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Ferdinand Runkel

Stickstoff

Roman

Erstes bis fünftes Tausend

Saga

Stickstoff

© 1924 Ferdinand Runkel

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711593073

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erstes Kapitel.

Über den Kalksee bei Rüdersdorf schoss ein schlankes Motorboot; eine Dame lenkte sein Steuer, ein Herr sass ihr gegenüber und blickte unverwandt auf die schönen Mädchenhände, die mit zielbewusster Sicherheit das Rad drehten.

Die beiden Menschen sprachen kaum ein Wort; nur manchmal begegneten sich ihre Augen, und dann glomm eine leuchtende Feuergarbe auf. Sie verstanden sich auch ohne Worte.

Jetzt glitt das Boot aus dem Schatten der hohen Ufer heraus auf die schimmernde Fläche, wo die Wellen blitzten und spielten. Stolz wehte am Hintersteven die schwarzweissrote Flagge.

„Nun ist die schöne Fahrt bald zu Ende, wie danke ich Ihnen für die herrliche Stunde! Es war ein Seelenbad für den armen, müden Kopf, und es schwemmte die Laboratoriumsluft aus jeder Gehirnfalte fort.“ Seine Stimme hatte leise und zutraulich geklungen.

Die junge Dame sah auf und lächelte: „Wenn Sie wieder nach Blossin kommen wollen, rufen Sie vorher an. Dann hole ich Sie ab.“

„Ja, das werde ich gern tun.“

Er hatte dies ganz bescheiden gesagt, aber ein freudiges Glücksgefühl strömte dabei in sein Blut.

Sie konnten nicht weitersprechen; denn das Boot näherte sich dem Landungsplatze, an dem sich eine ganze Anzahl Menschen angesammelt hatte: Arbeiter aus den Nüdersdorfer Kalkwerken und der gewaltigen Stickstoffabrik, die hinter den waldigen Höhen lag.

Der weisse Schwan flog dicht heran, der Motor war abgedrosselt, und im nächsten Augenblick sprang der junge Mann auf die Brücke, um die Kette an einem eisernen Ring festzumachen.

„Wollen Sie nicht einen Augenblick nähertreten?“ fragte er. „Der Herr Kommerzienrat wird wohl noch im Büro sein.“

„Nein, nein. Ich will lieber gleich zurück. Eine Stunde habe ich mindestens noch zu fahren, und die Eltern kämen in Sorge, wenn ich nicht vor Abend zuhause wäre.“

Aus der Menge trat jetzt ein riesiger Arbeiter heraus. Ein höhnisches Lachen verzerrte sein Gesicht.

„Weg mit der Mörderflagge! — Genossen! Wollt ihr euch das gefallen lassen von dem faulen Junkerpack und den Kapitalstrolchen?“

Ein Murren ging durch die Menge, das der Riese zu seinen Gunsten deutete.

„Herunter mit dem Lappen!“

Schwerfällig trat er an das Boot heran und griff mit seiner mächtigen Faust nach der schwarzweissroten Flagge. Da trat ihm der schlanke junge Mann in den Weg. Seine Augen zischten im Feuer. Seine Lippen bebten.

„Hände weg! oder —“

„Was oder?“ grollte der Riese und ballte beide Fäuste.

„Um Gottes willen, Leopold, lassen Sie —“

Die Dame sprang auf und wollte die Kette lösen; aber der Arbeiter griff in den Ring und hielt das Boot fest.

„Herunter mit dem Lappen, oder ich werfe euch ins Wasser!“

Einen Augenblick stand Leopold unentschlossen. Dann strömte eine rote Blutwelle in sein bleiches Gelehrtengesicht. Seine grossen blauen Augen schossen blitzende Pfeile, und ehe der riesige Arbeiter sich’s versah, traf ihn ein Faustschlag gegen den Arm, dass er laut aufheulend die Bootskette fahren liess und sich in schäumender Wut gegen Leopold wandte. Der warf unerschrocken die Kette los, schob das Boot vom Ufer ab und rief dem jungen Mädchen mit zuckendem Munde zu: „Auf Wiedersehn!“

Leicht sprang der Motor an. Und das rassige Fahrzeug kam vom Ufer ab. Aber seine Führerin hielt es in der Nähe, um ängstlich den Fortgang der Ereignisse zu verfolgen.

Der Wutgeselle warf sich jetzt mit seiner ganzen Wucht auf den schlanken Jüngling. Er hob die riesige Faust und wollte sie wie einen Schmiedehammer auf den Kopf seines Gegners niedersausen lassen. Im selben Augenblick wurde er zurückgerissen, und es kam Bewegung in die Menge.

„Was, du willst unsern Herrn Doktor schlagen, du Viechkerl! Warte nur, wir werden dir was!“

„Lasst ihn nur, Freunde,“ rief jetzt der junge Mann. „Ich werde schon allein mit ihm fertig. Wozu hat man denn Boxen gelernt?“

„I wo —“ Ein mächtiger Heizer schob sich zwischen die Kämpfenden. „Herr Doktor dürfen sich an dem Vieh nicht die Hände beschmutzen. Das ist einer von den landfremden Hetzern, die jetzt überall die Leute in den Werken aufputschen. Den überlassen Sie mir!“

Im nächsten Augenblick unterlief er den Mann, hob ihn hoch und trug den schweren Körper wie eine Feder davon.

„Den liefere ich sicher auf der Bahn ab.“

Mit lautem Lachen folgte die Menge, und bald war die Landungsstelle einsam.

Irma lenkte ihr Boot wieder näher heran. Man sah jetzt, dass ihr Gesicht totenblass war. Aber ein glückliches Lächeln spielte um ihren edelgeschnittenen Mund.

„Gott sei Dank, das war eine böse Lage.“

„O nein ... Unsere Leute hätten mich schon herausgehauen, wenn’s nötig gewesen wäre. Aber ich hätte mich ganz allein mit dem Bären auseinandergesetzt. Sie haben wohl Sorge um mich gehabt, Irma?“

Ein warmer Strahl der schönen Augen antwortete ihm.

„Sie wissen, ich bin ein Proletarierkind, und Art hält zu Art. Meine Arbeiter gehen mit mir durch, wohin ich sie führe. Mein Kopf und ihre Fäuste sollen dem kranken Deutschland Genesung bringen.“

„Seien Sie, bitte, recht auf der Hut, der Kerl rächt sich.“

„Lassen Sie ihn, ich bin vorbereitet.“

Langsam wendete das Boot gegen die Mitte des Sees und schoss dann mit Vollgas in die glitzernde Wellenwelt hinaus. Der Jüngling stand lange und schaute dem fliegenden Schwan nach, bis er hinter der vorspringenden Landzunge verschwand. In tiefen Gedanken ging er zum Ufer hinauf. — — —

Der stille Bruder des Tags hatte seine beruhigende Hand auf die gewaltige Fabrik gelegt, die seit dem Krieg hier in den weiten Waldungen der Rüdersdorfer Gemarkung entstanden war. Die Nachtschicht begab sich gerade auf ihre Posten; denn die Arbeit darf nicht ruhen. Freundlich grüssten die Arbeiter den jungen Gelehrten.

Unablässig wird der Stickstoff aus der Luft aufgefangen, in Ammoniakgas verwandelt und in Schwefelsäure eingeleitet, um auf diese Weise das wertvolle Stickstoffdüngesalz, den Ammonsulfat, zu gewinnen. Schon in der Kriegszeit war hier eine Stadt entstanden, die sich vom Kalksee tief in den Forst hineingezogen hatte. Unten am See hat sich fast nichts gegen früher verändert. Nur ein schmuckloser Bahnhof als Endpunkt der Fabrikbahn und ein Ladekai am Ufer. Von den waldigen Höhen grüssen noch immer die hübschen Villen, wo Berliner Grossstadtflüchtlinge ihre Sommertage verleben oder alte Rentner den Abendfrieden zwischen Blumen und Waldesodem geniessen.

Folgt man der Bahn, die sich durch einen Taleinschnitt windet, so gelangt man an ein sauberes Arbeiterdorf. Leopold ist jetzt in die erste Strasse eingetreten, und sein Auge fliegt mit freudigem Stolz weit voraus. Wie aus einer Spielzeugschachtel aufgestellt, reiht sich Häuschen an Häuschen mit Ziergärten davor und Nutzgärten dahinter, angelehnt an die schönen, pinienartigen Kiefern des Rüdersdorfer Forstes. Wieviel Reizvolles haben hier Heimatliebe und Volkskunst geschaffen! Jedes Ästchen der abgeholzten Kiefern ist verwendet worden. Da findet man Gartentore, Blumenbretter, Lauben und Laubenmöbel in geschmackvoller Anlage, zum Teil durch Kerbschnitt, zum Teil durch bunten Anstrich verziert. Klematisgitter und Glyzinienspaliere klettern an den Hausfronten hinauf, Rosen umziehen die Wände. Einige der besonders veranlagten Arbeiterkünstler haben aus dem Abraum der nahen Kalkberge phantastische Bauten in ihren Gärten angelegt: Kleine Geröllhalden, auf denen Edelweiss wächst, Grotten und Brücken, die mit seltenen Pflanzen geschmückt sind, kleine Seen mit Goldfischen, überall die sinnvolle Tätigkeit, der natürliche Geschmack des deutschen Arbeiters. Liebe zur Scholle, Seele des deutschen Volkes in einer Sprache, die zur höchsten Poesie geworden ist, weil sie den Ton der Natur in glückhafter Weise veredelt.

Das Arbeiterdorf.

Hier ist Frieden und Glück, Zufriedenheit und ein sozialer Wohlstand, wie er in der brausenden Grossstadt, im Hetzen nach fernen Arbeitsstellen, im Getöse von Streikversammlungen, politischen Zänkereien und in der Stickluft des Klassenkampfes unmöglich ist.

Auf den Gesichtern der Frauen und Männer liest Leopold mit tiefer Befriedigung Behagen und Freude am schönen Heim. Wie ein Urmotiv steht da über einem besonders liebevoll geschmückten Häuschen: „Klein, aber mein.“

Und erst die Kinder! Alles sauber und nett. Sonne in den deutschen Augen, Sonne in den deutschen Herzen!

Da sitzt eine Gesellschaft mit ihrem jungen Lehrer, dem Kantor Schmölke, unter einer prachtvollen Kieferngruppe, die auf dem sogenannten Marktplatz von dem Erbauer aus dem Forst gerettet wurde, auf Rundbänken aus Naturstämmen. Es sind zwar Ferien; aber der Kantor hat sich seine Kleinen doch zusammengeholt, und mit der Geige unter dem Arm spricht er ihnen einen Text vor, den sie singen wollen. Er hat ihn selbst gedichtet auf eine bekannte Melodie.

Leopold bleibt stehn und lauscht den Worten.

„Das Glück begegnet allen

einmal in dieser Welt,

und goldne Sterne fallen

vom hohen Himmelszelt.

Dann hat uns Gottes Güte

unendlich reich gemacht,

dann geht des Glückes Blüte

uns auf in einer Nacht.“

Jetzt haben sie es begriffen. Es schwingt sich die Melodie auf den Kinderstimmen in die würzige Abendluft des Walddorfes. An den Fenstern der Häuschen erscheinen die Köpfe der Eltern, die Türen öffnen sich, und heraus treten die Männer und Frauen. Sie stellen sich im Kreise um die kleinen Sänger und lauschen mit stillem Glück den einfachen Worten und Tönen des Liedes.

Wenn die Kinder schweigen, ist es, als ob ein Engel durch das Dorf ginge. Nur fernher von jenseits der Hügel klingt dumpf das Geräusch der Maschinen, der schwere Atem der gewaltigen Fabrik, die wie ein mächtiger Riese arbeitet, um allen Heimat und Unterhalt zu schaffen.

Weithin erstrecken sich die Anlagen, hochragende Schornsteine steigen in den dunkeln Abendhimmel. Ausgedehnte Förderanlagen und Rohrbrücken sind Nerven- und Blutbahn des Industriekolosses. Die Bauten für die Verwaltung und für die Laboratorien nehmen eine grosse Fläche ein. Strassenlang Werkstätten, Kesselhäuser und Silobauten gleich ungeheuren Luftschiffhallen. Eine Märchenwelt aus Tausendundeiner Nacht. Die Luft, die wir atmen, wallt und siedet blauflüssig in Eimern. Wunder über Wunder reiht sich an. Die Gasfabrik. Eine Stadt von Gasometern, eine wild leuchtende Hölle. Flammen und Dämpfe in allen Farben des Regenbogens, Russ und Staub und finstere Gestalten, den Kyklopen der alten Sage ähnlich, getreue Wächter, die den Elementen wehren, die hier von dem Riesengeist des Menschen in Fesseln geschlagen und gehorsam sind, die wie kosmische Raubtiere knurren und fauchen, aber nicht schaden können.

Wut und Kraft sind hier zum Segen des Menschengeschlechtes in feste Bahnen gelenkt. Ausbrechen darf keins der Höllentiere, der fahlen, feurigen, bunten Teufelsgespenster. Man glaubt im Innern eines Vulkans zu sein, wo es rast und brodelt und Feuer atmet, während die Menschlein mit ihren kleinen Händen unzerreissbare Ketten schmieden, an denen sie die Weltdämonen wie gut dressierte Pferde leiten.

Welch ein Riese ist der Mensch! Ihm ist gegeben alle Gewalt auf Erden. Welch ein Riese ist das deutsche Volk! Und es sollte ihm nicht gelingen, die furchtbare Tributschuld zu tilgen?

Wenn es einig wäre, einig im Geist, einig in der Arbeit. Wer sich selbst hasst, den hassen auch die andern.

Das waren die Gedanken des jungen Chemikers, Doktor Leopold Weltzer, die ihm durch den ideenreichen Kopf gingen, als er langsam dahinschritt, um sein Geheimlaboratorium zu erreichen, wo er noch eine wichtige Untersuchung abschliessen wollte.

Er war ein Proletarierkind. Sein Vater war Schiessmeister in der Fabrik, die nach dem kleinen Walddörfchen „Stickstoffwerke Hortwinkel“ hiess. Von früh an schon hatte der junge Geist Leopolds aufwärts gestrebt. In der Schule fiel er durch seinen Verstand, seinen Fleiss und seine Willenskraft auf. Nicht wie andere Kinder spielte er mit Soldaten, Murmeln und Tieren, sondern mit der Puppenküche seiner frühverstorbenen Schwester. „Er wird einmal ein Koch werden“, meinte sein Vater, der damals in gutbezahlter Stellung in einer chemischen Fabrik am Nonnendamm wirkte. Der Fabrikdirektor, Kommerzienrat Schönebeck, hielt grosse Stücke auf ihn, weil er gewissermassen das Bindeglied zwischen Leitung und Arbeiterschaft war. Als der Kommerzienrat sich eine Villa draussen in der Nähe der Fabrik baute, um nicht so viel Zeit mit dem Hin- und Herfahren zu verlieren, zog Weltzer als Hausmeister in die Souterrainwohnung, und so kamen die Kinder der beiden Familien mit einander in Berührung.

Walter Schönebeck und Leopold Weltzer wurden Freunde. Aber es war eine merkwürdige Freundschaft. Wenn man die beiden neben einander sah, so hätte man Leopold für den Fabrikantensohn, Walter für das Proletarierkind halten können. Leopold feingliedrig, leicht, mit grossen blauen Sehnsuchtsaugen, Walter hochhäuptig, robust, starkknochig, dazu wild und rauflustig. Er war stets zu dummen Streichen aufgelegt, dabei störrisch wie ein junger Hengst, ein Kreuz für Eltern und Lehrer.

Er gehorchte keinem Menschen, tat immer das Gegenteil von dem, was man von ihm forderte, und machte sich unnütz, wo es nur irgend möglich war. Niemand hatte Einfluss auf ihn, weder Vater noch Mutter, noch die jüngere Schwester, ein zartes Sonnenkind, das in die Welt hineinträumte, Märchen las und auf die Fee wartete, die bestimmt kommen musste, um den Prinzen zu bringen.

Nur Leopold konnte auf Walter wirken. Mit seiner stillen, sachlichen Art machte er Eindruck auf den kraftbewussten, unbändigen Buben. Er brauchte nur zu sagen: „Aber nicht doch, Walter!“, dann sah der grosse Junge seinen Spielgefährten mit seinen dunkeln Augen an und liess von seinen Streichen ab. Eigenartig, wie die beiden zusammenstanden! Sie wussten ihre innersten Gedanken von einander, ohne dass sie ein Wort zu sprechen brauchten, und Walter ordnete sich stets dem überlegenen Verstand Leopolds unter.

Kein Wunder, dass die Eltern sich dieses wohltätigen Einflusses häufig bedienten, und wenn sie bei ihrem Sohne etwas durchsetzen wollten, so steckten sie sich hinter Leopold. Das fing schon damals an, als Walter gewisse Speisen nicht essen mochte, oder ein warmes Kleidungsstück im Winter ablehnte. Dann griff der Proletariersohn ein. Er hatte nur nötig, das Essen gut und das Kleidungsstück notwendig zu finden, sofort war Walter gleicher Meinung. Dasselbe Spiel ging in der Geistesausbildung weiter. Der Kommerzienrat hatte sich Leopolds angenommen und den hochbegabten Jungen mit seinem Sohn gemeinschaftlich unterrichten lassen.

Walter war nicht dumm. Aber er hatte für ganz andere Dinge Interesse als für diejenigen, die ihm der Hauslehrer vortrug. Es schien ihm viel wichtiger, dem bescheidenen Kandidaten einen Papierzopf an den Rock zu stecken, als seine lateinischen Vokabeln zu lernen. Leopold half dann immer beruhigend und fördernd.

Mit den Jahren zeigte es sich, dass die Vorliebe für die Puppenküche seiner Schwester nicht auf den Beruf eines Küchenchefs hindeutete, sondern auf den eines Chemikers, überhaupt auf die Naturforschung, die Zerlegung der Dinge in ihre Bestandteile und die Änderung ihres Charakters durch die Mischung.

Schon im Gymnasium, in das beide Freunde nach gründlicher Vorbereitung eingetreten waren, zeichnete er sich in allen naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächern aus, während Walter mehr Neigung für Sprachen, für das Dialektische hatte. Als sie zur Universität gingen, stand es für Leopold fest, dass er Chemie studieren würde. Walter schwankte. Am liebsten hätte er sich den schönen Wissenschaften gewidmet; aber der alte Kommerzienrat drängte zum Rechtsstudium.

Grosse Fusionsgedanken waren in der chemischen Industrie Deutschlands lebendig, und ein tüchtiger Jurist darum viel wert. Walter sollte einmal die Stelle des Vaters einnehmen, und mit dem Freund zur Seite, der ein hervorragender Chemiker zu werden versprach, konnte er das vollenden, was der Vater begonnen: Den gewaltigen Industriekonzern, der den Weltmarkt überragend beherrschte.

Aber Walter wollte nicht recht einschlagen, während Leopold glänzend die Hoffnungen rechtfertigte, die man auf ihn gesetzt hatte.

Da war der Krieg gekommen. Und mit ihm ein völliger Umschwung im Charakter des jugendlichen Referendars. Der vaterländische Impuls hatte ihn machtvoll aufgerüttelt. Das verzweifelte Ringen des deutschen Volkes griff ihm ans Herz. Er sah Deutschland in seiner ganzen heroischen Grösse, und er tat mit, sowohl an der eistreibenden Bzura wie im glühenden pikardischen Staub. Er kämpfte und holte sich Wunden und Auszeichnungen.

Leopold, der seines zarten Körpers wegen nicht Soldat gewesen war, hatte sich im Stundenschlag der Mobilmachung als Kriegsfreiwilliger gemeldet. Anfänglich holte ihn der Bataillonsarzt zu seiner Unterstützung in der Apotheke heran; aber seiner Neigung entsprach mehr der Geist der Kampffront. Und als die ersten Gasgranaten unter dem Bruch des Völkerrechts vom Feinde angewandt wurden, öffnete sich für Leopold ein weites Feld der Tätigkeit. Er wurde von diesem Zeitpunkt an unentbehrlich, wo die Rohstoffe, vor allem der Salpeter, anfingen zu mangeln.

In jenen Tagen entstand als Kriegsnotwendigkeit die Fabrik Hortwinkel, um den Salpeter aus der Luft zu gewinnen. Und Leopold wurde als leitender Chemiker von der Heimat angefordert.

Dann kam all das Furchtbare: Waffenstillstand, Revolution, Chaos, Versailles. Der deutsche Arbeiter war zum Industriesklaven des Feindes geworden. Wilde Schlangenhäupter erhoben sich im Innern und hetzten deutsches Blut gegen deutsches Blut. Gierig richteten sich die Augen des Entente-Kapitalismus auf Deutschlands grosse Erfindungen. Salpeter aus der Luft, das war Kriegsbetrieb. Kommissionen über Kommissionen schnüffelten den kleinsten Winkel der Fabrik durch. Aber Leopold Weltzer, dem Kommerzienrat Schönebeck die Umstellung auf Friedensbetrieb übertragen hatte, schlug jeden Angriff ab. Mit einem freundlichen Lächeln und tadellosem Französisch führte er die Industriespione auf dem weiten Fabrikgelände herum, zeigte alles, was das Auge erreichen konnte; aber das Wichtigste bekam doch keiner zu sehen. Das ruhte in Retorten und Gläsern, brodelte in Destillierkolben oder schlug sich in Wasserbädern nieder. Es waren die zu Reaktionen oder chemischen Verbindungen gewordenen Ideen des jugendlichen Gelehrten.

Diese weitgreifenden Gedanken waren es, die die Stickstoffwerke Hortwinkel sich tiefer und tiefer in den Forst hineinwühlen liessen. Immer mehr schwoll die Industriestadt an, immer neue Bauten und Anlagen forderte Leopold. Und Walter, der die gesamte geschäftliche Leitung hatte, schaffte eine Million nach der andern herbei, damit der Freund sich ungestört entfalten konnte.

Walter war im Brausen des Weltkrieges weit über seine Jahre kühl und ernst geworden. Ein vollgereifter Mann. Wer die beiden im intimsten Gedankenaustausch belauscht hätte, der hätte seltsame Beobachtungen machen können. Walter war trotz allem ein Ästhet geblieben, selbst dann, wenn er die gewaltigsten Transaktionen durchführte; die Seele seines Wesens war nicht juristisch, wenn ihm auch von dieser Wissenschaft die Klarheit der Sprache und die Nüchternheit des Urteils gekommen waren. Die Seele seines Wesens war der Wirtschaftspatriotismus. Deutschland musste wieder an die erste Stelle in der Weltwirtschaft rücken. Aber zu diesem Zweck war es nötig, dass die politischen Kräfte der deutschen Arbeiterschaft in schöpferische Bahnen geleitet wurden. In dem Valuta-Elend der neuen Zeit war es unmöglich, die einfachsten Bedürfnisse zu befriedigen. Die wahre Erlösung der Menschen wird nur im Anschluss an die Mutter Erde erlangt. Der Ackerbau gibt alles, was wir brauchen. Wer den Ertrag des Ackers steigert, rettet Deutschland vom Untergang. Und Stickstoff ist die Seele des Ackers.

Oft hatte Walter mit Leopold darüber gesprochen, ob es nicht möglich wäre, die weiten Strecken unfruchtbaren Landes für die Kultur zu gewinnen. Und der junge Chemiker hatte geantwortet, dass darin die Lösung des Wiederaufbau-Problems liege. Wissenschaftlich sei es durchaus denkbar, toten Sand zu tragfähigem Boden umzubilden; aber vorläufig bestehe kein Bedürfnis, wenn wir nur erst so viel hochwertige Düngesalze produzieren könnten, um die ausgehungerten Äcker wieder zu sättigen.

Das war Leopolds Ziel.

Zweites Kapitel.

Kommerzienrat Schönebeck hatte sich auf den malerischen Hügeln von Grünheide ein Landhaus gebaut, das er im Sommer bewohnte, und er empfing dort gern Gäste. Heute war ein besonderes Fest zu Ehren eines spanischen Industriellen, der die Licenzen erwerben wollte, um eine grosse Schwesterfabrik in Spanien anzulegen, und zwar deshalb, weil dort ein wichtiger Rohstoff für die Stickstoffproduktion, der Schwefelkies, in fast unerschöpflichen Mengen vorkommt.

Walter war sehr kritisch diesem Gedanken gegenüber. Man schuf sich eine unnötige und vielleicht gefährliche Konkurrenz.

„Aber mein Junge,“ entgegnete der Kommerzienrat, „es ist die Sache des Juristen, die Verträge derart abzuschliessen, dass wir keinen Schaden nehmen. Wir können uns ja mit einer grossen Summe beteiligen. Jedenfalls haben wir durch diese Verbindung ein festes Kontingent von Rohstoffen zu erwarten. Ich habe alles eingehend mit dem Spanier besprochen. Es handelt sich nur darum, dass er den von dir aufgesetzten Vertrag unterschreibt, das andere ruht im Schosse der Zukunft. Wenn du ein Meister der Verhandlung bist, gewinnen wir bei der Aktion. Auf unsern Leopold kannst du dich jedenfalls verlassen. Gib ihm den festen Stützpunkt, und er hebt dir die Welt aus den Angeln. Er kommt doch heute abend bestimmt?“

„Ich habe ihn noch einmal ausdrücklich daran erinnert, aber du kennst ihn ja, wenn er in seinem Geheimlaboratorium arbeitet, vergisst er die Welt um sich her.“

„Auch Irma?“

„Ich glaube, auch sie.“

„Nun, dann rate ich dir, fahre sofort wieder nach der Fabrik und bringe ihn tot oder lebendig hierher. Wir brauchen ihn nötiger als jemals. Der Spanier ist Chemiker, hat fünf Jahre in Deutschland studiert, und ohne Leopold sind wir ihm nicht recht gewachsen.“

Eben waren die ersten Gäste angekommen, und der Kommerzienrat wurde abgerufen. Es waren zwei Grossgrundbesitzer aus der Mark mit ihren Damen, die ein entscheidendes Wort in der deutschen Landwirtschaft zu sprechen hatten: Herr von Molkwitz sass bei Königswusterhausen, und Herr von Blossin hatte sein prachtvolles Rittergut in der Nähe des Wolziger Sees. Beide waren im Automobil herübergefahren.

„Es freut mich herzlich, dass ihr da seid. Der weite Weg ... Nun lassen wir euch auch so bald nicht fort.“

Der Kommerzienrat küsste den Damen ritterlich die Hand und reichte dann den Herren die Rechte.

„So bald nicht,“ meinte Molkwitz. „Es wird um drei Uhr schummrig, und vorher fahren wir bestimmt nicht nach Hause. Was meinst du, Mutter?“

Er strich seinen prachtvollen, eisengrauen Vollbart und richtete sich zu seiner ganzen Gardehöhe auf.

„Ich deute, es ist nur Geschäftliches zu besprechen. Und die Kommerzienrätin wird sich sehr bedanken, bis zum Morgen aufzubleiben.“

„Aber da kennen Sie mich schlecht,“ liess sich jetzt die liebe Stimme der Dame des Hauses hören, die eben eingetreten war und ihre Gäste begrüsste.

„Frau von Molkwitz, Frau von Blossin, herzlich willkommen! Lassen Sie die Herren nur ihre Geschäfte besprechen und ihre dicken Zigarren qualmen. Wir Damen machen indessen ein kleines Nickerchen und trinken dann unsern Kaffee auf der Veranda. Ich habe schon für alles gesorgt. Aber wo ist denn Irma?“

„Ich wundere mich, dass sie noch nicht da ist, die Wasserratte. Sie wollte mit ihrem Motorboot kommen und fuhr zwei Stunden vor uns ab.“

„Wenn ihr nur nichts passiert ist“, meinte ängstlich Frau von Blossin.

„Hat sie trotz des unangenehmen Zwischenfalls in der vorigen Woche doch noch Mut?“ fragte die Kommerzienrätin.

„Die Irma fürchtet sich vor dem Teufel nicht,“ warf Blossin stolz ein. „Der alte Trotha hat sie gestern zum Kapitänleutnant befördert. Die weiss ihren Kahn zu führen. Sie kommt schon ’ran. Seht ihr, da ist sie schon!“

In diesem Augenblick trat Irma in den Salon.

Und es war, als ob die Kristallkronen mit einem Male heller leuchteten, so ein strahlendes Licht ging von ihren schimmernden Augen aus.

Ein freudiges Begrüssen.

„Wo ist denn die Jugend?“ fragte sie, jedem der alten Herren mit einem kräftigen Seemannsgriff die Hand drückend.

„Hilde ist auf ihrem Zimmer, und Walter ging noch einmal nach der Fabrik. — Kommen Sie, Kind, nehmen Sie mit uns alten Damen vorlieb.“

„Aber gern!“

Und sie setzte sich neben die Kommerzienrätin. Doch sie hatte nicht lange Ruhe, sprang wieder auf, und mit einem kurzen: „Ich werde Hilde aufstöbern!“ verliess sie den Salon.

Draussen fuhr ein Automobil vor, das die Berliner Gäste von der Station Fangschleusse abgeholt hatte. Es war der Spanier Moreto y Gyl und sein Nechtsbeistand, Justizrat Bitter. Auch Irma von Blossin kam Arm in Arm mit der Tochter des Hauses zurück.

„Nun könnten wir zu Tisch gehen, wenn die beiden jungen Herren nicht fehlten.“

„Ich glaube, wir warten nicht auf sie,“ meinte die Kommerzienrätin. „Du weisst, wenn Leopold in seinem Laboratorium steckt, ist kein Verlass auf sein Kommen.“

„Wie du denkst, Liebste ... Dann also zu Tisch.“

Frau Schönebeck hatte mit ihrer Voraussetzung recht; denn als Walter in Leopolds Geheimlaboratorium trat, sass der junge Chemiker vor seinen Retorten und Gebläsen. In weltverlorener Beobachtung der kochenden, zischenden Flüssigkeiten, die in allen Farben leuchteten.

„Aber Leo, du bist ja immer noch nicht fertig! Du weisst doch, dass du heute abend eingeladen bist.“

„Wahrhaftig, das hätte ich beinah vergessen.“

„Beinah ist gut. Nun mach aber schnell!“

„Noch eine Viertelstunde musst du mir schenken. Die Herrschaften gehen ja doch ohne uns zu Tisch und —“

„Irma von Blossin ist da. Ich sah gerade ihr Motorboot am Seepavillon landen.“

Ein leuchtendes Rot ging über das feine, durchgeistigte Gesicht des jungen Gelehrten. Aber seine Augen hafteten auf der grossen Retorte, die über der Gasflamme ruhte.

„Was kochst du denn wieder da, alter Junge? Es muss etwas ganz Bedeutendes sein, da du höflicher und korrekter Mensch die Einladung deines Generaldirektors vergessen hast.“

Leopold Weltzer sah seinem Freunde ernst und gedankenvoll in die Augen.

„Du sollst der erste sein, der die grosse Neuigkeit erfährt. Du kennst unser Verfahren oberflächlich, wie ein Jurist in die Geheimnisse der Natur einblicken kann. Du weisst, dass wir den Stickstoff aus der Luft saugen und in Ammoniakgas verwandeln. Wir vermischen ihn dann — ich spreche populär zu deinem gesunden Menschenverstand — mit Schwefelsäure und erhalten so ein wertvolles Düngesalz, die Seele der Pflanzennahrung. Aber die Sache hat einen Haken. Schwefelsäure gewinnen wir aus Schwefelkiesen auf sehr kostspieligem Wege. Dazu müssen wir den Rohstoff einführen und mit Gold bezahlen. Wenn wir nun dem Spanier, wie dein Vater und der Aufsichtsrat wollen, heute eine Licenz verkaufen, so wird die spanische Fabrik uns sehr bald überflügeln, da sie die Rohstoffe fast umsonst erhält; denn sie liegen nebenan in der Erde.“

„Das macht doch nichts, wenn wir uns gross an dem Geschäft beteiligen.“

„Lass mich mit der Beteiligung in Ruhe. Die Spanier werden ihre Aktien nicht lange behalten. Englisches, vielleicht französisches Kapital drängt sich ein, und wir sitzen draussen.“

„So bist du also gegen diese Transaktion?“

„Seit einer Stunde nicht mehr. Nur lass dir die Millionen in Devisen zahlen und gehe auf keine hohe Beteiligung ein.“

„Aber dann haben wir doch nichts zu sagen.“

„Brauchen wir auch nicht. Wir brauchen heute nur das Gold des Spaniers.“

„Du sprichst in Rätseln, für mich in Rätseln. Du wirst sie sicher schon gelöst haben.“

„Ich will mich kurz erklären. Es war nötig, uns von dem teuren Rohstoff freizumachen.“

„Mensch! Junge! Freund! Und das ist dir gelungen?“

Der Gelehrte nickte schweigend.

„Ja, dann hast du ja Amerika von neuem entdeckt! Dann bist du der grösste Deutsche unserer Zeit! Dann rettest du unser Vaterland!“

Und stürmisch umarmte Walter den Freund.

„Komm mit, wir wollen es dem Vater mitteilen. Heute ist ein hoher Festtag. Ich habe es ja immer gesagt, Deutschland wird sich selbst und die Welt erlösen durch den hochfliegenden Geist der germanischen Schöpferkraft. Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!“

„Höre doch erst, du weisst ja noch garnichts.“

„Wenn du es weisst, genügt es mir. Du bist kein Projektenmacher und Flausenhuber, du bist mein alter Leo! Das sagt für mich alles und genug.“

„Aber so höre doch. Hier auf dem Tisch ruht das ganze Geheimnis.“

„Also sprich, ich verstehe ja doch nichts davon.“

„Das verstehst du: Um von den Schwefelkiesen loszukommen, musste ich nach einer anderen Verbindung suchen, in der die wertvolle Säure enthalten ist, und da verfiel ich auf eine Verbindung mit Kalk, nämlich den Gips, den wir in Deutschland überreichlich besitzen. Ich habe ihn zunächst mit Wasser aufgeschlämmt. Dann habe ich unser Ammoniakgas zugleich mit Kohlensäure hineingeleitet, und es entstand kohlensaurer Kalk mit schwefelsaurem Ammoniak. Und das ist unser Düngesalz. Hier in dieser Retorte siehst du die Verbindung.“

„Aber wie bekommst du unser Salz rein?“

„Ganz einfach. Der kohlensaure Kalk ist unlöslich, ich kann ihn daher durch Filtration aus der Ammoniaksulfatlösung entfernen, dann gewinne ich durch Eindampfen und Abschleudern unser hochwertiges Düngesalz.“

„Im Laboratorium ...?“

„Und im Grossbetrieb ... Nun aber kommt die Hauptsache. Und die ist entscheidend für unser Abkommen mit dem Spanier. Ich habe heimlich die Gegend der Rüdersdorfer Kalkberge untersucht und unerschöpfliche Gipslager festgestellt, die sich bis auf unser Fabrikgelände erstrecken.“

„Mensch, du machst meinen Verstand stillestehn!“

„Nur nicht! Dein Verstand muss arbeiten. Hart und klug arbeiten; denn es gilt den uns noch fehlenden Grund und Boden unauffällig zu erwerben, dann eine Gipsmühle zu bauen und eine Feldbahn anzulegen. Wir müssen unsern ganzen Betrieb umstellen, und dazu brauchen wir die Goldmillionen des Spaniers. Ein Geheimnis, das noch hier in den Retorten liegt, verkaufen wir ihm nicht, weil es vorläufig noch mein geistiges Eigentum ist.“

„Und das ist alles unantastbar sicher?“

„Sicher, weil es einfach ist, so einfach, dass es jeder Student der Chemie im dritten Semester nachmachen kann.“

„Dann wird es auch jeder nachmachen.“

„Wenn ich es ihm erkläre. Es sind einige neue Gedanken in Wirksamkeit getreten, die Geheimnis bleiben, und dann wird uns das fabrikatorische Verfahren geschützt. Es kommt aber noch etwas anderes hinzu: Ich musste darauf denken, der Landwirtschaft den unschätzbaren und heute unerschwinglich teuren Chilesalpeter zu schaffen.“

„Und das ist dir auch gelungen?“

„Vollkommen.“

„Wie hast du denn das fertiggebracht?“

„Nichts einfacher als das.“

„Ja, deinem Genie.“

„Rede nicht so, das beschämt mich. Es ist wirklich keine Hexerei gewesen. Chilesalpeter ist weiter nichts als unreiner Natronsalpeter. Ich brauchte also nur unsern Ammoniakstickstoff umzuwandeln, das heisst, ich habe ihn einer Art Verbrennung unterzogen. Unser Ammoniakgas mit Sauerstoff zu nitrosen Gasen verbrannt, oder wie wir Chemiker sagen, oxydiert. Durch Verbindung mit Wasser entsteht Salpetersäure. Bringt man diese mit Sodalösung zusammen, so gewinnt man ohne weiteres Natronsalpeter, wie ich schon sagte, das gleiche chemische Produkt wie den Chilesalpeter; nur ist unserer weit reiner, als ihn die Natur liefert. Auf dieser Gedankenleiter kann ich immer weitergehn, um schliesslich den Hunger des Erdbodens nach all seinen Nährmitteln zu befriedigen.“ Und nun wurden seine Augen gross und blickten prophetisch in die Ferne: „In einigen Jahren gibt es in Deutschland kein Ödland mehr. Des Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse, die sandbedeckte Brust unserer Mark, wird zur segenspendenden Mutterbrust glücklicher und zufriedener Menschen. Und dann wird auch die Zeit gekommen sein, wo du die Ideen deines sozialen Christentums in die Tat umsetzen kannst, wo das Proletariat erlöst wird von Hetzern und Verführern, wo es vom Internationalismus geheilt ist und sein Deutschland lieben wird als das Land, da Milch und Honig fliesst.“

„Wenn ich das noch einmal erleben könnte!“

„Du wirst es erleben! Du wirst leuchtende Augen und dankbar erhobene Hände in den Versammlungen sehen, wo jetzt der wüste Wutschrei gegen Kapitalismus und Ausbeutung schrillt.“

„Komm, komm, mein einziger Leo! Es ist mir zu eng in deinem Laboratorium. Trotzdem du hier eine neue Welt erbaut hast: Die Welt der Versöhnung und Zufriedenheit. Komm hinüber zu den Unsern, zu Irma! Sie wartet auf dich. Nur auf dich. Und sie ist deiner wert. Gross und einzig ist sie.“

„Die Herrentochter und der Proletariersohn?“

„Mach mich nicht böse, Leo ... Ich spreche anders: Das deutsche Mädchen und der deutsche Jüngling.“

„Du bleibst immer der liebe Träumer, der weltfremde Ästhet. So was zu denken habe ich noch nie gewagt.“

„Auch nicht, es zu träumen?“

„Meiner Träume bin ich nicht Herr.“

„Es ist eine neue Zeit.“

„Ja, du hast recht. Aber auch in der neuen Zeit wird es sein, wie es in jeder Zeit war. An der Natur des Menschen ändert die Zeit nichts. Es werden auch in der neuen Zeit hoch und niedrig, reich und arm, Ritter und Knecht sein. Das ist ein ewiges Gesetz.“

„Aber das Genie baut diamantene Brücken über die trennenden Abgründe.“

„Jawohl, das Genie.“

Und Leopold lächelte fein und ungläubig. Er teilte nicht die vollmundige Schwärmerei des Freundes. Er war bescheiden. Genie ...? Ach Gott, wie weit war er davon entfernt! Friedrich der Grosse, Schiller, Bismarck und ... Jesus? ... Nein, der stand über jeder menschlichen Bewertung. Er war der zur höchsten Persönlichkeit erhobene Weltgrund, oder so ähnlich sagte Wilhelm Wundt. Genie in Verbindung mit ihm, mit Leopold Weltzer, dem kleinen Stickstoffchemiker? Wieder lächelte er still in sich hinein.

„Nun versinne dich nicht wieder. Ziehe dich an und komm! Wir holen uns sonst wirklich den ernsten Tadel meiner alten Dame.“

„Du hast recht wie immer.“

Er löschte alle Flammen unter den Retorten, deckte sorgfältig die Mischungen staubdicht ab, drehte das Licht aus und folgte dem voranschreitenden Freunde. Nachdem er die Tür umständlich verschlossen, rief er den im Gange harrenden Wächter heran.

„Ich bin beim Herrn Kommerzienrat in Grünheide. Rufen Sie mich sofort an, wenn das Geringste passiert.“

Man war in Hortwinkel vorsichtig geworden. Die masslose Handelsspionage der Entente gebot es; und in Leopolds Laboratorium wurden Geheimnisse bewahrt, die viele Millionen, vielleicht Milliarden wert waren. Darum wurde der Korridor, auf den die Laboratorien mündeten, Tag und Nacht bewacht.

Der junge Chemiker wohnte in einem kleinen Häuschen, ähnlich denen des Arbeiterdorfes, dicht am Wald, aber noch innerhalb der Fabrikmauern. Seine alte Haushälterin sass vor der Tür und genoss den köstlichen Juliabend. Die Kiefern atmeten leise, und ihre Nadeln knisterten, wenn sie die Hitze des Tages ausströmten. Hin und wieder raschelte ein Kienzapfen zu Boden. Der Sand duftete echt märkisch, und von dem nicht allzu fernen See kam es wie ein blauer Lebenshauch herauf. Eine Geige sang im Arbeiterdorf, es war die des Lehrers, eine schwerblütige Melodie von Hugo Kaun. Dazu klang der geheimnisvolle Bass der Maschinen, die auch in der Nacht ihre unablässige Arbeit taten.

Leopold beeilte sich mit seiner Toilette, und Walter, der viel auf das Äussere gab, musterte ihn mit kritischem Blick. Jener liess es lächelnd geschehen, dass der Freund ihm die Krawatte besser band, hier strich und da glättete, bis er ihn endlich tiptop fand.

„Ein bedeutender Mensch muss in allem tadellos sein, auch im Anzug. Die Zeit, da die Genies in Schmierstiefeln und mit bekleckertem Samtrock in die Gesellschaft gingen, ist vorbei. Wir mögen das nicht mehr. Unsere seelischen Fühlfäden haben sich merkwürdig verfeinert. Als in Dänemark der erste radikale Minister im Schlapphut und Sackanzug seinen Antrittsbesuch beim König machte, hielt er das für eine Genialität. Es war aber weiter nichts als eine Ungezogenheit. Und dass Lenin rückständig war, siehst du daran, dass er in einem feierlichen Augenblick im ungebügelten Anzug mit weichem Kragen vor seiner Volksversammlung erschien. Die Höhe der Geisteskultur muss sich auch in der Körperkultur ausdrücken, und unsere neuen Regierungsleuchten sondern sich durch feine Anzüge und Lackschuhe auffallend von ihren Genossen ab. Das nennt man Gleichheit. Als einer von ihnen in der Zeit härtester Not an einer Schlemmertafel gefunden wurde, antwortete er einem ironischen Ausfrager, wie er sich vor seinen darbenden, Polonäse stehenden Genossen rechtfertigen würde: ‚Ja, lieber Freund, würde ich sagen, das ist die Volksküche des Zukunftsstaates.‘“

„Ich bin ein Proletarierkind —“

„Aber ein Aristokrat des Geistes! Das Genie hat keine Klasse.“

„Du sollst das nicht sagen. Ich will das nicht hören. Ich gebe nur das zurück, was des Ewigen gütige Hand in meinem Geistesleben vorbereitet hat.“

„Das ist ja gerade das Grosse.“

Am Ausgangstor der Fabrik wartete der Kraftwagen des Kommerzienrats. Die Freunde stiegen ein, und fort ging es in sausender Fahrt.

Man musste einen kleinen Umweg machen, bis man in der Siedlung Rüdersdorfer Grund auf die gute Strasse nach Rüdersdorf abbiegen konnte, um dann in den schweigenden Forst einzulenken.

Die prachtvolle Nacht lag schlummernd unter den hohen, schönen Kiefern, und sie schreckte nicht auf, wenn die glühenden Augen des Automobils sie trafen. Der Weg war sandig und ging durch hügeliges Gelände. Da beschrieb Leopold mit seiner rechten Hand einen weiten Kreis.

„Hier werden in einigen Wochen weite Gipsbrüche entstanden sein. Tausende von Arbeitslosen werden hier Brot finden.“

„Und bist du auch deiner Sache ganz sicher?“

„In Fragen, die ich selbst nicht wissenschaftlich beherrsche, verlasse ich mich nie auf die eigene dilettantische Untersuchung, sondern ich ziehe den besten Fachmann heran, den ich bekommen kann. Mein Freund Wicker, der Bezirksgeologe, hat ganz insgeheim den Boden durchforscht und das ganze Hügelgebiet mit Gips unterlagert gefunden. Es ist schöner Steingips, oft alabasterartig. Schade, ich hätte dir die Kristalle zeigen können.“

„Wie kommt es, dass bisher niemand die Entdeckung gemacht hat?“

„Beinah in allen deutschen Gebirgen haben wir genügend Gips. Es ist kein Bedürfnis, neue Lager aufzusuchen. Ausserdem liegt er hier zum grössten Teil unter der Bauernheide, und du kennst ja unsere konservativen märkischen Bauern zur Genüge. Bis die sich herbeilassen, ihren Wald zu unterwühlen, da muss schon ein Wunder geschehen.“

„Ich sehe schon, es wird ein schweres Stück Arbeit werden, den Grund und Boden zu erwerben.“

„Leicht ist es nicht. Aber ich vertraue deinem diplomatischen Geschick. Sei klug ... Mit Geld kannst du den ländlichen Besitzern nicht imponieren. Gründe eine Aktiengesellschaft ‚Gipswerke Rüdersdorf‘, hetze ihnen den Teufel Spekulation auf den Hals —“

„Aber Leopold!“

„Ja, der Zweck heiligt die Mittel. Die Rettung des Vaterlandes darf nicht an kleinlichen Rückständigkeiten scheitern. Die Zeit drängt. Morgen zeige ich dir die geologischen Befunde. Wicker hat eine sehr übersichtliche Karte im grossen Massstabe angelegt, an der du alles erkennen kannst. Dann muss die Arbeit beginnen. Es ist die grösste Aufgabe, die wir dir bis heute gestellt haben. Löse sie restlos.“

Walter reichte dem Freunde die Hand. — In diesem Augenblick fuhr der Kraftwagen in den Hauptweg zum Landhaus des Kommerzienrats ein und machte vor der schönen Freitreppe kurz halt.

Drittes Kapitel.

Leopold Weltzer wurde mit freudigem Zuruf und Scherzworten empfangen. Man sah wohl, dass er sehr beliebt in der Gesellschaft war. Alles Lehrhafte und Weltfremde hatte er jetzt abgestreift und gab sich ganz als der guterzogene junge Mann, der sich in nichts von den Herren seiner Kreise unterschied. Nur die feinen Züge, die denkerische Blässe seines Gesichtes und die hellbrennenden blauen Forscheraugen verrieten das reiche Gedankenleben hinter der edelgewölbten Stirn.

Die Dame des Hauses wies ihm seinen angestammten Platz neben Irma von Blossin an, die ihn mit einem kameradschaftlichen Händedruck empfing. Links von ihm sass Bettina, die Tochter des Hauses.

Das Verhältnis der beiden war ganz geschwisterlich. Sie hatten einander sehr gern. Aber wie das so häufig im Leben zweier Menschenkinder ist, sie standen sich viel zu nahe, als dass ein Liebesgefühl bei ihnen hätte aufkommen können. In der Kinderzeit waren sie eng verbunden gewesen, hatten die Schuljahre zusammen verbracht, und geistig floss so viel verwandtschaftliches Blut in ihren Adern, dass sie eben wie Geschwister wurden. Der Gedanke an Liebe war ihnen nie gekommen.

Leopold hatte keine Schwester. Überhaupt kein weibliches Wesen, mit dem er sich hätte aussprechen können. Seine Mutter? ... Ja ... Die Frau des Schiessmeisters war eine einfache Frau aus dem Volke, die ihren studierten Sohn bewunderte und verehrte und von jeher keine andere Sorge gekannt hatte als sein körperliches Wohl. Aber die feinen seelischen Schwingungen zu begreifen, das war nicht ihre Sache. Der in die höhere Gesellschaft aufgestiegene Proletariersohn musste eine reiche Frau haben, das war das mütterliche Urteil über das Wesen seiner Zukunft. Und wohl manchmal hatte sie an Bettina gedacht, wenn sie den freundschaftlichen Verkehr der beiden beobachtete. Aber Leopold hatte sie ausgelacht.

Wäre sie in der Gesellschaft gewesen, in der ihr Sohn verkehrte, so hätte sie andere Ansichten bekommen. Dort sah man Leopold Weltzer und Irma von Blossin bereits als zusammengehörig an. Niemals gab man Leopold eine andere Dame als Irma und niemals Irma einen anderen Kavalier als Leopold.

Der alte Blossin hatte den genialen Gelehrten besonders ins Herz geschlossen. Er war eine wissenschaftliche Natur und erst sehr spät zur Landwirtschaft gekommen. Ursprünglich Soldat. Als Junker war er beim Leibregiment in Frankfurt a. d. O. eingetreten und dort bis zur Kriegsakademie und zum Generalstab geblieben. Aus dem Generalstab kam er als Bataillonskommandeur wieder zu den Leibern. Aber es war nichts Rechtes mehr. Es hatte Unstimmigkeiten mit dem Regimentskommandeur gegeben, und Blossin war kurzerhand gegangen, um am Wolziger See seinen Kohl zu bauen.

In der Armee war man sehr überrascht. Dass ein so gut empfohlener, hochbefähigter Offizier ohne weiteres abgehen konnte, begriff kein Mensch. Gewiss, Blossin war immer ein Sonderling gewesen, ein Gelehrter, der all sein Geld in Büchern anlegte und schon auf der Akademie durch umfassende Kenntnisse verblüfft hatte. Aber auch für solche Offiziere ist Raum und Betätigungsfeld. Man verstand ihn nicht. Nur sein alter Freund Molkwitz wusste Bescheid. Er hatte zur selben Zeit, da Blossin Junker gewesen, im Leibregiment sein Jahr abgedient, und in den Leutnantsjahren, wo Molkwitz seine Pflichtübungen machte, waren die beiden Freunde geworden. Das hatte sich um so leichter gefügt, als ihre väterlichen Güter nahe bei einander lagen.

Molkwitz hatte damals, als der Konflikt mit dem Regimentskommandeur offen ausbrach, zu Blossin gesagt:

„Du bist kein Befehlsmensch, Radko. Naturen wie du werden dem äusseren Druck immer unterliegen. Und der Alte kann dir überall beikommen, denn du bist eben kein Frontsoldat und auch kein Bataillonskommandeur. Du wirst einmal ein Heerführer werden. Aber heute musst du dich dem Kleinen, rein Äusserlichen unterordnen. Dein Geist stösst sich an der rauhen Wirklichkeit. Anzug, Gewehrriemen, Einzelmarsch, Unteroffiziere, — darüber kommst du nicht weg. Das sind Dinge, die dir nicht liegen.“

„Was soll ich also tun?“

„Wenn man ein Mustergut wie Blossin hat, legt man den Degen aus der Hand und dient dem Vaterland als Bauer. Da kann man unter Umständen mehr nützen, als wenn man Armeen befehligt.“

Blossin nickte nur. Sagte kein Wort und reichte seinen Abschied ein. Es gab zwar eine Auseinandersetzung mit dem Obersten, dem die Begründung des Abschiedsgesuches nicht passte, aber Blossin bestand auf seinem Schein. Er hatte nämlich geschrieben, dass er an seiner Begabung zum Soldaten zweifle, da er von seinem Vorgesetzten in allen Dienstverrichtungen getadelt werde.

Das Abschiedsgesuch machte Aufsehen. Blossins Freunde legten sich beim Militärkabinett für ihn ein. Aber der Chef sagte trocken: „In der preussischen Armee hat der Vorgesetzte recht, und wenn Blossin im praktischen Dienst versagt, ist er eben kein so tüchtiger Offizier, dass man ihn halten müsste.“

So war er gegangen. Als das Urteil des Kabinettchefs ihm bekannt geworden, hatte er seinen Freunden ganz ruhig erklärt: „Er hat recht. Warum soll für mich eine besondere Wurst gebraten werden? Ich unterschreibe jedes Wort. Ein Offizier, der nicht in allen Zweigen des Dienstes tüchtig ist, soll sich einen Zylinder kaufen.“

Das Bücherlesen und die Beschäftigung mit den Wissenschaften waren ihm geblieben. Das hatte er mit nach seinem Rittergut genommen. Und als er mit Leopold Weltzer bekannt wurde, zog ihn dessen hochgeistige Persönlichkeit machtvoll an. Er sah in ihm die Zukunft des niedergebrochenen Deutschlands; denn er war der Meinung, dass nur eine grosse Geistestat das Vaterland retten könne. Aber eine Geistestat, nicht im Sinne des Volkes der Dichter und Denker, nicht eine Entzifferung alter Inschriften oder die Entdeckung verlorener Lautgesetze, nicht der Aufbau eines neuen philosophischen Systems, sondern eine Geistestat, die uns frei macht von der Abhängigkeit anderer Völker, die so gewaltig ist, dass die ganze Welt als Bittsteller vor den Toren Deutschlands steht, um teilzuhaben an dem Grossen, das aus deutschem Hirn und Herzen geboren wurde.

Es war oft an stillen Winterabenden gewesen, dass die beiden Männer so verschiedenen Alters vor dem breitbrüstigen Kachelofen sassen, in dem der Torf des Blossiner Moors sich in behagliche Wärme verwandelte, und über diese Erlösung Deutschlands sprachen.

Irma war meist im Zimmer anwesend und ruhte, die Hände im Schoss gefaltet, den Blick sinnend auf der weissen Bärendecke, in der ihre kleinen Füsse wühlten.

Sie sprach selten mit. Sie lauschte nur, wenn die Männer schwärmten.

Die leise sympathische Stimme Leopolds berührte ihr Herz wie Liebesmusik, und sie gab sich ganz dem süssen Zauber hin.

„Das Leben kämpft gegen die Vernichtung durch die Masse. Wer die Masse hat, dem gehört die Zukunft der Welt.“

Herr von Blossin schüttelte den Kopf: „Die Masse will nicht mit uns gehen. Die Masse ist urteilslos.“

„Wir haben nur bis heute nicht versucht, sie zu gewinnen?“

„Weil sie uns steinigen, wenn wir zu ihnen kommen.“

„Ich glaube es nicht. Wir müssen ihnen nur das rechte Herz entgegenbringen. Bisher haben wir den Fehler gemacht, ihnen Versöhnung der Klassengegensätze zu versprechen. Daran glaubt heute kein Mensch mehr. Wir müssen dahin kommen, dass es keine Klassengegensätze mehr gibt.“

„Ein Weltgesetz, das auch Sie, Doktor, nicht ändern werden.“

„Wenn es ein Weltgesetz wäre, hätten Sie recht. Aber es ist keins.“

„Oho, mein junger Freund! Sie wollen die Welt auf den Kopf stellen und uns dann erzählen, das wäre ihr natürlicher Zustand.“

Irma horchte auf. Ihre tiefen Augen ruhten mit einem Ausdruck von Sehnsucht und Sorge auf dem Gesicht des im Stillen so heiss geliebten Gelehrten:

„Ich glaube, dass Sie etwas sehen, was uns entgeht, Leo.“

Schon seit einiger Zeit nannten sie sich beim Vornamen, und die Eltern sagten nichts gegen diese vertrauliche Form.

„Nein, das muss jeder Mensch sehen. Die ganze Natur ist voller Gegensätze. Im Kampf ums Dasein ist der Mord Gesetz. Und doch herrscht überall die grösste Harmonie. Farbengegensätze, so schrill und schreiend, dass sie im Bilde das Auge beleidigen würden, finden Sie auf jeder Sommerwiese. Aber dort erscheinen sie schön. Und warum?“

„Ja, warum?“ träumte Irma in sich hinein, und Herr von Blossin stiess dicke Wolken aus seiner schwarzen Dannemann.

„Weil der ewige Weltwille die grosse Versöhnung der Gegensätze in der Befriedigung aller Bedürfnisse schuf.“

„Das also wäre der archimedische Punkt.“

„Das allein.“

Diese Gedanken kehrten in allen Gesprächen der Freunde wieder. Und auch heute bei der Tafel in Grünheide war das Leitmotiv die Lösung der sozialen Frage, wie der schlichte Molkwitz es schlagwortartig ausdrückte. Der spanische Gast lächelte überlegen.

„Darf ich als Ausländer auch ein Wort dazu sagen?“

„Aber bitte“, stimmte der Kommerzienrat zu.

„Nun denn. Wenn Deutschland erst wieder ganz in den Schoss der katholischen Kirche zurückgekehrt ist, dann ist die soziale Frage gelöst.“

„Auf dem Wege der Inquisition“, warf Blossin boshaft ein.

„Inquisition war einmal. Heute nennt man es —“

„Handelsspionage“, knurrte Blossin von neuem.

„Ich wollte sagen: Gemeinschaftsgefühl“, fuhr der Spanier fort, ohne sich gekränkt zu zeigen. „Gemeinschaftsgefühl ist der Sieg der katholischen Kirche, glauben Sie mir. Was man in der Welt Sozialismus nennt, ist nichts anderes als das Gemeinschaftsgefühl.“

Ein merkwürdiges Lächeln sprang in Leopolds Gesicht. Irma sah es. Sie legte ungesehen von der Gesellschaft begütigend ihre Hand auf seinen Arm.

Ein heisser Blutstrom schoss ihm zum Herzen. Er fühlte die Warnung des geliebten Wesens und blickte zu seinem Freunde Walter hinüber, der ihm drohende Augen machte. Es schwirrten ungesprochene Worte um seine Ohren; jeder, der ihm befreundet war, sprach im Geiste mit ihm. Und er verstand alle. Sie wollten, er solle dem Spanier nicht widersprechen. Ihn nicht vergrämen, weil man ein grosses Geschäft mit ihm zu machen im Begriff war. Er solle die Brücke nicht sprengen. Darum dämmte er den Strom zurück, der aus seiner Seele hervorbrechen wollte, und liess nur ein kleines, bescheidenes Wortbächlein rinnen:

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