Read the book: «Afropessimismus»
Frank B. Wilderson III
Afropessimismus
Aus dem amerikanischen Englisch von Jan Wilm

Gewidmet Anita Wilkins –
mit Dank für deine Liebe.
Gewidmet Dres. Ida-Lorraine und Frank B. Wilderson jr. –
mit Dank für das Formen meines Geistes.
Gewidmet Assata Shakur und Winnie Mandela –
mit Dank für alles.
INHALT
Teil I
1. Zu Halloween wusch ich mein Gesicht
2. Saft aus einem Halsknochen
3. Hattie McDaniel ist tot
4. Strafpark
Teil II
5. Das Problem mit Menschen
6. Bitte Vorsicht am Bahnsteig
7. Mario’s
Epilog: Das neue Jahrhundert
Danksagung
Anmerkungen
Habt den Mut, Wilderson zu lesen! Nachwort des Übersetzers
TEIL I
Ich kam auf die Welt, darum bemüht,
den Sinn der Dinge zu ergründen,
und meine Seele war von dem Wunsch erfüllt,
am Ursprung der Welt zu sein, und dann entdeckte ich mich
als Objekt inmitten anderer Objekte.
Frantz Fanon1
Am meisten wert bin ich als Vektor,
durch den andere sich selbst verwirklichen können.
Cecilio M. Cooper2
KAPITEL EINS
Zu Halloween wusch ich mein Gesicht
I
Eine psychotische Episode ist kein Picknick, besonders dann, wenn man weiß, dass man sie nicht als Wahnsinn bezeichnen kann, denn Wahnsinn setzt einen Wetterumschwung voraus, eine vorausgegangene Jahreszeit der geistigen Gesundheit.
Ich stöhnte. Schluchzte. Das knisternde Einweglaken, das die Bahre bedeckte, ratschte, wenn ich mich bewegte. Als sie den Raum betraten, setzte ich mich auf. Niemand würde mich fixieren. Allerdings stand ich nicht von der Bahre auf, aus Angst, ihnen einen Grund dafür zu geben, es doch zu tun. Im Fluoreszierlichterglanz waren sie – der Arzt und die Krankenschwester – weiß wie Staub. Die Bahre klapperte von meinem Zittern und Weinen. Sie kamen nicht näher. Sie riefen nicht um Hilfe, weder für sich selbst noch für mich, einen monströsen Aphasiker, der zu schwarz war für ihre Pflege. So, glaubte ich, müssten sie mich sehen. Und mein Drang, sie vor mir selbst zu bewahren, übertraf meinen Wunsch, geheilt zu werden. Doch ich konnte nicht sprechen. Nicht einmal, um ihnen mitzuteilen, dass ich sie vor mir schützen wollte.
Streubomben brachen in meinem Herzen. Ich umklammerte meine Brust und schrie auf. Machten sie darauf einen Schritt zurück? Ist es das Herz?, fragte der Arzt. Ich wollte lachen. Das Komische an einem Mund ist, dass er sich nicht nur öffnen, sondern auch schließen muss, wenn ein Wort gesagt werden soll. Meiner würde sich nicht schließen; ich wusste, wenn er sich schlösse, bekäme ich ihn nicht wieder auf. Die Scharniere meines Kiefers erzeugten Stöhnen oder Heulen, jedoch keine Worte. Ich dachte: Wie lustig ist das? Ich antwortete ihm mit den Worten eines Vogels, dessen Kehle man aufgeschlitzt hat.
Sie greifen sich ständig an Ihre Brust, sagte er. Spüren Sie einen stechenden Schmerz irgendwo in der Herzgegend? Ich nickte mit dem Kopf. Erzählen Sie mir mehr darüber, sagte er. Doch ich fühlte, wie sich meine Lippen grotesk verzogen; ich wollte nicht wieder anfangen zu schluchzen. Er sagte, ich solle mir Zeit lassen. Die Krankenschwester nickte auf eine ernste Art, als starrte sie einen mopsnasigen Welpen in seinem Käfig an. Ich hatte den Drang, ihren Blick mit einem mopsnasigen Welpenkläffen zu beantworten. Während dieser Drang in mir anwuchs, vertiefte sich ihre Traurigkeit. Mein Bellen und ihre betrübten, geweiteten Augen steuerten auf einen Zusammenstoß zu. Wauwau! Wauwau! Gib mir ein Leckerli! In meinem Kopf spürte ich heftige Erschütterungen, und auch mein Zwerchfell war erschüttert, auf ganz andere Weise. Der sehr verehrte Sir Schenkelklopfer erhob sich von meinem Oberkörper und stieß auf Mister Warum-zur-Hölle-bin-ich-überhaupt-am-Leben, der durch meinen tosenden Schädel gekracht und in meiner Kehle gelandet war. Die Traurigkeit sickerte aus den Augen der Krankenschwester. Sie war wieder ganz ihr verschüchtertes Selbst. Die Welpenliebe hatte sich verwandelt in ihr Bedürfnis nach Selbsterhaltung im Angesicht dieser unförmigen schwarzen Masse mit filzigem, ungekämmtem Haar und Feuerwerkskörpern, die aus den Höhlen herausschossen, in denen sich eigentlich die Augen befinden sollten.
Der Arzt saß auf einem Hocker, ein Fuß auf die untere Sprosse gestützt, der andere Fuß auf dem Boden. Die Krankenschwester blieb jedoch stehen. Er massierte eine üppige Augenbraue mit seinem Zeigefinger und wartete. Lachen ist gut, sagte er. Warum erzählen Sie uns nicht, was Sie so amüsiert? Ich wollte sagen: Wäre es in Ordnung, wenn ich bellen würde? Allerdings bemerkte ich, dass ich verrückter wirkte, wenn ich ihn um Erlaubnis zum Bellen bitten würde, als wenn ich Initiative zeigen und, ohne größere Anstalten zu machen, einfach loskläffen würde. Ich stürzte in die Kluft zwischen Lachen und Tränen.
Niemand hatte mich in das Studierendenkrankenhaus gebracht. Ich war auf eigene Faust hierhergekommen. Während ich wimmernd auf der Trage saß und die Angst vor der Welt in den Augen des Arztes und der Krankenschwester fürchtete, konnte ich nur eine ihrer Fragen (Ist jemand bei Ihnen?) durch Kopfschütteln beantworten. Wie sind Sie hergekommen? Wer hat Sie hergebracht? Als Antwort vernarbten die Tränen mein Gesicht. Sind Sie selbst gefahren?, sagte eine der beiden Personen. Ich schüttelte den Kopf. Sie bemerkten die Autoschlüssel in meiner Hand. Sie hatten immer noch nicht meinen Puls oder meinen Blutdruck gemessen. Der Arzt wies mich an, auszuruhen. Er sagte, sie seien gleich wieder zurück.
Als sie fort waren, stachen mir die fluoreszierenden Lichter in die Augen wie Eisdolche, die in den Wintern meiner Kindheit von den Villen heruntergehangen hatten. Ich hatte nicht genügend Vertrauen in meinen Gleichgewichtssinn, um von der Bahre herunterzurutschen und die Lichter auszuschalten. Ich wollte nicht auf dem Bauch liegen und nur dieses knitternde Wegwerflaken zwischen der Vorderseite meines Körpers und einer kalten Matratze haben, die mich mit dem Geräusch eines trockenen Hustens zurechtwies, wann immer ich mich regte. Also blieb ich auf dem Rücken liegen. Schloss ich meine Augen vor dem grellen Licht, explodierten Rosen an meinen Lidern.
War ich heute Morgen gerade beim Rasieren, als ich austickte? Ich trug einen Bart, also nein, es geschah nicht beim Rasieren. Doch ich wusste, es hatte angefangen, als ich in den Spiegel starrte. Ich wusch mir gerade das Gesicht, als die Strophe eines Gedichts in meine Gedanken aufstieg. Es begann mit einem Gefühl von Hitze im Gesicht und mit einem Engegefühl in der Brust. So wie ich mich häufig als Kind gefühlt hatte, wenn ich es morgens nicht ertragen konnte, der Tatsache ins Gesicht zu sehen, einen Tag voller Spott in einer weißen Grundschule durchstehen zu müssen, jener Grundschule, die in der Nähe des gesprenkelten Wassers eines langen, mit Weidenbäumen gesäumten Sees lag. Mein Fleisch zitterte, als wäre mein Hemd aus Insekten gemacht, und die Haut an meinem Rücken bewegte sich, wie sie es immer tat, wenn meine Mutter morgens die Tür hinter mir geschlossen hatte. Die Erinnerung an diesen ängstlichen kleinen Jungen, der auf meinen Namen hörte, ächzte in meinen Ohren wie die Echos der Ruderlager über einem ruhigen, menschenleeren Meer. Ich ruderte ans Ufer, wo jeder Kummer meiner Kindheit auf mich wartete.
Ich bin ein Doktorand mittleren Alters, waren die Worte, die ich zu dem Bild gesagt hatte, das der Spiegel zersplittert hatte. Ich. Reiße. Mich. Zusammen. Doch der stechende Schmerz in meiner Brust hatte einfach nicht auf mich gehört. Er wollte sich erinnern und dem Gedicht lauschen, das vor wenigen Augenblicken durch meinen Geist hindurchgeflossen war.
Mir war klar, dass ich hier rausmusste, bevor ich, ganz allein in meinem Badezimmer, an einem Herzinfarkt stürbe. Vom Gehen schien ich beinahe ohnmächtig zu werden. Die Wohnung war klein; nur ein Badezimmer, dann ein Schlafzimmer, eine Küche und ein Wohnzimmer. In jedem Zimmer fand ich etwas, woran ich mich mit der Hand festklammern konnte – die Schranktür, den Herd, die Lehne eines Küchenstuhls, die Reihen an Bücherregalen im Wohnzimmer, die bis zur Eingangstür reichten. Die Eingangstür fiel hinter mir ins Schloss.
Mir wurde schwindelig, als ich jene sieben Stufen hinabblickte, als schaute ich in eine tiefe Schlucht. Der Drang, in Ohnmacht zu fallen, und der Drang, zu erbrechen, bekämpften sich in meinem Körper. Schlechtes Karma, dachte ich hinter meinen tränenfeuchten, verschwommenen Augen. Ich glaubte, ich würde ohnmächtig werden. Mein Honda Civic döste am Bordstein wie eine kleine blaue Eidechse.
Meine Schlüssel schrappten gegen das gusseiserne Geländer, als ich die Treppe hinunterstolperte. Süßes, sonst gibt’s Saures, dachte ich mit einem Lachen, wir haben uns das Gesicht gewaschen, und wir stecken in unseren Schuluniformen. Eine wahnsinnig wütende Bestie rang darum, in einem Guss aus Blut und Galle aus meiner Haut zu fahren. Ich wollte heulen. Eine Handfläche stemmte sich gegen die Fensterscheibe. Eine Hand fummelte an den Schlüsseln herum. »Kann mir jemand helfen?«, schluchzte ich vor mich hin, hoffend, dass mich keine weiße Person hören konnte. »Kann mir bitte jemand helfen?«
Während ich nun auf der Bahre lag, erinnerte ich mich an die silbernen Kotzfäden, die sich auf der Motorhaube meines Autos kringelten. Dann, ohne zu wissen, wie oder warum, saß ich in einem Bus, der durch die Innenstadt von Berkeley fuhr. Ich sah dabei zu, wie ich mich selbst durch die Augen der Fahrgäste im Bus sah, während ich zur Seite sackte und leise schluchzte. Sie sollen sich sicher fühlen, hatte ich mir gedacht, auch wenn ich mich selbst noch nie so unsicher gefühlt hatte. Ich dachte noch einmal an diesen Moment zurück, als die Krankenschwester und der Arzt zum ersten Mal diese weiße Gruft betraten, in der ich aufgebahrt war. Sie sollen sich sicher fühlen – die Hauptregel der internationalen Negro-Diplomatie.
Jetzt, allein in der Klinik, blessierten Lichtposaunen meine Augen, und es wurde kalt im Raum. Schloss ich jedoch meine Lider, rauschte eine Kette vergangener Leben durch meinen Schädel wie ein Zug, der über einer Schlucht entgleiste. Jeder einzelne Eisenbahnwagen war ein Waggon aus Zeit. Die Lok war das Jetzt, die Zeit dieses gegenwärtigen Moments auf der Bahre. Anschließend stürzte ein Zeitwaggon herunter, der mein Leben im Apartheid-Südafrika in sich trug, wo Mandelas Versprechen flackerten und erstickten wie die letzten Japser von Straßenlaternen. All das Blutvergießen für eine Flaggen-und-Hymnen-Nation, für den Nebel der Mythologien, und die scharfe Kritik von Mandelas Kumpanen, die die sogenannte Ultralinke tadelte mit Worten wie: »Kameraden, jetzt müsst ihr endlich begreifen, dass ihr euch nicht von euren Prinzi pien ernähren könnt.« Der nächste Waggon, der die Felswand hinunterrauschte, waren die 1980er-Jahre: Ein Ersteklasseabteil voller Sorgen und Magengeschwüren. Ich war ein frischgebackener Universitätsabgänger, der glaubte, mit Schmerz könnte man auf dem Börsenparkett handeln, so wie mit allem anderen im Leben auch. Acht Jahre lang, von der Zeit, als ich meinen Universitätsabschluss machte, bis zu der Zeit, als ich nach Südafrika auswanderte, um gegen die Apartheid zu kämpfen, arbeitete ich als Börsenmakler. Der erste Schwarze Börsenhändler von Minnesota, wie mir damals von dem Sales Manager gesagt wurde, der mich stolzgeschwellt einstellte.
2
Jene acht Jahre haben meine Gesundheit fast vollständig ruiniert. Eine meiner Gesichtshälften zuckte und schauderte nach Belieben. Ein Geschwür zerfraß meine Magenschleimhaut. Mein Internist war nicht der erste Mensch, der diese Prognose gestellt hatte. Jasmine, eine Sekretärin in der Hauptverwaltung von Merrill Lynch an der Wall Street, die ich eines Sommers während eines Weiterbildungsmonats kennengelernt hatte, hatte mir ebenfalls gesagt, dass ich in diesem Berufsfeld nichts verloren hätte. Sie hatte recht, und auch ich wusste es damals, doch Geld ist eine enorme Motivation; jetzt bot sich mir die Gelegenheit, all das Geld für meine gesundheitliche Langzeitpflege auszugeben, wenn ich nicht sofort etwas unternahm.
»Sie sind kein Kapitalist«, sagte mir mein Internist. »Sie besitzen nicht den Mut, den man dazu braucht.«
»Ich will Geld. Ich brauche Geld.«
»Sie trinken acht Tassen Kaffee am Tag. Ihre Wange flackert wie eine Morselampe. Meinen Sie, dass Sie warten sollen, bis Ihr Geschwür die Größe meines kleinen Fingers hat, ist es das, was Sie machen sollten?«
Ich versuchte, kürzer zu treten, was bedeutete, dass ich weniger Umsatz machte, und bald war mir klar, dass ich kündigen sollte, bevor der Sales Manager mich in Verlegenheit brächte und mich hinausgeleiten würde. Ich trat eine Stelle als Kellner in einem exklusiven Beach Club am See an, der erst Ende der 1960er-Jahre Juden als Mitglieder aufnahm und erst Mitte der 1970er-Jahre sein erstes Schwarzes Mitglied hatte. Die Kundschaft reichte von Dan Aykroyd und Jim Belushi, deren Gefolge das Innere des Ballsaals so zurückgelassen hatte, dass es, gelinde gesagt, renoviert werden musste, bis zu den alten blaublütigen Familien, die 1962 versucht hatten, meine Eltern aus ihrer Nachbarschaft fernzuhalten. Eines Tages ging ich in den Ballsaal und balancierte ein großes Tablett mit neun Caesar-Salaten auf meiner Schulter. Das Tablett geriet ins Wanken und fiel mir fast hinunter, als ich die Gesichter an dem Tisch erblickte, an den ich geschickt worden war. Es waren Kollegen – ehemalige Kollegen – der Firma, bei der ich vor zwei Monaten gekündigt hatte. Langsam wurde ich der Lüge habhaft, die ich ihnen erzählt hatte, als ich damals ging. »Leute, ich bin es leid, fürs Establishment zu schuften. Ich probiere es jetzt als privater Dealmaker mit ein bisschen Finanzplanung nebenher.« Nach und nach servierte ich ihnen ihre Salate. Mein Name blubberte aus ihren Mündern: »Frank?« – eine Frage, die in ein Japsen gehüllt war. Ich kündigte auch hier eine Woche später – was keinen Sinn machte, denn sie hatten mich ja gesehen, die Lüge war bloßgelegt worden – und arbeitete dann für weniger Gehalt in einem Kunstmuseum.
Ich arbeitete als Wachmann im Walker Art Center mit seinem Blick über Downtown Minneapolis, und ich leckte meine Wunden von der Zeit im Calhoun Beach Club und meinen acht ethisch bankrotten Jahren als Börsenmakler. In Palästina hatte gerade die Erste Intifada begonnen, und ich hatte einen lieben Freund aus Ramallah, der ebenfalls als Wachmann im Museum angestellt war. Sein Name war Sameer Bishara. Er war Fotograf und studierte an der Kunsthochschule von Minneapolis. Wir teilten die politische Einstellung: Revolutionär; und das Sternzeichen: Widder. Zwei Menschen, die sich häufig irrten, aber keinen Zweifel kannten. »Wenn wir in einem Flugzeug säßen«, sagte Sameer einmal zu mir, »und wir in der Wüste abstürzten und eine Gruppe aus den Überlebenden gebildet würde, dann hätten einige von ihnen die Aufgabe, Wasser zu finden, andere hätten die Aufgabe, Nahrung und Feuerholz aufzutreiben, und wir bräuchten ein Team, um einen Unterschlupf aus all dem zu bauen, was nach dem Absturz geborgen werden könnte. Aber du, Frank, du wärst derjenige, der sich zurücklehnen und uns Befehle erteilen würde.« Ich habe ihm die Genugtuung, die er bei dieser Spitze empfand, nicht dadurch getrübt, dass ich ihm sagte, er habe mir Charakterzüge zugeschrieben, die geradeso gut auf ihn zuträfen.
Die meisten der Wachleute waren entweder Künstlerinnen oder Schriftsteller oder Studierende. Aber nur Sameer teilte meine Politik des Aufstands. Früh wurden wir Freunde und hielten uns von den andern fern. Ich erzählte ihm von meinen Träumen während der College-Zeit, nach Simbabwe zu gehen und für die ZANU/ZAPU zu kämpfen, oder nach New York, um mich Assata Shakur und der Black Liberation Army, der Schwarzen Befreiungsarmee, anzuschließen. Sameer hatte den Traum, nach Ramallah zurückzukehren, um einen, wie er meinte, bedeutenderen Beitrag zur Intifada zu leisten als die Vorträge, die er vor Liberalen mit wässrigen Augen in Minnesota hielt. Er war 25. Ich war 31. In fünf Jahren würde ich so alt sein, wie Frantz Fanon war, als er im Gewahrsam der CIA verstarb. Als Fanon 1961 starb, war er aus seiner Heimat Martinique geflüchtet, hatte sich De Gaulles Armee angeschlossen und war im Kampf gegen die Nazis verwundet worden. Außerdem hatte er sein praktisches Jahr in Psychiatrie und Medizin absolviert, hatte sich während der algerischen Revolution der Nationalen Befreiungsfront angeschlossen und vier Bücher über Revolution und Psychoanalyse verfasst. Ich hatte fünf Jahre Zeit, um ihn einzuholen – eine Messlatte, die mir mein Dämon der Schande gesetzt hatte. Überheblichkeit bei völliger Niedergeschlagenheit – so lebte ich. Etwas ganz Ähnliches traf auch auf Sameer zu. Was für eine Verschwendung, sagte er mir, Skandinavier und Eistaucher zu fotografieren, während er glaubte, er sollte besser in seiner Heimat sein und Bomben bauen. Wir hatten unterschiedliche Schultern, doch sie trugen das gleiche Kreuz. Davon war ich überzeugt, seit er eines Morgens lächelnd zur Arbeit gekommen war, obwohl sein rechtes Auge leicht geschwollen und geschlossen war.
»Letzte Nacht«, erzählte er mir, »lernte ich mit einem Freund aus Palästina zwei unglaublich schöne Frauen kennen. Weiße natürlich«, fügte er flüsternd hinzu, und ich machte mir nicht die Mühe, sein »natürlich« infrage zu stellen, denn ich war mir nicht sicher, dass er falschlag. Dass es selbstverständlich ist, dass »weiß« gleichbedeutend ist mit Schönheit – das ist die Botschaft, die man sein ganzes Leben lang aufgezwungen bekommt. Das Gegenteil zu behaupten, ist so, als sagte man, Es geht nicht ums Geld, nachdem man übers Ohr gehauen wurde.
Sameer sagte, er und sein Freund hätten sie mit nach Hause nehmen können, wenn nicht drei reiche Kuwaiter in den Salon geschlendert gekommen wären. Als einer der Kuwaiter sich an die Frau ranmachte, mit der sich Sameer gerade unterhielt, sagte Sameer ihm freundlich, er solle zu seinem Tisch zurückgehen.
Der Mann höhnte: »Ihr habt ja nicht mal ein eigenes Land.«
Doch er ging zurück. Im Laufe des Abends schickten die Kuwaiter Champagner an Sameers Tisch. Dann kamen alle drei an den Tisch. Sie boten an, die Frauen zu einer exklusiven Afterparty in ein Penthouse im Vorort von Edina mitzunehmen.
»Nur ihr beide«, sagte der Kuwaiter, den Sameer weggeschickt hatte, zu den Frauen, »nicht diese Staatenlosen.«
Weil die Kuwaiter zu dritt und Sameer und sein Freund zu zweit waren, gingen die Kuwaiter auf Sameers Angebot ein, die »Details« der Afterparty auf dem Parkplatz zu klären.
Die Zähne der Stechuhr durchbohrten Sameers Stechkarte. Ich folgte ihm, als er sich einen der blauen Museumsblazer anzog, die wir alle trugen. Wir gingen zusammen in die Hauptgalerie. Als ich vorausging, um meine Position im Zwischengeschoss einzunehmen, lächelte er und flüsterte: »Wir haben diese Kuwaiter verprügelt, bis wir nicht mehr konnten.«
Es war nicht so sehr, dass die ineinander verkeilten Geweihe ob des Besitzerstolzes zweier verbotener Frauen den Wirbel auf dem Parkplatz ausgelöst hatten – auch wenn das sicher ein Teil davon war. Was ihn so sehr zur Weißglut getrieben hatte, war die Verhöhnung von Sameers Staatenlosigkeit durch die Kuwaiter. Ich meinte, auch ich hätte diesen Verlust erlitten, da ich glaubte, mein Leiden sei dem von Sameer sehr ähnlich. Damals war ich kein Afropessimist.
»Ich hätte sie auch verdroschen«, sagte ich.
Ein hoher, grasbewachsener Hügel grenzte an das Gebäude, in dem das Walker Art Center beherbergt war. Die Anhöhe ist heute verschwunden, sauber abgetragen wie nach einer Wurzelbehandlung, um Platz zu schaffen für ein Restaurant. Als es jedoch noch ein Hügel war, aßen Sameer und ich dort zu Mittag. Im Frühling, wenn die Kälte nachließ und der Himmel sich aufhellte, bot die Kuppe des Hügels einen umfassenden Blick auf die weißen Schwäne, die den See des Loring-Parks abschwammen. Entfernte Autos in den Innenstadtstraßen funkelten paillettengleich in der Sonne. Von diesem Hügel aus konnte man die Kupferkuppel der Basilica of Saint Mary erkennen, die durch geschmolzenen Schnee und strömenden Regen zu einem einzigen blaugrünen Glänzen korrodiert war und mich glauben machte, der Verfall sei das einzig wahre Objekt der Liebe. Auch war der Hügel ein Aussichtspunkt, von dem aus man den sich anbahnenden Tod erkennen würde. Direkt darunter befand sich der Bottleneck, eine Kreuzung, an der drei Straßen zu einer einzigen zusammenliefen, ein Ort, an dem sich einige der schrecklichsten Unfälle ereigneten. Als ich in meinen Zwanzigern Spionageromane las, stellte ich mir den Bottleneck manchmal als einen Abschnitt der deutschen Autobahn vor, auf der John le Carrés unglücklicher Spion Alec Leamas zwei Kinder in einem Kleinwagen beobachtete, die ihm fröhlich zuwinkten; und er im nächsten Moment sah, wie der Wagen zwischen zwei großen Lastwagen zerquetscht wurde. Dies war der Hügel, auf dem mir Sameer von seinem Cousin erzählte, der in Ramallah getötet worden war – in die Luft gesprengt beim Bau einer Bombe. Doch er war kein Selbstmordattentäter. Es war ein Unfall. Sameer gab sich selbst die Schuld, so wie es Überlebende häufig tun, ganz gleich, wie nah oder wie fern – räumlich oder zeitlich – ihre Toten auch sind. Er hatte überlebt, weil er hier war und nicht dort.
Mein Freund sprach offen, während wir zusahen, wie die Welt unter uns vorbeirauschte, ohne zu uns aufzuschauen und uns ihren Respekt zu zollen. Irgendwann erzählte Sameer davon, wie er an israelischen Grenzposten angehalten und kontrolliert worden war. Er sprach auf eine Weise, für die meine Anwesenheit scheinbar nicht notwendig war. Nie zuvor hatte ich dieses Maß an Konzentration und Distanz an ihm erlebt. Es war in Ordnung. Er trauerte.
»Die beschämende und demütigende Art und Weise, wie die Soldaten ihre Hände über deinen Körper gleiten lassen«, sagte er. Dann fügte er hinzu: »Aber die Scham und die Demütigung ist noch viel schlimmer, wenn der israelische Soldat ein Jude aus Äthiopien ist.« Der Boden unter meinen Füßen brach weg. Der Gedanke, dass mein Platz im Unbewussten der Palästinenser:innen, die für ihre Freiheit kämpfen, der gleiche unehrenhafte Platz war, den ich in den Köpfen der Weißen in Amerika und Israel einnahm, ließ mich erschaudern. Ich besaß genügend Geistesgegenwärtigkeit, um ihm zu sagen, dass seine Ansichten merkwürdig waren, wenn man bedachte, dass Palästinenser:innen sich in einem Krieg mit Israelis befanden, und dazu noch mit weißen Israelis. Wie kam es, dass die Leute, die sich sein Land aneigneten und seine Verwandten abschlachteten, in seiner Vorstellung irgendwie eine geringere Bedrohung darstellten als Schwarze Juden, die so oft Werkzeuge des israelischen Wahnsinns waren und gelegentlich ihre Drecksarbeit verrichteten? Was, fragte ich mich im Stillen, was an Schwarzen (an mir) war es, das uns so ersetzbar machte, dass man uns in den Köpfen der Unterdrücker und Unterdrückten derartig herumwürfeln konnte?
Ich war konfrontiert mit der Erkenntnis, dass palästinensische Aufständische im kollektiven Unbewussten mehr mit dem israelischen Staat und der israelischen Zivilgesellschaft gemeinsam haben als mit Schwarzen. Was sie teilen, ist ein größtenteils unbewusster Konsens, dass Blackness, Schwarzsein, ein Raum von Abjektion, von Elendigkeit, ist,3 der sich beliebig instrumentalisieren lässt. Einmal ist Blackness ein entstelltes und entstellendes phobisches Phänomen; dann wieder ist Blackness ein empfindungsfähiges Werkzeug,4 das freimütig eingesetzt wird zu Zwecken und mit Zielen, die wenig mit Black Liberation, Schwarzer Befreiung, gemein haben. Da saß ich also und sehnte mich, solidarisch mit der Sehnsucht meines palästinensischen Freundes, nach der vollständigen Wiederherstellung palästinensischer Souveränität; ich trauerte, solidarisch mit der Trauer meines Freundes, über den Verlust seines aufständischen Cousins; ich sehnte mich also nach der historischen und politischen Erlösung dessen, was ich für eine verletzte Gemeinschaft von Menschen hielt, der wir beide angehörten – bis mein Freund plötzlich ins Unbewusste seines Volkes hinuntergriff und mir einen nassen Turnschuh von unten übers Kinn zog: die erschreckende Erkenntnis, dass ich nicht nur von Anfang an vom Ausgang der geschichtlichen und politischen Erlösung ausgeschlossen bin, sondern dass die Grenzen der Erlösung gleichermaßen von Weißen und Nicht-Weißen kontrolliert werden, obwohl sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen.
Es ist sogar noch schlimmer als das. Ich, als Schwarze Person (falls Person, Subjekt, Wesen geeignete Begriffe sind, denn Mensch ist es nicht), bin vom Ausgang der gesellschaftlichen und geschichtlichen Erlösung ausgeschlossen und werde gleichzeitig dafür gebraucht, dass Erlösung irgendeine Form von Kohärenz erlangen kann. Ohne den Ausdruck einer geteilten Negrophobogenese, die zwischen Israel und Palästina vermittelt, würde die narrative Kohärenz ihres blutigen Konflikts einfach verpuffen. Die Negrophobogenese meines Freundes und seiner palästinensischen Landsleute bildet das Fundament, die Betonplatten, auf denen jedes Gebäude von menschlichem Ausdruck (ob Liebe oder Krieg) errichtet wird. Die erniedrigte Menschheit (Palästinenser:innen) kann von der erhabenen Menschheit (aschkenasische Jüd:innen) gefilzt werden, und die Mauern der Vernunft bleiben stehen (ungeachtet der universellen Würdelosigkeit von unmotivierten Durchsuchungsaktionen). Doch wenn der Soldat stattdessen ein äthiopischer Jude ist …
Meine Brust war von Schmerz durchstoßen. Sameer und ich waren Gegner, nicht weil wir als Freunde ungleich waren, und auch nicht weil unsere politischen Einstellungen unvereinbar waren; sondern weil die Imago des Schwarzen »für alle irgend entstehenden Konflikte verantwortlich ist«.5 Denn die libidinöse Ökonomie, die die Schwarze Imago als phobogenes* Objekt positioniert, durchtränkt das kollektive Bewusstsein;** ich werde durch sie angeeignet als ein Werkzeug für die Sorgen aller Nationen – sogar zweier Nationen, die sich bekriegen –, jedoch niemals als ein Nutznießer dieser Sorgen.
1988 war ich kein Afropessimist. Mit anderen Worten, ich betrachtete mich selbst als erniedrigten Menschen und betrachtete meine Notlage analog zur Notlage der Palästinenser:innen, der indigenen Einwohner:innen der USA sowie der Arbeiter:innenklasse. Heute weiß ich, diese Analogie war falsch. Ich war die Kontrastfigur zur Menschheit. Die Menschheit blickte auf mich, wenn sie sich über sich selbst im Unklaren war. Mit einem existenziellen Seufzer konnte die Menschheit durch mich sagen: »Wenigstens sind wir nicht er.« Um Saidiya Hartman zu zitieren: »Der Sklave ist weder ein zivilisierter Mensch noch ein freier Arbeiter, sondern vielmehr ausgeschlossen von der Erzählung ›we the people‹, durch die sich die Verbindung zwischen modernem Individuum und Staat vollzieht […]. Die täglichen Praktiken der Versklavten geschehen abgespalten vom Politischen, in Ermangelung der Menschenrechte oder der Sicherheiten des selbstbestimmten Individuums und vielleicht sogar ohne eine ›Person‹ im herkömmlichen Sinne des Begriffes.«6
Schwarze Menschen verkörpern eine Meta-Aporie des politischen Denkens und Handelns (was etwas anderes ist, als zu sagen, sie sind immer gewillt oder es ist ihnen immer gestattet, diese Meta-Aporie auch auszudrücken).
Die meisten kritischen Denker:innen, die nach 1968 geschrieben haben, verwenden das Wort Aporie, um einen Widerspruch innerhalb eines Textes oder eines theoretischen Unterfangens zu bezeichnen. So deutet Jacques Derrida beispielsweise an, eine Aporie kennzeichne »einen Punkt der Unentscheidbarkeit, der jene Stelle markiert, an der ein Text am deutlichsten seine eigene rhetorische Struktur unterläuft oder sich selbst dekonstruiert«.7 Wenn ich jedoch sage, Schwarze Personen verkörpern eine Meta-Aporie des politischen Denkens und Handelns, so geht die Vorsilbe Meta- über das hinaus, was Derrida und der Poststrukturalismus damit meinen – es erhöht den Grad von Abstraktion und damit auch den Einsatz.
In der Epistemologie, einem Teilbereich der Philosophie, der sich mit der Theorie von Wissen beschäftigt, wird die Vorsilbe Meta- verwendet für über (seine eigene Kategorie reflektierend). Metadaten sind beispielsweise Daten über Daten (wer sie produziert hat und wann, welches Format die Daten haben und so weiter). In der Linguistik sieht man eine Grammatik als etwas an, das in einer Metasprache ausgedrückt wird, als eine Sprache, die auf einer höheren Stufe der Abstraktion operiert, um die Eigenschaften von einfacher Sprache (anstatt sich selbst) zu beschreiben. Eine Metadiskussion ist eine Diskussion über Diskussionen (nicht über ein spezielles Thema einer Diskussion, sondern über Diskussion an sich). Und in der Informatik mag eine theoretische Softwareprogrammiererin sich mit Metaprogrammierung beschäftigen (das heißt mit dem Schreiben von Programmen, die Programme manipulieren).
Afropessimismus ist also weniger eine Theorie als vielmehr eine Metatheorie: ein kritisches Projekt, das Blackness als Interpretationslinse verwendet, um die unausgesprochene logische Vorannahme des Marxismus, des Postkolonialismus, der Psychoanalyse und des Feminismus zu hinterfragen, und zwar durch eine streng theoretische Betrachtung ihrer Eigenschaften und Vorannahmen, zum Beispiel ihrer Grundlagen, ihrer Methoden, ihrer Form und ihrer Nützlichkeit; und diese Theorie tut dies wiederum auf einer höheren Abstraktionsebene als die Diskurse und Theorien, die sie hinterfragt. Noch einmal: Afropessimismus ist in erster Linie eher eine Metatheorie als eine Theorie. Sie ist pessimistisch, was die Aussagen von Theorien des Liberalismus betrifft, sofern diese Theorien versuchen, Schwarzes Leiden zu erklären, oder sofern sie Schwarzes Leiden mit dem Leiden anderer unterdrückter Lebewesen in Analogie bringen. Der Afropessimismus tut dies, indem er die Meta-Aporien ausgräbt und aufdeckt, die wie Landminen verstreut sind in alledem, was diese Theorien sogenannter universeller Befreiung als Wahrheit erachten.
Wenn, wie der Afropessimismus argumentiert, Schwarze keine menschlichen Subjekte sind, sondern strukturell unbewegliche Requisiten, Werkzeuge für die Ausführung weißer und nicht-Schwarzer Fantasien und sadomasochistischer Vergnügungen, dann bedeutet dies auch, dass auf einer höheren Abstraktionsebene die Ansprüche der allgemeinen Menschlichkeit, denen die oben genannten Theorien anhängen, von einer Meta-Aporie behindert werden: ein Widerspruch, der sich immer dann manifestiert, wenn man sich ernsthaft mit der Struktur von Schwarzem Leiden im Vergleich mit der vermuteten universellen Struktur aller fühlenden Wesen beschäftigt. Auch hier verkörpern Schwarze eine Meta-Aporie des politischen Denkens und Handelns – Schwarze sind der Stock in den Speichen.
Schwarze nehmen nicht dieselbe Rolle ein wie politische Subjekte; stattdessen werden unsere Körper und unsere Energien für postkoloniale, migrantische, feministische, LGBTQ-, Transgender- und Arbeiter-Agenden instrumentalisiert. Diese sogenannten Verbündeten werden niemals durch Schwarze Agenden autorisiert, die auf den ethischen Dilemmata der Schwarzen selbst basieren. Eine Schwarze radikale Agenda ist für die meisten Linken zutiefst verstörend – man erinnere sich an Bernie Sanders –, denn sie entstammt dem Umstand eines Leidens, für das keine denkbare Strategie der Wiedergutmachung existiert – kein Narrativ sozialer, politischer oder nationaler Erlösung. Diese Krise, nein, diese Katastrophe, diese Erkenntnis, dass ich ein fühlendes Wesen bin, das Worte wie »Sein« oder »Person« nicht zur Selbstbeschreibung verwenden kann, ohne Anführungszeichen oder die hochgezogenen Augenbrauen von jemandem in Hörweite zu riskieren, war paralysierend.
Ich war überzeugt, wenn eine Geschichte der palästinensischen Erlösung erzählbar wäre …, dann würde ihre Auflösung in der Rückgabe des Landes, einer räumlichen, kartografischen Erlösung gipfeln; und wenn eine Geschichte von der Erlösung der Klassen erzählt werden könnte …, dann würde ihre Auflösung in der Wiederherstellung des Arbeitstages kulminieren, sodass die Arbeit endete, wenn der Mehrwert auf den Müllhaufen der Geschichte verbannt würde, eine Erlösung des Zeitlichen; mit anderen Worten: Wenn eine Erzählung von postkolonialer Erlösung und die Erlösung der Arbeiter:innenklassen möglich war, dann müsste es auch ein Narrativ geben, das die Erlösung der Schwarzen erzählte und die Zeit wie den Ort ihrer Unterwerfung zurückerstattete. Ich habe mich geirrt.
Ich hatte nicht tief genug gegraben, um zu erkennen, dass die Schwarzen zwar die zeitliche und räumliche Unterwerfung durch die kartografische Entwurzelung und die Hydraulik des kapitalistischen Arbeitstages erleiden, dass wir aber auch als die Wirte menschlicher Parasiten leiden, obwohl diese Menschen selbst die Wirte des parasitären Kapitals und des Kolonialismus sein konnten. Ich hatte mich der Theorie zugewandt (zunächst im kreativen Schreiben und erst viel später als kritischer Theoretiker), auf dass sie mir dabei hilft, die Geschichte von der Befreiung der Schwarzen – der politischen Erlösung der Schwarzen – zu finden und zu erfinden. Was ich stattdessen fand, war, dass Erlösung als Erzähltechnik parasitär war und sich zu Zwecken ihrer Kohärenz von mir ernährte. Alles, was in meinem Leben Bedeutung besaß, war unter den Begriffen der »kritischen Theorie« und der »radikalen Politik« rubriziert, und die Parasiten waren das Kapital, der Kolonialismus, das Patriarchat und die Homophobie gewesen. Und nun war mir klar, dass ich den Anschluss verpasst hatte. Meine Parasiten waren Menschen, alle Menschen – die Habenden wie die Habenichtse. Wenn kritische Theorie und radikale Politik sich von dem Parasitismus befreien wollen, den sie bisher mit den radikalen und progressiven Bewegungen der Linken gemeinsam hatten, das heißt, wenn wir nicht leugnen wollen, sondern uns befassen wollen mit dem Unterschied zwischen Menschen, die unter einer »Ökonomie der Verfügbarkeit«8 leiden, und Schwarzen, die einen »sozialen Tod«9 erleiden, dann müssen wir uns damit auseinandersetzen, wie die Erlösung der Subalternen (eine Erzählung zum Beispiel von palästinensischer Fülle, Verlust und Wiederherstellung) gerade durch die (Wieder-)Einsetzung eines Gewaltregimes ermöglicht wird, das Schwarze von der Erlösungserzählung ausschließt. Dies erfordert erstens ein Verständnis des Unterschieds zwischen Verlust und Mangel und zweitens ein Verständnis dafür, wie die Erzählung von subalternem Verlust auf den Trümmern Schwarzen Mangels errichtet ist.
Sameer und ich teilten keine universelle postkoloniale Grammatik des Leidens. Sameers Verlust ist greifbar: Land. Das Paradigma seiner Enteignung entfaltet den Kapitalismus und die Kolonie. Wenn es nicht greifbar ist, so ist es zumindest kohärent, wie beim Verlust von Arbeitskraft. Doch wie soll man den Verlust beschreiben, der die Welt ausmacht, wenn alles, was man über diesen Verlust sagen kann, in der Welt verkapselt ist? Wie erzählt man den Verlust des Verlustes? Was ist der »Unterschied zwischen […] etwas zu retten […] [und nichts] zu verlieren zu haben«? 10 Sameer zwang mich, der Tiefe meiner Isolation auf eine Art und Weise gegenüberzutreten, die ich hatte vermeiden wollen; eine tiefe Grube, aus der mich weder die postkoloniale Theorie noch der Marxismus oder die Geschlechterpolitik eines unnachgiebigen Feminismus zu retten vermochten.
Warum ist Gewalt gegen Schwarze keine Form von rassistischem Hass, sondern das Genom der menschlichen Erneuerung; ein therapeutischer Balsam, den das Menschengeschlecht zu seiner Selbstvergewisserung und zu seiner Heilung bedarf? Warum muss die Welt diese Gewalt reproduzieren, diesen sozialen Tod, sodass das soziale Leben die Menschen regeneriert und davor bewahrt, die Katastrophen einer psychischen Inkohärenz zu erleiden, sprich eines Mangels? Warum muss die Welt sich von Schwarzem Fleisch ernähren?
3
Als der Arzt und die Krankenschwester zurückkamen, war ich endlich in der Lage zu sprechen. Sie fragten, wie es zu meinem Zusammenbruch gekommen sei. Ich sagte ihnen, es sei der Stress der Graduiertenschule. Der beste Weg, mit einem Verhör klarzukommen, ist, ein wenig Wahrheit in die Lüge einzuweben. Ich konnte ihnen nicht sagen, dass mir plötzlich klar geworden war, was es heißt, ein Afropessimist zu sein; dass mein Zusammenbruch durch einen Durchbruch ausgelöst worden war, bei dem ich endlich verstanden hatte, warum ich zu schwarz war, um gepflegt und umsorgt zu werden. Wie eine Fledermaus, die durch eine Höhle flitzt, suchte mein Geist nach Antworten durch Echoortung. Doch keine Fackel warf ihr Licht auf die Medikamente, die ich einnahm; stattdessen fand ich die vergessenen Zeilen meines Gedichts.
zu Halloween wusch ich mein
Gesicht und zog meine
Schulkleidung an ging von Tür zu
Tür als Alptraum.
for Halloween I washed my
face and wore my
school clothes went door to
door as a nightmare.
*Etwas, das durch Angst hervorgerufen oder verursacht wird.
**Jared Sexton beschreibt libidinöse Ökonomie als »die Ökonomie, oder Distribution und Arrangement, von Begierde und Identifikation (ihre Kondensation und Verschiebung) sowie die komplexe Beziehung zwischen Sexualität und Unbewusstem.« Zweifellos agiert die libidinöse Ökonomie in verschiedenen Ausmaßen und ist so »objektiv« wie die politische Ökonomie. Es ist wichtig zu sehen, dass sie nicht nur in Verbindung steht mit Formen von Anziehung, Zuneigung, Allianz, sondern auch mit Formen von Aggression, Zerstörung und der Gewalt von tödlichem Konsum. Marriott unterstreicht, die libidinöse Ökonomie sei »die gesamte Struktur des psychischen und emotionalen Lebens«, etwas, das die von Gramsci und anderen Marxist:innen beschriebene »Gefühlsstruktur« einbezieht und über sie hinausgeht; sie ist eine »Ausschüttung von Energien, Sorgen, Aufmerksamkeiten, Lüsten, Geschmäckern, Abneigungen und Phobien, die sowohl zu enormer Beweglichkeit als auch hartnäckiger Fixation in der Lage sind.«
KAPITEL ZWEI
Saft aus einem Halsknochen
1
Im Alter von elf Jahren lag ich nachts allein im Dunkeln auf dem Fußboden unseres Wohnzimmers und lauschte gregorianischen Gesängen, Tonbandaufnahmen des Chors, in dem meine Mutter sang, des Chors in der Basilica of Saint Mary in der Innenstadt von Minneapolis. Allein im Dunkeln sah ich mich zehn Jahre in der Zukunft, in eine weiße Soutane gehüllt, gerahmt von zwei Ministranten, die mir den kalten steinernen Gang nachfolgten. Die kühle Kathedralenluft war mit einer Spur Weihrauch gewürzt. Im Sommer 1967 war es schwül in Minnesota. Der Sommer der Liebe an der Küste Kaliforniens war im Land der zehntausend Seen eine luftfeuchte, von Moskitos durchschwärmte Jahreszeit. Doch auf dem Boden war es kühl, sodass ich ohne Hemd auf dem Teppich lag und meine Haut den volltönenden Klängen überließ, Kielwasser um Kielwasser aufsteigender Wellen, die ich durchtauchte und mich als Priester imaginierte. Sanktuarium.
Im Alter von elf Jahren war ich kein Afropessimist, und meinem Wissen über das, was mir so viel Angst machte, fehlte ein Critical-Race-Vokabular. Doch ich wusste, dass ich Schwarz war; nicht weil der Geruch von Filé-Pulver und Räucherwurst, die in einer angedickten Gumbo-Mehlschwitze köchelten, aus meinem und keinem anderen Haus in der Nachbarschaft aufstieg, sondern weil wir die Einzigen waren, die sie Negro nannten. Erst im folgenden Jahr, 1968, als ich zwölf wurde, würde ich zu einem Schwarzen. Im Dunkeln, als ich mit elf Jahren auf dem Boden des Wohnzimmers lag, wusste ich, dass ich ein Negro war, nicht aufgrund meiner Kultur, sondern weil diese Tatsache die Quelle meiner Scham war; einer Scham, die in der Nachbarschaft niemand teilte. Die gregorianischen Gesänge zitterten in meiner Brust und weiteten die Dunkelheit zu breiten, kavernenhaften Katakomben aus, die sich durch mich hindurch und aus mir hinaus erstreckten zur anderen Seite hin, zu jener Seite, wo ich mich in der Zukunft sah, einer Zukunft, in der ich von meinen Gemeindemitgliedern verehrt würde, anstatt geschmäht zu werden, wie mich in der ersten Klasse ein kleines Mädchen geschmäht hatte, das meine Hand nicht halten wollte aus Angst, dass der Ruß meiner Haut sie beflecken könnte. Im Klangtunnel meiner Zukunft fielen die Kinder und meine Lehrerinnen und Lehrer vor mir auf die Knie, wenn ich an ihnen vorbeiging, sie standen und knieten auf meinen Befehl hin, sie beichteten mir ihre Sünden, bevor sie des Leibes Christi würdig wurden. Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt. Ich wollte seine Hand nicht halten, weil sein Ruß auf mich abfärben würde. Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt. Ich nannte ihn einen Affen, als er im Sportunterricht das Tau hochkletterte. Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt. Ich drückte meine Zunge zwischen Zähne und Oberlippe und kratzte mir die Achseln, als er sich herunterhangelte. Vergib mir, Vater, denn wir haben gesündigt. Wir lachten. Vergib mir, Vater, denn wir haben gesündigt. Wir drückten sein Gesicht in den Schnee. Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt. Ich nannte ihn »Freund« und brachte ihn aufgrund der Neugier meiner Mutter mit nach Hause. Wie fühlt es sich an, fragte sie, ein Negro zu sein? Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt. Ich brachte ihn dazu, sich vor die Klasse zu stellen und uns den Treueschwur auf die Vereinigten Staaten aufzusagen.
Meine Brust, meine Arme und der cabernetfarbene Teppich saugten ihre Beichten auf wie ein Weizenfeld, das den Klang des Regens wiedergibt. Wenn meine Tanten und Onkel aus New Orleans oder von jenem Ort mit dem süßlich-beißend riechenden Boden vierzig Meilen flussaufwärts von New Orleans zu Besuch kamen, fragten sie mich, ob ich das Licht eingeschaltet haben wollte. Im Süden brüteten Kinder nicht im Dunkeln vor sich hin. Nein, Tante Joyce, ich will die Dunkelheit. Entspannst du dich, Ba-by? Ja, antwortete ich, ich entspanne mich. Was ich wirklich meinte, war, dass ich meine Hymne der Erlösung komponierte.
Ich ruhte mich aus, doch ich entspannte nicht. Entspannung ist ein Zustand, in der Gegenwart zu ein, in Szenen der Gegenwart zu leben. Als Junge lebte ich nur selten in der Gegenwart. Es schmerzte mich zu sehr, in der Gegenwart zu sein. Wenn ich an mich dachte, befand ich mich selbst in der Zukunft. Die Gegenwart war die Buße, das, was ich für meinen Ruß ableisten musste. Ich träumte, eines Tages würde die Gegenwart vorbeigehen. Doch jedes Jahr, das ich erreichte, musste ich feststellen, dass die Gegenwart ihre Koffer längst gepackt und sich auf den Weg zu mir gemacht hatte. Sie wartete mit meinem Zimmerschlüssel in der Lobby auf mich. Noch während ich auf dem Boden unseres Wohnzimmers lag und den Sünder:innen der Gegenwart in ihrer Inkarnation als Bittstellende von morgen die Beichte abnahm, wusste ich an irgendeinem untergründigen Ort hinter den Gesängen, dass die Gegenwart immer auf mich warten würde: Am Ende dieses Sommers wäre die sechste Klasse nicht anders als das langsame, saure Dahintropfen vergangener Jahre; ein weiteres Jahr, in dem ich mich selbst mit den Augen anderer sehen würde: Unser junger Negro-Nachbar. Der Wilderson-Bub. Gepflegter, als man gedacht hätte. Höflich. Kann sich gut ausdrücken. Wohlriechend. Kämpferisch. Kommt in Rechtschreibung nicht mit. Hat den andern in Rechtschreibung was voraus. Kann besser lesen als seine Klassenkameraden. Hinterher mit seinen Mathe-Hausaufgaben. Gräuliche Beine. Gorilla-Lippen. Als Bettnässer bekannt.
Die gerade vergangene Weihnacht legte mir meine Lehrerin nahe, die fünfte Klasse zu wiederholen. In der vierten Klasse sagten sie, ich sei so klug, dass ich die fünfte Klasse überspringen könnte; allerdings gefiel es meinen Eltern nicht, dass Kinder Klassen überspringen. In der fünften Klasse ging es schließlich los, dass ich ins Bett machte, und mein Verstand war lahmgelegt. Ich konnte oder wollte morgens nicht mehr aufstehen. Ganze Monate vergingen, ohne dass ich ein einziges Mal Hausaufgaben machte. Als ich in jenem Sommer den gregorianischen Gesängen lauschte, staunte ich nicht schlecht, dass ich die fünfte Klasse geschafft hatte. Im März hatte ich meine Lehrerin um all die Hausaufgaben gebeten, die ich nicht abgegeben hatte.
Sie sagte: »Wie wär’s mit den Aufgaben von Oktober an?«
In den Osterferien verbarrikadierte ich mich in meinem Zimmer und erledigte die Mathe- und Leseaufgaben von sechs Monaten innerhalb von einer Woche. Im April klatschte ich sie ihr auf den Schreibtisch. Sie korrigierte sie alle, und ich bekam nur Einsen und Zweien. Es dauerte eine Woche, bis sie alles korrigiert hatte, und sie schimpfte mit mir, dass ich ihr das ganze Jahr über solche Angst um mich gemacht hatte. Ich bekam mein Lob auf indirektem Weg.
Wäre ich weiß gewesen, hätten mich meine Sportlichkeit und mein Charme beliebt gemacht. Auch hätte ich beliebte Freunde gehabt. Doch meine Freunde stammten aus dem Land der ungeeigneten Spielzeuge. Liam Gundersen fühlte sich genauso bedroht von einem Bären wie von einem Schmetterling. Er hyperventilierte und biss sich in den Arm, wenn jemand die Hand gegen ihn erhob. Sein Vater und seine Mutter kamen aus Norwegen und waren in einem japanischen Internierungslager gefoltert worden, als sie Missionare in China waren. Die Kinder auf dem Spielplatz drehten durch, wenn Liam sich in die Arme biss. Er war der Jüngste von dreizehn Kindern, die alle erwachsen und ausgezogen waren. Seine Brüder hatten ihm Romane von Graham Greene, John le Carré und Ian Fleming im Haus hinterlassen. Liam und ich verbrachten viele Stunden damit, sie auf seinem Dachboden zu lesen. In den drei Jahren von meinem elften bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr auf Liams Dachboden verstand ich diese Bücher nicht ganz so gut wie Liam; ebenso wenig konnte ich die Brocken von französischen Wörtern übersetzen, die Graham Greene wie Kleingeld auf seinen Seiten verteilte. Liam allerdings schon. Oskar Nilsens Vater war Chiropraktiker, was mit »Hexendoktor« gleichbedeutend war in der reichen weißen Enklave von Kenwood, wo die Eltern leitende Angestellte waren und Bankiers, Architektinnen, Anwälte, Ärztinnen und Staatsmänner wie der Senator und künftige Vizepräsident Walter Mondale sowie Mark Dayton, ein Politiker, dessen Familie die Läden Target und B. Dalton Bookseller gehörten. Dann war da noch Elgar Davenport, der klein und klobig war und die Welt durch lupendicke Brillengläser betrachtete, mit einem linken Auge, das wie verloren umherirrte. Elgar war ein stiller Grund zur Scham für seine Mutter, die blond, schlank und sportlich war und immer vor ihm herging. Elgar hatte rotes Haar und Sommersprossen. Mister Davenport fuhr eine rote Corvette und »spekulierte an der Börse«. Ich glaubte, es wäre cool, wenn mein Vater einen Sportwagen in meiner Farbe kaufen würde; dann aber, so schnell mir der Gedanke in den Sinn gekommen war, erschloss sich mir die Kehrseite. Ich spürte die Kehrseite davon, einen Sportwagen in meiner Farbe zu besitzen, ohne dass ich Worte dafür besaß. Wissen ist häufig weit mehr, als sich in Worten ausdrücken lässt.
Elgar Davenport, Liam Gundersen, Oskar Nilsen und ich spielten Geheimagenten auf dem Gelände einer dunklen Steinvilla gegenüber von unserem Haus. Die Villa hatte einen Aufzug und, wie man mir erzählte, zehn Schlafzimmer, wobei ich in den sechzehn Jahren, die ich gegenüber wohnte, nie in der Villa gewesen war. Sie wechselte ihre Besitzer:innen: einmal eine wohlhabende Familie mit fast so vielen Kindern wie Schlafzimmern (auch wenn sie zu jung waren, um mit mir zu spielen); ein anderes Mal Senator Mark Dayton. Es war der Wohnsitz seiner Familie, wenn sie nicht in Washington waren, und sie lebten dort, bis er Gouverneur wurde und den Gouverneurssitz in St. Paul bezog. Wir spielten Geheimagenten am Ende dieses Grundstücks, weit entfernt vom Hauptgebäude, in der Nähe einer Ein-Zimmer-Remise am Ende der breiten Kiesauffahrt. Die Remise erfüllte ihren Zweck; sie war für die Inszenierung unserer Spionagegeplänkel von entscheidender Bedeutung. Manchmal war sie die sowjetische Botschaft in einer dunklen, bewaldeten Ecke von Washington, D. C. Manchmal war sie eine SMERSH-Division zur Ausbildung von Attentätern, die für den Mord an James Bond trainiert wurden. Unsere Spionagespiele hatten eher etwas von Salvador Dalí als von Ian Fleming. Zum Beispiel säumte ein niedriger Drahtzaun, der den Hinterhof eines kleineren Herrenhauses von der Dayton-Villa trennte, ein Ende des Grundstücks. Wir nannten diesen Drahtzaun die Berliner Mauer, ohne irgendwelche geografischen Korrekturen vorzunehmen, wie etwa die Verlegung des Herrenhauses von Washington, D. C. nach Berlin. Die Surrealisten in uns waren stärker als die kartografischen Realisten.
Wenn wir keine Streichhölzer zogen, waren wir am Ende einfach vier Jungs, die alle CIA-Agenten spielten, ohne einen einzigen Kommunisten. Eines unfreundlichen Tages zogen Elgar und ich die Streichhölzer, die uns zu sowjetischen Spionen machten. Liam und Oskar waren die Guten. Unser Spiel beinhaltete zwei rennende und schreiende einfältige Sowjets und zwei einfältige Amerikaner, die ebenfalls rannten und schrien, während sie versuchten, den niedrigen Drahtzaun der Berliner Mauer zu überwinden und zum Checkpoint Charlie zurückzugelangen, bevor die Sowjets sie erwischten.
Elgar und ich kauerten hinter der Remise am Ende der Kiesauffahrt. Die Amerikaner würden von irgendwo in der Nähe der Remise kommen, doch wir wussten nicht, von welcher Seite des Gebäudes aus sie auftauchen würden. Gewöhnlich war einer der Jungen, die die Guten spielten, der Lockvogel, derjenige, der hinter einem Baum an der Seite der Remise hervorkommen und mit halsbrecherischer Geschwindigkeit zu einer weit entfernten Stelle des Zaunes laufen würde, während der andere Junge wartete, bis beide Sowjets abgezogen wären. Dann würde er versuchen, zu entkommen. Elgar und ich lugten hinter der Remise hervor und warteten auf die beiden amerikanischen Spione. Unsere Daumen und Zeigefinger formten wir zu Ringen und hielten sie als Ferngläser vor unsere Augen.
»Hey«, raunte Elgar mir zu.
»Ja«, flüsterte ich zurück.
»Meine Mom hat mir gesagt, ich soll dich mal fragen, wie du dich als Negro fühlst.«
»Keine Ahnung«, sagte ich nicht mehr ganz so leise.
»Warum denn?«
»Ziemlich gut … schätze ich.«
»Da kommen sie!«
Oskar und Liam hatten sich in Bewegung gesetzt! Wir erwischten Liam, während es Oskar gelang, sich bis zum Checkpoint Charlie im Garten der McDermotts durchzuschlagen.
Das nächste Mal, als ich Elgar sah, teilte er mir mit, dass seiner Mutter meine Antwort nicht gefiel. Ich war besorgt. Ich fragte ihn, ob sie wütend sei. Nein, sagte er. Ich fragte ihn, ob er sich ganz sicher sei. Sicher, ich bin ganz sicher, sagte er, sie will, dass du zu uns zum Mittagessen kommst. Ich sagte, okay, aber ich müsste erst meine Mom fragen.
Celina Davenport war wesentlich größer als ihr Mann, Elgar senior. Sie hatte kein rotes Haar, wie Elgar junior und Elgar senior es hatten. Bevor wir uns zum Mittagessen hinsetzten, nahm sie mich mit ins Wohnzimmer und zeigte mir den Kaminsims mit ihren Tennistrophäen eines Colleges, von dem sie sagte, es sei eines der »Seven Sisters« an der Ostküste, wo keine Jungen studieren dürften. Mit ihrer heiseren Stimme, die nach zahllosen trockenen Martinis klang, sagte sie, dass sie an diesem Ort geradezu die Wände hochgegangen war.
»Elgar weiß, wie ich die Wände hochgehe«, sagte sie und verstrubbelte seine Haare.
Sie führte uns in die Küche. Ich war so verkrampft, dass ich überhaupt hier war, und ich wusste nicht, warum ich hier war, sodass ich ihr nur halb zuhörte und so bloß halb verstand, was sie meinte. Doch war mir beigebracht worden, dass man, wenn man nicht weiß, was man zu jemandem sagen soll, anstatt eine unbe hagliche Stille aufkommen zu lassen, einfach eine Frage in die Stille stellen solle. Also fragte ich sie, warum sie die Wände hochgehen wollte. Sie sah mich an, als hätte ich sie gefragt, ob zum Abendessen Katzenfutter auf den Tisch komme. Dann lachte sie und rief ihr Dienstmädchen, Mrs. Szymanski, um das Mittagessen zu servieren. Wir aßen in der Küche, Celina Davenport, Elgar und ich. Mrs. Szymanski stellte einen Teller mit Sandwiches auf den Tisch und goss Limonade für Elgar und mich ein. Auch Mrs. Davenport trank Limonade, allerdings mit einem Schlückchen Gin. So verstohlen, wie ich konnte, hob ich eine Seite der Brotscheibe an, um einen Blick darunter zu werfen. Ich war nicht verstohlen genug gewesen.
»Stimmt was nicht mit dem Sandwich, Frankie?«, fragte Mrs. Davenport.
»Der Name gefällt ihm nicht, Mom.«
»Welcher Name gefällt dir, Schätzchen?«
»Frank«, sagte ich und versuchte, nicht so schroff zu klingen wie Elgar.
»Deine Mutter nennt dich Frankie, wenn sie dich bittet, ins Haus zu kommen.« Das erschreckte mich, denn mir war nicht klar gewesen, dass sie meine Mutter überhaupt kannte. Ich wusste, dass meine Mutter ihr bekannt war, denn die Davenports hatten eine Petition mit fünfhundert Haushalten unterzeichnet, um uns aus Kenwood fernzuhalten; und die meisten der Nachbarinnen und Nachbarn hatten nie ein Wort mit meiner Mutter gewechselt. Ich sagte nichts.
Sie fragte noch einmal: »Was stimmt nicht mit dem Sandwich … Frank?«
»Nichts, Mrs. Davenport.«
»Nun sag schon. Ich bin nicht beleidigt, wenn du meine Sandwiches nicht magst.« Die Ironie ihrer Aussage entging mir damals, denn es waren nicht ihre Sandwiches. Mrs. Szymanski hatte sie zubereitet.
»Ich wollte nur mal sehen, wo das Fleisch ist, damit ich es in die Mitte schieben kann.«
Amüsiert sagte Elgars Mutter: »Es ist ein italienisches Sandwich: Provolone, Spinat und Tomaten und eine Idee Pesto. Man bekommt Blähungen, wenn man bei dieser Hitze Fleisch isst.«
»Meine Mutter sagt das auch«, meinte ich. »Sie macht die auch manchmal.«
»Ach, tut sie das?« Mrs. Davenport nickte und zündete sich eine Pall Mall an. »Quäl dich bitte nicht. Du brauchst es nicht zu essen.«
Das war eine vorübergehende Gnadenfrist vor dem Todesurteil, bis ich mich daran erinnerte, dass meine Mutter mir aufgetragen hatte, ich solle mich von meiner besten Seite zeigen. Ich nahm einen großen Bissen. Eine Übelkeit kitzelte meinen Magen, als ich versuchte zu schlucken. Die Mayonnaise, der gummiartige Käse und die sauren Tomaten, kombiniert mit diesem Hauch von Pesto, kämpften sich in teigigen, halb zerkauten Pfropfen meine Speiseröhre runter.
Dann stellte Celina Davenport die Frage, die Elgar mir an der Remise vor der Berliner Mauer gestellt hatte. Auf einem Stuhl direkt gegenüber von mir nippte sie an ihrer mit Gin gespickten Limonade, nahm einen weiteren Zug an ihrer Zigarette und starrte mir ins Gesicht, während sie auf meine Antwort wartete.
Ich hörte auf zu essen. (»Ich würde nie einen Mann einstellen, der eine Mahlzeit vor dem Essen salzt.« Einer der Grundsätze meines Vaters. »Das bedeutet, dass du nichts Unüberlegtes sagen oder voreilig handeln solltest, Frankie. Wenn du die Antwort nicht weißt, denke nach und nimm dir einen Moment Zeit, um herauszufinden, was gefragt wurde.«) Aufmerksam sah ich mich in dem Raum um. Ihre Spitzenvorhänge, die sich im Wind vor den Küchenfenstern wölbten; ihr polierter grüner Gasherd mit antiken goldenen Knöpfen; ihr Frigidaire-Kühlschrank, der wie der Silver Surfer im Marvel Comic schimmerte, mit einem Eiswürfelbereiter in der Tür und einem Wasserspender, sodass Eis und Wasser ausgegeben werden konnten, ohne dass man das Gerät öffnen musste, etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte; ihr weißer Tennisrock mit Bügelfalten, ihre weißen Turnschuhe, ihre wohlgeformten Beine und die Art und Weise, wie sie wartete, ohne zu blinzeln. Sie starrt mich an wie ein ostdeutscher Grenzsoldat. Die falsche Antwort, und du wirst es nicht zurückschaffen. Sie ist nicht nur eine hübsche Tennislady, und das sind nicht nur hübsche Tennisschuhe; in den Spitzen ihrer Schuhe sind ausfahrbare Messerklingen verborgen, und sie wird dich ins Schienbein treten, wenn du Papas Grundsatz vergisst und etwas Unüberlegtes sagst.
»Mutter«, sagte Elgar, »ich habe dir schon gesagt, was er gesagt hat.«
»Ich kann dir nicht mal vertrauen, dass du das richtige Wechselgeld nach Hause bringst, Elgar. ›Ziemlich gut. Schätze ich‹? Elgar, du redest so. Sein Vater ist Pädagoge.«
»Ich hab noch mehr sagen wollen,« entschuldigte ich mich.
»Na sicher wolltest du das. Elgar hat dir nicht die Möglichkeit dazu gegeben.«
Sie wirkte zufrieden. Ich wollte, dass das so bleibt. Jeder Spion weiß, wie man die Wachleute bei Laune hält.
Ich erzählte ihr, es sei nett, ein Negro zu sein. Sie stieß einen weiteren schmalen Rauchzyklon aus. Sie guckte nicht gerade erfreut drein. Also sagte ich ihr, dass Negros coole Sachen machen dürfen.
»Was zum Beispiel?«, fragte sie aufgeweckter.
Ich war aus der Fassung gebracht, und so erzählte ich ihr vom Masongate Resort am Gull Lake in der Nähe von Brainerd, Minnesota. Ich erzählte, dass unsere Familie und eine ganze Menge anderer Negro-Familien dort jeden August eine Woche zusammenkämen zum Angeln, Schwimmen, Boot- und Wasserskifahren. Das Masongate Resort war ihr bekannt, doch irgendetwas von meiner Geschichte passte nicht zu dem, was sie darüber wusste. Sie fragte mich, ob ich das Masongate Resort vielleicht mit einem anderen Ort verwechselte.
Sie stand auf und lehnte sich auf den Tresen, mit dem Rücken zum Fenster. Mit ihrer ersten Zigarette zündete sie sich eine weitere an und schnippte den Stummel der ersten zum Fenster raus.
»Was würde Smokey der Bär denn dazu sagen?«, fragte Elgar alarmiert.
»Irgendwann wird aus dir mal ne richtig gute Ehefrau, Elgar«, sagte sie, schaute während ihrer Worte jedoch zu mir.
Das erste und einzige Mal, dass sie ihre Augen von mir abgewandt hatte, war, als sie ihr Feuerzeug benutzte, um sich ihre erste Zigarette anzustecken. Jetzt löste sie ihren Blick von mir und blies den Rauch zur Seite aus. Als sie mich wieder ansah, war in ihrem Gesicht noch immer kein Anflug von Wärme zu spüren.
Ich log, und sie wusste es. Wir hatten nie im Masongate Resort gewohnt; wir wohnten in den Twilight Loon Cabins, zwei Meilen entfernt von Masongate, am Ufer des Sees mit Sümpfen anstatt Sandstränden. An einem Teil des Sees, wo es keine Schnellboote gab, keine Grand Lodge mit Abendunterhaltung, keine Wassersportarten wie Jetskiing, kein elegantes Restaurant, in dem Amerikanischer Hecht mit Bratkartoffeln serviert wurde. Statt der üppigen, klimatisierten Räume von Masongate gab es in den Twilight Loon Cabins Selbstversorgerhütten mit Fliegengittertüren, von denen die Farbe abblätterte, und die Geräusche, wenn sie geschlossen wurden, erschallten klatschend über den gesamten See. Die Lichter auf dem Gelände lagen so weit auseinander, dass man nachts eine Taschenlampe brauchte, um von einer Hütte zur nächsten zu gelangen. Erst im Jahr zuvor, 1966, hatten die vier Negro-Familien begonnen, die Kinder mit nach Masongate zu nehmen, um dort zu Abend zu essen und die dort angebotenen Freizeitmöglichkeiten zu nutzen. Wir wohnten jedoch nicht dort, und irgendetwas sagte mir, dass Mrs. Davenport das wusste. Sie löschte die Glut der neuen Zigarette unter dem Wasserhahn.
»Elgar senior glaubt nicht, dass es die Twins dieses Jahr in die World Series schaffen werden«, sagte sie, als spräche sie mit jemandem, der nicht anwesend war. Sie ließ ein Glas mit Wasser aus dem Hahn volllaufen und trank einen Schluck davon. »Was ist aus seinem Stolz für seine Heimatmannschaft geworden?«
2
Pappige Klümpchen aus Mayonnaise, Tomaten, Käse und blanken Nerven, gut vermengt mit der neuen Erfahrung von Pesto, schwappten mir im Magen herum, während ich von Elgars Haus hügelaufwärts zu meinem Haus eilte. Als ich die hintere Verandatreppe hinaufkam, hörte ich im Radio ein Lied von Dinah Washington. Die grünen S&H-Rabattmarken und ein Sammelbüchlein zum Einkleben lagen auf dem Küchentisch neben einem Lehrbuch über Statistik fürs Psychologiestudium. Mom machte gerade eine Lernpause und klebte Rabattmarken in das Buch ein.
»Und?«, sagte sie.
»Die haben kein Fleisch in ihren Sandwiches.« Mom lachte und drehte das Radio runter.
»Wir sind in Minnesota«, sagte sie, »aber wir sind nicht aus Minnesota. Bull Connor hätte sich das Geld für seine Kampfhunde sparen können, wenn er das Essen dieser Frau gehabt hätte.«
»Mom?«
»Ja?«
»Ach, nichts.«
»Was ist los?«
»Wie fühlst du dich?«
»Ich fühle mich, als sollte ich mit einem Mint Julep auf meiner Veranda stehen und mir kühle Luft zufächern, anstatt mir wegen Statistiken den Kopf zu verrenken oder Rabattmarken abzulecken.«
Ich hatte mich nicht geregt.
»Warum fragst du?« Sie saß auf genau der richtigen Höhe, um mir in die Augen zu schauen.
»Damit ich weiß, was ich das nächste Mal sagen muss.«
»Welches nächste Mal?«
»Das nächste Mal, wenn Mrs. Davenport mich fragt, wie es sich anfühlt, ein Negro zu sein.«
»Nein!« In ihrem Gesicht stand ein wütender Wunsch. »Nein, das hat sie dich nicht gefragt.« Sie presste ihre Handflächen auf den Tisch, als wollte sie unmittelbar aufstehen und Mrs. Davenport außer Gefecht setzen. Und was dann?, muss sie sich gefragt haben, denn sie blieb sitzen. Und was dann?
Sie lernte etwas Wichtiges über weiße Nordstaatler:innen der Oberschicht, etwas, das sie vor ihrem Umzug nach Kenwood nicht für möglich gehalten hätte: wie sich ein Krieg stellvertretend durch das Kind einer anderen führen ließ. Sie wusste nun, wie es sich anfühlen musste, von einer Lenkrakete getötet zu werden. Was für eine Frau würde dich mithilfe deines Kindes verletzen? »Das Gute, das Schöne und das Wahre«, lautete ein Grundsatz von Du Bois, den meine Mutter sehr schätzte. »Dies müssen unsere Bestrebungen sein. Und alles beginnt damit, wie man Menschen behandelt.« Dieses Langstrecken-Herumgepfusche mit meinem Verstand, und mein Sohn als deine Lenkrakete; falls es das war, was sie dachte, als ich nach Hause kam, dann hatte die Celina Davenport tief in ihrem Kopf meine Mom auch daran erinnert, wie sie Elgar und all die Kinder in dieser Nachbarschaft dazu brachte, sich zu Hause zu fühlen, wenn sie bei uns zu Besuch waren; wie sie die Eistüten für die Kinder immer mit einer halben Kugel extra vollschöpfte; wie sie am vierten Juli rote, weiße und blaue Malerhüte für die Kinder bastelte und ihnen die Wunderkerzen anzündete, wenn sie in einer Parade den Hügel hinaufstolzierten. Aber du verdrehst meinem Sohn den Magen und machst ihm Angst.
Eines Nachts, als ich älter und kurz davor war, allein zu leben, kam ich spät und leise nach Hause. Mutter war allein im Dunkeln vor einem Kaminfeuer. Vater lag auf dem Sofa ausgestreckt und schlief. Das weiche Glühen im Kamin war das einzige Licht im Raum. Mom steckte Nadeln in kleine Stoffpüppchen und gab ihnen die Namen von zwei ihrer weißen Kolleginnen. »Und die hier«, sagte sie lustvoll, als sie die Puppe piekte, »wird zittrig und gelähmt.« Ich lächelte und ging ins Bett, und sie ahnte nicht, dass ich sie gesehen hatte. Sie ist geistig gesund geblieben, dachte ich, als ich ins Bett ging. Nach allem, was sie durchgemacht hat, ist sie geistig gesund geblieben.
3
Das nächste Mal, als wir auf dem Villengelände gegenüber Geheimagenten spielten, zog ich ein Sowjet-Streichholz.
»Schon wieder?«, beschwerte ich mich.
Liam Gundersen war zusammen mit mir sowjetischer Agent; Elgar und Oskar waren beim MI6. Ich erwischte Elgar an der Berliner Mauer und sperrte ihn ins Wachhaus mit den imaginären Mauern aus Luft. Ich rannte am Zaun entlang, um Liam beim Fangen von Oskar behilflich zu sein, bevor Oskar nach Westberlin gelangen konnte. Ich war noch nicht weit gekommen, als ich Elgar schreien hörte.
»Ich bin entkommen!«
Sein kurzer, kräftiger Körper rollte über den Zaun.
Ich schrie zurück: »Du bist gefangen, du musst im Wachhaus bleiben!«
Er schrie: »Du hast mir keine Handschellen angelegt!«
Nun befand er sich hinter dem Zaun und raste durch den Garten der McDermotts, auf dem Weg in den Garten der Tysons. Ich war fuchsteufelswild.
»Bleib stehen, du Arschgesicht!«
Sein rotes Haar wellte sich im Wind. Er drehte sein sommersprossiges Gesicht zu mir um und lachte.
Mein Fuß stieß gegen etwas Festes auf der Erde neben dem Zaun. Es war eine Plastikflasche mit smaragdfarbener Palmolive-Spülseife. Ich bückte mich und hob sie auf. Ihre Schwere in meiner Hand war beträchtlich, denn sie war noch fast voll. Ich umklammerte die Flasche am Hals. Ich fühlte, wie mein Arm nach hinten schwang und sich dann nach vorne schleuderte. Die grüne Flasche drehte sich wirbelnd durch die Luft, bald ein Tomahawk, bald ein Zauberstab, während sie auf die Sonne zuschoss; das Zwölf-Uhr-Mittagslicht stieß durch die grüne Flüssigkeit wie durch ein Prisma, bis die Flasche im Schlund der Sonne verschwand. Um nicht zu erblinden, schloss ich meine Augen.
Plopp! Platsch!
Elgars Knie knickten ein. Er lag mit dem Gesicht nach unten im Garten der McDermotts.
Wir rannten an seine Seite. Grüne Spülseife sickerte aus einem Riss in der Plastikflasche ins Gras. Blut sickerte aus Elgars Schädel. Einer der Bügel seiner lupendicken Brillengläser war aus dem Scharnier gebrochen und lag neben seinem Kopf auf der Erde.
Doch es bedurfte einiger Augenblicke, bis das Wort Blut zu mir durchkam. Zuerst sah ich auf der Rückseite seines Schädels eine Haarlocke, ein rotes Haarbüschel, das schief abstand. Dann sah ich es als einen kleinen Wasserstrahl, wie den Wasserstrahl aus dem Trinkbrunnen vor Mrs. Andersons Klassenraum, der so klein war, dass die Lippen den Wasserhahn berührten, wenn man trank.
Liam und Oskar liefen los, um Hilfe zu holen.
Ich stand still, die Sonne starrte auf meinen Nacken, meine Augen starrten auf Elgar hinab, während er blutete. Es wäre falsch zu sagen, dass ich ihn hatte verletzen wollen. Doch jetzt, wo er verletzt war, wollte ich ihm nicht helfen. Ich wusste, dass ich ihm helfen wollen sollte; doch das war ein Wissen, dem das Verlangen entzogen war, und es äußerte sich in der zweiten und dritten Person – du solltest ihm helfen wollen, oder der Wilderson-Bub sollte ihm helfen wollen. Stimmen auf der Hintertreppe und ein wenig abseits von dem, was ich wirklich fühlte.
Das winzige Gluckern von Blut aus der weichen Stelle in seinem Hinterkopf verstummte in Sekundenschnelle, doch ich blieb stehen und wartete auf die Rückkehr des winzigen Geysirs. Elgar Davenport blutet. Wenn Elgar blutet, blutet auch seine Mutter. Bis zu diesem Zeitpunkt wirkten die Menschen um mich herum in Kenwood blutleer und unvergänglich.
(Drei Jahre später, im Frühjahr 1970, als wir in Berkeley wohnten, überreichte mir ein Black Panther Frantz Fanons Die verdammten dieser Erde während einer Seminarsitzung, die er und andere für Kinder der Mittelstufe veranstalteten. An jenem Abend las ich, was ich konnte, aus dem Kapitel »Von der Gewalt«, worin Fanon über den Moment schreibt, in dem der Algerier den französischen Kolonialherrn bluten sieht, jenen Moment, in dem der Algerier »entdeckt, daß die Haut eines Kolonialherrn nicht mehr wert ist als die Haut eines Eingeborenen. Diese Entdeckung teilt der Welt einen entscheidenden Stoß mit«,11 und dann stieg mir die Erinnerung an jenen Tag mit Elgar ins Bewusstsein.)
Ich spürte ein Stechen zwischen meinen Beinen. Dasselbe Stechen der Glückseligkeit, das ich nachts fühlte, wenn ich halb wach und halb schlafend ins Bett pinkelte; die Freude der Erlösung, die so lange andauern konnte, bis ich den nassen Fleck wahrnahm.
Als die Sanitäter die Geschichte aufdröselten, sagte einer zum anderen: »Auf der Fontanelle aufgetroffen.«
»Das erklärt die Blutung.« Sein Partner nickte.
Bei drei hievten sie Elgar auf die Trage. Einer von ihnen sagte, Elgar habe Glück gehabt, dass seine Fontanelle nicht so weich war wie die eines Babys, sonst wäre die Verletzung viel ernster gewesen. Elgars Augen waren offen, doch er sagte nichts. Der erste Sanitäter schüttelte den Kopf.
»Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es so glimpflich verläuft, wenn eine Fontanelle getroffen wird?«
»Eins zu einer Million.«
»Noch nicht mal.«
Als ich sah, wie Mrs. Davenport die Sanitäter anflehte, sie im Krankenwagen mitzunehmen, wusste ich, dass meine Eltern mich verprügeln würden. Doch sie verprügelten mich nicht. Sie waren zu benommen, ihre Arme waren zu schlaff und unbrauchbar, um etwas so Schweres wie einen Gürtel zu heben. Nicht nur, dass ich nicht verprügelt wurde, meine Eltern bestraften mich nicht einmal. Am nächsten Tag waren sie immer noch erschüttert, und doch stritten sie, wie sie mir Elgars Verletzung erklären sollten.
Mein Vater, der Latein konnte und Führungskräften von Unternehmen das Schnelllesen beigebracht hatte, um während seiner Promotion Geld zu verdienen, sprach mit mir, als wäre ich eine seiner Doktorand:innen.
»Es ist eine Lücke im Schädel, wo die Verknöcherung noch nicht abgeschlossen ist, Frankie, und die natürlichen Nähte noch nicht ausgebildet sind.«
»Die empfindlichste Stelle des Babys«, sagte Mom mit einem Seufzen.
»Gugugaga zu reden wird sein Vokabular nicht verbessern, Ida-Lorraine.« Vater legte die Stirn kraus.
Sie sagte, wir müssten zusammen bei den Davenports vorbeischauen. Doch bevor wir das taten, wollte sie, dass ich ihnen noch einmal erzählte, was sich zugetragen hatte. Sie saßen nebeneinander auf dem Sofa im Wohnzimmer. Ich stand vor ihnen und erzählte ihnen alles ein weiteres Mal. Wie Elgar an der Berliner Mauer geschnappt wurde. Wie Elgar die Regeln gebrochen hatte, als er das Wachhaus verließ. Wie ich nach unten griff und die Spülmittelflasche am Hals zu fassen bekam.
»Und ich warf sie. Nicht auf ihn, Mom. Ich habe sie einfach geworfen.«
Mein Vater hatte vor einigen Jahren mit dem Zigarettenrauchen aufgehört. Nun versuchte er, auch noch von der Pfeife wegzukommen. Sie war nicht angezündet. Mit geschlossenem Mund nagte er sanft an ihrem Stiel. Als wäre ich eines der Kinder in der Psychiatrie, die er einst geleitet hatte, sah er mich mit einer Mischung aus Bewunderung und Entsetzen an.
»Zwanzig Meter oder mehr, und du hast seine Fontanelle angeknackst.« Dad musste fast lächeln. Seine Stimme klang merkwürdig, als spräche er über jemanden, der einen Leichtathletikrekord gebrochen hatte.
Ich schaute zu meiner Mutter. »Ich hab das nicht gewollt, Mom.« Dann schluchzte ich.
Sie umarmte mich. »Ich weiß. Ich weiß«, sagte sie. »Du bist ein guter Junge. Ich weiß, wie schlecht du dich gefühlt hast.«
Durch ihre Worte war ich daran erinnert, dass meine ersten Gefühle nichts von Reue besessen hatten. Doch wie konnte ich ihr das sagen und trotzdem ein »guter Junge« bleiben?
Mom machte einen Auflauf mit extra Hackfleisch und extra Käse.
Ich sagte ihr: »Mrs. Davenport macht kein schweres Essen.« Ich sagte es dreimal; und jedes Mal sagte Mom: »Es ist der Gedanke, der zählt.« Mom sagte diese Worte, ohne mich dabei anzusehen. Rückblickend frage ich mich, ob der »Gedanke, der zählt«, mehr mit meinem Verhör durch Mrs. Davenport und weniger mit dem Angriff auf ihren Sohn zu tun hatte, oder ob beides untrennbar miteinander verbunden war. Anstatt dich durch die Woche zu prügeln, habe ich dir ein Essen zubereitet, das dir im Hals stecken bleiben kann. Bon appétit!
Mom und ich gingen den Hügel hinunter zu den Davenports. Elgar war immer noch zur Beobachtung im Krankenhaus, doch Mrs. Davenport sagte, es gehe ihm gut. Ich sagte Mr. und Mrs. Davenport, wie leid es mir tue, was die Wahrheit war. Allerdings gab es noch eine andere Wahrheit, die nicht ausgesprochen werden konnte, nicht einmal meinen Eltern gegenüber. Wohin, fragte ich mich, würde es führen, dieses Duell im Herzensinnern zwischen Bedauern und Begehren?
4
Das darauffolgende Jahr 1968 überlebte ich durch Zitate von Filmstars, Spionageromanen und ab Ende August mit Zitaten des Großen Vorsitzenden Mao. Wie ein Mönch seine Perlen aus Malachit umklammerte ich die Worte anderer. Doch während meines unbeholfenen Taumels durch die weiße Grundschule – war es da Stevenson oder Poe oder irgendein anderer Wein-und-Revolver-Schreiber, den ich auswendig gelernt und mit nach Hause zu meiner Mutter gebracht hatte?
»›Bevor ein Mann stirbt, muss er ein Buch schreiben, eine Frau lieben und einen Mann töten.‹«
Sie beäugte mich, als wäre ich ein Paket, das fürs Nachbarhaus bestimmt war. Sie fragte: »Meinst du: ›Was bedeutet das‹?«
»Nein. Ich meine, ist das wahr?« Wir waren allein. Die Fenster im Wohnzimmer waren geöffnet. Die Vorhänge schüttelten sich ganz sanft und weigerten sich zu sagen, warum sie sich abgewendet hatte.
Im Jahr 1968 zerbrach etwas in mir. Ich lag immer noch im Dunkeln auf dem Boden des Wohnzimmers und hörte Musik wie im Sommer davor, als ich elf Jahre alt war. Doch die gregorianischen Gesänge waren durch die Musik und die Stimme von Curtis Mayfield ersetzt worden, die mich drängten, ein »winner« zu sein, ein Gewinner der guten schwarzen Erde, »the good black earth«. Als ich Curtis Mayfield zum ersten Mal singen hörte: »No more tears do we cry / And we have finally dried our eyes«, kamen mir die Tränen. Ich dachte, wenn ich lange und aufmerksam genug zuhörte, würde Curtis Mayfields Stimme klar und fest durch die Nadel des Phonographen hervordrängen und mich vor einer Hölle bewahren, von der die Leute sagten, ich sei gesegnet, sie bewohnen zu dürfen. (»Es gibt Jungs im Getto, die es nicht so gut haben.«)
Als das Jahr begann, belagerte die Tet-Offensive unser Wohnzimmer. Kurz vor Mitternacht knisterte der Raum mit weißem Rauschen, wenn meine Eltern, im Glauben, sie seien allein, an der Stereoanlage drehten und nach einem Radiosignal suchten. Manchmal versteckte ich mich auf der Vordertreppe und versuchte, durch die Sprossen der Brüstung einen Blick auf sie zu erhaschen. Häufig saßen sie auf dem Boden; ich konnte ihre ausgestreckten Beine sehen. Ich wagte es nicht, weiter als bis zum ersten Treppenabsatz zu gehen, aus Angst, entdeckt zu werden, und auf dem ersten Absatz war ich nahe genug, um das Radio hören zu können und auf den Namen meines Onkels unter der Liste der Gefallenen zu warten.
Die Musik endete. Der Moderator kündigte an, dass die Sendezeit bald enden würde; doch zuerst das nächtliche Bulletin aus Vietnam.
»Ein mechanisierter Infanteriekonvoi der Zweiten Brigade, Vierte Infanteriedivision der USA, wurde zwei Meilen nordwestlich von Plei Mrong in der Provinz Kon Tum in einen Hinterhalt gelockt. Sicherheitsleute des Konvois erwiderten das feindliche Feuer, während Hubschrauber der Armee und Artillerie den Angriff unterstützten. Ein UH-1-Hubschrauber wurde von Bodenfeuer getroffen und stürzte über feindlichem Gebiet ab, wobei alle fünf Insassen verwundet wurden.«
Dann folgte die Liste der Namen. An diesem Punkt verstummte das Klingeln der Eiswürfel in der Cola meiner Mutter. Die Knochen meines Vaters dorrten in meinen Knochen. Sie rührten sich nicht. Sie schienen nicht zu atmen. Alles, was am Leben war, war das Radio.
»Dienstag, der 29. August.« Der Sprecher hielt inne. Nahm er einen Schluck Wasser? Ruhte seine rechte Hand auf dem Mikrofon, während seine linke Hand ein Husten kaschierte? »In dieser Woche haben 242 Soldaten im Kampf ihr Leben verloren. Wie jeden Abend beschließen wir diese Sendung mit den Namen derer, die heute gefallen sind, gefolgt von einer Auswahl der Nachrichten, die unsere Zuhörer auf unserem Anrufbeantworter hinterlassen haben. Die Ansichten und Meinungen spiegeln weder die Ansichten und Meinungen des Managements von WGBH noch die Ansichten und Meinungen der Radiosender wider, die diese Sendung ausstrahlen.
Specialist William C. Gearing, 22, East Lansing, Michigan.
Lance Corporal Joseph L. Rhodes, 22, Memphis, Tennessee.
Captain Michael C. Volheim, 20, Hayward, Kalifornien.
Private First Class Craig E. Yates, 18, Sparta, Michigan.
Private First Class Ramon L. Vazquez, 21, Puerto Nuevo, Puerto Rico.
Private First Class Calvin R. Patrick, 18, Houston, Texas.«
Nachdem der Sprecher die Namen verlesen hatte, fuhr seine Stimme auf ihre schlafliedleise Art fort, als würde er die toten Soldaten in den Schlaf sprechen.
»Nun«, sagte er beruhigend, »folgt eine Auswahl Ihrer Stimmen von unserem Muttersender.«
Ein leises Pfeifen ertönte, als er einen Knopf betätigte, um die Nachrichten vom Anrufbeantworter des Senders abzuspielen.
Eine Frau mit dem nasalen Dialekt einer Kohlenstadt dankte dem Sender dafür, dass er ihr zwei Tage, bevor die Marines an ihre Tür klopften, vom Tod ihres Sohnes berichtet hatte. Auf diese Weise brach sie nicht zusammen, als sie vor ihrer Tür standen. Zusammengebrochen war sie bereits, als sie allein war. Ihre Nachbarin am Ende der Straße war auf ihrer Veranda vor den Füßen dieser beiden Marines zusammengebrochen.
»Es ist eine Schande«, sagte sie, »dass sie einen nicht festhalten oder vom Boden aufheben dürfen. Danke, dass Sie mir diese Demütigung erspart haben.«
Ein Mann aus Tulia in Texas forderte den Radiosender auf, die Namen nicht mehr in der Sendung vorzulesen. »Sie unterstützen damit die Antikriegsdemonstranten, die Verräter dieser Nation sind.«
Vor zwei Nächten sagte ein Mädchen aus Seattle, sie habe den Namen von jemandem gehört, der im vergangenen Jahr seinen Abschluss an ihrer Highschool gemacht habe. »Er hat damals den alles entscheidenden Touchdown erzielt, und wir haben das Homecoming-Spiel gewonnen. Wir sind der Meinung, wir sollten die Homecoming-Parade in diesem Jahr absagen und stattdessen eine Mahnwache bei Kerzenlicht abhalten. Bitte beraten Sie uns.«
Eine Frau aus Ohio sagte: »Ich bin eine weiße Frau, aber ich frage mich immer, wie viele Schwarze Jungs unter den Namen sind, die Sie jeden Abend vorlesen. Wofür sind sie gestorben? Für Hütten aus Teerpappe, Unterernährung, Erniedrigung und Arbeitslosigkeit? Bitte, kann mir das jemand beantworten?«
Ich hörte das Klackern von Eiswürfeln, als meine Mutter es wagte, wieder an ihrer Cola zu nippen. »Dein Bruder ist am Leben«, sagte sie leise.
Mein Vater sagte: »Ja, ein weiterer Tag Leben.«
Ich hörte, wie sie zusammen das Vaterunser beteten, und ich wusste, dass sie auf Knien waren.
Einer von Vaters Schülern war nach Kanada geflohen, um der Einberufung zu entkommen. Die Kanadier hatten ihn aufgenommen, ohne Fragen zu stellen. Ich fragte mich, ob sie mich aufnehmen würden, ohne Fragen zu stellen, wenn ich vor meinem eigenen Krieg in Kenwood fliehen würde.
Im April wurde ich zwölf Jahre alt, am selben Tag, an dem der Kongress den Fair Housing Act verabschiedete, und sieben Tage nach der Ermordung von Martin Luther King. Ich verfolgte die Unruhen im Fernsehen mit meiner Großmutter zusammen, einer Katholikin aus New Orleans, die eine zweite Klasse unterrichtet und zeitweise mit der Preservation Hall Jazz Band Klavier gespielt hatte. Großmutter Jules liebte jede Art von Sport. Ihr Ehemann »2-2 Jules« (benannt nach seiner Fähigkeit, jedes Mal einen Schlagmann rauszuschlagen, wenn es zwei Bälle und zwei Strikes sein mussten) hatte eine Einladung in die Negro National League abgelehnt und arbeitete anschließend bei der Eisenbahn als Portier und dann, nach Beginn der Großen Depression, als Gipser. Wenn Großmutter Jules in den Norden kam, um uns zu besuchen, verbrachte sie mit mir und meinem Vater viel Zeit damit, Baseball-, Football- und Basketballspiele anzuschauen, anstatt mit meiner Mutter, ihrer Tochter, auch nur ein einziges Mal auf Antiquitätenjagd zu gehen. Sie liebte eingelegte Schweinefüße und ein Bier namens Hamm’s, das auf der anderen Seite des Flusses in St. Paul gebraut wurde.
Der Mord an Martin Luther King und die Tet-Offensive veränderten das Verhältnis meiner Familie zum Radio und zum Fernsehen. Meine Eltern lauschten auf den Namen meines Onkels in den nächtlichen Sendungen über die Todesopfer. Meine Großmutter und ich sahen uns die Unruhen an.
Eines Abends schossen ihre Füße vom Sessel hoch und traten beinahe ihr Bier und ihre Schweinefüße vom Klapptisch. Als ich den Tisch festhielt, lachte sie, wie ich sie noch nie zuvor hatte lachen sehen.
»Na, mach schon, mein Junge!«, rief sie.
Ich hatte sie das schon häufiger sagen hören, wann immer Tony Oliva einen Base-Hit machte oder Gale Sayers zum Touchdown anlief. Doch weder Oliva noch Sayers waren jetzt auf dem Bildschirm zu sehen. Ich war von ihrer Freude angesteckt worden und musste ebenfalls laut auflachen. In meiner Brust löste sich ein Knoten, ein Phantomtumor, der seit der ersten Klasse in mir hing. Wir sahen uns die Unruhen an, und meine Großmutter lachte meinen Schmerz davon. Wenn ich gesagt hätte, dass ich in den letzten sechs Jahren die überwiegende Mehrheit der Schülerinnen und Schüler sowie die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer an meiner Schule zutiefst gehasst hatte, hätte ich gelogen; so einfach war es nicht. Allerdings wäre es richtig zu sagen, dass ich mich in ihrer Gegenwart niemals wohlgefühlt hatte; und da ihre Gesichter bei mir waren, selbst wenn ich nicht bei ihnen war, wäre es auch richtig zu sagen, dass ich mich selten, wenn überhaupt, wohlfühlte.
»Na, mach schon, mein Junge!«
Sie sprach nicht mit mir, sondern mit dem Mann auf dem Bildschirm; doch in diesem Moment verschmolzen wir mit diesem Mann auf dem Bildschirm. Und ich fühlte mich geliebt.
Ich wünschte, ich könnte sagen, die Stadt auf der Leinwand war Cleveland, doch es hätte auch Detroit, D. C., Cincinnati, Chicago, Kansas City, Baltimore, Pittsburgh, Trenton, New Jersey oder Wilmington in Delaware sein können. Es hätte allerorts und überall sein können. Es waren keine Brände zu sehen, doch der Rauch bauschte sich über zerstörten Gebäuden. Bremsspuren vernarbten die Straße, wo ein Mann ohne Hemd und mit einem Kopftuch, das um seine Conk-Frisur geschlungen war, einen Einkaufswagen den Boulevard entlangdonnerte. Großmutter Jules lachte, als krachte ihre Brust von Kohlensäure. Ich verstand sofort, dass das Priestertum für mich dahin war. Ich wollte zu einem Plünderer heranwachsen und meine Grandma stolz machen.
Unser Krach rüttelte die gigantischen Spielverderber wach, denen das Haus gehörte. Meine Mutter kam nach unten und sagte ihrer Mutter, sie solle so etwas nicht sagen. Ich sah meine Mutter als Silhouette, das Licht aus dem Esszimmer stand in ihrem Rücken, sie war von den französischen Schiebetüren des Wohnzimmers gerahmt. Sie war anmutig, selbst wenn sie stillstand. Sie und Vater modelten in Modenschauen, die veranstaltet wurden von der Boulé und der Links, zwei der Schwarzen bürgerlichen Gruppen, denen meine Eltern angehörten. Der ganze Raum fiel in Schweigen, wenn die beiden den Laufsteg entlangstolzierten. Moms Freundinnen sagten, sie sehe aus wie Donyale Luna, die 1966 die Welt im Sturm erobert hatte, als sie zur ersten Schwarzen Frau wurde, die das Cover der Vogue zierte. Und ich mühte mich ab, zu verstehen, wie das Blut in der hellen Haut und dem schlanken Körper meiner Mutter dasselbe Blut sein konnte, das durch meine Großmutter floss, die klein und dunkel war wie der aus einem Halsknochen gesogene Saft, und die auf dem Dämpferpedal herumstampfte, wenn sie Klavier spielte. Im Alter von 36 Jahren stand meine Mutter auf der Schwelle, eingerahmt von ihrem Vorwurf, und sprach mit ihrer 63-jährigen Mutter, als wären ihre Lebensalter umgekehrt. Meine Großmutter und ich sahen sie an wie zwei Kinder, die beim Schabernack erwischt worden waren. »Sag das nicht, Mutter. Als Nächstes sagt er so was in der Schule. Er ist schon eigenwillig genug.«
Als wir uns wieder dem Fernseher zuwandten, war der Mann mit dem der Conk-Frisur, dem Kopftuch und dem Einkaufswagen verschwunden. Mom ging nach oben, und wir machten weiter unsere Mätzchen.
»Warum sind wir verrückt vor Wut?«, fragte ich meine Großmutter, während wir die Rauchfahnen ansahen, die von den Flachdächern emporstiegen.
»Weil wir keinen Job ham?«, sagte ich mit einem Kichern und schaute vorsichtig auf die französischen Türen, ob dort meine Mutter stünde, um mich für mein ham zurechtzuweisen.
»Nein«, antwortete Großmutter, »es geht nicht um Jobs.«
»Weil wir kein warmes Wasser ham?«
»Es geht nicht um Wasser, Kind.«
»Weil wir im Getto leben.«
»Frankie, du bist nicht im Getto«, sagte sie leise lachend, »und du bist verrückt.« (Woher sie das wusste, war mir ein Rätsel, denn ich kann mich nicht erinnern, ihr jemals erzählt zu haben, was in der Schule vor sich ging).
Dann sagten wir auf drei: »Wir sind wütend auf die Welt!« Oben auf der Treppe hörten wir: »Mutter, bitte!«
Es wäre zu weit hergeholt zu sagen, dass meine Großmutter eine Afropessimistin war. Doch Afropessimismus ist keine Kirche, in der man betet, und auch keine Partei, die man wählt oder abwählt. Afropessimismus sind Schwarze in ihrem bestmöglichen Zustand. »Wütend auf die Welt«, das sind Schwarze in ihrem bestmöglichen Zustand. Afropessimismus gibt uns die Freiheit, laut auszusprechen, was wir sonst flüstern oder leugnen würden: dass keine Schwarzen in der Welt leben, dass es aber ebenso wenig eine Welt ohne Schwarze gibt. Die Gewalt, die gegen uns verübt wird, ist keine Form von Diskriminierung; sie ist eine notwendige Gewalt; ein Stärkungsmittel für alle, die nicht Schwarz sind; eine Ansammlung von sadistischen Ritualen und von sadistischer Gefangenschaft, die nur dann über all jene Menschen, die keine Schwarzen sind, kommen könnte, wenn sie dieses oder jenes »Gesetz« brächen. Diese Art von Gewalt kann einem empfindungsfähigen Wesen unter zwei Umständen widerfahren: Eine Person hat das Gesetz gebrochen und ist also angesichts der geltenden Regeln aus der Reihe getanzt; oder die Person ist ein Sklave, und es sind keinerlei Vorbedingungen erforderlich, damit sich ein Akt der Brutalität vollziehen kann. Es gibt keinen Antagonismus wie den Antagonismus zwischen Schwarzen und der Welt. Dieser Antagonismus ist der Kern dessen, was Orlando Patterson als »sozialen Tod« bezeichnet, in den Worten von David Marriott: deathliness,12 eine Tödlichkeit, eine Todhaftigkeit. Es ist das Wissen und die Erfahrung alltäglicher Ereignisse, in denen die Welt dir sagt, dass du gebraucht wirst als Ziel ihrer Aggressivität und ihrer Erneuerung.
Der Antagonismus zwischen dem postkolonialen Subjekt und dem Siedler (Sand-Creek-Massaker oder palästinensische Nakba) kann – und sollte – nicht mit der Gewalt des sozialen Todes analogisiert werden: mit der Gewalt der Sklaverei, die 1865 nicht endete, aus dem einfachen Grund, weil die Sklaverei 1865 nicht endete. Sklaverei ist eine relationale Dynamik – kein Ereignis und schon gar kein Ort im Raum wie der Süden; genau wie der Kolonialismus eine relationale Dynamik ist – und diese relationale Dynamik kann fortbestehen, auch wenn der Siedler die Regierungsmacht zurückgelassen oder abgetreten hat. Und beide Beziehungen werden durch radikal unterschiedene Gewaltstrukturen gesichert. Der Afropessimismus bietet eine analytische Linse, die als Korrektiv zur logischen Vorannahme des Humanismus wirkt. Er stellt einen theoretischen Apparat zur Verfügung, der es Schwarzen erlaubt, nicht durch die List der Analogie belastet zu werden, denn Analogie mystifiziert das Leiden der Schwarzen, anstatt es zu klären. Die Analogie mystifiziert die Beziehung der Schwarzen zu anderen People of Color. Der Afropessimismus bemüht sich, diese Mystifizierung aufzulösen – ohne Furcht vor den Klüften und Rissen, die sich während dieses Prozesses ergeben.
Großmutter Jules würde sich im Grabe herumdrehen, wenn sie wüsste, dass ich sie für eine Afropessimistin halte. Sie war eine Katholikin, die keine Beichte ausließ. Als sie jedoch in den Ruhestand ging, wurde ihre Sprache von der List der Analogie befreit, was bedeutete, dass sie getrost sagen konnte, wir seien nicht aus den Gründen wütend, aus denen es Menschen waren, die unter Klassenunterdrückung, Geschlechterdiskriminierung oder Kolonialherrschaft litten. Ihre Wut hatte Erdungsdrähte tief im Inneren der Welt. Wir waren diese Erdungsdrähte der Welt. Wir waren die Zielscheibe von Wut, die sich sonst gegen sich selbst richten müsste. Schwarze Menschen waren der lebendige, atmende Widerspruch des Lebens an sich. Und insofern wir zu alt (wie Großmutter Jules) oder zu jung (wie ich) waren, um zu wissen, was meine Mutter wusste, wiesen wir die List der Analogie zurück und ließen unsere Wut ihre Wahrheit sprechen: Für seine Existenz und für seinen Zusammenhalt ist das Leben der Menschheit vom Tod der Schwarzen abhängig. Blackness und slaveness, das Schwarzsein und das Sklavesein, die »Sklavigkeit«, sind derartig untrennbar miteinander verschlungen, dass Sklavesein zwar von Schwarzsein getrennt werden kann, Schwarzsein aber niemals als etwas anderes existieren kann denn als Sklavesein. Es gibt keine Welt ohne Schwarze, und doch gibt es keine Schwarzen, die in der Welt sind. Du musstest sehr jung oder sehr alt sein, damit diese Eucharistie deine Lippen berühren konnte.
Ein Schisma keilte sich bald zwischen mich und meine Eltern. Ich hatte mehr Verachtung als Mitleid für sie übrig. Meine Mutter war gerade dabei, ihre Doktorarbeit abzuschließen, und irgendwann während dieser Zeit arbeitete sie als Verwaltungsangestellte für die öffentlichen Schulen von Minneapolis. Mein Vater war Professor und stellvertretender Dekan an der Universität von Minnesota. Sie arbeiteten als Psychologin und Psychologe, die neben ihren wissenschaftlichen Tätigkeiten tagsüber eine private Praxis führten; und sie stürzten sich in Martin Luther Kings Traum von der Rassengleichheit und in Lyndon Johnsons Traum von der »Great Society«, der Großen Gesellschaft. Dies bedeutete, dass sie ihre Fähigkeiten als Stipendienschreibende an Basisinitiativen verliehen und unendlich viele soziale und politische Versammlungen in unserem großen Wohnzimmer veranstalteten, wo ein Flickenteppich von Menschen zusammenkam, die sich sonst vielleicht nie getroffen hätten (Universitätsverwalter, liberale Geschäftsleute, Stadtplanerinnen, Aktivistinnen und Studierende), um in der Black Community Berufsausbildungszentren, Outreach-Programme für Native Americans sowie Programme für die psychologische Behandlung mittelloser Menschen ins Leben zu rufen.
Im Jahr 1968, dem Jahr der Verabschiedung des Fair Housing Act, marschierten meine Eltern in Kenwood von Tür zu Tür und verteilten Flugblätter, in denen das Gesetz so erklärt wurde, dass es, wie meine Eltern hofften, keine Bedrohung darstellte und dieselben Leute, die so hart daran gearbeitet hatten, meine Eltern aus Kenwood fernzuhalten, dazu ermutigt wurden, ein oder zwei weitere Schwarze Familien in die Gemeinde aufzunehmen. Meine Eltern veranstalteten mehrere Workshops über faires Wohnen in den Häusern wohlhabender Kenwoodianer und baten sie, die hölzernen Pflöcke mit Schildern für FAIR HOUSING in ihren Rasen zu treiben. Bald wurde klar, dass sich diese Workshops aus weißen Frauen zusammensetzte, deren Ehemänner im Büro waren. Die Hausfrauen liebten meinen Vater und tolerierten meine Mutter, auch wenn sie beide wunderschön waren. Dad war über zwei Meter groß. In Marmorfoyers zog er seinen langen Ledermantel aus, unter dem er Manschettenhemden und Anzüge trug, die wie maßgeschneidert aussahen. Er schaute ihnen in die Augen, während er sprach, und sie lächelten ihn an und nickten wie Bettelfrauen. Als meine Mutter an der Reihe war zu sprechen, flaute die Aufmerksamkeit der Frauen ab, und das Geklimper von Mokkatassen und Untersetzern salzte die Luft.
Mutter hatte versucht, sich die Zeiten, so gut es ging, zu eigen zu machen. Zu diesem Zweck hatte sie sich eine Afro-Perücke gekauft und trug sie nun auch. Am Ende jedes Workshops war es Zeit für die große Frage: »Wie viele von Ihnen möchten die Schilder für FAIR HOUSING, die wir im Auto haben, mitnehmen und auf ihrem Rasen platzieren?« Eine Frau hob die Hand. Um das Thema zu umgehen, fragte sie meinen Vater, ob er jemals als Model gearbeitet habe. Falls nicht, fuhr sie fort, kenne sie einen Mann, der einen Mann kenne, der eine Agentur leite.
Mit einem gepressten Lächeln versuchte Mom, das Gespräch wieder aufs faire Wohnen zu lenken. Eine andere Frau hob die Hand, um zuzustimmen, dass Papa ein so hübsches Model abgäbe. Dann schoss eine weitere Hand hoch, und noch eine weitere Frau fügte hinzu, auch wenn sie ja liebend gerne eines der Schilder auf ihrem Rasen aufstellen würde, so wäre ihr Mann sicher dagegen. Mom verließ das Zimmer. Den Model-Vorschlag umgehend, sagte Dad, dass er und Mom gerne für ein Einzelgespräch nach Hause kommen und mit den Ehemännern sprechen könnten. Mom beobachtete sie vom Foyer aus, wo sie auf der untersten Treppenstufe saß. Sie streifte die Perücke von ihrem Kopf ab und legte sie neben sich auf die Stufe.
5
Das Jahr 1968 war auch das Jahr, in dem das American Indian Movement in South Minneapolis gegründet wurde, drei Meilen entfernt von Kenwood.
Über Nacht wurden Fragen der Souveränität der Native Americans und die Forderungen des American Indian Movement zum Teil des Campuslebens an der University of Minnesota. Dad leitete ein Programm in einem Reservat einige Meilen außerhalb der Stadt; es war ein gemeinsames Projekt mit der Stammesregierung. Die Vorstandssitzungen wurden mit städtischen Native Americans, Stammesführern aus dem Reservat und meinem Dad in South Minneapolis abgehalten. Wie bei den Workshops über faires Wohnen durfte ich meine Eltern zu diesen Treffen begleiten. Sofort wurde deutlich, dass die Menschen im Reservat einige der Anforderungen der Universität von Minnesota, die das Projekt finanzierte, nicht erbringen wollten. Aus politischer Sicht hielt ich die institutionellen Interessen meines Vaters für falsch und die Interessen der indigenen Völker für richtig. Ich war der Meinung, die Universität solle ihre Ressourcen den Native Americans zur Verfügung stellen, ohne darauf zu beharren, dass sie Rechenschaft darüber ablegten, wozu sie das Geld verwendeten.
Der Raum war brechend voll. Alle 20 Plätze an dem großen Konferenztisch waren besetzt. Weitere 15 bis 20 der Native Americans standen an der Wand oder saßen auf den breiten Fensterbänken. Spöttische Bemerkungen und Beleidigungen wurden meinem Vater entgegengeschleudert, wenn er zu sprechen versuchte, doch er spöttelte nicht ein einziges Mal zurück. Der Raum war aufgeladen mit Affekten – eine Stimmung, die mehr damit zu tun hatte, dass mein Vater ein Schwarzer war, als damit, dass er ein Vertreter der Universität war. Irgendwann taumelte ein Ureinwohner, mit dem ich mir einen Fensterbanksitz teilte, auf meinen Vater zu.
»Wir wollen nicht, dass uns ein Nigger-Mann wie du sagt, was wir zu tun haben!« Aus den gedrängten Gruppen an den Wänden explodierte der Applaus.
Was ich damals nicht verstehen konnte und auch nicht verstehen wollte, war, dass die wohlhabenden weißen Hausfrauen in den Workshops für faires Wohnen den gleichen psychischen Raum bevölkerten wie die Native Americans in den unterversorgten Vierteln von South Minneapolis, und dass, obwohl die Frauen, die an den Workshops meiner Eltern teilnahmen, in einem Stadtteil lebten, der von den Straßen, denen das American Indian Movement entwachsen war, so weit entfernt waren wie Atlantis vom Mars. Der Mythos von »Manifest Destiny«, der göttlich verfügten Verbreitung weißer amerikanischer Ideologie und somit der Erschließung des indigenen Landes, dieser Mythos, an den jene weißen Frauen von Kindheit an gewöhnt worden waren, war ganz gewiss untrennbar mit der Beinahe-Auslöschung des Lebens der Ureinwohnerinnen und Ureinwohner verbunden. Es wäre falsch zu sagen, dass die weißen Frauen von Kenwood und der indigene Mann, der auf dem Fensterbrett neben mir saß und meinen Vater »Nigger« nannte, derselben Kirche huldigten. Doch in letzter Instanz wurden ihre beiden Welten von dem Bedürfnis getragen, sich von ein und derselben fremden Verkörperung zu unterscheiden. In den plüschigen Salons von Kenwood nährten die Frauen ihre Negrophilie am Fleisch meines Vaters, während sie meine Mutter verdrängten. In der Versammlungshalle hatten die Native Americans keine Verwendung für meine Eltern: Egal, ob wir weiß und reich sind oder Rot und arm, wir wollen nicht, dass ein Nigger uns sagt, was wir zu tun haben. Die weißen Frauen drückten ihre Weigerung, von Blackness autorisiert zu werden, durch ihre unbewusste Negrophilie aus (»Haben Sie jemals als Model gearbeitet, Professor Wilderson?«), und diese war verbunden mit der Notwendigkeit, meine Mutter aus der Szene in ihrer Fantasie zu tilgen. Die Native Americans drückten ihre Weigerung durch ihre unbewusste Negrophobie aus (»Wir wollen nicht, dass uns ein Nigger-Mann wie du sagt, was wir zu tun haben!«). Sowohl die Kraft des weißen als auch des indigenen Affekts sprach aus derselben Kehle, im Chor der libidinösen Ökonomie. Im kollektiven Unbewussten der indigenen Imagination stellte das Gespenst von Blackness eine größere Bedrohung dar als die Siedlerinstitution, die einen Schwarzen Professor zur Erledigung ihrer Drecksarbeit bestellt hatte.
Mein Vater sah vom Tisch auf. Er hielt Augenkontakt zu dem Native American, der neben mir saß, während der Raum in seinen Ohren donnerte, doch zeigte er keine Wut; und Schmerz erschien in seinen Augen erst, nachdem sein Blick den meinen traf und in meinen Augen eine Billigung jener lag, die ihn verspotteten. Ein Vater starrte in die höhnischen Augen seines Sohnes. Ich labte mich an seinem Schmerz, denn sein Ruin machte mich zum Mitglied einer Gemeinschaft. Indem ich diesen »Nigger« verhöhnte, verschmolz ich mit dem »Wir«.
Anschließend saßen mein Vater und ich für einige Minuten im Auto. Der Schlüssel steckte in der Zündung. Er sprach nicht mit mir. In der Öffentlichkeit zeigte mein Vater niemals Schmerz oder Zorn, und ich gehörte jetzt genauso zur Öffentlichkeit wie die Native Americans, die ihn aus diesem Raum vertrieben hatten. Ich konnte die Ausdehnung und das Zusammenziehen seiner Brust erkennen. Er atmete lange und gemächlich aus.
»Warum gibt man ihnen nicht einfach, was sie wollen? Es ist ihr Land. Es ist ihr Geld«, sagte ich.
Er seufzte. Er drehte den Schlüssel in der Zündung. Er legte den Gang ein. Ich war zu jung, um zu wissen, dass die Feindseligkeit gegen Blackness das Streben nach Souveränität ebenso antreibt wie den Wunsch, die Kolonialherren loszuwerden. Dad war zu benommen, um es mir zu erklären. Die Ureinwohnerinnen und Ureinwohner Amerikas sprachen als Souveräne zu einem, der nicht souverän war. Das wesentliche Problem liegt nicht in dem Wort, mit dem sie meinen Vater bezeichnet hatten, und das bedeutet auch, das wesentliche Problem liegt nicht im Ausleben ihrer feindseligen Gefühle, sondern in der Struktur einer feindseligen Beziehung zwischen Native Americans, die etwas zu retten hatten, und einer Schwarzen Person, die nichts zu verlieren hatte.
Meine Eltern trugen ihre Wut wie Fläschchen Nitroglyzerin, die in Watte gepackt waren, mit sich herum. Im Gegensatz zu mir kannten sie die Folgen der Wut von Schwarzen. Sie wussten Bescheid. Sie unterrichteten die Menschen, die niedergeschossen wurden, und die Studierenden, die nach Kanada flohen, um der Einberufung zu entgehen. Und sie wussten, dass sie selbst vom FBI beobachtet wurden. Ich, der ich nur wenig von dem Amboss wusste, der auf ihnen lastete, dachte, sie seien einfach nur Verräter:innen. Ich glaubte, sie hielten ihre Zunge im Zaum, wenn ihre weißen Kolleginnen und Kollegen rassistische Äußerungen machten, weil ihnen die Revolution, die um sie herum toste, gleichgültig war. Nachdem ich jahrelang mit ihnen im Streit gelegen hatte, änderte sich meine Sicht auf sie langsam, als ich in die Wissenschaft ging und aus erster Hand von dem getroffen wurde, was Jared Sexton bezeichnet als »die verborgene Struktur der Gewalt, die so viele Gewalttaten, ob spektakulär oder alltäglich, untermauert«.13
Verstellung war ein Überlebenswerkzeug gewesen, ein Hilfsmittel, das sie verwendeten, um weiterzuleben und Essen auf den Tisch bringen zu können. Sie wussten, dass Schwarze Intellektuelle nur so weit gehen konnten, wie ihre nicht-Schwarzen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner bereit waren, es sich gefallen zu lassen. Sie wussten auch, dass sie sich der Grenzen dessen bewusst sein mussten, was ihre weißen Kolleginnen und Gesprächspartner zu dulden bereit wären, insbesondere wenn diese Gesprächspartnerinnen und Kollegen nicht wussten, wo ihr eigenen Grenzen lagen. Meine Eltern waren genötigt, es stellvertretend für sie zu wissen. »Stelle dir den Schwarzen Mann vor, der du für den weißen Mann sein sollst […], und werde zu ihm (oder spiele vor, dass du zu ihm geworden bist)«,14 schreibt David Marriott in seiner Abhandlung über das Lynchen. »Unser Unbewusstes […] wird der Arbeit des Zweifels überlassen, der Wetten und der Gegenwetten. Hier ist kein Platz für das, was der Schwarze Mann will, und ebenso wenig für ein Schwarzes Unbewusstes, getrieben von seinen eigenen Begierden und Aggressionen.«15
Ich sah mit an, wie die Welt die Wünsche meiner Eltern einkerkerte, während ich meine Großmutter und ihre gefängnisausbrecherische Rhetorik vergötterte. Schwarzes Begehren ist ein Verbrechen wie Flucht. Amerika brauchte meine Großmutter nicht mehr für die Erziehung, für die Bestätigung oder um eine Frau zu haben, der man die Schuld daran geben konnte, dass die Nation an den Nähten auseinanderging – doch Amerika brauchte meine Mutter noch. »Ich bin eine gezeichnete Frau«, schreibt Hortense Spillers, »doch nicht jeder kennt meinen Namen. ›Peaches‹ und ›Brown Sugar‹, ›Sapphire‹ und ›Earth Mother‹, ›Aunty‹, ›Granny‹, ›God’s Holy Fool‹, eine ›Miss Ebony First‹ oder ›Black Woman at the Podium‹: Ich beschreibe einen Punkt verworrener Identitäten, einen Treffpunkt von Belangen und Entbehrungen in der nationalen Schatzkammer des rhetorischen Reichtums. Mein Land braucht mich, und wenn es mich nicht gäbe, müsste man mich erfinden.«16
Amerika war fertig mit meiner Großmutter als seiner Erfindung. Es stand ihr frei, sich zurückzulehnen und Amerika zu töten, wenn auch nur in ihren Träumen oder mit mir zusammen, während wir 1968 die Unruhen im Fernsehen verfolgten. Doch Amerika war noch nicht fertig mit meiner Mutter, einer 36-jährigen Schwarzen Frau in ihren besten Jahren. Nur drei Jahre zuvor, im Jahr 1965, hatte Daniel Moynihan die Imago meiner Mutter als Quelle einer destruktiven Ader in der »Getto-Kultur« und in der Schwarzen Familie bezeichnet.* Sie betrat einen Raum nicht als promovierte Frau, sondern als der Hauptgrund, weshalb sich Männer kastriert fühlten – als ein Hindernis, das für Amerika belastender war, als es die Anti-Blackness für den Traum des Schwarzen Mannes war, der sich nach einem fernen Horizont sehnte. Meine Freudenausbrüche beim Anblick eines Plünderers würden nur bestätigen, was die Welt bereits über sie wusste. Für Moynihan war ich ein von meiner Mutter geschaffenes Monstrum.
6
In jenem Sommer reisten wir nach Seattle. Ein Sommer für ein Sabbatical meines Vater, ein Sommer zum Forschen für meine Mutter. Nicht ein Tag verging, an dem ich nicht mürrisch war. Als an einem frischen Mittwochabend ein Bischof in den Katechismusunterricht kam und das Gewühl aus zwölf- und dreizehnjährigen Mädchen und Jungen bat, sich in dieser Woche von ihrem Taschengeld zu trennen, um es für seine Mission in Afrika zu spenden, hob ich die Hand. Wie in meinen Katechismuskursen in Minneapolis war ich das einzige Schwarze Gesicht im Raum. Schwester Mary Alvin strahlte. Der Bischof nickte in frommer Ermutigung. Ein Nicken, das mir aus sechs Jahren in einem rein weißen Gymnasium zu Hause in Minneapolis bestens bekannt war: Schauen Sie, der Negro-Bube will etwas sagen. Schauen Sie, wie höflich er seine Hand gehoben hat.
»Haben die Menschen in Afrika Sie gebeten, zu ihnen zu kommen?«, platzte ich heraus.
Der Bischof sah Schwester Mary Alvin an. Dann blickte er mich an.
»Der Heilige Geist bedarf keiner Einladung. Selbstredend muss man Buße tun und das Sakrament der Taufe empfangen.«
Ich sagte dem Bischof, dass ich meine fünfunddreißig Cent gern in ein Snickers verwandeln würde. Aber nächste Woche könnte er mein Taschengeld bekommen, wenn er in der Zwischenzeit nach Afrika fliegen und anschließend mit einem Brief der Menschen in Afrika zurückkommen würde, in dem verbürgt stand, dass sie ihn dort als Missionar bei sich haben wollten.
Die Nachricht über diese Geschehnisse war noch vor mir zu Hause, wo eine Tracht Prügel auf mich wartete.
Jedem war klar, dass ich ein überragender Sportler war, und meine Eltern müssen gedacht haben, dass die schiere Anstrengung von Football und Baseball die Verdrießlichkeit aus meinen Poren herausschwitzen müsste. Auf dem Weg zur University of Washington setzte mich meine Mom in einem Gemeindezentrum ab. Es war eher ein Jungenclub. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine jüngere Schwester dabei war, und sehe vor meinem geistigen Auge keine Mädchen, wenn sich diese Tage wieder in meiner Erinnerung einstellen. Ich vermute, dass sie und mein Vater geglaubt hatten, es müsse mir guttun, einmal Teil einer Gruppe Schwarzer Männer zu sein. Die Schwarzen Männer in meiner Nachbarschaft wollten mit mir nichts zu tun haben – eigentlich waren es Schwarze Bübchen, doch wenn man nicht gerade in einen Kiefernorthopäden verliebt war, nannte man sie lieber nicht Bübchen. Als Teil des »Jungenclubs« kam ich dem nahe, was ich nur im Fernsehen mit meiner Großmutter gesehen hatte. Ich verstand nicht nur, dass »mürrisch« nicht nur ein Persönlichkeitsdefizit von mir allein war, sondern vielmehr ein kollektives Erbe, so wie Wut und heftiges Lachen über all die Dinge, die die meisten Weißen traurig machten; in diesem »Jungenclub« hörte ich zum ersten Mal auch von den Black Panthers. Ich hörte die Vollgasrhetorik über Gedanken, die ich als wortlose Wünsche gehegt hatte, wie zum Beispiel: »I’m three seconds off a honky’s ass!« – »Ich werde mir diesen weißen Arsch jetzt gleich mal vorknöpfen!«
Als ich diese Worte zum ersten Mal im Gemeindezentrum in Seattle hörte, musste ich laut auflachen. Wie konnte ein Wort so viel Freude bereiten? Honky als Wort für einen Weißen! Es amüsierte mich tagelang. I’m three seconds off a honky’s ass! Ich wusste, dass es meine Eltern nicht amüsieren würde, wenn sie es von meinen Lippen hörten. Dass ich mir einen weißen Arsch vorknöpfen werde, war nicht, was sie im Sinn hatten, als sie beschlossen, dass Seattle der geeignete Ort war, um junge Schwarze Männer als Vorbilder kennenzulernen. Ich war clever genug, um zu wissen, dass mich dieser Satz für den Rest unseres Sommers in Seattle in ein weißes Gemeindezentrum verfrachten könnte. Doch ich konnte nicht anders. Nicht mehr seit dem »Na, mach schon, mein Junge!« von meiner Großmutter war ich derartig von Worten inspiriert gewesen!
Ich ging in die hinterste Ecke unseres Gartens, um all die verschiedenen Arten zu hören, wie ich diese wenigen Worte zum Singen bringen konnte. Ich sang sie tief und warm, mit der Baritonstimme von Barry White. Ich sang sie wie Aretha, die auf R-E-S-P-E-C-T bestand. Ich sang sie wie Eddie Kendricks’ Falsett, das Gläser zersingen konnte. Allein im Garten ging ich auf Konfrontationskurs mit dem Honky-Tree und ließ ihn wissen: »Groß heißt nicht gemein. Ich werd mir deinen weißen Arsch gleich mal vorknöpfen, du honky!«
Mom kam auf die Veranda zum Garten. Ich weiß nicht, wie lange sie dort schon gestanden hatte. Alles, was sie hörte, war das Geräusch meines Lachens. Alles, was sie sah, war, dass ich mit einem Baum redete. Mit ihrer Therapeutinnenstimme fragte sie mich, ob es mir gut gehe. Ja klar, alles bestens, sagte ich. (Will dem Honky-Bäumchen hier nur ma’ bisschen die Rinde vom Leib ziehen, sonst nix.) Und ich musste mich zusammenreißen, dass mein Bauch nicht vor Lachen platzte. Schön, dich lächeln zu sehen, mein Sohn, rief sie mir zu, bevor sie wieder ins Haus ging.
Es gab auch einen »Honky«, der kein Baum war. Er leitete das größtenteils von Schwarzen besuchte Gemeindezentrum in Seattle. Sein Name war Reg, doch wir nannten ihn nur selten beim Namen (außer, wenn wir mit ihm sprachen), was ja Sinn machte, da wir nicht mit seinem Namen sprachen. Reg hatte die Aura eines kräftigen, aber durchtrainierten und bärtigen Polizisten, den ich mehrere Male sah, als ich später in Südafrika lebte; ein Mann, der in die Schwarzen Spelunken, die sogenannten Shebeens, in Soweto ging und den Menschen dort Bier spendierte. Er hatte einige von ihnen gefoltert, und als es vorbei war, hatte er sie dazu gebracht, das Fleisch auf dem Barbecue-Grill zu wenden. Er setzte sich mit ihnen an den Picknicktisch, um ihnen zu zeigen, dass sie die Art und Weise, wie er sie gefoltert hatte, nicht persönlich nehmen brauchten. Reg schob sein Kinn hervor, wenn er sprach, entweder um die Jüngeren wie mich zu loben, oder um die Älteren zu warnen. Ob bewegt oder ruhend, immer schossen kurze, instinktive Atemzüge zwischen seine Worte. Er eilte vom Spielplatz über den Parkplatz und durch die Turnhalle, mit der Kaltblütigkeit eines Mannes, der regiert.
Auf dem Parkplatz unter einem regenlosen Himmel kam es zu einer Auseinandersetzung. Ich befand mich im Gemeindezentrum und spielte Völkerball, als jemand schrie: »Jetzt geht der Scheiß los!« Was war der Scheiß und warum ging er los? Jeder, der zur Tür lief, schien es zu wissen. Nur ich hatte nicht die leiseste Ahnung. Ich kannte – jeder kannte – die verschwommenen Umrisse dessen, was passiert war. Die ganze Welt des Gemeindezentrums drehte sich um die Regeln von Reg. Reg entschied, wer die Basketbälle nutzen durfte und wer nicht. Reg entschied über die wöchentlichen Aktivitäten. Reg notierte sich in seinem Buch einen Strafpunkt neben deinem Namen, wenn du aus der Reihe tanztest oder auch nur zu laut sprachst. Drei Strafpunkte, und du bekamst eine Woche lang Gemeindezentrumsverbot. Reg hatte Luke, einem siebenjährigen Jungen, seinen dritten Strafpunkt verpasst. Reg wies Luke an, das Grundstück zu verlassen. Das war mein Wissensstand, als ich nach draußen eilte, denn die beiden waren noch drinnen gewesen, als Reg Luke seine dritte Verwarnung erteilt hatte. Luke hatte sich von Reg zum Parkplatz begleiten lassen. Dann war er allerdings stehen geblieben, als hätte er seine Meinung geändert, und sich umgedreht, um wieder zurück ins Gebäude zu gehen. Regs Hand umklammerte Lukes Ellbogen und führte ihn davon. Eine Menschentraube begann sich, um sie zu formen. Ich bahnte mir einen Weg durch den Schwarm von Halbstarken, die alle wollten, dass Luke Reg in ihrem Namen das Fell über die Ohren zog.
»Fass mich noch einmal an«, hörte ich Luke sagen.
Luke und Reg standen sich direkt gegenüber. Mit Erstaunen sah ich zu, wie Reg näherkam. Reg war ein Mann von mindestens 25 Jahren und sah wie ein Gewichtheber aus, während Luke den Körperbau eines schmächtigen Forwards in einem Highschool-Basketballteam hatte.
Reg sagte: »Die Regeln gelten für alle, selbst für mich.« Worauf Luke sagte: »Fass mich noch einmal an, okay.«
Luke steckte seine Hand in die Tasche. Regs Gesichtsausdruck deutete darauf hin, dass er haargenau wusste, was passieren würde, wenn Lukes Hand wieder hervorkäme, und wie sehr das Ergebnis nicht nur von Luke, sondern von allen anwesenden Jungen herbeigesehnt wurde. Und Reg schien zu wissen, dass sein verzweifelter Mut niedergemetzelt werden würde, wenn er nur eine einzige falsche Bewegung machte. Einen Augenblick lang starrte Reg uns an, und er kam den Tränen oder einer Entschuldigung näher, als ich es jemals bei ihm gesehen hatte.
Ich war mir bewusst, wie klein ich im Vergleich zu den anderen war, von denen die meisten richtige Teenager waren. Ich musste aufschauen, um zu sehen, wer sprach, als jemand Reg beschimpfte oder Luke sagte, er solle hinmachen. Vögel bombardierten die Sonne, als würde eine Faustvoll Pfeffer in das letzte gesunde Auge Gottes geschleudert. Luke sah aus, als kitzelte er sich mit seiner Hand von der Innenseite seiner Hosentasche am Oberschenkel. Regs Stimme brach, doch er konnte nicht aufhören, die Regeln vorzuleiern. Ich konnte das Klicken von Lukes Springmesser hören, bevor ich seinen kerzengeraden, straffen Glanz sah.
Mom scherzte immer, dass man in dem Teil von New Orleans, wo sie aufgewachsen war, wegen eines Erdnussbuttersandwichs erstochen werden konnte. Obwohl sie lachte, wenn sie es sagte, überzeugte mich das Funkeln in ihren Augen (und das »ganz genau« meines Vaters), dass sie wusste, wovon sie sprach. Allerdings hatte ich noch nie eine Messerstecherei gesehen, bei der Blut vergossen wurde. (Das Blut, das ich von Elgar Davenport vergossen hatte, war eine Folge der Windstille und der Gravitation der Erde, keine Folge der Kraft meiner Absichten. Die vorgezeichnete Absicht von Lukes Springmesser hatte kaum Ähnlichkeit mit dem zufälligen Parabelflug einer Seifenflasche, die sich bogenförmig durch die Luft schob, hinunterfiel und Elgars Kopf spaltete).
»Ja, mach nur, fass mich noch mal an.«
Hinter mir sagte jemand: »Der Arsch soll bluten.«
Dann sagte zu meiner Linken jemand: »Der Arsch soll bluten.«
Dann stimmte ein Dritter in die Worte ein wie in eine Hymne.
Reg schüttelte den Kopf, scheinbar mehr im Gebet, als aus Trotz. Er blickte nach oben, doch die Wolken waren in Deckung gegangen.
Ich hörte eine Frauenstimme.
»Nein! Nein! Das kannst du nicht wollen!« Ich kannte diese Stimme. Wenn ich manchmal in der Kirche die Augen schloss, wob sie den reichen Stoff gregorianischer Gesänge und berührte mich in der Kirchenbank. Meine Mutter hatte sich nach vorne durchgekämpft und schob uns alle beiseite wie eine Windböe, die durch hohes Gras ging.
»Das könnt Ihr alle nicht wollen«, sagte sie wieder und wieder.
Sie stellte sich zwischen Reg und Luke, das heißt zwischen Reg und Lukes Klinge.
Aus der Menge fragte jemand: »Wer ist diese Lady?« Und bevor ich mich wieder in die Mitte schlängeln konnte, sagte eine andere Stimme: »Ach, das ist die Mama von Lil’ Man.«
Sie sagte Luke, er solle alle ins Gebäude bringen. Zu meinem Erstaunen klappte er sein Springmesser ein und gehorchte ihr. Das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass sie mich auf dem Parkplatz mit dem Honky warten ließ, während sie reinging, um mit Luke zu sprechen.
Als sie aus dem Gebäude trat, sagte sie nur ein Wort: »Komm.«
Sie beförderte Reg auf den Vordersitz ihres Wagens. Ich musste mich auf den Rücksitz setzen. Als wir wegfuhren, zuckte Regs Wange. Sein Pony hing schweißverklebt an seiner Stirn. Meine Mutter fragte ihn, in welcher Straße er wohne, und er antwortete ihr. Danach sagte niemand ein weiteres Wort. Wir setzten ihn bei ihm zu Hause ab und fuhren davon, ohne dass ich auf den Vordersitz durfte.
Für den Rest des Sommers verachtete ich sie; und Vater verachtete ich noch viel mehr dafür, dass er sagte, sie habe richtig gehandelt. Heute weiß ich, sie versuchte nicht, Reg zu retten, sie versuchte, uns vor einer beschnitten Zukunft zu retten, die uns sicher gewesen wäre, wenn Reg Blut gelassen hätte.
So wie meine Mutter hatten wir unser ganzes inhaftiertes Leben noch vor uns.
*Dies geht zurück auf einen Bericht, der meist als »Daniel-Moynihan-Report« bezeichnet wurde: Daniel Patrick Moynihan, »The Negro Family. The Case For National Action« (1965).
KAPITEL DREI
DREI Hattie McDaniel ist tot
1
Dies ist eine Geschichte, die ich noch nie zuvor erzählt habe. Weder meinem Bruder noch meinen Schwestern. Nicht einmal den Frauen, mit denen ich zusammen war und die ich geheiratet habe. Beinahe 40 Jahre mussten kommen und gehen, ehe ich mich dazu durchringen konnte, zu sagen, was mit Stella, ihrer Tochter Malika und mir geschehen war.
Darauf einzugehen, dachte ich immer, würde mich nur in Verlegenheit bringen und mir das plötzliche Bedürfnis geben, anderswo zu sein, was die natürliche Reaktion auf eine Beichte ist. Noch heute, ich gebe es zu, schäme ich mich für die Geschichte; ich lebe mit der Schande, dass ich fortwollte, als ich meinte, mein Leben könnte in Gefahr sein. Über Jahre habe ich damit gelebt, die Schande verspürt und versucht, sie von mir zu schieben. Es hat Zeiten gegeben, in denen ich versucht habe, darüber zu schreiben, in der Hoffnung, durch diesen Akt der Erinnerung, durch das Niederschreiben der Ereignisse auf Papier, den Druck auf mein Gewissen lindern zu können.
Mut, das schien ich zu glauben, sei bei Revolutionär:innen in begrenzter Menge vorhanden, wie ein Erbe, das man verwahrt, verzinst und von dem man am Tag der Abrechnung zehren kann. Es war eine tröstliche Idee. Einem Dummkopf bot sie Hoffnung und Gnade.
Ich glaubte, dass ich, wenn es Zeit für die Abrechnung wäre, den Herren gegenübertreten würde, wie die Soldatin der Black Liberation Army Assata Shakur den Cops auf der New Jersey Turnpike gegenübertrat, als die State Trooper ihr in die Brust schossen;* dass ich mein Ding machen würde, wie Jonathan P. Jackson im Gerichtsgebäude im kalifornischen Marin County sein Ding gemacht hatte. Wenn der Einsatz jemals hoch genug wäre – wenn die Revolution mein Opfer erfordern würde –, würde ich einfach ein heimliches Reservoir an Mut anzapfen, das sich in mir angesammelt hatte, seit ich mit zwölf Jahren Eldridge Cleavers Soul on Ice gelesen hatte und meine Lehrerinnen und Lehrer während meiner Junior-Highschool- und Highschool-Zeit die Doppelgängerinnen und Doppelgänger der Angeklagten in politischen Prozessen gewesen waren, wie die Chicago Eight und die Panther 21.** Später war Stella eine ebensolche Doppelgängerin. Wir waren fast zehn Jahre zusammen, auch wenn wir nie geheiratet haben. Sie war 38, als wir uns kennenlernten, ich war 22.
Ich glaube, alles begann, als ich Stella zum ersten Mal Ende März 1978 begegnete, nur eine Woche, nachdem mich das Dartmouth College nach Hause geschickt hatte, weil ich Schwarze Studierende in einer Solidaritätskampagne mit jenen Menschen angeführt hatte, die auf dem Campus das Essen kochten, die Toiletten putzten und außerhalb der Stadt lebten. Anscheinend hatten sich einige Studierende aus Verbindungen bei der Verwaltung darüber beschwert, dass die Leute vom Appalachian Trail an Gesichtsmissbildungen und anderen körperlichen Verunstaltungen litten, die hervorgerufen worden sein sollten durch das, was einige der Fratboys der Dartmouth-Bruderschaft als Hillbilly-Inzucht bezeichneten. Ihr Beschwerdebrief behauptete, dass der Anblick dieser Leute vom Appalachian Trail, die mit ihnen im selben Raum aßen, den Bruderschaftlern Verdauungsstörungen bereitete.
Die Universitätsverwaltung reagierte darauf mit der Anordnung, dass die Angestellten des Service im Thayer-Speisesaal und die Angestellten in den Gebäuden und auf dem Gelände von diesem Zeitpunkt an nur noch zu Nebenzeiten und in Vorräumen des Speisesaals, die nur für sie bestimmt waren, Mahlzeiten zu sich nehmen dürften. Ich machte Lobbyarbeit unter den fast 300 Schwarzen Studierenden auf dem Campus. Mein Argument war, dass es sich um einen faschistischen Erlass handelte und dass wir nicht tatenlos zusehen dürften. Doch viele andere wiesen darauf hin, dass die Angestellten, die aus den nahe gelegenen Hinterwäldler-Städten wie Lebanon in New Hampshire und Zwei-Läden-und-eine-Bar-Dörfern am Rande der Berge kamen, in denen die Konföderiertenflagge wehte und »Nigger« aus vorbeifahrenden Pickups gerufen wurde, wenn wir uns dort sehen ließen. Einmal hatten wir uns zu dritt auf dem Land verirrt, es war zu einer Zeit, als nicht einmal Dick Tracy GPS hatte. Wir fuhren an Flachdachhäusern vorbei, die wie auf dem Boden verschüttete Streichhölzer neben einer Waldstraße verstreut waren. Jedes vierte oder fünfte Auto war ein Rostskelett mit Schlackensteinen statt Rädern. Ich erschrak ob des fehlenden Hasses in den Augen der Kinder, die uns beim Vorbeifahren anstarrten. Als ich mich auf meinem Sitz umdrehte und zu ihnen zurücksah, starrten sie immer noch, als warteten sie auf Gottes Beistand, um das zu verstehen, was sie gerade gesehen hatten. Am Ende stimmte die Afro-American Society dafür, eine Kampagne des zivilen Ungehorsams zu starten, mit deren Hilfe die Universitätsverwaltung gezwungen werden sollte, ihren Erlass aufzuheben. Im Zuge der Kampagne wurde ich verhaftet und kam ins Gefängnis. Vor dem Gerichtsgebäude in Hanover, New Hampshire, wartete ein Dekan der Uni auf mich. Er überreichte mir ein zweiseitiges, einzeiliges Anklageblatt. Ich teilte ihm mit, die Stadt habe alle Anklagepunkte fallen gelassen. Er beschwor mich, den Brief zu lesen. »Ihre Probleme mit der Stadt haben gerade ein Ende genommen. Ihre Probleme mit dem Dartmouth College haben gerade erst begonnen.«
Zwei Jahre zuvor hatte mich das FBI nach Trinidad verfolgt. Wie die meisten Geheimdienstakten ist auch meine von Schwärzungen durchsetzt, wie Löcher von Schrotkugeln, die in die Flanke eines Rehs gerissen sind. Der Name des Agenten oder der Agentin, die mich im Winter 1976, dem Winter meines zweiten Jahres am Dartmouth College, nach Trinidad verfolgt hatten, war geschwärzt. Auch schien er oder sie nicht daran interessiert zu sein, was der nicht ganz 20-jährige junge Mann studierte, den er oder sie beschattete. An der University of the West Indies studierte er das Theater der Karibik. Er führte Feldforschung über die Rada durch, eine Gruppe von Loa (Geistwesen), die in Trinidads Inkarnation der westafrikanischen Voodoo-Religion von Bedeutung sind. Als Drittes arbeitete er im Rahmen seines freien Studiums an einer Hausarbeit über ein Thema seiner Wahl: seine Erfahrungen als teilnehmender Beobachter der Kommunistischen Partei in Trinidad. In der FBI-Akte fand nichts von alledem irgendeine Erwähnung.
Während seines Aufenthalts in Trinidad stand Wilderson in Kontakt mit einem Mitglied des Trinidad and Tobago Puerto Rican Solidarity Committee, und diesem Individuum versprach er zu versuchen, für diese Organisation Kontakte in den Vereinigten Staaten herzustellen, um sie mit Fachliteratur zu versorgen und den Versuch zu unternehmen, finanzielle Hilfe zu beschaffen.
Angeblich behauptete Wilderson, Mitglied einer nicht genauer bezeichneten revolutionären Gruppe in den Vereinigten Staaten zu sein. Er wurde am 11. April 1956 in den Vereinigten Staaten geboren, ist Student am Dartmouth College, besitzt die U.S.-Passnummer F2316717, seine Postanschrift lautet Hinman, Box 3983, Dartmouth College, Hanover, New Hampshire, 03755.17
Dieser Bericht wurde vom »LEGAT, CARACAS«, dem juristischen Attaché in Venezuela, an Clarence M. Kelley (Hoovers Nachfolger als Direktor des FBI) übersendet. Laut offizieller Propaganda »arbeitet der juristische Attaché des FBI mit den Strafverfolgungs- und Sicherheitsbehörden seines Gastlandes zusammen, um Ermittlungen zu koordinieren, die für beide Länder von Interesse sind. Die Rolle der juristischen Attachés besteht in erster Linie aus Koordination, da sie keine ausländischen Geheimdienst- oder Spionageabwehruntersuchungen durchführen«.18 Es wird keine Erklärung dafür gegeben, warum der LEGAT des FBI in Venezuela geheimdienstliche Informanten in Trinidad beschäftigte, um einen amerikanischen Studenten auszuspionieren; oder worin die gemeinsame Operation der USA und dem Gastland (Trinidad oder Venezuela?) eigentlich bestand. Der Bericht beginnt mit den Worten: »Die vertrauliche Quelle im Ausland, die in dem Memorandum erwähnt wird, lautet«. Die dann folgende Schwärzung ist beinahe zwei Zeilen lang. Es wird also mehr als nur ein Name verschwiegen. Es geht weiter: »[Schwärzung] bat darum, informiert zu werden, falls WILDERSON in der Vergangenheit wegen politisch extremistischer Aktivitäten in den Vereinigten Staaten auffiel.« Dann heißt es: »Das FBI und die Bostoner Außenstelle werden um Mitteilung gebeten, ob WILDERSON bereits früher in Zusammenhang mit Geheimdienstaktivitäten aufgefallen ist.«
Jedoch ist dies nicht die Geschichte, die ich niemals erzählen konnte. Diese Geschichte werde ich gleich erzählen, allerdings verkompliziert der FBI-Bericht sie. Er klittert die Kausalzusammenhänge, die mir geholfen hatten, mir über die Gewalt im Klaren zu werden, der Stella und ich vier Jahre nach meiner Rückkehr aus Trinidad ausgesetzt waren; zwei Jahre, nachdem ich des Dartmouth Colleges verwiesen worden war, weil ich eine Kampagne des zivilen Ungehorsams im Namen von Angestellten geleitet hatte, die weiße und – nach Ansicht unserer Schwarzen und einsamen Studierendengehirne – reuelose Rassisten waren.
Einsicht in die FBI-Akte erhielt ich, als ich mitten in der Arbeit an diesem Kapitel steckte. Die Akte zersplitterte jede kausale Logik der Ereignisse, die meine Hand erzittern lassen, wenn ich diese Worte mit meinem Stift aufs Papier kratze. Bevor die Akte bei mir eintraf, dachte ich, dass ich endlich den Verlauf der Ereigniskette nachvollziehen könnte, die Stella und mich und Malika, ihre kleine Tochter, aus unserem Zuhause vertrieben haben; es waren Ereignisse, die uns keine andere Wahl ließen, als Malika zu ihrer eigenen Sicherheit zu Verwandten zu schicken; Ereignisse, die Stella und mich zur Flucht aus dem Bundesstaat Minnesota bewogen, als uns die Bekannten und die Zufluchtsorte ausgingen. Die FBI-Akte kam, als ich endlich fest davon überzeugt war, dass das, was uns zugestoßen war, in Verbindung stand mit Stellas Vergangenheit und nicht mit unserer gemeinsamen. Sogar in dem Einbruch in mein Studioappartement durch zwei weiße Männer, die hinter nichts Wertvollem her gewesen waren, sah ich einen Kollateralschaden von Stellas Prozess, den sie gegen die Regierung führte.
2
In einem Monat werde ich 24, und gerade habe ich das Auto meiner Eltern gestohlen. Mom und Dad sind in Moskau oder in Peking, oder vielleicht sind sie auch in Bremen oder Belize: eine zweimonatige Studienreise, auf der sie die Fallstricke sowjetischer psychiatrischer Kliniken untersuchen; drei Wochen Beratung mit chinesischen Sonderschulverwaltungen; eine Studie der Ford-Stiftung zur deutschen Stadterneuerung; oder eine Rettungsmission ame rikanischer Studierender, die zu viel gekifft haben und in Belize ins Gefängnis geworfen wurden – ich weiß es nicht, weil ich nicht mehr bei ihnen wohne. Mein 14-jähriger Bruder hatte mich mit den genauen Informationen versorgt, doch alles, was bei mir angekommen war, war die Tatsache, dass ihr Auto in der Garage herumstand. Zwei Jahre zuvor, im März 1978, wurde ich, wie schon erwähnt, vom Dartmouth College geschmissen, weil ich einen Akt zivilen Ungehorsams initiiert hatte. Es war das Ende des Winterquartals in meinem Abschlussjahr, und ich brauchte noch drei Seminare, um graduieren zu können. Für Stella und alle anderen, die danach fragten, trug ich die »unbefristete Suspendierung vom Dartmouth College« wie die Ehrenmedaille einer Schlacht. Doch keiner konnte ahnen, wie sehr ich geweint hatte, als ich im Greyhound Bus zurück nach Minneapolis hockte. Bevor ich den Saal des Tribunals verließ mit meinem rosa Zettel, der mir eine Frist von 48 Stunden gewährte, um meinen Schlafsaal zu räumen und Hanover zu verlassen, räumte der Vorsitzende des Komitees, ein Dekan, ein, dass die Strafe hart sei – doch, so erklärte er, ein Team von Psycholog:innen habe mich seit meiner Ankunft in Dartmouth begutachtet. Diese Phantome der Therapie, denen ich nie begegnet war, waren zu dem Schluss gekommen, dass ich vier Jahre Zeit gehabt hatte, »mir den esprit de corps einer Ivy-League-Institution einzuschärfen« – die genauen Worte des Dekans und zweifellos auch die Worte des psychologischen Teams. Vier Jahre lang hatte ich mich in psychiatrischer Behandlung befunden, ohne jemals meinen Therapeut:innen zu begegnen. Darin waren sie eins mit der Person vom FBI, die mich bis nach Trinidad verfolgt und Boston und Caracas über mich informiert hatte; Tag und Nacht wachten Engel über mich.
3
Stella hatte sich verwandelt von der Frau, die sie neun Jahre zuvor gewesen war, als ich sie vor der Armory, der Militärausbildungshalle auf dem Campus der University of Minnesota, sah. Ich war fast 15, sie war seit drei Monaten 31 gewesen. Es war März 1971, derselbe Monat desselben Jahrs, in dem der Einbruch in die FBI-Außenstelle in Media, Pennsylvania, geschah, in dessen Folge bald das Geheimprogramm des FBI COINTELPRO auffliegen würde.* An jenem Morgen wurde William Calley für das Massaker an fast 500 vietnamesischen Zivilistinnen und Zivilisten durch die Kompanie C in einem Dorf namens Mỹ Lai verurteilt. Das Massaker war alles, was Stella im Kopf hatte, als sie vor einem Bus stand und ängstlichen Rekruten erzählte, dass sie einarmig aus dem Krieg in Vietnam zurückkehren würden. Richard Nixon meldete sich mit beschwichtigenden Worten im Radio: »Die amerikanischen Truppen befinden sich nun in einer defensiven Position … Die offensiven Search-and-Destroy-Aktivitäten werden nun von den Südvietnamesen unternommen. « Die Bombardierung Kambodschas war noch im Gange, und ich war ein Ladendieb in Dinkytown, keine zwei Blocks vom Campus der University of Minnesota entfernt.
Die Kaltfront war schnell zusammengeschmolzen, und die Temperaturen stiegen von rund zehn auf über 20 Grad an. Kein Eis und kein Schneematsch bekleckerten die Gehwege. Mein Freund Robert Stevenson Stone und ich mopsten Rockalben und verhökerten sie zu Schleuderpreisen an die Hippies. Auf dem trockenen Asphalt war es ein Kinderspiel, den Kassierern aus Dinkytown davonzulaufen.
Die E Pluribus Funk-Alben von Grand Funk Railroad waren, wie ich mich erinnere, vollkommen rund und mit einer silberähnlichen Folie überzogen, sodass sie einer großen Münze ähnelten. Auf der Rückseite des Album-Covers war ein Bild des Shea Stadions zu sehen – zur Feier, dass Grand Funk Railroad den einstigen Besucherrekord eines Beatles-Konzerts gebrochen hatten, weil das Stadion fürs Grand-Funk-Konzert in nur 72 Stunden ausverkauft war.
Ich habe drei der Alben aus einem Plattenladen in Dinkytown gestohlen, der sich in der Nähe eines Cafés befand, wo früher Bob Dylan aufgetreten war. Dinkytown war keine Stadt und nicht mal ein Stadtteil und bestand stattdessen einfach aus zwei Blöcken mit Geschäften und Restaurants am Rande der Universität. Unsere Highschool hatte zwei Gebäude, eines an jedem Ende von Dinkytown. Hinter dem Haupttor der Uni befand sich die Pike Hall, die für die Kinder der Professoren als Laborschule der Universität diente. Am anderen Ende von Dinkytown befand sich ein fantasieloses Backsteingebäude – die Marshall Public High School für weiße Arbeiterkinder. 1968 fusionierten die beiden Schulen im Rahmen eines sozialen Experiments, das zum großen Teil aus Mitteln von Lyndon B. Johnsons Great-Society-Initiativen finanziert wurde. Die Kinder der liberalen Bürokrat:innen wurden dazu gebracht, sich unter die Kinder von Getreidemühlen- und Eisenbahnarbeitern zu mischen, und um dem Experiment demografische Integrität zu verleihen, wurden Native Americans von der South Side und Schwarze von der North Side der Stadt mit Busen angefahren, um die Schule zu besuchen – etwa vier Prozent Native Americans beziehungsweise neun oder zehn Prozent Schwarze.
Ich spazierte durch Dinkytown auf meinem Weg in den Plattenladen, wo die Fünffingerrabatte auf mich warteten, und hielt mein Gesicht triumphierend der ersten richtigen Sonnenwärme entgegen.
Bob Stone war lulatschlang und schlaksig wie ein Al Green auf Stelzen. Wir waren gleich groß gewesen, als wir in die neunte Klasse kamen, doch über die Weihnachtsferien wuchs er wie eine Pflanze im Zeitraffer. Ich war neidisch auf seine Größe, also sagte ich mir, ich besäße etwas Besseres, eine Collegejacke mit Goldstreifen und Filzsternen, die meine drei Sportarten bezeichneten – Football, Skispringen und Leichtathletik –, alles Sportarten, die Bob nicht beherrschte, weil er zwar laufen konnte, aber nicht athletisch war. Ich sagte Bob, er solle nur E Pluribus Funk-Platten klauen. Er sagte, mit einigen Hendrix-LPs könnten wir mehr Geld machen. »Band of Gypsies kriegst du nicht unters Hemd«, wandte ich ein. Doch Bob wollte nicht hören. Wir wären beinahe aufgeflogen wegen ihm.
Wir betraten den Plattenladen immer getrennt voneinander, und jeder von uns hatte sein eigenes Ablenkungsprogramm parat. Die Angestellten blickten immer auf und sahen mein Schwarzes Gesicht. Ich musste sie nicht anschauen, um zu spüren, wie sich ihre Augen auf mein Gesicht und mein Haar konzentrierten. Einen Augenblick später konnte ich fühlen, wie sich ihre Blicke gelassen auf meiner Collegejacke niederließen. Der Sport hält ihn aus Schwierigkeiten raus. Bob hatte weniger Glück als ich. Er lebte in der Sozialwohnungssiedlung, und er trieb keinen Sport. Ich hingegen lebte in einer Villa und hatte eine eigene Sportart für jede Jahreszeit. Bob hatte also keine Collegejacke, und der Anorak, den seine Mutter seit der siebten Klasse nicht mehr erneuert hatte, sah aus wie ein T-Shirt aus Nylon.
Er betrat als Erster den Laden. Normalerweise kam ich als Zweiter rein. Durchs Fenster von der Straße aus beobachtete ich den Angestellten, der wiederum jeden Schritt von Bob beobachtete. Wenn ich reinkam, konzentrierte der Angestellte sich auf mich. In dem Augenblick, in dem er entscheiden musste, ob ich ein guter Schwarzer oder einfach bloß ein Schwarzer war, zog Bob sein Spiel ab und schob sich ein oder zwei Alben unter den Anorak. Ich sah Stella zum ersten Mal am selben Tag, an dem Bob vom Drehbuch abwich und von Grand Funk Railroad zu Jimi Hendrix überging.
Wir waren fünf oder sechs Minuten im Laden gewesen. Der Verkäufer wandte sich wieder seinem Ramparts zu, dem damaligen linken Counter-culture-Magazin, und schaute ein- oder zweimal auf, um Bob, der ihm den Rücken zukehrte, zu beobachten, wie er am hinteren Ende des Ladens eine Kiste mit Alben befingerte. Ich hatte drei E Pluribus Funk-Alben an meine Rippen geschmiegt und hatte noch Platz für zwei weitere. Ich ging zum Tresen, um Zig-Zag-Zigarettenpapier zu kaufen, in der Hoffnung, dass Bob sich aus dem Staub machen könnte, während ich zahlte. Das Kerlchen an der Kasse war allerdings ein Multitasker. Mit einem Auge zählte er mein Wechselgeld und schaute mir mit dem anderen über die Schulter.
Ohne die spitzen Brüste, die durch Bobs Anorak stachen und die er nicht gehabt hatte, als er den Laden betrat, wäre alles ein Klacks gewesen. »Behalt mal den Tresen im Auge!«, sagte der Mann zu mir, als er Bob aus dem Laden und den Block entlang in Richtung Campus jagte.
Der lang- und flachshaarige Kassierer kam kurzatmig und verschwitzt in den Laden zurück, seine Wangen hatten die Farbe von Flamingos.
»Kennst du den?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Klauen is jetz’ nich grad hip, mein Bruder. Wir sind ein Stamm, Mann«, sagte der Kassierer zu mir. Und er dankte mir, dass ich die Kasse im Auge behalten hatte.
Bob und ich trafen uns sechs Häuserblocks entfernt vor der Armory des Reserveoffiziersausbildungskorps auf dem Campus wieder, einer sandsteinernen Festung, die gerahmt war von Bollwerken, welche den Türmen auf einem Schachbrett ähnelten. Drei gecharterte Busse waren in südöstlicher Richtung auf der University Avenue vor der Armory geparkt. Fünf weiße Männer und drei weiße Frauen saßen auf der Straße, mit dem Rücken zur Stoßstange des ersten Busses. Sie rauchten Zigaretten. Sie streckten zwei Finger in die Luft. Eine Menschenmenge versammelte sich an den Seiten der Busse. Bob sagte, wir sollten unsere Beute verkaufen, bevor die Cops zum Aufmöbeln anrückten. »Hol dir ihre Kohle, Mann, bevor sie denen die Köpfe einschlagen.« Kohlenmonoxid stotterte aus dem leisen Auspuffrohr eines stehenden Busses. Eine Reihe von Eingeweihten kam die Stufen der Armory heruntergelaufen, und die Menge der Demonstrierenden begann, unter einem lachsfarbenen Himmel zu skandieren. Man konnte sie kaum übersehen – Stella. Unter den Demonstrierenden befanden sich nicht viele Schwarze Männer, und sie war die einzige Schwarze Frau. Sie stand unten vor den Stufen, nicht weit von den Bussen entfernt. Die Rekruten waren jetzt alle die Treppe heruntergekommen. Bob und ich gingen die Treppenstufen rauf und schauten nach unten. Es war der perfekte Ort für den Fall, dass die Bullen mit ihren Schlagstöcken herumwedelten. Sie würden den Protestierenden in den Bussen die Köpfe einschlagen, nicht unsere, solange wir hier oben blieben. »Hell, no, we won’t go, we won’t fight for Texaco!«, schrie die Menge. Stella nicht. Sie sprach mit jedem Rekruten einzeln, während diese in ihren Bus stiegen. Sie fragte die Rekruten, ob sie einen geliebten Menschen hätten, den sie im Falle ihres Todes kontaktieren könne. Einem anderen sagte sie: »Die Menschen, die du dort drüben tötest, wirst du nie wieder aus dem Kopf bekommen.« Ein leichter Wind durchraschelte die Bäume; ein Paar große Bose-901-Lautsprecher im Fenster des Verbindungshauses auf der anderen Straßenseite spielte »The Weight (Take a Load off, Fannie)«. Die Stimme des Leadsängers war so hoch wie eine lüsterne Wildkatze, so hart wie ein Südstaaten-Prediger, so erschöpft wie ein Rebellensoldat, der zurückkam nach Turkey Scratch in Arkansas; wie ein armer Farmer bei Tagesende. Der Musikdrachen pfiff über die Menge der Demonstrierenden und die Reihe junger, leerer Gesichter, die wie im Gänsemarsch in den Bussen verschwanden. Stella schob ihnen ein Life-Foto von Lieutenant Calley unter die Nase, als sie an ihr vorbeikamen. Ich dachte, sie sei unverwundbar.
»Du bist besser als das«, sagte sie ihnen.
Ein Sergeant riss Stella das Foto aus der Hand. Er zerriss es in kleine Fetzen. »Das musst du denen sagen«, meinte Stella und zeigte auf die Männer, die aus dem Fenster schauten.
»Dreh dich um und sag ihnen, dass sie mit voller geistiger Gesundheit zurückkommen werden – und mit ihren Armen und ihren Beinen.«
Bob stand neben mir auf der obersten Stufe der Armory. Es fiel ihm auf, wie sehr ich sie bewunderte.
»Die ist viel zu viel Frau für dich«, sagte Bob.
»Das kannste laut sagen.«
»Und guck dir nur an, was für eine Show die abzieht für diese Hippies.«
»Das sind keine Hippies. Die sind von den Students for a Democratic Society, Mann. Ein paar von unseren Lehrern sind hier.« Unsere Schule war eine Laborschule; ein Gebäude befand sich auf dem Campus und das andere Gebäude auf der anderen Seite von Dinkytown. Einige unserer Lehrer:innen strebten Doktortitel in Pädagogik an. »Die New Left und die Hippies sind politisch ganz unterschiedlich drauf. Liest du überhaupt die Ramparts-Magazine, die ich dir gebe?«
»Für mich sind das alles nur ungewaschene Weiße. Und sie macht das alles nur für die.«
Ich zog die drei Alben unter meiner Jacke hervor und sagte: »Wir machen das hier für die ungewaschenen Weißen, oder?«
»Wir werden aber bezahlt. Sie wird benutzt.«
»Der Krieg ist keine Rassenfrage. Er ist eine Klassenfrage. Er geht uns alle was an.«
»Ich sag ja nur, dass ich die Art von Frau kenne.«
»Welche Art ist das denn?«
»Die Art, die auf weiße Typen steht. Nicht, dass dir das irgendwas ausmachen würde; so wie du aufgewachsen bist.«
»Wie bin ich aufgewachsen?«
»Ach, vergiss es, Frank.«
»Nein, komm, sag mal. Und was meinst du jetzt: Ist sie zu viel Frau für mich, oder sind wir beide die gleiche Art von Oreo?«
»Bleib bei dem, was du kennst, Frank. Vielleicht lässt sie dich ja abends Bäuerchen machen, bevor du schlafen gehst.«
Wie es der Zufall wollte, arbeitete Stella während meiner Schul- und Collegezeit als Krankenschwester, bis sie sich das Rückgrat brach. Die Verletzung heilte nie gut genug aus, damit sie wieder in ihren Beruf als Krankenschwester zurückkehren konnte, und so ging sie als Verwaltungsangestellte an die Pädagogische Hochschule, wo mein Vater während des Vietnamkriegs Dekan war. Sie kümmerte sich um die Unterbringung und Absolventenangelegenheiten jener Studierenden, die als Lehrerinnen und Lehrer an der experimentellen (»Labor-«)Highschool auf dem Campus arbeiteten, auf die auch Bob und ich gingen. 1978 allerdings, als wir ein Paar wurden, arbeitete sie als Hilfskraft für Grundschullehrer:innen und bezog nebenbei Sozialhilfe, um einige Löcher zu stopfen.
Nach diesem ersten Treffen (oder besser gesagt, nach der ersten Sichtung) vor der Armory würden sieben Jahre vergehen, bis wir uns wieder begegneten. Und diese sieben Jahre, vom Alter von 15 bis zum Alter von 22 Jahren, waren in meinen Gedanken länger als jene sieben Jahre, die sie von 31 bis 38 mit Reisen verbrachte; das heißt, für Stella waren in diesen sieben Jahren weniger Zeit und weniger Erinnerungen vergangen als für mich. Ich hatte es von der neunten Klasse bis zum Ende meines Abschlussjahrs am College geschafft. Im Gegensatz zu mir war sie in jenen Jahren zwar gewachsen, aber nicht aufgewachsen. Als sie mich schließlich in einer Zweigstelle der Bibliothek in der Nähe ihres Hauses wiedersah – ich trug ausgeblichene Khakihosen, die ich in Frye-Stiefel gesteckt hatte, auf dem leeren Stuhl neben mir war ein Trenchcoat aus Armeebeständen drapiert und mein Haar war in straffen Linien von Cornrows über meine Kopfhaut gelegt –, da erkannte sie mich sofort wieder. Allerdings wusste ich nicht, wo ich diese schöne Frau mit ihrer großäugigen Tochter schon einmal gesehen hatte. Am nächsten Tag trampte ich von Minneapolis nach Columbus, Ohio. Nach einem Monat kam ich nach Minneapolis zurück und machte mich auf die Suche nach ihr. Am Ende des Sommers waren wir verliebt.
Wir backten Soufflés in ihrer großen gusseisernen Pfanne. Abends, nach dem Abendessen, wenn ihre Tochter Malika zu Bett gegangen war, saßen wir auf ihrer Veranda und sahen zu, wie sich die Sonne rötete, und ich las ihr aus einem Roman vor, an dem ich gerade schrieb, oder sie brachte mir bei, Miles zuzuhören. »Die langen Pausen zwischen den Noten«, sagte Stella leise zur Musik. »Miles hat die Stille zu einem Teil seiner Musik gemacht. Kleine Bündel voll stummer Intention«, sagte sie. Bei ihr fühlte ich mich wohl genug, um ihr meine Anfängerprosa vorzulesen. Während sie zuhörte, schloss sie die Augen.
»So viel Leid ist in deiner Stimme«, sagte sie. »Du bist der Fürst der Finsternis«, sagte sie. »Du bist an einem Mittwoch geboren. Habe ich recht?«
Zwei silbergraue Strahlen ätzen sich vorn über ihr Naturhaar wie flache Blitzfunken, die von ihren Augen hochschossen. Die Leute drehten sich nach ihr um, wenn sie einen Raum betrat; und ich fühlte ein Aufschwellen von Männlichkeit, wenn sie von ihr zu mir herüberblickten. Ja, ganz richtig, Leute, sie ist mit mir hier. Aus der Ferne hielten die Leute auf dem Campus sie für Angela Davis, und wie durch Osmose fühlte ich mich geehrt. Und wenn die Fata Morgana zerflossen war, tranken sie noch von ihrer einzigartigen Schönheit, denn selbst in flachen Ledersandalen war sie für eine Frau sehr groß; sie puderte sich nicht das Gesicht und schminkte nicht ihre Lippen. Ihre makellose Haut verdankte sie der Tatsache, dass sie sich von Bioprodukten ernährte, lange bevor das modisch wurde, und dass sie niemals Zucker anrührte. Als ich zum ersten Mal diese beiden Blitze in ihrem Haar sah, dachte ich, sie könnte die ganze Welt umstürzen. Einige Leute nannten sie eine Unruhestifterin. Ich sah eine Schwarze Frau, die für sich selbst eintrat – und für alle anderen, die missbraucht wurden.
Wenn sie auf ihrem Verandastuhl saß und Leute beobachtete, die über den Hof des Gebäudekomplexes, in dem sie wohnte, kamen und gingen, »rauchte« Stella eine Maiskolbenpfeife, ohne sie jemals anzuzünden, so wie es mein Vater getan hatte, als ich noch ein Kind war. Und die Pfeife sah genauso aus wie jene, die ich meine Urgroßmutter rauchen gesehen hatte, bei meiner einzigen Begegnung mit ihr, als ich zwölf Jahre alt gewesen war. Tatsächlich hatte Stella die gleiche Kerbe am Nasenrücken, die ich bei Grandma Harper sehe, wenn ich sie mir in Erinnerung rufe. Diese Kerbe meißelte den Blick beider Frauen zu etwas Besonderem. Einmal nahm Stella ihre Querflöte mit, als wir Frank Wess spielen sahen, lange nachdem er Count Basies Band verlassen hatte. Der Club war klein, und die Hälfte der Leute hatte keine Ohren für die Musik; als die Band eine Pause machte, nahm Stella mich mit auf die Bühne und stellte mich ihm vor. Dann nahm sie ihre Flöte hervor, und Wess improvisierte ein oder zwei Takte lang mit ihr. Unter keinen Umständen würde ich jemals wieder zurück nach Dartmouth gehen.
Sie sah, wie sehr es mich deprimierte, von der Schule verwiesen worden zu sein. Je stärker meine Pose der vermeintlichen Gleichgültigkeit war, desto stärkeren seismischen Schwankungen war meine Stimmung unterworfen. Ich konnte mich mit Malika und Stella in einem Raum befinden und vielleicht fünf Minuten lang kein Wort sagen, obwohl die Worte in meinem Kopf kreischten, laut wie Nebelhörner. Stella war nicht nur Krankenschwester, sondern auch autodidaktische Ernährungsberaterin. Sie war die erste Person, die mir erklärte, wie Krebs durch eine spezielle Ernährung geheilt werden könnte (etwas, das man, wie ich Jahre später lernte, die Gerson-Therapie nannte). Sie und Malika aßen kaum rotes Fleisch und nur sehr wenig Geflügel. Ich kann mich an keine einzige frittierte Mahlzeit erinnern, und Orte wie McDonalds, White Castle und Burger King (wo ich in Dinkytown gearbeitet hatte, als ich Stella zum ersten Mal sah) waren tabu. Als wir 1978 zusammenkamen, aß ich eine Menge Schokoriegel. Ich fühlte mich unwohl, wenn sie mich beobachtete und mit einem Schulterzucken sagte: »Dein Begräbnis.« Als ich schließlich bei ihr einzog, riss sie mir einmal ein Snickers aus der Hand und sagte: »Mal sehen, womit diese Verbrecher dich vergiften«, und dabei verwandelte sie das dreisibilbige Wort für Verbrecher, criminals, in ein zweisilbiges, crimnals. Dann sah ich ihr verdrossen zu, wie sie all die nicht verwertbaren Chemikalien vorlas, die in den Riegel gesteckt worden waren – von der Firma Mars Incorporated, einem Unternehmen, das ich selbst als junger Kommunist als einen Freund betrachtete, der mich lediglich in den Genuss von fabelhaftem Nougat mit Karamell und Erdnüssen, ummantelt von köstlicher Milchschokolade, kommen lassen wollte. Ich hätte niemals daran gedacht, die Inhaltsstoffe zu studieren, noch wäre es mir in den Kopf gekommen, sie seien »Gift«. Doch Stella bestand darauf, dass der Maissirup mit hohem Fruchtzuckergehalt und die künstlichen Aromastoffe ganz wesentlich zu meinen Stimmungsschwankungen und Depressionen beitrugen. Am Neujahrstag 1979 ging ich auf Stellas Abmachung ein: Sechs Wochen lang sollte ich auf meine Mars-Riegel, meine Snickers-Riegel und meine 3-Musketeers-Riegel verzichten. Auch hatte sie sich vorgenommen, aus mir einen Etiketten-Detektiv im Supermarkt zu machen; darunter verstand sie, dass wir zuerst die Etiketten von allem, was wir einkaufen wollten, gründlich lesen würden, von Getreide bis Ketchup. Die Produkte mit mehr als sieben Gramm raffiniertem Zucker oder irgendeinem Anteil an Maissirup mit hohem Fruchtzuckergehalt ließen wir einfach liegen. Wenn sich der Nebel nach sechs Wochen nicht aus meinem Gehirn gelüftet hätte, wenn die Stimmungsschwankungen weitergingen wie bisher, dann dürfte ich zu meinen alten, rücksichtslosen Gewohnheiten zurückkehren. Natürlich gewann Stella die Wette. Ich erlangte eine Art geistige Klarheit, die ich in meinen zwei Jahrzehnten und ein paar Zerquetschten auf diesem Planeten nicht gekannt hatte. Dann fragte ich mich, wie ich wohl den Sturm in der Kenwood-Grundschule überstanden hätte, wenn ich als Kind über die Wirkung von Zucker informiert gewesen wäre. Es war nicht nur Abstinenz, die Stella mir abverlangte. In diesen sechs Wochen lasen wir William Duftys Sugar Blues, ein Buch, in dem die These vertreten wird, dass Zucker einst das Kokain der westlichen Welt gewesen sei und noch immer so malad und süchtig mache wie Nikotin.
Im Winter bereiteten wir Kochkaffee in einem Topf mit Wasser und vier Esslöffeln fein gemahlenen Bohnen zu, die auf der Oberfläche schwammen. Wenn wir uns am Tisch unterhielten und nicht aufpassten, ließen wir den Kaffee beinahe aufkochen. Er durfte nur beinahe kochen, damit seine reichhaltigen Röstaromen nicht bitter wurden. In jenem Jahr, als ich mich dazu entschied, nie wieder nach Dartmouth zurückzukehren, wohnten wir fünf Blocks vom Campus entfernt. Der Krieg in Vietnam war drei Jahre zuvor beendet worden, und der Campus sah nicht im Geringsten aus wie der Ort, den ich aus meiner Highschool-Zeit kannte. Als Saigon 1975 fiel, verdünnte sich die Atmosphäre der rechtschaffenen Empörung, die die Luft verdickt hatte. Mich machte es melancholisch, Stella machte es gewissermaßen zu einer Ausrangierten. Verschwunden waren die leuchtenden Barrikaden, die die Arterie der Washington Avenue durchtrennt hatten, die die Universität mit der Innenstadt verband. Verschwunden waren die Stimmen mit ihrem Katalog an Forderungen, die aus den besetzten Fenstern der Morrill Hall strömten. Verschwunden waren die Vorträge, die aus dem Fenster geworfen wurden, als Lehrveranstaltungen durch »antiimperialistische« Teach-Ins besetzt wurden. All das war ein flüchtiger Moment, in dem die Welt neu gestaltet wurde und Stella unangekündigt vorbeischauen und aufstehen und Beifall erhalten konnte, noch bevor sie überhaupt den Mund aufgemacht hatte. Doch dieser Moment gehörte der Vergangenheit an. Die weiße Linke hatte sie ausgeraubt, während sie ihr das Gesicht schleckte. »Ein, zwei, drei Mini-Vietnams«, sagte sie mit einem Lachen. »Es ging nicht um Vietnam. Es ging um den ganzen Scheiß, den sie hier zu Hause noch nicht hinbekommen, geregelt hatten. Jetzt wollen sie nach Hause gehen. Das kannst du in diesem Land nur tun, wenn du weiß bist. Dann kannst du zu einer Touristin in deinem eigenen Film werden.« Stella hatte nicht unrecht. Flüchtlinge des Weather Underground stellten sich sogar selbst der Polizei und kamen zu unerhörten Verständigungen mit Staatsanwälten, während Angehörige der Black Liberation Army immer noch verfolgt und gefoltert wurden, wenn man sie festnahm. In einem verschlafenen New Yorker Bezirk begingen Weather-Underground-Flüchtlinge den ungünstigen Fehler, zu versuchen, sich an einem Freitagnachmittag zu stellen; man sagte ihnen, sie sollten am Montag wiederkommen. »Stell dir nur vor«, sagte Stella, »wenn das du und ich wären, die uns ergeben wollten. Freitag wäre doch scheißegal. Sie würden länger bleiben, nicht um uns zu verhaften, sondern um uns zu verprügeln; und sie wären so vertieft in ihre Freude, wenn sie fertig wären, dass sie vergessen hätten, Überstunden gemacht zu haben.«
Eines Abends im Bett sagte ich, dass die beiden Silberstreifen in ihrem Haar wunderschön seien, bemerkte aber, dass eine Frau Ende 30 zu jung sei, um graue Haare zu haben. Ist dir was zugestoßen, fragte ich sie, irgendwas Traumatisches? Ich wollte, dass sie mir auf eine Weise vertraut, wie ich ihr vertraute.
»Stress«, sagte sie. Dann drehte sie sich weg und schlief ein.
Stella brachte mir die Werke von Toni Morrison und Alice Walker näher. Gemeinsam entdeckten wir Fuentes, Amado und García Márquez. Und obwohl sie fast eine Generation älter als ich und im Süden aufgewachsen war, während ich im Süden geboren, jedoch im nördlichen Minnesota aufgewachsen war, teilten wir eine Art, in unseren Körpern zu sein, es lagen die gleichen Tonalitäten in unseren Stimmen, wenn wir mit unseren weißen Freund:innen zusammen waren. Wir wussten beide, wie man ihnen den Eindruck vermittelte, sich wie zu Hause fühlen. Unsere Worte waren mühelos und wohl gewählt. Sie ließen uns wissen (wenn auch nicht mit Worten), dass sie sich bei uns authentisch fühlten; dass sie sich von nun an selbst ernst nähmen. Der Jazz war immer unaufdringlich, wenn sie uns besuchen kamen. Mit unseren Schwarzen Freundinnen und Freunden diskutierten wir darüber, welche besorgniserregenden Belastungen Weiße sein können. Doch diese Dualität hatte ihre Grenzen. Unseren weißen Bekannten das Gefühl zu geben, sich in unserer Gegenwart sicher zu fühlen, ließ sie glauben, dass wir uns irgendwie so entwickelt hätten, wie es die Schwarzen, die sie in den 1960er-Jahren die Städte niederbrennen gesehen hatten, es nicht getan hatten.
Von 1978 bis zur Flucht aus unserer Wohnung im Frühjahr 1980 schleppten wir mit unseren weißen Bekannten Kisten mit Äpfeln und Bioprodukten in den Wedge, die erste Coop der Stadt, mit ihren unfertigen Böden und ihren flippig-bunten Kästen voller Haferflocken, Chiasamen, rohen Mandeln und großen Mengen steingemahlener Hirse. Sie fühlten sich bei uns zu Hause heimisch, ein Willkommensgefühl, das sie in der Schwarzen Nachbarschaft auf der Near North Side der Stadt nie verspüren konnten (selbst wenn es ihnen entgegengebracht wurde). Unsere Wohnung war das Erdgeschoss einer Doppelhaushälfte in der Mitte eines Hofes und einer Einfahrt, die umgeben war von einem Hufeisen hölzerner, baufälliger Stadthauswohnungen fünf Blocks vom Campus entfernt. Eine Campusgemeinschaft gibt einem das Gefühl, dass dort nichts Katastrophales passieren kann; als ob die wirkliche Welt erst an der Campusgrenze begönne. Keine Arbeiter:innen mit ihren Lunchboxen, die müde aus dem Bus steigen, keine Buick Electras, die auf dem Boulevard im Halteverbot stehen, keine großen Hüte und langen Mäntel, die in Nachtclubs im Keller über einen Arm geschlungen werden, kein Ausbruch von Lärm auf der Straße, der einem das Herz anhält. Der Besuch bei uns war für ihre Nerven weniger belastend, als Schnickschnack aus weit entfernten Orten in ihre Regale zu stellen. Und sie gingen mit dem Gefühl, in Selma mitmarschiert zu sein oder während der Unruhen im Norden der Stadt Ziegelsteine geworfen zu haben.
Allerdings war das nicht genug für Josephine, die sich in einem Labor der Universität mit Kernfusion und Atommüll beschäftigte. Ich habe längst vergessen, ob sie in der Forschung tätig war oder als Technikerin arbeitete. Diese Amnesie hat mich fast vierzig Jahre lang bei Verstand gehalten.
Sie lebte in der Wohnung über uns. Bevor ich in Erscheinung trat, hatten Josephine und Stella einige Schwierigkeiten miteinander – vor allem betraf das ihre Meinungsverschiedenheiten, was die Ethik und Sicherheit der Atomkraft betraf. Der Unfall in Three Mile Island war am 28. März 1979 passiert, weniger als sechs Monate, nachdem ich zu einem Teil von Stellas und somit auch von Josephines Leben geworden war. Doch ihre hitzigen Debatten über dieses Thema und selbst die Art und Weise, wie sich Stellas Routinen veränderten, als wir zu Geliebten wurden, waren nicht die eigentliche Ursache für die Kernschmelze zwischen diesen beiden Frauen. Stella war es einfach leid, Hattie McDaniel zu Josephines Vivien Leigh zu spielen. »Ich habe sie während ihrer gescheiterten Beziehungen aufgepeppelt; dabei interessierte es sie scheinbar überhaupt nicht, was ich gerade durchmachte.« Josephine schien der Auffassung zu sein, dass der untere Teil des Hauses nichts als eine Erweiterung des oberen Teils war, in dem sie wohnte. Es waren nicht die ungeplanten Besuche, die Stella (und mich) nervten, sondern die Verletzung, die Josephine empfand, als Stella sie bat, anzuklopfen, bevor sie die Wohnung betrat, oder zuerst anzurufen, wenn »Frank hier ist«. Wenn sie solche Worte hörte, konnte man seine Uhr nach der Sonnenuhr ihres Gesichts stellen: Schuldgefühle. Ressentiment. Aggression.
Malika, Stella und ich waren gerade im hinteren Teil der Wohnung und aßen am Küchentisch zu Abend. Wir hörten, wie sich die Haustür öffnete und schloss. Josephine erschien auf der Schwelle zur Küche mit einem Strohkorb voller Fliederzweige. Sie hatte sie im Innenhof gepflückt, nur für uns. In ihrem Kopf entschädigte das Blumengeschenk dafür, dass sie unsere Privatsphäre verletzt hatte. Wenn ich jedoch darauf zurückblicke, sehe ich in der Art und Weise, wie Josephine Stella behandelte, nur eine Ausweitung des Vorrechts des Herren und der Herrin. Es gibt eine Szene in dem Film 12 Years a Slave, in der der Herr Edwin Epps in die Hütte der versklavten Personen hineinstürmt, während sie im Bett liegen. Er tanzt in der Mitte ihrer Schlafkabine und befiehlt ihnen, aufzustehen und mit ihm im Herrnhaus zu feiern. Ich habe 40 Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass weder er noch Josephine irgendjemandes Privatsphäre verletzt hatten. Die Hütte, in der sie schliefen, gehörte genauso ihm, wie ihm ihr Fleisch gehörte. Das Gewaltregime, das sie zu seinem Eigentum und zu den Prothesen seiner Begierde machte, verhinderten es vollständig, sein Verhalten als Verletzung anzusehen. Ich hatte unrecht, zu glauben, dass Josephine etwas falsch gemacht hatte.
Zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte hatten die versklavten Personen an der Ostküste der USA an die Elastizität von Ansammlung und Austauschbarkeit geglaubt; mit anderen Worten: Versklavte Personen an der Ostküste der USA waren keine Afropessimist:innen, denn sie betrachteten sich selbst nicht in erster Linie als Objekte der Gefangenschaft; stattdessen sahen sie sich als Subjekte einer Hyperausbeutung und, so wie ich und Stella im Jahr 1980, bildeten sie sich im späten 18. und 19. Jahrhundert womöglich ein, dass ihre Behausung auch ihr Zuhause war – und nicht bloß das ewige Zuhause von Josephine und ihrer »Rasse«. Es stand ihnen ein traumatisches Erwachen bevor, als von 1808 an
die Bewegung der Plantagenkultur nach Westen [nach Georgia, Alabama, Mississippi und Louisiana] – ob sie nun von einzelnen Besitzern, die ihre Sklav:innen begleiteten, oder von professionellen Sklavenhändlern vorangetrieben wurde – diese Gesellschaft zerstörte, Hunderttausende ihrem Geburtsort entriss und die Zurückgebliebenen traumatisierte. Familien und bisweilen ganze Gemeinschaften lösten sich unter dem Druck dieser zweiten großen Migration auf.19
Kurzum, Josephine handelte an dem Tag, an dem sie während des Abendessens bei uns hereingestürmt kam, in libidinöser Hinsicht ganz im Rahmen ihrer »Rechte«.
Stella dankte Josephine für die Blumen mit gerade so viel Gelassenheit, wie sie aufbringen konnte, und sagte, sie sollten sich doch morgen auf einen Kaffee treffen.
Malika sagte: »Ich dachte, du und Frank habt morgen zu tun, Mom.« Stella blickte ihre Tochter an, als wollte sie sagen: Lass uns das nicht jetzt ausdiskutieren. Josephine war nicht in der Stimmung für Zurückhaltung. Tatsächlich nagte Stellas Ausgeglichenheit mehr an Josephines, als wenn sie im Dreieck gesprungen wäre.
»Warum denn plötzlich Kaffee?«, fragte Josephine.
»Um über ein paar Grenzen zu sprechen.«
»Ich dachte, du wärst Feministin«, sagte sie zu Stella, als sie sich zum Gehen abwendete.
Fast vierzig Jahre lang habe ich mich gefragt, wie sich diese Szene zwischen Josephine und Stella in Malikas zwölfjährigem Kopf abgespielt haben musste. Wir, Stella und ich, waren nicht immer die besten Eltern. Wir haben uns nie Zeit genommen, um nach einer angespannten Konfrontation mit jemandem wie Josephine mit Malika darüber zu sprechen. Das stimmt nicht ganz. Stella hat ihrer Tochter immer die dem Rassismus zugrunde liegende Natur erklärt, die monströse Gewalt, die sich in der Banalität von Mikroaggressionen verbirgt. Allein – und das bedauere ich von ganzem Herzen –, wir haben sie niemals gefragt, wie sie dieses Spektakel emotional verarbeitete. Wir wussten nicht, wie ihre Verletzungen aussahen, so wie ich als kleiner Junge keine Ahnung hatte, wie die Worte von Frau Davenport mich später beeinflussen würden.
Natürlich war die Tatsache, dass ich nur elf Jahre älter als Malika war, nicht gerade förderlich für unsere Beziehung. Es fiel uns beiden nicht leicht, uns aneinander anzupassen. Bei mehr als einer Gelegenheit sagte sie mir: »Du bist nicht mein Vater.« Als junges Mädchen hatte sie mit vielem zu kämpfen. Ihr biologischer Vater war Jude, und obwohl er sie emotional und finanziell im Stich gelassen zu haben schien und obwohl seine Familie ihn verleugnet und enterbt hatte (bis er sich von Stella scheiden ließ), trug Malika das Zusammenspiel von Dilemmata mit sich herum, das mixed-race Kinder bis ins Erwachsenenalter zu belasten scheint – die Angst, in die Dunkelheit ihrer Schwarzen Seite abzugleiten, ohne je zum Licht der weißen Erlösung emporzukommen. Und ich für meinen Teil hasste die Tatsache, dass sie mit dieser Krise geboren worden war und ich nicht; eine Krise, in der ich als dunkelhäutiger Mensch ohne weiße Züge das leibhaftige Bild der Hölle war, in die sie hinuntersteigen könnte.
Stella erzählte mir, wie hart sie daran gearbeitet hatte, ihrer Tochter das Wissen von unserer Kultur zu vermitteln, von den Peitschenhieben, die wir über uns ergehen lassen mussten, um jene Rechte zu erlangen, von denen die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass sie sie haben. Aber das entgleitet mir, sagte sie schluchzend, je länger ich hierbleibe, desto mehr entgleitet es mir.
Im Laufe der Zeit fielen mir weitere Dinge auf: Wie ihre Atmung sich beschleunigte, als verspürte sie ein plötzliches Engegefühl in der Brust, wenn sie von Urban Risers sprach, einem von Lyndon B. Johnsons Great-Society-Programmen, und von der Klage, die sie gegen die Institution eingereicht hatte. Sie sagte, sie sei im Besitz von Beweisen der Veruntreuung, juristische Dokumente und Tonbänder von Vorstandssitzungen, die sie selbst aufgezeichnet habe.
»Willst du damit sagen, dass die Regierung oder jemand bei HEW* von all dem wussten?«, sagte ich zu Stella.
Ich hatte es als Frage gemeint. Sie nahm es als Herausforderung an. »Du kannst meinen Anwalt Noam Davidov fragen«, sagte sie, »wenn du mir nicht glaubst.«
»Du sagst das, als wärst du es gewohnt, dass man dir nicht glaubt.«
»Ich bin eine Schwarze Frau. Hinter welchem Mond hast du denn die ganze Zeit gelebt?«
Noam Davidov besuchte uns zu Hause und sagte, dass er ihr nach jahrelangem Ringen mit der Regierung einen Gerichtstermin verschafft habe, am 13. November 1980 – was zu diesem Zeitpunkt in weniger als einem Jahr war. Außerdem sagte er, dass er nicht über die Mittel verfüge – ich erinnere mich ganz genau an das Wort »Mittel«, das er verwendete –, um seine Hilfe anzubieten. Dann sah er mich an: »Auch Ihnen nicht – bis wir vor Gericht sind.« Er meinte nicht »Hilfe«, er meinte »Schutz«; und mit »Mittel« schien er sich auf den Schutz zu beziehen. In jenem Moment begriff ich die Wucht von Stellas Klage. Die Vorstandsmitglieder von Urban Risers, die sie beschuldigte, und vielleicht sogar Leute in der Regierung, die für die Vorstandsmitglieder Strippen zogen oder wegschauten, konnten es sich nicht leisten, dass die Aufzeichnungen und Dokumente, die Stella angehäuft hatte, an die Öffentlichkeit gelangten.
Noams Haar war lockig wie das von Abbie Hoffman. Er war ein Anwalt für die Belange von Graswurzelbewegungen; es war klar, dass er mit seinem braunen Kord, seiner locker sitzenden Krawatte und seinem steingewaschenen Kriegsrückkehrer-Regenmantel weit mehr Anerkennung als Geld verdiente.
In den frühen 1970er-Jahren arbeitete Noam Davidov mit dem radikalen Anwalt William Kunstler sowie mit Mark Lane und einer Gruppe von Forschenden zusammen, um die Angeklagten des American Indian Movement (AIM) im Wounded-Knee-Prozess zu vertreten.* Ich kannte Stella damals noch nicht, doch Stella und Noam waren ein Paar, und an jedem Prozesstag des Verfahrens saß Stella im Gerichtssaal. An der Haustür richtete sie den Kragen seines schäbigen Regenmantels. Und da begann sich in meinem Hinterkopf eine dumpfe, metallische Eifersucht zu sammeln. Sie und Noam teilten eine Geschichte, die gewürzt war mit Erfolgen, so wie das Urteil zugunsten der Angeklagten Native Americans, zu dessen erfolgreichem Ausgang Noam beigetragen hatte. Sie und ich hatten überhaupt keine Geschichte; und die Geschichte, die wir gerade schufen, entfaltete sich, wie ich befürchtete – eine Angst, die bis heute auf mir lastet –, als eine Geschichte, die ich niemals erzählen wollen würde. Ich wünschte, ich wäre in die Küche gegangen oder hätte meinen Kopf zum Husten weggedreht – ich wünschte, ich könnte in der Zeit zurückreisen und eine zufällige Ablenkung orchestrieren, nur um nicht mitansehen zu müssen, wie ihre Finger seinen Kragen glätteten. Ich wollte, dass er ging, doch ebenso sehr wollte ich, dass er blieb. Ich glaubte, dass er, nicht ich, das Recht hatte, ihr zu sagen, dass sie den Vergleich annehmen und nicht vor Gericht ziehen sollte. So sehr mir das Herz auch schmerzte, sie derartig unangestrengt miteinander sprechen zu sehen, selbst wenn sie nicht einer Meinung waren, so sehr ich auch wollte, dass diese Szene vorüber war, so klar war mir währenddessen auch: Wenn jemand Stellas Meinung ändern konnte, dann war das Noam, nicht ich.
Er machte deutlich, dass die Regierung sich außergerichtlich mit Stella einigen würde. Noam war absolut sicher, dass Stella 100.000 Dollar erhalten würde. Sie müsste alle Bänder der geheimen Aufnahmen, die sie als Angestellte von Urban Risers aufgezeichnet hatte, aushändigen. Sie müsste Finanzdokumente, die sie fotokopiert hatte, um Korruption zu beweisen, sowie die geheimen Tonaufnahmen herausgeben, die sie von Urban Risers-Vorstandssitzungen gemacht hatte und die Kapalei Kenyatta, den Direktor von Urban Risers, oder Angestellte der Bundesregierung, mit denen Kapalei Kenyatta zusammengearbeitet hatte, in irgendeiner Weise belasten könnten. All diese Materialien würden versiegelt werden.
»Da ist noch eine Sache. Du musst eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben und einwilligen, nicht über den Fall zu sprechen. Niemals«, betonte er. »Wenn du darüber sprichst, nachdem sie dich bezahlt haben, Stella, dann werden sie dich jagen.«
»Was, wenn ich mich nicht außergerichtlich einige?«
»Dann bist du nächstes Jahr im November, eine Woche nach den Präsidentschaftswahlen [von 1980], dran. Als dein Anwalt muss ich dir raten–«
Stella machte sich darüber lustig.
»Ich habe Jahre gewartet; da kann ich auch noch elf Monate warten.«
»Nimm dir ein paar Tage Zeit, um alles zu überdenken.«
»Du würdest dich nicht mit ihnen einigen, wenn du an meiner Stelle wärst, oder? Du hast dich nie mit der Regierung geeinigt.«
»Ich war nie der Prozessführer. Und ich bin keine alleinerziehende Mutter mit finanziellen Schwierigkeiten.«
»Sag doch einfach ›Sozialhilfe‹, Noam, das hat weniger Silben.«
»Hast du all die Menschen vergessen, die während der Wounded-Knee-Affäre durch einen Regierungsbevollmächtigten ermordet wurden?« Dann wandte sich Noam zu mir. »Was denken Sie darüber?«
»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, warf Stella ein, bevor ich etwas sagen konnte.
»Mit so viel Geld kann man neu anfangen!«
»Sagte er und beantwortete die Frage immer noch nicht«, erwiderte Stella.
»Ein Prozess könnte die Verbindung von Kapalei Kenyatta zu Regierungsbeamten aufdecken, die es sich nicht leisten können, mit jemandem wie ihm in Verbindung gebracht zu werden. Falls du es ins Gericht schaffst–«
»Falls ich es ins Gericht schaffe?«
Ich habe diese beiden alten Liebenden über den Tod sprechen sehen, als wären sie Heldin und Held eines alten Film Noirs, die ihre Optionen im Kampf gegen den Mob abwägen. Als das Gespräch jedoch zu Ende ging und Stella den Vergleich noch immer ablehnte, wusste ich, dies war kein Film, und ich war kein Zuschauer.
»Wenn ich mich außergerichtlich einige«, sagte Stella, als Noam seine Teetasse auf den Wohnzimmertisch stellte und sich im Sessel ganz leicht nach vorn bewegte, »werde ich nie erfahren, wer hinter alledem steckt. Wenn es überhaupt in die Zeitungen kommt (und im Grunde sagst du mir ja, dass das nicht passieren wird, weil sie sich mit Geld mein Schweigen erkaufen), dann würden sie es aufgrund der bisherigen Beweise nur als ein weiteres Beispiel für die Art von Gangstertum und zwielichtigen Geschäften bezeichnen, die Leute mit dem Getto in Nord-Minneapolis in Verbindung bringen, aber nicht mit 3M in Maplewood, den regionalen Banken in der Innenstadt oder mit den verschiedenen Unternehmen von Pillsbury. Die Regierung wird mit einer weißen Weste davonkommen. Hunderttausend Dollar ist gar nichts für die, wenn sie damit um Anklagen auf höherer Ebene herumkommen.«
Noam stand auf und sagte, er habe verstanden. Stella sei schon immer eine Kämpferin gewesen, und er habe auch nicht erwartet, dass sie die außergerichtliche Einigung akzeptieren würde. Als ich die beiden beobachtete und ihnen zuhörte, hatte ich das Gefühl, ich wäre elf Jahre alt, säße mit anderen Kindern an einem Klapptisch an Thanksgiving und würde Fragmente dessen auffangen, was die Erwachsenen an dem langen, alten Holztisch in der Mitte des Raumes sagten. Noam nahm seine alte Lederaktentasche, sammelte die Papiere vom Couchtisch und steckte sie in die Tasche.
»Da steckt mehr dahinter, als man auf den ersten Blick sieht«, sagte er, als er sich seinen Regenmantel überzog. Der Mantel saß schief. Ein Ende seines Kragens war nach innen gefaltet, und er hatte es nicht bemerkt. Sie erhob sich und zupfte das Kragenende frei. Es war ein Akt von Zärtlichkeit und Freude und – wie ich zu Gott hoffte – keine Geste des Begehrens.
»Ach, Noam.« Sie kicherte, als sie sein Revers mit ihrer Handfläche tätschelte. In den letzten neunzig Minuten hatte ich darauf gewartet, dass sich eine Intimität zwischen ihnen einstellte. Er lächelte zurück. Das haben sie schon hundertmal getan, dachte ich. Ich beobachtete, wie sie ihn auf der Treppe beobachtete.
Obwohl ich viele Nächte im unteren Stockwerk des Doppelhauses verbrachte, wo Stella mit Malika wohnte, hatte ich immer noch meine eigene Wohnung, als Noam bei Stella vorbeikam. Es war im November 1979. Am Ende des Jahres würde ich Sozialhilfe beziehen. In Wahrheit war der November 1979 die Zeit, in der Stella und ich unsere Revolution sterben sahen. Es war der Monat, in dem wir uns über die Nachricht freuten, dass Assata Shakur von der Black Liberation Army aus einem Hochsicherheitsgefängnis befreit worden war. Es war der Monat, in dem der Ku-Klux-Klan auf Schwarze Demonstrierende in Greensboro, North Carolina, schoss und sie tötete: Sie fuhren einfach auf die Streikpostenkette zu, stiegen aus dem Wagen und erschossen sie aus nächster Nähe. November war der Monat, in dem wir es in den Nachrichten sahen. Die Klan-Männer öffnete ihren Kofferraum. Sie holten ihre Waffen hervor. Sie rannten zehn Meter auf die Demonstrierenden zu. Sie eröffneten das Feuer. Fünf blieben tot auf dem Boden liegen. In jenem Monat hatten Stella und ich keine Ahnung, dass Assata den Rest ihres Lebens im Exil in Kuba verbringen müsste. Wir hatten keine Ahnung, dass der Film, den wir sahen, nicht ausreichen würde, um die Angreifer zu verurteilen; und wir hatten keine Ahnung, dass wir im März des kommenden Jahres im Auto meiner Eltern schlafen würden.
Einige Tage nach Noams Besuch – Tage voller Schweigen, während Stella über das nachdachte, was er gesagt hatte – rief sie einen Mann namens Jamal an. Sie sagte ihm, sie benötige Schutz. An seinem Ende der Leitung herrschte drei endlose Sekunden lang Stille.
»Schutz vor wem?«, fragte Jamal sie.
»Vor dem System«, sagte sie.
Ende 1979 war die Zahl der Menschen, die Stella kannte, die »das System« hören konnten, ohne eine Augenbraue hochzuziehen, deutlich gesunken. Doch Jamal pflegte zu sagen: Nur weil du nicht paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind. 1968, als er und Stella und verdammt noch mal fast alle, die sie kannten, an eine Revolution glaubten, hatte sich Jamal gegen das System gestellt und einen Zehnjahresaufenthalt im Stillwater-Gefängnis von Bayport, Minnesota, hinter sich gebracht. Er war keiner, der eine Augenbraue lüpfen würde, wenn jemand »das System« erwähnte.
Als Folge von Stellas Anruf schauten Jamal und ein ungeheuer wortkarger Bruder eines Abends, als ich nicht da war, bei Stella vorbei. Jamal sagte: Lasst uns ein paar Hamburger essen gehen, während er zur Deckenlampe und zum Telefon deutete, bevor er mit dem Zeigefinger seine Lippen verschloss. Stella stellte sich die Burgerkette White Castle als einen Tempel vor, in dem Satan dich mit Natrium und Transfetten tötete, doch dies war nicht der Moment, darauf zu bestehen, sich mit Jamal hinzusetzen und frühere Ausgaben des Magazins Prevention zu studieren.
Im Diner-Booth des White-Castle-Restaurants an der 36. Avenue, Ecke East Lake Street sah Stellas Tochter (der niemals irgendetwas entging) zu, wie der ruhige Bruder sich im Restaurant umsah und dann Jamal zunickte. Malika sah, wie Jamal seinen Hamburger auspackte und ihn auf seinen Schoß legte.
Anschließend holte er etwas aus seiner Tasche und schlug es in das Hamburgerpapier ein, das er anschließend Stella reichte. Später, am selben Abend, erzählte mir Malika, dass sie in der Nacht aufgestanden sei, um auf die Toilette zu gehen, und ihre Mutter gesehen habe, wie sie auf dem Bett gesessen habe mit einer automatischen Handfeuerwaffe und einem Magazin mit Kugeln in den Händen. Sie sah mit an, wie ihre Mutter das Magazin einrasten ließ, die Waffe in ein Wachstuch einwickelte und im Schrank tief hinter den Schuhen versteckte.
Damals fuhr ich noch kein Taxi. Ich fing erst damit an, als ich bei Stella einzog. Ich arbeitete immer noch als Kellner im Williams Café, doch eines Abends war wenig Betrieb im Restaurant, und ich wurde früher nach Hause geschickt. Mein Studio befand sich im Erdgeschoss eines alten Sandsteinhauses sechs Blocks vom Lake of the Isles entfernt. Der Schlüssel funktionierte, doch die Tür zu meinem Studio war von innen verkettet. Wie hatte ich das denn gemacht?, dachte ich als Selbstvorwurf. Ich brauchte einen Moment, bis ich verstand, dass ich das ganz gewiss nicht hatte tun können. Jemand anderes war dafür verantwortlich. Dieser jemand war drinnen! Ich sprintete den Flur entlang. Ich stürzte durch die Vordertür nach draußen und rannte dorthin, wo ich mein Wohnungsfenster sehen konnte. Das Licht der Gasse zeigte das Wohnungsinnere in Silhouetten. Ein Bein krümmte sich aus dem Fenster meines Studio-Appartements, dann folgte sein Oberkörper, dann das andere Bein. Er stolperte und fiel beinahe hin, bevor er losrannte. Dann glitt der andere mit der Anmut eines Stabhochspringers heraus, der es gerade so über die Stange schaffte. Sein langes Haar wallte im schwachen gelben Licht auf und ab. Wie ein Idiot verfolgte ich sie den halben Weg durch die Gasse. Wie ein noch größerer Idiot rief ich die Polizei. Sie kamen, und obwohl das Murphybett in der Wand verstaut war, blieb nur wenig Platz mit einem dicken Polizisten neben Waschbecken und Herd und mir und seinem Partner in der Mitte des Raumes. Hatten Sie dieses Bündel Bargeld bei sich, oder haben Sie es hier liegen lassen, als Sie zur Arbeit gegangen sind?, fragte derjenige am Waschbecken und deutete auf das Geld im Geschirrtrockner (Trinkgeld, das ich achtlos am Waschbecken liegen ließ, bis sich eine Gelegenheit fände, zur Bank zu gehen). Ich sagte, ich hätte es dort hingelegt. Haben Sie diese Mirandakamera hier liegen lassen, als Sie ins Restaurant gingen? Ich nickte.
Der Polizist am Waschbecken zählte. »Achtzig, fünfundachtzig, neunzig, fünfundneunzig Dollar in bar. Eine Kamera im Wert von was, zweihundert Dollar? Zeug im Wert von dreihundert Dollar, einfach so hier rumliegen lassen? Sie sagen, jemand–«
»Zwei Personen.«
»Sie sagen, zwei Personen sind hier eingestiegen, haben die Tür von innen angekettet und dann, was dann, eine Runde Bridge gespielt, ne Tasse Kaffee getrunken? Sie verstehen, wie das für uns aussieht.«
»Ich habe ein Recht auf Privatsphäre. Das haben sie mir gestohlen.«
Sie sahen mich an, als hätte ich gesagt, dass ich ein Recht auf Gürtelrose hätte.
Meine Bücher waren aus meinem Bücherregal genommen und auf dem Boden in ordentliche Reihen aufgestellt worden. Der Koffer meiner Schreibmaschine war offen und Seiten aus einem Roman, an dem ich gerade schrieb, waren auf dem Schreibtisch ausgebreitet worden.
»Wer immer das getan hat, kannte meinen Kalender. Sie glaubten, sie hätten Zeit.«
»Zeit für was?«
»Das werden Sie nicht rausfinden, wenn Sie nicht ermitteln.«
Der Cop am Waschbecken nickte. »Ermitteln. Schon klar.« Dann bückte er sich und hob zwei Bücher vom Boden auf. »I. F. Stone, The Killings at Kent State. How Murder Went Unpunished; Karl Marx, Das Kommunistische Manifest.« Er legte beide Bücher wieder ordentlich zurück auf den Boden.
»Wozu lesen Sie dieses Zeug?«
Wenig überraschend zog ich bald zu Stella und Malika – und zu einer Waffe im Schrank, mit der wir nicht umgehen konnten.
4
Wir waren nach dem Sex wieder eingeschlafen, als wir hörten, wie jemand Stellas Wohnung betrat. Wir waren nackt unter den Laken. Es war halb zehn Uhr morgens. Einen Moment lang dachte ich: Das passiert jetzt nicht wirklich. Heute wird mir klar, was mir einen solchen Schrecken einjagte und wofür ich zum damaligen Zeitpunkt keine Worte hatte. In Gedanken blitzte ein Bild auf, wie uns die Kehlen durchgeschnitten werden: Das ist kein Raubüberfall; sie wollen gehört werden; sie wollen, dass wir wissen, sie sind hier. Ich sprang aus dem Bett. Meine Füße klatschten auf dem Holzboden auf. Ich öffnete den Schrank, in dem Stella die Waffe aufbewahrte, die Jamal ihr gegeben hatte. Stella war nicht beunruhigt. Sie sagte mir, dass es Malika sei, die vorhin zur Schule gegangen war. »Sie muss was vergessen haben.« Die Haustür und das Wohnzimmer waren direkt neben Stellas Schlafzimmer. Als sie ihre Kleider überstreifte, rief sie durch die Tür: »Was hast du vergessen, Malika?« Es gab keine Antwort. Ein Stuhl schleifte über den Boden. Auch ich begann, mich anzuziehen, doch mit einer Handbewegung gab Stella mir zu verstehen, im Schlafzimmer zu bleiben. »Lass mich mit ihr reden, bevor du rauskommst.« Die Stimme, die Stella im Wohnzimmer ansprach, gehörte nicht Malika.
»Bist du dieses Muster nicht leid, Stella, dass du mich jedes Mal, wenn du jemand Neues findest, abservierst?«
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