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Franjo Terhart

Der Wolf der Meere

Saga

Der Wolf der MeereCopyright © 2003, 2019 Franjo Terhart und SAGA EgmontAll rights reservedISBN: 9788726159905

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

„Nördlich der Suinonen (ein germanischer Stamm) liegt abermals ein Meer, träge und nahezu unbewegt. Dass es den Erdkreis ringsum begrenze und einschließe, ist deshalb glaubwürdig, weil der letzte Schein der schon sinkenden Sonne bis zum Wiederaufgang anhält, und zwar so hell, dass er die Sterne überstrahlt. Die Einbildung fügt noch hinzu, man vernehme das Tönen der emportauchenden Sonne und erblicke die Umrisse der Pferde und das strahlenumkränzte Haupt. Dort liegt – und die Kunde ist wahr – das Ende der Welt.“

So schreibt Tacitus in seiner Germania.

Personen der Handlung
Friesen

Tore Ich-Erzähler, Friesenjunge

Ramgar Oberhaupt der Wolfssippe, Tores Vater

Wilburga Tores Mutter

Menold Tores älterer Bruder

Baldur Tores Onkel

Amala Baldurs Tochter

Alrun Seherin der Wolfssippe

Birger ein erfahrener Fischer

Onne einer von Tores Freunden

Mälo Onnes Vater

Thoralf, Otger, Rango, Arvid, Rollo Männer der Wolfssippe

Hakon umherreisender Geschichtenerzähler

Daglind, Fladhild, Freia Amalas Freundinnen

Bandulf ein Ampsivarier, Übersetzer zwischen Germanen und Römern

Römer

Nero Claudius Drusus römischer Befehlshaber in Germanien im Jahre 12 v. Chr.

Titus der Neffe von Nero Claudius Drusus

Marcus Claudius Paterculus der Stellvertreter von Drusus

Alruns düstere Prophezeiung

1 Ein scharfer Morgenwind fuhr Menold ins Gesicht, als er die schwere Holzbohlentür aufstieß und sich aus dem Dunkel des Langhauses unsicher ins Freie hinaustastete. Menold reckte sich und konnte dabei ein Gähnen nicht unterdrücken. Es war recht früh am Morgen. Alle anderen im Hause schliefen noch tief und fest. Als er draußen vor dem Eingang stand, erfasste den jungen Germanen augenblicklich die Kälte, die aus dem hohen Norden übers Meer zu uns an die Küste kommt und jedermanns Glieder erschauern lässt. Menold hatte – noch bevor Sunna ihren feurigen Wagen am Horizont aufziehen ließ – das fast heruntergebrannte Herdfeuer inmitten der Schlafenden verlassen, um vor der Tür sein Wasser abzuschlagen. Er wusste, dass ich, sein Bruder Tore, nachts, wenn ich mich unbeobachtet fühlte, bevorzugt in die Glut des Feuers pinkelte, weil ich die Kälte des Winters fürchte wie die Bienen, die ihren Stock in der kalten Zeit auch niemals verlassen. Menold jedoch hasst es, seine Notdurft im Hause zu verrichten, weil das die Geister des Herdes erzürnen könnte. Er glaubt fest daran, dass ihr Zorn sogar so weit gehen kann, die Glut des Feuers für lange Zeit zum Erlöschen zu bringen. Und dann werden wir alle im Schlaf erfrieren, ohne es rechtzeitig zu merken ... Ich glaube zwar auch an Herdgeister, bin aber einfach zu bequem mir nachts ein stilles Örtchen draußen zu suchen.

Die eisige Kälte machte meinen älteren Bruder augenblicklich wach. Mühsam unterdrückte er das Zähneklappern, während er vorsichtig im Dunkeln ein Bein vor das andere setzte. Trotzdem bewegte er sich dabei einen Schritt zu schnell, weil er so rasch wie möglich wieder zurück in sein warmes Strohlager kriechen wollte. Diese Eile rächte sich jäh. Menold stolperte über etwas Weiches und stürzte der Länge nach hin. Mühsam rappelte er sich wieder auf und wurde zu seinem Ärger von einem lang gezogenen Gemecker begrüßt, das auch noch irgendwie schadenfroh klang. Es war Nobbo, der hornlose, schwarze Ziegenbock, der Menold zu Fall gebracht hatte und der sich nun meckernd davontrollte. Mein Bruder rief ihm einen Fluch nach, was er jedoch sogleich wieder bereute. Wie konnte er nur so dumm sein ausgerechnet dieses Tier zu verwünschen? Nobbo, der Bock, war nämlich Donars heiliges Tier. Donar ist der gewaltige Himmelsdonnerer, den wir auch Thor nennen. Er hatte dem hornlosen Ziegenbock besondere Schutzkräfte verliehen, damit dieser die Pferde im Stall vor Schaden bewahre. In Gedanken entschuldigte sich Menold gleich mehrmals bei dem Tier. Nobbo zu verfluchen, zog unweigerlich die Strafe Thors auf sich. Zumindest hatte es unangenehme Folgen. Und die sollten wir auch bald zu spüren bekommen!

Als Menold wieder ins Haus zurückwollte, tauchte vor ihm wie von Geisterhand geführt eine Gestalt auf. Erschrocken zuckte mein Bruder zurück. Aber es war keiner der Untoten, die in den nahen Mooren ihr Unwesen führen. An ihrer leicht gebückten Haltung und den im Wind wehenden strähnigen Haaren erkannte er Alrun, die Seherin.

Jede Sippe der Friesen, vermutlich sogar jede germanische Sippe, besitzt in ihren Reihen eine Frau, der die übermenschliche Gabe verliehen ist, in die Zukunft zu blicken. Zweifellos ist es ungeheuer wichtig zu wissen, was die Zukunft den Menschen bringt, denn das Leben an der Küste ist hart und beschwerlich. Schon oft sind Männer in ihren Einbooten zum Fang aufs Meer hinausgefahren und von dort niemals mehr zurückgekehrt. Die graue See hat ihre Leiber gefressen. Nur Seherinnen wie Alrun können die Menschen ihres Stammes vor Stürmen und anderen Gefahren rechtzeitig warnen – vorausgesetzt natürlich man bittet sie um ihren Rat und hört auch auf ihre Prophezeiungen.

Alruns Augen blitzten gefährlich auf, als sie Menold auf sich zukommen sah. Er kam ihr gerade recht.

„Komm zu mir, Junge“, krächzte sie wie ein alter Rabe. Menold wollte sich schnell an ihr vorbeidrücken, aber Alruns knochige Hand packte ihn derb an der Schulter und hielt ihn fest wie ein Angelhaken. Menold roch ihren faulen Atem und ihm wurde speiübel. „Bleib bei mir, Junge, denn du sollst als Erster erfahren, was ich durch göttliche Kraft der ganzen Sippe der Wolfsmenschen verkünden muss“, zischte Alrun ihm ins Ohr.

Wenn ich mich jetzt von ihr losreiße und davonlaufe, verwandelt mich Alrun womöglich in ein grunzendes Schwein, durchfuhr es Menold. Nicht ohne Grund: Denn jeder, der die Gabe des Voraussehens besitzt, kann auch zaubern und somit Menschen in Tiere verwandeln. Das hatte man uns mehr als einmal gesagt!

Was blieb meinem Bruder also anderes übrig, als sich zähneknirschend in sein Schicksal zu fügen. Sollte Alrun ihm doch ihren Traum mitteilen! Es war ja ohnehin zwecklos ihr entkommen zu wollen.

Die alte Seherin hielt ihre knochige Hand noch immer in seine Schulter gekrallt. Auf diese unsanfte Weise führte sie ihn aus dem Dorf hinaus an den nahen Strand. Dort, wo das Meer und der Himmel miteinander verschmolzen, zeichnete sich ein rötlicher Schimmer am blauschwarzen Firmament ab: Sunna schickte sich an aus den Tiefen emporzusteigen und das Licht des Tages neu zu entzünden. Menold betrachtete eher teilnahmslos die schwache Dünung des Meeres, dessen Wellen sanft am Ufer ausliefen. Er war hundemüde und wäre nur zu gern zu seinem warmen Strohlager zurückgekehrt. Zudem zuckte seine Schulter unter Alruns schmerzhaftem Griff. Aber seine Qual war noch nicht zu Ende. Erneut schüttelte Alrun ihn, als wäre er eine Strohpuppe.

„Siehst du den dunklen Schatten dort oben am Himmel?“, herrschte die Seherin ihn an.

„Wo? Ich weiß nicht.“ Menolds Blick ging suchend himmelwärts. Aber die Alte hörte nicht auf ihn. Ein Gott hatte sie erfasst und die Worte sprudelten nur so aus ihr hervor. Sie sprach, was sie sprechen musste.

„So dunkel und grau wie diese Wolke dort oben sehe ich eine große Gefahr auf uns zukommen. Es sind Männer, Fremde von weit her, deren Leiber hart sind wie die Panzer von Schildkröten. Sie tragen seltsame Kopfbedeckungen, an denen Pfeile abprallen wie an Felsen. Sie sprechen eine unbekannte Sprache und sie sind so zahlreich wie der Sand des Meeres. Sie bringen große Gefahr zu uns, obwohl ...“

Alruns Stimme wurde brüchig. Von einem Augenblick zum anderen verfiel sie in Schweigen und ließ von meinem Bruder ab. Menold spürte, dass die Seherin Wichtiges mitzuteilen hatte, auch wenn es ihm Angst bereitete. Alruns Warnung betraf die ganze Sippe der Wolfsmenschen, die seit Menschengedenken am Meer lebt und sich bislang dort auch sicher fühlte. Vielleicht ging ihre Vorahnung sogar alle Friesen an? Es schien Menold plötzlich ungeheuer wichtig, ganz genau hinzuhören. Wer konnten diese seltsamen Menschen sein, von denen die Seherin sprach? Deren Leiber in Panzern steckten, wie sie manche Tiere besaßen? Menold zitterte jetzt mehr vor Furcht als vor Kälte. Was hatte die Alte noch gesagt? Sie bringen große Gefahr zu uns, obwohl ...

„Was obwohl?“, schrie mein Bruder Alrun aufgebracht an. Dabei fasste er sie an beiden Armen und rüttelte sie kräftig, so als ob sie sich dadurch besser erinnern könnte. Doch Alruns Augen blickten ihn an wie tot. Sie wusste nicht, was er von ihr wollte. Ihr Blick ging ins Leere.

„Sag es! Sag es mir, Alrun!“ Menolds Stimme überschlug sich. Er machte sich große Sorgen, etwas Entscheidendes nicht mitbekommen zu haben. „‚Sie bringen große Gefahr zu uns, obwohl‘ ... was meinst du damit? Ich muss es wissen. Es ist wichtig für die Sippe.“

Und auf einmal kehrte der Gott, der Alrun die Gabe schenkte, die Zukunft zu sehen, in sie zurück. Ein irres Zittern durchfuhr plötzlich ihren dürren Leib. Und als Menold in ihre dunklen Augen sah, wusste er, dass sie ihm jetzt endlich Antwort geben würde. In ihren Augen loderte ein Feuer, das nach ihm zu greifen schien. Erschrocken ließ er sie los und wich drei Schritte zurück. Die Alte stierte ihn an, als wollte sie ihn fressen.

„Sie bringen große Gefahr zu uns, obwohl sie nicht unsere Feinde sind“, stieß sie mit fast kreischender Stimme hervor. Ihren Worten folgte ein so wahnsinniges Kichern, dass Menold davon eine Gänsehaut bekam.

Mein Bruder fühlte sich in Alruns Gegenwart zunehmend unwohl. Er hatte jetzt genug gehört und wollte nur noch weg. Alrun war wieder in sich zusammengesackt und wirkte fast leblos. Menold ließ sie stehen und wankte innerlich aufgewühlt zum großen Langhaus unseres Dorfes jenseits des sandigen Strandwalls zurück. Bringen große Gefahr, sind aber nicht unsere Feinde!, hämmerte es dabei fortwährend in seinem Hirn. Das Blut pochte wie wild in seinen Schläfen. Ohne es zu begreifen, wiederholte er mehrmals laut, was die Alte im Seherrausch gesagt hatte. Ramgar, unser Vater und Häuptling der Sippe, würde ihn ausfragen und vermutlich ebenso wenig wie er verstehen, was Alruns Prophezeiung zu bedeuten hatte ... Menold hatte Angst, denn das Leben unserer Sippe war von dieser Nacht an überschattet von einer großen Gefahr. Würden wir stark genug sein, ihr entgegenzutreten?

Was, bei Odin, sind Berserker?

2 Ich bin Tore. Wir Menschen an der Küste zählen unsere Jahre nach bestimmten Ereignissen, die uns bewegt haben und die sich in unseren Köpfen festklammern wie Muscheln an Steinen. So wurde ich in jenem Jahr geboren, als man am Strand auf eine junge Robbe mit einem weißen Kopf stieß. Eine Robbe mit weißem Kopf ist sehr ungewöhnlich und erst recht die Tatsache, dass sie ganz allein war. Gemäß unserer Seherin Alrun bedeutet das Erscheinen einer weißköpfigen Robbe für ein Neugeborenes der Sippe ein außergewöhnliches Leben. Das war meiner Familie wohl bewusst, als ich in jenem Jahr meinen ersten Schrei tat. Er muss im Übrigen ziemlich laut gewesen sein, wie man mir später berichtete. Mein Vater hielt mich in die Höhe und betrachtete mich aufmerksam. Dann sagte er: „Du hast eine kräftige Stimme, mein Sohn. Du sollst Tore heißen, so wie Gott Thor, der mächtige Himmelsdonnerer. Vielleicht wirst du mal ein großer Krieger und Heerführer und führst die Friesen sicher in den Kampf gegen ihre Feinde. Dann werden sie deiner starken Stimme folgen.“

Seitdem sind dreizehn Sommer gekommen und wieder gegangen. Wir Menschen von der Küste glauben, dass unsere Namen viel über uns verraten. Heißt einer Baldger, bedeutet dies, dass man in ihm einen kühnen Speerkämpfer sieht, während Swingard die Hüterin der Gesundheit ist. So lebt jeder seinen Namen, den er von Geburt an besitzt. Aber die Wege, die uns die drei Schicksalsgöttinnen, Urs, Werdandi und Skuld, auferlegen, sind unterschiedlich. Mein Vater hoffte, dass ich mit meiner kräftigen Stimme einstmals ein Heer von Kriegern anführen werde. Eine gute Aufgabe, sicherlich! Aber ich, Tore, Sohn der Wolfssippe, will meine Stimme nur für Geschichten erheben. Ich will umherreisen und erzählen, so wie der große Hakon, der uns hin und wieder mit seinen Besuchen beehrt. Hakon, der Geschichtenmann, erzählt von der Welt der Götter und der Menschen. Meistens kommt er vor Einbruch des Winters zu uns, wenn die Wege für Wanderer noch einigermaßen passierbar sind, und bleibt für ein paar Tage. Aber davon will ich später noch erzählen ...

Menold – wie ich bereits erwähnte – ist mein großer Bruder und von ihm weiß ich, was sich in jener eiskalten Nacht am Ufer des Meeres ereignet hat. Menold spielt sich mir gegenüber immer ein wenig als der Klügere auf. Ich lasse ihn in seinem Glauben, denn bekanntlich gibt der Klügere immer nach. Menold beteuerte mehr als einmal, dass er zwar Angst gehabt hätte, klar, aber im Nachhinein sei ihm schon bewusst geworden, dass niemand außer ihm in jener Nacht Alruns Zeuge hätte gewesen sein können.

„Das war keine Strafe Thors wegen Nobbo gewesen, sondern eine Auszeichnung, mein kleiner Bruder! Für eine solch lange Prophezeiung muss man jemanden auswählen, der über ein gutes Gedächtnis verfügt und zugleich das Wesentliche erkennt.“

Nun gut, Menold war an jenem Tag der große Held der Sippe. Es sei ihm gegönnt. Für mich war vor allen Dingen wichtig, alles ganz genau von ihm zu erfahren, denn ich will immer nur Wahres erzählen, damit jeder, der Ohren hat zu hören, von meinen Geschichten auch etwas lernen kann. So wie Hakon will ich eines Tages den Ruf genießen, nicht nur ein großer Erzähler, sondern zugleich auch ein großer Lehrer zu sein!

Ich schreibe die unheimliche Geschichte vom Wolf der Meere in der Sprache auf, die mich mein Freund Titus gelehrt hat. Es ist die Sprache unserer mächtigsten Verbündeten, die Sprache der Römer. Titus soll die Geschichte lesen und die Schriftrolle auch seinen Freunden im fernen Rom in die Hand drücken, damit diese uns Menschen aus dem hohen Norden besser verstehen lernen. Wir Germanen kennen keine Schrift und ich habe das Schreiben von Titus gelernt, der mir das von Anfang an zutraute. Ich habe rasch begriffen, wie gut es ist, etwas aufschreiben zu können, und habe Titus häufig in den Ohren gelegen, täglich mit mir zu üben. Aber ich will von Anfang an erzählen ...

Titus‘ Onkel, der große Feldherr Nero Claudius Drusus, hat mir geraten, beim Schreiben so zu tun, als würden zu meinen Füßen viele Zuhörer sitzen. Das fällt mir nicht schwer, denn wie gesagt, wir Germanen schreiben keine Geschichten auf, wir erzählen sie lieber. Aber der Gedanke daran, dass meine Geschichte auch von fremden Menschen gelesen werden kann, gefällt mir sehr und spornt mich an, nichts, aber auch rein gar nichts auszulassen.

Womit fange ich also an? Ach ja, mein Zuhause! Wer uns Germanen vom Stamm der Friesen verstehen will, muss zuvor wissen, wie wir leben und wer wir sind ...

Wir Friesen wohnen ganz nahe am Meer und so weit das Auge reicht, sind wir von flachem Land umgeben – sieht man einmal von wenigen kleinen Anhöhen ab, die meine Vorfahren mit Steinen, Holzstämmen und sehr viel Erde weiter aufgeschüttet haben. Auf diesen so genannten Warften errichten wir unsere Wohnhäuser und kleinen Dörfer. Geht man vom Meer weg und tiefer ins Landesinnere hinein, so stößt man auf ausgedehnte Moore, die jeden, der sich ahnungslos in sie hineinbegibt, verschlingen und niemals wieder freigeben. Die Moore dienen uns zum Schutz vor Feinden, die von Süden her an die Küste drängen wollen. Sie können uns nicht erreichen, weil das morastige Land für Fremde unüberwindlich ist. Es gibt jedoch einige wenige Wege aus alten Holzbohlen, die sich durch diese tückischen Gegenden schlängeln. Aber nur Kundige wissen, wo diese Bohlen liegen, denn sie sind mit Matsch und Schlamm bedeckt. Wehe dem, der danebentritt!

Wir Friesen wohnen in lang gestreckten Häusern aus Holz, die wir ausnahmslos auf den Warften gebaut haben. Das ist wichtig, denn das Meer hört niemals auf das Land zu fressen. Dafür ist es viel zu gierig. Viele schmale und viele breite Arme hat das Meer seit Urzeiten in unser Land hineingestreckt und es dabei zerklüftet.

Wir Menschen von der Küste fürchten das Meer sehr. Seine Fluten holen sich gerade im Herbst Stück für Stück unser kostbares Ackerland. Manchmal auch Vieh und Menschen. Wenn ich von unserem Haus zum Ufer des Meeres laufe, bin ich fast 300 Schritte unterwegs. Das ist sicherlich nicht wenig, aber eines Morgens vor langer Zeit, als ich noch klein war, trat ich aus dem Haus und sah das Meer gleich unterhalb unserer Warft in der Sonne glänzen. Es war schrecklich und Odin sei Dank, dass es nach einigen Tagen wieder verschwand. Aber es hatte unsere Äcker, auf denen wir Getreide anbauen und unser Vieh halten, schlammig gemacht. Zum Glück wohnen wir erhöht, denn sonst hätte es uns sicherlich weggeschwemmt.

Mein Vater Ramgar rief damals die Götter um Hilfe an, aber es dauerte lange, bis sie seinen Ruf endlich erhören wollten. Und leider war da schon fast unsere ganze Rinderherde ins neblige Totenreich Hel gewandert.

Aber wir Menschen der Wolfssippe hießen nicht so, wenn wir in schlechten Zeiten aufgäben. Wir sind viele und wir halten alle zusammen und nur deshalb überstehen wir solche schlimmen Gefahren.

Doch an jenem Morgen, an dem uns Menold aufgeregt von Alruns Prophezeiung erzählte, sah ich meinen Vater Ramgar zum ersten Mal ratlos. Immer wieder strich er sich kopfschüttelnd über seinen langen, roten Bart. Wir hatten uns alle um das Herdfeuer im großen Haus versammelt. Unser Haus ist lang, weil Mensch und Tier gemeinsam darin leben müssen. Die Wände bestehen aus lehmverschmiertem Flechtwerk und das Dach wurde mit dichtem Schilfrohr gedeckt. In der Mitte des Hauses steht der große Herd. Er raucht immer und schenkt uns dadurch Wärme. Der Rauch zieht nach oben durch ein Loch am Giebel ab. Dieses Loch nennen wir „Uhlenflucht“. Uhlen sind Eulen. Sie nisten bei uns hoch oben unterm Dach. Nachts fliegen sie hinaus auf Mäusejagd. Um hinauszukommen, nehmen sie dasselbe Loch im Dach wie der Rauch des Feuers. Titus findet, dass es in unserem Haus unangenehm riecht. Der Geruch kommt wohl von den Kühen und Schweinen, die gleich neben meinem Strohlager ihre Koben haben. Aber mich stört das nicht, denn ich kenne es nicht anders.

Wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gibt, ruft mein Vater Ramgar die ganze Sippe zusammen. Alle eilen herbei und versammeln sich im Haus des Sippenoberhauptes. Auch Alrun war an jenem Morgen anwesend, aber sie blieb stumm. Die göttliche Kraft war aus ihrem Körper entwichen und sie wusste nichts mehr von dem, was sie prophezeit hatte. Folglich war Menold derjenige, der nun von meinem Vater ausgequetscht wurde, als wäre er ein nasses Tuch, das man auswringen müsste. Ich wusste, dass es meinem Bruder gefiel, mit seinem besonderen Wissen im Mittelpunkt zu stehen. Alle Augen waren begierig auf den gerichtet, der später einmal das Oberhaupt unserer Sippe sein würde. Und als Oberhaupt muss man es schließlich verstehen sich wichtig zu machen! Endlich konnte Menold sich, wie mein Freund Titus sagen würde, so richtig in Szene setzen. Und das liebte er mindestens so sehr wie seine Lieblingsspeise, Fischroggenmus. Nur er allein konnte Bericht erstatten. Vater wollte alles, restlos alles von ihm hören, was meinem Bruder dann doch irgendwann wieder zu viel wurde. Ich musste aufpassen, nicht loszuprusten. Menold wand sich wie eine Schlange.

„Was denn noch? Ich weiß wirklich nicht mehr. Ehrlich! Was ich gehört habe, habe ich euch auch gesagt!“

Die Augen des Häuptlings der Wolfssippe schienen sich in Menold geradezu hineinzubohren. „Denke genau nach, Junge! Jedes Wort der Seherin ist wichtig für uns. Was sollen das für seltsame Männer sein, deren Körper in Schildkrötenpanzern stecken?“, knurrte er. „Oder hast du etwa heimlich vom Met gekostet?“

Wer zu viel vom Met, unserem Honigwein, trank, konnte schon mal seine Augen verdrehen und komische Dinge reden, die er allesamt für wahr hielt. Aber Menold hob abwehrend beide Arme und sagte mit fester Stimme: „Nein, Vater! Ich schwöre es bei Mani, Sunnas Bruder am Himmel, und er soll mich keine Nacht mehr ruhig schlafen lassen, wenn ich nicht jedes Wort richtig wiedergegeben und die ganze Wahrheit gesprochen habe.“

Vater war beeindruckt und nickte anerkennend. Dann fragte er in die Runde der Männer, die von den umliegenden Häusern herbeigeeilt waren: „Was kann es mit diesem unbekannten Feind auf sich haben? Hat jemand von euch je zuvor von solchen merkwürdigen Panzermännern gehört?“

Alle schwiegen. Die Männer überlegten und schüttelten dann verneinend die Köpfe. Schließlich ergriff doch einer das Wort. Es war Thoralf, der bei uns als der Stärkste gilt. Thoralf hatte mal mit bloßer Faust einen Bullen, der aus seiner Koppel ausgebrochen war, zu Boden gestreckt.

„Also, Ramgar“, vernahmen wir seine tiefe, angenehme Stimme. „Ich denke nicht, dass es die Chauken sind oder die Ampsivarier. Aber ich habe einen furchtbaren Verdacht!“

Thoralf machte eine bedeutungsvolle Pause. Er wollte, dass alle gebannt an seinen Lippen hingen. Die Chauken waren ein Stamm, der dort lebte, wo Sunna mit ihrem Wagen aufstieg, während die Ampsivarier südlich von uns jenseits der großen Moore siedelten. Die Chauken hatten in der Vergangenheit häufig mit uns Krieg geführt. Manchmal überfielen sie die Häuser der Friesen und setzten sie in Brand, nachdem sie alles geraubt hatten, was für sie von Interesse war. Mein Vater Ramgar erzählte, dass er als Junge zusammen mit seinem Vater, vereint mit anderen friesischen Sippen, gegen die Chauken gekämpft hatte. Aber das lag lange zurück. Drohte nun etwa ein neuer Krieg? Berengar, ihrem König, eilte der Ruf voraus, äußerst streitsüchtig zu sein.

„Nein!“, unterbrach Ramgar Thoralfs allzu langes Schweigen. „Die Chauken sind es nicht. Berengar lässt uns in Frieden leben. Aber wenn du etwas Bestimmtes weißt, dann nur heraus mit der Sprache!“

Thoralf räusperte sich. „Ich habe wirklich einen schrecklichen Verdacht“, wiederholte er seine letzten Worte. „Ich kann mir nämlich gut vorstellen, dass diese Männer in Panzern, an denen Pfeile abprallen und vermutlich auch Speere, tollwütige Männer in Bärenfellen sind, also Berserker.“

Ein ängstliches Raunen erfüllte mit einem Schlag das Haus. Ramgar starrte Thoralf an, als hätte sich dieser gerade in einen der wilden Berserker verwandelt. Einige Frauen schluchzten verzweifelt. Ich selbst hatte schon von Berserkern reden gehört, aber bislang niemals welche zu Gesicht bekommen. Vater war jedenfalls äußerst beunruhigt. Vermutlich fürchtete er, dass die Menschen unserer Sippe in Panik geraten könnten, wenn sich Thoralfs Verdacht bestätigte.

„Das meinst du nicht wirklich?“, fragte er deshalb nochmals skeptisch nach. Aber Thoralf nickte bloß und hob dabei seine rechte Hand wie zur Bestätigung hoch. Das macht man bei uns so, wenn man sich einer Sache ganz sicher ist. Alle sahen es und das Gemurmel wurde noch erregter. Dann stand Thoralf auf, sodass ihn alle sehen konnten.

„Ihr habt Alruns Worte – wie sie uns Menold wiedergegeben hat – noch gut in den Ohren. Wovon spricht sie? Von unverwundbaren Männern. Und was sind unverwundbare Männer anderes als Berserker? Sie bedrohen uns und das ist weitaus schlimmer, als wenn sich Chauken und Ampsivarier gegen uns verbündet hätten.“

Erneut schluchzten einige Frauen auf. Was sind Berserker bloß?, dachte ich. Untote? Wesen der Anderswelt? Übermächtige Feinde? Ich hatte keine Ahnung, aber auf jeden Fall schienen sie äußerst gefährlich zu sein.

Plötzlich redeten alle wie wild durcheinander. Thoralfs Deutung der Prophezeiung hatte die Männer in helle Aufregung versetzt. Hatte der Hüne nämlich Recht, dann gab es für die Sippe wohl keine Rettung. Schließlich gebot Ramgar allen Anwesenden mit einer deutlichen Geste zu schweigen. Das Oberhaupt einer Sippe muss stets weise abwägen, was zu tun ist. Sein Wort gilt immer. Wenn er jemanden ausstößt, so muss dieser das Dorf verlassen. Nimmt er jemanden an, auch einen vollkommen Fremden, so gehört dieser fortan zur Sippe, ist also mein Bruder oder meine Schwester. Nun richtete sich die Aufmerksamkeit aller auf Ramgar.

„Thoralf mag Recht haben oder auch nicht. Ich weiß es nicht. Aber erinnert euch, dass die Prophezeiung noch eine zweite Hälfte bereithält. Und die ist ebenso wichtig.“

Nun war es an meinem Vater seine Rede zu unterbrechen, um die Erwartung der Zuhörer zu steigern. Schließlich fuhr er fort: „Alrun hat uns durch meinen Sohn Menold und die Kraft der Götter mitteilen lassen, dass uns zwar Gefahr droht ...“

„Große Gefahr!“, rief jemand aufgeregt dazwischen. Ich vermutete, es war Onne, der Sohn meines Onkels Mälo, der mit seiner Familie am unteren Ende unserer Siedlung wohnt.

„Große Gefahr“, nahm mein Vater seinen Einwand auf und lächelte gelassen. „Aber die Götter haben uns auch wissen lassen, dass diese Männer, durch die uns Gefahr droht, nicht unsere Feinde sind. Das dürfen wir nicht vergessen.“

Ramgar hatte Recht. Aber genau das war im Grunde auch das Rätselhafteste an der ganzen Sache. Was sollte es bedeuten? Gefahr, aber keine Feinde. Auch Vater fand dafür keine einleuchtende Erklärung. Er forderte die Sippe daher auf, wachsam zu sein, aber sich nicht unnötig zu fürchten. So löste sich die Versammlung auf und die Menschen kehrten zu ihren jeweiligen Häusern zurück. Mir gingen diese Berserker nicht aus dem Kopf. Ich beschloss Alrun zu fragen. Sie wusste sicher, was das für Wesen waren.

Ich fand die Seherin abseits des Hauses auf einem Baumstumpf sitzend. Sie schien mich zunächst nicht zu bemerken. Auch nicht, als ich näher kam und dabei drei Gänse verscheuchen musste, die sich laut schnatternd davonmachten. Offensichtlich war sie ganz in sich versunken und dachte wie die meisten hier über das Gehörte nach. Alruns lange graue Haare wehten im Wind. Ihre Gestalt unter dem wollenen Kleid schien klapperdürr und die Haut spannte sich über ihr Gesicht so straff, dass ihr Kopf schon fast einem Totenschädel glich. Natürlich fürchtete auch ich Alrun wie jeder andere auf den Gehöften, aber ich bedauerte sie zugleich, denn sie hatte sich ihre Gabe schließlich nicht selbst ausgesucht.

„Alrun“, sagte ich sanft. „Darf ich dich was fragen?“

Ein kurzer Ruck ging durch den schmächtigen Körper. Dann wandte sie mir ihre dunklen Augen zu.

„Du bist es, Tore“, sagte sie leise und betrachtete mich aufmerksam. Ich meine sagen zu können, dass Alrun mich leiden kann, denn zu anderen kann sie mitunter übel gelaunt sein. Zu mir hingegen nie.

„Was sind Berserker, Alrun? Kannst du mir das erklären?“

Die Seherin lächelte mich an und entblößte dabei ihre spitzen schwarzen Zähne, deren Farbe vom Kauen irgendwelcher Kräuter herrührte. Alrun war auch unsere Hagedise, was bedeutet, dass sie, sich mit Kräutern auskannte, mit denen sie Krankheiten heilte.

„Du weißt, dass ich deinem Vater, wenn er zu viel vom gebratenen Wildschwein gegessen hat, einen heißen Tee aus frischen Kräutern reiche. Das lindert seine heftigen Bauchschmerzen“, begann sie.

Ich musste lachen, als ich mich an das Gesicht meines Vaters erinnerte, der nur mit größtem Widerwillen von diesem Gebräu getrunken hatte.

„Ramgar spuckt es anfangs jedes Mal wieder aus, aber am Ende säuft er es doch“, meinte ich grinsend.

Alrun lächelte, wurde aber sogleich wieder ernst. „Im Wald gibt es Pilze mit einer roten Kappe. Du hast sie sicher schon gesehen, Tore.“

„Ja, ja, ich kenne sie. Sie sind giftig und wer sie isst ...“

„... stirbt unter schrecklichen Schmerzen“, vollendete die Alte meinen Satz. „Dagegen ist kein Kraut gewachsen.“ Sie schwieg für einen Moment. Dann sagte sie: „Nur wer sich mit diesen Pilzen sehr gut auskennt und sie in bestimmter Weise zubereitet, töten sie nicht.“

Ich schaute Alrun überrascht an.

„Dann sind sie doch nicht so giftig, wie gesagt wird?“

„Und wie giftig sie sind, Tore! Lass bloß die Finger davon. Ich will nur erklären, dass sie für Hagedisen ungefährlich sind, weil kräuterkundige Frauen wissen, wie man sie richtig zubereiten muss. Und wer diese Pilze dann isst, dem schenken sie Bärenkräfte. Männer, die den Pilz zu sich genommen haben, werden stark und scheinbar unverwundbar. Man nennt sie Berserker.“

„Hm!“, machte ich und rieb mir nachdenklich das Kinn. So war das also. Dann kam mir plötzlich ein Gedanke.

„Aber dann könntest du allen Männern im Dorf aus diesen Pilzen mit den roten Kappen ...“

Ich vollendete meinen Satz nicht, denn Alrun hatte sich wieder von mir abgewandt und war ganz in ihre Träume zurückgesunken. Wenn sie doch weiß, wie es geht ... überlegte ich. Aber dann kam mir in den Sinn, dass ich keinen einzigen Mann aus unserer Sippe kannte, der sich jemals in einen Berserker verwandelt hatte. Warum eigentlich nicht? War es denn nicht gut, bärenstark und unverwundbar zu sein?

Schatten des Unheils

3 Zunächst passierte lange Zeit gar nichts. Sunna schob ihren Wagen noch oft von der einen zur anderen Seite des Himmels und Mani, ihr Bruder, wurde Sichel und Scheibe und sein Licht ließ manche Menschen unruhig schlafen. Dann setzten plötzlich heftige Schneefälle ein und ein starker Wind blies die weißen Flocken über das Meer aufs Land, dass selbst unsere Zäune darunter versanken. Doch schließlich brach Sunna machtvoll durch die Wolkendecke und ließ den Schnee schmelzen. Die Schneemassen gaben das Haus frei und auch die Wege wurden wieder passierbar.

An solch einem sonnigen Wintertag kam Hakon der Dichter zu uns. Die Kinder liefen aufgeregt umher und riefen immer wieder: „Hakon, Hakon ist da.“ Sie freuten sich, weil Hakon stets interessante Neuigkeiten bringt. Nur durch Hakon erfahren wir von anderen Familien an der Küste, die weit entfernt von uns leben. Zum Beispiel, dass Hauke aus der Sippe der Ottermenschen einen gestrandeten Wal erbeuten könnte. Oder dass die schöne Edigna vom Clan der Bärenmenschen Ragin dem Starken in die Ehe gegeben wurde. Wir erfahren auch, wo es Krieg gibt oder ob die Chauken eine Hinterlist planen. Und wir hören uralte Geschichten, die uns an den langen Winterabenden in Atem halten und uns alle erfreuen. Hakon ist ein kluger Erzähler. Er weiß viel und er lässt uns Dinge sehen, von denen wir niemals gedacht hätten, dass es sie überhaupt gibt.

Männer, Frauen und Kinder hockten sich also um das wärmende Herdfeuer und machten es sich auf den Fellen gemütlich. Die Männer tranken Wasser mit Met und kauten Dörrfisch. Der Dichter saß auf einem Knakkr, einem Baumstumpf mit drei als Füßen zurechtgestutzten Wurzelenden. Nur er und Ramgar durften erhöht sitzen. Hakon ist hoch gewachsen und hager. Er ist kein Kämpfer mit dem Schwert – dafür aber einer mit dem Mundwerk. Und das genügt uns allemal. Hakon blickte einmal aufmerksam in die Runde, sah die erwartungsvollen Blicke und begann seine Rede.

„Ihr habt mich alle erwartet und endlich bin ich wieder mitten unter euch. Es drängte mich diesmal mehr als sonst zu euch zu kommen, obwohl meine Anwesenheit ein dunkles Vorzeichen mit sich führt. Etwas ist geschehen, was mich sehr bewegt und ängstigt.“

Sofort kam Unruhe unter seinen Zuhörern auf, denn so hatte der weit gereiste Geschichtenmann noch niemals zu ihnen gesprochen. Was mochte geschehen sein, dass er sich so sehr davor fürchtete? Hakon sprach von einem bösen Vorzeichen. Das klang in der Tat sehr beunruhigend.

„Ich hatte einen Traum, der seltsamerweise mit eurem Dorf zu tun hat. Ich träumte, ich säße in einem Kreis von Zuhörern und erzählte von den zwei größten Kriegern der Friesen: Gisolf und Jorit. Beide suchten sie Gott Odin und fanden ihn nirgendwo auf der Welt. Der einäugige Rabengott versteckte sich listig vor ihnen. Aber Gisolf und Jorit gaben nicht auf. Sie suchten so lange, bis sie an einen Ort kamen, wo einem dichter Nebel die Augen verschleiert und Sunna nur wenig von ihrer gleißenden Macht besitzt.“

„Was ist das für ein unheimlicher Ort, Hakon?“, fragte Ramgar und folgte so dem Brauch, den Erzähler zu Beginn einer Geschichte zu unterbrechen.

„Dieser neblige Ort liegt viele Tagesreisen von hier entfernt auf der anderen Seite des Meeres.“

„Oh!“, machten einige erstaunt und schlugen sich dabei mit der Hand auf den Mund. Wie sollte es möglich sein, dass jemand auf die andere Seite des Meeres gelangen konnte?

Hakon fuhr fort: „Aber dann geschah das Unvorstellbare. Irgendwie wurde dieser Ort am Ende der Welt mit eurem Dorf verknüpft. Denn in meinem Traum befand ich mich plötzlich auf dem Platz eines Dorfes und ich erkannte ihn augenblicklich: Es war euer Platz, der Platz im Dorf der Wolfssippe.“

„Das gibt es doch nicht!“, hörte ich viele ausrufen.

„Was mag das nur bedeuten, wenn Hakon von unserem Dorfplatz träumt?“, fragte meine Mutter besorgt.

„Es geht ja noch weiter“, sagte Hakon und rieb sich dabei die Nase. „Ich erkannte alles wieder und spürte, dass es eine große Bedrohung für alle Menschen hier gab. Von den Bewohnern sah ich niemanden. Es war neblig und später Abend. Das Licht Manis leuchtete nur spärlich. Ich stand allein mitten zwischen euren Häusern. Jorit und Gisolf sprangen auf einmal an mir vorbei und schrien aufgeregt: ‚Renn um dein Leben, Hakon! Etwas Furchtbares wird gleich geschehen.‘ In Todesangst suchte ich im Schatten zweier Häuser Schutz. Dabei hörte ich plötzlich Schreie und dumpfe, klopfende Geräusche.“

„Was für Schreie waren das?“, wollte Ramgar wissen.

„Wie die von Säuglingen, denen man die Mütter raubt.“

„Und die dumpfen Geräusche?“

„Als würde jemand Türen eintreten!“

Ein Stöhnen ging durch den Raum. Hakons Traum hatte uns alle eingenommen.

„Dann sah ich einen Schatten, der so groß war wie Ramgars Haus. Dieser unheimliche Eindringling schlich zwischen den Häusern umher, so als suchte er etwas ganz Bestimmtes. Erneut hörte ich diese gellenden Schreie, die mir durch Mark und Bein gingen. Dann war es so, als ergriffe ein Sturmwind das ganze Dorf und rüttelte es kräftig durch. Das Holz der Wände knarrte so entsetzlich laut, als würde es vor Schmerz aufschreien, weil es jeden Moment von einer rohen Gewalt zerrissen werden könnte. Im Traum hielt ich mir beide Ohren zu, weil ich es anders nicht mehr aushielt. Der Schatten, der mich an ein riesiges Tier erinnerte, kam drohend auf mich zu. Dann auf einmal wachte ich auf und lag schweißgebadet auf meinem Strohlager. So einen Albtraum hatte ich niemals zuvor gehabt.“

Zunächst schwiegen alle entsetzt. Was hatte der Traum des Dichters zu bedeuten? Standen Hakons bedrohliche Bilder in einem rätselhaften Zusammenhang mit Alruns Prophezeiung? Ein Gefühl unbestimmter Angst ließ uns nicht mehr los: Die Schicksalsgöttinnen hatten uns große Gefahren zugeteilt. Aber was, was würde geschehen?

„Mit dunklen Vorzeichen sind wir im Augenblick gut versorgt“, brummte mein Vater schwermütig.

„Jemand unter uns hat den Göttern zu wenig geopfert. Jetzt erhalten wir die Strafe dafür“, erklärte Thoralf und keiner wagte es, ihm zu widersprechen. Eine bedrückende Stille beherrschte die Versammlung. Doch plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Ansgar stürmte in unser Langhaus. Bleich und völlig außer Atem stammelte er unverständliches Zeug. Etwas Seltsames sei geschehen. Etwas Unvorhergesehenes. Draußen im Meer, das sich am Tag weit zurückzieht und Schlick und Schlamm freigibt, lägen vier große Boote, berichtete Ansgar, so riesig, wie er sie noch niemals in seinem Leben gesehen habe. Sie steckten fest. Sonderbar gekleidete Menschen gingen auf den Booten auf und ab. Viele Menschen. Unzählbar viele.

„Wie gestrandete Wale! Wie gestrandete Wale!“, rief er immer wieder.

Auf einmal war alles im Haus auf den Beinen und lief aufgeregt umher. „Die große Gefahr, von der Alrun vor vielen Monden gesprochen hat, ist gekommen“, hörte ich auch sofort eine der Frauen ängstlich flüstern. „Hakons Albtraum greift nun nach uns“, hauchten andere entsetzt.

„Unsinn!“, dröhnte die Stimme meines Vaters Ramgar durch den Raum. Wir haben zwar in der Sippe keine Helden wie Gisolf und Jorit, aber wir sind Manns genug selber nachzuschauen, was dort draußen geschieht. Folgt mir, Männer! Und nehmt eure Schwerter und Speere mit. Und zahlreiche Fackeln!“

Niemand widersetzte sich seinem Befehl und so eilten wir alle hinaus.

„Ich sage es euch! Wie gestrandete Wale! Wie gestrandete Wale“, rief Ansgar immer wieder, während wir zum Strand rannten.

Gestrandete Wale?

4 Habe ich schon erwähnt, dass wir Menschen von der Küste das Meer fürchten und lieben zugleich? Die See nimmt vom Land und von den Lebenden und sie ist unberechenbar. Aber das Meer gibt uns auch Notwendiges zum Leben, nämlich Fische, die wir essen, Muscheln, aus denen wir unsere scharfen Pfeilspitzen fertigen, und es schenkt uns Robben, die wir jagen und aus deren Fell wir feste Schuhe machen.

Das Meer ist ein Teil unseres Lebens. Wir befahren es in Booten, die wir aus ausgehöhlten Baumstämmen herstellen. Ein Ruder am Heck hält das Boot auf Kurs und die Männer tauchen lange Buchenstecken ins Wasser, um es vorwärts zu bewegen. Dabei bleiben die Fischer immer in Sichtweite der Küste, denn draußen auf See lauern große Gefahren. Das Meer ist tückisch und ein jeder, der sich hinaustraut, sollte genau wissen, was er da wagt. Bei uns kommt und geht das Meer zweimal am Tag. Wenn es sich zurückzieht, hinterlässt es Schlick und Wasserstellen, die nicht abfließen wollen, weil sie in tiefen Mulden liegen. Es ist gefährlich sich in diesen Schlick zu begeben. Man kann darin versinken und kommt nicht mehr heraus, sosehr man sich auch anstrengt. Dann plötzlich fließt das Meer wieder zurück und wer sich dann noch draußen aufhält, ist verloren.

Auf unserem Weg zum Strand hörten wir das Kreischen der Möwen, die hoch oben über eine Stelle im Schlick kreisten. Da wussten wir, noch bevor wir die großen, fremden Schiffe gesehen hatten, dass es dort etwas zu holen gab. Möwen sind immer die Ersten, die gestrandete und verendete Tiere im vom Meer entblößten Schlick aufspüren. Nur dass es diesmal keine toten Wale oder Robben waren, sondern riesige Boote, wie wir sie noch niemals zuvor gesehen hatten. So, wie sie feststeckten, erinnerten sie tatsächlich an gestrandete Wale. Wir standen alle am Ufer und starrten wie gebannt auf den seltsamen Anblick. Im vollen Licht von Mani, der von einem wolkenlosen Himmel aus seinen milden Glanz auf die Erde schickte, wirkten die Boote unheimlich und auch irgendwie bedrohlich. Ramgar hob seine Fackel und gebot uns stehen zu bleiben und die Lage zu prüfen. Zunächst musste er herausfinden, ob von den Fremden tatsächlich Gefahr drohte oder nicht.

„Hast du so etwas schon einmal gesehen, Hakon?“, wollte mein Vater von dem weit gereisten Erzähler erfahren.

Hakon räusperte sich, spitzte die Lippen und blickte angestrengt auf die Ehrfurcht einflößenden Schiffe, auf denen sich viele Menschen tummelten.

„Angst müssen wir im Moment nicht haben“, wich Hakon der Frage Ramgars aus.

„Nein, wirklich nicht“, meinte mein Vater mit einem spöttischen Grinsen. „Sobald sie ihre Schiffe verlassen, sinken sie im weichen Schlick ein und kommen nicht mehr von der Stelle.“

Und genau so war es auch! Die Fremden, die nicht zuletzt durch ihre Kleidung einen äußerst seltsamen Anblick boten, waren offensichtlich bei ablaufender Flut an unsere Küste gekommen. Schon bald hatten ihre vier Schiffe nicht mehr genügend Wasser unter dem Kiel gehabt und waren stecken geblieben. Und nachdem das Meer sich ganz zurückgezogen hatte, lagen die Schiffe auf Grund. Nun hatten einige Männer unvorsichtigerweise versucht von den Schiffen auf festen Grund zu gelangen. Das konnte, wie ich bereits erklärt habe, schon deshalb nicht gut gehen, weil der Schlick und der freigelegte Sand nachgeben, sobald man darauf tritt. Die Männer waren zwar bloß bis zu ihren Knien eingesunken, aber es war völlig unmöglich für sie, sich aus eigener Kraft wieder aus dieser misslichen Lage zu befreien. Im Gegenteil! Je mehr sie sich bewegten, desto tiefer sanken sie ein.

„Sollen wir den Fremden nicht helfen, Vater?“, schlug ich leise vor, nachdem ich mich an seine Seite gedrängt hatte. Ramgar blickte mich kurz an und strich sich dann nachdenklich über den langen Bart.

„Die Männer werden sterben, sobald das Meer zurückkehrt. Wenn wir nichts tun, sind sie alle verloren.“

Einige, die bei uns standen, hatten gehört, was das Sippenoberhaupt gesagt hatte.

„Aber es ist auch für uns nicht ungefährlich, Ramgar“, warnte Mälo.

„Ich kenne den Weg, der für uns sicher ist, weil ich hier häufig genug nach Muscheln oder Fischen suche, die in den Senken zurückgeblieben sind“, schaltete sich Birger ein. Birger war ein geschickter Fischer, der immer mit einem vollen Nachen ans Ufer zurückkehrte.

„Wir helfen den Fremden!“, entschied Ramgar entschlossen. „Birger wird uns führen. Nehmt Seile mit und Stangen, damit wir die Eingesunkenen herausholen können. Vier, fünf Männer sollen den anderen mit den Fackeln leuchten.“

Nun endlich kam Bewegung in unseren Clan. Birger betrat die fast wasserleere Fläche und schritt mutig voran. Sechs weitere Männer und Ramgar folgten ihm. Dabei sahen sie sich gut vor, immer genau dorthin zu treten, wohin auch Birger zuvor seinen Fuß gesetzt hatte. Auf diese Weise rückten sie näher und näher an die Schiffe heran. Als sie endlich in Rufweite der Fremden waren, gebot mein Vater unseren Leuten stehen zu bleiben. Dann wandte er sich an die Männer auf dem gestrandeten Schiff.

Später am Herdfeuer erzählte Ramgar freimütig, wie groß doch sein Erstaunen über das riesige Schiff und seine Besatzung gewesen war. Es wirkte fremdartig auf ihn. Drei Ruderreihen trieben seinen langen Rumpf voran. Ein großes Tuch in der Mitte des Schiffes hing an einem Balken, der wiederum quer auf einem anderen senkrecht stehenden angebracht worden war. Ein Segel hatte niemand von uns je zuvor gesehen. Die Fremden selbst trugen rote Umhänge und Kopfbedeckungen, wie sie die Recken unserer uralten Erzählungen getragen haben. Was, bei Odin, war das bloß für ein sonderbarer Stamm?, überlegte Ramgar. Und als ihm einer von ihnen – offenbar ihr Anführer – etwas zurief, musste mein Vater feststellen, dass er ihre Sprache noch niemals zuvor gehört hatte.

„Wir wollen euch helfen“, rief mein Vater zurück. Dabei zeigte er auf die Männer, die im Schlick festhingen und in deren Augen nackte Angst stand. Wieder antwortete der Fremde in der unbekannten, unverständlichen Sprache. Dann trat ein anderer neben ihn. Er sah aus wie ein Germane. Und die Sprache, in der er Ramgar ansprach, war zwar immer noch kein Friesisch, aber mein Vater konnte ihn immerhin verstehen. Er war ein Ampsivarier. Was hatte dieser Germane bloß auf dem merkwürdigen Schiff verloren? Aber viel wichtiger war zunächst, dass die Fremden endlich begriffen hatten, dass Ramgar und unsere Leute gekommen waren, um ihnen im wahrsten Sinne des Wortes aus der Patsche zu helfen. Doch das war leichter gesagt als getan.

Vorsichtig robbte sich Birger so nahe wie möglich an den ersten Mann heran. Dann schob er ihm eine Stange entgegen, an deren unterem Ende eine Schlaufe angebracht war. Zwei weitere Männer umklammerten Birgers Füße. Durch Handzeichen gab Birger nun dem Mann zu verstehen, dass er sich an der Stange festhalten sollte. Danach zog Birger mit aller Kraft, die ihm zur Verfügung stand, den Mann langsam aus der sandigen feuchten Falle heraus. Dies war jedoch nur möglich, weil die zwei Männer, die seine Füße umklammert hielten, wiederum Birger von der Stelle wegzogen. Es war schrecklich mühsam, aber unsere Männer schafften es. Auf diese Weise retteten sie alle acht im Schlick Eingesunkenen und brachten sie sicher ans nahe Ufer und damit auf festen Boden. Nun wollten alle anderen ebenfalls von ihren Schiffen herunter und sich über den tückischen Grund in Sicherheit bringen. Doch Ramgar erklärte ihnen mit Hilfe des Ampsivariers, dass das Meer schon bald wieder zurückfließen würde. Darauf antworteten die Fremden mit schallendem Gelächter oder verblüfften Blicken. Offensichtlich kannten sie das Meer an dieser Stelle überhaupt nicht. Es sah sogar eine Weile so aus, als ob sie meinem Vater keinen Glauben schenken wollten. Aber schließlich folgten sie doch seinem Rat auf den Schiffen zu bleiben. Auch ihr Anführer schien endlich begriffen zu haben, dass es für eine solch große Anzahl Menschen viel zu gefährlich war, sich über den unsicheren Boden zum rettenden Ufer zu flüchten. Das wäre niemals gut gegangen, denn immerhin schätzte Ramgar die Zahl der Männer auf insgesamt fast zweihundert.

„Wenn sie Übles planen, haben wir keine Chance gegen sie“, raunte Thoralf meinem Vater ins Ohr. Aber der schwieg, weil er, wie so oft, erst einmal abwarten wollte, was wirklich geschah. Zu handeln, dazu war dann immer noch genügend Zeit.

Nero Claudius Drusus – Häuptling der Römer

5 Im Nachhinein betrachtet, erscheint mir das Zusammentreffen unseres Volkes mit den Römern wie ein Ereignis in einem Traum. Mani, der vor Sunna am Himmel fährt, lässt uns häufig von seltsamen Dingen und Wesen träumen. Hakons Traum war das beste Beispiel dafür! Sobald wir aufwachen, verlieren Träume augenblicklich ihre scheinbar feste Gestalt und wir vergessen sie im Laufe des Tages wieder. So ähnlich kommt mir die Begegnung mit den Römern heute vor, nur dass sie wirklich stattgefunden hat. Drusus und seine Männer sind längst wieder in ihr Gebiet weit südlich von uns zurückgerudert, aber ich weiß, dass sie uns eines Tages wieder besuchen werden. Ob ich auch Titus dann noch einmal sehen werde, liegt in den Händen der Götter ...

Nach der Rettung ihrer im Schlick eingesunkenen Männer wurde die Geduld der Römer nicht länger auf die Probe gestellt, denn das Meer kehrte wenig später zurück, die Schiffe kamen frei und konnten wieder gerudert werden. Wir standen alle am Ufer und staunten, wie sich die langen Ruderstangen ins Wasser senkten, hervorgeholt wurden und sich wieder zurück ins Wasser senkten. So etwas hatten wir noch nie gesehen! Ramgar rief den Männern an Bord zu, dass sie etwas abseits von unserer Küste eine Stelle fänden, wo sie mit den Schiffen ganz nah ans Land herankommen würden. Dort hatte das Meer nämlich nach dem letzten heftigen Frühjahrssturm eine kleine Bucht gebildet, die sich ideal zum Ankern für so große Schiffe eignete. Ich muss zugeben, dass ich all diese Ausdrücke wie „ankern“, „Kiel“, „Segel“ oder „Ruder“ erst durch die Römer kennen gelernt habe. Unsere Einbäume besitzen keinen Kiel und werden auch nicht gerudert, sondern von aufrecht stehenden Männern mit langen Stangen vorwärts gestakt.

Wir von der Sippe der Wolfsmenschen waren jedenfalls sehr beeindruckt. Was einige von uns allerdings mit Sorge betrachteten, waren die ledernen Brustpanzer, die die Römer trugen. Hatten die Fremden womöglich etwas mit der verheißenen Gefahr zu tun? Keiner konnte mir diese brennende Frage beantworten und Alrun schwieg beharrlich.

Nachdem die Fremden ihre vier Schiffe sicher in die nahe Bucht gerudert hatten, wo die Soldaten ein großes Lager für die Nacht errichteten und auch mit der Suche nach neuen Vorräten beschäftigt waren, kam eine kleine Abordnung von ihnen am späten Nachmittag des nächsten Tages zu unserem Dorf marschiert. Unter ihnen befand sich auch der Anführer der Römer mit prächtigem Helm und rotem Mantel. Er musste wirklich sehr bedeutend sein, denn er trug nicht nur einen Namen, sondern gleich drei: Nero Claudius Drusus.

Mein Vater entbot ihm freundlich seinen Gruß und bat den großen und stolzen Römer unter das Dach seines Hauses, wo er am Herdfeuer Platz nehmen sollte. Aber Nero Claudius Drusus blieb lieber stehen und überreichte meinem Vater einen länglichen Gegenstand, der in ein grobes Tuch eingeschlagen war. Der Ampsivarier neben ihm hieß Bandulf und er übersetzte die Worte von Nero Claudius Drusus und die Fragen und Entgegnungen von Ramgar.

„Ich will dir für deine Tapferkeit und deine Hilfe ein Geschenk überreichen, Ramgar. Du hast acht von meinen Männern das Leben gerettet. Sie wären ohne dich und den Mut deiner Leute im Meer ertrunken. Dafür sollst du das hier von mir erhalten.“

Das Gesicht des Römers blieb völlig unbewegt, als er meinem Vater den eingehüllten Gegenstand übergab. Ramgar nahm das Geschenk mit Dank entgegen und entfernte vorsichtig das Tuch. Sein erstauntes „Ah!“ klingt jedem von uns noch heute in den Ohren. Verzückt starrte mein Vater auf die scharfe, silbrige Klinge des Schwertes, das er ehrfürchtig aus der schwarzen Lederscheide gezogen hatte. Eine solche Waffe hatte Ramgar noch nie zuvor in Händen gehalten, geschweige denn besessen. Er war sichtlich beeindruckt und wusste kaum, wie er sich bei Nero Claudius Drusus dafür bedanken sollte. Aber das war auch nicht nötig, denn der hatte bereits klare Vorstellungen darüber, wie unsere Sippe den Römern ihren Dank ausdrücken konnte.

„Wir werden uns hier einige Tage lang aufhalten und benötigen Frischwasser und Fleisch. Deine Leute könnten uns dabei zur Hand gehen. Außerdem brauchen wir Mehl und was ihr von euren Wintervorräten sonst noch so entbehren könnt. Zudem sollst du mir alles über eure Nachbarn, die Chauken, mitteilen.“

„Was hast du vor, Drusus?“, fragte mein Vater neugierig.

„Ich will bis zu ihnen vorstoßen und noch etwas weiter östlich. Bandulf, der Mann vom Stamm der Ampsivarier, hat mir verraten, dass die Chauken sehr kriegerisch sind. Ich will herausfinden, ob ihr König Berengar Roms Verbündeter oder sein Feind werden will.“

Ramgar sagte zunächst nichts. Mein Vater ist nicht dumm. Er weiß, wann es angebracht ist, sich gegen etwas aufzulehnen, was man im Grunde nicht will. Er weiß aber auch, wann es klug ist, sich abwartend zu verhalten. Drusus und seine Soldaten hätten unser Dorf jederzeit niederbrennen können, ohne dass wir uns dagegen erfolgreich hätten zur Wehr setzen können. Wir wären in jedem Fall die Unterlegenen gewesen. Aber der Häuptling der Wolfssippe spürte auch, dass dieser stolze und unnachgiebige Römer Verbündete brauchte. Und so weit entfernt voneinander wir auch siedeln, so sind wir Friesen doch kein kleiner Stamm und Ramgars Wort hat großes Gewicht bei den anderen Häuptlingen. Wenn er schlecht von den Römern reden würde, könnte sich Nero Claudius Drusus noch so sehr anstrengen, er würde von keiner Sippe an der Küste freundlich aufgenommen werden.

„Wir Friesen sind uns fast immer einig und im Thing, unserer jährlichen Versammlung, bestimmen wir Häuptlinge gemeinsam unsere Pläne. Krieg mit den Chauken wollen wir nicht führen. Es sei denn, Berengar zwingt uns dazu. Wenn die Römer mit den Chauken Krieg führen wollen, werden wir stillhalten.“

Nero Claudius Drusus musterte meinen Vater nachdenklich. Dann wandte er sich um und war bereits im Begriff unser Haus zu verlassen, als er noch einmal das Wort an Ramgar richtete: „Einige unserer langen Ruderblätter sind gestern Nacht zerstört worden. Wo finden wir Holz, um sie zu reparieren?“

„Ich werde gleich morgen Früh meine Söhne Tore und Menold zu euch schicken. Etwas weiter ins Land hinein, nahe dem Moor gibt es ein Wäldchen. Dort können eure Leute genügend Bäume fällen.“

Drusus nickte freundlich und bevor ich mich noch darauf hätte einstellen können, richtete er plötzlich seinen durchdringenden Blick auf mich.

„Bist du einer von Ramgars Söhnen?“

Vor Aufregung wurde mein Kopf puterrot. Ich schluckte und konnte erst gar nicht richtig antworten.

„Jajaja!“, stotterte ich verlegen und kam mir richtig dumm dabei vor.

„Gut! Wie heißt du, Junge?“

„Tore!“

„Höre, Tore, ich habe meinen Neffen Titus aus Rom mitgebracht. Ich werde ihn dir morgen vorstellen. Er dürfte etwa so alt sein wie du. Ich habe mir gerade überlegt, dass es gut wäre, wenn du unsere Sprache lerntest. Titus soll dich, solange wir hier sind, darin unterrichten. Bist du einverstanden?“

Ich schaute meinen Vater an. Der strich sich wie so oft nachdenklich über den rötlich blonden Bart.

„Mein Vater Ramgar muss entscheiden, ob ich die Sprache der Römer erlernen darf oder nicht“, antwortete ich leise. Innerlich zitterte ich vor Aufregung. Was kam da auf mich zu?

„Es ist immer gut, wenn man die Sprache desjenigen beherrscht, der – aus welchen Gründen auch immer – zu uns ins Land gekommen ist. Das schafft Vertrauen!“

Zum ersten Mal huschte ein schwaches Grinsen über das bartlose schmale Gesicht des Römers.

„Dann soll es so sein, Tore. Morgen wirst du Titus kennen lernen.“

Nero Claudius Drusus verabschiedete sich von Ramgar und allen Anwesenden und schritt durch die Tür hinaus. Der Ampsivarier, der fortwährend hin und her übersetzt hatte, folgte ihm stumm wie ein dressierter Hund. Draußen vor der Tür hatten Drusus’ Männer geduldig auf ihren großen Anführer gewartet.

Unsere Leute blickten den abziehenden Römern nach, bis sie hinter einem kleinen Hügel verschwunden waren.

„Was hat er von dir gefordert, Ramgar?“, wollte Thoralf wissen.

„Einen Verbündeten!“

„Und was ist das für ein Schwert?“

Ramgar zog das Schwert aus der Scheide und hielt es hoch in die Luft. Der Stahl blitzte bedrohlich im Licht auf. Dann ließ er die Waffe auf einen oberschenkeldicken Holzscheit heruntersausen, der sich augenblicklich in zwei Teile spaltete.

„Ein Schwert wie dieses trennt Freund und Feind oder vereint Menschen. Es bleibt abzuwarten, wozu ich es benutzen soll. Die Römer werden uns in Ruhe lassen, aber ihre Gier nach Fremdem ist so groß, dass sie ihnen auch das Genick brechen könnte. Sie wollen zu den Chauken ziehen und noch weiter darüber hinaus.“

„Warum? Suchen sie neues Land, wo sie sich niederlassen können? Wurden sie gar von einem Feind vertrieben, der noch mächtiger ist als sie?“

„Ich weiß es nicht, Thoralf“, antwortete mein Vater. „Ich werde Drusus bei unserem nächsten Zusammentreffen danach fragen. Aber ich habe den Verdacht, dass es ihre Art ist, überall dorthin zu gehen, wo sie noch nicht gewesen sind.“

„Und zu glauben, dass ihnen das neue Land dann auch gehört!“, meldete sich Mälo. „Also, ich traue ihnen nicht!“

„Wir werden wachsam sein, aber wir werden sie nicht reizen!“, meinte Ramgar nachdenklich.

„Hast du gesehen, womit sie ihre Brust schützen?“

Mein Vater blickte Birger mit ernstem Gesicht an.

„Nichts ist mir an ihnen entgangen. Alrun hat Wahres gesprochen. Wie Schildkrötenpanzer. Trotzdem bleibt abzuwarten, was geschieht.“

„Aber sollten wir nicht die anderen Sippen benachrichtigen?“

„Das werde ich gleich morgen veranlassen und Odwin zu ihnen schicken. Doch zunächst einmal müssen wir so viel wie möglich über die Römer in Erfahrung bringen. Mein Sohn Tore wird das übernehmen. Nero Claudius Drusus hat ihn für morgen in sein Lager eingeladen.“

Ich war überrascht, was mein Vater da von mir erwartete. War das nicht die Aufgabe eines Mannes? Andererseits konnte ein junger Mensch wie ich die Fremden leichter zu allem befragen, ohne dass jemand mir misstrauisch begegnen würde. Aber zunächst würde ich die fremde Sprache so schnell wie möglich erlernen müssen. Aufgewühlt lief ich wie ein blödes Rind am Strand hin und her, als wüsste ich nicht, wohin mit mir. Was, so fragte ich mich immer wieder, kam da nur auf mich zu? Gutes oder Schlechtes? Die Götter mögen mir beistehen!

Die Männer gaben sich fürs Erste mit dem zufrieden, was Ramgar gesagt und vorgeschlagen hatte. Was hätten sie auch sonst tun sollen?

Später am Abend, als das Feuer prasselte und uns wärmte, kauerte sich Hakon noch einmal zu uns und erzählte von der Erschaffung der Menschen.

„Warum gibt es so viele verschiedene Menschen auf der Weltenscheibe?“, fragte mein Bruder Menold. Na klar, er musste mal wieder vor allen anderen fragen. Warum gibt es so viele Menschen?, äffte ich Menold in Gedanken nach. Damit sie dich alle einfangen können und dir mit ihren Händen den Mund zuhalten, dachte ich grimmig.

„Wie ihr wisst, heißt die von Menschen und Göttern gleichsam bewohnte Welt Midgard“, begann Hakon. „Außerhalb von Midgard ist Utgard, die Unwelt, wo Riesen und andere Unwesen hausen. Midgard wird vom Urozean ringförmig umflossen. Dort lebt die ungeheure Midgardschlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Inmitten von Utgard liegt Muspell, das Reich des Feuers. Hier wohnen die Riesen, deren Herrscher Sutr ist. Neben dem Reich des Feuers gibt es auch noch das Land der Stürme und des endlos fallenden kalten Regens. Dieses Land nennt man Niflheim.

Einst taute in Niflheim ein wenig Raureif auf und es entstand eine Kuh daraus: Audhumla. Aus ihrem Euter flossen vier Ströme von Milch. Die Kuh Audhumla leckte an einem salzhaltigen Eisbrocken und sie leckte so lange daran, bis die Haare eines Wesens sichtbar wurden. Als sie am zweiten Tag erneut an dem Eisblock leckte, erschien der Kopf des Wesens; am dritten Tag hatte sie auch seinen Körper freigelegt. Dieses Wesen erhob sich und sagte seinen Namen: Buri. Buri ist der Urahn aller Götter.

Damals lebte auch ein Riese namens Ymir, der sich von der Milch Audhumlas ernährte. Ymir hatte eines Tages so viel getrunken, dass er müde wurde und schließlich laut schnarchend unter einem Baum lag. Dabei schwitzte der Riese so stark, dass aus dem Schweiß seiner Achselhöhlen der erste Mann und die erste Frau entstanden. Aus diesem ersten Paar – der Mann hieß Esche und die Frau Ulme – sind alle anderen Menschen hervorgegangen.“

„Und warum bauen die einen so große Schiffe und die anderen kennen nur Einbäume, die gerade mal drei oder vier Menschen tragen können?“, wollte Onne wissen.

„Weil die Dämme der Biber auch größer sind, je mehr Holz sie im Wald vorfinden. Bei uns hier können sie nur kleine bauen. Weiter östlich, wo der Wald so dicht steht, dass man tagelang hindurchgehen kann, ohne den Himmel zu sehen, habe ich von Biberdämmen gehört, die fast so mächtig wie dieses Haus hier sein sollen“, antwortete Hakon weise und zeigte mit seinen Händen zum Dachfirst.

Die Runde verfiel in Schweigen und man vernahm nur noch das Prasseln des Herdfeuers. Draußen zog der Wind am Haus vorbei und rüttelte kräftig am Dach und an den Pfosten. Im Koben grunzten nervös die Schweine und der alte hornlose Ziegenbock Nobbo ließ sein freches Meckern hören. Ich dachte an die ersten Menschen, die aus dem Schweiß eines Riesen entstanden waren. Seither war das Leben hart und beschwerlich gewesen und hatte von den Menschen immer viel Blut und Schweiß gefordert. Ob die Römer die Geschichte auch so kannten? Ich nahm mir vor, Titus danach zu fragen, und plötzlich erkannte ich mit einem Schlag, wie kostbar die Möglichkeit war, die ich durch das Angebot dieses Nero Claudius Drusus erhalten hatte. Wollte ich nicht schon immer ein Geschichtenmann wie Hakon werden? Hakon kannte nur die Geschichten seines eigenen Stammes. Ich aber war der erste Friese, der auch die Geschichten eines völlig fremden und weit entfernt wohnenden Stammes erfahren sollte! Die Aussicht war so neu und überraschend für mich, dass ich vor Aufregung mit dem Fuß gegen einen Holzeimer stieß, der auf einem Gestell stand. Darunter hockte Onne am Boden und der Inhalt des Eimers ergoss sich auf ihn. Es war Milch.

„Bei Gisolfs Pranke, igitt, was ist denn das?“, hörten wir ihn erschrocken ausrufen.

„Seht nur!“, grölte mein Bruder Menold. „Onne ist der Riese Ymir, der sich von vier Strömen Milch ernährt. Wir müssen alle aufpassen, ob heute Nacht aus seinen Achseln Kinder herauskriechen werden.“

Alles hielt sich die Bäuche vor Lachen, außer Onne, der wie ein begossener Hund aussah. Aber dann stimmte auch er in unsere Freude über mein Missgeschick mit ein. Wir lachten so laut, dass uns die Römer in ihrem Lager vermutlich gehört haben. Falls das so ist, wird unser Lachen großen Eindruck auf sie gemacht haben – weitaus mehr, als wenn wir ihnen mit unseren Schwertern und Lanzen gedroht hätten.

Titus

6 Am anderen Morgen schickte mein Vater Menold, Onne und mich ins Lager der Römer. Die Frostriesen gaben sich an diesem Tag etwas weniger grimmig. Es schneite zwar, aber das merkten wir kaum. Das mag auch daran gelegen haben, dass wir Jungen viel zu aufgedreht und furchtbar neugierig auf das waren, was uns erwartete.

Zunächst stapften wir zielstrebig durch knöcheltiefen Schnee am Strand entlang zur Bucht der Heuler, wo die fremden Schiffe vor Anker gegangen waren. Schon von weitem vernahmen wir das aufgeregte Geschrei von Männern, die mit irgendwelchen Arbeiten beschäftigt waren. Unsere Schritte wurden langsamer, bis Menold, der wie selbstverständlich die ganze Zeit vorausgegangen war, schließlich stehen blieb und sich zu mir umwandte.

„Warum ausgerechnet du, Tore, diesen Titus als Erster kennen lernen sollst, wird mir noch in Walhalla ein Rätsel bleiben. Ich wäre zweifelsohne der geeignetere Abgesandte unserer Sippe gewesen. Aber dieser Römer hat nun einmal dich bevorzugt – wahrscheinlich weil du gerade in seinem Blickfeld standest.“

„Du bist ja so unendlich weise“, gab ich ihm zur Antwort. „Warum bloß habe ich nicht laut gebellt, dann hätte Drusus mich für einen friesischen Köter gehalten und dich statt meiner ausgewählt. Ich gelobe Besserung, Bruderherz!“ Menold würdigte mich keines weiteren Blickes, sondern richtete sein Augenmerk auf das nahe Römerlager.

„Dort vorne sind sie. Was für ein Gewimmel von Menschen!“

„Sie werden uns doch wohl kein Leid zufügen?“, vernahmen wir Onnes zaghafte Stimme.

„Vielleicht schmoren sie ja ihre Feinde in den großen bronzenen Gefäßen dort drüben“, entgegnete Menold grimmig und zeigte auf zwei gewaltige Kübel, die über einer Feuerstelle hingen.

„Glaubst du das wirklich?“ Onne war in der Tat ein großer Angsthase. Seine Stimme zitterte und sein Gesicht war so blass wie das Gefieder einer Schneeeule.

Da ging es mir ganz anders. Fasziniert beobachtete ich das bunte Treiben in und um das römische Lager. Die Soldaten hatten zum Teil hohe Palisaden aufgestellt. Vor wem sich die Römer auf diese Weise schützen wollten, war mir allerdings unklar. Ich hoffte nur, die Soldaten befürchteten nicht, sie könnten von meiner Sippe überfallen und ausgeraubt werden. So dumm würden sie doch wohl nicht sein! Eine ganze Weile rührten wir uns nicht von der Stelle und glotzten wie Rindviecher. Doch irgendwann entdeckten die Soldaten uns. Einige Männer riefen sich gegenseitig etwas zu und zeigten dabei heftig gestikulierend auf uns. Sogleich eilten vier von ihnen in unsere Richtung. Onne wollte sich schon aus dem Staub machen und zum Dorf zurück. Aber Menold hielt ihn am Zipfel seines wollenen Umhangs fest.

„Nicht so eilig! Sie fressen uns schon nicht auf! Außerdem wäre es unklug, ihnen zu zeigen, dass wir uns vor ihnen fürchten! Wobei ich mich natürlich selbst davon ausnehme“, polterte mein Bruder los.

Die Soldaten kamen näher, blieben ein paar Schritte vor uns stehen und musterten uns vom Scheitel bis zur Sohle. Einer von ihnen sagte etwas, aber wir zuckten nur mit den Schultern. Wir verstanden kein Wort. Daraufhin machte der Soldat eine einladende Geste ihm zu folgen. Onne stöhnte leise auf und Menold stieß ihm die Faust in den Rücken, sodass er sich endlich vorwärts bewegte. Gemächlich trotteten wir hinter den Römern her und versuchten so gelassen wie möglich zu wirken.

„Was für seltsame Sachen die am Körper tragen“, murmelte Menold. Ich nickte stumm, weil ich zunächst lieber alles genauer betrachten wollte als zu reden.

Die vier Soldaten brachten uns zum so genannten Prätorium. Das ist das Zelt des Anführers. Wie fast alles, was uns an jenem Tag im Lager begegnete, war auch das Zelt neu und ungewohnt für uns. Ich dachte unentwegt an den geheimen Auftrag meines Vaters und versuchte mir die unbekannten Dinge bestens einzuprägen. „Prätorium“ hatte der Soldat gesagt. Also merkte ich mir das neue Wort. Prätorium heißt Zelt des Häuptlings. Und ein Zelt ist ... Ich ahnte bereits, was Ramgar und die anderen Männer mich am Abend fragen würden. Es würde nicht leicht werden, das Fremde in unserer Sprache zu erklären.

Plötzlich erschien wie aus dem Nichts Nero Claudius Drusus und ich muss zugeben, er kam mir hier noch strahlender vor als in unserem Haus. Ein kurzer Blick auf die drei Jungen vor ihm – und der Römer wusste, wer vor ihm stand.

„Willkommen in meinem Lager, Tore! Ich grüße auch deine beiden Begleiter.“

„Mein Bruder Menold und Onne“, sagte ich brav. „Häuptling Ramgar schickt dir diese Jungen, damit sie deinen Männern zeigen, wo es gutes Holz zu schlagen gibt. Sie kennen sich in der Umgebung bestens aus und können euch auch beim Auffinden von Nahrung behilflich sein.“

Drusus nickte wohlwollend. Aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis wir uns richtig verständigen konnten, denn der Ampsivarier war nicht sofort zur Stelle. Es ärgerte den Anführer der Römer offenbar sehr, dass er auf ihn warten musste, denn er schrie mehrmals wütend den Männern hinterher, denen er zuvor Befehl erteilt hatte, den germanischen Übersetzer augenblicklich zu suchen. Endlich eilte der Mann aus irgendeinem Winkel des Lagers herbei und bemühte sich Verständigung herzustellen.

„Ich stelle dich gleich meinem Neffen Titus vor. Er weiß, dass er dich unterrichten soll, Tore. Wir Römer brauchen viele Verbündete, damit das Reich diesseits und jenseits der Alpen Bestand haben kann. Denn Rom ist ewig und wird für immer blühen.“

Ich nickte artig, aber ich verstand nur einen Bruchteil dessen, was Nero Claudius Drusus mir da sagte. Was, bei Odin, waren Alpen? Ein unbekannter Stamm? Ein Gott? Ich merkte mir das Wort gut, denn ich würde sicherlich zu einem späteren Zeitpunkt danach fragen. Dass dieses Rom, das in jeder Rede mehrmals vorkam, ihr Hauptlager war, hatte ich längst begriffen. Aber anscheinend gefiel es Leuten wie Nero Claudius Drusus dort nicht allzu sehr. Wäre er sonst umhergereist wie Hakon, der Erzähler?

„Salve, Titus!“, hörte ich plötzlich den römischen Häuptling jemanden anreden, der offenbar hinter mir stand. Ich drehte mich um und sah einen dunkelgelockten Jungen – ebenfalls in einem kurzen Frauenkleid. Das muss ich jetzt aber erst einmal erklären. Wir Germanen, ob nun Friesen oder Chauken, Ampsivarier oder Angrivarier, tragen Hosen – jedenfalls die Männer. Im Sommer reichen uns diese Hosen bis an die Knie und im Winter nähen unsere Frauen Füßlinge daran, damit wir nicht frieren müssen. Die Römer jedoch tragen ein kurzes oder langes Kleid, das sie gürten, und darüber einen Umhang. Titus trug wie alle anderen ein knielanges Kleid und darüber einen Mantel mit einer Kapuze daran. Er glich damit einem aus dem Volk der Zwerge, die, wie wir glauben, im Innern der Erde wohnen. Beinahe hätte ich laut losgeprustet, aber ich verkniff es mir gerade noch rechtzeitig. Später hat mir Titus verraten, dass er mich in der Hose auch furchtbar komisch gefunden hatte. Er wusste zwar, dass Germanen solche Kleidungsstücke tragen, aber er hatte sich immer noch nicht an den Anblick gewöhnen können.

Nun standen wir uns also zum ersten Mal gegenüber und musterten uns eingehend. Titus hatte krauses dunkles Haar und war ein wenig kleiner als ich. Er blickte mich hochmütig an. Lag es daran, dass ich anders aussah als er? Ich bin schlank, groß für mein Alter, keineswegs schwächlich und habe langes blondes Haar, das ich zu einem Zopf geflochten trage, ganz so, wie es bei uns Brauch ist.

„Salve! Quid agis?“, sprach er mich an und tat dabei so, als müsste ich ihn verstehen. Heute weiß ich, dass er mich gegrüßt hat und mich zugleich fragte, wie es mir geht. Ich zuckte nur mit den Schultern und schwieg. Wie sollte das bloß weitergehen? Titus wandte sich sogleich mit einem Wortschwall an seinen Onkel Drusus. Auch wenn ich kein Wort verstand, war ich mir sicher, dass es dabei um mich ging. Mein „Sprachlehrer“ schien ganz offensichtlich nichts mit mir zu tun haben zu wollen. Seine Mimik und Gestik sprachen Bände. Aber der römische Häuptling blieb hart, drohte seinem Neffen sogar kurz und kehrte uns dann beiden abrupt den Rücken zu, um in seinem Zelt zu verschwinden. Da standen wir nun und hatten keine Ahnung, was wir miteinander anfangen sollten.\

Titus wäre am liebsten vor mir weggelaufen und ich in mein Dorf zurückgekehrt. Das Problem war nur, dass Titus einen Onkel namens Nero Claudius Drusus hatte und ich einen Vater namens Ramgar. Beide würden nicht das geringste Verständnis für unser Verhalten aufbringen. Aber wie konnten wir das Eis brechen?

Da kam mir plötzlich eine Idee. Ich zeigte zum Wasser und sagte die ersten lateinischen Worte meines Lebens, die ich aus meinem Gedächtnis hervorkramte: „Salve, Titus. Sum Tore. Venite mecum!“ Ohne mich nochmals umzudrehen, ging ich dann langsam in Richtung Meer. Später meinte Titus zu mir, dass das für den Anfang gar nicht schlecht war. Jedenfalls hätte es ihn völlig überrascht, mich in seiner Sprache so mir nichts, dir nichts reden zu hören. Venite sei zwar falsch gewesen, weil damit mehrere Personen gemeint sind, aber er hätte mich dennoch verstanden. „Venite mecum“ hatte der Soldat zu uns gesagt, als er uns außerhalb des Lagers entdeckt hatte. Meine Vermutung, dass es so etwas wie „Folgt mir!“ bedeutet, war also richtig gewesen – Titus folgte mir tatsächlich.

Am Ufer des Meeres zeigte ich ihm eine Stelle, wo es Seehunde gab, und als ich im nassen Sand eine besonders schöne Muschel entdeckte, legte ich sie Titus in die Hand und machte dabei ein Zeichen, dass sie ihm gehöre. Er betrachtete die Muschel von allen Seiten und schob sie dann wortlos hinter seinen Gürtel. Verdammter Römer, knurrte ich innerlich. Wenn er weiterhin so stur blieb, dann gute Nacht, Mani. Was bildete der sich eigentlich ein? Als ob ich Luft für ihn wäre! Vielleicht sollte ich ihn zu einem Ringkampf auffordern, so wie wir Germanen es lieben? Würde er unterliegen, müsste er seinen Starrsinn aufgeben. Würde hingegen ich unterliegen, dann ... aber das war ja Blödsinn. So konnte es auch nicht gehen. Ich stand am Ufer, schaute hinaus auf die spiegelglatte Fläche des Meeres und meine Gedanken rasten. Eine Muschel zu knacken war mitunter leichter als so einen Sturkopf ...

Lustlos hob ich ein flaches Steinchen vom Boden auf und warf es mit aller Kraft auf die glatte Oberfläche des Wassers. Es schlug dort auf, sprang weiter, schlug erneut auf, sprang weiter, schlug wieder auf und flog dann gegen einen algenbesetzten Stein, wo es mit einem hellen „Ping“ schließlich zu Boden fiel.

Und Titus? Ich traute meinen Ohren nicht – aber mein Zuschauer hatte tatsächlich ein überraschtes „Oh“ von sich gegeben. Ich drehte mich jedoch nicht nach ihm um, sondern hob zwei weitere Steinchen auf und warf sie über das Wasser, wo sie zu hüpfen begannen. Wie fängt man Mäuse? Mit Speck! Und störrische, hochmütige römische Jungen? Endlich trat Titus neben mich und versuchte es ebenfalls, allerdings ohne Erfolg. Seine Steine hüpften nicht über die Oberfläche, sondern fielen sofort ins Wasser.

„Komm, ich zeige dir, wie es geht“, sagte ich zu ihm und machte Titus mehrmals vor, wie man die Steine möglichst flach auf die Wasserfläche werfen muss. Sein angespannter Gesichtsausdruck verriet, wie heftig es in ihm arbeitete: Ein Germane brachte ihm, dem stolzen Römer, etwas bei. Das kannte er bislang nicht. Aber schließlich hellten sich seine Züge auf und er lachte mich an. Immer wieder versuchte er sein Glück und schon bald konnte er die Steinchen auch springen lassen.

Endlich war das Eis zwischen uns gebrochen. Wir lachten und warfen unermüdlich Steinchen ins Wasser. Ganz nebenbei lernte ich weitere lateinische Wörter kennen. Bald versuchte ich mich sogar an kleinen Sätzen. Neu war für mich (wie wohl für jeden Germanen), dass man das, was man sagt, auch aufschreiben kann. Wir Germanen kennen nur Runen. Gott Odin hat sie erfunden, aber nur für magische Rituale. Beispielsweise wahrsagen Hagedisen gerne mit Stäbchen aus Buchenholz, in die sie vorher ganz bestimmte Runenzeichen geritzt haben. Aber dass man auch Geschichten oder einzelne Gedanken aufschreiben kann, um sie aufzubewahren oder anderen zum Lesen zu geben, so etwas ist uns Germanen fremd. Ich erkannte jedoch sogleich den großen Vorteil, der darin liegt, und lernte in den darauf folgenden Tagen und Wochen begierig Sprache und Schrift der Römer. Und Titus half mir dabei.

„Was ist das?“, fragte ich und zeigte auf seine mir ungewohnte Kleidung. „Eine Tunika“, antwortete er. „Und was ist das?“, wollte er jetzt von mir wissen und tippte dabei mit dem Finger auf meinen rechten Oberschenkel. „Braca!“, erklärte ich ihm. Es war unglaublich, aber die Römer kannten tatsächlich kein Wort für unsere Hosen! So ging es hin und her. Geschrieben wurde im Sand. Wir hatten viel Spaß mit unserer Unterschiedlichkeit und lernten uns allmählich besser kennen. Titus hatte bislang noch nie einen Germanen in meinem Alter gesehen, obwohl, wie ich erfuhr, Germanen aus verschiedenen Stämmen im römischen Heer dienten. Aber das waren alles gestandene Männer. Titus erzählte mir auch von seinem Onkel Drusus, auf den er sehr stolz ist.

„Nero Claudius Drusus ist der Stiefsohn des Augustus. Augustus ist der große, mächtige römische Kaiser. Ihm unterstehen tausende von Soldaten. Mein Onkel ist Statthalter der gallischen Provinzen gewesen und nun Oberbefehlshaber an der Rheingrenze zum Land der Germanen. Drusus will Germanien befrieden und nur deshalb sind wir hier. Wir wollen nicht eure Feinde sein. Um mit unseren großen Schiffen nach Norden rudern zu können, hat mein Onkel zuvor einen Kanal zwischen dem Rhein und einem großen See bauen lassen, den wir Flevo Lacus nennen. Von diesem See, der mit dem Meer verbunden ist, sind wir mit unseren Schiffen an eure Küste gelangt.“

Ich gebe zu, dass ich nicht alles sofort begriff, außer das eine: Das Reich der Römer ist riesengroß. Wie aber hatte ich mir einen Kaiser vorzustellen? Wie meinen Vater, den Häuptling der Wolfssippe, nur mit weitaus mehr Leuten um sich? Was ein Kanal war, konnte ich ungefähr erahnen. Wir Friesen durchziehen das Gelände mit vielen kleinen Gräben, die wir Baljen nennen, damit sich darin das Wasser sammeln und zum Meer hin abfließen kann. Unser Land ist feucht wie ein nasser Lappen. Ein Kanal, von dem Titus berichtete, war offensichtlich um ein Vielfaches größer als solch ein Graben, wenn sogar riesige Schiffe, wie sie die Römer besitzen, auf ihm gerudert werden konnten. Das konnte ich mir in der Tat kaum ausmalen und jeder andere Friese an der Küste sicherlich auch nicht.

Als wir eines Nachmittags am Meer entlangschlenderten, zeigte Titus auf einmal auf frische Spuren im Schnee und im vom Wind freigelegten Sand. Tierspuren, ganz eindeutig. Aber welches Tier hatte so große Tatzen? Ein Bär? Aber die hielten doch noch Winterschlaf. Ein Wolf? Falls ja, musste es ein Riese von Tier sein. Die seltsame Fährte verlief bis ans Meer und verschwand dort spurlos; Als ob sie von einem Wesen stammte, das sowohl im Wasser als auch an Land zu Hause ist. Seltsam – ich konnte das Rätsel nicht lösen und Titus ebenso wenig. Während wir unseren Blick so über die Weite des Meeres schweifen ließen, kam ein frischer Wind auf und Titus wollte wieder zurück ins Lager. Aber ich machte ihm einen besseren Vorschlag.

„Komm mit zu mir nach Hause. Dort ist es warm und wir werden einen heißen Saft trinken.“

Zunächst zögerte Titus etwas, aber dann willigte er doch ein. Und das war eine gute Entscheidung! Meine Mutter Wilburga bot ihrem römischen Gast einen Trinkbecher mit heißem Brombeersaft an. Dazu reichte sie frische Fladen, die sie zuvor im Herdfeuer gebacken hatte. Mit etwas Honig darauf schmecken sie fantastisch. Wir hockten uns vor das Feuer, dessen Qualm als zitternde Rauchfahne zur Uhlenflucht aufstieg, bevor er nach draußen in die Kälte abzog.

„Wir werden einen harten Winter bekommen. Die Macht der Frostriesen ist in diesem Jahr besonders stark“, meinte meine Mutter, während ihr Blick sorgenvoll auf die Tür unseres Hauses gerichtet war. Ich versuchte Titus zu übersetzen, was meine Mutter bedrückte. Harte Winter bedrohen bei uns immer Mensch und Tier.

„Bei uns in Rom scheint fast immer die Sonne, Tore. Ihr führt hier ein ganz schön hartes Leben. Diese Nässe und Kälte, diese dunklen großen Wälder und dann gibt es nicht einmal richtige Straßen, auf denen man schnell vorankommt.“

Ich schaute ihn überrascht an. „Wer will schon schnell vorankommen, wenn man unterwegs ist? Man kann ja nicht das Land kennen lernen, wenn man nicht langsam geht und sich dabei alles unterwegs einprägt.“

„Ihr Germanen seid wirklich seltsame Menschen“, meinte Titus mit einem Lächeln. „Wenn du jemals nach Rom kommen würdest, dann bliebst du für immer dort. Sponsio. Das wette ich.“

Was wollte er bloß? Ich konnte das Wort „sponsio“ nicht in unsere Sprache übertragen. Titus nahm noch einen Schluck vom köstlichen Brombeersaft und versuchte es mir zu erklären.

„Ich sage, du wirst für immer in Rom bleiben, weil es der schönste Platz auf der Welt ist.“

Ich schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Das denke ich nicht!“

„Eben! Deshalb verneinst du und behauptest das Gegenteil!“

„So ist es!“

„Ich bleibe bei meiner Behauptung und fordere einen Wetteinsatz. Was ist das Kostbarste, das du besitzt, Tore?“

Ich zögerte für einen Moment. Dann kramte ich aus dem kleinen Beutel an meinem Gürtel einen gelblich braunen Bernstein heraus, in dem ein Insekt eingeschlossen war.

„Den habe ich von meinem Großvater geschenkt bekommen, kurz bevor er starb. Er ist sehr kostbar für mich.“

„Er sieht geheimnisvoll aus und leuchtet wunderschön“, antwortete Titus und hielt den Bernstein so, dass sich das Licht des Feuers darin spiegelte. Dann blickte er mich plötzlich ganz ernst an.

„Gut, Tore. Eine Wette sieht nun so aus, dass du diesen Stein an mich abgeben musst, wenn ich mit meiner Behauptung Recht habe.“

Ich erschrak – nie würde ich Großvaters Stein weggeben! Aber dann fiel mir ein, dass ich bestimmt niemals nach Rom kommen würde, um festzustellen, ob Titus nun gewinnen würde oder nicht. Erleichtert nahm ich ihm den Bernstein wieder aus der Hand.

„Willst du denn gar nicht wissen, was ich dir geben muss, falls ich verliere?“

„Äh, ja, natürlich“, erwiderte ich, weil ich an diese Möglichkeit zunächst gar nicht gedacht hatte.

„Also, was ist dein Kostbarstes, Titus?“ Ich war ehrlich gespannt. Mein römischer Freund kramte in seiner Tunika und zog schließlich zwei seltsame Dinge aus irgendeiner Falte hervor. Er legte sie auf den mit Robbenfellen und Heu bedeckten Fußboden. Was war das bloß? Es war gelblich weiß, sah aus wie ein kleiner quadratischer Stein und hatte verschiedene schwarze Punkte auf den insgesamt sechs Seiten. Vorsichtig nahm ich die beiden seltsamen „Steinchen“ in meine rechte Hand und betrachtete sie eingehend.

„Alea!“, sagte Titus stolz und ich merkte, dass diese Alea für ihn ein kostbarer Schatz waren. „Wenn ich verliere, gehören sie dir. Sie sind aus Elfenbein gemacht, dem Horn der Elefanten“, erklärte er. „Mein Onkel Drusus hat sie mir an meinem letzten Geburtstag geschenkt. Sie sind etwas Besonderes.“

„Was macht man damit?“

„Würfeln! Spielen! Gewinnen und Verlieren!“

Ich verstand kein Wort.

„Canis ist der schlechteste Wurf. Zweimal die Eins. Venus der beste – zweimal die Sechs. Bei vier Würfeln gilt die Regel doppelt. In Rom sind alle Kinder verrückt nach Würfelspielen. Jeder kennt dort den ‚verfluchten Hund‘, den Canis, und den ‚Glück verheißenden Sechser‘, die Venus.“

Ich schob die Würfel fasziniert in meiner Handfläche hin und her. Schwarze Kreise markierten die verschiedenen Seiten. Diese Würfel sahen geheimnisvoll aus. Ob man damit zaubern konnte, so wie Alrun mit ihren Runenstäbchen?

Ich fragte Titus sogleich.

Der fand meine Frage äußerst komisch und prustete los: „Bei Jupiter, nein, Tore, nur spielen.“

„Aber wie?“

„Pass auf! Ich zeig’s dir.“

Er nahm die Würfel in seine Hände und schüttelte sie mehrmals. Dann ließ er sie auf den Boden fallen. Sie zeigten drei und fünf Kreise.

„Zusammen ergibt das eine Acht. Jetzt du.“

Ich hob die Würfel auf und machte es Titus nach. Schütteln, fallen lassen ... und ... auf beiden Würfeln sechs Kreise!

„Heh! Du Glücklicher! Das ist dein erster Wurf und dann gleich zwei Glück verheißende Sechser. Eine Venus! Du hast gewonnen. Spielten wir jetzt um Geld, so wäre ich glatt einen Denar los. Fortuna steht dir offensichtlich bei!“

Ich lächelte ihn an, auch wenn ich wieder nur die Hälfte von dem verstanden hatte, was er in seiner freudigen Aufregung von sich gegeben hatte. Wir würfelten weiter und ich muss zugeben, dass mir das Spiel mehr und mehr gefiel.

„So vertreiben wir uns in Rom oder im Lager die Zeit. Die Soldaten spielen dabei jedes Mal um etwas. Manche sind durch die Würfel zu Bettlern geworden.“

Während sich draußen ein Sturm über unserem Land austobte, der kräftig an Giebel und Hausdach rüttelte, hockten Titus und ich auf den Robben- und Bärenfellen am wärmenden Herdfeuer, tranken heißen Brombeersaft und würfelten, als gäbe es nichts anderes auf der Welt.

Wir waren vollkommen in unser Spiel vertieft, als sich plötzlich die Tür öffnete und mein Vater mit drei weiteren Männern zu uns ins Haus gestürmt kam.

„Was macht ihr da? Zauberei?“, rief mein Vater noch völlig außer Atem.

„Das ist doch nur ein Spiel, Ramgar!“, erklärte meine Mutter. „Störe die Jungen nicht!“

„Spiel? Was für ein Spiel? Für mich sieht das viel eher danach aus, als beschwörten sie die Geister der Toten.“

„Das sind Würfel, Ramgar!“

„Was?“

„Würfel!“

„Ich weiß nicht, was du redest. Ich kenne so etwas nicht!“

„Titus hat es mir gezeigt. Das machen die Soldaten von Drusus auch“, warf ich hastig ein, bevor ich erneut die Würfel fallen ließ.

„Und das beschwört keine Geister?“

„Nein! Man kann nur gewinnen oder verlieren.“

„Was?“

Mein Vater starrte uns verständnislos an.

„Haus und Frau, die eigenen Kinder und den gesamten Besitz“, sagte Titus ganz ruhig.

„Was hat er gesagt?“, fragte Ramgar mich nervös.

Ich übersetzte Wort für Wort.

„Bei den Göttern“, entfuhr es daraufhin meinem entsetzten Vater. „Das ist ja elend!“

„Aber schau doch mal, Ramgar“, meinte jetzt Thoralf. „Es sieht ganz interessant aus. Es geht darum, wer mehr von diesen dunklen Kreisen auf diesen ... äh, Dingern wirft.“

„Meinst du wirklich?“

„Ja, ich glaube, er hat Recht“, mischte sich nun auch Birger ein. „Das könnte Spaß machen, wie man an den beiden Jungen sieht. Darf ich es auch mal versuchen?“

Ich fragte Titus und der hielt ihm die Würfel hin. Der Bann war gebrochen. Auf einmal wollten auch Ramgar und Thoralf mitspielen.

„Fein!“, sagte Titus zufrieden. „Mit mehreren Spielern macht es ohnehin mehr Spaß.“

Und so kam es, dass im Haus eines Friesen zum ersten Mal ein Würfelspiel stattfand. Alle waren am Ende begeistert, lachten, fluchten, wenn sie verloren, und klatschten sich auf die Schenkel bei einem guten Wurf.

„Und das spielen auch eure Soldaten, Titus?“

Mein Vater wollte es immer wieder von ihm hören.

„Ja, vor allem, wenn ihnen langweilig ist. Aber auch sonst.“

„Kann ich verstehen“, brummte Ramgar zufrieden und machte den nächsten Wurf ... Thoralf und Birger kreischten vor Vergnügen, denn Ramgar hatte zwei Einser gewürfelt – den Canis – und somit verloren.

Am Abend begleitete ich Titus zum Lager der Römer zurück. Es schneite erneut leicht und Titus zog seinen wollenen Kapuzenmantel enger um seinen schmalen Oberkörper. Wie fremd musste ihm unser raues Winterwetter doch sein!

„Warum ist dein Onkel nicht viel früher im Jahr mit seinen Schiffen zu uns aufgebrochen?“, fragte ich ihn.

„Ich glaube, er hat nicht damit gerechnet, dass es so schnell Winter werden könnte.“

„Da hätte er vorher mal besser meine Mutter Wilburga gefragt. Sie fühlt immer im linken Knie, wie hart uns Schnee und Eis treffen werden. Für dieses Jahr hat sie den Fimbulwinter vorausgesagt. Das bedeutet, dass es besonders schlimm für Mensch und Tier kommen wird.“

„Das wird meinem Onkel sicherlich nicht gefallen“, meinte Titus traurig.

„Unsere Sippe wird euch nicht im Stich lassen“, versuchte ich meinen Freund aufzumuntern. „Wir sind raue Tage an der Küste gewöhnt.“

Im Lager der Römer stießen wir auf Onne und den „kleinen Häuptling“ Menold.

„Na, wie war dein Tag bei den Römern?“, wollte ich von meinem älteren Bruder wissen.

„Wir haben ihnen gezeigt, wo man die fettesten Wildschweine jagt. Aber ich muss schon sagen, die Römer sind ziemlich ungeschickt im Gelände. Die Schweine haben sie schon von weitem gehört und sich im Unterholz versteckt. Aber ich habe die Tiere schließlich doch noch für sie aufgespürt“, berichtete Menold stolz. „Ohne mich wären die Männer verhungert. Und du, was hältst du von ihnen?“

„Sie kennen so vieles. Beispielsweise Würfeln und Wetten.“

Menold sah mich an, als ob ich mich plötzlich in Goldemar, den Zwergenkönig, verwandelt hätte. Er verstand kein Wort. Und so versuchte ich ihm und Onne auf dem Nachhauseweg mit viel Geduld zu erklären, was ich an diesem besonderen Tag gelernt hatte.

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