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Fatma Akay-Türker:

Nur vor Allah werfe ich mich nieder

Lektorat: Andreas Görg

Alle Rechte vorbehalten

© 2021 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: Valeriya Gridneva

ISBN gedruckte Ausgabe 978-3-99001-526-1

ISBN E-Book 978-3-99001-527-8

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

INHALT

IST DIE STIMME EINER FRAU HARAM?

DAS SPRACHLOSE MÄDCHEN

DIE KRAFT DES WISSENS

ICH BIN KEINE QUOTENFRAU

ZWEITES HALBJAHR

DIE WAND

NACH DEM RÜCKTRITT

GEGEN DAS IMAGE DES ISLAM ALS GEWALTRELIGION

NUR VOR ALLAH WERFE ICH MICH NIEDER!

»O ihr Menschen,

Wir haben euch aus einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen,

und Wir haben euch zu Nationen und Stämmen gemacht,

damit ihr einander kennenlernt.

Wahrlich, der Würdigste von euch bei Allah ist der,

der das höchste Gottesbewusstsein hat.

Wahrlich, Allah ist Allwissend und Allkundig.«

(Koran 49:13)

Meinen Kindern, Schülerinnen und Schülern

Dieses Buch schildert wahre Begebenheiten aus der persönlichen Perspektive der Autorin. Dialoge und Abläufe wurden im Sinne einer leichteren Verständlichkeit teilweise gekürzt.

IST DIE STIMME EINER FRAU HARAM?

Alleine saß ich in der ersten Reihe des Blocks der Sesselreihen, der für die Frauen vorgesehen war. Im Block rechts von mir saßen die Männer, zwei Reihen hinter mir die anderen Frauen. Es war Februar. Draußen war es bitterkalt. Der Saal, in dem wir saßen, war spärlich mit Heizstrahlern bestückt. Die Strahler konnten kaum etwas gegen die Kälte ausrichten. Meine Finger wollten nicht warm werden, aber meine Vorfreude reichte mir als Wärmequelle. Gleich war es so weit. Gleich kam der Moment, auf den ich jahrelang hingearbeitet hatte. Mein erster offizieller Auftritt als Frauenbeauftragte und Vorstandsmitglied der IGGÖ, der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, noch dazu in Vertretung des Präsidenten. Endlich. Zwei Monate waren seit meiner Wahl bereits vergangen.

Cansu, die Frauenbeauftragte des kleinen türkischen Vereins, der die Veranstaltung organisiert hatte, kam zu mir, wohl, damit ich nicht so einsam dasaß.

»Warum setzen sich die anderen Frauen nicht zu uns?«, fragte ich sie.

»Wir sind es nicht gewohnt, in der ersten Reihe zu sitzen«, antwortete sie.

Das machte mich betroffen.

Offenbar bemerkte Cansu mein Unbehagen, drehte sich nach hinten und winkte die anderen Frauen herbei.

Doch sie lehnten dankend ab.

Genau das war einer meiner Kritikpunkte. Bei solchen Veranstaltungen von vergleichsweise konservativen Vereinen saßen nur Männer in der ersten Reihe.

»Werden Sie auch eine Rede halten?«, fragte ich Cansu.

»Nein!«, antwortete sie beinahe schockiert.

»Warum nicht?«, fragte ich. »Ist die Stimme von Frauen haram?«

»Ja«, antwortete sie mit vollster Selbstverständlichkeit, um gleich darauf wie unangenehm berührt auf ihrem Sessel herumzurutschen. Offenbar war ihr bewusstgeworden, dass sie damit gerade auch meine Stimme als haram bezeichnet hatte.

Das arabische Wort »haram« bedeutet »verboten«. Weltweit verwenden die Muslime dieses Wort. Alles, was der Koran eindeutig verbietet, ist haram. Das Gegenteil davon, also alles, was der Koran nicht eindeutig als haram bezeichnet, ist halal, also erlaubt. Allerdings verwenden viele Muslime aus Unwissenheit haram oft in falschen Zusammenhängen. Der Koran warnt jedoch genau davor. »Darum äußert keine Falschheiten, indem ihr eure Zungen (nach eigenem Gutdünken) bestimmen lasst: ›Dies ist erlaubt, und das ist verboten‹, und also eure eigenen lügnerischen Erfindungen Gott zuschreibt« (Koran 16:116).

Ich lächelte Cansu an.

»Aber Sie sind anders«, rechtfertigte sie ihre Aussage. »Sie haben studiert. Sie haben eine Funktion.«

Ich schwieg weiterhin lächelnd. Denn meine Antwort sollte nicht nur sie alleine hören, alle sollten sie hören.

Unter den rund dreihundert Besucherinnen und Besuchern, die den winterkalten Saal füllten, war sogar der türkische Generalkonsul. Für mich war klar, dass ich über Frauen im Islam sprechen würde. Ich hatte mich seit Jahren darauf spezialisiert. Zu Hause in meinem Arbeitszimmer hatte ich nur zwei Stunden gebraucht, um mich auf diese Rede vorzubereiten.

Cansu und ich lauschten gemeinsam den ausschließlich männlichen Vortragenden. Inzwischen hatte sich auch die junge Leiterin der Jugendgruppe, die mich vorher zu meinem Platz geleitet hatte, zu uns gesetzt.

Schließlich war ich an der Reihe zu reden. Nervös war ich nicht. Schon als Schülerin in Mittelanatolien hatte ich an den Nationalfeiertagen vor tausenden Menschen Gedichte aufgesagt oder gesungen, manchmal sogar meine Klasse unterrichtet. Durch meinen Beruf als Islamlehrerin war ich es gewöhnt, vor Publikum zu sprechen.

Ich stieg hinauf auf die Bühne und legte meine Notizen auf dem Rednerpult ab. Ich würde sie nicht brauchen. Stattdessen würde ich darauf eingehen, was hier vor sich ging. Das, was ich hier am Verhalten der Männer und Frauen gesehen und gehört hatte, reichte aus, um einen Vortrag zu füllen. Ich musste unbedingt von der Sure Al-Mudschadala erzählen. »Mudschadala« bedeutet wörtlich »kämpfen« oder »durchfechten«.

Der Koran hat 114 Kapitel, die sogenannten Suren, die alle einen Namen tragen und außerdem durchnummeriert sind, sodass sie auch allein an der Nummer erkennbar sind. Die Suren sind untergliedert in insgesamt 6236 Verse.

Die Sure Al-Mudschadala trägt die Nummer 58 und beinhaltet 22 Verse. Es ist eine jener Suren im Koran, von der die muslimischen Frauen kaum etwas wissen, obwohl sie ihnen Mut zuspricht. Allah lehrt sie darin, den Mut zu finden, aufzustehen und sich gegen ungerechte Behandlung zu wehren. In der traditionellen Lehre sehen wir genau das Gegenteil. Frauen sollen schweigen. Diese Lehre stammt aber nicht aus dem Koran, sondern aus den vorislamischen Traditionen. Nach einer kurzen Einleitung zur IGGÖ, den Vorhaben der Islamischen Glaubensgemeinschaft sowie zu meiner Funktion als Frauensprecherin kam ich auf die Stellung der Frau im Islam zu sprechen.

»Wir präsentieren unsere Religion nicht richtig, jedenfalls nicht so, wie sie wirklich ist«, sagte ich. »Der Islam hat deswegen in Europa und auf der ganzen Welt einen schlechten Ruf. Viele glauben, dass der Islam eine frauenfeindliche, frauenunterdrückende Religion ist, in der Frauen nichts zu sagen haben. Doch solche Behauptungen sind im Grunde Verleumdungen gegen Allah, seinen Propheten und den Koran. Ich bitte höflichst: Jeder möge sich selbst hinterfragen. Es ist unsere Pflicht als Muslime, das richtigzustellen. Ich betone als eure Schwester, die Allah, den Propheten Muhammed und den Koran liebt, als Historikerin, Islamlehrerin und Doktorandin der Theologie, dass es im Koran absolut keine Beschränkungen für Frauen gibt. Im Gegenteil: Der Koran sieht Demokratie, Menschenrechte und die Gleichberechtigung vor. Deswegen bitte ich euch noch einmal höflichst: Wir alle müssen Verantwortung tragen. Durch unsere Art zu sprechen, zu leben und zu handeln müssen wir das Bild vom Islam in der Welt da draußen korrigieren.«

Nun kam ich zum historischen Teil.

»In der Zeit des Propheten war es nicht wie heute. Damals durften Frauen sowohl Freitagsgebete als auch Festtagsgebete gemeinsam mit Männern verrichten. Wenn eine Frau eine Frage oder ein Problem hatte, konnte sie dies mit dem Propheten besprechen und diskutieren«, erklärte ich mit fester Stimme.

Applaus brandete auf, sowohl auf der Frauen- als auch auf der Männerseite. Ich merkte, wie aufmerksam das Publikum lauschte.

Nun folgte meine Überleitung zur Sure. »Ich weiß nicht, wie vielen Menschen es bewusst ist, aber wir haben eine Sure namens Al-Mudschadala, eine Sure, in der Allah die Stimme einer Frau erhört. Diese Stimme ist in der Sure offenbart.«

Zunächst erläuterte ich den Hintergrund der Sure. Bei den Arabern gab es eine Tradition namens Zihar. Ein Ehemann konnte sich einfach dadurch von seiner Ehefrau scheiden, indem er erklärte: »Du bist für mich wie der Rücken meiner Mutter«. Eine nach dieser Tradition geschiedene Frau kam zum Propheten. »Oh Prophet, mein Mann hat sich durch Zihar von mir getrennt«, klagte sie. »Ich habe drei Kinder. Wenn ich sie mitnehme, kann ich sie nicht erhalten. Wenn ich sie zurücklasse, würde niemand auf sie aufpassen. Ich bin hilflos, was soll ich machen?«

Gegen diese fest verankerte Tradition war selbst der Prophet hilflos. »Es ist schon passiert, wir können nichts mehr tun«, sagte er. Denn auch für den Propheten war es nicht leicht, sich gegen die Tradition zu stemmen.

Daraufhin fragte die Frau: »Hat Allah in dieser Sache nichts gesagt?«

»Nein«, erwiderte der Prophet.

Die Frau ließ jedoch nicht locker und sagte: »Ich warte vor der Tür, bis eine Lösung zu meiner Angelegenheit gefunden wird. Bevor mein Problem gelöst wird, werde ich nicht weggehen.«

Die Lösung kam von Allah als eine der vielen Offenbarungen, die der Prophet im Laufe von 23 Jahren erlebte, da der Erzengel Gabriel ihm in verschiedenster Gestalt erschien und Gottes Wort übermittelte.

Ich zitierte die Sure Al-Mudschadala:

(O Prophet) »Gehört hat Allah die Aussage derjenigen (Frau), die mit dir über ihren Gatten streitet und sich bei Allah beklagt, (…)« (58:1) Gott hörte also die Argumente der durch Rückenschwur Zihar geschiedenen Frau. Im folgenden Vers bezeichnete Gott die Formulierung des Rückenschwurs »Du bist für mich wie der Rücken meiner Mutter« als verwerflich und falsch.

»Diejenigen von euch, die sich von ihren Frauen durch den Rückenschwur trennen – sie sind doch nicht ihre Mütter. Ihre Mütter sind nur diejenigen, die sie geboren haben. Sie sagen da fürwahr etwas Verwerfliches an Worten und etwas Falsches (…)« (58:2)

»Gott legte«, fuhr ich fort, »auch eine Strafe für Männer fest, die sich über Zihar von ihrer Frau scheiden ließen. Sie mussten einen Sklaven befreien oder, wenn sie das nicht konnten, sechzig Tage ohne Unterbrechung fasten. Allah tritt hier weder für den Ehemann ein, noch bestärkt er den Propheten, der die Frau bereits abgewiesen hatte, sondern er setzt sich für eine Frau ein.«

Wieder kam Applaus von beiden Seiten des Saales. Ich sah, wie die Augen der Frauen leuchteten.

»In einem anderen Vers des Koran, 9:71, steht: »Die gläubigen Männer und Frauen sind einer des anderen Freunde und Helfer. Sie gebieten das Rechte und verbieten das Verwerfliche, verrichten das Gebet und entrichten die Abgabe und gehorchen Allah und Seinem Gesandten. Sie sind es, derer Allah Sich erbarmen wird. Gewiss, Allah ist Allmächtig und Allweise.«

Ich nannte noch ein paar Koranverse in Bezug auf Frauen, in denen Männer und Frauen von Gott auf der gleichen Ebene angesprochen sind, vor allem die Sure 49:13, welche die Geschlechtergerechtigkeit betont. Dann kam ich zum Schluss.

»In diesem Sinne bitte ich alle Verantwortlichen: Geben Sie bitte den Frauen, die ohnehin die Last dieser Religion auf ihren Schultern tragen, die Gelegenheit und die Möglichkeit zur Mitsprache und zur Teilhabe an der Gesellschaft, wie es in der Zeit des Propheten üblich war.«

Wieder brach tosender Beifall los. Als ich von der Bühne stieg, sah ich, wie berührt Cansu war.

»Habe ich zu lange gesprochen?«, fragte ich.

»Nein, das war toll und voll mit Inhalten«, antwortete sie.

»Die Stimme einer Frau ist nicht haram«, sagte ich zu ihr mit leiser, aber fester Stimme. »Das war auch in der Zeit des Propheten nie der Fall.«

Sie sah mich bewundernd an.

Nach den Vorträgen sammelten sich Frauen um mich, gratulierten mir und umarmten mich. Einige wollten Fotos mit mir machen. Die jungen Organisatorinnen der Tagung hatten ein prächtiges Buffet mit türkischen Spezialitäten hergerichtet. Beim Essen unterhielten wir Frauen uns. Ich erzählte, dass ich einen Frauenrat gegründet hatte und mich weiterhin sehr stark für die Frauen einsetzen würde.

Was ich damals, im Februar 2019, zwei Monate nach meinem Einstieg als Frauensprecherin, noch nicht wusste, war, dass dieser erste Auftritt gleichzeitig mein letzter sein sollte. Von sich aus schickte mich die IGGÖ nie wieder als ihre Vertreterin oder als offizielle Repräsentantin der muslimischen Frauen irgendwo hin.

DAS SPRACHLOSE MÄDCHEN

Als ich 13 Jahre alt war, lebte ich noch in einem beschaulichen Dorf in Anatolien. Es sind schöne Erinnerungen, die mich mit dieser Zeit verbinden.

Mein alter Onkel Mehmet saß mit anderen zusammen in der Herrenrunde vor dem Geschäft des Schuhmachers. »Avukat Fatma, bist du schon bereit für morgen?«, rief er zu mir herüber. Avukat bedeutet Advokat, Rechtsanwalt. Diese Bezeichnung hatten sie mir gegeben, weil ich angesichts von Ungerechtigkeiten nie schwieg.

»Ja, Onkel«, antwortete ich, »ich bin bereit für morgen.« Ich war auf dem Weg zur Schule. Am nächsten Tag war der 23. April, der Tag, an dem im Jahre 1920 erstmals der türkische Nationalrat zusammentrat. Kemal Atatürk, der Gründer der Türkischen Republik, widmete diesen Tag der nationalen Souveränität den Kindern. Daher gab es jedes Jahr an diesem Tag ein großes Kinderfest in den Volksschulen.

Die Männer, die da in der Runde beisammensaßen, wussten alle, dass ich an solchen Feiertagen meist im Zentrum der Aktivitäten stand. Ich sagte vor vielen hundert Menschen Gedichte auf, leitete den Chor, die Volkstanzgruppe und die Parade mit der Trommel.

In der Schule war ich die beste Schülerin und schon ab der ersten Klasse Volksschule die Klassensprecherin. Unser Dorf hatte damals dreitausend Einwohner. Da kannte jeder jeden. Die Dorfbewohner versammelten sich Tag für Tag und erledigten gemeinsam nach der Reihe die anstehenden Arbeiten. Das ging von Frühling bis Herbst so. Im Winter waren alle zu Hause. Da empfingen wir entweder Besuch oder wir waren auf Besuch. Jede Familie war jederzeit bereit, Besuch zu empfangen. Für die Gäste hoben alle die besten Vorräte auf. Es war jedes Jahr im Herbst vor allem für uns Kinder ein Fest, wenn Weintrauben, Sirup, Marmelade und Tomatenmark im Garten in den ganz großen Kesseln auf der Feuergrube kochten.

Es gab nie eine strenge Trennung zwischen den Geschlechtern. Die Männer trugen durchwegs dunkle Hosen und Hemden. Die Frauen bevorzugten traditionell gemusterte, farbenfrohe Stoffe. Dazu trugen sie ein locker gebundenes, leicht durchsichtiges Kopftuch. Der Haaransatz war zu sehen. Bei den meisten erwachsenen Frauen hingen hinten lange geflochtene Zöpfe herunter. Die Mädchen, die in die Schule gingen oder studierten, trugen kein Kopftuch. Polygamie gab es nicht.

Meine jüngere Schwester und ich waren in der Obhut unserer Großeltern. Mein Vater lebte schon seit 1979 in Deutschland und seit 1982 in Wien, um Geld zu verdienen. Zu Hause hatte er auf den Obst- und Gemüsefeldern meines Großvaters gearbeitet. Er machte sich auf nach Europa, um sein eigenes Geld zu verdienen. Vor einem Jahr hatte er meine Mutter nachgeholt. Zu mir sagte er damals, ich solle in der Türkei bleiben und studieren. »Du bist hier so erfolgreich, meine Tochter. Wenn ich dich nach Österreich mitnehme, ohne Deutschkenntnisse, hast du weder eine Chance, noch eine Zukunft. Bleib hier und mach weiter bis zu deinem Traumjob als Rechtsanwältin.«

Am 1. September 1989 veränderte sich mein Leben. Ich war gerade draußen beim Spielen auf der Straße, als unsere Nachbarn mich zu sich hineinriefen. Ein Anruf für mich. Wir hatten kein Telefon und mussten immer über deren Telefon sprechen. Der Anruf kam von meinem Vater. Er sagte: »Fatma, ich habe eure Tickets gekauft und mit meinem Onkel gesprochen. Er wird mit euch alle bürokratischen Dinge erledigen und ihr kommt nächste Woche nach Österreich.«

»Warum?«, fragte ich im Schock. »Du hast doch gesagt …«

Er erklärte mir, es sei wegen meiner Mutter. Sie hielt es in Österreich ohne ihre Töchter nicht aus. Deswegen mussten meine Schwester und ich nach Wien kommen.

Nur neun Tage später war es dann so weit. Wir landeten am Flughafen Schwechat. Das Flugzeug war bis auf den letzten Platz besetzt gewesen. Bei der Passkontrolle gab es ein Gedränge. Auf einmal war meine Schwester weg. Gerade noch hatte sie neben mir gestanden. Ein Albtraum. Als große Schwester, als Abla, hatte ich die volle Verantwortung, auch wenn ich nur zwei Jahre älter war. So war das bei uns. Die Großen passen auf die Kleinen auf. Aber ich musste mich auch am Flughafen zurechtfinden. Die vielen Menschen, die Schilder, die Lichter, all das lenkte mich ab. Nun war sie verschwunden. Ich machte mir Vorwürfe. Wie konnte mir das passieren?

Ich sah mich verzweifelt um, links und rechts, zwängte mich zwischen den Menschen durch. Sie war erst elf und sprach kein Wort Deutsch. Was würde passieren, wenn ich sie nicht fand? Ich drehte mich um und suchte mit den Augen die Halle hinter der Passkontrolle ab, durch die ich gerade gegangen war. Ich lief zurück, aber einige Polizisten hielten mich auf. Ich verstand nicht, was sie sagten. »My sister!«, rief ich. Dann sah ich sie endlich. Meine Schwester saß auf einer Bank, ängstlich und den Tränen nahe. »Komm, ich bin hier«, rief ich ihr zu. »Alles ist gut.«

Diesmal nahm ich sie an der Hand und ließ sie nicht los, bis wir endlich das richtige Förderband bei der Gepäcksausgabe gefunden hatten. Mit meiner ganzen Kraft zerrte ich die beiden dreißig Kilo schweren Koffer vom Förderband. Da tippte mich jemand an der Schulter an. »Fatma?«, fragte ein etwas älteres Mädchen und sprach mich auf Türkisch an. Ich war erleichtert. Es war Gülseren, die Tochter einer Freundin meiner Mutter. Sie hatte sich aus der Ankunftshalle vorbei am Zoll zur Gepäcksausgabe geschlichen, um uns zu finden. Meine Mutter hatte sich Sorgen gemacht, weil alles so lange gedauert hatte. Gülseren begleitete uns nach draußen, wo ich endlich meine Eltern umarmen und erstmals meinen Bruder, der erst fünf Monate alt war, sehen konnte.

Hinter mir lag ein Leben, das in eine erfolgreiche Karriere hätte münden können. Vor mir lag eine Zukunft in einem Land, dessen Geschichten und Sprache ich nicht kannte und dessen Straßen, Brücken und Menschen ich eingeklemmt auf dem Rücksitz des Minibusses kaum wahrnahm.

Aufgewühlt und verwirrt ließ ich auf mich zukommen, was nicht mehr zu ändern war. Das Auto hielt vor einer Erdgeschosswohnung in einem Altbau im 20. Wiener Gemeindebezirk. Als ich durch die Wohnungstür eintrat, wunderte ich mich, dass ich gleich in der Küche stand. Von der Küche führte eine Tür in ein weiteres Zimmer. Dort gab es keine weiteren Türen. Ich ging zurück in die Küche. Dort war rechts vom Eingang an der Wand eine Garderobe mit Haken, wo lange Mäntel und dicke Jacken hingen. Ich schob die Jacken zur Seite.

»Suchst du etwas?«, fragte meine Mutter.

»Ich möchte auch die anderen Zimmer sehen«, antwortete ich.

Sie schaute mich verzweifelt und traurig an. »Wir haben keine anderen Zimmer«, sagte sie leise.

Ich konnte es nicht glauben. Es war eine Einzimmerwohnung mit Küche. »Wo ist das Klo?«, fragte ich.

Meine Mutter deutete zur Eingangstür. Es war am Gang. In der Wohnung gab es kein fließendes Wasser. Das WC mussten wir mit zwei weiteren Nachbarn teilen. Es war für mich sehr schwer, das alles zu akzeptieren. Zu Hause in der Türkei hatten wir zwar kein Telefon, aber wir hatten bei meinen Großeltern ein ganzes Haus mit großem Garten. Und jetzt sollten wir zu fünft in einem Zimmer leben? »Was für ein Europa ist das?«, fragte ich ganz enttäuscht und frustriert.

WAS FÜR EIN EUROPA IST DAS?

Zwei Tage später landete ich in einer Hauptschule. Ich hätte in Wien ein Gymnasium besuchen können. Doch mein Vater kannte sich mit dem österreichischen Schulsystem nicht aus. In der Schule erlebte ich den nächsten Schock. In der Türkei trugen wir in der Schule einheitliche Schuluniformen. Hier trugen alle, was sie wollten.

Ich landete zwei Klassen höher als daheim. Das lag an meiner Geburtsurkunde. Früher war es üblich, die Buben jünger zu machen, damit sie später zum Militär mussten, die Mädchen hingegen älter eintragen zu lassen, damit sie früher heiraten konnten. So geriet ich in einen Haufen älterer pubertierender Kinder, die mich für meinen Namen verspotteten.

Ich war hoffnungslos und traurig. Aus »Rechtsanwältin Fatma« wurde hier in Österreich die sprachlose Fatma. Ich weinte tagelang und beschwerte mich bei meinen Eltern darüber, dass sie mich hierhergeholt hatten. Nicht nur unsere Wohnsituation und meine Schwierigkeiten in der Schule belasteten mich. Auch die türkische Bevölkerung, die in Österreich lebte, und ihre Sitten waren anders, als ich es aus der Türkei gewohnt war. Hier gab es in konservativeren Kreisen Geschlechtertrennung. Es gab traditionelle Familien, wo die Frauen zu Hause blieben, während die Männer in die Gasthäuser gingen.

Mit der Zeit konnte ich das nicht mehr ertragen. Seit ich 15 Jahre alt war, hatte ich das alles kritisiert.

Die meisten Türken, die in den frühen 1990er-Jahren in Österreich lebten, wollten innerhalb von zwei bis fünf Jahren in die Türkei zurückkehren. Heute sind sie immer noch in Wien. Die Integration ist auf beiden Seiten gescheitert. Selbst die, die Deutsch lernen wollten, wie meine Mutter, mussten fünf Jahre warten. Erst dann hätte das für die Eingewanderten zuständige Arbeitsmarktservice einen Kurs finanziert. Aber innerhalb von fünf Jahren wurde meine Mutter Staatsbürgerin. Dann hieß es, das Arbeitsmarktservice könne einer Österreicherin wohl kaum einen Deutschkurs finanzieren. Somit blieben die Türken vorwiegend unter sich, auch weil sie Angst hatten, ihre Traditionen zu verlieren. Dadurch blieben sie in religiöser und gesellschaftlicher Hinsicht stecken und entwickelten sich nicht weiter. Das traf auch auf meine Familie zu. Meine Großmutter in der Türkei ist in ihrer Lebenseinstellung fortschrittlicher als mein Vater.

»Die Türken, die nach Europa gingen, sind wie ein vakuumverschlossenes Marmeladeglas«, sagte mir einmal ein türkischer Historiker. »So haben sie die Türkei verlassen und jetzt ist es noch immer zu.«

Ein solcher Lebensentwurf drohte auch mir. Als ich mit der Hauptschule fertig war, meinte mein Vater, ich solle als Hilfsarbeiterin in einem Supermarkt arbeiten. Ich war enttäuscht. Erstens, weil ich mit der Schule weitermachen wollte und zweitens, weil ich ihn nicht verstehen konnte. Warum sprach mein Vater, der in der Türkei erwartet hatte, dass ich studiere und Rechtsanwältin werde, jetzt auf einmal von Arbeit statt von Weiterbildung?

»Du bist erst seit zwei Jahren in Österreich. Sogar die Türken, die hier geboren sind, schaffen es nicht in weiterführende Schulen. Wie willst du das schaffen?«, fragte er. Zumindest durfte ich dann doch die Berufsschule für Einzelhandel besuchen.

MEINE ENTSCHEIDUNG FÜR DAS KOPFTUCH

Wenn ein Mädchen zwölf oder 13 wurde, deutete seine Umgebung schon an, es sollte allmählich ein Kopftuch tragen. Je älter das Mädchen wurde, desto mehr erhöhte sich der gesellschaftliche Druck. Meinem Vater war das nicht so wichtig, aber meine Mutter hielt dem Druck nicht stand. Ich stellte mich bei diesem Thema immer taub. »Warum trägst du kein Kopftuch?«, fragte meine Mutter schon, als ich 15 Jahre alt war.

»Nur, weil ihr das so wollt, werde ich sicher kein Kopftuch tragen. Wenn ich eines Tages Kopftuch trage, dann mache ich das allein für Allah und nicht für euch«, sagte ich.

Ende 1993, kurz bevor ich 18 Jahre alt wurde und als alle bereits die Hoffnung aufgegeben hatten, stand ich in der Früh auf und setzte ein Kopftuch auf. Alle waren erstaunt, darunter auch meine Mutter. Ich war glücklich, weil das meine freie Entscheidung war.

Aber wie frei war diese Entscheidung wirklich?

Die Traditionalisten propagierten stets: »Wenn eine Frau auch nur eine Strähne ihres Haares zeigt, wird sie siebzig Jahre in der Hölle brennen. Wenn man drei Haarsträhnen sieht, dann ist das, als wäre die Frau fremdgegangen.«

Nicht nur das. Es gab auch Sprichwörter wie etwa: »Eine nicht-kopftuchtragende Frau ist wie eine Wohnung ohne Vorhänge. Da kommen Mieter und Käufer vorbei in der Annahme, sie sei frei.«

Wenn eine Frau kein Kopftuch trug, bekam sie in der muslimischen Gesellschaft keine Anerkennung. Frauen ohne Kopftuch galten als schlechte Musliminnen. Die Fundamentalisten stuften sie gar nicht als Musliminnen ein. Unter diesen Bedingungen entschied ich »frei«, Kopftuch zu tragen.

TRADITIONELLE EHE

Als ich 15 Jahre alt war, fingen die Heiratsanträge an. Die Männer machten sie natürlich nicht mir, sondern traditionell organisierten die Eltern das untereinander. »Sie ist noch zu jung«, sagte mein Vater den Anwärtern jedes Mal. »Erst muss sie die Berufsschule fertig machen.«

Ich freute mich, aber mein Vater hielt dem Ansturm nur ein Jahr lang stand. Im Urlaub in der Türkei setzte ihn die gesamte Verwandtschaft unter Druck. Es kamen sowohl von väterlicher Seite als auch von mütterlicher Seite Anträge. Das Ganze drohte in eine Familienfehde auszuarten. In der letzten Woche wurde es ernst. Ich weinte eine Woche lang und sagte, ich wolle nicht heiraten. Meine Mutter hielt dagegen: »Wenn diese Rivalität noch mehr hochkocht, dann wird es zu einer Familienauflösung kommen.«

Zwei Tage vor dem Ende unseres Urlaubs fragte mich mein Vater, ob ich den Großneffen meiner Großmutter heiraten wolle.

Ich schwieg, und das bedeutete Zustimmung.

Am nächsten Tag besuchte uns die Familie mit dem Bräutigam. Sie schlugen vor, er und ich sollten uns kennenlernen. Also setzten wir uns zusammen in einen Raum. »Willst du mich heiraten?«, fragte er. Ich schwieg wieder.

Anschließend fand eine kleine Verlobungsfeier statt. Ich war 16 Jahre alt. Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug zurück nach Österreich. Während der ganzen Reise weinte ich. Ich hatte mich für meine Familie und vor allem für meine Mutter geopfert.

Mein Vater hatte eigentlich nur unter der Bedingung zugesagt, sie sollten warten, bis ich mit der Schule fertig war. Ich hatte noch zwei Jahre. Als wir aber im darauffolgenden Jahr wieder in der Türkei auf Urlaub waren, machten wieder alle Druck, die Hochzeit solle schon stattfinden.

Mein Vater konnte sich wieder nicht durchsetzen. Eine Woche vor der Rückkehr nach Österreich fand die Hochzeit statt. Weil ich laut Geburtsurkunde ein Jahr älter war, durfte ich mit 17 heiraten. Er war sechs Jahre älter als ich.

Ich wog damals gerade einmal 46 Kilo, bekam ein Hochzeitskleid, das drei Nummern zu groß für mich war, und die »guten« Ratschläge der älteren Frauen des Dorfes.

»Du gehst jetzt mit diesem weißen Hochzeitskleid hinein und kommst nur mit einem weißen Leichentuch wieder heraus«, sagte eine. »Dein Mann und seine Familie sind jetzt deine neue Familie, vergiss auf uns und konzentriere dich auf die neue Familie«, meinte eine andere. »Gittiğin yer kör ise, bir gözünü kırpta bak« war ein bekanntes türkisches Sprichwort und bedeutete: »Wenn sie blind sind, dann musst auch du ein Auge schließen.« Das hieß, ich musste mich anpassen. Es gab auch dringliche Ermahnungen wie »Mach uns keine Schande!« und »Vergiss nicht, wenn du dich nicht benehmen kannst, nicht gut kochen und putzen kannst, wird man in erster Linie nicht dich beschimpfen, sondern deine Mutter und deine Familie.« Ich hörte Gebote wie »Eine Frau muss dem Mann gehorchen!«, und Philosophisches wie »Eine Frau muss immer geduldig sein und still wie ein See, während der Mann wie ein strömender Fluss ist.«

Vor allem die Frauen gaben diese Verhaltensregeln von Generation zu Generation weiter. Millionen, vielleicht sogar Milliarden von Frauen wurden und werden auf diese Weise unterdrückt und entmenschlicht. »Gott hat das so vorherbestimmt!«, sagten alle immer wieder. Anders hätten sie die Unterdrückung der Frauen nicht so lange aufrechterhalten können.

Jahrzehntelang fragte ich mich, warum Menschen für ihr Unglück Gott verantwortlich machten. Wie konnte Allah sowohl für das Heiraten als auch für die Scheidung verantwortlich sein? Hatte Allah etwa etwas falsch vorgeschrieben? Wenn alles vorherbestimmt war, welche Rolle hatten wir in dieser Welt? Oder anders gesagt: Wenn Allah alles vorherbestimmt hatte, welchen Sinn ergab dann die Prüfung, der wir uns im Jenseits stellen mussten?

SCHICKSAL?

Erst viel später, mit einem Wissensstand, wie ich ihn heute habe, konnte ich mir diese Fragen rund um unser vorherbestimmtes Schicksal beantworten.

Alles als Schicksal zu betrachten würde bedeuten, selbst keine Verantwortung für das eigene Handeln und die eigenen Entscheidungen zu übernehmen. Mit einer solchen Einstellung gäbe es keine Konsequenzen des eigenen Handelns, weil ohnehin alles vorherbestimmt ist. Eine solche Einstellung zu Schicksal oder Vorhersehung hat keine Begründung im Koran. Im Gegenteil. Wir müssen die Konsequenzen unserer Handlungen verantworten. Alles andere hieße, den Jüngsten Tag, an dem Allah über unsere Taten richtet, zu verleugnen. Allah ist zwar allwissend, Ihm ist nichts verborgen. Dennoch mischt Er sich nicht in unsere Entscheidungen. Denn Er will sehen, wie wir handeln. Dementsprechend hat Allah uns alle Rollen im Koran beschrieben, aber die Rollen nicht verteilt. Er hat zum Beispiel anhand von Teufel und Adam, Pharao und Moses, Prophet Muhammed und Abu Cehl beschrieben, was Er als eine gute und eine schlechte Rolle bewertet, und mit welchen Konsequenzen.

Alles, was wir unmöglich ändern können, ist Schicksal, also vorherbestimmt. Das heißt, ob wir als Frau oder Mann auf die Welt kommen, wo wir zur Welt kommen, wer unsere Eltern sind, welcher Ethnie wir zunächst angehören, alles, was wir beim Start in die Welt mitbekommen, all das ist unser Schicksal.

Alles, was wir selbst in unserem Einflussbereich und mit unserem Willen ändern können, ist definitiv kein Schicksal. Entscheidend wird die Schicksalsfrage an den Grenzen unseres Einflussbereiches. Denn an diesen Grenzen übernehmen wir unsere Verantwortung für diese Welt, nicht nur für uns selbst. Hier finden wir den Sinn des Lebens. Unser Gottesbewusstsein, unser Bewusstsein für das Gute, bestimmt, wie wir in Bezug auf diese Welt handeln. Was können wir möglicherweise doch ändern, wenn wir uns bemühen? Was sollten wir zumindest versuchen und beginnen, damit sich vielleicht irgendwann eine Veränderung ergibt? Wir können entsprechende Entscheidungen treffen oder diese Entscheidungen ändern. Wen wir heiraten oder warum wir uns scheiden lassen, ist jedenfalls kein Schicksal.

So bringt uns das aber leider niemand bei. Allgemein anerkannt sind nur die patriarchalen Regeln, deren Erfüllungsgehilfinnen die Frauen selbst sind. Dazu muss ich erwähnen, dass diese Art, Ehen zu schließen, nur in der Tradition begründet ist. Im Islam braucht es eindeutig die Zustimmung der Frau, damit eine Ehe zustande kommen kann.

DER WEG DER EHEFRAU INS PARADIES

Schon in Jugendjahren hatte ich viel gelesen. Als Jugendliche kritisierte ich die erwachsenen Frauen nicht nur, sondern stellte ihnen auch viele Fragen. Keine der Frauen war in der Lage, meine Fragen zu beantworten. Ich besuchte ein paar Moscheen und stellte dort den Hodschas diese Fragen.

»Hodscha« ist eine respektsbekundende Form, Lehrende an Schulen und Universitäten sowie Gelehrte oder belesene Persönlichkeiten anzusprechen. Als Hodscha anzusprechen sind auch die Imame, die in den Moscheen als Vorbeter, Prediger und Berater in religiösen Angelegenheiten angestellt sind. Es gibt auch weibliche Hodschas, die die Frauen beraten, allerdings keine Gebete leiten. In der Türkei gilt das als höchst respektlos, Angehörige dieser Gruppen nicht als Hodscha anzusprechen.

Die Hodschas in den Moscheen konnten mir keine Antworten geben. Sie gaben nicht zu, dass sie ahnungslos waren, sondern sagten stattdessen, dass man nicht so viele Fragen stellen sollte. Das reichte mir als Antwort nicht. Deshalb distanzierte ich mich von den Moscheen. Ich ging nicht mehr hin und vertiefte mich stattdessen noch mehr in die Bücher. Ich wollte mehr wissen und verstehen und nicht selbst so wie die Frauen werden, die ich ständig kritisierte.

Nun hatte mich dasselbe Schicksal ereilt. Damals nahm ich meine Ehe tatsächlich als mein Schicksal hin. Ein Schicksal, das mich bedrückte. Ich fühlte die ganze Last der Welt auf meinen Schultern.

Zwölf Jahre lang war ich verheiratet. In diesen zwölf Jahren entwickelten sich mein Mann und ich diametral auseinander. Oder besser gesagt, ich entwickelte mich, er sich aber kaum. Als ich ihn nach Abschluss meiner Lehre nach Österreich holte, war ich berufstätig und er noch nicht. Weil es seine männliche Ehre verletzt hätte, von seiner Frau Geld zu nehmen, ließ ich ihm gleich eine zweite Bankkarte machen. Das tat ich aus freien Stücken, weil ich das so gelernt hatte. Irgendwann hatte er beide Karten und ich musste das Geld von ihm erbitten.

Als ich kurz vor meinem zwanzigsten Geburtstag mein erstes Kind zur Welt brachte und nur mehr zu Hause war, dachte ich, mein Leben sei zu Ende. Ja, ich fügte mich langsam in das Schicksal all der Frauen ein, die ich immer kritisiert hatte. Denn er erlaubte mir nichts. Ich musste ihn um jede Kleinigkeit bitten, fast immer erfolglos.

Wie konnte ich trotz meiner Einstellungen zum Leben, zum Islam und zu den gelebten Unterschieden zwischen den Geschlechtern in diese Lage geraten? Das hatte ich den Büchern zu verdanken, die ich seit meinem 14. Lebensjahr las. Im »Ilmihal«, dem islamischen Katechismus, also einem Handbuch zur Unterweisung in Grundfragen des Glaubens, und in anderen Büchern über den Islam stand, eine Frau könne nur dann ins Paradies kommen, wenn der Ehemann mit ihr zufrieden war.

In den Hadith-Büchern, in denen die Hadithe, die Worte und Taten des Propheten Muhammed, gesammelt sind, hieß es: Wenn eine Frau ohne Erlaubnis ihres Mannes irgendwo hingeht, dann verfluchen alle Engel sie für jeden ihrer Schritte.

In vier anderen Hadith-Büchern zitierten die Autoren den Propheten mit folgenden Worten: »Wenn ich die Unterwerfung verordnet hätte, hätte ich die Unterwerfung der Frauen gegenüber ihren Männern verordnet.«

Das waren nur ein paar Beispiele. Diese Hadithe galten in der Islamwissenschaft als schwache Hadithe, also als nicht authentisch. Die Fundamentalisten jedoch verwendeten oft genau diese Hadithe, um die Frauen unter Kontrolle zu halten.

Ich war immer gläubig und bin es auch heute noch. Aber ich stütze mich heute hauptsächlich auf den Koran. Alle anderen Quellen betrachte ich als Nebenquellen, in denen ich immer wieder nachschlage, um frühere Sichtweisen, Sozialisationen und Traditionen zu verstehen.

Hadithe akzeptiere ich, solange sie nicht im Widerspruch zum Koran stehen. Denn anhand der Beispiele oben wird ersichtlich, wer diese Bücher geschrieben hat. Männer, die das seit Jahrtausenden fortwährende Patriarchat aufrechterhalten wollen. Dementsprechend sehe ich manche Hadithe als Unterstellungen, die Allah, seinen Propheten und den Koran verleumden.

Wie kann ein Prophet völlig Widersprüchliches zum Koran gesprochen haben, wenn im Koran in der Sure 35:18 Folgendes steht: »Keine lasttragende (Seele) nimmt die Last einer anderen auf sich. Und wenn eine Schwerbeladene (zum Mittragen) ihrer Last aufruft, wird nichts davon (für sie) getragen, (…)« Es gibt mehrere ähnliche Verse im Koran. Das heißt, im Islam herrscht völlige Eigenverantwortung. Das Seelenheil einer Person ist nie von einer anderen Person abhängig, sondern nur von Gott allein. Ob eine Frau ins Paradies kommt oder nicht, liegt nicht in den Händen des Ehemanns. Prophet Muhammed wusste das am besten. Deswegen ist es unwahrscheinlich, dass der Prophet so über Frauen sprach, wie oben zitiert.

DIE KRAFT DES WISSENS

»Wissen zu erwerben ist für Frauen und Männer,

sprich für jedermann, eine Pflicht.«

– Hadith des Propheten Muhammed, Friede sei mit ihm.

Als ich mit meinem ersten Sohn schwanger war und nicht mehr zur Arbeit ging, hatte ich noch mehr Zeit zum Lesen. Ich war 19. In einem Buch las ich den oben zitierten Hadith des Propheten und noch weitere Hadithe wie diesen: »Weisheit ist das verlorene Gut eines Gläubigen. Sie sollen es sich aneignen, wo immer sie es finden.«

Noch berührender für mich war folgender Hadith: »Allah erteilt den Reichtum, wem er will, das Wissen erteilt er aber jedem, der sich das wünscht.«

Ab diesem Moment war mir klar, dass Wissenserwerb auch für mich eine Pflicht war. Ich schloss die Augen und dachte stundenlang darüber nach. Dann sprach ich aus vollem Herzen mein größtes Bittgebet aus: »Mein Allah, ich wünsche mir nur eines: den Zugang zu Wissen und Wissenschaft.«

Ich konnte mich nicht damit zufriedengeben, nur mein Kind großzuziehen und den Haushalt zu führen. Aber ich hielt es für unmöglich, dass mein Mann meinen wissenschaftlichen Ambitionen je zustimmen würde. Ich hingegen drängte ihn ständig dazu, Deutsch zu lernen und sein Studium, das er in der Türkei begonnen hatte, hier abzuschließen. Ich dachte, er würde dann vielleicht weniger mürrisch sein. Doch er wollte von alldem nichts wissen.

Eines Tages tat ich dann doch den Schritt. Noch in dem Moment, in dem ich es laut aussprach, war ich schon ohne Hoffnung. »Wenn du nicht studierst, dann studiere ich«, sagte ich zu ihm.

Bis heute kann ich nicht glauben, was er darauf antwortete. »Okay, tue es«, sagte er leichthin. Das war alles.

Noch in meiner Babypause trat ich 1996 zu den Studienberechtigungsprüfungen an.

Als die Bekannten und Nachbarn davon erfuhren, rieten mir alle davon ab. »Du bist schon verheiratet und hast ein Kind, was willst du mit dem Studium machen? Konzentriere dich auf deine Familie«, sagten einige.

Andere sahen überhaupt keine Erfolgschancen. Manche meinten, das Geld für die Studienberechtigungskurse auszugeben sei Verschwendung. Wieder hörte ich das Argument, selbst in Österreich geborene Kinder von Türken hätten es nicht geschafft, zu studieren.

Dennoch schaffte ich den ersten Teil der Prüfungen beim ersten Mal und inskribierte mich als außerordentliche Studentin für Turkologie. Ich war die glücklichste Frau der Welt und zum ersten Mal froh, in Österreich zu sein. Für mich begann eine neue Ära. Bis dahin hatte ich mich immer nach der Türkei gesehnt. Denn mein Leben, meine Zukunftsperspektive, meine Wünsche und meinen Erfolg hatte ich dort, in meinem Heimatland, zurückgelassen. In Österreich waren wir Menschen aus der untersten Schicht.

Die Österreicherinnen und Österreicher in der Umgebung waren auch nicht gerade aus der Oberschicht. Durch ihre Blicke und ihre Arroganz vermittelten sie uns, dass wir hier nicht willkommen waren. Bis ich mit der Uni anfing, war ich hoffnungslos, traurig und unglücklich gewesen. Ich hatte meinen Eltern nicht verziehen, dass sie mich nach Österreich geholt hatten – bis zu meinem ersten Tag an der Universität, an dem sich alles änderte.

Der historische Campus der Hauptuniversität Wien war prächtig und die Menschen dort so ganz anders als diejenigen, denen ich bisher begegnet war. Ich fühlte mich zum ersten Mal zu Hause. Niemand beachtete mein Kopftuch. Es herrschten Offenheit und Toleranz. Ich schloss schöne Freundschaften mit Menschen aus aller Welt. Zum ersten Mal nach sieben Jahren fühlte ich mich in Österreich als Mensch. Ich war froh und dankbar, mit Kopftuch studieren zu dürfen, noch dazu in einem nicht-muslimischen Land. Das Studieren mit Kopftuch war selbst in einigen islamischen Ländern nicht möglich.

Ein Jahr später, im Jahr 1997, musste ich zurück ins Arbeitsleben, um den weiteren Aufenthalt meines Mannes in Österreich rechtlich abzusichern. Daher arbeitete ich ein paar Monate bei den Supermarktketten Billa und Zielpunkt als stellvertretende Filialleiterin.

Bald darauf wurde ich wieder schwanger. 1998 bekam ich mein zweites Kind. Deswegen musste ich auch mein Studium unterbrechen, was mir sehr leidtat. Allerdings arbeitete ich weiterhin daran, Wissen anzusammeln. In dieser Zeit interessierte mich vor allem der Umgang mit dem Computer. Ich besuchte alle möglichen Kurse. Ich lernte Maschinschreiben, machte den Europäischen Computerführerschein und absolvierte den Systemadministrator-Kurs bis zur EDV-Trainer-Ausbildung. Aber ich sehnte mich nach dem Studium. 2002 konnte ich endlich den zweiten Teil der notwendigen Studienberechtigungsprüfungen ablegen und als ordentliche Studentin Turkologie belegen.

Als ich zur Studienrichtungsvertreterin gewählt wurde, organisierte ich als Erstes ein Picknick für Studierende, Professorinnen und Professoren der Turkologie auf der Donauinsel. Dort waren wir wie eine Familie. Den ganzen Tag unterhielten wir uns, grillten, aßen und spielten Volleyball. Professorin Claudia Römer war besonders beeindruckt. »Ihr seid anders«, sagte sie. »Wir hatten bisher schon muslimische Studentinnen und Studenten, aber sie waren meistens distanziert und abweisend. Ihr seid viel offener, ihr seid fröhlich, spielt Ball und ihr macht weder einen Unterschied zwischen Männern und Frauen noch zwischen Muslimen und Nichtmuslimen.«

Die Haltung, die sie schilderte, war für mich selbstverständlich. Aber in der Form, wie sie über diese Haltung sprach, hörte ich das zum ersten Mal.

Vom Feminismus hörte ich das erste Mal von Gizela Prochazka-Eisl, ebenfalls Professorin für Turkologie. Ich schätzte sie als starke Frau. Ich beobachtete sie und hörte ihr gut zu. »Sie haben sich für fünf Seminare angemeldet«, sagte sie eines Tages zu mir. »In einem Semester sind ein bis zwei Seminare zu schaffen. Wenn Sie so weitermachen, werden Sie schnell fertig, aber verrückt dabei.«

Sie wusste nicht, dass für mich genau das Gegenteil galt. Die Uni war meine Rettung, mein Zufluchtsort. Ohne das Studium hätte ich alle anderen Probleme nicht ertragen und verkraften können.

Auf der Uni organisierte ich auch große Veranstaltungen mit Musik, Volkstanzgruppen und großem Buffet, die ich gemeinsam mit der zweiten Studienrichtungsvertreterin moderierte. Die historischen Gedichte, die wir auf der Turkologie lernten, trugen wir auf Türkisch und Deutsch vor und gingen auf die Geschichte der Texte ein. Danach spielte die Musikgruppe diese Gedichte. Diese Veranstaltungen waren neben den Studenten und Professoren der Orientalistik auch für andere Studenten zugänglich, weil wir durch Plakate auf der Hauptuniversität darauf aufmerksam machten.

INDOKTRINIERUNGSVERSUCH: DIE GÜLENISTEN

Meine Organisationstätigkeit am Institut für Turkologie machte die Gülenisten auf mich aufmerksam. Sie suchten immer die Leute aus, die entweder reich oder intelligent waren. Reich war ich nicht.

Gülenisten sind Anhänger der Gülen-Bewegung, gegründet von Fethullah Gülen. Er spaltete diese Organisation von der Sekte Nurcular ab, deren religiöser Führer Said Nursi im 20. Jahrhundert in der Türkei wirkte. Beide Gruppen sind also nach deren Führer benannt.

Durch gemeinsame Freundinnen baten sie mehrmals darum, einen Hausbesuch bei mir machen zu dürfen. Letztendlich stimmte ich zu und dachte, es würde ein einmaliger Besuch sein. Da irrte ich mich. Sie ließen nicht locker. Vor allem die Vorsitzende der Gülen-Jugendgruppe besuchte mich fast drei Jahre lang gelegentlich.

Sie erzählte mir öfters von ihren Treffen mit Fethullah Gülen in den USA, wie weise er sei, und dass sie auf all ihre Fragen überzeugende Antworten bekäme. Sie brachte mir Literatur und lud mich zu Jugendtreffen in die Privatwohnungen anderer Studentinnen ein.

Es war und ist mein Prinzip, dass ich ohne Vorurteile Menschen, Gruppen oder Organisationen selbst direkt kennenlerne, nicht durch Dritte. Deswegen ging ich zu zwei oder drei Treffen.

Die Gülenisten waren weltweit sehr gut organisiert, sahen anständig und fromm aus, sie hatten Bildungseinrichtungen und Büchereien. Das war von außen gesehen bewunderns- und schätzenswert.

Bei den Jugend- und Frauentreffen fiel mir negativ auf, dass sie sich nicht auf den Koran, sondern auf die Bücher von Said Nursi oder Fethullah Gülen beriefen. Diese Bücher kannten manche auswendig. Dem Koran schenkten sie keine gleichermaßen intensive Aufmerksamkeit. Daher war ich ohnehin schon eher negativ gegenüber den Gülenisten eingestellt.

Trotzdem hätte ich nicht erwartet, was dann kam. Die Leiterin der Jugendgruppe erzählte, ihre Bewegung lege sehr viel Wert auf Bildung und hätte in der Türkei den Bildungsbereich unter Kontrolle. »Jetzt ist das Militär an der Reihe«, sagte sie. Das machte mich stutzig. Bis dahin hatte ich die Gülenisten als eine gut organisierte religiöse Organisation betrachtet. Wieso sollte eine religiöse Organisation sich im Militär engagieren? »Was heißt das?«, fragte ich nach. »Was möchtet ihr im Militär machen?«

»Das Militär ist zu stark«, antwortete sie. »Ohne das Militär können wir keinen neuen islamischen Staat errichten. Deswegen hat Fethullah Gülen befohlen, dass unsere Leute sich im Militär engagieren. Um nicht aufzufallen, sollen sie nicht beten. Wenn es notwendig ist, sollen sie Alkohol trinken und die Frauen sollen die Kopftücher ablegen, bis wir einen islamischen Staat gegründet haben.«

Das fand ich in höchstem Maße bedenklich. Nach meiner Auffassung des Koran ist die Demokratie das beste Modell der Organisation von Gesellschaft und Führung. Die Sure 39 besagt in den Versen 17 und 18: »So verkünde die frohe Botschaft Meinen Dienern, die (aufmerksam) auf alles hören, was gesagt wird und dem besten davon folgen.« Diese Zeilen besagen, die Menschen sollen die Vielfalt der Meinungen beachten, um der besten zu folgen. Dieses Prinzip ist derzeit nur in den Demokratien verwirklicht.

Deswegen sollten sich meiner Meinung nach die religiösen Organisationen aus den staatlichen oder politischen Angelegenheiten heraushalten. Umgekehrt sollte der Staat sich nicht in das Privatleben und den Glauben der Menschen einmischen. Ein Staat sollte keine Religion haben. Die Religion ist für die Menschen. Der Staat sollte nur der Gerechtigkeit verpflichtet sein. Wenn der Staat eine Religion annimmt, wird er totalitär. Er nimmt sich damit die Möglichkeit, die Vielfalt der Meinungen zu beachten und der besten zu folgen, um alle Menschen gleich und gerecht zu behandeln.

Nun wollte ich wissen, warum der Gründer der Bewegung Fethullah Gülen in den USA lebte.

Immerhin war die Jugendgruppenleiterin bereit, alle meine Fragen offen zu beantworten, um mich zu überzeugen. »Bevor er in die Türkei zurückkehren kann«, erklärte sie, »müssen wir die Justiz unter Kontrolle haben, sonst wird er von Richtern der ungläubigen Türkei verurteilt und dann im Gefängnis ermordet.«

Mein Entsetzen wurde noch größer, aber ich fragte weiter, was das Ziel der Bewegung sei.

»Der türkische Staat ist laizistisch, also kafir (ungläubig)«, sagte sie. »Die Muslime leiden darunter. Deswegen müssen wir einen islamischen Staat gründen.«

Diese Aussagen enthüllten mir das eigentliche Ziel der Gülenisten. Ich sah, dass es ihnen nicht wirklich um die Religion, sondern um die politische Macht ging. Das passte auch damit zusammen, dass sie den Aussagen von Gülen offensichtlich mehr Beachtung schenkten als Allahs Aussagen im Koran. Sie wollten den laizistischen Staat auflösen und einen islamischen Staat gründen. Gülen, den sie als Messias sahen, wollten sie dann als Staatsoberhaupt in die Türkei zurückholen. Sie lehnten die Republik ab. Damit reihten sie sich ein in die Reihe der fundamentalistischen Sekten und der religiös-konservativen Gruppen in der Türkei, die Atatürk hassten, weil er einen laizistischen, demokratischen und säkularen Staat gegründet hatte.

Dementsprechend war ich enttäuscht und wütend. »Ich will mit euch absolut nichts zu tun haben!«, sagte ich zu der Jugendgruppenleiterin und brach den Kontakt zu ihr ab.

Viel später erfuhr ich, dass Gülen, den sie als großen Gelehrten proklamierten, nur einen Volksschulabschluss hatte.

Die Gülenisten engagierten sich nicht nur in Bildung, Justiz und Militär, sondern auch in der Regierung mit der türkischen Partei AKP. Bis 2013, so heißt es, waren sie Verbündete, dann trennten sich ihre Wege im Streben um die Macht. Am 16. Juli 2016 kam es zu einem Putschversuch in der Türkei, ausgeführt von gülenistischen Teilen des Militärs, die das Parlament, das Urlaubsdomizil von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und andere wichtige Ziele bombardierten. Rund 290 Menschen starben und mehrere Tausend wurden verletzt.

Der Coup misslang, was wiederum der AKP die Möglichkeit gab, die Gülenisten systematisch zu verfolgen und aus den Positionen in Bildung, Justiz und Militär zu vertreiben. Dabei landeten auch viele wahrscheinlich unschuldige Menschen im Gefängnis.

Da die Gülenisten als eine der weltweit größten politisch-islamischen Organisationen viele Jahrzehnte lang eine Strategie der Unterwanderung betrieben hatten und stets darauf achteten, nicht als Gülenisten erkannt zu werden, ist anzunehmen, dass ihr politischer Arm in der Türkei trotz dieses Rückschlags immer noch aktiv ist, vor allem in den politischen Parteien, auch in der AKP, sowie in mehreren Sekten.

IM ISLAM GIBT ES DAS SCHEIDUNGSRECHT FÜR FRAUEN

2005 fehlte mir zu meinem Studienabschluss in Turkologie nur noch die Diplomarbeit, aber ich musste mein Studium für eine längere Zeit unterbrechen. Ich ließ mich scheiden und musste mit meinen beiden Söhnen, die damals neun und sieben Jahre alt waren, ein neues Leben aufbauen. Mein Mann erlaubte mir zwar zu studieren, er rechnete aber nicht damit, dass ich nicht nur studieren, sondern mich auf der Uni auch sozial engagieren würde. Alle meine Veranstaltungen, meine Fortschritte waren für ihn zu viel. Natürlich war das nicht das einzige Problem. Zusammenfassend kann ich sagen, wenn ich nach den zwölf Jahren nicht Schluss gemacht hätte, hätten meine Kinder wahrscheinlich entweder keine Mutter oder keine gesunde Mutter mehr. Viele Jahre lang hielt ich meine Ehe für meine Kinder aus. Nicht nur wegen meinem Mann selbst, sondern auch wegen seiner Familie in der Türkei, die mich beharrlich zu unterdrücken versuchte.

Meine Familie wollte nicht, dass meine Ehe zerbrach und war dagegen, als ich nach acht Jahren Ehe bereits sagte, ich wolle mich scheiden lassen. Sobald meine Eltern allerdings sahen, wie schlecht es mir in der Ehe ging, empfahlen auch sie mir die Scheidung. Nach islamischem Recht darf eine Frau sich scheiden lassen.

Für einige Verwandte galt Scheidung dennoch als eine Schande. Hätte ich mich damals mit dem Koran ausgekannt, hätte ich meine Verwandten gefragt, warum Allah die Scheidung im Koran erlaubt, sie aber nicht. Hat Allah etwa eine Schande vorgeschrieben? Ich hätte gefragt: Steht etwa die Ehre der Menschen und der Familie über Gott?

Aus meiner Scheidung ging ich gestärkt hervor. Nie wieder würde ich mich einem Mann so unterwerfen.

In der muslimischen Gesellschaft herrscht die Meinung vor, dass Ehen und Familien nicht zerbrechen dürfen. Auch ich glaube, dass die Familien den Kern der Gesellschaft bilden und halten sollten. Aber um welche Ehen geht es hier? Ist etwas, bei dem nur der Mann das Sagen hat, aber die ganze Last auf den Schultern der Frauen liegt, wirklich eine Ehe?

Das Leben, das ich führte, das Millionen von muslimischen Frauen zwangsweise führen, ist eine Form der Sklaverei. Bis heute halten solche »Ehen« nur aufgrund der Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft der Frauen.

Neuerdings beobachten wir den Trend, dass junge Leute heiraten und sich bereits nach Monaten, manchmal sogar schon nach ein paar Wochen wieder scheiden lassen. Das tut mir leid. Allerdings ist es falsch, die Schuld für diese Scheidungen nur den Frauen zu geben. In der Türkei gibt es fundamentalistische Gruppen, religiöse Sekten, die ohne Scheu zu behaupten wagen, je stärker und gebildeter Frauen seien, umso eher würden sie die Ehen zerstören.

Meiner Meinung nach scheitern diese Ehen zunehmend an ihrem Anachronismus. Diese Ehen gehen auseinander, weil die sogenannten »Gelehrten« im 21. Jahrhundert noch immer dieses verkrustete, alte Weltbild vertreten und von den Jungen erwarten, dass sie die patriarchale Tradition fortsetzen. Es ist diese Mentalität, die die Frauen versklavt und den Männern alles Mögliche erlaubt. Es ist diese Mentalität, die wir ändern müssen.

In den letzten Jahren hat sich schon vieles geändert und verbessert. Inzwischen gibt es genug Männer, die auch für ihre Frauen Glück wollen, damit es die ganze Familie erfasst. Es gibt Männer, die auf Geschlechtergerechtigkeit Wert legen.

Ich war jedenfalls mit meinen beiden Söhnen glücklich, denn ich traf jede Entscheidung in Absprache mit ihnen. Ich liebte die Stille und Gelassenheit bei uns zu Hause.

DAS SCHICKSAL NIMMT EINE NEUE WENDUNG

Weitere Heiratsanträge, die mich über meine Mutter erreichten, lehnte ich ab. Ich wollte nie wieder heiraten. Nach diesen schwierigen Zeiten wollte ich zunächst mit meinen Kindern auf Urlaub fahren. Ich wollte etwas Abwechslung, mich ein bisschen erholen und mich auf mein neues Leben konzentrieren. Ich hatte schon alles gebucht, um mit einer Gruppe von Freunden die türkischen Strände zu genießen. Einen Monat vor dem Urlaub erlitt ich einen leichten Schlaganfall, der mein Gesicht halbseitig lähmte. »Willst du den Urlaub wirklich mit diesem schiefen Gesicht machen?«, fragten meine Freundinnen.

»Fahre ich auf Urlaub, um mich zu erholen oder um mich in Szene zu setzen?«, lautete meine Gegenfrage.

Mit meinem schiefen Gesicht und meinen beiden Söhnen kam ich im Sommer 2008 in Izmir an, nicht ahnend, dass sich mein Leben nach diesem Urlaub wieder nicht so entwickeln würde, wie ich es geplant hatte. Dieses Mal nahm es allerdings eine positive Wendung.

In der Gruppe von Freunden, mit denen ich den Urlaub machte, war auch Türker. Wir unterhielten uns oft stundenlang.

»Ich will dich heiraten«, sagte er nach zehn Tagen zu mir.

Ich fragte ihn, ob er verrückt geworden sei.

»Bin ich nicht,« sagte er ungerührt. »Ich will dich heiraten.«

»Kommt nicht infrage«, sagte ich.

»Warum?«, fragte er verwundert.

»Siehst du nicht, wie groß meine Kinder sind?«, erwiderte ich. »Du bist noch ledig, du kannst noch jedes Mädchen haben.«

»Ich heirate entweder dich oder niemanden«, sagte er.

»Ein türkischer Mann kann mich nicht ertragen«, erklärte ich ihm. Ich zählte Hunderte Gegenargumente auf, aber nichts brachte ihn von seinem Vorhaben ab. Ich erklärte ihm, dass ich offen und frei denke, lebe und bin. Dass es für mich keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern gibt und dass ich nur auf die Menschlichkeit achte. Dass ich überall hingehe, wann und mit wem ich will. Dass ich mein Studium fortsetzen werde und dass das alles zu viel für einen Mann sei.

»Mich beeindruckt gerade deine starke und aufrichtige Persönlichkeit«, sagte er. »Wenn du nicht zwei, sondern zehn Kinder hättest, würde ich dich trotzdem heiraten wollen. Mach so viele Fortschritte, wie du willst. Ich kann nur stolz auf dich sein und ich werde dich immer unterstützen.«

Ich konnte nicht glauben, dass es auch solche Männer gab. So einen Mann hatte ich weder in der Familie noch im Bekanntenkreis je kennengelernt. Er beharrte darauf, ich sollte seinen Antrag auch mit meinen Kindern besprechen.

Ganz verschämt sagte ich zu meinen Söhnen, ich hätte etwas mit ihnen zu besprechen. Ich nannte nur Türkers Namen und schwieg. Mein älterer Sohn fragte: »Ist er verliebt in dich?«

»Ja«, sagte ich, während ich meinen Blick senkte und ganz rot wurde.

»Bist du auch in ihn verliebt?«, fragte er.

»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht«, sagte ich.

Türker kam dazu.

»Wann heiratet ihr?«, fragten meine Söhne. Diesmal wurde er rot.

Noch bevor ich etwas sagen konnte, stimmten meine Söhne zu.

Eine meiner besten Freundinnen aus der Volksschule meinte dazu: »Fatma, vertraue deinen Kindern, denn die Kinder spüren die wahre Liebe.«

Einen Monat später heirateten wir.

DAS LEBEN IN DER TÜRKEI

Zunächst wollten wir in der Türkei leben. Meine Söhne, die die Türkei nur aus dem Urlaub kannten, zogen mit Freude hin. Ich dachte, das sei meine Heimat, die ich vor 19 Jahren verlassen hatte. Aber es war alles anders. Die Mentalität des Landes war mir fremd geworden. Ich konnte in der Türkei nirgends zurechtkommen, nichts erledigen und keine Arbeit finden. Es wurde mir klar, dass Sprachkenntnisse alleine nicht ausreichten, um in einem Land zurechtzukommen.

Meine Kinder waren auch nicht glücklich. Dank der Gülenisten war das Bildungssystem in der Türkei zerstört. Die Gülenisten hatten damals im Jahr 2008 ihre Ziele gemeinsam mit der AKP verwirklicht. Von 2002 bis 2013 regierten sie gemeinsam. Kein Vogel konnte ohne ihre Erlaubnis fliegen, wie ein türkisches Sprichwort besagt. Alle Schülerinnen und Schüler mussten ab der Volksschule Nachhilfe an Instituten nehmen, die mehrheitlich unter der Kontrolle der Gülenisten waren. Obwohl die Schullaufbahn so anstrengend war, schafften die besten Schülerinnen und Schüler nicht die Aufnahme an den Universitäten. Die Fragen bei den Aufnahmeprüfungen wurden den Gülen-Anhängern vor der Prüfung ausgeteilt. Sehr viele Studenten haben darunter gelitten.

Meine Söhne waren von neun bis 15 Uhr in der Schule. Wenn sie nach Hause kamen, durften sie eine halbe Stunde Pause machen und mussten dann bis um 22 Uhr abends lernen, mit nur einer Stunde Pause für das Abendessen. Auch am Wochenende stand Nachhilfe am Institut auf dem Programm. Sie hatten keine Freizeit mehr.

Arbeit konnte ich deswegen nicht finden, weil alles unter der Kontrolle der Gülenisten war. Bekannte empfahlen mir, ich sollte mich entweder den Gülenisten oder der AKP, der Partei des derzeitigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, anschließen. Sonst hätte ich keine Chance. Ich wusste, was das bedeutet. Sich anschließen heißt, die Treue halten und sich unterordnen. Das hatte ich mein Leben lang noch nicht getan und ich hatte es auch in Zukunft nicht vor.

Nach zwei Jahren lösten wir unsere Wohnung in der Türkei auf und zogen alle wieder nach Österreich.

ISLAMLEHRERIN IN ÖSTERREICH

Heimat ist das Land, wo man sich in Sicherheit fühlt.

Bis dahin glaubte ich, die Türkei sei meine Heimat und Österreich meine zweite Heimat. Mir wurde klar, dass sich das schon längst geändert hatte. Immer, wenn ich am Flughafen Wien Schwechat ankam, fühlte ich mich wohl und in Sicherheit.

Diesmal musste ich mein Leben nicht von Null an beginnen, sondern von unter Null. Wir mussten vier Monate lang bei meinen Eltern leben, weil wir uns noch keine Wohnung leisten konnten.

Als Erstes nahm ich meinen Beruf als Türkischlehrerin beim BFI Wien wieder auf. Dort hatte ich schon während meines Studiums gearbeitet. Parallel dazu unterrichtete ich auch an der Volkshochschule.

Außerdem tauchte zu dieser Zeit eine Idee wieder auf. Vor mehr als einem Jahrzehnt, ich war damals 22 Jahre alt, hatten Bekannte mir empfohlen, Islamlehrerin zu werden. »Du kennst dich mit der Religion sehr gut aus, warum machst du das nicht beruflich?«, fragten sie.

»Das ist eine große Verantwortung«, antwortete ich damals. »Eine Islamlehrerin muss in jeder Hinsicht gut gebildet, hoch qualifiziert und ein Vorbild sein.«

Viele Jahre lang fühlte ich mich diesem Beruf nicht gewachsen. Damals glaubte ich, sowohl alle Islamlehrer als auch die Imame wären sehr kompetent.

Erst nach meiner Rückkehr nach Österreich, im Jahr 2011, als ich 35 war, bewarb ich mich als Islamlehrerin.

Diese Prüfung organisiert und überwacht die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ). Das Recht, islamische Religionslehrer und -lehrerinnen zu bestellen, gibt der IGGÖ eine bundesweite Monopolstellung.

Der Sitz der IGGÖ in der Wiener Bernardgasse wirkt nicht gerade wie eine muslimische Machtzentrale. In einem alten dreistöckigen Haus mit einem begrünten Innenhof und ein paar Parkplätzen belegt die IGGÖ auf mehreren Etagen mehrere Räume. Im ersten Stock befindet sich ein Empfang mit dem Arbeitsplatz der Sekretärin, dahinter zwei weitere Büroräume und das Zimmer des Präsidenten, das mit orientalischen Bänken ausgestattet ist.

Im Untergeschoss befinden sich ein Gebetsraum und ein kleiner Sitzungsraum, der für Versammlungen ab einer Anzahl von zehn Personen zu eng wird. Daher finden auch die meisten Sitzungen und kleineren Veranstaltungen der IGGÖ an anderen Orten, insbesondere in der nahegelegenen Islamischen Fachschule für Soziale Bildung statt. In dieser Schule absolvierte ich den schriftlichen Teil der Prüfung noch 2011 und trat kurz danach zur mündlichen Prüfung an.

Als ich das Klassenzimmer betrat, in dem die Kommission zur Abnahme der Prüfung saß, ärgerte ich mich. Die Prüfungskommission bestand nur aus Männern. Ich hätte mir zumindest eine weibliche Ansprechperson gewünscht. Denn ausgerechnet an diesem Tag hatte ich die Periode und damals glaubte ich gemäß der traditionellen Lehre des Islam, eine menstruierende Frau sei unrein und dürfe den Koran nicht anfassen. Es galt zudem als Schande, wenn Männer davon erfuhren, dass eine Frau menstruiert.

Als die Fachinspektoren in der Jury sagten, dass ich den Koran rezitieren soll, wollte ich im Boden versinken. In Schweiß gebadet sagte ich, ich dürfe nicht lesen. Ich schaffte die Aufnahmeprüfung trotzdem und wurde aufgenommen.

Als ich von der Prüfung nach Hause kam, schrieb ich eine E-Mail an den Schulamtsleiter und kritisierte, dass es bei der IGGÖ keine Fachinspektorinnen gab. Ich fragte, warum alles von Männern besetzt war.

Drei Monate später fand ich eine Wohnung in Wien und brauchte für den Mietvertrag eine Arbeitsbestätigung. Weil mein Fachinspektor auf meine E-Mails nicht reagierte, ging ich persönlich zur IGGÖ. Ich sagte dem damaligen Schulamtsleiter, mein Fachinspektor hätte nicht reagiert.

Er erwiderte: »Sie haben sich doch beschwert, dass es bei uns keine Fachinspektorinnen gibt? Wir haben eine Fachinspektorin aufgenommen und sie ist für Sie zuständig, nicht Ihr ehemaliger Fachinspektor.«

Ich freute mich. Meine erste Kritik an der IGGÖ hatte etwas bewirkt.

Dass eine menstruierende Frau nicht unrein ist und nicht eingeschränkt ist, erfuhr ich erst fünf Jahre später, als ich mich mit dem Koran eingehend beschäftigte. In der christlichen Tradition galt die Menstruation seit jeher als göttliche Bestrafung der Frauen für die Erbsünde. Obwohl davon nichts im Koran steht, haben die Traditionalisten im Islam diesen Glauben übernommen. Auch ich hatte diesen Glauben noch in meinen Anfangsjahren als Religionslehrerin nie infrage gestellt.

Dabei liegt es nahe, diesen Glauben infrage zu stellen. Wieso sollte eine Frau für einen Zustand beschuldigt oder verachtet werden, der eine von Gott bestimmte ontologische Eigenschaft ist und den sie nicht ändern kann?

MEINE LIEBE NOT MIT DEM KOPFTUCH

Als islamische Religionslehrerin war ich von Beginn an durchaus selbstbewusst. Ich kannte mich in der traditionellen Lehre sehr gut aus. Ohne zu wissen, was auf mich zukam und welche Herausforderungen auf mich warteten, schärfte ich meinen Schülerinnen und Schülern ein, nie mit Fragezeichen im Kopf meinen Unterricht zu verlassen. »Ihr könnt mich alles fragen«, sagte ich zu ihnen. »Wenn ich etwas nicht weiß, dann recherchiere ich und sage es euch danach.«

In meinen Anfangsjahren als Islamlehrerin war ich natürlich auch mit der Kopftuchdebatte konfrontiert. Seit Jahrzehnten führen wir Debatten über das Kopftuch, als ob Kopftuch gleich Islam wäre. Als ob der Islam eine Symbolreligion wäre. Ich hatte diese Debatten schon damals satt. Allerdings konfrontierten mich meine Schülerinnen mit der Kopftuchfrage. Sie waren sehr hartnäckig.

»Frau Professor, müssen die Frauen Kopftuch tragen?«

»Ja.«

»Warum?«

»Weil es im Koran so vorgeschrieben ist.«

»Müssen Männer Kopftuch tragen?«

»Nein!«

»Ist Gott so ungerecht, Frau Professor?«

Das war einer der schwierigsten Momente in meiner Tätigkeit als Islamlehrerin. Zunächst wich ich aus: »Nein! Gott ist nicht ungerecht! Gott ist der Allergerechteste.«

Andererseits war auch mir nicht klar, warum muslimische Männer in Europa so unauffällig wie Europäer herumliefen, während wir, die kopftuchtragenden Frauen, überall als Erste auffielen, obwohl uns doch explizit beigebracht wurde, dass wir unauffällig sein sollten. Aber das hatte ich niemals laut ausgesprochen. Ich hatte mich nicht getraut. Die Jugendlichen hingegen waren sehr mutig.

Die Schülerinnen wollten und suchten eine Logik dahinter und begnügten sich nicht mit meinen traditionellen Antworten. Ja, meine Antworten waren traditionell, da ich mich damals – wie auch alle anderen – mit dem Thema nicht wirklich auseinandergesetzt hatte.

Die Diskussion ging weiter.

»Wenn Gott so gerecht ist, warum müssen die Männer keine Kopfbedeckung tragen, sondern nur die Frauen?«

»Die Frauen sollen nicht auffällig sein und bei den Männern keine Begierde wecken«, antwortete ich ganz automatisch im Sinne der traditionalistischen Diktion. Auch ich dachte damals nicht über das nach, was ich da sagte.

Eine 17-jährige Schülerin, die bei einer Sekte aufwuchs, meinte: »Bei den Männern interessieren mich auch als Erstes die Haare. Wenn wir Ihre letzte Aussage akzeptieren sollen, dann sollten auch die Männer nicht auffällig sein und ihre Haare bedecken.«

Diese Aussage traf mich wie ein Hammer auf den Kopf. So hatte ich niemals gedacht oder hinterfragt. Denn ich war in diese Religion gleichsam hineingeboren und praktizierte alles so, wie ich es bei den Vorahnen gesehen und gehört hatte, wie auch die meisten anderen das taten.

Die Schülerinnen ließen nicht locker. Im Unterricht der nächsten Woche legten sie mir zwei abgeschnittene Haarsträhnen vor und sagten: »Frau Professor, können Sie uns den Unterschied zwischen diesen beiden Haarsträhnen zeigen?«

»Was für ein Unterschied soll da sein?«, fragte ich. »Beides sind Haare.«

»Eben, das meinen wir auch, Frau Professor. Wenn es keinen Unterschied gibt, warum müssen die Frauen Kopftuch tragen und die Männer nicht?«

Ich war richtig überfordert.

Umso mehr sehnte ich mich nach der Universität und der Wissenschaft. So hob ich 2012 meine Beurlaubung an der Universität auf und schrieb meine Diplomarbeit in Turkologie. Ich hatte inzwischen drei Kinder, musste arbeiten und mich um den Haushalt kümmern. Ich konnte nur in den Nächten schreiben. Das tat ich jede Nacht unermüdlich bis zum frühen Morgen.

Als ich im April 2013 fertig war und von der Diplomprüfung nach Hause kam, fühlte ich eine innere Leere. Lesen, Schreiben und Forschen waren untrennbar mit meinem Leben verbunden. Zwei Monate später inskribierte ich mich für das Doktoratsstudium der Turkologie auf der Uni Wien.

Ich hatte mir immer zwei Kinder gewünscht, aber Gott gab mir zweimal zwei. Ich wurde zum vierten Mal schwanger und musste mein Studium ein weiteres Mal unterbrechen.

MEIN EINTRITT IN EINE RELIGIÖSE SEKTE

Mittlerweile war ich seit mehr als drei Jahren Religionslehrerin. Dennoch stieß ich in der Schule immer noch laufend an meine Grenzen. Vor allem in der AHS spürte ich, dass die Jugendlichen mit meinen traditionellen Antworten nichts anfangen konnten. Die junge Generation war mir weit voraus. Also musste ich noch mehr über den Islam in Erfahrung bringen. Ich hatte bereits sehr viel über den Islam gelesen und dachte, jetzt könne mir nur noch eines helfen. Ich wollte mich einer Sekte anschließen. Im Islam gibt es keine Organisation, die mit der katholischen Kirche vergleichbar wäre. Es gibt eine größere Vielfalt an Sekten, eher vergleichbar mit den vielen verschiedenen protestantischen und evangelikalen Religionsgemeinschaften in den USA. Einige Sekten konzentrieren sich auf die Spiritualität, wie es eigentlich sein sollte, andere mischen sich in die Politik ein.

Wegen dem Fokus auf spirituelle Fragen suchte ich mir die größte Sekte in der Türkei aus. In den Medien trat meistens Cübbeli Ahmet als Vertreter dieser Sekte auf. Damals fand ich ihn sehr sympathisch und hörte ihm gerne zu. Wenn man keine Ahnung vom Koran hat, glaubt man alles, was man hört.

Mich dieser Sekte anzuschließen war allerdings nicht ganz einfach. Ich musste istihare machen. Das heißt, vor dem Schlafengehen ein Gebet verrichten und in einem Traum Allah fragen, ob es gut oder schlecht ist. Wenn man weiß oder grün träumt, ist es gut, wenn man schwarz oder rot träumt, ist es schlecht.

Also befragte ich Allah im Traum und erzählte den Sektenangehörigen von dem Traum. Obwohl ich mich in meinem Traum in der Finsternis in einem Basar befand, stuften sie ihn als gut ein. Vielleicht haben dabei auch Freunde in der Türkei mitgewirkt, die auch unbedingt wollten, dass ich mich der Sekte anschließe. Aber das reichte nicht aus. Ich musste auf einen sogenannten »Gegentraum« warten. Binnen 48 Stunden musste auch in der Zentrale in Istanbul jemand mit seinem Traum bestätigen, dass ich die Richtige für eine Aufnahme wäre. Nach den 48 Stunden musste ich bei der Zentrale anrufen. Dort sollte ich die Traum-Nummer nennen, die sie mir gegeben hatten und fragen, ob ich aufgenommen werde.

Ich war so aufgeregt, ich konnte es kaum erwarten, dass diese 48 Stunden vergingen. Endlich war die Zeit um. Am Dienstag in der Früh um sieben Uhr fing ich an, anzurufen. Ich weiß nicht, wie viele Dutzend Male ich es probierte. Erst um 9.30 Uhr hob jemand ab. Als ich die Zustimmung bekam, sprang ich in die Luft vor Freude. Dann musste ich bis Sonntag warten, bis der europäische Vertreter nach Wien kam. Das war eine meiner aufregendsten Wochen. Einerseits war ich froh, erleichtert und dankbar, dass die Sekte mich akzeptierte, andererseits war ich sehr ungeduldig. Der Tag kam. Freudig fuhr ich hin.

Es waren ungefähr fünfzig Frauen versammelt in der Dergah, das ist der heilige Ort der Sekte. Der Vertreter des Scheichs, des religiösen Führers der Sekte, saß in einem anderen Zimmer. Es gab stufenweise Strukturen, die höheren Stufen durften bei den Anfängern mithören, aber umgekehrt war das nicht möglich. Der Vertreter des Scheichs hatte die Augen geschlossen, damit er die Frauen nicht sah. Er erzählte, was wir zu tun hätten und welche Vorgehensweisen wir befolgen sollten.

Während er erzählte, fühlte ich mich beengt und beklemmt. Als er sagte, wir sollten die Burka anziehen und auf die Geschlechtertrennung achten, konnte ich nicht schweigen. »Bei allem Respekt, Hodscha, ich glaube nicht, dass die Burka notwendig ist. Steht das überhaupt im Koran?«, fragte ich ihn.

»Die Burka liebt dein Gott, dein Prophet und dein Scheich!«, antwortete er empört.

»Hodscha, ich kann auf die Geschlechtertrennung nicht achten, weil ich arbeite«, sagte ich.

»Allah möge dich retten!«, empörte er sich noch mehr.

»Sie wissen ja gar nicht, welchen Beruf ich ausübe?«, hielt ich ihm entgegen.

»Es ist egal, welchen Beruf du ausübst, du darfst nicht arbeiten!«, entgegnete er.

»Ich bin aber Religionslehrerin und erkläre den ganzen Tag meine Religion.«

»Es ist nicht deine Aufgabe, Religion zu erklären!«, erwiderte er. Er erkannte, dass ich mit meinen Fragen nicht aufhören würde und hatte wohl Angst bekommen, dass auch andere auf solche Ideen kommen könnten. »Wir können später mit dir reden«, sagte er. »Jetzt möchte ich euch euer Zertifikat austeilen. Nehmt es mit der rechten Hand. Heute ist euer zweiter Geburtstag. Mit dem heutigen Datum wurden dank der Gnade unseres Scheichs alle eure vergangenen Sünden erlassen. Vergesst nicht, ihr könnt euch Allah nicht in einer Gestalt vorstellen, aber Allahs heiliges Licht ist zwischen den zwei Augenbrauen unseres Scheichs. Ihr müsst beim Gebet an ihn denken und von diesem Antlitz zehren.«

Als ich diese letzten Sätze hörte, stockte mir der Atem. Das war doch Schirk, Beigesellung, die einzige Sünde, die Allah niemals vergeben würde. Sofort verließ ich den Raum und fuhr nach Hause. Im Auto versuchte ich mich zu beruhigen. Im Gebet an den Scheich zu denken … wie konnte diese Sekte nur so etwas vertreten? Damit stellte sich der Scheich als Mittler zwischen die Menschen und Gott.

Die Sure 4:48 war diesbezüglich eindeutig: »Allah vergibt gewiss nicht, dass man Ihm (etwas) beigesellt. Doch was außer diesem ist, vergibt Er, wem Er will. Wer Allah (etwas) beigesellt, der hat fürwahr eine gewaltige Sünde ersonnen.« Ähnliches kam auch in der gleichen Sure im 116. Vers vor. Sonst gab es im Koran keine einzige Stelle, die besagte, Allah würde etwas nicht vergeben. Der Prophet Muhammed hatte in den 23 Jahren von der ersten bis zur letzten Offenbarung die Tauhid-Lehre gepredigt, den Glauben an den einzigen Gott.

Wenn man beim Gebet an jemand anderen denkt, dann ist dieses Gebet nicht für Allah, sondern für denjenigen, an den man denkt.

Als ich zu Hause war, dankte ich Allah, dass er mich bis dahin davor bewahrt hatte, auf einen Irrweg zu geraten. Ich konnte noch immer nicht glauben, dass alles, was ich beim Besuch der Sekte erfahren hatte, wahr sein konnte. Was der Vertreter des Scheichs mit den neuen Mitgliedern gemacht hatte, war letztendlich eine Beichte, etwas, das im Islam absolut nicht vorgesehen war.

Meinen Traum konnte ich erst dann richtig deuten. Ich hatte geträumt, dass ich in einem finsteren Basar mit ein paar Begleitern einkaufte. Alle meine Einkäufe wurden wie ein Schneeball am Boden aufgerollt. Zum Schluss waren sie zu drei glänzenden Stahlbällen geworden. Jemand sagte, dies wären meine Taten. Wenn ich das als Zeichen deuten sollte, dann wollte Allah mir wohl mitteilen, ich hätte doch einen festen Glauben und könnte glänzende Taten vorweisen. Warum suchte ich Ihn also auf finsteren Wegen?

Es dauerte einige Monate, bis ich dieses Sekten-Erlebnis verarbeitet hatte. In dieser Zeit begann eine neue Ära in meinem Leben.

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211 p. 2 illustrations
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9783990015278
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