen. Er wolle Christ werden, ja noch mehr, er fühle die Berufung zum Priester und zum Verkünder der christlichen Liebe in sich.
Ich war darüber nicht im Geringsten erstaunt, doch unterließ ich es nicht, ihm die Schwierigkeiten vor Augen zu stellen, die auf ihn warteten. Er hörte mich lächelnd an und meinte dann frohgemut:
„Effendi, ich weiß, dass ich viel, unendlich viel zu lernen haben werde, bis das Ziel erreicht ist. Aber mit Fleiß und der Hilfe Allahs hoffe ich es so weit zu bringen, dass ich auch vor einem Abendländer, was Wissen anbelangt, nicht zu erröten brauche. Oder meinst du vielleicht, dass mir die dazu notwendigen Fähigkeiten mangeln?“
„Das wollte ich natürlich nicht sagen, sondern nur andeuten, dass dein Weg in den nächsten Jahren nicht mit Rosen bestreut sein wird.“
„Das verlange ich auch gar nicht, Effendi. Ich fürchte mich vor keinem Opfer und vor keiner Anstrengung, so groß sie auch sein mögen. Das Ziel, das ich im Auge habe, ist es wert, dass ich mich durch nichts abschrecken lasse.“
Vor solcher Hoffnungsfreudigkeit mussten meine Bedenken freilich verschwinden. Nun, Ssali schien mir aus hartem Holz geschnitzt zu sein, und die Stürme des Lebens würden nun, da er seine Lebenslinie endlich gefunden hatte, es wohl fertig bringen, ihn mit scharfem Meißel zu ritzen, nie und nimmer aber zu zerbrechen. – –
Wir haben uns hernach öfters geschrieben. Wenn ich von einer längeren Reise nach Hause zurückkehrte, konnte ich stets damit rechnen, einen mit arabischen Schriftzeichen bedeckten und mit einer türkischen Marke beklebten Brief vorzufinden. Die Nachrichten lauteten immer günstig und ich konnte ihnen entnehmen, dass seine Studien, die er im Seminar zu Mossul betrieb, rasch voranschritten. Von ihrem Abschluss erfuhr ich indes nichts, denn ich war vorher wieder auf Reisen gegangen, in den Orient, zu meinem Hadschi Halef Omar. Da mich mein Weg diesmal nicht über Mossul führte, konnte ich Ssali nicht besuchen, so sehr ich das gewünscht hätte, und ich war daher über sein ferneres Schicksal im Unklaren.
Monatelang vergruben wir uns – Halef und ich waren meistens allein – in die Berge und Täler des wilden Kurdistans und schlugen uns mit den dortigen halbwilden Stämmen herum. Was wir damals erlebten, gehört nicht hierher; ich habe an anderer Stelle davon erzählt.2 Über Bagdad und Tekrit suchten wir dann die Weidegründe der Haddedihn zu gewinnen. Dabei gelang es uns, zwei Männer aus der Hand räuberischer Schiiten zu befreien. Der eine von ihnen war ausgezogen, um den Anezeh-Arabern das Lösegeld für seinen Vater zu bringen, der von ihnen in ihrem Duar zurückgehalten wurde. Der junge Mann gewann unsere Teilnahme und wir schlossen uns ihm an, bereit ihn in seinem gefährlichen Vorhaben zu unterstützen. Denn es war anzunehmen, dass die Anezeh, anstatt seinen Vater auszuliefern, sich seiner und des Lösegelds bemächtigen würden.
Die Abteilung der Anezeh, bei der der Gefangene zurückbehalten wurde, lagerte zu der Zeit südwärts der Sindscharberge am Fuß des einsam aus der Ebene emporragenden Felsens Wahsija. Auf diesem Felsen hauste in einer Höhle ein Einsiedler, der sich nicht nur bei den Anezeh, sondern auch bei den übrigen in der Nähe schweifenden Stämmen des größten Ansehens erfreute. Ihm und seinem Einfluss war es denn auch hauptsächlich zu verdanken, dass unser Schützling sein Ziel erreichte. Ja, noch mehr! Der Gefangene wurde ohne Lösegeld freigegeben und erhielt sogar die Summe wieder zurück, die man ihm abgenommen hatte. Mir aber ließ der Einsiedler sagen, ich möchte ihn am nächsten Morgen auf seinem Felsen besuchen.
In der Erzählung „Himmelslicht“3 habe ich von diesem Erlebnis berichtet. Eines aber habe ich damals dem Leser vorenthalten, nämlich, wen ich am nächsten Morgen oben auf dem Felsen fand. Da dies nicht unbedingt zum Verständnis der Erzählung gehörte, glaubte ich darüber hinweggehen zu dürfen.
Heute will ich die Lücke ergänzen und das Versprechen einlösen, mit dem ich damals den geduldigen Leser auf ein andermal vertröstete. Indem ich dies niederschreibe, bin ich mir freilich bewusst, dass der scharfsinnige Leser bereits hinter das Geheimnis gekommen ist. Ich aber hatte damals, als die Lichter des Weihnachtsbaums von oben herableuchteten, nicht die leiseste Ahnung. Im Gegenteil, ich zerbrach mir den Kopf über die geheimnisvolle Persönlichkeit dort oben. Ein Weihnachtsbaum mitten unter Beduinen! Kaum zu glauben! Es konnte sich nur um einen Europäer handeln, der die Sitte des Weihnachtsbaums kannte, vielleicht sogar um einen Deutschen, auf alle Fälle aber um einen Christen. Und doch, wenn ich ernsthaft nachdachte, wollte mir diese Schlussfolgerung wieder als falsch erscheinen. Ein christlicher Einsiedler, der eine solche Macht über die diebischen Anezeh ausübte, die doch Muslime waren! Fast unmöglich! Wahrscheinlich war es doch einer jener frommen Büßer, die im nordwestlichen Afrika Marabuts genannt werden. Aber gegen diese Annahme sprach wieder der Weihnachtsbaum!
Ich wandte mich an den Scheik der Anezeh um Aufschluss, aber er konnte mir nicht mehr sagen, als was ich bereits wusste. Den frommen Marabut hatte überhaupt noch niemand gesehen außer den beiden Knaben, deren Mutter am Fuß des Felsens wohnte und deren er sich beim Verkehr mit der Außenwelt bediente. Die Leute, die ein Anliegen hatten, teilten dies den Knaben mit, und diese stiegen zu ihm hinauf, um den Bescheid zu vernehmen, den sie den Wartenden bringen sollten. Aber hinauf zu ihm in seine Zelle durfte keiner.
Das war die ganze Auskunft, mit der ich mich wohl oder übel einstweilen zufrieden geben musste.
Bereits zu früher Morgenstunde des nächsten Tages stellten sich die beiden Knaben ein, um mich zum Einsiedler zu führen. Halef wäre gern mitgegangen, aber da nur ich in der Einladung genannt war, bedeutete ich ihm, zurückzubleiben. Er schien mir das übelzunehmen, denn er zog sich schmollend zurück. Ich konnte ihm aber diesmal wirklich nicht helfen und ging.
Der Wahsija war ein Felsen, der unten einen Umfang von sicher einer Viertelstunde und eine Höhe von wenigstens achtzig Ellen besaß. In der Zeit von Jahrhunderten hatten sich Sträucher, ja sogar Bäume angesetzt, die jetzt grünten; zwischen ihnen führte, von Absatz zu Absatz, ein sich rund um den Felsen drehender Pfad hinauf. Oben, nicht ganz auf der Höhe, öffnete sich eine Art Höhle, deren Eingang zum Teil von einem Nadelbaum verdeckt war.
Mit einer Spannung, die von Schritt zu Schritt wuchs, folgte ich den voranschreitenden Knaben. Ich bog um das letzte Felsstück, das mir den Anblick der Höhle entzog, und…
„Ssali Ben Aqil!“, rief ich, fassungslos vor Staunen. „Du bist es also, du!“
Ich war vor Überraschung stehengeblieben und starrte nun mit weit geöffneten Augen auf die Gestalt, die mit ausgebreiteten Armen, ein Lächeln auf den Lippen, neben der Tanne stand. Ja, er war es wirklich, der ehemalige kurdische Reiseprediger, oder vielmehr, er war es doch nicht! Sein bei unserer ersten Begegnung in Khoi mit einem grünen Turban geschmücktes Haupt war jetzt unbedeckt und das schwarze Haar hing ihm lang auf die Schultern herab. Ein ebenso schwarzer Vollbart reichte ihm bis auf die Brust, und die hohe, stolze Gestalt war mit einem langen, bis auf die Knöchel herabfließenden Gewand bekleidet, das um die Hüften von einem Kamelhaarstrick zusammengehalten wurde, in dem ein schmuckloses Kreuz steckte. Mit seinen hageren, durchgeistigten Zügen, die allerdings jetzt vor Freude leuchteten, glich er beinahe – ja, wem glich er nur? War das nicht der ‚Prediger in der Wüste‘? War das nicht Johannes der Täufer?
„Kara Ben Nemsi, mein Freund, mein Retter! Welche Freude!“, rief er nun seinerseits, indem er rasch auf mich zutrat und, die Arme um mich schlingend, mich auf beide Wangen küsste. „Ich preise Allahs Güte, der mir in dir das liebste Weihnachtsgeschenk bescherte. Sallam u rahhmet Allâh aleik – der Friede und die Barmherzigkeit Gottes sei mit dir!“
Ich erwiderte Ssalis Begrüßung herzlich, indem ich ihn ebenfalls auf beide Wangen küsste. Dann winkte er den Knaben, worauf diese wieder den Abstieg antraten. Mich aber fasste er bei der Hand und zog mich in die Höhle.
„Tritt ein in meine armselige Behausung und sei mein Mivan4, der liebste und der erste, der diese Schwelle überschreitet!“
Ich sah mich in dem ziemlich niedrigen Raum um. Er enthielt auf den ersten Blick nichts als zwei verschieden große Felsblöcke, die als Tisch und Stuhl dienten, und einen Haufen dürren Laubs, über das eine Pferdedecke gebreitet war – das Lager meines Gastfreunds.
Aber als sich mein Auge an das Halbdunkel gewöhnt hatte, bemerkte ich noch einen Gegenstand. Aus dem Felsen im Hintergrund schien ein viereckig zubehauener, länglicher Block zu wachsen, der mit einem groben, weißen Linnen zugedeckt war. Ein einfaches Holzkreuz und zwei schmucklose Leuchter aus Messing vervollständigten den – Altar.
Ssali war in eine Ecke gegangen, aus der er einen flachen Maiskuchen hervorholte.
„Erlaube, dass ich dich nach der Sitte meiner Heimat willkommen heiße.“
Damit brach er aus der Mitte des Fladens ein Stück heraus, aß davon und gab auch mir.
„So, jetzt bist du sicher unter dem Dach des Kurden“, meinte er dann schalkhaft lächelnd. Und gleich wieder ernst werdend, fügte er hinzu: „Wunderst du dich, dass ich dich nach der Weise meiner Väter bewillkommne? Ich glaube dich zu kennen, und darum wirst du mich verstehen, wenn ich sage: Ich bin Christ geworden mit Überzeugung und Hingabe, aber ich will auch Kurde bleiben, der die durch die Jahrhunderte geheiligten Sitten und Gebräuche seiner Heimat liebt und pflegt.“
„Ich habe nichts anderes von dir erwartet“, erwiderte ich ernst. „Denn wer nicht an seiner Heimat hängt, der ist kein guter Mensch und kann noch viel weniger ein guter Christ sein und erst recht nicht ein – ein…“
Ich zögerte, den Satz zu vollenden, denn ich wusste ja eigentlich noch nicht, als was ich Ssali Ben Aqil anzusehen hatte, aber ich warf einen bezeichnenden Blick auf den Altar im Hintergrund.
„Sprich das Wort nur aus“, lächelte er. „Du wolltest sagen: ein Priester nach dem Herzen Gottes?“
„Du hast es erraten.“
„So hast du meinen letzten Brief nicht erhalten?“
„Ich war jetzt lange Monate nicht in der Heimat.“
„Also darum! Nicht wahr, du warst äußerst überrascht, mich hier zu treffen?“
„Sehr!“
„Vielleicht gar ein wenig enttäuscht?“
„Das nicht!“, widersprach ich eifrig. „Eher könnte man sagen, es hätte mich seltsam berührt, dich, den ich am Ziel glaubte, in einem Wirkungskreis, wie dieser ist, zu finden, wenn…“
„…wenn alles mit mir in Ordnung wäre, meinst du wohl?“, ergänzte er lächelnd. „Aber beruhige dich! Es ist alles in Ordnung – und ich bin hier richtig in meinem Wirkungskreis – und ich habe mein Ziel erreicht.“
Ich reichte ihm die Hand, die er drückte und dann in der seinigen behielt. „Sei überzeugt, dass sich niemand mehr darüber freut als ich! Möge Allah alle deine Unternehmungen mit dem reichsten Segen krönen!“
„Ich danke dir! Nicht wahr, du hättest eher erwartet, mich in der Kirche und auf der Kanzel zu sehen?“
„Ich kann es nicht leugnen. Ich vermute, dass du hier so eine Art Probezeit durchmachst, bevor du dein Amt antrittst.“
„Du hast mit der Probezeit Recht. Aber vermutlich machst du dir eine falsche Vorstellung von meinem Amt. Ich werde nämlich dieses Amt, so wie du es meinst, nie ausüben.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„So höre! Ich werde nie predigen! – Ich werde nie taufen! – Ich werde überhaupt nie Mission im landläufigen Sinn treiben.“
„Aber warum bist du dann…“
„Warum ich Christ und sogar Priester geworden bin?“, unterbrach er mich. „Weil ich einen unwiderstehlichen Herzensdrang dazu verspürte. Aber je mehr ich mich in meine Studien und in meine zukünftige Aufgabe vertiefte, desto mehr überzeugte ich mich von einer Tatsache mit vollster Klarheit. Effendi, kennst du die Fortschritte des Christentums in den Ländern des Islam?“
„Ich kenne sie. Seine Erfolge stehen in keinem, aber auch in gar keinem Verhältnis zur aufgewandten Mühe.“
„Du hast Recht. Angesichts des zu langsamen Gangs der Islammission wenden zum Beispiel jetzt die Weißen Väter5 ihre Hauptarbeit dem äquatorialen Afrika zu, während sie nicht einmal ein Dutzend Missionare für das ungeheure Gebiet der Sahara abstellen. Spricht das nicht Bände? Und wie in Afrika so ist es auch in meiner Heimat bei den Kurden, die an religiösem Starrsinn den übrigen Bekennern Mohammeds in nichts nachstehen. Ich als Kurde weiß das am besten.“
„Aber wie willst du dagegen arbeiten?“
„Du wirst es gleich hören. Wenn ihr einen Missionar im gewöhnlichen Sinn zu den Kurden schicken würdet, so würde man ihn empfangen, wie man in Dschermanistan einen Türken aufnehmen würde, der die Lehre Mohammeds predigen wollte, ja wohl noch schlimmer. Es fehlt eben jede innere Fühlung, ja, ich behaupte, es fehlt jeder Weg zum Herzen des Muslim und – er kennt als sogenannte Christen nur ungerechte, tyrannische Ausbeuter, die ein lasterhaftes Leben führen. Mein Gedanke ist nun folgender: Mit einer ‚Bekehrung‘ meiner Landsleute durch Unterricht und Predigt ist in absehbarer Zeit nicht zu rechnen, es muss zuerst der Boden bearbeitet, es muss zuerst der Weg bereitet werden in mühseliger, vielleicht jahrzehntelanger Arbeit. Dann werden vielleicht die Bekehrungen nach 25 oder 50 Jahren von selber kommen, wie Früchte, die von selbst reifen.“
„Ich beginne dich zu verstehen. Aber wie soll dieses ‚Wegbereiten‘ anders als durch Predigt und Unterricht geschehen?“
„Du irrst. Hast etwa du mich durch Worte überzeugt oder vielmehr durch etwas ganz anderes? Worte bewegen nur, Beispiele aber reißen hin, so heißt doch wohl ein lateinisches Sprichwort. An Worten und wieder an Worten hat es in unseren Bergen nicht gefehlt. Die römischen Väter haben gepredigt, die Sendboten aus Amerika haben gepredigt, die Armenier haben gepredigt, viele andere haben gepredigt und gelehrt. Und was war der Erfolg? Nein, ich fasse meine Aufgabe anders auf. Nicht predigen will ich das Evangelium, die Lehre der Liebe, sondern leben will ich sie und damit mehr erreichen als durch tausend Predigten. Ich will mir eine Klause bauen in meiner Heimat unter meinen Landsleuten mit einer Kapelle daneben und mehreren Gelassen, um arme Wanderer zu beherbergen; ich will Fühlung zu gewinnen suchen mit meinen Landsleuten; ich will ihre Achtung, ihr Vertrauen erwecken, ich will mich ihnen geradezu unentbehrlich machen; ich will mein Leben teilen zwischen Studium, Gebet und Werken der Nächstenliebe; ich will die Unglücklichen trösten und die Kranken heilen – zu diesem Zweck habe ich Arzneikunde studiert; ich will versuchen, allen zu dienen, ich will allen alles werden – mit einem Wort, ich will ihnen das Leben eines einfachen, demütigen, selbstlosen Dieners Christi vorleben. Und wenn dann, nach Jahren vielleicht, oder erst nach meinem Tode, meine Landsleute mit Achtung von mir reden, von mir, dem Christen, wenn sie die Lebenswerte der christlichen Religion nicht mehr leugnen können, vielleicht gar sich heimlich danach sehnen, dann, ja, dann und nicht eher ist meine Aufgabe erfüllt. Dann habe ich den Missionaren den Weg bereitet und das Erdreich gelockert, in das sie mit vollen Händen ihren Samen streuen mögen. Und dann werden sie sich über die Ernte nicht zu beklagen haben.“
Ssali Ben Aqil schwieg. Er hatte meine Hand losgelassen und stand nun mit geröteten Wangen und blitzenden Augen vor mir. Wieder musste ich mir denken: wie Johannes der Täufer! Und jetzt, nachdem er mir seinen Lebensplan entwickelt hatte, glich er der Vorstellung von dem großen Vorläufer und Wegbereiter noch mehr!
Nach einer Pause des Schweigens wandte ich ein: „Weißt du, welch undankbare Aufgabe du damit auf dich nimmst? Dass du damit auf jede sichtbare Frucht deiner Arbeit verzichtest? Dass du nie vor der Öffentlichkeit einen persönlichen Erfolg verzeichnen kannst? Dazu gehört eine Größe des Verzichts, die ich für meine Person, wie ich glaube, nicht aufbringen könnte.“
„Du machst dich schlechter, als du bist“, lächelte Ssali. „Ich weiß, was du meinst. Aber für mich genügt es, dass ich überzeugt bin, das Richtige getroffen zu haben. Auch mein höchster Vorgesetzter, der Patriarch in Mossul, billigt mein Vorhaben. Er hat mir nur die Auflage einer einjährigen Probezeit gemacht. Bestünde ich sie, so stehe der Ausführung meines Plans nichts im Weg. So kommt es, dass du mich hier findest und dass mir die Freude eines unerwarteten Wiedersehens zuteil wurde.“
„Erlaube mir noch eine Frage! Wie kommt es, dass du ausgerechnet auf diese undankbare und schwierige Aufgabe verfallen bist? Du konntest deinen Wirkungskreis doch auch anderswo wählen und bei deinen Fähigkeiten…“
Ssali ließ mich nicht ausreden. „Effendi, ich bin Kurde und lasse meine armen Landsleute nicht im Stich! Wie arm sie sind, arm an irdischen und seelischen Gütern, weiß ich erst jetzt. Soll ich, der ich mich ihnen gegenüber für reich, unendlich reich halte, diesen meinen Reichtum meiner Heimat vorenthalten und andere damit beglücken? Das käme mir wie ein Verrat und wie ein Diebstahl an meinen Volksgenossen vor. Nein, Effendi, das meinst du wohl nicht im Ernst und das hast du wohl nur gesagt, um mich zu prüfen.“
„Und doch halte ich es für meine Pflicht, dich zu warnen. Wer sagt dir denn, ob deine Landsleute von dir und deinem Reichtum überhaupt etwas wissen wollen? In meinem Vaterland gibt es ein Sprichwort: Kein Prophet ist in seinem Vaterland geehrt. Glaubst du denn, dass die Bewohner Kurdistans gegen einen ihrer Volksgenossen entgegenkommender und gefälliger sind als Dschermanistan gegen die seinen? Da fällt mir eben in diesem Zusammenhang ein: Du hast mir nichts darüber geschrieben, wie sich deine Verwandten zu deinem Vorhaben, Christ werden zu wollen, stellten.“
Ein Schatten flog über seine Züge.
„Natürlich waren sie, meinen Vater ausgenommen, dagegen.“
„Bloß dagegen? Sollten deine beiden überaus lieben Vettern, die Scheiks Ahmed Azad und Nizar Hared, keinen Schritt unternommen haben, dich umzustimmen?“
„Sie taten es. Sie verboten mir sogar ein für allemal ihr Zelt, für den Fall, dass ich ihnen diesen furchtbaren Schimpf, wie sie es nannten, wirklich antäte.“
„Siehst du? Das Sprichwort vom Propheten im eigenen Vaterland scheint sich auch bei euch zu bewahrheiten.“
„Was schadet das? Auf Kampf, sogar auf den heftigsten Kampf musste ich mich von Anfang an gefasst machen.“
Dann nahm er mich bei der Hand und zog mich vor die Höhle hinaus bis neben die Tanne, wo der Blick ins Lager hinunter frei wurde.
„Schau da hinunter! Noch gestern standen sie sich dort unten mit den Waffen in der Hand gegenüber, deine Haddedihn und meine Anezeh, bereit zu gegenseitiger Vernichtung. Und heute? Kannst du dir ein friedlicheres Bild denken als das, das sich jetzt unseren Augen zeigt? Und wer hat diese Männer unter das sanfte Joch des Friedens gebeugt? Der Gedanke der Liebe, der in dem Weihnachtsbaum verkörpert ist, den ich gestern Abend angezündet habe. – Effendi, ich kann mir denken, dass du über diesen Anblick sehr erstaunt gewesen bist.“
„Und wie! Die Sache war mir ein unlösbares Rätsel.“
„Das sich aber jetzt auf die einfachste Weise gelöst hat, nicht? Du hattest mir von der schönen Sitte deiner Heimat erzählt, und ich – nun, mir hatte der Gedanke so gut gefallen, dass ich diese Gewohnheit in Zukunft auch zu der meinen zu machen beschloss. Wie war ich gestern erstaunt, als ich von deinem Kommen erfuhr, und wie freute ich mich, dich mit dem Weihnachtsbaum überraschen zu können!“
„Diese Überraschung ist dir auch vortrefflich gelungen. Ich danke dir.“
„Kehren wir zur Sache zurück! Wir sprachen von der siegreichen Macht der christlichen Liebe. Diese konnte gestern freilich den Sieg nur deshalb so schnell erringen, weil die Haddedihn dich, den Christen, lieben gelernt haben und weil auch ich meine Anezeh in der Hand habe. Deshalb sind indes deine Haddedihn wie auch meine Anezeh noch lange keine Christen. Darüber sind wir uns klar. Und doch! Hätten wir, selbst wenn wir es hier mit Christen zu tun gehabt hätten, mehr von ihnen verlangen können? Sind sie nicht schneller und bereitwilliger auf unsere Wünsche eingegangen, als dies zwei christliche, sich gegenseitig bekriegende Völker auf die Vermittlung eines dritten hin fertig gebracht hätten? Müssen sie, die halbwilden Natursöhne, nicht das ganze Abendland mit seinen Friedenskonferenzen und -kongressen beschämen? Und ist nicht gerade den Menschen, die ‚guten Willens sind‘ – und den haben sie da unten doch an den Tag gelegt –, der Friede vom Engel verheißen? Der Friede im vollsten Umfang und ohne jede Einschränkung?“
Ssali Ben Aqil machte eine Pause, als ob er von mir eine Antwort erwarte. Als diese nicht erfolgte, denn ich hätte ihm doch nur Recht geben müssen, fuhr er fort: „Und was du den Haddedihn geworden bist all die Jahre hindurch und ich den Anezeh in der kurzen Zeit meines Hierseins, nämlich ein ‚Wegbereiter‘, sollte mir das in meiner Heimat nicht gelingen? Ich zweifle nicht daran. O Effendi“, – dabei breitete er in Begeisterung die Arme aus –, „und wenn sie mich bekämpfen mit den schärfsten Waffen, die ich kenne, mit der Lauge des Spotts, mit dem Stachel der Verleumdung und mit dem Gift des Hasses, ich fürchte mich nicht! Ich werde ihnen mit meiner Waffe entgegentreten, mit der einzigen, aber gefährlichsten Waffe, über die ich verfüge, und das ist meine ganze, volle Menschenliebe. – Ihr sind sie nunmehr rettungslos verfallen – sie soll sich so in ihre Herzen krallen – dass sie in dieser Liebe Meer ertrinken – und an die Brust der ewigen Liebe sinken.“ – – –
Als ich ins Lager zurückkehrte, sah ich die Blicke nicht nur der Haddedihn, sondern auch der Anezeh, fast hätte ich gesagt, mit scheuer Verehrung auf mich gerichtet. Es hatte einen gewaltigen Eindruck auf sie gemacht, dass ich, der Christ, die unerhörte Vergünstigung genoss, den heiligen Marabut persönlich sehen und sprechen zu dürfen. Ich merkte wohl, dass man gern Fragen an mich gerichtet hätte, aber ich hatte keine Veranlassung, ihre Neugierde zu befriedigen. Der Einzige, mit dem ich darüber sprach, war Halef, der ja Ssali Ben Aqil kannte.
Ich ahnte damals nicht, auf welch seltsame Weise ich nach Jahren abermals an ihn erinnert werden sollte.
1. Eine rätselhafte Botschaft
„Sihdi, wann kommst du wieder zu uns? Doch sicher im nächsten Jahr?“
Ich musste über diese Frage Halefs, der längere Zeit schweigend neben mir geritten war, lachen.
„Dass du mich darum fragst, ist, seit wir gestern am Wadi Tharthar von deinen Haddedihn Abschied genommen haben, genau das sechste Mal.“
„Daraus magst du die Innigkeit meiner Gefühle und die Tiefe meiner Hingabe an dich ermessen.“
„Kara, dein Sohn, und Omar Ben Sadek, die hinter uns reiten, haben mich doch auch lieb. Aber keiner quält mich so mit dieser Frage wie du.“
„Istaffer Allâh – Allah möge dir verzeihen! Ich hätte nicht erwartet, dass du meine Anhänglichkeit an dich als Qual empfinden würdest.“
Damit wendete sich der kleine, schnell hitzige Hadschi halb von mir ab, ein Zeichen, dass er sich gekränkt fühlte. Ich lenkte ein.
„Aber ich kann dir mit dem besten Willen keine genaue Auskunft geben. Ich bin jetzt sehr lange Zeit von zu Hause fort gewesen, und es wird sich unterdessen viel Arbeit angehäuft haben. Außerdem würde meine Frau wenig erbaut sein, wenn ich sie so bald wieder verließe.“
„Maschallâh! Das verstehe ich nicht. Die Gebieterin deines Frauenzelts hat sich deiner weiseren Einsicht unterzuordnen.“
„Erlaube, Halef, da bin ich anderer Meinung. Die Frauen des Abendlands sind keine willenlosen Puppen.“
„Damit willst du wahrscheinlich einen Vergleich ziehen, bei dem die Frauen des Morgenlands nicht allzu gut wegkommen würden. Aber du irrst, Sihdi! Meine Hanneh wenigstens, die wonnige Erfreuerin meines Daseins, ist alles eher als eine willenlose, leblose Ulubi6, mit der ihr Gatte spielen kann, wie es ihm beliebt, Allâh bjarif – Allah weiß es!“, fügte er seufzend hinzu. „Aber das eine weiß ich sicher: Meine Hanneh würde nicht das Geringste dagegen haben, selbst wenn ich mit dir zehnmal hintereinander um den ganzen Erdball ritte. Dafür schätzt sie dich zu sehr.“
„Als ich von den Frauen sprach, meinte ich deine Hanneh nicht.“
„Wer käme denn sonst in Frage? Wenn wir beide durch die Länder reiten, um Abenteuer zu erleben, wie Harun al Raschid und sein Großwesir, so geht das sonst niemand etwas an als höchstens meine und vielleicht deine Herzensgebieterin.“
„Du vergisst, lieber Halef, dass es auch eine Pflicht gibt, der ich gerecht zu werden habe, und dieser Pflicht kann ich nicht genügen, wenn ich immer nur reise. Du magst dich also damit zufrieden geben, wenn ich sage: Warte und habe Geduld! Einen bestimmten Zeitpunkt, wann ich wiederkomme, kann ich nicht nennen.“
Halef seufzte. „Warten! Du kannst leicht reden! Weißt du denn, wie einem Wartenden zu Mute ist, der auf ein Glück hofft, aber nicht weiß, wann es sich einstellen wird?“
„Nun?“
„Seine Seele gleicht einem bis zum Nordpol gespannten Habl7, auf dem sich zwei Bazzakat8 aufeinanderzubewegen. Sihdi, kannst du es vielleicht erwarten, bis sich die zwei beklagenswerten Tiere endlich begegnen?“
„Allerdings nicht“, gestand ich.
„Siehst du? Mir aber mutest du so etwas zu!“
„Ich wusste nicht, dass deine Seele ein so langes, ausgedehntes Ding ist.“
„Uskut – schweig still!“, rief er zornig. „Wer ist daran schuld? Etwa ich? Oder bist es nicht vielmehr du, der meine Seele so weit auseinanderzuziehen versucht, dass sie Gefahr läuft, in der Mitte zu reißen?“
„Beruhige dich! Es kann mir nicht einfallen, deiner Seele eine solche Belastungsprobe zuzumuten. Ich verspreche dir, die Qualen des Wartens möglichst abzukürzen. Sobald ich mich freimachen kann, eile ich zu dir.“
„Hamdulillah! Nun wird mir das Herz wieder leicht, denn ich weiß jetzt, dass ich dich bald wiedersehen werde. Sag aufrichtig, lieber Sihdi! Du kannst deinen Zeitpunkt ja selber kaum erwarten!“
„Ajjuha – oho!“, stellte ich mich ablehnend.
„Tu nur nicht so, Sihdi! Ich kenne dich besser. Du kannst es in Wirklichkeit ohne mich, deinen treuen Halef, gar nicht aushalten. Sag selber, wen hast du denn jetzt noch außer mir, seitdem dein roter Freund, der Scheik aus Amerika – Allah schenke ihm den siebenten Himmel! – nicht mehr am Leben ist?“
„Hm!“
„Bist du seitdem vielleicht auch nur einmal in den Duars der Beduinen gewesen, die dort Indianer heißen?“
„Nein.“
„Da haben wir es ja! Ich wüsste auch gar nicht, was dich dorthin noch ziehen könnte. Aber zu uns bist du immer und immer wieder zurückgekehrt, zu deinen Haddedihn, die dich lieben, und zu mir, der an deiner Seite unbedenklich in den Rachen der Dschehenna reiten würde, wenn du es von mir verlangtest.“ –
Als Halef diese Worte sprach, befanden wir uns ungefähr eine Tagreise südlich von Mossul. Nach den Ereignissen, die ich in meinem Buch „In Mekka“ geschildert habe, hatte ich noch vier Wochen in den Zelten der Haddedihn der Ruhe gepflegt. Dann aber musste geschieden sein. Der ganze Stamm hatte bis zum Tharthar das Ehrengeleit gegeben, dann waren wir weitergeritten. Unter ‚wir‘ sind Halef, sein Sohn Kara, Omar Ben Sadek und ich zu verstehen. Die drei Genannten wollten mich ganz bis Mossul begleiten, von wo aus ich meinen Weg nach Hause allein weiter zu verfolgen dachte. Wir waren vorzüglich beritten. Meinen Sattel trug selbstverständlich Assil Ben Rih, der Sohn meines unvergesslichen Rih, Halef ritt seinen Barkh9, Kara Ben Halef die unvergleichliche Stute, das Geschenk des Großscherifs von Mekka10. Und Omar Ben Sadek? Nun, wen anders sollte er reiten, als die allen Lesern bekannte Aladschy-Schecke, die trotz ihres nicht mehr ganz jugendlichen Alters die Beine in einer Weise von sich warf, als läge zwischen ihrer im ‚Lande der Skipetaren‘ verlebten Jugendzeit und dem jetzigen Ritt nicht die beträchtliche Anzahl von zwanzig Jahren.
Wir hatten gestern Nachmittag das jetzt vollkommen ausgetrocknete Wadi Tharthar überschritten, heute am späten Vormittag das Wadi el Ahmar gekreuzt und hofften bis zum Abend das Wadi el Kasab zu erreichen. Morgen hatten wir nur noch die östlichen Ausläufer des Dschebel Sindschar zu durchqueren, und am Nachmittag konnten wir bereits, wenn nichts dazwischen kam, in Mossul sein.
Die Gegend, durch die wir kamen, machte den Eindruck einer Wüste. Sieht die Dschesireh im Frühjahr wie ein einziger Blumengarten aus, so bot sie jetzt, im Spätsommer, einen trostlosen Anblick. Kein Grün, soweit das Auge reichte! Was von den Weidetieren der Beduinen übrig gelassen worden war, hatte die Sonne vollständig versengt; überall trat der nackte, steinige Boden hervor.
Kurz vor der Dämmerung erreichten wir den steilen Rand des Wadi el Kasab und schlugen unser Nachtlager unten im Schutz eines kümmerlichen Wermutgebüschs auf. Dieses sowie ein schmaler, mit spärlichem Grün besetzter Grasstreifen deuteten die Richtung an, die der Wasserlauf in der Regenzeit genommen hatte. Jetzt war allerdings nicht ein Tropfen Feuchtigkeit zurückgeblieben. Während wir die Lagerdecken ausbreiteten, machten sich unsere Tiere über die halbverdorrten Zweige des Wermuts und das magere Gras her. Später wurde gegessen und dann wickelten wir uns vorsorglich in unsere warmen Decken, denn die Nächte begannen um die Jahreszeit bereits empfindlich kalt zu werden.
Am nächsten Morgen ritten wir nach kurzem Frühstück weiter. Da die Ersteigung des jenseitigen, abschüssigen Ufers für unsere des Kletterns ungewohnten Tiere eine unnötige Anstrengung bedeutet hätte, wendeten wir uns dem oberen Teil des Wadi zu. Dort war eher eine Stelle zu finden, die sich für unsere Absicht, die offene Steppe zu gewinnen, eignete.
Wir mochten vielleicht zehn Minuten auf dem Weg sein, da öffnete sich nach rechts ein schmales Seitental. Da es in unserer Richtung lag, lenkte ich – ich ritt an der Spitze – in dieses ein, zügelte jedoch im nächsten Augenblick mein Tier.
Ich bemerkte nämlich im lockeren Grus des Bodens eine Fährte. Sie kam aus dem Seitental und führte im Haupttal weiter, doch nicht abwärts, sondern aufwärts. Diese Beobachtung machte mich stutzig und ich stieg ab, um die Fährte näher zu betrachten.
Es handelte sich, wie sich nach kurzer Untersuchung ergab, um zwei Reiter, die ein lediges Tier mit sich führten. Halef, dem ich meine Beobachtung mitteilte, meinte sorglos:
„Die zwei gehen uns wohl nichts an. Reiten wir weiter!“
„Halt, warte noch! Mir kommt die Sache nicht ganz geheuer vor.“
„Warum? Ich sehe nichts Besonderes dabei.“
„Aber ich! Zwei Reiter, die ein lediges Pferd in der Steppe spazieren führen! Fällt dir das nicht auf?“
„Wahrscheinlich ist es ein Packtier.“
„Nein. Ich erkenne an der Spur, dass es keine Last zu tragen hatte.“
„Auch dann wüsste ich nicht, was uns besorgt machen sollte. Vielleicht sind es zwei Händler, die ihre Ware in Mossul abgesetzt haben und jetzt heimkehren. Daher das unbeladene Tier.“
„Das wäre wohl eine Erklärung. Aber außerdem ist es die Richtung der Spur, die mein Bedenken hervorruft. Der Kasab entspringt im wildesten Teil des Sindschar, wo, wie du ja selber weißt, Ausgestoßene aus allen Stämmen ein lichtscheues Dasein führen. Und diese Spur weist ziemlich genau in diese Gegend.“
Nun war es Halef, der ein besorgtes Gesicht machte.
„So meinst du, dass wir es am Ende gar mit Räubern zu tun haben?“
„Vielleicht sogar mit Mördern.“
„Du denkst immer gleich das Schlimmste. – Was aber jetzt? Sollen wir den Männern nachreiten?“
„Nein. Sie haben uns nichts getan und ein Verdacht ist noch kein Beweis. Trotzdem wollen wir auf dieser Spur einstweilen bleiben, die für uns keinen Umweg bedeutet. Sie ist höchstens eine halbe Stunde alt und ich vermute, dass wir bald die Stelle erreichen, wo die beiden die Nacht zugebracht haben. Vielleicht machen wir dort eine Entdeckung, die uns mehr über sie sagt als diese Spur.“
Ja, wir machten allerdings eine Entdeckung. Eine Entdeckung, durch die das eingangs des Kapitels erwähnte Gespräch mit Halef gegenstandslos wurde, und von der wir nicht ahnten, wie einschneidend sie für uns alle werden sollte.
Die Sohle des Wadi, an dem wir jetzt aufwärts ritten, hob sich allmählich; es war klar, dass es keine große Ausdehnung besaß und eines jener Regenbetten war, die nur während der Winter- und Frühjahrsniederschläge Wasser führen.
„El Büdsch11!“, rief da Kara Ben Halef plötzlich und zeigte auf einen großen Vogel, der in einiger Entfernung vor uns aufgeflogen war.
Kara hatte Recht. Es war wirklich der Raubvogel, den ich auf meinen Reisen oft genug angetroffen hatte. Es musste also da vorne irgendein Aas geben, von dem er sich durch unser Erscheinen nicht vertreiben zu lassen schien, denn er suchte nicht das Weite, sondern zog in der Luft weite Kreise.
Ein grässlicher Anblick erwartete uns, als wir die Stelle erreichten, wo der Geier sich erhoben hatte. Der erste Blick sagte mir, dass hier ein Mord geschehen war. Ich sprang vom Pferd und die Gefährten folgten meinem Beispiel.
Vor uns lag, mit einer klaffenden Wunde in der Brust, ein Mann, dem die Mörder nicht ein einziges Kleidungsstück gelassen hatten. Während Halef sich in allen möglichen Ausdrücken des Bedauerns und der Entrüstung erging, machte ich mich an eine Untersuchung der Leiche. Sie war nicht mehr warm, aber die Glieder zeigten noch jene leichte Beweglichkeit, die darauf schließen ließ, dass der Mord vor nicht allzu langer Zeit verübt worden war. Da der Boden nicht das geringste Zeichen aufwies, aus dem auf einen vorausgehenden Kampf zu folgern gewesen wäre, so lag die Wahrscheinlichkeit nahe, dass die Mörder ihr Opfer im Schlaf überfallen und getötet hatten.
Die Wunde rührte von einem Lanzenstich her, der auf der Stelle tödlich gewesen sein musste. Der Geier hatte sein grausiges Mahl bereits begonnen, aber obgleich das Gesicht von ein paar Schnabelhieben zerfetzt war, konnte ich doch erkennen, dass der Tote noch jung gewesen war; ich schätzte ihn auf nicht mehr als dreißig Jahre. Der Gesichtsfarbe nach zu schließen war er sicher kein Europäer, aber ob ich einen Beduinen oder einen Kurden oder einen Perser vor mir hatte, konnte ich nicht feststellen.
Ich schritt, den Blick auf dem Boden, nach dem oberen Ende des Wadi und fand die Spur eines einzelnen Reiters, die von gestern herrührte, aber auch die frischen Eindrücke von zwei Pferden, die sich erst heute Morgen, von Norden her kommend, mit der Einzelspur vereinigt hatten. Das Übrige war mir klar: Die zwei Mörder hatten sich ohne Weiteres über den Schlafenden hergemacht, ihn mit einem einzigen Lanzenstich getötet und dann vollständig ausgeraubt. Die Räuber hatten reinen Tisch gemacht und alles mitgenommen, was sich im Besitz des Ermordeten befunden hatte.
Wirklich alles? Im Begriff, zu den Gefährten zurückzukehren, sah ich etwas Weißes zwischen den Steinen blinken. Ich hob es auf; es war ein abgerissener und offenbar achtlos weggeworfener Fetzen Papier, der mit arabischen Schriftzeichen bedeckt war. Ein Windstoß hatte ihn fortgetragen und zwischen die Steine geklemmt, wo ich ihn gefunden hatte.
Ich las die ersten Worte und – starrte in ungläubigem Staunen auf das Papier. Na, war es denn wirklich möglich? Oder träumte ich am hellen Tag? Ein liebes Greisenantlitz tauchte vor meinem geistigen Auge auf, ein Gesicht, das sich meinem Inneren mit unvergesslichen Zügen eingeprägt hatte.
Ein lauter Ruf brachte meine Gefährten zur Stelle.
„Halef, Kara, Omar, sucht! Um Gottes willen sucht! Vielleicht findet ihr noch so ein Stück Papier, wie ihr es in meiner Hand seht. Fragt nicht lang und schaut nicht lang, sondern sucht, sucht!“
Natürlich musste ihnen meine Aufregung unverständlich sein, aber ich wartete ihre Entgegnung gar nicht ab. Wie ein Hypnotisierter schritt ich, die Augen auf den Boden geheftet, weiter. Zoll um Zoll untersuchte ich das Erdreich, jeden Stein wandte ich um, hinter jede Gesteinsecke blickte ich – umsonst!
Und doch nicht umsonst! Meine Gefährten waren glücklicher als ich. Ein Ruf Omars zog mich zu ihm hin; er hielt ein Stück zusammengeknülltes Papier triumphierend in die Höhe. Ich riss es ihm förmlich aus der Hand und faltete es auseinander.
„Es fehlt noch ein Stück! Vielleicht sind es auch zwei! Sucht weiter! Sucht nur immer weiter!“
Ich selber beteiligte mich freilich nicht mehr am Suchen, sondern setzte mich da, wo ich stand, auf den Boden. Mit der Hand die beiden zerknüllten Bruchstücke glättend, suchte ich in den Sinn des Briefs – denn ein solcher konnte es nur sein – einzudringen.
Was war es, das mich so sehr aus der Fassung gebracht hatte? Der Leser meiner Reiseerzählungen möge sich erinnern, dass Marah Durimeh, meine mütterliche Freundin, bei unserer letzten Begegnung im Kulluk der Dawuhdijeh-Kurden12 einen Satz in mein Notizbuch geschrieben hatte. Er sollte eine Art Amulett für mich sein und ich sollte davon Gebrauch machen, wenn ich mich in einer Not befände, von der ich glaubte, dass sie sich auf diese Schrift beziehe.
Das waren ihre eigenen Worte. Ich hatte den Satz – er war kurdisch – so oft gelesen, dass ich ihn auswendig kannte. Sogar im Traumzustand wäre er mir immer gegenwärtig gewesen.
„Melak a ditir, an Scheitan a ta khwa – sei deinem Nächsten ein Engel, damit du dir selber nicht zum Teufel werdest.“ So hatte Marah Durimeh geschrieben und hinzugefügt, dass dieser Satz das Geheimnis ihres Lebens enthalte.
Ich hatte mich über diese Worte nicht gewundert. Ihr Inhalt gehörte ja mit in den Gedanken- und Vorstellungskreis, in dem Marah Durimeh lebte und in den sie mich eingeführt hatte. Auffallend war höchstens, da es sich offenbar um ein geheimes Losungs- und Erkennungswort handelte, die Länge des Satzes. Doch darüber konnte sich auch nur jemand wundern, der die Verhältnisse nicht kannte. Denn einerseits liest sich die deutsche Übersetzung viel weitschweifiger und schwülstiger als der kurdische Satz, und dann weiß jeder Kenner des Landes, dass der Kurde ein großer Liebhaber von Sprichwörtern ist. Es gibt wenige Länder, die einen solchen Schatz von geflügelten Worten und Sätzen besitzen wie Kurdistan. Daher konnte einem Kurden der Gebrauch eines Sprichworts als Erkennungswort kaum auffallen. Und außerhalb Kurdistans kam die Anwendung dieses Losungswortes, das Marah Durimeh als einen Talisman bezeichnet hatte, wohl nicht in Frage.
Man kann sich darum mein Erstaunen vorstellen, als ich auf einmal hier, in der Dschesireh, diesen Satz vor die Augen bekam. Freilich war er nicht vollständig, aber für mich bestand kein Zweifel, dass es sich um den Satz Marah Durimehs und nur um diesen handelte.
Der Orientale schreibt bekanntlich von rechts nach links. Ich war jetzt im Besitz von zwei Bruchstücken eines Briefs, und zwar hatte ich die zwei äußeren schmalen Teile eines länglich breiten Zettels, der indes nur wenige Sätze enthalten hatte. Der mittlere, breite Teil fehlte noch – hoffentlich wurde er von den Gefährten gefunden.
Diese Erwartung sollte sich leider nicht erfüllen. Während ich in die Entzifferung der einzelnen Bruchstücke vertieft war, kam einer meiner Gefährten nach dem anderen zurück. Die Suche war ergebnislos gewesen. Als Letzter kehrte Halef zurück, der seinem Verdruss über den Misserfolg in seiner bekannten Weise Luft machen wollte. Aber ich ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.
„Tröste dich, lieber Halef! Ich brauche das Fehlende nicht. Ich lese den Brief auch so.“
„So ist es also ein Brief? An wen?“
„An mich.“
„Maschallâh! An – – dich! Also darum deine Aufregung! So steht wohl dein Name darauf?“
„Nein.“
„Woher weißt du dann, dass – – ach so!“, unterbrach er seine Frage. „Du schließt es wahrscheinlich aus der Unterschrift! Von wem ist denn der Brief?“
„Von Marah Durimeh.“
„Allâh kerim! Von unserer alten, lieben Freundin! Das muss ich sehen! Sihdi, zeig mir den Namen!“
„Er steht nicht da.“
„Er – steht – nicht – – da?“
„Nein. Wenn mein Name und die Unterschrift Marah Durimehs überhaupt enthalten waren, so standen sie auf dem fehlenden Teil.“
„So folgerst du wohl aus der Handschrift, dass der Brief von Marah Durimeh kommt?“
„Nein, es ist nicht ihre Handschrift, die ich kenne. Sie hat das Schreiben aus irgendeinem Grund nicht selber angefertigt, sondern durch jemand anderen anfertigen lassen.“
„Aber dann ist es mir rätselhaft, wie du zu dem mir ganz und gar unbegreiflichen Schluss kommst, dass der Brief für dich, ausgerechnet für dich bestimmt ist.“
„Da, lies selbst!“
Ich drückte ihm die beiden Zettel in die Hand. Er buchstabierte eine Weile an den arabischen Zeichen herum, wurde aber der Sache bald überdrüssig.
„Sihdi, daraus werde ich nicht ein bisschen klug. Du weißt, dass ich mich nicht mit Rätselraten befasse, und kannst nicht von mir verlangen, dass ich an diesen kläglichen Überresten herumknabbere wie ein Hund an den Knochen, die ihm sein Herr übriggelassen hat. Übrigens weißt du genau, dass Kurdisch nicht meine Glanzseite ist.“
„Das weiß ich freilich und ich mute dir darum diese Gedankenarbeit gar nicht zu. Du wirst aber sehen, dass das Ding gar nicht so schwierig ist.“
Zum besseren Verständnis soll der Brief hier in abendländischer Schreibart, also von links nach rechts, wiedergegeben werden.
Melak a d ................ a khwa
be hei ................ en Aqil
ek dehab ................ zin sil
pur wa emr ................ bo min
„Kennst du, Halef“, begann ich mit der Entzifferung, „den Satz: ‚Melak a ditir, an Scheitan a ta khwa?‘“
„Natürlich! Diese Worte hat Marah Durimeh ja in dein Notizbuch geschrieben. Ich habe sie mir gut gemerkt.“
„Nun, da stehen sie wieder.“
„Was? Wo?“
„Da auf den Papierschnitzeln, die du noch in der Hand hast.“
Halef warf einen Blick auf das Geschriebene, dann blitzte es verständnisvoll in seinen Augen auf.
„Maschallâh! Du hast Recht. Jetzt, da du meine Nase auf die Fährte gestoßen hast, sehe ich ein, dass die erste Zeile nicht anders heißen kann.“
„Diese Worte haben mich mehr davon überzeugt, dass dieser Brief für mich bestimmt ist, als wenn ich meinen Namen oder die Unterschrift Marah Durimehs selber gelesen hätte.“
„Hm! Es wäre aber immerhin möglich, dass auch noch andere außer uns diese Worte kennen.“
„Ohne Zweifel! Aber du vergisst den Boten.“
„Wieso?“
„Marah Durimeh sendet einen Boten mit diesem Brief. Denke dir eine Linie von der Gegend, in der sich die Absenderin aufhalten muss, bis hierher und führe sie dann weiter! Wohin kommst du dann?“
„Allâh akbâr – Gott ist groß! Jetzt weiß ich, wo du hinaus willst. Die Linie würde geradewegs zu den Weidegründen der Haddedihn führen.“
„Glaubst du, dass in dieser Richtung außer uns noch eine andere Person lebt, an die der Brief gerichtet sein könnte?“
„Ausgeschlossen! Sihdi, fahre weiter! Ich folge dir wie ein junges Fohlen seiner Mutter, von der es lernen soll.“
„Die nächsten Worte lauten: ‚be hei‘. Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich ergänze: ‚be heiidi‘ und übersetze: komm sogleich!“
„Kuwajjis – vortrefflich!“
„Die folgenden Worte fehlen. Sie enthielten wohl die Ortsbestimmung, wohin ich mich zu wenden hätte. Aber wir können sie entbehren, denn wir haben ja den Namen der Person, die ich aufsuchen soll, wenn der Name auch nicht mehr ganz erhalten ist.“
„Sihdi, sollte – sollte am Ende gar unser Freund Ssali Ben Aqil gemeint sein?“
„Sieh, wie scharf du auf einmal denken kannst“, lachte ich. „Er, und nur er kann gemeint sein. Und das ist der zweite Grund, warum ich von allem Anfang an wusste, dass ich der Empfänger des Schreibens sein sollte. Neu ist mir nur, dass sich Ssali und die Absenderin kennen. Das war früher nicht der Fall, sonst hätte Ssali es mir sicher mitgeteilt.“
„Sihdi, ich bin gespannt, wie es weitergeht. Was bedeuten wohl die nächsten Worte?“
„Auch sie sind nicht vollständig. Es muss wohl heißen: ‚ek dehabini wi‘ – wenn du ihn lieb hast. Ssali muss sich also in einer Gefahr befinden, und zwar in keiner kleinen, sonst würde sich Marah Durimeh wohl nicht auf meine Liebe zu ihm berufen.“
„Könnte man nicht denken, dass es heißen muss: wenn du mich lieb hast?“
„Natürlich könnte man so deuten, aber nur dann, wenn man Marah Durimeh nicht kennt. Bei ihrem zurückhaltenden, herben Wesen würde sie sich nie und nimmer auf meine Liebe zu ihr berufen. Das würde ihr zu gefühlsselig erscheinen. Dafür kenne ich auch ihre Anspruchslosigkeit zu gut.“
„Höre, Sihdi, nennst du das anspruchslos, wenn sie dir zumutet, alles liegen und stehen zu lassen und einen Ritt nach dem gefährlichen Kurdistan zu unternehmen?“
„Das ist mir eben ein Beweis dafür, dass es sich nicht um sie, sondern um jemand handelt, der ihr sehr nahe steht. Dieser Jemand ist natürlich Ssali Ben Aqil, der sich in Bedrängnis befindet, was die folgenden zwei Silben zeigen. ‚Zin sil‘ gibt keinen Sinn; es kann nur ‚mezin sil‘ gelautet haben, und das heißt eben: große Bedrängnis.“
„Sihdi, das Dunkel beginnt sich immer mehr zu lichten.“
„Es wird bald die volle Helle des Tages herrschen. Denn nachdem wir uns einmal über die Hauptsache im Klaren sind, folgt das Übrige leicht und wie von selber. Ssali Ben Aqil ist also in großer Bedrängnis. Ja, noch mehr, sein ganzes Lebenswerk ist in Frage gestellt.“
„Steht das auch in dem Brief?“
„Wo denn sonst? Es geht nämlich weiter: ‚pur wa emr‘ – mehr als das Leben. Was kann das bei der geistigen und religiösen Einstellung unseres Freundes anderes heißen, als dass seine ganze Lebensaufgabe, die er sich gestellt hat, in Gefahr ist zusammenzubrechen?“
„Maschallâh! Das geht alles so leicht bei dir, Sihdi, als ob nicht Marah Durimeh, sondern du den Brief geschrieben hättest. Aber was sollen die beiden letzten Silben ‚bo min‘ bedeuten?“
„Das kann ich nicht mit solcher Sicherheit behaupten wie das Vorhergehende. Aber ich vermute, dass der Sinn der Stelle gewesen ist: Wenn du den Auftrag ausgeführt hast, den ich dir gegeben habe, dann komm zu mir! ‚Bo min‘ heißt nämlich ‚zu mir‘.“
„Hamdulillâh! Das schwere Werk ist vollbracht! Ich bin mir vorgekommen wie ein Mann, dem zugemutet wird, herauszubringen, was in einer leeren Tandschara13 gewesen ist, Sirup oder Buttermilch. Wenn du mir in meiner Not nicht beigesprungen wärst, so würde ich noch heut übers Jahr ratlos in den leeren Topf gucken.“
„Wollen wir das Ergebnis noch einmal zusammenfassen. Zuerst kommt die nur uns bekannte geheime Losung, die wohl auch den Zweck gehabt hat, den Boten zu beglaubigen. Dann folgt der eigentliche Brief, der ungefähr gelautet haben muss: Komm sofort zu Ssali Ben Aqil, wenn du ihn lieb hast. Er befindet sich in großer Bedrängnis. Mehr als sein Leben steht auf dem Spiel. Dann aber komm zu mir!“
Kara und Omar Ben Sadek, die stumm, aber in großer Spannung zugehört hatten, gaben jetzt ihrer Zustimmung lauten Beifall. Halef aber wollte noch mehr wissen.
„Sihdi, du hast den leeren Topf mit köstlichem Sirup gefüllt. Aber mir geht noch eine ganze Kamellast von Fragen im Kopf herum. Weißt du, wo die Bebbeh-Kurden gegenwärtig ihre Weidegründe haben?“
„Ja, die Abteilung, zu der Ssali Ben Aqil gehört, hat ihre früheren Wohnsitze aufgegeben und ist an den Urmia-See gezogen.“
„Welcher Art wird wohl die Bedrängnis sein, in der sich unser Freund befindet?“
„Darüber bin ich mir ebenso wenig klar wie du. Der Bote hätte wohl darüber Aufschluss geben können, aber der ist tot.“
„Ja di’ano – schade! Was hätte uns der Mann alles erzählen können! Zum Beispiel, wo sich Marah Durimeh aufhält. Das müssen wir doch wissen, wenn wir sie besuchen wollen. Oder ist es dir vielleicht bekannt?“
„Nein. Ich habe keine Ahnung, wo diese merkwürdige Frau in den Zwischenpausen wohnt, von denen ihr Wandern landauf, landab naturgemäß unterbrochen sein muss. Und ich bezweifle, dass ihr Bote besser unterrichtet war als wir. Es ließe sich nämlich ganz gut denken, dass sie ihre Botschaft dem nächstbesten vertrauenswürdigen Mann anvertraute, den sie irgendwo traf, sodass er gar nicht im Stande gewesen wäre, uns irgendwelche Auskunft zu geben.“
„Das wäre allerdings möglich. Rätselhaft ist mir nur, wie Marah Durimeh wissen konnte, dass du gerade jetzt bei den Haddedihn warst.“
„Mir nicht. Gerade du hast dafür gesorgt, dass Marah Durimeh um mein Hiersein recht gut wissen konnte.“
„Wieso?“
„Nun, wer hat denn jedem, der es hören wollte, von unseren Erlebnissen auf unserer Reise nach Mekka erzählt? Glaubst du, dass solche Neuigkeiten innerhalb der Zelte deiner Haddedihn bleiben werden?“
„Hm!“, brummte Halef nachdenklich.
„Und erinnere dich, wie es vor zwanzig Jahren war! Wir sind damals doch sofort zur Befreiung Amad el Ghandurs aufgebrochen und haben schnelle Tagesritte zurückgelegt. Und doch ist die Kunde von der Schlacht im ‚Tal der Stufen‘ schneller gewesen als wir.14 Überallhin ist sie uns vorangeeilt, sogar bis ins tiefste Kurdistan hinein.“
„Sihdi, du verstehst es, alle meine Bedenken zu zerstreuen wie Mücken, die die Flucht vor dem Qualm ergreifen, der entsteht, wenn am Abend ein Lagerfeuer von Kamelmist angefacht wird.“
„Das ist ein wunderschöner Vergleich, lieber Halef“, lachte ich.
„Meine Vergleiche sind alle prachtvoll. Und du hast gar nicht zu lachen. Denn mein Vergleich spielte natürlich nur auf die Mücken an, nicht auf den Kamelmist, zu dem ich in deinen Worten nicht die geringste Beziehung finde.“
„Das beruhigt mich. Ich danke dir.“
„Bitte.“
Nun holte Halef tief Atem. Sicher kam jetzt die Hauptsache!
„Was wirst du nun beginnen?“, forschte er weiter.
„Kannst du noch fragen? Natürlich werde ich dem Hilferuf Marah Durimehs Folge leisten.“
„Natürlich, sagst du? Aber deine Pflicht, die dich in die Oasen deiner Heimat zurückruft?“
„Meine Pflicht liegt augenblicklich nicht in Dschermanistan, sondern in Kurdistan.“
„Aber die Gebieterin deines Herzens? Wird sie damit einverstanden sein?“
„Sie wird es. Ja, sie wäre die Letzte, die mich von der Erfüllung dessen, was ich als heilige Pflicht erkenne, abhalten würde.“
„So ist also deine Reise nach Kurdistan eine fest beschlossene Sache?“
„Ja.“
Da machte sich die Spannung Halefs in einem gewaltigen Seufzer der Erleichterung Luft.
„Hamdulillâh! Allah sei Lob und Preis! Sihdi, nun entsprichst du wieder ganz dem Bild, das ich von dir im Herzen trage. Du wirst nach Kurdistan reiten, anstatt Tinte zu trinken und Gänsefedern zu kauen, und wir werden Heldentaten vollbringen, wie wir sie noch nie…“
„Du sagst ‚wir‘. Wen meinst du denn damit?“
„Maschallâh! Kannst du im Ernst fragen? Natürlich meine ich dich und mich, vielleicht auch noch meinen Sohn Kara.“
Da war es heraus, was ich erwartet und – gefürchtet hatte. Denn so lieb mir die Begleitung Halefs und seines Sohnes auch gewesen wäre, so gab es diesmal doch Gründe, die entschieden davon abrieten, die beiden mitzunehmen.
„Von dir ist im Brief Marah Durimehs nicht die Rede“, widersprach ich daher.
„Malesch – das tut nichts. Wie sollte auch Marah Durimeh etwas so Selbstverständliches eigens erwähnen? Oder ist es vielleicht nicht so? Gehöre ich nicht zu dir wie das Husân15 zur Arabaji16, ohne das dieses nützliche Fuhrwerk zum wertlosen Sanduk, zum ganz und gar bewegungslosen, schwerfälligen Kasten wird? Hat man jemals von dir allein reden hören, oder ist nicht vielmehr neben dem Namen Kara Ben Nemsi immer auch der seines treuesten Freundes genannt worden, des Scheiks der Haddedihn vom großen Stamm der Schammar, Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah?“
„Das mag alles richtig sein. Aber du vergisst die Thar.“
„Die Blutrache? Was hat die mit mir zu tun?“
„Sehr viel! Stehen nicht die Bebbeh, zu denen ich soll, mit den Haddedihn in Blutrache? Und aus wessen Pistole stammte denn die Kugel, die einst Scheik Gasahl Gaboya niederstreckte? Etwa nicht aus der deinen?17 Siehst du nicht ein, dass es gerade für dich das größte Wagnis, ja die verwegenste Tollkühnheit bedeutet, den Bluträchern unter die Augen zu treten?“
„Ach, Sihdi, wer spricht denn von diesen alten Sachen!“, meinte Halef sorglos. „Seitdem ist die Thar längst eingeschlafen.“
„Halef, sei nicht leichtsinnig! Eine Thar mag eingeschlafen sein, aber deshalb ist sie nicht tot, sondern sie kann beim geringsten Anlass wieder erwachen. Erinnere dich an unser Erlebnis vor Jahren, als wir das Grab Mohammed Emins besuchten!18 Mit knapper Not entrannen wir damals dem Verderben.“
„Du siehst zu schwarz, Sihdi! Oder du tust nur so, um mir bange zu machen. Aber das greift bei mir nicht im Geringsten. Ich weiß, wo mein Platz ist: an der Seite meines Sihdi, dessen Beschützer ich immer gewesen bin und auch in aller Zukunft sein werde.“
Da war nichts zu machen. Ich wandte mich also an Kara Ben Halef: „Kara, mit deinem Vater ist in dieser Sache nicht zu verhandeln. Ich bitte dich von Herzen, rede du ihm zu, damit er sein Vorhaben aufgibt, das ihm leicht verhängnisvoller werden kann, als er glaubt. Ich wiederhole: Die Gefahren, die auf ihn lauern, sind weitaus größer als die, denen ich entgegengehe.“
Der Angeredete sah eine Weile vor sich nieder und ich sah, wie sich auf seinen jugendlichen, offenen Zügen die widersprechendsten Gefühle malten. Dann hob er mit einem Ruck sein Haupt und blickte mir frei ins Gesicht.
„Sihdi, du weißt, dass ich dich verehre wie außer meinen Eltern keinen Menschen auf der ganzen Welt, und ich glaube dir, wenn du sagst, dass meinen Vater außerordentliche Gefahren erwarten. Aber sag mir aufrichtig: Wird die Gefahr für dich dadurch größer, wenn mein Vater dich begleitet?“
„Nein, Kara, das kann ich freilich nicht behaupten.“
„Tajib – gut! Und wenn du allein gehst, bist du dann vielleicht außer aller Gefahr, sodass du keine Hilfe brauchst? Hast du nicht eben zugegeben, dass die Bebbeh mit den Haddedihn in Blutrache stehen? Wird ihre Thar vor dir, dem vornehmsten und liebsten Gast der Haddedihn, Halt machen? Oder wird sie sich nicht erst recht auf dich stürzen, weil die Bebbeh glauben werden, dass sie dadurch uns, ihre Feinde, am empfindlichsten treffen werden?“
Ich musste Kara Ben Halef Recht geben, denn ich hatte mir im Stillen bereits dieselben Gedanken gemacht. Ich betrachtete mich ja selber längst als einen Stammesangehörigen der Haddedihn und ich durfte erst recht nicht erwarten, dass die Bebbeh mich besser als einen solchen behandeln würden. Umso mehr, als ich mich vor Jahren gezwungen gesehen hatte, ihnen feindlich entgegenzutreten. Zwar sprach mich mein Gewissen von jeglicher Schuld an dem damals vergossenen Blut frei, aber was half das diesen Halbwilden gegenüber, für die nur die nackten Tatsachen Geltung besaßen?
Kara schien meine Gedanken zu erraten, denn er fuhr fort:
„Die Sache steht nun so: Entweder ist die Thar tot, dann hast du nichts zu befürchten, aber ebenso wenig mein Vater, und es besteht also kein Grund, seine Begleitung zurückzuweisen. Oder aber die Blutrache gilt noch heute, dann droht dir die gleiche Gefahr wie meinem Vater und einem jeden von uns, und wir müssten vor uns selber ausspucken, wenn wir dich verlassen würden. Darum bitte ich dich, lieber Sihdi, nimm meinen Vater mit und – nimm auch mich mit! Denn wenn wirklich Gefahr vorhanden ist – und ich glaube, dass es sich so verhält –, so gehöre ich zu meinem Vater.“
„Was sagst du jetzt, Sihdi?“, rief Halef mit glänzenden Augen. „Hat mein Sohn nicht gesprochen wie ein Taleb19, der die gesamte Weisheit des Abend- und des Morgenlandes beherrscht? Und sind die Gründe, die er vorgebracht hat, nicht so einleuchtend und zwingend, als hätte er die ganze Ilm el fikh20 auswendig gelernt? Bringst du es jetzt noch über dich, nein zu sagen?“
„Hm!“
„Mit welchem Recht willst du mich übrigens zurückweisen? Mit der einzigen Begründung, der Brief sei an dich gerichtet. Wie nun, wenn ich das in Abrede stelle? Ich behaupte, Marah Durimeh konnte in der kurzen Zeit unmöglich von deiner Anwesenheit bei uns erfahren haben und ein Bote von ihr hätte nicht beinahe bis zu den Weidegründen der Haddedihn gelangen können. Ja, ich behaupte, dass der Brief nicht für dich, sondern für mich bestimmt ist. Nicht wahr, jetzt bist du es, der vor Erstaunen die Augen aufreißt wie eine Dschädschi21, der man die Eier, die sie ausbrüten sollte, heimlich unter dem Leib hinweggenommen hat.“
„Ich bin allerdings begierig, zu erfahren, wie du zu dieser Verdrehung der Tatsachen kommst.“
„Nicht ich mache mich dieser Verdrehung schuldig, sondern du“, versicherte er eifrig.
„Das musst du mir erst beweisen.“
„Tikram – gern. Also höre! Marah Durimeh bedarf aus irgendeinem Grund für Ssali Ben Aqil der Hilfe. Ihr erster Gedanke bist du, das gebe ich gern zu. Aber du bist ihr unerreichbar. Sie hat keine Ahnung, dass du gerade jetzt in der Dschesireh bist. Was ist natürlicher, als dass ihr nächster Gedanke auf mich, deinen Freund und Beschützer, fällt?“
„Hm, ich bezweifle, dass die Worte des Briefs ‚wenn du ihn liebst‘ sich auf dich beziehen.“
„Auf wen denn sonst? Habe ich etwa Ssali Ben Aqil nicht lieb? Bin ich nicht dabei gewesen, als wir ihn und seinen Vater vor Jahren in der Musallah el Amwât22 vom grässlichsten Tod befreiten? Ich sage dir, ich habe ihn lieb gewonnen, unendlich lieb, fast so lieb wie dich.“
„Diese Liebe muss aber eine sehr heimliche sein, denn du hast noch nie ein Wörtlein von ihr verlauten lassen.“
„Muss das sein? Liegt die wahre Liebe vielleicht auf der Spitze der Zunge oder nicht vielmehr tief im Herzen? Es genügt, dass die beiden Hauptpersonen um diese Liebe wissen, nämlich ich und Marah Durimeh.“
„Aber unsere Freundin hat die Worte, die sie als Talisman bezeichnete, in mein, nicht dein Notizbuch geschrieben. Also kann der Brief nur an mich gerichtet sein.“
„Wie falsch! Sihdi, ich muss dir sagen, dass die Breite meines Verstands heute der Länge des deinigen bedeutend überlegen ist. Marah Durimeh weiß doch, dass du vor mir, deinem Freund, kein Geheimnis hast, und kann sich also denken, dass ich von ihrem Talisman Kenntnis habe. Folglich kann sie die Worte ganz gut als Erkennungszeichen für mich niedergeschrieben haben.“
„Attamâm – nicht übel!“, lachte ich. „Unter diesen Umständen muss ich froh sein, wenn du mich, den die Sache gar nichts angeht, überhaupt mitnehmen willst.“
„Sabakt ifkari – du bist meinen Gedanken zuvorgekommen. Nicht du hast mir, sondern ich habe dir zu erlauben, mich zu begleiten. Aber ich will nicht so hartherzig sein wie du und erteile dir hiermit feierlich die Genehmigung.“
„Mamnûn – sehr verbunden!“
„Bitte! Ich nehme dich umso lieber mit, als wir dann sicher nicht über den Mangel an Abenteuern zu klagen haben werden. Hamdulillâh! Das Leben des Mannes ist doch am schönsten dann, wenn er es nicht als ein Geschenk betrachtet, sondern als einen kostbaren Siegespreis, um den er tagtäglich zu ringen hat. Sihdi, freust du dich nicht auch?“
„Denkst du denn gar nicht an deine Hanneh?“, wich ich der Beantwortung seiner Frage aus.
„Hanneh? Was hat Hanneh mit unserer Reise zu tun?“
„Wird sie damit einverstanden sein, dass du und Kara mich begleiten?“
„Sie wird es. Oder glaubst du, dass die Beglückerin meines Daseins sich von der deinigen übertreffen lassen will? Auch meine Hanneh wird ihren Halef nie von etwas abhalten, was er als seine Pflicht erkannt hat. Omar Ben Sadek mag zurückreiten und die Nachricht ins Lager der Haddedihn bringen.“
Der Genannte straffte seine Gestalt in die Höhe. „Du irrst, Halef. Ich werde nicht zurückreiten, denn ich gehe mit euch.“
„Was fällt dir ein? Einer von uns muss zurück, und da ich und Kara mit dem Sihdi gehen, musst du die Botschaft übernehmen.“
„An Boten wird es dir nicht fehlen, wenn wir in Mossul sind, das wir am Nachmittag erreichen. Wenn du dann einen Brief schreibst, ist es vollständig gleich, ob ich oder ein anderer ihn überbringt.“
„Maschallâh! Da hast du Recht. Ich habe auch gegen deinen Wunsch nichts einzuwenden, aber ich weiß nicht, ob unser Sihdi damit einverstanden ist. Wende dich an ihn!“
Der Schlaukopf! Zuerst hatte er getan, als ob er zu bestimmen hätte. Jetzt, da er seinen Willen durchgesetzt hatte, wollte er wieder mich zu Wort kommen lassen.
Ich schwieg.
Ich suchte mir über das merkwürdige Gefühl klar zu werden, das mich beherrschte, seit Halef mir seinen Willen erklärt hatte, mich begleiten zu wollen. Es war nicht Angst, es war nicht Furcht, es war eher wie der sechste Sinn des Westmanns, wie er sich mehr als einmal während meines vielbewegten Wanderlebens geäußert hatte, es war wie die Ahnung von etwas Unfassbarem, Unnennbarem. Ich hatte gelernt, diesem sechsten Sinn zu lauschen, denn jedes Mal, wenn ich es unterließ, war es zu meinem Schaden gewesen.
Deshalb konnte es mir auch nicht einfallen, mich über dieses Gefühl, über das vielleicht jeder andere gelacht hätte, hinwegzusetzen.
„Halef, ich kann mich nicht näher ausdrücken, aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass es für mich und für euch, also für uns alle besser wäre, wenn ihr mich allein gehen ließet.“
Der Hadschi sah mich eine Weile prüfend an, dann fragte er misstrauisch: „Ist das dein Ernst? Oder sagst du nur so, um uns umzustimmen?“
„Nein, Halef, es ist wirklich mein Ernst.“
Der Hadschi nickte ein paarmal vor sich hin, dann meinte er:
„Schi adschib – sonderbar! Ich weiß von dir, dass es Vorahnungen gibt, die wohl zu beachten sind. Aber diesmal bitte ich dich, dieser Stimme kein Gehör zu schenken. Oder ist sie etwa unfehlbar?“
„Das nicht. Aber ich habe mich gewöhnt, daran zu glauben, und bin immer gut dabei gefahren.“
„Siehst du, du gibst selber die Möglichkeit eines Irrtums zu.“
„Aber wenn ich dich recht, recht innig bitte, von deinem Vorhaben abzusehen?“
„Sihdi, wenn du in diesem Ton zu mir sprichst, dann bin ich im Stande, alles, alles zu tun, was du von mir verlangst. Aber ich beschwöre dich: Bestehe nicht auf deiner Bitte, denn es würde mich unglücklich machen, wenn ich nicht mit dir reiten dürfte.“
„Battil – hör auf!“, stellte ich mich unwillig, obgleich mich diese Anhänglichkeit tief rührte. „Meinetwegen brauchst du nicht unglücklich zu werden, denn du sollst mit mir reiten. Auch Kara darf natürlich mit und Omar Ben Sadek, wenn er darauf besteht.“
Seltsam! Kaum hatte ich das Jawort gegeben, so war die unbehagliche Beklemmung gewichen, die mich eben noch beunruhigt hatte. Vielleicht hatte Halef Recht und das Unterbewusstsein täuschte mich in diesem Fall. Schließlich, wenn ich die Sache rein verstandesmäßig betrachtete, sprach manches dagegen, dass ich die gefährliche Reise allein unternahm. Die Hilfe der drei Freunde war nicht zu unterschätzen. Halef handelte längst nicht mehr so unüberlegt wie in früheren Zeiten, was ich dem Umstand zuschrieb, dass er sich in Gegenwart seines Sohnes alle Mühe gab, sich zu beherrschen. Kara war über sein Alter hinaus bedächtig und doch auch tatkräftig, wie sich auf unserer letzten Reise nach Mekka gezeigt hatte. Und Omar Ben Sadek – nun ich hatte in den langen Jahren, seitdem ich ihn kannte, oft Gelegenheit gehabt, seine Zuverlässigkeit in allen Lagen zu erproben.
Meine Zustimmung löste bei den Begleitern helle Freude aus, die sich allerdings nur bei Halef laut äußerte. Kara und Omar schwiegen, aber ihre Augen führten eine umso beredtere Sprache.
Während unserer Beratung, die in einiger Entfernung von der Stelle gehalten worden war, wo wir den Ermordeten gefunden hatten, hatte sich der Geier wieder in der Nähe der Leiche niedergelassen, von der wir ihn aufgescheucht hatten. Ein Schuss aus meinem Stutzen befreite uns von seiner lästigen Gegenwart.
Dann bedeckten wir die Leiche des Ermordeten so hoch mit Steinen, dass kein Geier und kein Schakal an sie kommen konnte, und sprachen ein stilles Gebet für den, dessen Lebensweg hier ein so rasches Ende gefunden hatte. Halef sprach die Meinung aus, wir sollten den Mördern nachjagen und sie wegen des Mordes zur Verantwortung ziehen, ich war indes anderer Ansicht. So gern ich unter anderen Umständen den Boten Marah Durimehs an seinen Mördern gerächt hätte, hier gab es einen wichtigen Grund, die Bestrafung der Täter Gott zu überlassen. Der Auftrag Marah Durimehs brannte mir auf den Nägeln, und eine Verfolgung der Mörder hätte uns voraussichtlich mehrere Tage weggenommen.
Die Sonne stand bereits im Westen, als wir durch halb verfallene Mauern in Mossul einritten.
2. Vom Tigris zum Zab
Mossul hat längst nicht mehr die Bedeutung, die dieser Stadt in früheren Zeiten zukam. Ehedem ein blühender Stapelplatz für orientalische Spezereien, arabischen Kaffee und persische Waren, hat sein Handel in neuerer Zeit sehr gelitten, und die jeweiligen türkischen Befehlshaber haben das Ihrige dazu beigetragen, dass die Einwohner verarmten. Die Stadt selber mit ihren krummen Gassen und den meist aus Erde bestehenden und mit Kalk bestrichenen Häusern bietet dem Fremden, besonders dem Europäer, wenig, ausgenommen vielleicht dem Altertumsforscher, der in den jenseits des Tigris liegenden Ruinen von Ninive ein reiches Feld für seine Betätigung findet.
Wir benutzten die letzten Stunden des Tages zum Ankauf verschiedener für die Reise notwendiger Dinge. Halef schrieb einen ausführlichen Brief an seine Hanneh und besorgte einen zuverlässigen Boten zu den Haddedihn. Dann hielt uns nichts mehr in der Stadt zurück und der nächste Morgen sah uns bereits auf der Straße nach Baadri.
Bezüglich des Wegs hatten wir uns dahin geeinigt, dass wir bis Lizân23 am Großen Zab24 der Linie folgen wollten, die uns noch von unserer ersten Reise her in guter Erinnerung war.25 Von Lizân aus gedachten wir durch die Gebiete Tkhoma und Baz und durch die Schluchten des Dschelo Dagh nach dem Gebirgszug vorzudringen, dessen Kamm entlang der persischen Grenze verläuft und der zugleich die Wasserscheide zwischen dem Tigris und dem Urmia-See bildet, in dessen Nähe wir die Bebbeh gegenwärtig zu suchen hatten.
Über das, was wir bis Lizân erlebten, könnte ich mit Leichtigkeit mehrere Kapitel füllen, da es aber mit dem eigentlichen Inhalt dieses Bandes nur in losem Zusammenhang steht, muss sich der Leser mit wenigen Worten begnügen.
Dieser Teil unserer Reise wird sich für immer unauslöschlich meiner Erinnerung einprägen. Ich muss sagen, es war ungemein reizvoll für uns, mit so vielen Personen ein Wiedersehen zu feiern, die uns vor Jahren in irgendeiner Weise ans Herz gewachsen waren. Wir hatten damals mehr als einmal Gelegenheit gehabt, in die Geschicke von vielen bestimmend und rettend einzugreifen, und wir durften daher, ohne unbescheiden und anspruchsvoll zu sein, an mehreren Orten auf eine begeisterte Aufnahme rechnen.
Und so war es auch.
Schon in Baadri, wo noch immer das weltliche Oberhaupt der Teufelsanbeter wohnte, erregte unser Kommen eine stürmische Freude. Zwar lebte Mir Scheik Khan26, der schon bei unserem ersten Hiersein hoch in den Jahren gestanden hatte, nicht mehr, er war ‚verwandelt‘, wie die Jesidi sich beim Tod eines der Ihrigen ausdrücken, dafür erlebten wir aber die Freude, Ali Bei, der damals noch jung gewesen war, frisch und munter und als Vater einer zahlreichen Familie vorzufinden. Er hatte sich als weltliches Oberhaupt der Jesidi behauptet. Die Art und Weise, wie er damals, freilich mit meiner Unterstützung, mit dem Heer des Mutessarif umgesprungen war, der die Jesidi mitten im Frieden angegriffen hatte, verschaffte ihm bei seinem Glaubensgenossen das höchste Ansehen. Und er hatte es geschickt verstanden, all die Jahre über seine Würde gegen Freund und Feind zu wahren.
Wir blieben einen Tag bei den Jesidi, und als wir schieden, gab uns das halbe Dorf eine Stunde weit das Geleit.
Am nächsten Abend hielten wir in Spandareh. Welche Freude für uns, als wir erfuhren, dass unser damaliger Herbergsvater, der Kiajah von Spandareh, noch lebte! Seine Freude, uns wiederzusehen, war indes noch größer. Die hellen Tränen rannen ihm in den Bart, als er der Reihe nach einen nach dem anderen von uns umarmte. Wie sich der Leser erinnern wird, war der Bei von Gumri im Tal Berwari sein Schwiegersohn. Ich hatte dessen Gastfreundschaft genossen und mir hatte er bei den damaligen Streitigkeiten zwischen Kurden und Chaldani seine Freiheit, vielleicht sogar sein Leben zu verdanken gehabt. Selbstverständlich hatte der Wirt von Spandareh davon erfahren und nun suchte er durch alle Mittel, die ihm zu Gebote standen, seine Dankbarkeit zu zeigen. Bis spät in die Nacht hinein saßen wir mit ihm und seinen Angehörigen zusammen und ließen die damaligen Erlebnisse, freilich in der Schilderung und Färbung, wie es Halef gefiel, nochmals in der Erzählung an uns vorüberziehen. Ich erfuhr, dass der Bei der Berwari-Kurden sich des besten Wohlseins erfreute, aber auch unser Wirt hörte mit Genugtuung von den Diensten, die uns sein Dojan auf der weiteren Reise geleistet hatte.
Da uns ein Besuch der Feste Gumri, die abseits unserer Reiselinie lag, zu viel Zeit gekostet hätte, schickte der Kiajah noch in der Nacht einen Eilboten an seinen Schwiegersohn mit der Nachricht unserer Ankunft und der Bitte, uns bis Dura entgegenzukommen. Er ließ es sich auch nicht nehmen, uns bis dorthin seine Begleitung anzubieten. Einerseits wollte er die Freude des Beisammenseins möglichst lange genießen, andererseits erfasste er die Gelegenheit, den Mann seiner Tochter nach langer Zeit wieder einmal zu sehen. Natürlich nahmen wir sein Anerbieten mit Dank an.
Und wen hielt unser Wirt an der Leine, als wir am nächsten Morgen in den Sattel stiegen? Das war unser Dojan, wie er leibte und lebte! Wenigstens glich das Tier, das uns mit klugen Augen anblickte, unserem unvergesslichen Windspiel an Größe und Färbung aufs Haar.
Halef stieß bei seinem Anblick einen Ruf des Entzückens aus und auch ich konnte meine Überraschung nicht verbergen. Der Alte weidete sich einen Augenblick an unserem Staunen, dann wandte er sich an mich:
„Emir, ich habe mit Freude vernommen, welchen Nutzen dir mein Dojan damals gebracht hat. Ich habe die Ahnung, dass du auch jetzt wieder in manche Lage kommen wirst, wo du der Hilfe eines treuen Freundes nicht entraten kannst, selbst wenn dieser Freund nur ein Hund ist. Ich bitte dich daher, mich nicht dadurch zu betrüben, dass du mein Geschenk zurückweist.“
„Freund, du weißt nicht, welche Freude du mir damit machst“, sagte ich, und ich glaube, meine Augen haben dabei wirklich geglänzt. „Ich weiß am besten den Wert deines Geschenks zu schätzen. Aber wie hast du in der Schnelligkeit das Tier aufgetrieben, und gerade dieses hier?“
Der Alte lächelte.
„Weißt du nicht, dass ich eine ganze Zucht dieser Tiere, die Ihresgleichen nicht haben, unterhalte? Während ihr schlieft, war ich draußen in meinem Zwinger und habe dieses Tier für dich ausgesucht. Ich glaube, es wird hinter eurem Dojan nicht zurückstehen.“
„Wie heißt das Tier?“
„Sein bisheriger Name ist gleichgültig. Nenne es Dojan! Du hast den früheren Träger dieses Namens geliebt; möge diese Liebe auch auf seinen jetzigen Träger übergehen!“
„Sie braucht nicht erst zu kommen, sie ist schon da, unsere Liebe“, platzte Halef los, der seine Begeisterung nicht mehr zurückhalten konnte. „Wahrhaftig, das ist ein Tier, bei dem man wirklich Maschallâh rufen muss.“
Der Araber hat die Gewohnheit, bei allem, was ihm sehr gefällt, Maschallâh zu rufen. Das gehört zum ‚Beschreien‘, und wer das nicht tut, dem fehlen die notwendigen Umgangsformen.
Auch Kara und Omar Ben Sadek gaben ihrer Bewunderung den pflichtschuldigen Ausdruck. Unser Wirt hörte andächtig zu und meinte dann zu mir: „Wie du es anzustellen hast, den Hund an dich zu gewöhnen, brauche ich dir nicht eigens zu sagen; du weißt es wohl noch von früher her. Allah lasse dich an ihm Freude über Freude erleben!“ – –
Über das Zusammentreffen mit dem Bei von Gumri zwei Tage später in Dura kann ich mit wenigen Worten hinweggehen. Er erwartete uns an der Spitze von hundert Kurden am Eingang des Dorfes und ließ es sich nicht nehmen, uns bis Lizân das Ehrengeleit zu geben. Wir waren von Span-dareh bis Dura auf dem kürzesten Weg geritten, hatten also Amadijah, die Festung, in der der Sohn Mohammed Emins gefangen gehalten worden war, links liegen gelassen. Einmal wollten wir Zeit einsparen und dann gab es in der Festung nur eine einzige Person, an die ich mit Wärme zurückdachte, und das war Selim Agha, der wackere Anführer der Arnauten. Halt! Nicht zu vergessen seine ‚Myrte‘, die holdselige Verkörperung fraulicher Anmut. Ob sie noch an seiner Seite blüht? Ich weiß es nicht, denn ich habe trotz allen Nachfragens nichts von ihnen gehört.
Ein Zug von hundert bis an die Zähne bewaffneten mohammedanischen Kurden durch die Dörfer der chaldäischen Christen hätte in früheren Zeiten die größte Aufregung hervorgerufen. Heute sah man uns ohne jegliches Misstrauen entgegen, ein Zeichen, dass der Friede, der auf Vermittlung Marah Durimehs vor vielen Jahren geschlossen worden war, noch immer bestand. Ich freute mich herzlich über die Zeichen von Wohlstand, die allüberall zu sehen waren. Die Häuser waren nett und reinlich und überschattet von dem weitästigen Walnussbaum; jeder Fußbreit Boden war – ein Zeugnis für den Fleiß der Bewohner – bepflanzt; Obstgärten wechselten ab mit Tabak-, Reis- und Kornfeldern, und an den Hängen der Berge zogen sich ganze Wälder der Galläpfeleiche hin, des für Kurdistan wichtigsten Baums.
Am siebten Tag nach unserem Aufbruch von Mossul zogen wir in Lizân ein. Ja, wir zogen ein, das ist der richtige Ausdruck. Die Kunde von unserem Kommen war uns vorausgeeilt, und als wir die ersten Häuser der Ortschaft zu Gesicht bekamen, sahen wir eine nach Hunderten zählende Menschenmenge versammelt. Zu den Einwohnern von Lizân hatten sich die von Schohrd und der benachbarten Dörfer gesellt, denn nicht nur unsere alten Bekannten waren gekommen, uns zu begrüßen, sondern auch solche, die uns nur vom Hörensagen kannten und sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten, den Emir aus Dschermanistan von Angesicht zu Angesicht zu sehen, von dem so viele wunderbare Erzählungen im Umlauf waren, und seinen getreuen Begleiter, den Scheik der Haddedihn. So seltsam es auch klingen mag, unsere anderweitigen Erlebnisse waren, freilich mit den entsprechenden Zutaten und Übertreibungen versehen, sogar bis in diese abgeschlossenen Berge gedrungen, und gerade diese Erlebnisse in Persien und in der Dschesireh, am Birs Nimrud und am Kulluk der Dawuhdijeh-Kurden, aus dem wir Marah Durimeh befreit hatten27, waren es, die unsere Person mit einem fast überirdischen Strahlenkranz umgaben, mit einem Strahlenkranz, der an den Orten am hellsten leuchtete, die am weitesten vom Schauplatz der Erlebnisse entfernt waren.
Ich hatte das Glück, dem Melek von Lizân, meinem alten Freund, die Hand zu drücken. Auch der Rais von Schohrd war da, der allerdings in all den Jahren ziemlich grau geworden war. Muss ich erst noch versichern, dass auch Ingdscha, die ‚Perle‘, und Madana, die ‚Petersilie‘, nicht fehlten?
Meine erste Frage nach der Begrüßung war nach Marah Durimeh, die Antwort lautete indes sehr unbefriedigend. Sie hatte sich, was noch nie vorgekommen war, seit zwei Jahren nicht mehr in Lizân und in der Nachbarschaft sehen lassen, sodass man sich bereits ihretwegen zu beunruhigen begann – bei ihrem hohen Alter sehr begreiflich. Umso erfreuter zeigten sich alle, als sie durch mich erfuhren, dass Marah Durimeh noch lebte.
Wie bekannt, hatte mir Marah Durimeh geschrieben, ich solle zu ihr kommen, wenn ich meine Aufgabe bei Ssali Ben Aqil gelöst habe. Aber wo ich sie zu suchen habe, dafür war in dem Brief keine Andeutung zu finden. Und wenn ich die Erwartung gehegt hätte, hier Auskunft zu erhalten, so wäre ich schwer enttäuscht worden. Kein Mensch hatte eine Ahnung davon, wo Marah Durimeh in den Monaten wohnte, da sie nicht auf der Wanderung begriffen war. Aber das machte mir am wenigsten Sorge. Marah Durimeh würde schon Mittel und Wege finden, mich zu sich zu holen, wo sie auch sein mochte, und im Übrigen: Ich hatte doch Augen, um zu beobachten, und einen Verstand, um Schlüsse zu ziehen.
Ich hätte den Leuten sehr gern den Gefallen getan, länger zu bleiben, aber ich musste vorwärts. Deshalb brachen wir bereits am nächsten Vormittag nach Tkhoma auf, trotz der Vorstellungen Halefs, der gern noch einen Tag die Huldigungen der anhänglichen Chaldani hätte über sich ergehen lassen. Aber ich blieb unerbittlich. Der Bei von Gumri kehrte mit seinen Leuten um, nachdem wir voneinander wie Brüder Abschied genommen hatten, diesmal wohl fürs Leben. Dafür schlossen sich uns der Rais von Schohrd und zehn seiner Leute an. Wir betraten von jetzt an ein Gebiet, das mir vollständig unbekannt war, und deshalb war mir sein Anerbieten, uns durch den Distrikt Tkhoma bis an die Grenze von Baz zu begleiten, sehr willkommen.
So reizvoll die letzten Tage für mich auch gewesen sein mochten, in unserem kleinen Kreis befand sich jemand, für den sie zur Quelle der überschäumendsten Lebensfreude wurden, und das war natürlich kein anderer als mein kleiner Hadschi Halef. Ich hatte geglaubt, ihn zu kennen, seinen Ehrgeiz, seine Prahlsucht und Ruhmrederei. Aber was ich zuletzt an ihm erlebte, das übertraf alles bisher Dagewesene.
Ich hatte meinen Halef noch nie in so sprühender Laune gesehen wie jetzt. Das Zusammentreffen mit so vielen Personen, die wir von früher her gut kannten, war natürlich Wasser auf seine Mühle, und die immer sich wiederholende Gelegenheit, von uns und von unseren ‚Heldentaten‘ reden zu dürfen, brachten ihn außer Rand und Band. Solche Stilblüten und Übertreibungen, wie er sich jetzt erlaubte, hatte ich noch nie von ihm gehört. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: In Baadri war er noch der „gewaltige und tapfere Scheik der Haddedihn vom Stamm der Schammar“; in Spandareh hatte er sich aus eigener Machtvollkommenheit bereits zum „Scheik sämtlicher Stämme der Schammar“ erhoben; zwei Tage später stellte er sich dem Bei von Gumri, um ihm und seinen hundert Kurden gehörig zu imponieren, als „Oberscheik aller Stämme der Dschesireh“ vor; und in Lîzan setzte er all dem die Krone auf, indem er kaltblütig und ohne mit der Wimper zu zucken, seinen atemlos lauschenden Zuhörern die Ente aufband, dass die Scheiks von Nedschd, Hedschas, ja sogar von Jemen28 mit ihm ein Schutzbündnis geschlossen hätten und ihm alljährlich laut Bündnisvertrag einen kostbaren Ehrenburnus zu schicken hätten.
Wenn ich nicht sicher gewusst hätte, dass Halef körperlich und geistig kerngesund war, so hätte ich seine maßlosen Aufschneidereien als krankhaft bezeichnen müssen. In früheren Zeiten war ich ihm in der Regel in die Rede gefallen und hatte ihn ins rechte Maß zurückgewiesen. Diesmal ließ ich ihn aber ruhig gewähren, ohne mir über die Gründe meines Verhaltens Rechenschaft geben zu können. War es, weil ich ihm vor den Ohren seines Sohnes nicht die Beschämung antun wollte, ihn zurechtzuweisen, oder weil ich ihm die Freude nicht verderben wollte, kurz, ich schwieg zu allen seinen Übertreibungen. Natürlich sagte auch Omar Ben Sadek nichts, und Kara schloss die kindliche Ehrfurcht von selber den Mund. Unsere Freunde, die in die wahren Verhältnisse Einblick hatten, ließen erst recht ihren lieben Gast gewähren, und das gewöhnliche Volk, nun, das hing mit offenen Lippen und gläubigen Augen am Mund des Erzählers, wenn er wie ein Hakawati aus „Tausendundeine Nacht“ die „Schleusen seiner Beredsamkeit“ öffnete und in den „unergründlichen Born des Schatzes seiner Erzählungen“ hinabtauchte.
Halef war unermüdlich im Erzählen, so wie die anderen unermüdlich im Zuhören waren. Lange noch, wenn ich mich bereits in meine Decke gehüllt hatte, ertönte die Stimme des Hadschi, und wenn ich erwachte, erfuhr ich regelmäßig, dass die ‚Märchenstunde‘ bis Mitternacht oder noch länger gedauert habe.
Am schlimmsten war es in Lizân. Wir hatten unsere Wohnung im ersten Stock des Hauses des Melek bezogen. Dieses Stockwerk bestand wie überall hier zu Lande aus einem nach drei Seiten offenen Raum, in dem die ganze Familie während des heißen Sommers schlief. Die geschützte Lage des Orts veranlasste uns, hier oben zu nächtigen, obgleich die späte Jahreszeit und die hohe Lage des Dorfs es nicht ganz ratsam erscheinen ließen. Aber wir zogen die frische Luft unter dem Dach der dumpfen im Erdgeschoss des Hauses vor. Doch mit der Ruhe sollte es so bald nichts werden. Zuerst hatte ich hunderte von Händedrücken auszutauschen und ebenso viele ‚Küsse des Willkommens‘ in Empfang zu nehmen, sodass mir am Schluss zu Mute war, als sei ich nunmehr für den übrigen Teil meines Lebens versorgt. Dann wurde gegessen und nach der Mahlzeit saßen die ‚Honoratioren‘ zusammen, um Erinnerungen auszutauschen. Dabei verging Stunde auf Stunde und es fehlte nicht viel bis Mitternacht, als ich mich endlich erhob und den entferntesten Winkel aufsuchte, den ich mir zur Nachtruhe gewählt hatte.
Doch ich sollte es – und das hatte ich so halb und halb gefürchtet – nicht so leicht haben. Der Melek und die sonstigen Spitzen des Dorfs, die am Essen und an der folgenden Unterhaltung teilgenommen hatten, waren zwar zufriedengestellt, nicht aber die nach Hunderten zählende Volksmenge, die draußen vor dem Haus stand, Kopf an Kopf gedrängt, und geduldig wartete, bis sie an die Reihe kam. Ich wusste so ziemlich, was jetzt folgen würde, und ich hatte mich nicht getäuscht. Meine Tagesarbeit war zu Ende, doch die des Hakawati noch lange nicht. Halef trat an den Mauervorsprung und begann zu reden.
Er erzählte von unserer Pilgerfahrt nach Mekka und von den Erlebnissen in der heiligen Stadt.29 Aber wie! Hatte er sich nach unserer Rückkehr zu den Haddedihn, noch unter dem Eindruck des Erlebten stehend, einer lobenswerten Mäßigung beim Erzählen befleißigt, so glaubte er hier diese Zurückhaltung fallen lassen zu dürfen. Er erhob die einfachste und selbstverständlichste Handlung zur Heldentat; er stellte alles in einem Licht dar, dass ich, der ich doch nicht ganz unbeteiligt gewesen war, mich im Stillen fragte, ob es denn wirklich unsere Erlebnisse waren, die er da zum Besten gab; und vor allem, er streute sich selber reichlich und ausgiebig Weihrauch, den ich ihm zwar von Herzen vergönnte, den aber ein anderes Ohr als ein orientalisches für unerträglich gehalten hätte.
Ich war so müde, dass mich die laut schallende Rede meines Hadschi eher einschläferte als wachhielt, und war gerade am Einnicken, als mich jemand an der Decke zupfte.
„Sihdi, schläfst du schon?“
„Nein. Wer – ah, du bist es, Kara. Was willst du?“
„Sihdi, ich habe mit dir zu reden, aber ich möchte nicht, dass mein Vater davon erfährt.“
Ich setzte mich, einigermaßen erstaunt, auf und blickte mich um. Da vorne an der Mauerbrüstung, gegen den hellen Nachthimmel deutlich erkennbar, stand Halef und erzählte mit lauter Stimme. Im Halbkreis um ihn saßen der Melek von Lizân, der Bei von Gumri, der Rais von Schohrd, seine Tochter Ingdscha und der Kiajah von Spandareh, der sich noch immer nicht hatte entschließen können, nach Hause zurückzukehren. Bei mir in der Ecke war es dunkel und ich vermochte kaum Kara Ben Halef zu erkennen, der sich neben mich gesetzt hatte, und einen Schatten, der mir zu Füßen lag; es war Dojan, der sich schnell an mich gewöhnt hatte und nicht von meiner Seite wich.
„Nun?“, fragte ich, gespannt, was mir Kara zu sagen habe.
„Sihdi, es handelt sich um meinen Vater. Ich habe Sorge um ihn.“
„Wieso?“
„Ich möchte, dass du mich richtig verstehst. Ich verehre meinen Vater und würde mit keinem Menschen über die Sache sprechen, außer mit dir, von dem ich weiß, dass du ihn liebst.“
„Mach keine Umschweife, sondern komme ans Ziel!“
Der junge Mann an meiner Seite holte tief Atem. Es fiel ihm offenbar schwer zu sprechen.
„Sihdi, hast du in der letzten Zeit eine Veränderung an meinem Vater bemerkt?“
„Nicht dass ich wüsste.“
„Ich meine, ich darf offen mit dir reden. Mein Vater hat so unleugbar große Verdienste erworben, dass ich mich vollständig daran gewöhnte, dass er oft so – so übertrieb. Ich redete mir ein, dass das sein gutes Recht sei, und ich habe mich damit getröstet, dass noch nie jemand daran Anstoß nahm. Aber jetzt kommt es mir vor, als ob er es – verzeih, wenn du es vielleicht für unkindlich findest, aber es muss heraus – als ob er es zu arg treibe.“
„Findest du? Da kann ich dich eines anderen belehren. Da draußen stehen Hunderte und hören deinem Vater mit Begeisterung zu. Hörst du vielleicht einen einzigen Laut der Unzufriedenheit oder des Unwillens? Sie alle stehen im Bann der Erzählkunst deines Vaters, und keinem Einzigen fällt es ein, auch nur eines seiner Worte auf die Waagschale zu legen.“
„So meinst du nicht, dass er sich – dass er sich – am Ende lächerlich macht?“
„Was fällt dir ein? Sieht die Sache da vorne vielleicht wie Lächerlichkeit aus? Lass doch deinem Vater seine Freude! Heute ist es ohnehin für lange Zeit das letzte Mal, dass er seiner Leidenschaft zu erzählen nach Herzenslust nachgehen kann. Schon von morgen an betreten wir Gegenden, wohin die Kunde von unseren Erlebnissen nur in spärlichem Maß gedrungen sein kann. Dann wirst du sehen, dass dein Vater von den Gefilden der Fantasie schnell auf den Boden der nackten Wirklichkeit zurückkehren wird. Dann wird er auch wieder der Alte sein.“
„Sihdi, ich danke dir. Du hast meine Bedenken zerstreut und ich kann wieder ruhig schlafen. Leletak sa’ide – deine Nacht sei gesegnet!“
Damit ging er und nahm wieder seinen Platz neben seinem Vater ein. Er ahnte nicht, dass er die Unruhe, die ich ihm ausgeredet hatte, bei mir zurückgelassen hatte. Ja, es war wieder genau das unbehagliche Gefühl, das mich zum ersten Mal im Wadi el Kasab überfallen hatte, eine unbestimmte Ahnung von etwas Unheimlichem, das wie ein schattenhaftes Gespenst in der Ferne stand.
Erst nach längerer Zeit gelang es mir einzuschlafen, um schließlich am späten Morgen zu erwachen. Ich hatte einen tiefen, traumlosen Schlaf gehabt, eine Folge der letzten Tage, in denen wir wenig zur Ruhe gekommen waren. Deshalb hatte ich nichts gemerkt von dem, was sich während der Nacht ereignet hatte.
Halef hatte seinen Vortrag bis spät nach Mitternacht ausgedehnt. Am liebsten hätte er bis in den hellen Morgen hinein erzählt, und seine Zuhörer hätten zweifellos bis auf den letzten Mann ausgehalten. Das zeigte sich, als der Hadschi endlich doch Schluss machte, gedrängt von Kara und Omar Ben Sadek, die ihn darauf aufmerksam machten, dass am Vormittag aufgebrochen würde und sie daher der Ruhe bedürften.
Meine Gefährten zogen sich zurück, nicht aber die Zuhörer. Diesen fiel es gar nicht ein, den Platz vor dem Haus zu verlassen. Sie ließen sich auf der Stelle, wo sie standen, auf den Boden nieder, entschlossen, nur der Gewalt zu weichen. Einen Abend wie diesen hatten sie noch nie erlebt und sie hofften, am Morgen die Fortsetzung zu erhalten.
Dieses Gebaren war nun allerdings nicht nach dem Sinn des Melek. Er fürchtete, die versammelte Menschenmenge könnte uns im Schlaf stören. Daher legte er den Leuten zuerst mit höflichen, dann mit ernsten Worten nahe, in ihre Behausungen zurückzukehren. Und da alles nichts fruchtete, griff er zu einem derben, aber wirksamen Mittel.
Wie sich der Leser meines Buchs „Durchs wilde Kurdistan“ vielleicht erinnern wird, war das Haus des Melek der Mücken wegen, die im Sommer eine große Plage bildeten, halb in den Zab hineingebaut. Diese Lage begünstigte sein Vorhaben außerordentlich. Er ließ die Feuerspritze des Dorfs heimlich an den Fluss schaffen und richtete dann höchst eigenhändig das Mundstück des Schlauchs auf die Ungehorsamen.
Ich habe gute Gründe zu bezweifeln, dass die Spritze von Lizân bei einer Feuersbrunst viel ausgerichtet hätte. Diesmal allerdings hatte sie einen durchschlagenden Erfolg. Nur ein paar Mal spritzte der Wasserstrahl über den Platz hin, dann war dieser gesäubert. Schnaubend und prustend, aber mit fliegenden Rockschößen, wie man bei uns sagen würde, räumten die Begossenen das Feld.
So tatsächlich geschehen in Lizân am Ufer des Zab! –
Natürlich wurden wir auch jetzt wieder beinahe vom ganzen Dorf fortgeleitet. Als ich nach Stunden dem letzten Scheidenden – es war der Melek selber – die Hand drückte, geschah es mit einem Gefühl der Wehmut, aber auch der Freude, wieder allein zu sein, die Ehrenbegleitung des Rais von Schohrd ausgenommen, der uns bis an die Grenze des Distrikts von Baz bringen wollte. Es war gewiss schmerzlich, von lieben Freunden Abschied zu nehmen und dabei zu wissen, dass es ein Wiedersehen in diesem Leben nicht mehr gebe. Aber andererseits – hol der Kuckuck das ewige Anhimmeln und die unzähligen sonstigen Zeichen der Huldigung, die dabei in Kauf zu nehmen waren!
3. Durch die Schluchten des Dschelo Dagh
„Sihdi, meinst du nicht, dass es viel bequemer gewesen wäre, wenn wir für unseren Ritt nach der persischen Grenze eine mehr südliche Richtung gewählt hätten?“
„Warum, Halef?“
„Wenn wir den Zab hinunter und einen seiner Nebenflüsse, entweder den Begirdi oder den Barazgin, aufwärts gegangen wären, würden wir unser Ziel viel rascher und müheloser erreichen.“
„Müheloser? Das gebe ich ohne Weiteres zu. Aber auch rascher? Du weißt, warum ich mich für diesen Weg entschieden habe. Am Ufer des Zab und des Begirdi wohnen die Schirwani-Kurden in Menge, die wir als Leute kennen, denen man besser aus dem Weg geht. Unser jetziger Weg dagegen führt gerade über das Gebirge und es ist anzunehmen, dass wir dabei manche Begegnung vermeiden, die unsere Reise sehr unliebsam verzögern würde. Freilich müssen wir dabei etwas mehr Anstrengungen in Kauf nehmen.“
„Anstrengungen? Wenn es nur das wäre! Aber ich habe in den beiden letzten Nächten vor Kälte kaum schlafen können. Trotz meiner warmen Decke habe ich gezittert wie die Troddeln am Sattel eines dahinrasenden Kamels. Allâh bjarif – Allah weiß es!“
Das glaubte ich dem Kleinen freilich aufs Wort. Der Bewohner der Dschesireh ist gegen die Kälte viel empfindlicher als der Kurde. Unser Ritt fiel, wie schon einmal erwähnt, in den Spätsommer, und diese Jahreszeit machte sich in den Hochtälern, durch die unser Ritt führte, während der Nacht sehr unangenehm bemerkbar.
Wir befanden uns im unwirtlichsten und wildesten Teil Kurdistans, wo Berge bis 4.000 Meter und darüber keine Seltenheit sind. Hinter uns und zur Linken lagen die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel des Dschelo Dagh und zur Rechten begleitete uns schon seit Stunden die gewaltige Wand des Ser Sati, dessen in den tiefblauen Himmel hineinragenden Spitzen noch von keinem Menschenfuß betreten wurden. Und vor uns, allerdings noch in weiter Entfernung, schien der Rücken des Ispiraisi Dagh uns den Weg verlegen zu wollen.
Unser Ritt war bis jetzt vollkommen glatt verlaufen. Nedschir Bei, der Rais von Schohrd, hatte uns durch den meist von Nestorianern bewohnten Distrikt von Tkhoma geleitet. Am Abend des ersten Reisetags blieben wir in Gundukta, um am nächsten Morgen die steile Passhöhe zu gewinnen, die zwischen dem Gara Dagh und Tschub Dagh die Grenze von Baz bildet. Der Aufstieg war mühsam und beschwerlich gewesen, besonders für unsere des Kletterns ungewohnten Tiere. Und ich beglückwünschte mich im Stillen, dass ich mich nicht, wie ich zuerst im Sinn gehabt hatte, für den hochedlen Syrr entschieden hatte. Dass ich schließlich nicht diesen, sondern Assil genommen hatte, war eigentlich weniger Überlegung als Gefühlssache gewesen. Assil hatte mich auf der ganzen langen Reise nach Mekka und zurück zu den Weidegründen der Haddedihn getreulich auf seinem Rücken getragen, und nun, da die Reise glücklich zu Ende geführt war, wollte ich ihm die Freude nicht nehmen, mich auch noch auf dem, wie ich glaubte, kurzen Endritt zu tragen.
Und es war gut so. Denn Syrr war ein Pferd der weiten, unendlichen Flächen, und ihn, wenn auch unabsichtlich, den holprigen Klettersteigen Kurdistans auszusetzen, hätte ich als eine schwere Versündigung an der hochedlen Natur Syrrs angesehen.
Am Nachmittag des zweiten Tags hatten wir den Bergsattel erreicht.
Hier hieß es abermals Abschied nehmen; Nedschir Bei und seine zehn Begleiter kehrten zurück.
Auch diesmal war es wieder ein Abschied fürs ganze Leben gewesen.
Um die Pferde zu schonen, ritten wir am selben Tag nicht mehr weiter, sondern schlugen unser Lager auf der Sattelhöhe zwischen einigen Felsbrocken auf. Einen anderen Schutz gegen den Wind hatten wir nicht, denn es bedarf kaum der Erwähnung, dass wir die Baumgrenze unter uns zurückgelassen hatten.
Der Abstieg am nächsten Morgen gestaltete sich leichter als der Aufstieg, weil die Berghänge nicht steil, sondern sanft abfielen. Bereits am Mittag erreichten wir den Schin, der ungefähr 50 Kilometer weiter südlich sein Wasser in den Begirdi ergießt. Wir durchritten ihn an einer geeigneten Stelle und dann ging es wieder langsam, aber stetig an einem schmalen Seitenarm, der nur wenig Wasser führte, aufwärts.
Von einem gebahnten Weg war natürlich keine Rede. Wir konnten nur dann und wann Spuren bemerken, aus denen zu schließen war, dass jemand hier gegangen oder geritten sei. Überhaupt zeigte es sich, dass ich wohl daran getan hatte, gerade diesen Weg einzuschlagen. Wir begegneten keiner Menschenseele, die Lust gehabt hätte, mit uns anzubinden. Und wenn wir wirklich einmal an einer menschlichen Behausung vorüberkamen, an einer roh aus Baumstämmen gezimmerten Hütte oder an einem aus lose aufeinandergelegten Steinen aufgeführten ‚Haus‘, dann zogen sich die ungewaschenen und ungekämmten Insassen jedes Mal furchtsam in den hintersten Winkel zurück.
Über die einzuschlagende Richtung war ich keinen Augenblick im Zweifel. Ich hatte mir in Mossul vor unserem Aufbruch eine Karte des in Frage kommenden Gebiets zwischen dem Urmia-See und dem Wan-See gekauft. Wenn ich auch nicht damit rechnen durfte, dass sie in allen Einzelheiten stimmte, so zeigte sie doch die Gebirgszüge in ihren Hauptlinien, und das genügte mir. Außerdem besaß ich ja meinen Kompass, der mich noch nie im Stich gelassen hatte.
Die letzte Nacht hatten wir wieder in einem Satteleinschnitt zugebracht, leider abermals in einer Höhenlage, in der es nicht einen einzigen schützenden Raum, nicht einmal einen Busch oder Strauch gab. In dieser Nacht war es wieder sehr kalt. Aber solange die Witterung nicht umschlug, konnten wir immer noch von Glück reden. Wirklich unangenehm würde es erst dann werden, wenn es zum Regen kam.
Von der kalten Höhenluft abgesehen hatten wir uns über nichts zu beklagen. Wir waren in Lizân mit Lebensmitteln so reich versehen worden, dass wir bis jetzt noch keine Not zu leiden hatten. Und wenn die Vorräte zu Ende gingen, war es auch nicht schlimm. Jagdbares Getier gab es genug, ja, einmal glaubte ich sogar die Fährte eines Bären in dem Geröll des Ufers auszumachen. Jedenfalls würden wir nicht Hungers sterben.
Mit Dojan hatten wir uns gut angefreundet. Er lief meistens neben meinem Tier einher und richtete dann und wann seine klugen Augen mit einem Ausdruck auf mich, als ob er mich fragen wolle, ob ich mit ihm zufrieden sei. Die Nähe einer menschlichen Behausung hatte er jedes Mal angemeldet, nicht laut, sondern durch Zeichen. Wie er sich freilich in Augenblicken wirklicher Gefahr verhalten würde, das musste sich erst zeigen. Bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt, ihn daraufhin zu prüfen.
Als ich mit Halef das zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Gespräch führte, war der Abend nicht mehr fern. Den ganzen Tag hindurch waren wir über ein breites, mit Geröllschutt bedecktes Hochtal geritten. Die Entfernung, die wir seit unserer Abreise von Lizân bis jetzt zurückgelegt hatten, mochte vielleicht nicht mehr als 80 Kilometer Luftlinie betragen. In Wirklichkeit durften wir aber sicher 120 rechnen, was bei dem unwegsamen Gelände eine bedeutende Leistung für unsere Pferde darstellte. Wenn uns das Glück wie bisher treu blieb, konnten wir nach drei Tagen die persische Grenze hinter uns haben.
Bis zum Anbruch der Dämmerung konnten wir noch gut eine Stunde reiten, und obgleich ich der Tiere wegen gerne früher Halt gemacht hätte, entschloss ich mich doch dazu, weiterzureiten.
Halef überließ sich nach seinem letzten Herzenserguss seinen trüben Betrachtungen, und auch wir schwiegen. Die Einförmigkeit der Natur ringsum hatte uns einsilbig gemacht, sodass wir nur das Allernotwendigste miteinander sprachen.
Da wurde mein Auge von einer schwarzen Stelle im Erdreich gefangen, die einen matt schimmernden Glanz ausstrahlte. Ich zügelte mein Tier und nahm die Stelle in Augenschein. Es war ein großer Stein von jener Färbung, wie sie bei uns zu Hause die Steine aufweisen, mit denen die Straßen geschottert werden. Aber ich erkannte sofort, dass ich hier keinen gewöhnlichen Schotterstein vor mir hatte. Ich ließ mein Auge prüfend über die nächste Umgebung streifen. Wir ritten eben an einem Ausläufer entlang, den der Berg bis ganz nah an unseren Weg heranschickte. Und in einer Gesteinsfalte bemerkte ich das Gesuchte: eine ziemlich breite, schwarz schimmernde Bruchstelle.
Ich war nicht eigentlich erstaunt. Dass es in Kurdistan Steinkohle gab, wusste ich bereits. Der Reisende Otto Blau hatte hoch oben zwischen dem Urmia- und dem Wan-See Kohleadern angetroffen, die ganz offen zu Tage lagen. Man brauchte die Bruchsteine nur vom Boden aufzuheben und für ein prächtiges Lagerfeuer war gesorgt. Unbekannt war mir nur, dass sich das Kohlevorkommen so weit nach Süden erstreckte.
Noch weniger wunderte ich mich darüber, dass dieses Vorkommen noch von niemandem ausgenützt zu werden schien. Der Reisende Blau erzählt, wie er sich bemüht habe, den Nomaden Kurdistans begreiflich zu machen, dass ihnen bei dem völligen Mangel an Brennholz gar kein besserer Heizstoff beschert sein könne als die Kohle. Aber er erreichte dabei so gut wie gar nichts. Die Macht der süßen Gewohnheit, kraft deren die komplette weibliche Bevölkerung den ganzen Sommer hindurch nichts Nützlicheres zu tun weiß, als aus dem Dung der Herden Fladen zur Speisung ihrer Kamine und Feuerlöcher zu backen, war stärker als das Wort der Vernunft.
Das war zwar vor Jahrzehnten, aber im Orient ändert sich bekanntlich in hundert Jahren weniger als bei uns in zehn, und wenn nicht ein Europäer die Sache in die Hand nimmt, dann ist es in weiteren hundert Jahren noch um kein Haar anders.
Meine Begleiter hatten ihre Tiere ebenfalls gezügelt und Halef fragte:
„Was hast du, Sihdi? Und warum schaust du dich so forschend um?“
„Halef, ich kann dir eine erfreuliche Mitteilung machen. Du wirst heute Nacht nicht zu frieren brauchen.“
„Das klingt allerdings lieblich in meinen Ohren. Aber wie kommst du auf diesen Gedanken?“
„Es liegt hier Brennstoff in Menge. Du brauchst ihn nur aufzuheben.“
„Maschallâh! Ich bemerke keinen Grashalm, noch viel weniger den kleinsten dürren Holzspan.“
„Hier ist Besseres als Holz vorhanden und mehr als du brauchst, um die ganze Nacht hindurch ein Lagerfeuer zu unterhalten.“
Halef blickte mich verständnislos an und auch Kara und Omar wussten nicht, was sie sagen sollten. Ich stieg ohne ein Wort der Erklärung ab und hob eine faustgroße Kohle vom Boden auf.
„Dieses Stück Kohle genügt, um einen Topf Wasser zum Sieden zu bringen.“
„Kohle? Das soll Kohle sein?“, rief Halef ungläubig. „Du irrst. Ich kenne die Kohlen genau. Sie werden aus Holz gemacht und dienen dazu, um den Tschibuk in Brand zu setzen.“
„Nicht ich, sondern du bist im Irrtum. Dieses Stück Kohle ist viel besser als deine Holzkohle. Und sie braucht nicht erst hergestellt zu werden, sondern kommt in der Natur, und zwar in den Bergen, in Millionen von Kamelladungen vor.“
Halef sah mich mit offenem Mund an.
„Allâh akbâr! Das soll ich glauben! Ich habe noch nie gehört, dass man Steine zum Feuermachen verwenden kann.“
„Das ist kein Stein wie andere, Halef“, belehrte ich ihn. „Mit diesem Stoff werden bei uns die Lokomotiven geheizt, die die schweren Eisenbahnen zu ziehen haben, und die großen Dampfer, die auf dem Meer schwimmen.“
„Du bindest uns kein Märchen auf?“
„Fällt mir nicht ein. Ich rate dir nur, so viele von diesen ‚Steinen‘ zu sammeln, wie eine halbe Pferdelast ausmacht. Das Weitere wirst du dann sehen, wenn wir Lager machen.“
„Ist es dann nicht besser, wenn wir gleich so viele dieser kostbaren Steine sammeln, wie die Pferde tragen können?“
„Nein, wir dürfen die Tiere nicht überlasten. Wenn mich übrigens nicht alles täuscht, wird es uns in den nächsten Tagen an Brennstoff nicht fehlen.“
Eine Pferdedecke wurde abgeschnallt und auf der Erde ausgebreitet, und es dauerte nicht lange, so hatten wir einen Vorrat beisammen, der für heute und morgen ausreichte. Jetzt, nachdem die Entdeckung einmal gemacht war, war es gar nicht schwer, in dem Geröll so viel losgesprengte Kohletrümmer zu finden, dass uns das Suchen wenig Zeit und Mühe kostete.
Dann setzten wir unseren Weg fort. In der nächsten Stunde hatte ich genug zu tun, um die Wissbegierde meiner Begleiter zu stillen, die alles und jedes über das Entstehen und die Verwendung der Kohle erfahren wollten. Die hereinbrechende Dämmerung setzte dem Gespräch ein Ende. Es galt jetzt einen Lagerplatz für die Nacht zu suchen.
Hinter einem Felsvorsprung, der gegen den Wind Schutz bot, wurde angehalten. Die Tiere erhielten einige Handvoll getrockneter Datteln. Dann wurde Feuer gemacht. Unter unserem Gepäck befand sich eine Kiste, in der unsere Lebensmittel verpackt waren. Ich schnitzelte von dem Deckel einige Späne ab und bald flackerte ein lustiges Feuer auf. Nachdem wir unsere Decken neben der Glut ausgebreitet hatten, ließen wir uns mit einem wirklichen Behagen darauf nieder.
Nach dem Essen überließen wir uns dem traulichen Geplauder, wie es unter Kameraden, die sich verstehen, ganz von selbst an einem warmen Lagefeuer entsteht.
„Sihdi“, bemerkte Halef im Lauf der Unterhaltung, „mir kommt es vor, als ob wir noch nie eine so gemütliche Lagerstelle gehabt hätten.“
„Das scheint nur so, weil du ein paar Tage lang die Wohltat der Wärme entbehren musstest.“
„Daran bist nur du schuld! Hättest du deine Augen besser aufgemacht! Dann hättest du diese Steine, diese unbezahlbaren Spender der Behaglichkeit, sicher schon längst gefunden.“
„Ajjuha – oho!“, tat ich beleidigt. „Ich konnte doch nicht wissen, dass hierherum so etwas zu finden sei. Übrigens hast du dieselben Augen wie ich. Warum…“
„Ich weiß schon, was du sagen willst“, unterbrach mich Halef beschwichtigend. „Ich meine es auch gar nicht so schlimm. Sage mir lieber, ob wir auch auf unserem ferneren Weg Kohlen finden werden.“
Ich wurde einer Antwort enthoben, denn Dojan, der neben mir lag, stieß mich mit der Schnauze an. Als ich zu ihm herniederblickte, bemerkte ich, dass seine glühenden Augen nach der Felsenecke gerichtet waren, hinter der wir lagen. Es war klar – wir wurden von jemandem belauscht.
„Dojan, sert – fass!“, rief ich, sowie ich diese Beobachtung gemacht hatte. Im selben Augenblick warf ich mich platt auf meine Decke nieder, um von einer Kugel nicht so leicht getroffen werden zu können. Meine Begleiter waren sofort meinem Beispiel gefolgt.
Diese Vorsichtsmaßregel erwies sich indes als überflüssig. Dojan war wie ein Schatten hinter dem Felsvorsprung verschwunden. Ein unterdrückter Schrei und das Anschlagen des Hundes sagten mir, dass er den Lauscher gefasst hatte. Ich sprang auf und eilte hinter die Ecke. Dort lag, im Schein der Sterne deutlich erkennbar, der Hund auf einem bewegungslosen menschlichen Körper.
„Dojan, geri – zurück!“
Auf diesen Befehl ließ der Hund den Gefangenen los. Dieser erhob sich und nun konnte ich ihn genauer betrachten.
Der Mann sah sehr heruntergekommen aus. Die Bekleidung ließ zu wünschen übrig und war obendrein an mehreren Stellen zerrissen. Seine Wangen waren eingefallen und seine ganze Haltung ließ auf einen Zustand völliger Erschöpfung schließen. Waffen besaß er keine, nicht einmal ein Messer, eine große Seltenheit hier zu Lande, wo die männliche Bevölkerung es liebt, sich bis an die Zähne bewaffnet zu zeigen.
„Kie bi tu – wer bist du?“, fragte ich in der Kurmangdschi-Mundart, indem ich ihn scharf ins Auge fasste.
„Chodih, ich bin ein Dumbeli-Kurde.“
„Ein Dumbeli-Kurde? Du lügst! Die Dumbeli haben ihre Weideplätze weit im Süden von hier an den Ufern des Sirwan.“
„Du hast Recht. Aber ich habe dich trotzdem nicht belogen. Ich bin wirklich ein Dumbeli, habe aber meinen Stamm schon seit Langem verlassen.“
„Wie kommst du dann in diese Gegend, noch dazu allein?“
„Chodih, ich war bis gestern Abend nicht allein. Ich hatte zwei Fremde zu führen und wir wurden gestern in unserem Nachtlager von einer Abteilung der Schirwani-Kurden überfallen.“
„Das sieht diesen Leuten gleich. Aber was suchen sie in dieser Gegend?“
„Sie kehrten von einem Beutezug zurück, den sie gegen die Deri-Kurden unternommen haben.“
„Die Deri? Wohnt dieser Stamm nicht an der Grenze gegen Persien hin?“
„Du bist gut unterrichtet.“
„Man sagt ihnen nach, dass sie arge Schmuggler seien.“
„O Chodih, wer ist in diesen Bergen kein Schmuggler? Die Deri freilich treiben es am schlimmsten. Darum sind sie auch weit und breit die Wohlhabendsten.“
„Ah, ich verstehe. Dieser Umstand wird wohl die Schirwani zu ihrem Beutezug veranlasst haben. Doch erzähle weiter! Was geschah nach dem Überfall?“
„Die beiden Fremden wurden gefesselt. Mir aber nahm der Scheik meine Waffen ab und jagte mich fort.“
„Seltsam! Ich nehme an, dass es die Räuber nur auf ein Lösegeld abgesehen haben.“
„Das ist auch meine Meinung.“
„Dann verstehe ich nicht, warum sie dich freigelassen haben. Du hättest doch als Dolmetscher gute Dienste leisten können, denn ich bezweifle, dass die Fremden Kurdisch verstehen.“
„Das allerdings nicht. Aber sie sprechen Arabisch und können sich mit dem Scheik in dieser Sprache verständigen.“
„Ah! Dann war deine Hilfe allerdings überflüssig. Fahre fort!“
„Ich machte mich sofort auf den Weg und bin die ganze Nacht und den ganzen Tag mit nur kurzen Unterbrechungen gelaufen.“
„Wem bist du begegnet?“
„Niemand.“
„Und was hast du gegessen?“
„Ne partscha nan – keinen Bissen Brot. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Katera peghamber – um des Propheten willen, gib mir zu essen!“
„Ez be te descha-u-utim – ich bedaure dich. Du sollst bei uns nicht Hungers sterben.“
„Az khorbane ta, Chodih – ich bin dein Eigen, Herr!“
„Sage mir aber vorher, wer die beiden Fremden sind, die du geführt hast.“
„Es sind ein Engländer und ein Perser.“
„Ein Engländer! Also ein Franke! Kennst du seinen Namen?“
Ich stellte diese Frage eigentlich nur der Vollständigkeit halber, ohne jede Nebenabsicht. Denn ich war diesmal entschlossen, die beiden Gefangenen ihrem Schicksal zu überlassen. Das mag vielleicht grausam und meinem sonstigen Wesen fremd erscheinen, aber ich hatte eine dringende Aufgabe zu erfüllen, bei der alle anderen Rücksichten zurückzutreten hatten.
So glaubte ich. Aber mein, wie ich überzeugt war, unerschütterlicher Vorsatz wurde sofort über den Haufen geworfen, auf eine Weise, an die ich nicht im Traum gedacht hätte.
„Der Engländer scheint sehr reich zu sein und heißt Linseh“, beantwortete der Kurde meine Frage.
Ich war für den Augenblick vor Erstaunen keines Wortes fähig. Meine lebhafteren Begleiter dagegen ließen die verschiedensten Ausführungen der Freude und des Schreckens hören. Aber vielleicht war das Ganze ein Missverständnis und es handelte sich um jemand anderen.
„Kennst du vielleicht auch den anderen Namen deines bisherigen Herrn?“
„Ich kenne ihn. Er lautet David.“
Also wirklich! Es konnte kein Zweifel sein, es handelte sich um unseren guten Master Fowling-bull. Oder war es am Ende eine Falle, in die wir gelockt werden sollten?
„Beschreibe mir deinen Herrn!“
Nein, es war keine Falle. Denn der Kurde lieferte von Lindsay einen so genauen ‚Steckbrief‘, dass ich alle Bedenken fallen ließ. Es konnte nur unser alter Freund und Bekannter, der veritable Englishman sein.
Doch davon abgesehen, blieb immerhin noch genug Grund zum Staunen. Sir David Lindsay in Kurdistan! Und zwar im wildesten Teil dieses wilden Landes! Was suchte er hier? War es eine seiner Schrullen, die ihn hierher lockte, oder wurde er von einer bestimmten Absicht geleitet?
Es hatte keinen Zweck, sich darüber in Mutmaßungen zu ergehen. Das Rätsel würde noch früh genug gelöst werden, wenn wir erst Lindsay aus der Klemme geholt hatten, in der er sich befand. Denn dass wir ihn nicht darin stecken ließen, verstand sich von selbst.
Ich hatte ihn seit einer Reihe von Jahren nicht mehr gesehen. Das Letzte, was ich von ihm erfuhr, war ein schriftlicher Bericht über eine Durchquerung Australiens gewesen, die er auf meinen Rat unternommen hatte. Und nun stolperten wir so unversehens und ungeahnt im wilden Kurdistan übereinander.
Zunächst galt es freilich, den halbverhungerten Kurden zu füttern. Füttern ist wirklich das rechte Wort, denn er aß, als ob er seit zehn Tagen gefastet hätte. Dann aber musste er von Lindsay erzählen.
Er wusste nicht allzu viel, aber das wenige gab mir zu denken. In Bagdad war es gewesen, wo der Kurde Lindsay in einer Kaffeebude getroffen hatte. Lindsay beherrschte ja inzwischen das Arabische,30 und da auch der Kurde Arabisch verstand, waren beide miteinander ins Gespräch gekommen. Der Engländer forschte den anderen aus, wie weit er Kurdistan kenne. Das Ergebnis schien befriedigend gewesen zu sein, denn Lindsay mietete ihn als Führer zu einer Reise ins Innere des Landes auf unbestimmte Zeit.
Vor einem Monat waren sie auf einem Dampfboot den Tigris hinauf bis Eski Kuschaf gefahren, das an der Mündung des großen Zab gelegen ist. Von dort aus wollten sie an diesem Fluss aufwärtsreiten. Ein Ziel hatte Lindsay nicht angegeben.
In Eski Kuschaf schloss sich ihnen ein junger Perser an, der ebenfalls im Begriff stand, eine Reise nach Kurdistan zu unternehmen, und von der Absicht des Engländers auf irgendeine Weise Kenntnis erhalten hatte. Er bat ihn um die Erlaubnis, sich ihm anschließen zu dürfen, und der Engländer sagte ohne Weiteres zu.
„Wie heißt der Perser?“, unterbrach ich den Kurden.
„Er nennt sich Mirza Birdschar.“
„Dem Namen nach scheint er so etwas wie ein Gelehrter zu sein.“
„Du hast recht. Er ist Naturforscher und bereist Kurdistan, um seltene Pflanzen und Steine zu sammeln.“
Hm! Ein Perser, der Pflanzen- und Gesteinskunde trieb! Das kam mir eigenartig vor. Aber es war schließlich nicht unmöglich.
„Erzähle weiter!“
Der Perser führte, ebenso wie Lindsay, ein Packtier bei sich. Von Eski Kuschaf ritt die kleine Karawane den Zab aufwärts bis zu den Dörfern der Zibari-Kurden an der großen Biegung des Flusses. Von dort aus folgten sie dem Lauf des Zab nicht mehr weiter, sondern bogen in das Tal des Barazgin ein. Einen Tag ging es geradeaus, dann schwenkten sie nordwärts in die Berge ein.
Lindsay schien es nicht eilig zu haben. Es wurde oft Halt gemacht und dann nahm er seine Hacke und entfernte sich von seinen Begleitern, um an verschiedenen Stellen den Boden aufzugraben.
Ich war im höchsten Maß erstaunt. Ich kannte ja seine Leidenschaft von ehedem, babylonische Altertümer auszugraben, aber ich glaubte ihn von dieser Krankheit geheilt. Und nun trieb er es noch ärger und, wenn es sich wirklich um Altertümer handelte, hoffnungsloser. Denn wenn er früher an Stellen herumgestochert hatte, wo unter Umständen etwas zu finden gewesen wäre, hatte er sich jetzt die unwahrscheinlichste Gegend ausgesucht.
„Es ist klar: Dein Herr sucht etwas. Aber was?“
„Nezanim – ich weiß es nicht.“
„Hast du ihn nie gefragt?“
„Das wohl. Aber er gab mir keine Antwort, sondern schüttelte nur den Kopf.“
„Hm! Hatten seine Grabungen Erfolg?“
„Nein. Wenigstens sah ich ihn nie etwas zurückbringen, seine Hacke ausgenommen.“
„So wird wenigstens der Perser glücklicher gewesen sein. Er wird sicher eine Menge Pflanzen und Steine für seine Sammlung gefunden haben.“
„Er hat bis jetzt nichts gesammelt.“
„Nicht?“
„Nein. Er sagte, diese Reise habe nicht den Zweck, Sammlungen anzulegen, sondern erst einmal einen Überblick zu erhalten. Auf einer folgenden Reise könne er dann planmäßig vorgehen und werde eine reiche Ausbeute gewinnen.“
Wenn mich das, was ich über Lindsay gehört hatte, befremdete, so machte mich die Sache mit dem Perser direkt bedenklich. Ein Sammler, der einen Fund liegen lässt mit der Ausrede, er werde ein andermal wiederkommen – – einen solchen Sammler gibt es nicht. Das ist überhaupt kein Sammler, viel weniger ein Naturforscher.
Aber warum gab sich der Perser für einen solchen aus? Welchen Zweck verfolgte er damit? Führte er gegen Lindsay etwas im Schilde? Oder wählte er diesen Deckmantel nur, um leichter und ohne Verdacht zu erregen im Land reisen zu können?
Das Übrige ist bald gesagt. Sie hatten in kleinen Tagesmärschen ihre Reise fortgesetzt, waren über den Begirdi gegangen und dann, immer in nördlicher Richtung, in die wilden Schluchten des Ser Sati vorgedrungen. Jenseits des Kamms, also auf unserer Seite der Gebirgskette, waren sie von den Kurden überrascht und gefangen genommen worden, ohne dass sie sich hatten wehren können. Der Überfall war, wenn man den Worten des Kurden glauben konnte, ungefähr anderthalb Tagesritte nördlich von uns geschehen.
„Weißt du vielleicht, wie der Führer der Schirwani heißt?“, erkundigte ich mich, als er geendet hatte.
„Ja, es ist Demal Khan, der Scheik jener Abteilung, die am Unterlauf des Begirdi ihre Weideplätze hat. Ich habe ihn einmal in Bagdad gesehen, wohin er gegangen war, um die Galläpfelernte eines Jahres zu verkaufen.“
„Und wie groß ist die Abteilung, die er anführt?“
„Ich schätze sie auf 150 Mann.“
Hm! Da war mit Gewalt nichts zu machen. Das sah sogar Halef ein, der am liebsten mitten unter die Kurden hineingeritten wäre, um den Lord herauszuhauen. Hier konnte nur, wie schon so oft, List zum Ziel führen.
Ich zog die Karte zu Rate. Wenn ich erwog, dass die Schirwani mit Beute beladen, also in ihren Bewegungen behindert waren, so konnte ich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit den Weg bestimmen, den die Räuber heimwärts einschlagen würden. Nach meiner Karte kam nur ein einziges Tal in Frage, das in vielen Windungen, aber gerade dadurch bequem zum Kamm des Ser Sati emporführte. Dieser Taleinschnitt lag, von uns aus gerechnet, einen schwachen Tagesritt entfernt in östlicher Richtung, und wenn ich von unserem Standpunkt eine gerade Linie nach Osten zog, so musste diese das Tal an einem Punkt treffen, der von der Stelle des Überfalls nicht mehr als zwei Tagesritte entfernt war.
Zwar konnte ich mich täuschen. Die Räuber mussten sich ja denken, dass sie von den Beraubten verfolgt wurden, und wählten deswegen vielleicht den beschwerlicheren, aber dafür kürzeren Weg. Mit dieser Möglichkeit musste ich also rechnen. Aber ich hatte keine andere Wahl. Es war mir selbstverständlich nicht möglich, sämtliche Zugänge des Gebirges zu überwachen, und da wählte ich eben jenes Tal, das die meiste Wahrscheinlichkeit für sich hatte, das gesuchte zu sein.
Als ich den Gefährten meine Gedanken vortrug, gaben sie mir in allen Punkten Recht. Anders der Kurde. Er war froh, von den Räubern leichten Kaufs losgekommen zu sein, und hatte nicht die geringste Lust, seinen Kopf ein zweites Mal in die Schlinge zu stecken. Er schilderte uns die Kurden und die Gefahren, denen wir uns aussetzen wollten, in einer Weise, dass uns ein Gruseln hätte ankommen müssen, wenn wir für dieses Gefühl empfänglich gewesen wären. Seine Befürchtungen und Einwände gingen schließlich Halef auf die Nerven.
„Sus ol – sei still!“, unterbrach er ihn, indem er mit beiden Beinen zugleich aufsprang. „Bist du wirklich ein tapferer Dumbeli oder gehörst du vielleicht zu den verachteten Soran-Kurden, von denen man sagt, dass sie einen Feind erst dann mit dem Messer angreifen, wenn sie sich überzeugt haben, dass er bereits von einem anderen totgestochen worden ist?“
„Nabim – nein, ich bin nicht feige“, rief der Kurde, erschrocken über diese unerwartete Anrede. „Aber ihr wagt euch in die Höhle des Löwen, und das Sprichwort sagt: Ei ku zi te qawitere, be wira mekeve – mit einem Stärkeren als du kämpfe nicht!“
„Ez be via keniam – darüber muss ich lachen. Woher weißt du denn, dass diese armseligen Kurden stärker sind als wir? Kennst du uns denn überhaupt? Ich sage dir, keiner von uns würde mit der Wimper zucken, selbst wenn tausend Löwen auf ihn losgelassen würden. Was sollen da diese hundertfünfzig Schirwani-Kurden gegen uns bedeuten!“
Das war wieder ganz – Halef.
Der Kurde wusste hierauf nichts zu erwidern. Vor solcher Größe musste er verstummen.
„Lauf nur, wohin dich deine Beine tragen“, fuhr Halef fort, „wenn dir so wenig an dem Bakschisch liegt, das du zu erwarten hast.“
„Bakschisch?“, dehnte der Kurde zweifelnd. „Von wem hätte ich ein solches zu erwarten?“
„Kannst du noch fragen? Hast du nicht selber gesagt, dass dein bisheriger Herr sehr reich ist? Wenn es uns gelingt, unseren Freund zu befreien, so haben wir doch nur durch deine Mitteilung die Gelegenheit dazu gehabt. Und der Engländer hat also seine Freiheit nicht bloß uns, sondern auch dir zu verdanken.“
Halef hatte Recht. Zwar lag mir nichts an der Begleitung des Kurden, aber er tat mir leid. Er war durch die Räuber um all das Seinige gekommen und stand vollständig mittellos da. Außerdem hatten wir ihm für seine Nachricht wirklich dankbar zu sein.
Der Dumbeli blickte eine Weile unentschlossen vor sich nieder. Dann richtete er seine Augen auf mich und fragte:
„Was hätte ich denn zu tun, wenn ich mit euch ginge?“
„Nichts. Höchstens würden wir von dir verlangen, dass du in unserer Abwesenheit auf unsere Pferde Acht gibst. Wenn wir unseren Freund befreit haben, kannst du gehen, wohin du willst.“
Der Kurde atmete erleichtert auf. „Sonst verlangt ihr wirklich nichts von mir?“
„Nein.“
„Dann will ich gern mit euch gehen. Dschan dedim – ich gebe meine Seele für euch hin. Chodeh scogholeta rast init – Gott stehe dir bei in deinem Vorhaben!“
Damit war für heute alles gesagt, was zu sagen war. Es hatte einstweilen keinen Wert, über die Einzelheiten unseres Plans zu sprechen, denn wir hatten uns nach den Umständen zu richten, die uns jetzt noch unbekannt waren.
Der Kurde streckte sich, als er sah, dass wir keine Auskunft mehr von ihm wollten, ohne Weiteres auf der Stelle nieder, wo er gesessen hatte, und war im nächsten Augenblick eingeschlafen. Und auch wir vier wickelten uns in unsere Decken ein, nachdem wir die Wache bestimmt hatten. Das war notwendig, weniger unserer Sicherheit wegen, denn wir konnten uns auf Dojan verlassen, wie er uns heute bewiesen hatte. Aber die Kälte war groß und das Kohlefeuer musste daher die ganze Nacht unterhalten werden.
Ich hatte die letzte Wache. Noch vor Tagesanbruch weckte ich die anderen. Es wurde rasch gegessen und dann sofort aufgebrochen. Meine Absicht war, das Ziel des heutigen Tags zeitig genug zu erreichen, um einen Überblick über die Örtlichkeit zu gewinnen, bevor die Ankunft der Kurden zu erwarten war.
Unser Weg zeigte sich heute weniger rau als in den letzten Tagen. Er führte uns nach und nach in tiefere Gegenden hinab, über sanfte, abwechselnd mit dürftigem Gras und mit verkrüppeltem Lärchengestrüpp bestandene Hänge. Um die Mittagszeit ritten wir bereits durch ein Wäldchen von schwarzen Maulbeerbäumen, und es mochte die zweite Nachmittagsstunde sein, als wir unter uns das Ziel unseres Ritts erblickten, ein mit immergrünen Myrtensträuchern bestandenes, vielfach gewundenes Tal.
Wir lenkten unsere Tiere den mäßig steilen Abhang hinunter in die Sohle des Tals, über die ein munterer Bach in lustigen Sprüngen seinen Weg von Stein zu Stein suchte. Es herrschte die Ruhe ungestörter Einsamkeit um uns. Hier auf dieser Seite des Bachs waren, wie ich leicht erkennen konnte, die Kurden nicht vorübergekommen, und Kara, den ich aufs andere Ufer geschickt hatte, brachte mir nach kurzer Zeit die gleiche Meldung.
Es fragte sich jetzt nur, ob wir mit unserer Mutmaßung, dass die Kurden ihren Weg durch dieses Tal einschlagen würden, Recht behielten. In diesem Fall hatten wir ihr Kommen in den nächsten Stunden zu erwarten. Vorher mussten wir indes zu erfahren suchen, wo die Erwarteten voraussichtlich ihr Lager für die Nacht aufschlagen würden. Ich wandte mich mit einer diesbezüglichen Frage an Halef.
„Sihdi, das kann kein Mensch wissen“, behauptete der Gefragte.
„Nicht so schnell! Ich hoffe, du wirst mir innerhalb von fünf Minuten das Gewünschte sagen.“
„Was fällt dir ein, Sihdi! Du verlangst zu viel von mir!“
„Wollen sehen! Glaubst du, dass die Kurden bei Nacht über den Kamm des Gebirges reiten werden?“
„Natürlich nicht! Sie werden zweifelsohne in diesem Tal lagern.“
„Werden sie das weiter oben oder weiter unten besorgen?“
Halef blickte forschend das Tal hinauf. „Hm! Die Höhen, die das Tal einschließen, treten rasch näher zusammen. Die Kurden brauchen aber viel Platz zum Lagern, und diesen scheint es da oben nicht zu geben.“
„Tajjib – gut! Es ist ferner zu bedenken, dass sie ihr Lager wohl innerhalb der Baumgrenze aufschlagen wollen und nicht zwischen dem nackten Gestein. Wir haben also nicht aufwärts, sondern abwärts zu suchen.“
„La schakk – darüber besteht kein Zweifel.“
„Weiter! Du bist wohl auch der Meinung, dass die Kurden dieses Tal ganz genau kennen. Werden sie da an irgendeiner beliebigen Stelle Halt machen, die ihren Wünschen entspricht?“
„Nein. Sie werden vielmehr die letzte passende Stelle taleinwärts wählen, damit sie morgen beizeiten über den Kamm des Gebirges kommen.“
„Ausgezeichnet! Wir brauchen also nur so weit talabwärts zu reiten, bis wir eine Stelle finden, die groß genug ist, und wir haben den gesuchten Lagerplatz vor uns. Habe ich Recht oder nicht?“
„Allâh kerim – Gott ist gnädig! Du hast Recht, Sihdi!“
„Siehst du? Die fünf Minuten sind noch nicht vorüber und trotzdem habe ich bereits mit Zuhilfenahme deines Scharfsinns erfahren, was ich wissen wollte“, scherzte ich.
Immerhin war ich meiner Sache nicht ganz sicher. Der obere Teil des Tals war von unserem Standpunkt aus nicht ganz zu übersehen, und es war ganz gut möglich, dass da oben, von uns ungesehen, ein Seitental abzweigte, das selbst für eine größere Menge genug Platz zum Lagern bot. Zur Vorsicht schickte ich daher Omar Ben Sadek hinauf, um nachzusehen.
Meine Sorge war unbegründet. Nach einer Stunde kam Omar zurückgeritten. Er war bis knapp an die Baumgrenze hinaufgekommen und hatte nirgends zwischen dem Bach und der Talseite eine Stelle gefunden, die auch nur zwanzig Personen Platz geboten hätte. Wir konnten also, in dieser Beziehung beruhigt, unseren Forschungsritt talabwärts beginnen. Um möglichst wenig Spuren zu verursachen, hielten wir uns nicht nahe am Bach, sondern in einiger Höhe zwischen den Myrtenbüschen. Wir mochten ungefähr eine halbe Stunde geritten sein, da traten die Höhen zu unserer Linken zurück. Vor uns lag eine kesselartige Ausbuchtung, die einerseits von den bewaldeten Höhen, andererseits vom Bach begrenzt wurde, hinter dem der Hang sofort wieder, und wie es schien, ziemlich steil in die Höhe führte.
Der Talkessel bot einen geradezu vollendeten Lagerplatz. Er wurde von einer weiten Wiesenfläche gebildet, die den Kurden sowohl als Futterplatz für die Pferde als auch als Teppich für die ermüdeten Glieder erwünscht sein musste. Wenn sie wirklich dieses Tal heraufkamen, so war es diese Stelle und keine andere, wo sie Halt machen würden.
Zunächst galt es, für uns selber eine Lagerstelle ausfindig zu machen. Die Schirwani hatten alles, was sie für die Nacht brauchten, in der Nähe, und ich konnte also annehmen, dass sie dem anderen Bachufer keine Aufmerksamkeit schenken würden. Dort drüben waren wir also wohl am besten aufgehoben. Wir ritten auf der eigenen Spur einige hundert Meter zurück und gingen dann durch den Bach, wobei wir uns bemühten, möglichst keine Spuren zu hinterlassen. Am jenseitigen Ufer angekommen stiegen wir ab und klommen, die Pferde am Zügel, den steilen Abhang empor.
Wir fanden bald, wonach wir suchten, eine grasbewachsene, von Büschen umsäumte Lichtung, groß genug für uns und unsere Tiere. Die Stelle bot außerdem den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass von hier aus der bewusste Talkessel zu überblicken war. Bei Tageslicht waren wir in der Lage, alle Vorgänge zu verfolgen, die sich dort unten abspielten.
Da die Kurden den Talkessel sicher kannten, ging ich wohl nicht fehl, wenn ich annahm, dass sie nicht eher kamen, als bis es an der Zeit war, nämlich bei Anbruch der Dämmerung. Wir hatten also bis dahin noch genug Zeit, um der Ruhe zu pflegen, die wir nach den Anstrengungen der letzten Tage wohl verdient hatten. Aber noch mehr als wir hatten unsere Tiere die Erholung nötig, deren Kräfte durch den tagelangen Ritt über das Gebirge fast über Gebühr in Anspruch genommen worden waren.
Es mochten noch zwei Stunden bis zur Dämmerung fehlen, da schickte ich Kara und Omar Ben Sadek fort, den Bach hinunter, um die Ankunft der Kurden zu beobachten. Sie sollten sich auf unserer Seite, also auf dem rechten Bachufer halten und möglichst wenig Spuren zurücklassen. Sobald sie der Erwarteten ansichtig wurden, sollten sie zurückkehren. Zur größeren Sicherheit gab ich ihnen Dojan als Begleitung mit.
Halef und ich schafften unterdessen, unterstützt von dem Kurden, die Tiere zum Bach hinunter und ließen sie nach Belieben trinken. Dann saßen wir ruhig in unserem Versteck, der Dinge harrend, die da kommen sollten. Mir war nicht ganz wohl zu Mute. Denn wenn meine Berechnung nicht stimmte, dann war ein großer Zeitverlust unvermeidlich. Bis wir die Spuren der Kurden aufgefunden, sie verfolgt und Lindsay befreit hatten, mussten Tage vergehen. Und wir hatten doch keine Zeit zu verlieren!
Unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Aber sie wurde auch dementsprechend belohnt. Eine halbe Stunde vor Einbruch der Dämmerung teilten sich die Büsche vor uns und Kara erschien, gefolgt von dem Hund.
„Sie kommen!“
Gott sei Dank! Mir fiel ein Stein vom Herzen und auch Halef atmete erleichtert auf. Der Kurde dagegen rief erstaunt: „Ser babe men – beim Haupt meines Vaters! Sie haben es erraten, wirklich erraten!“
Dabei machte er ein Gesicht, als ob er soeben das größte Weltwunder erlebt habe.
„Sus ol – sei still!“, fuhr ihn Halef an. „Was redest du da von Erraten? Wir haben unseren ganzen erlauchten Scharfsinn zusammennehmen müssen, um diesen Erfolg zu erzielen, und da sprichst du von Erraten! Was weißt du denn überhaupt von unserer unvergleichlichen Erhabenheit und von unserer erhabenen Unvergleichlichkeit? Kennst du auch nur den Namen des Mannes, der neben dir sitzt und dem Allah so viele Vorzüge gegeben hat, dass der Topf deines Gedächtnisses überfließen würde, wenn du sie alle behalten wolltest?“
„Sein Name wurde bis jetzt nicht genannt“, entschuldigte sich der Kurde.
„So beuge dein Haupt in Demut vor dem Namen Kara Ben Nemsi, der als der berühmteste Held des Morgen- und Abendlands bekannt ist!“
„Ich habe diesen Namen noch nie vernommen“, erwiderte der Dumbeli kleinlaut.
„Ez be te tescha-u-utim – ich bedaure dich! So hast du wohl auch meinen Namen noch nicht gehört? Wisse, ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, der Scheik der Haddedihn vom Stamm der Schammar und zugleich der Oberscheik aller Stämme der Beni Arab von Arabistan, Farsistan, Turkestan und Belutschistan.“
„Auch diesen Namen habe ich noch nie gehört.“
„Chodeh t’aveschket – Gott erhalte dich und deinen Verstand!“
Damit wandte Halef dem Kurden verachtungsvoll den Rücken. Gut, dass dieser nicht begriff, welch blühenden Unsinn der Kleine soeben wieder verzapft hatte!
Unterdessen war auch Omar Ben Sadek nachgekommen und wir richteten nunmehr unsere Blicke erwartungsvoll den Bach hinunter. Und richtig! Es war genau so, wie ich vermutet hatte. Die Sonne tauchte eben über die Spitzen des Dschelo Dagh im Westen hinunter, da erschienen sie. Es war ein langer Zug von Reitern, von denen jeder einen schweren Packen hinter sich auf dem Pferd führte.
Ich nahm mein Glas zur Hilfe und bemerkte mitten im Zug zwei Männer, die auf dem Pferd festgebunden waren. Ihre Gesichtszüge konnte ich freilich nicht erkennen, dazu war die Entfernung zu weit. Aber es konnten doch wohl nur die beiden sein, denen alle unsere Gedanken seit dem gestrigen Tag gehörten.
Im Talkessel angekommen zerstreuten sich die Kurden nach allen Richtungen. Die Pferde wurden abgeladen und abgesattelt. Nachdem sie an den Bach zur Tränke geführt worden waren, wurden sie nach dem Hintergrund der Ausbuchtung gebracht und dort sich selber überlassen. Und dann entwickelte sich vor unseren Augen ein lebhaftes Lagertreiben, dem ich heute weniger als sonst Beachtung schenkte, denn meine Aufmerksamkeit wurde von den Gefangenen in Anspruch genommen.
Da die Kurden auf Beute ausgezogen waren, hatten sie keine Zelte mitgenommen, die sie nur unnötig behindert hätten. Nur ein einziges Zelt bemerkte ich, das wahrscheinlich für den Scheik bestimmt war. Es wurde an den Rand des Gehölzes getragen, leider auf der uns abgewandten, also unsichtbaren Seite.
Auch die Gefangenen wurden, nachdem sie von den Pferden gehoben worden waren, in dieser Richtung fortgeschafft.
Unterdessen war die kurze Dämmerung in das Dunkel der Nacht übergegangen und bald blinkten eine Menge Lagerfeuer von unten zu uns herauf.
4. Das Amulett
Wie die Verhältnisse augenblicklich lagen, konnte ich noch keinen bestimmten Plan zur Befreiung der Gefangenen fassen. Ich wusste nicht, wohin sie gebracht worden waren, und ebenso wenig, wo das Zelt des Scheiks stand, auf den ich es so halb und halb abgesehen hatte. Bevor ich mich zum Handeln entschloss, musste ich also im Bilde sein und dazu war ein Kundschaftergang unerlässlich.
Ich wartete, bis das Gehen und Laufen im Kurdenlager aufgehört hatte. Jetzt konnte ich annehmen, dass sich die Leute mit dem Abendessen beschäftigten, und ich machte mich auf den Weg. Ich nahm nur Dojan mit mir, der mich sicher auf die Nähe eines Menschen aufmerksam machen würde. Nachdem ich den Bach durchwatet hatte, drang ich in den Wald ein und bewegte mich langsam und vorsichtig talabwärts. Ich nahm an, dass die Kurden der Gegend aufwärts weniger Aufmerksamkeit schenken würden, weil ein Überfall durch die Beraubten nur von unten her zu fürchten war. Trotzdem wich ich, bevor ich den Waldrand erreicht hatte, aus Vorsicht noch tiefer seitwärts zwischen die Bäume, um nicht mit einem Posten zusammenzustoßen, der möglicherweise an den oberen Ausgang des Talkessels gelegt worden war. Unhörbar schlich ich mich am Rand der Ausbuchtung hin. Zwischen den Myrtensträuchern hindurch hoben sich die Lagerfeuer der Kurden ziemlich scharf gegen den Himmel ab. Die Männer saßen tatsächlich beim Essen und das Ganze bot ein Bild des tiefsten Friedens.
Da fühlte ich, wie sich die Schnauze des Hundes in meine Hand schob; er hatte die Nähe eines Menschen gewittert. Vorsichtig schlich ich weiter und gewahrte nach wenigen Schritten einen schwarzen Gegenstand, der in verschwommenen Umrissen zwischen Wald und Wiesenplan lag. Meine Vorsicht verdoppelnd schlich ich näher; die Umrisse des Schattens wurden deutlicher und ich erkannte ein kleines Zelt, das man hier aufgeschlagen hatte. Diese Ahnung wurde sofort zur Gewissheit, denn gerade in diesem Augenblick löste sich eine Gestalt von einem der Feuer und näherte sich dem Zelt.
„Tschi heje tschi tun’e – was gibt’s?“, fragte die Stimme eines Mannes, den ich nicht sehen konnte. Offenbar saß er vor dem Eingang des Zeltes.
„Der Inglis gibt keine Ruhe. Er schimpft in einem fort und verlangt losgemacht zu werden.“
„Wenn er nicht still ist, so stopfe ihm das Maul!“, lautete die bündige Antwort. „Was macht der andere?“
„Der? Oh, der verursacht uns nicht halb so viel Scherereien. Er scheint sich in sein Schicksal ergeben zu haben.“
„Nun, dann ist es gut. Bewacht sie immerhin scharf, denn man kann diesen fremden Hunden nicht trauen. Im Übrigen wünsche ich in der Nacht nicht gestört zu werden, außer im Notfall.“
„Tu tschi firman kir – wie du befiehlst, Herr. Ivari’l kher – gute Nacht.“
Der Scheik brummte etwas Unverständliches in den Bart und der Mann entfernte sich.
Ich beglückwünschte mich im Stillen, denn die Verhältnisse hätten sich gar nicht günstiger gestalten können. Mein Plan stand im Augenblick fest: Ich musste den Scheik in meine Gewalt bringen. Aber nicht jetzt, sondern erst später, wenn sich die Kurden zur Ruhe begeben hatten. Vorher war die Möglichkeit vorhanden, dass der Scheik aus irgendeinem Grund im Zelt aufgesucht wurde, und dann wäre sein Verschwinden eher entdeckt worden, als mir lieb sein konnte.
Da es von Vorteil für mich sein konnte, wenn ich auch die weitere Umgebung des Scheikzelts kennenlernte, ging ich weiter in der Richtung nach dem Hintergrund der Ausbuchtung. An keiner Stelle traten die Lagerfeuer bis an die Bäume heran, was mir später zustattenkommen würde, weil ich dann eine Überraschung von rückwärts her weniger zu fürchten brauchte. Dann hörten die Lagerfeuer auf und eine kleine Strecke weiter belehrte mich ein Schnauben zu meiner Rechten, dass ich die Pferde vor mir hatte.
Ich konnte nun getrost zu meinen Gefährten zurückkehren. Vorerst wollte ich mich indes vergewissern, ob der obere Ausgang des Talkessels von einem Posten bewacht wurde oder nicht. Am Zelt des Scheiks vorbei näherte ich mich der Ecke, wo der Wald an den Bach stieß. Unter den letzten Bäumen angekommen legte ich mich nieder und kroch unhörbar weiter.
Richtig! Ich bemerkte eine Gestalt, die sich ein Dutzend Schritte vor mir gegen den helleren Himmel vom Dunkel abhob. Sie saß regungslos am Bachufer auf einem großen Stein und hielt die lange Flinte zwischen den Knien. So waren die Kurden also doch vorsichtiger gewesen, als ich ihnen zugetraut hatte. Nun, wenn auf dieser Seite des Tals nicht mehr Posten standen als dieser eine hier – – der konnte mich in meinem Vorhaben sicher nicht hindern.
Auf demselben Weg, auf dem ich gekommen war, kehrte ich zu den Gefährten zurück, die meinem Bericht mit Spannung entgegensahen. Ich entwickelte nun meinen Plan, der begeisterte Zustimmung fand, ausgenommen natürlich bei dem Kurden, der bei allem nur stumm den Kopf schüttelte. Der hitzige Hadschi fasste dies als Zeichen der Ablehnung auf, denn er fuhr ihn auf einmal erbost an: „Warum schüttelst du beständig den Kopf, als ob er ein angefaulter Apfel wäre, der im nächsten Augenblick auf den Boden fallen muss? Bist du vielleicht anderer Meinung als wir?“
„Verzeih, o Scheik, ich wollte dich nicht beleidigen. Ich halte euren Plan, Demal Khan in eure Gewalt zu bekommen, für tollkühn und unausführbar.“
„Tu kadischt nezani – was du nicht weißt! Vielleicht ist deine erlauchte Einsicht so gnädig, uns einen besseren Plan vorzulegen! Sollen wir am Ende warten, bis der Scheik der Kurden von selber anspaziert kommt, sich vor uns hinstellt und sagt: ‚Ihr habt mich gewünscht, hier habt ihr mich!‘“
Der Kurde wusste nicht, was er darauf erwidern sollte, und schwieg. Nun erhob sich ein kleiner Wettstreit unter meinen drei Gefährten. Jeder wollte mit mir gehen, ich konnte aber nur einen Einzigen gebrauchen. Einer mehr hätte die Sache nur erschwert.
Ich bestimmte Kara zu meiner Begleitung. Halef gab sich rasch mit meiner Entscheidung zufrieden, da es doch wenigstens sein Sohn war, der „den Ruhm der neuen Heldentat ernten“ durfte. Und auch Omar Ben Sadek beruhigte sich, als ich anmerkte, dass sich ihm während dieser Reise noch oft genug Gelegenheit bieten werde, seinen Mut zu beweisen.
Da es noch zu früh war, um unseren Gang anzutreten, konnten wir nichts Besseres tun als schlafen. Ich ging zu meinem Rappen, schmiegte mich an seine Seite und flüsterte ihm die gewohnte Sure ins Ohr. Ein Feuer war heute nicht notwendig, weil wir im Schutz der Bäume lagen, und außerdem auch nicht anzuraten, da der Schein unseren Standpunkt den Kurden leicht verraten konnte.
Ich schlief so ruhig, als ob ich zu Haus in meinem Bett läge, erwachte aber genau zu der vorher bestimmten Zeit. Es mochte ungefähr ein Uhr morgens sein, die beste Stunde für ein Unternehmen wie das unsere. Es war Neumond und die Sterne verbreiteten ein fahles Licht, das kaum hinreichte, um den Weg ein paar Schritte weit zu erhellen.
Die Kurden hatten die Feuer ausgehen lassen und es herrschte da unten das schwärzeste Dunkel. Nachdem ich den Gefährten eingeschärft hatte, sich für alle Fälle vollkommen ruhig zu verhalten, machten wir, nämlich Kara und ich, uns auf den Weg. Den Hund ließen wir diesmal zurück, weil er uns voraussichtlich wenig von Diensten hätte sein können. Jenseits des Bachs drangen wir sofort eine Strecke weit in den Wald ein und wanden uns dann in der Richtung auf das Zelt des Scheiks durch die Büsche. Zwar hätten wir auch den Weg das Bachufer hinunter einschlagen können, aber ich wollte für alle Fälle dem Posten da unten aus dem Weg gehen.
Das Anschleichen wurde uns dadurch sehr erleichtert, dass die Myrtenbäume und -sträucher nicht allzu dicht nebeneinander standen. Als wir nach meiner Berechnung dem Rand der Lichtung nahe waren, verdoppelten wir unsere Vorsicht. Kara hatte in meiner Schule viel gelernt, denn so sehr ich mich anstrengte, vernahm ich doch von dem hinter mir schreitenden jungen Mann keinen Laut. Ich hatte meine helle Freude an ihm.
Ich hatte die Richtung doch nicht ganz genau eingehalten, denn es zeigte sich, als wir den Rand der Ausbuchtung erreichten, dass wir von unserem Ziel etwas zu weit nach links abgekommen waren. Dieser kleine Nachteil war bald ausgeglichen und nach fünf Minuten lagen wir bereits unter den letzten Bäumen hinter dem Zelt des Scheiks.
Einige Minuten blieben wir regungslos liegen. Als sich nichts regte, kroch ich allein weiter auf die Rückwand des Zelts zu. Hier konnte ich mich, durch das Zelt gegen die Blicke etwaiger Beobachter gedeckt, ziemlich sicher fühlen. Indem ich mein Ohr an die Leinwand legte, hörte ich die regelmäßigen tiefen Atemzüge eines Schlafenden. Ob sie von einer Person oder von zweien ausgingen, war freilich nicht zu unterscheiden.
Ein leises Zischen rief Kara herbei. Mit seiner Hilfe lockerte ich an einem der Pflöcke die Zeltschnur und hob den Saum der Leinwand in die Höhe, sodass so viel Zwischenraum entstand, dass eine Person bequem hindurchschlüpfen konnte. Dann lauschten wir abermals. Ja, es war kein Zweifel, es befand sich nur eine Person im Zelt, und das konnte nur der Scheik sein. Kara brachte seinen Mund ganz nahe an mein Ohr und flüsterte:
„Sihdi, darf ich?“
„Na’am – ja“, hauchte ich zurück.
Im nächsten Augenblick war er an mir vorbei unter der Zeltplane verschwunden. Ich lockerte mein Messer, um ihm sofort beispringen zu können, aber dieser Notfall trat nicht ein. Eigentlich hätte ich die bei der mangelnden Beleuchtung nicht unschwierige Aufgabe, den Scheik zu betäuben, auf mich nehmen sollen, was ich wohl auch getan hätte, wenn Halef und nicht Kara bei mir gewesen wäre. Aber Kara war vorsichtig und geistesgegenwärtig, und es war Zeit, dass ich ihn selbstständig handeln ließ. Warum auch nicht? Als ich den ersten Indsman unter mir hatte, war ich bedeutend jünger gewesen als jetzt Kara.
Ich lauschte. Es war eine Weile still. Dann klang es zu mir herüber wie das Geräusch, das jemand verursacht, wenn er heftig mit den Beinen strampelt und dabei den Erdboden mit den Füßen bearbeitet. Dann trat wieder vollständige Ruhe ein.
„Sihdi!“, erklang es leise.
„Kara?“, fragte ich ebenso leise zurück.
„Komm herein, Sihdi! Ich habe ihn.“
Ich schlüpfte unter der Leinwand durch und zog dann das Phosphorfläschchen hervor, das mich auf all meinen Reisen begleitet hatte. Nachdem ich dem Sauerstoff der Luft durch Öffnen des Verschlusses Zutritt gewährt hatte, vermochte ich die Umgebung zu unterscheiden. An der rechten Längswand des Zeltes kniete Kara auf einem Mann, der steif und bewegungslos wie ein Toter dalag. Knebel und Fesseln führten wir bei uns und so war es das Werk einer Minute, bis der Mann vollständig wehrlos vor uns lag. Wie mir Kara später erzählte, hatte er sich Zoll um Zoll am Boden vorwärtsgeschoben, bis seine Hand den Saum einer Decke streifte. Langsam und leise waren seine Finger weitergeglitten und schließlich legten sich seine beiden Hände mit einem so blitzschnellen und durchgreifenden Druck um den Hals des Überfallenen, dass dieser es nur zu einem verzweifelten Strampeln brachte. Das liest sich zwar sehr leicht, bedarf indes einer großen Übung, die Kara freilich hinreichend gehabt hatte. Ich wusste, dass die jungen Krieger der Haddedihn den Griff um den Hals, den sie von mir hatten und bei dem es vor allem darauf ankommt, dass der Überraschte nicht im Stande ist, einen Laut von sich zu geben, untereinander buchstäblich bis zur Bewusstlosigkeit eingeübt hatten.
Der Scheik war in unserer Gewalt, und was noch vor uns lag, war eine Kleinigkeit. Aber während wir den Bewusstlosen unter der Zeltleinwand hindurch hinaus ins Freie schafften, kam mir ein Gedanke. Es war für uns vorteilhafter, wenn die Kurden gar nicht erfuhren, dass der Scheik seiner Freiheit beraubt worden war, sondern wenn die Sache so aussah, als hätte er sich aus irgendeinem Grund freiwillig entfernt. Deshalb kehrte ich, als wir den Scheik draußen hatten, ins Zelt zurück. Ich faltete die Decke so, wie sie auszusehen pflegt, wenn ein Mann sie beim Aufstehen von sich streift. Dann nahm ich ein Gefäß mit Wasser, das in Reichweite vom Lager stand, und goss es draußen über die Spuren, die beim Anschleichen nicht zu vermeiden gewesen waren. Dies und der am Morgen zu erwartende Tau würden alle Spuren des nächtlichen Besuchs verwischen. Nachdem ich noch die Leine um den Zeltpflock befestigt hatte, war alles getan, was in unserer Möglichkeit stand, und nur ein gewiegter Fährtenleser – und über einen solchen verfügten die Kurden sicherlich nicht – wäre im Stande gewesen, den wahren Sachverhalt ausfindig zu machen.
Ich nahm den immer noch bewusstlosen Scheik auf die Schulter, während Kara voranging. Das ganze Abenteuer hatte sich so einfach und reibungslos abgewickelt, als ob es vorher einstudiert worden wäre, und als wir oben bei den Gefährten ankamen, war seit unserem Aufbruch höchstens eine Stunde vergangen.
Bei unserem Erscheinen sprangen die Wartenden auf. Hier oben war es immerhin so hell, dass die Gesichtszüge jedes Einzelnen zu erkennen waren. Der Kurde warf einen forschenden Blick auf den Gefangenen und rief dann im Ton maßlosen Erstaunens aus:
„Katera peghamber – um des Propheten willen! Sie haben ihn! Sie haben ihn wirklich! Es ist nicht zu glauben, nicht zu glauben!“
„Was ist nicht zu glauben, du Sohn und Enkel der Ungläubigkeit?“, wies ihn Halef zurecht. „Wir haben dir doch gesagt, dass wir den Scheik holen würden, und zwar, wenn es hätte sein müssen, mitten aus der Dschehenna heraus. Du freilich hättest es gemacht wie jener Koch, der sich eine fette Henne aus dem Hühnerstall holen wollte, aber nur ein armseliges Küken zwischen die Finger bekam. Chodeh t’aveschket – Gott bewahre dich!“
Ich befreite den Gefesselten jetzt vom Knebel. Während wir auf sein Erwachen warteten, schilderte Kara kurz und sachlich den Verlauf unseres Unternehmens, wozu er nur den zehnten Teil der Zeit brauchte, die Halef benötigt hätte, wenn er dabei gewesen wäre. Dieser war übrigens nicht wenig stolz darauf, dass ich Kara den Löwenanteil des Ganzen, nämlich die Überwältigung des Scheiks, überlassen hatte.
Bei diesem stellten sich jetzt endlich Zeichen des wiederkehrenden Bewusstseins ein. Seine Lippen öffneten sich zu einem langen, befreienden Seufzer und seine Augen bewegten sich. Erst blickten sie starr und ohne Ausdruck geradeaus, dann aber richteten sie sich fragend auf uns. Ich setzte ihm das Messer auf die Brust und drohte:
„Kein lautes Wort, wenn dir dein Leben lieb ist!“
Erst jetzt schien er zu bemerken, dass er gefesselt war. Mit einer gewaltigen Muskelanstrengung suchte er sich zu befreien, aber die Riemen hielten fest. Ein Ausdruck des Schreckens trat in seine Züge.
„Koe ez be – wo bin ich? Und wer seid ihr?“
Plötzlich schien ihm das Unglaubliche seiner Lage aufzudämmern. Er bäumte sich in seinen Fesseln auf und stieß hervor:
„Kutikan – ihr Hunde! Ihr habt es gewagt, mich zu binden. Wisst ihr, wer ich bin?“
„Ja. Du bist ein niederträchtiger Räuber, der seine Strafe finden wird.“
„Hüte dich, mich zu beleidigen! Ich bin Demal Khan, der Scheik der Schirwani-Kurden.“
„Pah! Das wusste ich längst. Und was ist da weiter dabei? Ein Räuber, der Räubern befiehlt! Ich verlache dich!“
„Beraz! Beni lingi te dar bokutim – Schwein! Ich werde dir die Bastonade geben lassen!“
„Mach dich nicht lächerlich! Du musst wahnsinnig sein, wenn du glaubst, in deiner Lage uns drohen zu können.“
„Ich bin nicht wahnsinnig. Meine Krieger werden kommen und mich befreien. Und dann wehe dir! Ez heifi choe desti choe bigerim tera – ich werde mit eigener Hand an dir Rache nehmen.“
„Verlasse dich nicht auf deine Krieger! Sie werden dich nicht befreien, weil sie nicht wissen können, wo du dich befindest.“
„Sie werden entdecken, dass ich entführt worden bin, und mich überall suchen.“
„Du irrst. Sie werden nur auf den Gedanken kommen, dass du aus irgendeinem Grund fortgegangen bist. Dafür habe ich gesorgt.“
„Aber was willst du von mir? Ich habe dir doch nichts getan!“
„Mir nicht. Aber du hast einen Perser und einen Engländer überfallen.“
„Was geht dich das an?“
„Der Engländer ist mein Freund.“
„Das ist sehr gut. So wirst du also gern das Lösegeld für ihn bezahlen.“
Das klang so treuherzig, dass wir unwillkürlich lachen mussten.
„Du hast recht. Ich werde das Lösegeld bezahlen.“
„Hast du denn so viel bei dir?“
„Ja. Hier liegt es.“
„Wo? Ich sehe es nicht.“
„Dann bist du sehr schwer von Begriff. Du selber bist das Lösegeld und wirst deine Freiheit nur erhalten, wenn du meinen Willen tust.“
Der Scheik schwieg.
Offenbar konnte sein kurdisches Hirn meine Worte nicht so schnell verarbeiten.
„So willst du mich also gegen die zwei Gefangenen austauschen?“, fragte er endlich.
„Dein Scharfsinn hat das Richtige erraten.“
„Aber dann erhalte ich ja in Wirklichkeit gar kein Lösegeld!“
„Die Freiheit ist mehr wert als hunderttausend Medschidijeh31.“
„Suchst du mich nicht zu hintergehen? Ich bin nur einer und die Gefangenen sind zwei. Du würdest also von mir das Doppelte von dem erhalten, was ich von dir bekomme.“
„Was höre ich, o Scheik? Ich hätte gedacht, ein Khan der Kurden würde sich und seine Freiheit viel höher einschätzen als den Wert zweier Gefangener.“
Wieder versank der andere in Schweigen. Die Gedankenarbeit, die ihm heute zugemutet wurde, schien fast zu viel zu sein für sein Fassungsvermögen. Die Verhandlung war in ein beinahe gemütliches Geleis getreten. Der Mann schien der Eisenfresser gar nicht zu sein, als welchen ihn seine ersten Worte, die nicht gerade höflich gewesen waren, erscheinen ließen. Oder er verstellte sich. Dann war er freilich ein sehr geschickter Schauspieler, vor dem man sich in Acht zu nehmen hatte.
Der Scheik war mit sich ins Reine gekommen. Er ergab sich seufzend in sein Schicksal.
„Ich sehe ein, dass ich nachgeben muss. Die Gefangenen sind von jetzt an frei. Binde mich nun los!“
„Halt, nicht so schnell! Die Gefangenen erhalten natürlich ihr vollständiges Eigentum zurück?“
„Chodih, das ist zu viel! Darauf kann ich nicht eingehen.“
„Dann bleibst du auch gefangen.“
„Wohin wirst du mich bringen?“
„Es fällt mir natürlich nicht ein, dich mit uns herumzuschleppen. Ich liefere dich einfach den Deri aus, die du beraubt hast.“
„Herr“, rief er erschrocken, „woher weißt du das?“
„Von dem da.“
Dabei zeigte ich auf den Dumbeli-Kurden.
Der Scheik schenkte erst jetzt dem Genannten seine Beachtung und erkannte ihn sofort trotz des mangelhaften Lichts.
„Verdammt!“, entfuhr es ihm. „Der Dumbeli ist also an allem schuld! Hätte ich ihm doch nicht die Freiheit gegeben!“
„Ha, das hast du nicht klug angefangen“, lachte ich. „Und du musst nun einsehen, dass du vollständig in meiner Gewalt bist.“
„Aber wenn du mich an die Deri auslieferst, bleiben der Engländer und der Perser gefangen.“
„Mach dir darüber keine Sorgen! Diese zwei hole ich natürlich vorher aus dem Kurdenlager.“
Der Scheik sah mich mit offenem Mund an, als ob er etwas ganz und gar Unerhörtes vernommen habe. Da mischte sich einer in die Unterhandlung, dem ich es am wenigsten zugetraut hätte, nämlich der Dumbeli.
„Scheik, ich rate dir gut. Glaube ihm! Ich bin erst seit gestern bei diesen Männern, aber ich kenne sie so gut, als ob ich schon seit Wochen bei ihnen weilte. Ich sage dir, sie machen alles, aber auch alles möglich.“
„Auch ich rate dir, nicht zu zweifeln“, fuhr ich fort. „Habe ich dich nicht aus deinem Zelt geholt, ohne dass einer deiner Männer etwas merkte? Meinst du, ich brächte dasselbe Kunststück nicht auch ein zweites Mal fertig? Also entscheide dich!“
Der Scheik mimte abermals ein würdevolles Nachdenken, dann sagte er:
„Du sollst deinen Willen haben. Die Gefangenen sollen ihr ganzes Eigentum zurückerhalten. Aber jetzt gib mich endlich frei!“
„Ich wiederhole, nicht so schnell! Ich kann dich erst freilassen, wenn du dein Wort gehalten hast.“
„Warum nicht eher?“
„Ich traue dem Wort eines Kurdenscheiks nicht.“
„Herr“, fuhr er beleidigt auf, „mit welchem Recht sprichst du solche Worte?“
„Mit dem Recht eines Mannes, der seine Erfahrungen hat.“
„Auf das Wort eines Schirwani kannst du dich verlassen.“
„Gerade bei den Schirwani habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Kennst du Scheik Melef, den Anführer jener Abteilung, die am oberen Zab ihre Weideplätze hat?“
„Ich habe ihn gekannt. Er ist tot.“
„Welche Meinung hast du von ihm? War er in allem ein ehrenwerter Mann?“
„Hm!“
„Ich wohnte mehrere Tage unter seinem Zelt als Gastfreund, und als wir voneinander Abschied genommen hatten, stellte er mir mit seinen sämtlichen Kriegern nach, um sich meines Eigentums, meines Pferdes und meiner Gewehre zu bemächtigen.“32
„Hm!“
„Begreifst du jetzt, dass ich dem Wort eines Schirwani nicht ohne Weiteres trauen kann?“
„Hm!“, brummte der Scheik zum dritten Mal.
„Ist dieses ‚hm‘ alles, was du vorzubringen weißt?“
„Nein. Weißt du nicht, dass der Gastfreund nur so lange sicher ist, als die Gastfreundschaft währt?“
„Ich weiß es, aber ich verwerfe diesen Grundsatz, denn es ist der Grundsatz von Räubern und Mördern.“
Der Scheik zuckte die Achseln. „Du übertreibst. Es ist einfach Sitte bei den Kurden.“
„Schöne Sitte ist das!“
„Herr, du bist kein Kurde?“
„Skuker Chodeh, nabim – Gott sei Dank, nein!“
„Darf ich fragen, aus welchem Land du kommst?“
„Ich bin ein Franke.“
„So bist du also ein Christ?“
„Ja.“
„Dann kannst du uns freilich nicht verstehen. Du hättest besser getan, deine Heimat nicht zu verlassen.“
Ich musste lächeln. Nun war es gar der Kurde, der mir gute Lehren erteilte.
„Gibt es in deinem Land keine Diebe und Räuber, wie du es nennst?“, fuhr der Scheik fort.
„Ich kann es nicht leugnen. Es gibt eben überall gute und böse Menschen, so wie es Engel gibt, aber auch Teufel.“
„Siehst du? Es kann nicht lauter untadelige Menschen geben. Wir Kurden sagen: Be Chodera dschennet u dschenneme tschebun – durch Gott ist beides geworden, Paradies und Hölle.“
„Damit ist aber nicht gesagt, dass die Hölle Hölle bleiben soll.“
„Warum nicht? Wenn sich der Teufel dabei wohlfühlt?“
„Mann, lästere nicht! Das ist nicht möglich! Erlaube, dass ich deinem Satz einen anderen entgegenstelle: Melak a ditir, an Scheitan a ta khwa – du sollst der Engel deines Nächsten sein, damit du dir nicht selbst zum Teufel wirst.“
Diese Worte waren mir ohne irgendeinen Nebengedanken entschlüpft. Sie waren mir unwillkürlich auf die Lippen getreten, weil sie sich folgerichtig in den Gang der Rede einfügten. Die überraschende Wirkung, die sie auslösen würden, ahnte ich nicht.
Demal Khan war bei meinen letzten Worten vor Erstaunen mit dem Oberkörper in die Höhe geschnellt, sodass er jetzt eine sitzende Stellung einnahm.
„Welche Worte gebrauchtest du da?“, rief er in höchster Überraschung. „Ich bitte dich, wiederhole sie mir, damit ich weiß, ob ich dich recht verstanden habe.“
„Gern. Ich sagte: Melak a ditir an Scheitan a ta khwa.“
„Wirklich! Es sind dieselben Worte, genau dieselben Worte! Sage mir, ob es vielleicht in deinem Vaterland ein Sprichwort gibt, das auf Kurdisch genauso heißen würde.“
„Nein. Diese Worte sind mir zuerst in Kurdistan gesagt worden.“
„Dann verzeihe, Chodih, dass ich nicht im Stande bin, mich zu erheben und dich so zu begrüßen, wie es sich gebührt. So musst du dich also mit den Worten begnügen: Az kholame ta, Hodia – ich bin dein eigen, o Gebieter!“
Nun war die Reihe des Erstaunens an mir. Denn dass das Amulett Marah Durimehs sogar unter den Schirwani-Kurden Kurswert haben würde, hätte ich nicht für möglich gehalten.
Trotzdem erkundigte ich mich vorsichtig: „Du kennst also diese Worte auch?“
„Und ob ich sie kenne! Aber ich weiß nicht, ob ich offen sprechen darf.“
Ich verstand ihn wohl. Es handelte sich um ein Erkennungswort, und es konnte nicht in seiner Absicht liegen, mit Unberufenen darüber zu sprechen. Meine drei Gefährten waren zwar eingeweiht, nicht aber der Dumbeli-Kurde. Ich gab ihm daher einen Wink, sich zu entfernen, und er gehorchte ohne ein Wort der Widerrede.
„Du kannst jetzt reden. Diese Männer besitzen mein volles Vertrauen und kennen die Losung – denn um eine solche handelt es sich doch – ebenso gut wie ich.“
„So wisse, dass jeder Mensch, und sei er mein größter Feind, der mir diese Worte, die wirklich eine Losung sind, zuruft, bei mir sicher ist wie im Schoß des Propheten. Er hat zu befehlen und ich habe zu gehorchen, denn: Betschuk lazime tabe’i mezinan bebe – der Kleine muss den Großen gehorsam sein.“
Nun, solch ein Amulett konnte ich mir gefallen lassen. Marah Durimeh war doch eine herzensgute grandmother, wie Lindsay damals zu sagen pflegte, als wir sie das erste Mal kennenlernten.
„Wer hat dir diese Worte genannt?“, forschte ich weiter.
„Der gute Dschinn.“
„Wer ist das?“
„Das weiß kein Mensch. Er ist eben ein Geist, der alles sieht und hört.“
Nun, ich wenigstens glaubte das besser zu wissen, fühlte mich aber indes nicht berufen, ihn aufzuklären.
„Und wie gibt sich dieser Geist zu erkennen?“
„Herr, wir sind ein armes Volk und es gibt oft große Not in den Bergen. Wenn nun jemand ein Anliegen hat, dem mit Geld abgeholfen werden kann, so muss er in nächtlicher Stunde sein Haus verlassen und seine Bitte laut in die Nacht hineinrufen. Ist der Bittsteller wirklich arm und verdient er Berücksichtigung, so wird ihm Erhörung zuteil.“
Das war nicht viel anders als damals die Sache mit dem Ruh y Kulyan33. Nun, ich konnte mir ja denken, dass Marah Durimeh da und dort ihre Vertrauten hatte, die mit den nötigen Geldmitteln ausgerüstet waren. Somit war der ‚gute Dschinn‘ für mich kein Rätsel mehr.
„Und auf welche Weise wird der Bittsteller erhört?“
„Er findet nach einigen Tagen an der Schwelle seines Hauses ein oder mehrere Goldstücke, gerade so viel, als er notwendig braucht. Manchmal währt es auch länger, wenn nämlich der Geist nicht in der Nähe ist.“
Das glaubte ich dem Scheik gern. Es war ja anzunehmen, dass Marah Durimeh nicht in jedem Kurdendorf einen Eingeweihten hatte. Aber dadurch, dass der Hilfsbedürftige sein Anliegen laut in die Nacht hineinrufen musste, wurde es bekannt. Es sprach sich herum und erreichte schließlich das Ohr eines der Untergeister des ‚guten Dschinn‘.
„Du hast mir noch immer nicht gesagt, wie du selber zur Kenntnis des bewussten Satzes gekommen bist.“
„Ich fand eines Morgens einen Zettel vor meiner Tür, in dem ich gebeten wurde, jeden als Bruder aufzunehmen und zu behandeln, der mir die Worte sagt oder zeigt, die du genannt hast. Die Unterschrift lautete: der gute Dschinn.“
„Und du wirst dieser Weisung immer und überall gehorchen?“
„Sere men – bei meinem Haupt, ich werde es tun.“
„Auch hier und jetzt uns gegenüber?“
„Wie kannst du noch fragen? Ihr seid meine Brüder und ich bitte euch, in meinem Zelt Brot und Salz aus meiner Hand anzunehmen.“
„Wenn du wirklich unser Bruder bist, dann dürfen wir dich nicht länger als Gefangenen behandeln. Ich werde dir sofort die Fesseln lösen lassen.“
Auf einen Wink von mir nahm ihm Omar die Riemen ab. Der Scheik stand langsam auf, dehnte und streckte sich im Wohlgefühl der wiedererlangten Freiheit und setzte sich dann wieder vor uns nieder.
„Herr, ich danke dir. Und du sollst dich nicht in mir getäuscht haben. Soll ich sofort gehen und dir die Gefangenen bringen?“
„Dazu ist am Morgen noch Zeit“, beeilte ich mich zu erwidern. Ich durfte die nötige Vorsicht nicht außer Acht lassen, denn es war immerhin die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass alles bloße Verstellung war. „Erzähle mir lieber noch einiges vom guten Dschinn! Wird seine Güte niemals von Unwürdigen missbraucht?“
„Das ist früher vorgekommen, aber jetzt schon lange nicht mehr. Der Betreffende hätte nur Schande und Spott zu erwarten.“
„Wieso? Wie kann der Dschinn den Würdigen vom Unwürdigen unterscheiden?“
„Wie kannst du noch fragen? Er ist doch allwissend!“
Ja so! Das hatte ich ganz vergessen!
„Wenn jemand die Hilfe des guten Dschinn ohne hinreichenden Grund in Anspruch nimmt, dann findet er vor seiner Tür nicht die erwartete Geldsumme, sondern einen schweren Stein. Das hat sich bald herumgesprochen, und seitdem würde es niemand wagen, den Geist herauszufordern.“
Auch nicht übel! Meine gute Marah Durimeh verstand es offenbar vortrefflich, nicht bloß ihr Geheimnis zu wahren, sondern auch sich bei den halbwilden und darum abergläubischen Kurden die gewünschte Achtung zu verschaffen.
„Darf ich vielleicht fragen, wenn es dir nicht zudringlich erscheint, durch wen du in den Besitz der Losung gekommen bist?“, erkundigte sich der Scheik.
„Warum nicht? Ich mache vor dir kein Geheimnis daraus. Es war eine alte Frau, der ich einen großen Dienst erweisen konnte. Sie heißt Marah Durimeh.“
„Oh, die kenne ich sehr gut. Sie hat schon mehr als hundert Winter erlebt und kommt trotzdem alle Jahre einmal zu uns. Zwar ist sie eine Christin, steht aber trotzdem bei allen Kurdenstämmen in großem Ansehen. Niemand würde es wagen, ihr ein Leid zuzufügen.“
„Weißt du vielleicht, wo sie ihren eigentlichen Wohnsitz hat?“
„Nein. Sie kommt und geht, und niemand fragt sie nach dem Woher und Wohin. Neu ist mir nur, dass sie die Losung besitzt.“
Also auch hier war nichts Näheres über die geheimnisvolle Frau zu erfahren.
„Kommt es oft vor, dass dir jemand die Losung nennt?“
„Selten. Das letzte Mal war es vor drei Wochen. Ein junger Mann kam zu mir, der für die Nacht um Unterkunft bat. Er sagte, er hätte einen wichtigen Brief zu besorgen.“
„Sagte er dir nicht, an wen der Brief gerichtet sei?“
„Nein. Er erwähnte nur, dass er einen weiten Ritt bis zu den Stämmen der Dschesireh vor sich habe. Dort sei der Mann zu finden, für den der Brief bestimmt sei.“
Halef stieß mich an. Er hatte offenbar den gleichen Gedanken wie ich. Es konnte kein Zweifel sein, dass der Scheik den Boten Marah Durimehs gesprochen hatte. Und damit ließ ich allen Argwohn fallen. Der Mann sprach in allem die Wahrheit und meinte es ehrlich.
„Der Bote hat sein Ziel nicht erreicht“, erklärte ich ernst. „Er wurde ermordet.“
„Katera peghamber! Sagst du die Wahrheit?“
„Ich sage sie. Wir standen an der Leiche des Ermordeten.“
„Allah vernichte den Mörder! Aber woher weißt du, dass es der Bote war, den ich meine, und nicht ein anderer?“
„Wir fanden den Brief bei der Leiche. Er enthielt als Erkennungszeichen den Satz, den nur ein Eingeweihter wissen kann.“
„Was tatest du mit dem Schreiben? Sandtest du es weiter an den Mann, an den es gerichtet war?“
„Das war nicht nötig, denn der Brief war an mich selber geschrieben.“
„Gheine Chodeh kes nekane – Gott ist allmächtig! Das ist ein wunderbares Zusammentreffen. Herr, du musst ein Liebling des Propheten sein.“
„Dieser Brief ist die Veranlassung unserer Reise nach Kurdistan. Darum siehst du uns hier.“
„Alahhm d’Allâh – ich danke Gott dafür, denn dieser Umstand verschafft mir die Freude eures Anblicks.“
Das Benehmen des Scheiks war jetzt geradezu herzlich zu nennen. Ich freute mich darüber, und auch den Gefährten merkte ich die Genugtuung darüber an, dass sich unsere diplomatischen Beziehungen zu dem Beherrscher der Schirwani-Kurden ständig besserten. Wie sehr musste er dem ‚guten Dschinn‘ zum Dank verpflichtet sein, dass er es mit der Erfüllung der Weisung, die dieser ihm gegeben hatte, so ernst nahm!
Ich warf einen Blick auf den Nachthimmel. Dem Stand der Sterne nach musste in einer Stunde die Morgendämmerung anbrechen. Im Lager der Kurden herrschte noch immer vollkommene Ruhe. Nicht der geringste Laut drang zu uns herauf, ein Zeichen, dass die Abwesenheit des Scheiks noch nicht bemerkt worden war.
Demal Khan hatte uns nun alles über den ‚guten Dschinn‘ gesagt, was er selber wusste, und begann von dem Zug gegen die Deri zu erzählen. Das war kein Geheimnis mehr, von dem der Dumbeli nichts erfahren durfte, und ich rief ihn deshalb zurück.
Man durfte dem Scheik, was die Deri betraf, nicht alles glauben, was er erzählte; dafür war er zu sehr Partei. Aber selbst wenn die Hälfte von allem als Übertreibung anzusehen war, erhielten wir immer noch einen ungünstigen Eindruck von diesen Leuten. Nach der Schilderung des Scheiks waren sie die schlimmsten Räuber und Mörder weit und breit. Ein Menschenleben galt ihnen nichts, wenn ein Mord ihnen nur den geringsten Vorteil einbrachte, und ihr ganzes Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, Geld und Geldeswert zusammenzuraffen. Ihre Wohnsitze lagen hart an der Grenze, und bei ihrer ganzen Einstellung war es selbstverständlich, dass sie den Schmuggel in großem Umfang betrieben. Die Schirwani standen mit ihnen seit Langem in Blutrache. Letztere hatten, wenn man dem Scheik glauben durfte, wiederholt und ohne jeden Grund mehrere Schirwani ermordet, die nach dem Urmia-See reisten oder von dorther kamen und dabei durch ihr Gebiet ziehen mussten.
Da hatte der Scheik sich entschlossen, gründlich Rache zu nehmen. Die Deri sollten eine Dijeh34 zahlen, durch die sie mit einem Schlag miteinander quitt wurden. Es wurde ein Raubzug ausgerüstet und es gelang den Schirwani tatsächlich, das erste Dorf der Deri in der Überrumpelung zu nehmen. Nachdem alles zusammengerafft worden war, was des Mitnehmens wert erschien, wurden die vorgefundenen Pferde erschossen, damit die Feinde nicht sofort in der Lage sein sollten, die Verfolgung aufzunehmen.
„Bist du nun zufriedengestellt?“, fragte ich, als der Scheik geendet hatte.
Demal Khan schmunzelte. „Ich bin es. Diese Hunde werden noch lange an uns denken.“
„Fürchtest du dich nicht vor einem Rachezug?“
„Sie sollen nur kommen! Eine Überraschung wird ihnen nicht gelingen, denn ich werde auf der Hut sein. Und in unseren Bergen, wo wir jeden Schritt und Tritt kennen, sind wir im Vorteil ihnen gegenüber.“
„Und spürst du gar keine Gewissensbisse darüber, dass du ein ganzes Dorf dem Elend preisgegeben hast?“
Der Scheik spreizte alle zehn Finger abwehrend aus. „Herr, tu mir den einen Gefallen und verschwende dein Mitleid nicht an diese Schurken! Sie verdienen es wirklich nicht, denn sie sind wie die jungen Katzen, die immer wieder auf ihre Pfoten zu stehen kommen, sie mögen stürzen, wie sie wollen.“
„Sind die Deri denn gar so geriebene Leute?“
„Malum – gewiss! Du ahnst gar nicht, welch ungeheure Werte da oben über die Grenze geschmuggelt werden.“
„Und die Behörden? Unternehmen die nichts dagegen?“
„Nichts.“
„Aber die Zollbeamten? Es gibt doch sicher welche da oben.“
„Natürlich! Es gibt welche, sowohl auf unserer wie auf der persischen Seite. Aber die stecken mit den Deri unter einer Decke.“
„Warum schickt denn die Regierung keine Soldaten hinauf?“
„Soldaten? Damit zeigst du, dass du die Verhältnisse nicht kennst, Soldaten würden am allerwenigsten ausrichten. Sie würden einfach nicht geduldet.“
„Warum nicht? Die Zollbeamten werden ja auch geduldet.“
„Du hast ganz richtig gesagt: Sie werden geduldet. Das ist aber auch alles. Und damit ist ihre ganze Tätigkeit ausgedrückt. Soldaten aber werden nicht da hinaufgeschickt werden, das würden die Regierungen nicht wagen, weder die türkische noch die persische. Denn sie wissen genau, dass sie dabei den Kürzeren ziehen würden. Oder muss ich dir erst sagen, dass die Deri nur dem Namen nach unter der Pforte und dem Schah-in-Schah stehen?“
„Ich habe davon gehört, dachte aber nicht, dass es gar so schlimm sei.“
„Es ist so schlimm, das darfst du mir glauben. Eine kleine Abteilung Soldaten würde da oben einfach aufgerieben werden. Es müsste schon ein starkes Heer geschickt werden, und selbst dann wäre der Ausgang zweifelhaft, denn die Deri haben in ihren Bergen eine fast unangreifbare Stellung.“
„Hm!“
„Wird dich deine Aufgabe da hinaufführen?“
„Nein. Ich gehe auf dem geraden Weg nach dem Urmia-See.“
„Heife – schade, möchte ich fast sagen, wenn es da oben nicht gar so gefährlich wäre zu reisen. Denn so etwas von Zerklüftung wirst du wahrscheinlich noch nie gesehen haben. Es sieht aus, als ob der Scheitan mit den Bergmassen Fangball gespielt hätte.“
„Brrrrr!“
„Ja, Herr, es ist fürchterlich! Ich möchte keinem Menschen, auch meinem schlimmsten Feind nicht, den Rat geben, da hinaufzugehen. Der Scheitan geht um!“
„Was du nicht sagst! Und trotzdem hast du dich jetzt mit deinen Kriegern hinaufgewagt und bist heil und gesund zurückgekehrt.“
„O Herr, wir sind doch bloß über die Grenze ihres Gebiets gekommen, weiter nicht.“
„Wäre es denn später gar so gefährlich geworden?“
„Du sagst es. Hast du noch nie etwas von der Geisterschmiede von Kulub35 gehört?“
„Nie! Übrigens ein sonderbarer Name!“
„Noch sonderbarer ist, was da oben geschieht.“
„Der Name scheint anzudeuten, dass es nicht geheuer ist.“
„Ja. Ich weiß genau, dass diese Gegend von allen gemieden wird, sogar von den Deri, in deren Gebiet sie liegt. Kein Mensch hat dort seine Behausung aufgeschlagen, und trotzdem sind dort Leute gefunden worden. Natürlich tot, die Hälse auf den Rücken gekehrt.“
„Schauderhaft! Aber sprachst du nicht von einer Schmiede? Es muss also doch jemand dort oben wohnen.“
„Ja, das weiß ich auch nicht“, gestand er verlegen. „Ich kann nur sagen, was ich gehört habe, denn ich habe noch keinen Menschen kennengelernt, der in der Geisterschmiede gewesen und mit dem Leben davongekommen ist.“
„Aber warum der Name Kulub?“
„Das kann ich dir sagen. Die Natur hat dort mit einigen Bergen ein launisches Spiel getrieben. Sie verlaufen von der Spitze eigenartig geschweift nach abwärts und sehen von der Entfernung aus wie umgestülpte Herzen.“
„Seltsam!“
„Seltsam ist zu wenig. Sage lieber unheimlich! Die Gegend ist im ganzen Land im Verruf. Sie heißt im Volksmund Märdistan, das heißt Land, in dem nur starke Männer, oder sagen wir lieber gleich Helden, bestehen können. Auf der Karte wirst du diesen Namen freilich vergebens suchen.“
„Deine Schilderung könnte mich fast veranlassen, einen Abstecher da hinauf zu unternehmen. Aber wir haben leider keine Zeit.“
„Katera Chodeh – um Gotteswillen! Lass dir diesen Gedanken ja nicht beikommen! Er würde euer Verderben sein.“
„Wer sagt dir das?“, ließ sich da Halef vernehmen.
Ich hatte mich schon im Stillen gewundert, dass er während meiner ganzen Unterredung mit dem Scheik geschwiegen hatte. Aber seine letzte Bemerkung rief seinen ganzen Widerspruchsgeist wach.
„Glaubst du, wir fürchten deine Geister?“, fuhr er fort. „Wir haben während unseres ganzen Lebens nichts anderes getan als mit Geistern gekämpft.“
„Ihr – habt – mit – Geistern gekämpft?“, brachte der Scheik stockend hervor.
„Ja, mit den Quälgeistern, den Schwarmgeistern und sogar mit den Weingeistern, die die schlimmsten von allen sind“, lachte Halef. „Aber wir nehmen es auch noch mit allen anderen Geistern auf. Vor unseren Messern werden sie klein beigeben, und vor unseren Gewehren gar werden sie Reißaus nehmen.“
Ich gab Halef einen Wink zu schweigen. Ein Blick auf die Sterne hatte mich belehrt, dass es bis zum Anbruch des Morgens nicht mehr weit war. Es war Zeit, dass wir uns mit unserem Freund Lindsay befassten. Was gingen uns schließlich die Deri an! Und noch weniger kümmerte uns die Geisterschmiede von Kulub.
5. Ein frohes Wiedersehen
Wir brachen auf, voran der Scheik, ich und Dojan. Ich hatte die anderen angewiesen, langsam mit den Pferden zu folgen und auf jeden Fall nicht hinaus auf die Lichtung zu treten, sondern am Waldrand unter den Bäumen anzuhalten. Zwar traute ich dem Scheik, aber ich wusste nicht mit Bestimmtheit, wie sich seine Leute zu uns stellen würden, wenn sie erfuhren, dass wir gekommen seien, sie von ihren Gefangenen zu befreien, und zwar ohne Lösegeld.
Wir waren noch nicht ganz unten am Bach, da legte der Scheik die Hand auf meinen Arm.
„Chodih, ich habe eine große Bitte.“
„Sage sie!“
„Du würdest mir einen bedeutenden Gefallen erweisen, wenn du meinen Leuten gegenüber nichts davon erwähntest, auf welche Weise unser Zusammentreffen stattgefunden hat.“
„Zugestanden! Es kann mir nichts daran liegen, dich vor deinen Kriegern zu beschämen.“
„Ich danke dir. Du kannst auf meine Erkenntlichkeit rechnen. Bu kalmeta ta tschiu taksir nakem – um dich zu ehren, werde ich nichts sparen.“
Auf der anderen Seite des Bachs angekommen, führte ich den Scheik nicht den gleichen Weg, den ich wenige Stunden vorher eingeschlagen hatte, sondern das Bachufer entlang. Die Gefährten dagegen nahmen unter Führung Karas die Richtung nach dem Zelt des Scheiks.
Da wir kein Gewicht darauf legten, unbemerkt zu bleiben, musste uns der Posten, der am oberen Ausgang des Talkessels stand, kommen hören. Ein lautes „Kié – wer ist’s?“, scholl uns plötzlich entgegen.
„Ich bin’s, Dahaf. Es ist alles in Ordnung.“
Trotzdem machte der Posten große Augen, als er sah, dass der Scheik nicht allein kam, sondern von einem Mann begleitet wurde, den er noch nicht gesehen hatte.
Im Osten färbte sich der Himmel, als wir auf die Lichtung traten, auf der noch immer alles in tiefem Schlaf lag. Da stieß der Scheik einen gellenden Pfiff aus, dem die Worte folgten:
„Ro dehole – der Tag bricht an! Auf, ihr Langschläfer, ihr Faulpelze und Taugenichtse! Wollt ihr gleich munter werden, ihr Tagediebe, ihr unnützen Brotesser!“
Ich verstand den Scheik wohl. Er hatte unter meinen Händen eine keineswegs hervorragende Rolle gespielt und wollte mir jetzt unter der Blume sagen, dass er nicht der unbedeutende Kerl sei, für den ich ihn vielleicht hielt. Ich kümmerte mich nicht weiter um ihn, sondern trat zu einer Gruppe, bei der ich zwei Personen bemerkte, die an Händen und Füßen gefesselt waren. Dabei zog ich den Zipfel meines Haik so über die Augen, dass ich von Lindsay nicht sogleich erkannt werden konnte.
Ja, da lag er, der ehrenwerte Master David Lindsay, genauso gekleidet, wie ich ihn vor nun mehr als zwanzig Jahren zum ersten Mal gesehen hatte, graugewürfelt vom hohen Zylinderhut angefangen bis zu den Gamaschen herunter. Ich hätte ihn an der Kleidung allein unter Tausenden erkannt, selbst wenn ich sein Gesicht nicht gesehen hätte, mit der wunderbar beweglichen Nase, die heute noch die Spuren der mächtigen Aleppobeule trug, von der sie damals verunziert worden war.
„Good morning, Master David! Wie ist Euch Eure Reise durch Australien bekommen?“, begrüßte ich ihn auf Englisch.
Der Gefragte wendete mir mit einem Ruck sein Gesicht zu, in dem eine große Veränderung vor sich ging. Sein Mund nahm die mir so bekannte Form des Trapezes an, und während sein Geist in der Erinnerung forschte, wo er meine Stimme schon einmal gehört haben könnte, suchte seine Nase mit. Sie pendelte von einer Seite zur anderen, und zwar mit einer Raschheit und Behändigkeit, als ob sie es gar nicht erwarten könne, die Lösung des Rätsels zu finden.
Da fiel sein Blick auf den Hund, der mir auf dem Fuß gefolgt war. Das Trapez fiel mit einem hörbaren Klapps zusammen, während die Nase eine überraschte Schwenkung nach oben vollführte, und jetzt endlich entflohen die ersten Worte dem Gehege seiner Zähne.
„Wonderful! Dojan, wie er leibt und lebt! No, kann’s nicht sein – ist ja längst tot – Bagdad – Birs Nimrud – Räuber! – Kann also nicht Dojan sein – oder doch – er wedelt mit dem Schweif – sehe es deutlich – scheint also den Namen zu kennen – heißt vielleicht selber so! Incomprehensible! Ganz und gar unbegreiflich!“
„Wenn’s euch beliebt, Master, so lasst den Hund Hund sein und beschäftigt Euch ein wenig mit mir! Wer war denn damals der Herr jenes Dojan, den Ihr so gut in Erinnerung habt?“
„Herr? Weiß noch sehr gut! War ein Deutscher! Großartiger Kerl! Hat mir aus mancher Klemme – aber wer seid Ihr? Ihr wisst von meiner Reise nach Australien! Seid Ihr am Ende gar – Heighday! Ihr seid es selber, Master Kara! Kann gar nicht anders sein!“
„Nun, lange genug habt Ihr gebraucht!“, lachte ich, indem ich meinen Haik zurückschob. „Beim Hund ging es schneller!“
Da tat Lindsay einen gewaltigen Seufzer, von dem ich heute noch nicht weiß, ob er der Erleichterung oder der Freude, mich wiederzusehen, entsprang. Er wollte auf die Füße, sank aber sofort wieder auf den Boden zurück, denn er hatte ganz vergessen, dass er gefesselt war. Ich beugte mich nieder und nahm ihm die Riemen ab, wobei mir die umstehenden Kurden erstaunt zusahen. Doch enthielten sie sich jeder Äußerung, da sie aus der Haltung ihres Scheiks, der dabei stand, erkennen mussten, dass er mit meiner Handlungsweise einverstanden sei.
Als sich Lindsay frei fühlte, schlang er seine Arme um mich und versuchte an der Stelle meines Bartwalds, wo er meinen Mund vermutete, einen Kuss anzubringen, dem ich nur durch eine rasche Wendung meines Hauptes entging. Damit war den Gefühlen des Herzens genug getan und der Verstand trat wieder in seine Rechte.
„Master, wie kommt Ihr gerade hierher?“, erkundigte sich Lindsay.
„Das ist eine lange Geschichte, die ich Euch später erzählen werde.“
„Well. Kann also warten! Aber woher wusstest Ihr von mir?“
„Durch Euren kurdischen Führer, der uns auf der Flucht in die Arme lief. Von ihm haben wir alles erfahren.“
„Sehr gut! Ausgezeichnet! War ein ungeheures Glück! Soll aber auch ein anständiges Bakschisch bekommen. Zahle gut, sehr gut! Wo ist er?“
„Bei den anderen dort hinten unter den Bäumen.“
„Bei den anderen? Wer ist noch bei Euch?“
„Ihr werdet staunen. Zuerst Hadschi Halef Omar, der Scheik der Haddedihn…“
„Hal…“ Nur diese eine Silbe brachte der Lord hervor.
„Ferner Kara Ben Halef, sein Sohn, der freilich noch klein war, als Ihr ihn das letzte Mal saht.“36
„Kara? Well! Lieber, kleiner Kerl!“
„Und schließlich Omar Ben Sadek, den Ihr ja auch von früher her kennt.“
„Omar? Yes. Weiß noch sehr gut! Braver Kamerad!“
„Wir kamen gerade zur rechten Zeit, um Euch aus einer sehr unangenehmen Lage zu befreien.“
„Yes. Schauderhafte Lage! Schrecklich unbequem! Bin Euch sehr verbunden. Wie habt Ihr das Kunststück fertiggebracht?“
„Es war nicht so schwer. Ich habe nur den Scheik ein wenig gefangen genommen.“
„Well, verstehe! Gefangennahme – Austausch – Befreiung! Feines Abenteuer! Nicht mit Geld zu bezahlen! Beneide Euch fast darum.“
„Nun, ich denke, Ihr könntet mit Eurem Abenteuer auch zufrieden sein“, lachte ich.
„Bin ich auch. War nur nicht so unterhaltend wie das Eure. Grober Kerl, der Scheik, nicht?“
„War nicht so schlimm! Wir sind schließlich ganz gute Freunde geworden.“
„Freunde? Dieser schmutzige Kerl und Ihr? Fie! Horrible! Schauderhaft!“
„Ihr habt übrigens Eure Befreiung nicht nur mir und meinen Gefährten zu verdanken, sondern auch noch einer anderen Person.“
„Wem noch? Sagt es schnell! Werde Bakschisch geben.“
„Diese Person braucht Euer Geld nicht. Sie ist auch eine alte Bekannte von Euch, nämlich Marah Durimeh.“
„Wer? Ah, weiß es noch! Alte Kurdenkönigin oder so etwas! Nicht?“
„Ja.“
Ich gab nur diese kurze Antwort, weil meine Aufmerksamkeit durch einen anderen Umstand in Anspruch genommen wurde. Der Mitgefangene Lindsays war unterdessen auf einen Wink des Scheiks ebenfalls von seinen Fesseln befreit worden. Es war ein junger Mann mit angenehmen Gesichtszügen, dem man den Perser auf zwanzig Schritte Entfernung ansah. Gerade jetzt hatte ich zu ihm hingesehen und glaubte zu bemerken, dass es bei der Nennung Marah Durimehs wie eine gewaltige Überraschung über seine Züge ging. Kannte er sie vielleicht? Und stand seine jetzige Reise irgendwie zu ihr in Beziehung?
Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Der Perser sah, dass ich ihn beobachtete. Er erhob sich und legte die Rechte grüßend an die Brust.
„Mir, mi newahet kjerdem tura – Emir, ich mache dir meine Verbeugung.“
„Mi scheker kjerdem tura – ich danke dir“, erwiderte ich höflich, und zwar ebenfalls auf Persisch.
„Pahawani! Puradarem tu – du bist ein Held! Ich bin dein Bruder.“
„Wafaldarem tu – ich bin dein Freund. Es macht mir Freude, dass ich dir einen Dienst erweisen konnte.“
„Bi jahnäm – bei meiner Seele! Meine Dankbarkeit hat keine Grenzen.“
„Ich bitte dich, mach keine Umstände, die unter uns überflüssig sind!“
Der Scheik wandte sich jetzt an mich.
„Chodih, seid meine Gäste, du und die Deinigen, solange wir uns in diesem Lager aufhalten. Leider müssen wir bald aufbrechen, denn wir haben heute noch einen weiten Weg vor uns. Ser sere men at – ihr seid mir willkommen.“
Damit schritt er uns voran auf sein Zelt zu. Ich folgte mit den bisherigen Gefangenen. In der Nähe des Waldes angekommen rief ich die wartenden Gefährten durch einen Pfiff herbei, und sie traten unter den Bäumen mit den Pferden hervor.
Ich unterlasse es, die Szene des Wiedersehens zwischen Lindsay und den drei Haddedihn zu beschreiben; ich begnüge mich zu erwähnen, dass auch der Dumbeli-Kurde sein redliches Teil von der überquellenden Freude des Lords erhielt, und zwar in klingender Münze.
Noch größer aber war das Erstaunen des Scheiks beim Anblick unserer Rassepferde. Er fiel von einem Ausdruck des Entzückens in den anderen. Schließlich richtete er die Bemerkung an mich: „Herr, ich weiß nicht, ob es die gleichen Tiere waren, die Scheik Melef vor Jahren zu besitzen wünschte, wie du sagtest. Aber wenn sie diesen hier glichen, wundert es mich nicht. Und ich sage dir, wäret ihr nicht meine Freunde, sere men – bei meinem Haupt, ihr würdet eure Pferde niemals mehr zu sehen bekommen.“
Da kam wieder einmal die Räubernatur des Kurden im Scheik zum Durchbruch. Halef hatte die letzten Worte vernommen und konnte es nicht über sich gewinnen, ruhig zu bleiben. Obgleich ihm einerseits das Lob des Scheiks schmeichelte, ärgerte er sich doch über die unverhüllte Raubgier, die aus seinen Worten sprach.
„Was fällt dir ein, Demal Khan? Diese Tiere sind nichts für dich, denn sie würden keinen anderen als ihren Besitzer tragen. Sie sind Radschi pak, reinstes Blut, wie du wohl selbst schon erkannt haben wirst. Diese Bakarrastute, die meinem Sohn Kara gehört, war die Lieblingsstute des Großscherifs von Mekka, den Allah tausend Jahre leben lasse! Er schenkte sie meinem Sohn, weil dieser ihm das Leben gerettet hatte.“37
„Ser babe men – beim Haupt meines Vaters! Ist das wahr?“
Halef blickte ihn fast verächtlich an. „So hast du die Geschichte von der Heldentat, die ihren Weg bereits um den ganzen Erdball gemacht hat, noch gar nicht vernommen?“
„Nein.“
Der Hadschi machte eine Bewegung mit der Hand, als ob er sagen wollte: ‚Hier ist Hopfen und Malz verloren.‘ Dann fuhr er fort: „Betrachte ferner diesen Rapphengst, der den Namen Assil Ben Rih führt, weil er es an Schnelligkeit mit dem Wind aufzunehmen vermag. Der Sultan von Dschermanistan hat ihn diesem Emir, der dich seiner Freundschaft würdigt, verehrt, weil er durch ihn von der Cholera geheilt wurde, nachdem ihn alle Ärzte aufgegeben hatten.“
„Dschermanistan? Von diesem Land habe ich noch nichts gehört.“
„Das begreife ich nicht. Bei uns Haddedihn erzählt jedes Kind davon.“
„Der Mensch kann nicht alles wissen. Wahrscheinlich ist dieses Land sehr weit von hier entfernt.“
„Das will ich meinen. Soll ich dir den Weg dorthin beschreiben?“
„Ich bitte dich darum.“
„So höre!“
Der Kleine räusperte sich unternehmend, bevor er begann: „Wenn du von Kurdistan hundert Tage gegen Mitternacht reitest, kommst du an ein großes Meer mit Namen Tuna38. Auf diesem musst du abermals hundert Tage und hundert Nächte in großen Kähnen, in denen Platz für mehrere tausend Menschen ist, fahren, bis du zum Lande Betsch39 gelangst. Durch dieses musst du zweihundert Tage auf dem Dschemmel40 reiten, dann kommst du an das große Meer Tschin u matschin41. Die Fahrt durch dieses dauert dreihundert Tage und Nächte. Nach dieser Zeit bist du endlich an der Küste von Dschermanistan, das eine einzige große Oase mit vielen Millionen Bewohnern ist.“
„Chodeh scogolemen – Gott stehe mir bei! So groß ist die Welt?“
„Pah! Sie ist in Wirklichkeit noch hundertmal größer.“
Da hatte Halef ja die reinste babylonische Verwirrung angerichtet.
Ich musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut hinauszuplatzen, während der Kurde den Worten des Kleinen mit einer wahren Andacht lauschte. Dieser warf mir, als er geendet hatte, einen Blick zu, der besagen sollte: Siehst du, wie schön ich mir das alles gemerkt habe! Es ist nur gut, dass Lindsay und der Perser, der auf mich den Eindruck eines gebildeten Mannes machte, nicht Kurdisch verstanden. Sie wären sonst am Ende irre geworden an seinem Verstand.
„Dieser unvergleichliche Renner“, fuhr Halef fort, „gehört mir, und ich habe ihn vom Kaiser von Ostralia42 zur Besiegelung unseres letzten Bündnisvertrags erhalten. Du hast wohl auch von diesem Land nicht gehört?“
„Nie.“
„Das ist zu beklagen. Doch diesmal will ich es mir ersparen, dich mit meinen Kenntnissen zu bereichern. Der Topf deines Gedächtnisses könnte sonst überfließen.“
Der wirkliche Grund war natürlich der, dass seine eigenen Kenntnisse in der Länder- und Völkerkunde mit den Namen erschöpft war, die er vorher so heillos durcheinandergebracht hatte.
„Sieh dir nun noch diesen Schecken an! Er gehörte ursprünglich dem furchtbarsten Räuber der ganzen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieser Held hier, Omar Ben Sadek, hat ihn erbeutet, nachdem er vierzehn Tage und vierzehn Nächte ununterbrochen mit dem Räuber gekämpft hatte.“
„Vierzehn Tage und Nächte!“, staunte der Scheik. „Und ununterbrochen? Wann hat er denn da gegessen und geschlafen?“
„Hernach, nachdem er den Räuber getötet, geköpft, gevierteilt und schließlich verbrannt hatte. Dann gab er sich ganze vierzehn Tage und Nächte dem Essen und Schlafen hin. So lange währte es, bis er wieder zu seiner vollen Körperkraft gekommen war.“
Wenn der gute Omar gewusst hätte, welche Heldentat Halef ihm soeben aufgebunden hatte! Der Kurde freilich nahm alles mit dem Glauben hin, den der unverfälschte Orientale seinen Märchen entgegenbringt.
„Begreifst du nun“, endete Halef seine Strafrede, „dass diese unvergleichlichen Tiere nicht für dich bestimmt sind? Und dass der Wunsch, auch nur eines von ihnen zu rauben, ein unverzeihliches Verbrechen ist? Viele haben schon versucht, sich dieser Tiere mit Gewalt oder mit List zu bemächtigen, aber alle sind eines entsetzlichen Todes gestorben. Allah bewahre dich vor einem solchen Schicksal und schenke deinem Herzen Zufriedenheit und Genügsamkeit!“
Der Scheik gab keine Antwort, ob aus Verlegenheit oder weil er sich von der Rede Halefs überwältigt fühlte, war nicht zu entscheiden. Er änderte den Gesprächsstoff, indem er uns zum Frühstück einlud. Dieses wurde, da sich das Zelt als zu klein für alle Gäste erwies, im Freien eingenommen. Den Umständen gemäß bekamen wir natürlich kalte Kost vorgesetzt, nämlich getrocknete Maulbeeren, Brot, in Asche gerösteten Kürbis und Wasser. Nach dem Essen gab der Scheik den Befehl, das Eigentum der früheren Gefangenen herbeizubringen. Da die Verteilung noch nicht vorgenommen worden war, war dieser Befehl schnell ausgeführt. Es fehlte, wie sich bei der Untersuchung ergab, nicht das Geringste. Dass auch der Dumbeli-Kurde sein Pferd und seine wenigen Habseligkeiten zurückerhielt, bedarf wohl kaum einer besonderen Erwähnung.
Mit welchen Gefühlen die Kurden die Sachen wieder hergaben, die sie bereits als sichere Beute betrachtet hatten, vermochte ich nicht zu sagen. Ebenso wenig, wie sich der Scheik später seinen Leuten gegenüber rechtfertigen würde. Ich hätte dabei sein mögen, als er sich dieser gewiss nicht leichten Aufgabe entledigte. Denn dass er von mir aus dem Lager geholt worden war, wollte und durfte er ihnen doch nicht bekennen. Und ob die anderen etwas von dem geheimen Losungswort des ‚guten Dschinns‘ erfahren durften, bezweifelte ich.
Als der Scheik von uns die Erklärung erhalten hatte, dass wir keine Forderung mehr an ihn zu stellen hätten, gab er den Befehl zum Aufbruch. Im Nu waren die Pferde gesattelt und bepackt und der Zug setzte sich talaufwärts an uns vorbei in Bewegung. Der Anführer blieb bei uns zurück, bis der letzte seiner Leute hinter der nächsten Krümmung verschwunden war, dann nahm er von uns Abschied.
„Unsere Wege trennen sich hier. Wir ziehen gen Mittag. Wohin geht ihr von hier aus?“
„Gerade gegen Sonnenaufgang.“
Der Scheik schüttelte bedenklich den Kopf. „Du beabsichtigst doch hoffentlich nicht, von dieser Seite aus über die Grenze zu gehen?“
„Warum nicht? Nach meiner Karte führt von hier aus ein Pass über das Zagrosgebirge.“
„Das wohl, aber was für einer! Ich kenne ihn, aber ich glaube nicht, dass in den letzten zwanzig Jahren auch nur ein Mensch diesen Übergang benutzt hat. Er ist unglaublich steinig und steil.“
„Hm! Welchen Übergang schlägst du vor?“
„Jeden anderen von denen, die mehr nach Mitternacht liegen. Wenn ihr diesem Wasser bis zu seiner Mündung folgt und dann nach Sonnenaufgang abbiegt, stehen euch mehrere Wege offen, die besser gangbar sind.“
„Aber dann kommen wir doch in das Gebiet der Deri, vor denen du uns gewarnt hast.“
„Sei unbesorgt! Ihr werdet in dieser Richtung auf nur wenige Menschen treffen. Die Dörfer der Deri sind weiter nördlich zu suchen.“
„Ich danke dir. Wir werden jedenfalls deinem Rat folgen.“
„Ihr werdet gut daran tun. Chodeh dauleta ta mazen b’ket – Gott vermehre deinen Reichtum!“
Der Scheik reichte jedem von uns die Rechte, dann ritt er den anderen nach und wir waren wieder allein und auf uns selbst angewiesen.
Das Nächste, was wir jetzt taten, war, dass wir das magere Frühstück der Kurden mit Hilfe unserer eigenen Vorräte ergänzten. Während des Essens nahm ich Lindsay ins Gebet, wobei ich Englisch sprach für den Fall, dass Dinge zur Sprache kamen, von denen die anderen nichts zu wissen brauchten.
„Nun, Master“, begann ich, „wie ich höre, seid Ihr wieder auf Euren alten Sparren verfallen. Glaubte, Ihr hättet ihn längst überwunden.“
„Wie meint Ihr das?“
„Die Fowling-bulls scheinen wieder in Eurem Hirn zu spuken, wie ich aus den Ausgrabungen schließe, die Ihr jetzt wieder vornehmt.“
Es glitt etwas wie Verlegenheit über das Gesicht des Lords.
„Fowling-bulls? No. Habe das längst hinter mir.“
„Aber wonach habt Ihr dann hier gegraben?“
Er wollte nicht recht mit der Sprache heraus, schien aber schließlich doch einzusehen, dass er mir vertrauen könne.
„Werde es Euch sagen. Aber Ihr müsst darüber schweigen.“
„Wenn Ihr es verlangt, gern.“
„Yes. Will nicht haben, dass von der Sache gesprochen wird.“
„Ist vielleicht ein Geheimnis dabei?“
„Wie man es nimmt. Jedenfalls soll die Geschichte nicht unter die Leute kommen. Ihr wollt also wissen, wonach ich grabe? Nach Gold.“
„Nach – – Gold?“
„Yes. Habe auf meiner letzten Reise durch Australien Gold gefunden. Durch Zufall! Gibt aber trotzdem Leute, die mich seitdem als Sachverständigen für Goldvorkommen betrachten.“
„Gold! Lord David Lindsay ist unter die Goldsucher gegangen! Mir unbegreiflich!“
Das Unbehagen in den Zügen des Engländers vertiefte sich.
„Suche natürlich nicht für mich. Habe genug von diesem Zeug, brauche es also nicht. Bin Lord David Lindsay. Yes.“
„Dann sucht Ihr also zum Vorteil anderer als ihr Beauftragter und Angestellter?“
„Angestellter! Fie! Grässliches Wort! Lord Lindsay und angestellt! Möchte Euch wegen dieses Wortes am liebsten einen Boxhieb auf die Nase versetzen, dass sie aussieht wie die meinige vor zwanzig Jahren, als sich diese schreckliche Aleppobeule darauf sesshaft machte.“
„Master, wenn ich Euch Unrecht getan haben sollte, bin ich gern bereit, zur Sühne mit Euch zu boxen.“
„No. Nicht boxen! Kann Euch nämlich nicht ganz Unrecht geben.“
„So habt Ihr diese Reise nur zu dem Zweck unternommen, um Gold zu suchen?“
„No. Nicht deswegen. Wäre auch so nach Kurdistan gegangen. Erinnerungen von früher her auffrischen und so! Dachte gar nicht an Gold.“
„Wie seid Ihr dann auf diesen glänzenden Einfall gekommen?“
„No. Nicht ich, sondern der Präsident der Bank von England. Yes.“
Ich war überrascht. „Der Präsident der Bank von England hat Euch beauftragt, in Kurdistan nach Gold zu suchen?“
„Nicht beauftragt – schreckliches Wort das! – sondern nur gebeten.“
„Aber ich verstehe nicht – drückt Euch doch deutlicher aus! Habe noch nie gehört, dass in Kurdistan Gold gefunden wurde.“
„Ich auch nicht. Muss aber trotzdem vorhanden sein. Werdet es gleich begreifen.“
„Da bin ich wirklich begierig.“
Der Engländer war mit dem Essen fertig geworden und zündete sich nun seine Pfeife an.
„Well! Es war also in London einige Tage vor meiner Abreise nach Kurdistan. Erhielt eines Morgens Besuch, nämlich den des Präsidenten der Bank von England. Erzählte mir eine merkwürdige Geschichte. Die osmanische Bank in Bagdad bietet seit längerer Zeit der dortigen Zweigstelle der englischen Bank ganz erhebliche Mengen Gold an. Nicht gemünztes Gold, sondern in Barren. Könnt Ihr Euch denken, Master, was das zur Folge haben kann?“
„Das ist nicht schwer zu erraten. Wenn der Markt mit Gold überschwemmt wird, dann muss der Kurs des Goldes sinken. Aber um solche Mengen kann es sich doch nicht handeln.“
„Fehlgeschossen, Master! Es sind wirklich außerordentliche Mengen.“
„Hm! So hat es sich also schon auf der Börse fühlbar gemacht?“
„Noch nicht! Wird aber bald soweit sein.“
„Und die Herkunft des Metalls?“
„Selbstverständlich sind Nachforschungen angestellt worden. Man ist die osmanische Bank um Aufschluss angegangen. Der Bescheid ist aber sehr dürftig ausgefallen. Die Bank konnte oder wollte nichts verraten.“
„Das Letztere scheint mir wahrscheinlicher. Ich vermute, dass die Bank bei dem ganzen Handel ein vorzügliches Geschäft macht. Es wird nicht in ihrem Vorteil liegen, den Namen ihres Kunden preiszugeben, der für sie buchstäblich Gold wert ist.“
„Well! Mögt in diesem Punkt Recht haben. Aber die Bank von England kann sich damit nicht zufrieden geben.“
„Natürlich nicht!“, lächelte ich. „Wenn das Pfund zu wackeln beginnt! Denkt Euch doch nur, was das heißt! Das genügt sogar, um einen ehrenwerten Lord von Altengland auf die Beine zu bringen.“
„Spottet nicht! Was geht Lord Lindsay das Pfund an! Will meinem Land einen Dienst erweisen. Das ist alles.“
„Das ist edel gedacht von Euch“, lenkte ich ein. Ich musste vorsichtig sein, denn Lindsay war im Punkt der Ehre sehr empfindlich. „Erzählt weiter! Wir sind bei Eurem Besuch in London stehengeblieben.“
„Alright! Sagte schon, dass die Nachforschungen zu keinem sicheren Ergebnis geführt hatten. Nur eines schien festzustehen: Alle Spuren wiesen in das Innere von Kurdistan. Dort musste die Quelle des Goldstroms sein. Und der Präsident bat mich nun, hört Master, bat mich, auf meiner Reise ein Auge auf die bewusste Angelegenheit zu haben.“
„Und was dann, wenn es Euch wirklich gelingen sollte, die Spuren bis zum Ende zu verfolgen? Dann wird England kommen und in irgendeiner Form die Hand auf die Entdeckung legen, die Ihr gemacht habt. Meint Ihr nicht auch?“
„Hm!“, brummte Lindsay nachdenklich.
„Die Geschichte gefällt mir nicht. Ich würde mich an Eurer Stelle nicht damit befassen.“
„Warum nicht?“
„Weil ich nicht den Spion für andere Leute abgeben möchte“, erklärte ich aufrichtig.
Lindsay nahm die Pfeife aus dem Mund und starrte mich eine Weile sprachlos an. Dann warf er sie weg und sprang auf.
„Ist das Euer Ernst, Master?“, fragte er zornig.
„Ja, mein völliger Ernst.“
„Well, so boxen wir uns. Steht auf, Master! Ich will Euch lehren, einen Lord aus Altengland einen Spion zu schimpfen. Ich, David Lindsay, ein Spion! Werde Euch den Spion austreiben.“
„Bleibt doch sitzen, Sir, und hört mich ruhig an, bis ich fertig bin! Nachher wollen wir boxen, wenn Ihr dann noch darauf versessen seid.“
Die Gefährten sahen uns verwundert an. Sie hatten kein Wort unseres Gesprächs verstanden, mussten aber aus der zornigen Miene des Lords schließen, dass dieser gegen mich aufgebracht war. Selbst Dojan, der wie gewöhnlich neben mir lag, ließ ein unwilliges Knurren hören.
„Solange warte ich nicht“, rief Lindsay kampflustig.
„Ihr müsst doch wohl warten, wenn ich nicht eher will. Also hört mich lieber bis zum Schluss an! Angenommen, Ihr hättet in Eurem Park von Lindsay Castle einen großen Schatz vergraben. Von Zeit zu Zeit macht Ihr einen kleinen Teil davon zu Geld. Das setzt Ihr mehrere Jahre fort, so lange, bis Ihr Verdacht erregt. Eines Tages findet Ihr auf Eurem Gebiet einen Menschen. Er hat es nicht auf Käfer und Schmetterlinge oder auf seltene Pflanzen und Blumen abgesehen, sondern stochert da und dort im Boden herum. Mit einem Wort, er will Euren Schatz finden. Was würdet Ihr sagen? Und vor allem, was würdet Ihr tun?“
„Hm!“
„Angenommen ferner, er würde Euch auf Eure Frage zur Antwort geben, dass er Euch keineswegs berauben wolle. Er wolle nur in Erfahrung bringen, wo der Schatz liegt. Würdet Ihr Euch damit zufriedengeben?“
„Hm!“
„Oder würdet Ihr den Mann nicht einfach am Kragen fassen und vor die Grenze Eures Besitztums befördern?“
„Hm!“, erklang es nun zum dritten Mal.
„Könnt Ihr einem solchen Menschen einen anderen Namen geben als den eines Spions?“
Da nahm Lindsay die Pfeife wieder auf, die er eben weggeworfen hatte, und ließ sich auf seinem früheren Platz nieder.
„Wollt Ihr auch jetzt noch mit mir boxen, Master? Ich stehe zur Verfügung.“
„Hört auf, Master!“, bat er im kläglichen Ton. „Das ist eine armselige Geschichte, eine ganz armselige Geschichte!“
Seine Unterlippe sank tiefer und immer tiefer herab, und die Spitze seiner Nase hatte ihre Farbe verloren.
Er tat mir leid. Er war ein seelenguter Mensch, aber es fehlte ihm die nötige Menschenkenntnis, wodurch er sich bereits wiederholt in Ungelegenheiten gebracht hatte. Ich musste ihm helfen und seine geschwundenen Lebensgeister wieder wachrufen.
„Hört mich an, Master! Wer sagt Euch denn, dass Ihr Eurem Vaterland mit Eurem Vorhaben wirklich einen so weltbewegenden Dienst erweist, wie Ihr meint? Wer sagt Euch überhaupt, dass ein solcher notwendig ist? Glaubt Ihr denn, es liegt in der Absicht des geheimnisvollen Besitzers der Goldmine, oder was es sonst sein mag, den Wert des Goldes herabzudrücken?“
„Hm!“
„Dadurch würde er doch sich selbst schädigen, vorausgesetzt, dass er nicht über unerschöpfliche Goldschätze verfügt. Und wir haben einstweilen noch keine Veranlassung, ihn für so unklug zu halten.“
„Hm!“, machte Lindsay abermals.
„Bis jetzt ist eine merkbare Beeinflussung des Geldmarkts noch nicht eingetreten. Ein wirklicher Grund zum Einschreiten besteht also noch gar nicht. Seht Ihr das nicht ein?“
Seine Nasenspitze hatte allmählich wieder ihre gewohnte Farbe angenommen und schnellte bei meinen letzten Worten befriedigt in die Höhe.
„Ihr habt Recht, Master, und ich könnte mir selber einen gewaltigen Nasenstüber versetzen.“
„Lasst das lieber sein, Sir!“, tröstete ich ihn. „Eure Nase hat noch genug von der Aleppobeule. Sie könnte diese neue Belastungsprobe vielleicht nicht mehr ertragen. Es schickt sich auch nicht für einen Lord.“
„Lasst den Lord beiseite, Master, wenn es Euch gefällig ist! Komme mir vor wie ein Schulknabe, der Prügel erhalten hat. Und Ihr, Master, Ihr habt sie mir gegeben! Bin Euch aber dankbar dafür und verspreche Euch, dass ich dieser Sache keinen einzigen Gedanken mehr schenken werde. Bin David Lindsay und habe es nicht nötig, verstanden?“
Damit war der Friede wiederhergestellt. Ich hatte gesehen, dass ich noch in der alten Weise mit ihm verkehren konnte wie vor Jahren, und das war notwendig, wenn wir, wie es den Anschein hatte, noch länger beisammen sein sollten. Ich stellte eine diesbezügliche Frage und Lindsay gab auch sofort die erwartete Antwort.
„Master, wenn Ihr nichts dagegen habt, bleibe ich bei Euch. Die Aufgabe, die ich mir selber gestellt habe, kann mir gestohlen bleiben, und im Übrigen ist es mir gleich, wohin Ihr mich führt. Wenn ich nur bei Euch bleiben darf!“
Was wollte ich machen? Lindsay war ein schätzenswerter, lieber Kamerad, und es freute mich aufrichtig, ihm so unerwartet begegnet zu sein. Freilich hatte er die Gewohnheit, manches beim verkehrten Ende anzufassen, aber seine sonstigen guten Eigenschaften machten diesen Fehler, wofür er nichts konnte, quitt.
Bei der Erzählung des Lords von den Goldangeboten war mir blitzartig ein Gedanke gekommen. Marah Durimeh war mir eingefallen. Ich wusste von früher her, dass sie reich war, und was ich zuletzt vom ‚guten Dschinn‘ vernommen hatte, ließ auf außerordentliche Geldmittel schließen. Wie nun, wenn sie zu den Goldsendungen in irgendeiner Beziehung stand? Ich hatte diesen Gedanken zuerst als abwegig und allzu waghalsig von mir gewiesen, aber er kehrte immer wieder zurück. Und was mir zuerst fast als wahnsinnig vorgekommen war, erschien mir schließlich in einem Licht, das eine gewisse Möglichkeit nicht ausschloss. Freilich hätte ich von diesem Gedanken mit keinem meiner Gefährten reden mögen, weil er mir als zu gewagt erschien.
Ich teilte den Freunden mit, dass sich Lindsay uns anschließen werde, was bei ihnen große Freude auslöste. Sogar bei Halef. Ich erwähne das besonders, weil der Kleine in dieser Beziehung ein wenig sehr Ich-Mensch war. Als es auf unserer letzten Reise nach Persien aussah, als ob Lindsay der Dritte im Bunde werden solle, war er fast eifersüchtig auf ihn. Und sein Jubel war groß, als der Engländer schließlich gegen seinen Willen von uns getrennt wurde.43 Damals waren indes andere Verhältnisse. Halef und ich hatten damit gerechnet, dass wir die ganze Reise allein machen würden, und die Anwesenheit eines dritten Kameraden hätte dieses traute Zusammensein zu zweit gestört und wäre als lästig empfunden worden. Diesmal aber hatte Halef den ‚Besitz meiner Person‘ von Anfang an nicht für sich allein gehabt, sondern ihn mit seinem Sohn und Omar Ben Sadek teilen müssen. Und da empfand er es letzten Endes nicht so schmerzlich, wenn sich uns schließlich noch ein Vierter oder gar ein Fünfter und Sechster anschlossen.
Es blieb tatsächlich nicht bei dem Vierten. Als nämlich der Perser sah, dass ich nicht mehr mit dem Engländer sprach, wendete er sich an mich.
„Emir, darf ich fragen, welches das Ziel eurer Reise ist?“
„Warum nicht? Wir gehen an den Urmia-See.“
„Und dann?“
„Das ist noch unbestimmt.“
Ich gab diese Antwort, weil ich tatsächlich nicht wusste, wo ich Marah Durimeh finden würde. Der Perser ging eine Weile mit sich zu Rate, dann hob er wie unter einem festen Entschluss den Kopf.
„Emir, würdest du es als Unbescheidenheit von mir auffassen, wenn ich dich bäte, mich bis zum Urmia-See mitzunehmen?“
„Hm! War es denn deine Absicht, dorthin zu gehen?“
„Eigentlich nicht. Aber auf einen kleinen Umweg kommt es mir nicht an. Ich habe eingesehen, dass es unmöglich ist, allein durch Kurdistan zu reisen.“
„Und welches ist das eigentliche Ziel deines Ritts?“
„Verzeih, Emir, wenn ich darüber Schweigen bewahren muss. Ich bitte dich, das nicht falsch aufzufassen. Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber ich habe meine Gründe, die du, wenn du sie wüsstest, selber billigen würdest.“
Da kam es wie eine Eingebung über mich. Ich erinnerte mich, wie der Perser überrascht zusammengefahren war, als der Name Marah Durimeh fiel. Natürlich gab es verschiedene Möglichkeiten der Erklärung für diesen Umstand. Aber in diesem Augenblick gab es für mich nur eine Erklärung.
„Du brauchst das Ziel deiner Reise nicht zu verheimlichen, denn ich kenne es.“
„Das ist nicht möglich.“
„Du willst Marah Durimeh aufsuchen.“
Es war heraus. Wir hatten Arabisch gesprochen und meine Behauptung erregte daher bei meinen Gefährten großes Staunen.
„Maschallâh! Bist du allwissend, Emir?“, fuhr der Perser auf.
„Nein“, wehrte ich ab, „aber ich habe Augen im Kopf und verstehe es, Schlüsse zu ziehen. Habe ich das Richtige getroffen?“
„Sage zuerst, ob auch du Marah Durimeh kennst?“
„Und ob! Sie ist mir eine mütterliche Freundin geworden und ihr Bild steht vor mir wie das einer Heiligen, obgleich ich ihr nur dreimal in meinem Leben begegnet bin.“
„Angenommen, ich kenne diese Frau, würdest du mich dann bis zum Urmia-See mitnehmen?“
„Ich würde es als eine Ehre betrachten, die du mir erweist.“
„Kuwajjis – vortrefflich! Ich gebe gerne zu, dass ich diese außerordentliche Frau sehr gut kenne. Frage mich aber nicht um weitere Einzelheiten. Mein Mund muss verschlossen bleiben, denn ich habe ein heiliges Gelöbnis abgelegt.“
„Sage mir nur das eine, wo du Marah Durimeh treffen willst?“
„Hat sie dir ihren Wohnort nicht selber mitgeteilt?“
„Leider nein.“
Ich sagte so, obgleich die Möglichkeit bestand, dass der Brief, den mir Marah Durimeh geschrieben hatte, die Angabe ihres Aufenthaltsorts enthalten hatte.
„Dann muss ich auch über diesen Punkt schweigen. Willst du sie vielleicht selber besuchen?“
„Es ist möglich, wenn es Zeit und Umstände gestatten“, erwiderte ich nun ebenfalls zurückhaltend.
Halef, Kara und Omar sahen mich erstaunt an. Sie konnten mein Verhalten nicht begreifen, da sie doch genauso gut wie ich selber wussten, dass das eigentliche Ziel unserer Reise Marah Durimeh galt.
Aber ich war einigermaßen ärgerlich. Das muss ich gestehen, wenngleich es mir nicht zur Ehre gereicht. Nachdem ich mich vergeblich da und dort nach Marah Durimeh erkundigt hatte, hoffte ich diesmal bestimmt, das Gewünschte zu erfahren. Wir hatten dem Perser einen nicht unwichtigen Dienst erwiesen, und wenn ich auch nicht der Mann bin, der einem anderen seine Leistungen an den Fingern vorrechnet, so glaubte ich immerhin, der Perser würde mir Vertrauen entgegenbringen. Vielleicht hätte es nur der Anwendung des Amuletts bedurft, von dem ich annahm, dass es der Perser ebenfalls kannte, und ich hätte auf diese Weise vielleicht alles aus ihm herausfragen können, was er selber wusste. Aber es war wie ein Trotz über mich gekommen. Wenn der Mann Geheimnisse vor mir haben zu müssen glaubte, so brauchte ich ihm die meinigen ebenso wenig auf die Nase zu binden. Er wollte mir den Aufenthaltsort Marah Durimehs nicht verraten. Nun gut! Ich fühlte mich Manns genug, ihn ohne fremde Hilfe aufzuspüren.
So empfand ich damals. Und doch hatte der Perser eigentlich nichts gesagt, was mich berechtigt hätte, meinen Stolz herauszukehren. So sage ich jetzt, da mich der Billigkeitssinn zwingt, es zuzugeben. Aber damals gab ich mir leider zu wenig Rechenschaft darüber.
So schwieg ich denn und erwähnte nichts von dem Brief Marah Durimehs, nichts von dem Amulett, das sie mir gegeben hatte.
Hätte ich doch in dieser Stunde meinem Stolz nicht nachgegeben! Vielleicht – – vielleicht wäre alles anders geworden.
6. Die ‚Schnur der tausend Wunder‘
Der Perser war nicht der Letzte, der sich unserer Karawane anschloss. Da Lindsay von jetzt an den Dumbeli-Kurden nicht mehr brauchte, wollte dieser zu seinem Stamm zurückkehren. Aber unsere Gesellschaft schien es ihm angetan zu haben. Er fühlte sich bei uns so sicher wie „im Schoß des Propheten“, und man konnte es ihm nicht übelnehmen, wenn er diesen Schutz so lange als möglich genießen wollte. Er bat um die Erlaubnis, uns bis jenseits der Grenze begleiten zu dürfen. Von dort, vom Urmia-See aus, sei es für ihn am leichtesten und ungefährlichsten, seinen Stamm zu erreichen.
Ich war nicht so hart, nein zu sagen, da es sich ja nur um wenige Tage handelte. So war denn unsere Karawane auf sieben Reiter und neun Pferde angewachsen, die Packtiere des Engländers und des Persers eingerechnet. Zwar hätte ich es lieber gesehen, wenn unser Trupp kleiner gewesen wäre, weil er dann mehr Aussicht gehabt hätte, unentdeckt zu bleiben. Aber das war nun nicht mehr zu ändern. Andererseits bietet eine größere Anzahl auch ein erhöhtes Gefühl der Sicherheit, wenn diese in unserem Fall auch ziemlich fragwürdiger Natur war. Der Engländer besaß entschieden hohen, persönlichen Mut, aber die Erfahrung hatte mich gelehrt, mich nicht allzu sehr auf ihn zu verlassen, weil seine Tapferkeit die leidige Eigenschaft besaß, dass sie sich manchmal gegen ihn und uns kehrte anstatt gegen die Feinde. Und der Perser war ein noch unbeschriebenes Blatt für mich. Seine Waffen waren zwar gut, aber er hatte mir noch nicht den Beweis geliefert, dass er sie auch zu gebrauchen verstand.
Es war für uns nun höchste Zeit aufzubrechen. Da die Möglichkeit bestand, dass die Deri doch eher zur Verfolgung der Räuber aufgebrochen waren, als Demal Khan meinte, so waren sie uns vielleicht viel näher, als uns lieb sein konnte. Ich schickte daher Omar und Dojan eine Strecke voraus, um nach den Verfolgern Ausschau zu halten. Sobald er ihr Nahen bemerkte, sollte er unverzüglich zurückkehren. Wir hatten dann genügend Zeit, um uns zwischen die Bäume zurückzuziehen, mit denen die Hänge des Tals dicht bewachsen waren.
Omar setzte sich, gefolgt von Dojan, in Galopp. Wir anderen folgten ihm in langsamem Trab. Ich ritt mit Kara Ben Halef voraus, dann kam der Engländer mit Halef und hinter diesen beiden der Dumbeli. Den Schluss bildete der Perser.
Diese Ordnung änderte sich im Lauf des Tages nicht. Halef hatte nur Augen und Ohren für den Engländer, dem er doch alles zu erzählen hatte, was sich seit unserem letzten Beisammensein ereignet hatte, war also für uns nicht zu sprechen. Der Dumbeli-Kurde wagte es überhaupt nicht, an einen von uns das Wort zu richten. Und der Perser schien sich absichtlich abseits zu halten. Vielleicht fürchtete er, es könnten neugierige Fragen an ihn gerichtet werden, und suchte dieser Möglichkeit durch ein unnahbares Schweigen vorzubeugen.
Nun, vor mir wenigstens war er sicher. Ich hätte auch gar keine Zeit gehabt, mich mit ihm abzugeben, denn ich hatte an anderes zu denken. Unsere Lebensmittelvorräte gingen zur Neige. Zwar bemerkte ich, dass sowohl Lindsays als auch des Persers Packtier in dieser Hinsicht gut ausgerüstet waren, aber es widerstrebte mir, mich bei anderen einzuladen, solange es noch andere Möglichkeiten gab. Ich hielt daher fleißig nach einem jagdbaren Tier Ausschau und es gelang mir denn auch noch im Lauf des Vormittags, ein junges Wildschwein zu schießen. Nachdem es ausgenommen worden war, wurde es auf das Pferd des Dumbeli-Kurden gepackt, das am wenigsten zu tragen hatte, und der Ritt wurde fortgesetzt.
Um die Mittagszeit erreichten wir die Stelle, wo unser Bach sich in ein anderes von Osten nach Westen strömendes Gewässer ergoss. Hier erwartete uns Omar Ben Sadek. Es war ihm kein einziges menschliches Lebewesen vor die Augen gekommen.
Wir hatten dem neuen Wasserlauf in der Richtung nach Osten zu folgen. Da das nördliche Ufer ein günstigeres Gelände aufwies, gingen wir an einer geeigneten Stelle über den Bach und bogen dann nach Osten ab. Omar musste wieder, gefolgt vom Hund, in gehöriger Entfernung vorausreiten, denn eine Begegnung mit den Deri schien immer noch nicht ganz ausgeschlossen. Wenn ihm nicht vorher etwas Verdächtiges unterkam, sollte er nach Verlauf von vier Stunden wieder zu uns stoßen.
Diese Zeit verging, ohne dass wir irgendwelche Begegnungen zu verzeichnen gehabt hätten. Demal Khan hatte also mit seiner Behauptung Recht gehabt, dass die Gegend, durch die wir kommen würden, unbewohnt sei. Wir waren seit Mittag soweit nach Osten vorgedrungen, dass wir annehmen durften, der Schar, die sicher zur Verfolgung der Schirwani ausgeschickt worden war, ausgewichen zu sein. Wir konnten uns also ziemlich sicher fühlen, denn ein Zusammentreffen mit nur wenigen brauchte uns keine Sorge zu machen.
Omar Ben Sadek erwartete uns an einer Stelle, die sich vortrefflich zum Lagern eignete. Zwar war es noch früh am Tag, aber wir hatten seit dem Morgen eine tüchtige Strecke hinter uns gebracht und mussten unsere Tiere schonen. Halef machte sich sofort mit Liebe und Hingebung an die Zubereitung der Mahlzeit. Unsere Jagdbeute wurde nur zur einen Hälfte gebraten, die andere dagegen für morgen zurückgelegt, und ich kann sagen, dass von allen dem saftigen Braten Ehre erwiesen wurde.
An der nun folgenden Unterhaltung, die auf Arabisch geführt wurde, beteiligten sich alle, sogar der Perser. Er schien allmählich in unserer Gesellschaft aufzutauen, und wenn er dabei auch seine Verhältnisse und das Ziel seiner Reise geschickt zu verbergen verstand, so merkte ich doch, dass wir es mit einem Mann von nicht gewöhnlicher Bildung zu tun hatten. Auch meinem Halef schien er von Minute zu Minute besser zu gefallen, und er hatte nach seiner Meinung, die mir der Kleine am nächsten Morgen, als wir eine Weile allein waren, mitteilte, nur den einen Fehler, dass er unbegreiflicherweise von uns und unseren Heldentaten noch kein Sterbenswörtchen erfahren hatte. Dann und wann kam es mir während des Gesprächs vor, als ob seine dunklen Augen mit einem sinnenden Blick auf mir ruhten, aber sobald mein Auge dem seinigen begegnete, wandte er sich ab.
Als wir uns schließlich zur Ruhe niederlegten, taten wir dies, ohne die Wachen für die Nacht zu bestimmen. Wir konnten uns auf Dojan verlassen, der uns die Annäherung eines Menschen sicher verraten hätte.
Der nächste Tag brachte eine Überraschung, die ich in diesem abgelegenen Erdenwinkel nicht für möglich gehalten hätte.
Wir näherten uns heute der persischen Grenze. Der Ispiraisi Dagh lag zu unserer Rechten und vor uns strebten eine Reihe weniger steile Höhen empor, über deren Kamm die Grenze verlief, wenn ich meiner Karte glauben durfte. Unser Tal führte uns in stetiger, aber fast müheloser Steigung langsam in die Höhe. Einmal während des Vormittags bemerkten wir auf dem anderen Bachufer ein paar schwarze Kurdenzelte, aber es gelang uns, unbeachtet daran vorbeizukommen. Das war auf Stunden das einzige Anzeichen menschlicher Nähe.
Später bog das Tal, dem wir folgten, nach Nordosten ab. Die Höhen traten näher heran und sandten mehrere Bäche zu Tal, die allerdings zu dieser Jahreszeit wenig Wasser führten. Wir folgten dem Hauptbach zwei Stunden. Nach dieser Zeit näherten sich die beiderseitigen Höhen immer noch mehr und bildeten einen Taleinschnitt, dessen Sohle von jetzt an eine stärkere Steigung aufwies.
Wir hatten eben eine Krümmung des Tals hinter uns gebracht, die uns den Anblick nach vorne nahm, da zügelten wir überrascht unsere Tiere. Einige hundert Schritte vor uns tauchte ein Haus auf, ein wirkliches, aus Steinen erbautes Haus, dem freilich jeder Verputz fehlte. Es lag an der Mündung einer Schlucht, die hinter dem Gebäude steil in den Berg eingeschnitten war, und füllte beinahe die ganze Lücke aus, eben noch Raum gewährend für einen starken Wasserstrahl, der sich rauschend talwärts ergoss.
Offenbar hatten wir hier die Quelle des Gewässers vor uns, dem wir seit gestern Mittag gefolgt waren. Das eigentliche Talende war aber nicht hier zu suchen, sondern weiter aufwärts, wie ich mit Befriedigung feststellte, denn die Schlucht, aus der das Wasser hervorbrach, war höchstens für einen Kletterer gangbar.
Beim Weiterreiten erblickten wir hinter dem Gemäuer ein Mühlrad. Wir hatten es also nicht mit der Behausung eines Berghirten oder eines Jägers zu tun, sondern mit einer Mühle. Denn eine Mühle musste es sein, wenn auch das Mühlrad stillstand.
Eine Mühle hier in dieser menschenarmen Gegend! Merkwürdig! Welcher weltfremde Träumer mochte auf den vertrauensseligen Gedanken gekommen sein, sich hier die Burg seines Glücks zu bauen? Oder war es vielleicht ein Menschenfeind, der sich in die Einsamkeit zurückgezogen hatte und zum Zeitvertreib, und wenn es ihm gerade gefiel, ein wenig Müller spielte? Und stand das Rad zufällig nur heute still oder hatte die Mühle längst die Zwecklosigkeit ihres Daseins eingesehen und sich zur Ruhe gesetzt? Vielleicht war sie sogar unbewohnt und ihr früherer Besitzer war dem Stern seines Glücks anderswohin gefolgt.
Es zeigte sich sogleich, dass das Letztere nicht der Fall war, denn in diesem Augenblick stürmten zwei riesige Köter mit wütendem Gekläff hinter dem Haus hervor auf uns los. Dieser Begrüßung nach zu schließen, musste der Herr der Mühle eine etwas rauborstige Gemütsart besitzen. Jetzt traten, durch den Lärm der Hunde herbeigerufen, zwei wildblickende, kräftig gebaute Burschen vor die Tür. Auf einen Pfiff des einen ließen die beiden Köter, wenn auch widerstrebend, von Dojan ab, über den sie sich hergemacht hatten, ohne dass ihnen dieser besondere Achtung geschenkt hätte.
Wir waren unterdessen vor dem Gebäude angekommen und konnten es genau betrachten. Es zeigte eine aus starken Bohlen gezimmerte Tür, während die Fenster nur schmale, schießschartenähnliche Öffnungen waren. Das Ganze machte aus der Nähe gesehen fast den Eindruck einer kleinen Festung.
„Wer seid ihr und was sucht ihr hier?“, begann der eine, der den Pfiff ausgestoßen hatte, ohne zu warten, bis er von uns angesprochen wurde.
„Wir sind friedliche Reisende und wollen über die Grenze hinüber.“
„Wer hat euch erlaubt, dieses Gebiet zu betreten?“
„Der Padischah, wenn du nichts dagegen hast.“
„Seine Erlaubnis gilt hier so gut wie nichts. Hier sind die tapferen Kurden vom Stamm der Deri die Herren. An sie und ihren Scheik habt ihr euch zu wenden, wenn ihr durch ihr Gebiet reisen wollt.“
„Verzeih, o erlauchter Besitzer dieses Palastes, wir sind keinem einzigen begegnet.“
„Das tut nichts. Ihr könnt die Abgabe auch an uns bezahlen.“
„Wie hoch ist sie?“
„Für jeden Mann hundert Piaster, also im Ganzen siebenhundert.“
Siebenhundert Piaster sind nach deutschem Geld ungefähr hundertsechsundzwanzig Mark.44
„Das ist sehr billig. Ich hatte eine größere Forderung erwartet.“
Der Mann nahm meine vermeintliche Willfährigkeit als bare Münze. Er warf einen begehrlichen Blick auf unsere Tiere und meinte dann:
„Ja, man merkt es euren Pferden an, dass ihr sehr reich seid. Also heraus mit dem Geld!“
„Erlaube mir vorher eine Frage! Bist du vielleicht selber der berühmte Scheik der tapferen Deri?“
„Nein.“
„Dann muss ich dir zu meinem größten Bedauern mitteilen, dass ich die Abgabe nicht an euch bezahlen werde.“
„Ni – i – icht?“, dehnte der Kurde verblüfft.
„Nein. Deine weise Einsicht muss dir doch schon längst gesagt haben, dass ich nur scherzte.“
„Ich verbitte mir einen solchen Scherz“, fuhr der andere auf. „Wenn ihr nicht freiwillig zahlt, so werde ich euch dazu zwingen.“
„Wie wolltest du das anfangen?“
„Ich lasse euch einfach nicht fort. Wir haben Waffen und außerdem hetze ich die Hunde auf euch.“
„Eure Waffen und Hunde fürchten wir nicht. – – Halt, du bleibst hier!“, herrschte ich seinen Begleiter an, der sich in der Richtung an der Tür fortschleichen wollte, vermutlich, um hinter den dicken Mauern sichere Deckung zu suchen.
Gleichzeitig zog ich beide Revolver und richtete sie auf die Kurden. Der eine gab sein Vorhaben, durch die Tür zu verschwinden, auf, und sein Gefährte, der bisher das Wort geführt hatte, wich vor der drohenden Waffe unwillkürlich einen Schritt zurück.
Halef rutschte unruhig im Sattel seines Barkh hin und her und ich bemerkte, wie seine Hand nach der Peitsche zuckte. Er hielt sich aber noch zurück, weil er meinen warnenden Blick auffing.
Der Wortführer schien einzusehen, dass mit uns nicht gut Kirschen essen sei, und lenkte ein.
„So gib uns wenigstens die Hälfte der Summe!“, setzte er seine erste Forderung herab.
„Nein.“
„Auch nicht zweihundert Piaster? Hundert für mich und hundert für meinen Gefährten?“
„Hm! Deine Sägemühle scheint nicht besonders einträglich zu sein, weil du zu solchen Mitteln deine Zuflucht nimmst. Findest du so wenig Absatz für deine Bretter?“
Sofort war der Kurde wieder auf der Höhe. „Was geht dich meine Mühle an? Wir haben so viel, als wir brauchen. Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten!“
„Wir werden deinen weisen Rat befolgen und also sofort weiterreiten.“
„Und die zweihundert Piaster?“
„Wir zahlen nicht einen einzigen.“
„Allah bestrafe dich für deinen Geiz! – Welchen Weg werdet ihr einschlagen?“
„Gibt es denn noch einen anderen als den über diese Höhe?“
„Nein, nein“, erwiderte er rasch, fast etwas zu rasch, wie es mir vorkam. Dabei bemerkte ich, wie er einen blitzschnellen Blick des Einverständnisses mit seinem Gefährten wechselte.
„So sind wir also fertig miteinander. Ich wünsche dir, dass der ganze Stamm der Deri sich in Zukunft statt der steinernen Häuser lauter solche aus Holz bauen möge. Dann werden die Bretter deiner Mühle reißenden Absatz finden und die Piaster werden sich in deinem Beutel häufen. Chodeh dauleta ta mazen b’ket – Gott vermehre deinen Reichtum!“
Damit wandte ich mein Tier zum Weiterreiten. Der Kurde aber rief, im höchsten Grad erbost: „Und euch möge Allah Unglück über Unglück senden auf eurem Weg! Reitet in die Dschehenna!“
„Und dir lasse Allah Steine wachsen im Bauch, du schmieriger Zersäger von Bäumen und nach Pech stinkender Anfertiger von Brettern, die kein Mensch kauft, weil er sie nicht brauchen kann!“, platzte Halef jetzt los, der es nicht vertragen konnte, dass der Kurde das letzte Wort behalten sollte. „Deine Mühle ist das armseligste Gerümpel, das mir jemals untergekommen ist, und deine Bretter taugen höchstens zur Herstellung von noch armseligeren Särgen für die Leichen deiner Deri, von deren Tapferkeit bis jetzt noch kein Mensch etwas gehört hat. Allah schicke die Bauchfellentzündung und alle Arten von Pest über sie und lasse sie zu Hunderten daran sterben, damit sie die Wohltat kennenlernen, die darin stecken muss, in deine Särge gestopft zu werden. Und wenn dann noch zwei Särge übrig bleiben, dann tue mir den Gefallen und lege dich selber hinein, dich und deinen Genossen hier, der mich anschaut, als hätte er schon jetzt die Pest im Leib. Ihr werdet euch dann fühlen wie im Vorhof des siebten Himmels und Allah preisen, dass er Bäume wachsen ließ, aus denen man Bretter anfertigen und Särge formen kann. Chodeh t’aveschket – Allah erhalte dich!“
Damit ritt er uns lachend nach, während die beiden Kurden uns wütende Flüche nachschickten, die aber bald im Getrappel der Pferdehufe untergingen. Halef hatte seinem Herzen Luft gemacht und dadurch das Gleichgewicht seiner Seele wiedergewonnen. Leider konnte ich nicht so heiter gestimmt sein wie er, denn der Auftritt vorher machte mir Sorge. Die Eile, mit der der Kurde versichert hatte, es gebe keinen anderen Weg als den von uns gewählten, und der Blick, den er dabei auf seinen Gefährten geworfen hatte, waren auffällig. Sie ließen fast die Vermutung aufkommen, als habe er den dringenden Wunsch, dass wir gerade diesen Weg und keinen anderen einschlagen möchten, und dass uns auf diesem Weg eine Gefahr drohe. Aber welche? Und bestand diese immer und für jeden des Wegs Daherkommenden oder nur in unserem Fall? Das Letztere ließ sich freilich nur dann annehmen, wenn es einem der beiden gelang, vor uns über den Pass zu kommen und gewissen Leuten auf der anderen Seite unser Kommen zu melden.
Noch etwas ließ mir keine Ruhe, nämlich die Mühle. Es war doch ein mehr als sonderbarer Gedanke, eine solche in dieser dünn bevölkerten Gebirgsgegend zu bauen. Oder handelte es sich vielleicht gar nicht um die Ausübung des ehrbaren Sägmüllerhandwerks, sondern um etwas anderes? Ich dachte dabei unwillkürlich an den Schmuggel, der von den Deri in großem Maßstab betrieben werden sollte. Da konnte es leicht sein, dass die Mühle ganz einfach den Deckmantel hergeben musste für gewisse Vorgänge, die das Licht des Tages zu scheuen hatten. Die beiden Kurden hatten überhaupt keinen guten Eindruck gemacht. Wenn sie nach Deutschland gekommen wären, hätten sie jedem Maler Bild stehen können für einen Rinaldo Rinaldini. Und wenn ich sie einer schlimmen Handlung für fähig hielt, so wäre der Schmuggel noch das Harmloseste gewesen.
Aber was gingen mich schließlich die zollamtlichen Beziehungen zwischen der Türkei und dem Reiche des silbernen Löwen an? Ich fühlte mich nicht berufen, mich in Dinge einzumischen, die fernab meiner eigentlichen Aufgabe lagen. Solange mich die Schmuggler in Ruhe ließen, bestand für mich keine Veranlassung, mich um ihre Angelegenheiten zu kümmern.
So ritt ich, in Gedanken verloren, stumm dahin und gab dabei nicht sonderlich auf den Weg zu unseren Füßen Acht. Der Sattel, nach dem wir emporritten, war nicht mehr weit entfernt und der Baumbestand zu beiden Seiten der Talsohle wurde immer spärlicher.
Ich wurde aus meinem Sinnen durch Kara aufgeschreckt, der hinter mir ritt.
„Sihdi, ist das nicht eine Spur?“
Ich zügelte mein Tier und sah mir die von Kara bezeichnete Stelle näher an. Ja, richtig, das war nicht bloß eine Spur, das war schon beinahe ein Pfad, der öfters begangen wurde. Freilich konnte nur ein geübtes Auge darauf aufmerksam werden, und es freute mich, dass es gerade Kara, mein Schüler, war, der diese Beobachtung gemacht hatte.
Die Spuren wiesen seitwärts zwischen die Bäume hinein und mussten, wenn sie ihre anfängliche Richtung beibehielten, nach dem oberen Teil der steilen Schlucht führen, an deren unterem Ausgang die Mühle lag. Was sollte das bedeuten? Und was war in der Schlucht, die mir als völlig ungangbar erschienen war, zu finden? Wollten die Leute die Mühle aufsuchen, so hatten sie es viel bequemer, wenn sie einfach auf dem Weg talabwärts gingen, auf dem wir heraufgekommen waren. Dann stießen sie geradewegs auf die Mühle.
Ich hätte der Spur sicher keine Beachtung geschenkt, wenn mir das Verhalten der Mühlenbewohner nicht verdächtig vorgekommen wäre. Zwar konnte ich mir keinen Zusammenhang denken, der zwischen diesem Höhenweg und etwaigen Racheplänen dieser Menschen bestanden haben konnte, aber das Misstrauen war einmal da und nicht mehr zum Schweigen zu bringen.
Ich blickte talabwärts. Fast der ganze Weg, den wir von der Mühle an bis zu dieser Stelle zurückgelegt hatten, lag offen vor unseren Augen und es zeigte sich keine lebende Seele. Das war aber kein Beweis, dass uns die Kurden nicht folgten, denn wenn sie es wirklich im Sinn hatten, war anzunehmen, dass sie das im Schutz der Bäume tun würden, von denen das Tal eingesäumt war.
Ich entschied mich rasch. Selbst auf die Gefahr hin, den beiden rachsüchtigen Gesellen auf diesem Höhenweg zu begegnen, musste die Sache gewagt werden. Sie ließ mir keine Ruhe.
„Kara, nimm meinen Assil und deines Vaters Barkh in Verwahrung und warte hier an dieser Stelle auf uns! Du, Omar, reite mit den anderen langsam voran bis zur Höhe des Sattels und behalte von dort aus die Gegend nach vorne und rückwärts im Auge! Und du, Halef, gehst mit mir!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, stieg ich vom Pferd. Halef folgte sofort meinem Beispiel und reichte seinem Sohn die Zügel seines Pferdes. Dann schritten wir so schnell, als es uns der holprige Weg erlaubte, den Spuren nach.
Es zeigte sich, dass ich mit meiner Vermutung, der Höhenweg führe nach dem oberen Teil der Schlucht, Recht gehabt hatte. Von einigen wenigen Unregelmäßigkeiten abgesehen, die durch das unebene Gelände bedingt waren, führte der Pfad die Tallehne entlang geradewegs nach der bezeichneten Richtung.
Allmählich, als wir uns der Gegend näherten, wo wir die Schlucht zu suchen hatten, wurde das Gelände steiniger. Große Felsbrocken lagen über den Hang hin verstreut und behinderten das Vorwärtskommen. Aber das schadete nichts, solange der Pfad so deutlich erkennbar blieb wie bisher.
Endlich standen wir am Rand der Schlucht, der aussah, als ob eine dämonische Kraft einen tiefen Messerschnitt von oben bis unten in den Berg hinein gemacht hätte. Dieser Schnitt musste freilich von einem ziemlich schartigen Messer vorgenommen worden sein, denn es gab genug Kanten und Felsvorsprünge, die aus der Schlucht herausund in diese hineinragten. Unten sprang rauschend und schäumend ein Bach zu Tal, derselbe, den wir bei der Mühle gesehen hatten.
Die Spur, der wir gefolgt waren, verlief zu unserer Überraschung deutlich erkennbar nicht am Rand der Schlucht entlang, sondern geradewegs in diese hinunter. Das war mehr als seltsam. Was mochten die Leute, die hier gegangen waren, dort unten gesucht haben? Nun, wir würden es ja hoffentlich erfahren. Nachdem wir so weit gegangen waren, wollten wir auch auf den Grund der Sache dringen.
Halef, der Eifrige, war natürlich voraus, indem er sich von Absatz zu Absatz hinunterschwang. Ich rief ihm eben ein lautes „Halef! Vorsicht!“ zu, doch, es war schon zu spät. Sein Fuß musste an einer Wurzel hängengeblieben sein, denn er strauchelte und wäre sicher abgestürzt, wenn er sich nicht noch im letzten Augenblick mit den Fingern im Erdreich festgekrallt hätte. Dann bemerkte ich, wie er sich langsam aufrichtete und den Gegenstand in Augenschein nahm, an dem sein Fuß hängengeblieben war.
„Sihdi, eine Kitân, eine Schnur!“, rief er erstaunt.
„Du wirst dich täuschen. Es wird wohl nur die Wurzel eines Strauchs sein, die dich zu Fall gebracht hat.“
„Nein, ich täusche mich nicht. Es ist wirklich eine Schnur.“
„Das wäre doch sonderbar. Warte, ich werde gleich hinunterkommen.“
Ich glitt die wenigen Schritte zu ihm hinunter und blickte dann in ungläubigem Erstaunen auf das längliche Etwas, das er zwischen den Fingern hielt.
Ja, wo befand ich mich denn? War ich wirklich im wildesten Kurdistan oder nicht vielmehr im lieben Deutschland, wo das, was ich hier vor mir sah, zwar schon bekannt war, aber doch erst anfing, Gemeingut aller zu werden. Denn was Halef in der Hand hielt, war – ein elektrischer Draht, der lose durch die Schlucht gelegt war. Und das Ganze stellte, das erkannte ich auf den ersten Blick, nichts anderes als eine Fernsprechanlage dar, allerdings in der einfachsten Form.
Ein Telefon in Kurdistan!
Solche Dinge mochten zwar vereinzelt vielleicht schon damals in Teheran und Isfahan zu finden sein. Aber von der Hauptstadt bis in die Berge von Kurdistan ist es ein weiter Weg. Und das ist nicht nur örtlich, sondern vielmehr noch geistig gemeint. Wenn ich erst nach hundert Jahren in dieses Land gekommen wäre und es im Besitz dieses Geräts gefunden hätte, dann hätte ich mich vielleicht nicht gewundert. Aber jetzt!
Ich war keinen Augenblick im Zweifel, dass es sich hier um eine Verbindung handelte, die die Schmuggler unter sich angelegt hatten. Wahrscheinlich war sie nicht einmal die einzige. Ich stellte mir vor, dass im Gebiet der Deri entlang der Grenze mehrere solche geheime Verbindungen bestanden. Das war ja wohl auch mit der Grund, warum der Schmuggel gerade bei ihnen in solcher Blüte stand.
Natürlich hatte ich in der Schluchtmühle die eine Erdstelle einer solchen Verbindung zu suchen. Wo aber und wie weit entfernt war die andere? Wenn ich an das verdächtige Benehmen der beiden Männer dachte, so ging ich in der Annahme wohl nicht fehl, dass die Empfangsstelle auf unserem Weg lag oder wenigstens in seiner Nähe. Aber die genaue Entfernung anzugeben, war nicht möglich.
Wer war es gewesen, der auf den klugen Gedanken gekommen war, die neue Erfindung für sich auszunutzen? Natürlich der Anführer der Schmuggler. Aber welche Persönlichkeit verbarg sich unter diesem Titel? Ein Kurde wohl kaum. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieser Gedanke im Gehirn eines Kurden entstanden sein könne. Eher noch ein gewandter Türke oder ein findiger Perser. Doch das war schließlich Nebensache. Wichtiger für uns war, und das war mir sofort klar geworden, dass dieser elektrische Draht für uns eine Gefahr bedeutete.
Die beiden Kurden hatten uns für sehr reich gehalten. Das mochte zwar bei Lindsay zutreffen. Aber auch unsere Rassenpferde stellten ein Vermögen dar, und um dieses in die Hände zu bekommen, hatte es schon manch einer nicht nur auf einen gewöhnlichen Raub, sondern auf unser Leben abgesehen. Ich nahm als ganz sicher an, dass die Kunde von unserem Kommen, zusammen mit unserem Steckbrief, sogleich nach unserem Aufbruch auf dem elektrischen Draht über die Grenze geschickt worden war. Und wie ich die Kurden kannte, würden sie keinen Augenblick zögern, uns irgendwo einen Hinterhalt zu legen, um uns von der Sorge um unseren Besitz zu befreien.
Diese Erwägungen waren mir durch den Kopf gezogen, als ich wie entgeistert auf den Fund starrte, den Halef gemacht hatte.
„Siehst du nun, Sihdi, dass es doch eine Schnur ist?“, bemerkte dieser.
„Du irrst, Halef. Dieses Ding sieht zwar wie eine Schnur aus, ist aber in Wirklichkeit ein Kupferdraht.“
„Bist du auf einmal blind geworden? Oder meinst du, dass ich den Unterschied zwischen einer Kitân und einem Schirît nuhâs45 nicht kenne?“
Ich gab keine Antwort, sondern nahm mein Messer und schabte die wirklich vorzüglich gearbeitete Abdichtung an einer Stelle weg. Sofort kam das blanke Metall zum Vorschein.
„Was ist das, Halef?“
„Maschallâh! Es geschehen Zeichen und Wunder! Ich hätte auf meine Seele und auf meine Seligkeit schwören mögen, dass hier jemand aus irgendeinem Grund eine Schnur gespannt hat.“
„So hättest du, wie du siehst, falsch geschworen.“
„Aber zu welchem Zweck ist diese Schnur, die gar keine richtige Schnur ist, hier gelegt worden? Etwa, damit irgendein Wild daran hängen bleiben soll?“
„Du hast es erraten“, erwiderte ich ernst. „Es soll wirklich ein kostbares Wild damit gefangen werden.“
„Du sagst das in einem eigenen Ton. Was meinst du damit?“
„Wir selber sind es, die man damit fangen will.“
„Ma fhimtak – ich verstehe dich nicht.“
„Das glaube ich gern. Du wirst mich auch später nicht verstehen, wenn ich dir alles erklärt habe.“
„Seit wann hältst du deinen Halef für so schwach von Verstand? Ich werde dich verstehen.“
„Wollen sehen! Also höre! Mit Hilfe dieser kupfernen Schnur haben gewisse Leute auf der anderen Seite der Grenze die Botschaft erhalten, dass wir auf dem Weg zu ihnen sind.“
„Allâh akbâr – Gott ist groß! Wie soll das möglich sein? Und wer soll die Botschaft gesandt haben?“
„Die beiden Männer in der Mühle. Sie haben ihre Botschaft in diesen Draht hineingesagt, und die Männer, die am anderen Ende des Drahtes horchten, haben sie Wort für Wort vernommen.“
„Hm! Ich kann mir zwar nicht denken, was du mit diesem Hineinsagen meinst, wo ich doch kein Loch sehe. Aber ich kann dir trotzdem beweisen, dass die Länge deines Verstandes diesmal so dünn geworden ist, dass sie fast nicht mehr zu sehen ist. Soll ich?“
„Ich bitte dich darum.“
„Wie weit sind nach deiner Meinung die Leute entfernt, die diese unbegreifliche Botschaft erhalten sollen?“
„Das kann ich nicht sagen. Es ist möglich, dass man mehrere Stunden bis zu ihnen zu reiten hat.“
„Kuwajjis – vortrefflich! Es müssen also Stunden vergehen, bis die Nachricht auf dieser Wunderschnur zu ihnen kommt. Wir sind aber erst vor Kurzem von der Mühle aufgebrochen. Wie könnten da die anderen bereits von uns wissen? Was sagst du nun? Gibst du zu, dass die Breite meines Verstandes die Länge des deinigen vollständig zerquetscht hat?“
„Ich gebe gar nichts zu, sondern sehe nur das eine, dass du mich nicht verstanden hast. Ich behaupte, dass die Nachricht auf diesem Kupferdraht schneller reitet als dein Barkh, schneller als mein Assil, schneller…“
„Schneller als dein Assil, der Sohn des hochedlen Rih, der mit dem Wind um die Wette ritt? Das ist nicht wahr, Sihdi, damit beleidigst du dein braves Tier, das das nicht um dich verdient hat. Schäme dich!“
„Du hast mich unterbrochen, Halef. Ich behaupte noch mehr. Die Botschaft reitet auf dem Wunderdraht noch schneller als die Eisenbahn im Land der Franken, von der ich dir erzählt habe, ja sie reitet…“
„Hör auf, Sihdi, hör auf! Wer kann das glauben!“
„…sie reitet noch schneller als der Blitz. In dem Augenblick nämlich, da ein Wort in das eine Ende des Drahtes gesprochen wird, wird es am anderen Ende auch schon gehört.“
„Allâh, Billâh, Tillâh! Du lügst, Sihdi! Du musst lügen! Aber du lügst wunderschön! Ich bitte dich, fahre fort!“
„So meinst du, dass ich dir nur ein Märchen erzähle?“
„Natürlich! Es kann ja gar nicht anders sein.“
„Zum Erzählen von Märchen ist jetzt keine Zeit. Ich sagte dir schon, dass wir in Gefahr sind. Du kennst mich doch und musst schon aus dem Ton meiner Stimme hören, dass ich im Ernst spreche.“
Halef warf mir einen so verzweifelt unsicheren Blick zu, dass ich das Lachen verbeißen musste.
„Wenn du so redest, muss ich dir fast glauben. Aber erzähle weiter! Geht denn bei der großen Entfernung nichts von der Stärke des Tons verloren?“
„Bei großen Entfernungen allerdings. Aber bei kleinen Entfernungen, sagen wir bis zu zehn Reitstunden, merkt man keine Abschwächung des Tons.“
„Allâh kerîm – Gott ist gnädig! Zehn Reitstunden! Und das nennst du eine kleine Entfernung! – Dann ist es ja genau so, als ob die Sprechenden gar nicht voneinander entfernt wären?“
„Nicht anders.“
„Und sie sprechen miteinander so rasch wie wir, wenn wir beisammen sind?“
„Genau so!“
„Haida fauk il akl – das geht über meinen Verstand!“, seufzte Halef.
„Sprachst du nicht eben noch von der Breite deines Verstandes und dass du mich sehr gut verstehen würdest?“
„Verzeih, Sihdi! Dein Kupferdraht hat sich in so vielen und engen Windungen um meinen armen Kopf gelegt, dass ich fast gar nicht mehr denken kann. Aber sage mir noch das eine: Woher weißt du das alles so genau, was du mir jetzt erzählt hast?“
„Ich kenne diese Einrichtung von Deutschland her, wo sie allgemein bekannt ist.“
„Und du hast mir noch nie etwas von dieser Kitân el alf adschîbi, von dieser Schnur der tausend Wunder, gesagt!“, meinte er vorwurfsvoll.
„Wozu auch! Du hättest mir ja doch nicht geglaubt! Aber schweigen wir jetzt von diesem Gegenstand! Es ist höchste Zeit, zu unseren Gefährten zurückzukehren.“
Ich warf noch einen Blick die Schlucht hinauf und hinab. Sie war so halsbrecherisch steil, dass nur ein guter Kletterer das Wagnis hatte unternehmen können, eine Leitung anzulegen. Wie er das fertiggebracht hatte, war mir ein Rätsel. Nun, der Anführer der Schmuggler verfügte wohl über die nötigen Kräfte, und schließlich waren die Kurden ja von Natur aus gute Bergsteiger. Von meinem Standpunkt sah es aus, als ob die Schlucht an keiner einzigen Stelle betreten werden könne. Vielleicht war der Pfad, auf dem wir hierhergekommen waren, die einzige Möglichkeit, in sie hinabzusteigen.
Auf der Rückkehr war Halef sehr schweigsam. Er schien die neuen Erkenntnisse, die ich ihm erschlossen hatte, nicht so schnell verdauen zu können. Bei Kara angekommen, bestiegen wir, ohne eine Erklärung abzugeben, unsere Tiere und ritten den anderen nach, die wir nach einer halben Stunde auf der Höhe des Sattels einholten.
Es zeigte sich, dass die Höhe, auf der wir hielten, noch nicht die letzte war. Vor uns lag ein langes Tal, das in der Entfernung einer guten Reitstunde nach einem ähnlichen Sattel führte, der allerdings um ein Erkleckliches höher war als der, auf dem wir standen. Ich nahm mein Glas an das Auge und richtete es nach diesem Einschnitt, der offenbar den Weg darstellte, den wir hätten einschlagen sollen, bemerkte indes nicht die Spur eines Menschen. Es war klar, dass die erwarteten Kurden, wenn sie schon da waren, was ich bezweifelte, sich auf oder hinter dem Sattel versteckt hatten, über den wir nach ihrer Ansicht kommen mussten.
Unter den obwaltenden Umständen konnte es mir indes nicht einfallen, diesem ihrem Wunsch entgegenzukommen. Ich suchte mit dem Glas die weiter östlich liegenden Höhen ab und da schien es mir, als ob es nicht unmöglich sei, über sie hinwegzukommen. Freilich würde dieser Weg an Pferde und Reiter keine geringen Anforderungen stellen.
Es war nun an der Zeit, die Gefährten über die Lage aufzuklären. Ich tat dies mit wenigen Worten. Der Engländer war natürlich sofort im Bilde. Der Perser schwieg, aber ich sah ihm an, dass er über unsere Entdeckung gar nicht so erstaunt war, wie ich angenommen hatte. Offenbar war ihm die ‚Schnur der tausend Wunder‘, wie Halef sie getauft hatte, nichts Unbekanntes mehr. Anders freilich verhielten sich Kara und Omar. Das Gehörte überstieg ihre Fassungskraft, und sie wollten gern Näheres wissen. Es war indes jetzt nicht die Zeit, sich darüber zu verbreiten, denn wenn wir noch vor Einbruch der Dämmerung die vor uns liegenden Höhen überwinden wollten, dann hieß es sich sputen. Ich schnitt also alle weiteren Erörterungen ab und wendete mein Pferd zu Tal.
7. Über die Grenze
Der geneigte Leser möge es uns nicht als Feigheit auslegen, dass wir einem Zusammentreffen mit den erwarteten Deri aus dem Weg gingen. Da wir den Plan der Gegner erraten hatten oder wenigstens erraten zu haben glaubten, wäre eine Überraschung durch sie überhaupt nicht mehr möglich gewesen. Und eine Gefahr, die man kennt, ist keine Gefahr mehr. Außerdem hätten wir mit unseren vortrefflichen Waffen auch eine größere Schar Feinde in Schach gehalten. Nein, wenn ich jeder Kampfhandlung aus dem Weg ging, so geschah das, weil ich es nicht für klug hielt, uns im Rücken Feinde zu schaffen, und weil ich keine Zeit verlieren wollte. Bisher war unser Ritt ohne Verzögerung verlaufen. Wir hatten uns nirgends unnötig aufgehalten, und selbst die Sache mit Lindsay hatte uns zu keinem Umweg gezwungen. Und so viel an mir lag, sollte es auch für die verhältnismäßig kurze Entfernung so bleiben, die uns noch von den Bebbeh-Kurden trennte.
Das Tal unter und vor uns war mit größeren und kleineren Felsbrocken förmlich übersät und erlaubte daher unseren Pferden nicht einmal einen leichten Trab. Ich benutzte fleißig das Glas, um nach vorne Ausschau zu halten, konnte aber nichts Auffälliges entdecken.
Es war nicht geraten, so weit zu reiten, dass wir von Leuten, die vielleicht da vorn auf dem Sattel nach uns Ausschau hielten, bemerkt werden konnten. Ich lenkte also nach einer halben Stunde mein Tier nach rechts, wobei ich eine Einkerbung in dem das Tal begleitenden Höhenzug ins Auge fasste, die am wenigsten Schwierigkeit zu bieten schien.
Und nun begann ein mühsames Steigen. Solange wir noch unter den Bäumen waren, ging es leichter, aber als die Baumgrenze erreicht war und das Lärchengestrüpp begann, wurde es schlimm. Tiefes Geröll, das unter den Hufen der Pferde und unter unseren Schritten nachgab, erschwerte unser Vorwärtskommen ungemein. Wir waren natürlich längst abgestiegen, um den Tieren das Steigen zu erleichtern, aber trotzdem schnaubten sie unmutig über die ihnen zugemutete, ungewohnte Geduldsprobe. Zu allem Überfluss setzte ein feiner Sprühregen ein, der uns nach kurzer Zeit bis auf die Haut durchnässt hatte. Zwar empfanden wir ihn vorerst nicht als lästig, weil er unsere erhitzten Körper angenehm abkühlte. Aber für das bevorstehende Nachtlager bot er keine erfreulichen Aussichten.
Als wir endlich die erwähnte Einkerbung erklommen hatten, waren Menschen und Tiere erschöpft. Nicht einmal Halef fühlte sich aufgelegt, seinem Ärger über die anstrengende Kletterpartie Luft zu machen. Nach einer kurzen Ruhepause ging es auf der anderen Seite wieder hinab. Der Abstieg war nicht weniger steil als der Aufstieg, ging aber trotzdem weit schneller vonstatten. Leider gebot uns die einfallende Dämmerung bald, Halt zu machen, denn in der Finsternis wäre es unmöglich gewesen, den Abstieg fortzusetzen.
Wir konnten bei allem Ungemach von Glück reden, denn wir fanden nach kurzem Suchen eine prächtige Stelle zum Lagern. Ein breiter, nach oben schräg verlaufender Felsspalt bot genügend Platz für uns und unsere Pferde. Er hatte außerdem den Vorteil, dass wir vor Wind und Regen geschützt waren. Mit dem wohligen Gefühl des Geborgenseins zogen wir unsere Tiere in die Spalte hinein und richteten das Lager her.
Wie staunte Lindsay, als Kara auf einen Wink von mir den Rest unseres Kohlevorrats herbeibrachte. Wir hatten in der Nacht, in der der Dumbeli zu uns kam, nicht einmal die Hälfte des gesammelten Brennstoffs gebraucht, und seitdem hatten wir keine Veranlassung gehabt, ein Kohlenfeuer anzuzünden. Man kann sich denken, wie willkommen uns das heute war.
„Ah, oh, Master! Ihr habt Kohlen!“, wunderte sich der Engländer. „Woher habt Ihr sie?“
„Geradewegs aus meinem Kohlenbergwerk“, lachte ich.
„Macht keine faulen Witze!“
„Wenn ich es Euch sage! Ich wüsste wenigstens niemand, der mir seinen Besitz streitig macht.“
„Master, Ihr seid übergeschnappt!“
„Danke! Hat Euch denn Halef gar nichts von der Sache erzählt? Ihr stecktet doch gestern während des ganzen Tages beisammen.“
„Könnte mich nicht erinnern.“
„Na, so will ich Eure Geduld nicht länger auf die Probe stellen. Ich habe nämlich vor einigen Tagen ein, wie es scheint, mächtiges Kohlevorkommen entdeckt, von dem kein Mensch etwas weiß. Wenn Ihr mir das nötige Kleingeld vorstreckt, Master, damit ich den Betrieb einrichten kann, bin ich in Kürze ein reicher Mann.“
„Well, werde vorstrecken. Wie viel braucht Ihr, Master? Zehntausend Pfund? Zwanzigtau…“
„Hört auf, hört auf!“, unterbrach ich ihn lachend. „Ich habe doch nur gescherzt.“
„Hm! Schade! Hätte Euch gern einmal einen großen Gefallen getan. Wollt es aber nicht haben! Behalte also mein Geld für mich. Schluss! Streusand drauf!“
„Ich danke Euch wirklich sehr für Euer edelmütiges Angebot. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie es mich rührt.“
Lindsay schielte mich zweifelnd von der Seite an. „Meint Ihr das im Ernst?“
„Warum sollte ich nicht? Traut Ihr mir so wenig Erkenntlichkeit für das Opfer zu, das Ihr mir bringen wolltet?“
„Nonsense! Ist gar kein Opfer! Aber lassen wir das! Sagt mir lieber, wo Ihr die Kohlen gefunden habt.“
„Anderthalb Tagesritte westlich von der Stelle, wo wir auf Euch gestoßen sind. Die schwarzen Dinger lagen geradezu auf unserem Weg.“
„Hm! Unbegreiflich! Dumme Menschen, diese Kurden! Kommt uns aber heute sehr gelegen, dieser Fund, nicht?“
„Das will ich meinen. Nicht wahr, Master, wenn es kalt ist, dann ist eine Schippe Kohlen dem größten Goldklumpen vorzuziehen, der kein einziges Molekül Wärme spendet.“
„Soll das vielleicht eine Anzüglichkeit sein? Lasst mich mit Eurem Gold in Ruhe, sonst bekommt Ihr von mir einen Boxhieb, der Euch über diesen niederträchtigen Pass zurückbefördert, der uns so zugesetzt hat. Könnt dann zusehen, wie Ihr wieder herüberkommt!“
Damit wendete er sich von mir ab und seinem Packtier zu, um sich die für das Lager notwendigen Gegenstände zu holen.
Ich muss gleich bemerken, dass der Regen die ganze Nacht anhielt. Uns konnte das gleichgültig sein, denn wir waren vollkommen dagegen geschützt und die Kohlenglut verbreitete sogar eine angenehme Wärme in der Felsspalte. Andererseits wieder musste uns der Regen erwünscht kommen. Denn er nahm den Kurden sicher jede Lust, nach uns zu suchen, falls sie durch unser Nichterscheinen dazu geneigt gewesen waren.
Während und nach dem Essen bildete natürlich die ‚Schnur der tausend Wunder‘ den Gesprächsstoff. Omar und Kara waren sehr wissbegierig, und Halef gar las mir jedes Wort von den Lippen ab. Als ich mich später, in meine Decke gewickelt, an der Seite meines Assil zum Schlafen niedergelegt hatte, blieb ich nicht lange allein. Halef breitete seine Decke so dicht neben mir aus, dass ich daraus schloss, er habe etwas auf dem Herzen. Richtig begann er, kaum dass er sich eingewickelt hatte, und leise, um von den anderen nicht verstanden zu werden.
„Sihdi, dein Draht hat sich in so vielen Windungen und so fest um mich gelegt wie eine Riesenschlange um ihr Opfer. Ich kann mich unmöglich befreien, wenn du mir nicht hilfst.“
„Gern. Sag mir nur, wie!“
„Indem du mir einige Fragen beantwortest.“
„Nun?“
„Ist es sehr schwer das Sprechen mit dem Draht zu erlernen?“
„Gar nicht. Jeder kann es, wenn er es ein paarmal geübt hat.“
„Hamdulillâh!“, wurde Halef beinahe laut.
„Warum? Wieso freust du dich darüber?“
„Sage mir“, fuhr er fort, ohne meine Frage zu beachten, „wie viele Herden Schafe einer wohl zu zahlen hätte, wenn er diesen Draht mitsamt den Zusatzgeräten, wie du sie genannt hast, kaufen wollte.“
„Was fällt dir ein!“, lachte ich, indem mir eine Ahnung aufdämmerte. „Das wäre viel zu teuer! Wenn jemand in Dschermanistan sich diese Einrichtung zulegen will, so kostet ihn das vielleicht den Wert von fünf Schafen. Freilich hat bei uns dieses Tier einen viel größeren Wert als bei euch.“
„Nur fünf Schafe!“, wunderte sich der Kleine. „Dann – dann werde ich mir gleich ein ganzes Dutzend dieser unbezahlbaren Vorrichtungen kaufen.“
„Aber zu welchem Zweck? Diese Dinge haben doch für dich nicht den geringsten Wert!“
„Sage das ja nicht!“, widersprach er eifrig. „Das Lager der Haddedihn vom großen Stamm der Schammar ist ein so ausgedehntes, dass es für den Scheik eine große Erleichterung sein muss, wenn er, um jemand einen Befehl zu geben, nicht so weit zu reiten braucht.“
„Halef, wenn ein Scheik einen Befehl zu geben hat, dann stehen ihm mehr als genug Leute zur Verfügung, die diesen Befehl weitertragen.“
„Tamâm – ganz richtig! Aber es gibt manchmal einen Befehl, den keiner zu wissen braucht als der, den es angeht. Und da ist es dann auf alle Fälle bequemer, wenn man keiner Mittelsperson bedarf.“
„In diesem Fall schreibt man den Befehl einfach auf einen Zettel, den man dem Boten verschlossen mitgibt.“
„Du vergisst, dass meine Haddedihn nicht so gelehrt sind wie ich und du. Die allerwenigsten können lesen und schreiben.“
„Dann bleibt dir eben nichts anderes übrig, als deine Botschaft selber zu bestellen.“
Halef rutschte unruhig in seiner Decke hin und her.
Es wollte ihm nicht in den Kopf, dass ich seine Begeisterung nicht teilte.
„Sihdi, ein Scheik hat, wenn er seinem Amt richtig nachgehen will, so viel zu denken und zu tun, dass eigentlich die Stunden des Tages gar nicht ausreichen. Und schlafen muss er doch auch.“
„Das ist richtig. Und mir scheint, jetzt ist gerade die Zeit, wo man ans Schlafen denkt und an nichts anderes.“
„O Sihdi, wie grausam kannst du manchmal sein! Meine Seele ist geöffnet wie ein leerer Melkeimer, der darauf wartet, gefüllt zu werden. Du aber verschließt dich wie die Zitze einer Kamelstute, die keinen Tropfen Milch geben will.“
„Steht die Sache wirklich so schlimm? Nun, dann sprich in Gottes Namen weiter!“
Halef holte aus tiefster Brust einen Seufzer der Erleichterung und fuhr dann fort:
„Allah sei Dank, dass er dich mit der nötigen Einsicht erleuchtete! Denke doch nur an unsere Herden, die draußen vor den Zelten weiden! Wie schnell würde ich durch den Wunderdraht erfahren, wenn da etwas vorkommt, was ich als Scheik wissen muss.“
„Hm!“, brummte ich.
„Siehst du! Setze doch einmal den Fall, ein Dieb wolle dir deinen Syrr und mir mein ganzes Vollblut rauben. Bis ich davon auf dem gewöhnlichen Weg erfahre, ist der Dieb mit seiner Beute über alle Berge.“
„Das hat allerdings etwas für sich“, gab ich zu.
„Du siehst also ein, wie wichtig es ist, überall dahin, wo gerade meine Herden weiden, einen Draht zu ziehen. Dann sind noch meine Unteranführer da. Meinst du nicht, dass es gut wäre, wenn ich mich mit ihnen rasch in Verbindung setzen könnte?“
„Hör auf, Halef!“, lachte ich. „Schließlich wirst du noch jedes Haddedihnzelt mit deiner neuen Erfindung beglücken wollen.“
„Das habe ich nicht sagen wollen“, widersprach er. „Aber ich denke noch an etwas anderes. Nimm an, ich bin stundenlang von meinem Zelt entfernt gewesen und möchte gern wissen, wie sich – – wie sich…“
„Wie sich Hanneh, die Beglückerin deines Daseins, befindet, nicht?“
„Du hast es erraten. Denke dir, wie schön es wäre, wenn ich aus der Entfernung mit ihr sprechen könnte.“
„Nun, das kannst du ja.“
„Sahîh – wirklich? Aber hat die Sache nicht einen Haken?“
„Welchen?“
„Woraus soll ich erkennen, dass es wirklich Hanneh ist, die Morgen- und Abendröte meines irdischen Himmels, die mit mir spricht?“
„Na, du wirst doch wohl die Stimme deiner Hanneh kennen, nicht?“
„Das wohl, aber…“
„Habe ich dir noch nicht gesagt, dass der Draht die Stimme der Person, die durch ihn spricht, nicht im Mindesten verändert?“
„Bisîr – ist das möglich? Das ist doch fast nicht zu glauben! Min kân bisaddik – wer hätte das gedacht!“
Diese neue Erkenntnis schloss ihm für eine Weile den Mund. Ich war schon am Einschlafen, als er wieder begann:
„Sihdi, bist du noch wach?“
„Ich muss es wohl sein, wenn du mich nicht schlafen lässt.“
„Verzeih, aber mir fiel gerade noch etwas ein. Wenn ich zu den Zelten der Haddedihn zurückgekehrt bin und diese Schnur der tausend Wunder in meinem Duar eingerichtet habe, könnte man dann nicht noch einen Draht anknüpfen?“
„Warum nicht? Aber wohin?“
„Zu dir nach Dschermanistan!“
Ich musste lachen. „Halef, für diese riesige Entfernung ist das Telefon leider noch nicht geeignet.“
„Ja diâno – schade.“
„Für große Entfernungen haben wir ein anderes Mittel der Verständigung. Wir nennen es den Telegrafen. Auch er arbeitet mit Hilfe des Drahts. Nur wird die Mitteilung nicht mündlich, sondern schriftlich weitergegeben.“
„Wie wird das gemacht?“
„Man drückt auf der einen Seite auf den Taster des Sendegeräts und auf der anderen Seite, viele hundert Meilen entfernt, erscheinen auf einem Papierstreifen Striche und Punkte, aus denen der Eingeweihte genau die Worte und Sätze zu bilden versteht, die übertragen werden sollen.“
„Haida schi biadschib – das ist erstaunlich. Sihdi, bei dir lernt man Weisheit über Weisheit.“
„Diese Weisheit, wie du es nennst, ist bei uns gar nichts Besonderes. Jedes Schulkind weiß davon.“
„Erlaube mir noch eine Frage! Wenn du in fremden Ländern weiltest, fern von der Heimat, hast du schon einmal auf diesem Weg eine Botschaft an die Gebieterin deines Herzens geschickt?“
„Das allerdings nicht.“
„Warum nicht?“
„Erstens war ich immer in Gegenden, wo es diese Verbindung noch nicht gab. Und selbst wenn sie bestanden hätte, hätte sie mir nichts genutzt, weil sie für mich zu teuer gewesen wäre.“
„Schade!“
„Ja, die Entfernung spielt für den Kostenpunkt eine entscheidende Rolle. Eine einzige derartige Mitteilung hätte mich eines großen Teils meines Reisegelds beraubt. Bei solch riesigen Entfernungen handelt es sich um andere Dinge als um die Einrichtung einer einfachen Sprechanlage bei deinen Haddedihn.“
„So meinst du also, dass ich mir solch eine Fernsprechleitung innerhalb meines Duars leisten kann?“
„Kannst du noch fragen? So etwas ist doch für dich, den Oberscheik von Arabistan, Farsistan, Turkestan und Belutschistan, eine Kleinigkeit!“
Da war Halef still. Er liebte zwar Übertreibungen über die Maßen, wollte aber nicht gerne daran erinnert werden. Darum wälzte er sich nach einem kurzen „Gute Nacht“ auf die andere Seite. Das war für mich das Zeichen, dass ich nun endlich Ruhe hatte und schlafen konnte.
Am nächsten Morgen hatte es zu regnen aufgehört. Nach einem kurzen Frühstück stiegen wir zu Pferd und ritten das Tal hinunter. Tiere und Menschen hatten während der Nacht gut ausgeruht und alle waren in vortrefflicher Laune.
Nach dreistündigem Ritt mündete unser Tal in ein breites Quertal, das nach meiner Berechnung dasselbe war, in das wir hätten kommen müssen, wenn wir unseren Weg geradeaus verfolgt hätten. Wenn ich mit meinen Schlussfolgerungen nicht auf dem Holzweg war, mussten wir bald auf die Spuren derjenigen treffen, die, wie ich überzeugt war, ausgezogen waren, um uns zu berauben.
Kaum hatten wir die Sohle des Tals erreicht, die von einem fetten Grasboden gebildet wurde, so stießen wir auf eine Fährte. Sie war zwar nur noch schwach zu erkennen, aber immerhin noch deutlich genug, dass ich die Eindrücke von ungefähr dreißig Pferden zählen konnte. Die Spuren kamen von unten her und führten talaufwärts weiter.
„Wann mögen die Reiter hier vorübergekommen sein?“, wandte ich mich an Halef.
„Wie kann ich das wissen, Sihdi? Ich bin doch nicht da gewesen, als die Männer hier vorüberkamen.“
„Wenn du es nicht weißt, so wird es dir dein Sohn sagen. Kara, was meinst du?“
Der Angeredete betrachtete die Fährte eine Weile aufmerksam und hob dann den Kopf wie ein Schüler, dem es Freude macht, sein Wissen zeigen zu dürfen.
„Sie können hier nicht vor dem Regen vorübergekommen sein.“
„Richtig! Aber woraus schließt du das?“
„Wäre es vorher gewesen, so wären die Spuren durch den stundenlangen nächtlichen Regen ausgewischt worden und also nicht mehr zu erkennen.“
„Sehr gut! Weiter!“
„Es muss aber trotzdem schon sehr lange her sein, denn sonst müsste die Fährte viel deutlicher ausgetreten sein, als dies in Wirklichkeit der Fall ist. Nach meiner Überzeugung sind sie gestern vor Einbruch der Dämmerung hier gewesen.“
„Das hast du gut gemacht“, lobte ich ihn. „Aber was folgt daraus weiter?“
„Dass wir ihre Rückkehr vielleicht schon bald zu erwarten haben, nachdem sie das Fruchtlose weiteren Wartens eingesehen haben.“
„Auch in diesem Punkt hast du Recht. Wir müssen also von jetzt an nicht nur nach vorn, sondern auch nach rückwärts ein Auge haben, damit wir nicht von den Zurückkehrenden überrascht werden. Was sagst du nun, Halef? Kara war ebenso wenig wie du an dieser Stelle und hat trotzdem das Richtige erkannt.“
Halef war beschämt, wollte dies aber nicht merken lassen.
„Sihdi, du weißt ganz gut, dass beim Fährtenlesen die Breite meines Verstandes nicht ausreicht. Ich sehe aber zu meiner größten Freude, dass Kara, mein Sohn, zu der Breite seines Verstandes, die natürlich mein Erbteil ist, auch noch die Länge des deinigen erworben hat, die er, wie ich gerne zugeben will, in deiner Schule hinzugelernt hat. Was folgt daraus, Sihdi? Kannst du mir das sagen?“, fragte er mich, wobei er den Ton eines Lehrers gegen seinen Schüler annahm.
„Was daraus folgt? Nun, einfach das, dass der Sohn gescheiter ist als der Vater.“
„Weiter!“
„Was weiter? Das ist doch genug!“
„Wie falsch! Das ist erst die Hälfte. Erlaube mir, dass ich die zweite Hälfte, die du verschluckt hast, weil sie dir nicht zur Ehre gereicht, wieder ans Tageslicht ziehe! Die Folgerung muss so heißen: Kara, mein Sohn, ist nicht nur mir, seinem Vater überlegen, sondern sogar dir, weil du nur über die entsprechende Länge, nicht aber über die nötige Breite verfügst, Kara dagegen über beide. Siehst du das ein?“
Ich musste lachen. Der Schlaue hatte wieder einmal den Spieß herumgedreht und, anstatt meinen Tadel anzunehmen, mir eine Abfuhr erteilt.
„Hm, ich sehe nur ein, dass ich in Zukunft gut daran tun werde, wenn ich Kara mit auf meine Reisen nehme, dich aber schön zu Hause lasse, weil er mir bessere Dienste leisten wird als sein Vater.“
„Sihdi, wenn du das behauptest, beleidigst du nicht bloß mich, sondern auch dich.“
„Wieso? Habe ich nicht Recht? Bist du nicht viel länger in meiner Schule gewesen als Kara, dein Sohn? Hättest du also nicht in dieser langen Zeit dasselbe oder noch mehr lernen können und sollen?“
„Wallâhi!“, tat Halef maßlos erstaunt. „Wann wäre ich in deiner Schule gewesen? Wann hätte ich auch nur die Zeit gehabt, bei dir zu lernen? War ich nicht dein Beschützer all die Jahre über? Und habe ich nicht Tag und Nacht zu tun gehabt? Denn du hast es mir bei deiner Abenteuerlust nicht leicht gemacht, dieses mein Amt zu deiner und zu meiner Zufriedenheit auszuüben. Wo wärst du heute, wenn ich an etwas anderes gedacht hätte als daran, dich zu beschützen? Um dich durch die zahllosen Gefahren glücklich hindurchzubringen, in die du dich wahllos und ohne Überlegung stürztest, habe ich alle, aber auch alle Gedanken zusammennehmen müssen, die an den Wänden meiner Seele klebten, und nicht ein einziger ist übriggeblieben, den ich der undankbaren Aufgabe hätte widmen können, Dinge von dir zu lernen, die ich gar nicht zu kennen brauche, weil es genug ist, wenn du sie weißt. Und da wirfst du mir vor, ich hätte viel mehr von dir lernen sollen! Sihdi, das habe ich nicht verdient.“
Was sollte ich auf diese halb scherzhaft, halb ernst gemeinten Worte entgegnen? Nichts! Ich stieg also ab und gab mein Tier zum Grasen frei. Das saftige, lang entbehrte Futter war ihm von Herzen zu gönnen. Die anderen folgten meinem Beispiel.
Wir hatten von der Raststelle aus einen ziemlich freien Blick nach oben und unten. Aber obgleich ich mein Glas fleißig benutzte, bemerkte ich nichts, was geeignet gewesen wäre, unsere Ruhe zu stören.
Als die Tiere sich satt gefressen hatten, brachen wir auf, indem wir der Fährte talabwärts folgten. Wir gingen, ohne dass wir es ahnten, einem Wiedersehen entgegen, auf das ich mehr als zwanzig Jahre gehofft hatte.
Das Tal verbreiterte sich, je mehr wir abwärts kamen. Seltsamerweise bog es mehr und mehr nach Südwesten ab, also in die Richtung, woher wir gekommen waren. Wir waren seit unserem Zusammentreffen mit den verdächtigen Mühlenbewohnern nun schon fast einen Tag unterwegs, aber die wirkliche Entfernung mochte in der Luftlinie vielleicht nicht mehr als den vierten Teil des zurückgelegten Wegs betragen; mit einem Wort, wir waren einen großen Bogen geritten. Ein Blick auf die Karte belehrte mich übrigens, dass dieses Tal nicht eingetragen war.
Wir wollten eben um einen Felsen biegen, der uns im Weg lag, als Dojan drohend knurrte. Im gleichen Augenblick erschien um die Ecke ein Reiter, der bei unserem Anblick erstaunt sein Tier zügelte.
Der Kleidung nach war er ein Perser. Sein Anzug war mit goldenen Borten und Tressen besetzt; ein weicher Kaschmirschal schlang sich um seine Hüfte; die schwarze, hohe Schmaschenmütze46 gehörte wohl zu den teuersten, die ich jemals gesehen hatte, und seine Waffen funkelten nur so von eingelegter Arbeit. Welch eine Unvorsichtigkeit inmitten einer Bevölkerung, die den Raub nicht als Verbrechen, sondern als ritterliche Tat betrachtete! Und noch unvorsichtiger war es von ihm, dass er sich allein, ohne Begleitung, wie ich glaubte, in diese Gegend wagte. Oder war es doch keine Unvorsichtigkeit von ihm? War er hier bekannt oder wusste er Leute in der Nähe, auf deren Schutz er rechnen konnte?
Ich habe noch selten ein solches Bild der Überraschung gesehen wie jenes, das der Perser bot. Sein Mund war vor Erstaunen geöffnet und seine Augen wanderten ungläubig von einem Reiter zum anderen und von einem Tier zum anderen. Sein ganzes Benehmen glich dem eines Manns, der uns zu kennen schien, uns aber irgendwo anders, nur nicht hier an dieser Stelle zu sehen erwartete.
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