Read the book: «Inferno Ostpreußen»
Bernhard Fisch
Inferno Ostpreußen
Elemente eines Verlusts
Aufsätze und Vorträge

© 2015 by ANTHEA VERLAG
Hubertusstraße 14
D - 10365 Berlin
TEL: 030 993 93 16
FAX: 030 994 01888
E-Mail: info@anthea-verlag.de
Verlagsleitung: Detlef W. Stein
www.anthea.de
Umschlaggestaltung: Thomas Seidel
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
Das Foto auf dem Frontcover zeigt den Panoramablick auf Preußisch Holland in Ostpreußen (heute Pasłęk) mit Blick zum Ort und auf die Burg.
ISBN 978-3-943583-77-9
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
„Die Befreiung des Menschen aus seiner
selbstverschuldeten geistigen Unmündigkeit.“
(Immanuel Kant – Königsberg)
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zitat
Vorwort
1. Das Land
1.1. Zwischen den Strömen
1.2. Über Herders slawische und preußische Quellen
1.2.1. Herder und die Slawen
1.2.2. Mohrungen, eine preußische Kleinstadt
1.2.3. Königsberg – die preußische Residenzstadt
1.3 Dichters Wort – Dichters Ort (Ernst Wiecherts Jeronim-Kinder)
2. Wer den Wind sät …
2.1. Ein Täter von Adel
2.1.1. Der Betrüger und Grobian
2.1.2. Der Säufer
2.1.3. Der unschuldig schuldig gesprochene Geschäftemacher
2.1.4. Der Schlächter
2.1.5. Der General
2.2. Ein bürgerlicher Held
2.2.1. Die Anfänge
2.2.2. Vom Scharführer zum Volksgerichtshof
2.2.3. „In weltanschaulicher Hinsicht für den Einsatz durchaus geeignet“
2.2.4. Amtsgeheimnisse
2.2.5. Er schwieg, „Treu bis in den Tod“
3. … wird den Sturm ernten
3.1. Stalin und die Oder-Neiße-Grenze
3.1.1. Das große Komplott
3.1.1.1. Die deutsch-sowjetischen Verträge vom Herbst 1939
3.1.1.2. Moskau 1941 und Teheran 1943
3.1.1.3. Der geheime polnisch-sowjetische Grenzvertrag vom Juli 1944
3.1.1.4. Der Druck auf die polnische Exilregierung
3.1.1.5. Die Politik der vollendeten Tatsachen
3.1.2. Das Potsdamer Protokoll
3.1.3. Der Warschauer Grenzvertrag vom August 1945
3.1.4. Die Zivilbevölkerung in den Oder-Neiße-Gebieten
3.2. Zur politisch-ideologischen Vorbereitung des sowjetischen Soldaten auf die Begegnung mit der Zivilbevölkerung Ostpreußens, Oktober 1944 – Mai 1945 (Analyse zeitgenössischer sowjetischer Presseerzeugnisse)
3.2.1. Ausgangssituation
3.2.2. Quellen
3.2.3. Wirkung der historischen Situation auf die Vorbereitung der Rotarmisten
3.2.3.1. Zur Vorbereitung auf die Kampfhandlungen im Ausland
3.2.3.2. Zivilbevölkerung außerhalb Deutschlands
3.2.3.3. Zivilbevölkerung Deutschlands. Politische Differenzierungen
3.2.4. Die Darstellung der Zivilbevölkerung Ostpreußens
3.2.4.1. Operationen von Gumbinnen und Memel
3.2.4.2. Die Periode der relativen Ruhe
3.2.4.3. Die ostpreußische Operation
3.2.4.4. Die Berliner Operation
3.2.5. Zusammenfassung
3.3. Nemmersdorf – die Erinnerung
3.3.1. Zum Gegenstand der Erinnerung
3.3.2. Zur Emotionalität der Erinnerung
3.3.3. Die Träger der Erinnerung
3.3.4. Die Realität als Vorlage für die Erinnerung
3.3.5. Der Zwang zur Erinnerung
3.3.6. Die Manipulation bei der Erinnerung
3.4. „Die Flucht“ – Rettung vor der Front oder strategisches Kalkül?
3.4.1. Militärische Situation und Beginn der Flucht
3.4.2. Rote Armee und Flüchtlinge
3.4.3. Rückkehr der Flüchtlinge
3.4.4. Fluchtmotive
3.4.5. Der „Sinn“ der Flucht und die Opfer
3.4.6. Gauleiter Erich Koch
3.4.7. Zur Rolle der Wehrmachtsführung
3.4.8. Zur Begrifflichkeit: Flucht, Front, Vertreibung
3.4.9. Literaturkritik
3.5. Ostpreußen 1944/45 – Mythen und Realitäten
3.5.1. Zur Literatur
3.5.2. Die Übergriffe und ihre Quelle. Analyse und Deutung
3.5.3. Der Schriftsteller Ilja Ehrenburg
3.5.3.1. Das Flugblatt „Töte!“
3.5.3.2. Das Flugblatt „Rassenhochmut“
3.5.3.3. Die Hasspropaganda in der Presse
3.5.4. Zur Auslösung der Flucht
3.5.5. Zum Widerstand der Wehrmacht und zum Seetransport
3.5.6. Die Ostpreußen als Opfer des Nationalsozialismus
3.5.7. Zusammenfassung
4. Staatssozialistische Lösungen
4.1. Königsberg – sowjetische Kommandanten
4.2. „Die Russen wollten uns einfach verhungern lassen.“ (Die Tätigkeit der sowjetischen Kommandantur von Königsberg zur Versorgung der deutschen Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln 1945)
4.2.1. Politische Aussagen zur deutschen Zivilbevölkerung
4.2.2. Erste Maßnahmen zur Versorgung mit Lebensmitteln
4.2.3. Der Ablauf der Sommerkampagne
4.2.3.1. Vorbereitung der Heu- und Getreideernte
4.2.3.2. Bereitstellung des Bodenfonds
4.2.3.3. Zugmittel und andere Technik
4.2.3.4. Arbeitskräfte
4.2.4. Der Arbeitsstil der Stadtkommandantur
4.2.4.1. Kooperation mit übergeordneten Dienststellen
4.2.4.2. Kontrolle und erzieherische Einflussnahme nach unten
4.2.5. Wertung
4.3. In der DDR über Ostpreußen schreiben
4.3.1. Schwalben, die keinen Sommer machten
4.3.2. Der einsame Rufer in der Ödnis
4.3.3. Der Durchbruch
4.3.4. Die fruchtbaren Achziger
4.3.5. Linke Heimwehtouristen
4.3.5. Bilanz
Abkürzungsverzeichnis
Zum Autor
Aus dem aktuellen Verlagsprogramm
Fußnoten
Vorwort
Es werden nicht viele Bürger der DDR gewesen sein, die in dem Prachtgebäude der Moskauer Lenin-Bibliothek nach der Lösung ihrer Probleme mit der DDR gesucht haben. Wie das bei mir anfing? In den letzten zwanzig Jahren jenes Staates habe ich als Lehrer der russischen Sprache für das Sekretariat der Kreisleitung der SED Stadtroda bei ihren Treffen mit Offizieren des sowjetischen Panzerbataillons in Jena gedolmetscht. Das war eine ehrenamtliche Tätigkeit. Der einzige Vorteil: Wenn einem Genossen auffiel, dass ich keine größere gesellschaftliche Funktion im Landkreis ausübte, konnte ich auf diese Tätigkeit und „die vielen damit zusammenhängenden Verpflichtungen“ verweisen. Das war nur vorgeschoben, denn so arg waren die nicht. Allerdings wurde mir die Sache mit der Zeit interessant: Ich bekam Einblick in Verhalten und Denken dieser ansonsten recht hermetisch abgeschlossenen Menschenwelt. Was ich da erlebte, warf Fragen auf. Den stärksten Anstoß gab ein alltägliches Erlebnis, der begeisterte Bericht des Politstellvertreters des Bataillonskommandeurs. Sein zehnjähriger Sohn hatte in der Universitätsklinik von Jena gelegen. „Das muss ich dir unbedingt erzählen. Ärzte und Krankenschwestern haben sich toll um meinen Sascha gekümmert. Sie waren sehr lieb zu ihm. Sie bemühten sich Russisch zu sprechen, redeten ihm Mut zu, wenn eine Spritze zu setzen war, gaben ihm manchmal einen Bonbon, waren freundlich. Als er entlassen wurde, hat er sogar geweint, weil er die Schwester Gerda ins Herz geschlossen hatte.“ Und dann kam der Satz, der mich als damaligem Genossen recht verletzte: „Ich hätte nicht gedacht, dass die Deutschen sich so für ein Russenkind einsetzen könnten.“ Ich dachte bei mir: „Wo lebst du Genosse denn? Doch in der mit der Sowjetunion brüderlich verbundenen DDR! – Wie kann ein für das politische Bewusstsein von einigen Hundert jungen Soldaten Verantwortlicher derart verquer denken?“ Analoge Beobachtungen machte ich einige Male. Ich merkte, so, wie die SED-Führung uns den Sowjetsoldaten schilderte, sahen die gar nicht aus. Und – wenn schon Offiziere so dachten, was mag sich da in den Köpfen der unteren Dienstgrade abspielen.
Wie war das denn nun 1945? Natürlich hatte ich da „so etwas“ aus dem „Westen“ gehört. Wenn schon höhere Offiziere dergleichen politischen „Blödsinn“ verzapften, was mag der Muschkote gedacht haben, besonders, als er ab Oktober 1944 auf deutschem Boden kämpfte, zuerst in meiner Heimat Ostpreußen. Was für ein Bild von diesen Deutschen mögen ihm damals seine Vorgesetzten gezeichnet haben. Ob an dem (westdeutschen) Schreckensbild von Nemmersdorf1 etwas dran ist? Während eines Fortbildungskurses in Moskau meldete ich mich deswegen in der größten Bibliothek der Sowjetunion an, die direkt neben dem Kreml liegt. Dort ließ ich mir die bedeutendsten Zeitungen des Landes aus jenen Tagen kommen. Sie lagen als Mikrofilm vor. Ich suchte und fand eine Vielzahl von Berichten über die Kämpfe in Ostdeutschland. „Die Partei“ hatte uns jungen Genossen, die heil aus dem Gemetzel des Krieges entkommen waren, gesagt, der Rotarmist habe gekämpft, um den deutschen Arbeiter und Bauern vom Joch des Faschismus zu befreien. Er habe zwischen den braunen Verbrechern und den deutschen Werktätigen unterscheiden können. Jetzt musste ich zutiefst schockiert lesen, der Soldat wurde im Geist eines rabiaten antideutschen Nationalismus erzogen. Krause Gedanken entwickelten sich in meinem Gehirn. Wenn wir in der einen Grundfrage schamlos betrogen worden sind, wie steht es da mit anderen Aussagen? Nehmen wir als Beispiel die „Westliteratur“. Alles Lügengewebe im Auftrage des aggressiven Imperialismus? Kannte ich doch kein Buch aus jener Himmelsrichtung über das damalige Geschehen. In der DDR hätte mir keine Bibliothek so etwas Gefährliches ausgeliehen, nur mit Sondererlaubnis, die ich nie bekommen hätte. Sehen wir einmal nach, ob ich hier etwas über Ostpreußen finde. Ich fand! Und nicht wenig. Der Zufall fügte es, gleich im ersten Titel las ich von Nemmersdorf, dem ersten Ort, in dem im Herbst 1944 die Rote Armee auf deutsche Zivilisten gestoßen war. Meine Haubitzenbatterie hatte den Ort beschossen. Vierzehn Tage danach erfuhr ich im Kino von Verbrechen der Sowjetsoldaten. Mit der Lektüre wuchs meine Erschütterung. Unsere „Freunde“, wie es im Sprachgebrauch der SED hieß, sollen einer achtzigjährigen blinden Frau den Kopf mit einem Spaten gespalten, andere Frauen nackt an Leiterwagen genagelt haben? Lange konnte ich an dem Abend nicht einschlafen. Während ich mich unruhig im Bett wälzte, kam mir die Lösung: Der Berichterstatter war noch nie in dem Dorf gewesen, woher kannte er Alter und Gebrechen der Frau? Ich stellte mir den blutüberlaufenen, aufklaffenden Schädel vor, wo da eine Blindheit finden, woher das genaue Alter? Die Einheimischen hatten ja den Ort verlassen. Und versuche einmal, einen Nagel in den federnden Holm eines ostpreußischen Leiterwagens einzuschlagen! Für mich wurde klar, „da drüben“ wurde, wie bei uns, allzu dick aufgetragen oder gar gelogen.
Seitdem saß ich einmal in der Woche im dem gewaltigen Lesesaal der Bibliothek, bearbeitete die Presse, ließ mir endlose Meter Kopien ziehen und brachte nach fünf Monaten alles nach Hause. Nebenbei: Ich las dort alle bedeutenden westdeutschen Bücher über das Kriegsende in meiner Heimat. Die Sowjet-Genossen halfen mir, unbewusst, das DDR-Verdikt über derart Literatur zu umgehen. Auch die polnischen Genossen halfen mir, bewusst dieses Mal. In ihrem Teil Ostpreußens druckten sie 1989 das Ergebnis dieser Studien in einer ihrer Zeitschriften ab.2 In den Staaten des Warschauer Vertrages wurde diese Thematik damit erstmals in diesem Umfang behandelt.
Nach der Friedlichen Revolution in der DDR konnte ich mich mit meinem Problem intensiver befassen. Entstanden ist, neben drei Büchern, eine Vielzahl von Vorträgen und Aufsätzen, inhaltlich mehr oder weniger gesteuert durch den Zufall, so wie es die Anforderungen von Seminarleitern oder Herausgebern ergaben, oder auch durch plötzlich ins Blickfeld getretene Situationen, wie z. B. das hier aufgenommene Interview mit einstigen sowjetischen Stadtteilkommandanten in Königsberg.
Ich gebe zu, dass diese Art der Darstellung eine negative Seite hat: Einzelprobleme sind über das ganze Buch verstreut. So befinden sich z. B. Aussagen zum Verhältnis Rotarmist – deutscher Zivilist in mehreren Aufsätzen. Da setze ich mein Vertrauen in den Leser. Manche Texte wurden gegenüber dem Original gekürzt, ohne den Inhalt zu verändern, oder weil das gleiche Thema an anderer Stelle ausführlicher behandelt wird. Hier und da habe ich Neues eingefügt. Ich durfte ja an aktuellen Erkenntnissen nicht vorübergehen. Der Wortschatz wurde einige Male durch den Verlag im Kontakt mit mir heutigen Lesegewohnheiten angepasst. Bei den Angaben zu sowjetischen Quellen kann ich vielfach die Vornamen der Autoren nicht nennen, da meist nur die Initialen angeführt werden.
Trotz des großen Umfangs des ausgewerteten Materials können die Ergebnisse nicht befriedigen. Es fehlt die Darstellung weiterer Gebiete, u. a. besonders zu den Ursachen der angeführten Erscheinungen, zu den Motiven der führenden Organe bei ihren Leitungsentscheidungen, bis hin zu den konkreten Maßnahmen, die das Verhältnis zur Zivilbevölkerung regelten u. a. Das muss durch vertiefende Forschung ergänzt werden. Weitere Desiderate finden sich am Schluss der einzelnen Arbeiten.
Von Ostpreußen und von seinem unglückseligen Verschwinden soll in diesem Buch auf eigene Art gesprochen werden. Auch nach den über sechzig Jahren seit Kriegsende und den 88 Jahren seit meiner Geburt gilt für mich immer noch die Feststellung Ralph Giordanos: „Wie kann man diese Heimat verlassen, ohne dass einem das Herz bricht? – Oh ja, es ist furchtbar, seine Heimat zu verlieren.“3
1. Das Land
1.1 Zwischen den Strömen
Ostpreußen liegt zwischen den Mündungen von Weichsel und Memel in die Ostsee. An deren Ufer schwingen sich zwei konkave Sandbögen nordwärts: die Frische und die Kurische Nehrung. Dazwischen ragt als Eckpfeiler die sich dem Meer entgegenstemmende Nase der Halbinsel Samland. Die beiden Ströme berühren das Land nur mit ihrem Unterlauf. Sie kommen von weither. Die Weichsel hoch von den Beskiden, die Memel aus den Mooren Weißrusslands. Dort singt ihr der Bauer Lieder. Den Litauern ist sie der größte aller Ströme. Dieses Format trug sie dann in das einstige Gebiet des Deutschen Reiches und prägte das Leben der Deutschen. So bedeutsam galt sie denen, dass sie seinen Namen ihrer ersten Nationalhymne eingefügt haben. Obwohl der Fluss sich völlig multikulturell gibt. Die Weichsel hingegen ist als flüssiges Rückgrat Polens strenge Nationalistin. Spät erst, ab Thorn etwa, nimmt sie Kontakt mit den Deutschen auf. Schicksalhaft fast, denn von diesem Ort aus begann die Eroberung des Landes durch den Deutschen Ritterorden.
Das geographische Bild haben die Gletscher gezeichnet. Die weiten Flächen der Grundmoräne im Norden und Nordwesten tragen gute Frucht, bieten aber dem Auge nur wenig Anziehendes. Nur dort, wo sich die wenigen Flüsse von den Masurischen Seen her nach Norden verirrt haben, bieten sich tief eingeschnittene und vielfältig geschwungene Engtäler, romantische Einsprengsel in das sonst strenge Einerlei. Hier ist das Gebiet der Schlösser und Herrensitze. Der Adel wusste, welche Böden ihm standesgemäßes Leben ermöglichten.
Anders dagegen der weitgeschwungene Bogen der Endmoränen. Tausende Seen widerspiegeln das Himmelsblau. Sie können sich lang und schmal dahinziehen, dann sind sie mitunter grundlos tief. Sie können sich aber auch weithin strecken, sodass du das gegenüber liegende Ufer mit Mühe erahnen kannst. Diese Augen des Landes sind in ein grünes Meer eingebettet. Endlose Wälder bedecken Täler wie Höhen. Kilometer- und tagelang kannst du dort laufen, ohne einen Menschen zu treffen, vielleicht einen allwissenden Förster oder eine schweigsame Pilzsammlerin. Siedlungen kannst du ungesehen umgehen, ganz mit dir und der Natur eins. Die Seen senden Flüsse, Fließe, Bäche durch die endlosen Sanderplatten nach Süden, nach Polen hinein.
So gut wie alle verbinden sich mit dem Beskidenfluss. In ihm strömen sie zur See. Masuren ist das romantische Wald- und Seengebiet. Der Name verrät die Herkunft der Bewohner aus dem polnischen Masowien. Adelssitze findest du hier kaum. Ist der Boden lehmig, dann birgt er Steine en gros, ist er sandig, dann ist er bewaldet und wo die Wässer um sich herum Sümpfe geschaffen haben, da muss er trocken gelegt werden, um wenigstens Rinderhaltung zu ermöglichen. Reich konntest du dort nicht werden. Roggen, Rüben und Kartoffeln waren die Ausbeute.
In vielen Dörfern standen noch 1945 die geduckten schwarzen Holzbalkenhütten der Bauern aus dem 19. Jahrhundert. Die Menschen redeten noch bis zum größten aller Kriege ihren aus der Heimat mitgebrachten Dialekt, den Deutschen unverständlich. Selbst wenn sie vor Gericht traten, brauchten die Juristen Dolmetscher. Wie auch bei den Litauern am deutschen Teil der Memel.
Was für eine Mischung: Deutsche, Litauer, Polen, jeder mit seiner eigenen Sprache. Da konnte es geschehen, dass der Autor 1926 in Masuren geboren wurde, aber kein masurisch sprach, wie auch seine Eltern nicht. Die stammten von der Memel, sprachen aber kein litauisch. Welche Sprache die Eltern des Vaters beherrschten, weiß er nicht, deutsch unbedingt, so wie die Eltern der Mutter. Aber deren Mutter, die Großmutter des Autors, sprach bis zur Einschulung nur Litauisch, Deutsch lernte sie im ersten Schuljahr als Fremdsprache hinzu. Deren Mutter wuchs in einer nur litauisch sprechenden Familie auf und ihr unehelicher Vater war Pole aus dem gemischt polnisch-litauischen Gebiet von Vilnius. Der Großvater des Autors stammte aus einer deutschen Familie, beherrschte für den Handel nach Russisch-Litauen etwas von beiden Sprachen. Die Verwandtschaft des Vaters dagegen sprach ausschließlich deutsch. Als der nach Masuren kam, wollte er sich mit seinen Kunden in ihrem Jargon unterhalten können, hat aber das Vorhaben nie realisiert. Die Verkäuferinnen in seinem Laden, alle aus Bauernfamilien, beherrschten die Sprache ihrer slawischen Vorfahren. So ist der Autor im Bewusstsein dieser sprachlichen Vielfalt aufgewachsen, nichts war ihm natürlicher. In welcher Sprache seine Vorfahren auch geredet haben mögen, sie alle fühlten sich als Bürger des Deutschen Reiches. Sie bewiesen das nach 1945. Als der polnische Nachfolgestaat den nach der großen Flucht zurückgebliebenen oder zurückgekehrten Landsleuten den dauernden Aufenthalt anbot, haben die meisten von ihnen das Land verlassen und sind in das deutsche Rest-Reich gefahren.
1.2. Über Herders slawische und preußische Quellen 4
1.2.1. Herder und die Slawen
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war ein ganz eigentümliches geistiges Gewebe zwischen den Nachbarstädten Weimar und Jena entstanden. Aus der Vielfalt der Beziehungen zwischen Literaten und Wissenschaftlern ragte ein Mann mit umfangreichstem Wissen und entsprechender Produktivität gleichermaßen in Literatur wie in Philosophie hervor: Johann Gottfried Herder (1744 – 1803). Ohne diesen gebürtigen Preußen kann man sich Anfang und Entfaltung der klassischen deutschen Literatur wie der klassischen Philosophie kaum vorstellen. Und wenn beide Gebiete in die Nachbarländer ausstrahlten, dann hat Herder daran wesentlichen Anteil. Im Weimar jener Jahre verfügte er zudem über Spezialkenntnisse zu Osteuropa. Hauptsächlich über ihn oder von ihm veranlasst, erfolgte seit der Mitte der siebziger Jahre eine umfangreiche Aneignung der russischen Aufklärungsbewegung durch die deutsche Literatur.5 Mit ihm schließt eine „Linie deutscher Slawenkunde, die seit dem Ende des 17. Jahrhunderts“ aufgebaut worden war, ab. Von Herder aus führt der Weg weiter über Jacob Grimm, Wilhelm von Humboldt, Georg Niebuhr und andere zu den Universitätslehrstühlen für Slawistik an deutschen Universitäten.6
Die grundsätzliche Auseinandersetzung Preußens mit dem slawischen Thema erfolgte relativ spät. Sie kam erst zustande, als Herder die Geschichte der slawischen Völker in die allgemeine Geschichte der Völker Europas einzuordnen suchte. Im Jahre 1776 war Herder auf Goethes Fürsprache hin als Generalsuperintendent nach Weimar gewonnen worden. Dort hat er noch fast dreißig Jahre gewirkt und auch die beiden Werke geschaffen, die als die Höhepunkte seiner Lebensarbeit gelten dürfen: die „Stimmen der Völker in Liedern“ (1778/79) und 1783 bis 1791 die „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“.7
In diesen „Ideen“ befindet sich das so berühmt gewordene „Slawenkapitel“.8
Dort beschrieb Herder in großen Zügen Lebensumwelt, Sitten und Gebräuche, Lieder und Sagen, Wirtschaft und Kultur der Slawen; er beleuchtete verschiedene Phasen ihrer geschichtlichen Entwicklung und verwies auf ihren Fleiß, ihre Friedfertigkeit und ihre Schöpferkraft. Gerade als Preuße verurteilte er die Eroberungskriege seit Karl dem Großen und verwies damals schon auf die ökonomischen Ursachen jener unter dem Deckmantel der Christianisierung veranstalteten Unternehmungen: „[…] ob sie gleich die christliche Religion zum Vorwande gebrauchten, denn den heldenmäßigen Franken musste es freilich bequem seyn, eine fleißige, den Landbau und Handel treibende Nation als Knechte zu behandeln, statt selbst diese Künste zu lernen und zu treiben. Was die Franken angefangen hatten, vollführten die Sachsen; in ganzen Provinzen wurden die Slawen ausgerottet oder zu Leibeigenen gemacht, und ihre Ländereien unter Bischöfe und Edelleute vertheilet.“
Abschließend erörterte Herder die historische Perspektive der slawischen Völker und prophezeite ihnen eine glückliche Zukunft: „Das Rad der ändernden Zeit drehet sich indeß unaufhaltsam; und da diese Nationen größtentheils den schönsten Erdstrich Europaʼs bewohnen, wenn er ganz bebauet und der Handel daraus eröffnet würde; da es auch wohl nicht anders zu denken ist, als daß in Europa die Gesetzgebung und Politik statt des kriegerischen Geistes immer mehr den stillen Fleiß und das ruhige Verkehr der Völker unter einander befördern müssen und befördern werden: so werdet auch ihr so tief versunkene, einst fleißige und glückliche Völker, endlich einmal von eurem langen trägen Schlaf ermuntert, von euren Sklavenketten befreiet, eure schönen Gegenden vom adriatischen Meer bis zum karpathischen Gebürge, vom Don bis zur Mulda als Eigenthum nutzen, und eure alten Feste des ruhigen Fleißes und Handels auf ihnen feiern dörfen.“9
Es ist hier nicht der Ort, den Realismus in Herders Slawenbild und die Verwirklichung seiner Prophezeiung zu beurteilen, so reizvoll das auch angesichts der jüngeren Ereignisse in Jugoslawien wäre. Das „Slawenkapitel“ hat deutliche, mitunter wieder vergessene Spuren im kulturellen Leben vieler Völker hinterlassen. Das Gesamtwerk wurde in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich stark aufgenommen. Bis spät in das 19. Jahrhundert hinein blieb Herder in Frankreich, England, der Schweiz, Italien und Amerika so gut wie unbekannt. Ganz anders lagen die Dinge im Vielvölkerstaat Österreich, im Baltikum und in der slawischen Welt. Hier waren die Wirkungen, die von Herder ausgingen, ungemein vielgestaltig, tief und dauerhaft.10 Gleich nach dem Druck wurde sein Werk ins Tschechische, Polnische und Russische übersetzt. Der slowakische Dichter Jan Kollar widmete ihm einen Sonett-Zyklus („Die Tochter des Slawa“, Slávy dcera, 1821/1824/1832).
Darüber hinaus unterstützte das Slawenkapitel in diesen Ländern eine allseitige Rezeption des Herder’schen Gesamtwerks.11 Seine Anstöße führten „bei allen slawischen Völkern“ zur Erarbeitung „eigener nationaler Geschichtsbilder“.12
Im geistigen Leben Polens haben vor allem die geschichtsphilosophischen Auffassungen gewirkt, sowohl in der Literatur (bei Autoren wie Michał Dłuski, Leon Borowski oder Kazimierz Brodziński, Adam Mickiewicz oder Zygmunt Krasiński) als auch bei Historikern (Wawrzyniec Surowiecki, Adam Potocki, Ignacy Benedykt Rakowiecki, Joachim Lelewel).
Einige „Wortführer der nationalen Wiedergeburt“ bei den Tschechen und Slowaken nahmen Herder’sche Ideen geradezu enthusiastisch auf. Sie beriefen sich auf ihn als zuverlässigen Anwalt ihrer politischen Kampfziele und kulturellen Projekte (František Ladislaw Čelakovský, Pavel Josef Šafařík, Jan Kollar, František Palacký und andere).
Der nachhaltige Einfluss, den Herder auf die Entwicklung der sorbischen Musikfolklore ausgeübt hat, reicht von der erstmaligen Publikation einiger Volkslieder durch den Gymnasiallehrer Jan Horoćanski (1782/1783) über die ausgedehnte Sammeltätigkeit des Dichters Handrij Zejler bis zur klassischen Volksliedsammlung von Jan Arnošt Smaler und Leopold Haupt („Volkslieder der Wenden in der Ober- und Niederlausitz“, Grimma 1841 – 1843).13
Schon früh und dann lange anhaltend war Herders Name im literarischen Leben Russlands populär. Nikolai Karamsin hatte 1789 in Weimar eine persönliche Begegnung mit Herder und berichtete darüber in seinen „Briefen eines russischen Reisenden“ (Pis’ma russkogo putešestvennika).14 Dieser, wie auch Wassili Shukowski und Gawrila Dershawin, waren von Herders Antike-Rezeption, von seiner Geschichtsphilosophie und von seiner Hinwendung zum künstlerischen Volksschaffen begeistert. Mehrfach übersetzten sie kleine Dichtungen Herders oder ausgewählte Passagen aus den umfangreicheren Prosawerken. Alexander Radischtschew bekundete 1790 bei seinen Verhören in der Peter-Pauls-Festung, Herders Schriften hätten zu den Anregungen gehört, aus denen seine „Reise von Petersburg nach Moskau“ (Putešestvie iz Peterburga v Moskvu, 1790) entstanden wäre; während der Zeit seiner Verbannung nach Ilimsk schrieb er ein philosophisches Traktat („Über den Menschen, seine Sterblichkeit und Unsterblichkeit“, O čeloveke, ego smertnosti i bessmertnosti, 1792), in dem er sich abermals in weitgehender Übereinstimmung mit politischen und erkenntnistheoretischen Positionen Herders zeigte. Während der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts lassen sich auffällige Nachwirkungen Herders eigentlich bei allen wesentlichen Exponenten der russischen fortschrittlichen Literatur aufweisen: bei Alexander Herzen und Timofej Granowski, bei Wissarion Belinski und Nikolai Tschernyschewski. Hier und da werden auch naturwissenschaftliche Fragestellungen durch Herdersche Ideen inspiriert und bereichert. Der Dekabrist Wilhelm Küchelbecker gedachte Herders in einem Gedicht „An Prometheus“ (K Prometeju, 1820), Nikolai Gogol würdigte ihn als Historiker in seinen „Arabesken“ (Arabeski, 1835). Und noch im zweiten Teil des zweiten Buches von Lew Tolstois „Krieg und Frieden“ (Vojna i mir, 1868/1869) dreht sich eines der entscheidenden philosophischen Gespräche zwischen Pierre Besuchow und Andrej Bolkonski gerade um die Lehre Herders.15
1.2.2. Mohrungen, eine preußische Kleinstadt
Beim Überlegen, woher Herder sein großes Verständnis für die Slawen bekam, muss man auf seine Kindheit und Jugend zurückblicken. Zweifellos beruhen seine Kenntnisse auf eigener Anschauung, auf eigenen Einblicken in Lebensweise und Kultur, in Eigenarten und Gesinnungen der slawischen Bevölkerung. Die heimatlichen Quellen dieser Beziehungen wurden in der wissenschaftlichen Literatur nur selten behandelt.16 In der DDR unternahm Ulf Lehmann solch eine Quellensuche: „In seiner ostpreußischen Heimat war Herder in unmittelbarer Beziehung zu einem slawischen Volk, den Polen, aufgewachsen und hatte später von Riga aus die eindrucksvolle Größe des […] Russischen Staates […] bewundert […] Wir dürfen die Perspektive Riga als die Alternative Herders zur Weltabgeschiedenheit des wirtschaftlich unterentwickelten und kulturell zurückgebliebenen ostpreußischen Heimatortes […] verstehen […] Die Rigaer Jahre sind fraglos jener Abschnitt in Herders Entwicklung, dessen Erfahrungen die Basis für seine weitverzweigten Fragestellungen zur Geschichte der slawischen Völker und zur Geschichte insgesamt bilden.“17
Herder wurde 1744 in dem kleinen ostpreußischen Städtchen Mohrungen geboren. Wenn Lehmann und andere Autoren „ostpreußisch“ sagen, dann lassen sie eine geographischpolitische Ungenauigkeit zu. Herders Geburtsort lag gar nicht in Ostpreußen. Sein erster Schritt in diese Welt machte ihn zum Untertan des 1701 entstandenen Königreichs Preußen. Das war ein selbständiger, souveräner Staat außerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Sein Territorium umfasste im Wesentlichen und ausschließlich Gebiete des einstigen Staates des Deutschen Ordens zwischen der Memel und der Weichsel. Der Name „Ostpreußen“ wurde erst 1773, nach der ersten Polnischen Teilung, durch Friedrich II. eingeführt. Damit degradierte er das Königreich zur Provinz und spaltete es zum „Doppelpack“ Ost- und Westpreußen. Friedrich II. entwendete dem Land den Königstitel und den alten Namen und wandte beides auf alle seine Territorien bis hin zum Rhein im fernen Westen an. Daher existieren eigentlich zwei Namen „Preußen“. Der Ursprüngliche bezeichnet das alte Ordensland, der andere, künstliche, abgeleitete, das Gesamtgebiet der hohenzollerischen Territorien in Norddeutschland. Um die beiden besser unterscheiden zu können, wurde das Ordensland oft als „Altpreußen“, heute häufig als „Preußenland“ bezeichnet.
In Mohrungen war Herders Vater als Glöckner und Mädchenschullehrer angestellt, zugleich diente er der polnischen Gemeinde als Kantor.18 Infolgedessen muss der kleine Gottfried Kontakte zum Leben dieser Polnisch sprechenden Mitbürger gehabt haben. Zudem lebten in den Dörfern der Umgebung auch polnische Bauern, die ihre Produkte an den Markttagen in der Stadt feilboten. Die polnische Sprache gehörte also schon von Kindheit an zur Lebensumwelt des Jungen.19
Zum Verständnis dieser Situation muss man wissen, dass die Bevölkerung Altpreußens im 18. Jahrhundert aus Deutschen, Litauern und Polen mit deutlich unterschiedenen Siedlungsgebieten bestand. Nationaler Hader war den Preußen, wie sie sich alle verstanden, so gut wie fremd. Eine staatlich oder kirchlich gelenkte Germanisierungspolitik war noch unbekannt.20
Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass das 1525 in einem Staatsstreich gebildete Herzogtum Preußen der erste europäische Staat war, in dem die Landesherrschaft die Reformation zur eigenen Sache gemacht hatte. Das wirkte auf die Entwicklung aller drei Sprachgebiete, besonders ihrer Literaturen.
An der 1544 gegründeten Landesuniversität in Königsberg, der Albertina, wurden Polnisch und Litauisch unterrichtet. Sie waren Pflichtfach für Geistliche und Lehrer. Wenn sie ihren Beruf in einem der nichtdeutschen Sprachgebiete ausüben wollten, mussten sie die dort gesprochene Sprache beherrschen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts erschienen in Königsberg und im masurischen Lyck alle für den Protestanten notwendigen Schriften in Polnisch und Litauisch, dazu geistliche Erbaungsbücher, in Polnisch auch das Neue Testament. Für das Litauische blieb diese Funktion Ostpreußens bis zur Bildung eines eigenen Staates (1918) erhalten.21 Für das Polnische erlosch sie allerdings bereits im 17. Jahrhunderts.22 Der polnische Regionalhistoriker Andrzej Wakar zitierte Tadeusz Grabowski, einen Spezialisten für die polnische Renaissance, wonach das „Herzogtum Preußen die Wiege des polnischen Schrifttums“ war. Er fügte hinzu, das gelte genauso für die litauische Literatur.23 Eine polnische Bibel, der Katechismus, das Gesangbuch und weiteres religiöses Schrifttum könnten also im Herderschen Haushalt alltäglich gewesen sein, Herders Vater muss zudem höchstwahrscheinlich Polnisch beherrscht haben.
Ein Aktenfaszikel mit dienstlichem Briefwechsel von Ortsgeistlichen und Schulbeamten belegt, dass im Kreis Mohrungen noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in vielen Gemeinden neben der deutschen eine Polnisch sprechende Bevölkerung lebte. Sie saß hier in der sprachlichen Diaspora, außerhalb des geschlossenen masurischen Siedlungsraumes. Ihre Kinder besuchten selbstverständlich die vorhandenen Schulen. Die Gleichberechtigung der Sprachen war zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch so hoch, dass Klassen und einige kleine Schulen mit polnischem Unterricht gebildet wurden. Die Beamten berichteten sogar von (einigen) Lehrern, die besser polnisch als deutsch sprachen. Die Akten spiegeln zugleich die jetzt einsetzenden Bemühungen der staatlichen und der geistlichen Verwaltung wieder, Lehrer wie Geistliche in dem Einsatz gegen das Polnische zu bestärken. Infolgedessen gingen polnischer Schulunterricht wie auch Gottesdienst und Konfirmandenunterricht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich zurück.24
Ob der junge Herder das südlicher gelegene geschlossene preußisch-polnische Sprachgebiet erlebt hat, bedarf der weiteren Forschung. Man muss aber mit einer gewissen Berechtigung fragen, ob Herder nicht gerade diese preußischen Polen zum Vorbild für seine Beschreibung von Leben und sozialer Lage der Slawen genommen hat. Ich bin verführt, die Quellen für seine Beschreibungen sowohl der Idyllik als auch des Elends und der Knechtschaft hier zu sehen, also in der Kenntnis der masurischen Bauern seiner Heimat.
In den herrschenden Kreisen Altpreußens lebte noch im 18. Jahrhundert die Erinnerung an die heftigen Auseinandersetzungen mit der jeweiligen Landesherrschaft:
– gegen den Deutschen Orden hatten sich der Preußische Bund und der Dreizehnjährige Krieg Mitte des 15. Jahrhunderts gerichtet;
– gegen Kaiser und Papst stand die Säkularisierung des Ordensstaates 1525;
– gegen die Unterordnung unter Brandenburg wandte sich die ständische Bewegung in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts (Oberst Kalckstein, Schöppenmeister Roth).
Der Adel übte seit der Säkularisierung die Macht im Lande aus. Zugleich hatte er es gelernt, sich wirtschaftlich zu betätigen. Er produzierte Getreide für den Export nach England.25 Zudem hatte er Traditionen des staatlichen und militärischen Dienstes in der Rzeczpospolita Polska, in Russland,26 in den Niederlanden und Frankreich27 kennengelernt. Beides, Getreide und Dienst, brachte Geld ins Land, weitete den Gesichtskreis und stärkte das Selbstbewusstsein.
Als Herder acht Jahre alt war, hatte Friedrich II. in seinem politischen Testament die innere Lage in Preußen eingeschätzt. Sein Nachfolger brauche trotz jener Traditionen „weder Parteiungen noch Aufstände zu fürchten.“ Er solle „beim Regieren nur Milde walten lassen und sich nur gegenüber einigen in Schulden geratenen und unzufriedenen Adeligen“ vorsehen.28 Dass die Stände 1758 der Zarin Elisabeth anstandslos gehuldigt haben, hat er ihnen aber nie verziehen.29 Und einigen altpreußischen Regimentern, die in den Schlachten des Siebenjährigen Krieges gegen die russische Armee unterlegen waren, hat er erst 1773 offiziell vergeben.30 Auf Friedrichs Haltung zum Handelskapital von Königsberg werde ich noch zurückkommen.
Der junge Herder spürte von diesem Geist noch nichts. Seine Kindheit stand unter dem Unstern eines prügelnden Lehrers, die religiöse Unterweisung unter der Fuchtel eines orthodoxen Geistlichen. Seine ersten zwei Erwerbsjahre als Abschreiber bei dem Diakon Friedrich Trescho verbrachte er in härtester Zwangsarbeit. Dennoch konnte er in dessen Bibliothek die meisten deutschen wie auch die ersten ausländischen Schriftsteller lesen. Hier wurde schon der Grund zu seiner Kenntnis der gesamten über die Slawen handelnden Literatur des 18. Jahrhunderts gelegt.31
Seine Jugend unterlag noch dem Druck, den der Staat auf ihn ausübte. Zu seiner Zeit wurden die Jungen, die in der Armee für des Königs Interessen zu dienen hatten, durch die „rote Halsbinde“ gekennzeichnet. Im Volke galt es „als Unglück und Schande, Soldat in dieser Armee zu sein.“32 Herder war die zweifelhafte Ehre dieser Auszeichnung zuteil geworden. Er hat sie zeitlebens gehasst. Ehe er später nach Riga reiste, musste er schwören, nach Preußen zurückzukehren, sobald er als Rekrut einberufen werden würde.33 Er hat diesen Zwangseid nicht gehalten und ist niemals in seine damit ungastlich gewordene Heimat zurückgekehrt. In dieser persönlichen Zwangssituation ist eine der Quellen seiner nachdrücklichen Freiheitsliebe zu suchen. Ob die altpreußischen Traditionen des Widerstandes gegen starke Zentralgewalten auf ihn gewirkt haben, ist meiner Kenntnis nach bisher nicht untersucht worden.
1.2.3. Königsberg – die preußische Residenzstadt
Dem Mohrunger Elend konnte Herder entweichen. Der baltendeutsche Chirurg Christian Schwartz-Erla, ein Wundarzt der russischen Truppen im von Russland annektierten Preußen, nahm ihn mit sich nach Königsberg.34 Hier entschloss sich Herder nach einem medizinischen Intermezzo zum Studium der Theologie. Herders Frau Caroline hat später den ersten Eindruck beschrieben, den die Stadt auf den jungen Provinzler gemacht hat: „Die Einfahrt in die große Stadt Königsberg, die ihm wie die halbe Welt erschien, blieb Herder unvergesslich. Oft erzählte er uns davon: ‚Einzig war der Eindruck: aus meinem armen, stillen Mohrungen in diese große, gewerbereiche, geräusch- und geschäftsvolle Stadt mit einmal versetzt! Wie staunte ich alles an! Wie groß war mir alles!‘“35
Das war nicht nur der Differenz zwischen den beiden Orten geschuldet. Königsberg hatte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine gewaltige Entwicklung erfahren. Seine Einwohnerzahl war von 40 600 (1700) bis 1740 um mehr als ein Drittel, auf 56 000 gestiegen. Nach der Zahl seiner Einwohner stand Königsberg in Europa an 13. Stelle, noch vor so bedeutenden Städten wie dem sächsischen Dresden und dem polnischen Haupthafen Danzig.36
Ursache war der umfangreiche Zwischenhandel der Stadt. Um 1709 lebten hier „wenigstens dreißigtausend Personen vom Handel“.37
Ich zitiere eine zeitgenössische Beschreibung des Güterverkehrs durch Friedrich Samuel Bock, Professor an der Königsberger Universität: „Der Landhandel gehet unaufhörlich zu allen Jahreszeiten fort. Viele tausend befrachtete Wagen und Schlitten fahren durch alle Tore aus und ein. Die Einwohner des ganzen Königreichs ziehen sich mit ihrem Überfluße hieher. Polen, Russen und Juden kommen zu Lande in ganzen Karawanen mit vielerley Waren her, und nehmen für das gelösete Geld … von den alhier im Vorrath befindlichen italiänischen, engländischen, französischen, holländischen und andern, sowohl in Deutschland, als in den preußischen Provinzen, ja selbst in Königsberg verfertigten Waren vieles nach Hause. Sogar Türken und Armenier besuchen uns und holen den Bernstein und andere Güter ab.“38
Die folgende Darstellung des Überseehandels wirkt in ihrem Stil fast wie moderne Reklame: „Die Schiffe … können ihre Waren ohne Beschwerlichkeit, mit ganz geringen Kosten, in den am Pregel zur Handlung [zum Handel, B. F.] angebaueten Krahnen, Winden, Wagen, Asch- und Theerhöfen, Heringsbrücken, Weinböden und Speichern, mit welchem allen diese Stadt vor den übrigen Handelsstädten in Europa vorzüglich versehen ist, aus- und einladen. Auf solche Weise siehet man hier Schiffe aus Holland, England, Schottland, Irrland, Frankreich, Spanien, Dännemark, Norwegen, Schweden, Pommern, Mekelnburg, Holstein, Liefland, Petersburg, Hamburg, Lübeck, Bremen, Stettin, Danzig und anderen Orten.“39
Ein englischer Handelsagent berichtete: „Wie denn Preußen wegen seiner bequemen Lage längst der Ostsee überhaupt ein weit größerer Verkehr, als andere nordische Provinzen, und auch einen starken Einfluß in die schwedische, dänische und rußische Handlung hat. Das Commercium des Königreichs hat unter der jetzigen beglückten Regierung so beträchtlich zugenommen“.40
Wenn Königsberg auch nicht mit Danzig mithalten konnte, so hatten seine Handelshäuser damals immer noch bedeutenden Anteil am Warenaustausch zwischen Ost- und Westeuropa, zwischen Westrussland und Litauen einerseits und Großbritannien und Westfrankreich andererseits. Eine spezielle Rolle spielte die Adelsrepublik Polen. Sie umfasste das Territorium Preußens von allen Seiten. Ihr Getreideexport ging den bequemeren Weg entlang der Weichsel nach Danzig. Aber für das Großfürstentum Litauen, für Masowien (Nordpolen), Polessje und das Ermland ermöglichten die Memel und die aus der Masurischen Seenplatte herabkommenden Flüsse den Schiffsverkehr. Von dort erhielt Königsberg für den Export nach West- und Mitteleuropa Produkte der Land- und Forstwirtschaft sowie handwerklich gefertigte Industriegüter. Beteiligt an dem Handel waren die Städte Kaunas, Grodno, Wilna, Minsk; selbst aus Witebsk, Mogiljow, Orscha und Polozk konnte man Händler mit ihren Waren antreffen. Auch im Winter ging der Handel unaufhaltsam weiter. Es konnte vorkommen, dass an einem einzigen Wintertag bis zu 600 „polnische Schlitten“ mit Ladung in der Stadt ankamen. Und 1780 gingen allein nach Grodno 4 112 Fass Salz, 338 Fass Heringe, 1 967 Block Eisen, 82 Kisten mit Glas und 500 Fass Steinkohle. Die Beziehungen waren so intensiv, dass sich direkte Marktbeziehungen zwischen Königsberg und Landgütern des polnischen Adels in Masowien und Polessje herausgebildet hatten. Dabei machten Familien aus dem höchsten polnisch-litauischen Adel ihre Geschäfte, so die Sapieha und Radziwill (ein Angehöriger dieser Familie liess sich 1752 über Königsberg aus London 12 „Mohren“ kommen). Eigentlich war Königsberg der Haupthafen des ganzen Großfürstentums Litauen.41
Die Königsberger Kaufleute waren sich bewusst, dass dieser Handel eine der Quellen der Macht und des Reichtums des vormaligen Herzogtums gewesen war. Insofern waren sie leidenschaftliche Gegner aller merkantilistischen Maßnahmen Friedrichs II. Als dieser den Handel der Stadt über Berlin lenken wollte, verbaten sie sich das, wie auch andere staatliche Eingriffe in ihre Tätigkeit.42 König Friedrich II. meinte, dass mit den Königsberger Kaufleuten nicht viel anzufangen sei.43
Von Immanuel Kant ist bekannt, dass er seine Heimatstadt nie richtig verlassen hat. Er ist auch dem ehrenvollen Ruf nach Jena nicht gefolgt. Er hat dargestellt, was in Königsberg der Arbeit eines Philosophen so förderlich war: „Eine große Stadt, der Mittelpunkt eines Reichs, in welchem sich die Landeskollegia der Regierung desselben befinden, die eine Universität (zur Kultur der Wissenschaften) und dabei noch die Lage zum Seehandel hat, welche durch Flüsse aus dem Inneren des Landes sowohl als auch mit angrenzenden entlegenen Ländern von verschiedenen Sprachen und Sitten einen Verkehr begünstigt, – eine solche Stadt wie etwa Königsberg am Pregelflusse, kann schon für einen schicklichen Platz zu Erweiterung sowohl der Menschenkenntnis als auch der Weltkenntnis genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann.“44 Dieser Satz kam ihm nicht aus dem Verkehr mit seinen Universitätskollegen. Er entstand aus dem Kontakt mit Kaufleuten, im Umgang mit Adligen und Offizieren. Reiche Bankiers und Handelsherren, darunter die britischen Kaufleute Joseph Green und Robert Motherby,45 gehörten zu seinem Freundeskreis.
Königsberg war politisches, gesellschaftliches und geistiges Zentrum des Königreichs, nicht etwa die brandenburgischen Städte Berlin oder Potsdam. Als souveräner Staat besaß das Königreich eine selbständige Regierung in seiner Hauptstadt. Ihre Ablösung durch Organe der Potsdamer Verwaltung dauerte immerhin 100 Jahre. Erst 1804 wurden Reste, die noch an staatliches Eigendasein erinnerten, von den Hohenzollern vollständig aufgelöst.46 Die Jugend Preußens ging zum Studium in die Hauptstadt, im altpreußischen Verständnis nach Königsberg, manch einer auch in nichtpreußisches Ausland, etwa ins sächsische Wittenberg oder in das hannoversche Göttingen. Einige Altpreußen kamen bis Oxford.
Zum Einzugsbereich einer Universität gehört ein entsprechendes Niveau der Versorgung mit wissenschaftlicher Literatur. Die Buchhandlung von Johann Jakob Kanther in Königsberg gehörte zu den bedeutendsten im gesamten Herrschaftsgebiet der Hohenzollern. Kanther besorgte seinen Kunden das Neueste aus Literatur und Wissenschaft aus Frankreich, Großbritannien, Italien und aus dem Römischen Reich. In seinem Geschäft traf der Student Herder den Privatdozenten Immanuel Kant und den Beamten Johann Georg Hamann (1730 – 1788). Goethe nannte Hamann „einen tiefdenkenden, gründlichen Mann, der mit der offenbaren Welt und Literatur genau bekannt, doch auch noch etwas Geheimes, Unerforschliches gelten ließ“.47
Kant wie Hamann erkannten bald die außerordentliche Begabung des jungen Mannes und förderten ihn auf alle mögliche Art. Auf Hamanns Empfehlung erhielt er einen Aufsichtsposten am Collegium Fridericianum, der ihn materiell halbwegs sicherstellte. In der dortigen Pension für Studierende hatte Herder Kontakte zu reichen Russen, Kurländern, Livländern und Polen.48 Darüber hinaus lehrte Hamann „ihn das Englische; sie fingen mit Hamlet an … den Hamlet konnte er beinahe auswendig, und unter allen dramatischen Dichtern hielt er immer Shakespearen am höchsten. Seine Bekanntschaft mit diesem Dichter und mit Ossian entwickelte seine eigentümliche Sympathie … zur einfachrührenden Natursprache der Volkslieder“.49 Zwei Gedichte aus dem „Ossian“ lernte Herder auf diesem Wege schon 1764 in Königsberg kennen.50 Über Shakespeares Drama „Romeo und Julia“ schrieb Herder später an seine zukünftige Frau Caroline, „dies vortreffliche himmlische Stück, das einzige Trauerspiel in der Welt, was über die Liebe existiert“, den Verfasser nennt er „mein Steckenpferd … Ich habe ihn nicht gelesen, sondern studiert … jedes seiner Stücke ist eine ganze Philosophie über die Leidenschaft …“51 Aus der persönlichen Nähe zu Hamann entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft.
Aber Herders wichtigster Lehrer wurde Kant. Dieser führte ihn in die gesamte zeitgenössische Philosophie und Naturwissenschaft ein. Herder hörte bei ihm Logik, Metaphysik, Moral, Astronomie, Mathematik und physische Geographie.52 Kant regte ihn zum Studium von Gottfried Wilhelm Leibniz, Christian Wolff, David Hume, Jean-Jacques Rousseau, Johannes Kepler und Isaac Newton an.53 Damit wurden in Königsberg die Grundlagen seines enzyklopädischen Wissens und seiner wissenschaftlichen Methodik gelegt. Aber das wesentlichste Ergebnis dieser Kontakte für die heranreifende junge Persönlichkeit war ihre geistige Befreiung aus der Enge des heimatlichen Mohrungen. Es ist ein Gedichtfragment erhalten geblieben, das er seinem Lehrer überreicht hat und das diesen Prozess darstellt:
„Als ich, wo man nichts denkt – nichts fühlt,
einst Ketten trug, durchnagt von Staub und Schweiß und Tränen,
seufztʼ ich – denn singt ein Sklave wohl?
Da kam Apoll, der Gott:
Die Fessel weg! mein Erdenblick
ward hoch – Er gab mir Kant!“54
Im Alter von zwanzig Jahren wurde Herder als Lehrer an der Domschule in Riga angestellt, in den russischen Ostseeprovinzen, die damals noch über eine gewisse Unabhängigkeit vom russischen Zarismus verfügten. Dort blieb er vier Jahre lang, von 1765 bis 1769. Riga war damals eine aristokratisch-bürgerliche Stadtrepublik unter ständischer Selbstverwaltung. Die deutsche Oberschicht war stark national geprägt, nahm aber auch Einflüsse aus Russland auf. Herder gewann in der Stadt Einsichten in „bürgerliche und Staatsverhältnisse“ (Caroline Herder); es entwickelten sich vor allem seine Menschenkenntnis und patriotische Gesinnung. Er nahm Anteil am gesellschaftlichen Leben der Stadt und versuchte durch Dichtungen, Reden und Predigten Einfluss auszuüben.55
Später wird er seine hier gewonnene Freundschaft zu dem Rigaer Buchhändler und Verleger Johann Friedrich Hartknoch (1740 – 1789) nutzen, um alle ihm wichtig erscheinenden Schriften über Russland und andere slawische Länder systematisch zu sammeln.
Ulf Lehmann betont sehr stark die Rolle Rigas bei der Herausbildung des „slawischen Weltbildes“ Herders. Das erscheint übertrieben. Das ist nicht zuletzt der mechanischen Gegenüberstellung von Mohrungen und Riga geschuldet, ohne den Königsberger Aufenthalt zu berücksichtigen. Herder kam in das Baltikum bereits mit nachdrücklichen und umfassenden Eindrücken aus mehreren slawischen Völkern. Der Aufenthalt in Riga hat das Gesamtbild lediglich abgerundet.56
Exkurs: Straßburg
Herder hat aber nicht nur dem Osten Europas weitreichende Anregungen gegeben. Von ihm ging der entscheidende Impuls aus, der zu den Höhen der deutschen Literatur führte, die wir die „Klassik“ nennen. Nach vierjährigem Aufenthalt in Riga begab sich Herder auf eine westeuropäische Reise, zunächst nach Paris und dann nach Straßburg. Hier lernte er 1770 den damals noch unbekannten Jura-Studenten Johann Wolfgang Goethe kennen und eröffnete dem Frankfurter eine neue Welt. In der Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen französischen Literatur und ihrem Einfluss auf Deutschland machte Herder den Einundzwanzigjährigen mit Shakespeare bekannt. Über diese Gespräche hat Goethe später berichtet: „Ich verschlang das alles, und je heftiger ich im Empfangen, desto freigebiger war er im Geben, und wir brachten die interessantesten Stunden zusammen zu … Was die Fülle dieser wenigen Wochen betrifft, die wir zusammen lebten, kann ich wohl sagen, … daß ich dadurch in die glückliche Lage geriet, alles, was ich bisher gedacht, gelernt, mir zugeeignet hatte … zu erweitern.“57 Diese Impulse nahm Goethe auf, setzte sie in eigenes Schaffen um und wirkte, wie er sagte, „ansteckend für meine Freunde“.58
Shakespeare kam zu Goethe eben nicht über die Studienjahre in Frankfurt am Main oder Leipzig, sondern über Königsberg im äußersten Nordosten des deutschen Sprachgebiets. Weimar wurde zum Zentrum der deutschen Klassik. Das 1000 Kilometer entfernte Königsberg war in dem Kreis nur eine Randerscheinung, fern am Bernstein-Meer. Trotzdem hatte sich gerade hier die Schaltstelle gebildet, aus welcher der Anstoß zu einer ganzen literarischen Bewegung gekommen ist.
1.3. Dichters Wort – Dichters Ort 59
(Um den Heimatort von Wiecherts Jeromin-Kindern)
Es geht hier um das masurische Dorf Sowirog, das die Nationalsozialisten 1934 in Loteswalde umgetauft haben. Die 160-Seelen-Gemeinde lag inmitten der weiten Kiefernforste der Johannisburger Heide, am Nordufer des unter Reisenden beliebten Niedersees. Der unweit davon geborene Försterssohn, Pädagoge und Schriftsteller Ernst Wiechert soll hier die Bühne errichtet haben, auf der er die „Jeromin-Kinder“, eine masurische Bauernfamilie, agieren ließ. Jedenfalls wurde das in den neunziger Jahren mehrfach auf Seminaren verbreitet, welche die Ostsee-Akademie von Lübeck-Travemünde in Masuren veranstaltet hat.
Bevor wir jedoch über Wiechert sprechen, wollen wir uns dem Altmärker Heinrich Schliemann zuwenden, der im 19. Jahrhundert antike Siedlungen ausgegraben hat. Er war überzeugt, das seien die Reste der berühmten Stadt Troja aus dem Epos des Homer. Uns interessiert vor allem seine Methode: Nämlich, den Dichter beim Wort zu nehmen, dessen Hinweise auf die geographischen Verhältnisse zu studieren und sie mit der Realität zu vergleichen. So fand er jene alte Siedlung.
Verfahren wir genauso bei der Suche nach jenem kleinen masurischen Dorf. Wir stellen darum die Frage: Ist das einst real existierende, heute von der Karte verschwundene Sowirog mit dem Lebensort der Jerominkinder identisch? Was sagt uns der Dichter darüber und wie sieht seine Wirklichkeit aus. Das Verfahren hat den Vorteil, dass wir uns im Verlaufe der Untersuchung zugleich an dem Wort des Autors, an seiner sprachlichen Meisterschaft freuen können.
Schauen wir uns also in dem Text um. Sechsmal müssen wir das tun, sechs Umschauen biete ich dem Leser an.
Umschau 1: Das Straßennetz
Beginnen wir mit einer Szene schon fast am Ende des Buches. Da fahren vier Männer in brauner Uniform im Auto durch Ostpreußen. „Sie müssen langsam fahren, ehe sie die große Chaussee erreichen, weil die Straße voller Sand und Löcher ist. Und da sie langsam fahren, fällt ihnen ein alter, schiefer Wegweiser auf, der seine Arme in den Wald strecken will, aber der so schief ist, dass er gen Himmel zu weisen scheint. Darüber machen sie nun ihre Scherze, und erst als sie den Namen lesen, der mit unbeholfenen Buchstaben auf das graue Holz geschrieben ist, ist es mit dem Scherz zu Ende. ‚Aha!‘ sagt der Mann am Steuer und tritt scharf auf den Bremshebel. ‚Nach Sowirog‘ steht auf dem Wegweiser …“60
Noch ein Bild: Eine Frau „stand noch ein paar Minuten unter den alten Kiefern am Waldrand und blickte auf die braunen Rohrdächer, auf den Balken des Brunnens und den See, der sich rötlich glänzend in die Wälder zog. – Ein verlorenes Dorf, mit einer staubigen Straße, die sich in Wald und Öde verlief.“61
Oder auch: „Eine sandige Straße zieht zwischen ihren verlassenen Gartenzäunen entlang. Sie kommt aus den weiten Wäldern und verschwindet wieder zwischen ihnen.“62
Auch das: „Der Totschläger wollte einen Umweg um Sowirog machen, weil er das Dorf hasste, mehr als andere Dörfer. Aber da es nur eine Straße gab, so hätte er den Umweg durch die Wälder machen müssen, und der Wagen liebte keine Wälder.“63
Und der Pfarrer kommt zu den Bauern aus dem fernen Kirchdorf64 – Was ist eine masurische Ferne? Sind das 3 Kilometer? 5? 10? Setzen wir fünf an und lassen wir das Kirchdorf an der Hauptstraße liegen.
Ergebnis 1: Augenscheinlich spielen die Straßen eine große Rolle bei Wiechert. Sie charakterisieren die waldeseinsame Lage des Dorfes. Sowirog liegt fern von der Chaussee, einsam inmitten von Wäldern, ein einziger Waldweg führt dorthin, der Wald lässt keine Umgehungsmöglichkeiten zu und zur Chaussee sind es angenommene fünf Kilometer. Dichterwort und Realität sind identisch.
Umschau 2: Die Hauptstraße
Auf einer Überblickskarte 1 : 300 000 aus dem I. Weltkrieg sind in dem Gebiet drei Chausseen verzeichnet: 1. Johannisburg – Rudzanny – Peitschendorf – Sensburg, 2. Ortelsburg – Schwentainen; die Verbindung von hier nach Rudzanny über Puppen verläuft als „gebesserter Weg“, das ist gewissermaßen ein Straße 3. Ordnung, sie hat als Bedeckung höchstens eine gewalzte Kiesschicht. Die dritte Chaussee zieht sich von Johannisburg, am Südostufer des Niedersees entlang, nach Turoschl. Will man von ihr aus nach Sowirog, dann muss man in Wiartel abbiegen, um auf das Nordwestufer des Sees zu kommen, und sich über Kruppa und Jaschkowen wenden.
Versuchen wir uns der Straße zu nähern, von der Kreisstadt her, die im Roman oft vorkommt, mit ihrem Markt, dem Bahnhof und dem Gymnasium.
Die Stadt steht im Anfang des Buches. Frauen aus Sowirog hatten ihre Produkte zum Markt gebracht, vor ihnen steht der Heimweg. Zwei Meilen müssen sie laufen.65 Sie sind „die Straße hinuntergegangen, die an der Kaserne vorbei ins offene Land führte“.66
Und wer zum Landrat bestellt wurde, wie Jons Jeromins Vater, um des Kaisers Patengeschenk in Empfang zu nehmen, hatte vier Meilen Wegs zurückzulegen.67
Und noch einmal taucht die Entfernungsangabe auf, sozusagen als Bestätigung. Der pensionierte Lehrer Stilling kauft während der Inflation in der Kreisstadt für sein letztes Geld ein Buch und geht nach Hause, „den langen Weg nach dem Dorfe“, „zwei Meilen lang“.68
Eine Meile entspricht 7 532 Metern, 2 Meilen sind also rund 15 Kilometer. Legt man ein Lineal auf die Landkarte, an Ortelsburg und misst zwei Meilen Luftlinie in Richtung Sowirog ab, dann kommt man nur bis Schwentainen, von Sensburg wiederum nur bis nach Peitschendorf und von Johannisburg einen ganzen Kilometer über Sowirog hinaus. Nimmt man den Weg unter die Füße und also den Abzweig über Wiartel, dann erhalten wir tatsächlich zwei Meilen.
Wiecherts Beschreibung der Chaussee enthält neben der Entfernung noch ein zweites Charakteristikum: An dem Heimweg der Bauersfrauen liegt eine Kaserne. Daraus ergibt sich die Frage: In welcher dieser Städte steht oder standen zu Wiecherts Zeit diese Truppenunterkünfte?
Ortelsburg muss ausgeschlossen werden, auch wenn das Kennzeichen „Kaserne“ erfüllt ist. Bedeutsamer ist: Schwentainen liegt in einer drei Dörfer umfassenden Siedlungsinsel am Westrand der Johannisburger Heide, jenseits aller Waldeseinsamkeit und Seenromantik. Sensburg besitzt ebenfalls Kasernen, aber Peitschendorf ist selbst Kirchdorf und es liegt direkt an der Hauptstraße, auch alle anderen Beschreibungen passen nicht dazu (Waldeseinsamkeit, Lage am See). Bleibt Johannisburg, das aber besaß keine Kaserne.
Ergebnis 2: Keine der möglichen Kreisstädte entspricht Wiecherts Beschreibung. Sie können daher nicht als reales Vorbild betrachtet werden.
Da ist auch ein Bild bei Wiechert, das dieses Resultat bestätigt: Wenn die Dorfleute im Herbst auf der Anhöhe im Dorf standen, dann konnten sie weit über den See blicken. Dort „sahen sie ein breites goldenes Band. Das war der Weißbuchenwald, der seit undenklichen Zeiten ‚Das Paradies‘ genannt wurde. Die Straße nach den nächsten Dörfern lief zwischen seinen grünen, bemoosten Stämmen dahin“.69
Das passt zu Sowirog und der Chaussee Johannisburg – Turoscheln. Aber: Steht oder stand dort einmal ein Weißbuchenwald? In Masuren existierten vor 1939 zwei größere geschlossene Buchenbestände: der eine südwestlich von Ortelsburg, der zweite im Gebiet von Rastenburg/Angerburg. Sie bildeten die europäische Ostgrenze der geschlossenen Buchenbestände. Sowirog liegt östlich dieser Linie. Des Dichters Bild widerspricht der Realität.
Umschau 3: Optische und
akustische Entfernungsangaben
Hier geht es um die Bestimmung von Entfernungen zu akustischen oder optischen Quellen. Für die Wertung notwendige Aussagen finden sich in Büchern über militärisches Grundwissen.
a) „Weit aus der Ferne kam der heulende Ruf eines Dampfers von dem großen See hinter den Wäldern.“70 – Dazu müssen wir festhalten: Dampferverkehr entwickelte sich vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Beldan- und dem Spirdingsee, noch nicht auf dem Niedersee. Mit dem „großen“ unter ihnen kann nur der Spirding gemeint sein.
Zwar fand ich keine Angaben über die Reichweite einer Schiffssirene, das „Schießen einer Artilleriebatterie“ aber soll man auf 6 km hören, ein einzelnes Geschütz auf 3 km. Wenn wir das als Vergleich für die Schifffahrt zulassen, dann muss der Spirdingsee 3 bis 6 km entfernt sein, maximal 1 – 2 km weiter, sagen wir 8. Die Luftlinie Sowirog – Insel Spirdingswerder beträgt 6,5 km. Bei Nacht und/oder bei günstigem Wind wäre also das Signal im Ort zu hören gewesen.
b) Nun zum See neben dem Dorf: Jons Großvater hatte sich auf der Insel niedergelassen. „Manchmal blieb er auch für Wochen auf der Insel im See. Dort sahen sie ihn in der Nacht am Feuer sitzen, wie einen Häuptling bei der Totenklage, und oft lauschten sie, ob nicht ein eintöniger Gesang herüberkomme, aber es war alles still.“71
Die Dorfbewohner konnten „die Gestalt des Großvaters in der Ferne erblicken, wie er aus den Wäldern am andern Ufer auf das Eis nieder stieg, den Schlitten mit Holz beladen, oder wie er unter den kahlen Eichen der Insel stand“.72
c) Später bezog Jons Bruder Friedrich die Insel. „Auf dem Hügel hörten sie seine Flöte“, „wie die Stimme eines vergehenden Menschen“.73 Vom See aus gesehen, liegt der Hügel mit der Kirche jenseits des Dorfes. Der Hügel ist also weiter von der Insel entfernt als das Dorf. Wie weit mag sie reichen, „die Stimme eines vergehenden Menschen“? Ein Gespräch hört man auf 200 m, einzelne Worte daraus auf 75, ein Husten auf 50 m. Die reale Insel im Niedersee, südöstlich von Sowirog, liegt aber über 500 m entfernt. Selbst bei günstigsten Bedingungen konnten solche Töne von dort nicht zum Dorf dringen.
d) Schließlich die optischen Angaben: Jons Großvater sahen die Dorfbewohner nachts „am Feuer sitzen“. Die Gestalt eines Pfarrers erblickten sie manchmal „in der Ferne … am andern Ufer“ des Sees. Einzelne Menschen sieht man als Punkte auf 1,2 bis 1,5 km, im Gesamtumriss auf 800 m, einen Kopf kann man auf 400 m unterscheiden. Diese Entfernungen entsprechen den Realitäten.
Resultat 3: Lediglich die Angaben zum Flötenspiel schließen Sowirog aus, alle anderen optischen und akustischen Angaben treffen zu und sprechen für den Ort.
Umschau 4: Der See
Wiechert hat zwei ausführlichere Beschreibungen der Umgebung des Sees geliefert: einmal als Naturbild und zweitens sozusagen als sportliche Leistung, nämlich der Ritt des Wachtmeisters Korsanke um den See herum. Wenden wir uns den Naturbildern zu: „Hinter der Insel stiegen sie ans Ufer, alle nun fiebernd vor Aufregung, und Christian steuerte das Boot langsam in das schwarze Fließ, das düster und fast ohne Bewegung unter Erlenwipfeln dahinfloss und wo in schwarzen Höhlungen und unter grauen Wurzeln die Krebse wohnten. Hier war eine fahle, geheimnisvolle Landschaft, Ausläufer des Moores mit Hügeln, auf denen alte Eichen wuchsen.“74 Und „man kommt tief ins Moor hinein. Keiner kann einen mehr sehen. Dort habe ich eine kleine Hütte gebaut, aus Rasen und Schilf“.75
Hier das zweite Bild: „Jons und Hanna aber fuhren am Nachmittag vor Ostern in dem kleinen Boot den See hinunter, wo zwischen hohen Schilfwänden eine schmale, dunkle Straße in ein stilles Waldgewässer führte. Eichen und Kiefern standen über dem sandigen Ufer, und nur nach Westen öffnete der Wald sich und ließ den Blick auf Hügel und Wiesen frei, bis eine ferne, blaue Linie ihn wieder begrenzte, aus der Rauch aufstieg wie aus Dörfern, die in der Einöde lagen.“76
Wenn wir davon ausgehen, dass hier der Niedersee beschrieben wird, dann stimmt keines der Bilder mit der Wirklichkeit überein. Die Leute erreichen an der Insel vorbei das gegenüberliegende Seeufer. Dort aber befinden sich weder Fließ noch Moor, denn da erhebt sich über dem See ein teilweise bis zu 20 m hoher Steilhang. Zweitens: Jons und Hanna: Sie fuhren den See „hinunter“. Das lässt eine Abfahrt sowohl nach Nordosten als auch in entgegengesetzter Richtung zu. Im ersten Fall landen sie am Dorf Jaschkowen, danach erreichen sie Wiartel. Sie kommen also in belebte Gegenden, heraus aus der Waldeseinsamkeit. Fahren sie Richtung Rudzanny, dann finden sie dort keine Wasserverbindung zu einem stehenden Gewässer. Und schon gar nicht öffnet sich da der Blick nach Westen auf Hügel und Wiesen, eben wegen des Steilhanges.
Nun zum Ritt des Wachtmeisters Korsanke. Er will zu dem Mädchen, das den flötenspielenden Friedrich auf der Insel besucht hatte. Welche Route schlägt er ein? „Korsanke ritt um den See herum.“ Durch den Weißbuchenwald, „das Paradies“, „nach dem Dorfe, in dem das Mädchen zu Hause war, das dem Toten die ‚letzte Freude‘ geschenkt hatte … Der Polizist ritt nicht denselben Weg zurück. Er setzte ihn fort, um den ganzen See herum, langsam und in Gedanken verloren“. Und dann, ganz logisch und gleichsam den Umritt bestätigend: „Er kam von der andern Seite ins Dorf zurück.“77
Sehen wir uns die Wegstrecke um den Niedersee herum auf der Karte an. Er durchritt auf seinem Pferd die Dörfer Jaschkowen, Wiartel, Vorder- und Hinter-Lippa, Przyroscheln (in diesem Abschnitt mag der Buchenwald liegen), dann Curwien, Nieden, Rudzanny und Kowallik, um dann geradewegs durch die Heide nach seinem Dienstort zu traben. Das ist eine Tagesstrecke von über 40 km, eine sehr große Leistung für ein Polizeipferd. Außerdem entbehrt der lange Weg einer inneren Logik. Wenn wir annehmen, dass das Mädchen in Przyroschl gelebt hat, dann hätte der Polizist über Wiartel hin und zurück nur 16 km zurückzulegen gehabt. Wiechert gibt keinen Grund für diesen riesigen Umweg an.
Gehen wir also vom Niedersee aus, dann hat Wiechert entweder einen anderen See im Auge gehabt oder er lässt uns über Korsankes Motive im Stich, was angesichts des tiefen psychologischen Eindringens Wiecherts in seine Helden äußerst unwahrscheinlich ist. Es kommt ein zweiter Einwand hinzu, den wir aber nicht beweisen können. Hier wird ja die Amtshandlung eines Polizisten beschrieben. Jeder Beamte hatte einen bestimmten genau umrissenen Bezirk, in dem er dienstlich tätig sein durfte. Mir erscheint es unwahrscheinlich, dass Korsankes Territorium nach Süden über den See hinausreichte. Es dürften in den dortigen größeren Dörfern ebenfalls Gendarmerieposten bestanden haben.
Ergebnis 4: Wiecherts Sowirog lag nicht am Niedersee.
Umschau 5: Die Schlacht bei Tannenberg
Nach dem Erscheinen der ersten Kosaken und dem Brand der Kirche „zogen nun ohne Aufhören Truppen durch ihr Dorf, solange, bis im Nordwesten das Gebrüll der Kanonen sich zu einer einzigen Donnerstimme erhob, die Tag und Nacht nicht schweigen wollte. Da begann der Strom zu stocken, der nach vorwärts floss … Danach begann der Strom sich zu stauen und rückwärts zu fluten“.78 Die Weichenden legten im Dorf Feuer und es entstand eine „Feuermauer, die zu beiden Seiten der Straße stand, und in deren Schein der Rest des geschlagenen Heeres in den Wäldern verschwand“.79
Augenscheinlich wird hier der Durchmarsch bedeutender Truppenmassen der russischen Armee beschrieben. Wiechert schildert sowohl die angreifenden wie auch die zurückgehenden Einheiten. Massen von derartigen Umfang, Wiechert sagt: ein Strom, ohne Aufhören, pflegten sich aber nicht auf Seitenwegen zu bewegen. Sowirog liegt innerhalb des hufeisenförmigen Niedersees, es war also in Richtung auf die russische Grenze völlig geschützt. Wollte der Gegner den Ort erreichen, dann musste er von der Hauptstraße, auf der er sich bewegte, ein bedeutendes Stück zur Seite und gar nach rückwärts abweichen. Fliehende Gegner befanden sich dagegen dort wie in einem Sack ohne schnellen Ausgang. Während des ersten Weltkrieges führten nur zwei bedeutendere Straßen von den südlich gelegenen russischen Festungen Ostrołęka und Łomża nach Ostpreußen hinein. Die eine über Myszyniec – Friedrichshof – Puppen nach Sensburg, die andere über Kolno nach Johannisburg. Sie umgingen also das große Waldgebiet der Heide. Zusätzlich sperrt noch der Niedersee. Die Straße Johannisburg – Turoscheln endet dort, verläuft außerdem quer zur Marschrichtung und hat auf russischer Seite keinen direkten Anschluss zu den Bereitstellungsräumen der Russen. Außerdem, auf polnischer Seite, im Rechteck zwischen Grenze und den beiden Festungen, verlaufen die unbefestigten Landwege eher in Ost-West-Richtung, als auf die Grenze zu.
Es gibt also keinen vernünftigen Grund, warum die russische Armeeführung einen solchen „Strom“ unbedingt um den See herum in das völlig unbedeutende Sowirog führen sollte, der dann weiter durch die trockene, sandige und heiße Heide geführt hätte. Wäre man von hier aus auf den schnurgeraden Schneisen weiter nach Norden marschiert, wäre man in den Halbinseln vor dem Spirding gefangen gewesen. Man hätte also vorher nach Rudzanny oder Johannisburg abbiegen müssen. Soviel logistischen Unsinn wollen wir der russischen Generalität nun doch nicht zutrauen. Genauso wenig hat ein vernünftiger Grund für die Auswahl des Fluchtweges durch die Heide bestanden.
Ergebnis 5: Die Beschreibung des Truppendurchzugs lässt sich mit den realen Gegebenheiten von Sowirog nicht verbinden. (Ein noch sicherer Beweis aus dem Jahre 2009: Hier die Bewegung der russischen Einheiten, die dem Dorfe am nächsten kamen. Während der Schlacht bei Tannenberg im August 1914 stieß das russische VI. Armeekorps über Ortelsburg bis nördlich Bischofsburg vor. Es retirierte über Ortelsburg und Friedrichshof nach Polen. Im September 1914 griff die russische 1. Armee in der Schlacht an den Masurischen Seen noch einmal an. Deren 1. Division attackierte von Osten Johannisburg, wurde abgewiesen und zog sich nach Südosten zurück.80 Das heißt, dass größere Einheiten der Russen überhaupt nicht durch Sowirog durchgekommen sein können. Sie marschierten in Entfernungen zwischen zwanzig und vierzig Kilometern am Dorf vorbei.)
Umschau 6: Die Lösung
Der erwachsene Jons erzählt in der Familie seines Königsberger Professors von seinem Heimatort. Die Dame des Hauses wendet sich an ihn. „, Ein sonderbarer Heiliger sind Sie‘, sagte sie seufzend … ‚Ich denke mir, dass Ihr Eulenwinkel gar nicht mehr in Deutschland liegt …‘ ‚Doch!‘ betonte Jons ruhig. ‚Unter 22 Grad östlicher Länge und 53 1/2 Grad nördlicher Breite.‘“81
Nun wissen wir es ganz genau. Jedoch: Der also definierte Punkt liegt 20 km südöstlich von Johannisburg, während unser Sowirog südwestlich liegt. Überdies befindet er sich südlich der alten Grenze zwischen Deutschland und Polen, um noch exakter zu sagen: Er liegt im damaligen Russisch-Polen, nämlich in der Nähe der Dörfer Danowo und Filipki Duźe, unweit der Höhe 160, ein ganzes Stück von der Johannisburger Heide entfernt. In der Nähe gibt es kaum Wald, keinen See. Das einzige Gewässer ist der Wincenta-Bach, etwas weiter nördlich. Er bildet hier ein Stück der jahrhundertlang unveränderten Grenze zwischen Preußen/Polen, bzw. zwischen Deutschem Reich/Russland.
Da stehen wir nun und sehen uns an. Hat uns der Autor an der Nase herumgeführt? Uns und die Professorengattin? Vielleicht schließt uns der dem Gespräch folgende rätselhafte Trinkspruch des Professors die Tür zum Verständnis auf? „Der Professor seufzte nicht, wie Jons es sich angewöhnt hatte, aber er blickte eine ganze Weile auf die Tür, durch die seine Frau verschwunden war. Dann holte er aus einem Nebenraum eine Flasche und goss den roten, schweren Wein in zwei Gläser. Er hielt sein Glas lange in der Hand, ließ das Licht der Lampe sich darin spiegeln und stieß es dann leise an das andere. ‚Auf Ihr Dorf, Jons Ehrenreich!‘ sagte er feierlich. ‚Das unter dem Mondgebirge liegt.‘“82
Das wird es sein, das Sowirog unter dem Mond, fern von dieser Welt, nirgendwo und uns Masuren doch so nahe. Unter die Sterne setzt es der Autor, Symbol für das bevorstehende Verschwinden alles Masurischen? Schwindel also? Mitnichten! Wiechert tat nur das Gleiche, was zum Handwerk des Schriftstellers gehört. Was auch ein Goethe machte, als er seine Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ nannte, die Dichtung stellte er voran. Mindert das den literarischen wie den heimatkundlichen Wert des Werkes? Ich denke - Nein! Das ist eben ein guter Roman. Er verführt uns so sehr, dass wir die Erfindung gar nicht erkennen. Im Gegenteil, die gut gemachte Fiktion lässt uns glauben, dass wir die volle Realität erleben.
2. Wer den Wind sät …
2.1. Ein Täter vom Adel 83
Der einstige SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS und der Polizei Curt von Gottberg wurde am 11. Februar 1896 in Preußisch Wilten, Kreis Friedland/Ostpreußen als Sohn eines Gutsbesitzers geboren. Er besuchte das Wilhelms-Gymnasium in Königsberg/Ostpreußen bis zum Abitur im Jahre 1914. Mit 18 Jahren trat er am 2. August 1914 als Kriegsfreiwilliger in das Kürassier-Regiment „Graf Wrangel“ in Königsberg ein und wurde 1915 zum 1. Garde-Regiment zu Fuß nach Potsdam versetzt. Er selbst: „Im Jahre 1916 bestand ich auf der Feldkriegsschule in Löbau das Kriegsschulexamen mit Dispens.“ Das brachte den „Leutnant“. Bei den Kämpfen im Westen wurde er 1917 schwer verwundet und schied 1920 als Oberleutnant aus dem Heer aus.84
2.1.1. Der Betrüger und Grobian
Die Novemberrevolution beendete das Schlachten um Einflusssphären. Da steht nun ein junger Mann, der nichts als Kommandieren und Kämpfen gelernt hat. In seiner NS-Karteikarte und auf dem von ihm unterschriebenen Fragebogen vom 08. 08. 1937 hielt er für erwähnenswert, dass er zwischen 1919 und 1924 bei der Brigade Ehrhardt untergekommen sei.85 Um 1920 wäre er Adjutant bei der Kampftruppe von Kapitänleutnant Schimmelpfennig gewesen. Dieser hatte sich politisch auf Hitler orientiert, militärisch gehörte die Formation zu Ehrhardts Schwarz-Weiß-Roten. „Als solcher machte ich den 09. November 1923 in München mit.“86 Dieser zarte Hinweis auf frühe Verdienste wurde nicht belohnt. Denn er besaß weder den Blutorden für die Teilnehmer an Hitlers Putsch noch das Goldene Ehrenzeichen für Mitgliedschaft vor 1933.
Parallel dazu will er beruflich tätig gewesen sein. Seit dem Frühjahr 1919 wäre er „Inspektor auf einem größeren ostpreußischen Gut“ gewesen, hätte Ende 1919 ein Bauerngrundstück gepachtet, das er „später käuflich erwarb. 1924 verkaufte ich dasselbe, lernte Kaufmann, wurde zunächst Prokurist in einem Holzgeschäft, später Generalbevollmächtigter der v. Kalcksteinschen Besitzungen Romitten [Kreis Preußisch-Eylau] und führte zum Schluss Beispielssiedlungen als Treuhänder durch“. (Mit dem Worte „Schluss“ scheint er das Ende der Weimarer Republik zu umschreiben.)
„Während meiner Arbeit als Treuhänder konnte ich mich politisch nicht öffentlich betätigen.“87 Daher datiert sein Eintritt in die NSDAP erst vom 20. Juli 1932.88 Den Königsberger SA-Führern ist der Landwirt seit dem Jahre 1931 und „schon seit langer Zeit“ als „fanatischer Nationalsozialist“ bekannt. Er „klagte damals schon sein Leid, dass es ihm wegen seiner Stellung nicht möglich sei, in die aktive SA einzutreten. Trotzdem hat er sich an den Propagandaumzügen der damals sehr belebten Zeit beteiligt“. Er ist in die SA-Reserve eingetreten, „machte dort jeden Dienst mit und half darüber hinaus noch durch erhebliche Geldaufwendungen meinen erwerbslosen und oft hungernden SA-Männern.“89
Gottberg sei „ein hartnäckiger Kämpfer“ gewesen und führe „diesen Kampf ohne Rücksicht auf sich und seine Familie“. Der ihm im August 1933 dieses Lob austeilte, hieß Sturmbannführer Freund. Der arbeitete im Stabe der SA-Obergruppe I Königsberg und schrieb dem bewährten Sturmtruppler eine Bescheinigung des höchsten SA-Führers der Provinz aus.90
Der neue Kämpfer machte seinen Vorgesetzten in der Gauleitung der NSDAP Ostpreußen wenig Freude. Schon fünf Monate nach seinem Eintritt, Mitte Dezember 1932, leitete die ein Parteiverfahren gegen ihn ein. Er sollte aus der Partei ausgeschlossen werden.91 Zum Äußersten kam es aber nicht. Die Königsberger Kreisleitung sprach ihm im Februar 1933 eine „Verwarnung mit Funktionsverbot für 1 Jahr“ aus.92 Damit war der Kämpfer gut weggekommen. Das Urteil reichte dem Ehrgeizling nicht aus, jetzt, nach der Machtergreifung hätte der Vollzug der Strafe den Aufstieg in der NS-Hierarchie behindern können. Deshalb wandte er sich beschwerdeführend an die Reichsleitung der NSDAP. Diese forderte die Gauleitung zur Stellungnahme auf. Königsberg beschrieb im März das Wesen der Anklage. Es „werden seitens weiter Kreise der Siedler und Handwerker Ostpreußens die verschiedensten Vorwürfe bezüglich seiner Siedlungstätigkeit gemacht … Die [von ihm] durchgeführten Siedlungen sind zum Teil nicht ordnungsgemäß hergestellt, so ist … bei Durchführung einer Siedlung ein großer Teil der Handwerkerforderungen ausgefallen.“93
In gleicher Frage und zur gleichen Zeit schreibt der Vorsitzende des Gau-Untersuchungs- und Schlichtungsausschusses (Uschla) Oppermann an den Vorsitzenden des Reichsausschusses in München. Die nicht bezahlten Handwerkerforderungen mussten „durch behördliche Unterstützung ausgeglichen“ werden. Über diese Tätigkeit von Gottbergs hätten sich die Handwerkerverbände von Insterburg beim Preußischen Landtag beschwert. Sobald in der Folgezeit von Gottberg unter den Siedlern aufgetaucht sei, hätten diese „sofort“ gegen ihn „Stellung genommen“, mehr noch: „Sämtliche Behörden lehnen Pg. Curth von Gottberg wegen fachlicher Unzuverlässigkeit ab.“94
Bei solchem Verhalten kann man leicht vor Gericht kommen. In einer Verhandlung des Schöffengerichts „gegen den Siedlungsunternehmer Pg. v. Gottberg“ ging es um die Beleidigung eines Oberregierungsrates. Der hatte „seit September 1931 … eine Reihe von Berichten abgefasst, in denen er v. Gottberg Untreue und Betrug vorwarf und ihn außerdem als einen Schieber hinstellte. Durch Indiskretionen gingen diese Behauptungen an die Öffentlichkeit, wodurch eine schwere gesellschaftliche Schädigung des Ansehens Pg. v. Gottbergs erfolgte“. Durch solche Angriffe erregt, hatte von Gottberg einem Assessor gesagt: „So ein Schwein von Oberregierungsrat“, und der junge Mann hatte das seinem Vorgesetzten gemeldet. Wenige Tage danach wiederholte das von Gottberg „in einem Königsberger Lokal“. Ergebnis war eine Beleidigungsklage von Seiten des Präsidenten des Landesfinanzamtes. Das Gericht verurteilte von Gottberg zu 2 500 Reichsmark Geldstrafe, ersatzweise 100 Tage Haft, und zur Publikation des Verfahrens in den beiden größten Zeitungen der Provinz, der „Preußischen“ und der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“.95
Hitlers Landwirtschaftsminister Walther Darré wird später an den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, schreiben, von Gottberg „hatte sich vor 1933 in ein Siedlungsunternehmen eingelassen, welches danebenging“. In dieser Zeit sei auch eine Klage gegen von Gottberg wegen Beamtenbestechung gelaufen, die Akten wären Heydrich in Aufbewahrung gegeben worden. Nach 1933 habe von Gottberg deswegen einen Prozess gegen Darré „als Landwirtschaftsminister“ angestrengt, „obwohl alle Akten gegen ihn standen … Es gehörte eine unsagbare Mühe und Geschicklichkeit dazu, diesen Prozess so beizulegen, dass von Gottberg mit einem blauen Auge davonkam“. Darré habe sich so verhalten „aus Kameradschaftlichkeit gegenüber einem SS-Führer“ und „aus Anhänglichkeit“ gegenüber Himmler.
Darré wollte auch weiterhin nichts gegen von Gottberg unternehmen, er wollte einen von Himmlers „ersten Bataillonskommandeuren“ nicht „torpedieren“.96 Da finden wir den SS-Frischling plötzlich in einem Offiziersrang.97 Und das kam so: Die SS-Gruppe Südwest im schönen Schwabenland verfügte über „kasernierte SS-Formationen in Stärke von 800 Mann“. Zu deren Führung und Ausbildung wurde ein neuer Mann benötigt. Die Gruppe erbat sich dazu einen solchen im Oktober 1933 von Himmlers Führungsstab. Die Sache war augenscheinlich dringlich, deswegen bat der SS-Oberführer, der diesen Antrag einreichte, „um tunlichste Beschleunigung“. Die Schwaben hatten von einem tüchtigen Mann Kunde bekommen. Im 1000 Kilometer entfernten Königsberg lebte der „SS-Obertruppführer Kurth von Gottberg“. Der wurde im romantischen Ellwangen an der Jagst benötigt. Hinderlich war allerdings ein Problem: Der Mann besaß nicht den erforderlichen hohen Rang, militärisch ausgedrückt war er nur Oberfeldwebel. In den Hundertschaften dienten dagegen Sturm-, Sturmhaupt- und Sturmbannführer (Leutnante bis zu Majoren). Denen konnte man keinen Unteroffizier vor die Nase setzen. Der Antragsteller wusste einen Ausweg salomonischer Art. Er schlug vor, seinen Wunschkandidaten vor dem Eintreffen am Dienstort zum SS-Sturmbannführer zu befördern und ihn in diesem Rang im Jagsttal seinen Dienst aufnehmen zu lassen.98
Das geschah dann auch, wenn auch nicht auf Dauer. Der neue Kommandeur des Bataillons hatte bald „durch sein landsknechtsmäßiges Verhalten“ den Unwillen von Himmler erregt. Dieser wollte ihm deswegen das Bataillon wegnehmen. Darré hingegen glaubte „an einen guten Kern“, daraufhin setzte Himmler ihn vor die 49. SS-Standarte in Goslar.99
2.1.2. Der Säufer
Aber auch die Schönheit des Harzvorlandes schälte keinen guten Kern aus dem Strafversetzten heraus. Im Gegenteil: Wieder einmal fand er sich vor Gericht wieder. Dieses Mal fühlte er sich beleidigt. Die Verhandlung fand am 17. Oktober 1936 vor dem Amtsgericht in Harzburg statt. Eine Margot Fastabend hatte in anonymen Briefen neben anderem behauptet, „Herr v. Gottberg scheine sich dem Alkohol hinzugeben, er sei wohl in keiner Nacht nüchtern“. Der Richter, der nur zwei Zeugen befragen konnte, urteilte „mit hinreichender Klarheit, dass v. Gottberg im Übermaß dem Trunk huldigte“. Das Verfahren wurde zwar eingestellt, aber v. Gottberg konnte sich jetzt als gerichtsnotorischen Säufer betrachten.100
Anstoß zu dem Schreiben der Frau Fastabend mag ein Autounfall gewesen sein, den der hohe Herr zuvor nach Alkohol-„Genuss“ erlitten hatte. Der Dienstwagen war so stark beschädigt worden, „dass eine Instandsetzung nicht mehr möglich ist“.101
Der Betrunkene erlitt schwere körperliche Schäden, die eine Unterschenkelamputation notwendig machten. Daraufhin sah Himmler sich zum Eingreifen genötigt. Das SS-Personalamt dachte an einen Strengen Verweis. Der SS-Oberabschnitt Mitte sprach sich dagegen aus und bat, die Strafe nicht auszusprechen.102 Die endgültige Entscheidung fiel am 12. August 1936. In Anwesenheit des Führers des SS-Oberabschnitts Mitte SS-Obergruppenführer Jeckeln, unterschrieb sein Obersturmbannführer einen ihm vorgelegten Text: „Ich gebe hierdurch die ehrenwörtliche Erklärung ab, dass ich mich vom heutigen Tage an gerechnet 3 Jahre lang des Alkoholgenusses in jeglicher Form enthalten werde. Die Bedeutung dieser Erklärung ist mir bekannt. Braunschweig …“ Jeckeln setzt eine Aktennotiz darunter. Die Erklärung wäre „heute auf Wunsch des Reichsführers SS“ abgegeben worden. Von Gottberg hätte zum Ausdruck gebracht, „dass er die Erklärung von sich aus und aus freien Stücken abgebe“.103
Da trafen sich die Intentionen des obersten SS-Mannes mit den „freien Stücken“ seines ostpreußischen Untergebenen. Der Volksmund nennt solch ein Verfahren „freiwilliges Muss“. Anfang Januar 1937 legt das SS-Hauptamt die Sache zu den Akten, „da SS-Obersturmbannführer v. Gottberg durch seinen Unfall und [das] Alkoholverbot bereits genügend bestraft ist“.104 (sic!)
Landwirtschaftsminister Darré hatte aber immer noch seinen Narren an dem Mann gefressen. Obwohl er offen schreibt, dass der Verlust des Beines „nicht zuletzt zum wenigsten durch sein Verhalten gegenüber dem Alkohol“ eingetreten ist, besorgte er ihm eine Rehabilitationskur.105 Dort scheint er sich bewährt zu haben, denn er wird zum 1. Juli 1937 zum Chef des Rassen- und Siedlungsamtes der SS befördert. Er hat „sich dort eine starke und politisch selbständige Stellung geschaffen“. Einige Monate nach Amtsantritt muss diese, seine eigene Behörde ihn als „Schiedsmann des Großen Schiedshofes“ vorgeschlagen haben. Er scheint auch in diese Funktion eingetreten zu sein, denn am 1. August 1938, bittet der Chef des SS-Gerichtes München die Personalkanzlei beim Reichsführer SS, ihn aus dieser Funktion abzuberufen. Zum Zeitpunkt der Berufung wäre nicht bekannt gewesen, dass „von Gottberg … ein dreijähriges Alkoholverbot erhalten hatte“. Dieses gelte noch bis zum 12. 08. 1939. Ein „von einer solchen Maßnahme betroffener SS-Führer“ dürfte für die Tätigkeit als Schiedsmann „kaum geeignet sein“.106
Im gleichen Monat verabschiedete sich der Reichsminister für Ernährung in einem persönlichen Schreiben an seinen „Lieben Heini“ Himmler von seinem Schützling. Walther Darré begründete auf drei Seiten und in fünf Punkten seine Vorbehalte gegen den ehemaligen Landwirt. Er legte seine Bedenken gegen einen weiteren Einsatz im SS-Siedlungsamt dar und schloss mit der Aufforderung: „Ich beschränke mich auf diese Feststellungen und überlasse es Dir zu verhindern, dass der Fall von Gottberg Kreise zieht, die weder von Dir noch von mir gewünscht werden.“107 Von Gottberg wurde daher „wegen tatsächlicher oder angeblicher Unsauberkeiten in seiner dienstlichen Tätigkeit und privaten Lebensführung seines Amtes enthoben“. Das genaue Datum lässt sich nicht feststellen, einmal wird der 7. November 1939 mit dem Vermerk „enthoben“ genannt, an gleicher Stelle findet sich der Monat Dezember, aber auch „Anfang 1940“ kann man in den Akten lesen.108
Den Schlusspunkt unter diese Entwicklungsetappe setzte eine Woche nach dem 7. November 1939 ein Dr. med. Martin Brustmann. Er fertigte seinem Patienten ein „SS-Ärztliches Zeugnis“ aus. Von Gottberg leide „an hochgradiger Erschöpfung des Nerven- und Kreislaufsystems“, daher sei er auf 3 Monate dienstuntauglich. Der Arzt verlangte, „zu seiner Wiederherstellung und zur Vermeidung von Rückfällen ist völlige Enthaltsamkeit von Alkohol und Tabak dringend erforderlich.“109 Da ist der Drei-Jahrestermin mit Ehrenwort nur wenige Wochen überschritten und schon hat sich der zukünftige Ritterkreuzträger an Herz und Nerven ruiniert!
2.1.3. Der unschuldig schuldig gesprochene Geschäftemacher
Die Daten des Ausscheidens aus dem Rassen- und Siedlungsamt liegen um den Jahreswechsel 1939/40 herum. Das Verwirrspiel der Akten dauert an. Denn angeblich schon seit Sommer 1939 soll er in Prag herrschen. Zum SS-Oberführer gestiegen, waltete er als Chef des Bodenamts. Dieses sollte „allen jüdischen und sonst als staatsfeindlich bezeichneten landwirtschaftlichen Besitz“ übernehmen.110 Was immer ein staatsfeindlicher Besitz sein soll, aber so ist das Deutsch von Himmlers Germanen. In Prag schuf er sich „eine starke und selbständige Stellung“, denn er wollte ein vom Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums (RKF) unabhängiges Reichssiedlungskommissariat schaffen.111
Zur Jahreswende traf ihn Schlag auf Schlag. Noch im Januar entschied Himmler, dass von Gottberg „als Bewirtschafter eines Gutes im Osten eingesetzt werden soll.“ Er wurde also aus dem Dienst im Rasse- und Siedlungshauptamt mit Nachdruck entlassen. Nämlich: Ihm wurde ein Besuch des Chefs des Persönlichen Stabes Himmlers angekündigt. Der werde ihn unter vier Augen informieren, dass der Reichsführer „seine größte Zurückhaltung aus jeder Politik wünscht“.112
Aber der Mann zeigte Charakter, so wie er den verstand. Er muss sich sehr stark gefühlt haben, denn er hat Himmlers Befehl zum sofortigen Rücktritt aus diversen Siedlungsgesellschaften und -vereinen nicht ausgeführt. Es waren das nicht wenige Gruppierungen, in denen er seine ostpreußischen Erfahrungen, nunmehr nicht als kleiner Unternehmer, sondern als Vorsitzender des Aufsichtsrates, einsetzen konnte: Erste Gemeinnützige Baugesellschaft für Kleinwohnungen Wien; Allod – Eigenheim- und Kleinsiedlungs GmbH Berlin-Steglitz; Deutsche Ansiedlungsgesellschaft Berlin; Deutsche Ansiedlungsgesellschaft Potsdam-Babelsberg.113 Nunmehr tauchte im Februar 1940 bei ihm in Prag der Beauftragte aus Berlin mit Himmlers Schreiben auf. Der Chef befahl ihm, „dass Sie in Gegenwart des Überbringers dieses Befehls durch Vollzug der Unterschriften der anliegenden Rücktrittsschreiben meinen Befehl sofort ausführen“. Diese Schreiben waren dem Beauftragten „wieder auszuhändigen“.114 Hatte Heinrich Himmler den Verdacht, dass der Kerl die nicht selbst abschicken würde?
Fast hätte unser Held nach dem Prager Zwischenspiel eine gut besoldete zivile Anstellung mit einem Monatssalär von 1000,- RM erhalten. Der Vorstand der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke Dessau schrieb nämlich am 7. März 1940 „An den Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei“. Die Herren wollten „den Posten eines Gefolgschaftsleiters … innerhalb der Zentralverwaltung“ des Unternehmens neu besetzen. Er sollte unter den „Zehntausenden von Gefolgschaftsangehörigen … die Frage des Führernachwuchses und der Führerauslese behandeln“. Man suchte bereits längere Zeit „einen bewährten Nationalsozialisten, der die charakterlichen, persönlichen und fachlichen Voraussetzungen vereint“. Dabei wären sie auf von Gottberg gestoßen, der ihnen „in jeder Weise der geeignete Mann für die Übernahme“ der skizzierten Aufgaben zu sein schien. Die Aufgabe wäre staatspolitisch wichtig. Die Dessauer baten um Freistellung aus der hauptamtlichen Tätigkeit bei der SS. Himmler in seiner Rage über die Querelen mit seinem Mann lehnte ab und schlug einen anderen SS-Führer vor.115 Das Intermezzo sieht aus, als habe von Gottberg selbst diesen Faden eingefädelt. Wie sollen die Produzenten der berühmten Sturzkampfbomber und des Fallschirmjägertransporters Ju 52 denn erfahren haben, dass da in Prag ein tüchtiger Mensch mit allen guten Eigenschaften zur Auswahl und Entwicklung der zukünftigen Elite eines Großunternehmens sich nach einer neuen Arbeitsstelle umsieht.
Es wurde also nichts aus dem Übergang in lukrative Positionen im Rüstungsgeschäft. Erst einmal wurde im Juni ein Verfahren wegen SS-schädigenden Verhaltens eingeleitet. Deswegen wandte sich im August 1940 das SS-Gericht an seine vorgesetzte Dienststelle, immer noch das Rasse- und Siedlungs-Hauptamt. Das Gericht bat, „nunmehr auch gegen SS-Oberführer von Gottberg ein SS-Disziplinarverfahren“ durchzuführen. Im Strafvorschlag sollten mehrere Verfehlungen berücksichtigt werden.116 Schließlich soll er dort wegen mangelhafter Aufsicht (Korruption) entlassen worden sein.117
Vorher noch, im Juni, wollte Himmler seinen Plan der Überführung des Mannes in das Zivilleben durchsetzen. Er sollte „als Bewirtschafter in ein Gut in den neuen Ostgauen“ eingewiesen werden. Die Einweisung war aber von der Zustimmung Darrées abhängig. Dieser hatte „seine Stellungnahme als endgültig bezeichnet unter Hinweis darauf, dass er schon vor längerer Zeit seine ablehnende Stellungnahme“ gegenüber von Gottberg direkt sowie anderen höchsten Stellen gegenüber zum Ausdruck gebracht hatte. Himmler hatte den Höheren SS- und Polizeiführer in Danzig-Westpreußen angewiesen, bei Darré die „Einweisung“ durchzusetzen. Aber der hat „eine Lösung in der Richtung rundweg abgelehnt“.118
Da sich diese Pläne nicht verwirklichen ließen, holte Himmler den Mann, trotz laufenden Disziplinarverfahrens in die Reichshauptstadt und machte ihn zum Chef des Erfassungsamtes in seinem eigenen Stab. Die Funktion übte er vom Anfang Oktober 1940 bis zum 21. Juli 1942 aus. Der 6. April 1942 wurde ihm zu einem Glückstag. Der Reichsführer übermittelte ein Schreiben. „Ich stelle das gegen Sie eingeleitete SS-Disziplinarverfahren hiermit ein. Die umfangreichen Ermittlungen, die sich auf jeden Punkt der gegen Sie erhobenen Anschuldigungen erstreckten, haben einwandfrei ergeben, dass Ihnen in keinem Fall der Vorwurf unehrenhaften oder schuldhaft das Ansehen der SS schädigenden Verhaltens zu machen ist. Sie sind durch dieses Ergebnis der Untersuchung rehabilitiert. H. Himmler“. In einer Anlage zu dem Rehabilitierungsschreiben wird die Begründung für den Entscheid angeführt. Die Rehabilitierung gelte „in Bezug auf Ihre frühere Tätigkeit als kommissarischer Leiter des Bodenamtes Prag“. Aber, wurde hinzugefügt, es seien ihm „bei Ihrer damaligen Überlastung mit den verschiedensten verantwortungsvollen und unter besonders schwierigen Verhältnissen zu erfüllenden Aufgaben gelegentlich im einzelnen sachliche Fehler bzw. unzweckmäßige Dispositionen unterlaufen“. Er solle niemals zu seinem „persönlichen Vorteil“ gehandelt, „sondern immer das Wohl und die Förderung der Ihnen anvertrauten Sache im Auge“ gehabt haben. Die Untersuchung „habe ergeben, dass die gegen Sie … erhobenen … teilweise sehr schwerwiegenden Anschuldigungen jeder stichhaltigen Grundlage entbehren“.119
2.1.4. Der Schlächter
Nachdem ihm so viel Ungemach von seinen eigenen Kameraden geschehen war, scheint von Gottberg sich zurückgezogen zu haben. Jedenfalls verschweigen seine NS-Akten mehrere Monate des Jahres 1942. Im Oktober des Jahres taucht der SS-Obergruppenführer in Minsk in der Funktion eines SS- und Polizeiführers Weißruthenien auf. Die weißrussische Hauptstadt ist Zentralpunkt des Bezirks Weißruthenien, wie die NS-Verwaltung diesen Teil der Sowjetunion nennt. Hier tobt seit 1941 der Partisanenkrieg gegen die deutschen Eindringlinge. Da braucht es eine harte Hand. Von Gottberg will sie beweisen. In den Jahren 1943/44 macht er eine steile Karriere. Ab 24. März 1943 vertritt er den Höheren Polizeiführer Russland-Mitte120, und im Juli danach bereits vereint er die Gebiete Russland-Mitte und Weißruthenien als Höherer SS- und Polizeiführer (HSSPF).121
Dieser Aufstieg drückt sich auch in seinen Diensträngen aus. Im April 1942 erfolgte die Beförderung zum SS-Brigadeführer, im Juli 1943 zum SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei.122
Der Einsatz von Gottbergs war Bestandteil von Himmlers Plan zur vollständigen Vernichtung der Partisanen. „Gottberg … durch Strafe und Parteiverfahren in seiner Karriere als Höherer SS-Führer seit längerem gestoppt, brachte die Motivation mit, um sich zu rehabilitieren.“123 Sein oberster Gönner sollte sich nicht getäuscht haben. „Mit dem Wechsel der Verantwortlichkeiten … zu von Gottberg trat ein Richtungswechsel zur Verschärfung der Partisanenbekämpfung im G[eneral-] K[Kommissariat] Weißruthenien ein.“124
Welchen Polizeigeschäften der neue Kämpfer dort nachging, hat er selbst geschildert. Dienstlich dazu nicht gezwungen, schreibt er Privatbriefe an Richard Hildebrandt, der zu der Zeit als SS-Obergruppenführer und General der Polizei in Danzig amtiert, und an den Chef des SS-Personalhauptamtes, SS-Gruppenführer von Herff. Imagepflege, nennt man das heute wohl. Der Rehabilitierte bewies, dass er die Absolution verdient hat.
Und das sind seine Heldentaten. Am 26. November 1942 stellte die „Kampfgruppe Gottberg“ in ihrer Tagesmeldung fest: „Gesamtverluste bis 26.11., 12.00 Uhr a) des Feindes: 798 Banditen, 353 Bandenverdächtige, 1 826 Juden, 7 Zigeuner … Die in den Häusern oder Bunkern verbrannten Banditen, Juden usw. sind nicht gezählt worden … Das Unternehmen ‚Nürnberg‘ wird mit dem 27.11. mittags abgeschlossen.“125 Am 21. Januar des jungen Jahres berichtet er nach Danzig. „Das Ergebnis der letzten 8 Wochen meiner Tätigkeit hier ist: Feindverluste: tot 3 882, ersch. 10 520, gef. 68 – Eigene Verluste: Deutsche tot 54, verw. 57 – Fremdvölk. tot 100, verw. 38.“126 Im März unterrichtet er von Herff stolz: „Das Ergebnis der Bandenkämpfe in Weißruthenien im Februar ist folgendes: Feindverluste: Banditen: 1 289, Bandenverdächtige: 852, Gefangene: 18, Vernichtete Bandenläger: 13, Vernichtete Häuser: 189, Erfasste Arbeitskräfte: 72.“ Bei dem „Unternehmen ‚Hornung‘“ gab es „Feindverluste: Banditen: 2 219, Bandenverdächtige: 7 378, Gefangene: 65, ersch. Juden: 3 300“.127
Was besagen die teilweise abgekürzten Kategorien „tot – ersch. – gef.“? Ich deute das so: „tot“ ist, wer im Gefecht gefallen ist, „ersch.“ ergänze ich zu „erschossen“, also „ermordet“. Bei „gef.“ bieten sich zwei Lösungsmöglichkeiten an: „gefallen“ und „gefangen“. Ich gehe von letzterer aus, da die erste Bedeutung schon zweimal belegt ist. Erschossen wurde nicht im Gefecht, die Toten können also nur Zivilisten gewesen sein. Die toten „Fremdvölk.“ können als „Fremdvölkische“ aufgelöst werden. Da hat von Gottberg schon sowjetische Kriegsgefangene als Mitkämpfer gewonnen, eine Methode, auf die ich noch zurückkommen werde.
In „der Partisanenbekämpfungsaktion ‚Cottbus‘ vom 22. Juni bis 03. Juli 1943“ hatte von Gottberg „unter anderem folgende Erfolge gemeldet: Feindtote 4 500, bandenverdächtige Tote 5 000, 492 Gewehre“.
Diese Art der Kriegführung im Hinterland erregt selbst in SS-Kreisen Kritik. Sein unmittelbarer Vorgesetzter, der Generalkommissar Wilhelm Kube, resümiert am 5. Juli 1943: „Wenn bei 4 500 Feindtoten nur 492 Gewehre erbeutet wurden, dann zeigt dieser Unterschied, dass sich auch unter diesen Feindtoten zahlreiche Bauern des Landes befinden … Unter den 5 000 Bandenverdächtigen, die erschossen wurden, befinden sich zahlreiche Frauen und Kinder.“128
Kube trat auch gegen das Prügeln von Arbeitern in den Betrieben auf, mit geringem Erfolg.129 Ein Anflug von Humanität? Nichts davon, Kube brauchte Arbeiter mit hoher Produktivität, Bauern, die für Deutschland Lebensmittel produzierten und Jugendliche, die er zur Zwangsarbeit in das „Reich“ schicken konnte.130 Diese „humanere“ Haltung hat ihm nicht geholfen. Im September verliert er durch einen Anschlag sowjetischer Untergrundkämpfer sein Leben. Curth von Gottberg wird zu seinem Nachfolger ernannt.131 Schon vorher, am 7. August 1943, war ihm das Deutsche Kreuz in Gold verliehen worden.132
Durch diese Ehrungen musste sich von Gottberg in seinen Handlungen bestätigt fühlen. Sein Massenmorden setzte er im gleichen Stil fort. Da sollten Ende September 1943 drei Gettos geräumt werden. Die Insassen eines Lagers weigerten sich, nach Lublin auf Transport zu gehen, dabei wurde ein Deutscher getötet. Von Gottberg befahl einem Polizeibataillon das Getto zu vernichten, dabei sind fast alle Juden umgekommen.133
So bestätigte er mit eigener Hand, was später sowjetische Materialien über die Verbrechen der deutschen Okkupanten anklagten. „Besonders brutal hausten Polizei- und Heereseinheiten unter dem Befehl des Höheren SS- und Polizeiführers SS-Gruppenführer Curt von Gottberg im Frühjahr und Sommer 1943 in Belorussland. Sie ‚erfassten‘ nicht nur die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung sowie alle vorgefundenen Lebensmittel, sondern brannten auch die Ortschaften nieder und ermordeten fast 16 000 Arbeitsunfähige, darunter Frauen, Kinder und Greise.“134
Zu zwei oben genannten Aktionen können wir Einzelheiten mitteilen. „Hornung“ fand im Februar 1943 südwestlich von Sluzk statt. Am 08. 02. 1943 wurde das Ghetto der Stadt mit 3 000 Menschen durch Polizeieinheiten vernichtet. Das Gebiet sollte zum Niemandsland gemacht werden. „Dieses erfolgte in der Weise, dass die Bevölkerung der in diesem Gebiet befindlichen Dörfer und Gehöfte restlos bis zum Säugling herunter niedergemacht wurde.“ Sämtliche Behausungen wurden abgebrannt. Vieh- und Lebensmittelbestände wurden erfasst und aus dem Gebiet herausgeführt. Frauen, Kinder und alte Männer wurden in die Kirche getrieben. Diese wurde angebrannt. Einigen Personen wurde das Angebot gemacht, sie könnten das eigene Leben retten, wenn sie ihre Kinder im Gebäude lassen und zur Arbeit nach Deutschland gehen würden. 12 718 Menschen wurden ermordet (das entspricht in etwa der o. g. Zahl). Arbeitskräfte wurden nicht „gewonnen“.135
Im Juni/Juli 1943 inszenierte Gottberg „Cottbus“. Dabei töteten seine Leute 9 800 Menschen, davon 6 087 angeblich im Gefecht, „erledigt“ – als Zivilisten gemordet – 3 709. Über 6 000 wurden zur Zwangsarbeit einkassiert. Tausende wurden über Felder gejagt, um sie minenfrei zu machen. Das forderte das Leben von weiteren 2 – 3 000 Landeseinwohnern. Der Autor vermutet, dass die Cottbus-Aktion mindestens 20 000 Tote gekostet hat. Die Deutschen erbeuteten dabei eine verhältnismäßig geringe Zahl von Infanteriewaffen, wenn man die mit der Zahl der Getöteten vergleicht, nämlich 1 000. Himmler ließ es sich nicht nehmen, seinen Zögling noch während der Aktion zu beglückwünschen.136
Über zwei Menschenjagden hat Gottberg geschwiegen. Der „Föhn“ (Ende: 21. 03. 1943) nordwestlich Pinsk kostete 543 Tote, 1 226 Arbeitskräfte wurden deportiert und 2 608 Stück Vieh wurden eingebracht.137 „Heinrich“ schließlich (01. – 18. 11. 1943) im Gebiet von Polozk erbrachte 5 452 Tote, 136 Gefangene, 7 916 Ostarbeiter und 7 894 Umgesiedelte, außerdem 476 Infanteriewaffen.138
Das Wüten setzt sich im Jahre 1944 fort. Nur tragen die Unternehmungen jetzt nicht die Namen von deutschen Städten. Gottberg wird romantisch. Er gestaltet vom 16. April bis zum 10. Mai ein „Frühlingsfest“, später, zwischen dem 22. Mai und dem 20. Juni lässt er einen „Kormoran“ durch Weißrusslands Wälder nördlich der Bahnlinie Minsk – Borissow fliegen. Während des „Frühlingsfestes“ werden in der Umgebung von Usatschi und Lepel 7 011 Partisanen, bzw. Helfer getötet.139 Eine andere Quelle nennt für den Zeitraum 17.04. – 12. 05. 1944 653 Tote, 6 928 Gefangene, 11 233 Arbeitskräfte, wenig Vieh, mindestens 51,5 t Getreide.140 Der „Kormoran“ schließlich soll von der Zerschlagung einer nicht genannten Zahl von Partisaneneinheiten gekrönt worden sein.141
Zusammenfassend: Auf die „in höchstem Maß brutalen Operationen ‚Nürnberg‘, ‚Hamburg‘ und ‚Erntedankfest‘ mit allein über 12 000 Toten“ konnte der Gruppenführer mit Stolz zurückblicken.142
Im Verlaufe des Jahres 1943 hatte Generalkommissar Kube ein weißrussisches Beratungsgremium geschaffen, den „Weißruthenischen Zentralrat“ (WZR). Der sollte regionale Kompetenzen für Schulwesen, Soziales, Kultur und die aus dem Osten Evakuierten einsetzen. Im Dezember 1943 übernahm von Gottberg die Führung. Eigentlich stand er „der politischen Kollaboration äußerst misstrauisch“ gegenüber. Er stützte sich dabei auf seine Erfahrungen in Heydrichs Protektorat Böhmen und Mähren.143
Obwohl die nationalsozialistische Rassentheorie die Minderwertigkeit alles Slawischen verkündete, sah Gottberg sich in seinem Wirkungsgebiet nach einheimischen Verbündeten um. Im Kampf gegen die von Moskau gesteuerte Partisanenbewegung versuchte er sich jenseits ideologischer Barrieren als Pragmatiker. So sollte seine Truppe schlagkräftiger werden. Am 01. März 1944 berichtete er im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (Minister Alfred Rosenberg) über seine Lage. Ihm stünden 120 – 150 000 Partisanen gegenüber. Er sei sehr bemüht, Ukrainer, Kaukasier und Belorussen zum gemeinsamen Kampf gegen Stalin zu gewinnen. Er hoffe, bis Mitte April 20 000 Mann gewonnen zu haben. Ihm fehlten aber 20 000 Gewehre zu deren Bewaffnung.144 In einem nur zehn Tage älteren Befehl werden die Kräfte der „Gruppe v. Gottberg“ mit der gleichen Zahl angegeben, davon seien 3 000 Deutsche, 3 000 Kosaken, der Rest seien einheimische „Volkswehren“. Gottberg wolle noch weitere 6 000 Kosaken in seine Reihen aufnehmen.145 Diese sollten Land zur Ansiedlung in Belorussland erhalten und unter eigener Führung stehen. Gedacht war an die Rekrutierung aus sowjetischen Kriegsgefangenen, auch sie sollten hauptsächlich gegen Partisanen zum Einsatz kommen.146
Nach Gottbergs eigenem Eingeständnis wurde dieser WZR „von weitesten Bevölkerungskreisen abgelehnt“.147 Dieser Misserfolg hielt ihn nicht davon ab, Mitte Juni 1944 einen als Volksvertretung bezeichneten „Nationalkongress“ einzuberufen. Der blieb aber nicht lange im Amt. Am 03. Juli nahm die Rote Armee die Hauptstadt Weißrusslands, Minsk, ein. Die Hauptkräfte der deutschen Heeresgruppe Mitte wurden ostwärts der Stadt eingekesselt und gingen der Vernichtung entgegen. Die Mitglieder des Kongresses mussten daher wenige Tage nach seiner Konstituierung das Land verlassen. Die Mehrheit der aus den Kriegsgefangenen gepressten einheimischen Selbstschutzkorps lief zur Roten Armee über.148
Aus diesem Verhalten zog der britische Historiker Samuel J. Newland den Schluss, von Gottberg hätte als Generalkommissar die Überzeugung gewonnen, dass die NS-Slawenpolitik falsch sei, und deswegen sei er auch für eine Selbstregierung des Landes eingetreten.149 Dem Urteil kann ich mich nicht anschließen. In seiner unheilvollen Praxis hat von Gottberg eben diese Politik nachdrücklich exekutiert. Seine Suche nach einheimischen Truppen resultierte aus den spürbaren Verlusten der Wehrmacht, die ihn, jenseits aller theoretischen Prinzipien, veranlasst haben mag, mögliche Menschenreserven zur Verlängerung der Existenz des Nationalsozialismus auszuschöpfen. Wenn er so handelte, dann kämpfte er auch um die Verlängerung des eigenen Lebens. Der Gedanke an die Abrechnung nach einem Sieg der anderen Seite musste ihm die Zukunft in schwärzestem Licht erscheinen lassen.
Diese Slawenpolitik hat, nebenbei bemerkt, seiner Freundschaft zu Himmler keinen Abbruch getan. Das bezeugt kein geringerer als der General Erich von dem Bach-Zelewski.150 Er vermerkt in seinem Tagebuch, er habe sich im Sommer in Ostpreußen mehrfach mit einem Herrn Gottberg, Kommandierendem General mit Ritterkreuz, getroffen. So notiert er am 30. Juli: „Heute mit Gottberg beim RFS zu Tisch.“151 Gemeinsames Mittagessen bei Himmler lässt nicht gerade auf einen großen geistigen Abstand zu dessen Verbrechen schließen.
2.1.5. Der General
Die Rehabilitierung durch Himmler wirkte sich auch auf Gottbergs bürgerliche Existenz und sein Familienleben aus. Der langgehegte Traum erfüllte sich, seine Familie wurde auf Anordnung Himmlers „in der Gegend von Posen auf einem Gut eingewiesen“, so schreibt er an von Herff in Berlin. Aber gesundheitlich geht es ihm nicht zum Besten. Die langen weißrussischen Abende im Kreise gleichgesinnter Kameraden zeigten ihre Wirkung. Wie aber die Führung davon informieren, damit diese nicht gleich auf die naheliegenden Ursachen gestoßen wird? Jedenfalls wandte sich im April 1944 sein persönlicher Referent an einen höher gestellten Bekannten im SS-Apparat und berichtete vom miserablen Gesundheitszustand seines Vorgesetzten. Damit aber auch niemand etwas Schlechtes dabei denke, fügte er diensteifrig hinzu, „die Schwächung der Gesundheit (sei) nicht auf Alkohol- oder Nikotingenuss zurückzuführen“. Er bat zugleich, den obersten SS-Mann von dieser Lage zu informieren.
Überhaupt ist der Monat Juni 1944 für den Generalkommissar ein Glücksbringer. Er wird zur Auszeichnung mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes vorgeschlagen. Unterschrieben ist der Antrag an das Heerespersonalamt von Generalfeldmarschall Ernst Busch, dem Oberbefehlshaber der in Weißrussland vor ihrer größten Niederlage stehenden Heeresgruppe Mitte. Hätte von Gottberg das Schreiben gelesen, dann hätte er sich wie ein Schüler gefreut, dem sein Klassenlehrer ein hervorragendes Zeugnis ausstellt. Von Gottberg habe „in einer Reihe größerer und kleinerer Unternehmen mit den ihm unterstellten Verbänden erfolgreich gegen die Banden im weißruthenischen Raum gekämpft. Durch diese aktive Bandenbekämpfung erzielte er eine weitgehende Einschränkung dieses für die Durchführung aller militärischen Maßnahmen in Mittel- und Weiß-Russland beeinflussenden Unwesens“. Seine hervorragenden Führungseigenschaften zeigten sich „in den beiden letzten Großunternehmen gegen die Banden im Raum von Uschatschi und gegen das Bandenzentrum im Raum des Pelikesees … An der Spitze der aus SS- und Polizeikräften sowie für diesen Zweck unterstellten zahlreichen Verbänden des Heeres gebildeten Kampfgruppe von Gottberg hat er … Hervorragendes geleistet“. Das führte zu einer „Erleichterung für die sich anschließenden in diese Räume verlagernden Kämpfe“.152
Ich bin gezwungen, an dieser Stelle von der Beschreibung eines Lebensbildes abzuweichen, um einige Worte zur allgemeinen Geschichte des II. Weltkieges einzufügen. Anlass ist die gegenwärtig (1998) in Deutschland geführte Diskussion um die Beteiligung der Wehrmacht an dem NS-Verbrechersystem. Die Verteidiger der Wehrmacht erkennen an, dass hinter der deutschen Front Scheußlichkeiten passiert seien. Diese lasten sie aber ausschließlich den damit beauftragten SS-Einheiten an. Dieses Schreiben eines Generalfeldmarschalls beweist die aktive Beteiligung an dem nationalsozialistischen Völkermord. Ohne Umschweife wird gesagt, dass die Polizeieinsätze unter der Verantwortung der Wehrmacht verliefen, dass zahlreiche Wehrmachtseinheiten dem Polizeigeneral unterstellt und an dessen Untaten direkt beteiligt waren, die Polizeiaktionen haben sich außerdem unmittelbar auf die Lage der Wehrmacht ausgewirkt. Dafür habe sich der Verantwortliche die Auszeichnung voll verdient. Damit identifizierte sich der Generalfeldmarschall vollständig mit den Taten der himmlerschen Einheiten.
Zurück zu dem Generalkommissar mit zunehmend sich verengendem Generalkommissariat. Seit dem 30. Juni 1944 darf er sich SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS und Polizei nennen. Ich benutze bewusst dieses „er darf sich nennen“. Die Rangerhöhung, nicht Beförderung, verdankt er einem Fehler der Medien. An diesem letzten Junitag nannte ihn der Wehrmachtsbericht mit diesem Rang, obwohl er ihn nicht besaß. Daraus ergab sich ein Wust von Fernschreiben mit Anfragen beim SS-Personalamt. Das aber wusste nichts von einem derartigen Ereignis. Auf so einem Fernschreiben findet sich der anonyme handschriftliche Vermerk „v. Gottberg ist nicht befördert / Sprach- und Druckfehler in Rundfunk und Presse“. Am 16. Juli wünschte Himmler die Vorlage einer Urkunde zur Beförderung von Gottbergs. Als Datum der Ernennung sollte der letzte Junitag eingetragen werden, der „Tag, an dem SS-Obergruppenführer von Gottberg im Wehrmachtbericht genannt wurde“. Diese Festlegung wird durch ein Fernschreiben des Chefadjutanten Himmlers vom 30. Juli 1944 bestätigt. Ob hier nur der Zufall eine Rolle spielte oder ob der im Netz der Beziehungen erfahrene Herr nicht doch im Dunklen feine Fäden gezogen hat, lässt sich nicht feststellen.
Mit der vollständigen Befreiung Weißrusslands verdrängte die Rote Armee den General aus seinem Arbeitsfeld. Im Juli hielt er sich in Ostpreußen auf und traf sich dort mehrmals mit seinem Chef. Der gewiss angenehme Zustand dauerte nur kurze Zeit. Denn ab 1. August 1944 wurde in Schlesien das XII. SS-Armeekorps aufgestellt.153 Himmler ernannte von Gottberg in Hitlers Auftrag zum Chef des Korps, „das ich in Kürze wieder zum Fronteinsatz führe“. Wieso er aber hoffte, „in einigen Tagen voraussichtlich an der ostpreußischen Grenze zum erneuten Einsatz zu kommen“,154 kann nicht nachvollzogen werden. Seine Truppe lag ja weit entfernt davon. Vielleicht aber gab es Zusagen von Seiten Himmlers. Gottberg konnte das neue Amt aber nicht lange ausüben. Im Oktober 1944 berichtete der Korpsarzt des XII. SS-Armeekorps über schwere Kreislaufprobleme und Amputationsfolgen. Er schlug eine sechswöchige Kur in Marienbad vor.155 Die scheint der General auch angetreten zu haben, denn im Januar und Februar 1945 kurt er in Karlsbad.156
Dann schweigen die NS-Akten. Gerüchte sprechen von einem Selbstmord 1945 irgendwo im Westen Deutschlands.157 Eine andere Quelle meint, die Alliierten hätten ihn gefangen genommen, am 31. 05. 1945 hätte er Selbstmord begangen158 in Grundhof/Schleswig-Holstein159.
2.2. Ein bürgerlicher Held 160
2.2.1. Die Anfänge
Der Jurist Dr. Alfred Gille wurde am 15. September 1901 in der ostpreußischen Kreisstadt Insterburg geboren.161 Aus dem Militärdienst während des Ersten Weltkrieges scheidet er als Leutnant der Reserve aus.162 Er studierte Jura und promovierte in dem Fach 1928.163 Im August des gleichen Jahres wurde er zum Bürgermeister des in der Provinz wegen seiner Lage zwischen den Großen Masurischen Seen beliebten Kreiszentrums Lötzen berufen.164 Damit war er der jüngste Inhaber dieses Amtes in der Provinz.165 Was zu dieser Auszeichnung führte, ob stramme nationale Haltung oder hohes fachliches Können, konnte bisher nicht festgestellt werden.
2.2.2. Vom Scharführer zum Volksgerichtshof
1935 scheint er es für notwendig gehalten haben, sich auch äußerlich den braunen Herren anzudienen, er tritt in die SA ein.166 Sein Anschluss an die Partei erfolgte am 1. Mai 1937, nach seiner Beförderung zum SA-Scharführer.167 Er erhält die NS-Mitgliedsnummer 6 019 687.168 Der Entschluss trägt Früchte. Der Mann steigt zum Mitglied der NSDAP-Gauleitung Ostpreußen auf, er wird also engster Mitkämpfer des Gauleiters Erich Koch. Der macht ihn auch zum Beisitzer im Volksgerichtshof der Provinz.169 Diese Tätigkeit mit schwersten Urteilen bis hin zur Todesstrafe, oft wegen Lappalien, aber auch wegen Widerstandes gegen den NS-Staat, ist vorläufig im Schatten der Archive verborgen.
2.2.3. „In weltanschaulicher Hinsicht für den Einsatz durchaus geeignet“
Gille sollte ab Oktober 1941 als Kriegsverwaltungsrat beim Befehlshaber des Rückwärtigen Heeresgebietes Süd tätig werden. Er baute ab November 1941 die deutsche Militärverwaltung der bedeutenden Industriestadt Saporoshje in der Ukraine auf.
Die Stadt am Dnjepr hatte nach der Oktoberrevolution in Russland einen starken wirtschaftlichen Aufschwung genommen. Das im II. Weltkrieg zerstörte Dnjepr-Kraftwerk hatte Elektrizität für gewaltige metallverarbeitende Betriebe geliefert, unter ihnen die Metallurgischen Werke „Saporoshstahl“ und „Dnjepr-Spezialstahl“. Außerdem gab es Eisengießereien, die Produktion von Mähdreschern, Transformatoren und Lebensmitteln. Die Stadt war 1939 auf 289 000 Einwohner angewachsen. Sie fungierte als Hauptstadt des gleichnamigen Gebiets, besaß zwei Hochschulen, eine Pädagogische und eine für Landmaschinenbau.170
Als dort eine deutsche Zivilverwaltung eingeführt werden sollte, bat Koch darum, ihm den Mann als Gebietskommissar für das Kreisgebiet Saporoshje-Stadt zu erhalten. Im März 1942 wurde er vom Reichsminister für die besetzten Ostgebiete für die Verwaltung in den besetzten sowjetischen Gebieten vorgeschlagen. In einer Beurteilung heißt es, nach „seiner Haltung in weltanschaulicher Hinsicht ist er für den Einsatz durchaus geeignet“. Der Landrat bestätigte im Mai, Gille biete die Gewähr, „jederzeit rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat einzutreten“. Im September 1942 erfolgte durch Entscheid des Oberkommandos des Heeres die Entlassung aus dem Militärbeamtenverhältnis. Gille wurde zum Dienst beim Reichskommissar für die Ukraine, also seinem Gauleiter Koch, dessen Dienststelle zu der Zeit in Rowno sitzt, freigestellt. Die Zuweisung erfolgte im November 1942.171
Während dieser beiden Jahre (1941/42) spielt sich in Ostpreußen ein heißer Papierkrieg um den Lötzener ab. Sein Landrat, der Regierungspräsident in Allenstein und der (stellvertretende) Oberpräsident in Königsberg kämpfen um Gilles Freistellung vom Einsatz im Osten. Der heimische Ersatzmann des Bürgermeisters soll zu den Streitkräften eingezogen werden, ein Nachfolger ist vor Ort nicht zu finden. In einem Briefwechsel mit dem Ministerium für die besetzten Ostgebiete und dem Reichsinnenministerium wird versucht die Freistellung zu erreichen. Man findet im April 1943 einen Ausweg durch Einsatz des Bürgermeisters Eichholz aus Soldin.172 So bedeutsam ist den Beteiligten der Verwaltungsfachmann. Lange kann sich Gille aber nicht seiner Funktion erfreuen. Am 14. Oktober 1943 erobert die Rote Armee „seine“ Stadt.173 Gille begibt sich Richtung Heimat. Irgendwo erreicht ihn eine Art Trostbrief seines Chefs, des Reichsministers für die besetzten Ostgebiete. Der schreibt dem Mann am 19.10.: „Im Hinblick auf die veränderten Verhältnisse in den besetzten Ostgebieten besteht für Sie z. Zt. keine Verwendungsmöglichkeit mehr.“ (sic!) Der Minister hält es zugleich für notwendig den Satz hinzuzusetzen: „Auf die Verpflichtung zur Wahrung des Amtsgeheimnisses auch nach Beendigung Ihres Osteinsatzes weise ich besonders hin.“174
2.2.4. Amtsgeheimnisse
Nach der Eroberung durch die Wehrmacht interessierten sich deutsche Firmen für die großen Betriebe der Stadt Saporoshje.175 Unter ihnen die Stahlwerke Braunschweig („Hermann-Göring-Werke“), die Vereinigten Aluminiumwerke, Junkers (Flugzeuge) und Bosch (Elektrische Instrumente).176 Braunschweig übernahm Mitte 1942 das Stahlwerk. Man versuchte, das Werk in Gang zu bringen. Das gelang nur in geringem Maße. Es lieferte zwar monatlich einige Tausend Tonnen Stahl177, doch wurde eine Steigerung durch eine andere deutsche Behörde behindert: Der thüringische Gauleiter Fritz Sauckel als Beauftragter für die Beschaffung von ausländischen Zwangsarbeitern zog Arbeitskräfte in solchem Maße aus der Stadt ab, dass die Produktion vor Ort gefährdet wurde.178 Das wurde sogar in den inneren Kreisen des Apparates missmutig registriert. So äußerte sich der Stadtkommandant von Saporoshje „vertraulich“ gegenüber einem deutschen Journalisten, dass die Produktion sich noch besser entwickeln würde, wenn Sauckel nicht so viele Arbeitskräfte abziehen würde.179
Das Aluminiumkombinat eignete sich die „Aluminiumindustrie AG Berlin“ an.180 Es konnte die Produktion gar nicht erst aufnehmen. Daraufhin wurden die entscheidenden Anlagen in großem Umfang demontiert.181
Für den Fall eines Rückzugs der Wehrmacht aus der Stadt hatten die Behörden insgesamt eine moderne Kokerei, ein Hochofenwerk, ein Stahlwerk und verschiedenen Hallen zur „Ausschlachtung“ vorgesehen.182 Beim realen Rückzug entnahmen sie rund 50 000 t Roheisen, Stahl und verschiedene Mengen Metallerz,183 aus dem Aluminiumkombinat 250 t des Metalls.184
Während der deutschen Herrschaft wurden 174 400 Zvilisten aus dem gesamten Gebiet, unter ihnen 58 000 Bürger der Stadt, nach Deutschland zur Zwangsarbeit gebracht.185 Als Zwangsmittel zur Durchsetzung der Arbeitspflicht wurden eingesetzt: Gefängnishaft, Arbeitslager, Todesstrafe, Massenmorde, Deportation nach Deutschland.186 (Die Aufzählung der Maßnahmen ist nicht ganz logisch, denn „Deportation nach Deutschland“ war im Verständnis von Sauckel keine Strafe, sondern Ziel seiner Arbeit, Fs)
Wie in allen zeitweilig von der Wehrmacht eroberten Orten wüteten hier die Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes der SS. Saporoshje gehörte zum Wirkungsfeld der Einsatzgruppe 6 (Dnjeprbogen) des Einsatzkommandos C. Die Gruppe hat am 13. 10. 1941 alleine in Dnjepropetrowsk von 30 000 Juden 10 000 erschossen, weitere 1 000 bis zum 19. 11. 1941.187
Aus einer sowjetischen Quelle ergibt sich folgende Situation: Der Generalkreis (?) im Reichskommissariat Ukraine „Taurien“ hatte als Zentrum Melitopol mit den linksufrigen südlichen Teilen der Gebiete Cherson und Saporoshje, Dnjepropetrowsk mit einem Teil des Gebiets Saporoshje.188 Die dort wirkende Einsatzgruppe D hatte das Einsatzkommando 12. Dieses war im Herbst 1941 im „Raum westlich der Linie Melitopol – Wasiljewka bis zum Dnjeprbogen südlich Saporoshje“ aktiv. Es meldete die Gegend als „judenfrei“. Bis zum 30. September 1942 hatte die Gruppe D es geschafft, 35 782 Juden und Kommunisten zu ermorden.189
Insgesamt sollen während der deutschen Herrschaft im Gebiet Saporoshje 86 700 Zivilisten durch Erschießungen als Geiseln, zur Vergeltung für Anschläge sowie bei Anti-Partisanenunternehmen umgebracht worden sein, außerdem 10 900 sowjetische Kriegsgefangene.190
Für den Raum der Stadt sind bisher folgende deutsche Aktivitäten bekannt geworden:
– 13. 10. 1941: Beginn der Registrierung der jüdischen Bevölkerung.191
– Im Frühjahr 1942 wurden Arbeiter des Werkes „Saporoshstal“ mit Entzug der Brotkarte für einen Monat bestraft. (Das war einer Verurteilung zum Hungertod gleichzusetzen.)192
– 29. 11. 1941: Der deutsche Feldkommandant von Saporoshje erlässt einen Befehl, der der Bevölkerung verbietet, den Wohnort ohne Genehmigung der deutschen Behörden zu wechseln und Lebensmittel außerhalb der Stadt zu kaufen.193
– 08. 12. 1941: Die deutsche Zeitung „Neues Saporoshje“ enthält eine Mitteilung der Feldkommandantur über die Einführung der Todesstrafe für Saboteure und über Durchkreuzung aller Sabotageversuche.194
– 24. 03. 1942: Deutsches Militär195 erschießt am Stadtrand von Saporoshje, „am Panzergraben außerhalb der Stadt“, 3 700 jüdische Alte, Frauen und Kinder.196
– Im März 1942 wurden 50 Illegale verhaftet.197
– 22. 04. 1942: „Neues Saporoshje“ veröffentlicht den Befehl der Feldkommandantur über die Anwendung der Todesstrafe gegen Personen, die Arbeiten für die Deutschen ablehnen.198
– 26. 04. 1942: Im Kreis Ordshonikidze von Saporoshje ist eine illegale Gruppe entstanden, zu ihr gehören die wichtigsten Mitarbeiter des Betriebes „Saporoshstal“. Die Sowjetbürger stören die Maßnahmen der deutschen Behörden zur Ingangsetzung des Betriebes, sie verbreiten Flugblätter und stören die Produktion.199
– 12. 06. 1942: In dem Dorf Snamenka des Saporoger Gebietes werden 300 Menschen erschossen.200
– 05. 07. 1942: Der Militärkommandant und der Reichskommissar der Ukraine verkünden die Anwendung der Todesstrafe für Hilfe an Partisanen und Kriegsgefangene, das Verschweigen oder die nicht rechtzeitige Information über deren Aufenthaltsort.201
– 24. 10. 1942: Der Stadtkommissar von Saporoshje hat einen Befehl über die Einführung der allgemeinen Arbeitspflicht erlassen. Danach muss sich die gesamte Bevölkerung zwischen 15 und 55 Jahren sofort in der „Arbeitsverwaltung“ registrieren lassen, Verstöße werden mit Konzentrationslager (?) bestraft.202
– 07. 01. 1943: In einem Dorf des Saporoger Gebietes werden 10 Mitglieder einer Jugendgruppe im Widerstand erschossen.203
– 17. 02. 1943: Gegen 22 Uhr erschossen Widerständler im Nordwestteil von Saporoshje-Altstadt einen deutschen Sonderführer. Als Sühne wurde befohlen, zehn Kommunisten zu erschießen. Die Ermordung erfolgte am 20. Februar vormittags. Jeder weitere Überfall auf deutsche Soldaten und Wehrmachtangestellte würde künftig in immer stärkerem Maße mit Blut geahndet werden, drohte der Militärkommandant der Stadt an.204
– 26. 02. 1943: Der Stadtkommissar von Saporoshje (Gille?) verlautbart, die Verweigerung der Arbeitspflicht werde mit Todesstrafe belegt.205
– 05. 03. 1943: Erich Koch erklärt in Kiew: „Wir sind die Herrenrasse und wir müssen verstehen, dass der geringste deutsche Arbeiter in rassischer und biologischer Hinsicht tausendmal wertvoller ist als die hiesige Bevölkerung.“206
– 11. 09. 1943: Der Gebietskommissar der Stadt Osipenko des Saporoger Gebietes verweist auf die Todesstrafe für Personen, die die Evakuierung ablehnen. In der Stadt werden etwa 4 000 Einwohner erschossen und verbrannt.207
– Im September 1943 hatten die Illegalen einen Aufstand zur Unterstützung der Roten Armee geplant. 300 bis 400 Leute hatten sich in einem Tunnel des Aluminiumwerkes bereitgestellt. Die deutschen Behörden hatten das bemerkt und versuchten, sie auszuräuchern. 24 Leute erschienen und wurden erschossen, darunter vier Kinder. Der Rest verblieb bis zur Ankunft der Roten Armee am Ort.208
Und von all diesen Untaten will der Verwaltungschef der Stadt nichts gewusst haben? Er, der im Verlaufe von zwei Jahren der NS-Politik im Ort vorstand, hat in kein Verbrechen Einblick gehabt? Selbst die in nur geringer Zahl erhalten gebliebenen Akten des Herrn Stadtkommissars im Staatsarchiv Saporoshje bezeugen etwas anderes. Schön, er mag keinen Bürger der Stadt mit eigener Hand getötet oder geprügelt haben. Das hatte er auch nicht nötig. Bei so genannten Vergehen von einheimischen Mitarbeitern meldete er diese dem SS- und Polizeistandortführer, mit der Bitte um „Regelung“ der Angelegenheit.209
Gille wusste, was dort geschah, hatte er doch selbst mehrfach die Einwohner öffentlich gewarnt: Sämtliche Jahrgänge von 1922 – 1926, also die Siebzehn- bis Einundzwanzigjährigen, mussten sich für die Arbeit im Reich dienstverpflichten. Wer der Arbeitsdienstpflicht nicht nachkomme, habe mit schweren Strafen210 zu rechnen: Zuchthaus, Gefängnis oder Einweisung in ein Zwangsarbeitslager.211 Wer seine Arbeitsstelle verlasse, dem drohte Gille mit mehrjährigen Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen.212
Alleine in den Monaten März und April 1942 mobilisierte seine Stadtverwaltung 2 138 „Arbeitskräfte“ für die deutsche Kriegswirtschaft, unter ihnen befanden sich 607 Frauen.213 Zwangsverpflichtete führten auch Arbeiten im Auftrag der Administration aus. Das geschah unter den schwierigsten Bedingungen. So mussten Arbeiter beim Ausladen von Wagen (?) oft ohne Mittagspause und bis zu fünfzehn Stunden arbeiten.214 Für Schanzarbeiter war ein Acht-Stunden-Tag vorgesehen, sie erhielten kein Mittagessen und mussten das Brot aus eigener Tasche zahlen.215
Im September 1943 wurde es der deutschen Führung klar, dass Saporoshje bald nicht mehr zu halten sein werde. Daher wurden besonders wertvolle Maschinen und Fabriken zusammen mit Inventar und Facharbeiterschaft in den Westteil der Ukraine verlegt,216 unter anderem der Schlachthof sowie die Waggon- und die Holzfabrik.217
Die zurückbleibenden Zivilisten wurden zum Ausbau von Verteidigungsstellungen herangezogen.218 Der dauerte nicht lange. Am Monatsende verlangte Gille in einer Bekanntmachung, dass sämtliche Einwohner die Stadt bis zum 04. Oktober zu verlassen hätten. Wer den Befehl missachte, werde „als Feind betrachtet“ und entweder in ein „Kriegsgefangenenlager eingewiesen oder erschossen“.219 Der Roten Armee sollte eine Wüste gelassen werden.
Aus den vorliegenden Dokumenten ergibt sich, dass Dr. Gille mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an der Vernichtung der Juden von Saporoshje beteiligt gewesen sein kann. Die war vor Antritt seiner Dienstzeit abgeschlossen worden. Angesichts seiner engen Zusammenarbeit mit dem SS- und Polizeistandortführer muss er aber davon unbedingt Kenntnis erlangt haben. Es erscheint unmöglich, dass er davon nichts gewusst haben soll. Zum zweiten wusste er, dass die slawische Bevölkerung nach rassistischen, menschenverachtenden Kriterien behandelt wurde (Verpflegung, Wohnung, Entlohnung). Er selbst hat diese nationalsozialistische Politik sehr aktiv gestaltet und damit sein Einverständnis mit dieser verbrecherischen Praxis bewiesen.
Am 14. Oktober 1943 befreite die Rote Armee Saporoshje. Damit beendete sie die Herrschaft dieses hitlertreuen Ostpreußen.
2.2.5. Er schwieg, „Treu bis in den Tod“
Am 03. Oktober 1948 treffen sich in Hamburg Vertreter jedes ostpreußischen Heimatkreises. Alfred Gille nimmt daran teil und wird in den „Ostpreußischen Arbeitsausschuss“ gewählt.220 Bald danach wird die Landsmannschaft Ostpreußen und der Bund der Vertriebenen (Bd V) gegründet, Gille wird zum Landesvorsitzenden des Bd V Schleswig-Holstein gewählt. Er tritt in dieser Zeit der neonazistischen „Gesamtdeutschen Partei“ bei und wird dort stellvertretender Vorsitzender.221 Von Februar 1952 bis zum März 1966 ist er dann als Sprecher (Präsident) der Landsmannschaft Ostpreußen tätig.222 Die Bundesrepublik zeichnete ihn im September 1968 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse aus.223
In der offiziellen Beschreibung seines Lebens durch die Landsmannschaft Ostpreußen wird für die NS-Zeit nur auf seinen Militärdienst gegen Ende des Krieges verwiesen, der Einsatz in Saporoshje wird unterschlagen.224
Welchen Geist er in der Landsmannschaft verbreitete, wird aus einer Rede ausgerechnet am 08. Mai 1965 ersichtlich. Da bezeichnet er den 08. Mai 1945, den Tag der Befreiung, wie ihn der Bundespräsident Richard von Weizsäcker später nannte, „den schwärzesten Tag der deutschen Geschichte“, er warnt vor den „drohenden Gefahren der bevorstehenden bolschewistischen Deutschlandhetze“.225 Er wirbt für die Rückwanderung der Vertriebenen und verspricht: Die deutschen Ostpreußen würden „die Menschenrechte, die Menschenwürde der heute dort lebenden Menschen achten“.226
Gewiss hat er sich an die Weisung des Ministers gehalten und seinen Mitgliedern verschwiegen, was alleine in seinem Herrschaftsbereich getan worden ist, das Hass- und Rachegefühle bei den groß- und weißrussischen wie auch den ukrainischen Bauern im Rotarmistenkittel entfachen musste.227 Eine Distanzierung gar gegenüber den NS-Verbrechen ist nicht bekannt geworden. Jedenfalls findet sich z. B. in den Jahrgängen 1962 bis 1965 von „Das Ostpreußenblatt“, dem Organ der Landsmannschaft Ostpreußen, kein Wort über die von ihm und seinesgleichen geschaffenen Ursachen des Verhaltens der Rotarmisten, bzw. der Vertreibung, nichts auch über eine Entschuldigung oder ein Bußbekenntnis.
In all seinen öffentlichen Auftritten zeigt er sich immerhin als vollständig der Sprache der Bundesrepublik angepasst. Nur selten entschlüpfen ihm Ausdrücke, die aus seiner braunen Vergangenheit stammen. So beschimpfte er Menschen, die in den sechziger Jahren in Westdeutschland unter dem Eindruck der deutschen Verbrechen für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze eintraten, im typischen NS-Jargon als „Verzichtspolitiker“228 oder auch als „Schädlinge“229, die ihr „verräterisches Treiben“ einstellen sollten.230 Wütend wandte er sich gegen alle „Verzichtstendenzen“.231 Und die Landsmannschaft bezeichnete er gar im Goebbels-Stil als einen „politischen Kampfverband“.232 Gegenüber allen Organen der Bundesrepublik forderte Gille konsequent „die absolut klare und unmissverständliche Vertretung unserer Rechtsansprüche“.233 Darunter verstand er die Rückführung seiner Landsleute in ihre alte Heimat und die Wiedereingliederung der Provinz in die Bundesrepublik Deutschland.
Allerdings ist festzuhalten, dass Gilles politische Forderungen bis hinein in die sechziger Jahre vollen Rückhalt sowohl bei Vertretern der CDU-geführten Bundesregierung unter Konrad Adenauer fanden als auch bei der SPD-Opposition. So nannte Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) in einer Rede auf einem Treffen der Landsmannschaft die Vertriebenenverbände ein „prägendes Element unseres jungen Staates“. Er beendete seinen Auftritt mit dem Ausruf „Ostpreußen – deutsch und frei!“.234 Und der stellvertretende SPD-Vorsitzende Herbert Wehner, Mitglied des Bundestages, bekannte in einem Brief an das gleiche Treffen, den Gille dort vortrug: „Ich stelle mich an die Seite der Heimatvertriebenen“. Der Oberste aller Ostpreußen lobte ihn dafür, er habe „den seltenen Mut … auszusprechen, was sie (die Sozialdemokraten, Fs) selbstkritisch eingesehen haben.“235
Es war aber ein ebensolcher Sozialdemokrat, der Bundeskanzler Willy Brandt, der 1970 in Warschau die Oder-Neiße-Grenze anerkannte und damit den Weg betrat, der 1990 zur endgültigen Anerkennung der Linie durch beide deutsche Parlamente führen sollte. Das war der Anfang vom Ende des Einflusses der Unbelehrbaren á la Gille in den Landsmannschaften und auf die Entwicklung der jungen Demokratie.
3. … wird den Sturm ernten
3.1. Stalin und die Oder-Neiße-Grenze 236
Die Oder-Neiße-Linie bildet heute die Staatsgrenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen. Bisher wird die Rolle Stalins bei der Entstehung dieser Linie kaum reflektiert. Ich stelle mir hier nicht die Aufgabe, eine umfassende Geschichte der Entstehung der Oder-Neiße-Grenze abzufassen.237 Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Aufdeckung der Rolle des Generalsekretärs der KPdSU im Prozess der Schaffung dieser Grenzlinie. Vorweg gesagt: Der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Josef Wissarionowitsch Stalin war Hauptinitiator und unentwegter Einpeitscher bei der Festlegung der neuen Grenze. Ich stütze mich dabei bevorzugt auf sowjetische, russische und polnische Quellen.
3.1.1. Das große Komplott
3.1.1.1. Die deutsch-sowjetischen Verträge vom Herbst 1939
Am 23. August 1939 unterschrieben Wjatscheslaw Molotow, Vorsitzender des Ministerrates der UdSSR und Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, sowie Joachim Ribbentropp, deutscher Reichsminister des Auswärtigen, einen „Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion“ sowie ein „Geheimes Zusatzprotokoll“. Darin definierten beide Mächte ihre „Einflusssphären in Osteuropa“. Deutschland sicherte der Sowjetunion das Gebiet von Wilna zu, wenn es im Baltikum zu „territorialen und politischen Veränderungen kommen“ sollte. Für den Fall von „Veränderungen in Polen“ würden die Einflusssphären beider Staaten „ungefähr durch die Narew-, Weichsel- und Buglinie begrenzt“. Die Unabhängigkeit und die Grenzen des polnischen Staates würden „durch den Gang der zukünftigen politischen Ereignisse bestimmt“.238
Mit dem August-Vertrag ebnete die Sowjetunion Hitler den Weg nach Warschau. Die darin anvisierten „zukünftigen politischen Ereignisse“ kamen nur eine Woche danach in Gang. Am 1. September löste Hitler sie aus. Die deutsche Wehrmacht überfiel die Polnische Republik. Die Sowjetunion ihrerseits fiel am 17. der kämpfenden polnischen Armee in den Rücken und besetzte Ostpolen. Diese Territorien wurden als West-Weißrussland und West-Ukraine in die Sowjetunion eingegliedert.239
Einen guten Monat nach dem ersten Vertrag, am 28. September 1939, Polen lag am Boden, war der erste Schritt auf diesem Weg gemacht, besaßen Hitlers und Stalins Herrschaftsbereiche eine gemeinsame Grenze. Es konnte der zweite Schritt folgen, der „Deutsch-Sowjetische Freundschafts- und Grenzvertrag“. Wie in seinem Text ausdrücklich festgehalten, sei er „nach dem Zerfall des Polnischen Staates“ abgeschlossen worden. In dem Dokument wurde die zwischen beiden Staaten in dem eroberten Polen festgelegte Linie als „die Grenze ihrer beiderseitigen staatlichen Interessen“ bestimmt. Diese unterliege „keinerlei Einmischung seitens anderer Mächte“. Beide Vertragspartner sicherten sich gegenseitig die volle Freiheit zu jeglichem „staatlichem Umbau“ im jeweiligen Okkupationsgebiet zu.240
Mit dem Abkommen versetzte Stalin, der mit seiner Partei verbundenen internationalen Arbeiterbewegung einen schweren Schlag. Es bedeutete faktisch eine Reinwaschung der nationalsozialistischen Politik.241 Von nun an, bis zum NS-Überfall auf die Sowjetunion, wurde die kommunistische Bewegung zu einem ganz offenen Ausführungsorgan der sowjetischen Diplomatie.242 Das war nicht die einzige Auswirkung der Verträge. Mit ihnen schufen die Beteiligten faktisch die Voraussetzungen zum Entstehen der heutigen Ostgrenze Deutschlands. Weil Stalin die polnischen Ostgebiete an die Sowjetunion angegliedert hatte, war er gezwungen, in allen diplomatischen Verhandlungen während des II. Weltkrieges diese Besitznahme zu verteidigen, zugleich aber auch über eine territoriale Kompensation zugunsten Polens nachzudenken. Er fand sie in der Westverlagerung der deutschen Ostgrenze. Diese Chance erhielt er durch den deutschen Angriff auf die UdSSR am 22. Juni 1941.
The free sample has ended.