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Fedor von Zobeltitz

Drei Mädchen am Spinnrad

Ein Roman von glücklichen Leuten

Inhaltsverzeichnis

Ein Roman von glücklichen Leuten

Drei Mädchen am Spinnrad

Impressum

»Drei Mädchen sitzen am Spinnrad des Glücks

Und spinnen, spinnen, spinnen ...«

Drei Mädchen am Spinnrad

In friedvolleren Tagen stand weit draußen vor den Toren ein Komplex von einander völlig gleichen eintönigen Baulichkeiten: da herrschte die Landwehrbezirksinspektion.

Ein offenes Automobil fuhr an einem schönen Märzmorgen mit sichtlichem Zögern die Front dieser großen roten Häuser entlang. Der Chauffeur schien nicht recht zu wissen, wo er halten sollte; er äugte umher, um die Nummern über den Portalen erkennen zu können, brummte etwas Unverständliches vor sich hin und wandte sich endlich fragend nach rückwärts:

»Wo denn nu? Gebäude eins, zwei oder drei?«

Die Damen, die sich im Fond des Wagens gegenübersaßen, schienen sich darüber aber selbst nicht im klaren zu sein. Es war eine Mutter mit ihren drei Töchtern: Frau von Göchhusen mit Fräulein Beate, der ältesten, mit Fräulein Elfriede (gewöhnlich Friede oder Friedelchen genannt) und mit Fräulein Maxe Erdmuthe Tugendreich, der jüngsten im Trio. Im alltäglichen Dasein rief man sie Maxe; wenn die Mutter böse war, aber setzte sie – des herberen Ausdrucks wegen – den Namen Erdmuthe hinzu, und wenn, Elfriede sie ärgern wollte, nannte sie die Schwester immer nur Tugendreich.

»Maxe, welches Gebäude?« fragte Frau von Göchhusen.

»Ja, wenn ich das ahnte,« antwortete Maxe und zog die Schultern hoch.

»Aber, Kleining,« sagte Beate, die neben der Mutter saß und ihr außerordentlich ähnlich sah, »das steht doch wahrscheinlich in deiner Einberufung.«

»J ja – das ist möglich,« rief Maxe. Und während, das Automobil sich kaum noch von der Stelle bewegte, dafür aber um so lebhafter rasselte, durchkramte sie hastig ihr Handtäschchen, packte ihrer Mutter ein kleines, zackig und farbig besäumtes Schnupftuch, ein winziges Portemonnaie, ein Notizbüchelchen und drei Blätter Puderpapier auf den Schoß und förderte hierauf einen häßlichen graugelben Zettel zutage, auf dem allerlei gedruckt und verschiedenes geschrieben stand.

»Gebäude drei,« sagte sie energisch. »Gebäude drei!« rief sie dem Chauffeur zu, der sofort seine bremsende Tätigkeit aufgab. »Das hab' ich mir gleich gedacht.«

»Bestreite ich,« entgegnete Elfriede (es war die mittelste, die Blonde). »Ich behaupte sogar, daß du dir gar nichts gedacht hast. Oder du hast wieder gedichtet, was ich nicht denken nenne.«

»Ich dichte nie in einem Automobil, Friedelchen.«

»Tugendreich, du wirst noch deinen Herrgott erkennen lernen. Paß mal auf, wie sie dich im Dienste herannehmen werden. Da geht die Poesie heidi. Wenn du zur Artillerie kommst, mußt du schon morgens um viere die Haubitzen putzen.«

»Ich werde Franzer,« sagte Maxe.

»Weiß schon, warum,« warf Beate ein.

»Na, warum denn?«

»Das werde ich dir gelegentlich ins Ohr flüstern, wenn Mama nicht dabei ist. Aber du kommst gar nicht zu den Franzern. Du hast nicht das Gardemaß –«

»Und kein Grenadiergefüge,« sagte Elfriede.

»Nicht die Spur, du bist höchstens leichte Kavallerie. Vielleicht bringen wir dich bei den Husaren unter. Aber Reserveoffizier wirst du doch nicht. Du kannst ja nicht mal ein Monokel ins Auge klemmen.

»Kinder, nun hört mit euern Albernheiten auf!« rief die Mutter. »Maxe, laß sie reden. Sie ärgern sich bloß, daß die Militärverwaltung dich bevorzugt hat. Schade – Beate wäre ein stattlicher Kürassier geworden.«

»Bitte, Mamachen – seit ich keine Kartoffeln mehr esse, magre ich sichtlich ab. Vier Pfund Verlust in vierzehn Tagen. Ich werde noch dürr wie eine Hopfenstange.«

»Davor sorge ich mich nicht. Aussteigen, Kinder! Und nun bitte ich mir Ernst aus. Der Dienst beginnt.«

»Richtig,« sagte Beate. »Das hat uns Krempel besonders eingeschärft: von dem Augenblicke ab, da wir den Boden des Militärfiskus betreten, stehn wir auch unter militärischer Disziplin. Sonst fliegen wir ins Loch.«

»Hätten wir Krempel nur mitgenommen,« seufzte Maxe. »Ich graule mich. Wenn sie mich nun für tauglich befinden und gleich dabehalten?«

Frau von Göchhusen lachte. Man war ausgestiegen. Die Mutter bezahlte den Kutscher; die drei Töchter, bestaunten das große rote Haus und den davor auf und ab marschierenden Wachtposten.

»Du mußt das Gewehr schultern,« sagte Elfriede.

Maxe probierte dies mit ihrem Regenschirm. Aber die Mutter verbat sich die Possen.

»Würde, Kinder! Und setzt die Füße auswärts. Beate, du nimmst den rechten Flügel. Ob uns die Schildwache überhaupt durchläßt?«

Sie tat es. Die vier Damen traten zunächst auf einen großen Hof und sahen sich von neuen Baulichkeiten umgeben. In einem Winkel schaufelten ein paar Soldaten den letzten Schnee zusammen. In der Mitte des Hofes stand ein dicker Oberst und ließ einen schwarzen Pudel über seinen Säbel springen.

Frau von Göchhusen war unschlüssig. »Wo denn nun hin?« fragte sie.

»Erkundigen wir uns,« riet Elfriede. »Bei dem dicken, Oberst da drüben. Dicke Menschen sind gewöhnlich gefällig.«

In diesem Augenblick schritt ein Sergeant an ihnen vorüber, und da faßte Frau von Göchhusen einen raschen Entschluß.

»Entschuldigen Sie,« sagte sie, riß Maxe den graugelben Zettel aus der Hand und zeigte ihn dem Sergeanten, » – wo müssen wir damit hin?«

Der Soldat warf einen Blick auf das Papier und entgegnete sofort: »Da müssen Sie hier herauf« – er deutete auf das nächste Portal –, »zwei Treppen und dann links. Da ist die Kontrolle.«

Er grüßte und ging weiter.

Maxe nickte. »Das gefällt mir. Kurz und bündig. Das Verwunderliche imponiert dem Mann nicht weiter. Er gibt einfachen Bescheid auf die einfache Frage. Ich, fühle, daß mich bereits ein starker militärischer Geist durchdringt.«

»Quack,« sagte die Mutter. »Also, gehen wir. Zwei Treppen und dann links.«

Sie betraten das große Haus und hielten sich an die Vorschrift. Ein riesenlanger Korridor durchquerte das zweite Stockwerk. Man wandte sich links, an zahlreichen geschlossenen Türen vorüber, die durch Papptafeln gekennzeichnet waren, und gelangte in einen Vorraum, in dem Bänke an den Wänden standen. Hier wartete eine Anzahl junger Leute. Neugierige Augen starrten die Damen an.

Die vier wurden verlegen. Sie paßten nicht hierher, das war ihnen klar. Dieses Haus gehörte dem stärkeren Geschlecht. Sie empfanden in ihren eleganten Frühjahrstoiletten zwischen den kahlen, abgeschabten Mauern auch ein Gefühl unerträglichen Widerspruchs.

»Es riecht hier so merkwürdig,« wisperte Elfriede und rümpfte das Näschen.

»So maskulin,« setzte Beate hinzu. »Auch nach Pferdestall.«

»Nein, nach Centauren,« sagte Maxe. »Ich wünschte doch, wir hätten Krempel mitgebracht.«

Frau von Göchhusen zuckte mit der rechten Achsel, »Haberei. Wir werden ohne deinen Krempel auch fertig werden.«

»Mein Krempel ist gut, Mama –«

»Na, ja. Unsinn, daß wir gleich zu viert angezogen kommen –«

»Das war Beates Idee. Sie war für eine ›Phalanx‹.«

»Natürlich,« sagte Beate. »Sollten wir dich allein in die Löwenhöhle lassen? Unsre zarte Poetin in das Heim rauher Krieger? Unsre –«

Sie brach ab. Eine Tür hatte sich geöffnet, und ein schnurrbärtiger Unteroffizier trat auf den Korridor. Er hielt eine Liste in der Hand und las mit befehlshaberischer Stimme vor:

»Wilhelm Kawalke –«

»Hier!« rief eine Stimme. Von einer der Bänke erhob sich ein junger Mann und trat vor..

»Ernst Feuereisen,« las der Unteroffizier weiter.

»Hier!«

»August Dingeldei –«

»Hier!«

»Zur Untersuchung!«

Frau von Göchhusen hatte wieder Mut gefaßt. Sie trat, noch immer den graugelben Zettel in der Hand, tapfer an den Unteroffizier heran. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte sie höflich, »kann ich nicht einen der Herren Offiziere sprechen? Es handelt sich nämlich um mein Kind.«

Der Unteroffizier nahm den Zettel und überflog ihn. »Ist der junge Mann hier?« fragte er.

»Ja, aber es ist –«

Der Unteroffizier hatte es eilig. Er ließ Frau von Göchhusen nicht erst aussprechen, drückte ihr den Zettel wieder in die Hand und entgegnete: »Da muß er warten, bis er aufgerufen wird ...«

Die drei Mädchen hatten sich inzwischen verschüchtert an das große Fenster am Ende des Flurs zurückgezogen.

»Es ist gräßlich,« sagte Maxe. »Hier wird man rudelweise untersucht.«

Elfriede schüttelte den Kopf. »Ich habe mir die ganze Geschichte pläsierlicher gedacht,« meinte sie. »Vielleicht wäre es doch praktischer gewesen, Mutter hätte einfach, geschrieben, wie sich die Sache verhält.«

»Selbstverständlich,« fügte Beate hinzu. »Aber Maxe betrachtete die Angelegenheit als eine Sensation, die man ausgenießen müßte. Der Genuß ist bloß ziemlich fraglich.«

Nun kehrte Frau von Göchhusen zu ihren Kindern zurück. »Der junge Mann soll warten, bis er aufgerufen wird,« sagte sie. »Also warten wir, es hilft nichts.«

Man wartete, blieb aber in der Nähe des Fensters. Man traute sich nicht mehr auf den Vorraum mit den Bänken, den immer neue Ankömmlinge füllten. Von Zeit zu Zeit öffnete sich eine der Türen rechts, und die Kommandostimme des Unteroffiziers wurde vernehmbar. »Friedrich Puttfarken ... Karl Schulze ... Jakob Pieper ...« Dazwischen erscholl ein dreifaches »Hier«, und die Tür schloß sich wieder.

Dann und wann lockte die Neugier einen der jungen Männer näher. Die vier Damen erregten immerhin Aufsehen. Alle vier waren hübsch. Die Mutter konnte kaum vierzig sein; ihr frisches Gesicht mit dem lebhaften Spiel der dunklen Augen und dem unbekümmerten Ausdruck hatten Beate und Elfriede geerbt. Maxe, der Schwarzkopf, hatte etwas Sinnigeres im Blick. Sie war auch schlank und ephebenhaft, während die Älteste der Fülle der Mutter zuneigte und Elfriede, als »Mittelstück« und immer dem juste milieu ergeben, das rechte Maß hielt. Die Familienähnlichkeit der vier war groß;, nur die Hautfarbe unterschied sie. Beate war kastanienbraun wie die Mama; Maxe schwarz. Elfriede bezeichnete sich selbst als eine unechte Blondine. Ihr Haar hatte einen rötlichen Schimmer, aber die Augenbrauen wölbten sich dunkel unter der Stirn, und auch der schöne flaumige Teint war der einer Brünette.

Das Warten wurde langweilig. Man schaute auf den Hof hinab. Da gab es nicht viel zu sehen. Dann horchte man auf die Namen, die der Unteroffizier von zehn zu zehn Minuten ausrief. »Franz Thiessen ... Arnold Bönhase ... Gregor Kopetzki ...« Immer drei Namen hintereinander. Die Mädchen wiederholten sie und fanden einige sehr drollig. Sie munterten sich gegenseitig auf, erfanden Witzchen und kicherten leise. Aber das lange Stehen ermüdete auch ihren Humor. Ihre hübschen Gesichter erschlafften. Plötzlich begann Elfriede zu gähnen. »Wenn es noch länger dauert, setz' ich mich auf die Fensterbank,« erklärte sie ... »Mir schlafen die Füße ein,« sagte Beate.

Die Mutter marschierte währenddessen mit kleinen Schritten auf und ab und unterhielt sich damit, die Inschriften auf den Papptafeln der verschiedenen Türen zu lesen. Es waren meist die Namen von Ärzten, Offizieren und Feldwebeln: aber einer darunter, der Frau von Göchhusen interessierte. Sie sprach davon zu ihren Kindern.

»Major von Hartwig,« sagte sie. »Ich kannte einen Hartwig, er hieß Woldemar mit Vornamen – man durfte aber nicht Waldemar sagen, da wurde er ärgerlich, denn er hielt auf das ›o‹. Kinder, der wollte mich sogar einmal heiraten, und ich hätte ihn auch ganz gerne genommen, aber erstens: er war nicht viel älter als ich, und zweitens hatte er kein Geld und ich auch nicht.«

»Vielleicht ist das dein Woldemar mit ›o‹,« entgegnete Elfriede.

»Er stand damals bei den Franzern und war ein sehr hübscher Mensch.«

»Die Franzer sind alle hübsch,« erklärte Maxe. »Wollen wir uns nicht bei Herrn von Hartwig anmelden lassen, Mama? Er wird uns aus der Bredouille helfen – es fängt nachgerade an, trist zu werden. Und wenn es dein Woldemar sein sollte ... es ist ja möglich, daß er noch nicht verheiratet ist – und er kann sich immer noch eine gewisse Stattlichkeit in sein Majorsalter gerettet haben –«

»Dann verheiraten wir die Mama mit Woldemar,« beschloß Beate.

»Kindsköpfe,« sagte Frau von Göchhusen lachend. »Damals war er Leutnant – jetzt kann er schon einen Sohn haben, der Leutnant ist ...« Aber die Erinnerung glitt doch so lebhaft durch ihre Seele, daß der Ausdruck ihres Gesichts sinnender wurde ... »Er war baumlang,« fuhr sie fort, »und sehr brünett. Dabei grüne Augen – ganz hellgrün, lichtgrün, wassergrün. Das stand ihm ausgezeichnet. Er hätte eigentlich dunkle Augen haben müssen, aber die Anomalie machte ihn interessant.«

»Liebtet ihr euch sehr?« fragte Maxe.

»Schäfchen, so etwas fragt man nicht ... Ich weiß noch, wie er um mich anhielt. Mein Vater sagte rundweg ›nein‹. Ich habe drei Tage geheult und wollte Gift nehmen.«

»Und dann?«

»Ich nahm keins und habe die Tränen getrocknet ...«

Nun hörte man wieder die Stimme des Unteroffiziers, den dröhnenden Baß, der in dem langen Korridor ein Echo erwecken zu wollen schien: »Gottlieb Hiersekorn!«

»Hier!« ... Die Leute auf den Bänken erhoben sich.

»Friedrich Wendland!«

»Hier!«

»Immer kommen Sie näher!« rief der Unteroffizier, »ich beiße Sie nicht ...« Dann neigte er den Kopf von neuem über die Liste und verlas noch einen Namen, der vielleicht undeutlich geschrieben war oder seiner Zunge ungeläufig schien: »Max von Göch – Göchhausen ... nein, Göchhusen.«

Niemand antwortete.

»Ist Max von Göchhusen nicht da?« fragte der Unteroffizier. »Mir ist doch so, als ob ich vorhin –«

»Hier,« unterbrach ihn eine zarte und piepsige Stimme.

Der Kriegsmann schaute erstaunt den Korridor hinab. Alle jungen Leute schauten den vier Damen entgegen, die sich raschen Schrittes, näherten, diesmal paarweise: die Mama mit Maxe voran, Beate und Elfriede hinterher. Man verstand die Situation noch nicht recht unter den Gestellungspflichtigen. Auch der Unteroffizier war sich unklar, doch schmunzelte er: eine Ahnung des Begreifens dämmerte immerhin in ihm auf.

Nun stand Frau von Göchhusen mit Maxe dicht vor ihm und holte wieder ihren Zettel hervor.

»Der Vatersname ist richtig,« sagte sie, »aber der Vorname ist falsch. Nicht Max, sondern Maxe – mit einem ›e‹ am Schlusse ...« Sie lächelte ... »Mein Sohn ist nämlich eine Tochter – diese hier.«

Sie deutete auf ihre Jüngste, die rot geworden war, aber den Sinn für die Komik der Situation noch nicht verloren hatte.

»Ich glaube nicht, daß ich dienstpflichtig bin,« meinte sie mit einer niedlichen Wölbung der Lippen.

Nun wurde leises und lautes Lachen im Kreise der jungen Männer vernehmbar, auch eine kecke Bemerkung. Aber das litt der Unteroffizier nicht. »Ich bitte mir Ruhe aus,« sagte er ernst. Dann machte er vor Frau von Göchhusen eine kurze Verbeugung. »Also ein Irrtum, gnädige Frau. So etwas passiert. Im vorigen Jahre sollte eine siebzigjährige Witwe eingestellt werden. Es lag ein Schreibversehen vor. Hier wohl auch.«

»Jedenfalls. Der Name Maxe ist wenig gebräuchlich. Und statt Erdmuthe steht Edmund auf dem Zettel.«

Der Unteroffizier nickte. »Richtig – Edmund. Und Tugendreich steht auch noch da. Warum denn Tugendreich?«

»So heißt sie.«

»Ich denke Göchhusen.«

»Tugendreich ist ein Vorname – so ein alter – aus früheren Jahrhunderten.« Der Unteroffizier schwieg einen Augenblick, als wollte er diese neue Seltsamkeit erst geistig verarbeiten. »Na,« sagte er sodann, »jedenfalls müssen wir die Sache protokollieren. Wollen Sie so gut sein, mich zu dem Herrn Major begleiten.«

Er ging voran bis an die Tür, die eine Papptafel mit dem Aufdruck »Major von Hartwig« trug.

»Gedulden Sie sich einen Augenblick,« wandte er sich an Frau von Göchhusen zurück, »ich werde dem Herrn Major die Sache vortragen. Vielleicht sind Sie gar nicht nötig. Haben Sie den Geburtsschein Ihres Fräulein Tochter zur Hand?«

»Alles da,« rief Maxe, öffnete ihr Handtäschchen und gab dem Unteroffizier das Gewünschte. Er verschwand damit hinter der Tür.

»Nun bin ich neugierig, ob es, wirklich Woldemar ist,« sagte Elfriede.

Die Mutter zog die Stirne kraus. »Laß das, Elfriede. Einmal kann man sich so ein Witzchen erlauben, aber nicht öfter. Es schickt sich nicht. Hoffentlich läßt er uns nicht zu lange warten.«

Sie hatte kaum ausgesprochen, als sich schon wieder die Tür öffnete. Ein langer Offizier stand vor den Damen, über das ganze braune Gesicht lachend, die Hände ein wenig erhoben: wie zu herzlicher Begrüßung.

»Na, das muß ich sagen,« begann er, »so sieht man sich wieder! Gnädigste Frau, kennen Sie mich denn noch?«

»Aber natürlich, Herr von Hartwig. Als ich vorhin Ihren Namen an der Türe las, überlegte ich gleich: ist er's oder ist er's nicht? Und nun sehe ich, daß er's ist – und freue mich von Herzen darüber.«

Er zog ihre Hand an die Lippen. »Ich nicht minder ...« Sein Blick glitt rasch über den Braun-, den Blond- und den Schwarzkopf ... »Die Fräulein Töchter? – Und welches ist unser neuer Rekrut?«

»Maxe, tritt vor.«

Maxe tat es mit militärischem Anstand. Sie schlug sogar die Absätze aneinander.

Der Major freute sich. »Ach, wenn wir doch lauter solche Rekruten hätten,« sagte er. »Ich bin sonst eigentlich gegen die Frauenemanzipation, aber ... darf ich um Vorstellung bitten, gnädige Frau?«

»Nicht nötig – die Kinder wissen schon ... Lieber Herr von Hartwig, ich möchte nicht lange stören – sehe auch, daß der Unteroffizier wartet –«

»Er kann gehen. Gehen Sie, Westermann, ich bringe die Sache in Ordnung. Ja, Ordnung muß sein, gnädige Frau, und deshalb muß ich Sie schon bitten, einen Augenblick näherzutreten. Verhör, Protokoll und Unterschrift – anders läßt sich's nicht machen. Meine verehrten Damen, erschrecken Sie nicht über die Kleinheit und Ausstattung meines Zimmers; der Fiskus gibt's uns nicht besser. Herrgott, wenn ich nur vier Stühle habe!...«

Sie fanden sich gerade noch, aber von zweien mußten Stapel blau broschierter Aktenstücke auf die Erde gelegt werden. Für den Major selbst war kein Sitz mehr da, und nun stritten die Mädchen, wer von ihnen stehen bleiben wollte.

»Der Rekrut,« entschied die Mama. »Maxe, stell' dich an die Wand.«

»Kein Gedanke,« protestierte Herr von Hartwig. »Machen Sie mich nicht böse, gnädiges Fräulein. Oder nein: vorläufig haben Sie noch zu gehorchen. Noch sind Sie nicht in den Listen gestrichen. Aber ich will Sie als Freiwilligen behandeln. Nehmen Sie Platz, Freiwilliger.«

Maxe setzte sich. Dieser Major gefiel ihr. Allen drei Mädchen gefiel er. Majore neigen vielfach zur Korpulenz. Es ist das Übergangsstadium zum Kommandeur, bei dem der Ärger die Fettanschoppung wieder vertreibt. Doch, dieser war schlank, und Elfriede, die Malerin war, fand es hübsch, wie von der Taille aufwärts der Oberkörper des Mannes frei und kräftig zu starken Schultern emporwuchs. Auch in bezug auf die Augen hatte die Mama recht: sie wirkten pikant. Sie standen mit ihrem hellen Grünlicht wie zwei offene Fragen in dem Dunkel seines Gesichts.

Herr von Hartwig war hinter seinen breiten, mit Papieren bedeckten Schreibtisch getreten. »Also nun zuerst das Geschäftliche,« sagte er. »Der Geburtsschein erklärt alles ...« Er las absatzweise vor: »›Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt, der Königliche Legationsrat a. D. Franz Friedrich Erich von Göchhusen – wohnhaft daundda, evangelischer Religion – und zeigte an, daß von der Magda von Göchhusen, geborenen Tarrach ...‹ der Name weckt alte Erinnerungen in mir an Ihr Vaterhaus, gnädige Frau ... ›wohnhaft bei ihm, am dritten März achtzehnhundertundsechsundachtzig, vormittags zwölfeinhalb Uhr, ein Kind weiblichen Geschlechtes geboren worden sei, welches die Vornamen Maxe Erdmuthe Tugendreich erhalten habe. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben ...‹ Stimmt. Und da ich dies Kind weiblichen Geschlechts in persona vor mir habe, kann ich nach bestem Gewissen beeidigen, daß es, für den königlichen Dienst nicht zu brauchen ist – leider ...« Er schob mit einem Fußtritt ein hohes zusammengeschnürtes Aktenpaket neben sich, ließ sich trotz des Protestes der aufspringenden Damen darauf nieder, warf ein paar Zeilen auf einen Foliobogen und bat Frau von Göchhusen dann um ihre Unterschrift.

»Abgemacht,« sagte er. »So, meine verehrte gnädige Frau – aber so rasch lasse ich Sie nicht wieder fort. Herrgott, wie lange haben wir uns nicht gesehen! Und nun hab' ich Sie gleich vierfach vor mir ...« Keine Söhne, gnädige Frau?«

»Nein. Und Sie, Herr von Hartwig?«

»Auch nicht. Dieweil ich noch immer nicht die Rechte gefunden habe. Nun habe ich's aufgegeben. Ich glaube, ich habe den Zeitpunkt verpaßt.«

»Das sagen alle, denen das Junggesellenleben bequemer dünkt.«

»Ach Gott, gnädige Frau, das Junggesellenleben ...? Es klingt so nach unbeschränkter Freiheit und ist eigentlich das kläglichste Gebundensein. Bursche und Waschfrau sind die rollenden Punkte. Die Abhängigkeit wird zum Gesetz. Man verliert sein Ich und wird doch zum Egoisten. Nein, es ist nichts.«

»Warum sind Sie nicht bei den Franzern geblieben?« fragte Frau von Göchhusen.

»Ich hatte mir den Fuß gebrochen. Eine komplizierte Geschichte mit Sehnenzerreißung und derlei. Kurzum: auch nach der Heilung blieb noch eine Schwäche zurück – ich konnte nicht mehr marschieren, und an das vorschriftsmäßige Beinewerfen beim Parademarsch war gar nicht zu denken. Da hieß es denn: entweder zur Kavallerie oder Abschiednehmen. Für die Reiterei fehlte es mir am Nötigsten, und zum Abschiednehmen hatte ich keine Lust. Schließlich wurde meine gute Konduite zum Vermittler: man steckte mich unter die Bezirksoffiziere – und so sitze ich denn hier draußen in Schöneberg, was ja auch eine ganz hübsche Gegend ist. Und Sie wohnen noch immer in der Regentenstraße?«

»Jawohl. Aber woher wissen Sie –«

»Ich weiß alles. Nein, nicht alles – natürlich nicht. Aber doch viel ... Ja – immerhin ...« Seine hellen Augen wurden etwas unruhig, und ihr klarer Ausdruck verwischte sich – »Nämlich – ich hatte zu meiner Rekonvaleszenz ein Jahr Urlaub und verlebte ihn in Italien – teils in Rom, teils an den Seen –«

»Ah ...« Ein warmer Ton glitt über die Wangen der Frau Magda ... »Und da sind Sie mit meinem – mit Herrn von Göchhusen zusammengetroffen?«

»Jawohl, gnädige Frau. Es war zuvörderst ein Zufall. Aber der Zufall festete sich und gewann Halt. Was soll ich leugnen, daß ich ihm befreundet wurde! Er war immer ein guter Freund.«

»Gewiß, das war er. Das haben mir andere auch gesagt. Aber –«

Sie brach ab und neigte ein wenig den Kopf, während ein leises Zucken durch ihre Schultern ging.

Der Major verstand das stumme Spiel und suchte nach einem anderen Thema der Unterhaltung. Er war sichtlich verlegen geworden; unter dem kurz gestutzten schwarzen Schnurrbart vibrierte die Oberlippe. Dummheit, daß er von Göchhusen angefangen hatte! Wie war er nur darauf gekommen? ... Freilich, sie selbst hatte zuerst den Namen genannt – und ohne Befangenheit ... Dennoch: es war unangenehm ... Er wandte sich lächelnd an die Mädchen.

»Die jungen Damen wohnen natürlich bei der Mama?« fragte er und fühlte sofort die Albernheit der Frage. Er hatte überhaupt nur etwas sagen wollen und wußte kaum, was er sprach.

Doch die Frage fand Anklang. »Jetzt ja,« antwortete Maxe, »aber ein paar Jahr lang waren wir allsamt verstreut. Ich bin in Hannover erzogen worden – auf dem Mädchengymnasium –«

»Alle Hochachtung.«

»Habe sogar mein Abiturium gemacht ...« Sie lachte und hatte ein hübsches Lachen, nicht hell und zwitschernd, eher guttural; aber es klang melodiös. Und dabei krauste sich ein wenig ihre Oberlippe, und im Kinn zeigte sich ein Grübchen wie der Druck eines Nagels.

»Es ist die Möglichkeit,« sagte der Major. »Da hätten wir Sie also ohne weiteres als Freiwilligen einstellen können. Gott sei Dank, daß Sie keinen gelehrten Eindruck machen.«

»Nein, das macht sie nicht,« entgegnete Frau von Göchhusen heiter. »Sie möchte freilich gern weiterstudieren, aber das will ich nicht. Vorderhand wenigstens nicht. Mir kam es nur darauf an, den Kindern eine gewisse Selbständigkeit zu schaffen – für alle Fälle. Beate hat ihr Examen als Bibliothekarin gemacht, und Elfriede war zwei Jahre auf der Kunstschule in Weimar.«

»Also Malerin,« sagte der Major und wandte sich an Beate.

»Das bin ich,« rief Elfriede und tippe mit dem Zeigefinger auf ihre Brust.

»Tausendmal Verzeihung – jetzt weiß ich Bescheid. Beate, Elfriede, Maxe – die Namen gefallen mir alle drei. Nur über das Tugendreich der gnädigsten Jüngsten bin ich mir noch nicht völlig im klaren. Ist das ein Beiname? Er würde ja sicher bezeichnend sein –« »Es ist ein greulicher Name,« fiel Maxe unwillig ein, »ich werde so viel damit geneckt.«

»Ich glaube, er hat auch Ihren Unteroffizier erschreckt,« sagte die Mutter, »oder zum mindesten etwas nachdenklich gestimmt. Es ist ein Göchhusenscher Name. Sie wissen: rheinisches Patriziat und früher katholisch. Sie heißen alle Tugendreich und immer abwechselnd: mal die männlichen und mal die weiblichen Sprossen. Aber sie waren es wohl nicht alle.«

Nun stand Frau von Göchhusen auf. »Es ist Zeit, Herr von Hartwig. Hübsch, daß ich Sie bei Gelegenheit dieser Irrung einmal wiedergesehen habe.«

Der Major verneigte sich. »Die Freude ist auf meiner Seite. Darf ich der gnädigen Frau meine gehorsamste Aufwartung machen?«

»Oh, das wäre sehr nett ...« Der Ton lag auf dem »sehr« ... »Und damit Sie nicht vergebens kommen: zwischen vier und sechs sind wir immer daheim.«

Man verabschiedete sich. »Prachtvolles Haar,« sagte Hartwig, als er Elfriede die Hand reichte. »Verzeihen Sie den Enthusiasmus, gnädiges Fräulein, aber ich habe eine Schwärmerei grade für diese Farbe. Vielleicht bloß, weil sie so selten ist. Es ist nicht rot und nicht blond und nicht einmal rotblond. Es ist ein verlorengegangener Ton, den man sonst nur noch auf Bildern findet. Ingres liebte ihn auf seinen Kostümgruppen.«

»Interessieren Sie sich auch für Malerei?« fragte Elfriede lebhaft.

»Sehr. Ich ruiniere in meiner freien Zeit zuweilen selber saubere Linnenflächen.«

»Geht voran, Kinder,« sagte Frau von Göchhusen, »ich habe noch eine Frage an den Herrn Major... Ja, noch eine Frage,« wiederholte sie, als die Mädchen hinaus waren, »die Sie nicht mißverstehen werden, Herr von Hartwig. Wie lange ist es her, daß Sie mit Herrn von Göchhusen zusammen waren?«

»Im Winter vor zwei Jahren, gnädige Frau.«

»Ich frage nämlich deshalb... Früher schrieb er mir zuweilen – es gab noch allerhand Geschäftliches zu ordnen, und dann wollte er auch immer über die Kinder Bescheid wissen... aber seit ungefähr Jahresfrist bin ich ganz ohne Nachricht, und was das Merkwürdigste ist: mein letzter Brief an ihn – nach Pallanza, an seine alte Adresse – kam als unbestellbar zurück. Ich verstehe das gar nicht.«

»Möglich, daß ein Brief verlorengegangen ist, gnädige Frau. Ich weiß auch nur, daß er gleich nach dem Tode seiner Gattin –«

Ein schwacher Ausruf unterbrach ihn. Da erschrak der Major: er hatte unwissentlich eine neue Dummheit begangen. Die Wangen der Frau von Göchhusen waren kalkig geworden; der fahle Ton ging bis in die Lippen. Die Lippen bewegten sich, aber sie sprachen nicht. Die Brauen stiegen höher, die Augen vergrößerten sich. Dann flüsterte sie etwas, etwas Unverständliches, und wiederholte es noch einmal, diesmal lauter, aber mit einer Stimme, die einen Sprung zu haben schien:

»Tot? ... Wanda – ist – tot?...«

Herr von Hartwig nahm ihre Hand. »Gnädigste Frau, ich bin untröstlich ... ich ahnte ja nicht, daß Sie das noch nicht wußten... Verzeihen Sie –«

Sie hatte sich schon in der Gewalt. Die Nervenspannung löste sich. In ihrem hübschen Gesicht, dessen frische Haut allen Jugendreiz bewahrt hatte, sammelten sich wieder die Farben.

»Ich bin kindisch,« sagte sie. »Im Grunde genommen...« Aber sie führte den Satz nicht zu Ende. Sie fragte kurz: »Wann ist sie gestorben?«

»Im Juni vorigen Jahres. Sie war lange leidend. Göchhusen schrieb mir nur ein paar flüchtige Zeilen, daß sie erlöst sei und daß er zur Erbschaftsregulierung nach Mexiko wolle. Seitdem habe ich auch nichts mehr von ihm gehört.«

Sie nickte. »Ich danke Ihnen. Jetzt bin ich wieder ganz verständig. Es war nur die Augenblickswirkung. Wanda hat mir auch einmal nahegestanden... Also ich darf auf Wiedersehn sagen, lieber Major?«

Er küßte ihre Hand und öffnete die Tür.

Frau von Göchhusen war wieder die alte. Sie liebte keine Szenen und ärgerte sich, daß sie für einen Augenblick ihr seelisches Gleichgewicht verloren hatte. Die Kinder sollten jedenfalls nichts davon merken. Sie lächelte ihnen zu.

»Da bin ich wieder,« sagte sie. »Also, Maxe, du bist frei. Das hätten wir bequemer haben können, wenn wir den Irrtum schriftlich aufgeklärt hätten.«

»Dann hättest du aber deinen Woldemar nicht wiedergesehen.«

»Maxe-Erdmuthe, nun laß diese Späßchen...« Sie schritten den Flurgang und die Treppe hinab... »Der Major verdient allen Respekt.«

»Es störte mich,« sagte Beate, »daß er von Papa anfing.«

»Mein Gott, warum denn? Die Sache liegt ja so weit zurück und braucht doch auch wahrhaftig nicht als Geheimnis behandelt zu werden.«

»Sicher nicht,« gab Elfriede zu. »Beate ist gern ein bißchen altjüngferlich. Mir hat Herr von Hartwig ausgezeichnet gefallen.« »Ja natürlich,« entgegnete Maxe. »Weil er dir eine Schmeichelei gesagt hat. Das Haar mit dem verlorenen Ton. Siehe Teerseife.«

»Mama, ist Tugendreich nicht schändlich? – Teerseife bleicht außerdem das Haar, aber färbt es nicht. Im übrigen: Schmeicheleien fangen mich nicht, liebe Maxe. Mir gefällt der Major, weil er Kunstverständnis hat. Er ist kein Durchschnittsmensch.«

»Kinder, nun hört von dem Major auf!« rief die Mutter. »Sagt mir lieber, wie wir nach Hause kommen sollen. Kein Auto, keine Droschke. Und dabei sieht es ganz so aus, als ob es gleich schneien würde.«

»Es schneit sogar schon,« entgegnete Beate, »ich habe eben eine Flocke auf meiner Nase gespürt.«

Sie standen auf der Straße und schauten sich um. Das Wetter hatte sich verändert. Der Himmel war stahlgrau geworden und tiefer gerückt. Die Sonne hatte keine Leuchtkraft mehr; sie hing wie eine rote Metallscheibe im Märzendunst. Über dem Einschnitt der Eisenbahn quoll eine graue Dampfwolke. Die ersten Straßenreihen jenseits der Brücke umgitterte schon streifiger Nebel. Die Atmosphäre hatte eine beingraue Färbung; weiße Kristalle tanzten wie Federn durch die Luft.

Die elektrische Bahn klingelte heran,

»Wohin fährt sie?« fragte Beate.

»Ganz gleich,« erwiderte die Mutter. »Wir steigen ein und fahren mit, bis wir in belebtere Gegend kommen. Da werden wir ja eine Droschke finden.«

Die Elektrische hielt. Der Schaffner war höflich und wollte Frau von Göchhusen beim Aufsteigen die Hand reichen. Aber ein junger Mann mit einem großen Schlapphut auf dem Kopfe und, einem Schal um den Hals kam ihm zuvor.

»I, Krempel!« rief Frau von Göchhusen, »wo kommen Sie denn her?!«

»Herrjeh, Krempel!« rief auch Maxe und ebenso Elfriede, während Beate etwas feierlicher sagte: »Guten Tag, Krempelius; es ist merkwürdig, daß man dich überall findet, wo man dich durchaus nicht erwartet.«

Dann kletterten alle in den Wagen, mit Unterstützung Krempels, der jede der Damen an den Arm faßte und ihr beim Aufsteigen einen leichten Schwung, gab, wobei sein seltsam rundes pausbackiges Gesicht vor Freude glänzte, ohne daß er jedoch ein Wort sprach.

Früher hatten die Göchhusens ein ganzes Haus in der Regentenstraße bewohnt, aber seit der Scheidung der Frau Magda von ihrem Mann beschränkte sie sich auf die erste Etage. Es war ja richtig: ihr Gatte hatte sie und die Kinder nicht auf dem Trockenen sitzen lassen. Er hatte sie mit einer runden Million Mark abgefunden, und das konnte er auch ganz gut, denn er stammte aus reicher Familie, und seine zweite Frau war eine Espinosa del Mercado, eine Tochter des berühmten Generals, der nach der Erschießung Kaiser Maximilians durch einen jener merkwürdigen Zufälle, die man Eilboten des Glücks nennen könnte, die Silber- und Bleierzminen bei Queretaro entdeckt hatte. Aber auch mit den Zinsen dieser Million konnte Frau von Göchhusen das Leben im großen Stil, wie man es ehedem gewohnt war, nicht weiterführen. Sie hatte ursprünglich daran gedacht, das Haus in der Regentenstraße ganz zu verkaufen und sich irgendwo eine Mietswohnung zu nehmen. Doch sie hing an diesen Räumen, in denen sie so viel Glück und auch so bittere Stunden verlebt hatte, und in einer ihrer sentimentalen Anwandlungen, von denen sie bei aller sonstigen Realistik in der Daseinsbewegung nicht frei war, hatte sie beschlossen, sich nicht von dem alten Hause zu trennen.

Ein altes Haus war es freilich: zu einer Zeit erbaut, der das moderne architektonische Raffinement noch fremd war und die nicht einmal Dampfheizung und Warmwasserversorgung kannte. Aber sein altmodisches Äußere hatte doch auch einen Zug von großväterlicher Liebenswürdigkeit; der Stil erinnerte an die friderizianischen Jahre, und beim Anblick der girlandentragenden Putten über dem Gesims des ersten Stockwerks konnte man, an die bescheidenen Anakreontiker der brandenburgischen Mark denken. Zudem standen zwei alte Kastanienbäume vor dem Portal, die alle Frühjahr ihre roten Blütenkerzen entfalteten und im Herbst ihre Früchte verloren, so daß sich die Schulkinder mit den braunen Früchten ganze Schlachten liefern konnten. Auch lag hinter dem Hause, von hohen Mauern umschlossen, die mit Geißblatt und Efeu verkleidet waren, ein hübscher Garten, den die Mädchen um so mehr schätzten, als sie ihre Kindheit auf dem Lande verbracht hatten und auch ererbter Veranlagung nach Natursinn besaßen. Von diesem Gärtchen aus, dessen Hauptzier ein Tulpenbaum war, den man als Seltenheit einschätzte, weil er mit seltsamer Unregelmäßigkeit blühte, führte eine steinerne Treppe zu einem verdeckten Balkon, der den rückwärtigen Abschluß der Göchhusenschen Wohnung bildete.

Sie war genügend geräumig für die vier Damen und die drei Domestiken, die zum Haushalt gehörten. Zwei von diesen Dienstboten waren altes Göchhusensches Inventar: nämlich Genander, der Koch (der aber bei Gelegenheit auch als Diener fungierte), und seine Frau Lina, die sich Wirtschafterin nannte, deren Tätigkeit jedoch mehr die eines Berliner »Mädchens für alles« umfaßte. Genander hatte Frau von Göchhusen nach ihrer Scheidung eigentlich entlassen wollen, weil sie sich sagte, daß zu einem Koch die Voraussetzung einer üppigeren Lebensführung gehörte, als sie sich eine solche künftighin zu leisten gedachte, während eine Köchin mehr im Ganzen bürgerlicher Schlichtheit steht. Aber Genander hatte dringend gebeten, ihn wenigstens noch ein Jahr zu behalten, und als das Jahr um war, sah Frau von Göchhusen ein, daß auch die beste Köchin diese Perle nicht zu ersetzen imstande sein würde: oder vielmehr diese Doppelperle, denn Lina war unzertrennlich mit ihrem Manne verbunden, und beide führten die Wirtschaft mit so viel Umsicht, daß die dritte im Bunde, die Zofe, eigentlich überflüssig geworden wäre. Aber dieser Zofe bedurften die jungen Damen dringend, zumal Elfriede, die etwas koketten Sinnes war und mit den Geheimnissen ihrer Toilette nie so recht fertig werden konnte. Und da sie aus Schönheitsgefühl nur hübsche Gesichter um sich haben wollte, so wurden auch immer nur niedliche Krabben engagiert. Dies hatte aber den Fehler häufigen Wechsels, denn erstens war die alte Lina eine Frau von stark eifersüchtigen Wallungen und Genander trotz seiner Jahre ein Mann, der für alles lebendig Frische und Rundliche viel Empfänglichkeit besaß, so daß es jenseits des großen Flurs häufig zu dramatischen Szenen kam, deren Rückschlag sich auch im Vorderhause ärgerlich bemerkbar machte. Und zweitens wohnte über den Göchhusens ein Generalstäbler, der zwei Burschen sein eigen nannte, und es dauerte niemals lange, so hatten sich zwischen diesen soldatischen Eroberern und der Zofe in der ersten Etage zarte Fäden angesponnen, die fast immer zum schrillen Zerreißen kamen. Nur die Letzte schien ihr Herz festhalten zu wollen und hieß dafür auch Johanna, wie das gepanzerte Mädchen aus Orleans.

Da Frau von Göchhusen sich trotz der Einschränkung ihres Haushalts von den meisten ihrer alten Mobilien nicht hatte trennen wollen, so waren ihre Zimmer fast überfüllt. Es gab da namentlich einen Salon mit gelben Damasttapeten, in dem ein mit den gepolsterten, gepufften und verschnürten Untiefen dieses Raumes nicht hinlänglich Bekannter sich nur nach forschender Übersicht und bedeutsamer Überlegung langsam hindurchwinden konnte. An diesen Salon, den Maxe den »Irrgarten der Mutter« getauft hatte, schloß sich auf der einen Seite das Speisezimmer, auf der anderen, nur durch Portieren getrennt, ein kleineres Wohngemach, in dem ein uralter, sehr struppiger und immer heiserer Papagei als Besitzer eines riesigen Messingkäfigs den Gnadenmais verzehrte. Das sogenannte Frühstückszimmer (mit einem fast schwarz gedunkelten altholländischen Stilleben an der türfreien Querwand) bot die Verbindung mit den drei Gemächern der Mädchen, die sie sich nach eigener Laune und individuellem Empfinden ausgestattet und eingerichtet hatten.

In jedem dieser Zimmer stand ein Himmelbett mit fröhlich geblümten Gardinen, sonst aber unterschieden sie sich wesentlich voneinander. Bei Beate herrschte ein sichtlicher Ernst; es überwogen hier die Regale mit Büchern, und eine Büste Gutenbergs zeugte für den freiwillig erwählten Beruf der Inwohnerin, der ihr freilich nichts nützte, da sie ihn nicht ausüben konnte. Elfriedes Zimmer dagegen war in ewiger Unordnung, allerdings – so behauptete sie wenigstens – immer in malerischer. Es ging nach Norden hinaus und hatte ein großes, halb verhängtes Fenster, vor dem die Staffelei stand, und auch sonst bewiesen zahlreiche Dinge, wie die Skizzen an der Wand, die dicken Mappen, eine japanische Vase, in der Pinsel steckten, und mancherlei andere Requisiten, daß hier ein künstlerischer Geist waltete, der es allerdings mit den Gesetzen kosmischer Ordnung nicht streng nahm und ohne Bedenken einen vereinzelten Strumpf, einen Brennapparat, eine Rechnung von Gerson und Lenaus lyrische Gedichte in traulicher Gemeinschaft liegen ließ.

Durch Maxes Zimmerchen ging immer Blumenduft. Sie liebte das Blühende und verschwendete ihr Taschengeld für Rosen, Veilchen, Narzissen und Flieder und namentlich für Orchideen, von denen gewöhnlich ein ausgewählt kapriziöses Exemplar in einem schlanken venezianischen Kelche auf ihrem Schreibtische stand. Denn an diesem Schreibtische saß Maxe viel, schrieb Märchen, verfertigte Gedichte und hatte sogar eine schöne Novelle begonnen, in der sie aber stecken geblieben war, weil die Heldin so stark von den Pfaden bürgerlicher Tugend abzuweichen begann, daß die Verfasserin selbst es mit einer gewissen schämigen Angst bekommen hatte. Außerdem wußte sie auch sonst nicht, wie die Geschichte eigentlich weitergehen sollte, und ließ es deshalb lieber, was ihr übrigens keinerlei Weh verursachte, da sie von literarischem Ehrgeiz durchaus nicht angekränkelt war und den Pegasus nur zu eigenem Vergnügen bestieg. Das Zimmer Maxes war das letzte in der Reihe und lag schon nach dem Garten hinaus; auch das Fenster war immer mit Blumen besetzt und das Gesims unaufhörlich von piepsenden Spatzen umlagert, die ganz genau wußten, zu welcher Zeit im Göchhusenschen Hause gefrühstückt wurde.

Heute war Schneidertag bei den Damen. Zwischen Küche und Zofenzimmer lag eine Stube, die offiziell den Namen Fremdenzimmer führte und sich dadurch auszeichnete, daß in sie alles das hineingelegt und gestellt wurde, was man in den anderen Räumlichkeiten nicht brauchen konnte: von aus der Mode gekommenen Makartbuketts und angestoßenen Nippes an bis herab zu dem ersten Zeichenbuche Elfriedes und einem Poesiealbum Beates in abgeschabtem Sammet, das noch aus der Schulzeit stammte. Hier thronte die Vegesack, die Schneiderin, Gemahlin des Hausportiers Herrn Vegesack, eines robusten Mannes mit den Gliedmaßen eines Giganten, ganz im Gegensatz zu seiner Frau, die sich noch als Dreißigerin die schmale Zierlichkeit ihrer Mädchenzeit erhalten hatte. Sie stammte aus besserem Hause, was sie gelegentlich auch gern betonte; ihr Vater war Bahnhofsvorsteher in Krebsjauche bei Frankfurt an der Oder gewesen, doch als sie sich in den Bierfahrer Vegesack verliebt hatte, war sie freiwillig von ihrer Höhe gestiegen, und die Mesalliance hatte ihr auch nicht weiter geschadet. Nun hatte Vegesack das Bierfahren längst aufgegeben, das eines ehemaligen Gardekürassiers auch nicht recht würdig war, und den Ruheposten in der Portiersloge des Göchhusenschen Hauses angenommen, wo er nichts weiter zu tun hatte, als die Türe zu öffnen, den Schnee vom Trottoir zu schippen und den Garten in Ordnung zu halten. Seine Frau aber hatte das Schneidern erlernt und war, wie Elfriede erklärte, namentlich eine Größe im Wenden. Es gab nichts, was ihr des Wendens nicht wert erschien, und es war geradezu erstaunlich, wie sie beispielsweise einen blauen Grund mit grauen Tupfen in einen grauen Grund mit blauen Tupfen zu verwandeln imstande war.

An diesem Tage handelte es sich zunächst um die geniale Umformung einiger Frühlingstoiletten vom vorigen Jahre, von denen man glaubte, daß sie noch, fähig sein würden, einige kurze Wochen des neuen Lenzes siegreich zu überdauern. Die drei Mädchen hatten vielerlei herangeschleppt, und so daß denn die Vegesack an ihrer Nähmaschine inmitten einer heiteren Farbenpracht, die ihren Glanz auf Stühlen und Tischen ausbreitete, und prüfte mit scharfem Auge und fühlendem Finger Stoff, Futter und Besatz.

»Vegesack,« sagte Maxe, ein blaßbläuliches Gewandstück in der Hand haltend, »es wäre doch eine Lächerlichkeit, wenn ich das nicht noch ein paar Wochen tragen könnte. Für Ostende und Scheveningen ist natürlich die Möglichkeit ausgeschlossen, aber in Zoppot und auf der Halbinsel Hela nimmt man es nicht so genau.«

Die Vegesack schüttelte den Kopf. »Gnädiges Fräulein,« entgegnete sie, »ich bin auch für Sparsamkeit, und wenn Vegesack so manchmal sagt: ›Tilde, dein Schwarzes ist unten ganz aus gefusselt, so kannst du nicht mehr gehen‹ – dann mache ich einen neuen Saum, und es geht doch noch. Aber was ich kann, können die gnädigen Fräuleins nicht. Das Blau ist verschossen, es hat keinen rechten Ton nicht mehr, es ist auch brüchig geworden, es war ein billiger Stoff.«

»Wenden!« rief Elfriede.

»Es lohnt sich nicht. Ich fahr mit der Hand hinein, da ist auch schon ein Loch da. Den Besatz kann man abnehmen, aber er müßte erst gereinigt werden. Und was das Reinigen kostet, dafür kriegt man's schon ebensogut auf neu.« »Also nichts,« sagte Maxe. »Ich habe heute kein Glück bei Ihnen, Vegesack. Das Blaue ist verschossen, und für das Halbseidene scheinen Sie auch keine rechte Meinung zu haben. Aber ich trage Ihnen das nicht nach. Ich ruiniere viel, ich weiß es. Das ist Charakterveranlagung. Fräulein Elfriede ist sanfter und Fräulein Beate die gediegenere. Ich bin zu stürmisch, ich zerreiße gleich alles ...«

Nun hatte Beate noch eine ernsthafte Aussprache mit der Vegesack zweier Blusen wegen, die vermittels! neuer Garnituren auf den Stand von heute gebracht werden sollten, und dann kam Elfriede mit dem wichtigen Anliegen, die vorjährige weite Glockenform eines, prunefarbigen Cheviotrocks in mondäne Enge zu verwandeln.

»Ich weiß bloß nicht, ob Sie sich das trauen werden, Vegesack,« sagte Elfriede besorgt; »da müssen Sie ganz ehrlich sein, denn ehe der Rock verschnitten wird, geb' ich ihn lieber zu Gerson. Er ist ja noch tadellos.«

»Ist er,« entgegnete die Schneiderin. »Ein Stoff wie Leder; gnädiges Fräulein kaufen immer besser ein als wie Fräulein Maxe. Aber er braucht nicht erst zu Gerson. Ich schneide unten einfach ein Stück ab, krause ihn um die Knie rum ein und setze ein Halbstück wieder an. Das ist keine Kunst.«

»Herrjeh!« rief jetzt Maxe, die nach der Uhr gesehen hatte, »Kinder, es ist Zeit – wir müssen zu Krempel. Wir sind doch zu vier geladen!«

»Ja, zu vier,« antwortete Beate. »Aber die Mama weiß noch nichts.«

»Hält sie noch Mittagsschlaf?«

»I wo. Sie räumt mit Lina und Johanna den Balkon auf.« Das tat sie. Es geschah immer um diese Jahreszeit. Da wurde der Balkon durch Lina erst unter Wasser gesetzt und gründlich gesäubert und empfing dann seinen Frühlingsschmuck. Johanna hatte die Korbmöbel aufgestellt und war soeben dabei, ein paar Knoten in der Schnur der Marquise aufzulösen, während Frau von Göchhusen blauweiße Tontöpfe mit eingepflanzten Primeln und Maiglöckchen auf dem Balkonsims arrangierte. Da stürmten die Töchter heran.

»Wir wollen nun gehen. Mutterchen,« rief Maxe, »adieu!«

»Wo wollt ihr denn schon wieder hin?«

»Zu Krempel.«

»Zu Krempel? Warum denn?«

»Er hat uns eingeladen, Mama,« sagte Beate, »zu Schokolade mit Schlagsahne und Nußtorte. Letztere nur, weil Maxe sie so gern ißt.«

Frau von Göchhusen schüttelte den Kopf. »Ist denn sein Geburtstag?« fragte sie.

»Nein,« entgegnete Maxe, »der fällt in die Hundstage. Es handelt sich um die feierliche Einweihung seiner neuen Wohnung. Er hat jetzt zwei Zimmer und einen Vorflur, den er Diele nennt. Dort werden die Gäste empfangen.«

Frau von Göchhusen wiegte immer noch den Kopf hin und her. »Hört mal, das scheint mir doch nicht ganz passend,« meinte sie. »Drei Mädchen allein bei einem jungen Mann?«

Elfriede lachte. »Du legst den Ton fälschlich auf das Wort ›Mann‹, Mama. Für uns ist er ein neutrales Wesen.«

»So ist es,« bestätigte Beate. Und etwas nichtachtend setzte sie hinzu: »Gott, Krempel!« »Krempel hin, Krempel her. Ich kann mir nicht helfen: ich finde, ihr seid ein bißchen zu intim mit ihm geworden. Wenn ich nicht wüßte, was er für ein braver Junge ist ... Na also, da ihr mal zugesagt habt, geht in Gottes Namen. Aber um halb acht seid ihr wieder zurück.«

»Pünktlich, Mama ...« Nun empfing Frau von Göchhusen drei lebhafte Küsse, dann sprangen die Mädchen davon, Maxe voran: man hörte ihren flüchtigen Schritt in dem langen Korridor.

Ein Viertelstündchen später standen sie auf der Straße: gleichförmig gekleidet, in englischen Kostümen mit runden Blumenhüten. Bei Beate saß der Hut korrekt, Elfriede hatte ihn ein wenig in die Stirn gerückt, Maxe trug ihn seitwärts wie eine Ulanenczapka.

»Moppel, Droschke oder Elektrische?« fragte Elfriede.

»Ich schlage vor: einen Bummel zu Fuß,« antwortete Maxe. »Es ist erst viertel vier. Übrigens – stiften wir gar nichts?«

Das fiel allen dreien schwer auf die Seele. Natürlich forderte es der Anstand, daß man zu Krempels neuer Wohnung eine Kleinigkeit beisteuerte.

»Heut ist der Achtundzwanzigste,« seufzte Elfriede, »ich bin ganz blank.«

»Ich habe noch ein Fünfmarkstück,« sagte Beate, »das will ich opfern. Was bekommt man dafür? Eine Vase, einen hübschen Aschenbecher, ein Bücherbrett – alles mögliche. Aber da müßten wir zuerst zu Wertheim.«

»Lassen wir's,« erklärte Maxe. »Wir machen es so: wir kucken uns heute erst um, was er gebrauchen könnte. Und dann legen wir zusammen zu einem anständigen Geschenk.«

Elfriede nickte. »Ja natürlich; das ist das Praktischste. Vielleicht ein Teeservice – oder einen Regenschirmständer. Heut bringen wir ihm jede bloß einen Veilchenstrauß.«

»Anmutig und billig,« sagte Beate. »Aber in Anbetracht unsrer Notlage will ich nicht widersprechen. Im Übrigens bitte ich um eins: die Angelegenheit mit der Mama muß seriös behandelt werden. Vollkommen ernsthaft – sonst macht Krempel nicht mit.«

»Ernsthaft,« wiederholte Elfriede. »Selbstverständlich. Sie ist uns ja auch vollkommener Ernst.«

Maxe gab das zu. »Gewiß – trotz ihres etwas drolligen Beigeschmacks. Ein dreifacher Schrei nach dem Mann; aber wir schreien nicht für uns, sondern für die Mama. Leider sind ein paar Wenns dabei. Zunächst: wenn wir nur den Richtigen finden, Und dann: wenn sie bloß rangeht.«

»Abwarten,« sagte Beate. »Der Richtige ist die Hauptsache. Das ist eben unsre Sache, den zu finden. Ich weiß ganz genau, daß die Mama schon ein paar Freier abgewiesen hat.«

»Wen denn?« rief Maxe neugierig.

»Ein paar. Den Geheimrat von Lossow bestimmt. Seit vorigem Mai ist er nicht mehr bei uns gewesen; da hat er seinen Korb gekriegt. Und den Oberst Trittmann ebenso bestimmt. Den hatte sie auch sehr gern. Aber erst will sie uns versorgt wissen.«

»Das ist das Unglück« – und Elfriede neigte zustimmend den Kopf –, »das ist der einzige Haken. Mutter hat's ja auch ganz offen erklärt. Sie hat mir einmal in einer gemütlichen Stunde ihr Herz ausgeschüttet. Sie hätte gerne wieder geheiratet – mein Gott, sie ist ja doch noch jung und lebenslustig und eigentlich bildhübsch. Ist sie das nicht?«

»Bildhübsch. Sie hat einen so prachtvollen Teint.«

»Und eine Figur! Manchmal« – Maxe wurde ordentlich eifrig –, »wenn ich euch beide so von weitem kommen sehe, dich, Beate und die Mama – ihr seht wahrhaftig wie Schwestern aus. Seid euch ja auch fabelhaft ähnlich.«

»Jedenfalls steht das eine fest,« sagte Beate, »daß sich in die Mama bisher mehr Männer verliebt haben als in mich. Bis auf den kleinen Eggebrecht, den Piesematz mit dem Bürstenschnurrbart, hat bei mir noch keiner anbeißen wollen – und für den danke ich ...«

Während dieser Unterhaltung waren die drei in die Tiergartenstraße eingebogen und schritten nun westwärts hinauf, nicht auf der Häuserseite, sondern den Promenadenweg neben der Reitallee verfolgend, die Rousseauinsel rechts liegen lassend.

Der Lenz war dies Jahr früh ins Land gekommen: er spann seinen lichtgrünen Zauber über Bäume und Buschwerk und lockte aus der Erde des großen Parks den Duft fruchtreicher Hoffnung. Der wolkenüberflatterte Himmel strahlte ein sanftes Umbralicht aus, das den geschorenen Rasenflächen in den Vorgärten der Tiergartenpaläste einen feinen Ton matten Goldes gab. In diesen schön gepflegten Gärten blühten auch schon die ersten Frühlingsblumen: Maiglöckchen und Märzveilchen in oval geschweiften, oblongen und sternförmigen Rabatten, von der Hand des Gärtners in Ornamente gezwängt, oder in architektonischen Linien den Rasen umsäumend. Lenzfreude blickte aus den Fenstern: alle Blumenkästen waren frisch gefüllt, und zwischen hängendem Grün leuchteten heitere Farben. Nur ein großer Christusdorn war noch ängstlich mit Stroh und Bast umwickelt und sah wie ein frierender alter Mann inmitten seiner fröhlichen Umgebung aus.

Die drei Mädchen schritten rasch fürbaß. Sie liebten einen tapferen Schritt und trainierten sich gern: der Tennisplatz und die Eisbahn hielten ihre Glieder geschmeidig. Maxe war die Kleinste, aber sie brauchte sich nicht anzustrengen, um mitzukommen. Sie pendelte ein wenig mit den Armen, hielt den Kopf in dein Nacken und hatte die Angewohnheit, zuweilen mit geschlossenen Lippen ihren Schleier aufzublasen. Beate dagegen hielt sich kerzengrade und die Ellenbogen wie das Abbild einer Gibson-Girl dicht an den Seiten; sie marschierte auch am regelmäßigsten, während Maxe gewöhnlich im Laufschritt war. Zwischen beiden ging Elfriede, sich leicht in den Hüften wiegend, ihrer pikanten Schönheit bewußt, immer ein anmutiges Lächeln auf den Lippen und auf der Stirn die Ringelflut ihres goldenen Haares. Sie hatte nur einen Fehler: sie setzte die Füße schlecht – »verzwerg« sagte Maxe –, und wenn sie sich Mühe gab, ihren Gang zu korrigieren, stelzte sie zierig wie eine Ballettelevin.

Es war belebt im Tiergarten. Über den Fahrweg glitten die Equipagen, ratterten die Droschken und fauchten die Automobile; daneben, unter dem zartgrünen Buchenschleier, sprengten Reiter einher: ein paar Offiziere, junge Bankiers in schönstem Dreß, Damen von Welt und halber, und ihre langen Röcke wehten. Die Promenade war voller Menschen; ein lebendiger Strom rann die Parklisiere hinab, und auch zwischen den Bäumen weiterhin tauchten wandelnde Farben auf.,

Dem Malerblick Elfriedes, keinem geschulten, doch einem aufnahmefähigen, gefiel das wohl. Es war ein fröhliches Großstadtbild zwischen Häusermeer und Natur: ein Gewirr von geschäftigen und langsam schlendernden Leuten, von schönen Toiletten und Talmieleganz, huschenden Gören und Kinderwagen, blanken Zylinderhüten, blitzenden Uniformen; eine Revue von Gesichtern, frohgemuten und frischen, zermürbten, pastabelegten, lachenden und ernst durchfurchten, von charakteristischen Porträts und Karikaturen.

»Haltet mal!« rief Maxe plötzlich und blieb stehen.

»Was ist los?« fragte Beate; »hast du wieder zu enge Stiebeln und kannst nicht weiter?«

»Ach was...« Sie starrte einem Reiter nach, einem stattlichen Herrn in mausgrauem Rock mit zurückgeschlagenen Schößen; er ritt einen Falben mit buschigem hellem Schweif, den das nervöse Tier wie einen Windmühlenflügel quirlen ließ ... »Habt ihr den gesehen?«

»Wen?«

»Gehn wir weiter ... Es war nur ein Momentbild und selbstverständlich eine Täuschung ... Besinnt ihr euch auf das Ölgemälde von Papa, das früher in Mamas Zimmer hing und dann verpackt worden ist?«

»Aber natürlich,« entgegnete Beate. »Du meinst das von Gussow? Das Reiterbild?«

»Ja, das. Mir hat's immer so gut gefallen, und es ärgerte mich eigentlich, daß Mama es in einem Augenblick der Verstimmung ... Na also, eben ritt ein Herr vorüber, der das Original des Bildes hätte sein können.«

»Ein Doppelgänger Papas? – Lieber Gott, es' gibt manche Ähnlichkeiten in der Welt. Papa war es jedenfalls nicht. Der kommt nicht mehr nach Berlin ...«

Nun sprachen die drei, während sie weiterschritten, ein weniges von ihrem halb vergessenen Vater, Maxe hatte ihn kaum noch in her Erinnerung.

»Nein, kaum,« sagte sie. »Nur in seinem Sportdreß haftet er mir noch im Gedächtnis. Ich weiß, daß unsre Lina mich manchmal auf das Fensterbrett stellte und daß ich ihn abreiten sehen durfte. Seine gelben Kniestiefel imponierten mir immer gewaltig. Ich glaube, er hatte auch ein freundliches Gesicht und hübsche braune Augen wie auf dem Bilde – und gerade solche wie Elfriede.«

»Er war ein schöner Mann,« antwortete Beate, »ich entsinne mich seiner noch gut. Groß gewachsen und sehr elegant und gab viel auf seine Toilette. In seinem Garderobenzimmer habe ich einmal gezählt, wieviel Paar Stiefel er hatte. Es müssen an dreißig gewesen sein.«

»Ich war immer sein Liebling,« erklärte Elfriede. »Mir hat er ja früher auch noch zuweilen geschrieben; ich habe die Briefe aufgehoben und lese sie manchmal durch. Sehr liebe Briefe voller Herzlichkeit – aber auf einmal hörten sie auf. Mama deutete gelegentlich an, seine Frau wäre wohl eifersüchtig auf uns. Das macht das spanische Blut.«

»Sie ist gar keine Spanierin,« sagte Beate; »das weiß ich nun besser. Sie ist eine Mexikanerin, aber ihre Mutter war eine Vollblutpolin, die Tochter eines Adjutanten Kaiser Maximilians – oder eines seiner Hofchargen oder so was, und hat dann einen mexikanischen General geheiratet ... Jawohl. Ich habe auch einmal ein Bild von Papas zweiter Frau gesehen – bei der Mama.«

»Bei der Mama?« rief Maxe erstaunt.

»Ja, bei der Mama. Sie spricht ja nie über derlei. Aber sie räumte einmal ihren Schreibtisch aus, und ich mußte ihr helfen. Da lag in einem Fache die Photographie eines bildschönen jungen Mädchens, und hintendrauf stand: »Ihrer geliebten Freundin Magda Tarrach Wanda von Skawcze.««

Maxe hielt fast den Atem an. »O Gott ... Also so... Also da war sie eine Jugendfreundin Mamas., Das ist ja ein ganzer Roman.«

»Ist es auch ... Mama riß mir das Bild aus der Hand. Und dann fing sie an zu weinen. Und wie ich nun zärtlich wurde, erzählte sie dies und jenes. Aber ich habe ihr versprechen müssen, nicht darüber zu reden. Sie liebt das nicht.«

»Nein, sie liebt das nicht,« wiederholte Elfriede, »und ich finde das eigentlich unrecht. Warum informiert sie uns nicht ruhig über alle diese Dinge? Wir sind doch erwachsene Mädel und können uns allein unser Urteil bilden.«

»Das möchte sie eben nicht, Friedelchen. Ein Mensch vor dem andern. Sie hat wohl viel durchmachen müssen. Denkt euch nur, von seiner besten Freundin betrogen zu werden!«

»Greulich,« sagte Maxe. Aber sie war doch höchlichst interessiert: persönliche Neugier mischte sich mit unklarem romantischem Empfinden. In ihre Augen trat ein schwimmendes Licht. Sie blies mit geschlossenen Lippen ihren Schleier auf. »Beate, da muß doch die – muß doch diese Wanda in Berlin gelebt haben?«

»Ja – bei einer alten Tante. Sie ist ja hier erzogen worden. Ihr Vater war eine Zeitlang aus Mexiko verbannt; er muß da irgendwelche Dummheiten gemacht haben. Sie hat auch in unserm Hause verkehrt, aber ich habe sie nie zu Gesicht bekommen – wenigstens entsinne ich mich nicht. Na – und da hat sich der Papa in sie verliebt – oder sie in ihn –«

»Oder sie taten es gegenseitig« ergänzte Elfriede. »Das kommt ja vor.«

»Vor kommt es,« entgegnete Maxe. »Natürlich kommt es vor und häufig genug und nicht bloß in Romanen und Dramen. Aber ich finde es doch abscheulich. Das sage ich frei heraus, wenn es sich auch um unsern Vater handelt. Wenn man eine reizende Frau und drei reizende Kinder hat, soll man zufrieden sein und sich nicht von einer hübschen Kokette einfangen lassen.«

Elfriede lächelte. »Das klingt schrecklich moralisch, Tugendreich. Aber es ist doch sehr dumm. Es gibt kein Wenn in solchen Dingen. Oder schön: es soll's geben. Auch die Überlegung soll mitsprechen, Pflichtgefühl und sonst alles Gute und Edle. Endgültig bleibt es doch immer fraglich, ob das moralisch Bessere den Sieg davonträgt oder die Unvernunft des Herzens. Nun denke dir, unser Vater wäre dem Pflichtgefühl gefolgt und hätte bei uns ausgehalten: weißt du denn, ob es ihm möglich geworden wäre, seine Wanda zu vergessen? ob er nicht kreuzunglücklich geworden wäre und die Mama mit? ... Na, und wie liegt jetzt die Sache? Mutter hat sich getröstet und würde – das ist meine Überzeugung – längst wieder geheiratet haben, wenn grade der Rechte gekommen wäre. Papa hat sein neues Glück gefunden, und uns – uns fehlt schließlich auch nichts. Seien wir doch ehrlich.«

Aber Maxe war eigensinnig. »Mit dir ist über derlei schwer streiten, Frieda. Du bist die Modernere oder spielst dich darauf auf. Deine Moral wackelt immer, wenn sie auf ein interessantes Problem trifft – weil dir das Problem meist mehr zusagt als die Moral. Nun bin ich wahrhaftig auch nicht der Tugendreich, der ich heiße, aber –«

»Stille, Kinder,« fiel Beate ein. »Euer Gespräch führt zu nichts, und außerdem kommt Herr von Emmingen über den Damm – da wollen wir rasch ein harmloseres Thema anschlagen ... Also: wo gehen wir diesen Sommer hin? Soll's bei Zoppot bleiben, oder wollen wir die Mama mit List und, Tücke auf Ostende dressieren? ...«

Der Herr, der über den Fahrdamm den Mädchen entgegenschritt, schwenkte bereits seinen glänzenden Zylinderhut und machte dabei ein sehr glückliches Gesicht. Es gibt Gesichter, die keiner Maske fähig sind oder auf denen sie immer verunglückt. Man liest in ihnen wie in den Seiten eines Buches, liest alles von ihnen ab, was Herz und Seele bewegt, selbst das Heimlichere und das Stille, wenn man es sonst versteht, ein Menschenantlitz zu deuten. So war es bei Herrn von Emmingen, der sich absolut nicht verstellen konnte, was ihm selber in hohem Grade unangenehm war, da er zum diplomatischen Korps gehörte und der Ansicht huldigte, daß ein Diplomat unbedingt schauspielerisches Können besitzen müßte. Aber es gelang ihm nicht, etwas anderes zu, zeigen als das, was er fühlte. Und da er trotzdem immer gern über sich hinauswollte, so hatte er sich ein merkwürdiges nervöses Zucken angewöhnt und ein gelegentliches kurzes Auflachen, das eigentlich nur ein Verlegenheitsmeckern war. In seinem sonst wenig sagenden Gesicht standen ein paar recht gescheite Augen; das blonde Bärtchen war nach englischer Sitte ganz kurz gehalten und die übermäßig schlanke Figur vom Zylinder bis zu den Stiefeln so elegant equipiert, daß die landläufige Redensart, der Mann sehe aus wie aus einem Modekupfer geschnitten, bei diesem Legationssekretär keine Übertreibung bedeutete.

Er schwenkte seinen Hut zweimal mit kreisender Bewegung der Rechten und war dann bei den Mädchen.

»Meine gnädigsten Damen,« sagte er, »hohe Freude.«

»Höchste Freude, Kerr von Emmingen,« erwiderte Maxe, »wir bitten um den Superlativs wenn schon, denn schon.«

»Also höchste. Es ist auch richtiger. Hierher gehört die Steigerung. Auf Geschäftsgängen, wenn ich fragen darf, oder nur Promenade pour prendre l'air? Wär's letzteres, so würde ich den Mut fassen, gehorsamst zu bitten, die Gnädigsten ein paar Schritte begleiten zu dürfen. Bei einem Geschäftsgang, ob Schneiderin oder Hutmarchandage, wag' ich das nicht. Keinesfalls. Da respektiere ich den Ernst der Gedanken und die Absicht auf das Resultat ...«

Seine Augen kreisten über die drei, tatsächlich hatte er aber nur mit Maxe gesprochen. Die antwortete auch; Herr von Emmingen flirtete lange um sie herum, und die Schwestern hielten sich, diskret zurück: sie überließen ihn der Kleinsten.

»Sie können alles wagen,« sagte Maxe, »und wenn Sie uns bis an das Ende unsres Marsches, begleiten wollen: um so besser für uns.«

Er schloß sich an. Sofort teilte sich die Gruppe: Beate und Elfriede schritten voran, als hätten sie es, so verabredet. Es war aber nur kluger Instinkt.

»Und wohin, geht's, wenn ich fragen darf?«

»Sie dürfen immer fragen – auch ohne den Nachsatz. Nach der Lietzenburger Straße – in eine Gegend des freien Feldes.«

»Das gefällt mir. Die Flucht aus der Stadt, Sehnsucht nach der Natur. Ich kenne die Landschaft. Ganz reizend. Wie eine Schilderung Bret Hartes. Steppengras und aufgewühlter Boden, leere Sardinenbüchsen, Küchenabfälle, malerische Fetzen; alles unter dem Zeichen: ›Hier kann Schutt abgeladen werden.‹ Und darüber der Odem der Freiheit.«

Maxe lachte fröhlich. »Sie sind boshaft, Herr von Emmingen. Aber beinah haben Sie recht. Nur streben wir nicht so weit hinaus – nicht bis an die Region der Kjökkenmöddinger. Wir machen schon vorher Halt. Wir sind zu einem Freund geladen.«

»Freund? Ich verstehe doch richtig. Masculini generis?«

»Schaudern Sie. Es ist so. Zu einem jungen Mann namens Krempel.«

Herr von Emmingen nahm sein Monokel aus dem Auge. »Gnädiges Fräulein, das ist nicht möglich. Krempel gibt's nicht. Das wäre vieux jeu: alte Berliner Posse oder gar Kotzebue, nicht einmal Raupach. Ein moderner Mensch kann nicht Krempel heißen.«

»Es ist auch kein ganz moderner. Trotzdem heißt er so. Einer seiner Vorfahren war Magister – liberalium artium magister – und nannte sich Krempelius. Es war die Zeit, da man alles latinisierte. In der Gegenwart klingt Krempel immer noch hübscher als Krempelius. Wenn er nur wenigstens einen dazu passenden Vornamen besäße! Aber auch das ist nicht der Fall. Halten Sie Ihr Monokel fest, Herr von Emmingen, und bleiben Sie Ihrer Sinne Meister: unser Freund heißt Dionys Krempel.«

Der Legationssekretär schwieg zunächst ein kleines Weilchen, und dann sagte er: »Also, das ist der Gipfel. Es ist unter allen Umstanden etwas Ungeahntes. Es ist zunächst eine leichte Schreckwirkung, die sich aber bald zu einem behaglichen Empfinden abdämpft. Ganz gewiß: Dionys Kremsiel verbreitet eine Atmosphäre von Behaglichkeit um sich. Ist er auch selbst ein Original?«

»'n – ja ... halb und halb. Jedenfalls kein Dutzendmensch. Sein Vater war ein ausgesprochener Sonderling, und von dem hat der Sohn mancherlei geerbt. Der Alte war Pastor auf einem Gute, das wir früher besaßen, und der Sohn hat uns alle miteinander in den Anfangsgründen löblicher Wissenschaft unterrichtet. Daher unsre Freundschaft.«

»Daher also. Es ist hübsch, wenn man so anhänglich ist. Ich beneide Krempel.«

»Warum?«

»Wegen der Anhänglichkeit. Und weil Sie so ganz sans gêne zu ihm gehen können – also, weil er Ihnen nahe steht... Wenn ich Sie einmal einladen würde, Sie drei, da würden Sie doch keinesfalls kommen?«

»Weshalb denn nicht? Zu einem Damenkaffee mit Stippe? Ich glaube schon, daß das Mama erlauben würde. Sie sind ja doch kein Oger, der kleine Mädchen frißt. Sie sind ein sehr korrekter junger Herr aus der besten Gesellschaft.«

»Sagen Sie nicht korrekt, gnädiges Fräulein. Man sagt es mir zu oft. Mein Gesandter hält mich dafür, und die Kollegen niederer Art wiederholen es. Vielleicht bin ich es auch: aus Instinkt; aber eine gewisse Warmblütigkeit sträubt sich dagegen. Ja wahrhaftig: ich sträube mich vielfach gegen mich selbst. Es gibt ja solche Zweiseelenmenschen. Das Innere will hütt und das Äußere hü. Wie ist da ein Ausgleich möglich?«

»Der findet sich in der Ehe,« sagte Maxe mit weiser Harmlosigkeit.

Herr von Emmingen zuckte und ruckte mit Schultern und Armen. »In der Ehe – na ja. Da findet sich alles. Bloß die Ehe selbst findet sich manchmal nicht. Ich bin dreißig, unbescholten, habe ein leidliches Nährbrot und noch etwas dazu – aber werde immer allein bleiben. Nämlich weshalb? Wegen des Zweiseelenstands. Die eine Seele möchte gern, und die andre hat Angst. Die eine stürmt lebhaft vor, und die andre wirkt retardierend. Die eine will sprechen, und die andre sagt: halte den Mund. So geht's mir immer und in allem. Sogar in meinem Beruf. Ich bin eigentlich ein sehr unglücklicher Mensch...« Er blieb stehen: dicht am Portal der Gedächtniskirche... »Bemitleiden Sie mich und gestatten Sie mir, daß ich mich gehorsamst empfehle. Jetzt sprechen abermals die zwei Seelen. Die eine möchte Sie gerne bis an die Gegend der Kjökkenmöddinger begleiten, aber die andre weist auf die Uhr und mahnt mich daran, daß ich noch auf der russischen Botschaft eine Karte abzuwerfen habe.«

Maxe gab ihm die Hand. »Adieu, Herr von Emmingen. Ich bemitleide Sie nicht. Seien Sie energisch und würgen Sie die eine Seele ab: welche, müssen Sie wissen, und auch, wann es an der Zeit ist. Dann ist die andre frei.«

Der Legationssekretär hatte noch die Hand Maxes in der seinen und warf ihr einen Blick zu, der sie verwirrte. Er wollte auch sicher eine Antwort geben, aber da traten Beate und Elfriede hinzu, und er ließ es. Er verabschiedete sich mit liebenswürdiger Förmlichkeit und rief ein Auto heran.

Indessen gingen die Mädchen weiter.

»Hat er angebissen?« fragte Beate.

»Er beißt nicht,« erwiderte Elfriede. »Er gehört zu der Spezies je ne sais quoi. Er ist nicht einmal Schmetterling: er tut nur so. Er hat kaltes Blut.«

Aber Maxe verteidigte ihn. »Da irrst du dich. Er ist nur zu zag und steckt zu sehr in der Konvention. Er ist ein braver Mensch und soll auch tüchtig sein. Irgendwer hat mir neulich erzählt, er würde bald Rat werden, und dann kriegt er eine exotische Gesandtschaft. Aber heiraten möchte ich ihn um die Welt nicht.«

»Du bist ein Schäfchen,« sagte Beate. »Er paßt sehr gut zu dir – du könntest froh sein, wenn er um dich anhielte. Auf wen wartest du eigentlich?«

»Sie hat unentwegt ihren Krempel im Herzen,« warf Elfriede ein.

Maxe wurde ärgerlich. »Den Scherz hast du schon öfters gemacht, Friedl! – such' dir einen neuen. Durch eure albernen Anspielungen werdet ihr es dahinbringen, daß die Mama sich eines Tages jeden ferneren Besuch Krempels verbittet. Hätte auch recht so – und mir war's am liebsten. Dann hat der Unfug ein Ende.«

Sie war wirklich böse. Sie blies in ihren Schleier und hatte ein dräuendes Wetter auf der Stirn. Die Schwestern lenkten ein und sagten ihr gute Worte, und da dauerte es auch nicht lange, und das Wetter zog wieder ab. Nun gingen sie noch in einen Blumenladen, um die Geschenkveilchen zu kaufen, und blieben ein paar Minuten später vor einem großen Torweg stehen.

»Hier ist es,« erklärte Maxe. »Krempel hat mir gesagt, rechts von ihm läge ein Kohlenkeller und links eine Bäckerei mit Schrippen im Schaufenster. Das Topographische stimmt also. Im Hausflur müssen wir uns rechtsseitig halten, weil wir sonst zu dem Aufgang für Herrschaften geraten, der uns nichts angeht. Also, nun vorwärts!«

Sie traten in das Haus.

Herr von Göchhusen, der immer gern seinen Launen gefolgt war, hatte eines Tages Lust verspürt, sich ländlich anzukaufen. Aber es sollte nur ein kleines Gut sein: in der Nähe Berlins, leicht zu bewirtschaften und leicht wieder loszuschlagen, wenn man der Sache überdrüssig geworden wäre. Das fand sich denn auch, und zwar in der Umgebung des Schwielowsees, und hieß Zochin. Zochin war ein Dörfchen wie andere am Ufer des Schwielow, hatte aber eine berühmte Kirche, deren Grundstein noch die Kurfürstin Dorothea gelegt, und einen gleichfalls berühmten Geistlichen, den Pastor Krempel. Er war so berühmt, daß man zuweilen aus Potsdam und Spandau, auch aus Berlin herüberkam, um ihn predigen zu hören: aber weniger aus frommer Lust an innerer Erbauung als aus Neugier. Denn Krempel war ein eigenartiger Prediger; er sprach wie Abraham a Santa Clara und wie die geistlichen Herren des Mittelalters, liebte kräftige Wendungen und eine ungemein ausdrucksvolle Mimik, die er durch lebendige Gestikulation unterstützte, und verstand es, die Themen der Bibel auf eigentümlich realistische Weise zu modernisieren und der Gegenwart nahe zu bringen.

Er war auch sonst ein origineller Kauz, kein Eiferer, aber ein Wetterer, immer im Kampfe mit dem Konsistorium, ein Schulmann von seltsamen pädagogischen Prinzipien, ein passionierter Imker und ein großer Fischfreund, der halbe Tage lang im Boot auf dem Schwielow liegen konnte, um seine Netze zu werfen oder die Angel in das Wasser zu hängen. Dieser Pastor, der ein riesiger Mann war mit eckigen Schultern und quadratischem Kopf, hatte ein ganz, kleines, zierliches Frauchen geheiratet. Es hatte damals einen Skandal gegeben, denn das Mädchen, Dionysia Madersteg, die Tochter eines Inspektors der Königlichen Porzellanfabrik, war katholischer Konfession, und es hieß, Krempel habe sie zum Übertritt gedrängt. Der Santa Clara von Zochin hatte anfänglich schlimme Tage; die Eltern seiner jungen Frau klagten wider ihn, das Konsistorium setzte ihm zu, schließlich kam die Sache auch an den zuständigen Minister. Ein riesiges Aktenmaterial häufte sich auf; aber Krempel verteidigte sich gut, und da seine Frau bei dem Zeugenverhör unter rinnenden Tränen erklärte, sie sei aus freien Stücken und innerster Überzeugung evangelisch geworden, so schlug man den Prozeß endgültig nieder. Im Pfarrhause zu Zochin begann nun ein glückliches Leben, und als die Ehe im fünften Jahre durch einen gesunden Jungen gesegnet wurde, ein Sonntagskind, hielt Krempel eine so schöne Predigt, daß sämtliche Weiber schluchzten und selbst die alten Fischer des Torfes in zarte Rührung kamen, sich heftig schnäuzten und mit ihren braunen Fäusten über die Augen wischten.

Damals lachte auch über der Göchhusenschen Ehe noch blauer Himmel. Der Legationsrat (er hatte den Titel zum Abschied aus dem ihm langweilig gewordenen. diplomatischen Dienst bekommen) verlebte immer die Sommermonate in Zochin, stand sich mit seinem originellen, trinklustigen Pastor auf du und du und hatte nichts dagegen, daß auch die Kinder sich anfreundeten. Dionys war der älteste unter der kleinen Gesellschaft, was ihn aber nicht behinderte, bei allen Dummheiten der Anführer zu sein: sei es bei der Erstürmung der Kalkgrube, bei der die Kleider der Mädchen eine wunderliche Färbung annahmen, oder auch bei Wasserpartien, die nie ohne vollständige Durchfeuchtung abschlossen, oder bei halsbrecherischen Touren über Heuböden, in den Kirchturm, durch Holzställe und Kellerverließe oder bei sonstigen Extravergnügungen, wie sie die Kinderphantasie mit Märchenschreck, Räuberromantik und Prinzessinnenglück unaufhörlich auszuhecken pflegt. Dann wuchs Dionys heran, lernte zunächst in der Dorfschule die Grundzüge allgemeiner Bildung und kam hierauf unter die väterliche Fuchtel lateinischer Deklination und griechischer Grammatik. Allmählich wurde er so gelehrt, daß er schon selber den Präzeptor spielen konnte: Herr von Göchhusen berief ihn für die Unterrichtung Beates, bis sich später der Born seines Wissens auch über die beiden andern Kleinen im Schlosse ergoß. Denn die drei Mädchen hatten zu Beginn ihrer geistigen Entwicklung zwar eine englische Governeß und eine französische Bonne, der sich auch noch eine pikante Italienerin anschloß (so pikant, daß Frau von Göchhusen sie in Rücksicht auf ihren Gatten bald wieder entließ), aber keine deutsche Erzieherin mit gründlicher Vorbildung. So kam es, daß die Kinderfreundschaft zwischen dem Trio und Dionys auch die Studentenzeit überdauerte und daß das herzliche Verhältnis blieb, als die Mädchen zu ansehnlichen Jungfrauen herangeblüht waren und Krempel sich als Lehrer des Joachimsthalschen Gymnasiums »Herr Doktor« nennen lassen konnte. –

Das Göchhusensche Dreiblatt war also in den Torweg eingetreten und hielt sich nach dem Vorschlage Maxes rechtsseitig, um nicht links in den durch eine Marmorvase und einen Läufer gekennzeichneten Aufgang für Herrschaften zu geraten. Man durchquerte einen Hof mit einem abgezirkelten Rasenstück, einer großen Müllkiste und einem reckartigen Aufbau, der dem Teppichklopfen nützte, und beschritt hierauf das sogenannte Quergebäude, in dem die Treppe keinen Läufer besaß und die Fenster auch nicht so schön bunt verglast waren wie vorn.

Beate bemerkte dies sofort, aber Maxe verteidigte die Schlichtheit der Ausstattung.

»Teppiche sind Bazillenfänger,« sagte sie, »und helle Fenster lassen das Licht ein. Ich für mein Teil würde immer eine Gartenwohnung vorziehen, wenn man den Garten auch auf einem Schiebkarren forttragen könnte. Bemerkt ihr nicht die köstliche Ruhe in diesem sogenannten »Quergebäude rechts« und den guten Geruch, der durch die Spalten der Küchentüren strömt? Unten war es Schmorbraten mit Rotkohl, während hier ein gesunder Odem nach frisch, gekochtem Kaffee vorwaltet.«

»Es sind auch noch Nebenströmungen dabei,« erwiderte Elfriede und schnüffelte, »aber ich will nicht differenzieren. Außerdem glaube ich, daß wir am Ziele sind, und da vier Treppen unter uns gähnen, können wir hinzufügen: auf der Höhe der Situation.«

Sie standen vor einer Korridortür, auf die mittels vier Reißnägel eine Visitenkarte mit dem Namen »D. Krempel, Dr. phil.« geheftet war. Maxe drückte auf den Klingelknopf.

Es verstrichen ein paar Minuten, ehe geöffnet wurde, und dann sahen sich die Damen ihrem alten Freunde gegenüber, doch trug dieser zu ihrer Verwunderung einen blauen Livreerock mit Silberbesatz und verbeugte sich fremdartig.

»Ich bitte einzutreten,« sagte er. »Der Herr Doktor Krempel werden sofort erscheinen. Wollen die Damen die Güte haben, inzwischen abzulegen.«

Er half ihnen, sich von Jacken und Hüten zu trennen, ohne das Kichern der Mädchen zu beachten, und verschwand dann rasch mit den Worten: »Ich werde den Herrn Doktor benachrichtigen – wenn die gnädigen Damen freundlichst solange im Antichambre verweilen wollen ...«

»Es fängt gut an,« sagte Beate.

»Höchst verrückt,« ergänzte Elfriede. »Also dies ist das Antichambre oder besser die Diele. Oben Japan und unten deutsches Bauernhaus.«

So konnte man den Stil bezeichnen. Von der Decke herab hing ein großer japanischer Papierschirm, sonst bestand das Mobiliar aus drei Holzstühlen, einer Truhe und einem Garderobenständer.

Nun aber öffnete sich die Tür zum Wohnzimmer, und in dem blendenden Kerzenlicht, das von dort in das Vorgemach fiel, erschien abermals Krempel, diesmal in schwarzem Rock und auch sonst sonntäglich gekleidet.

»Eine große Freude,« sagte er, »auch eine Ehre, euch in meinem bescheidenen Heim bewillkommnen zu dürfen. Hat mein Diener euch schon die Mäntel abgenommen? Er war zuletzt bei dem Grafen Schuwaloff engagiert, macht aber trotzdem immer einen etwas befangenen Eindruck. Deshalb habe ich ihn fortgeschickt. Darf ich euch bitten, in den Salon zu treten, ohne Rücksicht auf den echten Perserteppich und das Polareisbärfell am Boden.«

Er hatte jeder der Damen die Hand gegeben, auch die Veilchen mit Dank entgegengenommen und wartete nun mit strahlender Miene ab, was seine Gäste zu der erleuchteten Pracht des Salons sagen würden. Sie waren des besseren Überblicks halber in der Nähe der Tür stehengeblieben und machten große Augen. Es war wirklich sehr schön. Die Rouleaux vor dem Fenster waren herabgelassen worden, um eine künstliche Nacht zu erzeugen. Dafür brannten auf dem Spiegeltisch zwei Kerzen in altertümlichen silbernen Leuchtern und auf dem Sofatisch eine sogenannte Astrallampe, wie sie in den sechziger Jahren Mode gewesen war. Alle Möbel im Zimmer stammten aus dieser Zeit; sie waren zum Teil aus gemasertem Birkenholz, zum Teil aus Mahagoni, aber die Stillosigkeit tat dem behaglichen Eindruck des Ganzen keinen Abbruch. Der echte Perser am Boden war nur Tapestry und der Polareisbär ein Ziegenfell, doch auch das schadete nicht. Über dem Sofa mit seinen gehäkelten Schutzdeckchen hingen ein paar Familienbilder und an der Wand gegenüber gekreuzte Schläger unter einem durchlöcherten Cerevis und einer alten Pistole. Der Tisch war sauber gedeckt mit weißen Tassen, die einen feinen Goldrand hatten; in der Mitte stand eine große Nußtorte und daneben eine Schüssel mit leuchtender Schlagsahne.

»Bravo, Krempelius,« sagte Beate, »es ist überwältigend.«

»Es ist mehr,« fügte Elfriede hinzu. »Der erste Eindruck blendet, das gestehe ich ein, aber dann kommt das Gefühl schöner Ruhe und einer gewissen traulichen Geschlossenheit.«

Maxe sagte anfänglich gar nichts. Sie war an die Bilder über dem Sofa getreten und betrachtete sie mit Rührung: den Mann im Lutherrock mit einem starken quadratischen Schädel und schauspielerhaft ausgearbeiteten Zügen und die Frau mit ihrem zierlichen Köpfchen unter merkwürdig altmodischem Haubenputz.

»Deine Eltern, Krempel – oh, ich entsinne mich ihrer noch gut!«

»Ja, das sind die Alten,« sagte Dionys; »sind sie nicht ähnlich? Ich habe sie nach kleinen Photographien vergrößern lassen – das macht man heute ohne Schwierigkeit. Sieht Vater nicht aus, als ob er lebte und eben mit einer Predigt losdonnern wollte? Denn er donnerte eigentlich immer mehr, als er sprach ... Wenn ich hier sitze, bilde ich mir manchmal, ein, ich wäre im Pfarrhause von Zochin. Ich habe mir alle Möbel der Eltern vom Speicher kommen lassen; die birkenen sind neu aufpoliert, bei den Mahagonis reichte es nicht ganz. Mein Stolz ist das Sofa. Es stand daheim in der guten Stube und hatte noch mehr gehäkelte Deckchen. Mutter häkelte beständig solche Deckchen, die einem gewissen Schonungsbedürfnis entsprangen. Aber der modernen Zeit sind sie unbequem, deshalb habe ich mich auf die zwei beschränkt, die der Pietät Rechnung tragen sollen.«

Er strich zärtlich über die gehäkelten Naivitäten und fuhr dann rasch fort: »Also nun bitte ich Umschau zu halten, ehe wir zur Tafel schreiten. An dem großen Schreibtisch arbeitete Vater seine Predigten, die Myrten darüber stammen vom Brautkranz meiner Mutter. Im Pfeifenständer in der Ecke seht ihr noch die mit dem alten Blücher auf dem Porzellankopf, die letzte Pfeife, die Vater geraucht hat. Das Zimmer ist eigentlich ein Museum. Aber wir wollen uns bei Einzelheiten nicht aufhalten, sonst wird die Schokolade kalt. Nur noch einen Blick in die Flucht der Nebengemächer...« Er öffnete eine Tapetentür, die in ein winziges Zimmerchen führte, in dem ein Bett, ein Waschtisch, ein großer Schrank und ein Regal mit Büchern standen ... »Das Schlafzimmer,« sagte Krempel und deutete auf das Bett; »das Ankleidezimmer« – er zeigte auf den Schrank –, »das Bibliothekzimmer« – dabei wies er auf das Bücherregal – »und schließlich das Badekabinett« – er verbeugte sich vor dem Waschtisch ... »Die Wohnung ist für einen einzelnen ja etwas geräumig, aber ich liebe die langen Enfiladen. Nun verbleibt noch die Küche ...« Es ging über einen schmalen Flur, in dem man sich kaum umwenden konnte, und dann in die Küche, in der eine dicke Frau am Herde hantierte... »Frau Brendicke,« sagte Krempel mit einer Handbewegung, »meine Haushälterin, ein kulinarisches Genie, namentlich bedeutend in falschem Hasen und in Brühkartoffeln, aber auch in feineren Sachen erfahren. Wie steht's mit der Schokolade, Frau Brendicke?«

Frau Brendicke hatte vor den jungen Damen einen Knix gemacht und zu dem Lobe Krempels etwas schämig geäußert: »Aber, Herr Doktor ...« Dann kehrte sie zu der Schokolade zurück. »Sie ist fertig, soll ich sie 'reinbringen?«

»Bitte zu servieren,« entgegnete Krempel. Nun trat man wieder in den Salon.

»Das Dienerzimmer haben wir noch nicht gesehen,« sagte Maxe.

Krempel lachte. »Ich will die Illusion fallen lassen. Es sollte wie bei wahrhaft vornehmen Leuten sein, ein Empfang in großem Stil. Deshalb habe ich mir von euerm Genander eine Livree geborgt und wandelte mich zunächst in einen Levkoien aus gutem Hause um. Aber jetzt bin ich wieder ich und bitte euch, Platz zu nehmen« Beate auf das Sofa, Elfriede rechts und Maxe links ...«

Nun trat Frau Brendicke wieder in die Erscheinung und trug auf einem Brett eine stattliche weiße Porzellankanne, goldumrändert wie die Tassen und mit einer kleinen goldenen Puschel auf dem Deckel. Die Schokolade floß in die Tassen, und Krempel setzte kunstgerecht einen Inselberg von weißer Schlagsahne auf die braune Flut. Dann schnitt er die Torte und versah auch hierbei ein jedes Stück mit einer Schlagrahmkrönung, so daß man nunmehr an die Tätigkeit des Vertilgens gehen konnte.

Während die jungen Damen mit angeregtem Appetit speisten (nur Beate ihrer Neigung zur Fülle halber etwas vorsichtiger), ging das Gespräch hin und her. Krempels frisches Jungengesicht, das sich die Harmlosigkeit der Kindheit bewahrt hatte und in dem der kleine blonde Schnurrbart beinahe ein befremdliches Element bildete, glänzte vor Freude, die Freundinnen bei sich zu haben. Er war ein Mensch glücklicher Illusionen, für den es einen Nullpunkt des Empfindens eigentlich gar nicht gab. Über das Bescheiden mit dem Notwendigen stieg bei ihm immer ein Augenblickswohlsein, das zu einer förmlichen Kette von Frohgefühlen wurde. Er war ein ausgesprochener Optimist, für den die These des Aristoteles, daß das Glück den Selbstgenügsamen gehöre, zur Wahrheit wurde. Kleinlicher Ärger, der in seinem Lehrerdasein ja auch nicht ausblieb, fiel von ihm ab wie rasch rinnende Regentropfen. Er kannte im Wechselspiel des Lebens die Unlust nicht.

Im Laufe der Unterhaltung, die vom Hundertsten zum Tausendsten sprang, fiel das Niveau in der Schokoladenkanne: der Schlagrahmberg war abgetragen und die Nußtorte zu einem fragmentarischen Gebilde geworden. Maxe hielt es angesichts der Überwindung der Materie nunmehr für an der Zeit, mit dem Plane herauszurücken, für den man Krempel als Hilfskraft gewinnen wollte. Sie wischte mit dem Taschentuch über ihre Lippen, erbat sich eine Zigarette, rauchte ein paar Züge und begann also:

»Krempel, wie du siehst, sind wir deiner gefälligen Einladung gern gefolgt und haben auch auf dem Altar, den du uns errichtet hast, nach besten Kräften geopfert., Jetzt müssen wir dir aber sagen, daß du uns doch noch etwas anderes als nur die Lust an Schokolade und Nußtorte bewog, zu dir zu kommen: wir haben die Absicht, dich an einem Unternehmen zu beteiligen, dessen Gewagtheit dich vielleicht im ersten Augenblick erschrecken dürfte, dem du aber gewiß zustimmen wirst, wenn du in Ruhe unsre Gründe gehört und deren Nützlichkeit erwogen hast.«

Dionys machte ein verwundertes Gesicht, und zugleich flackerte in seinem Auge die Neugierde auf.

»Alle Wetter,« meinte er, »das klingt feierlich.«

»So sollte es auch, denn es liegt heiliger Ernst in der Sache.«

»Also schieß los.«

Maxe atmete stark auf und sagte dann mit Betonung:

»Wir wollen unsre Mama verheiraten ...«

Krempel klappte die rechte Ohrmuschel um, als habe er nicht recht verstanden und als wolle er noch einmal die Antwort hören. Aber das war nur eine unwillkürliche Bewegung, denn er hatte schon richtig vernommen, und da das Drollige der Äußerung nach dem ersten Stutzen in sein Bewußtsein trat, huschte zunächst ein Schmunzeln über sein Gesicht, dem leises Kichern und dann ein herzliches Lachen folgte.

»Entschuldigt,« rief er, »aber das ist wirklich ... Nehmt mir's nicht übel, aber ... Bitte, Maxe, wiederhole noch einmal: ihr wollt eure Mutter verheiraten?« »Das ist unser fester Wille,« antwortete Maxe, und Elfriede sagte: »Ich weiß nicht, weshalb du das so fürchterlich komisch findest, Krempel. Wenn die Mama uns verheiraten möchte, würde dir das ganz selbstverständlich erscheinen. Warum nicht auch umgekehrt?«

Nun nahm auch Beate das Wort. »Krempel, bemühe dich, die Sache ernsthaft aufzufassen. Es handelt sich keineswegs um einen frivolen Scherz – wahrhaftig nicht. Seit wir erwachsen sind und die Mama sich nicht mehr um uns zu sorgen hat, haben wir das Gefühl, daß sie sich nach einer neuen Ehe sehnt ... Jawohl, so ist es. Sie hat die Trennung von ihrem Manne verschmerzt, sie ist innerlich wieder frei geworden, und da sie noch nicht alt genug ist zu freiwilliger Entsagung, so ist die Hoffnung auf ein zweites Liebesglück doch etwas ganz natürliches. Selbstverständlich hat sie uns das nicht anvertraut. Mitteilung von Gefühlen hat immer seine Schwierigkeit. Vielleicht spricht bei ihr auch etwas Unbewußtes mit, aber die Übertragung in das Bewußte wird schon kommen, wenn erst der Bewußte sich zeigt.«

»Natürlich,« sagte Elfriede. »Krempel, wir sind verständige Mädchen und brauchen uns nicht hinter alberner Prüderie zu verkriechen. Wir wollen dir gegenüber auch ganz ehrlich sein. Wir sind immer noch Mutterkinder. Verstehst du, was ich damit meine? Wir müssen immer noch am Schürzenzipfel unsrer Mutter hängen, weil sie uns nicht freigeben will. Sie hat uns vernünftig erziehen lassen. Jede von uns hat etwas gelernt, aber sie verwehrt es uns, das Erlernte praktisch auszunützen. Warum? Weil sie eine etwas philiströse Angst vor der Öffentlichkeit hat.«

»Das hat sie,« rief Maxe. »Da wir doch einmal bei Konfessionen sind, müssen wir auch offen zugeben, daß diese in vieler Beziehung sehr unbefangen urteilende Mutter in manchen Dingen noch recht rückständig ist. Warum muß ich beim Abiturium haltmachen? Warum läßt sie mich nicht weiterstudieren?«

»Und warum darf ich,« fügte Beate hinzu, »mich nicht nach einer Stellung als Bibliothekarin umsehen? Warum hat sie Elfriede plötzlich die Malkarriere unterbunden? Weil sie Furcht hat, uns in Freiheit zu setzen, und diese Furcht ist nichts weiter als die Scheu, uns ohne Männer ins Leben treten zu lassen.«

Maxe schlug mit zwei Fingern auf den Tisch. »Und aus allen diesen Gründen,« sagte sie, »halten wir es für eine Notwendigkeit, die Mama schleunigst zu verehelichen.«

Krempel hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört und dabei abwechselnd den Kopf geschüttelt und genickt. Aber er lachte nicht mehr: er war wirklich ernsthaft geworden.

»Ich verstehe schon,« entgegnete er, »daß ihr euch nach einer gewissen Selbständigkeit sehnt, nachdem ihr quasi zu solcher erzogen worden seid. Aber wer gewährleistet sie euch denn für den Fall, daß eure Mutter sich wieder verheiraten sollte? – Der künftige Stiefpapa? Das ist doch noch sehr die Frage.«

»Wir werden unsre Bedingungen stellen,« rief Maxe.

»Sei nicht vorlaut, Maxe,« sagte Beate. »Bedingungen stellen ist Unsinn. Wir brauchen gar keine Zwangslage zu schaffen.. Es ist klar, daß eine Wiederverheiratung der Mama auch für uns entscheidend sein würde.«

»Das scheint mir durchaus nicht so klar,« antwortete Krempel. »Es wird der Wunsch eurer Mutter sein, euch auch noch weiterhin im Hause behalten zu können. Und ihr Gatte wird nachgeben.«

»Und dann ist die Zwangslage da,« sagte Elfriede., »Gewiß, Beate, es kann immerhin zu einer solchen kommen. Was schadet es auch? Wir wollen ja der Mama nicht durchgehen. Wir wollen uns nur auf unsre persönlich gewachsenen Füße stellen. Das erlaubt uns nicht nur unsre Erziehung: wir haben auch eignes Vermögen und können von den Zinsen recht gut leben.«

»Gott sei Dank,« rief Maxe. »Rechne mal, Krempel. Jede von uns hat hundertfünfzigtausend Mark. Wenn wir nun –«

»Ach Gott, Maxe,« fiel Beate ein, »laß doch die Albernheiten. Wir brauchen gar nicht erst zu rechnen. Es langt. Wenn wir uns eine gemeinschaftliche Wohnung nehmen, können wir einen fürstlichen Hausstand führen.«

»Wenn,« sagte Krempel mit Betonung. »Ich begreife ja, daß es einen großen Reiz für euch haben würde. Es ist wenigstens eine relative Freiheit. Aber wißt ihr denn, daß die die Mama sie euch gewähren würde?«

»Wir werden es durchzusetzen verstehen. Ich glaube auch nicht einmal, daß das so schwer halten würde. Mutter selbst wird sich ihrer jungen Freiheit freuen. Natürlich – es muß ja für sie ein peinliches Empfinden sein, sich von den eigenen Töchtern in ihrer Liebe beobachtet zu wissen. Und auch für uns wäre es unangenehm. Es ginge nicht. Wir sind zu groß geworden.«

Krempel sah das ein. »Also schön. Rekapitulieren wir: eine neue Ehe eurer Mutter wäre für alle Teile gut. Wollt ihr nun die Gewogenheit haben, mir zu erklären, wie ich euch dabei helfen könnte. Mit Heiratsvermittlungen habe ich mich noch nie befaßt, weiß nicht einmal, ob ich Talent dazu habe. Aber es kann schon sein. Mein angeborener Optimismus würde mich zum Glücksstifter befähigen. Auf Prozente verzichte ich.«

Die drei Mädchen huben gleichzeitig zu sprechen an.

»Ruhe,« sagte Beate, »ich bin die Älteste. Ich bin die Sprecherin, ihr seid nur der Chorus. Die Sache liegt so, Krempelius. Bis jetzt haben wir nur einen Mann auf Lager, der für die Mama geeignet sein könnte. Er heißt Woldemar mit Vornamen – mit ›o‹ – und ist eine alte Jugendliebe von ihr. Also ein beachtenswertes Objekt, wenn ich mich so ausdrücken darf. Aber das genügt nicht. Wir müssen das Lager komplettieren. Wir müssen uns eine reichere Auswahl schaffen. Unter den Leuten, die bei uns verkehren, ist nichts Passendes.«

»Nein,« setzte Elfriede hinzu, »gar nichts. Die meisten kennst du ja. Unser Verkehr ist sowieso nicht sehr groß. Ich bin schon auf eine ganz verwegene Idee gekommen, aber ich ängstige mich beinahe, sie euch mitzuteilen, weil sie ein bißchen frivol ist. Wie wär's mit einem Inserat?«

»Aber Elfriede!« rief Beate, und auch Krempel schüttelte abermals mißbilligend den Kopf. »Das ist zu gewagt. Und zuviel Risiko dabei. Und hat einen unangenehmen Beigeschmack. Nur keine Dummheiten.«

»Herrschaften, erlaubt,« sagte Maxe, »was wäre dabei? Es wird ja kein Name genannt. Ich denke mir das höchst ulkig. Wir könnten auf dem Inseratenwege auch um die Photographien der Heiratslustigen bitten. Dann kriegten wir eine hübsche kleine Galerie zusammen –«

»Maxe, was redest du für Unfug!« fiel Beate ein, »Wir wollen abenteuerliche Ideen beiseite lassen und praktische Ziele verfolgen. Krempel hat recht: bloß keine Dummheiten! Krempel, hör' zu – du bist der einzig Verständige. Hast du keine geeigneten Herren in deiner Bekanntschaft, die du uns zuführen könntest?«

»Das wäre zu überlegen,« antwortete Dionys. »Unter meinen Kollegen nicht. Ein Philologe paßt auch nicht zur Mama. Wir müssen da sehr vorsichtig sein und neben allen Äußerlichkeiten Charakter, Gemüt und Herz berücksichtigen. Mein Direktor ist Witwer, ganz passable Erscheinung, hat neulich den Kronenorden dritter bekommen – aber er ist ein bißchen verknöchert und schnupft Tabak. Also fort! Apropos: Adel ist doch nicht unbedingt notwendig?«

»Nein,« sagte Maxe. »Mama ist nicht so. In solchen Dingen sind wir sehr liberal.«

Krempel schnippte mit den Fingern und sprang auf. »Ich hab's!« rief er. »Ich habe einen Kandidaten für unsre Zwecke, wie man sich ihn nicht besser denken kann! Einen, den ihr auch kennt und der sowieso bei euch Besuch machen wollte: den Superintendenten Warmuth.«

»Warmuth?!« rief Elfriede. »Den langen Herrn, den wir neulich bei Geheimrat Hegler trafen?«

»Denselben. Ein charmanter, liebenswürdiger Mann von Ernst der Gesinnung, dabei mehr weltfreudig als Asket – von recht gutem Sichgeben, vielleicht fünfzigjährig, stattlich, geliebt bei Gemeinde und Konsistorium – und außerdem heiratslustig.«

»Weißt du das?« fragte Elfriede.

»Nein. Aber warum soll er es nicht sein?«

»Wenn einer schon fünfzig geworden ist ... Zudem Geistlicher. Die heiraten immer frühzeitig.«

»Vielleicht hat er als Kandidat eine unglückliche Liebe gehabt. Aber das ist so lange her, daß er sie zweifellos schon wieder verschmerzt hat. Jedenfalls hegt er eine große Schwärmerei für eure Mutter.«

»Ich glaube, du schnurrst, Krempelius,« sagte Beate.

»Auf mein Wort nicht. Er hat mich bei Hegler förmlich ausgefragt nach der Mama. Alles wollte er wissen. Fand sie entzückend – und seine Augen folgten ihr, wo sie stand und ging ... Das wäre der eine. Nun kommt Nummer zwei.«

»Herrjeh,« rief Maxe, »hast du noch einen in petto?«

»Noch etwas Hervorragendes. Einen Witwer. Sozusagen ein Gegengewicht zur Theologie: einen Großkaufmann. Einen Kommerzienrat von schönen Einkünften: Herrn Friedrich Wilhelm Brökelmann.«

»Kenne ich nicht,« sagte Elfriede.

»Ich auch nicht,« setzte Beate hinzu. Doch Dionys rief lachend: »Natürlich kennt ihr ihn, wenn auch nicht persönlich. Ihr trinkt ja alle Tage seine Milch!«

Die Damen schwiegen einen Augenblick, dann lachten sie fröhlich auf, und Maxe rief: »Ach, den meinst du?! Den Brökelmilchmann!? ... Hör' mal, da glaube ich doch, daß Mama das geistliche Element vorziehen würde.«

»Das ist die Frage, Ihr dürft euch unter diesem Brökelmenschen nicht einen vulgären Milchmann vorstellen, der immer weiß beschülpert ist. Das ist ein halber Agrarier – mit industriellem Einschlag und von bedeutendem Unternehmungsgeist. Ein früherer pommerscher Gutsbesitzer – hat auch noch etwas von der Rasseneigentümlichkeit jener Landschaften beibehalten, aber großstädtisch abgeschliffen und durch häufige Besuche des Metropoltheaters geistig verfeinert. Ein Mann von Bildung und Lebensart, mit Hunderten von Kühen, die unablässig gemolken werden, um die Milch der frommen Denkungsart in unserm verpöbelten Zeitalter zu verbreiten. Außerdem ist er doch euer Nachfolger – was auch von einem gewissen Interesse ist.«

»Nachfolger – wieso und inwiefern?«

»Na ja – das wißt ihr auch wieder nicht. Er hat Zochin gekauft und dort seine Meierei angelegt. Aber diese Meierei, liehe Kinder, ist ein Institut, kein gewöhnlicher Rindviehstall. Ist eine ganze Stadt für sich, eine Sehenswürdigkeit: das Chicago des Schwielow. Das müßt ihr kennen lernen.«

»Wollen wir auch,« sagte Elfriede. »Nimm uns doch einmal mit!«

»Gern. Der Kommerzienrat hat einen Sohn; den unterrichte ich – einen prächtigen Bengel, mit dem ihr als Stiefbruder ganz zufrieden sein könntet. Durch den brauchen wir uns bloß anmelden lassen. Sein Vater hat übrigens auch eine Stadtwohnung, gar nicht weit von euch: in der Bendlerstraße. Außerdem ist er ein Jugendfreund des Superintendenten Warmuth, was wiederum eine niedliche Zufälligkeit ist.«

»Oder auch nicht,« warf Beate ein. »Wenn sich nun beide in die Mama verlieben und ihre Eifersucht zu gräßlichen Taten führt?«

»Ausgeschlossen,« rief Maxe. »Ganz unmöglich. Vergeßt nicht, daß der eine mit Milde, der andre mit Milch handelt.«

»Das ist frivol, Maxe, aber man verzeiht dir, weil es nicht unrichtig ist. Sie werden sich weder boxen noch schießen; der eine wird dem andern mit Anstand zuvorkommen. Also seid ihr einverstanden, daß wir den Kommerzienrat auf die Liste der Papabili setzen?«

Die Damen bejahten einstimmig: Beate mit der Einschränkung, daß man ihn erst einmal kennenlernen müßte. Aber Dionys erklärte nochmals, daß dies ein leichtes sein würde. Er wollte schon morgen dem kleinen Berthold, dem Sohne Brökelmanns, einen Brief mitgeben und um die Erlaubnis bitten, mit einigen befreundeten Damen die Meierei besichtigen zu dürfen.

»Gut,« sagte Elfriede. »Vielleicht kommt die Mama mit, dann finden sich gleich die ersten Anknüpfungspunkte. Sonst fordert ihn eine von uns aus Dankbarkeit auf, uns gelegentlich mit seinem Besuche erfreuen zu wollen ... Nun haben wir drei, die in Frage kämen: einen Offizier, einen geistlichen Herrn und einen Industriellen. Das dünkt mich vorderhand genug. Man soll nicht übertreiben. Bei allzuviel neuen Bekanntschaften könnte die Mama stutzig werden. Auf den Kommerzienrat rechne ich am wenigsten.«

»Und ich am meisten,« versetzte Krempel. »Ihr malt euch noch immer ein falsches Bild von ihm. Ihr denkt an Butter, Quark und dicke Milch. Aber er ist ein Gentleman, auch ein großer Mäcen mit einer schönen Bildergalerie und allerhand auserlesenen Kunstwerken in seinem Hause. Ihr werdet euch wundern, wenn ihr einmal zu ihm kommt.«

»Ist er denn äußerlich einigermaßen ansehnlich?« fragte Beate.

»Aber wie!« rief Krempel eifrig. »Denkt euch eine Mischung zwischen dem Farnesischen Herkules, dem alten Wrangel, dem Apoll von Belvedere und dem seligen Minister Miquel, dann habt ihr ihm vor euch. Er ist kraftvoll wie Herkules, geschmeidig wie Apoll, militärisch wie Wrangel und hat die buschigen Augenbrauen Miquels. Das Gesicht bartlos bis auf zwei Raupen auf den Backen. Die Augen etwas klein und zugekniffen, aber der Blick schelmisch und verliebt – ja entschieden verliebt. So ein Blick voll zärtlicher Gourmandise.«

»Nun bin ich aber wahrhaftig neugierig,« sagte Maxe. »Vor allem freue ich mich, daß wir so weit sind. Jetzt heißt es, die Mama mit Lang- und Sanftmut und großer Delikatesse auf das Kommende vorzubereiten. Sobald die Herren Besuch bei uns gemacht haben, müssen wir eine Gesellschaft geben. Und zwar schlage ich vor, daß jede von uns eins unsrer Opfer übernimmt, sich mit besonderer Liebe an den Betreffenden heranschlängelt und ihm das Lob der Mama in hellen Tönen singt.«

»Da bitte ich um den Major,« entgegnete Elfriede.

»Warum?«

»Weil er auch malt und wir uns gut verstehen werden.«

»Schön, ich habe nichts dagegen. Ich werde die Geistlichkeit übernehmen. Die Bearbeitung ist am schwierigsten, aber ich traue sie mir zu.«

Beate protestierte. »Erlaubt,« rief sie, »da bleibt ja für mich nur der milkman übrig? Wovon soll ich mit ihm sprechen? Ich habe keine Ahnung von Buttermaschinen und Zentrifugen, und eine Molkerei ist für mich wie das Bild zu Saïs.«

Maxe wurde ärgerlich. »Sei doch keine Spielverderberin! Du hörst ja von Krempel, daß die Bildung des Mannes hoch über das Melken geht.« »Du kannst beruhigt jedes Thema bei ihm anschlagen,« sagte Dionys, »sogar aus der alten Welt. Sprich mit ihm über die Pythia oder die Äpfel der Hesperiden – er wird Bescheid wissen. Nur den Stall des Augias und die heilige Kuh der Inder erwähne nicht, weil er das für Anspielungen halten könnte ...«

Der Plan wurde noch lange und in allen Einzelheiten durchgesprochen. Krempel amüsierte sich über den Ernst, mit dem die Mädchen auf ihr Ziel losmarschierten: es war beinahe so, als ob sie eine neue Ordnung der Dinge erstrebten und vom Hochzeitstage ihrer Mutter an den Beginn einer besseren Gegenwart erwarteten. Das reizte seine Spottlust, für die er sowieso Vorliebe und Verständnis hatte; aber er hütete sich, ihr die Zügel schießen zu lassen. Er machte das Spiel mit, weil es ihn harmlos dünkte und weil er diese prächtigen Mädel lieb hatte, die ja auch in ihrem guten Rechte waren, wenn sie die Forderung stellten, den Bau ihrer Erziehung nicht in Untätigkeit zerbröckeln zu lassen. Sie waren alle drei heitere Freiheitsvögel, und man konnte es verstehen, daß sie sich aus dem Neste heraussehnten. Gewiß: sie hatten es gut unter den Fittichen der Mutter und ihrer liebenden Sorglichkeit. Aber die Mutter selbst hatte die Antriebe zu einer kräftigeren Entfaltung ihrer Individualität in ihnen geweckt, und nun hielt es schwer, wieder zum Stillstand zu bremsen.

Auch Frau von Göchhusen kannte Dionys seit vielen Jahren und schätzte sie aufrichtig. Sie hatte lange unter dem Druck ihrer Scheidung gestanden. Dann aber kam die Rückbildung um so rascher; sie fand ihren Humor wieder, und ihr altes glückliches Temperament erwachte von neuem. Sicher war es auch nicht nur eine gewisse philiströse Rückständigkeit, die sie veranlaßte, das Studium ihrer Kinder zu unterbrechen: es war zweifellos ein naiver Egoismus dabei im Spiel, der heiße Wunsch, die Mädchen bei sich zu behalten. Es war ihr schon schwer geworden, sie wechselweise von sich zu lassen; aber während Maxe in Hannover in Pension war, um sich für die Weihe des Abituriums vorzubereiten, verblieben wenigstens die beiden anderen bei ihr, und als Elfriede zu Weimar den Urgrund zu berühmter Zukunft legte, behielt sie doch immer noch Beate, die bei einem zoddelbärtigen Berliner Professor die Mysterien der Bibliothekwissenschaft mit leichter Mühe erlernte. Und nun wollten alle drei auf einmal in die Welt hinaus. Natürlich war das hart für die Mutter, der um ihre Küken bangte. Aber nein: vielleicht bangte sie sich gar nicht einmal. Sie war ihrer Mädel sicher: sie hatte ja doch selbst dafür Sorge getragen, daß in diesen jungen Seelen das Verständnis für die Umwelt mit allen ihren Kontrasten, dem Zusammenstoß der Kräfte, ihren moralischen Versuchungen und auch der Verschiebung ihrer sittlichen Begriffe Wurzel schlug. Sie hatte fünf Kindern das Leben gegeben. Die ältesten, Zwillingsmädchen, ein schwächliches Paar, waren bald nach der Geburt gestorben. Aber dann ging es weiter: wieder ein Mädchen, und wieder eins und nochmals ein Mädchen – und da hatte ihr Mann sie die »Mädelmama« getauft und ihr scherzend vorgeworfen, wie schwer es halten würde, diese umherkrabbelnde Weiblichkeit mit allem Komfort der Gegenwart zu erziehen.

Freilich – solange der Legationsrat noch mitzureden hatte, wurde der sogenannte Komfort jedweder praktischen Betätigung vorgezogen, und Miß und Mademoiselle hatten nur darauf zu achten, daß die Kleinen artig waren und Englisch und Französisch besser zu lernen verstanden als die eigene Muttersprache. Aber dann kam es anders, und zwar kam es so, daß diese verständige Mädelmama sich ihrer Erziehung nicht zu schämen brauchte und zugleich wissen mußte: in dieser Erziehungsmethode ruhten die Triebkräfte zu einer späteren Selbständigkeit. Sie war zu klug, um das nicht einzusehen; was sie fürchtete, war sicher nur die Einsamkeit.

Also gut: da mußte man sie verheiraten. Dionys Krempel sprach nicht davon, daß es ihm noch sehr zweifelhaft erschien, ob alle gescheite Berechnung nicht doch etwas Falsches ergeben würde. Er ging nie einer humoristischen Wendung im Leben aus dem Wege; es gefiel ihm auch, daß die drei Mädel so forsch zuzupacken verstanden, alles Sentimentale ausschalteten und ohne heuchlerisches Pharisäertum auf die Entscheidung losmarschierten. Sie wollten ihre Mutter verheiraten, um sich selbst eine freiere Bewegung im Dasein zu schaffen. Das war die Hauptsache: der Egoismus der Kinder prallte gegen den der Mutter. Verständlich. Was sonst noch kommen konnte, war in Nebel gehüllt. Vielleicht verliebte sich wirklich einer der drei Auserwählten in die stattliche Frau. Vielleicht dachte keiner daran. Vielleicht erwiderte sie die Neigung dieses oder jenes; vielleicht gab sie allen dreien den Laufpass. Jedwede Hoffnung stand auf diesem »Vielleicht«. Aber gerade das machte Herrn Doktor Krempel Spaß.

Maxe sah die Zukunft bereits in rosigstem Lichte.

»Es bleibt dabei,« sagte sie, »unmittelbar nach Mutters Hochzeit nehmen wir uns eine gemeinschaftliche Wohnung. Das denke ich mir wundervoll. Dein Atelier hinten heraus, Elfriede, damit deine Modelle uns nicht beständig in die Quere kommen. Beate kriegt als Älteste das schönste Zimmer vorn, und meine Studentenbude gliedert sich an. Zur Einweihung laden wir Krempel ein: das ist die Revanche für heute.«

»Ich danke im voraus,« entgegnete Dionys, »und akzeptiere schon jetzt. In der Tat: es muß behaglich sein, wenn ihr drei erst zusammen haust. Aber das Trio kann sich bald in ein Duo verwandeln, und wenn von dem Duo eine von dannen zieht, wird sich die Übriggebliebene etwas verlassen vorkommen. Kinder, denkt ihr denn nicht an die eigene Heirat!?«

Eine aufgeregte Gegenwehr hub an. Aber die Stimme Beates durchdrang das Chaos.

»Krempel, wozu dieser Einwurf?!« rief sie. »Wir haben alle drei schon unsre Freier gehabt und haben kaltlächelnd gedankt. Muß denn immer geheiratet werden?«

»Nimm an, deine Mutter stellt die gleiche schwer zu beantwortende Frage.«

»Ach was, die Mutter,« sagte Elfriede, »hier handelt es sich um uns. Wir haben gar keine Ursache, uns in Abhängigkeit zu begeben, weder materiell –«

»Noch sonstwie,« ergänzte Maxe. »Wir gehören nicht zu den törichten Jungfrauen, die ihre Herzen nicht in Zucht zu halten verstehen, mein guter Junge.«

»Na, na – renommiere nicht. Es könnte doch einmal einer kommen –«

»Er soll nur! Er soll nur. Haha, wir lassen uns nicht überrumpeln! Ein bißchen vorsichtige Kaltschnäuzigkeit haben wir aus Mutters Erbe. Eine wird die andere beraten. Eine wird Schutz der andern sein. Wir halten zusammen.«

»Hoffentlich,« setzte Beate hinzu. »Krempel, es ist merkwürdig, wie du uns verkennst. Wir reißen uns nicht um die Männerwelt. Du weißt, ein bissel Pessimismus hat immer in mir gelebt. Ich glaube nicht an die wolkenlose Reinheit der Liebe. Wir haben ein vorbildliches Beispiel an der Ehe unsrer Mutter.«

»Die ihr aber trotzdem rasch wieder unter die Haube bringen möchtet.«

»Gott, Krempel,« rief Elfriede, »wirf die Motive doch nicht geflissentlich durcheinander. Es gibt Zweckessen und Vergnügungsdiners, du verstehst wohl. Ich bin minder pessimistisch angehaucht als Beate, aber ich gebe ihr recht: wenn man die Liebe nicht als eine reale Macht anerkennen will, gegen die es kein Wehren gibt, dann ist sie in hundert Fällen neunundneunzigmal ein Possenspiel, eine törichte Schnurre oder gar ein Verbrechen.«

»Huhu!«

»Nee – mach' nicht huhu, es ist schon so. Ich bin nicht eingebildet genug, um zu behaupten, daß ich nie hereinfallen könnte. Natürlich kann auch ich mich mal verlieben. Da werden die Schwestern kommen und mir raten, was verständig ist: ob es nicht besser sei, zu entsagen, als auf die Gefahr hin zu heiraten, meine Freiheit gegen ein vermeintliches Glück einzutauschen ... Du mußt doch einsehen, daß wir drei viel vergnügter und vor allem sorgenloser leben können, wenn wir unter uns bleiben, als wenn wir uns in eine, ihrer Entwicklung nach vielleicht zweifelhafte Ehe stürzen.«

Maxe schüttelte den Kopf. »Er sieht es partout nicht ein,« sagte sie, »er ist ja selber ein Mann. Der Hochmut seines Geschlechts sitzt ihm im Nacken ... Krempel,« rief sie, »bist du der Ansicht, daß unsre irdische Seligkeit am Manne hängt? Ja oder nein?«

»Jawohl,« entgegnete Krempel, »erstens wegen eurer im Stadium der Verliebtheit sich proportional steigernden Illusionsfähigkeit und dann wegen der polarischen Ergänzung.«

Da wurde Maxe sehr ärgerlich. »Nun hört ihr's! Es ist die alte Geschichte: jedesmal, wenn er mich übertrumpfen will, fängt er mit Fremdwörtern an. Aber die verstehe ich auch, und auf deine polarische Ergänzung pfeife ich. Und wenn du nun noch ein Wort sagst, dann heirate ich überhaupt nie ...« Sie wurde verwegener und schlug wieder mit zwei Fingern auf die Tischkante. »Deshalb wollen wir ja eben zusammenziehen, damit eine von uns nicht von einem Manne fortgekapert wird! Jawohl, mein Teurer, wir bilden ein Schutz- und Trutzbündnis: keine wird heiraten, ohne daß die andern ihre Zustimmung geben – und daran halten wir fest. Wir stellen unsre Freundschaft über die Flüchtigkeit der Liebe und die polarische Übereinstimmung unsrer Seelen über deine Ergänzungstheorie. Wir sind freie Mädchen. Ja, mein Herr!«

Diese Rede gefiel Beate und Elfriede so wohl, daß sie lachend applaudierten. »Du bist geschlagen, Krempelius,« sagte Beate, »also schweige.«

»Vorläufig ja,« entgegnete Dionys, »aber wenn die Gelegenheit kommt, werde ich um so lauter sprechen. Ihr habt zu viel in den Schopenhauer geguckt und das Gelesene schlecht verdaut. Doch das macht nichts. Euer Pessimismus wird sich in das Gegenteil verkehren, sobald ihr beim Anblick eines gewissen Jemand das erste Herzklopfen spürt. Und dann bin ich sehr neugierig, wie die Schwestern das Herzklopfen der dritten beurteilen werden. Ich taxiere, daß in solchem Fall das berühmte Bündnis schmählich reißen wird ... Was darf ich euch noch anbieten? Frau Brendicke versteht es mit Meisterschaft, ein schlichtes Brötchen durch Aufputz von kaltem Ei und seltsam gekreuzten Sardellen förmlich ausländisch zu gestalten. Würde es euch danach gelüsten? Das Material ist zur Hand.«

Doch man dankte. Es war auch Zeit, allmählich an den Aufbruch zu denken. Krempel wurde noch einmal in ein Kreuzfeuer von Bitten, Fragen und Vorschlägen genommen, und dann empfahl man sich. Nun verschwand Dionys für einen Augenblick im Nebengemach und kehrte hierauf im Livreerock Genanders zurück, verbeugte sich tief und sagte:

»Wollen die gnädigen Damen die Güte haben, in das Antichambre zu treten ...«

Ein paar Tage später, in der sechsten Nachmittagsstunde, ließ der Major von Hartwig seine Karte im Göchhusenschen Hause abgeben. Die Mädchen waren gerade bei einer Freundin auf Besuch, und so mußte Frau Magda den Major allein empfangen. Er war im Überrock hatte aber den Helm in der Hand.

»Untertänigst Verzeihung, gnädigste Frau,« sagte er, »daß ich nicht ganz genau die übliche Visitenstunde einhalten konnte. Der Aktendienst nimmt mich so in Anspruch, daß ich oft genug nur den Abend frei habe –«

»Sie wären uns auch abends willkommen gewesen, Herr von Hartwig, und hätten dann ein Butterbrot mit uns essen können. Ich gebe zwar viel auf den ›guten Ton in allen Lebenslagen‹, aber wenig auf allzu strengen Formalismus. Und außerdem sind wir ja alte Freunde.«

Hartwig verbeugte sich. »Es ist schmeichelhaft für mich, daß Sie sich der Freundschaft von einst erinnern, gnädige Frau. Das Haus Ihrer Eltern steht mir noch lebhaft im Gedächtnis. Sie wohnten damals, in der Königgrätzer Straße, ungefähr der Christuskirche gegenüber, und ich weiß, daß Sie den kleinen Salon, in dem gewöhnlich die Besuche empfangen wurden, die ›Laterne‹ zu nennen pflegten, weil er einen achteckigen Ausbau mit zahllosen Fenstern hatte. Rechts davon lag Ihr Zimmer und links das der Frau Geheimrat, Ihrer Mutter, das mich stets besonders traulich angemutet hat, weil auf dem sogenannten Tritt in der Fensternische der Nähtisch stand und auf dem Fensterbrett immer Begonien blühten: wie in einem Interieur von achtzehnhundertdreißig.«

Frau von Göchhusen lächelte wehmütig. »Ja, so war es, Herr von Hartwig, genau so. Meine Mutter war eine prächtige Frau, aber kein Gegenwartsmensch. Sie liebte die Affekte von gestern, und wenn Paulus Cassel in der Christuskirche predigte, fehlte sie nie, weil der es ganz besonders verstand, die Augen feucht werden zu lassen – und so wollte es die Mama: eine Predigt ohne Rührung und reichlichen Tränenfluß hätte bei ihr den Zweck verfehlt. Mir selbst gefiel Paulus Cassel nicht. Er war mir zu dick – und ich ein spillriges Mädelchen. Das hat sich freilich geändert,« fügte sie heiter hinzu.

Der Major machte eine Kopfbewegung, die eine stumme Schmeichelei bedeuten konnte.

»Wie lange ist es her? Zweiundzwanzig – dreiundzwangig Jahre ... aber zuweilen erscheint mir auch diese so weit zurückliegende Vergangenheit wie ein Tag von gestern und vorgestern, und seit ich Sie neulich wiedergesehen habe, ist mir, als ob sich die Empfindungen, die sich am Faden der Erinnerung aufreihen, noch stärker ausprägten. Ich entsinne mich mit fast farbiger Lebendigkeit gewisser Einzelheiten, die an sich kleinlicher Natur sind, aber eine feste Vorstellung in meinem Bewußtsein bilden, wie beispielsweise des Zimmers Ihrer Frau Mutter und des Korridors in Ihrer elterlichen Wohnung, in dem immer ein dunkler und ein erbsengelber Überzieher nebeneinander hingen und rechts und links vom Spiegel zwei bunte Lithographen: Ansichten von Teplitz ...«

Während er noch weiter sprach, erschienen Johanna, die Zofe, mit dem Theeservice, und Genander, der in den Besuchsstunden immer zum Diener avancierte, mit einem schönen alten Samowar, unter dem er die Flamme anzündete, um sich dann wieder zurückzuziehen. Das tat auch Johanna, und nun bereitete Frau von Göchhusen den Tee selbst, füllte die Tasse ihres Gastes, schob ihm den Teller mit Sandwichs zu und sagte:

»Ja, du lieber Gott, die Erinnerung! Es ist mir ja ganz ähnlich ergangen wie Ihnen, Herr von Hartwig. Als Sie neulich von dem Tode der zweiten Frau meines Mannes sprachen, haben Sie wohl gemerkt, wie heftig ich zusammenschrak. Das geschah aber, glaube ich, weniger zufolge der unerwarteten Plötzlichkeit der Nachricht, als aus einer blitzartigen Aufpeitschung des Gedächtnisses heraus. Ich sah in diesem Augenblick Wanda leibhaftig vor mir und hörte sie sprechen – hörte sie ganz deutlich sprechen: die Worte mit gewölbten Lippen prononzierend und mit dem scharfen Akzent, den sie sich trotz ihrer deutschen Erziehung nie abgewöhnen konnte.«

»Es hat mir noch nachträglich schmerzlich leid getan, gnädige Frau, daß ich eine wunde Stelle berührt habe.«

Er sprach das im Tone innigen Bedauerns, und mit einem merkwürdig hilflosen Gesicht, das in fast komischem Widerspruch zu dem Stattlichen seiner Erscheinung und der Ausdrucksenergie seiner Züge stand. Aber Frau von Göchhusen erhob abwehrend ihre Hand. »So ist es nicht, lieber Major,« sagte sie, » – Sie haben gar keine Ursache, sich Vorwürfe zu machen. Ich kann über diese Dinge so ruhig sprechen, als handele es sich um etwas sehr Gleichgültiges. Vergessen Sie nicht, daß zwischen heute und damals eine Zeit liegt, in der ich meinen vollen Frieden wiedergefunden habe. Jawohl, meinen vollen inneren Frieden. Ich gestehe, es gehörte ein wenig Selbstzucht dazu – aber es ist mir gelungen, und ich bin sehr froh darüber. Und da wir doch einmal bei dem Thema sind – ich wußte übrigens, daß es sich nicht umgehen lassen würde, und war darauf vorbereitet: es würde mich interessieren, von Ihnen zu hören, wie Sie mit Herrn von Göchhusen bekannt geworden sind –?«

Er warf, während er die kleine Teeserviette auf den Tisch zurücklegte, einen raschen, forschenden Blick aus seinen hellen Augen auf Magda, einen Blick, in dem man Erkennen und Wollen hätte lesen können, der aber auch gütig war, und antwortete hierauf ohne weiteres:

»Das kam so, gnädige Frau: Ich erzählte neulich bereits Ihrer Fräulein Tochter Elfriede ... apropos, wo ist Ihr reizendes Dreiblatt? Es hätte mir doch Freude gemacht, die Damen begrüßen zu dürfen.«

»Sie können jeden Augenblick zurückkommen, Herr von Hartwig. Besuch bei einer Freundin – aber es sollte nur eine Sprungvisite sein.«

»Also ja ... wie ich schon Ihrer Fräulein Tochter erzählte, vertreibe ich mir meine müßige Zeit zuweilen durch harmlose Malereien. Pour passer le temps, wirklich nichts weiter, und ohne Ruhmbegierde, selbst, ohne Hoffnung auf steigende Qualitäten. Na – und da strich ich denn auch während meiner Rekonvaleszenz in Pallanza zu öfterem hie und da mit meinem Skizzenbuch herum und sah eines Tages durch das Parkgitter der Villa Esperenza eine Partie, die mir außerordentlich gefiel. Ein paar Boecklinsche Zypressen als Hintergrund eines Rasenplatzes, darauf eine alte Platane mit seltsam gescheckter und zerrissener Rinde, ein Weiher mit dem obligaten Schwanenpaar und allerhand Schilfgewächsen am Ufer. Aber die Szenerie hatte auch Staffage. Unter der Platane stand ein sogenannter TriumphstuhI, und auf ihm lag eine sorglich in Decken gehüllte Dame –«

»Wanda,« fiel Frau von Göchhusen ein.

»Ja, gnädige Frau – und war in die Lektüre eines Tauchnitzbandes vertieft. Zu ihren Füßen ein Barsoi, rechtsseitig ein Tischchen mit einer Schale voll Früchte. Das alles sah so hübsch und malerisch aus, daß ich indiskret genug war, den Leseeifer der jungen Dame auszunützen und von der Straße aus das Ganze zu skizzieren. Nun wurde ich selbst eifrig, bis der Hund mich entdeckte und anschlug und die Dame erstaunt und, wie ich glaubte, auch mißbilligend aufschaute. Da stellte ich mich vor und bat um Entschuldigung – immer durch das Parkgitter – und muß bei dieser Gelegenheit wohl einen ganz netten Eindruck gemacht haben, denn die Dame lud mich freundlich ein, näher zu treten, um meine Skizze in größerer Beschaulichkeit beenden zu können. Das tat ich denn auch – und ich gestehe unbefangen ein: ich witterte damals so etwas wie ein hübsches Abenteuer –kein tannhäuserhaftes, Gott bewahre, aber doch immerhin eins, das die Langeweile von Pallanza angenehm zu unterbrechen imstande sein würde.«

Frau Magda lachte. »Merkwürdig, wie die Männer sich gleich sind,« sagte sie.

»Ja, das sind wir wohl, gnädige Frau: jedenfalls ist der Einschlag der Art immer unverkennbar, sobald uns das Ewigweibliche in gottgesegneter Fassung entgegentritt. Nur – – aber ich will bei meiner Geschichte bleiben. Mit dem Abenteuer war es in diesem Falle nichts: das merkte ich schon nach den ersten fünf Minuten meiner Unterhaltung mit Frau Wanda. Im übrigen erschien auch bald der Herr des Hauses der über die Abwechslung sichtlich erfreut war und mich zum Frühstück lud – und von diesem Tage ab war ich häufiger Gast in der Villa Esperenza und wurde schließlich ein Duzfreund Erichs.«

»A – ah ... so nahe sind Sie sich getreten?«

»Er bot mir das Du an. Ich hätte es nicht getan, weil ich – ich taxiere, well ich temperierter veranlagt bin. Aber ich akzeptierte, denn ich war Erich aufrichtig freundschaftlich zugetan. Das Gegensätzliche der Naturen bildete wohl auch hier die Anziehungskraft. Ich habe immer Neigung für hastige Phantasiemenschen gehabt, die mit dem Leben häufig in Widerspruch geraten – für intelligente Querköpfe, die einen Reiz in der Erschwerung des Daseins sehen – auch für die Noblesse des Gebens und Gewährens, wenn sie sich mit einem gewissen geistigen Raffinement vereint: also wenn sie von Kultur zeugt. Alles das, weil ich selber das Gegenteil bin: trotz meiner Liebe zur Kunst ziemlich nüchtern, von guter, aber schwerfälliger Logik, und nicht reich genug, um mir Genüsse zu gönnen, die ich zu schätzen weiß. Ästhetische Genüsse, doch auch materielle, falls sie eine Mischung von Griechentum und römischer Lebenslust sind...«

Frau Magda saß schweigend in der Sofaecke und hörte zu. Dieser Major aus dem Bezirksbureau hatte eine Art zu sprechen, die sie fesselte. Das hatte er schon als junger Leutnant gekonnt: und was sie damals mehr noch als der Inhalt seiner Worte bezaubert hatte, das war der gefällige und melodiöse Wohlklang seiner Stimme gewesen. Dies Organ bestach; aber zweifellos, es gehörte zum Menschen, vor allem zum Ausdruck der Augen, die in ihrer Klarheit jedes Empfinden auf den Punkt seiner Stärke zu bringen schienen. Es gehörte nur nicht zur Uniform.

Eine kurze Pause trat ein. Frau von Göchhusen schaute vor sich hin, mit einem Blick der Verinnerlichung, als streife durch ihr Gedächtnis eine Reihe von Vorstellungen, deren Bruchstücke sie im Bewußtsein zu ordnen sich mühte. Und dann zuckte sie ein wenig zusammen, zuckte gleichsam aus einem Halbtraum auf, und sagte:

»Seltsam, wie ausgezeichnet Sie Erich mit wenigen Worten zu charakterisieren verstehen. Er war ein Grandseigneur und auch ein Kulturmensch, ganz richtig – und ich will Ihnen zugeben, nicht nur in äußerem Sinne: er strebte immer aus der Enge heraus und hätte sich in einer Welt lebendiger Schönheit am wohlsten gefühlt. Und das war zugleich der Grund seiner ewigen Unruhe und, ich muß es sagen, auch des Unglücks unsrer Ehe: daß ihm das Behaglichkeitsgefühl für kleine Kreise absolut abging und daß ihm jedes Beharrungsvermögen fehlte. Er sollte ursprünglich Kaufmann werden und die Farbwerke seines Vaters übernehmen. Daran war gar nicht zu denken. Dann studierte er Chemie: auch das behagte ihm nicht. Er sattelte um und wurde Jurist, kam ins Auswärtige Amt, zur Gesandtschaft nach Bukarest und wieder zurück nach Berlin – aber die Diplomatie langweilte ihn wie jeder andre feste Beruf, so daß er schließlich den Abschied nahm, um ganz sich selbst leben zu können ... Lieber Freund, es ist das gewiß eine schöne Sache, ›sich selbst‹ leben zu können; aber dann muß man ein geborener Egoist sein und völlig in seinem Selbst aufgehen. Dann muß man allein sein und auch in seinem Alleinsein eine frohe Festigkeit besitzen. Erich hätte nicht heiraten dürfen. Die Ehe ist immer nur eine umgrenzte Welt, und mich dünkt, es ist gut, daß es so ist. Er war in gewissem Sinne auch Herrenmensch. Was er liebte, wollte er besitzen. So nahm er mich – und als Wanda in seine Kreise kam und ein neuer Schönheitsrausch ihn verwirrte, nahm er sie. Ich glaube aber, auch mit ihr hat er kein volles Glück gefunden.«

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350 p.
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9783754182192
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