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Fjodor M Dostojewski

Aufzeichungen aus einem Totenhaus

Übersezt von Hermann Röhl

Saga

Aufzeichungen aus einem Totenhaus

Übersezt von Hermann Röhl

Titel der Originalausgabe: Zapiski iz podpolʹja

Originalsprache: Russischen

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1864, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726981476

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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Einleitung

In den entfernten Gebieten Sibiriens, mitten unter Steppen, Bergen oder unwegsamen Wäldern, findet man ab und zu kleine Städte mit ein- höchstens zweitausend Einwohnern, aus Holz erbaut und unansehnlich, mit zwei Kirchen – die eine in der Stadt und die andere auf dem Friedhofe, – Städte, die eher einem größeren Kirchdorf in der Nähe Moskaus als einer wirklichen Stadt gleichen. Sie sind gewöhnlich mit einer genügenden Anzahl von Isprawniks, Assessoren und sonstigen subalternen Beamten versehen. Im allgemeinen ist der Dienst in Sibirien, trotz der Kälte, für die Beamten außerordentlich behaglich. Es leben da einfache, nicht liberale Menschen, und herrschen alte, festgefügte, von Jahrhunderten geheiligte Sitten. Die Beamten, die mit Recht die Rolle eines sibirischen Adels spielen, sind entweder eingeborene, eingefleischte Sibirier oder sind aus dem europäischen Rußland, zum größten Teil aus den Hauptstädten, zugezogen, von den Reisevorschüssen, die niemals verrechnet werden, den doppelten Vorspanngeldern und rosigen Hoffnungen auf die Zukunft verlockt. Diejenigen von ihnen, die des Lebens Rätsel zu lösen verstehen, bleiben für immer in Sibirien und fassen dort mit Genuß Wurzeln. Diese bringen später reiche und süße Früchte. Aber die anderen, die leichtsinnigen, die des Lebens Rätsel nicht zu lösen verstehen, haben von Sibirien bald genug und fragen sich mit Qual: »Warum sind wir eigentlich hergekommen?« Sie absolvieren mit Ungeduld die gesetzliche dreijährige Dienstzeit, nach deren Verlauf sie sich sogleich um eine Versetzung bemühen, und kehren heim, auf Sibirien schimpfend und es verspottend. Sie sind im Unrecht: nicht nur in Ansehung des Dienstes, sondern auch in verschiedenen anderen Hinsichten kann man in Sibirien wohl ein glückliches Leben führen. Das Klima ist vorzüglich; es gibt viele außerordentlich reiche und gastfreundliche Kaufleute und auch viele vermögende Fremdstämmige. Die jungen Mädchen blühen wie die Rosen und sind im höchsten Grade tugendhaft. Das Wildbret fliegt in den Straßen herum und stößt von selbst auf den Jäger. Champagner wird in unnatürlichen Mengen getrunken. Die Ernte ist stellenweise fünfzehnfach . . . Es ist überhaupt ein gesegnetes Land. Man muß nur verstehen, seinen Nutzen daraus zu ziehen. Und in Sibirien versteht man sich darauf.

In einem solcher lustigen selbstzufriedenen Städtchen mit der liebenswürdigsten Bevölkerung, die eine unauslöschliche Erinnerung in meinem Herzen zurückließ, lernte ich einen gewissen Alexander Petrowitsch Gorjantschikow kennen, einen Ansiedler, der im europäischen Rußland als adeliger Gutsbesitzer geboren, wegen der Ermordung seiner Frau zu Zwangsarbeit zweiter Klasse nach Sibirien verbannt worden war und nach Abbüßung der gesetzlichen zehnjährigen Strafzeit ein stilles und bescheidenes Leben als Ansiedler im Städtchen K. fristete. Eigentlich war er nach einer in der Nähe dieser Stadt gelegenen Dorfgemeinde zuständig, wohnte aber in der Stadt, wo er die Möglichkeit hatte, durch Unterricht von Kindern seinen Lebensunterhalt zu verdienen. In den sibirischen Städten trifft man oft als Lehrer solche ehemalige Verbannte; man hat hier keinerlei Vorurteile gegen sie. Sie unterrichten vorwiegend in der französischen Sprache, die im Leben so dringend notwendig ist und von der man, ohne sie, in den entlegenen Gegenden Sibiriens keine Ahnung gehabt hätte. Ich traf Alexander Petrowitsch zum erstenmal im Hause eines alten verdienten und gastfreundlichen Beamten, Iwan Iwanytsch Gwosdikow, welcher fünf Töchter verschiedenen Alters hatte, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigten. Alexander Petrowitsch gab ihnen Unterricht, viermal in der Woche zu dreißig Kopeken in Silber für die Stunde. Sein Äußeres weckte mein Interesse. Er war ein außerordentlich blasser und hagerer Mann, noch nicht alt, von etwa fünfunddreißig Jahren, klein und schwächlich. Er kleidete sich immer sehr sauber und nach europäischer Art. Wenn man mit ihm ein Gespräch begann, so sah er einen außerordentlich durchdringend und aufmerksam an und hörte mit strenger Höflichkeit zu, als sinne er über jedes Wort nach, als sähe er in jeder an ihn gerichteten Frage eine Aufgabe, oder als wolle man ihm irgendein Geheimnis entlocken. Schließlich antwortete er klar und kurz, aber jedes Wort dermaßen abwägend, daß man sich plötzlich aus irgendeinem Grunde geniert fühlte und schließlich froh war, wenn das Gespräch ein Ende nahm. Ich erkundigte mich über ihn schon damals bei Iwan Iwanytsch und erfuhr, daß Gorjantschikow ein tadelloses und sittliches Leben führte; sonst würde Iwan Iwanytsch seine Töchter nicht von ihm unterrichten lassen; er sei aber furchtbar menschenscheu, gehe allen aus dem Wege, sei außerordentlich gebildet, lese viel, spreche aber sehr wenig, und es sei außerordentlich schwer, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Andere behaupteten, er sei entschieden verrückt, obwohl sie es im Grunde genommen für keinen so großen Fehler hielten; viele der angesehenen Bewohner der Stadt seien bereit, Alexander Petrowitsch auf die freundlichste Weise zu behandeln, er könne sogar nützlich sein und verstünde Bittgesuche aufzusetzen usw. Man nahm an, daß er anständige Verwandte in Rußland habe, die vielleicht nicht zu den unbedeutendsten Menschen gehörten, aber man wußte, daß er seit seiner Verbannung alle Beziehungen zu denselben abgebrochen hatte, kurz, daß er sich selbst schädigte. Außerdem kannten bei uns alle seine Geschichte und wußten, daß er seine Frau im ersten Jahr des Ehelebens aus Eifersucht ermordet und sich dann selbst angezeigt hatte (was das Strafmaß bedeutend gemildert hatte). Solche Verbrechen werden aber stets als Unglücksfälle angesehen und erregen Mitleid. Trotz alledem ging aber der Sonderling allen hartnäckig aus dem Wege und erschien unter Menschen nur, um Stunden zu geben.

Anfangs schenkte ich ihm keine besondere Beachtung, aber er fing mich allmählich zu interessieren an, ich weiß selbst nicht warum. Es war in ihm etwas Rätselhaftes. Mit ihm richtig ins Gespräch zu kommen, war absolut unmöglich. Natürlich gab er auf alle meine Fragen immer Antwort und sogar mit solcher Miene, als hielte er es für seine allererste Pflicht; aber nach seinen Antworten war es mir irgendwie schwer, ihn weiter auszufragen; auch drückte sein Gesicht nach einem solchen Gespräch immer Qual und Ermüdung aus. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal an einem schönen Sommerabend mit ihm von Iwan Iwanytsch ging. Plötzlich fiel mir ein, ihn für eine Weile zu mir einzuladen, um eine Zigarette zu rauchen. Ich kann gar nicht beschreiben, was für ein Schrecken sich da auf seinem Gesichte zeigte; er verlor ganz die Fassung, fing an, irgendwelche unzusammenhängende Worte zu stammeln, warf mir plötzlich einen gehässigen Blick zu und rannte in die entgegengesetzte Richtung davon. Ich war sogar erstaunt. Von nun an sah er mich bei jeder neuen Begegnung erschrocken an. Ich beruhigte mich aber nicht; etwas an ihm zog mich an, und etwa vier Wochen später ging ich so ganz ohne jeden Anlaß selbst zu Gorjantschikow. Natürlich war es dumm und taktlos von mir. Er wohnte am äußersten Ende der Stadt bei einer alten Kleinbürgerin, die eine schwindsüchtige Tochter hatte; diese hatte aber ein uneheliches Kind, ein etwa zehnjähriges, hübsches und heiteres Mädelchen. Alexander Petrowitsch saß, als ich kam, mit der Kleinen und unterrichtete sie im Lesen. Als er mich erblickte, geriet er in solche Verwirrung, als hätte ich ihn bei einem Verbrechen ertappt. Er verlor alle Fassung, sprang vom Stuhle auf und sah mich starr an. Endlich nahmen wir Platz; er verfolgte aufmerksam jeden meiner Blicke, als witterte er in jedem von ihnen einen besonderen geheimnisvollen Sinn. Ich merkte, daß er mißtrauisch war bis zum Wahnsinn. Er sah mich mit Haß an und schien mich fragen zu wollen, ob ich nicht bald weggehen würde. Ich brachte das Gespräch auf unser Städtchen und auf die laufenden Neuigkeiten; er schwieg und lächelte gehässig; es zeigte sich, daß er die allergewöhnlichsten, allen bekannten städtischen Neuigkeiten nicht nur nicht kannte, sondern sich für sie nicht einmal interessierte. Dann sprach ich vom Land, in dem wir wohnten, und von seinen Bedürfnissen; er hörte mir schweigend zu und sah mir so merkwürdig in die Augen, daß ich mich plötzlich dieses Gesprächs schämte. Übrigens gelang es mir fast, ihn durch die neuen Bücher und Zeitschriften, die ich bei mir hatte, in Versuchung zu bringen; sie waren soeben mit der Post angekommen, und ich bot sie ihm noch unaufgeschnitten an. Er warf auf sie einen gierigen Blick, gab aber sofort seine Absicht auf und wies mein Angebot zurück, mit der Ausrede, daß er keine Zeit habe. Endlich verabschiedete ich mich von ihm und fühlte, als ich ihn verlassen hatte, wie mir ein schwerer Stein vom Herzen gefallen war. Ich schämte mich, und es erschien mir außerordentlich dumm, einem Menschen nachzulaufen, der es sich zur Hauptaufgabe gemacht hatte, sich so weit wie möglich von der gesamten Welt zu verstecken. Aber es war einmal geschehen. Ich erinnere mich, daß ich bei ihm fast gar keine Bücher gesehen habe; folglich stimmte es nicht, wenn man sagte, daß er viel lese. Als ich aber ein paarmal zu einer sehr späten Nachtstunde an seinen Fenstern vorüberfuhr, sah ich in ihnen Licht. Was mochte er treiben, wenn er so bis zur Morgendämmerung aufblieb? Vielleicht schrieb er? Und wenn ja, was mochte er schreiben?

Die Umstände hielten mich an die drei Monate von unserem Städtchen fern. Als ich im Winter zurückkehrte, erfuhr ich, daß Alexander Petrowitsch im Herbste gestorben war, und zwar in voller Einsamkeit, ohne auch nur einmal einen Arzt gerufen zu haben. Im Städtchen hatte man ihn fast gänzlich vergessen. Seine Wohnung stand leer. Ich machte unverzüglich die Bekanntschaft der Wirtin des Verstorbenen, in der Absicht, von ihr zu erfahren, womit sich ihr Mieter eigentlich beschäftigt oder ob er nicht etwas geschrieben habe. Für ein Zwanzigkopekenstück brachte sie mir einen ganzen Korb Papiere, die der Verstorbene hinterlassen hatte. Die Alte gestand mir, daß sie zwei Hefte bereits aufgebraucht hatte. Sie war ein mürrisches und wortkarges Frauenzimmer, aus dem man schwer etwas herausbringen konnte. Über ihren Mieter vermochte sie mir nichts Neues zu erzählen. Nach ihren Worten hatte er fast nie etwas getan und monatelang weder ein Buch aufgeschlagen, noch eine Feder zur Hand genommen; dafür sei er nächtelang in seinem Zimmer auf und ab gegangen und habe über etwas nachgedacht, zuweilen sogar mit sich selbst gesprochen: er hätte ihre Enkeltochter Katja sehr lieb gewonnen und sei immer freundlich zu ihr gewesen, besonders nachdem er erfahren hatte, daß sie Katja heiße; am Katherinentag sei er stets in die Kirche gegangen und habe eine Totenmesse lesen lassen. Gäste hätte er nicht leiden können; das Haus habe er nur verlassen, um Stunden zu geben; er hätte sogar sie, die Alte, selbst scheel angesehen, wenn sie einmal in der Woche zu ihm gekommen sei, um sein Zimmer ein wenig aufzuräumen, und habe zu ihr in den ganzen drei Jahren fast kein einziges Wort gesprochen. Ich fragte Katja, ob sie sich ihres Lehrers erinnere. Sie sah mich schweigend an, wandte sich dann zur Wand und fing zu weinen an. Also hat es dieser Mensch doch vermocht, in jemand Liebe zu erwecken.

Ich nahm seine Papiere mit und wühlte in ihnen einen ganzen Tag. Drei Viertel davon waren leere unbedeutende Fetzen oder Schreibübungen seiner Schüler. Aber es fand sich auch ein Heft dabei, recht umfangreich, eng vollgeschrieben und unvollendet, vielleicht vom Verfasser selbst aufgegeben und vergessen. Es war eine, wenn auch zusammenhanglose Beschreibung des zehnjährigen Zuchthauslebens, das Alexander Petrowitsch abgebüßt hatte. Stellenweise war diese Beschreibung durch einen anderen Bericht unterbrochen, durch seltsame, schreckliche Erinnerungen, hastig und krampfhaft, wie unter einem Zwange hingeworfen. Ich las diese Bruchstücke einigemal durch und gewann fast die Überzeugung, daß sie im Wahnsinn geschrieben worden seien. Aber die Zuchthausaufzeichnungen, – »Szenen aus einem toten Hause«, – wie der Autor sie selbst an einer Stelle seines Manuskripts nannte, – erschienen mir nicht ganz uninteressant. Eine gänzlich neue, bisher unbekannte Welt, die Seltsamkeit mancher Tatsachen, einige besondere Bemerkungen über verlorene Menschen – all das fesselte mich, und ich las vieles mit Interesse. Natürlich kann ich mich auch irren. Aber ich wähle zur Probe erst zwei oder drei Kapitel aus; mag das Publikum selbst urteilen . . .

Erster Teil

I

Das tote Haus

Unser Zuchthaus lag am Rande der Festung, dicht am Festungswall. Wenn man zuweilen einen Blick durch die Spalten im Zaune auf die Welt Gottes warf, – ob man nicht etwas von ihr sehen könne, – so sah man nur ein Stückchen Himmel und den hohen, von Unkraut überwucherten Festungswall, auf dem Tag und Nacht Wachtposten auf und ab gingen; und man dachte sich dann: es werden noch ganze Jahre vergehen, und wenn man wieder einmal einen Blick durch eine Spalte im Zaune wirft, wird man den gleichen Wall, die gleichen Wachtposten und das gleiche Stückchen Himmel sehen, nicht den Himmel, der über dem Zuchthause ist, sondern einen anderen, freien, fernen Himmel. Man denke sich einen großen Hof, zweihundert Schritt lang und hundertfünfzig Schritt breit, von allen Seiten von einem hohen Palisadenzaun in Form eines unregelmäßigen Sechseckes umgeben, d. h. von einem Zaun aus hohen, senkrechten, tief in die Erde eingegrabenen, mit den Kanten fest zusammengefügten, durch Querbalken verstärkten und oben zugespitzten Pfählen; das ist die äußere Umzäunung des Zuchthauses. An der einen Seite dieser Umzäunung ist ein festes Tor angebracht, das immer verschlossen ist und Tag und Nacht von Posten bewacht wird; es wird nur auf besonderen Befehl geöffnet, um die Sträflinge zur Arbeit hinauszulassen. Hinter diesem Tore lag die helle freie Welt, wo Menschen wie Menschen lebten. Aber diesseits der Umzäunung stellte man sich jene Welt als ein unerfüllbares Märchen vor. Hier war eine eigene Welt, die keiner anderen ähnlich sah; hier waren eigene Gesetze, eine eigene Tracht, eigene Sitten und Gebräuche, ein Haus für lebende Tote, ein Leben, wie sonst nirgends, und eigene Menschen. Diesen eigentümlichen Winkel will ich nun beschreiben.

Wenn man in die Umzäunung tritt, so erblickt man innerhalb derselben mehrere Gebäude. Zu beiden Seiten des breiten Innenhofes ziehen sich zwei lange einstöckige aus runden Balken erbaute Flügel hin. Das sind die Kasernen. In ihnen leben die Sträflinge nach Kategorien verteilt. In der Tiefe des Hofes liegt noch ein drittes Haus, ebenfalls aus runden Balken: es ist die in zwei Betriebe geteilte Küche; weiter liegt noch ein Gebäude, das unter demselben Dache die Keller, Speicher und Schuppen vereinigt. Die Mitte des Hofes ist leer und bildet einen ebenen, ziemlich geräumigen Platz. Hier stellen sich die Sträflinge in Reih und Glied auf, hier findet morgens, mittags und abends die Kontrolle und der Appell statt, manchmal sogar noch einigemal am Tage, je nach der Gewissenhaftigkeit der Wache und deren Geschicklichkeit im raschen Zählen. Ringsum zwischen den Gebäuden und dem Zaune bleibt noch ein ziemlich großer freier Raum. Hier, hinter den Gebäuden, pflegen diejenigen Sträflinge, die besonders scheu und düster sind, in der arbeitsfreien Zeit, von allen Blicken geschützt, auf und ab zu wandern und ihren Gedanken nachzugehen. Wenn ich ihnen bei ihren Spaziergängen begegnete, betrachtete ich gerne ihre finsteren, gebrandmarkten Gesichter und bemühte mich, ihre Gedanken zu erraten. Es war ein Sträfling darunter, dessen Lieblingsbeschäftigung darin bestand, in der freien Zeit die Palisadenpfähle zu zählen. Es waren ihrer an die anderthalbtausend, und er kannte jeden einzelnen Pfahl ganz genau. Jeder von ihnen bedeutete für ihn einen Tag; jeden Tag zählte er einen Pfahl ab und konnte auf diese Weise nach der Menge der noch nicht abgezählten Pfähle ersehen, wieviel Tage er noch bis zum Ablauf der Straffrist im Zuchthause bleiben mußte. Er freute sich aufrichtig, wenn eine der Seiten des Sechsecks erledigt war. Er hatte noch viele Jahre zu warten, aber im Zuchthause hatte man Zeit, um Geduld zu lernen. Einmal sah ich, wie ein Arrestant, der zwanzig Jahre in der Zwangsarbeit verbracht hatte und nun in die Freiheit gelassen wurde, sich von seinen Kameraden verabschiedete. Es gab Leute, die sich noch erinnerten, wie er zum erstenmal das Zuchthaus betreten hatte, jung, sorglos, ohne an sein Verbrechen und an die Strafe zu denken. Nun ging er als ergrauter Greis mit düsterem und traurigem Gesicht in die Freiheit. Schweigend machte er die Runde durch alle unsere sechs Kasernen. Beim Eintritt in jede Kaserne, verrichtete er erst ein kurzes Gebet vor den Heiligenbildern, verbeugte sich dann tief vor den Kameraden und bat sie, seiner nicht im Bösen zu gedenken. Ich erinnere mich auch, wie ein Arrestant, ein ehemaliger vermögender sibirischer Bauer eines Abends vor das Tor gerufen wurde. Ein halbes Jahr vorher hatte er die Nachricht erhalten, daß seine frühere Frau sich verheiratet habe, und das hatte ihn sehr betrübt. Nun war sie selbst am Zuchthause vorgefahren, hatte ihn herausrufen lassen und ihm ein Almosen gereicht. Sie sprachen an die zwei Minuten miteinander, weinten ein wenig und nahmen dann für immer Abschied. Ich sah sein Gesicht, als er in die Kaserne zurückkehrte . . . Ja, an diesem Orte konnte man Geduld lernen.

Wenn es dunkelte, wurden wir alle in die Kasernen gebracht und für die ganze Nacht eingesperrt. Es fiel mir immer schwer, aus dem Freien in die Kaserne zurückzukehren. Es war ein langer, niederer Raum, spärlich von Talglichtern erleuchtet, mit einem schweren, stickigen Geruch. Jetzt kann ich nicht begreifen, wie ich darin die zehn Jahre habe aushalten können. Auf der Pritsche hatte ich drei Bretter zu meiner Verfügung: das war mein ganzer Raum. Auf der gleichen Pritsche lagen in unserem Zimmer allein an die dreißig Menschen. Im Winter wurde die Kaserne schon früh geschlossen, und es dauerte an die vier Stunden, bis alle eingeschlafen waren. Bis dahin war aber ein Lärm, ein Geschrei, ein Lachen, ein Geschimpfe, Klirren von Ketten, Qualm und Dunst; ein Gewirr von rasierten Köpfen, gebrandmarkten Gesichtern, gescheckten Kleidern, alles geächtet und gezeichnet . . . ja, der Mensch ist eben zäh! Der Mensch ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt, und ich glaube, daß dies die beste Definition für ihn ist.

Wir waren unser im Zuchthause im ganzen an die zweihundertfünfzig Mann; diese Zahl blieb fast immer unverändert. Die einen kamen, die anderen büßten ihre Zeit ab und gingen, die dritten starben. Und was für Leute gab es da nicht alles! Ich glaube, jedes Gouvernement, jedes Gebiet Rußlands hatte hier seine Vertreter. Es gab auch einige Fremdstämmige, sogar einige Verbannte aus den kaukasischen Bergvölkern. Alle waren nach dem Grade ihrer Verbrechen eingeteilt, folglich auch nach der Zahl der Jahre, die ihnen für ihre Verbrechen zudiktiert waren. Es ist anzunehmen, daß es kein Verbrechen gibt, das hier nicht seinen Vertreter hatte. Den Grundstock der Zuchthausbevölkerung bildeten die zu Zwangsarbeit Verbannten aus dem Zivilstande (die »Zuviel-Verbannten«, wie die Arrestanten selbst das Wort aussprachen). Dies waren Verbrecher, denen alle Bürgerrechte aberkannt waren, von der Gesellschaft ausgestoßene Elemente, mit gebrandmarkten Gesichtern, die von ihrer Ächtung ewig zeugen sollten. Sie kamen zur Zwangsarbeit auf acht bis zwölf Jahre und wurden später in die verschiedenen sibirischen Landgemeinden als Ansiedler verschickt. Es gab auch Verbrecher aus dem Militärstande, die ihre Standesrechte behalten hatten, wie es ja in den russischen Strafkompagnien immer der Fall ist. Diese wurden nur für kurze Zeit verbannt, nach deren Ablauf sie wieder dorthin zurückkehrten, woher sie gekommen waren: in die sibirischen Linienbataillone. Viele von ihnen kehrten fast sogleich wegen neuer schwerer Verbrechen ins Zuchthaus zurück, aber nicht mehr auf kurze Zeit, sondern auf zwanzig Jahre. Diese Kategorie Sträflinge nannte man die »Dauersträflinge«. Aber auch die »Dauersträflinge« verloren doch nicht alle Standesrechte. Schließlich gab es noch eine eigene Kategorie der schwersten Verbrecher, vorwiegend aus dem Militärstande, die recht zahlreich waren. Diese bildeten die »Besondere Abteilung«. Aus ganz Rußland wurden Verbrecher hergeschickt. Sie hielten sich selbst für lebenslänglich verbannt und kannten die Frist ihrer Zwangsarbeit nicht. Nach dem Gesetz mußte ihr Arbeitspensum verdoppelt und verdreifacht werden. Sie waren im Zuchthause nur »bis zur Einrichtung der schwersten Zwangsarbeit« untergebracht. »Ihr seid nur auf eine Zeit hier, wir aber bleiben ewig,« sagten sie zu den anderen Sträflingen. Später hörte ich, daß diese ganze Kategorie aufgehoben worden sei. Außerdem ist in unserer Festung auch die Zivilabteilung abgeschafft und eine gemeinsame militärische Arrestantenkompagnie eingeführt worden. Selbstverständlich wechselte mit diesen Veränderungen auch die Obrigkeit. Also beschreibe ich Geschehnisse der alten Zeit, längst vergangene und vergessene Dinge.

Es liegt schon weit zurück, und ich sehe jetzt alles wie im Traume. Ich erinnere mich noch, wie ich das Zuchthaus zum erstenmal betrat. Es war an einem Januarabend. Es dunkelte schon, die Leute kamen von der Arbeit zurück und bereiteten sich auf die Kontrolle vor. Ein schnauzbärtiger Unteroffizier machte mir endlich die Tür zu dem seltsamen Haus auf, in dem es mir beschieden war, so viele Jahre zu bleiben, so viele Empfindungen zu kosten, von denen ich, ohne sie am eigenen Leibe erlebt zu haben, unmöglich einen Begriff hätte haben können. Ich hatte mir z. B. unmöglich vorstellen können, daß es so schrecklich und qualvoll ist, die ganzen zehn Jahre meines Zuchthauslebens keine einzige Minute allein bleiben zu können. Bei der Arbeit war ich stets mit Begleitmannschaften, in der Kaserne – mit zweihundert Genossen, aber kein einziges Mal, niemals allein! Das ist übrigens nicht das einzige, woran ich mich habe gewöhnen müssen!

Es gab hier Mörder aus Zufall und berufsmäßige Mörder, Räuber und Räuberhauptleute. Es gab einfache Gauner und Vagabunden, Spezialisten für die verschiedensten Verbrechen. Es gab auch solche, von denen man schwer entscheiden konnte, weshalb sie hergeraten waren. Dabei hatte aber ein jeder seine Geschichte, verworren und schwer wie ein Katzenjammer nach vorhergehendem Rausche. Im allgemeinen sprachen sie über ihre Vergangenheit wenig, erzählten nicht gern und bemühten sich offenbar, an ihre Vergangenheit nicht zu denken. Ich kannte selbst unter den Mördern Leute, die so lustig waren und sich so wenig Gedanken machten, daß man wetten konnte, ihr Gewissen hätte sie noch niemals gemahnt. Es gab aber auch düstere, fast immer schweigsame Menschen. Von seinem Leben erzählte überhaupt fast niemand, und es war auch nicht üblich, sich dafür zu interessieren: Neugier war hier einfach nicht Mode. Es passierte höchstens einmal, daß einer, einfach um die Zeit totzuschlagen, etwas erzählte, und ein anderer ihm kaltblütig und düster zuhörte. Hier konnte niemand den anderen imponieren. »Wir sind erfahrene Menschen!« sagten sie oft mit einer eigentümlichen Selbstzufriedenheit. Ich erinnere mich, wie ein Räuber einmal im Rausche (es gab im Zuchthause wohl die Möglichkeit, sich zu betrinken) zu erzählen begann, wie er einen fünfjährigen Jungen ermordet hatte; er hatte ihn vorher mit einem Spielzeug an sich gelockt, dann in einen leeren Schuppen verschleppt und dort abgeschlachtet. Die ganze Kaserne, die bis dahin über seine Scherze gelacht hatte, schrie wie ein Mann auf, und der Räuber mußte verstummen; die Kaserne hatte nicht etwa aus Empörung geschrien, sondern nur, weil man »über solche Dinge« nicht reden durfte, weil es nicht Sitte war, »darüber« zu sprechen. Ich will bei dieser Gelegenheit bemerken, daß die Leute wirklich nicht ungelehrt waren, sogar im buchstäblichen und nicht nur übertragenen Sinne dieses Wortes. Sicher mehr als die Hälfte von ihnen verstand zu lesen und zu schreiben. An welchem anderen Ort, wo sich das russische Volk in großen Massen versammelt, könnte man darunter einen Haufen von zweihundertfünfzig Mann finden, von denen die Hälfte zu lesen verstünde? Später hörte ich, jemand hätte aus solchen Daten den Schluß gezogen, der Schulunterricht verderbe das Volk. Dies ist aber eine Täuschung: es sind hier ganz andere Gründe im Spiele, obwohl es sich nicht leugnen läßt, daß die Schulbildung im Volke Selbstvertrauen zeitigt. Aber das ist durchaus kein Fehler. – Alle Kategorien wurden nach der Kleidung unterschieden: bei den einen waren die Jacken zur Hälfte dunkelbraun und zur Hälfte grau, ebenso das eine Hosenbein grau und das andere dunkelbraun. Einmal bei der Arbeit betrachtete mich ein kleines Mädel, das den Arrestanten Semmeln feilbot, sehr lange und fing plötzlich zu lachen an. »Pfui, wie häßlich!« schrie sie auf: »Es hat weder graues, noch schwarzes Tuch gereicht!« Es gab auch solche, bei denen die ganze Jacke aus grauem Tuch war, aber mit dunkelbraunen Ärmeln. Auch die Köpfe wurden auf verschiedene Weise rasiert: bei den einen der Länge nach, bei den andern quer.

Auf den ersten Blick konnte man in dieser ganzen seltsamen Familie etwas auffallend Gemeinsames bemerken; selbst die ausgeprägtesten und originellsten Persönlichkeiten, die sich unwillkürlich von den anderen abhoben, gaben sich Mühe, aus dem allgemeinen Ton des ganzen Zuchthauses nicht herauszufallen. Ich will im allgemeinen sagen, daß alle diese Leute, mit Ausnahme weniger unverwüstlich heiterer Menschen, die infolgedessen allgemeine Verachtung genossen, ein mürrisches, neidisches, furchtbar ehrgeiziges, prahlerisches, empfindliches und auf die äußeren Formen versessenes Volk waren. Die Fähigkeit, über nichts zu staunen, galt hier als die höchste Tugend. Alle hatten hier die fixe Idee, äußerlich Haltung zu wahren. Aber auch der hochmütigste Ausdruck veränderte sich gar nicht selten mit der Schnelligkeit des Blitzes in den kleinmütigsten. Es waren auch einige wirklich starke Naturen dabei, diese gaben sich einfach und natürlich. Aber seltsam! Unter diesen wahrhaft starken Naturen waren einige im höchsten Grade, fast bis zur Krankheit, ruhmsüchtig. Ruhmsucht und jede Äußerlichkeit standen überhaupt auf dem ersten Plane. Die Mehrzahl war außerordentlich verdorben und demoralisiert. Es gab ständig Klatsch und Intrigen; es war eine wahre Hölle. Aber niemand wagte, gegen die inneren Sitten und Gebräuche des Zuchthauses aufzubegehren; alle fügten sich ihnen. Es gab auch scharf ausgeprägte Charaktere, die sich nur mit der größten Anstrengung fügen konnten, sich aber schließlich doch fügten. Es kamen Leute ins Zuchthaus, die es in der Freiheit schon zu toll getrieben und alle Schranken überschritten hatten, so daß sie auch ihre Verbrechen zuletzt gleichsam unbewußt, wie im Rausche verübten, oft aus einer bis zum höchsten Grade gesteigerten Ruhmsucht. Bei uns wurden sie aber sofort zurechtgewiesen, obwohl manche von ihnen vor ihrer Ankunft im Zuchthause der Schrecken ganzer Dörfer und Städte gewesen waren. Wenn so ein Neuling sich hier umsah, merkte er bald, daß dies nicht der richtige Ort zum Prahlen sei, daß er hier niemand imponieren könne; er demütigte sich allmählich und paßte sich dem allgemeinen Ton an. Dieser allgemeine Ton bestand äußerlich aus einem besondern, eigentümlichen Selbstbewußtsein, von dem fast jeder Bewohner des Zuchthauses durchdrungen war; als wäre die Stellung eines verurteilten Zuchthäuslers in der Tat ein Ehrenamt. Keine Spur von Scham und Reue! Es gab übrigens auch eine gewisse, sozusagen offizielle Demut, ein ruhiges Sichbescheiden: »Wir sind verlorene Menschen,« pflegten sie zu sagen, »wir haben nicht verstanden, in Freiheit zu leben und müssen jetzt daher Spießruten laufen.« – »Wir haben auf Vater und Mutter nicht gehört, müssen jetzt auf das Trommelfell hören.« – »Wir wollten nicht mit Gold sticken, müssen jetzt dafür Steine klopfen.« – Dies alles wurde oft als eine Art Moralpredigt, und auch als eine Redensart gesagt, aber niemals ernsthaft. Es waren nur Worte. Kaum einer der Arrestanten gestand sich seine Ruchlosigkeit innerlich ein. Hätte jemand von den Zuchthäuslern versucht, einem andern Arrestanten sein Verbrechen vorzuwerfen, ihn deswegen zu schelten (obwohl es übrigens dem russischen Geiste gar nicht entspräche, jemand sein Verbrechen vorzuwerfen), – so würde das Fluchen gar kein Ende nehmen. Was für Meister waren sie aber im Fluchen! Sie fluchten raffiniert, direkt künstlerisch. Das Fluchen war bei ihnen zu einer förmlichen Wissenschaft erhoben; man legte weniger Gewicht auf ein kränkendes Wort, als auf den kränkenden Sinn und Geist; so etwas wirkt aber immer raffinierter und giftiger. Die ewigen Streitigkeiten entwickelten diese Kunst noch mehr. Dieses ganze Volk arbeitete unter dem Stock, folglich war es im Grunde genommen müßig und demoralisiert; wenn einer nicht schon früher demoralisiert war, so wurde er es im Zuchthause. Alle waren ja nicht nach freiem Willen hergekommen; alle waren einander fremd.

»Der Teufel hat drei Paar Bastschuhe aufgebraucht, ehe er uns alle zusammengebracht hat!« pflegten sie zu sagen, und darum standen Klatsch, Intrigen, Verleumdungen, Neid, Zwietracht und Haß im Vordergrunde dieses Höllenlebens. Kein Weib war imstande so sehr Weib zu sein, wie es manche von diesen Mördern waren. Ich wiederhole, es gab unter ihnen auch starke Charaktere, die gewohnt waren, ihr Leben lang Gewalt zu üben und zu befehlen, abgehärtete und furchtlose Menschen. Solche achtete man unwillkürlich, und sie selbst, wie stolz sie auch auf ihren Ruf waren, gaben sich im allgemeinen Mühe, den anderen nicht zur Last zu fallen; sie ließen sich nie in leere Streitigkeiten ein, benahmen sich mit ungewöhnlicher Würde, waren vernünftig und fast immer der Obrigkeit gehorsam, – nicht aus Prinzip, nicht aus Pflichtgefühl, sondern gleichsam auf Grund eines Vertrags, in der Erkenntnis des gegenseitigen Vorteils. Sie wurden übrigens mit Vorsicht behandelt. Ich erinnere mich noch, wie ein solcher Arrestant, ein furchtloser und zu allem fähiger Mensch, dessen tierische Neigungen der Obrigkeit bekannt waren, wegen irgendeines Verbrechens bestraft werden sollte. Es war an einem Sommertag, während der arbeitsfreien Zeit. Der Stabsoffizier, der nächste und unmittelbare Vorgesetzte des Zuchthauses, kam persönlich auf die Hauptwache, die sich dicht am Tore befand, um der Exekution beizuwohnen. Dieser Major war für die Arrestanten ein seltsam fatales Wesen; er hatte sie so weit gebracht, daß sie vor ihm zitterten. Er war wahnsinnig streng und »stürzte sich über die Menschen«, wie die Zuchthäusler zu sagen pflegten. Am meisten fürchteten sie seinen durchdringenden Luchsblick, dem nichts entging. Er sah alles ohne hinzuschauen. Beim Betreten des Zuchthauses wußte er schon immer, was am anderen Ende desselben los war. Die Arrestanten nannten ihn den »Achtäugigen«. Sein System war aber falsch. Er erbitterte nur die schon ohnehin erbitterten Menschen durch seine rasenden, bösen Handlungen, und wenn er nicht den Kommandanten, einen edlen und verständigen Menschen, der seine wilden Ausbrüche zuweilen milderte, über sich hätte, so hätte er mit seinem Regiment viel Unheil angerichtet. Ich begreife nicht, wie ihm alles so glücklich hat ablaufen können; er hat den Dienst quittiert und ist noch frisch und gesund, obwohl er sich übrigens vor Gericht zu verantworten hatte.

Der Arrestant erbleichte, als man ihn rief. Gewöhnlich legte er sich schweigend und tapfer auf die Bank, empfing stumm die Rutenstrafe, erhob sich nach derselben wie aus dem Schlafe erwacht und betrachtete sein Mißgeschick kaltblütig und philosophisch. Man behandelte ihn übrigens immer vorsichtig. Aber diesmal hielt er sich aus irgendeinem Grunde für unschuldig. Er erbleichte und brachte es fertig, sich unbemerkt vom Wachsoldaten ein scharfes englisches Schuhmachermesser in den Ärmel zu stecken. Messer und alle scharfen Instrumente waren im Zuchthause strengstens verboten. Durchsuchungen fanden häufig und unerwartet statt, sie waren immer sehr gründlich und die Strafen grausam; da es aber immer schwer ist, bei einem Dieb etwas zu finden, was er verstecken will, und da die Messer und Instrumente im Zuchthause zu den notwendigsten Gegenständen gehörten, so waren sie trotz der Durchsuchungen nicht auszurotten. Und wenn man einem eins abnahm, so schaffte er sich bald ein neues an. Das ganze Zuchthaus stürzte sich zum Zaun und blickte mit stockendem Herzen durch die Pfähle. Alle wußten, daß Petrow sich diesmal der Rutenstrafe nicht unterziehen wollen würde und daß dem Major das Ende winke. Aber unser Major setzte sich im letzten Augenblick in den Wagen und fuhr davon, nachdem er den Vollzug der Exekution einem anderen Offizier übertragen hatte. »Gott selbst hat ihn gerettet!« sagten nachher die Arrestanten. Und was Petrow betrifft, so ließ er sich die Strafe mit der größten Ruhe gefallen. Seine Wut war mit der Abfahrt des Majors verpufft. Der Arrestant ist bis zu einem gewissen Grade gehorsam und gefügig, aber es gibt eine Grenze, die man niemals überschreiten darf. Es gibt übrigens nichts Interessanteres als solche seltsamen Ausbrüche von Trotz und Widersetzlichkeit. Ein Mensch läßt sich oft mehrere Jahre lang alles gefallen, er demütigt sich und erduldet die grausamsten Strafen, bricht aber plötzlich bei irgendeiner Kleinigkeit, einer Bagatelle, eines nichtigen Anlasses wegen los. Ich glaube, man kann ihn sogar für verrückt ansehen, und das tut man auch.

Wie ich schon sagte, habe ich im Laufe mehrerer Jahre unter allen diesen Menschen nicht das geringste Anzeichen von Reue, nicht den leisesten schweren Gedanken über das verübte Verbrechen wahrgenommen, und die Mehrzahl von ihnen hielt sich innerlich vollkommen im Recht. Das ist eine Tatsache. Natürlich sind Prahlsucht, schlechte Beispiele, falsche Scham in vielen Fällen die Ursache davon. Anderseits aber: wer darf sagen, daß er die Tiefe dieser verlorenen Herzen erforscht und in ihnen das vor der ganzen Welt Verborgene gelesen hätte? Man könnte jedoch immerhin im Laufe so vieler Jahre wenigstens etwas bemerken, in diesen Herzen wenigstens einen Zug wahrnehmen und entdecken, der von einem inneren Schmerz und Leiden zeugte. Aber das war nicht der Fall, ganz bestimmt nicht. Ja, es ist wohl unmöglich, ein Verbrechen von einem fertigen, gegebenen Standpunkte aus zu begreifen, und seine Philosophie ist wohl etwas schwieriger als man annimmt. Die Zuchthäuser und das System der Zwangsarbeit bessern die Verbrecher natürlich nicht; sie strafen sie nur und schützen die Gesellschaft vor ferneren Attentaten des Verbrechers auf ihre Sicherheit. Aber im Verbrecher selbst wecken das Zuchthaus und die schwerste Zwangsarbeit nur einen Haß, eine Gier nach verbotenen Genüssen und einen furchtbaren Leichtsinn. Doch ich bin fest überzeugt, daß auch mit dem berühmten Zellensystem nur ein falsches, trügerisches, äußerliches Ziel erreicht wird. Es saugt aus dem Menschen seine Lebenskräfte heraus, es enerviert seine Seele, es schwächt und erschreckt sie und stellt dann die ausgetrocknete Mumie, den Halbverrückten als ein Muster der Besserung und der Reue hin. Der Verbrecher, der sich gegen die Gesellschaft erhoben hat, haßt sie natürlich und hält sich fast immer für unschuldig, sie aber für schuldig. Zudem hat er von ihr schon eine Strafe empfangen und sieht sich aus diesem Grunde für geläutert und quitt an. Man kann die Sache schließlich auch von solchen Gesichtspunkten ansehen, daß man den Verbrecher selbst beinahe rechtfertigen müßte. Aber trotz der verschiedenen Gesichtspunkte wird jeder zugeben, daß es solche Verbrechen gibt, die immer und überall, nach allen bestehenden Gesetzen seit der Erschaffung der Welt als zweifellose Verbrechen galten und als solche gelten werden, solange der Mensch ein Mensch bleibt. Nur im Zuchthause hörte ich Berichte über die schrecklichsten, widernatürlichsten Handlungen, über die ungeheuerlichsten Morde, die man mit dem unbefangensten, kindlich heitersten Lachen wiedergab. Besonders will mir ein Vatermörder nicht aus dem Sinn. Er war adliger Abstammung, hatte gedient und war bei seinem sechzigjährigen Vater eine Art verlorener Sohn gewesen. Er hatte ein äußerst ausschweifendes Leben geführt und bis an den Hals in Schulden gesteckt. Der Vater versuchte ihn zu zügeln und zu ermahnen; aber der Vater besaß ein Haus und ein Gut, man vermutete bei ihm auch Bargeld, und der Sohn ermordete den Vater, um ihn zu beerben. Das Verbrechen war erst nach einem Monat aufgedeckt worden. Der Mörder selbst hatte bei der Polizei Anzeige erstattet, daß sein Vater spurlos verschwunden sei. Diesen ganzen Monat verlebte er auf die liederlichste Weise. Endlich fand die Polizei in seiner Abwesenheit die Leiche des Ermordeten. Auf seinem Hofe befand sich ein mit Brettern überdeckter Graben, der zum Abfluß der Fäkalien diente. Die Leiche lag in diesem Graben. Sie war bekleidet und gewaschen, der abgeschnittene ergraute Kopf war an den Rumpf angesetzt und ruhte auf einem Kissen. Der Mörder gestand nicht; er wurde der Adelsrechte und seiner Titel für verlustig erklärt und zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verbannt. Die ganze Zeit, in der ich mit ihm zusammen war, war er in der besten und heitersten Gemütsverfassung. Er war ein im höchsten Grade überspannter, leichtsinniger und unvernünftiger Mensch, aber gar nicht dumm. Ich konnte an ihm niemals irgendeine besondere Grausamkeit bemerken. Die Arrestanten verachteten ihn, aber nicht seines Verbrechens wegen, welches überhaupt niemals erwähnt wurde, sondern wegen seines dummen Gebarens und weil er sich nicht zu benehmen verstand. In den Gesprächen erwähnte er zuweilen seinen Vater. Als er mit mir einmal über die kräftige Konstitution, die in seiner Familie erblich sei, sprach, fügte er hinzu: »Auch mein Erzeuger hat sich bis zu seinem Tode nie über irgendeine Krankheit beklagt.« Eine solche tierische Gefühllosigkeit ist natürlich unmöglich. Sie ist ein Phänomen, und hier liegt irgendein organischer Fehler, irgendein körperlicher und sittlicher, der Wissenschaft noch unbekannter Defekt, aber kein gewöhnliches Verbrechen vor. Ich glaubte an dieses Verbrechen natürlich nicht; aber Leute aus seiner Stadt, die alle Einzelheiten seiner Geschichte kennen mußten, bestätigten mir die ganze Sache. Die Tatsachen waren so klar, daß es unmöglich war, daran nicht zu glauben.

Die Arrestanten hörten einmal nachts, wie er im Schlafe schrie: »Halt ihn, halt! Hau ihm den Kopf ab, den Kopf, den Kopf! . . .«

Fast alle Arrestanten sprachen und phantasierten im Schlafe. Am häufigsten kamen ihnen dabei Schimpfworte, Diebesausdrücke, Messer und Beile über die Lippen. »Wir sind ein geschlagenes Volk,« pflegten sie zusagen, »unser ganzes Inneres ist zerschlagen, darum schreien wir auch des Nachts.«

Die staatliche Zwangsarbeit war keine Beschäftigung, sondern eine Pflicht: der Arrestant erledigte die ihm aufgegebene Arbeit oder absolvierte die vorgeschriebenen Arbeitsstunden und kam wieder ins Zuchthaus. Die Arbeit betrachtete man mit Haß. Ohne seine eigene Privatbeschäftigung, der er mit ganzer Seele und allen seinen Gedanken ergeben war, hätte ein Mensch im Zuchthause überhaupt nicht leben können. Wie hätte auch dieses ganze verhältnismäßig zivilisierte Volk, das zügellos gelebt hatte und nach dem Leben lechzte, das gewaltsam von der Gesellschaft und vom normalen Leben losgerissen und hier zu einem Haufen zusammengeworfen war, sich normal und regelrecht, nach seinem Willen und seiner Lust einleben können! Schon infolge des Müßigganges allein müßten hier solche verbrecherische Neigungen zur Entwicklung kommen, von denen sie früher keine Ahnung hatten. Ohne Arbeit und ohne ein gesetzlich erlaubtes, normales Eigentum kann der Mensch nicht leben und sinkt zu einem Tier herab. Darum hatte ein jeder von den Zuchthäuslern infolge eines natürlichen Bedürfnisses und eines gewissen Selbsterhaltungstriebs sein eigenes Handwerk und seine eigene Beschäftigung. Der lange Sommertag war fast ganz mit Zwangsarbeit ausgefüllt, und in der kurzen Sommernacht konnte man kaum ausschlafen. Aber im Winter mußte der Arrestant nach den Vorschriften mit Einbruch der Dunkelheit im Zuchthause eingesperrt sein. Was sollte er nun in den langen, langweiligen Stunden des Winterabends treiben? Darum verwandelte sich fast jede Kaserne trotz des Verbotes in eine große Werkstätte. Arbeit und Beschäftigung an sich waren nicht verboten, streng verboten war aber der Besitz von Werkzeugen jeder Art, und ohne Werkzeuge war natürlich jede Arbeit unmöglich. Man arbeitete aber heimlich, und die Obrigkeit schien manchmal ein Auge zuzudrücken. Viele Arrestanten kamen ins Zuchthaus, ohne irgendwelche Kenntnisse, lernten aber von den andern und gingen später als tüchtige Handwerker in die Freiheit. Es gab hier Schuster, Schuhmacher, Schneider, Tischler, Schlosser, Graveure und Vergolder. Ein Jude, Issaj Bumstein, war Juwelier und zugleich Wucherer. Alle arbeiteten und verdienten ein paar Kopeken. Die Aufträge kamen aus der Stadt. Geld bedeutet doch geprägte Freiheit und hat darum für einen jeder Freiheit beraubten Menschen den zehnfachen Wert. Wenn nur einige Münzen in seiner Tasche klimpern, so ist er schon halb getröstet, selbst wenn er keine Möglichkeit hat, das Geld auszugeben. Geld kann man aber immer und überall ausgeben, um so mehr, als die verbotene Frucht doppelt so süß ist. Im Zuchthause konnte man sich auch Branntwein verschaffen. Pfeifen waren strengstens verboten, und doch rauchten alle. Das Geld und der Tabak schützten vor Skorbut und anderen Krankheiten. Die Arbeit schützte aber vor Verbrechen: ohne Arbeit würden die Arrestanten einander aufgefressen haben wie in einem Glase eingeschlossene Spinnen. Trotzdem war aber die Arbeit wie auch der Besitz von Geld verboten. Oft wurden in der Nacht plötzliche Durchsuchungen vorgenommen, wobei man alles Verbotene konfiszierte; wie sorgfältig die Arrestanten das Geld auch verwahrten, es fiel doch oft den Schergen in die Hände. Das ist zum Teil der Grund dafür, daß man das Geld nicht sparte, sondern schnell vertrank; darum gab es auch im Zuchthause Branntwein. Nach jeder Durchsuchung verlor der Schuldige nicht nur seinen ganzen Besitz, sondern wurde gewöhnlich auch empfindlich bestraft. Aber nach jeder Durchsuchung wurden die Mängel wieder ersetzt, sofort neue Sachen angeschafft, und alles war wieder beim alten. Die Obrigkeit wußte es wohl, und die Sträflinge murrten auch nicht über die Strafen, obwohl dieses Leben dem von Ansiedlern auf dem Vesuv glich.

Wer kein Handwerk verstand, trieb andere Geschäfte. Es gab recht originelle Gewerbsarten. Manche lebten z. B. vom Zwischenhandel allein, wobei zuweilen solche Gegenstände zum Verkauf kamen, die außerhalb des Zuchthauses kaum jemand gekauft oder verkauft oder überhaupt für Gegenstände gehalten hätte. Aber die Zuchthausbevölkerung war sehr arm und außerordentlich betriebsam. Der letzte Lumpen hatte seinen Wert und fand irgendeine Verwendung. Infolge dieser Armut hatte das Geld im Zuchthause einen ganz anderen Wert als in der Freiheit. Eine große und komplizierte Arbeit wurde mit wenigen Kupfermünzen bezahlt. Viele betrieben mit Erfolg Wucher. Ein Arrestant, der sich ruiniert hatte, brachte seine letzten Sachen dem Wucherer und bekam von ihm einige Kupfermünzen gegen ungeheure Zinsen. Wenn er die Sachen zum Termin nicht einlöste, so wurden sie unverzüglich und unbarmherzig verkauft; der Wucher stand in solcher Blüte, daß selbst staatliches Eigentum als Pfand angenommen wurde, wie die dem Zuchthause gehörenden Wäschestücke, Stiefel und ähnliche Gegenstände, die der Arrestant jeden Augenblick brauchte. Aber bei solchen Pfändern nahm die Sache manchmal eine andere, übrigens nicht ganz unerwartete Wendung: der Arrestant, der etwas von diesen Sachen versetzt und dafür Geld bekommen hatte, ging unverzüglich ohne weiteres zum ältesten Unteroffizier, dem nächsten Vorgesetzten im Zuchthause und meldete von der Verpfändung des Staatseigentums, welches dem Wucherer sofort, selbst ohne Meldung an die höhere Behörde, abgenommen wurde. Es ist bezeichnend, daß sich so etwas zuweilen ohne jeden Streit abspielte: der Wucherer gab die Sachen schweigend mit mürrischer Miene heraus und schien diese Wendung sogar erwartet zu haben. Vielleicht mußte er sich eingestehen, daß er an Stelle des Verpfänders ebenso gehandelt hätte. Wenn er daher zuweilen nachträglich schimpfte, so tat er es ohne jede Bosheit, sondern eher um einer Pflicht zu genügen.

Im allgemeinen bestahl man hier einander entsetzlich. Fast jeder besaß seinen Kasten mit einem Schloß zur Verwahrung der ihm von der Verwaltung gelieferten Sachen. Das war gestattet, aber die Koffer boten keinen Schutz. Man kann sich wohl denken, was es für geschickte Diebe im Zuchthause gab. Mir stahl einmal ein Arrestant, ein mir aufrichtig ergebener Mensch (ich sage das ohne Übertreibung), meine Bibel, das einzige Buch, das man im Zuchthause besitzen durfte; er selbst gestand es mir am gleichen Tage, doch nicht aus Reue, sondern aus Mitleid mit mir, weil ich sie lange suchte. Es gab auch Schenkwirte, die mit Branntwein handelten und sich schnell bereicherten. Über diesen Handelszweig will ich später ausführlicher sprechen: er ist recht bemerkenswert. Es gab im Zuchthaus viele ehemalige Schmuggler, und es ist darum nicht zu verwundern, daß trotz aller Durchsuchungen und der strengen Bewachung ins Zuchthaus Branntwein eingeschmuggelt wurde. Der Schmuggel ist übrigens seinem Charakter nach ein ganz eigentümliches Verbrechen. Wird man mir z. B. glauben wollen, daß das Geld und der Gewinn beim Schmuggler zuweilen eine untergeordnete Rolle spielen und erst in zweiter Linie in Betracht kommen? Und doch ist es manchmal so. Der Schmuggler arbeitet aus Leidenschaft, aus Beruf. Er ist zum Teil Dichter. Er riskiert alles, setzt sich furchtbaren Gefahren aus, wendet List an, ist erfinderisch und zieht sich oft aus der Schlinge; manchmal handelt er aus einer Art Intuition. Diese Leidenschaft ist ebenso stark wie die des Kartenspiels. Ich kannte im Zuchthaus einen Arrestanten, einen riesenhaften Kerl, der so sanft, still und bescheiden war, daß man sich gar nicht vorstellen konnte, wie er ins Zuchthaus geraten sein mochte. Er war dermaßen gutmütig und verträglich, daß er während seines ganzen Aufenthaltes im Zuchthaus keinen einzigen Streit gehabt hat. Er stammte aber von der westlichen Grenze des Reichs, war wegen Schmuggels ins Zuchthaus geraten und konnte sich natürlich auch hier nicht beherrschen und verlegte sich auf den Branntweinschmuggel. Wie oft wurde er deswegen bestraft und wie sehr fürchtete er die Ruten! Der Branntweinschmuggel brachte ihm übrigens sehr wenig ein. Am Branntwein bereicherte sich nur der Ausschankbesitzer. Der Kauz liebte die Kunst um der Kunst willen. Er war wie ein Weib zum Weinen aufgelegt und schwor nach jeder Bestrafung, nicht wieder Schmuggel zu treiben. Mit großem Mut beherrschte er sich zuweilen einen ganzen Monat lang, hielt es aber dann doch nicht aus . . . Dank solchen Leuten ging der Branntwein im Zuchthause nie aus . . .

Es gab schließlich noch eine Einkunftsquelle, die die Sträflinge zwar nicht bereicherte, ihnen aber ständige und wohltätige Einnahmen sicherte: das Almosen. Unsere höheren Gesellschaftsschichten haben gar keine Vorstellung davon, wie sehr die Kaufleute, die Kleinbürger und unser ganzes Volk um die »Unglücklichen« sorgen. Die milden Gaben laufen fast ununterbrochen ein, meistens in Form von Brot, Semmeln und Brezeln und sehr viel seltener in barem Gelde. Ohne diese Gaben hätten es die Arrestanten, besonders die unter Anklage stehenden, die viel strenger als die anderen gehalten werden, an vielen Orten allzu schwer. Die milden Gaben werden von den Arrestanten mit religiöser Gewissenhaftigkeit zu gleichen Teilen geteilt. Wenn es nicht für alle langte, so wurden die Semmeln in gleiche Teile geschnitten, manchmal sogar jede in sechs Teile, und jeder Arrestant bekam unbedingt sein Stück. Ich erinnere mich noch, wie ich zum erstenmal eine Geldgabe erhielt. Es war bald nach meiner Ankunft im Zuchthause. Ich kehrte allein mit dem Wachsoldaten von der Morgenarbeit zurück. Mir entgegen kamen eine Mutter mit einer Tochter, einer zehnjährigen Kleinen, so hübsch wie ein Engelchen. Ich hatte die beiden schon einmal gesehen. Die Mutter war eine Soldatenwitwe. Ihr Mann, ein junger Soldat, war vors Gericht gekommen und im Hospital, im Arrestantensaale, in der gleichen Zeit gestorben, als ich dort krank lag. Die Frau und die Tochter waren hingekommen, um von der Leiche Abschied zu nehmen, und hatten beide furchtbar geweint. Als die Kleine mich nun erblickte, errötete sie und flüsterte der Mutter etwas zu; jene blieb sofort stehen, knüpfte ihr Taschentuch auf, entnahm eine Viertelkopeke und gab sie der Kleinen. Diese lief mir nach . . . – »Da, Unglücklicher, nimm um Christi willen die Kopeke!« schrie sie, mich einholend und mir die Münze in die Hand drückend. Ich nahm die Münze, und das Kind kehrte vollkommen befriedigt zur Mutter zurück. Diese Viertelkopeke habe ich noch lange aufbewahrt.

II

Die ersten Eindrücke

Der erste Monat und überhaupt der Anfang meines Zuchthauslebens stehen mir lebhaft in Erinnerung. Die folgenden Tage meines Zuchthauslebens schweben in meiner Erinnerung nicht so deutlich. Manche Tage sind gleichsam gänzlich verwischt und zusammengeflossen und haben nur einen einzigen Eindruck hinterlassen: einen schweren, eintönigen, erstickenden.

Aber alles, was ich in den ersten Tagen meines Zuchthauslebens durchgemacht habe, erscheint mir jetzt so, als wäre es erst gestern geschehen. Und so muß es wohl auch sein.

Ich besinne mich deutlich, wie ich gleich beim ersten Schritt auf diesem Wege darüber staunte, daß ich darin gar nichts besonders Erstaunliches, Ungewöhnliches oder, genauer gesagt, Unerwartetes fand. Alles hatte mir gleichsam schon früher vorgeschwebt, als ich auf dem Wege nach Sibirien mich bemühte, das mir bevorstehende Los zu erraten. Bald stieß ich aber bei jedem Schritt auf eine Menge der seltsamsten und unerwartetsten Dinge, auf eine Menge ungeheuerlicher Tatsachen. Erst viel später, als ich eine recht lange Zeit im Zuchthaus verbracht hatte, erfaßte ich vollkommen die ganze Ausschließlichkeit, die Eigenart dieser Existenz und mußte über sie immer mehr und mehr staunen. Ich gestehe, daß dieses Erstaunen mich während der ganzen langen Frist meiner Strafe begleitete; ich konnte mich mit ihm niemals ganz abfinden.

Mein erster Eindruck beim Eintritt ins Zuchthaus war im allgemeinen der denkbar abstoßendste; aber trotzdem erschien mir das Leben im Zuchthause seltsamerweise viel leichter, als ich es mir unterwegs vorgestellt hatte. Die Arrestanten bewegten sich, wenn auch in Ketten, frei im ganzen Zuchthause, sie fluchten, sangen Lieder, arbeiteten für sich, rauchten Pfeifen und tranken sogar (allerdings nur wenige von ihnen) Branntwein; nachts spielten sie aber Karten. Die Arbeit selbst erschien mir beispielsweise gar nicht so schwer, wie ich es von der berühmten »sibirischen Zwangsarbeit« erwartete, und ich kam erst recht spät dahinter, daß die Schwere dieser Arbeit weniger in ihrer Schwierigkeit und ihrer ununterbrochenen Dauer bestand, als darin, daß sie erzwungen, obligatorisch, unter dem Stocke war. Der freie Bauer arbeitet vielleicht unvergleichlich mehr, er arbeitet zuweilen auch nachts, besonders im Sommer; aber er arbeitet für sich, arbeitet mit einem vernünftigen Ziel und hat es infolgedessen unvergleichlich leichter als der Zuchthäusler mit seiner erzwungenen und für ihn vollkommen zwecklosen Arbeit. Mir kam einmal dieser Gedanke: wenn man einen Menschen vollkommen erdrücken und vernichten, einer so entsetzlichen Strafe unterziehen will, daß vor ihr selbst der grausamste Mörder erbebte und sie schon im voraus fürchtete, so braucht man nur seiner Arbeit den Charakter vollkommener Zwecklosigkeit und Sinnlosigkeit zu verleihen. Wenn die jetzige Zwangsarbeit für den Zuchthäusler auch uninteressant und langweilig ist, so ist sie doch an sich, als Arbeit vernünftig: der Arrestant stellt Ziegelsteine her, gräbt Erde um, baut und mauert; in dieser Arbeit liegt ein Sinn und ein Zweck. Aber wenn man ihn z. B. zwingen wollte, Wasser aus einem Kübel in einen anderen zu gießen und dann wieder in den ersten zurückzugießen, oder Sand zu stoßen, oder einen Haufen Erde von einem Ort an den anderen zu schleppen und dann wieder zurückzuschleppen, so würde sich der Arrestant, glaube ich, schon nach einigen Tagen erhängen oder tausend Verbrechen begehen, um sich wenigstens durch den Tod von dieser Erniedrigung, Schmach und Qual zu befreien. Eine solche Strafe würde natürlich zu einer Tortur, zu einem Racheakt werden und wäre sinnlos, weil dadurch kein vernünftiges Ziel erreicht wäre. Da aber eine solche Tortur, Sinnlosigkeit, Erniedrigung und Schmach zum Teil unbedingt auch in jeder erzwungenen Arbeit liegt, so ist die Zwangsarbeit unvergleichlich qualvoller als jede freie Arbeit, eben deshalb, weil sie eine erzwungene ist.

Ich trat übrigens ins Zuchthaus im Winter, im Dezember, ein und hatte zunächst keine Ahnung von der fünfmal schwereren Sommerarbeit. Im Winter gab es in unserer Festung überhaupt wenig ärarische Arbeit. Die Arrestanten gingen zum Irtyschufer, um alte, dem Staate gehörende Barken abzubrechen, arbeiteten in den Werkstätten, schaufelten vor den Amtsgebäuden den Schnee, den die Stürme anwehten, brannten und stießen Alabaster usw. Ein Wintertag war kurz; die Arbeit war schnell erledigt, und alle unsere Leute kehrten früh ins Zuchthaus zurück, wo fast nichts zu tun wäre, wenn sie nicht irgendwelche eigene Arbeit hätten. Mit eigener Arbeit befaßte sich aber vielleicht nur ein Drittel aller Arrestanten; die übrigen taten aber nichts, trieben sich ohne jedes Ziel in allen Kasernen des Zuchthauses herum, fluchten, intrigierten, machten Radau und betranken sich, wenn sie zufällig Geld hatten; nachts verspielten sie beim Kartenspiel das letzte Hemd; alles aus Langeweile, Müßiggang und Nichtstun. In der Folge begriff ich, daß das Zuchthausleben außer der Freiheitsberaubung und der erzwungenen Arbeit noch eine andere Qual enthielt, die vielleicht noch unerträglicher war als alle anderen. Das ist das erzwungene allgemeine Zusammenleben. Solch ein Zusammenleben gibt es natürlich auch an anderen Orten, aber ins Zuchthaus kommen doch solche Leute, daß nicht jedermann Lust hat, mit ihnen zusammenzuleben, und ich bin überzeugt, daß jeder Zuchthäusler diese Qual empfand, wenn auch natürlich in den meisten Fällen unbewußt.

Die Verpflegung erschien mir ziemlich reichlich. Die Arrestanten behaupteten, daß es in den Strafkompagnien im Europäischen Rußland kein solches Essen gäbe. Darüber vermag ich nicht zu urteilen, denn ich bin dort nicht gewesen. Außerdem hatten viele die Möglichkeit, sich selbst zu verpflegen. Fleisch kostete bei uns eine halbe Kopeke das Pfund, im Sommer drei Kopeken. Eigenes Essen hatten aber nur die, die ständig über Geld verfügten; die meisten Zuchthäusler aßen Kommiß. Wenn die Arrestanten ihr Essen lobten, sprachen sie übrigens nur vom Brot allein und segneten die Einrichtung, daß das Brot allen gemeinsam und nicht jedem einzelnen nach Gewicht ausgegeben wurde. Vor dem letzteren System hatten sie ein Grauen, denn bei der Brotausgabe nach Gewicht blieb ein Drittel der Menschen hungrig, während bei der Selbstverteilung alle satt wurden. Unser Brot war besonders schmackhaft und wurde deswegen in der ganzen Stadt geschätzt. Man schrieb dies der guten Einrichtung der Backofen im Zuchthause zu. Die Kohlsuppe war aber gar nicht berühmt. Sie wurde in einem gemeinsamen Kessel gekocht und mit Graupen versetzt und war, besonders an Wochentagen, dünn und mager. Mich erschreckte an ihr die große Menge der in ihr schwimmenden Schabenkäfer. Die Arrestanten schenkten aber dem nicht die geringste Beachtung.

In den ersten drei Tagen ging ich noch nicht zur Arbeit; so verfuhr man mit jedem Neuankömmling, damit er nach der Reise ausruhe. Aber am zweiten Tage mußte ich das Zuchthaus verlassen, um neue Fesseln angelegt zu bekommen. Meine Fesseln waren nicht die vorschriftsmäßigen, sondern bestanden aus Ringen; die Arrestanten nannten sie »feines Geläute«. Sie wurden außen über den Kleidern getragen. Aber die vorschriftsmäßigen, für die Arbeit geeigneten Fesseln bestanden nicht aus Ringen, sondern aus vier eisernen, fast fingerdicken Stangen, die miteinander durch drei Ringe verbunden waren. Sie wurden unter den Beinkleidern getragen. An den Mittelring wurde ein Riemen gebunden, der seinerseits an den Gürtelriemen befestigt wurde, den man direkt über dem Hemde trug.

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Morgen im Zuchthause. In der Wache am Zuchthaustore schlug die Trommel Reveille, und der wachhabende Unteroffizier fing nach etwa zehn Minuten an, die Kasernen aufzuschließen. Die Arrestanten erwachten. Sie standen beim trüben Scheine eines Talglichtes, vor Kälte zitternd, von ihren Pritschen auf. Die meisten waren schweigsam und mürrisch vom Schlaf. Sie gähnten, reckten sich und runzelten ihre gebrandmarkten Stirnen. Die einen bekreuzigten sich, andere begannen Streit. Die Luft war entsetzlich stickig. Sobald die Türe aufgemacht wurde, drang frische Winterluft ein und zog mit Dampfwolken durch die Kaserne. Die Arrestanten drängten sich um die Wassereimer; sie ergriffen einer nach dem anderen die Schöpfkelle, nahmen den Mund voll Wasser und wuschen sich Gesicht und Hände aus dem Munde. Das Wasser wurde schon am vorhergehenden Abend vom »Paraschnik« vorbereitet. In jeder Kaserne gab es nach dem Statut einen von allen Insassen gewählten Arrestanten, der den Stubendienst in der Kaserne hatte. Er hieß »Paraschnik« und war von anderer Arbeit befreit. Er hatte auf die Reinlichkeit in der Kaserne zu sehen, die Pritschen und die Fußböden zu waschen und zu scheuern, den Nachtkübel zu bringen und hinauszuschaffen und zwei Eimer frisches Wasser zu besorgen: des Morgens zum Waschen und am Tage zum Trinken. Wegen der Schöpfkelle, die in nur einem Stück vorhanden war, entstand sofort Streit.

»Was drängst du dich vor, du aussätziger Kopf!« brummte ein mürrischer, hagerer, großgewachsener Arrestant mit dunklem Gesicht und seltsamen Beulen auf seinem rasierten Schädel, indem er einen andern wegstieß, der dick und klein war und ein lustiges rotes Gesicht hatte. »Halt!«

»Was schreist du! Für das ›Halt‹ zahlt man bei uns Geld. Scher dich! Was reckst du dich wie ein Monument! Es ist nicht die geringste Fortikularität in ihm, Brüder.«

Die »Fortikularität« machte einigen Effekt: viele begannen zu lachen. Der lustige Dicke, der in der Kaserne wohl eine Art freiwilliger Hanswurst war, hatte nur das gewollt. Der lange Arrestant sah ihn mit tiefster Verachtung an.

»Rindvieh!« sagte er wie vor sich hin. »Wie er sich mit dem Zuchthausbrot gemästet hat. Ist wohl froh, daß er zu Ostern zwölf Ferkel werfen wird.«

Der Dicke wurde endlich böse.

»Was bist du denn für ein Vogel?« rief er aus, plötzlich errötend.

»Das ist es eben: ein Vogel!«

»Was für einer?«

»So einer.«

»Ja, was für einer?«

»Mit einem Worte, ein Vogel.«

»Aber was für einer?«

Die beiden durchbohrten einander mit den Blicken. Der Dicke wartete auf Antwort und ballte die Fäuste, als wollte er sofort raufen. Ich dachte, daß gleich wirklich eine Schlägerei beginnen würde. Für mich war das alles neu, und ich sah interessiert zu. Später erfuhr ich, daß ähnliche Auftritte durchaus harmlos waren und mehr als Komödie zum allgemeinen Ergötzen gespielt wurden; zu einer Schlägerei kam es fast nie. Dies alles war für die Sitten des Zuchthauses sehr bezeichnend und charakteristisch.

Der lange Arrestant stand ruhig und majestätisch da. Er fühlte, daß alle ihn ansahen und warteten, ob er sich mit seiner Antwort blamieren würde oder nicht; daß er seine Haltung wahren und beweisen müsse, daß er tatsächlich ein Vogel sei, und zwar was für einer. Er schielte seinen Gegner mit unsagbarer Verachtung an und bemühte sich, um ihn noch mehr zu verletzen, ihn über die Schulter, von oben herab, anzublicken, als betrachtete er ein winziges Käferchen. Dann sagte er langsam und deutlich:

»Ein Enterich! . . .«

Das heißt, daß er Enterich sei. Eine laute Lachsalve belohnte die Findigkeit des Arrestanten.

»Du bist ein Schuft und kein Enterich!« brüllte der Dicke, da er sich in allen Punkten geschlagen fühlte und die äußerste Grenze der Wut erreicht hatte.

Kaum hatte aber der Streit eine ernste Wendung angenommen, als man die beiden Kerle sofort zur Vernunft brachte.

»Was macht ihr für Skandal!« schrie ihnen die ganze Kaserne zu.

»Rauft doch lieber statt zu schreien!« rief jemand aus der Ecke.

»Ja, wart', sie werden schon raufen!« erklang es als Antwort. »Wir haben ja lauter tapfere, rauflustige Jungen hier: ihrer sieben haben keine Furcht vor einem . . .«

»Alle beide sind nett! . . . Der eine ist wegen eines Pfundes Brot ins Zuchthaus gekommen, der andere aber hat aus der Schüssel genascht, hat einem Weibe die ganze Sauermilch ausgesoffen und dafür die Knute gekostet.«

»Hört doch auf, genug!« schrie der Invalide, der über die Ordnung in der Kaserne zu wachen hatte und auf einem eigenen Bett in der Ecke schlief.

»Wasser her, Kinder! Newalid Petrowitsch ist erwacht! Wasser für Newalid Petrowitsch, unsern teuren Bruder!«

»Bruder . . . Was bin ich dir für ein Bruder? Wir haben zusammen noch keinen Rubel vertrunken, und du nennst mich Bruder!« brummte der Invalide, den Mantel über die Arme ziehend.

Man bereitete sich zum Appell vor; der Morgen dämmerte; in der Küche gab es ein solches Gedränge, daß man nicht herein konnte. Die Arrestanten drängten sich in ihren Halbpelzen und zweifarbigen Mützen um die Brote, die von einem der Köche verteilt wurden. Die Köche wurden von der ganzen Gemeinschaft gewählt, je zwei für jede Küche. Sie hatten auch das Küchenmesser zum Schneiden von Brot und Fleisch in Verwahrung, ein einziges Messer für die ganze Küche.

In allen Ecken um die Tische herum verteilten sich die Arrestanten in Mützen, Halbpelzen und Gürteln, bereit, zur Arbeit zu gehen. Vor manchen standen hölzerne Schalen mit Kwas. Sie brockten in den Kwas Brot und tranken das Gemisch. Der Lärm und das Geschrei waren unerträglich; einige unterhielten sich aber vernünftig und leise in den Ecken.

»Willkommen, Alterchen Antonytsch, guten Appetit!« sprach ein junger Arrestant, sich neben einen mürrischen, zahnlosen Arrestanten setzend.

»Guten Morgen, wenn du es ernst meinst,« erwiderte jener, ohne die Augen zu heben, bemüht, das Brot mit seinen zahnlosen Kiefern zu zerkauen.

»Ich hatte schon geglaubt, daß du gestorben seist, Antonytsch. Wahrhaftig!«

»Nein, stirb du zuerst, ich komme nach . . .«

Ich setzte mich neben sie. Rechts von mir unterhielten sich zwei solide Arrestanten, offenbar bemüht, ihre Würde vor einander zu wahren.

»Mir wird man nichts stehlen,« sagte der eine. »Ich fürchte, Bruder, ich selbst könnte einen anderen bestehlen.«

»Aber auch mich soll man nicht mit bloßer Hand anfassen: man kann sich an mir leicht verbrennen.«

»Wer wird sich an dir verbrennen? Bist der gleiche sibirische Bauer wie ich . . . sie wird dich schröpfen und dir nicht mal guten Tag sagen. So ist auch mein Geld flöten gegangen. Neulich kam sie selbst. Wohin sollte ich mit ihr? Ich bat Fedjka, den Henker, um Unterkunft: der hat in der Vorstadt ein Haus gehabt, dem räudigen Juden Salomon hatte er es abgekauft, demselben, der sich später erhängt hat.«

»Ich weiß schon. Er hat bei uns vor drei Jahren einen Ausschank gehabt, Grischka die ›finstere Schenke‹ hat er geheißen. Ich kenne ihn.«

»Nein, du kennst ihn nicht; es war eine andere finstere Schenke.«

»Wieso, eine andere! Du weißt wohl viel! Ich kann dir genug Zeugen bringen . . .«

»Zeugen willst du mir bringen! Wer bist du denn?«

»Wer ich bin? Gar oft habe ich dich geprügelt, prahle aber damit nicht, und du fragst mich noch, wer ich bin!«

»Du hast mich geprügelt! Einer, der mich prügeln wird, ist noch nicht geboren, und wer mich geprügelt hat, der liegt tief in der Erde.«

»Ach, du Aussatz von Bendery!«

»Die sibirische Pest soll dich treffen!«

»Ein türkischer Säbel soll mit dir reden! . . .«

Und das Fluchen ging los.

»Na, na, na! Da machen sie schon Radau!« schrie man ringsum. »Sie haben nicht verstanden, in der Freiheit zu leben, nun sind sie froh, daß sie hier das Zuchthausbrot fressen können . . .«

Man bringt sie sofort zur Ruhe. Das Fluchen und »Zungendreschen« ist gestattet. Es ist ja eine Art Zerstreuung für alle. Aber Schlägereien werden nicht immer erlaubt, nur in den ausschließlichsten Fällen geraten sich die Gegner in die Haare. Eine Schlägerei wird dem Major gemeldet; es beginnt eine Untersuchung, der Major selbst kommt gefahren, mit einem Wort, allen drohen Unannehmlichkeiten; darum wird eine Schlägerei nicht zugelassen. Auch die Gegner selbst schimpfen mehr zur Unterhaltung, zur Übung im Stil. Oft betrügen sie sich selbst: sie beginnen mit furchtbarer Wut, man glaubt, daß sie sich gleich aufeinander stürzen werden; aber keine Spur: wenn sie einen gewissen Punkt erreicht haben, gehen sie auseinander. Dies alles setzte mich anfangs in Erstaunen. Ich habe soeben ansichtlich ein Beispiel der gewöhnlichsten Zuchthausunterhaltung angeführt. Ich konnte mir anfangs nicht vorstellen, wie man bloß zum Vergnügen fluchen und darin einen Zeitvertreib, eine angenehme Übung sehen kann. Übrigens ist auch die Ruhmsucht nicht außer acht zu lassen. Ein Künstler im Fluchen genoß immer allgemeine Achtung. Nur daß man ihm nicht applaudierte wie einem Schauspieler.

Schon am Vorabend hatte ich bemerkt, daß man mich scheel ansah.

Ich fing einige düstere Blicke auf. Andere Arrestanten suchten dagegen in meiner Nähe zu bleiben, da sie bei mir Geld vermuteten. Sie begannen sich sofort bei mir einzuschmeicheln: sie unterwiesen mich, wie man die neuen Fesseln trägt; sie verschafften mir, natürlich für Geld, einen Kasten mit einem Schloß zur Verwahrung der mir bereits gelieferten Kommißsachen und meiner Privatwäsche, die ich ins Zuchthaus mitgebracht hatte. Schon am nächsten Tage stahlen sie mir den Kasten und vertranken ihn. Einer der Diebe war mir später außerordentlich ergeben, obwohl er nicht aufhörte, mich bei jeder passenden Gelegenheit zu bestehlen. Er machte es ohne Bedenken, fast unbewußt, gleichsam aus Pflicht, und es war unmöglich, ihm zu zürnen.

Unter anderem brachten sie mir bei, daß man seinen eigenen Tee haben müsse und daß ich mir eine Teekanne anschaffen solle; vorläufig verschafften sie mir leihweise eine fremde und empfahlen mir einen Koch, von dem sie sagten, daß er mir für dreißig Kopeken im Monat beliebige Sachen kochen würde, wenn ich den Wunsch hätte, mich selbst zu beköstigen und mir eigene Lebensmittel zu kaufen . . . Selbstverständlich liehen sie von mir Geld, und ein jeder von ihnen kam an diesem ersten Tage an die dreimal zu mir, um mich um Geld zu bitten.

Ehemalige Adlige werden im Zuchthause überhaupt scheel und wenig wohlwollend angesehen.

Obwohl sie aller ihrer Standesrechte beraubt und den anderen Arrestanten vollkommen gleichgestellt sind, werden sie von diesen niemals als ihre Genossen angesehen. Das entspringt nicht einmal einem bewußten Vorurteil, sondern geschieht aufrichtig und unbewußt. Sie hielten uns mit Überzeugung noch immer für Adlige, obwohl sie uns selbst gerne mit unserer Degradierung neckten.

»Nein, jetzt ist's genug, warte nur! Pjotr pflegte früher stolz durch Moskau zu fahren, und jetzt muß er Stricke drehen!« und ähnliche Liebenswürdigkeiten.

Sie sahen mit Befriedigung unseren Leiden zu, die wir vor ihnen zu verheimlichen suchten. Besonders viel hatten wir von ihnen in der ersten Zeit bei der Arbeit auszustehen, weil wir nicht so viel Kraft hatten wie sie und ihnen nur ungenügend helfen konnten. Es gibt nichts Schwereres, als das Vertrauen des Volkes (und besonders dieses Volkes) und seine Liebe zu erwerben.

Im Zuchthause befanden sich mehrere Arrestanten adliger Abstammung. Erstens an die fünf Polen. Von diesen werde ich später einmal besonders sprechen. Die Zuchthäusler konnten die Polen nicht ausstehen, sogar weniger als die Russen adliger Abstammung. Die Polen (ich spreche nur von den politischen Verbrechern) behandelten sie aber mit einer raffinierten, verletzenden Höflichkeit, waren äußerst verschlossen und konnten ihren Ekel vor den übrigen Arrestanten nicht verhehlen, diese aber sahen es wohl und zahlten es mit der gleichen Münze heim.

Ich mußte fast zwei Jahre im Zuchthause verbringen, bevor ich mir die Zuneigung einiger Zuchthäusler erwarb. Aber die Mehrzahl von ihnen gewann mich schließlich lieb und erkannte mich als einen »guten Menschen«.

Von russischen Adligen waren außer mir noch vier da. Einer von ihnen war ein gemeines und niederträchtiges, furchtbar verdorbenes Geschöpf, ein Spion und Anzeiger aus Beruf. Ich hatte über ihn schon vor meiner Ankunft im Zuchthause gehört und gleich am ersten Tage jeden Verkehr mit ihm abgebrochen. Der andere war der Vatermörder, von dem ich in diesen Aufzeichnungen schon gesprochen habe. Der dritte war Akim Akimytsch; selten habe ich einen solchen Sonderling, wie er es war, gesehen. Er hat sich meinem Gedächtnisse scharf eingeprägt. Er war groß, hager, schwachsinnig, furchtbar ungebildet, ein außergewöhnlicher Räsonneur und in allen Dingen peinlich genau wie ein Deutscher. Die Zuchthhäusler lachten über ihn, aber viele von ihnen fürchteten, sich mit ihm einzulassen wegen seines streitsüchtigen, empfindlichen und unberechenbaren Charakters. Er stellte sich gleich bei seinem Eintritt ins Zuchthaus auf einen vertrauten Fuß mit den übrigen Zuchthäuslern und schimpfte und raufte sogar mit ihnen. Seine Ehrlichkeit war phänomenal. Wenn er nur irgendeine Ungerechtigkeit bemerkte, so mischte er sich sofort in die Sache ein, selbst wenn sie ihn in keiner Weise anging. Naiv war er bis zur äußersten Grenze: wenn er z. B. mit den Arrestanten zankte, warf er ihnen zuweilen vor, daß sie Diebe seien, und ermahnte sie ernsthaft, nicht mehr zu stehlen. Er hatte als Fähnrich im Kaukasus gedient. Ich schloß mich ihm gleich am ersten Tage an, und er berichtete mir sofort seine ganze Geschichte. Er hatte seine Laufbahn im Kaukasus als Junker in einem Infanterieregiment begonnen, hatte lange gedient, war endlich zum Offizier befördert und als höchster Vorgesetzter nach einer kleinen Festung versetzt worden. Einer der »pazifizierten« Fürsten in der Nachbarschaft steckte ihm die Festung in Brand und machte auf sie einen nächtlichen Überfall, der ihm jedoch mißlang. Akim Akimytsch wandte nun eine List an und tat so, als wüßte er nicht, wer der Übeltäter gewesen sei. Man schrieb den Überfall den nicht pazifizierten Eingeborenen zu, Akim Akimytsch lud aber den Fürsten nach einem Monat in aller Freundschaft zu sich zu Gast. Jener kam, ohne etwas zu ahnen. Akim Akimytsch stellte nun seine Truppen in Reih und Glied auf, bezichtigte den Fürsten öffentlich des Verbrechens und hielt ihm vor, daß es eine Schande sei, Festungen in Brand zu stecken. Er erteilte ihm eine ausführliche Lektion, wie ein pazifizierter Fürst sich in Zukunft zu verhalten habe, und ließ ihn zum Schluß füsilieren, worüber er selbst unverzüglich einen genauen Bericht an die vorgesetzte Behörde erstattete. Deswegen kam er vors Gericht und wurde zum Tode verurteilt; das Urteil wurde gemildert, und so kam er als Sträfling zweiter Kategorie nach Sibirien zur Abbüßung einer zwölfjährigen Festungsstrafe. Er war sich vollkommen bewußt, daß er ungesetzlich gehandelt hatte; er sagte mir, daß er es schon vor der Füsilierung des Fürsten gewußt habe, auch daß ein Pazifizierter nur nach dem Gesetz verurteilt werden dürfe; obwohl er aber dies wußte, konnte er seine Schuld unmöglich richtig erfassen.

»Aber erlauben Sie! Er hat mir doch meine Festung in Brand gesteckt! Soll ich mich vielleicht bei ihm deswegen noch bedanken?« sagte er mir auf meine Einwände.

Die Arrestanten machten sich zwar über die Geistesschwäche Akim Akimytschs lustig, achteten ihn aber doch wegen seiner Genauigkeit und Geschicklichkeit.

Es gab kein Handwerk, das Akim Akimytsch nicht verstanden hätte. Er war Tischler, Schuster, Schuhmacher, Maler, Vergolder und Schlosser und hatte dies alles erst im Zuchthause gelernt. Er lernte alles ohne fremde Anleitung: wenn er die Arbeit nur einmal sah, so konnte er sie sofort machen. Er stellte auch allerlei Schachteln, Körbchen, Laternen und Spielsachen her, die er in der Stadt verkaufte. So verdiente er einiges Geld, das er sofort zur Vergrößerung seiner Wäschevorräte, zur Anschaffung eines weicheren Kissens oder einer zusammenlegbaren Matratze verwandte. Er war in der gleichen Kaserne mit mir untergebracht und hatte mir in den ersten Tagen meines Zuchthauslebens viele Dienste geleistet.

Wenn die Arrestanten aus dem Zuchthause zur Arbeit gingen, stellten sie sich vor dem Wachgebäude in zwei Reihen auf; vor und hinter ihnen standen die Wachsoldaten mit geladenen Gewehren. Es erschienen: der Ingenieur-Offizier, der Zugführer und mehrere Gemeine von der Ingenieurkompagnie, die die Arbeit zu beaufsichtigen hatten. Der Zugführer zählte die Arrestanten und kommandierte sie partieweise zu den notwendigen Arbeiten.

Ich kam mit anderen in die Ingenieurwerkstätte. Es war ein niederes steinernes Gebäude, das sich auf einem großen, mit Material jeder Art angefülltem Hofe befand. Hier gab es eine Schmiede, eine Schlosserei, eine Tischlerei, eine Malerwerkstätte usw. Akim Akimytsch arbeitete in der Malerwerkstätte: er kochte Firnis, mischte die Farben und strich Tische und andere Möbelstücke nußholzartig an.

Während ich auf das Umschmieden der Fesseln wartete, kam ich mit Akim Akimytsch ins Gespräch über meine ersten Eindrücke im Zuchthause.

»Jawohl, sie mögen die Adligen nicht,« bemerkte er, »besonders die politischen Verbrecher, sie könnten sie einfach auffressen, und das ist kein Wunder. Erstens sind wir andere Menschen, die ihnen gar nicht gleichen; zweitens waren sie vorher alle entweder Leibeigene oder Soldaten. Urteilen Sie nun selbst, ob sie Sie lieb gewinnen können! Das Leben ist hier schwer, das muß ich Ihnen sagen. In den Strafkompagnien im Europäischen Rußland ist es aber noch schwerer. Wir haben hier solche, die in den Kompagnien gewesen sind, und diese können unser Zuchthaus gar nicht genug loben, als wären sie aus der Hölle ins Paradies gekommen. Es ist nicht die Arbeit, was das Leben schwer macht. Es heißt, daß in der ersten Kategorie die Obrigkeit nicht ganz militärisch sei; jedenfalls benimmt sie sich anders als bei uns. Man sagt, daß ein Verbannter dort eine eigene Wirtschaft haben kann. Ich bin dort nicht gewesen, aber die Leute sagen es. Dort wird man weder rasiert, noch muß man eine Uniform tragen, obwohl es eigentlich gut ist, daß bei uns alle uniformiert und rasiert sind: so ist mehr Ordnung, und es ist auch angenehmer für das Auge. Aber ihnen gefällt das nicht. Schauen Sie doch selbst, was es für ein Gesindel ist! Der eine ist ein ehemaliger Kantonist, der andere ein Tscherkesse, der dritte ein Raskolnik, der vierte ein orthodoxer Bauer, der seine Familie und die lieben Kinderchen in der Heimat zurückgelassen hat; der fünfte ist ein Jud, der sechste ein Zigeuner, der siebente, – man weiß nicht was, und diese alle müssen sich hier miteinander einleben, sich einander anpassen, aus der gleichen Schüssel essen und auf der gleichen Pritsche schlafen. Man hat auch nicht die geringste Freiheit: einen übrigen Bissen kann man nur heimlich essen, jede Kopeke muß man in den Stiefeln verstecken, und man vergißt für keinen Augenblick, daß man im Zuchthause ist . . . So wird man, ob man will oder nicht, verrückt.«

Aber ich wußte es schon. Ich wollte mich besonders über unseren Major erkundigen. Akim Akimytsch verheimlichte nichts, und ich erinnere mich, daß der Eindruck nicht sehr angenehm war.

Aber es war mir beschieden, noch zwei Jahre unter seinem Kommando zu leben. Alles, was Akim Akimytsch mir über ihn erzählte, erwies sich als vollkommen wahr, nur mit dem Unterschied, daß der Eindruck der Wirklichkeit immer stärker ist als der eines einfachen Berichts. Er war ein schrecklicher Mensch, eben aus dem Grunde, weil er ein fast unbeschränkter Befehlshaber über zweihundert Seelen war. An sich war er nur ein unordentlicher und böser Mensch, sonst nichts. Die Arrestanten betrachtete er als seine natürlichen Feinde, und darin lag sein erster und größter Fehler. Er hatte tatsächlich einige Fähigkeiten, aber alles, sogar das Gute war in ihm zu einer Karrikatur geworden. Unbeherrscht und wütend überfiel er das Zuchthaus manchmal sogar nachts, und wenn er merkte, daß ein Arrestant auf der linken Seite oder auf dem Rücken schlief, so bestrafte er ihn gleich am nächsten Morgen: »Schlaf auf der rechten Seite, wie ich es dir befohlen habe!« Im Zuchthause haßte und fürchtete man ihn wie die Pest. Sein Gesicht war blaurot und böse. Alle wußten, daß er sich ganz in den Händen seines Burschen Fedjka befand. Über alles liebte er aber seinen Pudel Tresorka und kam fast von Sinnen, als dieser Hund erkrankte. Man erzählte sich, er hätte über ihn wie über einen leiblichen Sohn geweint; er hätte einen Tierarzt hinausgeworfen und seiner Gewohnheit gemäß fast verprügelt, als er von Fedjka erfahren habe, daß es im Zuchthause einen Arrestanten gäbe, einen Autodidakten in der Tierarzneikunde, der die Tiere mit großem Erfolg behandle. Diesen ließ er sofort kommen:

»Hilf mir! Ich werde dich vergolden, wenn du mir den Tresorka kurierst!« rief er dem Arrestanten zu.

Jener war ein Sibirier, verschlagen, klug, ein wirklich tüchtiger Veterinär, aber ganz ein Bauer.

»Ich schau mir den Tresorka an,« erzählte er später den Arrestanten, übrigens eine lange Zeit nach seinem Besuch beim Major, als die ganze Sache schon vergessen war: »der Hund liegt auf dem Sofa, auf einem weißen Kissen; ich sehe, daß es eine Entzündung ist, daß man ihn zur Ader lassen müßte und der Hund dann gesund werden würde, bei Gott! Aber ich denke mir: wie, wenn ich ihn nicht kuriere und der Hund krepiert? Nein, sage ich ihm, Euer Hochwohlgeboren, Sie haben mich zu spät holen lassen; gestern oder vorgestern um dieselbe Stunde hätte ich ihn noch kurieren können, jetzt kann ich es aber nicht mehr . . .«

So krepierte Tresorka.

Man erzählte mir mit allen Einzelheiten, wie man einmal unsern Major hat erschlagen wollen. Im Zuchthaus war ein Arrestant, der sich da schon seit einigen Jahren aufhielt und sich durch sein stilles Betragen auszeichnete. Es war aufgefallen, daß er fast nie mit jemand sprach. Man hielt ihn für etwas geistesgestört. Er verstand zu lesen und las das ganze letzte Jahr ständig in der Bibel, bei Tag und bei Nacht. Wenn alle eingeschlafen waren, stand er um Mitternacht auf, zündete ein Kirchenlicht aus Wachs an, stieg auf den Ofen, schlug das Buch auf und las bis zum Morgen. Eines Tages ging er zum Unteroffizier und erklärte ihm, daß er nicht zur Arbeit gehen wolle. Man meldete es dem Major; dieser brauste auf und kam sofort selbst ins Zuchthaus. Der Arrestant stürzte sich über ihn mit einem schon früher vorbereiteten Ziegelstein, traf ihn aber nicht. Man packte ihn, stellte ihn vors Gericht und unterzog ihn einer Körperstrafe. Dies alles spielte sich sehr schnell ab. Nach etwa drei Tagen starb er im Krankenhause. Vor dem Tode sagte er, daß er niemand etwas Böses gewünscht und nur leiden gewollt habe, übrigens gehörte er keiner Sekte an. Man gedachte seiner im Zuchthause mit Achtung.

Endlich schmiedete man mir die Fesseln um. In die Werkstatt kamen indessen mehrere Semmelverkäuferinnen. Einige von ihnen waren noch ganz kleine Mädchen. Solange sie noch klein waren, pflegten sie die Semmeln auszutragen: die Mütter buken, und sie verkauften sie. Wenn sie ins reifere Alter kamen, fuhren sie fort, ins Zuchthaus zu kommen, aber ohne die Semmeln; so war es fast immer der Brauch. Es waren auch solche dabei, die nicht mehr so klein waren. Eine Semmel kostete eine halbe Kopeke, und fast alle Arrestanten kauften sich welche.

Ich beobachtete einen schon ergrauten, aber noch rotbackigen Arrestanten, einen Tischler, der lächelnd mit den Semmelmädchen schäkerte. Vor ihrem Erscheinen hatte er sich eben ein rotes Tüchlein um den Hals gebunden. Eine dicke pockennarbige junge Frau stellt auf seine Hobelbank ihren Korb hin. Zwischen ihnen begann ein Gespräch.

»Warum sind Sie denn gestern nicht hingekommen?« begann der Arrestant mit selbstzufriedenem Lächeln.

»Na! Ich war ja gekommen, statt Ihrer war aber Mitjka da,« antwortete keck die Frau.

»Man hatte mich wo anders gebraucht, sonst wär ich unbedingt zur Stelle gewesen . . . Vorgestern waren aber zu mir alle Ihrigen gekommen.«

»Wer denn?«

»Marjaschka war gekommen, Chawroschka war gekommen, Tschekunda war gekommen, das Zweigroschenmädel war gekommen . . .«

»Was soll denn das heißen?« fragte ich Akim Akimytsch: »Ist es denn möglich . . .«

»Es kommt vor,« antwortete er mit diskret gesenkten Augen, denn er war ein äußerst keuscher Mensch.

Es kam in der Tat vor, aber nur sehr selten und mit den größten Schwierigkeiten. Es gab im allgemeinen viel mehr Liebhaber für das Trinken als für diese Dinge, trotz des ganzen natürlichen Dranges bei diesem unfreien Leben. Es war sehr schwer mit einem Frauenzimmer zusammenzukommen. Man mußte eine passende Zeit und einen passenden Ort wählen, sich verabreden, ein Stelldichein ausmachen, Einsamkeit suchen, was besonders schwer war, die Wachsoldaten für sich gewinnen, was noch schwerer war, und überhaupt eine Menge Geld ausgeben, natürlich nur verhältnismäßig viel. Es gelang mir aber später doch manchmal, Zeuge von Liebesszenen zu sein. Ich erinnere mich, wie wir uns einmal im Sommer zu dritt in irgendeinem Schuppen am Ufer des Irtysch befanden und einen Brennofen anheizten; die Wachsoldaten waren gutmütig. Endlich erschienen zwei »Souffleusen«, wie sie die Arrestanten nennen.

»Nun, wo habt ihr denn so lange gesteckt? Wohl bei den Swjerkows?« fragte sie der Arrestant, zu dem sie kamen und der schon lange auf sie gewartet hatte.

»Ich habe dort lange gesteckt? Neulich hat ja eine Elster länger auf einem Pfahl gesessen als ich bei den Swjerkows,« antwortete das Mädel lustig.

Es war das allerschmutzigste Mädel in der Welt. Es war die schon erwähnte Tschekunda. Mit ihr war das Zweigroschenmädel gekommen. Diese spottete aber schon jeder Beschreibung.

»Auch Sie habe ich schon lange nicht gesehen,« fuhr der Schürzenjäger fort, sich an das Zweigroschenmädel wendend. »Mir scheint, Sie sind etwas magerer geworden?«

»Kann sein. Einst war ich viel dicker, jetzt aber bin ich so mager, als hätte ich eine Nadel verschluckt.«

»Sie laufen wohl immer mit den Soldaten herum?«

»Nein, böse Zungen haben uns wohl verleumdet; aber warum auch nicht? Es gibt doch nichts Schöneres als die Soldatenliebe!«

»Lassen Sie doch die Soldaten und lieben Sie uns: wir haben ja Geld . . .«

Man stelle sich dabei den Galan mit rasiertem Schädel, in Fesseln, in gescheckter Kleidung und unter Bewachung vor.

Ich verabschiedete mich von Akim Akimytsch. Als ich hörte, daß ich ins Zuchthaus zurückkehren dürfe, nahm ich mir einen Wachsoldaten und ging mit ihm heim. Die Leute begannen eben heimzukommen. Früher als alle kommen diejenigen, die ein bestimmtes Arbeitspensum zu leisten haben. Das einzige Mittel, den Arrestanten zum Fleiß zu zwingen, ist, ihm eine bestimmte Arbeitsleistung vorzuschreiben. Diese ist oft sehr groß, wird aber doch doppelt so schnell bewältigt, als wenn der Arrestant einfach bis zur Mittagstrommel zu arbeiten hätte. Wenn der Arrestant mit seinem Pensum fertig war, ging er unbehindert heim, und niemand durfte ihn zurückhalten.

Man ißt nicht gleichzeitig zu Mittag, sondern durcheinander, ein jeder, wann er eben kommt; die Küche hätte auch nicht Platz für alle zusammen. Ich versuchte von der Kohlsuppe, konnte sie aber, da ich dieses Essen noch nicht gewohnt war, nicht hinunterbringen und kochte mir Tee. Wir setzten uns an ein Tischende. Neben mir saß ein Sträfling wie ich aus dem Adelstande.

Die Arrestanten kamen und gingen. Es war übrigens viel Platz da: es waren noch nicht alle versammelt. Eine Gruppe von fünf Mann setzte sich abseits an einen großen Tisch. Der Koch stellte ihnen zwei Schüsseln Kohlsuppe und einen ganzen Eimer gebratene Fische hin. Sie feierten etwas und aßen auf eigene Rechnung. Uns sahen sie scheel an. Einer der Polen trat ein und setzte sich neben uns.

»Ich bin zwar nicht daheim gewesen, weiß aber alles!« rief laut ein langer Arrestant, in die Küche tretend und mit einem Blick alle musternd.

Er war an die fünfzig Jahre alt, muskulös und hager. Sein Gesicht hatte einen verschlagenen und zugleich lustigen Ausdruck. Auffallend war seine dicke, überhängende Unterlippe, die seinem Gesicht etwas äußerst Komisches verlieh.

»Nun, habt ihr gut geschlafen? Warum sagt ihr mir nicht guten Tag? Ich grüße die Kursker!« fügte er hinzu, indem er sich neben die auf eigene Kosten Essenden setzte. »Guten Appetit! Traktiert doch den Gast!«

»Wir sind ja gar nicht aus Kursk.«

»Dann aus Tambow?«

»Auch nicht aus Tambow. Du kannst von uns nichts holen, Bruder. Geh lieber zum reichen Bauern und bettle den an.«

»Ich habe heute Iwan den Hungerleider und Marja die Rülpserin im Magen. Wo wohnt denn der reiche Bauer?«

»Da sitzt Gasin, er ist der reiche Bauer, geh doch zu ihm.«

»Gasin leistet sich heute einen guten Tag: er will seinen ganzen Geldbeutel vertrinken.«

»An die zwanzig Rubel hat er sicher,« bemerkte ein anderer. »Es ist doch lohnend, Schnapsverkäufer zu sein.«

»Wollt ihr den Gast nicht bewirten? Nun, dann essen wir halt Kommiß.«

»Geh doch und bitte um Tee. Da trinken Herrschaften Tee.«

»Was für Herrschaften, hier gibt es keine Herrschaften! Sind jetzt die gleichen Menschen wie wir,« bemerkte düster ein Arrestant, der in der Ecke saß und bisher noch kein Wort gesprochen hatte.

»Ich würde schon gerne Tee trinken, schäme mich aber zu bitten, denn ich habe auch Scham im Leibe!« versetzte der Arrestant mit der dicken Lippe, uns gutmütig anblickend.

»Wenn Sie wünschen, will ich Ihnen Tee geben,« sagte ich, ihn einladend. »Ist's gefällig?«

»Ob's mir gefällig ist? Wie sollte es mir nicht gefällig sein!«

Er trat an den Tisch.

»Schau ihn nur einer an: daheim hat er Kohlsuppe mit dem Bastschuh gelöffelt, und hier hat er den Tee kennengelernt. Es gelüstet ihn nach dem herrschaftlichen Getränk,« versetzte der düstere Arrestant.

»Trinkt denn hier niemand Tee?« fragte ich ihn, aber er würdigte mich keiner Antwort.

»Da bringt man gerade Semmeln. Verehren Sie mir doch auch eine Semmel!«

Ein junger Arrestant trug einen ganzen Kranz von Semmeln, die er im Zuchthause verkaufte. Die Semmelfrau überließ ihm dafür jede zehnte Semmel; auf diese rechnete er eben.

»Semmeln, Semmeln!« rief er, in die Küche tretend: »Heiße Moskauer Semmeln! Würde sie selbst essen, aber ich brauche mein Geld. Jetzt habe ich nur noch diese letzte: wer von euch hat eine Mutter gehabt?«

Dieser Appell an die Mutterliebe brachte alle zum Lachen, und man nahm ihm einige Semmeln ab.

»Was glaubt ihr, Brüder,« sagte er, »Gasin wird heute so lange bummeln, bis er etwas Böses erlebt! Bei Gott! Was ist es auch für eine Zeit zum Bummeln: jeden Augenblick kann der Achtäugige kommen.«

»Man wird ihn schon verstecken. Ist er denn sehr betrunken?«

»Und wie! Ist schon ganz wütend und greift alle an.«

»Nun, dann wird es wohl auch zu einem Faustkampf kommen . . .«

»Von wem sprechen sie?« fragte ich den Polen, der neben mir saß.

»Vom Arrestanten Gasin, der hier den Schnapsverkauf hat. Sobald er etwas Geld verdient, vertrinkt er es sofort. Er ist grausam und boshaft; im nüchternen Zustande verhält er sich übrigens ruhig; aber wenn er sich betrunken hat, kommt alles zum Durchbruch; dann stürzt er sich mit einem Messer auf die Menschen. Dann bringt man ihn zur Vernunft.«

»Wie bringt man ihn denn zur Vernunft?«

»An die zehn Arrestanten fallen über ihn her und schlagen ihn so lange, bis er die Besinnung verliert, d. h. sie prügeln ihn halb tot. Dann legt man ihn auf die Pritsche und bedeckt ihn mit einem Pelz.«

»So können sie ihn doch auch totschlagen!«

»Ein anderer an seiner Stelle wäre auch schon längst tot, er aber nicht. Er hat eine ungeheure Kraft, ist stärker als alle im Zuchthause und wie aus Eisen gebaut. Am nächsten Morgen ist er immer wieder vollkommen gesund.«

»Sagen Sie bitte,« fragte ich den Polen weiter, »sie alle essen doch auf eigene Kosten, und ich trinke meinen eigenen Tee. Dabei schauen sie mich so an, als beneideten sie mich um diesen Tee. Was soll das heißen?«

»Es ist nicht wegen des Tees,« antwortete der Pole. »Sie ärgern sich über Sie, weil Sie ein Adliger sind und sich von ihnen unterscheiden. Viele von ihnen möchten wohl mit Ihnen anbinden. Sie haben große Lust, Sie zu beleidigen und zu erniedrigen. Sie werden hier noch viele Unannehmlichkeiten erleben. Wir alle haben es hier furchtbar schwer. Wir haben es in jeder Beziehung schwerer als alle anderen. Es bedarf einer großen Gleichgültigkeit, um sich daran zu gewöhnen. Sie werden hier noch viel Unannehmlichkeiten wegen des Tees und der eigenen Beköstigung erleben, obwohl hier viele sehr oft auf eigene Kosten essen und manche ständig Tee trinken. Die andern dürfen es, Sie aber nicht.«

Mit diesen Worten erhob er sich und verließ den Tisch. Schon nach einigen Minuten gingen seine Worte in Erfüllung.

III

Die ersten Eindrücke

Kaum war M–cki (der Pole, der mit mir gesprochen hatte) hinausgegangen, als Gasin vollständig betrunken in die Küche stürzte.

Ein betrunkener Arrestant am hellichten Tage, an einem Werktag, wo alle verpflichtet sind, zur Arbeit zu gehen, angesichts eines strengen Vorgesetzten, der jeden Augenblick ins Zuchthaus kommen konnte, eines Unteroffiziers, der die Arrestanten beaufsichtigte und sich ständig im Zuchthause aufhielt; angesichts der Wachen, der Invaliden, mit einem Worte der ganzen strengen Ordnung, – diese Erscheinung warf alle meine Vorstellungen vom Arrestantenleben, die ich mir zu bilden begann, über den Haufen. Ich mußte auch eine recht lange Zeit im Zuchthause zubringen, ehe ich mir alle diese Tatsachen erklären konnte, die mir in den ersten Tagen meines Zuchthauslebens so rätselhaft vorkamen.

Ich sagte schon, daß die Arrestanten immer ihre eigene Arbeit hatten und daß diese Arbeit ein natürliches Bedürfnis des Zuchthauslebens darstellte; daß der Arrestant, auch abgesehen von diesem Bedürfnis, das Geld über alles liebte, es fast der Freiheit gleichstellte und sich schon getröstet fühlte, wenn welches in seiner Tasche klimperte. Dagegen ist er traurig, verstimmt, unruhig und entmutigt, wenn er kein Geld hat; dann ist er zu jedem Diebstahl und überhaupt zu allem fähig, um sich Geld zu verschaffen. Aber obwohl das Geld im Zuchthause einen so hohen Wert hatte, blieb es doch niemals lange in der Tasche des glücklichen Besitzers. Erstens war es schwer, das Geld so zu verwahren, daß es nicht gestohlen oder konfisziert wurde. Wenn der Major es bei einer der plötzlichen Durchsuchungen fand, nahm er es gleich weg. Vielleicht verwendete er es zur Verbesserung der Arrestantenkost, jedenfalls wurde es immer ihm abgeliefert. Meistens wurde es aber gestohlen, denn man konnte sich auf niemand verlassen. Später fand man bei uns doch ein Mittel, Geld mit absoluter Sicherheit zu verwahren. Man gab es einem alten Altgläubigen in Verwahrung, der zu uns aus den Siedlungen bei Starodub gekommen war . . . Aber ich kann nicht umhin, einige Worte über ihn zu sagen, obwohl ich dabei weit von meinem Thema abschweife.

Er war ein kleiner, grauhaariger Mann von etwa sechzig Jahren. Er fiel mir gleich beim ersten Blick auf. So wenig glich er den anderen Arrestanten: es war etwas Ruhiges und Stilles in seinem Blick, so daß ich mit einem besonderen Vergnügen in seine heiteren, hellen, von feinen Runzeln umgebenen Augen schaute. Ich unterhielt mich oft mit ihm und muß sagen, daß ich in meinem Leben selten ein so gutmütiges und freundliches Wesen gesehen habe. Er war wegen eines äußerst schweren Verbrechens hergeraten. Unter den Sektierern von Starodub hatten sich seit einiger Zeit manche zur herrschenden Kirche bekehren lassen. Die Regierung begünstigte auf jede Weise die Proselyten und wandte alle Mühe an zur Bekehrung weiterer Sektierer. Der Alte hatte sich mit anderen Fanatikern entschlossen, »für den wahren Glauben einzustehen«, wie er es nannte. Man hatte eben begonnen, eine gemeinsame Kirche für die Orthodoxen und die Altgläubigen zu bauen, und sie steckten diese Kirche in Brand. Der Alte kam als einer der Anstifter nach Sibirien zur Zwangsarbeit. Er war ein bemittelter, handeltreibender Kleinbürger gewesen; hatte daheim eine Frau und Kinder gelassen; war aber mit Überzeugung in die Verbannung gegangen, die er in seiner Verblendung für »ein Martyrium wegen des Glaubens« hielt. Wenn man mit ihm einige Zeit zusammen gewesen war, stellte man sich unwillkürlich die Frage, wieso dieser stille und wie ein Kind sanfte Mensch ein Aufrührer werden konnte. Ich sprach mit ihm einigemal »über den Glauben«. Er gab keine von seinen Überzeugungen preis, aber in seinen Entgegnungen war nicht die geringste Bosheit, nicht der geringste Haß. Und doch hatte er die Kirche angezündet, was er auch gar nicht leugnete. Man hätte doch meinen können, daß er infolge seiner Überzeugung seine Tat und die für dieselbe empfangenen »Leiden« für etwas Rühmliches halten müßte. Aber wie aufmerksam ich ihn auch betrachtete und studierte, konnte ich an ihm nicht die geringsten Anzeichen von Stolz und Überhebung wahrnehmen. Wir hatten in unserm Zuchthause auch andere Altgläubige, zum größten Teil Sibirier. Es waren geistig hochentwickelte, schlaue Bauern, außerordentlich bibelkundig, am Buchstaben zäh festhaltend und in ihrer Art tüchtige Dialektiker; hochmütige, eingebildete, listige und im höchsten Grade intolerante Menschen. Der Alte war ganz anders. Obwohl er in der Bibel vielleicht viel beschlagener war als sie, mied er alle Disputationen. Er hatte einen höchst mitteilsamen Charakter. Er war lustig und lachte oft, es war aber nicht das rohe, zynische Lachen der andern Zuchthäusler, sondern ein heiteres und stilles Lachen, in dem viel kindliche Einfalt lag und das besonders gut zu seinen grauen Haaren paßte. Vielleicht irre ich mich auch, aber es scheint mir, daß man den Menschen an seinem Lachen erkennen kann und daß wir, wenn uns das Lachen eines uns völlig fremden Menschen gleich bei der ersten Begegnung angenehm ist, getrost sagen dürfen, daß er ein guter Mensch ist. Der Alte genoß im ganzen Zuchthause allgemeine Achtung, auf die er sich durchaus nichts einbildete. Die Arrestanten nannten ihn Vater und taten ihm nichts zu Leide. Ich konnte mir zum Teil vorstellen, welchen Einfluß er auf seine Glaubensgenossen üben mußte. Aber trotz der scheinbaren Festigkeit, mit der er seine Zuchthausstrafe trug, lag in ihm dennoch eine tiefe, unheilbare Trauer, die er vor allen sorgfältig verheimlichte. Ich wohnte mit ihm in der gleichen Kaserne. Einmal erwachte ich gegen drei Uhr nachts und hörte sein stilles, verhaltenes Weinen. Der Alte saß auf dem Ofen (auf demselben Ofen, auf dem früher der vor lauter Bibellesen verrückt gewordene Arrestant, der den Major hatte erschlagen wollen, nachts zu beten pflegte) und betete aus einem handgeschriebenen Gebetbuch. Er weinte, und ich hörte ihn ab und zu sprechen: »Herr, verlaß mich nicht! Herr, festige mich! Meine lieben Kinderchen, meine kleinen Kinderchen, nie werden wir uns wiedersehen!« Ich kann gar nicht wiedergeben, wie traurig es mir da zu Mute wurde. Diesem Alten gaben nun alle Arrestanten nach und nach ihr Geld in Verwahrung. Im Zuchthause waren fast alle Diebe, aber aus irgendeinem Grunde gewann man die Überzeugung, daß der Alte unmöglich etwas stehlen könne. Man wußte wohl, daß er das ihm anvertraute Geld irgendwo zu verstecken pflegte, aber es war ein so verborgener Ort, daß keiner ihn finden konnte. Später enthüllte er mir und einigen von den Polen sein Geheimnis. In einem der Palisadenpfähle war ein Ast, der fest mit dem Holze verwachsen schien. Der Ast ließ sich aber herausnehmen, und im Holze befand sich eine größere Vertiefung. Hier pflegte der Großvater das Geld zu verwahren und dann den Ast wieder so hineinzustecken, daß niemand etwas merken konnte.

Ich bin aber von meiner Erzählung abgeschweift. Ich war dabei stehen geblieben, warum das Geld niemals lange in der Tasche des Arrestanten blieb. Aber auch abgesehen von der Schwierigkeit, es zu verwahren, gab es im Zuchthause zu viel Trübsinn; der Arrestant ist aber seiner Natur nach ein dermaßen nach Freiheit lechzendes Geschöpf und dann auch infolge seiner sozialen Lage so leichtsinnig und unordentlich, daß er das natürliche Bedürfnis fühlt, tüchtig über die Schnur zu hauen, sein ganzes Kapital mit Donner und Musik zu verprassen, um wenigstens für eine Minute seine Schwermut zu vergessen. Es war sogar sonderbar zu sehen, wie mancher von ihnen monatelang unaufhörlich über einer Arbeit hockte, um seinen ganzen Verdienst an einem einzigen Tage bis auf die letzte Kopeke zu verprassen und dann bis zum nächsten Bummel wieder monatelang zu arbeiten. Viele von ihnen schafften sich gerne neue Kleider an, und zwar unbedingt Zivilkleider: irgendwelche unförmige schwarze Beinkleider, Westen, Überröcke. Beliebt waren auch Kattunhemden und Gürtel mit Messingbeschlägen. Man pflegte diese Kleidungsstücke an Feiertagen anzuziehen, und der so Geputzte ging dann unbedingt durch alle Kasernen, um sich allen zu zeigen. Die Selbstzufriedenheit des Geputzten war ganz kindisch, wie die Arrestanten auch in vielen anderen Beziehungen die reinen Kinder waren. Alle diese guten Sachen pflegten allerdings sehr schnell und plötzlich zu verschwinden; oft wurden sie gleich am ersten Abend versetzt oder für einen Spottpreis verkauft. Ein solcher Bummel entwickelte sich übrigens ganz allmählich. Gewöhnlich fiel er auf den Geburtstag oder Namenstag des Betreffenden. Wenn ein Arrestant sein Namensfest feierte, entzündete er gleich am Morgen nach dem Aufstehen eine Kerze vor dem Heiligenbild und betete; dann putzte er sich fein und bestellte sich ein Mittagessen. Er kaufte sich Fleisch und Fisch und ließ sich sibirische »Pelmeni« – mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen – kochen; er fraß sich wie ein Ochse voll, aber meistens allein und lud nur selten die Genossen zur Teilnahme an seiner Tafel ein. Dann kam der Branntwein; das Geburtstagskind betrank sich bis zur Bewußtlosigkeit und ging dann torkelnd und stolpernd durch die Kaserne, um allen zu zeigen, daß er betrunken sei, daß er bummele, um damit die allgemeine Achtung zu erwerben. Das russische Volk hat für den Betrunkenen immer eine gewisse Sympathie; im Zuchthause erwies man einem Betrunkenen Respekt. In so einem Zuchthausbummel lag sogar etwas Aristokratisches. Wenn der Arrestant in die richtige Stimmung kam, mietete er sich immer Musiker. Es gab im Zuchthause einen Polen, einen entlaufenen Soldaten, einen recht abstoßenden Kerl, der aber Geige spielte und ein eigenes Instrument besaß – dies war sein ganzes Vermögen. Er übte kein anderes Handwerk aus und lebte nur davon, daß er sich von den Bummelnden zum Aufspielen lustiger Tänze mieten ließ. Sein Amt bestand dann darin, daß er seinem betrunkenen Auftraggeber ständig von der einen Kaserne in die andere folgte und aus aller Kraft auf der Geige kratzte. Sein Gesicht nahm oft einen gelangweilten, trübsinnigen Ausdruck an. Aber der Zuruf: »Spiele, ich habe dich doch bezahlt!« zwang ihn, gleich wieder von neuem zu geigen. Wenn ein Arrestant zu bummeln anfing, hatte er immer die Gewißheit, daß, wenn er sich schon gar zu sehr betrinken sollte, man auf ihn aufpassen, ihn rechtzeitig zu Bett bringen und beim Erscheinen eines Vorgesetzten unbedingt verstecken würde, und zwar ohne jede Bezahlung. Andererseits durften auch der Unteroffizier und die Invaliden, die zur Beaufsichtigung ständig im Zuchthause wohnten, vollkommen ruhig sein: ein Betrunkener konnte gar keinen Unfug verüben. Die ganze Kaserne paßte auf ihn auf, und wenn er Lärm machen oder meutern sollte, würden ihn die andern sofort bändigen und sogar binden. Darum drückten die subalternen Vorgesetzten in solchen Fällen ein Auge zu und wollten solche Sachen einfach nicht bemerken. Sie wußten sehr gut, daß, wenn man den Branntwein wirklich verboten hätte, die Sache noch viel schlimmer wäre. Wo verschaffte man sich aber den Branntwein?

Man kaufte ihn im Zuchthause bei den Branntweinverkäufern. Es gab ihrer mehrere, und sie betrieben diesen Handel ununterbrochen und mit Erfolg, obwohl es nur wenig Trinkende und »Bummelnde« gab, weil das Bummeln Geld erforderte, das die Arrestanten nur schwer erwerben konnten. So ein Handel wurde auf eine recht originelle Weise gegründet, betrieben und geduldet. Ein Arrestant kennt kein Handwerk und will nicht arbeiten (es gab solche Arrestanten), will aber Geld haben; dabei ist er ein ungeduldiger Mensch und möchte sich schnell bereichern. Er hat einiges Geld für den Anfang, und so entschließt er sich, einen Branntweinhandel zu eröffnen; das Unternehmen ist kühn und mit großem Risiko verbunden. Man kann es leicht mit seinem Rücken bezahlen und zugleich die Ware und das Kapital verlieren. Aber der Branntweinverkäufer geht auf dieses Risiko ein. Anfangs hat er nur wenig Geld und schmuggelt darum zum ersten Mal den Branntwein selbst ins Zuchthaus; er verkauft ihn natürlich mit großem Nutzen. Diesen Versuch wiederholt er ein zweites und ein drittes Mal, und sein Handel kommt, wenn ihn die Obrigkeit nicht erwischt, schnell in Schwung. Erst dann gründet er ein richtiges Geschäft auf breiterer Grundlage; er betreibt es als Unternehmer und Kapitalist, hält sich Agenten und Gehilfen, riskiert viel weniger, verdient aber immer mehr. Das Risiko wird für ihn von seinen Helfern getragen.

Im Zuchthause gibt es immer viele Leute, die ihre ganze Habe bis auf die letzte Kopeke verpraßt, verspielt, verbummelt haben, elende und abgerissene Leute ohne Handwerk, aber mit einer gewissen Kühnheit und Entschlossenheit begabt. Diese Leute haben als einziges Kapital nur noch ihre Rücken heil; der Rücken kann immer noch zu etwas dienen, und so ein verbummelter armer Teufel steckt nun dieses letzte Kapital ins Geschäft. Er geht zum Unternehmer und verdingt sich ihm zum Einschmuggeln von Branntwein ins Zuchthaus; ein reicher Branntweinverkäufer hält sich mehrere solcher Arbeiter. Irgendwo außerhalb des Zuchthauses gibt es einen Menschen, – einen Soldaten, einen Kleinbürger, zuweilen sogar eine Dirne, – der für das vom Unternehmer gelieferte Geld und eine verhältnismäßig gar nicht geringe Provision in der Schenke Branntwein kauft und diesen an irgendeinem versteckten Ort verwahrt, an dem die Arrestanten zu arbeiten pflegen. Der Lieferant probiert erst fast immer die Güte des Branntweins und ersetzt die ausgetrunkene Menge in unmenschlicher Weise durch Wasser; der Arrestant hat keine andere Wahl und darf nicht allzu wählerisch sein; er muß zufrieden sein, wenn er sein Geld nicht gänzlich verloren hat und irgendeinen Branntwein, ganz gleich welcher Güte, geliefert bekommt. Zu diesem Lieferanten kommen also die ihm vorher vom Branntweinverkäufer im Zuchthause bekanntgegebenen Schmuggler mit Rindsdärmen. Die Därme werden erst gewaschen, dann mit Wasser gefüllt und behalten auf diese Weise ihre ursprüngliche Feuchtigkeit und Dehnbarkeit, um mit der Zeit zur Aufnahme des Branntweins geeignet zu sein. Der Arrestant füllt die Därme mit Branntwein und wickelt sie dann um sich, nach Möglichkeit um die diskretesten Körperteile. Darin äußert sich natürlich die ganze Geschicklichkeit und Diebeslist des Schmugglers. Es steht ja zum Teil auch seine Ehre auf dem Spiel; es gilt, die Begleitsoldaten und die Wachtposten anzuführen. Er führt sie auch an: der Begleitsoldat, der manchmal ein unerfahrener Rekrut ist, läßt sich von einem geschickten Schmuggler fast immer anführen. Natürlich wird der Soldat vorher sondiert, außerdem werden die Zeit und der Ort der Arbeit in Betracht gezogen. Der Arrestant ist beispielsweise ein Ofensetzer und kriecht auf den Ofen; wer kann sehen, was er da oben treibt? Der Soldat kann ihm doch nicht nachsteigen. Beim Zuchthause angekommen, nimmt er für jeden Fall eine Münze, ein silbernes Fünfzehn- oder Zwanzigkopekenstück in die Hand und wartet am Tore auf den Gefreiten. Der diensthabende Gefreite muß jeden von der Arbeit heimkehrenden Arrestanten durchsuchen und betasten und darf ihm erst dann das Tor öffnen. Der Branntweinschmuggler rechnet gewöhnlich darauf, daß man sich genieren wird, ihn an gewissen Stellen besonders eingehend zu betasten. Ein gewitzigter Gefreiter kommt manchmal aber auch an diese Stellen und findet den Schnaps. Dann bleibt das allerletzte Mittel: der Schmuggler drückt dem Gefreiten, ohne daß es der Begleitsoldat merkt, schweigend die schon bereitgehaltene Münze in die Hand. Manchmal kann er dank diesem Manöver den Branntwein glücklich einschmuggeln. Manchmal mißlingt aber dieses Manöver, und dann muß der Arrestant sein letztes Kapital, d. h. den Rücken, hergeben. Der Vorfall wird dem Major gemeldet, das Kapital wird mit Ruten gezüchtigt, und zwar sehr schmerzhaft, der Branntwein wird für den Fiskus konfisziert, und der Schmuggler nimmt alles auf sich und verrät den Unternehmer nicht; nebenbei bemerkt, nicht weil er sich etwa vor der Angeberei scheute, sondern weil diese für ihn unvorteilhaft wäre: seiner Portion Ruten entgeht er sowieso nicht, und der einzige Trost wäre, daß auch der andere die gleiche Portion bekäme. Aber er braucht den Unternehmer, obwohl der Schmuggler von ihm nach der Gepflogenheit und nach vorhergehender Abmachung keinerlei Entschädigung für den zerschlagenen Rücken bekommt. Was aber die Angebereien im allgemeinen betrifft, so stehen sie gewöhnlich in Blüte. Der Angeber hat im Zuchthause nicht die geringste Erniedrigung zu gewärtigen: eine Entrüstung gegen ihn ist sogar undenkbar. Man meidet ihn nicht und pflegt mit ihm freundschaftlichen Verkehr, und wenn es jemand einfiele, den Zuchthäuslern zu beweisen, wie gemein diese Angeberei ist, würde ihn niemand verstehen. Der vom Adel stammende Arrestant, der lasterhafte und gemeine Kerl, mit dem ich jeden Verkehr abgebrochen hatte, war mit dem Burschen des Majors, Fedjka, befreundet und diente ihm als Spion; dieser aber hinterbrachte alles, was er über die Arrestanten hörte, dem Major. Das war bei uns allen bekannt, aber es fiel niemals jemand ein, diesen Schurken zu bestrafen oder ihm etwas vorzuwerfen.

Aber ich bin wieder abgeschweift. Es kommt selbstverständlich vor, daß der Branntwein glücklich eingeschmuggelt wird; der Unternehmer übernimmt die ihm gelieferten Därme, bezahlt den Preis und beginnt dann zu kalkulieren. Die Kalkulation ergibt, daß die Ware ihm gar zu teuer zu stehen kommt; um seinen Nutzen zu vergrößern, gießt er den Branntwein noch einmal um, verdünnt ihn wieder, fast zur Hälfte, mit Wasser und wartet nach diesen endgültigen Vorbereitungen auf die Käufer. Gleich am ersten Feiertag, zuweilen auch an einem Werktag, meldet sich ein Kunde; es ist ein Arrestant, der mehrere Monate wie ein Ochse gearbeitet und einige Kopeken gespart hat, um alles an einem vorher bestimmten Tage zu vertrinken. Von diesem Tag hat der arme Arbeiter schon lange vorher geträumt, und dieser Traum hat ihm manchen glücklichen Augenblick bei der Arbeit verschafft und seinen Geist im öden Zuchthausleben aufrechterhalten. Endlich zeigt sich ihm das Morgenrot des ersehnten Tages; er hat das nötige Geld zusammengespart, man hat es ihm weder konfisziert, noch gestohlen, und er bringt es dem Branntweinverkäufer. Dieser gibt ihm zunächst möglichst reinen, d. h. nur zweimal verdünnten Branntwein; aber alles, was er austrinkt, wird in der Flasche sofort wieder durch Wasser ersetzt. Eine Tasse Branntwein kostet fünf- und sechsmal so viel als in der Schenke. Nun kann man sich vorstellen, wie viel Tassen man austrinken und wieviel Geld man für sie bezahlen muß, um sich wirklich zu betrinken. Aber infolge der Entwöhnung und der langen Abstinenz wird der Arrestant recht schnell berauscht und trinkt gewöhnlich so lange, bis er sein ganzes Geld vertrunken hat. Dann kommen alle seine Neuanschaffungen dran: der Branntweinverkäufer ist zugleich Pfandleiher. Zuerst wandern zu ihm die neuen Zivilsachen, dann kommen die alten Lumpen, und zuletzt werden auch Kommißsachen versetzt. Wenn der Säufer alles bis zum letzten Lumpen vertrunken hat, legt er sich schlafen; am nächsten Morgen erwacht er mit dem obligaten Brummen im Schädel und fleht den Branntweinverkäufer vergebens um einen Schluck gegen den Kater an. Er übersteht traurig den Katzenjammer, macht sich schon am selben Tage wieder an die Arbeit und arbeitet wieder mehrere Monate unaufhörlich, an jenen glücklichen Bummeltag zurückdenkend, der unwiederbringlich in die Ewigkeit versunken ist, und sich allmählich wieder auf einen neuen ähnlichen Tag vorbereitend, der noch fern ist, aber doch einmal anbrechen muß.

Was aber den Branntweinverkäufer selbst betrifft, so besorgt er, nachdem er endlich die Riesensumme von einigen Zehnrubelscheinen verdient hat, zum letztenmal Branntwein, den er diesmal nicht mit Wasser verdünnt, da er ihn für sich selbst bestimmt: genug Handel zu treiben, es ist Zeit, auch selbst einen Festtag zu erleben! Es beginnt ein Prassen mit Zechen, Essen und Musik. Die Geldmittel sind groß, und mit ihnen kann er selbst die unteren unmittelbaren Zuchthausvorgesetzten bestechen. Das Prassen dauert zuweilen mehrere Tage. Der angeschaffte Branntwein ist natürlich bald ausgesoffen; der Prasser geht dann zu den anderen Branntweinverkäufern, die schon auf ihn warten, und trinkt so lange, bis er alles bis zur letzten Kopeke vertrunken hat. Die Arrestanten können ihn noch so sehr überwachen, aber manchmal fällt er doch einem höheren Vorgesetzten, dem Major oder dem Wachoffizier in die Augen. Man bringt ihn auf die Wache, nimmt ihm seine Kapitalien, wenn man noch welche bei ihm findet, weg und züchtigt ihm zum Schluß mit Ruten. Er schüttelt sich, kehrt ins Zuchthaus zurück und macht sich nach einigen Tagen wieder an den Beruf eines Branntweinverkäufers. Manche Prasser, natürlich nur die reichen, vergessen auch das schöne Geschlecht nicht. Für schweres Geld gehen sie manchmal heimlich aus der Festung statt zur Arbeitsstätte in Begleitung eines bestochenen Wachsoldaten in die Vorstadt. Dort wird in irgendeinem versteckten Häuschen am Rande der Stadt ein »großes Fest für die ganze Welt« gefeiert, das wirklich große Summen verschlingt. Auch der Arrestant wird nicht verschmäht, wenn er Geld hat; der Wachsoldat wird schon vorher mit großer Sachkenntnis ausgesucht. Diese Wachsoldaten sind gewöhnlich selbst Kandidaten für das Zuchthaus. Für Geld ist übrigens alles zu erreichen, und solche Ausflüge bleiben fast immer geheim. Es ist zu bemerken, daß sie sehr selten vorkommen; sie erfordern viel Geld, und die Liebhaber des schönen Geschlechts greifen darum zu anderen, völlig ungefährlichen Mitteln.

Schon in den ersten Tagen meines Zuchthauslebens hatte ein junger Arrestant, ein außergewöhnlich hübscher Bursche, mein besonderes Interesse geweckt. Er hieß Ssirotkin und war in vielen Beziehungen ein ziemlich rätselhaftes Wesen. Vor allem setzte mich sein auffallend schönes Gesicht in Erstaunen; er war nicht mehr als dreiundzwanzig Jahre alt. Er befand sich in der »besonderen«, d. h. lebenslänglichen Abteilung und wurde folglich als einer der schwersten militärischen Verbrecher angesehen. Er war still und sanft, sprach wenig und lachte selten. Er hatte blaue Augen, regelmäßige Züge, ein zartes, glattes Gesicht und hellblonde Haare. Selbst der zur Hälfte rasierte Kopf verunstaltete ihn nicht allzu sehr: so hübsch war der Junge. Er verstand keinerlei Handwerk, verschaffte sich aber immer Geld, wenn auch nicht viel, aber häufig. Er war auffallend faul und unordentlich. Höchstens bekam er von jemand anders gute Kleidung, manchmal ein rotes Hemd, und Ssirotkin freute sich dann sichtlich über den neuen Anzug; er ging durch alle Kasernen und ließ sich bewundern. Er trank nicht, spielte nicht Karten und zankte sich fast mit niemand. Oft sah man ihn, die Hände in den Taschen, still und nachdenklich hinter den Kasernen umhergehen. Woran er denken mochte, konnte man sich schwer vorstellen. Wenn man ihn aus Neugierde rief und nach etwas fragte, so gab er sofort Antwort, sogar mit einem gewissen Respekt, gar nicht nach Arrestantenart, aber immer kurz und wortkarg; dabei sah er einen wie ein zehnjähriges Kind an. Wenn er Geld hatte, so kaufte er sich nie etwas Notwendiges, gab nicht seine Jacke zum Ausbessern, schaffte sich keine neuen Stiefel an, sondern kaufte sich eine Semmel oder einen Pfefferkuchen und aß, als wäre er sieben Jahre alt. »Ach du,« sagten die Sträflinge zu ihm, »was bist du für ein Waisenknabe!« In der arbeitsfreien Zeit trieb er sich in den fremden Kasernen umher; fast alle waren mit ihrer Arbeit beschäftigt, nur er allein hatte nichts zu tun. Wenn man ihm etwas sagte, fast immer etwas zum Spott (er und seine Freunde wurden oft ausgelacht), so erwiderte er kein Wort, machte kehrt und ging in eine andere Kaserne; wenn man sich über ihn gar zu sehr lustig machte, so errötete er. Ich fragte mich oft: weswegen mag dieses stille, gutmütige Wesen ins Zuchthaus geraten sein? Einmal lag ich im Arrestantensaal des Krankenhauses. Ssirotkin war ebenfalls krank und lag neben mir. Einmal kamen wir gegen Abend ins Gespräch; er geriet plötzlich in Stimmung und erzählte mir, wie man ihn unter die Soldaten gegeben, wie seine Mutter beim Abschied über ihn geweint hätte und wie schwer er es unter den Rekruten gehabt habe. Er fügte hinzu, daß er das Rekrutenleben unmöglich habe ertragen können, weil alle so böse und streng und fast alle Vorgesetzten mit ihm unzufrieden gewesen seien.

»Womit hat es geendet?« fragte ich. »Weswegen bist du hergeraten? Dazu noch in die Besondere Abteilung . . . Ach du, Ssirotkin!«

»Ich war ja nur ein Jahr im Bataillon geblieben, Alexander Petrowitsch. Hierher kam ich aber, weil ich meinen Kompagniechef, Grigorij Petrowitsch, ermordet habe.«

»Ich habe es wohl gehört, Ssirotkin, aber ich glaube es nicht. Wen hast du töten können?«

»Es kam halt so, Alexander Petrowitsch. Ich hatte es schon gar so schwer.«

»Wie leben denn die anderen Rekruten? Natürlich ist es anfangs schwer, aber ein jeder gewöhnt sich daran und wird mit der Zeit ein guter Soldat. Dich hat wohl deine Mutter verzogen, hat dich wohl mit Pfefferkuchen und Milch bis zu deinem achtzehnten Lebensjahre gefüttert.«

»Mein Mütterchen hat mich tatsächlich sehr gern gehabt. Als ich unter die Rekruten kam, wurde sie krank und stand, wie ich hörte, nicht mehr auf . . . So bitter war mir schließlich das Rekrutenleben geworden. Der Kommandeur hatte einen Haß gegen mich und bestrafte mich auf Schritt und Tritt, und wofür denn? Ich war in allen Dingen gehorsam, lebte ordentlich, trank keinen Branntwein und nahm nichts Fremdes. Es ist nämlich eine schlimme Sache, Alexander Petrowitsch, wenn hier ein Mensch Fremdes nimmt. Alle um mich herum waren so hartherzig, ich konnte mich nirgends ausweinen. Manchmal ging ich in ein Winkelchen und weinte dort. Einmal stand ich Posten. Es war in der Nacht; ich stand Posten vor der Hauptwache bei den Gewehrgabeln. Es war eine windige Herbstnacht, aber so dunkel, daß man die Hand vor den Augen nicht sah. Und da wurde es mir so schwer ums Herz! Ich nahm mein Gewehr bei Fuß, machte das Bajonett los und legte es neben mich; dann zog ich den rechten Stiefel aus, richtete die Mündung auf meine Brust, stemmte mich gegen sie und drückte mit der großen Zehe auf den Hahn. Das Gewehr ging nicht los. Ich sah es nach, reinigte das Zündloch, schüttete frisches Pulver auf, beklopfte den Feuerstein und stemmte den Lauf wieder gegen meine Brust. Aber was geschah? Das Pulver flammte auf, aber der Schuß ging nicht los! Was mag es wohl sein? – dachte ich mir. Ich zog den Stiefel wieder an, setzte das Bajonett auf und ging schweigend auf und ab. Da beschloß ich nun, diese Sache zu machen: Komme, was kommen mag, wenn ich nur dieses Rekrutenleben los bin. Nach einer halben Stunde kommt der Kommandeur gefahren, er revidiert die Hauptronde. Er geht direkt auf mich zu. ›Steht man denn so Posten?‹ Ich nahm das Gewehr in die Hand und bohrte ihm das Bajonett bis auf den Lauf in den Leib. Viertausend Spießruten kriegte ich dafür und kam dann her in die besondere Abteilung . . .«

Er log nicht. Weswegen hätte er denn sonst in die Besondere Abteilung kommen können? Gewöhnliche Vergehen wurden viel milder bestraft. Übrigens war Ssirotkin allein unter allen seinen Genossen so hübsch. Was die übrigen von seinem Schlage betrifft, von denen wir im ganzen an die fünfzehn Mann hatten, so machten sie alle einen seltsamen Eindruck; nur zwei oder drei von ihnen hatten erträgliche Gesichter; die anderen waren lauter häßliche und schmutzige Kerle mit schlappen Ohren, manche sogar mit grauen Haaren. Wenn es mir die Umstände erlauben, werde ich einmal über diese Gruppe ausführlicher sprechen. Ssirotkin unterhielt oft freundschaftliche Beziehungen zu Gasin, demselben, mit dem ich dieses Kapitel anfing, indem ich erwähnte, wie er betrunken in die Küche hereingestürzt kam, was alle meine ursprünglichen Vorstellungen vom Zuchthausleben über den Haufen geworfen hatte.

Dieser Gasin war ein fürchterliches Geschöpf. Er machte auf alle einen schrecklichen, quälenden Eindruck. Es schien mir immer, daß es nichts Wilderes und Ungeheuerlicheres geben könne als ihn. Ich sah zu Tobolsk den wegen seiner Verbrechen berühmt gewordenen Raubmörder Kamenew; ich sah später Ssokolow, den unter Anklage stehenden Arrestanten und Deserteur, einen abscheulichen Mörder. Aber keiner von ihnen machte auf mich einen so abstoßenden Eindruck wie Gasin. Es kam mir zuweilen vor, als sähe ich eine Riesenspinne in Menschengröße vor mir. Er war ein Tatare; unheimlich stark, stärker als alle im Zuchthause; von Wuchs etwas größer als mittelgroß, von herkulischem Körperbau; mit einem unförmigen, unverhältnismäßig großen Kopf; er ging gebückt und blickte finster drein. Im Zuchthaus gingen über ihn seltsame Gerüchte; man wußte, daß er aus dem Soldatenstande war, aber die Arrestanten erzählten sich, ich weiß nicht, ob es wahr ist, er sei aus den Bergwerken von Nertschinsk entflohen; er sei schon mehr als einmal nach Sibirien verschickt gewesen, wäre mehr als einmal geflohen, hätte mehr als einmal seinen Namen geändert und sei schließlich in unser Zuchthaus in die Besondere Abteilung gekommen. Man erzählte sich auch über ihn, er hätte früher mit Vorliebe kleine Kinder abgeschlachtet, ausschließlich zu seinem Vergnügen: er hätte das Kind an einen geeigneten Ort geführt, ihm zuerst Angst gemacht, sich am Schrecken und am Zittern des armen kleinen Opfers ergötzt und es dann langsam mit Genuß abgeschlachtet. Dies alles hatte man vielleicht erfunden, infolge des allgemeinen schweren Eindrucks, den Gasin auf alle machte, aber alle diese Erfindungen paßten gut zu ihm. Dabei benahm er sich im Zuchthause unter normalen Verhältnissen, wenn er nicht betrunken war, sehr vernünftig. Er war immer still, zankte sich mit niemand und mied jeden Streit, aber gleichsam aus Verachtung gegen die anderen, als dünkte er sich höher als alle anderen; er sprach sehr wenig und war wohl mit Absicht wortkarg. Alle seine Bewegungen waren langsam, ruhig und selbstbewußt. Seinen Augen konnte man ansehen, daß er gar nicht dumm und sogar außerordentlich schlau war; aber in seinem Gesicht und Lächeln lag immer etwas Hochmütig-Spöttisches und Grausames. Er handelte mit Branntwein und war einer der reichsten Branntweinverkäufer im Zuchthause. Aber an die zweimal im Jahre betrank er sich selbst, und da zeigte sich seine ganze tierische Natur. Indem er sich allmählich betrank, begann er die anderen erst mit den boshaftesten, wohl überlegten und scheinbar schon vorher vorbereiteten spöttischen Bemerkungen zu reizen; wenn er dann vollständig betrunken war, geriet er in furchtbare Wut, ergriff ein Messer und warf sich auf die Leute; die Arrestanten, die seine schreckliche Kraft kannten, flohen vor ihm und versteckten sich: er warf sich auf jeden, der ihm in den Weg kam. Aber man fand bald ein Mittel, mit ihm fertig zu werden. An die zehn Mann aus einer Kaserne warfen sich plötzlich gleichzeitig auf ihn und begannen ihn zu schlagen. Man kann sich nichts Schrecklicheres vorstellen als diese Schläge: man schlug ihn auf die Brust, in die Herzgegend, die Herzgrube, den Magen; man schlug ihn lange und hörte erst dann auf, wenn er bewußtlos wurde und wie tot hinsank. Man hätte niemals gewagt, einen anderen so zu schlagen: ein anderer wäre tot, aber nur nicht Gasin. Nach den Schlägen hüllte man ihn, den gänzlich Bewußtlosen, in einen Pelzrock und trug ihn auf seine Pritsche. »Er wird sich schon erholen!« Und in der Tat, am anderen Morgen stand er fast ganz gesund auf und ging stumm und mürrisch zur Arbeit. Sooft sich Gasin betrank, wußten alle im Zuchthause, daß der Tag für ihn mit Schlägen enden würde. So vergingen einige Jahre; endlich merkte man, daß Gasins Widerstandskraft erschüttert war. Er beklagte sich über allerlei Schmerzen, magerte merklich ab und kam immer häufiger ins Hospital . . . »Nun ist er doch mürbe geworden!« sagten die Arrestanten unter sich.

Er kam in die Küche in Begleitung jenes ekelhaften kleinen Polen mit der Geige, den die Trinkenden gewöhnlich zur Vervollständigung ihres Genusses mieteten, blieb stehen und musterte schweigend und aufmerksam alle Anwesenden. Alle verstummten. Als er endlich mich und meinen Genossen erblickte, sah er uns gehässig und spöttisch an, lächelte selbstgefällig, faßte irgendeinen Gedanken und ging stark schwankend auf unseren Tisch zu.

»Gestatten Sie die Frage,« begann er (er sprach russisch), »aus welchen Einkünften geruhen Sie hier den Tee zu trinken?«

Ich wechselte einen stummen Blick mit meinem Genossen, denn ich merkte, daß es das beste war, zu schweigen und ihm nicht zu antworten. Beim ersten Widerspruch wäre er in Raserei geraten.

»Sie haben also Geld?« fuhr er in seinem Verhör fort. »Sie haben also einen Haufen Geld, wie? Sind Sie denn ins Zuchthaus gekommen, um hier Tee zu trinken? Sind Sie gekommen, um Tee zu trinken? Antworten Sie doch, daß Sie der und jener! . . .«

Als er aber sah, daß wir uns entschlossen hatten, zu schweigen und ihm keine Beachtung zu schenken, wurde er blaurot im Gesicht und erzitterte vor Wut. Neben ihm stand in der Ecke ein großer Trog, in dem das ganze aufgeschnittene Brot verwahrt wurde, das die Arrestanten zum Mittag- oder Abendessen bekommen sollten. Der Trog war so groß, daß darin das Brot für das halbe Zuchthaus Platz fand; jetzt stand er leer. Gasin packte ihn mit beiden Händen und schwang ihn über uns. Noch ein Augenblick, und er hätte uns die Schädel zertrümmert. Obwohl ein Totschlag oder der Vorsatz dazu für das ganze Zuchthaus die größten Unannehmlichkeiten nach sich ziehen mußte: es hätten Untersuchungen, Durchsuchungen und verschärfte Maßregeln begonnen, aus welchem Grunde sich die Arrestanten die größte Mühe gaben, derartige Exzesse zu vermeiden, – ungeachtet dessen verhielten sich jetzt alle still und abwartend. Keine einzige Stimme zu unsern gunsten! Kein einziger Zuruf gegen Gasin! – So groß war wohl in ihnen der Haß gegen uns! Unsere gefährliche Situation war ihnen wohl angenehm . . . Die Sache lief aber glücklich ab: als er den Trog auf uns niedersausen lassen wollte, schrie jemand aus dem Flur:

»Gasin! Man hat dir deinen Branntwein gestohlen!«

Er schleuderte den Trog zu Boden und stürzte sich wie wahnsinnig aus der Küche.

»Nun, Gott hat ihn gerettet!« sprachen die Arrestanten unter sich.

Man sprach dann noch lange darüber.

Später konnte ich nicht feststellen, ob jene Nachricht vom Diebstahl des Branntweins auf Wahrheit beruhte oder nur zu unserer Rettung erfunden worden war.

Abends, schon in der Dunkelheit, kurz bevor die Kasernen zugesperrt wurden, ging ich längs der Palisaden umher, und eine schwere Trauer bedrückte mir das Herz; eine solche Trauer habe ich in meinem ganzen späteren Zuchthausleben nicht mehr empfunden. So schwer ist der erste Tag der Einkerkerung, wo es auch sei, ob im Zuchthause, in der Kasematte oder im Gefängnis . . . Aber ich besinne mich, daß mich am meisten ein Gedanke beschäftigte, der mich auch später während meines ganzen Zuchthauslebens ständig verfolgte, ein zum Teil unlösbarer Gedanke, den ich auch jetzt nicht zu lösen vermag: es ist der Gedanke von der Ungleichheit der Bestrafung der gleichen Verbrechen. Allerdings darf man auch die Verbrechen nicht miteinander vergleichen, nicht einmal annähernd. Ein Beispiel: der eine und der andere haben einen Mord begangen; man hat alle Umstände beider Verbrechen erwogen, und in beiden Fällen bekommt der Verbrecher die gleiche Strafe. Man bedenke aber, was für ein Unterschied zwischen den beiden Verbrechen besteht. Der eine hat z. B. einen Menschen um nichts und wieder nichts, wegen einer Zwiebel, umgebracht: er ging auf die Landstraße und ermordete einen zufällig vorbeifahrenden Bauern, der außer einer Zwiebel nichts bei sich hatte. »Was ist zu machen, Vater! Du hast mich nach Beute ausgesandt, da habe ich einen Bauern erschlagen und bei ihm nur eine Zwiebel gefunden.« – »Dummkopf! Die Zwiebel ist ja nur eine Kopeke wert! Hundert Seelen sind hundert Zwiebeln, das macht zusammen einen Rubel!« (Eine Zuchthauslegende.) Der andere beging aber den Mord zur Verteidigung der Ehre seiner Braut, seiner Schwester, seiner Tochter vor einem wollüstigen Tyrannen. – Ein anderer beging den Mord als Landstreicher, von einem ganzen Regiment von Spitzeln verfolgt, zur Verteidigung seiner Freiheit und seines Lebens, oft den Hungertod vor Augen; ein anderer schlachtete aber kleine Kinder aus Freude am Schlachten, um auf seinen Händen ihr warmes Blut zu fühlen und sich an ihrer Todesangst, wenn sie wie die Tauben unter dem Schlachtmesser zuckten, zu weiden. Und was sehen wir? Der eine und der andere kommen ins gleiche Zuchthaus. Es gibt allerdings Abstufungen in der Dauer der Zuchthausstrafe. Solche Abstufungen gibt es aber verhältnismäßig wenig; die Unterschiede bei der gleichen Art von Verbrechen sind aber zahllos. Jeder Charakter liefert einen neuen Unterschied. Nehmen wir aber an, daß es unmöglich sei, diese Unterschiede auszugleichen; es sei eine unlösbare Aufgabe wie die Quadratur des Zirkels; nehmen wir es an. Aber selbst wenn diese Ungleichheit nicht vorhanden wäre, beachte man den andern Unterschied, nämlich den in den Folgen der Bestrafung . . . Da ist ein Mensch, der im Zuchthause wie ein Licht dahinschwindet und hinsiecht; da ist ein anderer, der vor seinem Eintritt ins Zuchthaus gar nicht gewußt hat, daß es in der Welt ein so lustiges Leben, einen so angenehmen Klub voll fröhlicher Gesellschaft gibt. Es gibt im Zuchthause auch solche Menschen. Da ist z. B. ein gebildeter Mensch mit hoch entwickeltem Gewissen, Bewußtsein und Herzen. Schon die Qual seines eigenen Herzens wird ihn schneller als jede Strafe umbringen. Er selbst wird sich wegen seines Verbrechens unbarmherziger und grausamer als das allerstrengste Gesetz verurteilen. Und neben ihm ist ein anderer, der während seines ganzen Zuchthauslebens kein einziges Mal an den von ihm begangenen Mord zurückdenkt. Er glaubt sogar noch im Rechte zu sein. Es gibt aber auch manchen, der ein Verbrechen absichtlich begeht, nur um ins Zuchthaus zu kommen und so das viel schwerere Zuchthausleben in der Freiheit zu fliehen. Dort lebte er auf der tiefsten Stufe der Erniedrigung, aß sich kein einziges Mal satt und arbeitete für seinen Unternehmer von früh bis spät; im Zuchthause ist aber die Arbeit leichter als daheim, er bekommt genügend Brot, und zwar von einer Güte, wie er es noch nie gesehen hat, und an Feiertagen Fleisch; außerdem bekommt er milde Gaben und hat die Möglichkeit, sich ein paar Kopeken zu verdienen. Und die Gesellschaft? Es sind durchtriebene, geschickte, erfahrene Leute, und er sieht seine Genossen mit respektvollem Erstaunen an; er hat ja noch nie solche Menschen gesehen; er hält sie für die beste Gesellschaft, die es überhaupt geben kann. Ist denn die Strafe für diese beiden Menschen wirklich gleich empfindlich? Aber wozu soll ich mich mit unlösbaren Fragen abgeben! Die Trommel schlägt, es ist Zeit, in die Kasernen zu gehen.

IV

Die ersten Eindrücke

Es begann die letzte Kontrolle. Nach dieser Kontrolle wurden die Kasernen geschlossen, eine jede mit einem eigenen Schlosse, und die Arrestanten blieben bis zum Tagesanbruch eingesperrt.

Die Kontrolle wurde von einem Unteroffizier mit zwei Soldaten vorgenommen. Zu diesem Zweck wurden die Arrestanten manchmal im Hofe aufgestellt, und es kam der Wachoffizier. Meistens wurde aber diese Zeremonie auf vereinfachte Art, in den Kasernen selbst besorgt. So war es auch diesmal. Die Kontrollierenden verrechneten sich oft und kamen dann wieder. Schließlich hatten die armen Wachsoldaten die gewünschte Zahl errechnet und sperrten die Kaserne zu. In derselben befanden sich an die sechzig Mann Arrestanten, die auf ihren Pritschen ziemlich eng zusammengedrängt waren. Zum Schlafen war es noch zu früh. Ein jeder mußte sich selbstverständlich noch mit irgend etwas beschäftigen.

Von den Vorgesetzten blieb in der Kaserne nur der Invalide zurück, den ich früher erwähnt habe. Außerdem gab es in jeder Kaserne einen Ältesten, den der Platzmajor aus der Zahl der Arrestanten wegen besonders guter Aufführung wählte. Es kam sehr oft vor, daß diese Ältesten sich etwas Schlimmes zu Schulden kommen ließen; dann wurden sie mit Ruten gezüchtigt, ihres Amtes enthoben und durch andere ersetzt. In unserer Kaserne war der Älteste Akim Akimytsch, der die Arrestanten zu meinem Erstaunen recht oft anschrie. Die Arrestanten antworteten ihm gewöhnlich mit Spöttereien. Der Invalide war klüger als er und mischte sich in nichts ein, und wenn es doch vorkam, daß er den Mund auftun mußte, so tat er es mehr anstandshalber, zur Beruhigung seines Gewissens. Sonst saß er schweigend auf seinem Bett und nähte an einem Stiefel. Die Arrestanten schenkten ihm fast keine Beachtung.

Gleich am ersten Tage meines Zuchthauslebens machte ich eine Wahrnehmung, von deren Richtigkeit ich mich später überzeugte. Alle Nichtarrestanten nämlich, wer sie auch sein mochten, von den unmittelbaren Vorgesetzten, den Wachtposten und Begleitmannschaften aufwärts, sowie alle, die nur irgend etwas mit dem Zuchthause zu tun hatten, sahen die Arrestanten mit übertriebener Ängstlichkeit an, als erwarteten sie jeden Augenblick voller Unruhe, daß der Arrestant sich mit einem Messer auf einen von ihnen stürzen würde. Noch auffallender war dabei, daß die Arrestanten sich selbst dieser Angst, die sie einflößten, bewußt waren, und dies verlieh ihnen offenbar Courage. Aber trotz dieser Courage ist es den Arrestanten selbst viel angenehmer, wenn man ihnen Vertrauen entgegenbringt. Damit kann man sie sogar gewinnen. Während meines Zuchthauslebens kam es, wenn auch sehr selten, vor, daß einer der Vorgesetzten das Zuchthaus ohne Begleitmannschaften betrat. Man muß gesehen haben, welch einen Eindruck, und zwar welch einen guten Eindruck es auf die Arrestanten machte. So ein furchtloser Besucher erweckte immer Respekt, und wenn überhaupt etwas Schlimmes passieren konnte, so passierte es niemals in seiner Anwesenheit. Die Arrestanten verbreiten überhaupt ständig Angst um sich, und ich weiß wirklich nicht, woher es kommt. Zum Teil ist sie natürlich schon in der äußeren Erscheinung des Arrestanten, den man als einen Schwerverbrecher kennt, begründet. Außerdem hat jeder, der mit dem Zuchthaus in Berührung kommt, das Gefühl, daß dieser ganze Menschenhaufen sich hier nicht aus freiem Willen versammelt hat und daß man einen lebendigen Menschen durch keinerlei Maßregeln zu einer Leiche machen kann; der Mensch behält seine Gefühle, seinen Durst nach Rache und nach freiem Leben, seine Leidenschaften und das Bedürfnis, diese zu befriedigen. Trotzdem bin ich entschieden davon überzeugt, daß man keinen Grund hat, die Arrestanten zu fürchten. Ein Mensch stürzt sich nicht so leicht und so schnell mit einem Messer auf seinen Mitmenschen. Mit einem Worte, wenn eine Gefahr überhaupt möglich und vorhanden ist, so ist sie angesichts der Seltenheit solcher unglücklicher Vorkommnisse außerordentlich gering. Natürlich spreche ich jetzt nur von den endgültig verurteilten Arrestanten, von denen viele sich sogar freuen, daß sie ins Zuchthaus geraten sind (so schön kommt ihnen zuweilen dieses neue Leben vor!), und folglich den Vorsatz haben, ruhig und friedlich zu leben; außerdem werden sie es nicht dulden, daß ihre unruhigen Kameraden sich etwas Außerordentliches erlauben. Jeder Zuchthäusler, wie kühn und frech er auch sei, fürchtet sich im Zuchthause vor allem. Mit den unter Anklage stehenden Arrestanten verhält es sich dagegen anders. So einer ist tatsächlich imstande, sich ohne jeden besonderen Grund auf einen beliebigen Menschen zu stürzen, einzig aus dem Grunde, weil er z. B. morgen seine Körperstrafe abbüßen muß; wenn er sich aber etwas Neues zu Schulden kommen läßt, so wird diese Strafe hinausgeschoben. So ein Überfall hat also einen Grund und einen Zweck, nämlich »sein Los zu verändern«, und zwar um jeden Preis und so schnell wie möglich. Ich kenne sogar einen psychologisch seltsamen Fall in dieser Art.

In unserem Zuchthause befand sich in der Militärabteilung ein Arrestant, ein ehemaliger Soldat, dem seine Standesrechte nicht aberkannt worden waren und der nach einem Gerichtsurteil für zwei Jahre ins Zuchthaus gekommen war, ein schrecklicher Prahlhans und ein auffallender Feigling. Prahlsucht und Feigheit kommen bei russischen Soldaten im allgemeinen sehr selten vor. Unser Soldat scheint immer so beschäftigt, daß er, selbst wenn er es wollte, einfach keine Zeit zum Prahlen hätte. Wenn er aber schon ein Prahlhans ist, so ist er fast immer auch ein Taugenichts und ein Feigling. Dutow (so hieß dieser Arrestant) büßte schließlich seine kurze Strafzeit ab und kam wieder in sein Linienbataillon. Da aber alle Leute seines Schlages, die ins Zuchthaus zur Besserung geschickt werden, dort endgültig verdorben werden, so kommen sie gewöhnlich, nachdem sie höchstens zwei oder drei Wochen die Freiheit genossen haben, wieder vors Gericht und kehren ins Zuchthaus zurück, aber nicht mehr für zwei oder drei Jahre, sondern für »lebenslänglich«, für fünfzehn oder zwanzig Jahre. So geschah es auch mit ihm. Drei Wochen nach dem Verlassen des Zuchthauses beging Dutow einen Einbruchsdiebstahl; außerdem machte er Skandal und fuhr einen der Vorgesetzten grob an. Er kam vors Gericht und wurde zu einer strengen Strafe verurteilt. Da er die ihm drohende Strafe wie ein elender Feigling ganz außerordentlich fürchtete, stürzte er sich am Vorabend des Tages, an dem er seine Spießrutenstrafe zu absolvieren hatte, mit einem Messer auf den in das Arrestantenzimmer tretenden Wachoffizier. Natürlich wußte er sehr gut, daß er durch diese Tat die Spießrutenstrafe und auch die Dauer der Zwangsarbeit erheblich hinaufsetzen würde. Seine Berechnung bestand aber gerade darin, daß der entsetzliche Augenblick der Strafe wenigstens um einige Tage oder sogar einige Stunden hinausgeschoben werde! Er war dermaßen feig, daß er, als er sich mit dem Messer auf den Offizier stürzte, ihn nicht einmal verwundete, sondern alles nur pro forma tat, nur um ein neues Verbrechen zu begehen, für das er wieder vors Gericht käme.

Der Augenblick vor der Exekution ist für den Verurteilten natürlich schrecklich; im Laufe der mehreren Jahre sah ich ziemlich viele Verurteilte am Vorabend des für sie verhängnisvollen Tages. Gewöhnlich traf ich sie in der Arrestantenabteilung des Hospitals, wenn ich krank lag, was ziemlich häufig vorkam. Es ist allen Arrestanten in ganz Rußland bekannt, daß die mitleidigsten Menschen für sie die Ärzte sind. Diese machen niemals einen Unterschied zwischen den Arrestanten und den anderen Menschen, den sonst unwillkürlich fast alle machen, höchstens mit Ausnahme des gemeinen Volkes. So ein Arzt wirft dem Arrestanten niemals sein Verbrechen vor, wie entsetzlich dieses auch sei, und verzeiht ihm alles, um der Strafe willen, die er trägt, und überhaupt wegen seiner unglücklichen Lage. Nicht umsonst nennt das ganze Volk in ganz Rußland das Verbrechen ein »Unglück« und die Verbrecher – »Unglückliche«. Diese Bezeichnung ist höchst bedeutungsvoll. Sie ist um so wichtiger, als sie unbewußt und instinktiv angewandt wird. Die Ärzte sind aber in vielen Fällen eine wahre Zuflucht für die Arrestanten, besonders für die vor Gericht Stehenden, die strenger gehalten werden als die bereits Verurteilten . . . Darum geht der Angeklagte, wenn er den für ihn so schrecklichen Tag mit einiger Wahrscheinlichkeit vorausberechnet hat, recht oft ins Hospital, um den schweren Augenblick auch nur ein wenig hinauszuschieben. Wenn er das Hospital mit der absoluten Gewißheit, daß der verhängnisvolle Tag morgen sei, verläßt, befindet er sich fast immer in äußerster Erregung. Manche versuchen ihre Gefühle aus Stolz zu verheimlichen, aber die ungeschickte, geheuchelte Courage vermag ihre Kameraden nicht zu täuschen. Alle verstehen den wahren Sachverhalt und schweigen aus Menschenliebe. Ich kannte einen jungen Arrestanten, einen Mörder aus dem Soldatenstande, der zu der vollen Zahl Spießruten verurteilt worden war. Er hatte solche Angst, daß er sich am Vorabend der Bestrafung entschloß, eine Tasse Schnaps auszutrinken, den er mit Schnupftabak angesetzt hatte. Übrigens verschafft sich ein zu einer Strafe verurteilter Arrestant vor der Exekution immer Branntwein. Dieser wird schon lange vor dem festgesetzten Tage ins Zuchthaus geschmuggelt und für schweres Geld gekauft; der Angeklagte wird sich ein halbes Jahr das Allernotwendigste versagen, nur um die für die Anschaffung eines Viertels Branntwein notwendige Summe zu sparen und dieses eine Viertelstunde vor der Exekution auszutrinken. Bei den Arrestanten herrscht überhaupt die Überzeugung, daß ein Betrunkener die Knuten- oder die Spießrutenstrafe nicht so schmerzhaft fühlt. Aber ich bin von meiner Erzählung abgeschweift. Nachdem der arme Kerl seine Tasse Schnaps ausgetrunken hatte, wurde er tatsächlich sofort krank; er bekam Erbrechen mit Blut und wurde fast bewußtlos ins Hospital geschafft. Dieses Erbrechen griff seine Brust dermaßen an, daß sich schon nach einigen Tagen die Symptome richtiger Schwindsucht zeigten, der er nach einem halben Jahr auch erlag. Die Ärzte, die ihn gegen die Schwindsucht behandelten, wußten nicht, wie sie entstanden war.

Aber wenn ich von der häufig vorkommenden Angst der Arrestanten vor der Exekution spreche, muß ich erwähnen, daß viele von ihnen auch eine erstaunliche Furchtlosigkeit zeigen. Ich erinnere mich mehrerer Fälle von Mut, der an Gefühllosigkeit grenzte, und solche Fälle waren gar nicht so selten. Besonders gut besinne ich mich auf meine Begegnung mit einem entsetzlichen Verbrecher. An einem Sommertage verbreitete sich in den Arrestantensälen das Gerücht, daß am Abend der berühmte Räuber Orlow, ein desertierter Soldat, bestraft und nach der Exekution ins Hospital kommen würde. Die kranken Arrestanten erzählten sich in Erwartung seines Erscheinens, daß man ihn besonders grausam bestrafen würde. Alle befanden sich in einer gewissen Erregung, und ich muß gestehen, daß auch ich das Erscheinen des berühmten Räubers mit höchstem Interesse erwartete. Schon lange vorher hatte ich wahre Wunder über ihn gehört. Er war ein Unmensch, wie es ihrer wenig gibt, der kaltblütig Greise und Kinder abschlachtete, ein Mensch von schrecklicher Willenskraft und stolzem Kraftbewußtsein. Er hatte sich viele Morde zuschulden kommen lassen und war zum Spießrutenlaufen verurteilt worden. Man brachte ihn zu uns ins Hospital gegen Abend. Im Krankensale war es schon dunkel, und man zündete Kerzen an. Orlow war fast bewußtlos und entsetzlich bleich, seine dichten pechschwarzen Haare waren zerzaust. Sein Rücken war geschwollen und von einer blutig blauen Farbe. Die Arrestanten pflegten ihn die ganze Nacht: sie wechselten ihm die Umschläge, drehten ihn von der einen Seite auf die andere um und gaben ihm die Arznei ein, als ob sie es mit einem nahen Verwandten oder irgendeinem Wohltäter zu tun hätten. Gleich am nächsten Tage kam er vollständig zum Bewußtsein und ging an die zweimal durch den Saal! Dies setzte mich in Erstaunen: er war ja ins Hospital so schwach und zerschunden gekommen. Er hatte die ganze Hälfte der ihm zudiktierten Spießruten auf einmal absolviert. Der Arzt hatte die Exekution erst dann einstellen lassen, als er merkte, daß eine Fortsetzung der Strafe für den Verbrecher den Tod bedeuten würde. Außerdem war Orlow klein von Wuchs, von schwacher Konstitution und obendrein durch die lange Untersuchungshaft erschöpft. Jeder, der einen unter Anklage stehenden Arrestanten gesehen hat, hat sich sicher für lange sein ausgemergeltes, mageres und blasses Gesicht mit den fiebernden Blicken gemerkt. Trotzdem erholte sich Orlow sehr schnell. Offenbar kam seine innere, seelische Energie der Natur zur Hilfe. Er war in der Tat kein ganz gewöhnlicher Mensch. Aus Interesse machte ich seine nähere Bekanntschaft und beobachtete ihn eine ganze Woche lang. Ich kann positiv behaupten, daß ich nie im Leben einen so starken Menschen mit einem so eisernen Charakter kennengelernt habe. Ich hatte schon einmal zu Tobolsk eine Berühmtheit in derselben Art, einen ehemaligen Räuberhauptmann, gesehen. Dieser war ein vollkommen wildes Tier, und wenn man neben ihm stand, fühlte man instinktiv, ohne erst seinen Namen gehört zu haben, daß man ein fürchterliches Geschöpf neben sich hatte. An ihm hatte mich die geistige Stumpfheit erschreckt. Das Fleisch hatte bei ihm dermaßen alle geistigen Eigenschaften besiegt, daß man ihm beim ersten Blick ansah, daß hier nur noch eine wilde Gier nach fleischlichen Genüssen, Wollust und Völlerei übrigblieb. Ich bin überzeugt, daß Korenew – so hieß dieser Räuber – vor einer Strafe den Mut verlieren und zittern würde, obwohl er imstande war, Menschen, ohne mit der Wimper zu zucken, abzuschlachten. Orlow bildete einen vollständigen Gegensatz zu ihm. Er stellte einen völligen Sieg über das Fleisch dar. Man sah diesem Menschen an, daß er eine unbegrenzte Gewalt über sich selbst hatte, alle Qualen und Strafen verachtete und nichts auf der Welt fürchtete. Wir sahen an ihm nur eine grenzenlose Energie, einen Drang, sich zu betätigen, einen Durst nach Rache und nach der Erreichung seines Zieles. Unter anderem setzte mich sein seltsamer Hochmut in Erstaunen. Er sah alles auffallend von oben herab an, aber das wirkte bei ihm nicht, wie wenn er sich auf Stelzen stellte, sondern vollkommen natürlich. Ich glaube nicht, daß es irgendein Wesen auf der Welt gab, dessen Autorität auf ihn wirken könnte. Er sah alles mit auffallender Ruhe an, als gäbe es nichts in der Welt, was ihn in Erstaunen versetzen könnte. Er wußte zwar sehr gut, daß die anderen Arrestanten ihn mit Respekt ansahen, aber er unternahm selbst nichts, um ihnen irgendwie zu imponieren. Dabei sind aber Ehrgeiz und Anmaßung fast allen Arrestanten ohne Ausnahme eigen. Er war gar nicht dumm und auffallend aufrichtig, dabei aber durchaus nicht geschwätzig. Auf meine Frage antwortete er mir offen, daß er auf seine Genesung warte, um den Rest der Strafe zu absolvieren, und daß er vor der Exekution gefürchtet hätte sie nicht zu überstehen. »Jetzt ist aber die Sache erledigt,« fügte er hinzu, mir zublinzelnd. »Ich absolviere den Rest der Spießruten, werde dann sofort mit einer Partie nach Nertschinsk verschickt und brenne unterwegs durch! Ich werde unbedingt durchbrennen! Wenn mir nur mein Rücken verheilt!« So wartete er die ganzen fünf Tage mit Ungeduld auf seine Entlassung aus dem Hospital. In der Erwartung war er oft zum Lachen aufgelegt und lustig. Ich versuchte, mit ihm über seine Abenteuer zu sprechen. Bei solchen Fragen zog er zwar die Stirn kraus, antwortete aber immer aufrichtig. Als er aber merkte, daß ich seinem Gewissen auf die Spur kommen wollte und von ihm wenigstens einen Schatten von Reue erwartete, sah er mich so verächtlich und hochmütig an, als wäre ich plötzlich vor seinen Augen ein kleiner dummer Junge geworden, mit dem man nicht wie mit einem Erwachsenen sprechen kann. Sein Gesicht drückte sogar etwas wie Mitleid mit mir aus. Nach einer Minute lachte er über mich auf die gutmütigste Weise, ohne jede Ironie, und ich bin überzeugt, daß er, als er allein geblieben war und sich meiner Worte erinnerte, vielleicht noch einige Male über mich gelacht hat. Endlich wurde er mit einem noch nicht völlig verheilten Rücken entlassen; am gleichen Tage kam auch ich aus dem Hospital, und so traf es sich, daß wir gemeinsam zurückkehrten: ich ins Zuchthaus und er auf die neben dem Zuchthause gelegene Hauptwache, in der er sich schon vorher befunden hatte. Beim Abschied drückte er mir die Hand, und das war von seiner Seite ein Zeichen von hohem Vertrauen. Ich glaube, er tat es deshalb, weil er mit sich selbst und dem betreffenden Augenblick sehr zufrieden war. Im Grunde genommen mußte er mich verachten und unbedingt als ein demütiges, schwaches, jämmerliches und in jeder Beziehung unter ihm stehendes Wesen ansehen. Am nächsten Tage absolvierte er aber die zweite Hälfte der Strafe . . .

Als man unsere Kaserne zusperrte, nahm sie plötzlich ein eigentümliches Aussehen an, das einer wirklichen Wohnstätte, eines häuslichen Herdes. Erst jetzt konnte ich die anderen Arrestanten, meine Kameraden, ganz wie zu Hause betrachten. Am Tage können jeden Augenblick die Unteroffiziere, Wachsoldaten und andere Vorgesetzte ins Zuchthaus kommen, und darum benehmen sich alle seine Insassen anders, als fühlten sie sich nicht ganz ruhig und als erwarteten sie jeden Augenblick etwas. Kaum war aber die Kaserne zugesperrt, als alle sich sofort ruhig niedersetzten und sich fast jeder an irgendeine Handarbeit machte. In der Kaserne wurde es plötzlich hell. Ein jeder besaß seine eigene Kerze und seinen eigenen Leuchter, meistens einen aus Holz. Der eine setzte sich hin, um Stiefel zu nähen, der andere, um an irgendeinem Kleidungsstücke zu arbeiten. Der unerträgliche Gestank in der Kaserne wurde von Stunde zu Stunde schlimmer. Eine Gruppe Müßiggänger hockte sich in einer Ecke um einen ausgebreiteten Teppich hin, um Karten zu spielen. In fast jeder Kaserne gab es einen Arrestanten, der einen schäbigen ellengroßen Teppich, eine Kerze und ein Spiel unglaublich schmieriger, fettiger Karten besaß. Diese ganze Einrichtung hieß ein »Maidan«. Der Unternehmer bekam von den Spielern je fünfzehn Kopeken für die Nacht; das war sein Geschäft. Gespielt wurde gewöhnlich »Dreiblatt«, »Häuschen« usw. Es waren lauter Hasardspiele. Jeder Spieler schüttete einen Haufen Kupfermünzen vor sich aus, alles, was er in der Tasche hatte, und stand erst dann auf, wenn er alles bis auf den letzten Heller verloren oder seinen Kameraden alles abgenommen hatte. Das Spiel endete spät in der Nacht und dauerte manchmal bis zum Tagesanbruch, bis zu dem Augenblick, wo die Kaserne aufgesperrt wurde. In unserm Raume gab es genau wie in allen Kasernen des Zuchthauses immer arme Schlucker, die ihre ganze Habe verspielt oder vertrunken hatten oder auch einfach Bettler von Natur waren. Ich sage »von Natur« und unterstreiche diesen Ausdruck ganz besonders. In unserem Volke gibt es in der Tat unter allen Verhältnissen und Bedingungen stets gewisse seltsame Individuen, die friedlich und nicht selten auch fleißig sind, denen es aber vom Schicksal beschieden ist, ihren Lebtag bettelarm zu bleiben. Sie sind stets Junggesellen, immer schmutzig und unordentlich, sehen immer verängstigt und von etwas bedrückt aus und dienen fast immer als Laufburschen bei irgendwelchen Bummlern oder solchen Zuchthäuslern, die sich plötzlich bereichert haben und emporgekommen sind. Jeder Respekt, jede Initiative bedeuten für sie immer ein Unglück und eine Last. Sie sind gleichsam mit der Bedingung zur Welt gekommen, selbst nichts zu unternehmen und nur anderen zu dienen, nach fremdem Willen zu leben, nach einer fremden Pfeife zu tanzen, und ihre Bestimmung ist, den Willen anderer zu erfüllen. Zur Vervollständigung ihres Unglücks sind sie so beschaffen, daß keinerlei Umstände, keinerlei Wendungen der Dinge sie zu bereichern vermögen. Sie sind immer Bettler. Ich habe bemerkt, daß solche Individuen nicht nur im einfachen Volke vorkommen, sondern in allen Gesellschaftsschichten, in allen Ständen, in allen Parteien und Redaktionen und in allen Genossenschaften. So war es auch in jeder Kaserne und in jedem Zuchthause, und sobald ein »Maidan« gegründet wurde, war sofort einer von ihnen zur Stelle, um den andern zu dienen. Überhaupt konnte kein Maidan ohne einen solchen Diener bestehen. Gewöhnlich mieteten ihn alle Spieler gemeinsam für fünf Silberkopeken, und seine Hauptpflicht bestand darin, die ganze Nacht Posten zu stehen. Meistens fror so ein Mann sechs oder sieben Stunden lang im Dunkeln im Flur bei dreißig Grad Frost und lauschte auf jedes Geräusch, auf jeden Schritt im Hofe. Der Platzmajor und die Wachsoldaten kamen manchmal ins Zuchthaus spät in der Nacht, traten leise ein und erwischten die Spielenden wie die Arbeitenden und konfiszierten die überzähligen Kerzen, die man schon von draußen sehen konnte. Wenn plötzlich das Schloß an der Tür, die aus dem Flur ins Freie führte, zu klirren begann, war es jedenfalls zu spät, sich zu verstecken, die Kerzen auszublasen und sich auf die Pritschen zu legen. Da aber der wachestehende Diener in solchen Fällen vom Maidan übel zugerichtet wurde, kamen solche Überraschungen sehr selten vor. Fünf Kopeken sind selbst im Zuchthause eine lächerlich geringe Bezahlung; aber ich wunderte mich im Zuchthause immer über die Strenge und Erbarmungslosigkeit der Arbeitgeber, wie in diesem, so auch in allen anderen Fällen. »Wenn du einmal bezahlt bist, so mußt du deinen Dienst tun!« Das war ein Argument, das keinerlei Widerspruch duldete. Für die bezahlte Kopeke wollte der Arbeitgeber alles haben, was er überhaupt haben konnte, und verlangte sogar womöglich noch mehr; dabei glaubte er noch, dem Arbeitnehmer einen Gefallen zu erweisen. Ein verbummelter Kerl, der sein Geld ungezählt verpraßte, übervorteilte stets seinen Diener; dies sah ich nicht nur im Zuchthause und nicht nur beim Maidan.

Ich sagte schon, daß fast alle Leute in der Kaserne sich an irgendeine Arbeit machten; außer den Spielern gab es nur noch an die fünf gänzlich müßige Menschen, die sich sofort schlafen legten. Mein Platz auf der Pritsche war dicht an der Tür. Auf der andern Seite der Pritsche lag Kopf an Kopf mit mir Akim Akimytsch. Bis zehn oder elf Uhr arbeitete er: er klebte eine bunte chinesische Laterne, die ihm jemand in der Stadt für ziemlich hohe Bezahlung bestellt hatte. Solche Laternen stellte er meisterhaft her und arbeitete methodisch, ohne Unterbrechung; wenn er mit der Arbeit fertig war, räumte er alles sorgfältig zusammen, breitete seine Matratze aus, betete und legte sich sittsam auf sein Lager. Seine Ordnungsliebe und Sittsamkeit gingen bis zur kleinlichsten Pedanterie; er hielt sich wohl für einen außerordentlich klugen Menschen, wie es überhaupt alle beschränkten und stumpfsinnigen Leute tun. Er mißfiel mir gleich vom ersten Tage an, obwohl ich, wie ich mich gut erinnere, an diesem ersten Tage viel über ihn nachdachte und mich hauptsächlich darüber wunderte, daß solch ein Mensch, statt im Leben gut vorwärts zu kommen, ins Zuchthaus geraten war. Später werde ich noch mehr als einmal auf Akim Akimytsch zurückkommen.

Aber jetzt will ich kurz die Bewohner unserer Kaserne schildern. Ich mußte ja in ihr noch viele Jahre zubringen, also hatte ich lauter künftige Zimmergenossen und Kameraden vor mir. Natürlich musterte ich sie mit brennender Neugier. Links von mir auf der Pritsche hauste eine Gruppe kaukasischer Bergbewohner, die zum größten Teil wegen Raubüberfällen für verschiedene Fristen hergeschickt worden waren. Es waren: zwei Lesghier, ein Tschetschenze und drei Tataren aus dem Dagestan. Der Tschetschenze war ein düsteres, mürrisches Geschöpf; er sprach fast mit niemand und blickte immer gehässig mit gerunzelter Stirn und einem giftigen, höhnischen Lächeln um sich. Der eine Lesghier war ein Greis mit einer langen, feinen Hakennase und dem Aussehen eines richtigen Räubers. Dafür machte der andere Lesghier, Nurra, gleich vom ersten Tage an auf mich einen außerordentlich angenehmen Eindruck. Er war noch nicht alt, mittelgroß, herkulisch gebaut, ganz blond mit hellblauen Augen, einer Stupsnase, dem Gesicht einer alten Finnin und krummen Beinen, die er vom vielen Reiten hatte. Sein ganzer Körper war zerhauen und von Bajonetten und Kugeln verwundet. Auf dem Kaukasus gehörte er einem pazifizierten Stamme an, begab sich aber oft zu den nicht pazifizierten Bergbewohnern, mit denen er Überfälle auf die Russen machte. Im Zuchthause war er bei allen beliebt. Er war stets lustig, gegen alle freundlich, arbeitete, ohne zu murren, war heiter und ruhig, obwohl er sich oft über den ganzen Schmutz und die Gemeinheit des Arrestantenlebens empörte und über jeden Diebstahl, jede Gaunerei, Betrunkenheit und über alles, was unehrenhaft war, bis zur Wut aufregte; er fing aber niemals Streit an und wandte sich nur empört weg. Er selbst hatte während seines ganzen Zuchthauslebens keinen einzigen Diebstahl und überhaupt keine einzige schlechte Handlung begangen. Er war außerordentlich gottesfürchtig. Die Gebete verrichtete er äußerst gewissenhaft, hielt die Fasten vor den mohammedanischen Festen so streng wie ein Fanatiker und stand ganze Nächte im Gebet. Alle liebten ihn und glaubten an seine Ehrlichkeit. »Nurra ist ein Löwe,« pflegten die Arrestanten zu sagen, und dieser Name »Löwe« blieb ihm auch. Er war fest davon überzeugt, daß man ihn nach Abbüßung seiner Zuchthausstrafe wieder nach Hause, nach dem Kaukasus schicken würde, und lebte nur von dieser Hoffnung allein. Ich glaube, er wäre gestorben, wenn er diese Hoffnung verloren hätte. Er fiel mir gleich am ersten Tage meines Zuchthauslebens besonders auf. Sein gutmütiges, sympathisches Gesicht mußte auch unter den bösen, düsteren und spöttischen Gesichtern der übrigen Zuchthäusler auffallen. Gleich in der ersten halben Stunde nach meiner Ankunft im Zuchthause klopfte er mir im Vorbeigehen auf die Schulter und lächelte mir gutmütig zu. Anfangs konnte ich nicht begreifen, was das zu bedeuten hatte. Er konnte nur sehr schlecht russisch sprechen. Bald darauf ging er wieder auf mich zu und klopfte mir wieder freundlich lächelnd auf die Schulter. Das wiederholte er noch öfters, und so ging es drei Tage lang. Das bedeutete, wie ich erriet und später erfuhr, daß er mit mir Mitleid hatte, daß er fühlte, wie schwer mir die erste Bekanntschaft mit dem Zuchthause fiel und daß er mir seine Freundschaft beweisen, mich ermutigen und seiner Protektion versichern wollte. Der gute, naive Nurra!

Tataren aus dem Dagestan waren drei da, drei leibliche Brüder. Zwei von ihnen waren schon bejahrt, aber der dritte, Alej, höchstens zweiundzwanzig Jahre alt und sah noch jünger aus. Sein Platz auf der Pritsche befand sich neben dem meinigen. Sein hübsches, offenes, kluges und zugleich gutmütig naives Gesicht gewann gleich auf den ersten Blick meine Zuneigung, und ich war froh, daß das Schicksal mir ihn und nicht irgendjemand anderen zum Nachbarn gegeben hatte. Seine ganze Seele spiegelte sich in seinem hübschen, man darf sogar sagen, schönen Gesicht. Sein Lächeln war so zutraulich und kindlich gutmütig, seine großen schwarzen Augen blickten so sanft und so freundlich, daß ich immer ein besonderes Vergnügen, sogar eine Erleichterung in meinem Gram empfand, wenn ich ihn ansah. Ich sage dies ohne Übertreibung. In der Heimat hatte ihm einmal sein älterer Bruder (er hatte fünf ältere Brüder, von denen zwei auf irgendeinem Bergwerk ihre Strafe verbüßten) befohlen, einen Säbel zu nehmen und zu Pferde zu steigen, um an irgendeiner Expedition teilzunehmen. Der Respekt vor den Älteren ist in den Familien der Bergbewohner so groß, daß der Junge gar nicht wagte, zu fragen, wohin man sich begab; diese Frage kam ihm überhaupt nicht in den Sinn. Die andern hielten es aber nicht für nötig, es ihm mitzuteilen. Sie ritten alle auf Raub aus: es galt, einen reichen armenischen Kaufmann auf der Landstraße abzufangen und zu berauben. So kam es auch: sie ermordeten die Begleitsoldaten, erdolchten den Armenier und plünderten seine Waren. Die Sache kam aber heraus; alle sechs wurden eingefangen, vors Gericht gestellt, des Verbrechens überführt, geknutet und nach Sibirien in die Zwangsarbeit geschickt. Die ganze Gnade, die das Gericht Alej erwiesen hatte, bestand darin, daß sein Strafmaß herabgesetzt wurde; man hatte ihn für nur vier Jahre verschickt. Die Brüder liebten ihn sehr, und zwar mit einer mehr väterlichen als brüderlichen Liebe. Er war in der Verbannung ihr Trost, und sie, die sonst düster und mürrisch waren, lächelten immer, wenn sie ihn ansahen; wenn sie mit ihm sprachen (sie sprachen aber mit ihm sehr selten, als hielten sie ihn noch für einen Knaben, mit dem man über ernste Dinge gar nicht sprechen kann), so glätteten sich ihre finsteren Gesichter, und ich konnte erraten, daß sie mit ihm über irgendwelche scherzhaften, fast kindlichen Dinge sprachen; jedenfalls sahen sie einander mit gutmütigem Lächeln an, wenn sie seine Antwort hörten. Er selbst wagte aber fast nie, sie anzusprechen: so weit ging sein Respekt. Man konnte sich schwer erklären, wie dieser Jüngling es fertigbrachte, während seines ganzen Zuchthauslebens ein so sanftes Herz, eine so strenge Ehrlichkeit, eine solche sympathische Herzlichkeit zu bewahren und weder zu verrohen, noch zu verderben. Er hatte übrigens trotz seiner scheinbaren Weichheit eine starke und standhafte Natur. Ich habe ihn später gut kennengelernt. Er war keusch wie ein reines Mädchen, und jede gemeine, zynische, schmutzige oder ungerechte Tat im Zuchthause entzündete ein Feuer der Entrüstung in seinen schönen Augen, die dadurch noch schöner wurden. Aber er mied jeden Streit und jeden Wortwechsel, obwohl er nicht zu denen gehörte, die sich ungestraft beleidigen ließen, und verstand sehr gut, für sich einzustehen. Aber er stritt sich mit niemand; alle liebten ihn und erwiesen ihm jede Freundlichkeit. Anfangs war er gegen mich bloß höflich. Allmählich fing ich mit ihm zu sprechen an; nach einigen Monaten lernte er gut russisch sprechen, was seine Brüder während ihres ganzen Zuchthauslebens nicht zu erreichen vermochten. Er erschien mir als ein außergewöhnlich kluger, bescheidener, zartfühlender und sogar über viele Dinge nachdenkender Junge. Ich will gleich im vorhinein sagen: ich halte Alej für einen durchaus nicht gewöhnlichen Menschen und denke an die Begegnung mit ihm als an eine der schönsten Begegnungen meines Lebens zurück. Es gibt Menschen, die von Natur so schön und von Gott so reich begabt sind, daß der bloße Gedanke, daß sie sich jemals zum Schlechten verändern können, unmöglich erscheint. Man kann ihretwegen immer beruhigt sein. Ich bin es wegen Alejs auch jetzt. Wo mag er jetzt sein? . . .

Einmal, schon ziemlich lange nach meiner Ankunft im Zuchthause, lag ich auf der Pritsche und dachte an etwas Schweres. Alej, der sonst immer fleißig und arbeitsam war, tat diesmal nichts, obwohl es zum Schlafen noch zu früh war. Aber es war gerade ein mohammedanischer Feiertag, an dem sie alle nicht arbeiteten. Er lag, die Hände im Nacken verschränkt, und dachte gleichfalls über etwas nach. Plötzlich fragte er mich:

»Hast du es jetzt sehr schwer?«

Ich sah ihn neugierig an, und so sonderbar kam mir diese schnelle, offene Frage seitens Alejs vor, der sonst immer so zartfühlend, wählerisch und klug war; als ich ihn aber aufmerksamer ansah, erkannte ich in seinem Gesicht solchen Gram, so viel durch Erinnerungen hervorgerufene Qual, daß ich sofort erriet, wie schwer er es selbst in diesem Augenblick hatte. Ich teilte ihm diese Vermutung mit. Er seufzte auf und lächelte traurig. Ich liebte sein immer zärtliches und herzliches Lächeln. Außerdem zeigte er beim Lächeln zwei Reihen so herrlicher Zähne, um die ihn die schönste Frau der Welt hätte beneiden können.

»Nun, Alej, du hast jetzt sicher daran gedacht, wie bei euch in Dagestan dieses Fest gefeiert wird. Es ist dort gewiß schön.«

»Ja,« antwortete er mir begeistert, und seine Augen leuchteten. »Woher weißt du aber, daß ich daran denke?«

»Wie sollte ich es nicht wissen? Was, dort ist es wohl besser als hier?«

»Oh, warum sagst du das! . . .«

»Bei euch blühen jetzt wohl allerlei Blumen, es ist ein wahres Paradies?«

»Ach, sprich lieber nicht davon.«

Er war aufs Höchste erregt.

»Hör mal, Alej, hast du eine Schwester gehabt?«

»Ja, aber warum fragst du danach?«

»Sie ist wohl eine Schönheit, wenn sie dir ähnlich sieht.«

»Was für ein Vergleich! Sie ist eine solche Schönheit, wie man in ganz Dagestan keine zweite findet. Ach, so schön ist meine Schwester! Du hast eine solche noch nie gesehen! Auch meine Mutter war eine Schönheit.«

»Hat dich deine Mutter lieb gehabt?«

»Ach, wie kannst du es bloß sagen! Sie ist sicher aus Gram um mich gestorben. Sie hat mich mehr als die Schwester, mehr als alle geliebt . . . Sie ist heute Nacht im Traum zu mir gekommen und hat mit mir geweint.«

Er verstummte und sprach diesen ganzen Abend kein Wort mehr. Aber von nun an suchte er immer nach einer Gelegenheit, mit mir zu sprechen, obwohl er selbst aus Achtung, die er, ich weiß selbst nicht weshalb, vor mir empfand, mich niemals als erster ansprach. Dafür war er sehr froh, wenn ich mich an ihn wandte. Ich fragte ihn nach dem Kaukasus und nach seinem früheren Leben. Seine Brüder hinderten ihn nicht daran, mit mir zu sprechen, und es war ihnen sogar angenehm. Als sie sahen, daß ich Alej immer mehr liebgewann, wurden sie viel freundlicher gegen mich.

Alej half mir bei der Arbeit, war mir in der Kaserne, wo er nur konnte, behilflich, und es war ihm anzusehen, daß es ihm sehr angenehm war, meine Lage irgendwie zu erleichtern und mir gefällig zu sein; in diesem Bestreben lag aber nicht die geringste Erniedrigung, nicht der entfernteste Gedanke an irgendeinen Vorteil, sondern nur ein warmes, freundschaftliches Gefühl, das er vor mir nicht mehr verheimlichte. Nebenbei bemerkt hatte er große Geschicklichkeit in mechanischen Arbeiten; er lernte gut Wäsche nähen, Stiefel anfertigen und erlernte später, so gut er konnte, das Tischlerhandwerk. Die Brüder lobten ihn und waren auf ihn stolz.

»Hör mal, Alej,« sagte ich ihm einmal, »warum sollst du nicht russisch lesen und schreiben lernen? Weißt du, daß es dir hier in Sibirien später zustatten kommen kann?«

»Ich will es sehr. Aber bei wem soll ich es lernen?«

»Es gibt doch hier viele, die zu lesen verstehen! Willst du, daß ich dich unterrichte?«

»Ach, unterrichte mich, bitte!« Er setzte sich sogar auf seiner Pritsche auf, faltete bittend die Hände und sah mich an.

Wir fingen gleich am nächsten Abend an. Ich hatte ein russisches Neues Testament bei mir, ein Buch, das im Zuchthause nicht verboten war. Ohne eine Fibel, nur nach diesem Buche lernte Alej in wenigen Wochen vortrefflich lesen. Nach drei Monaten verstand er auch vollkommen die Büchersprache. Er lernte mit Eifer und Begeisterung.

Einmal hatte ich mit ihm die ganze Bergpredigt gelesen. Ich merkte, daß er einige Stellen mit besonderem Gefühl sprach.

Ich fragte ihn, ob ihm das Gelesene gefalle.

Er warf mir einen schnellen Blick zu und errötete.

»Ach ja!« antwortete er. »Issa ist ein heiliger Prophet. Issa sprach göttliche Worte. So schön!«

»Was gefällt dir denn am meisten?«

»Wo er sagt: ›Vergib, liebe, tue niemand was zu leide und liebe deine Feinde.‹ Ach, so schön sagt er das!«

Er wandte sich zu seinen Brüdern um, die unserm Gespräch zuhörten, und begann ihnen mit Feuer etwas zu erklären. Sie sprachen lange und ernst miteinander und nickten bejahend mit den Köpfen. Dann wandten sie sich mit einem würdevoll-wohlwollenden, d. h. echt muselmannischen Lächeln (das ich so sehr liebe, und zwar gerade wegen dieser Würde) an mich und bestätigten, daß Issa ein göttlicher Prophet gewesen sei und große Wunder getan habe; daß er einen Vogel aus Lehm geformt und angeblasen habe und der Vogel davongeflogen sei . . . so stehe es in ihren Büchern geschrieben. Als sie das sagten, waren sie völlig davon überzeugt, daß sie mir ein großes Vergnügen bereiteten, indem sie Issa lobten, und Alej war vollkommen glücklich, weil seine Brüder sich entschlossen hatten, mir dieses Vergnügen zu bereiten.

Auch im Schreibunterricht machten wir gute Fortschritte. Alej beschaffte Papier (und duldete nicht, daß ich es für mein Geld kaufte), Federn und Tinte und lernte in etwa zwei Monaten vorzüglich schreiben. Das machte sogar auf seine Brüder Eindruck. Ihr Stolz und ihre Zufriedenheit waren grenzenlos. Sie wußten gar nicht, wie sie mir danken sollten. Bei der Arbeit, wenn es sich traf, daß wir zusammen arbeiteten, halfen sie mir um die Wette und rechneten es sich als ein Glück an. Von Alej rede ich schon gar nicht. Er hing an mir vielleicht nicht weniger als an seinen Brüdern. Nie vergesse ich, wie er das Zuchthaus verließ. Er führte mich hinter die Kaserne, fiel mir dort um den Hals und fing zu weinen an. Vorher hatte er mich noch nie geküßt und auch nie geweint. »Du hast für mich so viel getan, so viel getan,« sagte er, »wie viel mein Vater und meine Mutter für mich nicht getan hätten: du hast mich zu einem Menschen gemacht, Gott wird es dir lohnen, ich aber werde es dir nie vergessen . . .«

Wo, wo mag er jetzt sein, mein guter, lieber, lieber Alej!

Außer den Kaukasiern gab es in unseren Kasernen noch eine ganze Gruppe Polen, die eine Familie für sich bildeten und mit den übrigen Arrestanten fast gar nicht verkehrten. Ich sagte schon, daß sie wegen ihrer Abgeschlossenheit und ihres Hasses gegen die russischen Zuchthäusler auch ihrerseits von allen gehaßt wurden. Es waren gequälte, kranke Naturen; es waren ihrer sechs Mann. Einige von ihnen waren gebildet; über sie werde ich im folgenden ausführlicher sprechen. Von ihnen verschaffte ich mir in den letzten Jahren meines Zuchthauslebens zuweilen Bücher. Das erste Buch, das ich gelesen hatte, machte auf mich einen starken, seltsamen, eigentümlichen Eindruck. Auch über diese Eindrücke werde ich später einmal besonders sprechen. Sie sind für mich außerordentlich merkwürdig, und ich bin überzeugt, daß sie vielen ganz unverständlich erscheinen werden. Über manche Dinge kann man gar nicht urteilen, wenn man sie nicht selbst erfahren hat. Ich will nur das eine sagen: die geistigen Entbehrungen sind schwerer als alle physischen Qualen. Der einfache Mann, der ins Zuchthaus kommt, gerät in seine eigene Gesellschaft, vielleicht sogar in eine, die intelligenter ist als seine bisherige Umgebung. Er hat natürlich vieles verloren: die Heimat, die Familie, alles, aber das Milieu bleibt dennoch dasselbe. Der gebildete Mensch dagegen, der nach dem Gesetz zu der gleichen Strafe wie der einfache Mann verurteilt wird, verliert unvergleichlich mehr als dieser. Er muß alle seine Bedürfnisse und Gewohnheiten unterdrücken; er muß in eine Umgebung kommen, die ihn unmöglich befriedigen kann, und muß lernen, eine andere Luft zu atmen . . . Er ist wie ein Fisch, den man aus dem Wasser gezogen und auf den Sand geworfen hat . . . So ist die laut Gesetz für alle gleiche Strafe für ihn oft zehnmal so qualvoll als für die andern. Es ist wirklich so . . . selbst wenn man nur an die materiellen Gewohnheiten allein denkt, die er opfern muß.

Aber die Polen bildeten eine Gruppe für sich. Es waren ihrer sechs Mann, die immer zusammenhielten. Von allen Zuchthäuslern unserer Kaserne mochten sie nur den Juden allein, vielleicht einzig aus dem Grunde, weil er sie amüsierte. Unsern Juden mochten übrigens auch die andern Arrestanten gern leiden, obwohl sie sich alle ohne Ausnahme über ihn lustig machten. Er war unser einziger Jude, und ich kann auch jetzt noch nicht ohne Lachen an ihn zurückdenken. Sooft ich ihn ansah, kam mir der Gogolsche Jude Jankel aus dem »Taras-Bulba« in den Sinn, der, wenn er sich auszog, um sich für die Nacht mit seiner Jüdin in eine Art Schrank zu begeben, sofort eine Ähnlichkeit mit einem Hühnchen bekam. Unser Jude, Issai Fomitsch glich auffallend einem gerupften Hühnchen. Er war nicht mehr jung, an die fünfzig Jahre alt, klein von Wuchs, schwächlich, verschlagen und zugleich ausgesprochen dumm. Er war frech und hochfahrend, zugleich aber furchtbar feige. Sein Gesicht war voller Runzeln, und auf der Stirn und den Wangen hatte er Brandmale, die ihm auf dem Schafott eingebrannt worden waren. Ich konnte unmöglich begreifen, wie er die sechzig Knutenhiebe hat überstehen können. Ins Zuchthaus war er wegen eines Mordes gekommen. Er hielt bei sich irgendwo ein Rezept versteckt, das ihm seine Glaubensgenossen gleich nach der Exekution von einem Arzt verschafft hatten. Nach diesem Rezept konnte man sich eine Salbe herstellen lassen, mit der man in zwei Wochen alle Brandmale hätte entfernen können. Er wagte es nicht, diese Salbe im Zuchthause anzuwenden, und wartete auf den Ablauf seiner zwölfjährigen Zuchthausstrafe, um dann als freier Ansiedler vom Rezept Gebrauch zu machen. »Sonst werde ich nicht heiraten können,« sagte er mir einmal, »ich will aber unbedingt heiraten.« Wir waren gute Freunde. Im Zuchthause hatte er es leicht; er war von Beruf Juwelier und hatte stets eine Menge Aufträge aus der Stadt, wo es keinen Juwelier gab; deshalb war er auch von den schweren Arbeiten befreit. Natürlich war er zugleich auch Wucherer und versorgte das ganze Zuchthaus gegen Zinsen und Pfänder mit Geld. Er war vor mir ins Zuchthaus gekommen, und einer der Polen beschrieb mir ausführlich seine Ankunft. Es ist eine höchst komische Geschichte, die ich später einmal erzählen werde; über Issai Fomitsch werde ich noch mehr als einmal zu sprechen haben.

Die übrigen Insassen unserer Kaserne waren: vier Altgläubige, alte bibelkundige Männer, unter denen sich auch der Greis aus den Siedlungen bei Starodub befand; zwei oder drei Kleinrussen, düstere Menschen; ein junger Zuchthäusler mit feinem Gesichtchen und einem schmalen Näschen, der trotz seiner dreiundzwanzig Jahre schon acht Menschen ermordet hatte; eine Gruppe von Falschmünzern, von denen einer der Spaßmacher unserer ganzen Kaserne war, und schließlich einige düstere und mürrische Individuen mit rasierten Schädeln und entstellten Gesichtern, die stets schweigsam und neidisch waren, mit Haß um sich blickten und die Absicht hatten, noch viele Jahre, ihre ganze Strafzeit lang, so düster um sich zu blicken, zu schweigen und zu hassen. Dies alles zog an mir an diesem ersten trostlosen Abend meines neuen Lebens flüchtig vorbei, inmitten des Rauches und des Qualmes, des unflätigen Fluchens und eines unbeschreiblichen Zynismus, in der verpesteten Luft, beim Klirren der Ketten, unter wütenden Flüchen und schamlosem Gelächter. Ich legte mich auf die bloße Pritsche, schob mir meine Kleider unter den Kopf (damals besaß ich noch keine Kissen), deckte mich mit meinem Schafpelz zu, konnte aber lange nicht einschlafen, obwohl ich von den ungeheuerlichen und unerwarteten Eindrücken dieses ersten Tages ganz erschöpft und gebrochen war. Aber mein neues Leben fing erst an. In der Zukunft erwartete mich noch vieles, woran ich nie gedacht und was ich nie geahnt hatte . . .

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Release date on Litres:
05 May 2025
Volume:
480 p. 1 illustration
ISBN:
9788726981476
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