Read the book: «Die Verwandlung»
Franz Kafka
Die Verwandlung
In Einfacher Sprache

Spaß am Lesen Verlag
www.einfachebuecher.de
Dieses Buch ist eine Bearbeitung von Die Verwandlung von Franz Kafka.
Die Originalausgabe wurde 1915 in der Zeitschrift Die weißen Blätter veröffentlicht.
Text in Einfacher Sprache: Marion Döbert
Redaktion: Julia Werner
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
© 2020 | Spaß am Lesen Verlag, Münster.
Nichts aus dieser Ausgabe darf ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Herausgebers vervielfältigt, in einer automatisierten Datenbank gespeichert oder in irgendeiner Weise – elektronisch, mechanisch, in Form von Fotokopien, Aufnahmen oder auf andere Art – veröffentlicht werden.
ISBN 978-3-947185-49-8
Franz Kafka
Die Verwandlung
In Einfacher Sprache
Schwierige Wörter oder Ausdrücke sind unterstrichen. Die Erklärungen stehen in der Wörter-Liste am Ende des Buches.
Inhalt
Käfer
Gedanken im Bett
Aufstehen
Es klingelt
Alle warten
Eine Tier-Stimme
Aufschließen
Oh!
Kämpfen
Treib-Jagd
Stilles Leben
Die Schwester
Geld
Abgesperrt
Sehnsucht
Ausräumen!
Protest
Ohnmacht
Der Vater
Äpfel
Sorgen
Die Putz-Hilfe
Die Vermietung
Die Geige
Entdeckt!
Die Entscheidung
Loswerden
Vorbei
Abschied
Beseitigt
Neues Leben
Über Franz Kafka
Wörter-Liste
Käfer
Eines Morgens wird Gregor Samsa wach.
In der Nacht hat er schon unruhig geträumt.
Und als er aufwacht,
ist alles anders als sonst.
Gregor Samsa ist ein riesiger Käfer geworden.
Ein unheimliches Ungeziefer.
Gregor liegt auf dem Rücken im Bett.
Sein Rücken ist wie ein Panzer.
Hart und dick.
Wenn Gregor seinen Kopf hebt,
sieht er einen braunen, steifen Bauch.
Es ist sein Käfer-Bauch.
Seine Beine sehen jämmerlich aus.
Viele dünne Beinchen.
Sie sind viel zu dünn im Vergleich zu seinem Körper.
Hilflos zappeln sie in der Luft.
Was ist mit mir geschehen?, denkt Gregor.
Denn er weiß:
Dies hier ist kein Traum.
Gregor sieht sich um.
Es ist sein Zimmer.
Er ist in seinem kleinen Menschen-Zimmer.
Auf dem Tisch sind noch immer
die Stoffe ausgebreitet.
Gregor ist von Beruf Vertreter.
Seine Aufgabe ist es,
Stoffe zu verkaufen.
Dafür reist er umher.
Gregor sieht sich weiter in seinem Zimmer um.
Über dem Tisch hängt immer noch das Bild.
Das Bild, das er vor ein paar Tagen aus einer Zeitschrift ausgeschnitten hat.
Es ist das Bild von einer vornehmen Dame.
Gregor hat es in einem schönen Rahmen aufgehängt.
In einem goldenen Bilder-Rahmen.
Die Dame trägt einen Pelz-Hut.
Und einen kostbaren Schal aus Pelz.
Ihre Arme wärmt sie in einer Rolle aus Pelz.
Gregor sieht zum Fenster.
Trübes Wetter ist da draußen.
Regen tropft auf das Fenster-Blech.
Das Wetter macht Gregor ein wenig traurig.
Ich könnte einfach noch ein wenig weiterschlafen, denkt er.
Vielleicht ist das ja alles nicht wahr.
Aber Gregor kann nicht weiterschlafen.
Er schläft nämlich immer auf der rechten Seite.
Aber jetzt, als Käfer,
kann er sich gar nicht auf die Seite drehen.
Auch wenn er sich noch so anstrengt.
Immer wieder versucht er es.
100 Mal bestimmt.
Jedes Mal rollt er wieder auf den Rücken zurück.
Gregor hält die Augen geschlossen.
Weil er seine zappelnden Beinchen nicht sehen mag.
Er gibt erst auf,
als seine rechte Seite wehtut.
So einen dumpfen Schmerz kennt er gar nicht.
Gregor denkt über seinen Beruf nach:
Wie anstrengend das alles ist.
Jeden Tag muss ich auf Reisen sein.
Das ist viel anstrengender,
als in einem Geschäft Stoffe zu verkaufen.
Ich muss alle Zug-Pläne kennen.
Ich kann immer nur schnell essen.
Zwischendurch. Immer in Eile.
Die Kunden sehe ich nur kurz.
Dann geht es schon zum nächsten Kunden.
Alles ist oberflächlich.
Man sieht sich und trennt sich.
Der Teufel soll das alles holen!
Gregor hasst auch das frühe Aufstehen.
Der Mensch muss doch seinen Schlaf haben!
Sonst wird er blöd.
Gregor denkt an andere Vertreter.
Die sitzen noch gemütlich beim Frühstück im Hotel.
Da kommt er selbst schon
mit den ersten Aufträgen zurück.
Die Aufträge hat er schon ganz früh am Morgen abgeschlossen.
Während die anderen noch beim Frühstück sitzen.
Wenn ich das bei meinem Chef so machen würde,
dann würde ich auf der Stelle rausfliegen.
Vielleicht wäre das aber gar nicht mal so schlecht, denkt Gregor.
Vielleicht wäre das sogar sehr gut für mich.
Aber ich muss an meine Eltern denken.
Nur deshalb halte ich mich zurück.
Sonst hätte ich schon längst gekündigt.
Wenn es meine Eltern nicht geben würde.
Dann würde ich zu meinem Chef gehen und ihm so richtig meine Meinung sagen.
Der Chef würde von seinem Schreib-Tisch fallen.
Auf den setzt er sich immer.
Wenn er mit uns Angestellten spricht.
Von oben herab redet er auf uns ein.
Und weil er schwerhörig ist,
müssen wir uns dabei ganz nah um ihn stellen.
Eines Tages werde ich ihm meine Meinung sagen.
Dem Chef.
Eines Tages, wenn ich die Schulden meiner Eltern bei ihm abbezahlt habe.
Fünf bis sechs Jahre wird das noch dauern.
Bis ich das ganze Geld zusammenhabe.
Aber dann mache ich Schluss.
Dann kündige ich.
Gedanken im Bett
Aber jetzt muss ich erst einmal aufstehen, denkt Gregor.
Ich muss zur Arbeit.
Mein Zug fährt um fünf Uhr.
Er sieht auf den Wecker.
Himmlischer Vater!
Es ist schon halb sieben.
Hat denn der Wecker nicht geläutet?
Er war doch richtig eingestellt.
Um vier Uhr sollte er wecken.
Das kann man doch nicht überhören.
Der Wecker ist so laut, dass die Möbel wackeln. Und Gregor hat dabei ruhig weitergeschlafen?
Ruhig hat er nicht geschlafen.
In dieser Nacht.
Aber wahrscheinlich sehr fest.
Was soll er jetzt machen?
Der nächste Zug geht um sieben.
Gregor müsste sich jetzt wahnsinnig beeilen.
Die Stoffe sind auch noch nicht eingepackt.
Und außerdem fühlt er sich gar nicht frisch.
Und er fühlt sich überhaupt nicht beweglich.
Selbst, wenn er den Zug noch bekommt,
kommt er zu spät.
Der Chef wird ein Donnerwetter machen.
Der Chef hat sicher schon längst erfahren,
dass Gregor den Fünf-Uhr-Zug verpasst hat.
Irgendein Angestellter hat das bestimmt schon gemeldet.
Einer, der immer nur buckelt.
Einer, der nichts im Kopf hat.
Einer, der dem Chef alles recht machen will.
Gregor könnte sich krank melden.
Aber das wäre peinlich.
Und es würde sofort auffallen.
Denn Gregor war in den ganzen fünf Jahren noch nie krank.
Der Chef würde sofort zu ihm kommen.
Persönlich!
Zusammen mit dem Arzt von der Krankenkasse.
Der Chef würde schimpfen.
Er würde den Eltern Vorwürfe machen:
Dass sie einen faulen Sohn haben.
Einen Sohn, der gesund ist, aber arbeitsscheu.
Vielleicht hätte der Chef sogar recht.
Denn Gregor fühlt sich wirklich nicht krank.
Er ist nur etwas müde.
Und er hat einen richtig guten Hunger.
Gregor denkt eilig darüber nach,
was er machen soll.
Da klopft es an einer
von seinen beiden Zimmer-Türen.
An der Tür direkt am Kopf-Ende von seinem Bett.
„Gregor“, ruft eine sanfte Stimme.
„Gregor, es ist Viertel vor sieben.
Musst du nicht losfahren?“
Es ist die Stimme von der Mutter.
Als Gregor antwortet, bekommt er einen Schreck.
Seine Stimme ist so anders.
Wenn er ein Wort anfängt,
hört es sich erst noch deutlich an.
Aber wenn er weiterredet,
werden die Worte immer undeutlicher.
Man kann sie kaum hören.
Man kann sie kaum verstehen.
Deshalb verzichtet Gregor lieber auf lange Erklärungen.
Ganz kurz sagt er nur:
„Ja, ja, danke, Mutter.
Ich stehe schon auf.“
Vielleicht hat die Mutter
die Veränderung nicht bemerkt.
Die Veränderung in seiner Stimme.
Er hört, wie seine Mutter von der Tür weggeht.
Zurück zu den anderen.
Jetzt wissen natürlich alle,
dass Gregor noch in seinem Zimmer ist.
Sofort klopft der Vater gegen Gregors Zimmer-Tür.
Mit der Faust klopft er dagegen.
„Gregor! Gregor, was ist denn?“, ruft der Vater.
Gregors Schwester ist an der anderen Tür.
Leise ruft sie:
„Gregor, ist dir nicht wohl?
Geht es dir nicht gut?
Brauchst du etwas?“
Gregor ruft zu beiden hin:
„Bin schon fertig.“
Dabei spricht er langsam und deutlich.
Sie sollen es nicht merken.
Das mit seiner veränderten Stimme.
Der Vater geht an den Frühstücks-Tisch zurück.
Aber die Schwester bleibt noch an der Tür.
„Gregor, bitte mach auf!
Ich flehe dich an.“
Doch Gregor denkt überhaupt nicht daran,
die Tür aufzuschließen.
Wie auf seinen Reisen hat er sie
aus Gewohnheit abgeschlossen.
Nun ist er froh darüber.
Gregor will erst einmal in Ruhe aufstehen.
Er will sich anziehen
und dann unbedingt frühstücken.
An anderen Tagen hat er ja auch
manchmal Schmerzen.
Morgens, wenn er falsch gelegen hat.
Also, nichts Besonderes.
Und das mit seiner Stimme,
das wird wohl der Anfang von einer Erkältung sein.
Das kann leicht passieren bei den ganzen Reisen.
Aufstehen
Die Bett-Decke rutscht fast von alleine herunter.
Aber Gregor kann nicht aufstehen.
Sein Körper ist so breit.
Er müsste Hände und Arme haben.
Damit könnte er sich abstützen.
Aber er hat nur die vielen, dünnen Beinchen.
Die zappeln hin und her.
Gregor hat keinen Einfluss darauf.
Die Beinchen machen, was sie wollen.
Ich muss irgendwie aus diesem Bett kommen,
denkt Gregor.
Bloß nicht noch länger hier rumliegen.
Das ist so sinnlos.
Erst versucht Gregor,
seinen unteren Teil aus dem Bett zu bekommen.
Aber er hat seinen unteren Teil
noch gar nicht gesehen.
Gregor liegt steif auf dem Rücken.
Und er kann den Kopf nicht richtig heben.
Der untere Teil ist viel zu schwer.
Gregor kann ihn kaum bewegen.
Er muss es also anders versuchen.
Gregor schiebt sich vorwärts.
Immer wilder.
Aber in die falsche Richtung.
Gregor stößt an der Bett-Kante an.
Ein heftiger Schmerz durchzieht ihn.
Der untere Teil ist anscheinend
besonders empfindlich.
Deshalb versucht er es jetzt mit dem Ober-Körper.
Gregor dreht vorsichtig den Kopf zum Bett-Rand.
Langsam und schwer dreht sich nun
auch sein Körper.
Der Kopf schaut schon über den Bett-Rand hinaus.
So kann ich mich nicht fallen lassen, denkt Gregor.
Mit dem Kopf zuerst auf den Fuß-Boden.
Da werde ich mir nur den Kopf verletzen.
Wahrscheinlich würde er dann
das Bewusst-Sein verlieren.
Das will Gregor auf keinen Fall.
Aber im Bett will er auch auf keinen Fall bleiben.
Die Beinchen zappeln weiter in der Luft.
Er kann sie nicht zähmen.
Verzweifelt sieht Gregor aus dem Fenster hinaus.
Er muss eine Lösung finden.
Er muss ruhig nachdenken.
Er will nichts überstürzen.
Er muss eine Lösung finden.
Draußen am Fenster sieht er den Morgen-Nebel.
Sieben Uhr, und es ist immer noch neblig.
Das macht Gregor nicht munter.
Und eine Lösung ist auch nicht
in den Nebel geschrieben.
Gregor atmet ruhig und schwach.
Er hofft, dass er sich vielleicht
gar nicht verändert hat.
Wenn er nur ruhig liegenbleibt,
dann ist vielleicht alles so wie immer.
Dann ist vielleicht gar nichts Besonderes passiert.
Plötzlich aber gibt er sich einen Ruck.
Ich muss jetzt aufstehen, denkt Gregor.
Das Geschäft wird schon
vor sieben Uhr aufgemacht.
Bestimmt kommt gleich jemand
und fragt nach mir.
Vorsichtig schaukelt er mit dem ganzen Körper.
Gleichmäßig bewegt er sich zur Bett-Kante hin.
Sein Rücken scheint sehr hart zu sein.
Wenn er sich auf den Rücken fallen lässt,
wird das also nicht wehtun.
Und er kann im Fallen seinen Kopf hochreißen.
Dann stürzt er nicht auf den Kopf.
Aber es wird einen lauten Krach geben,
wenn Gregor auf den Boden fällt.
Das macht ihm die größte Sorge:
Dass sich bei dem Krach
alle in der Wohnung erschrecken.
Dass sich alle sofort Sorgen machen.
Aber er will und muss es wagen!
Wie leicht alles wäre,
wenn er Hilfe hätte.
Zwei starke Leute könnten ihm
ganz einfach helfen.
Zwei starke Leute.
Das wären sein Vater und das Dienst-Mädchen.
Die beiden könnten ihn gut
aus dem Bett heben.
Sie müssten nur ihre Arme
unter seinen Rücken legen.
Unter seinen Rücken-Panzer.
Dann müssten sie ihn vorsichtig anheben.
Und schließlich müssten sie die Last
auf dem Boden ablegen.
Gregor würde sich dann schon alleine
umdrehen können.
Vom Rücken auf die Beine.
Mit einer kräftigen Drehung.
Und schließlich würde er
auf seinen Beinchen stehen.
Nur dafür sind die Beinchen wohl gut.
Aber die Tür ist verschlossen.
Es kann keiner helfen.
Und soll Gregor wirklich um Hilfe rufen?
Bei dem Gedanken daran muss er lächeln.
Obwohl er doch so in Not ist.
Es klingelt
Gregor ist kurz davor,
aus dem Bett zu fallen.
Er kann kaum noch das Gleich-Gewicht halten.
Da klingelt es plötzlich an der Wohnungs-Tür.
Gregor erstarrt.
Dabei tanzen die Beinchen noch wilder in der Luft.
Bestimmt jemand aus dem Geschäft, denkt er.
Jetzt fragen sie nach mir.
Jetzt wollen sie wissen,
wo ich bleibe.
In der Wohnung ist es still.
Einen Augenblick lang.
Bestimmt machen sie nicht auf, denkt Gregor.
Das ist seine Hoffnung.
Doch jetzt hört er die Schritte.
Die schweren Schritte vom Dienst-Mädchen.
Sie geht zur Wohnungs-Tür.
Sie öffnet die Tür.
Schon an der Begrüßung hört Gregor,
wer gekommen ist:
Der Prokurist, der Stellvertreter vom Chef.
Warum muss denn gleich der Prokurist kommen?,
denkt Gregor.
Die hätten doch einen Lehrling schicken können.
Das hätte doch gereicht,
um nach Gregor zu fragen.
Aber so ist es in seinem Geschäft:
Jeder kleinste Vorfall wird gleich
zum Drama gemacht.
Kommt man einmal zu spät,
verdächtigen sie einen sofort.
Dann haben sie gleich die schlimmsten Gedanken.
Nur, weil man einmal nicht pünktlich ist.
Weil man einmal im Bett geblieben ist.
Weil man nicht schon früh am Morgen
für die Firma da ist.
Sie hätten doch einen Lehrling schicken können.
Aber jetzt weiß die ganze Familie Bescheid:
Eine schlimme Angelegenheit.
Höchst verdächtig!
Wenn der Prokurist ermittelt,
dann ist es ein besonders schwerer Fall.
Gregor ist erregt.
Er regt sich so sehr auf,
dass er schaukelt und wippt.
Er fällt aus dem Bett mit Wucht auf den Teppich.
Mit einem Schlag.
Aber ohne Krach.
Der Teppich fängt ihn auf.
Und der Rücken-Panzer federt ihn ab.
Nur den Kopf hat Gregor
nicht schnell genug angehoben.
Er reibt ihn am Teppich.
Vor Ärger und Schmerz.
„Da im Zimmer ist etwas heruntergefallen“,
sagt der Prokurist.
Gregor denkt nach.
Vielleicht ist dem Prokuristen ja auch schon mal
so was passiert.
Grundsätzlich wäre das doch möglich.
Aber dann hört er die Schritte von dem Mann.
Er hört seine Stiefel
und wie das Leder knarrt.
Alle warten
Aus dem Neben-Zimmer rechts
flüstert Gregors Schwester:
„Gregor, der Prokurist ist da.“
„Ich weiß“, sagt Gregor leise vor sich hin.
Aber er sagt es so leise,
dass die Schwester es nicht hören kann.
Gregor wagt es einfach nicht, lauter zu sprechen.
Aus dem Neben-Zimmer links spricht nun der Vater:
„Gregor, der Herr Prokurist ist gekommen.
Er will wissen, warum du nicht gefahren bist.
Mit dem Früh-Zug, so wie immer.
Was sollen wir ihm denn nur sagen?
Er will auch mit dir persönlich sprechen.
Also bitte, mach die Tür auf.
Auch wenn dein Zimmer unordentlich ist.
Das wird er schon verzeihen, der Herr Prokurist.“
„Guten Morgen, Herr Samsa“,
ruft der Prokurist dazwischen.
Seine Stimme klingt freundlich.
„Gregor fühlt sich nicht wohl“, sagt die Mutter.
Der Vater spricht weiter zu Gregor an der Tür.
Die Mutter redet weiter zu dem Prokuristen:
„Gregor geht es nicht gut, glauben Sie mir.
Er hat noch nie einen Zug verpasst.
Der Junge denkt doch immer nur an das Geschäft.
Nie würde er einen Zug verpassen.
Und abends geht er auch nie aus.
Das ärgert mich schon fast.
Jeden Abend sitzt er hier zu Hause,
wenn er bei uns in der Stadt ist.
Dann sitzt er bei uns am Tisch.
Er liest still die Zeitung.
Oder er sieht die Fahr-Pläne durch.
Für seine Geschäfts-Reisen.
Manchmal bastelt er auch.
Sachen aus Holz. Schnitz-Arbeiten.
Kürzlich hat er einen Bilder-Rahmen gemacht.
Aus Holz hat er den geschnitzt.
Sie werden staunen, wie hübsch er ist.
Er hängt in seinem Zimmer.
Sie werden den Bilder-Rahmen sehen,
wenn Gregor gleich aufmacht.
Ich bin froh, dass Sie da sind, Herr Prokurist.
Wir alleine würden es nicht hinbekommen,
dass Gregor die Tür öffnet.
Es geht ihm bestimmt nicht gut.
Auch wenn er es heute Morgen
nicht zugegeben hat.“
„Ich komme gleich“,
sagt Gregor langsam und sorgfältig.
Er bewegt sich nicht.
Er will jedes einzelne Wort mitbekommen,
das da draußen gesprochen wird.
„Gnädige Frau“, sagt der Prokurist zu der Mutter.
„Anders kann ich mir das auch gar nicht vorstellen.
Hoffentlich ist nichts Ernstes mit Ihrem Sohn.
Andererseits muss ich sagen:
Man muss ein Unwohl-Sein
auch überwinden können.
Dem Geschäft zuliebe.“
Der Vater klopft ungeduldig an Gregors Tür.
„Kann der Herr Prokurist jetzt zu dir rein?“
„Nein!“, sagt Gregor.
Alle schweigen peinlich im linken Zimmer.
Im Zimmer nach rechts
beginnt die Schwester zu weinen.
Gregor fragt sich:
Warum geht die Schwester nicht
zu den anderen rüber?
Vielleicht ist sie gerade erst aufgestanden?
Vielleicht ist sie noch gar nicht angezogen?
Und warum weint sie?
Weil er, Gregor, noch nicht aufgestanden ist?
Weil er den Prokuristen nicht reinlässt?
Weil er, Gregor, vielleicht seine Arbeit verliert?
Weil der Chef dann bei den Eltern
wieder die Schulden eintreibt?
Das sind doch alles unnötige Sorgen, denkt Gregor.
Noch bin ich ja hier.
Ich werde doch nicht die Familie verlassen.
Und ich werde weiter für die Familie sorgen.
Im Moment liegt Gregor aber noch auf dem Teppich.
In diesem Zustand kann er keinen hereinlassen.
Schon gar nicht den Prokuristen.
Das kann doch jeder verstehen.
Da kann keiner von ihm verlangen,
die Tür zu öffnen.
Am besten ist,
alle lassen ihn jetzt in Ruhe.
Am besten ist,
sie stören ihn nicht weiter mit Reden und Weinen.
Aber Gregor versteht, warum sie sich so verhalten.
Die Eltern, die Schwester, der Herr Prokurist.
Sie wissen ja nicht,
was vorgefallen ist.
Eine Tier-Stimme
„Herr Samsa“, ruft der Prokurist.
Seine Stimme ist lauter als vorher.
„Was ist denn los?
Sie sperren sich im Zimmer ein.
Sie sagen so gut wie nichts.
Sie machen Ihren Eltern große Sorgen.
Und, ganz nebenbei gesagt:
Sie vernachlässigen das Geschäft.
Das ist unerhört.
Das tut man nicht.
Ich spreche hier für Ihre Eltern und für Ihren Chef.
Ich bitte Sie um eine Erklärung.
Und zwar sofort.
Ich staune doch sehr über Ihr Verhalten.
Ich habe Sie immer für einen vernünftigen
Menschen gehalten.
Und plötzlich tun Sie einfach,
was Ihnen gerade so gefällt?
Da bleiben Sie einfach weg von der Arbeit.
Der Chef hat mit mir über Ihr Verhalten gesprochen.
Heute Morgen.
Für ihn ist klar:
Sie sind überfordert.
Weil Sie eine neue Aufgabe bekommen haben.
Aber ich habe mich hinter Sie gestellt.
Ich habe Sie verteidigt.
Ich habe mich für Sie beim Chef eingesetzt.
Und jetzt erlebe ich Ihren Starrsinn.
Ihre fehlende Bereitschaft, mitzumachen.
Dabei sollte Ihnen klar sein:
Ihre Stellung im Geschäft ist
durchaus nicht gesichert.
Darüber wollte ich mit Ihnen persönlich sprechen.
Nur unter uns beiden.
Aber Sie lassen mich einfach hier vor der Tür stehen.
Sie verschwenden meine Zeit.
Und deshalb können es jetzt gleich
auch Ihre Eltern erfahren:
Ihre Leistungen waren
in der letzten Zeit unbefriedigend.
Unsere Firma ist nicht zufrieden mit Ihnen.
Wir geben zu, in dieser Jahres-Zeit
kann man keine großen Geschäfte machen.
Das sehen wir ein.
Aber eine Jahres-Zeit ganz ohne Geschäfte,
die gibt es nicht.
Die darf es nicht geben, Herr Samsa!“
Gregor ist furchtbar aufgeregt.
„Herr Prokurist“, ruft er.
Und für diesen Moment vergisst Gregor
seine Verwandlung.
Er vergisst, dass er nun ein Käfer ist.
„Herr Prokurist, ich mache sofort auf.
Einen Augenblick nur noch!
Ich liege noch im Bett.
Es ging mir nicht gut.
Schwindel. Übelkeit.
Wie das einen Menschen nur so überfallen kann.
Gestern Abend ging es mir noch ganz gut.
Das weiß ja auch meine Familie.
Und doch hatte ich gestern schon
ein komisches Gefühl.
Eine Ahnung.
Meiner Familie war noch nichts aufgefallen.
Am besten hätte ich gestern schon Bescheid gesagt.
Im Geschäft.
Aber ich dachte,
ich kann trotzdem arbeiten.
Herr Prokurist!
Schonen Sie meine Eltern!
Es gibt keinen Grund für Ihre Vorwürfe.
Sie haben wahrscheinlich noch nicht
die Aufträge gelesen.
Die ganzen Aufträge, die ich abgeschlossen habe.
Und außerdem:
Ich nehme gleich den Zug um acht Uhr.
Dann arbeite ich wie sonst.
Die Ruhe hier im Bett,
die hat mich gestärkt.
Gehen Sie nur, Herr Prokurist!
Sie brauchen sich hier nicht aufzuhalten.
Ich komme gleich ins Geschäft.
Und bitte, grüßen Sie den Chef!“
Gregor spricht schnell.
Er denkt nicht mehr richtig nach.
Er will jetzt tatsächlich die Tür aufmachen.
Er will jetzt wissen,
wie er für die anderen aussieht.
Wie sie ihn wahrnehmen.
Wenn er plötzlich vor ihnen steht.
Wenn sie vor ihm erschrecken,
dann muss er keine Verantwortung mehr tragen.
Dann ist alles egal.
Dann muss er nichts mehr machen.
Dann kann er einfach zur Ruhe kommen.
Wenn sie sich aber nicht erschrecken, dann kann Gregor auch ruhig bleiben.
Dann muss er sich auch nicht aufregen.
Dann nimmt er einfach den Zug um acht Uhr.
Und geht arbeiten.
Gregor schiebt sich gegen einen Schrank
in seinem Zimmer.
Seine Beinchen finden keinen Halt.
Er lässt sich fallen.
Dreht sich.
Schaukelt wieder.
Dann richtet er sich an einem Sessel auf.
Seine Beinchen klammern sich an die Sessel-Lehne.
Endlich steht er aufrecht.
Er wird ruhiger.
Er kann wieder hören, was die da draußen sagen.
„Haben Sie auch nur ein Wort verstanden?“,
fragt der Prokurist.
„Der macht sich doch wohl nicht lustig über uns?“
Die Mutter weint.
„Um Gottes willen!“, sagt sie.
„Gregor ist vielleicht schwer krank.
Und wir quälen ihn auch noch.“
Dann ruft die Mutter nach der Schwester:
„Grete! Grete!“
Durch Gregors Zimmer hindurch ruft sie,
denn Grete ist immer noch
an der anderen Tür von seinem Zimmer.
„Mutter, was ist?“, ruft Grete zurück.
„Grete, hol den Arzt!
Gregor ist krank.
Schnell, lauf zum Arzt!
Hast du Gregor reden gehört?“
„Das war eine Tier-Stimme“, sagt der Prokurist.
„Das war die Stimme von einem Tier.“
Er sagt es ganz leise.
Während die Mutter schreit.
The free sample has ended.