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Fanny Wibmer-Pedit

Die Pfaffin

Roman

www.ennsthaler.at

1. Auflage 2014

ISBN 978-3-7095-0030-9 EPUB

Fanny Wibmer-Pedit · Die Pfaffin

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2013 by Ennsthaler Verlag, Steyr

Ennsthaler Gesellschaft m.b.H. & Co KG, 4400 Steyr, Österreich

Satz & Umschlag: Thomas Traxl, Steyr

Umschlagfoto: Andrey Kiselev – fotolia.de

Erster Teil

Durch den Niesenwald herauf stapft ein buckliges Männlein; verwachsen und knorrig ist seine Gestalt wie verkrüppeltes Niederholz. Wie filziger Baumbart, grau und grün, wuchert auf seinem Gesicht die abgestandene Haarzier, aus der ein fürwitziges Näslein lugt und - ganz wunderlicher Weise - zwei große, blitzblaue, unschuldsvolle Kinderaugen. Über die Baumwipfel streift die hohe Mittagssonne, sie goldet durch das ganze Defreggental hinaus, funkelt auf dem St. Veiter Kirchturmspitz wie ein Festglanz, ist aber nur mehr ein warmer Hauch da im kühlen Tal, dieweilen sie draußen auf den weiten Lüentzerboden niedersengt wie lebendiges Fegefeuer.

Und darum stapft das Davidle den dunklen Niesenwald so zufrieden herauf. Im Winter geht er der Wärme, im Sommer der Kühle nach. Das ist seines Lebens einfältige und vielkluge Weisheit.

Weit draußen unter dem Kiehnburgerschloß ist dem Davidle einer begegnet, an den muß er allweil denken. Eija, das war ein Lotter, der ist schon der Hitzen und dem Regen gleicherweise zugerennt, das hat man ihm von aller Weite angesehn. Groß und stark, helläugig und rotbärtig, ein gar trutziges Gesicht, das einen übermütigen Frohmut trug und dennoch auch ein kleines bedrückt schien. Schwer und fest der breite Fußtritt, der an der Erden haftet nach Bauernart und dennoch wieder mit aller Macht in die Weite strebt wie ein begieriger Vagant. Einen Plenglsack hat der Mensch Gottes über der Schulter getragen, wie ein Riese sein Haus trägt - und dennoch, ist dem Davidle vorgekommen, ist der Wegläufer so voller Eiligkeit und Fahrenheit dahin, als wär’ er ein Räuber und der viele Plunder im Sack bloß Diebsgut. Es möchte niemand dafürhalten, wie das einfältige Davidle über einen nachdenkt, dem er in aller Morgenfrühe begegnet, und was er an ihm noch alles ersieht. Ja, wenn einer so niemanden mehr zu eigen hat, nit Vater und Mutter, nit Bruder und Freund kennt, der hat gelernt, im Antlitz dessen zu schauen, der ihm auch nur als Allerweltsbruder über den Weg läuft. Was für einem Leid ist der Elendsmensch wohl etwan entronnen? Und was für einer Freud’ rennt er wohl zu? Und wie wird sich’s einmal weisen, wieviel er gewonnen und wieviel er verloren und das, worum er auszieht, sinnt das Davidle und freut sich der paradiesischen Kühle an diesem heißlebigen Sommertag.

Wie die ersten Weiler aus dem Wald tauchen, weicht er ab vom Weg. Er kennt dort, wie im Dorf, die Laben und Stuben und wird nit immer um Gottes willen willkommen geheißen. Drum will er lieber einmal außer dem Ort Atzung und Herberg’ suchen, denn im Defreggental sind die Nächte auch im Heuet noch kalt und scharf ihr Tau und geben keinen linden Schlaf in der Weite.

Da schlenkelt er seitab, dem Mullitzgraben zu und will das Dorf einmal von oben her begehn. Kühl wie ein Lüentzer Weinkeller ist der Mullitzgraben, und das Gewässer sprüht ihm nebelfein ins Gesicht, wird ihm zum Labsal im währenden Wandern. Eija, der Lotter, daß er allweil wieder an den denken muß!

So ein Gestäng’ möcht’ er haben wie der, so ein kräftiges, junges da wär’ ihm Stock und Stein am Weg auch nichts, kostet’ ihn keine Müh und kein Geschnauf. So aber keucht und schwitzt er vom letzten Saft, von letzter Kraft, ein ausgehungertes Elendslötterle, wie er schon einmal ist. Um die Starritzenhöfe macht er wieder einen Bogen, denn höher droben dunkelt ein braunes Gehöft mit geringem Wiesland aus dem grünen Wald heraus, dort ist er noch nie gewesen. Dort wird ihm etwa kein überdrüssiger Gruß entgegenmaulen. Man muß sich viel Bänk’ aufsuchen in der Welt, wenn man keine eigene hat, wo man zu liegen und zu ruhen ein Recht ansprechen kann. Unter ihm breitet sich jetzt das Dörflein St. Veit; Häuslein und Turmspitze glosen in der Sonne, schwanken wie trunken hin und her in der zittrigen Luft des heißen Mittags.

Auf einmal hört das Davidle eine grelle Stimm’, horcht und sinnt, ob sich sein Ohr nit bloß täuschen mag. Und wiederum, wie ein gemarterter Schrei. Ist einem was ... geschieht einem was? Ja Narre! Rufet da ein Weib nach den herumstranzenden Kindern, nach dem säumenden Mann? Ja, rufet das Weib in Zornwut so schreckbarlich? Rufet es nit in lauter Jammer und Schmerz?

Das Davidle zappelt in Eile vorwärts, will Hilfe sein in der Not, an Neugier denkt er nicht. Die Schreie kommen vom Holzer her, der ist der höchste Hauser im Tal. Arm und notig sein die Leut’, so hat das D So ein wunderliches Wesen hat die Emerenzia

avidle reden gehört drunten im Dorf. Ein Steinwurf vom Haus steht eine magere Lärche. Und bei der Lärche steht eine Weibin, schreit und ruft in die Weite: »Veit! Veit!«

Bald ist ihr Schreien ein Jammern, das einem ans Herz greift, bald ein Sehnsuchtsruf, lind und lockend, bald ein Zornwüten, das erschreckt. Jetzt sieht das Davidle, wie es die Weibin am Stamm niederreißt, wie sie die Hände krampfig um die rindige Lärche schlingt, den Stamm umfaßt und sich mühsam daran wieder aufrichtet. Was rauft sie denn so mit der leblosen Lärche?

Zag greitelt das Männlein das letzte Wegstücklein herzu. »Veit! Veit!« Zwischen des Weibes Hohlhänden trompetet der Schrei über das Tal hinaus. Heiligste Mutter des Herrn, die Weibin ist hochgesegnet! Was grämt sie sich denn so aus der Weis’? Muß wohl was geschehen sein im Haus. Das Davidle rennt der Lärche zu. Die Rufende schrickt auf - wie in Freuden, scheint es zuerst. Aber wie sie das Männlein erschaut, sinkt die Freude gleich wieder zusammen wie ein Kerzenlicht im Regenschauer. Sie macht etliche Schnaufer, will sich erfangen, das Hoffen steht auf einmal auf ihrem verharbten Gesicht, das sonst noch schön und jung sein muß, und sie fragt voller Begier: »Hast keinen gesehen um die Wege? Mein Veit ist mir durch, in aller Morgenfrühe, hat mir verheißen, die Wehmutter zu bringen, und kommt nit und kommt nimmer.«

»Und kommt nimmer«, sagt das Davidle ganz verdattert vor sich her; »eija, will’s gern glauben, daß der nimmer kommt; hab’ ihn wohl gesehn, und hab’ gesehn, wie er Sturm unter den Füßen gehabt. Glaub’ es wohl, Weibin, o Narre, wenn das dein Veit gewesen ist!« »Wo hast ihn gesehn, sag, wo?«

»Ein Stück unter Kiehnburg, weit ausgriffen hat er mit seinen gewachsigen Füßen, ein schön Mannsbild, ein mentischer Bauer!« »Bluetschwitzender Heiland!« greint die Holzerin auf, und es reißt sie wieder nieder am Stamm, von unsichtbaren Stürmen geschüttelt.

»Bist allein im Haus?« stottert das Davidle klein verzagt.

Da schaut sie auf und besinnt sich, was das Männlein wohl meint; wird ihr doch nichts antun wollen, schaut doch nit her dazu; laßt die Zähren rinnen und meint: »Bin allein im Haus mit Arbeit und Vieh und meiner Not allein. Wenn der Veit nimmer hinterkommt, nimmer heimfind’t.«

»So renn ich in die Starritzen, hol’ dir ein Leut, sei stille, arme Haut, sei stille!« Und das Davidle haspelt mit seinen knorrigen Beinen der Starritzen zu. Die Holzerin müßt’ andremal lachen über das wunderliche Gezapple, wenn ihr Schreck, Schmerz und Gram nit Leib und Seel’ bis zum Sterben versehrt hätt’. Der Veit ist dahin, der Veit kommt nimmer heim. Voll Heimtück’ hat er die Stunde abgewartet, wo sie in Schwächen seiner Gier nimmer wehren kann, seiner Gier nach dem großen Tummelplatz der Welt. Und sollt’ es ein Bueb sein, wie sie sich ersehnt hat, ein Sohn, dem er das arme Erb’ erhalten sollt? Kein Versprechen, keine Sehnsucht und kein Hoffen, kein Flehen hat ihn mehr halten können. Das Kind - das Kind aber hätt’ ihn etwan doch gehalten. Und den Nagel hat er gefürchtet, daß er ihn wohl festhalten möcht’ an der Schwellen, an der Schollen, und darum ist er fort in der letzten Stund’, in der letzten Not. Und ist es ein Bueb, wird er auch einmal ein Mann - so ein treuloser, ehrloser, haltloser, wie sein Vater einer ist? O Stunde der Bitternis, verraten und verlassen ist sie wie kein Weib im Tal. Leben, bitteres, süßes, ersehntes, verfluchtes, verruchtes, was willst denn wieder ans Licht? Warum denn, wozu denn? Im Reich draußen geht die Kriegsfuchtel um, Krieg wider die Lutherischen. Landsknechte werden geworben, Soldknechte sein es. Geld liegt auf allen Straßen, sagen sie. Oh, der verfluchten, lockenden Mär! Und weil der Veit Pichler ein Nöter ist, auf keinen grünen Zweig kommt, weil’s ihm zu langsam geht hinter dem Pflug her, weil er vermeint, alt und grau zu werden, bis das Gerstenkorn herreift da heroben, weil er stark und groß ist und eitel Weltgelust im Herzen trägt, hat er das Soldat- und das Reichwerden nimmer aus dem störrischen Kopf gebracht. Wie viele Male hat ihn die Magdalen schon gebeten, was hat sie geweint und geschmeichelt, geflucht und gewarnt! »Ein Ackersmann erwirbt, ein Kriegsmann verdirbt!« Den Spruch hat er hellauf verlacht oder ist bös worden und wild wie ein reißender Bär. O heiliger St. Wendelin, bist ein Königssproß gewesen und hast deinen Palast mit den Hütten der Hirten und Halter vertauscht. Was läßt es nur zu, daß sich eines eingebornen Bauern Wesen so verkehrt?

Von der Starritzen her kommt ein Leut, die Emerenzia Granteggerin vom Rauter. Die ist ein gar gottesfürchtig’ und kreuzbraves Weib. Die Holzerin richtet sich wieder auf am Lärchenstamm. Die Helferin schweigt, macht begütigende Augen her, schiebt dem mütterlichen Weib die Arme unter, führt und trägt sie halb ins Haus hinein. Die Magdalen hat einmal keinen Widerstand, so sehr zehrt eine jähe Schwächen an ihrem zitternden Leib. Beim Hauseck aber schaut sie noch einmal zurück, schaut den Steig hinab, von woher er heimkommen sollt’, tut den bebenden Mund auf: »Veit!« Wimmernd ist die gebrochene Stimme, nur mehr ein verwehender Klagelaut. Dann sieht die Magdalen noch durch die grauen Schleier der Schwächen das Männlein über die Wiesen herzappeln. Um was ist es denn eigentlich gekommen? Ein Bettlmandl wird es sein, und ist gut gewesen zu ihr, besser als der Veit, hat ihr eine Hilfe geholt; der Veit läßt sie feig im Elend, ein Bettlmandl hat sich ihrer Not erbarmt.

Aber hinter dem Davidle kommt noch eins daher, die Zettlerin ist’s, die Wehmutter. Voll Staub und Geschwitz und Geschnauf kommt sie daher. Draußen in der Hube sei ihr Veit über den Weg gelaufen und hätt’ sie ins Warten zu seinem Weib gebittet, weil es doch wohl an der Zeit wär’.

»Und er, der Veit?« fragt die Holzerin mit neuem Hoffen.

»Er hat was gesagt von einem weiten Weg und er wiss’ nit, bis wannen er wiederkomm’«, sagt die Zettlerin kurz und verhalten und will des armen Weibes Zorn und Gram nicht noch mehr aufstacheln. Der Veit hat Webstuck mitgenommen und wollt’ sie einhandeln, um etliche Silbergulden ins Haus zu bringen und einen weißen Brotweck, ein bißl Kräuterwerk, erzählt die Magdalen zwischen Ängsten und Pein hindurch.

»Da hätt’ es so weiten Weg wohl nicht gebraucht, du aber gram dich nimmer lang und los dem Kindl auf, es rufet bald in die Welt, also grüß es mit der Mutter herzliebem Gruß.«

Und die Zettlerin schüttelt das Bettstroh lind und weich, reißt Leilacher aus der Truhen, daß das schwere Linnen nur so rauscht, grob ist es wohl, aber schneeweiß gebleicht. Tüchlein richtet sie her für das Menschlein, das da kommen sollt’, ein großes für Leiblein und Füß’, eins, das das Köpfl einhüllt und sich übers Brüstlein kreuzt, und den Handwickel, der die Armlein grad an den Leib zwingt. So wird das Kindl aus der linden Freiheit seines kleinen Schöpfungsreiches in die Enge dieser großen Welt gepreßt. Aber die Zettlerin meint es gut, und ist ja nicht anders der Brauch. So tut sie um in der Kammer, als wär’ sie lang schon daheim da heroben beim Holzer.

Die Magdalen macht ein graues Gesicht her und ihre Zähn’ zermahlen viel Schmerzensschreie zu einem leisen Stöhnen. Der Atem vergeht ihr, der Atem kommt wieder und bringt ihr ein klein wenig Farb’ ins graue Gesicht. Das bißlein Rot aber wird mählich eine Flamme des Zornes; harte Anklag’ formt der schmale Mund. Die Emerenzia Granteggerin legt der Schmähenden die Hand auf die fluchenden Lippen: »Nit, nit, erleid es um des Kindleins willen, hab’ Gedulden, tu verzeihen, nicht fluchen, nit, wir sein ja alles arme Sünder!«

Da preßt die Holzerin die Zähn’ übereinander, hart kommt ihr das Schweigen an. Dann löst sich der Krampf wieder auf ihrem Gesicht, an das Männlein muß sie denken und läßt sorgende Worte den Zorn verscheuchen: »Gebt dem Lötterlein drunten ein Labsal, wird wohl was sein im Gaden, ist ewohl nur ein Bettlmandl, ist aber dennoch ein Gast, und bin ja annoch eine Bäurin, wenn auch kein Bauer mehr im Haus ist.«

Ja, das Bäurinsein ist ihr allzeit eine Freud’ und ein Stolz gewesen. So ring alle Habe im Haus ist, so klein alles Ackerland und der magere Wiesenfleck sich auch ums Häusl breitet, so notig die Weise, in der sie beim Holzer heroben auch leben hat müssen.

Und weil ihr armer Leib ein wenig rasten mag vorm großen Sturm, der noch bevorsteht, muß sie denken und wieder denken. Erst hat sie dem Veit ein Dirndlein gebracht, das ist bald wieder ins Engelland. Hat sich ewohl der Veit dran versündigt. Hat in einem fort gefoppt und aufgeschmissen, ein Bueb müss’ es sein, ein Dirndlein sei keinen Huster wert. Und so ist es wahrhaftig keinen Huster wert gewesen. Und diesmalen, weil sie in der Erwartung gewesen und dies erste Leid hat verschmerzen wollen, hat er wieder so abschätzig geredet: »ls eh nur ein Dirndlein, aber ich sag’ ja nit mehr, es erleidet nichts bei den Weiberleiten, darum geh’ ich lieber weltaus, das Weiberregiment derführst du wohl alleine!«

Und wenn es aber nun doch ein Bueb wär’?

Alles verkehrt sich in der Schmerzensmutter verwirrtem Herzen, in ihrer Kränkung Pein, in ihrer ratlosen Verlassenheit, in ihrer verratener Liebe großen Bitternis. Ein Bueb - was kann es dann wohl anders sein wie so ein überzwercher Mensch. »Verflucht sei es mit seinem meineidigen Vater, was lass’ ich mein’ Leib zermartern um die zweie?« Wieder hält die Emerenzia der Leidverwirrten den Mund zu und fleht sie eindringlichst an: »Um Jesu Bluet, Holzerin, was tuest? Einer Mueter Fluch geht dem Kindl nach, gar einem ungebornen, über das finstere Mächte noch vielerlei Gewalt haben! O Herre, horch nit auf der armen Narrin irre Wort’!«

Drunten in der Stube schneidet sich das Davidle vom Brot lange Scheiben herunter und trinkt süße Milch dazu. Wenn er aber auch nur ein Landstürzer ist, eine fromme Seel’ ist er doch und sagt sein Gebitt: »Lieber Herre Gott, leg der armen Weibin droben mein Vergeltsgott allweil in die Waagschal’, wo die armselige Menschheit in Schuld und Sünden niederzieht - und bin ich gering wie nichts auf der Welt, sein awohl meine Vergeltsgott goldschwar.«

In der Kammer droben windet sich in vielstundenlanger Qual ein armes, verratenes Leben ans Licht. Weil die Pein und die Marter, die Verzagtheit immer noch größer worden sind, und weil sich die Kammertür nimmer und nimmer für einen aufgetan hat, dem das Schmerzensweib im Augenblick gern verziehen hätt’, ist es auch bei dem einen Fluchwort nicht geblieben, und die Zettlerin hat nicht einmal die zitternde Hände auf der Holzerin heißen, staubtrocknen Mund legen müssen.

Dieweilen hat sich das Davidle drunten in der Stube auf die lange Bank gestreckt, satt und müd, und hat seine goldschweren Vergeltsgott auf die eine Waagschale gelegt, wo es niederzieht.

Wie der junge Tag im Osten gegraut und allmählich ins röselete Scheinen übergangen ist, hat die Zettlerin die nassen Tücher über das Soldergeländer gehängt, hat die aufsteigende Sonn’ gegrüßt und einen herztiefen Seufzer getan: »Der Fluch hat ja nur dem Büblein gegolten, wenn’s eins gewesen wär’, wie sich der Treulose gewunschen, wie sie’s heimlich für ihn ersehnt hat. Ist aber ein Dirndlein, o Herre, laß handeln mit dir!«

Ein Dirndlein, vorbei sind Weh und Schmerz.

Die Magdalen Pichlerin hat das Kindlein im Arm. »O Armes, Liebes, wie werd es dir ergehn.« Die Magdalen weint und weint. »Eines Weibes Los kann so viel bitter sein.« Ein Dirndlein - und sie haucht über des kleinwinzigen Menschleins goldlichtes Flaumhaar, rührt es an mit zittriger Hand, mit bebendem Mund. Zähren rinnen ihr über die bleichen Wangen, eine nach der andern, immerfort. Ein Dirndlein. »Herzliebes, Süßes, heilig Unschuldvolles du, will dich lieben, will dich hüten und tausendmal gesegnen. Dich soll keiner verraten und verlassen, dir soll keiner das arme Weibesherz versteinern, daß es in der hilflosen Marterstund’ seinem Kindl flucht, voll wirren Unverstands. Lieben will ich dich, ganz blindlings und übermenschlich!«

Aber die Emerenzia Granteggerin, die ins Warten geblieben ist und die das Heidlein heut noch übers Taufwasser heben will, schrickt schon wieder auf.

»Weibin, unsinnige, was redest daher? Blindlings lieben und blindlings fluchen einem armseligen Kindl, das ganz auf dein’ Weisheit gestellt ist, das du mit Gottes Gnad’ und großer Demut auferziehen sollst, so es ja keinen Vater hinter sich stehn hat!«

Die Magdalen will sich wehren so eifrigen Rates.

»O Emerenzia, allweil bist du frommer wie der Jesu Christ selber, deucht es mir oft. Aber ich sag’ dir, ihn ficht es nit an, wenn wir ein zerrissen Gewand anhaben und Kratzer im Gesicht von den vielen Dornstauden, durch die uns der Teufel jagt. Du aber meinst wohl, man soll sich mit dem röseleten Kinderhäutl als alter noch in den Sarg legen können. Ja, wär’ wohl gut, wenn du es vermagst. Emerenzia, deiner Kinder Vater aber ist auch einer wie die Patriarchen gewesen, so rechtlich und fromm, so lauter und voll Güte, ist nit ein Vagant und Staudenschliefer, der den Seinen die Treue vorenthält und den Anblick seines Kindes flieht.«

»Tu dich nit so zürnen, dem Kindl zuliebe; trinkt es deines Blutes gachen Zorn hinein«, bettelt die Granteggerin und streichelt der Kindsbetterin die Arme auf und nieder, lind und leis, und lauter Ruh’ geht aus ihrem Wesen in das der jungen Mutter über. Der Magdalen fallen die Lider mählich über die dunkel starrenden Augen und die wilden Atemstöße ihres rebellierenden Herzens verkehren sich in friedsame Schnaufer, wie sie nur der traumlose Schlaf gibt.

»Liebe, arme Haut«, lispelt die Granteggerin und richtet sich zum Taufgang her. Das Davidle muß Haus und Wöchnerin hüten, denn einem Weib in den Wochen setzen die Unkathlen zu Tode gern zu, dieweilen man das Kindl unters Taufwasser hebt. Sie zürnen wider den neuen Christen und Gottesstreiter und möchten der Kindl-bettmutter gar zu gern den wunden Leib versengen, möchten sie schrecken, daß ihr das Blut in raschen Stößen aus dem erstarrten Herzen flieht, oder die Spinne verwirrend in den Kopf steigt.

Aber das Davidle steht unter der Tür und weicht nicht. Weil eine schwarze Katz’ herschleicht, gibt er ihr in aller Heiligen Namen einen Fußtritt, und weil ein trenzender Hund herschnüffelt, steinigt er ihn wegaus. Das Davidlein hat sich auf solche und andere Weise stillschweigend Hausrecht erworben beim Holzer ober St. Veit. Das ist ihm aber kaum einen Gedanken wert; das kommt so im Leben, man steht, wo einen der Hunger hinstellt, zu der Bettlsupp’ oder zum Ehhaltentisch.

Die Magdalen Pichlerin starrt in der Zeit des Betthütens allweil in ein Astaug’ ober sich im hölzern Gebälk. Es ist ein gutes Aug’, voll Leben und voll Güte. Sie will sich nicht umschaun in der Kammer, wo sie alleine ist. Wenn das Kindl nicht wär’, sterben müßt’ sie, alle Ängsten wären um sie und in ihr. Beten will sie, es verwirrt sich ihr Sinn; sinnen will sie und verwirrt ihr den Verstand. Viel zu ruhig ist’s in der Kammer und laute Dinge stehen auf. Aber wenn das Kindl in der Wiegen aufschneuzelt und schnaufelt, dann ist vieler Spuk wieder verflogen. Wenn die Granteggerin in die Kammer tritt, das Emerenzelein auf die Arm’ nimmt, muß es wieder aus ihr brechen wie ein Wildbach: »Wo geht der Veit um? O du schandbarer Christ und unmenschlicher Vater!«

»Trag es, Holzerin! Meinst, ihm ist wohl dabei? Weiß man’s, was der Herre mit ihm vorhat, mit dir, mit dem Kindl, mit uns allen?«

»Mit mir und dem Kindl?« fragt die Holzerin bang. »Mit mir, soll es Schweres sein, ich beug’ mich seinem Willen allemal, wenn es mich wohl unverstanden hart dünkt. Aber mit dem Kindl, mit dem Kindl soll er was vorhaben? Soll er’s etwan auch harte Straßen treiben wollen? Emerenzia, hast es übers Taufwasser gehebt, hast ihm dein Namen geben, werd nit dein Ernst sein, so ein hartes Denken?«

Die Emerenzia streift mit schrundigen Händen die Windelen glatt, die sie trockneter vom Solder hereingetragen hat. Sonne und Bergluft duften aus ihnen heraus und bringen frischen Odem in die dumpere Kammer. Sie legt das Stößlein auf die Truhe und tut die hölzerne Gespattl zu, in der das Wurmmehl ist für des Kindleins Wundsein. Dann geht sie zum kleinwinzigen Emerenzelein, das an den zwei nußgroßen Fäustlein lullt und die Äuglein wie schlafbefangen nicht aufbringt zum Licht. Lind streichelt sie ihm über das faltige Stirnlein und seufzet: »Holzerin, wirst mich ja recht verstehn, mein’ es zu tausendmalen gut mit euch. Harte oder linde Straßen, wenn’s nur zur guten Endstunde auf der Hallelujaseiten steht. Alles Beste dem Kindl, die lindesten Straßen; wenn’s aber nachhero eitel Trug wär’? O Jammer, mag es ein Irrweger, ein Gottsucher, ein Kreuzträger werden, findet’s nur heim am End’ seiner Tagen und Plagen, dann ist alles ja nur so ein Dornstupferlein gewesen.«

Langhin ist es still in der Kammer.

»Du tust uns noch viel Schweres weissagen«, meint die Kindsmutter bänglich und ruckt das Fatschenkindl eng an ihre Seiten und laßt es nimmer aus den Augen.

Die Holzerin sitzt schon wieder vor der Haustür, unter der warmglutigen Sonne, das festgewickelte Kindl im Arm; das Davidle ist noch allweil im Haus. Sie hat nicht das Herz, das heimatlose Mandl weiterzuschaffen, es hat sich ja in der Notstund’ so hilfsbereit gezeigt. Und er bringt’s auch nicht über sich, die Weibin alleine zu lassen da im Haus, mit aller großen und kleinen Arbeit. So greift er an, wie er’s versteht. Kliebt das Herdholz und tragt ihr’s herein, füttert die zwei Küh’, daß sie zur Not gewartet sein, bringt langsam das wenige Heu unter Dach. Die Wiesen ist schlecht im Einhalt, der Holzer ist kein strebsamer Hauser gewesen, immer nur voll Müssen, nie voll Wollen und ohne Freud’ an der Sach’. Und der Holzerbauer, Veit Pichler, laßt nichts mehr von sich hören, so voll Sehnsucht und Verlangen die Magdalen auch unter der Haustür warten mag. Wie viele Mal im Tag schickt sie ihm einen Gruß, eine heiße Bitte um sein Heimkommen und drückt zur Bekräftigung das Kindlein an ihre Brust, wenn sie den Steig hinunterschaut.

Der Veit kommt nimmer, er ist weit, weit landaus.

Die Nächte der Magdalen sein still und einsam, weit und öd ist’s im Haus. Das Davidle ist einer, den man nit umtun spürt; und ist ein Fremder. Das Kindlein in der Wiegen macht lauterer Unschuld voll zwei Fäustlein her, dieweilen die Holzerin die ihren oft voll Bitternis in die Finster reckt, wenn die schlaflosen Nächt’ sie peinigen. Es nützet aber auch das nit ein bißl, das Herz wird nit leichter, wenn es grollt. Sie muß es tragen, damit es ertragen ist.

Er kommt nimmer heim, schickt keinen Gruß, keine Kunde.

Manchmal greift sie in die Arbeit wie ein Mann, vergißt Essen und Trinken, und erst das hungernde Kindlein gemahnt sie wieder an ihre heiligste Pflicht. Und andremal möcht’ sie oft am liebsten hellauf lachen, wenn sie mit dem knorrigen, buckligen Davidlein die magere Suppe auslöffelt, wenn sie daran denken muß, wie ihr zwischen grauender Morgenstunde und heller Mittagssonne der ungleiche Tausch ins Haus kommen ist. Ein ganzes Narrengespiel ist das Leben.

Das Davidlein sagt nicht so und nicht so, sinnt nur manchmal drüber nach, ob er etwa im kalten Winter auch da im schattigen Defreggen bleiben muß, da in der windscharfen Höh’ heroben; denn der Sommer geht langsam dahin.

* * *

Durch den Niesenwald orgeln die ersten Herbststürme, und kalte Fröste setzen schon ein. Da kriegt das Davidle oft genug den kalten SchüttIer in der klunsigen, zugigen Kammer. Jetzt wär’ ihm in Lüentz drunten irgendwo ein Unterschlupf in einem festen, gemauerten Bürgerhaus weit lieber. Aber die Holzerin will er nicht verlassen, sie hat ihm den Sommer viel Guttat und Nachsicht erwiesen, seine Arbeit ist kein junges Zugreifen mehr.

Aber auch die Magdalena will den armen Lotter über Winter nit heimatlos machen. Über der Brechlstuben raucht kein gerösteter Flachs; der Holzerin Spinnrad wird den halben Winter stille stehn und Staub anlegen müssen. Der Veit hat keinen Flachs mehr angebaut. Im vielen Versinnen, Wörteln und Streiten ums Landsknechtwerden ist ihm die Zeit zu gar vielem zu kurz geworden, und das Restlein Werg vom Vorjahr ist ring, ring, das die Magdalen nicht aufgesponnen hat.

Das Dreschen auf dem Heuboden ist diesmal auch gar nicht lustig. Das Davidle hat’s im Leben nie getan und vermag keinen Takt zu halten; so wird es nur mehr ein ungutes Gepolter. Im Heustock gehn grauschimmelige Wuzl her, wenn die Holzerin füttert. Das Davidle hat das Heuen wohl gut gemeint, ist aber kein kundiger Bauer. Sie muß es erleiden und ist gerne still zu den Schäden, die das Brot für Leut’ und Vieh noch karger machen.

Die Magdalen Pichlerin, zuhöchst beim Holzer, geht aber trotz alledem am dritten Goldenen Sonntag des Weinmonats ins Hopfgarten einwärts und will der Mutter Gottes ihren Erntedank sagen. So ist sie’s aus der Kindheit Tagen noch von ihren Eltern her gewohnt. Zu dem Kirchgang bettet sie ihr Kindlein lind auf den Arm, um es, zum andermal seit dem Taufgang, zum Herrn zu tragen.

Schwer ist ihr Sinnen wegwärts. Was ihr der Winter wohl alles an Not und Einsamkeit bringen wird? Ring ist die Hoffnung, daß es den Veit noch irgendwann einmal heimtreiben wird. Was soll ihn auch heimtreiben? Man redet, daß die Soldknechte gute Zeiten haben, daß der Soldat einmal Herr der Welt ist; Weibsgezücht zur Kurzweil ist allerwege viel genug herum. Und einer, der sein Weib in solcher Stund’ verläßt, wie sie verlassen worden ist, wird’s mit der Treue nicht groß ernst nehmen. Bei dem Gedanken gibt es der Magdalen einen Stoß mitten ins Herz, daß sie stehenbleiben und hart verschnaufen muß. Oh, wär’ nicht das Kindlein an ihrer Brust! Lind und lieb, wie ein heilsam Pflaster liegt es an ihrem Herzen, das so voll Weh ist. Und wär’ es auch kein Dirndlein, nein, nein, fluchen tät’ sie ihm nimmer, hätt’ es wohl auch gleich liebgewonnen, ganz so lieb wie das Emerenzelein. Eine Mutter, oh, eine Mutter kennt in der Liebe keine Grenzen, kennt in der Liebe zu ihrem Kindl nimmermehr ein Genügen; ist es, was es ist, und ist es, wie es ist.

Zu der Himmelmutter Füßen aber kommt ihr das Elend aufs Neue. Sein die Leut’ schon lange alle aus der Kirchen, klagt sie noch einmal ihre große Not her. Daß der Herr Vikar Barthlmä Schaudermann drüben im Gestühl sitzt und auf die weinende Holzerin herschaut, merkt sie gar nicht. Der Schaudermann ist schon ein alter Mann und muß eine Weil’ sinnen, wer denn nur die arme Weibin sein könnt’. Eija, nun hat er’s wohl, des Veiten Pichler Weib, das verlassene, ist die Weinende. Dem Holzer sein Ehweib gewesen, und ist es nun nimmer, weilen er über Berg und Tal dem großen Heerzug nachrennt. Der Narr, der Schelm. Was mag das Leut wohl treiben den langen, strengen Winter droben im armen, einsamen Gehaus. Sie alleine, mit dem Kindl, das ihr noch Händ’ und Füß’ bindet, der Not zu wehren, das Kindl. O liebe Zeit!

Der Barthlmä Schaudermann kriegt tropfnasse Augen. So alt er schon ist, ein kleines Menschlein in den ersten Wickeln drinnen macht sein Herz noch allweil wonnig warm und roglicht wie einen frisch umgebrochenen Langesacker. Seine Hauserin ist noch älter als er und voller Gekrampf und Vergicht; es tät’ ihr eine Hilf’ weit noter, wie ihr die viele Arbeit übel tut. Die Holzerin ist noch jung und stark und brauchet in seinem Gehause etwan weniger um den Kerl zu flennen, der keine Träne wert ist, weil er so ein Kindl verlassen kann. Einem Weib einmal auf und davon laufen ist zuweilen menschlich begreiflich; so viel weiß auch der Schaudermann vom Eheglück und Eheübel; aber ein Kindl im Stich lassen, sein eigen Kindl auch noch - ein Kerl ist der Veit Pichler, ein Kerl, nicht mehr.

Und das verlassene Weib nimmt er sich ins Haus, das steht fest. Er braucht das Leut, und das Leut braucht ihn. Weiß der liebe Himmel, wovor er das Weib wie das Kindl in der Vogelfreiheit da droben behüten kann.

Als die Holzer Magdalen über den Freithof geht, traurig über die Gräber schaut und denken muß, daß ihr der Veit lieber da drunten in Ehren begraben lieget und sie in Liebe seiner gedenken kunnt, so aber Groll und Bitternis wider ihn im Herzen tragen muß, steht der Vikar Schaudermann amFreithoftor ihrer wartend und redet sie kurz mit seinem Meinen an. Zweimal muß er ihr’s hersagen, und dennoch will sie noch kaum begreifen. Schaut über St. Veit hinüber, zum Holzer hinauf, lang, lang. Und hat noch allweil keine Antwort. Der Herr Vikar hat viel Gedulden mit dem Weib.

Die Heimstatt verlassen, die Schollen? - sinnt sie schwer.

«O Herre, wohl bin ich arm und verlassen, aber das muß ich dennoch gut beschlafen und bedenken!«

Und flüchtig, als hätt’ sie eins um was Unrechtes angeredet, eilt sie dorfaus. Eilt den Weg heimzu, grad nur das Kindl drückt sie wieder einmal heiß und jäh ans Herz. Der Weg ist mehr wie stundweit, aber in ihrer Flüchtigkeit holt sie bald schon St. Veit ein, eilt bergaufwärts. Inner der Starritzen kommt ihr die Emerenzia Granteggerin entgegen. Die hat ihr Taufkind schon die Wochen nie mehr gesehn und nimmt es freudig in ihre Arme für ein Stücklein Weg. So kann die Holzerin einmal verschnaufen. Das winzige Dirndlein ist schon ein Vierteljahr alt, aber fein ring noch. Der weite Weg ist es und das Vorsichhertragen, was die Mutter wohl so ermüdet hat, daß sie hochauf veratmen muß und die schweißige Stirn trocknet. Mager ist das Menschlein, aber wohlgebildet; ein Köpfl wie geposselt und Augen großmächtig und klug, grad als wisse es gar viel schon von der argen Welt. Die Granteggerin schaut und schaut und wird um ein gutes ernstlicher. Schaut alleweil wieder die Kinderstirn an, über die sich drei tiefe Falten ziehen. Kommt vom Magersein, denkt sich die Holzerin oft.

»Kommt nit vom Magersein, ist was anders«, will die Granteggerin wissen.

»Scho, Narre, was werd etwan das sein?« sagt sie für sich, etwas versonnen.

»Was meinst?« fragt die Holzerin bang.

»Drei Falten über der Stirn, für ein Dirndlein viel zu viel Weisheit. Wenn’s ein Bueb wär’, kunnt’s ein’ Magister, ein’ Gerichtsherrn, kunnt gar ein’ Kardinal abgeben. Hinter drei Stirnfalten steckt dreierlei Weisheit, ist für ein Dirndlein vom großen Übel. Hüt es gut, das Kind! Sollst die Kirchen nahender haben, sollst mit dem Kindl bei unserm Herrn aus und eingehen können wie in der eignen Labediele. Bei euch zu Holzer droben ist die Kirche gar weit vom Schuß.«

Die Holzerin ist ganz stumm und dumm vor Schreck. Heiße Angst steht in ihren aufgerissenen Augen. Froh ist sie nur, weil ihr die Granteggerin das Kindl wieder auf die Arme legt und sich der Starritzen zuwendet. Wie hat sie gesagt? Sollst mit dem Kindl bei unserm Herrn aus und ein gehn wie in der eignen Labediele? Wenn das wahr ist, darf sie dann länger da in der Einschicht heroben bleiben? Müßt’ sie dann nicht die Schollen Schollen sein lassen? Oh, was einem ein einziger Tag alles über den Weg werfen kann! Das Holzergütl schaut ihr entgegen, wie ein Vertrautes schaut es sie an. Der Veit hat sie einmal voll Freuden in das arme Gehaus seiner Väter geholt. Ist gar nicht lange her - und doch wieder lang. Die Zeit her hat sich ein hoher Berg zwischen ihnen aufgeschichtet, ein wüster Berg des Grollens. Das da heroben aber ist verblieben, ist Heimat. Beim eigenen Bruder, in der Kindheit Heimat, ist sie lang schon fremd geworden, seit die Eltern unter der Erde sind. Heimat ist ihr das arme, braune Hüttl mit Stall und Stadl, mit Wiese und kleinem Ackerland. Notige, bluteigne, vielliebe Heimat. Einer ist der Heimat untreu worden. Soll sie es auch noch werden? An der Lärche vorbei geht die Magdalen, nur mehr etlich schwere Schritt; noch schwerer ist ihr Sinnen.

Das Davidle steht vor der Tür, hat die Händ’ tief im Sack und laßt Arbeit Arbeit sein. Er ist zu müd und zu mürbe, sich um die Zeit noch warmzuschanzen da am zähen Holz, das er fürs Herdfeuer aufklieben will. Er friert. - Wenn nit die arme, verlassene Weibin wär’ ...

Und die Holzerin denkt sich zu anderer Sorg’ die neue hinzu. Wenn nit der arme Lotter auch noch wär’! Ohne Heimstatt überm strengen Winter. Ein Jahr wird er wohl noch hausen wollen da heroben bei ihr. Etwan kommt der Veit dann heim, etwan ist er schon müd und abgezeitiget bis dort. Der Veit, in einem Jahr, oh, wie sie ihn kennt, in einem Jahr wohl nicht. So einer nicht, der kein Begier hat nach Weib und Kind und Heimat. Bitter ist die Magdalen Pichlerin.

»Ist dir kalt, Davidle? Der Jochwind blast scharf her, da bei uns heroben.« Das Kindl drückt sie wärmend an die Brust.

»Das Kindl werd viel frieren müssen da in den letzen kalten Kammern«, jammert das Mandl und denkt dabei auch an seine Not.

»Könnt’ es leicht wärmer kriegen, wenn ich wollt’, wenn ich könnt’ - der Herr Vikar von St. Jakob möcht’ haben, daß ich ihm Hauserin mach’, tät’ mich gern nehmen mitsamt dem Kindl.«

Da springt das Davidle zappelnd hin und wider und schreit sie in Freuden an: ,,O Holzerin, wenn das ist, pack zusamm’, ich packet gern mein’ Sach’, so ich eine hätt’, und wandert’ wieder Lüentz zu, wenn du so wohl geborgen wärst. Holzerin, mir wär’ damit wohl geholfen, weil ich die Kälten flieh’ wie der Teufel das Kreuz.«

Die Magdalen laßt den Kopf auf die Brust sinken, das Kind ist ihr schwer im Arm: »Wenn das ist, bist frei von Stund’ an, soll dir wohl geholfen sein.«

»Was bist du für eine Gute, so sag’ ich dir grad noch viel tausend Vergeltsgott und mach’ mich auf und davon. Bis in die Starritzen geht’s heut noch, die Nächt’ sein dort schon minder kalt wie da heroben!«

Die Holzerin ist bitter bis ins Herz hinein. Jetzund ist sie ganz verlassen. Nit einmal ein Lotter bleibt um Gottes willen bei ihr.

Das Davidle ist überlings zum Gehen bereit. So legt sie das Emerenzelein in ihrer zugigen Kammer in den Bettschragen hinein und binkelt dem Davidlein was zusammen. Ein bißl Gewand vom Veit, Brot und Speck, einen gebrennten Kräuterer. Münz hat sie keine im Haus, seine Arbeit und Hilf’ zu lohnen, nur ein herbes: »Vergelt’s Gott!« Er horcht nicht auf das und nicht auf was anders, hat selber nur flüchtigen Dank und dankt ihr mehr fürs Gehendürfen wie fürs Bleibenkönnen.

Langhin schaut die Holzerin dem Lotterdavidle nach. In der Kammer droben greint das Kindl auf, da geht sie ins einsame Haus hinein. Zwei Nächte lang durchwandert die Magdalen Pichlerin Stuben und Kammern, geht von einer Fensterluken zur andern und schaut in die mondscheinige Nacht hinaus. So viel schön ist es da in der Höh’ heroben.

Drunten liegt das Dorf in lieber Ruh’. Die Kirchturmspitze falbt dem Sternhimmel entgegen, als ob sie stille Sehnsucht hätte. Herbstnebel steigen aus dunklen Ackerflächen empor. Hüben wie drüben wuchtet der Wald und über dem Wald der Berg. Und alles, was aus dieser Erden steigt, atmet lauteren Frieden.

Drunten wird es nie mehr so sein! Unter Botmäßigkeit muß sie stehn. Heroben ist Einsamkeit. Aber ein freier Mensch ist sie gewesen. Hat ihr nur Gott und die Not befohlen. Und wenn sie auch mit dem Kindl allein hausen müßt’, es müßte wohl zu schaffen sein in der Liebe zur Heimat. Aber wenn sie an die Granteggerin denkt, was die gesagt, wegen der drei Falten auf des Kindes Stirn, das treibt sie niederwärts zu den Menschen! Treibt sie niederwärts, dem Herre Gott vor die Füße! Was nutzet das Freisein, wenn man die Banden der Sünde ums Herz trägt? Über den Bettschragen wirft sie sich weinend, wo sie das Kindl vertrauend empfangen, wo sie es bitter schmerzlich geboren.

Am dritten Abend steigt die Magdalen Pichlerin mit dem Kindlein am Arm niederwärts. Klopft ans Widumtor des Barthlmä Schaudermann, klopft mit dem Klöppel, zag, zag. Er selber tut ihr auf: »So kommst du doch, komm in der Liebe Christi.«

»Ich komm’ nit wegen der Not, nit wegen der Einschicht, ich komm’, weil die Emerenzia Granteggerin sagt, das Kindl da hätt’ drei Falten über der Stirn, und das sei für ein Dirndlein von großem Übel. Sie sagt, ich soll nahender zur Kirchen, soll mit dem Kindl beim Herre Gott ein und aus gehn können wie in der eignen Labediele.«

Der Barthlmä Schaudermann nickt vor sich hin und meint: »Die Granteggerin ist eine fromme, vielgescheite Weibin.« Und er schließt hinter der Holzerin und ihrem Kindl wieder das Tor ab. Es ist schon spät am Abend.

* * *

Droben im Holz steht eine kleine, braune Hütte, einsam und verlassen. Mondlicht schleicht traurig herum. Die Kammern sind leer, das Haus ist blind; das Haus hat kein Leben mehr, es atmet nimmer. An der mageren Lärche silbert der Mond empor, wirft einen Schatten her und geht müde den Berg hinauf und hinab.

Draußen in Lüentz ist das Davidle auch schon glücklich untergeschloffen und träumt hinter dicken, bergenden Mauern vom Holzer ober St. Veit. Sieht die Lärche und die Weibin drunter stehen, hört den klagenden, flehenden Schrei: »Veit! Veit!«

Im St. Jakober Widum blitzt ein Lichtlein auf. Eine Mutter mit ihrem Kindl muß sich in fremder Heimstatt zurechtfinden, wirft sich noch einmal in die Knie. »Jetzund bin ich der Heimat fern und dem Herre Gott nah, alles dem Kindl zulieb!«

Der Barthlmä Schaudermann schlaft mit viel Behagen wieder ein. Es sind wieder einmal zweie in seiner und der Liebe Christi geborgen. Und dennoch hat das schlafende Kindl seine bitterharte Weltfahrt begonnen, in der ihm seine arme Mutter Magdalen Pichlerin leidgetreues Vorspann sein wird.

Der Rauter in der Starritzen hat der Holzerin Vieh und Fahrnis übernommen. Für Wies’ und Ackerland zahlt er wohl den Pachtgroschen, auf dem aber liegt Schuldpfand, das dem Veit Pichler besser angewachsen ist wie der Anbau vom Gerstenkorn und der klebere Winterroggen. Also wandert vom Holzgütl kaum ein Scheiblein Brot, kaum ein Knöllele Butter ins St. Jakober Widum hinein als der Holzerbäurin Heimzehrung. Sie leidet aber darum nicht Hunger. Was sie und ihr Kindl brauchen für des Leibes Notdurft, dafür ist wohl gesorgt.

Des Schaudermann alte Hauserin lebt just so lange noch, daß sie der Neuen, die ja von der groben Bauerei gekommen ist, Weis’ und Lehr’ gibt für den üblichen Hausbrauch eines geistlichen Herrn. Dann tut sie stillzufrieden die Augen zu; das kleine Rasterlein, die letzte Wegstund’ ihres Lebens, hat ihr unendlich wohlgetan. Daß neben ihrem Bettschragen noch einmal eine Wiege gestanden ist, das hat ihr letztlich auch unendlich wohlgetan. Ihr Leben ist liebeleer geblieben, ohne Weibtum und Mutterschaft, ist nur ein schwesterliches, nimmermüdes Sorgen um ihren Herrn gewesen; wohl auch eine Art Liebe, aber eine seltsam stille, der man selber nie bewußt ist, die nicht beseliget, die nicht verwundet. Jetzt aber, in diesen letzten Wochen, im halben Hinüberdämmern, wo Kindheit, Jugend und Alter einander die Hände reichten und zu ganz wunderlichen Klängen einen lieben Reigen tanzten, sind ganz ferne, feine Träume lebendig geworden, ist ihr gewesen, als wären sie auf einmal in Erfüllung gegangen. Sie hat sich das Wiegenband um die vergilbten Finger gewunden und mit schwacher, letzter Kraft das Wiegenholz über die Diele rumpeln lassen; hat dazu ganz selig gelächelt und mit einem zirpenden Stimmlein leise gesungen:

Hoi, hoi, Kindle, schlaf recht guet,

Bist von meines Herzens Bluet,

Bist von meines Herzens Lieb,

Von meinem Stamm ein grüner Trieb,

Bist meiner Liebe Segensguet.

Hoi, hoi, Kindle, schlaf recht guet!

So hat sie gesungen und hat es völlig geglaubt und ward von erster und letzter Weltseligkeit voll. Der Herr Vikar Schaudermann hat seine alte Hauserin recht gut verstehen können; der Schaudermann wohl. Derweil der Winter eine hohe, weiche Decken über der Heimgegangenen Grab geworfen hat, ist das Emerenzelein schon aufgeblüht wie ein vorzeitiges Maienrösl. »Die Kirchen tut ihm so viel gut«, lobt die Taufgote, die Emerenzia Granteggerin.

»Das Weizenbrötl etwan nit minder«, wagt die Magdalen dazuzuraten. Die drei Falten über der Stirn sind nur mehr drei feine Strichlein; kaum sieht man sie noch, so prall ist das Gesichtlein worden seither. Die Augen sind auch nimmer so groß und so unheimlicher Klugheit voll; lieb sind sie aber, so viellieb. Zwischen den Rosenwangelein liegen sie wie zwei kleine, blaue Seen gebettet. Vergißmeinnicht aus dem Kinderparadies.

»Vergißmeinnicht«, das ist ein bitteres Kräutlein für die Magdalen Pichlerin. Sie kann nicht vergessen und kann auch das Hoffen nicht lassen, und auch das Bangen legt sich mit ihr am Abend nieder und steht mit ihr am Morgen auf. Das Bangen um Mann und Kind. Das Bangen um das Kind hat noch viel Süße, das Bangen um den Mann nur mehr Herbe. Sonst schafft sie von früh bis spät, und der Schaudermann kann wohl zufrieden sein. Wenn manchmal ein Lotter landfremd an das Widumtor klockt und die Magdalen auftut, ihn zu laben, schaut einer oft verwundert und neubegierig nach der Wiege und schmunzelt. Nun, es ist um die Zeit zuweilen schon auch vorkommen, daß in einem Pfarrhof das Wiegenholz gerumpelt hat, weil sich die lutherische Wirrnis wie ein Geschwär bis ins beste Fleisch hineingefressen hat. Der Magdalen aber macht das Schmunzeln nicht heiß, dem Schaudermann auch nicht, nicht einmal, wenn er gar selber just das Kind heidelt. Wenn er aber hin und wieder mit besonderer Andacht über des Kindleins Schlaf wacht, ist er gewiß von einem Sterbebett kommen, das ist ihm allemal ein viellieber Ausgleich.

Manchmal, wenn ein ganz klarer Tag ist, erschaut die Pichlerin den Weg von St. Jakob bis zum Holzer hinauf. Etliche Ellen Schnee liegen auf der alten Heimat. Niemand stampft mehr einen Kirchweg aus, keine Fußspur führt in den nahen Wald, von wo der Veit das Bachholz niedergeschleift hat. Kein Fuchs schleicht um den leeren Hennkotter. Die Heimat ist tot und liegt unterm Schnee begraben. Die Sehnsucht nach ihr aber ist in der Pichlerin Herzen blutwarm und lebendig.

Die St. Jakober haben die neue Pfaffin gern. Sie ist ein stilles Leut, ein gebranntes Kind, hat mit dem eignen Jammer genug zu tun; andrer Leute Sach und Ungemach bekümmert sie nicht viel. Und das ist gut; in einem Pfarrhaus wird gar viel aus und ein getragen, da ist ein verschloßner Mund Goldes wert. Wenn die Magdalen auch wohl von St. Veit draußen ist, aber doch vom selben Tal, von ihrer Art; sie hätten’s ja auch haben müssen, wenn sich eine von weiß woher an den Fleischtopf gesetzt hätte.

So geht der Winter still vorbei, der Winter, vor dem sich die Pichlerin so gefürchtet hat. Und also schaut sie wieder aufwärts, gibt alle Tage acht, wie’s beim Holzer langsam ausapert, wie das Winterkorn grünt, das andre ausgesät haben, nimmer der Veit; wie schon die ersten Flecklein Langesanbau satt aufdunkeln und des Samens harren. Die Scholle wird wieder lebendig, ist wieder bereit. Der Veit führt nimmer den Pflug, der Veit haut der Erde keine Furchen mehr auf, der hat nun ein Schwert und haut es in Fleisch und Bein und Blut. Will er etwan gar ein großer Kriegsmann werden, ein Edelmann? Eija, es sollt’ schon bäurische Edelleut’ geben, geht die Mär. O Herre Gott, erbost sich die Magdalen: »Als Adam pflügt’ und Eva spann, wer war damals ein Edelmann?«

Ein Kriegsmann? Oh, er hat allweil gern über andrer Leute Köpf’ hinausgeschaut, und was in der Erden liegt und aufwachsen will, hat er allweil lieber übersehn, war ihm viel zu gering und nichtig. Robot und Zehent und Giebigkeiten waren ihm Fegefeuer und Höll’ zugleich. Hatt’ nicht ihr Vater selig so viel gehalten auf den Bauernstand und oft, wie oft, den Spruch getan: »Der Bauer und der Alexander, vor Gott ist einer wie der ander’.«

Vor Gott?

Was mag der Veit vor Gott noch sein? O Narre, hätt’ er Ehren errungen wie nur einer! Aber Weib und Kind hat er um der Ruhmsucht willen verlassen.

Wenn die Pichlerin in stillen Feierstunden ihr Kind oft betrachtet, will sie manchmal gar erschrecken. Hat es nicht seines Vaters gierige Hände? Langt es nicht nach allem, was ihm zu hoch ist, und achtet nichts, was ihm in die Händlein gegeben wird? Ist etwan wohl doch nur Kinderart und wächst sich aus, bis das Verstandl kommt und es weiset, was sein ist und was nit. Sonst aber wird das Emerenzelein jeden Tag lieber und lieber.

Weil der Sommer da ins tiefe Tal hereinkommt, schön bedächtig und gar ein wenig feierlich, weil man hier am längsten auf ihn wartet, steht auf einmal das Davidle vor der Widumtür. Es grüßt die Holzerin altbekannt und recht frohgemut. Erzählt, wie es prächtig überwintert hat, grüßt und neckt das kleine Dirndlein, das schon am Boden herumkreucht, will es nimmer erkennen vor Wachstum und Leibigkeit. Dann tut sich das Davidle an des Herrn Vikars Lottertisch gütlich, ein gutes Süppl und ein fettes Backmus, das läßt man sich gern auftischen. Und wie er satt ist, fragt er nach dem Haustürschlüssel vom Holzer droben; er möcht’ gar zu gern die heißen Sommerwochen über droben in der Kühlen hausen. Das Schlüsselwesen ist er von den Stadtleuten her gewohnt.

Die Magdalen sagt ihm, beim Holzer droben gebe es keine Tür zu sperren; ist ja Tür und Tor offen; der Feuerherd in der Kuchl und die Bänk’ in der Stuben sein niet- und nagelfest, die werd niemand vertragen, und wenn es ihn nach der Kühlen so lustet, mög’ er ruhig hausen die Weil’, solang es ihn freut.

Dann meint die Magdalen noch, die Hütten werd froh sein um ein Lebendiges und er soll ihr die Heimat schön grüßen, den Blick in die Tiefen, in die Weiten, die Stube, die Kammern, die alte Lärche vor dem Haus.

Mit solchem Auftrag und noch etlich’ Laib Brot wandert das Davidle frohgemut dorfaus und bergauf. Also ist er sommerlang Herr beim Holzer droben; der Rauter werd nichts dagegen haben, der hat ja Stall und Stubenhaus leerstehen lassen. Leicht weit genug hat sich’s das Davidle gebracht auf seine alten Tag’. Die Magdalen Pichlerin schaut ihm lange nach, sie neidet den Lotter. So gut es ihr geht, sie ist doch ärmer als er. Er hat sommerlang eine Heimat, sie hat sommer und winterlang nur mehr einen Dienst.

* * *

Das Davidle haust schon fünf Sommer droben beim Holzer. Es ist aber die Zeit her nicht ein graugrünes Härlein mehr in seinem Bartwust, nicht ein Fältlein mehr auf seinem Runzelgesicht aufgetaucht, und seine Augen sind noch immer die eines vergnügten, unschuldigen Kindes. Dem Emerenzelein bringt er jedes Jahr eine Spieldocken; ist das eine Freud’, von einem Lotter so beschenkt zu werden. Aber der Lotter ist gar weltläufig und weiß, was die Dirndlein weit draußen im Lüentzerboden für Poßlzeug haben; was sie erfreut und ihnen Kurzweil bringt, das wird dem Töldererkindl nicht minder taugen.

Der Barthlmä Schaudermann aber ist die fünf Jahr her schon arg verschnieben über der Stirn. Nur seine Liebe und Güte zum Nebenmenschen ist die gleich junge und starke geblieben.

Der Magdalen Dirndlein geht beim Herre Gott ein und aus wie in der eigenen Labediele. Die Emerenzia Granteggerin hat ihre Freud’ an dem frommen Kind und nach ihrem Meinen sein die drei Strichlein über der Stirn nun ganz vergangen. Der Holzerin ist so eine Red’ Herzenslabsal, und so ein Tag bringt ihr allemal eine friedvolle Nacht.

Die Nächte der Holzerin sind noch lange nicht alle friedvoll. Auch sonst nagt mancher Kummer an ihr. Wenn der Herr Vikar einmal die Augen zutut, was dann? Beim Holzer droben bringt es eine Weibin nimmermehr zurecht, da müßt’ schon Manneskraft her von der besten Art. Und dem Kinde wär’ es auf das warme Nest hin wohl eine Wüste droben in der scharfen Höh’, in der notigen, halbverfallenen Hütte.

Sie selber aber ist auch verpatzt und vertan für die alte Heimat, kocht feine Sträublein und würzige Weinsuppen und Mehlkoch, bratet Fleisch und Hühner und müßt wieder bös umlernen auf den groben Gerstenbrei, auf die roggen Schlipfkrapfen und das Wassermus. Und kann sie noch beten in die stille Winternacht hinaus, in die reifbehangenen Dornstauden, zur alten lieben Lärche, wenn die Eisflarn und der Wintersturm den Gang zur Kirche verrammeln?

Nimmer kann sie das, nimmer kann sie beten zu diesen lieben Gotteszeugen, die alle seine Allgegenwart verkünden. Sie muß ein und aus gehn können beim Herrgott selber wie in der eignen Labediele. Ihr Herz ist da in der Tiefe stumm und taub geworden gegen die geheimen Boten seiner Allerweltsherrlichkeit. Sie muß den Ruch verbrannter Kerzen spüren und sich ins scharf riechende Gewölk des Weihrauchs hüllen können, daß ihr Herz aufgeht im warmen Bitt- und Dankgebet. Die Magdalen Pichlerin ist recht verwöhnt worden die Zeit her, verwöhnt in mancherlei Dingen, trotz der harben Stunden, in denen ihr Herz den Ersehnten und oft Geschmähten vergeblich erhofft.

Sie ist aber nimmer die Holzerbäurin, sie ist die Pfaffin worden. Der kleinen Emerenz ist Heiland und Tabernakel, ist Mess’ und Litanei, ist Altartuch und Meßgewand so vertraut wie ihr eigen Bettlein in der Kammer, wie das Röckl auf ihrem Leib. Dem Schaudermann ist so ein Wesen nit immer ganz recht: »Ihr zieht mir ein gar zu fromm Ding her, wird es viel Versuchung leiden müssen, weil solche Frommheit Gott selber oft nicht recht glauben mag.«

Aber wo zwei Weibsleut’, die eine der Weisheit, die andre der Liebe voll, das Beste für so ein Kindl meinen, da mag gar ein Herr Vikar die Sache anders meinen und bedenken, es nutzet ihm wenig.

Für den Vater betet die kleine Emerenz auch recht andächtiglich, für den Kriegsmann in der Welt draußen. Sie macht dabei klare, stille Augen her, hat ja den Vater nit kennt. Die Pichlerin zerdrückt dann und wann eine harte Zähre. Und zuweilen kommt ihr ein seltsam kühler Gedanke, wenn sie nach des Kindes Vater sich sehnen will, wenn sie ihm grollt und ihn kaum mehr zu erwarten wagt. »Aber wie wär’ es nun, wenn er käm’? Wär’ es etwan nit einmal mehr gut? Ich hab mein Leben gericht’t nach einer neuen Schnur, nach der ging’ mir der Veit nimmer, und der Kriegsmann erst recht nimmer. Ich hab’ viel geblutet die Jahr’ her, und es ist wohl an der Zeit, daß ich mich ergeb’. Wie bald und wie leicht hat er sich getröst’t.«

Um die Zeit herum klockt einer ans Widumtor, ein St. Veiter Witiber. Sein Erb’ ist schon völlig erwachsen, er aber des Alleinseins müd, und bevor er dem Sohn die Zügel in die Hand gibt, will er selber versuchen, noch ein gut Stück zu fahren, er hofft noch eine Weile auf gut Weg und schön Wetter. »Es geht ein Leutegered’ herum, daß der Veit Pichler verkommen sei draußen im Reich. In Lüentz drunten erzählt einer, er hätt’ sein’ Totenschein schon gesehn.« Sie wird wohl wissen darum und ist gewißlich gericht’t für eine Frag’, die er tun will.

Aber die Magdalen Pichlerin verliert nur alle Farbe im Gesicht, weil ihr der herredet von des Veiten Tod und sie schon als Witib anspricht, und mühsam nur bringt sie die Worte von den bebenden Lippen. Vom Totenschein weiß sie nit ein bißl, nit ein bißl vom Veit selber, seit der Stund’, die sich bald im fünften Jahr wiederholt; das müßt’ und könnt’ nur ein leeres Leutegeschwätz sein.

So muß er freilich wieder umkehren, der Veit Kramer, wenn sie wirklich nichts weiß von der Sach’, so kann er wohl nit weiter handlen mit ihr, und aufgedingen kann er sich das Leut auch nit als sein zweites Eheweib. Wer weiß, wie lang das noch dauert, bis es mit dem Totenschein seine Richtigkeit hat.

Die aber hätt’ ihm schon getaugt, sein angesehen Hauswesen hätt’ eine gute Kuchl leicht vertragen, denn ihm schmeckt ein guter Bissen allemal besser als ein letzer. Seine Erste, die Anna, ist eine gar gleime gewesen, die hat Truhen und Spind besser gefüttert als die Leut’ und allerweg gemeint, ein Bauer soll nur Grobkost essen, so er bei Kraft, bei nüchterm Verstand und bei Zeug und Sach bleiben will.

Die Pichlerin muß seine Gedanken erraten haben, weil er immer noch zögernd vor ihr steht; so muß sie ihm nur kurz und bündig bedeuten, auch wenn sie des Veiten Totenschein in der Hand hätt’, müßt er auch dann unverrichteter Sach’ heimgehn. Das Weibsein hab’ sie verlernt, es sei gar nit so süß und wär’ trotzdem recht wenig, was sie von ihrem Herzen einem andern weiterschenken könnt’.

»Das hast mir nimmer sagen brauchen, stolze Pfaffin du, um das hab’ ich dich nit gefragt!« sagt der Kramer ehrlich erbost.

»Mir aber ist’s denno lieber, daß es ein für allemal gesagt ist«, tut sie nun wirklich stolz und will ihn von der Stubenschwellen weg in die Labe hinausdrängen. Das verdrießt den Veit Kramer nicht wenig, daß sie so kurz ist mit ihm, verdrießt ihn aber auch, daß er auf das Leutegered’ allein so hereingefallen ist. »Ja, ja, ein für allemal hast es mir wohl gesagt, aber kann auch sein, daß denno einmal an mich denkst und an meine Wort’. Wo steht’s denn geschrieben, wo hast du es denn verbrieft, daß du deine Lebetage eine Pfaffin bleibst und hinterm warmen Herd daheim bist?«

»Kommt es, wie es kommt, bleibt es gut oder werd es letzer; aber Mann brauch’ ich kein’ mehr, hab’ so einen kleinen Schatz auf euch allesamt.«

Damit läßt sie ihn stehen und kehrt sich der Kuchl und ihrer Arbeit zu. Die kleine Emerenz steht auch unter der Stubentür und schaut verwundert den Kramer an, wie der voller Grantigkeit der Tür zurennt und sie krachend hinter sich zuschlägt.

Hätt’ er grad da nit angeklockt, so eine Abfuhr! Aber er weiß sich schon noch ein Haus; weil er einmal ausgegangen ist um das, geht er leer nimmer heim. Eine Junge weiß er sich noch, mit einem Batzen Geld, er wohl, er getraut sich, mögen sie auf dem Kopf stehn, die Leut’. Und ihr, der abgehausten Keuschlerin, will er’s auch zeigen, was der Veit Kramer an Schneid noch leicht aufbringt. Den Sohn, den laßt er sich nit ins Grün gehn, und übergeben tut der Veit Kramer erst dann, wenn man ihn übers Freithofgatter durchein tragt. So weit aber ist er noch lang, lang nicht.

Und der Veit Kramer hat wirklich Glück.

Die Dirn, die er sich noch zu heuern getraut, hat aber wenig Verstand und viel Eitelkeit im Kopf. Sie trutzt dem jungen Kramer gar zu gern eins auf, weil er beim Tanz wie in der Kunkelstuben sie nicht sieht und nicht hört, so sie doch jedes freundliche Wort an ihn verschwend’t hat. Jetzund soll sie sein’ Mutter werden, und will sein’ Ruten sein. Es redet ihr niemand ab von dem Narrenstuck, sein alle im Haus viel zu froh, wenn die unfriedsame, selbstsüchtige Dirn woanders Unterstand nimmt und Heimrecht erwirbt.

Wie der Kramer vom selben Verspruch wieder nach St. Veit herausstapft, gibt es ihm wohl selber hin und wieder zu denken. Wo es einen nur überallhin vertragen kann, wenn man doch ganz woanders auszielt. Eine arme Haut mit einem Kindl hat er sich holen wollen, eine Junge mit einem Batzen Geld bringt er heim. Was wird der Bue dazu sagen? Und sagt er was, dem Rotzer horcht er gar nit auf, er nit.

Der junge Kramer heißt auch Veit; nach seinem Vater haben sie ihn getauft, und er ist der einzige geblieben. Seine Mutter ist ein kleberes, versperrtes Leut gewesen, gar viel Lust und Freud’ hat der Kramer an ihr nicht gehabt. Und das gute Hausen allein hat er so hoch nicht angeschlagen, das gute Herz auch nicht, weil ihm das doch viel und oft zu wenig gewesen ist.

Der junge Veit steht unter der Tür und haltet Ausschau nach dem Vater. Er ahnt, was der heut für einen Gang getan hat, hat ja dann und wann ein Wort fallen gelassen darüber. Die Pichlerin kennt der junge Veit Kramer nur flüchtig; wird kein unebnes Leut sein. Ein klein Dirndl hat sie auch, das wird ihm völlig das Liebste werden an der ganzen Sach’. Er hat sich all die Jahr’ her viel allein gefühlt im wohlbestallten Gehause, das ihm der Vater aber doch noch lange nicht gönnen will. In Gottes Namen, wer weiß, rennt er nicht auch noch landaus, wenn er nur nicht mit jedem Blutstropfen, mit jeder Herzfaser so an der Heimat hängen müßt’. Er sieht den Vater daherkommen, ein wenig schwer und müd, nein, der Jüngste ist er nimmer.

»Mit der Pichlerin ist es nix«, sagt der Kramer ein bißl unsicher.

»Nix?« fragt der junge Veit und macht dazu gar kein unfrohes Gesicht.

»Ist noch nit sicher, ob sie eine Witib ist, hab’ ich von ei’m reden gehört, der es gewißlich weiß.« Daß ihm die Pichlerin völlig die Tür vor der Nasen zugehaut hat, will er dem Sohn doch nit sagen.

»Du hast ja Zeit, Vater.«

»Zeit, i Zeit? Wie man’s halt nimmt, aber wenn i schon aus bin um das, das Feiertagsgewand anhab’ und den Tag nutzen will - die Kreszenz Trogerin hat mir gern ja gesagt. Der ist es auch eine Ehr’ gewesen, im Herbst zieht sie auf da bei uns, als Kramerin, als meine Kramerin.« Damit eilt er ins Haus, in die Kammer, das Feiertagsgewand drückt ihn, als wär’ es ein Harnisch. Was nur der Bue für Augen hergemacht hat.

Ja, der Veit Kramer hat Augen hergemacht, Augen, in denen eine ganze Welt zusammengebrochen ist. Die Kreszenz Trogerin, die hat wohl auch ihm Fallen gestellt, wo es sich ’geben hat. Die prahlerische, selbstsüchtige Dirn, die mit Sippe und Freundschaft allweil zu hadern hat, der kein Ding rar genug ist, die nur aus einem zinnern’ Teller essen will. Der junge Veit kennt kein Bauernkind weit herum, das vom Hochmutsteufel so besessen wär’; ja, die wird ihm das Landausrennen noch leicht machen, die wird sein Erbe zum Sterben und Faulen bringen, wird es eingraben, daß nix mehr davon zu sehen ist; die ist ja ein Totengräber.

Der junge Kramer hat das große Gedulden seiner Mutter geerbt und ihr zähes Tun. Er will mit dem Vater nicht rechten, und wenn sie mit vollen Händen hinauswirft, will er mit zähen Händen wieder heimholen. Freilich, das Hinauswerfen geht schnell, das Heimholen geht langsam, aber er will den ungleichen Kampf wagen. Ja, so geht es, so wird alle Fürsicht und alles Wehren über den Haufen geworfen; hat er nit schon wegen der Pichlerin heimlich gegrollt und ist voller Bitterkeit gewesen. Und jetzund, wenn es nur grad die Pichlerin wär’, er müßt’ sich auf die Knie werfen und Gott für das kleinere Übel zu tausendmalen danken.

Die Magdalen Pichlerin kümmert sich wenig um die neue Mär.

Der Schaudermann schüttelt bedenklich den Kopf, weil er das ungleiche Paar zusammengeben soll. Die Trogerin nimmt er sich ordentlich her. »Einen alten Mann! Weißt du, was das heißt, Dirn?«

»Bei den Alten ist man warm gehalten«, lacht sie keck dawider.

»Wiegenbänder brauchst dir etwan keine in die Brauttruhen zu tun.«

»Ist mir allein auch gut genug, und steh’ so nit gern auf während der Nacht.«

»Und ein Sohn ist im Haus, der dich eher hätt’ heuern können.«

»Wenn er hätt’ wollen, der Tropf!«

»Dirn, ja, ist das dein Ernst, hätt’st ihn mögen?« fragt der Schaudermann ganz erschreckt.

»Der Alte ist mir der weit liebere!«

Der Schaudermann wird mit der Prahldirn nit fertig, und er lispelt verzagt vor sich hin: »Lieber Gott Vater, die mußt schon du unters Feuer nehmen.«

Sie aber hört sich das als Lossprechung an und verläßt hellauf lachend das St. Jakober Widum.

An demselben Abend schreibt der Schaudermann fein säuberlich sein Sach zusammen, was ihm sein Nachfolger mög’ gütlich übernehmen und weiterverwalten.

Das beste Pergament sucht er sich aus dem Schrank, nimmt einen neuen Kiel.

Einmal die lieben Seelen und Kinder Gottes, so mir von der ganzen Gemein anvertraut gewesen sein.

Sodann die Kirchen, wie sie liegt und steht und wie sie mit Gottes Gnad’ noch schöner und würdiger sollt’ werden, als ein Haus des Herrn.

Um die Sach’ liegt noch ein eigen Inventurverzeichnuß vor.

Und alsdann von mein’ Besitz: Ein dick vergoldet’ Meßkelch. Vier schwere silbern’ Leuchter. Und das Meßgewand mit dem großen Kreuz und dem Dornkranz. Soll alles der Kirchen verbleiben.

Von mein’ Leibzeug: Ein noch guter Tuechtalar. Vier Hemeter. Strümpf’, Halskrausen. Ein neues Paar Schuech. Die alten sein zum verschenken. Alles Bettgewand. Dann noch sieben Erbauungs-püecher in Schweinsleder mit silbern’ Schnallen.

Ein Arzeneikastl: liegt eigen’s Inventurverzeichnuß vor.

Zum gueten Schluß, die Hauserin Magdalen Pichlerin zu Holzer in St. Veit. Ein braves, armes Leut mit ihrem Kindl, das sie vom Veit Pichler hat, der Weib und Kind und die Heimat verlassen und ein Landsknecht worden ist. Den zweien, bitt’ ich mein’ Nachfolger, daß er ihnen auch wohl ein gueter Herr sein mag, dem Dirndlein ein bißl ein Vater, weil es keinen mehr hat. Mein’ nun, wohl alles aufgemerkt zu haben, was der Rede wert ist. Was an Münz da ist, wär’ der Hauserin zu geben, wenn sie etwan beim neuen Herrn kein’ Dienst mehr halten kann; sonst teil’ man’s den Armen aus. Viel ist es nit, die Zeiten sein nit danach, und ich auch nit der Mensch dazu, der die Hand hätt’, ein Geld zu derhalten.

So geschrieben an einem Tag, wo es mir merklich zu Sinne kommen ist, wie alt ich schon bin, und wie unnütz ich schon werd’.

Im Heuet den 15., am Apostelscheidetag, im Jahr des Heiles 1635.

Auf das hin seufzet der Schaudermann und meint voll betrübten Tones: »Jetzund ist hinter meiner doch Ordnung, wenn vor meiner keine mehr zu halten ist. O liebe Zeit, eins von meinen Schaflen, das unter mein’ Augen groß worden ist - und so ein z’nichtes Ziefer!«

* * *

Ja, der Schaudermann hat’s nicht aufhalten können, und der junge Veit Kramer auch nicht, daß sein Vater eine Dummheit gemacht hat. Darüber ist die Zeit unerbittlich weggegangen, Jahr um Jahr.

Sommer über haust das Davidle beim Holzer droben. Einmal hat ihm die Granteggerin wohl ein frisches Schüttl Stroh in den Bettschragen geworfen und mit einem Reisigbesen den ärgsten Wust zur hintern Tür hinausgekehrt. Er ist mit dieser neuen Ordnung wohl zufrieden. Um Allerheiligen und zu Ostern geht die Emerenzia Granteggerin nach St. Jakob hinein und bringt ihrem Gotenkind ein weizenes Gebache und eine kleine Münz. Sie freut sich dann vom Herzen über die liebe, fromme Dirn.

Nur eins freut sie nicht sonders, daß die kleine Emerenz beim Herrn Vikar Schaudermann schreiben und lesen lernt. Was braucht ein Dirndl das? Das Frommsein ist leicht genug Zugab’ zu einem guten Arbeitswillen, mehr ist für ein einfaches Landkind vom Übel.

Die Emerenz aber ist viel lernbegierig und ihre heimlichste Sehnsucht und größte Begier’ ist, wenn es doch bei der heiligen Mess’ mitdienen könnt’. Daß solches ein Vorrecht der Buben ist, das dünkt ihr fein hart und ungerecht. Die Emerenz kann ja schon die ganze Mess’ lateinisch hersagen. Das Dirndl geht schon in das zehnte Jahr; und allweil noch als ein Kindl gehalten werden, ist ihm nicht immer leicht. Holz und Wasser tragen, den alten Fürpaß füttern, den Hennlen ein bißl Futter streuen, das bißl Lernen, das bißl Beten, das alles füllt ihr Kindsein noch lange nicht aus.

Sie fühlt oft so viel Kraft und Element in sich, so viel Begier zu was Besonderem, daß sie manchmal selber erschreckt ist davon. Oft verträgt sie es unter dem Beten in der Kirche, sie fühlt sich über die andern hinwegschweben, ein unbändiges Sehnen ist in ihr, aus all der Enge herauszukommen. Dann klagt sie sich wieder einmal eitlen Hochmuts an, dünkt sich eine große Sünderin, daß sie in der Stund’ des Gebetes sich andern Gedanken, andern Wünschen hingibt als dem alleinigen, ihrem Herrn und Gott zu dienen.

Oh, sie will ja etwas Gutes werden, etwas Rechtes, aber auch etwas Großes, daß die Welt einmal aufhorchen muß, die ganze Welt! Eine von den großen Nonnen, die, so schriftgewaltig und klug, Kaisern und Päpsten gar Rat zu erteilen gewußt. Eine heilige Frau möcht’ sie werden, das dünkt Emerenzia aller Kräfte Geheimnisvollstes, das Dulden eines Martertodes. Und wenn sie beten will für den Vater, der in der Welt draußen gestorben und verdorben, wie die Mutter es so viele Male bitter beweint, sie kann es nicht glauben und will es nicht glauben. Kann der Vater nicht auch ein großer Bischof sein? Weiß man, warum er über Nacht Mutter und Kind verlassen hat müssen; haben die Apostel nicht auch so getan? Wär’s dann ein Wunder, wenn sie, sein Kind, so viel seltsame Dinge muß denken und solchen Drang zu allerhand Großem in sich fühlt? Ja, in der Emerenz Köpfl kreisen oft gar wunderliche Gedanken, wenn die drei Falten auch Strichlein geworden sind, wenn man auch die Strichlein selber lang nimmer sieht.

Der Herr Vikar Schaudermann, der allweil noch lebt und den sein Müdesein gar sehr betrogen hat, warnt das absonderliche Kind vor so hohem, heiligem Gelust. »Dirndlein, die Liebe und die Demut, das ist das beste Vorspann, damit kommst du am weitest, kommst über alle Berg’, langsam und zäh, aber gewiß. Zu solchen Dingen, die du viel eitel erträumst, tut einem der Herre Gott in aller Stille berufen. Solche Ding’ tut man nicht ersehnen, um andern über die Köpf’ zu wachsen, das ist Eitelkeit über Eitelkeit. Schauest deine kleine Kameradschaft gar gern für große Sünder an, wenn sie sich in der Kirchen einmal ein Wörtl ins Ohr schwätzen; ich aber sag’ dir, Emerenzia, daß du oft und oft eine viel größere Sünderin bist, weil du den Herre Gott selber beschwatzen willst mit deiner kommenden Heiligkeit, in der du dich schon über die Köpf’ der andern schweben siehst. Ich deutsch’ dir kein Wörtl Latein mehr aus, wenn du so vermessen wirst. Der Teufel hat ja auch nur Großes wollen, das Größte, Gott gleich sein! O Dirndl, O Dirndl, es ist ein schwindliger Bergsteig, auf dem du in lauter Sonne und Licht und über allen Talwettern dahinwandeln willst, es kann dir aber über Nacht ein’ große Verdemütigung kommen; denn wenn eins von solcher Höhe abirrt, gibt es einen schiechen Sturz hinab.«

Da ist die Emerenzia zutiefst erschrocken, daß sie eine solche Strafpredigt anhören muß, und sie hat doch glaubt, der Herr Vikar müßt’ eine Freude haben an ihren großen Sehnsüchten und heiligen Gedanken. Daß dem nicht so ist, das stürzt sie aus zehn Himmeln zugleich. Und zag, zag wagt sie noch eine Frage, die ihr auf dem Herzen brennt. Eine Frage, ihres Vaters wegen, von dem die Mutter sagt, er sei ein Landsknecht, ein Söldner worden.

»Hochwürdiger, aber gelt, mein Vater kann leicht ein Einsiedl, ein frommer Pilgrim, er kunnt gar ein Bischof worden sein, wie es oft in der Heiligenlegend’ geschrieben steht von den Aposteln, von viel andern heiligen Männern, die Weib und Kind verlassen haben, um ganz unserm Herre Gott zu dienen?«

»Das weiß kein Mensch, Dirndl; ausgezogen ist er, um Soldat zu werden, weil ihn das Bauersein nimmer gefreut hat; darum aber kann er dennoch ein rechtlicher Mann sein.«

»Das kann er schier nit sein, hat nit das Davidle uns erzählt, wie die Landsknecht allüberall herumstranzen, Bauern schänden, das Vieh raubern und die Höf’ brandschatzen!«

»Daß es solchene gibt, hat der vieljahrlange Krieg verschuldet. Was wissen wir, was sie zu solcher Untat getrieben hat, Hunger und Not, Verrat und Wirrnis. Aber es gibt noch genug rechtschaffne Landsknecht’, im Leib noch die Ehr’, in der Hand bloß die Wehr, und so einer wird dein Vater sein, gib dich zufrieden, tu ihm nit Kutten und Inful andichten; er kunnt auch wohl nur ein Bettelmann und doch seliger sein als alle Kirchenfürsten der Welt.«

»Wenn er so nur ein Soldknecht wär’, wär’ er doch lieber ein Bauer geblieben!« murrt die Emerenzia kleinlaut, und ihr Kindermund zieht sich zu beiden Seiten ganz verdrossen herab, und zwei klare, harte Tränen kugeln ihr aus den trotzig-traurigen Augen.

Was nur einmal das Dirndl hat, daß es mit aller Gewalt aus seiner Haut will, ach, das Kind brauchet einen Vater, brauchet Brüder und Schwestern wie ein Stückl Brot, daß es im guten Gleichgewicht bleiben kunnt.

»Emerenz, jetzund hör einmal auf, wider dein Schicksal zu maulen! Trag es tapfer und schweigend, wie deine Mutter den Kummer tragt, wie dein Vater die Schuld; freu dich ein bißl an allem, was der Tag dir bringt; freu dich wie draußen am Hausgartlezaun der Steinhaufen, weil auch aus seiner Tiefen ein rosenrots Kräutl aufgewachsen ist.«

Da reckt die Emerenzia ihr Köpfl zum Fenster hin, macht gleich wieder zwei gescheite Augen her und meint wichtig: »Ja, das Steinkraut gibt eine gute Salben ab für wundgeloffne Füß’!«

»Wär’ das Dirndl doch grad ein bißl mehr kindlich als klug«, brummt der Schaudermann vor sich hin und geht in seine Kammer, ganz müd ist er vom vielen nutzlosen Gered’.

Die Emerenz aber greift nach einem Streiflein Pergament und malt schöne Buchstaben darauf, und sie kommt dabei schon wieder ins alte Sehnen und Sinnen. Einmal kriegen wir Kunde vom Vater, daß er als ein halber Heiliger gestorben ist. »Oh, ich bin ehwohl nit stolz, nur ein halber Heiliger, wenn der Vater ist, die andere Halbscheid bet’ ich ihn mit tausend Gelüsten in den Himmel hinein. Ja, einmal wird die Kunde kommen.«

Aber auf einmal muß sie die Augen schließen, sieht einen verwitterten Landsknecht grobschlachtig umhauen unter einem Haufen Bauerngesind, und einer von den Knechten schreit ihn an: »Bist nit selber ein Bauer gewesen, der Holzer ober St. Veit? Hast ein Weib, das ist die Pfaffin beim Schaudermann, hast ein Dirndl, fromm wie ein Himmlschelm, und du so ein Unflat, so ein Rauber. Pfui der Teufl!« - Wenn das wahr wär’? Der Emerenzia schwindelt, es steigt ihr würgend zur Kehle, sie muß sich vornüber werfen auf das Pergamentstreiflein und bitterlich weinen vor Schmach.

* * *

So ein wunderliches Wesen hat die Emerenzia, der Pichlerin Dirndlein. Es geht schon gegen Allerheiligen zu, die Schneebladen hängen rings ins Tal herein. Zu Mariahilf droben liegt die Schneedecken hoch gepolstert wie ein köstliches Daunenbett. Die Emerenzia sitzt drüben im tiefen Fenstergebälk ganz versteckt. Sie sinnt über vielerlei Dinge nach, horcht dem Winter auf, wie er kommt auf leisen Sohlen, nach all den rauhen Herbststürmen. Denkt des Herrn Vikars strenger Rede, muß ihm halb recht geben, halb zürnen und fürchtet sich heimlich, daß ihr etwan doch noch einmal eine Verdemütigung kommen wird.

Die Pichlerin sitzt schweigend am Spinnrad, und der Herr Vikar betet sein Brevier. Draußen stößt auf einmal der Wind auf und grölt wild vorbei wie ein besoffener Fastnachtsnarr. Die Pfaffin und ihr Kind dürfen beim Herrn Vikar in der Stuben sitzen, beim warmen Kentofen, lauter Ruh’ und Friedsamkeit ist um die lustig prasselnden Scheiter. Durch die Butzenscheiben falbt der müde Tag herein, der sich vor dem wilden Windsgesellen ängstlich an die Mauer duckt. Die Pichlerin hat die Augen zu und schaut dennoch ein Bild. Ihre Finger, der Arbeit auch blind geläufig, zupfen am Wickel und drehen den Faden. Ihr Herz und ihr Sinnen aber sind beim Holzer droben. In der Kuchl flammt und prasselt das Winterfeuer, drüber wärmt sich der Veit seine Händ’. Mehr als die zehn Jahr’ hat sich über der kalten Herdstatt keins mehr die Händ’ gewärmt. Sie aber sitzt warm da in der Stuben, kein Rauch beißt ihr die Tränen aus den gepeinigten Augen, keinen Huster braucht sie tun, da in der warm durchfluteten Luft, weil drüben unter dem Kamin das Feuer guten Abzug hat. Der Veit hat ihr oft genug mit grünem Holz aufgewartet, das mehr geraucht als gewärmt hat. - Ja, ja, jetzund sitzt sie warm und gut, die Augen aber gehn ihr dennoch über und sie fänd’ mit ihrer Hilf’ nit Wickel und Faden. Ein ganz heimlicher, herzweher Seufzer geht durch die Stuben.

Da bricht Lärm auf an der Tür draußen, rasch und dringlich.

Der Schaudermann springt auf, so gut er kann, und stammelt erschrocken aus seiner Ruh’ und Betrachtung heraus: »Es will eins sterben!«

Die Pichlerin rennt die Dielen hinaus, schiebt dem Ungeduldigen den Bolzen zurück. Der Mensch überrennt sie völlig, schaut sie erst gar nit an, haut seine Kappen etlichemal auf den Schenkel, daß das Schneewasser weit herumspritzt, und eilt der Stuben zu, als ob er den warmen Ruch schon in der Nasen hätt’. Eine fremde Stimm’ bringt seinen Gruß, eine ganz fremde, die redet anders als die Leut’ hier im Tal. Jetzt tritt er in die Stuben, den ganzen Novembersturm bringt er mit herein. Ein Reisiger ist’s, in einer gar bunten Tracht.

Halb Soldat, trägt Stiefel und Sporen dran, einen verbeulten Säbel an der Seiten, ein schweres Pistol im Gürtel. Halb fahrender Kaufherr, die Geldkatz’ aber ist bedenklich verhutzelt, prall muß sie langher nimmer gewesen sein. Und irgendwo steckt noch ein bißl vom Bauer, in der großmächtigen Tatzen wohl, im breiten Gesicht mit dem gutmütigen Geschau, das einfältig und gläubig sein kann und teufelswild, wenn es sein muß, in des Menschen ganzer, klobiger Art, die keine Umschweife kennt.

Der Soldat geht drei Schritt’ vor und haut die Stiefel an den Fersen aneinander, daß die rostigen Sporen gar prächtig klirren in der Stuben.

Der Kaufherr aber schätzet mit einem raschen Seitenblick sich die Leut’ ab, wieviel sie wohl wägen, wie hoch der Botenlohn sein kann.

Der Bauer aber fällt über allen beiden grob mit der Türe ins Haus: »lch such’ die Magdalen Pichlerin, ist es die?«

Die Magdalen schluckt, nickt ein klein wenig und wird kalkweiß im Gesicht.

Der Schaudermann blinzelt den seltsamen Gesellen an.

Die Emerenz ist still wie ein Mäusl und hält den Atem an, fürchtet sich vor dem wilden Lotter, was der nur will.

»Der Veit Pichler schickt mich her, er ist schon vor die sieben Jahr’ draußen im Böhmischen verstorben.« Es weiß ihm keins eine Antwort, der Schaudermann nicht, die Pichlerin und das Kind erst recht nicht. Die Emerenzia reißt klein verschreckt Augen und Ohren auf, und das junge Herz schlagt ihr wie Glocken im Sturm.

»Es ist nit schneller gangen, bis ich herkommen bin, der Weg ist weit, die Zeit ist wild.«

Und wieder ist es still in der Stuben, nur der Bote schnauft und schüttelt sich noch einmal die Nässen vom Gewand. Wieder klirrt der Sporn, diesmal ungut. Krieg ist in der Stuben, Dreißigjähriger Krieg; sieben Jahr’ braucht man zu einem Botengang. Der Schaudermann schiebt ihm einen Stuhl hin. Der Kriegsmann setzt sich drauf, mit bleischwerem Gewicht, die Beine in den verluderten Stiefelschäften weit auseinandergestreckt, den Säbel reißt er sich quer über die Schenkel, daß die nasse Troddel ans feuchte Leder klatscht. Seine Fäust’ umfassen das Gewaffen wie einen trauten Gesellen. »Er ist ein ordentlicher Soldat gewesen, man hat ihn gern leiden mögen; zwei Jahr’ sein wir beieinander gewest, Seit’ an Seit’, durch dick und dünn.«

»Wie ist er verstorben?« fragt zag die Pichlerin; ein Großes ist in ihrem Aug’ erloschen: die Hoffnung.

»Wie ein Christ und Soldat, tapfer und leicht!« Der Bote sitzt aufrecht, der ganze Mensch ist gestrafft.

»Hat er Euch von uns erzählt?« Zarte Liebe klingt durch des Weibes zitternde Stimme.

»Am Anfang - dann am End’; man redet nit viel von solche Ding.«

»Viel Ehren und viel Reichtümer hat er erringen wollen«, sagt die Pichlerin mit bitterem Lächeln, zwei große Zähren rinnen ihr die bleichen Wangen herab.

»lch aber bring’ Euch so gut wie nichts davon. Wär’ wohl noch Soldgeld dagewesen von einem ganzen Vierteljahr.«

»Ich hab’ ja nit ums Soldgeld gefragt!« erwidert das Weib herb.

Der Kriegsbot’ senkt die Augen nieder, schaut die Astlöcher am Boden an. Dann redet er langsam und zäh: »Er hat sich bald am Anfang mit einem Weib behangen, wie das schon ist im Krieg, die hat ein Kind von ihm. Der haben wir das Soldgeld geben, mein’ nit, daß es ihr viel zu gut ist.«

Der Pichlerin Augen werden starr; die zweite große Zähre, die aufsteigen hat wollen, rinnt still nach innen, rinnt nach innen wie lebendiges Feuer.

Der Schaudermann neigt sein Gesicht.

Da stirbt ein Vater zum zweitenmal, stirbt einen gar bittern Tod.

Die Emerenz im Winkel drinnen, an die jetzt keines denkt, hält schier ihr pumperndes Herz in Händen. Die Sturmglocken hat einen Sprung, und ein ganzer stolzer, großer, seliger Traum liegt in Trümmern. Der Vater ist kein großer Bischof worden, kein frommer Pilgrim, für nichts Großes hat er die Mutter verlassen, das Kind in der Wiegen. Hat all beide vergessen, ist in Sünden verstorben. Jetzund ist sie da, die Verdemütigung; ihr Vater ist ein Landsknecht gewesen, letzer wie ein Bauer, kein Lieb’, kein Treu’ und kein Ehr’; ein Maul voll bittere Wort’ ist das ganze Erbe, sonst nichts. Und sie hat doch allweil gewartet auf den Vater. Tot oder lebend, aber auf was Großes, Schönes von ihm hat sie gewartet.

»Viel Ehren, Pichlerin«, hebt der Bot’ von neuem an. Was der nur noch weiterredet? Jetzund nestelt er an seinem Koller herum und hebt der Mutter einen Stern hin, ein wenig matt im Glanz, ein wenig auch verbogen - und steht wieder auf, haut die Stiefel an den Fersen zusammen, daß die rostigen Sporen klirren wie altes Tschepperwerk.

»Viel Ehren, damit hat es wohl was.« So wenig Glanz hat der Stern! Was Wunder auch, sieben Jahr’ zwischen schwitzender Haut und stinkendem Leder.

»Das hat er mir aufgetragen, Euch zu geben. Ihr hätt’t nie an ihn glauben wollen. Das ist ein Wallensteinischer Orden! Ja, der Veit Pichler hat viel Feindesblut verzapft!« Ein weher Laut geht durch die Stuben.

»Pichlerin, ich soll Euch fragen, glaubt Ihr jetzund an ihn?«

»Jetzund?« fragt eine zerbrochene Stimme, »jetzund kann ich’s noch?«

»An den Soldat’ müßt Ihr glauben!« schreit der Bote grob.

»An den Soldat’ - wohl, wohl, in Gottes Namen, an den Soldat’ will ich gern glauben.«

»Er ist ein braver Kamerad gewesen, so klaffend seine Wunden und schrecklich die Pein gewesen, kein Wort der Klag’, kein Jammerer. Die letzten Stunden hat er mir von seinem Gütl erzählt, von Euch und vom Kindl, das damalen hätt’ sollen kommen, wie er ... »

»Nit reden davon, nit mehr reden!« bettelt sie.

»Er ist glücklich, er ist noch als Soldat verstorben.« Jetzt wankt des Boten Stimme auf einmal: »Wir können’s nimmer, wir sein mehr Raubersknecht’ wie Landsknecht’. Er ist ein braver Soldat gewesen, er ist vom Mund auf in den Himmel gekommen, das schwör’ ich!«

Die Pichlerin schaut starr durch die blinden Butzenscheiben; der Tag hat kein Gesicht mehr, daß er tröstlich hereinschauen möcht’ zu ihr.

Nur der Schaudermann hat ein kleines, gütiges Lächeln um seinen schmalen, zahnlosen Mund.

Die Emerenzia aber stürzt aus ihrem heimlichen Winkel hervor, ihr Gesichtlein ist weiß und verstört. »Nit, nit in den Himmel, verdammt ist mein Vater, hat kein’ Lieb’ und kein’ Treu’ und kein’ Ehr’, hat ein ander’ Weib und ein ander’ Kind! Ist kein frommer Pilgrim worden, kein großer, mächtiger Bischof, wie ich allweil betet hab’ für ihn! Mein Vater ist ein Verdammter!«

»Was hat denn die bigotte Natter?« schreit der Bot’ voller Kränkung. Was steht da für eine Welt auf wider ihn?

Die Magdalen tut einen Wehschrei und kann dennoch keinen Schritt hintun zum entsetzten Kind.

Der Schaudermann aber nimmt den wild flatternden Vogel unter seine dunklen Fittich’ und führt ihn hinaus. Das Kind zittert wie Espenlaub in seinem Arm. Zum Boten sagt er: »Ist keine bigotte Natter, nein, nein, das nit, ist nur ein närrisch Kindl. Malet sich das graue Leben mit tausend schönen Farben an, und Ihr seid ihm drübergefahren mit einer schiechen, nassen Huder. Und wir da herinnen im weltfernen Tal sein halt doch noch mit den Heiligen vertrauter wie mit dem rauhen Soldatenhandwerk, tut Euch nit zürnen.« Damit ist er hinaus mit dem Kind, er denkt, die Pichlerin hat wohl noch zu reden mit dem Fremden.

»Das sein Zeiten!« schnauft der und starrt eine Weil’ vor sich hin.

Da tastet sich der Pichlerin Stimm’ noch einmal an sein Ohr heran. »Wo ist das Weib?«

Er schupft die Achseln. »Die wird einen andern haben, wenn sie noch lebt.«

»Und sein Kind?«

»Sein Kind? Liebe Zeit, irgendwo auf der blutigen Heerstraßen oder bei ihm im Himmel!«

»Hättet Ihr mir denno das Kind gebracht von ihm!«

»Das Kind gebracht?« Jetzt muß er lachen, hellauf lachen. »Sieben Jahr’ lang soll ich ein Kind heimbringen, Weib, seid Ihr bei Trost? Wißt Ihr, was mich der Orden da schon Müh’ und Plag’ genug kostet hat?«

»Der Orden? Ja, ja, ich dank’ Euch, der Orden.«

Sie hält den Stern zwischen bebenden Fingern, aus Silber und Golddraht ist er kunstvoll gemacht. »Ihr schätzet einen Orden wohl höher als einen Menschen?«

»Wir haben viel umschätzen lernen müssen. Ich versteh’ da vieles nimmer, ist eine andere Welt da bei Euch herinnen. Versteh’ nur eins, daß Ihr eine gute Haut seid, besser als Euer störrisches, dummes Kind!«

»Dumm ist es nit und störrisch auch nit, hättet Ihr ihm nur etwas zu bringen gehabt von seinem Vater.«

Auf das hin weiß der Bot’ nichts mehr zu sagen, legt den Totenschein auf des Schaudermann Betstuhl hin und geht still hinaus, geht weit stiller fort, als er kommen ist.

Draußen an der glosenden Herdglut sitzt der Schaudermann und tröstet das Kind. »Tu nit richten, auf daß du nit gerichtet wirst. Soldatenbrauch ist anders als Bauernbrauch, und zuerst und zuletzt hat er an Euch gedenkt. Hat eine grausame Wunden getragen, hat allen Schmerz mannhaft verbissen, hat an Euch denkt, nit an sein Weh. Wie wird’s ihm hart gewesen sein, daß er Euch nimmer sehen durfte!«

»Beten will ich wohl für den Vater, lieben aber kann ich ihn nimmer!«

»Was sagt der Herr Jesu, o Dirndl?« warnt der Schaudermann ernst.

»Der Herr Jesu sagt viel, was wir nit vermögen.«

Der Schaudermann tut einen groben Stoßseufzer. Und er erzählt der Emerenz weiter von aller Not und dem vielerlei Leid eines Kriegsmannes, wie der rechte Krieger alles erträgt und erleidet, um des Schwures willen, den er getan. Wie einen Märtyrer schiebt er den Veit Pichler ins hellste Licht. »Schau, Kind, das Schwert ist zeitlebens seine Sehnsucht gewesen, wie der Heiligenschein dein heimlicher, heißer Wunsch ist.«

So weit bringt er das verstörte Kind dennoch, daß es klagend ausruft: ,,O armer, armer Vater!« Daß es ihm eine Zähre aus tiefstem Herzensmitleid nachweint.

Dann wird er gerufen, draußen wartet wer auf ihn.

Der junge Veit Kramer ist’s.

Die Kramerin, seine junge Stiefmutter, ist vor etlich’ Tagen nach St. Jakob herein. Sie hat ihr erstes Kindbett den St. Veitern nicht anvertraut.

Nun ist alles vorbei, und Mann und Stiefsohn haben kommen müssen, sein ja die Trabanten der hohen Frau. Um des Vaters willen ist der junge Veit mit. Ein Tötl hat sie dem Vater fürgebracht, sie haben’s notgetauft, und der Veit soll beim Herrn Vikar um ein christlich Grabl bitten.

Ist bald geschehn, der Schaudermann macht kein’ Müh’. Weil der junge Veit Kramer über die Dielen her wieder auf die Straßen zustrebt, redet ihn die Emerenzia an. Der hat ja auch ein so freudloses, starres Gesicht, wie sie eins hermachen muß. Und sie kann nit anders, muß ihn fragen: »Ist dir auch eins verstorben?«

Er schaut das Dirndl an, das ist keine dumme Neubegier, die da an sein stummes Herz herantasten will. »Ja, ein kleinwinziges Schwesterl.«

»Hast es gern gehabt, gel wohl?«

Da schupft er hilflos die Achseln. »Dirndl, dasselb weiß ich dir nit zu sagen.«

Sie schaut ihn groß an. Gibt es das bei andern Leuten auch, das leere, trostlose Gefühl, ein Liebes nit lieben können?

»Ist etwan dir auch eins dahin, weil so voll Traurigkeit bist?«

»Ja, der Vater. Heut ist ein Bot’ kommen, seit sieben Jahr’ liegt der Vater schon unter der Erden.«

»Hast ihn gern gehabt?«

Da hat er wohl was Dummes gefragt, kommt ihm erst in den Sinn, das Dirndl ist ja zu jung, hat seinen Vater ja gar nit kennt. Die Emerenzia schupft genau so hilflos die Achseln wie erst der Veit Kramer und meint: »Sell kann i dir nit sagen, wie mir ist; recht öd.«

Damit geht der junge Kramer wieder seiner Wege und sinnelt vor sich hin. Sieben Jahr’ schon unter der Erden. Hätt’ der Bot’ es in zwei Jahren nit ermachen können? Zwei Jahr’ sein eine schöne Zeit, wie viel wär’ anders, wär’ nur das kleinste von allen Übeln gewesen. Was wird das arme Tötl kosten? Drei die schwarsten Stuck Vieh. Die Kramerin krankt und prunkt wie eine Edelfrau. Von Lüentz der Doktor Verci hat gar kommen müssen. Vom Himmel die Stern müssen sie holen, wenn sie es will. Der junge Veit Kramer geht dahin wie ein Alter, und der Alte tut am Kindbett der Trogerin herum wie ein Junger.

Es ist viel verkehrt auf der Welt und im Leben.

Die Magdalen Pichlerin steht in ihrer Kammer droben und will den Wallensteinorden aufheben. Sie weiß nit, wohin damit, legt ihn derweile in die Gespattl, wo der Emerenzia ihre Götentaler liegen.

Draußen stürmt der Novemberwind vorbei. Sie hebt eine Fensterluken aus. Schaut über die Hausdächer hin, übern Freithof, schaut die Weiten und die Höhen ab. Ihre armen Augen schauen und suchen ein Grab. Ihre trockenen, heißen Augen suchen und suchen.

»Wenn es Langes ist, wenn es beim Holzer droben wieder ausapert, vergrab’ ich den Stern unter der alten Lärche.«

Jetzt kann die Magdalen Pichlerin wieder weinen.

* * *

Es ist schon wieder die sechs Jahr her, daß der Wallensteinorden droben beim Holzer unter der alten Lärche begraben liegt. Die Magdalen Pichlerin ist damalen gar nit ins Haus getreten. Mit einem Zaunspeltlein hat sie das Grüblein graben, wie in ein Kinderspiel ist sie verfangen gewesen. Dann hat sie den Reichtum hineingelegt, um den einer sein Weib und Kind verlassen, Lieb’ und Treu’ vergessen hat. Ganz gelb ist der Stern in der dunklen Erden gelegen. Sieben Jahr’ lang zwischen schwitzender Haut und stinkendem Leder. Jetzt hat der Stern Ruh’, jetzt liegt er gut unter der alten Lärche.

Der Schaudermann aber richtet sich in allem Ernst zum Sterben her. Sind gar viel alte Leut’, die seine Jahre nimmer derzählen. Sein Inventurverzeichnis mag wohl auch nicht mehr ganz stimmen; oder doch? Sein Hab und Gut hat sich die Jahr’ her gemehrt und gemindert, just wie die Glocke geschlagen hat; was für armselige Leut’ angelockt haben, was für fürnehme Gäst’ kommen sein, gebracht haben beide nichts, fortgetragen mancherlei. Aber ihn ficht das alles nimmer viel an.

Das sind alles nur Nichtigkeiten, wenn nur das ander Register stimmt. Und über das ander Register in Ruh’ und Fried’ noch eine Weil’ nachzudenken, läßt ihm der Gevatter Tod gern noch ein Zeitl. Setzt sich still an seine Bettseiten, und ist grad, als ob der allzeit Rührige selber gern einmal ein Rückl verrasten wollt’. Also sitzt an des Vikars Schaudermann seiner Bettseiten schon der Tod, an der andern aber stehet das Leben noch, steht und geht die junge, aufblühende Emerenzia, bringt Kraftsüpplein und Muskatwein, wie es die Mutter drunten in der Kuchl fürsorglich braut, wie sie ihr selber zu kochen manchmal anvertraut sein. Die Emerenzia bringt aber auch ein helles Leuchten der Jugend in die Krankenstube, ein kleines, frohes Lachen, das nit laut und ungebärdig ist, das nur den Duft der Frische hat. Eine ganz wunderliche Augenweide ist die Emerenz die Jahr’ her geworden, und der Schaudermann hat sich viel an ihr erfreut, wie an allem Schönen, das der Herre Gott dieser Erde verliehen hat.

Auch der Gevatter Tod an der andern Bettseiten muß manchmal ein wenig nach der rosenroten Jugend lugen. Aber sie traget keins seiner Zeichen, also muß er sein grauknöchern Antlitz wieder wenden; er ist den Siechen, Müden ein Tröster und Erlöser, nit den Gesunden, Starken ein Schreck.

Der Tod aber hat doch vermeint, noch etwas an der Emerenz frischem Gesicht zu erspähen, das ihre Helle ein wenig dämpft. Nein, nein, sein Zeichen ist es nun einmal nit, es muß wohl was anders sein. Eija, Gevatter Tod, du bist ein gar Kundiger und verstehst im Antlitz der Menschen zu lesen.

Ja, es ist etwas anderes, es ist ein stilles, stolzes, verschwiegenes Herzeleid. Davon ahnt der Schaudermann nicht ein bißl, ahnt kein Wörtl, kein Seufzerlein. Er ist nur froh, daß die Emerenz ihre großen Sehnsüchte, ihre eitlen Wünsche bezwungen und überwunden hat. Sie ist ein liebes, schlichtes Maidl worden.

So meint der Schaudermann, denn alles kann er zwischen Tür und Angel nimmer erfassen, kann sich nimmer vergegenwärtigen, was die draußen auf der großen blumigen Weltwiesen alles erhoffen, und wieviel sie davon begraben müssen.

Die Emerenzia Pichlerin ist am selben Novemberabend schiech verdemütigt worden. Der Bot’, der ihres Vaters Totenschein gebracht, hat ihrer Eitelkeit Stachel jäh aus dem Herzen gerissen, so jäh, daß völlig eine Wunden hat bleiben müssen. Die Wunden aber heißt noch immer Sehnsucht, Sehnsucht nach Unerreichbarem, Großem, Schönem, vielleicht gar nach Liebe. Nur mehr eine Sehnsucht nach Liebe? Oh, die Emerenz kann schweigen, kann selbst vor sich selber schweigen.

Ja, die Liebe der Mutter Magdalen hüllt sie ein wie ein linder Lodern im Winter, aber die Liebe hat das Feuer nicht und nicht den hohen Schein und nicht das himmelselige Jauchzen und das bittere Weinen.

Da im St. Jakober Widum scheint im Sommer wohl auch Sonne ums Haus, aber das Gemäuer ist dick und die Balken sein tief, und nur von diesem Schatten, von Kühle und Dämmerung behütet, schaut sie hinaus ins sonnscheinige Land.

Die Jungmannen, die über eine Widumtür hereintreten, haben alle schon eine Herzliebe und kommen nur mehr den Verspruchstag ansagen, oder haben eins auf dem Kerbholz oder bitten den Herrn Vikar an Mutters oder Vaters Sterbebett. Da sind sie dann auch nimmer aufgelegt, die Emerenz anzuschauen.

Viel und oft tut sie einem stranzenden Gesellen auf, dem das strähnige Blondhaar in die Stirn hereinhängt und der Hunger aus den Augen schaut. So einem reicht die Emerenz die Bettlsuppen hin und traut sich nit aufzublicken vor Scheu und Furcht. Und dann und wann nippt vom Tischwein des Herrn Vikar ein wandernder Scholar und ißt sich mit froh lachendem Gesicht ganz ergötzlich satt. Da senkt die Emerenz ihren Blick noch tiefer und verschließt ihrer Augen strahlendes Blau. Die Emerenz Granteggerin aber freut sich gar sehr über ihr frommes Gotenkind, das der Welt so abwendig geworden ist. Die Dirn soll nur eine brave Pfarrhauserin werden, ist so für Leib und Seel’ aufgehoben. Die große Welt draußen ist für niemand heilsam, und ihr Glück vermag kein Herz bis zum Rand zu füllen. Die Mutter Magdalen gibt der Gevatterin recht, sie wüßt’ ihrem Kinde nichts Besseres zu wünschen als die Ruh’ des Herzens und die Geborgenheit eines stillen Hauses. Sie selber ist grad nur genarrt worden von der Lieb’, und eines Mannes Treu-schwur ist wie ein Rosenhauch im Wind, er bringt ihn und fegt ihn weiter an eine andere Nase. So mag ihr Kind auch der wenigen seligen Augenblick’ leichtlings entbehren, wenn es von der großen Bitternis nicht heimgesucht wird, geschieht ihm nie hart.

So meint die Magdalen Pichlerin, weil sie ein früh verdorrter Baum ist, ein zeitig ausgeschöpfter Brunnen.

Der jungen Emerenz Pichlerin geschieht aber dennoch hart. Geschieht ihr hart, weil sie der wenigen seligen Augenblick’ entbehren sollt’, wie viel Bitternis nehmet sie dafür hin, ein nicht gar leichtes Kreuz wollt’ sie auf ihr Kalvari schleppen darum. Und hart geschieht der Emerenz Pichlerin darum, weil einer von Zeit zu Zeit nach St. Jakob hereinkommt und an der Widumtür klockt, dem sie dann mit zitternder Hand auftut, der aber ihre scheue Sehnsucht nicht acht’. Er bittet den Schaudermann an kein Sterbebett und dingt sich keinen Verspruchtag, er holt sich für sein schweres Herz nur etlich’ Trostwörtlein vom Herrn Vikar.

Das ist der junge Veit Kramer, dem seine Stiefmutter, die Kreszenz Trogerin, Haus und Hof verramscht, dem sein Vater darüber ein wüster Saufbold worden ist. Er klaget niemandem vom argen Hausunfrieden vor, nur beim Schaudermann tut er manchmal

seinen Sorgenpack ein Lützl auseinander, läßt ihn ein wenig hineinschauen und kann immer wieder um etliche kluge, weise Wort’ reicher von dannen gehn. Sonst könnt’ er das böse Weib lang nimmer ertragen, das ihm der Vater wie ein Kuckucksei in sein Erbe gelegt hat. Könnt’ nicht auch noch in der Argen ein letztes Menschliches achten und verschonen, könnt’ nicht immer wieder über seinen Vater, der ein halbes Vieh worden ist, einen Mantel breiten, wenn er trunken auf dem Mist seiner Armseligkeit liegt, daß keiner, der vorbeigeht, seines Elends zu spotten wagt.

Und diesen großen Kreuztrager liebt die Emerenz mit einer stillen, heimlichen Glut, die etwas von ihren großen Kindersehnsüchten hat. Und vielen und manchen Trost wüßt’ auch sie ihm zu sagen, aber er geht immer still und versonnen an ihr vorbei, ist scheuer als je, ist scheuer als sie selber.

Das ahnt kein Mensch, ahnt der Schaudermann nicht und ahnt die Emerenz nicht, daß ihn schon eine Weil’ des Vikars Trostworte allein nimmer hereintreiben, daß ihm auch der flüchtige Handgruß der Emerenz ein Trost und ein kleines Aufrichten ist. Der Handgruß, wenn er der jungen Pfaffin zuckende Finger wie einen scheuen Vogel in den seinen hält und die jagenden Pulse fühlt, wenn er ihr blaues Auge warm aufleuchten sieht in der dämmerigen Labediele. Dann denkt er wohl auch voll heimlichen Mitleids: Das ist auch eine, die heimlich verblühen muß, weil der Rechte ihr nie in den Weg kommen wird, dem eingesperrten Finklein, das kein freies Bauernkind hat werden dürfen.

Er ist auch kein freies Bauernkind mehr. Ihn binden des eigenen Vaters Verblendung und eines Weibes irrwegige Bosheit an die verblutende Scholle, bis er selber verblutet ist. Er darf kein Weib an das verlotterte Gelumpe daheim verkaufen, nicht die armseligste Dirn in so ein Fegefeuer schicken, eine Pfaffin schon gar nicht. Er nicht; der Vater hätt’ es dürfen damalen, er darf es heut nimmer, es ist alles verspielt und vertan. In Gottes heiligem Namen, einen breiten, breiten Buckel hermachen. Der junge Veit Kramer ist ein weltstolzer, himmelsdemütiger Kreuzträger im Herrn. Und die Emerenz Pichlerin hat schon von klein auf nach Absonderlichem getrachtet; etwan tut sie auch darum just diesem Veit heimlich beide Herztüren weit auf, mag er noch so blind und taub vorbeigehn.

Ich wüßt’, wo die meine ist, und will sie grad nur zuweilen anschaun, das muß mir leicht genug sein für alle Lebenszeit. Mehr denkt der Veit Kramer nicht über sein großes Verzichten, er rauft um die Scholle. Der junge Veit ist ein Geschworener, so sehr achten die Leut’ den Sohn - trotz des trunkenen Vaters und der argen Weibin, die er Mutter nennen müßt’. Aber auch dies Amt legt der Veit wieder nieder. »Mir steht es nit zu, wenn ich mich nimmer erwehr’, ist der Schuldturm meiner Ehre End’.«

Es ist eben um die Zeit, da der Tod an des Schaudermann Bettseiten das Uhrenglas schon nimmer aus der Hand läßt, wie der Veit Kramer sich noch einmal bei dem Sterbenden Trost holen will. Aber er kommt auch um der Emerenz letzten, flüchtigen Händedruck.

Die Mutter Magdalen kann ihn nimmer in die Sterbekammer lassen, und die Emerenz will in die Kuchl flüchten, und er hätt’ doch all beide so bitter nötig gebraucht. Da heißt ihn die Pichlerin eine Weil’ in die Kuchl sitzen, sie könne den Sterbenden nit in letzter Leibesnot alleine lassen. Für des Schaudermann Unsterbliches sei eben ein geistlicher Freund kommen, der geleitet sein’ Seel’ bis zum großen Welttor hin; über die Schwellen hinaus kommt niemand mehr mit. In der Kuchl sitzt der Veit langhin stumm vor der Emerenz, und weil sie auch noch allweil kein Wörtl wagt, würgt er sich endlich das Schlimmste vom Herzen, das er dem Schaudermann hat auspacken wollen.

»Den Vater hab’ ich gestern begraben.«

»Oh, aber er wird wohl gerastet gangen sein, hat wenig Freud’ zurücklassen müssen«, will sie trösten und schnauft denno erleichtert auf. Ein Kreuz hat der Veit nun wohl weniger zu tragen, denkt sie.

»Er ist nit gerastet gangen«, sagt der Veit schwer und trüb.

»Nit?« Der Emerenz wird ganz bang um den Ernst des jungen Menschen.

»Es ist etlich Wochen her, hat der Vater einmal das Weib in rauschiger Verzweiflung geschlagen, ich selber hab’ sie ihm müssen aus den Fäusten reißen, er hätt’ sie sonsten derdroschen. Seitdem ist sie oft irr im Kopf, bei gutem Trost ist sie wohl so nie im Leben gewesen. Der Vater aber hat sein Schuld ganz ersaufen wollen. Da hat’s ihn gach geworfen vor zweien Wochen. Kein Tropfen hat er mehr anschauen wollen, kein Aug’ mehr schlafen wollen voll bitterer Reu’ über alles, auch weil er die Hand aufgehebt hat wider seine Peinigerin. Die Liebe Gottes werd ihm verzeihen, in seine Wunden hat er die letzten Zacher geweint, die Gnad’ ist ihm noch worden.«

»Und was denn jetzund?« haucht die Emerenz.

»Jetzund muß ich wohl schauen, wie man mit ihr zu fahren kommt; halt fest die Faust im Sack stecken; will mir um ihretwillen nit annoch die Hand versehren und die Sterbestund’ vergällen.«

»Bist dir genug so allein wider den weibischen Teufl?« Ängsten stehn auf ihrem Gesicht.

Und der Veit wird blaß wie die Wand, hat sie ein Ahnen, was ihn daheim erwartet; daß das Ziefer auch ihn noch eingarnen möcht’ ins Netz, halb irr geschlagen vom Vater, hat sie immer noch ein Ziel vor den Augen. Aber die letzten Wiesen und Ackerflecklein will er noch aus ihrer Teufelsklaue reißen, die Schollen, die heilige Schollen, einen Rest will er sich noch erretten!

»Sollst dir ein Weib heimnehmen, deucht mich.« Die Emerenz flüstert den Rat, und brennend vor Scham und Verlangen zugleich wird ihr Gesicht.

Da loht ihm das Herz auf in der Brust, aber er wehrt sich, er ist ja das Wehren gewohnt. »Nit, o Emerenz, nit, nit um mein Leben, bei dem Raufen kann ich ein Weib nit brauchen, da muß ich wohl Schwung haben stubenein, stubenaus - es kann nit sein.«

Da birgt die Emerenz ihr Gesicht in den Händen und schluchzt bitterlich auf. In ihm dröhnt das Herz gegen die Brustwand, es will aus, braust das Blut und würgt ihm die Kehle, der Atem will ihm vergehen. Aber er wehrt sich, ganz rauh ist seine schwankende Stimm’: »Was weinst denn so, Emerenz, wein nit!«

Die rauhe Stimm’ scheucht ihren Stolz wieder auf, der sich vor der großen Liebe hat ganz niederducken müssen: »Weil …, es ist soviel Elend in mir und Verzagen.«

Den Veit Kramer schüttelt es wie im Sturm.

Die Emerenz sucht eine Ausred’, sucht ein’ Strohhalm, daß sie nit versinkt vor seiner und ihrer eignen Qual. »Weil, weil unser Herr Vikar im Sterben liegt - weil, weil alles so viel traurig ist auf der Welt.«

Jetzund schnauft der Veit auf wie erlöst. Und wird dennoch fahl im Gesicht, seine Schultern fallen ab, wie unter einer drückenden Last, wie in großer Müdigkeit, schwer ist dies Wehren und Raufen gewesen, schwer wie nit bald was.

Die Emerenz weint stille vor sich hin, läßt das Gesicht verhüllt, zeigt es ihm nimmer, ist still und stumm, nur das ergebene Weinen schüttert ihren jungen Leib.

»Glaub’ es dir wohl, ist wie ein Vater gewesen, glaub’ es dir wohl, Emerenz.« Und ganz lind streicht seine Hand über ihr weiches Braunhaar. Sie zuckt weh zusammen, er kann es doch nimmer linder tun, wo seine Händ’ so schwer von Arbeit und Kreuztragen sein.

Dann geht er stille fort, hat solche Schwäche in allen Gliedern, daß ihm die Tür aus der Hand kommt und grob zuschnöllt, daß der Verscheidende droben noch einmal die Augen aufreißen muß. Sie folgen ihm nimmer, sie sinken. - Das heiß drängende, bittersüße Leben pocht vergebens noch einmal an diese Pforte.

Und wie die junge Emerenz Pichlerin mit ihrer Mutter an des Schaudermann Totenbett kniet, ist noch immer das stille, schmerzlich ergebene Weinen in ihr.

* * *

Daß der Emerenz Wangen schmal und blaßelet werden, schreiben sie dem Schmerz um den Heimgegangenen zu. Daß in des Vikar Schaudermann Todesstund’ auch ihre junge Liebe hat versterben müssen, wer kann das ahnen. Die Mutter Magdalen nicht; ihr Sinnen ist der Liebe zu sehr abgewendet, sie kann sich ein liebend Herz nimmer vorstellen. Die Emerenz Granteggerin auch nicht; sie ist zu fromm und zu weltfremd. Und so kommt es, daß eine böse Wunden ungewartet schwären und ungesalbt vernarben muß.

Und daß dem Veit Kramer nicht viel Jahr’ über die Dreißig das Haar über den Schläfen schon stark zu grauen beginnt, das, mutmaßen die Leut’ wieder, hätt’ seines Vaters elender Tod verschuldet und das böse Gewüte seiner Stiefmutter.

Wer kann es ahnen, daß er auch noch ohne Herz leben muß?

Dem Veit Kramer sein Herz ist in der Widumkuchl zu St. Jakob drinnen unter einer Steinquader begraben. Ob es auch rostet und falbt, wie der Wallensteinorden unter der Lärche droben beim Holzer?

Rosten und falben wird es wohl nicht, es wird noch eine Weile bluten.

Ja, bei dem Raufen hätt’ er ein Weib nie brauchen können, und wär’ es nit um das Restlein väterliche Schollen gewesen, er wär’ zu gern geflohen über Berg und Tal. Nach vielen, langen Wochen hat die Kreszenz Trogerin endlich ausgetollt. Früh gealtert, sich selber verraten und verkauft, zwei Mannsleut’ mit ins Elend gerissen und jetzund zum armseligen Schluß ein stiller Narr worden. Pflegsüchtig ist sie wie ein Wiegenkindl. Der Bettschragen ihre ganze Welt, eine aufgedingte Warterin ihr letzter Freund.

Das kostet dem Veit Schollen um Schollen, Handbreit um Handbreit Kramerischen Grund und Boden, altverbriefte Rechte, die schwere, gute herbe Bauernerde bröselt ihm durch die Finger wie Sand, Sand.

»Warum denn mich auch, Herre Gott?« schreit er manchmal verzweifelt auf. Dann ist ihm, als ob er des Schaudermann Trostwort hören tät’.

»Lieber Veit, wär’ dir wahrhaftig leichter, wenn du verschuldeter büßen müßt’? Es gibt viel schwache Menschen, die ihr’ Bürd’ nimmer ertragen, das lad’t er halt den Starken mit auf; du bist ein Starker, Veit, sei froh.«

Dann geht es wieder große Wegstück’ im Frieden der Seele weiter. Geht Tag und Jahr in Gottes heiligem Namen.

Die Witib Magdalen Pichlerin kann beim neuen St. Jakober Pfarrherrn bleiben. Die Emerenz aber ist herangewachsen und muß ihr Brot leicht woanders verdienen, vermag wohl eines Pfarrers Haushalt selber zu führen, denn der St. Jakober Zehent und die Giebigkeiten sein nit danach, drei ausgewachsne Leut’ zu ernähren und zu gewanden.

Und die Emerenz hat’s gut getroffen, ist draußen beim St. Veiter Vikar aufgenommen worden. Der stillen Mutterliebe ein Rückl ferner, der heimlich-bittern Lieb’ zum Veit Kramer ein Rückl näher; aber wer heimlos ist, darf sich nit an die kleinste Zaunspelte klammem, muß wandern, kurze oder lange Wege, wie es ihm auferlegt ist. Am letzten Abend ist’s, wie Mutter und Kind noch einmal in der dumperen Kuchl sitzen, daß die Magdalen ihrem Kind vom Holzergütl erzählt. Von ihrem Daheim draußen in St. Veit erzählt sie. Das Davidle hat sich schon in die drei Jahr’ nimmer anschau’n lassen, aber sie hat reden gehört, es soll überm Sommer immer noch ein Zeitl in ihrer alten Heimat hausen. In dem armen Geschlitter ist es ihm frei nichts zu gut. Daß er nimmer hereinkommen ist zu ihnen, werden wohl auch seine datterigen Füß’ daran schuld sein, und der Spieldocken, die er allweil mitgebracht, ist die Emerenz so schon eine Weil’ entwachsen. Aber einmal soll sich die Emerenz denno auf den Weg machen und die liebe, verlassene Heimat aufsuchen in ihrem Namen.

»Mir selber will ich die schwere Wunden nit wieder aufreißen, du hast es, dem Herrn sei Dank, ja noch nit empfunden, wie weh es gewesen, weil ich von der lieben Heimstatt hab’ lassen müssen.«

Von den Stuben, von den Kammern redet die Magdalen, von dem alten Lärch, vom Wallensteinorden, der drunter verscharrt liegt.

Da sein der Emerenz Augen dunkel und hart. Das ist, was sie nimmermehr verstehen kann. Um so ein Poßlzeug sein sie heimlos worden, müssen Mutter und Kind sich auch noch trennen, müssen sie herumdienen in der Welt.

Lange noch sitzen Mutter und Kind schweigend voreinander. Und also ist die Emerenz im St. Veiter Widum, ist es zufrieden, muß es ja sein. Den Veit Kramer kriegt sie völlig nie zu Gesicht, es ist Langes und Aussaatzeit. Sie versieht ihr Hauswesen, er schuftet und schanzt von früh bis spat im blutigen Robot seines armen Erbes.

Die Kreszenz Trogerin ist ein Siechenweiblein worden, eine Last, ein Fluch Gottes, ein auferlegtes Kreuz. Und der Veit Kramer trägt es, schaut nit hin und nit her, hat kein Ranftlein Zeit dazu. Nur nächtens, wenn er trotz aller Müdigkeit oft langhin wach liegen muß, spürt er Sand zwischen den Fingern rieseln. Und wenn er einmal Sonntag der Emerenz unter die Augen kommt, neigt er den Kopf ein wenig vornüber, das ist sein stiller Gruß, sie kennt ihn wohl. Die Emerenz aber zwingt sich zu einem kleinen Lacherlen; es ist beileibe kein junges mehr, wo sie doch erst wenig über die Zwanzig ist, aber es ist ein lichtes Schimmerlein, über viel dunkle Sorgen.

Einmal an einem Feiertag bittet sie den Herrn Vikar um Freizeit und will bergauf zum Holzer, der Mutter Auftrag zu erfüllen.

Sie ist aber auch von einem eignen Sehnen getrieben. Die Stube, die Kammern, die Herdstatt, die alte Lärche möcht’ sie sehn, und auch das Stücklein Erden, auf dem ihr Vater einmal gepflügt und geackert. Und wo sie stille steht und wo sie verschnauft, muß sie Bitteres denken. »Mein Daheim soll es sein - Vater und Mutter soll ich droben aufsuchen können; wie leicht wär’ das Dienen dann. Warum bin ich nit das worden, was mir von Gottes Rechts wegen zugestanden wär’? Wenig Ruh’ werd mir auf der Welt beschieden sein.«

So geht sie zum erstenmal im Leben den Niesenwald aufwärts, und weil sie in die Lichten tritt, sucht ihr Auge voll Sehnsucht nach einer Freude. Es ist aber ein betrübliches Stück Land. Wild und verwachsen, alles verlassen, das Stubenhaus wie ein Rauberschlupf. Die Brunnstuben verfallen, der Trog vertrocknet und geborsten, der Brunnquell weiß wie viel Jahr’ her schon verronnen, versickert. Die Lärche steht falb, verwittert und überständig, der Hofzaun vertreten und morsch, die Gatter hängt aus den Angeln und garretzt hin und her, weil sie die Emerenz streift und traurig übers Hofmarch tritt.

»Das soll eine Heimat sein?« fragt sie verzagend und setzt sich hin unter die Lärche, die so schütter ist, daß sie kaum mehr Schatten dergibt. Sie kann sich nicht freuen des Anblicks, sie muß weinen vor Weh und bitterm Verlassensein.

Ins Haus will sie gar nimmer, das hat ein gar zu wüst Gesicht; dies Haus, wo Vater und Mutter einmal gehaust, ist heut nur mehr ein Freithof.

Ein Bergfink zirpt sie vertraulich an, aber weil sie die Hand nach ihm ausstreckt, fliegt er auf und davon. Sie ist so voll Sehnsucht gewesen nach dem einzig Lebendigen, hat es nicht verscheuchen wollen. Die Emerenz hat ihr Weh noch lang nit verwunden, da schreit sie eine krächzende Stimm’ an: »Hoi, hoi! Was hat denn der Teiglbam, daß alle Weibsleut’ drunter greinen müssen? Was ist denn grad das?« Ein Nörgele steht vor ihr, uralt, aber zwischen graugrünem Bartwust lachen ihr zwei kreuzfidele Augen entgegen.

Die Emerenz springt auf: »Das Davidle!«

Mit dem Fürtuchzipfl wischt sie sich das verweinte Gesicht trocken, daß das frohe Lächeln drauf besser Platz hat. »Hast kein’ Docken für mich?« fragt sie auf einmal ganz übermütig.

»Dundersdirn, Dundersdirn, was fallt denn dir ein, die Emerenz, du ein’ Docken? Ja weiter, was denn, du brauchst eine Wallfahrt für einen guten, schönen, für einen braven Mann!«

»Tust du dasselb’ awohl, für andre Leut’ wallerfahrten gehn?« lacht sie hellauf.

»Alles tu’ ich, was Gott angenehm und den lieben Mitmenschen nit gar zuwider ist!« grölt das Mandl und haspelt von einem Fuß auf den andern; ganz rebellisch ist es vor Freud’. »Jetzund aber geh einer ins Haus und schneid dir a Brot ab in deiner Heimat, Holzerdirndl du!« Die Emerenz will was sagen, möcht’ sich noch gern wehren, er aber läßt ihr nit Zeit dazu.

»Ja, da unter dem Lärch hab’ ich dein’ Mueter zum erstenmal getroffen, nach ihrem Kindsvater hat sie geschrien, wie nur ein Weib schreien kann in seiner ärgsten Not. Du hast heut awohl schon gegreint da im mageren Schatten, hast also dein Schuldigkeit getan, bist deiner Mueter Kind und deines Vaters Waisl; aber lustig hellauf, ein Fleckl Erden ist allweil noch dein!«

Das Davidl führt die Emerenz ins Haus. Unter der Labentür schaut er sie zum andermal an, und seine verschmitzten Augen blitzen ganz verwundert auf. »Ja, ja, wallerfahrten, bis in die Maria Luggaue, muß ich für deiner gehn, das ist eine gar gewichtige Sach’, das wohl; o Sakradirndl, hast du dich prächtig verwachsen!«

Dann torkelt er der Emerenz voran, in die finstere Rauchkuchl hinein. Auf der Herdstatt funkelt noch ein Glütlein, die Luft ist voller Ruß und Pechgestank, ein geiler Ruch von versottener Rübsuppen liegt unter den dichten Rauchschwaden gebannt und benimmt einem völlig den Atem. Die heiße Mittagssonn’ druckt alles nieder, drum hat die Emerenz auch keinen Hüttenrauch steigen sehen, hat meinen müssen, das Haus sei leer und ganz ohne Leben.

Und nun lebt es doch, aber wie es lebt.

Jetzt, weil sie mit tränenden Augen sich tapfer vorwärtstappt, kann sie langsam die Dinge um sich unterscheiden und den elenden Hausrat sehen. Der Kuchltisch ist zerkloben, zerschunden, drauf kliebt das Davidle wohl grad Spanholz, und arg vertrenzt ist das grauschwarze Holz von allerlei Gesuppe, das Davidle ist ein fackisches Hausgeistl. Die Emerenz kriegt schon ein Würgen im Hals, weil ihr das gastliche Mandl so voller Freud’ ein halbes Brotlaibl hinschiebt und ein verrostetes, klebriges Steckmesser aus der Lederscheiden zieht und daneben hinlegt.

»Emerenz, Emerenz, jetzund mußt Brot abschneiden, tu mir ja die Ehr’ an. Holzerbrötl ist es wohl keins, scho Narre, wo soll es auferwachsen! In der Starritzen drinnen hab’ i’s gelottert, aber a Brötl ist allweil ein heilig Ding. Mir geht es halt guet, brauch’ nit saanen, nit dreschen und nit mahlen, i leb’ decht!« Damit stößt er mit den Füßen die Gadentür auf, foppt und lacht und spaßt aus übermütigstem Herzensgrund.

»Dirndl, Dirndl, heut bist du meine hohe Gastin. Narre, hätt’ i das geschmeckt, daß du um die Wege bist, hätt’ i leicht a Zöggerl voll Gekrapfe zusammenderlottert. Aber schmeck’s mit einer alten, rinnenden Nasen!«

Die Emerenz späht vorsichtig ins dämmerige Gelaß hinein. O liebe Zeit, schaut’s in dem Gaden drinnen aus! Die Fensterstangen hat wohl einmal ein Diebskerl aus dem Mauerwerk gestemmt, im Meinen, er könnt’ seinen Hunger stillen herinnen. Dem trockenen Viehmist nach, der schon schuhtief auf der Erden liegt, nehmen Geißen und Schaf’ hier ihren Wetterschutz. Von einer verdreckten Drahne nimmt das Davidle einen irdenen Schüsselscherben herab, auf dem ein gansgelbes Lotterbatzl liegt, faustgroß, wie es die Bäuerinnen aus dem Butterfaß heraus für die Bettlleut’ formen. Das stellt er ganz stolz der Emerenz vor. »Iß, iß, liebe Gastin, und laß dir’s gut schmecken!«

Die Emerenz möcht’ ihm trotz allem Grausen gern die Ehre antun, aber mit dem versauten Messer sich Butter anschneiden – ihre Augen suchen über den Tisch hin. Da reißt das Davidle wie erleuchtet die Tischlade heraus und scheppert etliche Holzlöffel durcheinander; der Wust, der sonst auch noch drinnen ist, geschmiedete Nägel, ein Stückl Schleifstein, Lunten und Zunder zum Feuerschlagen, schwarze Grallen von einer zerrissenen Betschnur, alles rührt er gach durcheinander; von den Löffeln ist keiner mehr ganz, den mit dem kleinsten Schaden sucht er heraus, ist der seine; o Jammer, ist wohl auch der schmierigste. Sommerlang wischt er ihn nach dem Essen nur mit seinen schrundigen Fingern ab; einen Wassertropf’ hat das Ding schon lang, lang nimmer gesehn.

»Iß lei grad, iß lei grad! Bei mir kannst das Butterschmalz awohl mit Löffeln essen, für mich werd im ganzen Tal Butter geschlagen, iß lei grad! Bist ja meiner Hausherrin einzig Kind, bist ja ein richtiges Holzerdirndl!« Und er nötet ihr den Löffel voll Eifer in die Hand.

Jetzt weiß die Emerenz gar nimmer, wie tun. Aber derweil das Davidl schwatzt und schwatzt und in der Rauchkuchl umschießt, schabt sie sich am Löffelrand heimlich das Messer rein, so gut es sich tun läßt. Schneidet sich nun ein Ranftlein vom greinsauren Brot und streicht auf die graue, gleime Schnittflächen ein bißl vom gelben, ranzigen Butterschmalz. Also würgt sie mit gutem Mut Stücklein um Stücklein hinunter. Wenn es dem Lottermandle Tag um Tag so recht und gut ist, wird es sie das einemal auch nit umbringen. Dann läßt sie sich vom Davidle in die oberen Kammern führen. Ganz stolz will er ihr zeigen, was alles zu zeigen ist, wo sie einmal auf die Welt gekommen. Die altersmüde, ausgedörrte Stiegl schwankt unter ihrem jungen, vollsaftigen Gewicht. Spinnweben hängen vom Gebälk herab, schwarz und schwer vom jahrelangen Staub und Ruß. Die Dielenbretter krachen und ächzen von den ungewohnten Tritten, die Fugen klaffen auseinander, da herauf ist das Davidle all die Sommer nie gekommen; warum denn Stiegen steigen, wenn einen so gar kein Wunder plagt? Die Kammertüren hängen halb aus den Angeln, und drinnen in den Bettschragen liegt zerwühltes Stroh, von Mäusen zerbissen und zerzaust. Ein verschwärztes Bild hängt schief an der Balkenwand, ein Kräuterbüschl steckt in einer Klunsen; wie die Emerenz darüberfährt mit der Hand, raschelt und staubt es.

»Schau, Emerenz, da bist auf die Welt kommen. Dieselb’ Nacht bin i zum erstenmal beim Holzer unter Dach gelegen, hab’ dein’ ersten Schrei mit mein’ Vergeltsgott begrüßt, weil dein’ Mueter gut gewesen ist mit mir. Dieselb’ Nacht hab’ i awohl etlichmal hingehorcht, ob dein Vater nit denno wieder heimkommt. Aber hab’ mir’s ja gleich gedenkt, wie er mir übern Weg gelaufen ist, der greift gar weit aus und kommt lang nimmer heim. Ist so gewesen, ist nimmer umkehrt.«

Ein Mäusl raschelt im Stroh, unter einem Deckenbalken zirpen junge Bergschwalben. An eine schwere Truhen geht die Emerenz heran. Muß eine alte Brauttruhen sein, hat geschnitzeltes Rahmenwerk und geblümelte Felder. Neugierig will sie den Deckel heben, er ist schwer, das Davidle hilft ihr. Das ausgedörrte, wurmstichige Holz garretzt, und ein verstaubter Ruch von vielerlei Kräuterwerk steigt ihnen scharf in die Nasen. Ein Sonnenstreifen schielt neugierig in die geheimnisvolle Tiefe des Truhenbodens. Dort liegt, Schütt um Schütt nebeneinander geschichtet, Melissen- und Münzkraut, Kalmus, Speik, Himmelbrand, Alraun- und Nießwurz, etliche Wachsfladen. Viel kleine Kastlein sein an der rückwärtigen Truhenwand. Die Emerenz zieht an den vergriffenen Knöpfen. Manche sein leer, nur am Boden vermoderter Unrat, in ein und dem andern liegt kleiner, vergessener Plunder. Eine Lichtscher’, klein verrostet, ein verbogener Talgleuchter, eine verrußte Schelmlatern’ voll Unschlittresten. Ein Spielhahnstoß, den die Milben halb aufgefressen haben, ein roter Zopfbötl, wie ihn die Bräute ins Haar flechten, ein bunter, zerschlissener Brustich, von den Schaben ganz verwüstet. Die Emerenz kriegt heiße Wangen. Da ist Atem der Heimat, aus dem sie herausgewachsen ist, eh sie hineinwachsen konnte. Eine hölzern’ Gespattl, spröd zum Brechen ist das dünnblättrige Holz. Schnallen und Haften sein drinnen, eine grüne, seidene Nestl, wer mag sich über den Brustich das Mieder geschnürt haben damit? Etwan Vaters Ähne? Wie Zunder ist das Zeug. In einem der Kastlen liegt ein schöner Glitzerbuschen mit einem langen, geblümelten Seidenband, rote Rosen und goldene Blätter hinein gewebt. Das Stück hat gar von den Schaben noch Ruh’ gehabt.

Die Emerenz nimmt den Fund an sich, muß ein Hochzeitsbuschen sein, die Farben frisch und voller Lebigkeit, gar nit viel

zerknittert.

»Den kann dein Vater noch tragen haben, ist nit alt und ein schön Stückl«, mutmaßt das Davidle.

Die Emerenz nickt nur, schließt wieder Lädlein um Lädlein, behält den Buschen und will den Truhendeckel zutun, tut ihn wieder auf, als ob sie das schöne, geschmiedete Schnappschloß wollt’ prüfen. Spreizt den Deckel zum andermal an die Kammerwand und läßt die Augen durch den Raum schweifen. Am Bettschragen bleiben sie hängen und werden ganz dunkel; schwere Gedanken kommen über sie. »Oh, wär’ ich damalen auf dem Stroh geblieben und nie auf den Boden zu stehn kommen!« Daß es Heimweh ist, weiß sie selber nit, wie soll sie das Heimweh kennen, wenn sie keine Heimat kennt? Den Truhendeckel laßt sie ungut fallen, daß es einen lauten Schnöller tut und der Staub ringsum erschreckt auffährt wie graue Schleier der Vergessenheit. Und dann geht die Emerenz noch auf den Sölder hinaus. Oh, da haben Wintersturm und Regenschauer arg gehaust. Für gerade Glieder ist es nicht ratsam, sich auf dem Lustgangl da lang zu ergehn. Aber das Tal breitet sich friedvoll zu den Füßen, dunkel schimmern die Wälder und goldig leuchtet das Korn, Atem der Heimat sättigt berauschend die Lüfte. Der St. Veiter Kirchturm funkelt in der Sonn’ und die Emerenz schrickt auf.

Sie muß ja wieder abwärts, der Herr Vikar möcht’ greinen, wenn sie ihrer Pflicht so unverlässig ist. Das Davidle ist auch ein bißl mundmüd worden, schaut aber die junge Dirn immerfort an. Wie sie sinnt und stumm bleibt, den Hochzeitsbuschen an die Brust drückt, die Rosenbänder umschmeicheln ihr dunkles Gewand im leichten Wehen, der offenen Türe Luftzug bewegt sie leise.

Jetzt wendet sie sich wieder der Stiegl zu, das Davidle tappt ihr nach. Drunten stoßt er noch die Tür zur Stuben auf. Die tragt wenigstens Spuren von seiner Behausung. An der getäfelten Wand hängt altes, zerlumptes Gefatze, und die Decken sackt in der Mitte nieder, bald wird sie als wüster Haufen auf dem Stubenboden liegen. Auf dem Tisch liegt Davidles Plunder verstreut. Wann ist zum letztenmal drauf gegessen worden? An dem Morgen, wie der Vater auszogen ist?

Das Davidle redet in ihr Sinnen hinein. »Essen tu’ i allweil in der Kuchl, wenn man wohl blinder auch zum Maule findet; aber ist denno feiner, wenn das Herdfeuer leuchtet, für die Stuben bleibt mir kein Licht, weil das Schmalz für die Tschürfe nie langt. I friß mein Licht allweil selber auf, aber wenn mir der Herre Gott nur drüben gnädiglich das seine leuchten laßt!« Versonnen nickt die Emerenz zu des Davidle Geplapper, kehrt sich still herum und geht der Weiten zu. Die Haustür rahmt ein liebes Bild ein. Das grüne Bödele vor dem Haus, die halb verfallne Brunnstuben, ein Stückl Wald, die Talsenke, den himmelhohen Berg und die lichtblaue Weltkuppel drüber. »Wir sein ja denno alle unter seinem Dach«, will sie sich selber trösten.

Dann sagt die Emerenz dem Davidlein noch ein herzlich »Vergelt’s Gott zu tausendmal!«, wenn sie vom Brot und vom Schmalz auch noch ein bißl das Würgen spürt. An dem Lärch bleibt sie auch ein Augenblicklein stehn, soll sie ja von der Mueter grüßen, schaut das feine Wurzelgeäst entlang. Da hat die Mueter den Wallensteinorden vergraben. Zwanzig Jahr ist das her, seit der Vater in der Fremd’ draußen verstorben ist. Er kein Grab, sie kein Hab.

Aber das Davidle reißt sie schon wieder aus dem schweren Sinnen. »Gelt wohl, Emerenz, in die Maria Luggaue geh’ i dir, eija, du brauchst es, du wohl, du ernstliche Dirn, doppelt und dreifach brauchst es. Wenn i grad nur ein’ Zehrpfennig hätt’, ohne Zehrung wallfahren ist eine bittere Sach’.«

»Ja ja, Davidle, wenn du wieder niederwärts gehst, kehr zu im St. Veiter Widum, einen Zehrpfennig gib ich dir wohl, wenn mir schon um einen Mann gar nit zu tun ist.«

»So sagt eine jede und denkt jede anders im Herzen; oh, ich kenn’ mich aus in der Welt und an der Leuten Gered’!« Das Davidle winkt ihr mit seinen Händen noch viel, viel Grüß’ nach, solang er sie erschaut, wie sie niederwärts steigt. Er ist nun selig, daß er auch im St. Veiter Widum anklocken mag.

Allweil besser geht es ihm auf die alten Tag’, allweil besser, er haust nit abwärts wie so mancher ansässige Bauer, er nit!

* * *

Das Davidle hat im St. Veiter Widum nicht gar oft angeklockt, im Herbst nach dem Sommer, als die Emerenz droben beim Holzer gewesen ist. Den Zehrpfennig aber hat er gen Lüentz hinunter sauber verschnapselt und das Maria-Luggaue-Wallfahren auf den nächsten Sommer verschieben müssen. Aber er tröstet sich selber über die Sünde, so schnell geht es bei der stillen, ernsten Emerenz so nicht, und dieweilen kann sie sich den Mann ja aussuchen, dener ihr dann drüben überm Kofl ganz kräftig erbeten will.

Wie das Davidle aber den nächsten Sommer im St. Veiter Widum den zweiten Zehrpfennig holen will, sind ein neuer Herr Vikar und eine neue Pfaffin aufgezogen. Die Emerenz Pichlerin sei mit ihrem Dienstherrn, der in Leisach draußen Vikar worden ist, hinausgezogen. So ist dem Davidlen wohl nichts anders übriggeblieben, als das Zehrgeld fahren zu lassen, die Wallerfahrt aufzuschieben. Und zum andermaligen Trost, diesmal ist es ja gar nit seine Schuld. Aber daß er den Weg nit ganz umsonst getan, setzt er sich für die heißen Sommerwochen auch dies Jahr beim Holzer droben in die Kühlen.

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
23 December 2023
Volume:
362 p. 5 illustrations
ISBN:
9783709500309
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