Read the book: «Moment mal!»
Fabian Vogt
Moment mal!
365 Radio-aktive Andachten

Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Vorwort »Das Verrückte dabei ist …«
Anmoderation
Januar
Gute Vorsätze
72 Stunden
Exkommunikation
Welt-Braille-Tag
Die vielen unheiligen Weisen
Dreikönigstag
Sieben
Die Kunst des Lachens
Benedikt von Nursia
Skispringen
Wohnen
Haruki Murakami
Philipp Jakob Spener
Albert Schweitzer
Martin Luther King
Art’s Birthday
Welttag der Migranten und Flüchtlinge
Hitparade
Geschichten
Fabianstag
ISM
Konjunktur 1
Ausgehen
Unwörter
Kuscheln
Alice
Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
Datenschutztag
Der Besuch der alten Dame
Windows Vista
Bibelsonntag
Februar
Lifestyle
Murmeltiertag
The day the music died
Dietrich Bonhoeffer 1
ÖPNV
Medien
Karneval
James Dean
Welttag der Kranken
Freiheit
Tag des Notrufs 112
Abraham Lincoln
Red Hand Day
Valentinstag
Galileo Galilei
Grease
Konjunktur 2
Heinrich Heine
Abendmahl
Ringkampf
Ich verzichte (auch nicht) gern
Die beste aller Welten
Am Tiefpunkt
Das Kommunistische Manifest
Anthony Burgess
Browser
Frauenpower
Theodosius
März
Alle gleich
Michail Gorbatschow
King Kong
Die Zahl der Opfer
Cebit
Oscar
Adler und Hühner
Sprachlos
Elektronenmikroskop
Spektralanalyse
Gedenktag für die Opfer des Terrorismus
Gregoriustag
Charles Darwin
Pi-Tag
Panama
Live for the music
Fasten
Eiger Nordwand
Asterix
Hymnus
Frühling
Teddybären
Weltwettertag
Tuberkelbazillus
Atomwaffen
Viktor Frankl
Welttag des Theaters
Franz Schubert
Entdecker der Herzen
Irgendwie
Die Kunst des Zweifelns
April
Hunde
Sommerzeit
Benedikt Superstar
Rivalen
Criminale
Welt-Olympiatag
Weltgesundheitstag
Dietrich Bonhoeffer 2
Deutsche Kolonialpolitik
Kaffee
Welt-Parkinson-Tag
Gerechtigkeit
Rund
Extrem
Urmel aus dem Eis
Küsten
Auswandern
Das Parfüm
Goldene Palme
Inquisition
Friedrich Fröbel
Tag der Erde
Welttag des Buches
Internationaler Tag des Versuchstiers
Nelkenrevolution
Tschernobyl
Girls’ Day
Oskar Schindler
Internationaler Tag des Tanzes
Mittelalter
Mai
Muttertag 1
Muttertag 2
Bing Crosby
Der alte Mann und das Meer
Internationaler Hebammentag
Luftschiffkatastrophe
Anti-Diät-Tag
Weltrotkreuztag
Tag des Orgasmus
Tag des freien Buches
Die Eisheiligen
Coca-Cola
Helden
Museumsbesuche
Horton hört ein Hu
New York
Sparen
Nationalversammlung
Blumen
Meter
Schlankheitswahn
Kinder sind Zukunft
Welt-Schildkröten-Tag
Shrek
Towel Day
Geschmacksfrage
Verrückte Hotels
Adel verpflichtet
Spitzenleistung
Fliegen
Roger Willemsen
Juni
Weltmilchtag
Verwandlung
Eschede
Internationaler Tag der Kinder, die unschuldig zu Aggressionsopfern geworden sind
Weltumwelttag
D-Day
Europawahl
Bonifatius
Into the wild
Wasser
Fußball
Kinder an die Macht
Sharkwater
Areopag
Ben Becker und die Bibel
Bloomsday
Tag der Deutschen Einheit
Jürgen Habermas
Rocky Horror Show
Gleichberechtigung
Sommeranfang
Billy Wilder
Internationaler Tag des öffentlichen Dienstes
Tag des Schlafes
Turnvater Jahn
Urlaub zu Hause
Selbst schuld
Kirchen
Urlaubsreif
Alles ist relativ
Juli
SOS
Das Kartell-Gesetz
Franz Kafka
Begeisterung
Urlaubsreisen
Tag des Kusses
Bikini
Wenn ich einmal groß bin …
Mallorca
In der Wettkampfbahn
Ice Age
Von Splittern und Balken
Urlaub im Kopf
Telefonbuch
Easy Rider
Disneyland
Angela Merkel
Einschulung
Urlaubslektüre
Weltraumforschungstag
Francesco Petrarca
Reisesegen
Südafrika 1
Südafrika 2
Louis Blériot
Südafrika 3
Südafrika 4
Fingerabdruck
Quantenmechanik
Israel
Der kleine Prinz
August
Rechtschreibreform
Peanuts
Hör-Spiele
Ventilator
Frau am Steuer
Südafrika 5
Weltwasserwoche
Schnapszahl
Olympische Spiele
Mehr Zeit zum Leben
Internationaler Tag der Jugend
Tin Lizzy
Alfred Hitchcock
Südafrika 6
Carepakete
Elvis Presley
Superman
Statistiken
Goldrausch
Superstar
Internationales Polarjahr 2008
Bildung
Der Herr der Ringe
Eltern-Kind-Beziehung
Farbfernsehen
Das Lied der Deutschen
Mutter Teresa
Das Mädchen Rosemarie
Sommermärchen
Peter Maffay
Lady Di
September
Dreigroschenoper
Einmalig gut
Musikgeschichten
Weltklima
James Blond
Hände
Adams Äpfel
Weltbildungstag
Tag des alkoholgeschädigten Kindes
Welt-Suizid-Präventionstag
Terror
Tag der Wohnungslosen
Mond
Tag der Liebe
World Trade Center
Rosenkirche
Segelfliegen
Schweizer Minarette
Glücksmomente
Weltkindertag
Gospel Award
Welttag des Meeres
Romy Schneider
Wunderheilungen
Will Smith
Westside Story
Ihr sollt ein Segen sein
Tag des deutschen Butterbrots
Michaelistag
Kohlendioxid
Oktober
Lesen
Schutzengel
Wählen gehen
Herbstfarben
Buchmesse
Germantown
Internationaler Tag des Sehens
Herzschrittmacher
Weltposttag
Internationaler Tag gegen die Todesstrafe
Coming Out Day
Internationaler Schrei-mal-deinen-ganzen-Frust-raus-Tag
Neuland
Vision
Meiner ist größer als deiner
Demütigend
Auf den Busch klopfen
Haustiere
Berliner Volksentscheid
Welt-Osteoporose-Tag
Bolero
Internationaler Tag des Stotterns
Schlümpfe
Die Lust am Spielen
Schwarzer Freitag
Organspenden
Moschee in Duisburg
The next Uri Geller
Körperwelten
Kinder sind arm
Alles in Luther?
November
Mich trifft’s schon nicht!
Machs noch einmal, Piet
Weltmännertag
Gewissensbisse
Herzkatheter
Konfliktfeld Umwelt
Weltputzfrauentag
Georg Elser
Gut und Böse
Tag der Erfinder
St. Martin 1
St. Martin 2
Mama hat Geburtstag
Masken
Wir sind gekommen, um ihn anzubeten
Perspektivenwechsel
Internationaler Studententag
Mickey Mouse
Welttoilettentag
Geburtsstunde des Fernsehens
Welttag des Fernsehens
Tag der Hausmusik
Liebt eure Feinde
Vertragsverhandlungen
Zufrieden?
Casablanca
Anvertraut
Die Lust am Lästern
Krankenversicherung
Dagegen
Dezember
Hiobs Botschaft
Internationaler Tag zur Abschaffung der Sklaverei
Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung
Barbaratag
Nikolaus 1
Nikolaus 2
Internationaler Tag der Zivilluftfahrt
Rainer Maria Rilke
Das Ziel ist der Weg
Thomas Mann
Immanuel Kant
Maria
Geschenke
Adventszeit
Esperanto
Boston Tea Party
Der Traum vom Fliegen
Internationaler Tag der Migranten
Weihnachtsmärchen
Katharina von Bora
Thomastag
Kreuzworträtsel
Weihnachtsphysik
Weihnachten
Von Liebe und Ohnmacht
Ein gutes Jahr?
Frischverliebt
Neujahrsspringen
Zwischen den Jahren
Jahresrückblick
Silvester
Weitere Bücher
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86506-814-9
© 2010 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: shutterstock
Satz: Satzstudio Winkens, Wegberg
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.brendow-verlag.de
Vorwort
»Das Verrückte dabei ist …«
Das ist seine Lieblingsformulierung, glaube ich. »Das Verrückte dabei ist …« Wird gern auch einem Gedanken hinterhergeschickt als: »Verrückt, oder?« Und das Verrückteste daran ist: Er hat auch noch recht. Es stimmt. So isses. Kurz: Man schüttelt amüsiert den Kopf und muss ihm jedes Mal zustimmen. 365 Mal, um genau zu sein.
Fabian fabuliert nämlich nicht, sondern hat sie noch alle beisammen. Die Fakten, meine ich. Die Namen, Jahreszahlen, Maße und Daten seiner Anekdoten, Aufhänger und Aufreger hat er akribisch recherchiert und sich trotzdem den schrägen Blick auf sie erhalten. Hat also seinen eigenen Betrachtungs-Standpunkt ver-rückt und kann so auch den bisherigen Standpunkt seiner Leserinnen und Leser ver-rücken. So viel Kreativität genial zu nennen ist nicht übertrieben, finde ich.
Oder hätten Sie gewusst, wie man Angela Merkel zum Geburtstag lebensklug Gottes Segen wünscht, alle Männer mit der hässlichen grünen Filmfigur »Shrek« vergleicht, die Liebesgedichte des mittelalterlichen Francesco Petrarca auf Gott bezieht, Werner Heisenbergs Quantenmechanik zum Quantensprung ins Vertrauen macht, den Tiefsee-Tauchrekord von 10 916 Metern zur Interpretation des Propheten Micha benutzt oder allen Mallorca-Ballermännern die Bekehrung des Partyhengstes Ramon Lull empfiehlt?!
Und glauben Sie ja nicht, das sei wohl alles die übliche Infotainment-Wortdusche gut vorbereiteter Discjockeys auf ihren Gute-Laune-Pop-Wellen. Nein, nein, wer als Pfarrer den Berliner Volksentscheid »Ethik oder Religionsunterricht«, Darwins Evolutionstheorie, die »Kunst des Zweifelns« und den Gedenktag der Befreiung von Auschwitz sachgemäß, respektvoll und theologisch präzise kommentieren kann, der kann auch Schweres. Das macht die beeindruckende Ernsthaftigkeit und unwiderstehliche Eindringlichkeit dieser Radio-Andachten aus.
Moment mal. Andachten?
Ja, Andachten. Verrückt, oder?
Andreas Malessa
Hörfunkjournalist beim DeutschlandRadio Kultur
Fernsehmoderator und Dokumentarfilmer beim Südwestrundfunk
Anmoderation
»Heute ist kein ganz normaler Tag. Warum?
Das verrät uns gleich Fabian Vogt von der evangelischen Kirche.
Denn hier ist wieder ›Moment mal!‹…«
So ungefähr klingt das, wenn zwischen entspannter Musik, gut gelaunten Moderatoren, verrückten Quizspielen, Kurznachrichten, Verkehrsmeldungen und viel Comedy die Kirchen auf hr3 dreimal pro Woche für 90 Sekunden ihre Sicht von Gott und der Welt »on Air« präsentieren dürfen. Am Vormittag. Zu einer ziemlich attraktiven Sendezeit. 90 Sekunden lang …
Aber Vorsicht! Täuschen Sie sich nicht: 90 Sekunden können lang sein. Richtig lang sogar. Vielleicht sagen Radioleute ja deshalb lieber 1’30 (»einsdreißig«). Das klingt irgendwie kürzer. Und lässiger. Voilà! Die hier gesammelten Radio-Beiträge dauern in gesprochener Form »einsdreißig«. Eineinhalb Minuten. Genug Zeit, um eine verrückte Geschichte zu erzählen, einen Gedanken gegen den Strich zu bürsten oder auf eine ungewöhnliche Frage neugierig zu machen.
Leider reicht diese Zeit aber auch, um mit einem kurzen Tastendruck einen anderen Sender zu wählen. Und die Hörerinnen und Hörer sind, was das angeht, heute ziemlich schnell geworden. Insofern ist jeder Wortbeitrag im Radio zugleich ein medialer Wettkampf. Gelingt es, die Leute zu »fesseln« – oder zappen sie zur Konkurrenz?
Was ich damit sagen will: 90 Sekunden erweisen sich bisweilen als äußerst intensives und dichtes Erlebnis. (Die meisten Heiratsanträge dauern auch nicht länger. Oder?) Im Radio sind 90 Sekunden jedenfalls eine kleine Ewigkeit. Vor allem in einem schnellen und musiklastigen Programm wie hr3.
Darum möchte ein gelungener Radio-Beitrag so gern ein kleines Gesamtkunstwerksein. Eines, das mit einem guten Einstieg Aufmerksamkeit weckt, die Menschen an den Lautsprechern berührt und ein Thema kurz und knackig auf den Punkt bringt. Diese Kriterien gelten eigentlich für jeden Beitrag. Die kirchlichen Autorinnen und Autoren haben sich aber zudem auf die Fahnen geschrieben, dass ihre Texte von der Liebe Gottes erzählen wollen. Und das in einer einladenden Form, die nicht nur Wohlgesinnten, sondern auch Kirchenfremden oder sogar skeptischen Atheisten Lust macht, sich mit Glaubensfragen zu beschäftigen. Keine leichte Aufgabe.
Dass solche Vorhaben bisweilen schiefgehen, sieht man daran, dass Parodien auf Verkündigungssendungen bis heute zum Lieblingsgenre deutscher Kabarettisten gehören. Wobei die Kritik sich in der Regel weniger an den Inhalten als an der Präsentation festmacht. Spötter sagen: »Einen kirchlichen Beitrag erkennt man sofort am Tonfall.« Und das ist dann selten positiv gemeint.
Nun: hr3 wollte vor einigen Jahren gerne einen regelmäßigen Sprecher für das Konzept »Moment mal« aufbauen. Und die Sendung so weiterentwickeln, dass sie möglichst »formatgerecht« daherkommt, sprich: sich stimmig in den Stil des sonstigen Sendeumfelds einfügt. Deshalb gab es ein ziemlich verrücktes Casting: »Wir suchen jemanden, der wie ein Pfarrer denkt, aber nicht wie ein Pfarrer klingt.« Nun ja, so bin ich bei hr3 gelandet.
Und bis heute ist für mich jedes »Moment mal« eine wahrhaft reizvolle Aufgabe. Regelmäßig sitze ich da und frage mich leicht irritiert, wie man denn zu diesem oder jenem scheinbar abwegigen Thema einen anregenden geistlichen Impuls finden soll. Denn: Die Themen des Tages werden meist von der Redaktion der Welle vorgeschlagen. Tja, dann sagen Sie mal was theologisch Inspirierendes zur Entdeckung des Tuberkelbazillus, zum Todestag von Elvis, zur Einführung des Bikinis, zum Weltschildkrötentag oder zum Tag des Orgasmus (Den gibt es wirklich! Und falls Sie es jetzt vor Neugierde nicht mehr aushalten: Es ist der 9. Mai.).
Außerdem kommen natürlich aktuelle Meldungen dazu, die noch herausfordernder sind: das Erdbeben in Haiti, der Amoklauf in Winnenden oder ein Tsunami. Dann wird das Ringen mit einem Thema richtig existenziell. Bis es irgendwann, manchmal nach einer Minute, manchmal erst nach fünf Stunden, »klick« macht – und plötzlich klar wird, dass in jeder Nachricht auch Evangelium, also eine »gute Nachricht«, steckt. Diese gute Nachricht aus dem Weltgeschehen zu schürfen wie ein Goldgräber die Nuggets aus der Erde ist für mich jedes Mal ein bereicherndes Erlebnis.
Zum Glück bin ich auf dem Weg vom Thema zum sendefähigen Beitrag nicht allein. Heidrun Dörken, die Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), prüft jedes meiner Manuskripte sorgfältig – und macht es durch kluge Nachfragen besser. Und wenn Heidrun mal nicht kann, springen Helwig Wegner-Nord, der Leiter des Medienhauses der EKHN, oder Dr. Joachim Schmidt, der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der EKHN, für sie in die Bresche. Allen dreien danke ich für ihre kompetente und freundschaftliche Begleitung.
Aber auch dem Team von hr3 gebührt ein herzliches Dankeschön. Weil Redaktion, Studio-Techniker und Moderatorinnen und Moderatoren dort ein sehr entspanntes Radio-Klima kultiviert haben: eine nette Mischung aus Geschäftigkeit, Aktualität, Coolness und Sendungsbewusstsein. Oder wie es immer wieder heißt: hr3 – macht Spaß.
Der aktuelle Slogan der Welle lautet übrigens: »hr3 – bei drei ist mehr drin.« Und ich finde: Das kann man getrost auch auf die Verkündigungssendungen beziehen. Weil »Moment mal« in den gehobenen Boulevard-Journalismus und das erfolgreiche Unterhaltungsradio eben noch eine ganz andere Perspektive einbringt: die Dimension des Glaubens, die neben aller medialen Konsumfreude den Menschen wieder auf sich und auf Gott verweist. Die vielen Reaktionen von Hörerinnen und Hörern (vor allem per Mail) und die hohen Downloadzahlen zeigen jedenfalls, dass es bei vielen Menschen noch immer und ganz neu ein starkes Interesse an spirituellen Fragestellungen gibt.
Dass diese täglichen Einsdreißig Ihnen den Tag erhellen, wünscht
Fabian Vogt
JANUAR
1
Gute Vorsätze
Da ist es, das neue Jahr. Die Regierung hat uns in der Neujahrsansprache richtig Mut gemacht, wir ahnen alle längst, was wir besser machen können – und wir haben uns diesmal auch ganz besonders fest vorgenommen, dass wir es schaffen.
Wissen Sie, was mein Problem dabei ist? Eigentlich hasse ich gute Vorsätze! Diese kleinen nervigen Vorhaben, die ein schlechtes Gewissen machen. Diese unruhigen An-die-Kandare-Nehmer. Diese sanft penetranten Selbstermahnungen, die uns vorgaukeln, das Glück wäre mit dem Besiegen einiger schlechter Angewohnheiten plötzlich zum Greifen nah.
Ja, ich weiß: Natürlich ist es gut, wenn ich mir vornehme, nicht mehr zu rauchen, Sport zu treiben und meine Beziehungen zu pflegen. Aber wir wissen doch alle, wie es läuft. Manchmal klappt es, und manchmal klappt es eben nicht. Vielleicht hasse ich gute Vorsätze ja nur deshalb, weil ich so oft an ihnen scheitere.
Ich finde es spannend, wie vehement die Bibel auf eines immer wieder hinweist: Aufgrund von guten Vorsätzen bekommt niemand ein erfülltes Leben. Zumindest nicht, solange solche guten Vorsätze uns einreden: »Du hast es selbst in der Hand! Du musst nur wollen!«
»Nein«, sagt die Bibel, »du kannst noch so viel wollen, das, was ein Leben reich und stark macht, wirst du allein nicht schaffen.« Das ist deswegen interessant, weil die Bibel zugleich hervorhebt: Veränderung ist möglich – weil Gott nichts unmöglich ist.
Es fühlt sich nun mal anders an, ob ich bei Veränderungen auf mein Wollen oder auf Gottes Können baue. Denn dann bin ich mit den Herausforderungen meines Lebens nicht allein. Darum mag ich es so, dass Gott sagt: »Das Alte ist vorbei. Ich schaffe etwas ganz Neues.« Mein guter Vorsatz für das neue Jahr lautet: Daran will ich glauben.
JANUAR
2
72 Stunden
Mist! Was ist denn nun mit den guten Vorsätzen? Natürlich habe ich mir an Silvester doch was vorgenommen: Schlanker will ich werden, gelassener, freundlicher, vielseitiger, sportlicher, verbindlicher, ein bisschen frommer und irgendwie insgesamt besser. Es soll endlich alles anders werden. Und vor allem: Gelassen wollte ich diese Veränderungen angehen.
Doch nun habe ich dummerweise von dieser 72-Stunden-Regel gelesen, dieser geheimnisvollen Formel, die zurzeit in Manager- und Marketing-Seminaren so gerne verkündet wird: »Wenn Sie nach einer wichtigen Entscheidung nicht innerhalb der nächsten 72 Stunden – also innerhalb der nächsten drei Tage – einen ersten konkreten Schritt gehen, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Ihr Vorhaben tatsächlich umsetzen, auf unter 1 Prozent.« Was für ein Stress. Aber angeblich hat das jemand sogar mal empirisch nachgewiesen.
Das heißt: Schöne Absichten, die nicht innerhalb von 72 Stunden in der Realität verankert werden, treiben fast immer in der Strömung des Alltags davon. Und ganz absurd klingt diese Theorie ja nicht. Tatsächlich bleiben viele Ideen, Pläne, Gedanken und Träume unverwirklicht, weil wir sie immer wieder auf die lange Bank schieben.
Gefährlich ist in diesem Zusammenhang eigentlich nur die Vorstellung, dass ausgerechnet der 31. Dezember eines Jahres der entscheidende Stichtag für grundlegende Veränderungen im Dasein eines Menschen sein soll. Der christliche Glauben hat – was das angeht – zum Glück eine ganz andere Vorstellung von Neuanfang. Gott kann jeden Augenblick eines Jahres nutzen, um neue Wege aufzutun. Oder andersherum: Immer wenn Menschen Erfahrungen mit Gott machen, beginnt in ihrem Leben etwas Neues. Insofern könnte jeder Tag so ein Tag sein.
Und dann? Na, dann beginnen die 72 Stunden von vorne.
JANUAR
3
Exkommunikation
Jetzt mal ehrlich, wie sieht es denn mit Ihren guten Vorsätzen aus? Ich meine: Die hören und fühlen sich in der Silvesternacht und am Neujahrsmorgen immer gut an. Aber dann stellt man ziemlich schnell fest, dass es gar nicht so leicht ist, sein Leben zu ändern. Meist scheitern wir schon an unseren Diätzielen – von wirklich herausfordernden Veränderungen ganz zu schweigen.
Der 3. Januar ist in diesem Zusammenhang übrigens ein spannender Tag. Da wurde nämlich im Jahr 1521 der Reformator Martin Luther exkommuniziert. Aus der Gemeinschaft der Glaubenden offiziell ausgeschlossen, weil er mit seinen revolutionären Reformen das ganze damalige Weltverständnis infrage stellte. Fortan war er vogelfrei.
Was das mit uns zu tun hat? Das kann ich Ihnen sagen: Martin Luther besaß den Mut, aus zerstörerischen Strukturen auszusteigen. Auch wenn er dafür sozial geächtet wurde. Und ich behaupte mal: Allzu oft bleiben Menschen in falschen und zerstörerischen Strukturen stecken, weil sie genau davor Angst haben – den Halt zu verlieren und von der Gemeinschaft nicht mehr anerkannt zu werden.
Echte Veränderungen haben aber nun mal ihren Preis. Und wer nicht bereit ist, diesen Preis zu bezahlen, bezahlt auf Dauer einen viel höheren – nämlich mit einem unguten, halbherzigen Leben. Also: Sollten Sie für das neue Jahr bedeutende Veränderungen vorhaben, dann denken Sie an den glaubensstarken Martin Luther. Der fand nämlich bald auch eine neue Gemeinschaft, in der er sich wirklich frei fühlen konnte.
JANUAR
4
Welt-Braille-Tag
Sechs winzige Punkte machen den entscheidenden Unterschied. Ja, diese sechs kleinen Punkte sind wie das Tor in eine völlig neue Welt. Die Welt der Literatur, der Poesie, der Sprachbilder und der Informationen. Gäbe es diese sechs Punkte nicht, bliebe vielen eine fantastische Welt verschlossen.
1829 erfand der 20-jährige Blinde Louis Braille die nach ihm benannte Brailleschrift, ein Alphabet aus maximal sechs kleinen Erhebungen im Papier, mit dessen Hilfe Millionen von blinden Menschen seither lesen und schreiben können.
Heute ist »Welt-Braille-Tag«, und das ist wirklich ein Grund zum Feiern. Weil Blinde durch Braille all das, was sie nicht sehen, zumindest in den Worten der Dichter und Denker miterleben können. Die sechs Punkte machen es ihnen möglich, mit den Fingern zu sehen. Schönheit zum Anfassen.
Nun ist Weihnachten zwar schon vorüber, aber vielleicht lohnt sich noch mal ein kleiner Rückblick. Denn: Jesus ist nichts anderes als eine Brailleschrift des Himmels. Gott, den wir Menschen nicht sehen können, erfindet sozusagen eine Schrift, mit deren Hilfe man ihn erkennen kann. Ja, Jesus ist das Medium, mit dessen Hilfe auch jemand, der für das Überirdische blind ist, eine Vorstellung davon bekommt, wie Gott ist. Liebe zum Anfassen.
Und mancher, der an Weihnachten in der Geburt Jesu etwas von Gottes Gegenwart erkennt, fühlt sich wie ein Blinder, der mithilfe der Brailleschrift zum ersten Mal eine bildhafte Vorstellung von der Welt bekommt. Natürlich braucht es dazu Fingerspitzengefühl – aber zugleich eröffnet sich eine neue Dimension des Lebens.
JANUAR
5
Die vielen unheiligen Weisen
Morgen ist der 6. Januar. Der Tag der heiligen drei Könige. Der Tag, an dem man sich daran erinnert, dass die heiligen drei Könige zu Jesus kamen, um ihm wertvolle Geschenke zu bringen.
Also, um genau zu sein: Es waren laut Bibel gar keine Könige, sondern Weise. Wahrscheinlich waren’s auch nicht drei. Die Bibel nennt gar keine Zahl, und nur weil die Gruppe drei Geschenke mitbrachte, einigte man sich nach langen Diskussionen auf drei Personen. Es könnten aber auch acht oder zwei gewesen sein. Und heilig waren die Kerle nach damaligem Verständnis schon gar nicht, weil sie als Astrologen arbeiteten und die Bibel gegen solche Leute mehrfach ganz massiv wettert.
Moment mal. Ich glaube, ich fange einfach noch mal an. Also: Morgen ist der 6. Januar, der Tag der ungezählten, unheiligen Männer, die aus irgendeinem Grund in die Weltgeschichte eingegangen sind. Tja, warum?
Ich behaupte: Sie haben etwas getan, was alle fasziniert, die gerne glauben würden. Schauen wir uns das mal an. Diese Sterndeuter sehen einen Stern am Himmel und kommen zu dem Schluss, dass dieser Stern etwas mit der Gegenwart Gottes zu tun hat. Und jetzt kommt das Entscheidende: Sie machen sich tatsächlich auf den Weg. Ohne Sicherheit, ohne Erfolgsgarantie und ohne genaue Anweisung. Einfach weil ihre Sehnsucht größer ist als alles, was sie bisher von der Welt kennen. Weise sind die Weisen nicht, weil sie den Stern korrekt deuten, sondern weil sie dem Stern tatsächlich folgen – und gucken, ob etwas dahinter, oder besser, darunter ist.
Ich gestehe, dass ich so manches Glitzern gesehen habe, bei dem ich dachte: »Na, könnte das nicht ein Hinweis auf die Gegenwart Gottes sein?« Aber nachgeschaut habe ich nur in den seltensten Fällen. Gut, dass die Leute, deren Festtag morgen ist, zeigen, wie es richtig geht.
JANUAR
6
Dreikönigstag
Es war einige Tage nach Weihnachten. Drei von ihrer Reise ermüdete und doch erregte Herren aus dem Ausland ließen sich bei Hofe melden, stürzten in den Audienzsaal und stellten dem dort auf seinem Thron sitzenden Herrscher nur eine einzige schlichte und doch äußerst explosive Frage: »Wo ist der König?«
»Häh?«, sagt der Herrscher, »ich bin doch …«
»Nein«, erwidern die Männer. »Wir haben ein himmlisches Zeichen bekommen, dass hier in der Region ein neuer König zur Welt gekommen ist.«
Kein Wunder, dass dem amtierenden Regenten Herodes ganz mulmig wird. Schließlich hat er gerade erst zwei seiner Söhne hinrichten lassen, um jegliche Anwärter auf den Thron ein für alle Mal abzuschrecken.
Heute ist das Fest der heiligen drei Könige, der Tag, an dem man der Männer gedenkt, die mit ihrer revolutionären Frage ganz Jerusalem in Aufruhr brachten. Die Gelehrten – die im Laufe der Zeit durch den Volksglauben selbst gekrönt wurden – standen nämlich erst einige Tage nach der Geburt Jesu in Bethlehem. Dort fielen sie vor dem Säugling auf die Knie, huldigten ihm und brachten ihm kostbare Geschenke, die damals tatsächlich eines Königs würdig waren.
Weise, wohlangesehene Männer beten ein kleines, schutzbedürftiges Kind an und preisen es als neuen Herrscher. Das ist tatsächlich revolutionär, denn damit werden die Gesandten zum Sinnbild eines einzigartigen Machtwechsels in der Geschichte der Menschheit: von vergötterten Herrschern zum verherrlichten Gott, von der Unterwerfung zur Hingabe, von der Gewalt zur Liebe und von irdischen zu himmlischen Zielen.
Herodes hätte sich um seinen Thron keine Sorgen machen müssen. Den hat Jesus nie beansprucht. Und doch bringt er Weltreiche ins Wanken, weil er die Menschen auffordert, Gott in ihrem Leben über alles zu setzen. Insofern könnten die heiligen Drei auch heute noch hereingestürmt kommen und sinngemäß fragen: »Na, wer ist der König? In deinem Leben?«
JANUAR
7
Sieben
Sieben Zwerge, sieben Geißlein, sieben Tage, sieben Schwaben, Siebenschläfer, sieben Siegel, siebenarmige Leuchter und Siebenbürgen: Heute ist der 7. Januar – und in den großen Geschichten dreht sich oftmals alles um diese eigenartige, seit Jahrtausenden heilige Zahl Sieben, die für Vollkommenheit steht und Menschen fasziniert.
Sieben! Meine Lieblings-Siebener-Geschichte steht – wie könnte es bei einem Pfarrer auch anders sein – in der Bibel. Eines Tages kommt der ziemlich dreiste Jünger Petrus zu Jesus und sagt: »Wie oft soll man eigentlich jemandem vergeben, der sich an einem versündigt hat? Reichen siebenmal?« Offensichtlich war »siebenmal« damals so die gesellschaftlich geforderte Größe. Und schon das finde ich ziemlich viel. Siebenmal: »Gut, ich vergebe dir!« Ganz gleich, was der andere getan hat. Respekt!
Aber Jesus geht noch viel weiter. Er sagt: »Siebenmal reicht nicht. Weißt du, wie oft du vergeben sollst? Siebzigmal siebenmal.« Und das war nichts anderes als ein Ausdruck für »unbegrenzt, immer wieder«. »Ja«, erklärt Jesus, »Gott vergibt den Menschen doch auch immer wieder. Ihr könnt befreit leben, weil ihr eure Schuld an Gott abgeben könnt. Und deshalb sollt ihr auch gnädig sein.«
Noch ist das Jahr jung, und noch kann man Weichen stellen. Es könnte doch sein, dass dieses Jahr ganz anders verläuft, wenn wir dem einen oder anderen vergeben, gegen den wir seit Jahren einen Groll mit uns herumtragen. Denn unser Problem ist ja in der Regel nicht das siebte, sondern das erste Mal. Und einer, der es tatsächlich schafft, siebzigmal siebenmal zu vergeben, hat irgendwie Größe. Finde ich.
JANUAR
8
Die Kunst des Lachens
»Wir lachen immer dann, wenn etwas Lebendiges von etwas Mechanischem überdeckt wird.« Klingt hochgebildet. Kein Wunder, stammt ja auch von dem Philosophen und Literaturnobelpreisträger Henri Bergson. Einem der wenigen Gelehrten, die sich ihr Leben lang mit der Kunst des Lachens beschäftigt haben.
Und Henri Bergson war sicher: Wir müssen das Dasein von allen zur Gewohnheit erstarrten oder im Laufe der Zeit sinnentleerten Strukturen befreien. Und das machen wir am besten durchs Lachen. Weil uns Lachen darauf aufmerksam macht, was in der Welt nicht stimmt. Ja, wir lachen immer dann, wenn etwas nicht wirklich lebendig ist, sondern irgendwie künstlich, aufgesetzt, lächerlich eben.
Um die Verkrustungen des Lebens zu überwinden, braucht man »Lebensschwung«. Zumindest war der große Denker aus Paris der Überzeugung, dass man entweder schwungvoll oder ritualisiert leben könne. Seine Devise lautete: Lachen oder Erstarren. Wer lacht, bekommt Lebensschwung.
Besonders wünschte sich Bergson eine solche Einstellung für den Glauben: »Du hast entweder eine statische Religion, die sich in Ritualen verliert – oder eine dynamische Religion, die ahnt, dass der wahre Lebensschwung von Gott kommt.«
Muss ein heiterer Typ gewesen sein, dieser Henri Bergson. Einer, der sicher auch im Gottesdienst gerne gelacht hat. Anfang Januar 1941 ist der fröhliche Philosoph im Alter von 81 Jahren gestorben. Doch seine Aufforderung, alle Verkrustungen wegzulachen und schwungvoll zu leben, gilt bis heute.
JANUAR
9
Benedikt von Nursia
Wahrscheinlich hat kaum jemand das Bewusstsein Europas so geprägt wie der ungewöhnliche Mann, der am 9. Januar des Jahres 529 auf dem Monte Cassino zwischen Rom und Neapel ein kleines Kloster gründete. Ein Kloster, das zur Geburtsstätte des ersten Mönchsordens im Abendland wurde und mit seinen Idealen einen gesamten Kontinent veränderte.
Kein Wunder, dass die katholische Kirche den heiligen Benedikt 1964 zum Schutzpatron Europas ernannt hat. Der erste Abt und Gründervater des Benediktinerordens beherrschte schon vor fast 1500 Jahren die Kunst, seine weitsichtigen Ideen in einen kurzen und knackigen Slogan zu packen: »Ora et labora« – »Bete und arbeite«.
Das klingt zwar simpel, ist aber heute nicht weniger herausfordernd als damals, weil es die vergeistigten Halleluja-Säusler genauso ermahnt wie die Workaholics. Mit Beten allein ist es nicht getan, und mit Arbeiten auch nicht. Wenn ein Leben gelingen soll, dann muss beides zusammenkommen: die Anbindung an Gott (und damit die Gesundheit der Seele) und das kräftige Anpacken. Wenn eines davon fehlt, läuft auf Dauer etwas schief. Die ewigen Seelenstreichler gehen nicht weniger schnell ein als all diejenigen, die ihr Heil allein in der Arbeit suchen.
Ora et labora. Das ist die schönste Kurzformel für ein Leben im Gleichgewicht, die ich kenne. Vielleicht weil diese drei Worte Himmel und Erde verbinden. Erst die Auseinandersetzung mit Gott und mit dem, was auf Erden getan werden muss, verleiht dem Menschen einen weiten Horizont. Und wir merken sofort, dass wir aus dem Gleichgewicht kommen, wenn eine der Waagschalen zu weit nach unten hängt.
Vielleicht ist ein junges Jahr ja auch die Chance, ein bisschen mehr Gleichgewicht zu finden. Ora et labora. Wer beides mit Leidenschaft tut, dem fehlt nichts. Oder, wie es ein verschmitzter Mensch einmal ausgedrückt hat: »Bete, als ob alles Arbeiten nichts nutzt, und arbeite, als ob alles Beten nichts nutzt.«
JANUAR
10
Skispringen
Ich finde Skispringen irre. Erstens, weil ich mich für kein Geld der Welt so eine Schanze runterstürzen würde. Und zweitens, weil dieser Sport eine faszinierende Geschichte hat. Wussten Sie, dass die ersten Skispringer noch wild mit den Armen ruderten, um weiter zu kommen? Später streckten sie die Arme aus. Danach nahmen sie sie eng an den Körper. Und dann kam Anfang der 90er dieser verrückte Jan Boklöv mit seinen v-förmig gespreizten Skiern.
»Hey, das sieht total dämlich aus«, schimpften die Weitenrichter Dieter-Bohlen-mäßig und gaben Jan ganz schlechte Haltungsnoten. Das machte dem leidenschaftlichen Schweden aber nichts aus. Der flog nämlich aufgrund der besseren Aerodynamik unglaublich viel weiter als alle anderen und gewann trotz des Punktabzugs.
Was lernen wir daraus? Wer große Sprünge machen will, muss manchmal seine Einstellung ändern – auch gegen Widerstände. Viele Menschen halten ja eisern an Traditionen fest, obwohl sie mit neuen Ideen wesentlich weiter kämen. Die rudern irgendwie noch immer mit den Armen.
Auch wenn die Kirchen oft als Hort der Traditionen gelten, den Mut zur Veränderung kann man schon bei Jesus lernen. Der war nämlich immer bereit, Dinge zu verändern, wenn dadurch das Leben gefördert wurde. In diesem Sinn: Guten Sprung.
JANUAR
11
Wohnen
»Wohnst du noch oder lebst du schon?« Das ist hier die Frage. Eine schwedische Frage, die man sich zu Beginn eines Jahres ja mal stellen kann. »Wohnst du noch oder lebst du schon?«
Wenn Sie zur Klärung dieser Frage Anregungen brauchen: Jedes Jahr trifft sich am Jahresbeginn die »Crème de la crème der Möbelmacher, Designer und Einrichtungsprofis« auf der »imm cologne«, der weltweit führenden Möbelmesse. Ja. Und parallel dazu finden gleich noch mehrere andere hochkarätige Ausstellungen statt: die »imm cuisine«, die Messe für Küchentrends, die »BAU«, die Messe für Baustoffe und Bauerneuerung, und für alle, die öfter kalte Füße bekommen, die »Domotex«, die Messe für Teppiche und Bodenbeläge. Da kann man sehen, wie in Zukunft gewohnt wird … nee, gelebt … na, was denn nun?
Wie wohnt oder lebt man richtig trendy im neuen Jahr? Laut Werbekatalogen liegt’s vor allem an der Einrichtung. Und die soll dann bitte regelmäßig erneuert werden.
Aber Vorsicht! Dem Herkunftswörterbuch zufolge heißt »wohnen« etwas ganz anderes, nämlich »sich an etwas gewöhnt haben, zufrieden sein«. Seinen Frieden gefunden haben. Und dann lautet die Frage plötzlich so: »Hast du schon deinen Frieden gefunden, oder hat dich das Leben noch in den Krallen?«
Ob einem die Einrichtungsprofis da weiterhelfen können, weiß ich nicht, aber ich weiß sehr wohl, dass ich gern etwas gelassener, entspannter, also etwas wohnlicher wäre. Und das gelingt einem nur, wenn die Seele weiß, wo sie zu Hause ist. Bei Gott, würden Christinnen und Christen sagen. Deshalb hier die wirklich wichtige Frage für alle Einrichtungsspezialisten: »Wohnst du schon?«
JANUAR
12
Haruki Murakami
Manchmal bleibe ich in irgendwelchen Romanwelten einfach hängen. Da habe ich überhaupt keine Lust mehr, wieder in den Alltag zurückzukommen. Klar, das geht mir nicht bei jedem Autor so. Aber bei einem immer wieder. Und der hat auch noch heute Geburtstag: Haruki Murakami. Wirklich! Falls Sie von Murakami noch nichts gelesen haben, wird es höchste Zeit.
Zumindest dann, wenn Sie Geschichten mögen, in denen sich die Wirklichkeit auf sehr unterhaltsame Weise mit märchenhaften und mythischen Elementen verbindet. Murakami erzählt zwar vom Alltagsleben im heutigen Japan, doch plötzlich tauchen in fast jedem seiner Romane irgendwelche surrealistischen Figuren oder Geschöpfe auf. Und zwar so, als wäre das ganz selbstverständlich. Darum heißen die Bücher auch: »Wilde Schafsjagd«, »Mister Aufziehvogel« oder »Kafka am Strand«. Frech umschlingen sich bei Murakami Fantasie und Realität. Finde ich großartig.
Vielleicht liegt es daran, dass ich als Pfarrer ohnehin der Überzeugung bin, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt als das, was sich naturwissenschaftlich beweisen lässt. Und dass das Leben erst dann richtig spannend wird, wenn man diese Dinge, an die man nur glauben kann, ernst nimmt.
Murakami jedenfalls zeigt, dass unsere Vorstellungen, Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen viel mehr Einfluss auf uns haben als so manche Realität. Also: Herzlichen Glückwunsch, lieber Haruki. Schreib weiterhin so schöne Bücher.
JANUAR
13
Philipp Jakob Spener
»Ihr Lieben. Glaube, das hat nicht nur was mit dem Kopf zu tun, sondern vor allem mit dem Herzen – und mit dem Handeln im Alltag.« Sagt Philipp Jakob Spener. Ein Frankfurter. Wie ich! Na, zumindest hat Spener viele Jahre in Frankfurt gelebt.
Und irgendwie fand der aufmüpfige Pfarrer die Kirche seiner Zeit nicht so prickelnd. Die Christen waren ihm nicht leidenschaftlich genug, so mutlos, so wenig überzeugend. Vor allem aber hatten sie überhaupt keine Ahnung, was sie da eigentlich glaubten. Also setzte sich Spener hin und schrieb ein Buch, das zu einem Bestseller wurde: »Pia desideria«, zu Deutsch: »Fromme Wünsche«.
Und darin hielt er mit seiner Kritik nicht hinterm Berg. Es wäre doch schön, wenn die evangelische Kirche lebensnaher wäre, die Gläubigen selbstbewusster aufträten und … ja, wenn die Gemeinden einfach – im positiven Sinne – etwas frömmer würden. Das war Ende des 17. Jahrhunderts. Und Spener selbst wurde mit seinen »Frommen Wünschen« zum »Vater des Pietismus«, einer weltweiten geistlichen Bewegung, deren Sehnsucht nach mehr lebendiger Glaubenspraxis weiterlebt.
Heute hat der berühmte Theologe Geburtstag. Und wenn er da einen Wunsch freihätte, würde er bestimmt aus dem Himmel leise flüstern: »Hey, die Kirche verändern, das geht nicht von oben, das geht nur von unten. Ihr alle seid gefragt. Entdeckt, was Glauben heißt, und dann feiert tolle Gottesdienste.«
Herzlichen Glückwunsch, Philipp Jakob Spener.
JANUAR
14
Albert Schweitzer
Der Mann hatte gleich mehrere vielversprechende Karrieren vor sich, als Professor, als Pfarrer, als Orgelvirtuose und als Kulturphilosoph. Doch er entschied sich, zum Erstaunen seiner Freunde, nachträglich Medizin zu studieren, um in Gabun als Missionsarzt zu arbeiten: Albert Schweitzer, dessen Leben vor Kurzem als Film in den Kinos präsentiert wurde und der heute Geburtstag hat.
Bekannt wurde Schweitzer, das Multitalent, aber vor allem durch eines: seine »Ehrfurcht vor dem Leben«. Irgendwann, beim Kanufahren in Afrika, hatte der Urwalddoktor nämlich eine Eingebung: Moment mal. »Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.«
Alle Geschöpfe dieser Erde verbindet der Wille, am Leben zu bleiben und das Dasein angenehm zu gestalten. Und wer das erkennt, der wird keinem anderen Schaden zufügen. Der wird »Ehrfurcht vor dem Leben« entwickeln. 1952 erhielt Albert Schweitzer für diesen Traum den Friedensnobelpreis.
Natürlich sah er als Christ die Welt ohnehin aus einem besonderen Blickwinkel. Für ihn war klar, dass es einen Gott gibt, der alles erschaffen hat. Und wenn in jedem Geschöpf etwas von diesem Schöpfer sichtbar wird, dann kann man ja gar nicht anders, als es ehrfürchtig zu behandeln.
Schweitzer selbst hat in seinem Urwaldhospital in Lambarene liebevoll gezeigt, wie man diese Ehrfurcht umsetzen kann. Indem man zum Beispiel auch Leprakranken mit Hochachtung begegnet. Der Name »Lambarene« war dabei übrigens Programm. Er bedeutet in der Sprache der Einheimischen: »Versuchen wir’s!«
JANUAR
15
Martin Luther King
»I have a dream.« Ich habe einen Traum. Mit diesen vier schlichten Worten ist Martin Luther King berühmt geworden, der schwarze Baptistenpfarrer und Bürgerrechtler, dem es gelang, die Rassenschranken in Amerika immer weiter abzubauen. Und das gewaltfrei. 1964 wurde er dafür mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
»I have a dream.« Ich habe einen Traum. »Dass eines Tages die Söhne früherer Sklaven und die Söhne von Sklavenhaltern an einem Tisch sitzen werden.« Das hat Martin Luther King 1963 gesagt. In Washington, vor dem Lincoln Memorial. Vor 250 000 Demonstranten. »Ich träume, träumt mit mir.«
»I have a dream.« Und irgendetwas ist da passiert. Die Zuhörer haben nämlich nicht einfach den Traum von Martin Luther King übernommen. Nein, er hat einen Traum geweckt, der irgendwo in ihnen darauf wartete, angesprochen zu werden. Er hat den Leuten Mut gemacht, wieder an ihre eigenen Träume zu glauben.
»I have a dream.« Das Verrückte ist: Die Welt braucht keine Vorträumer. Sie braucht Menschen wie Martin Luther King, die uns helfen, unsere eigenen Träume wiederzuentdecken. Und dann etwas zu bewegen. Etwas zu verändern. Wieder an etwas zu glauben. An uns. Und an Gott. Zumindest war das dem Baptistenpastor King unglaublich wichtig.
Echte Träumer träumen nicht nur, sie verändern die Welt: »Ich have a dream.« Heute hätte Martin Luther King Geburtstag gefeiert. Hätte man ihn nicht 1968 erschossen. Nur seinen Traum, den konnte man nicht erschießen. Der lebt weiter.
JANUAR
16
Art’s Birthday
Morgen ist ein historischer Tag. Ja, es war nämlich an einem 17. Januar vor etwa 1 000 050 Jahren. Damals legte ein Frühmensch einen trockenen Schwamm in ein Gefäß mit Wasser, und als dieser Schwamm anfing, sich vollzusaugen, aufzugehen und die Form zu verändern, erkannte der staunende Mensch: »Hey, das ist ja … Kunst. Es gibt Kunst. Man kann Dinge gestalten. Mann, es ist unglaublich.« Seitdem gilt der 17. Januar als Geburtstag der Kunst.
O. k., diese Geschichte war und ist eine pfiffige Idee des französischen Künstlers Robert Filliou, der damit 1963 den Geburtstag der Kunst zum ersten Mal öffentlich als Performance zelebrierte. Und weil viele seiner Kolleginnen und Kollegen diesen frechen Vorschlag übernommen haben, wird der 17. Januar inzwischen weltweit gefeiert, um daran zu erinnern, was die Kunst für das Leben jedes Menschen bedeutet.
Das Verrückte dabei ist: Das Ganze passierte sicher nicht vor 1 000 050 Jahren, es war wahrscheinlich kein 17. Januar, und ich schätze, dass es auch kein Schwamm war, der die Menschen darauf brachte, dass man gestalterisch tätig werden und sich das Leben mit Kunst verschönern kann. Trotzdem hat es die menschheitsbewegende Erfahrung mit der Kunst irgendwann zum ersten Mal gegeben. Und es ist wichtig und richtig, sie zu feiern.
Komisch, da muss ich noch mal an Weihnachten zurückdenken. Weil da auch jedes Jahr Kritiker darauf hinweisen, dass der Dezembertermin ursprünglich ein heidnisches Sonnenwendfest war und dass Jesus bestimmt nicht im Winter auf die Welt gekommen ist. Na und? Wir wissen nicht genau, wann er Geburtstag hatte. Und trotzdem gibt es viele Gründe, seinen Geburtstag zu feiern. Wichtig ist, dass Jesus geboren ist und die Welt verändert hat.
JANUAR
17
Welttag der Migranten und Flüchtlinge
»Welttag der Migranten und Flüchtlinge«? Was mag das wohl sein? Also: Das ist ein kirchlicher Gedenktag, der von der katholischen Kirche schon 1914 ins Leben gerufen wurde. Und es geht darum, an diesem Tag an all die Menschen zu denken, die aus irgendwelchen Gründen ihre Heimat verlassen und ganz neu anfangen müssen.
Wer sich schon mal in der Fremde ein neues Zuhause aufgebaut hat, der weiß, welche gewaltigen Probleme das mit sich bringt. Und die anderen können es sicher nachempfinden: andere Beziehungen, andere Sprache, andere Kultur, andere Werte, andere Ängste. Da muss man sich wirklich erst mal hineinfinden.
Zudem nimmt in Zeiten grenzenloser Mobilität die Zahl der Migranten auch noch zu. Übrigens nicht nur von Menschen, die in andere Länder übersiedeln. Ich behaupte, dass es auch immer mehr inländische Migranten gibt. Wenn jemand aus einem ostfriesischen Dorf wegen des Jobs nach München zieht, dann ist das kulturell bestimmt ebenso herausfordernd wie ein Wechsel nach Alabama. Wenn nicht noch viel herausfordernder.
Die Bibel ist voller Migrationsgeschichten. Kein Wunder. Schließlich erzählt sie anfangs viel von Nomadenvölkern. Und vielleicht unterscheiden sich die Migranten von heute gar nicht so sehr von Nomaden. Das sind Leute, die regelmäßig weiterziehen. Und denen sagt die Bibel von Anfang an: Das Schöne ist, dass Gott mit euch geht. Wie fremd die neue Umgebung auch sein mag, Gott ist der Gleiche. Damals hat das viele getröstet.
JANUAR
18
Hitparade
Ja, ja, ich weiß, dass das ziemlich peinlich ist. Wer hat schon die Hitparade geguckt? Ich! Ich habe regelmäßig eingeschaltet, wenn Dieter Thomas Heck die neusten Hitkandidaten präsentierte. Das war für mich als Teenie Hochkultur: Peter Maffay, Wencke Myrrhe und Katja Ebstein und später dann auch Nena, Trio und Geier Sturzflug. Besonders kultig fand ich natürlich, dass Dieter Thomas Heck im Abspann jedes Mal in einer Minute gefühlte 5 000 Mitarbeiter der Sendung aufzählen konnte.
368 Folgen der ZDF-Hitparade wurden zwischen 1969 und 2000 ausgestrahlt. Und ich habe ziemlich viele davon gesehen. Meistens heimlich. War auch nicht so ein Bringer-Thema auf dem Schulhof. Weil das in unserer Klasse nicht unbedingt als cool galt. Hitparade. Wobei ich sagen muss, es gab damals zwei Tabuthemen: Hitparade … und Kirche: »Nee, oder? Du guckst doch nicht Hitparade? Und du gehst doch nicht etwa in die Kirche?«
Ich hab dann immer so komisch rumgedruckst. Eigentlich affig. Wegen der Hitparade habe ich mir eines Tages eine Gitarre gekauft. Und später viele Jahre als freischaffender Musiker gelebt. Und das mit der Kirche war das Beste, was mir passieren konnte. Weil da mein Horizont erweitert wurde. Weil ich angefangen habe zu spüren, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt als Coolsein.
Wenn ich heute an die Hitparade denke, dann erinnert sie mich immer daran, dass es manchmal cooler ist, uncool zu sein. Ich jedenfalls habe sie geliebt. Basta. Und darum feiere ich heute auch ihren Geburtstag.
JANUAR
19
Geschichten
Manchmal versuche ich, mir das vorzustellen. Wie das damals war, vor 2 000 Jahren. Eine Menschenmenge. An einem Seeufer. Unruhe. Drängeln. Und dann steht da dieser Mann, Jesus, und erzählt eine Geschichte. Und noch eine. Die Leute hören zu. Gebannt.
Merkwürdig. In diesen Geschichten geht es um lauter Dinge, die in Israel zum Alltag der Menschen gehörten: um Weinberge, Schafe, Senfkörner, Sämänner, Ackerbauern, Hochzeiten oder Geldstücke. Völlig unspektakulär. Und trotzdem begriffen die meisten Zuhörer: Moment mal! Der redet ja gar nicht nur von Hirten und Schafen, der meint eigentlich Gott und die Menschen. Da geht es um uns. Hey, dieser Hirte, der sich liebevoll um die Schafe kümmert, ist das nicht Gott? Und dieses Schaf, das sich verirrt hat, das … das könntest doch du sein. Oder vielleicht sogar ich selbst?
Warum hat Jesus so gerne Geschichten erzählt? Könnte das daran liegen, dass man Gott mit menschlicher Logik gar nicht begreifen kann? Dass jeder Versuch, ihn abschließend zu beschreiben, scheitern muss?
Verrückt, oder? Denn wir möchten Gott doch so gerne verstehen. Aber immer wenn eine christliche Gruppierung ernsthaft dachte, sie wüsste, wie Gott ist, ging das schief. Da kam es zu Engstirnigkeit, Traditionalismus, Gewalt, Ausgrenzung, Aggression und Streit.
Jesus macht das ganz anders: Er definiert nicht, er erklärt nicht, er erzählt Geschichten. Er sagt fast nie: »Gott ist soundso«, sondern: »Gott ist wie …« Er vergleicht. Er vergleicht den Schöpfer des Himmels und der Erde mit ganz irdischen Dingen, die wir kennen und verstehen. Und die Bilder, die er benutzt, öffnen uns die Augen.
JANUAR
20
Fabianstag
Früher dachte ich immer, Fabian sei ein neumodischer Name. Meine Großmutter – so erzählt die Familienlegende – soll noch angefangen haben zu weinen, als sie hörte, mit welch absurdem Lautgebilde meine Eltern mich strafen wollten: FA-BI-AN.
Doch dann hab ich festgestellt: In vielen Ländern ist der Namenstag wichtiger als der Geburtstag, weil die Leute früher meist ohnehin den Namen des Heiligen bekamen, der an ihrem Geburtstag gefeiert wurde. Da habe ich dann doch mal nachgeschaut. Und siehe da, es gibt tatsächlich einen Fabianstag – und der ist heute.
Also: Es war einmal ein Fabian. Der besuchte im Jahr 236 Rom. Und weil die christliche Gemeinde damals gerade einen neuen Bischof wählte – sozusagen einen frühen Papst –, ging Fabian zur Wahlversammlung, um sich das mal anzusehen. Allerdings rechnete er bestimmt nicht mit dem, was dann geschah: Plötzlich erschien das Bild einer leuchtenden Taube über seinem Kopf, und er wurde direkt zum Bischof gewählt.
Anscheinend machte er seinen Job ganz gut. Denn er organisierte die Kirche neu und war seinen Gegnern so sehr ein Dorn im Auge, dass er 250 als Märtyrer für seinen Glauben starb – und später heiliggesprochen wurde.
»Heiliger Fabian« hin oder her, evangelische Christen tun sich (zum Glück) mit jeder Form von Personenkult schwer. Dennoch ist es nicht schlecht zu wissen, dass wir alle »auf den Schultern unserer Vorfahren stehen«, wie mal ein kluger Mensch gesagt hat. Schauen Sie doch mal nach, was der oder die »Heilige« Ihres Namenstags für einer war. Das erweitert auf jeden Fall den Horizont.
JANUAR
21
ISM
Kennen Sie die »Internationale Süßigkeiten-Messe«? Die gibt es wirklich. Und die hat so zuckersüße Themen wie »The future of sweets« – »Die Zukunft der Süßigkeiten«. Unter diesem Motto bekommt man dann einen Vorgeschmack auf das Schlaraffenland aller Süßmäuler: Verführerisch bunt laden die neusten Kreationen aus den Bereichen »Schokolade, Backwaren, Knabberartikel, Zuckerwaren und Eiscreme« ein, sie zu vernaschen.
Mein Traum, denn ich liebe Süßigkeiten – so sehr, dass ich die Größe meiner Leidenschaft direkt von der Waage ablesen kann. Kein Wunder. Biologen sagen ja, dass unser Körper vor allem nach drei Dingen giert: Fett, Zucker und Sex. Zwei dieser Begierden stillt schon eine einfache Tafel Schokolade oder ein Eis.
Dumm ist nur, dass man vor lauter Schleckerei oft die Begierden der Seele vergisst. Die braucht nämlich nicht Fett, Zucker und Sex, sondern Glaube, Liebe und Hoffnung. Darum heißt es in einem Bibelvers ziemlich lässig: »Dein Wort, Gott, ist in meinem Mund süßer als Honig.«
Auf der ISM begann vor einigen Jahren das fachliche Rahmenprogramm unter dem Motto: »Welche Bedeutung werden Bio-Süßwaren in Zukunft spielen?« Das interessiert uns doch alle. Süßigkeiten aus gesundem Zucker und glücklichem Fett.
Noch mehr aber interessiert mich, wie man das mit Glaube, Liebe und Hoffnung hinbekommt. So, dass in unserer Seelennahrung keine Schadstoffe und keine gefährlichen Zusätze drin sind. Süß, oder?
JANUAR
22
Konjunktur 1
Ich habe einen bösen Verdacht: Das mit dem Warten auf die Konjunktur ist nur vorgeschoben. Ich kenne doch die Sprüche: »Wenn die Wirtschaft wieder in Fahrt kommt, wenn der Umsatz hochgeht, dann sind die Menschen glücklicher und zufriedener.« Stimmt doch gar nicht! Oder?
Meine Nachbarin hat jedenfalls in den Aufschwungzeiten genauso über ihr Rheuma geklagt wie heute – und mein Neffe hatte zwar Arbeit, aber richtig lebensfroh war er trotzdem nicht. Das soll nun wirklich nicht sarkastisch klingen (ich wünsche jedem Menschen Gesundheit und Arbeit), aber ich glaube, wir machen uns was vor, wenn wir uns von der Wirtschaftslage persönliches Glück erhoffen. Nebenbei: Was sollen da die Giftmüllbeseitiger, Abschleppdienste oder Bestattungsunternehmer sagen? Sollen die auch auf eine Hochkonjunktur warten?
Da starren also selbst Kleinstanleger hingebungsvoll auf die Aktien der Telekom, den Kurs des Euro und die Beschäftigungszahlen. Ich gebe zu, als ich mein Haus gekauft habe, war ich überglücklich, dass die Bundesbank gerade die Leitzinsen gesenkt hatte. Dankeschön! Aber wenn einer ernsthaft glaubt, er könne auf dem Geldmarkt Freude kaufen, dann irrt er sich. Oh ja, Geld ist ein gutes Fundament für Freude, aber wenn Ihnen jemand ein Flugzeug schenkt, dann müssen Sie erst fliegen lernen, das Flugzeug alleine ist wertlos.
Wissen Sie, dass Jesus ein einziges Mal in seinem Leben richtig wütend war? Stocksauer! Ja: Mit einer Peitsche hat er die Geldwechsler aus dem Tempel getrieben. Warum? Nein, nicht weil die mit Geld gehandelt haben, gegen Geld hatte er gar nichts. Diese Leute haben den Menschen eingeredet, sie müssten erst eine bestimmte Währung besitzen, bevor sie sich Gott nähern können. Da ist Jesus ausgerastet: »Ihr redet hier im Tempel so viel über Geld, dass ihr Gott vergesst. Das ist das Problem.«
Ich kenne übrigens eine Frau, die bei der Bundesbank arbeitet. Die sieht das genauso!
JANUAR
23
Ausgehen
Der ehemalige hessische Kirchenpräsident Martin Niemöller hat eine clevere Frage aufgeworfen: »Was würde Jesus tun?« Ein theologisch frecher und zugleich alltagstauglicher Lebensansatz. »Was würde Jesus wohl in dieser oder jener Situation machen? Wie würde er reagieren?« Keiner weiß, wie, aber nach einer wilden Odyssee ist dieser Satz vor einigen Jahren aus Amerika zurück nach Deutschland gekommen, trendy amerikanisiert: »W. W.J.D.?« – »What would Jesus do?« Zurzeit fast eine Kultbewegung in christlichen Kreisen.
Mal eine Testfrage: Wohin würde Jesus wohl am liebsten ausgehen? Was glauben Sie? Theater, Restaurant, Musikklub, Party oder eher nächtlicher Gottesdienst? Sekt oder Selters? Nach allem, was wir über ihn wissen, ist eines zumindest klar: Wahrscheinlich würde Jesus sich lieber unterhalten, als sich unterhalten zu lassen. Jesus, das Kommunikationswunder. Also treffen wir ihn eher in einer der vielen verrauchten Kneipen – in ein angeregtes Gespräch vertieft – als im Kino. Da, wo Menschen Lust haben, über das Leben zu reden.
Und welches Ziel hätte Jesus? Amüsieren konnte er sich ja. Seine Feinde nannten ihn spöttisch einen »Fresser und Weinsäufer«, weil er häufiger, als es sich für einen »Geistlichen« geziemt, in der Kneipe angetroffen wurde. Nur diese seltsame Kultur, »Ausgehen« im Sinne einer Glühbirne zu begreifen, also sich möglichst die Lichter auszuknipsen oder zumindest auf matt zu schalten, hätte Jesus befremdet. Er wollte, dass die Menschen bei allem, was sie tun, einen Schritt vom Dunkeln ins Helle machen – nicht umgekehrt. Sich zudröhnen war nicht sein Ding. Egal, ob man die Alkoholfahne schwenkt oder sich von vier Stunden Oper umbrausen lässt.
Jesus hätte dafür gestanden, dass beim Ausgehen etwas angeht, irgendein Licht, das verborgene Seiten in Ihnen zum Leuchten bringt und Sie ein bisschen weiser, froher und entspannter nach Hause kommen lässt. Licht an!
JANUAR
24
Unwörter
Es ist wieder so weit: Demnächst wird das »Unwort des Jahres« bekannt gegeben. Sie wissen schon, seit vielen Jahren wählt eine Jury jedes Jahr den größten sprachlichen Missgriff, ein Wort oder eine Formulierung, die grob unangemessen oder menschenverachtend ist. Da gab es schon so schöne Gewinner wie »Entlassungsproduktivität«, »Human-Kapital«, »Kollateralschaden« und »Sozialverträgliches Frühableben«. Lustig, oder?
Regelmäßig gehen da übrigens viele Hundert Vorschläge ein. »Abwrackprämie« für die Entlassung von über 50-Jährigen oder »Eindeutschung« für die Integration von Zuwanderern. »Gammelfleisch« wird auch ganz oft genannt und ist zwar ziemlich eklig, hat aber keine Chancen, weil der Begriff ja stimmt.
»Mein Unwort des Jahres ist ›Mäuschen‹.« Sagt meine Frau. »Aber wieso denn, Mäuschen?«, habe ich sie gefragt. Da hat sie mich erst mehrfach wutentbrannt an ihren Namen erinnert und dann aus einem der psychologischen Bücher zitiert, die sie gerade liest: »›Unsere Sprache prägt unser Denken.‹ Und wenn du mich in deiner Sprache klein machst, dann machst du mich auch in deinem Denken irgendwann klein – und grau und piepsig. Du … du Frosch!«
Ist doch seltsam: Der allererste Auftrag, den die Menschen in der Bibel von Gott bekamen, lautete: »Gib den Dingen Namen!« Und da ging es nicht um lustige Wortspiele, sondern darum, den Dingen durch eine klare Sprache Charakter zu verleihen. Unsere Sprache prägt unser Denken.
Also gut. Unwörter aufgepasst! Aber – mal unter uns: Das stellt sich doch ein bisschen sehr an, mein Mäuschen.
JANUAR
25
Kuscheln
Na, sind Sie auch so ein Kuschler? Jemand, der andauernd kuscheln will und nichts mehr genießt als Nähe, Hautkontakt und ausführliche Streicheleinheiten? Ich bin einer. Ein echter Powerkuschler. Und wenn es im Radio Kuschelmusik gibt, schmiege ich mich eng an meine Frau und höre ganz gemütlich zu. Mmh.
Ich begreife gar nicht, dass es so viele Kuschelmuffel gibt. Irgendwie ist Kuscheln für mich der Inbegriff von Vertrautheit. Schließlich lehnt man sich ja nicht bei jedem an. Wenn ich kuschele, dann verlasse ich meinen Schutzraum und gebe meine ganze Verletzlichkeit in die Hände meiner Liebsten. Ich kuschele einfach gerne mit meiner Frau. Ich kuschele auch gerne mit meinen Kindern, natürlich auf andere Weise. Kuscheln und Schmusen gehören in eine Familie hinein.
Als Jesus einmal erzählte, wie man mit Gott umgehen soll, sagte er: »Nennt ihn Papa!« Ja, Papa. Das war schon damals eine ganz liebevolle, persönliche und kuschelige Bezeichnung. Ist doch eine nette Vorstellung: Glauben ist so etwas wie Kuscheln mit Gott. Da geht es auch darum, seinen Schutzraum zu verlassen und sich jemandem anzuvertrauen. Sich mit seinen Schwächen in die Hände Gottes zu begeben und sich von ihm die Seele streicheln zu lassen.
Insofern kann man nur allen, die immer noch ein irgendwie fernes, übermächtiges oder gar bedrohliches Gottesbild mit sich herumschleppen, sagen: Jesus hat Mut gemacht, mit Gott zu kuscheln. Das finden Sie ungewöhnlich? Ich nicht. Ich bin ja ein Powerkuschler. Den Helden spielen, das kann ich woanders.
JANUAR
26
Alice
Eigentlich wollte der junge Mann nur einen Ausflug mit dem Ruderboot machen. Zusammen mit drei Schwestern. »Doch ach! Die drei vereinten sich, den müden Freund zu quälen. Sie trieben ihn, sie drängten ihn, ein Märchen zu erzählen.« So jedenfalls beschreibt der Mann diesen denkwürdigen Tag später selbst. Denn das Märchen, das er sich spontan ausdachte, wurde ein Welterfolg.
Der Mann heißt Lewis Carroll – und seine Geschichte »Alice im Wunderland«. Kennen Sie bestimmt. Die Titelheldin folgt während eines langweiligen Picknicks einem weißen Kaninchen in dessen Bau und landet dort in einer traumartigen Welt voller Paradoxien und Absurditäten. Zum Beispiel trifft sie auf eine Grinsekatze, von der irgendwann nur noch das Grinsen übrig bleibt, auf einen verrückten Hutmacher, eine nie endende Teegesellschaft und ein menschliches Kartenspiel.
Und diese verrückten Abenteuer von Alice begeisterten bald so viele, dass sie innerhalb kurzer Zeit auch der Star von Opern, Theaterstücken, Liedern und weiteren Büchern wurde. Ja, es ist sogar eine psychische Erkrankung nach ihr benannt. Beim »Alice-im-Wunderland-Syndrom« nehmen die Erkrankten ihre Umwelt verändert wahr. Größer, kleiner, bunter oder einfach ganz anders.
Lewis Carroll, der übrigens morgen Geburtstag hat, liebte es, die Welt mal mit anderen Augen zu betrachten. Warum auch nicht? Ich meine: Tun wir das nicht ohnehin andauernd? Die Welt unterschiedlich wahrnehmen? Der Klassenkämpfer sieht überall Ungerechtigkeit, der Hundeliebhaber überall Hunde, der Kapitalist überall Chancen zum Geldverdienen – und der Glaubende, der sieht die Gegenwart eines liebevollen Gottes. Entscheidend für mich ist: Was davon macht stark?
JANUAR
27
Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
Am 27. Januar 1945 kommen die Soldaten der Roten Armee auf das Gelände des Konzentrationslagers Auschwitz – und finden dort nicht nur 8 000 völlig ausgemergelte Gefangene, sondern auch die eindeutigen Spuren einer perfiden Vernichtungsmaschinerie vor. In Auschwitz wurden über Jahre hinweg Menschen systematisch getötet, mit einer Grausamkeit, die sich der menschlichen Vorstellungskraft entzieht. Heute ist der Tag der Befreiung von Auschwitz, der offizielle »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus«.
Später, bei der Aufarbeitung dieses fürchterlichen Verbrechens, haben viele Menschen eine wichtige und kluge Frage gestellt: »Kann man nach Auschwitz eigentlich noch an Gott glauben?« Nach all diesem Grauen, dieser perversen Ideologie und diesem Leid?
Ich habe auf diese Frage nicht DIE Antwort, aber ich habe meine Antwort: Nach Auschwitz ist es nötiger denn je, dass wir an Gott glauben. Ja, es ist nötig, dass wir an diesen Gott glauben, von dem es heißt, dass er alle Menschen liebt – und für den alle gleich würdig sind, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder Gesinnung.
Der Nationalsozialismus war ein durch und durch atheistisches System, aber ich weiß natürlich, dass auch im Namen Gottes viel zu viel Unrecht geschehen ist. Für mich ist die Frage deshalb nicht, ob man nach Auschwitz noch an Gott glauben kann, sondern ob wir endlich in der Lage sind, das Liebesgebot Gottes ernst zu nehmen. Denn eines kann man mit Sicherheit sagen: Ein Glaube ist nur dann groß, wenn er den anderen respektiert und achtet.
JANUAR
28
Datenschutztag
An einem 28. Januar 2006 wurde die »Europaratskonvention 108« unterzeichnet. Und weil sich die EU-Staaten mit dieser Konvention verpflichten, die Persönlichkeitsrechte des Menschen bei der Datenverarbeitung zu wahren, ist heute der »Europäische Datenschutztag«. Ja, heute dürfen sich alle mal Gedanken machen, was die massenhafte Speicherung persönlicher Daten eigentlich für Konsequenzen hat – und wie man möglichen Missbrauch unterbindet.
Was passiert zum Beispiel, wenn man beim Googlen oder in einem der vielen Internetforen nicht nur die Farbe meiner aktuellen Unterhose, sondern auch sonstige intime Informationen, unschöne Bilder oder meinen Kontostand findet? Will ich, dass andere alles über mich erfahren können, oder brauche ich eine gewisse Privatsphäre, in der ich sicher bin? Sprich: Wen lasse ich an mich heran? Und wen nicht?
Nebenbei: Der liebe Gott ist, was Datenschutz angeht, ein ganz besonderer Fall. Einerseits heißt es in den Psalmen der Bibel: »Du, Gott, weißt alles über mich. Ja, du kanntest mich schon, ehe ich überhaupt geboren wurde.« Da ist also nichts mit Privatsphäre. Und manchem war und ist das sogar unangenehm: »Was, Gott sieht alles und weiß alles? Oje.« Das ging so weit, dass Leute sogar anfingen, sich vor Gott zu fürchten. »Wenn der sieht, wie ich wirklich bin, dann gnade mir Gott.«
Genau! Denn das ist die andere Seite: Gottes Gnade. Dass Gott alles über mich weiß, ist nach christlichem Verständnis nämlich kein Nachteil. Ein Gott, dessen Gnade größer ist als alle menschlichen Makel, darf ruhig alles wissen. Und – unter uns: Er verrät es nicht weiter.
JANUAR
29
Der Besuch der alten Dame
Zürich, 29. Januar 1956. Der Vorhang hebt sich – und es beginnt die Uraufführung eines Stückes, das Theatergeschichte schreiben wird: »Der Besuch der alten Dame« von Friedrich Dürrenmatt.
Tolle Story. Eines Tages kehrt eine alte Dame zurück in ihre Heimatstadt. Sie ist inzwischen reich geworden und will sich an denen rächen, die sie in ihrer Jugend schlecht behandelt haben. Also macht sie den Bewohnern ein äußerst unmoralisches Angebot: »Ihr bekommt eine Milliarde, wenn ihr meinen früheren Liebhaber ermordet.« Was?
Natürlich sind alle zuerst unglaublich empört. So eine bodenlose Unverschämtheit. »Was bildet die sich ein?« Na, obwohl … Nach und nach erliegen die Leute der Verlockung des Geldes, und plötzlich ist das mit dem Mord gar nicht mehr so undenkbar.
»Der Besuch der alten Dame« entlarvt frech und satirisch die Scheinmoral, die Käuflichkeit und den Egoismus von Menschen. Zudem stellt das Stück natürlich unverhohlen eine ziemlich verfängliche Frage: »Wie weit würden wir eigentlich gehen, wenn nur der Preis stimmt?« Sprich: Sind wir käuflich? Sind wir bereit, andere oder etwas von uns selbst zu opfern, nur weil das Geld lockt?
Ich behaupte mal: Käuflich ist jeder, der das Gefühl hat, zu kurz zu kommen. Wer dagegen grundsätzlich zufrieden ist, der wird seine Moral nicht für Geld verkaufen. Letztlich fragt deshalb »Der Besuch der alten Dame« auch, was uns in unserem Leben trägt und woran wir eigentlich glauben. Spannende Frage.
JANUAR
30
Windows Vista
Der 30. Januar 2007 war ein echter Festtag für alle Microsofties. Denn von diesem Tag an gab es Windows Vista endlich auch für Endanwender. Die angeblich »völlig neue« Benutzeroberfläche für PCs, auf der nun wirklich alles optimiert sein würde. Microsoft verkündete damals stolz: »Mit Windows Vista steht das sicherste, stabilste und komfortabelste Windows aller Zeiten zur Verfügung.« Wow!
Äh, Moment mal. »Aller Zeiten«? Von heute bis in Ewigkeit? Das habe ich doch schon mal gehört. Drei Jahre früher. Und erst letztes Jahr wieder. Als mein Computer auch der schnellste, beste, festplattengigantischste und multimedialste von allen war. Heute werde ich für meine veraltete, lahme Kiste von echten Computerfreaks nur noch müde belächelt. Und ich wette, spätestens in einem Jahr gibt es ein neues Softwarepaket, das dann endgültig »das sicherste, stabilste und komfortabelste Windows aller Zeiten« wird. Zumindest für die nächsten drei Wochen.
Irre, oder! Kaum hat man ein neues Computerprogramm installiert, ist es schon veraltet. Und das Beste ist immer die nächste Version. Man darf also nie zufrieden sein. Es wird ja immer besser. Und besser. Und noch besser.
Kein Wunder, dass sich der christliche Glaube in so einer Zeit manchmal etwas schwertut. Denn er sagt: Das Allerbeste, was einem Menschen widerfahren kann, ist schon passiert. Damals, als Jesus auf die Welt kam und den Menschen Gottes Liebe brachte. Gut, das sicherste, stabilste und komfortabelste Leben gibt es mit dieser Liebe vielleicht nicht, aber das erfüllendste und glücklichste allemal. Und das gilt dann tatsächlich für alle Zeiten.
JANUAR
31
Bibelsonntag
Am letzten Sonntag im Januar ist immer Bibelsonntag. Das ist der Sonntag, an dem sich evangelische, katholische und orthodoxe Christen darauf besinnen, dass sie bei allen Unterschieden die gleiche Grundlage haben, nämlich die Bibel.
Natürlich kann man endlos darüber streiten, ob Gläubige einen Papst brauchen, wie man das Abendmahl versteht und ob Frauen ein geistliches Amt innehaben dürfen, aber die Bibel gilt in allen Kirchen als entscheidende Quelle der Erkenntnis. Und dieses verbindende Element soll an diesem Tag besonders hervorgehoben werden.
Dazu hat man kürzlich, wie ich finde, eine besonders passende biblische Geschichte als Leitmotiv ausgewählt – die vom Kampf des Urvaters Jakob gegen Gott. Haben Sie vielleicht schon mal gehört. Jakob kommt an einen einsamen Fluss, an dem ihn eine dunkle Gestalt zum Kampf auffordert. Und je länger Jakob mit dem Fremden ringt, desto deutlicher wird ihm: Hier habe ich es mit Gott zu tun. Doch diese Erkenntnis spornt ihn nur noch umso mehr an. Bis er am Ende sagt: »Ich werde nicht eher aufhören zu kämpfen, Gott, bis du mich segnest.« (Ausführlich erzähle ich diese Geschichte am 20. Februar.)
Eigentlich ist damit doch alles gesagt, oder? Echter Glaube hat damit zu tun, dass man mit Gott ringt. Ihm nahekommt. Ihn nicht in Ruhe lässt. Solange nicht aufgibt, bis man seinen Segen spürt. Ganz gleich, in welcher Konfession.
FEBRUAR
1
Lifestyle
Haben Sie eigentlich »Lifestyle«? Ich meine: Der gute deutsche »Lebensstil« ist offensichtlich etwas ganz anderes. Jeder Mensch hat irgendeinen Lebensstil, egal ob arm oder reich, reaktionär oder topmodern. »Lifestyle« scheint dagegen weit darüber hinauszugehen, zumindest, wenn man den dazugehörigen Magazinen trauen darf.
Ich bekenne leicht beschämt: Ich habe keine Ahnung, ob ich Lifestyle habe oder nicht, und wahrscheinlich disqualifiziert mich genau diese Unkenntnis. Also: Ich hätte ihn natürlich gerne, weil das so nach Klasse und Niveau klingt – Mann, der hat Stil! Ich war sogar bei der Farb- und Stilberatung und weiß nun, dass ich ein elegant-sportlicher Herbst-Typ bin. Daraufhin habe ich meinen halben Kleiderschrank weggeschmissen und mir teure Klamotten in erdig-warmen Tönen gekauft. Jetzt sehe ich zwar besser aus, aber ob ich auch mehr Lifestyle habe, ist mir immer noch unklar.
Ich frage mich, ob das Wort »Lifestyle« nicht ein Widerspruch in sich ist: Entweder jemand lebt authentisch und stimmig, oder er pflegt einen bestimmten Stil, der allzu oft nichts mehr mit seinem eigentlichen Sein zu tun hat. Kann und darf man einem Menschen einen Stil verpassen, der gar nicht seinem Wesen entspricht? Ich jedenfalls freue mich, wenn Menschen das, was in ihnen steckt, kunstvoll ausleben, aber es graut mich, wenn ich aufgeputzte Fassaden sehe.
Zu Jesus kam mal ein junger Mann, der nicht nur alles hatte, sondern auch alles richtig machte. Voll im Trend des Jahres 30 nach Christus. Dem sagt Jesus: »Du musst kapieren, dass all das, was du an Lifestyle aufgebaut hast, genau das ist, was zwischen dir und Gott steht.« Mmmh.
Es ist leicht, die Frage nach dem Sinn des Lebens mit Lifestyle zuzukleistern. Und trotzdem der falsche Weg. Ihren persönlichen Lebensstil dagegen gestalten Sie am besten richtig genüsslich aus.
FEBRUAR
2
Murmeltiertag
Heute ist »Murmeltiertag«. Jo! Zum weit über 100. Mal wird das Murmeltier Phil in Punxsutawney aus dem Winterschlaf geweckt. Und wie immer gilt: Wenn es dabei seinen Schatten sieht, wird der Winter noch einige Wochen dauern. Sieht es seinen Schatten nicht, dann steht der Frühling vor der Tür.
Berühmt wurde dieser abgefahrene Kulttag durch den Film »Und täglich grüßt das Murmeltier«, in dem Bill Murray als genervter, überarbeiteter Meteorologe in eine Zeitschleife gerät und den gleichen Tag immer und immer wieder erlebt. Murmeltiertag, Tausende Male hintereinander.
Und dieser Kerl, der schon durch die Routine seines normalen Alltags angeödet war, erfährt, was es bedeutet, wenn man eine zweite, dritte, vierte, tausendste Chance bekommt. Zuerst will er es nicht wahrhaben, dann versucht er sich aus lauter Verzweiflung umzubringen – und plötzlich passiert das kleine Wunder: Er fängt an, im immer Gleichen das Wertvolle und Schöne zu entdecken. Jeder Tag stellt ihm zwar exakt dieselben Voraussetzungen zur Verfügung, aber es liegt an ihm, was er aus diesem Tag macht. Und er beginnt, seine Chancen zu nutzen, lernt Klavier spielen und wird Künstler. Vor allem aber versöhnt er sich – mit sich und der Welt.
Und siehe da: Plötzlich wird er sogar für die Frau interessant, die er vorher Hunderte Male vergeblich in 24 Stunden rumkriegen wollte. Und wie das in schönen Geschichten so ist: Als er geliebt wird, fällt auch der Fluch von ihm ab. Happy End.
Irgendwie ist der Film ein großes Gleichnis. Wenn jemand aus Alltagsfrust Lebenslust machen kann, dann geht es ihm gut. Das hat übrigens schon Jesus gesagt: »Sorge dich nicht um morgen. Kümmere dich erst mal um die kleinen Dinge von heute.«
So, und jetzt werden wir mal abwarten, was das Murmeltier heute sieht.
FEBRUAR
3
The day the music died
»The day the music died.« Der Tag, an dem die Musik starb. Der ist heute, der 3. Februar. Zumindest für echte Rock-’n’-Roll-Fans. Denn 1959 stürzte am 3. Februar ein Flugzeug ab, in dem gleich drei begnadete Musiker saßen: Buddy Holly, Ritchie Valens und Jiles Perry Richardson, den alle nur »The Big Bopper« nannten. Nicht nur eine menschliche, sondern auch eine künstlerische Katastrophe.
Die Musiker waren gerade auf einer Tournee, und weil die Heizung im Tourbus kaputt war, hatte Buddy Holly kurzfristig die kleine Maschine mit drei Plätzen gechartert, um zum nächsten Auftritt zu fliegen. Ritchie Valens bekam überglücklich den zweiten Platz. Er hatte mit einem Kollegen eine Münze geworfen – und gewonnen. Und »The Big Bopper« flehte, mitfliegen zu dürfen, weil er ohnehin schon so schrecklich erkältet sei.
Spöttisch sagte Buddy Holly zu den übrigen Musikern, die im kalten Bus fahren mussten: »Na, ich hoffe, der Bus friert jetzt endgültig ein.« Woraufhin einer lachend erwiderte: »Hey, ich hoffe, euer Flugzeug stürzt ab.« Uah!
Soll man deswegen nicht mehr fliegen? Nein, es hätte ja auch der Bus verunglücken können. Die Geschichte von den drei Rock-’n’-Roll-Legenden macht vor allem eines deutlich: wie wenig wir Herr über Leben und Tod sind.
Die Bibel sagt schlicht: »Wer sich darüber klar ist, dass er sterben muss, wird klüger.« Und das heißt nicht, jedes Risiko zu vermeiden, sondern intensiv und leidenschaftlich zu leben. Und da sind sich Glaube und Rock ’n’ Roll auf einmal sehr ähnlich.
FEBRUAR
4
Dietrich Bonhoeffer 1
Heute wird weltweit in Gottesdiensten, Feiern und Gedenkveranstaltungen ein Mann geehrt, der am 4. Februar 1906 geboren wurde und als Leitfigur des 20. Jahrhunderts gilt: Dietrich Bonhoeffer.
Nun könnte man denken: »Na klar, der war eben einer der engagiertesten Widerstandskämpfer im Dritten Reich. Ein kluger Theologe, den die Nazis eingesperrt und dann eiskalt hingerichtet haben.« Doch die ungebrochene Faszination, die von Bonhoeffer ausgeht, hat noch einen ganz anderen Grund: Er war ein Idealist, einer, der das, was er glaubte, wirklich lebte.
Zum Beispiel hätte er mehrfach die Möglichkeit gehabt, zu fliehen und im Ausland ein richtig angenehmes Leben zu führen. Aber: Er hat es nicht gemacht. Er kam immer wieder nach Deutschland zurück, weil er hier für sein Ideal einer freien Gesellschaft kämpfen wollte. Das war ihm sogar wichtiger als das Überleben. Er wusste genau: Wofür es sich nicht zu sterben lohnt, lohnt es sich auch nicht zu leben.
Was gibt einem Menschen so eine Kraft? Bei Dietrich Bonhoeffer ist das leicht zu beantworten. Er fühlte sich bei Gott geborgen. Und sein Glaube war stärker als all die schmerzvollen Erfahrungen. Das aber ist etwas, was sich Menschen schon immer wünschen.
Wissen Sie, was Bonhoeffer dabei selbst verblüfft hat? Sogar die Gefängniswärter sprachen ihn auf seine unglaubliche Gelassenheit an. Offensichtlich strahlte er die auch dann aus, wenn er sich gar nicht so fühlte. In einem Gedicht hat er diese wundersame Erfahrung so zusammengefasst:
»Wer bin ich? Sie sagen mir, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist. Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!«
FEBRUAR
5
ÖPNV
Ich habe früher gerne über Amerikaner gelästert, also die, die sogar zum Klo mit dem Auto fahren. Heute muss ich mich selbst dazu zwingen, den Öffentlichen Personennahverkehr – also: Straßenbahn, Bus oder U-Bahn – zu benutzen. Ich brauche in der Regel damit länger, finde es schweißfreundlich und ungemütlich, in den unterirdischen, vorhöllenartigen Gangsystemen ist mir nie so ganz geheuer, und wenn es dann auch noch regnet auf dem Weg zur Haltestelle … ähm.
Zum Glück für die Betreiber dieser Systeme sorgen die Parkplatznot, die verstopften Straßen und die Ampelschaltungen bei mir tatsächlich für ein ungewolltes Umdenken. Warum auch nicht? In anderen Ländern ist das selbstverständlich.
Neuerdings mache ich aus der Not eine Tugend und beobachte unauffällig die Menschen auf den Sitzbänken: den müden Arbeiter, das knutschende Pärchen, die lauten Punker, das klapprige Ömchen, die giggelnden Freundinnen und den tätowierten Typen mit dem Hund, neben den sich keiner setzen will, obwohl es so voll ist. Faszinierend.
Es ist wie eine Ausstellung von Lebensmodellen, -typen und -konzepten. Vor allem leben die alle völlig anders als ich. Und ich merke: Ich würde gern mehr über diese Menschen erfahren. Nur kommt man sich ja im Personennahverkehr leider nie besonders nah. Meine Frau ist da übrigens mutiger: Aus irgendeinem Grund führt sie selbst auf Kurzstrecken mit Leuten sofort intensive Gespräche.
Im Neuen Testament wird die Geschichte von einem Jünger Jesu erzählt, der auf einer kurzen Kutschfahrt mit dem Außenminister eines fernen Landes ins Gespräch kommt. Und plötzlich passiert Folgendes: Der einfache Arbeiter Philippus kann dem Politiker eine lebenswichtige Frage beantworten, woraufhin sich dieser bekehrt. Siehe da! Vielleicht brauchen wir beim Nahverkehren mehr Mut zum Reden. Gute Fahrt!
FEBRUAR
6
Medien
Angeblich machen die Medien kluge Menschen klüger und dumme Menschen dümmer. Die knifflige Frage lautet: Zu welcher Gruppe gehören Sie? Entschuldigung, das ist hier ein Buch für am Leben Interessierte, das lesen nur kluge Köpfe. Aber um welche Form von Klugheit geht es eigentlich? Um einen hohen IQ, um Fachwissen, Einfühlungsvermögen, Erfahrung, Weisheit oder um die so gepriesene emotionale Intelligenz, die angeblich viel wichtiger ist als alle Bildung zusammen? Wahrscheinlich geht es um die brisante Fähigkeit, in den Medien das Unnütze vom Sinnvollen unterscheiden zu können.
Denn die Medien haben gigantische Macht. Machen wir uns doch nichts vor. Die sorgen etwa dafür, dass ein Dieter Bohlen alle ernsthaften Literaten auf der Frankfurter Buchmesse wie Randfiguren aussehen lässt. Oder: Ein sensationsgieriger Journalist beschließt, dass der verbale Ausrutscher eines Ministers zum internationalen Skandal hochstilisiert werden sollte. Mich ärgert so etwas.
Übrigens auch die Berichterstattung über die Kirchen. Ändern die sich nicht, dann heißt es: »Ach Gott, wie altbacken.« Ändern sie etwas, kommt sofort: »Die Kirchen laufen dem Zeitgeist hinterher.« Ja, was denn nun?
Dem israelitischen König Salomo passierte vor 3 000 Jahren etwas Traumhaftes. Gott kam zu ihm und sagte ganz schlicht: »Du hast einen Wunsch frei!« Na, das sollte mir mal passieren! Salomo antwortete: »Gib mir ein gehorsames Herz und zeige mir, wie ich das Böse vom Guten unterscheiden kann.« Daraufhin sagte Gott: »Diese Antwort ist so weise, dass du Reichtum, Ehre und all die üblichen Kleinkrämerwünsche auch noch erfüllt bekommst.« Wer das Gute vom Schlechten unterscheiden kann, der ist wirklich lebensfähig. Manchmal helfen die Medien dabei, manchmal muss man sie selbst prüfen. Seien Sie klug!
FEBRUAR
7
Karneval
Helau! Alaaf! Die Narren feiern demnächst wieder den Höhepunkt der närrischen Zeit. Dabei war die Fastnacht früher ja nur die eine Nacht vor dem Beginn der österlichen Fastenzeit – Fast-Nacht! Hat sich dann halt ein bisschen nach vorne ausgedehnt. Warum auch nicht?
Spannend finde ich aber, was da eigentlich dahintersteckt: Die Fastenzeit vor Ostern ist die Zeit, in der sich viele Menschen seit Jahrhunderten intensiv mit dem Leiden und Sterben Jesu und mit dem Thema Tod auseinandersetzen. Und bevor man das tut, lacht man dem Tod in der Fastnacht eben noch mal so richtig ins Angesicht. Weil das, worüber man lachen kann, keine Macht über einen hat.
Darum ertragen ja auch Diktaturen das Lachen nicht. Die verbieten immer als Erstes die Witze – weil Lachen die Angst nimmt. Diktatoren sind ohne Angst machtlos. Und der Tod ist nun mal der schlimmste aller Diktatoren. Das heißt: Fastnacht ist eigentlich ein urreligiöser, fröhlicher Aufschrei gegen den Tod. »Wir lachen dich aus, alter Knochenmann! Du kannst uns vielleicht holen, aber besiegen kannst du uns nicht, weil Gott auf unserer Seite ist.«
Und darum war es früher auch üblich, dass Pfarrer am Ostersonntag die Gemeinde zum Lachen bringen mussten, das hieß dann: »Osterlachen«. Über den Tod können Christen nach der Auferstehung Jesu nur noch lachen.
Wir Deutschen nehmen Religion oft so ernst, dass wir denken, man dürfe da nicht lachen. Das ist wirklich närrisch. Das Lachen gehört von Anbeginn zum Wesen des Christentums. Glauben und Lachen haben nämlich eines gemeinsam: Sie befreien. Und wer das kann, wer dem Tod in diesen närrischen Tagen ins Angesicht lachen kann, der ist viel religiöser, als er denkt.
FEBRUAR
8
James Dean
Heute hätte er Geburtstag gefeiert. Der Mann, der immer noch als Kultfigur gilt, der mit nur drei Filmen zum Weltstar wurde und der mit 24 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam: James Dean. Keiner hat wie er die Rolle des verletzlichen Außenseiters verkörpert, den ungezähmten, rebellischen Jugendlichen, der sich von der Erwachsenenwelt unverstanden fühlt. Was glauben Sie: Wäre er immer noch ein Star, wenn er am Leben geblieben wäre?
Ich meine: Spätestens mit 30 hätte er die romantisch-verklärte Welt der Jugendträume ja doch verlassen müssen, keiner kann ewig den Revoluzzer spielen. Oder doch? Wie er in Rollen als braver Familienvater gewirkt hätte, das wissen wir nicht. James Dean in einer Komödie, einem Science-Fiction-Thriller oder in einem Melodram? Er hätte sich auf jeden Fall verändern müssen – auch wenn er dabei vielleicht die Erwartungen mancher Fans enttäuscht hätte.
Natürlich ist das nur ein Gedankenspiel, aber eines, das ich deswegen sehr geistreich finde, weil es deutlich macht, dass jeder Mensch klar voneinander abgetrennte Lebensphasen hat. Und jeder, der es aus Angst versäumt, eine Phase abzuschließen und eine neue zu wagen, der wird es richtig schwer haben. Vielleicht ist der Mut zur Veränderung eine der größten Herausforderungen des Lebens überhaupt – gerade dann, wenn eine unserer Rollen so erfolgreich war.
Die Bibel begleitet ganz viele Personen über große Zeiträume und entwickelt dazu ein Gottesbild, das mir sehr gefällt. Gott weiß, dass wir auf einem Weg sind, und legt uns nicht auf bestimmte Rollen fest. Veränderung gehört dazu. Gott macht deutlich, dass er derjenige ist, der Mut macht, immer wieder neu anzufangen.
Noch einmal: Ich habe keine Ahnung, ob James Dean heute noch berühmt wäre, aber wenn, dann nur, weil er den Mut gehabt hätte, seine Rollen mit seinem Alter reifen zu lassen.
FEBRUAR
9
Welttag der Kranken
Merkwürdig. »Welttag der Kranken«. Der ist übermorgen, am 11. Februar. Nur: Wer braucht so was? Na gut, auf jeden Fall die Kranken! Denn die werden doch allzu gerne in Krankenhäuser, Kliniken oder Pflegeheime abgeschoben, damit sie im Alltag nicht so penetrant präsent sind. Schließlich freuen wir halbwegs Gesunden uns sehr, wenn wir nicht andauernd mit irgendwelchen Krankheiten konfrontiert werden. Uns reichen schon die nervigen Frühjahrsgrippen.
Mir jedenfalls geht es so. Ich hasse es, krank zu sein. Eingeschränkt. Gehandicapt. Ans Bett gefesselt. Und wenn ich gesund bin, habe ich erst recht keine Lust, mich andauernd mit Krankheiten zu beschäftigen. Trotzdem hat Papst Johannes Paul II. 1993 diesen kranken Welttag eingeführt. Warum wohl?
Vielleicht, weil Krankheit zum Leben einfach dazugehört. Weil man sich etwas vormacht, wenn man ernsthaft glaubt, man sei ewig gesund und leistungsfähig. Und weil wir weder den Kranken noch uns einen Gefallen tun, wenn wir das Thema »Krankheit« tabuisieren.
Ach ja – und da gibt es noch einen Grund. Weil es einer der wichtigsten Werte des christlichen Glaubens ist, sich um diejenigen zu kümmern, denen es schlechter geht als uns. Das sind doch immer noch wundervolle Menschen. Auch wenn ihr Körper seine Leistung gerade mal nicht bringt.
Mmh. Vielleicht brauchen den Welttag der Kranken nicht nur die Kranken, sondern vor allem die Gesunden. Damit wir Krankheiten nicht als Feinde, sondern als unausweichliche Wegbegleiter annehmen.
FEBRUAR
10
Freiheit
Tja, würde er zustimmen oder nicht? Das war die große Frage während der Wendezeit. Würde Michail Gorbatschow die Deutsche Einheit genehmigen oder würde er sich querstellen? Denn rechtlich war die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten nur möglich, wenn alle vier Siegermächte sich damit einverstanden erklärten. Und die Einwilligung der Sowjetunion stand noch aus.
Also machten sich Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher auf den Weg, um diese entscheidende letzte Frage zu klären. Sicher mit Herzklopfen. Und? Am 10. Februar 1990 gewährte Michail Gorbatschow dem deutschen Volk das Recht, selbstständig seine weitere Zukunft zu gestalten. Und das, obwohl ihm klar war, dass sich das wiedervereinte Deutschland vor allem an westlichen Werten orientieren würde.
In diesem Moment schmeckten Millionen von Menschen zum ersten Mal so richtig, was Freiheit bedeutet. Frei sein, entscheiden können, Verantwortung übernehmen dürfen – aber natürlich auch müssen. Sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Freiheit ist und bleibt eines der höchsten Güter und zugleich eine der größten Herausforderungen.
Interessant, dass die Bibel den Glauben auch ganz oft mit Freiheit in Verbindung bringt. Der Apostel Paulus schreibt sogar: »Zur Freiheit hat uns Christus befreit.« Weil der Glaube an Gott vielen menschlichen Zwängen und Ängsten die Macht nimmt. Wer bei Gorbatschows Zustimmung zur Wiedervereinigung mitgejubelt hat, der ahnt etwas von der Kraft dieser Freiheit.
FEBRUAR
11
Tag des Notrufs 112
Wenn man das heutige Datum auf einen Zettel schreibt, dann weiß man sofort, worum es geht: 11. Februar. 1 – 1 – 2. Ja, und 112 ist die EU-weite, kostenlose Rufnummer für alle Notfälle. 112. Wer irgendwo in Europa in Not gerät und diese drei Ziffern auf seinem Telefon oder Handy wählt, der erreicht direkt eine mehrsprachige Leitstelle. Und diese Leitstelle entscheidet dann ihrerseits, ob die örtliche Polizei, der Rettungsdienst oder die Feuerwehr alarmiert wird.
Das weiß doch jedes Kind. Sollte man denken. Ist aber nicht so. Darum will der seit Kurzem am 11.2. gefeierte »Europäische Tag des Notrufs 112« den Bekanntheitsgrad dieser lebensrettenden Zahlen noch ein bisschen steigern. Egal, was los ist: Wähl die 112 – und dir wird geholfen. Sogar in Island, in Liechtenstein und in der Schweiz. Eigentlich eine tolle Sache: eine Grenzen überschreitende Anlaufstelle bei Gefahren. Zumindest, wenn es um körperliche Bedrohungen geht.
Wenn einer dagegen Hilfe für seine Seele braucht, ist es manchmal gar nicht so leicht, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Obwohl … Christen sind ja der festen Überzeugung, dass Gott da die richtige Adresse ist. Und die Bibel schreibt schon lange vor der Erfindung des Telefons: »Als ich Angst hatte, rief ich den Herrn an.« Oder »Gott hört, wenn ich ihn anrufe.« Oder: »Gott ist allen nah, die ihn ernsthaft anrufen.« Tja, manchmal sind Notrufe und Stoßgebete gar nicht so weit voneinander entfernt.
FEBRUAR
12
Abraham Lincoln
Amerika feiert heute. Jawohl. Den Geburtstag von … na? Genau: Abraham Lincoln. Dem 16. Präsidenten der damals eben noch nicht vereinigten Staaten, die sich über der Frage entzweiten, ob man Sklaven haben darf oder nicht.
1809 wurde Abraham Lincoln in Hodgeville, Kentucky, geboren, und schon sein frommer Vater machte ihm klar, dass es nicht Gottes Wille sein kann, dass Menschen von anderen als Sklaven gehalten werden.
Darum träumte »Honest Abe«, der ehrenwerte Abraham, wie er sogar von seinen Gegnern anerkennend genannt wurde, von einem wirklich vereinten Amerika. Aber an der Sklaverei schieden sich eben die Geister der Staaten.
Lincolns berühmter Leitspruch hieß: »Wer anderen die Freiheit verweigert, der verdient sie selbst nicht.« Starke Worte. Mit denen wurde er 1860 Präsident – und kurz darauf Anführer der Truppen aus dem Norden. Denn es kam zum amerikanischen Bürgerkrieg. Einem grausamen Krieg, an dessen Ende die Nordstaaten siegten und die Sklaverei abgeschafft wurde. Nun endlich gab es sie wirklich, die »Vereinigten Staaten von Amerika«.
Abraham Lincoln ist in den USA ein Nationalheld. Von den Schwarzen wird »Honest Abe« bis heute als Befreier verehrt. Ein Mann, dem die Würde des Menschen über alles ging. Irgendwie hat er recht: »Wer anderen die Freiheit verweigert, der verdient sie selbst nicht.«
FEBRUAR
13
Red Hand Day
Gestern war »Red Hand Day«. Haben Sie’s gemerkt? Red Hand Day? Was ist denn das schon wieder? Ganz einfach: eine Aktion gegen den Missbrauch von Kindern als Soldaten. Ja: Obwohl die Vereinten Nationen den Einsatz von Minderjährigen in Kriegen 2002 offiziell verboten haben, gibt es weiterhin schätzungsweise 250 000 Kinder auf der Welt, die statt in die Schule zum Töten geschickt werden.
»Uns reicht’s!«, sagen viele Hilfsorganisationen. Man kann nicht erst etwas verbieten und sich dann so wenig um die Einhaltung des Verbotes kümmern. Darum haben sie den auch am 12. Februar stattfindenden Kindersoldaten-Gedenktag zum Red Hand Day ernannt. Und so sieht die Aktion dazu aus: Schreiben Sie Ihre Botschaft an die UN-Politiker auf ein Blatt Papier und setzen Sie als Zeichen des Protestes mit roter Fingerfarbe einen Handabdruck darunter. Damit bei den Vereinten Nationen nicht nur verboten, sondern auch gehandelt wird.
Bringt das was? So eine rote Hand? Keine Ahnung. Wird das die UN beeindrucken? Weiß ich nicht! Aber eines weiß ich: Man kann für die Welt Verantwortung übernehmen – oder nicht. Man kann sich für den Frieden einsetzen – oder nicht. Jesus hat mal gesagt: »Glaube kann Berge versetzen.« Vielleicht tun das 1 Million roter Hände ja auch. Die wären jedenfalls ein deutliches Hoffnungszeichen.
FEBRUAR
14
Valentinstag
Manche Männer haben ja eine ganz eigene Form der Romantik. Die sagen: »Schatz, dass ich dich liebe, habe ich dir bei der Hochzeit gesagt. Wenn es sich ändert, werde ich dir das schon mitteilen.« Das ist männlich konsequent. Alles andere wäre bloße Wiederholung. Na: Zum Glück gibt es den Valentinstag, der selbst den nüchternsten Kopfmenschen daran erinnert, dass Liebe ab und an Bestätigung braucht – und das gilt nicht nur zwischen Verliebten.
Als der kleine Sohn eines guten Freundes von mir schwer krank wurde, sagte der: »Falls mein Kind nicht überlebt, will ich, dass es wenigstens eines mitnimmt: dass es aus ganzem Herzen geliebt wird. Ich feiere jetzt jeden Tag Valentinstag.«
Nun ist das aber mit kleinen Kindern gar nicht so einfach. Immer wenn mein Freund sagte: »Junge, ich hab dich lieb«, erwiderte der nur: »Papa, geh mal bitte aus dem Bild.« Kranke Kinder gucken halt viel Fernsehen. Da überlegte sich mein Freund: »Nachts, wenn der Junge schläft, dann ist er mir ja hilflos ausgeliefert.« Und er schlich sich jede Nacht mehrmals an das Bett seines Sohnes, um ihm zuzuflüstern: »Ich habe dich unendlich lieb.«
Heute ist der Junge wieder gesund, und mein Freund sagt ganz bewegt: »Natürlich kann ich es nicht beweisen, aber ich bin der festen Überzeugung, dass die Liebe, die wir ihm gezeigt haben, zu seiner Heilung beigetragen hat. Außerdem habe ich selbst neu entdeckt, dass die Liebe wichtiger ist als alles andere. Das hatte ich vorher leider allzu oft verdrängt.«
Und ich dachte als Pfarrer: Eigentlich ist der christliche Glaube nichts anderes als 365 Tage Valentinstag. Das Wissen, es gibt einen Gott, der mir täglich zuflüstert: »Ich habe dich unendlich lieb.«
FEBRUAR
15
Galileo Galilei
Am 22. Juni 1633 wird ihm in der Basilika »Santa Maria sopra Minerva« der Prozess gemacht: diesem Wissenschaftler, der mit seinen kühnen Thesen das ganze damalige Weltbild aus den Angeln zu heben droht.
Galileo Galilei heißt der aufmüpfige Mathematiker, Physiker und Philosoph. Und er hat etwas ganz Banales getan: Er hat als einer der ersten Menschen mit dem gerade erfundenen Fernrohr den Himmel betrachtet. Und dabei festgestellt: Irgendetwas stimmt hier nicht. Angeblich dreht sich doch die Sonne um die Erde. Aber das passt überhaupt nicht zu den konkreten Beobachtungen. Es ist eher andersherum: Es scheint, als ob sich die Erde um die Sonne drehen würde.
Der Kirche schmeckt das überhaupt nicht, wird doch da das von ihr vertretene Weltbild in Frage gestellt. Dieses Weltbild ist zwar weder biblisch noch wissenschaftlich – aber es geht ja auch um Macht. Die Kirche kann doch nicht irren. Und die Erde ist der Mittelpunkt, um den sich alles dreht.
Heute wissen wir: Die Kirche hat sich geirrt. Galileo Galilei aber hat damals im Jahr 1633 seinen umstürzlerischen Thesen trotzdem abgeschworen. Aus Angst. Allerdings soll er noch im Hinausgehen gemurmelt haben: »Und sie bewegt sich doch!«
Richtig. Heute feiern die Freunde von Galileo seinen Geburtstag. Zum Glück auch viele Christen, die sich über die falsch verstandene »Rechtgläubigkeit« der damaligen Kirchenoberen nur wundern können.
FEBRUAR
16
Grease
Rock ’n’ Roll und Cadillacs, Pferdeschwänze und Partys, Pomade und Petticoats: »Grease« ist eines der erfolgreichsten Musicals der Welt und wahrscheinlich die leidenschaftlichste Liebeserklärung an die 50er-Jahre, die je auf die Bühne kam. Geballte Lebenslust, die bis heute ansteckt.
Vielleicht liegt das ja auch an der Entstehungsgeschichte des Stücks. In einer bierseligen Runde haben ein paar Freunde die verrückte Idee: »Hey, lasst uns mal ein Musical schreiben.« Einer setzt sich mit seiner Gitarre hin. Und dann wird das Machwerk aufgeführt. In einem alten Geräteschuppen in Chicago. Mit einem Budget von 171 Dollar, 18 Laiendarstellern und 120 Zuschauern. Das Ganze passierte Mitte Februar, dauerte fünf Stunden und sollte eigentlich nur ein kleiner Spaß sein. Es wird aber ein ganz großer, der schon ein Jahr später am Broadway Premiere hat.
Klar, das ist eher die Ausnahme. Aber es passiert: Unbekannte Künstler landen plötzlich einen Welthit.
Warum interessiert mich das als Pfarrer? Ganz einfach: weil die Bibel eigentlich andauernd solche Geschichten erzählt. Kleine, bislang nicht besonders prominente Leute verändern die Welt. Plötzlich sind sie große Künstler, Volkshelden, Propheten, Apostel oder Lebensretter. Die Botschaft dahinter ist ganz einfach: In jedem Menschen wohnt die Kraft, die Welt zu verändern – wenn er sich von Gott dazu berufen lässt. Das finde ich unglaublich motivierend. Vielleicht sollte ich mal wieder ein Musical schreiben …
FEBRUAR
17
Konjunktur 2
Das sieht ja nicht gerade gut aus mit der Konjunktur. Gruselige Wirtschaftsprognosen, furchterregende Insolvenzen und schreckliche Arbeitslosenzahlen. Wer auf Horrorliteratur steht, braucht nur eine Börsenzeitung aufzuschlagen. Und wenn ich mit meinen Freunden spreche, dann entdecke ich eines jedenfalls nicht: blühenden Optimismus. Ziemlich flaue Zeiten. Wobei ich mich seit Langem frage: Was ist wohl zuerst da – die miesen Zahlen oder die miese Stimmung? Was meinen Sie?
Wer deprimiert oder wütend auf die Konjunkturdaten guckt, der hat zurzeit natürlich gut schimpfen. Aber: Es ist auch ganz nützlich, sich mithilfe der nervenaufreibenden Entwicklungen vor einer viel dringenderen Frage zu drücken: Wie sieht es eigentlich mit der »privaten Konjunktur« aus?
Haben Sie schon mal daran gedacht, für Ihr Leben Konjunkturdaten aufzustellen? Zufriedenheitsindex, Corporate Identity oder Entwicklungspotenzial? Wäre vielleicht eine Unternehmensberatung dran? Sind Sie gerade im Aufwärts- oder im Abwärtstrend? Ich bin überzeugt: Einige Leute könnten ein Stück Himmel auf Erden erleben, wenn sie die gleiche Energie, die sie in die Wirtschaftsentwicklung stecken, in ihre eigene Entwicklung investieren würden.
Komischerweise sieht Gottes Vorschlag noch mal ganz anders aus! Er sagt: Glück, Geborgenheit, Erfüllung und Sinn sollten völlig unabhängig von allen Konjunkturdaten sein. Wenn das Gelingen eines Lebens von der Konjunktur abhängt, dann stimmt etwas nicht. Wirklich zufrieden ist nur der, dessen Dasein nicht von Äußerlichkeiten bestimmt wird. Die mittelalterlichen Mystiker nannten das »Gelassenheit«. Atmen Sie mal durch!
FEBRUAR
18
Heinrich Heine
»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.«
Tja, das wusste der große Heinrich Heine, der Dichter des Liedes von der »Loreley«, offensichtlich selbst nicht so recht, denn er versuchte sein Leben lang auf immer neue Weise, die eigene Traurigkeit loszuwerden. Und das führte zu einer ganz bizarren Biografie: Heine wird in einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, tritt mit 28 in die evangelische Kirche ein, heiratet mit 44 katholisch und gilt dann lange als Vorreiter des Atheismus.
Und dabei ist er als Autor sogar in der Lage, Jesus liebevoll zu verspotten: »Mit Wehmut erfüllt mich jedes Mal/Dein Anblick, mein armer Vetter./Der Du die Welt erlösen gewollt,/Du Narr, Du Menschheitsretter.« Heine möchte sich und die Welt lieber selbst mit Lust und Leidenschaft retten.
Doch als ihn eine unheilbare Krankheit ans Bett fesselt, ändert sich sein Ton plötzlich: »Das himmlische Heimweh überfiel mich und trieb mich fort durch Wälder und Schluchten, über die schwindligsten Bergpfade.« Der ewig skeptische Satiriker sucht verzweifelt einen Gesprächspartner, mit dem er über seine anhaltende Traurigkeit reden kann – und landet am Ende doch wieder bei Gott.
Morgen ist Heinrich Heines Todestag. Und die Experten diskutieren immer noch darüber, ob der Dichter seine Traurigkeit durch die Gespräche mit Gott nun tatsächlich losgeworden ist oder nicht. Na, eines ist jedenfalls klar: Heine hat mit Gott so genussvoll gestritten, so herzlich über ihn geflucht und so fröhlich gelästert, wie es ein echter Atheist ja leider nie erleben kann – weil er gar nicht an Gott glaubt. Schade für ihn. »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …«
FEBRUAR
19
Abendmahl
Es soll nicht sein. Jedenfalls noch nicht. Und auf keinen Fall offiziell. Katholiken und Evangelische können, dürfen, wollen nicht zusammen Abendmahl feiern. Weil sie die Oblate und den Wein weiterhin unterschiedlich interpretieren.
Ein bisschen absurd ist das schon: Damals bei Jesus durfte sogar Judas mitfeiern – der Mann, der ihn später verraten und verkauft hat und offensichtlich von der Bedeutung des Abendmahls überhaupt nichts begriff –, aber im Hier und Heute darf das nicht sein. Mist …
Moment mal! Jetzt wäre ich fast in genau die gleiche Falle getappt, in die so viele tappen: Ich habe mir einen naheliegenden Streitpunkt geschnappt und rege mich herrlich darüber auf. Und soll ich Ihnen was sagen: Es gibt immer was zum Aufregen. Gerade in der Kirche. Sie könnte doch ganz anders sein: toleranter, feministischer, ökologischer, bunter, heiliger, politischer, ethischer, kirchentagiger … und was weiß ich noch alles.
Manche Menschen haben es sich zur Angewohnheit gemacht, an allem herumzumäkeln. Es lässt sich ja auch viel leichter meckern als loben. Ich sage das deshalb so deutlich, weil ich selbst lange Zeit die Angewohnheit hatte, bei allem erst mal nach den Fehlern zu suchen. Bis mir klar geworden ist, dass Nörgelei ein wunderbarer Weg ist, sich vor der Auseinandersetzung mit einem Thema oder einer Person zu drücken.
Gerade wenn es um die Kirche und den Glauben geht, kann man schnell das Wesentliche verpassen. Man ärgert sich über irgendwelche Randthemen – möglicherweise sogar zu Recht – und verliert dabei Gott aus den Augen. Denn: Kritik schafft immer Distanz. Und das ist schwierig bei einem Gott, der Nähe sucht.
FEBRUAR
20
Ringkampf
Eine einsame Nacht, ein enges Tal, ein fast ausgetrockneter Bach. Am Ufer sitzt ein Mann und denkt nach. Als er kurz den Kopf hebt, sieht er plötzlich vor sich eine dunkle Gestalt, die ihn zum Kampf auffordert. Beide haben keine Waffen, und so fangen sie an, mit aller Kraft zu ringen. Stundenlang. Einmal erhält der Mann einen solchen Schlag auf die Hüfte, dass er schwer verletzt wird. Doch er gibt nicht auf.
Irgendwie spürt er, dass die dunkle Gestalt mit Gott zu tun hat. Ja, das ist Gott. Und siehe da: Der Mann ist so ausdauernd, dass Gott ihn in dieser Gestalt nicht besiegen kann. Am Ende stellt er sogar eine Forderung an Gott: »Ich werde dich nicht gehen lassen, bevor du mich nicht segnest.«
Der Mann heißt Jakob, sein Abenteuer steht in der Bibel – und ich liebe diese Geschichte. Vielleicht, weil sie deutlich macht, dass Gott seinen Segen nicht einfach wie eine Glaubens-Dividende ausschüttet. Um Segen muss man manchmal ringen. Und zwar mit aller Kraft. Jakob war vorher schon oft gesegnet worden. Doch sein Segen entfaltet sich erst, als er sich mit Gott – dem Segenspender – auseinandersetzt.
Jakob zeigt sehr schön, wie das mit dem Segen gehen kann: Mit Gott im Gespräch bleiben und ihn dabei sehr deutlich an seine Verheißungen erinnern. Dafür kämpfen, dass dieser Segen zur Realität wird. Nicht einfach warten, ob er wirkt. Ich zumindest glaube, dass sich der Segen für eine Examensprüfung bei jemandem, der fleißig lernt, besser entfalten kann als bei einem, der faul ist. Und Jakob erlebt, dass ein Gesegneter beim Ringen um den Segen auch Blessuren davonträgt. Aber das war für ihn in Ordnung. Denn eines ist klar: Er hat diesen göttlichen Ringkampf um den Segen nie bereut.
FEBRUAR
21
Ich verzichte (auch nicht) gern
Das mit der Solidargemeinschaft ist schon so eine Sache. Jeder möchte gern dazugehören und von ihr profitieren, aber wenn es wirklich darum geht, dass alle gemeinsam die Probleme der Zukunft angehen, wird es eher still. Schließlich bedeutet ein solcher Beitrag zur Solidargemeinschaft in der Regel, dass man auf etwas verzichten muss.
Dabei sind die Prognosen ziemlich übel: So wie sich die Alterspyramide in Deutschland entwickelt, wird man auf Dauer weder das Rentennoch das Krankenkassensystem halten können. Jedenfalls nicht, wenn nicht alle bereit sind, mit anzupacken. Ich gestehe, dass ich nicht einschätzen kann, ob die Vorschläge der Bundesregierung die richtigen Maßnahmen für eine zukunftsfähige Solidargemeinschaft sind. Aber eines ist klar: Wenn die Solidargemeinschaft auch noch in 20 Jahren funktionieren soll, dann müssen jetzt alle ihren Beitrag leisten.
Und nun sehe ich jeden Abend in den Medien eine andere Interessengruppe, die mit trotziger Stimme verkündet, sie könne auf keinen Fall Einschnitte in Kauf nehmen: die Alten, die Jungen, die Reichen, die Armen, die Angestellten, die Beamten, die Selbstständigen, die Arbeitslosen, die Gewerkschaften, die Kranken, die Gesunden und, und, und. Jeder erzählt mir, er fände das Modell der Solidargemeinschaft toll, aber er könne, wolle und werde nichts dazu beitragen – oder aber: Er hätte schon mal dazu beigetragen, und das sei nun wirklich genug.
Ich weiß natürlich, dass es viele Menschen nicht leicht haben. Aber eine Solidargemeinschaft muss ihre Krisen gemeinsam bewältigen. Und ich erschrecke, wie viele Menschen andauernd das Gefühl haben, zu kurz zu kommen. Zu den Grundwahrheiten des christlichen Glaubens gehört, dass es dem Einzelnen nur dann wirklich gut gehen kann, wenn es der Gemeinschaft gut geht. Auch wenn es mich genauso wie alle anderen schmerzt: Ich bin bereit, kürzerzutreten. Und ich hoffe sehr, dass wir das hinkriegen.
FEBRUAR
22
Die beste aller Welten
Das sind doch mal gute Nachrichten: Die Zukunft der Gesellschaft im 21. Jahrhundert sieht möglicherweise gar nicht so übel aus! Behauptet zumindest der Soziologe Gerhard Schulze, der in den 90er-Jahren mit dem Begriff »Erlebnisgesellschaft« Furore gemacht hat. Vor einigen Jahren ist ein weiteres Buch von ihm erschienen: »Die beste aller Welten«.
Der Einstieg in Schulzes Theorie klingt allerdings erst mal düster. Wir alle befinden uns zurzeit in einem Prozess, den er das »Steigerungsspiel« nennt. Wertvoll ist nur noch das, was sich steigern lässt. Immer mehr, immer schneller, immer besser, immer sozialer und so weiter.
Die Sache hat nur einen Haken: Das Steigerungsdenken ist so sehr zu einem Selbstläufer geworden, dass die Menschen inzwischen Angst haben, Ziele zu erreichen. Ein Leben, das nicht mehr verbessert werden kann, scheint sinnlos. Und was den Menschen dabei völlig abgeht, ist die Zufriedenheit. Wer immer alles verbessern will, ist nie zufrieden.
Kein Wunder, dass es in diesen Zeiten auch die Kirchen schwer haben. Ihre Werte sind nicht steigerbar. »Gott liebt dich unendlich! Jesus hat am Kreuz deine Schuld ein für alle Mal auf sich genommen! Weil Gott dich annimmt, kannst du dich selbst mit Haut und Haar annehmen!« Das kann man nicht verbessern.
Das Steigerungsspiel wird nicht aufhören. Da ist sich Gerhard Schulze sicher. Aber die Leute werden neu fragen: »Wozu?« Wozu arbeite ich eigentlich 70 Stunden pro Woche? Wozu mache ich das alles? Sie werden entdecken, dass nur derjenige das Steigerungsspiel vernünftig mitspielen kann, der weiß, welchen Sinn sein Leben hat.
Und weil ich davon überzeugt bin, dass der christliche Glaube darauf eine wirklich gute Antwort hat, sehe ich nicht nur für unsere Gesellschaft, sondern auch für die Kirche optimistisch in die Zukunft. »Die beste aller Welten« ist die, in der ich mich grenzenlos zu Hause fühle, auch wenn ich weiß, dass noch manches besser werden kann.
FEBRUAR
23
Am Tiefpunkt
Am 23. Februar 1960 war es so weit: Die beiden Männer, Jacques Piccard und Donald Walsh, zwängen sich in den Bathyskaphen, schließen die Luken – und tauchen ab. Und zwar tiefer als jemals ein Mensch zuvor. 10 916 Meter unter den Meeresspiegel.
Ja, ein Bathyskaph ist ein Tiefsee-U-Boot. Und der wagemutige Ausflug der beiden Abenteurer in den berühmten Marianengraben im Pazifik gilt bis heute als Höhepunkt oder besser gesagt als Tiefpunkt der Ozeanografie.
Auch weil diese noch weitgehend unerforschte Tiefseewelt Wissenschaftler seit Langem fasziniert. Was ist da unten los? Welche Wesen gibt es wohl in zehn Kilometern Tiefe, wo mehr als eine Tonne Druck auf jedem Quadratzentimeter lastet, wo absolute Dunkelheit herrscht und wo tödliche Kälte das Dasein bedroht?
Gerade weil das Leben in der Tiefsee so unendlich weit von uns entfernt ist, hat es sogar schon die biblischen Autoren inspiriert. Als der Prophet Micha erklären will, wie barmherzig Gott ist, da sagt er: »Gott wird alles, was unser Leben belastet, in die tiefsten Tiefen des Meeres werfen.« Und das heißt nichts anderes als: Es ist weg.
Na, wahrscheinlich haben Jacques Piccard und Donald Walsh bei ihrer Rekord-Tauchfahrt in die Dunkelheit keine menschlichen Sünden oder Nöte entdeckt. Aber das Bild von den irdischen Belastungen hätten sie in fast elf Kilometern Tiefe sicher gut nachvollziehen können: »Hierhin gehört alles, was euch belastet.« Lässt Gott ausrichten. Und wer das weiß, für den geht es stetig wieder nach oben.
FEBRUAR
24
Das Kommunistische Manifest
»Wacht auf, Verdammte dieser Erde. Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus.« So beginnt es, das berühmte »Kommunistische Manifest« von Karl Marx und Friedrich Engels. Es erschien am 24. Februar 1848 – und die knappen 60 Seiten enthalten eine Weltanschauung, die eine Zeit lang das Denken der halben Welt bestimmen sollte: den Kommunismus.
»Wacht auf, Verdammte dieser Erde.« Die Verdammten, das waren die Industriearbeiter, die in der Realität des 19. Jahrhunderts immer mehr »in Stumpfsinn und Rohheit« zu versinken drohten. Ausgenutzt von wenigen Kapitalisten. Diese Arbeiter sollten endlich aufgerüttelt werden. Und das wurden sie. Viele soziale Verbesserungen verdanken wir bis heute den Idealen des »Kommunistischen Manifestes«.
Trotzdem ist der Kommunismus offensichtlich gescheitert. Ein kommunistisches Land nach dem anderen bekennt sich zur Marktwirtschaft und lässt die Werte von Marx und Engels hinter sich. Der Kapitalismus funktioniert einfach besser – nun, das dachten wir jedenfalls, bis zur globalen Krise. Seither ahnen wir, dass auch unsere freie Marktwirtschaft keine Garantie für dauerhaftes Glück ist.
Tja, welche Wirtschaftsform ist denn jetzt die beste? Schwere Frage. Aber eines ist klar: Gut ist auf jeden Fall die Staatsform, der es gelingt, sich vor Dogmatismus zu hüten. Die nicht ein endgültiges System, sondern die Menschen an erste Stelle setzt. Die also immer neu und offen fragt, ob ihre Ideale den Menschen weiterhin guttun. Jesus hat das übrigens ganz liebevoll vorgemacht. Er sagte einmal: »Die Gebote sind für den Menschen da. Nicht die Menschen für die Gebote.« Das gilt bis heute.
FEBRUAR
25
Anthony Burgess
Die Ärzte rieten dem jungen Mann: »Nutzen Sie ihre letzten Monate gut. Sie haben einen unheilbaren Hirntumor und werden demnächst sterben.«
Oh! Nach dieser schockierenden Diagnose kündigte der Verzweifelte sofort seine Stellung als Lehrer im asiatischen Brunei und kehrte nach England zurück. Er wollte unbedingt in der ihm verbleibenden Zeit seiner Frau etwas Persönliches hinterlassen. Also fing er an, intensiv zu schreiben. Und siehe da, er veröffentlichte in den folgenden – übrigens: ziemlich gesunden – Jahren mehr als 50 Bücher. Anthony Burgess. Der Autor von »A Clockwork Orange« und vielen anderen Bestsellern. Einer, der seine Schriftsteller-Karriere zu Recht als Geschenk empfand.
Nun gehört Anthony Burgess auch zu den Autoren des 20. Jahrhunderts, die aus ihrem christlichen Glauben keinen Hehl gemacht haben und denen es wichtig war, Religion und Kirche in ihren Werken offen anzusprechen. Natürlich auch kritisch – aber Burgess hatte immer den Blick eines Menschen, der weiß, was es bedeutet, eine persönliche Auferstehung zu erleben.
Vielleicht hat er auch deshalb so nette Sätze gesagt wie: »Lache, und die Welt lacht mit dir. Schnarche, und du schläfst allein.« Heute hätte er Geburtstag gefeiert. Herzlichen Glückwunsch.
FEBRUAR
26
Browser
»To browse« heißt »stöbern«, »sich umsehen«, »schmökern«. Und wer im Internet stöbern will, der braucht einen Browser. Mit dem kann man die Inhalte des weltweiten Datennetzes darstellen. Auf seinem Bildschirm.
Ich dachte fast, ich werd nicht mehr, als ich jetzt gelesen habe, dass der erste Webbrowser überhaupt erst 1991 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, nach der Wende. Ja, am 26. Februar 1991. Das Ding hieß damals wie das Netz, »World Wide Web«, und wurde von einem Mann namens Tim Berners-Lee erfunden. Seither können wir Seiten aus dem Internet auf unserem Computer öffnen. Sprich: Durch den Browser bekommen wir Zugriff.
Anfangs war ich verblüfft, dass das erst 1991 passiert ist, ich brauche schließlich inzwischen jeden Tag einen Browser. Doch dann wurde mir klar, dass die Idee eigentlich viel älter ist. Ja, es geht beim Browsen doch darum, etwas darzustellen, auf das man sonst keinen Zugriff hätte. Und als Theologe fällt mir da sofort ein Vergleich ein.
Gott ist auch etwas, das man nicht einfach so lesen und verstehen kann. Man braucht dazu einen Browser. Sozusagen einen Gott-Browser. Und den hat Gott selbst online, oder besser, »onearth« gestellt. Nämlich seinen Sohn. Jesus zeigt den Menschen, wie Gott ist. Damit die endlich Zugriff bekommen.
O. k., ein gewagtes Bild. Aber jetzt versteh auch ich als Pfarrer endlich, was ein Browser ist.
FEBRUAR
27
Frauenpower
2009 ging es noch knapp aus. Ganz knapp. Fast wären die Studienanfängerinnen da schon in der Mehrheit gewesen. Aber es hat dann doch nicht ganz gereicht. Nun, 2010 wird es wahrscheinlich so weit sein: Mehr Frauen als Männer schreiben sich an Hochschulen ein und beginnen in Deutschland ein Studium.
Für diesen einzigartigen Erfolg der Gleichberechtigung brauchten die Frauen genau … na? 110 Jahre. Ja, denn im Jahr 1900 durften sich Ende Februar zum allerersten Mal Frauen in Deutschland immatrikulieren. Und zwar im liberalen Baden. Preußen brauchte noch bis 1908. Allerdings war da der Siegeszug der Akademikerinnen schon nicht mehr aufzuhalten.
Heute scheint es fast absurd, dass die europäische Gesellschaft den Frauen jahrhundertelang das Recht auf Bildung vorenthalten hat – vor allem die Kirchen haben sich bei diesem Thema wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Unverständlicherweise übrigens.
Jesus sagt doch den berühmten Satz: »Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.« Alle. Also Männer und Frauen. Nur weiß kaum einer, wie der Satz weitergeht. Da steht nämlich wörtlich: »Kommt alle und lernt. Lernt von mir.« Jesus selber lädt also Frauen zum Lernen ein. Das müssen die Theologen vergangener Tage irgendwie überlesen haben. Schade. Und was für ein Glück, dass Frauen diese Texte heute selbst studieren können.
FEBRUAR
28
Theodosius
Es war im Jahr 380. Da erklärte der römische Kaiser Flavius Theodosius am 28. Februar das Christentum zur allein gültigen und verbindlichen Staatsreligion. Mmh.
Nun kann man ja vom christlichen Glauben denken, was man will: Mit seinem Edikt »Cunctos Populos« begründete Theodosius letztlich das christliche Abendland. Und dass wir heute eine Gesellschaft haben, die auf christlichen Werten wie Menschenwürde, Freiheit und Nächstenliebe aufbaut, ist mehr als erfreulich.
Trotzdem gibt es viele Leute, die fragen: War dieser Schritt von Theodosius wirklich klug? Also: War es richtig, das Gedankengut dieser bislang verfolgten Glaubensgemeinschaft der Christen zum offiziellen Pflichtprogramm zu machen? Vorher hatten die Menschen ja die freie Wahl, ob sie Christinnen und Christen werden wollten; jetzt war es plötzlich so etwas wie ein Gebot.
Die Gefahr dabei ist ziemlich klar: Wenn etwas, das man aus Begeisterung, Leidenschaft und Überzeugung gemacht hat, plötzlich zur Pflicht, zur Gewohnheit und zum Ritual wird, dann geht das fast immer schief. Insofern wundert es auch nicht, dass ein verstaatlichtes Christentum so manche Macken hat.
Vielleicht ist es ein richtiger Segen, dass Menschen im 21. Jahrhundert das Geschenk des Glaubens wieder aus freier Entscheidung annehmen können. Und vielleicht tut das auch der Kirche gut.
MÄRZ
1
Alle gleich
»Alle anders – Alle gleich.« Das war ein starkes Motto für die »Internationalen Wochen gegen Rassismus«, die kürzlich stattfanden. »Alle anders – Alle gleich!« Jeder Mensch ist ein Individuum, vor allem aber ist er ein Mensch. Ganz gleich, welche Hautfarbe, Religion, Kultur oder Erziehung er hat.
Nur wer das kapiert, ist auch in der Lage, etwas gegen die vielen kleinen und großen Formen von Rassismus zu unternehmen, die man in Deutschland täglich beobachten kann. »Hey, der Typ da, das ist nicht in erster Linie ein Norweger, ein Türke, ein Araber oder ein Afrikaner. Das ist ein Mensch.« Rassismus fängt nämlich genau da an, wo jemand das Gefühl hat, ein anderer sei irgendwie ein bisschen weniger Mensch.
»Alle anders – Alle gleich.« Nur: Woher stammt eigentlich der kluge Gedanke, dass alle gleich sind? Na, das ist einer der zentralen Inhalte des christlichen Glaubens! Und dabei geht es gar nicht um »Gleichmacherei«, sondern um eine echte Aufwertung des Menschen: Weil Gott uns geschaffen hat, sagt die Bibel, sind wir alle gleich, und zwar gleich wertvoll und gleichermaßen gewollt und geliebt.
Wer in jedem Menschen ein von Gott geliebtes Geschöpf sieht, kann den anderen gar nicht verachten. Insofern ist der Glaube auch eine gute Basis, um Rassismus zu überwinden. In der Geschichte der Kirche hat das leider nicht immer geklappt, aber Jesus hat zumindest vorgemacht, dass sich die Welt verändert, wenn man auch den merkwürdigsten Gestalten mit Liebe und Achtung begegnet. »Alle anders – Alle gleich.«
MÄRZ
2
Michail Gorbatschow
Manchmal sagt oder tut man im richtigen Moment das Richtige. Und die ganze Welt verändert sich. Aber aufgepasst: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.«
Er hat im richtigen Moment die Welt verändert: Michail Gorbatschow, der heute Geburtstag feiert. Er war nur eineinhalb Jahre russischer Staatspräsident, doch sein Einsatz für die Wiedervereinigung sorgte im richtigen Augenblick dafür, dass aus zweimal »Deutschland« ohne Blutvergießen wieder eines wurde. Dafür, für seine Entspannungs- und Reformpolitik der »Perestrojka« und für seine neue Offenheit gegenüber den lang verschwiegenen Schwächen der Sowjetgesellschaft wurde Gorbatschow 1990 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Unser Gorbi.
Ich bewundere vor allem seine klaren und im Prinzip schlichten Grundideen: Ehrlichkeit ist besser als die ewigen Vertuschungsversuche, gute Beziehungen sind besser als Aggressionen, und Veränderungen sind besser als Stillstand. Ich weiß natürlich, dass man über Gorbatschows Politik herrlich streiten kann und dass er mit seinen Reformen am Ende gescheitert ist – aber: Seine Ideen haben trotzdem gesiegt. Der Kalte Krieg ist vorüber, und Deutschland konnte die Mauer niederreißen.
Und das zeigt mal wieder: Ideen sind stärker als Waffen. Selbst wenn ihre Väter scheinbar scheitern, setzen sich gute Ideen durch. Das gilt für Gorbatschow wie für Jesus oder Martin Luther King. Insofern war Gorbatschows »Ja« zur Wiedervereinigung eigentlich nur die logische Konsequenz einer viel größeren Vision. Vielleicht brauchen wir mal wieder ein paar Visionäre, die fühlen, wann die richtige Zeit für Veränderungen gekommen ist. Also: Herzlichen Glückwunsch, Michail.
MÄRZ
3
King Kong
»Und siehe! Das Untier erblickte das Antlitz der Schönheit, und seine Hände ließen ab vom Töten. Und von diesem Tag an war es dem Tod geweiht.«
Mit diesen geheimnisvollen Worten begann Anfang März 1933 der Mythos »King Kong« – und einer der größten Filmerfolge der Kinogeschichte. Es geht darin um Liebe und Tod, um Schönheit und Wildnis und um den riesigen Affen Kong, der auf einer Südseeinsel lebt und von einem Filmteam gefangen und nach New York gebracht wird. Dort bricht er aus, kämpft und wird am Ende auf dem Empire State Building von Jagdfliegern getötet. Allerdings erst, nachdem er die schöne Schauspielerin Ann, in die er sich verliebt hat, voller Zärtlichkeit in Sicherheit bringen konnte. Romantik und Horror in einem.
Viele Experten sagen, dass der Film »King Kong« deshalb so ein Erfolg wurde, weil er Motive aus der Jesusgeschichte übernimmt. Echt? Ja: Da ist ein mächtiges Wesen, das sich in einen Menschen verliebt und deshalb sterben muss. So wie Kong aus Liebe zu Ann nicht einfach kämpft oder flieht, sondern aufhört zu töten und sich selbst opfert, wird auch von Gott erzählt, dass er »seine Macht abgab«, um den Menschen ganz nah sein zu können.
Darf man King Kong wirklich mit Jesus vergleichen? Nun, ein bisschen gewagt ist das schon. Vor allem, weil die biblische Geschichte an Ostern ein Happy End hat. Jesus steht nämlich wieder auf.
MÄRZ
4
Die Zahl der Opfer
Komisch, dass sich das Ganze immer noch Friedensprozess nennt. Denn den entdecke ich leider nirgendwo. Seit ich denken kann, taucht alle paar Jahre ein neuer Friedensplan auf. Aber der Konflikt in Israel und Palästina schwelt nun schon Jahrzehnte vor sich hin – und die Signale, die ich in den Medien wahrnehme, klingen nicht nach einer baldigen Lösung.
Es ändert sich irgendwie nichts: Die einen töten mit Selbstmordattentaten, die anderen mit Soldaten. Einig sind sich die Kontrahenten nur in einem einzigen Punkt, nämlich dem Bewusstsein: »Wir, ja, wir verteidigen uns doch nur! Aggressiv sind die jeweils anderen.«
Ich habe in Israel-Palästina sowohl mit Juden als auch mit Palästinensern gesprochen und war überrascht, dass ich von beiden exakt die gleichen Geschichten gehört habe. Die waren schrecklich, hatten mit persönlichen Verlusten zu tun und mündeten alle in dem Aufschrei: »Unser Verhalten ist nur Notwehr. Wir sind die Opfer!«
Ich kann hier gewiss nicht versuchen, den Nahostkonflikt zu bewerten, aber eines weiß ich aus eigener Erfahrung: Menschen, die sich nur als Opfer sehen, lösen keine Konflikte. Niemals. Ein Opfer fühlt sich in die Ecke gedrängt, unterstellt dem anderen nur noch schlechte Motive und verliert jedes Realitätsgefühl. Wer sich nur als Opfer sieht, glaubt, dass er erst dann gewonnen hat, wenn der andere klein beigibt. So funktioniert Friede aber nicht.
Die Friedenspolitik der Bibel sieht anders aus. Sie sagt erstens: »Du bist niemals nur Opfer. Du bist verantwortlich für dein Tun.« Und zweitens: »Vergiss nie, dass du von Gott geliebt wirst. Ganz gleich, wie widrig die Umstände auch sein mögen: Da ist einer, der dich liebt und achtet. Wenn du dir das bewusst machst, dann kommst du aus der Opferrolle heraus und kannst der Welt friedlicher begegnen.«
MÄRZ
5
Cebit
Demnächst ist wieder die Cebit, die »weltweit größte Messe zur Darstellung digitaler Lösungen aus der Informations- und Kommunikationstechnik«. So heißt das Ding ganz offiziell. Es gibt auf der Cebit also »digitale Lösungen«.
Aber mal ehrlich: Im Augenblick findet man da ja nicht nur Lösungen, sondern auch ganz neue Herausforderungen. Zum Beispiel die Tatsache, dass manche virtuellen Welten inzwischen so realistisch wirken, dass sie immer verlockender werden. Im »Second Life« etwa, der Parallelwelt im Internet, haben viele Millionen Menschen seit Längerem einen Avatar, also eine zweite Identität, mit deren Hilfe sie ein digitales Doppel-Leben führen.
Nur: Je mehr Zeit ich vor dem Bildschirm in einer virtuellen Welt verbringe, desto weniger Zeit habe ich für die reale Welt. Natürlich macht es Spaß, mal mit einem Avatar durch die fantastischen, computergenerierten Dimensionen zu reisen, um dort den Helden zu spielen. Aber es ist eben nur ein Spiel. Die Liebe, die Lust, die Gemeinschaft: Alles nur ein Spiel.
Hey, ich bin Pfarrer, ich weiß, wovon ich rede. Ich bin schließlich der festen Überzeugung, dass es nicht nur eine Realität gibt – sondern auch noch die Wirklichkeit Gottes, eine überirdische Dimension des Lebens. Aber für die gilt genauso: Wenn Menschen sie nutzen, um aus der Realität zu fliehen, läuft etwas richtig falsch. Wenn sie uns aber hilft, unsere normale Welt mit ganz neuen Augen zu sehen, dann ist das Ganze eben nicht nur ein Spiel, sondern macht den Horizont wirklich weit.
Also: Wenn’s ums Leben geht, bevorzuge ich statt »digitaler« dann doch die »göttlichen Lösungen«.
MÄRZ
6
Oscar
Oscar. Seit Wochen wird wieder gemunkelt und spekuliert, wen sie dieses Jahr wohl für den weltweit bedeutendsten Filmpreis nominieren. Ist ja auch spannend: Welche Haupt- und Nebendarsteller, welche Regisseure, Kameraleute, Maskenbildner und Filmmusiker können sich demnächst eine der heiß begehrten, goldenen Statuen ins Regal stellen? Nun: Bald werden die potenziellen Kandidaten wieder bekannt gegeben.
Oscar. Also, ich hätte wirklich auch gern mal einen. Muss doch ein klasse Gefühl sein: Ich bin erwählt! Ich bin etwas Besonderes! Ich gehöre zur Elite! Einmal hören: »And the winner is …« Und dann: mein Name. Wahrscheinlich ist das eine der tiefsten menschlichen Sehnsüchte überhaupt, dieses Gefühl, beachtet, ausgezeichnet zu werden. Das Wissen: »Ich bin gut!« Na, zumindest halten mich alle dafür.
Die Logik des christlichen Glaubens sieht komischerweise völlig anders aus. Sie sagt: »Mensch, du bist ohnehin etwas Besonderes, weil es einen Gott gibt, der dich liebt und dich geschaffen hat.« Oder, um es anders auszudrücken: »Wenn du eine Auszeichnung brauchst, um dich gewollt zu fühlen, dann stimmt in deinem Leben etwas nicht.«
Würde Gott Oscars verleihen, dann würde er heute sagen: »Hey, nominiert seid ihr alle!« Und die Frage lautet nicht: »Wer gewinnt?«, sondern: »Holst du dir den Preis ab?« Zu Deutsch: Kannst du das glauben? Denn dann wirst du dich tatsächlich ausgezeichnet fühlen.
Trotzdem: Sollten Sie gerade überlegen, einen Oscar für Radiopfarrer zu stiften … Ich wäre da nicht abgeneigt …
MÄRZ
7
Adler und Hühner
Kennen Sie die Geschichte von dem Bauern, der beim Wandern ein Adlerküken entdeckt, das aus dem Nest gefallen ist, und es mit nach Hause nimmt? Ich liebe diese Geschichte. Der Bauer findet also einen jungen Adler und zieht ihn mit seinen Hühnern groß. Der Adler lernt, wie man pickt und gackert und auf einer Stange sitzt. Nur mit dem Eierlegen klappt es nicht so richtig.
Eines Tages kommt dann ein Fremder auf den Hof, sieht den Adler und fragt den Bauern: »Wieso benimmt der sich wie ein Huhn?« »Ach«, sagt der Bauer, »das ist eigentlich ein Huhn. Lassen Sie mir das Viech bloß in Ruh!« Doch der Fremde beugt sich zu dem Vogel und sagt: »Hey, du bist ein Adler. Du kannst fliegen. Du gehörst in den Himmel, nicht auf den Boden.«
Das Schlimme ist: Der Adler hat sich an das Hühnerdasein gewöhnt und wagt es nicht, seine Flügel zu benutzen. Auch dann nicht, als der Fremde ihn hoch in die Luft hält: »Du bist ein Adler. Du kannst fliegen. Du gehörst in den Himmel.« Nichts. Erst als der Mann mit dem Adler ins Gebirge steigt und der die Hühner nicht mehr sieht, wagt er es, seine Schwingen auszubreiten. Und dann fliegt er davon. »Du bist ein Adler. Du kannst fliegen. Du gehörst in den Himmel.«
Ich liebe diese Geschichte, weil sie einige Kernaussagen der Bibel wiedergibt: Jeder Mensch ist wie dieser Adler. Und leider gibt es zu viele Bauern, die ihm einreden wollen, er sei ein Huhn. Ein Adler gehört aber nicht in den Hühnerhof, er braucht die Dimension des Himmels, um sich entfalten zu können. Es ist falsch, wenn Adler die Möglichkeiten, für die sie geschaffen sind, nicht ausnutzen und niemals fliegen. Und es ist traurig, wenn Menschen die Weite des Himmels in ihrem Leben nicht finden.
MÄRZ
8
Sprachlos
Eine entsetzliche Tat. 16 Tote, weil ein Jugendlicher durchgedreht ist. Weil er um sich geschossen hat, als wäre ein Leben nichts wert. Gar nichts. Und alle versuchen verzweifelt, Worte für das Unsagbare zu finden. Als ob Worte erklären könnten, was da Mitte März 2009 in Winnenden passierte.
Gerade am ersten Abend nach der Katastrophe. Da wurde ziemlich viel geredet. In den Medien. Ausführliche Analysen, Kommentare und Diskussionen. Und die klangen oftmals so, als könne man den Schrecken in den Griff bekommen, wenn man eine Erklärung findet. In Sondersendungen, Talkshows und Magazinen. »Also, ich denke, dahinter steckt Folgendes …«
Aber vielleicht, vielleicht können wir das Leben mit seinen Grenzen und seinen Abgründen gar nicht endgültig durchschauen. Wie wir immer meinen. Und wie wir es gerne hätten. Ja, möglicherweise werden wir trotz aller Expertenmeinungen nie begreifen, warum der angeblich unauffällige Tim plötzlich zu einer Waffe gegriffen und all diese Menschen hingerichtet hat.
Darum hat mich der Satz eines kirchlichen Notfallseelsorgers sehr berührt. Der hat nämlich gesagt: »Um ehrlich zu sein … Mir fehlen die Worte. Ich bin sprachlos. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich kann den Betroffenen keine Erklärungen anbieten. Ich kann nur eines machen, nämlich da sein. Ja, ich bin für sie da.«
Das ist dem Erschrecken angemessen. Finde ich. Und ich frage mich manchmal, ob wir nicht eine Gesellschaft brauchen, in der insgesamt weniger erklärt wird und in der wir einfach mehr füreinander da sind. Und das Leben gemeinsam aushalten.
MÄRZ
9
Elektronenmikroskop
Manchmal sieht man mit bloßem Auge einfach nichts. Überhaupt nichts. Trotzdem ist da was. Nur reicht unser Auge nicht aus, um es zu erkennen. Nun, bei Dingen, die für unsere Wahrnehmung einfach zu klein sind, hilft zum Beispiel ein Mikroskop. Klar, das kennen wir alle. Nebenbei: Das erste Mikroskop hat 1590 ein niederländischer Brillenmacher erfunden. Und inzwischen gibt es Lichtmikroskope, die ein Objekt bis zu 10 000-fach vergrößern. Nicht schlecht, oder?
Doch selbst das reichte den Wissenschaftlern nicht. Sie wollten noch genauer hingucken. Also testete der Physiker Ernst Ruska am 9. März 1931 zum ersten Mal eine unglaubliche technische Apparatur. Eine, die das Objekt nicht mit Licht, sondern mit Elektronen abtastet. Und diese neue Technik ermöglicht tatsächlich eine Vergrößerung um das bis zu 500 000-fache. Wow! Mithilfe solcher Elektronenmikroskope haben die Forscher so manches wissenschaftliche Rätsel gelöst, das mit einem Lichtmikroskop undurchschaubar geblieben wäre.
Als Pfarrer kann ich da nur schmunzeln: Natürlich gibt es vieles, was wir mit unseren normalen Sinnen nicht wahrnehmen können. Zum Beispiel Mikrostrukturen. Oder Gott. Und während die Wissenschaftler für die Erforschung der winzigen Dinge das Elektronenmikroskop entwickelt haben, gibt es für den Zugang zu Gott den Glauben. Und irgendwie sind Glaubende ja auch Forscher. Sie gehen so wunderbaren Dingen auf den Grund wie Liebe, Vertrauen, Hoffnung, Sehnsucht und Sinn. Bisweilen eröffnen sich dabei ganz neue Welten.
MÄRZ
10
Spektralanalyse
Wissen Sie, was eine Spektralanalyse ist? Also, ich hatte keine Ahnung. Spektralanalyse? Gut, klingt irgendwie nett. Aber was ist das?
Mal ganz von vorne: Am 10. März 1814 macht der bayerische Physiker Joseph von Fraunhofer eine total verblüffende Beobachtung. Er schreibt später: »Ich entdeckte beim Betrachten der Sonne mit dem Fernrohr unzählig viele dunkle Linien – einige scheinen fast schwarz zu sein.« Schwarze Linien? Im Sonnenlicht? Häh?
Es dauerte fast 50 Jahre, bis das Geheimnis dieser Striche gelüftet wurde. Jeder chemische Stoff sendet beim Verbrennen ein charakteristisches Licht aus. Und dabei fehlen immer bestimmte Farben aus dem Farbspektrum, die dann als dunkle Linien beobachtet werden können.
Sprich: Wenn ich das Licht analysiere, das ein Körper aussendet, kann ich sagen, woraus er besteht. Ja, das klappt sogar bei unendlich weit entfernten Sternen. Und das Verfahren dazu heißt Spektralanalyse. Irre, oder?
Als Theologe fasziniert mich daran vor allem eines: Der Physiker Fraunhofer musste erst eine eigene Betrachtungsweise entwickeln, bevor er diese charakteristischen Linien sehen konnte. Denn für das bloße Auge sind sie nicht sichtbar. Und ich frage mich, ob es bei Gott nicht ähnlich ist. Man muss erst lernen, ihn wahrzunehmen. Sein Licht zu entdecken. Vielleicht heißt es ja deshalb in der Bibel: »Der Mensch sieht immer mit den Augen, aber Gott sieht das Herz an.«
Auf dem Grabstein von Fraunhofer steht jedenfalls ein bewegender Spruch: »Er hat die Sterne näher gerückt.«
MÄRZ
11
Gedenktag für die Opfer des Terrorismus
Am 11. März 2004 kamen bei Terroranschlägen in Madrid 192 Menschen ums Leben. Seither wird der 11. März als »Europäischer Gedenktag für die Opfer des Terrorismus« begangen.
Nun muss ich ehrlich sagen: Manchmal können einem die ewigen Gedenktage fast schon auf die Nerven gehen. Andererseits: Wer sich nicht erinnert, der ist auch nicht wachsam in der Gegenwart. Und wer nicht wachsam ist, der zeigt, dass er aus der Vergangenheit nichts gelernt hat.
Also: Woran denken wir heute? An die Menschen, die einen sinnlosen Tod sterben mussten, weil irgendwelche Wahnsinnigen Europa in Angst und Schrecken versetzen wollen? Daran, dass jemand, der Unschuldige für seine Ideale opfert, immer unrecht hat? Oder daran, dass endlich die vielen Ursachen für Terrorismus beseitigt werden müssen: Unzufriedenheit, Ungerechtigkeit und Hass?
Ich denke bei diesem Thema vor allem an eines: dass Glaube den Menschen eigentlich einen inneren Frieden bringen will, soll und kann. Und das heißt: Wer aus angeblich religiösen Gründen zum Terroristen wird, der hat vom Glauben überhaupt nichts verstanden. Der sucht nur eine sakrale Entschuldigung für seine Brutalität.
Ich behaupte: Innerer Friede ist der entscheidende Beweis dafür, dass ein Mensch glaubt. Und wer so einen Frieden gefunden hat, der hat auch keinen Grund mehr, andere zu terrorisieren.
MÄRZ
12
Gregoriustag
Heute ist Gregoriustag. Und früher hieß es im Volksmund: »Am Gregoriustag, da ist der Winter endgültig vorbei.« Na, mal gucken, ob das stimmt. Zumindest wird bis in unsere Zeit am 12. März in manchen Regionen die Rückkehr der Austernfischer, das Aufbrechen des Eises oder das Auftauchen bestimmter Blüten freudig erwartet. Ja, auf den Färöerinseln wird der Gregoriustag sogar offiziell als Frühlingsanfang gefeiert.
Benannt ist dieser Tag übrigens nach einem frühen römischen Bischof, der am 12. März 604 gestorben ist. Dieser Gregor hat den Begriff »Papst« offiziell als Amtsbezeichnung eingeführt und die Grundlagen für den Vatikanstaat geschaffen. Bekannt wurde er aber vor allem für sein großes gesellschaftliches Engagement.
Obwohl Gregor der erste Mönch auf dem Papststuhl war, betonte er immer wieder, dass der christliche Glaube nicht irgendeine abgehobene Lebenseinstellung sein dürfe. Nein, Glaube soll die Welt positiv verändern. Indem Christinnen und Christen die Armut bekämpfen, sich politisch einbringen und anderen Menschen Hoffnung machen. Diese Leidenschaft für das Leben hat Gregor zu einem der meistgelesenen Autoren des Mittelalters gemacht.
Tja, und während die einen am heutigen Gregoriustag begehrlich auf den Wetterbericht starren und den Frühlingsdurchbruch herbeisehnen, erinnern sich die anderen an einen klugen Vordenker des Christentums, der von einer heileren Welt träumte.
MÄRZ
13
Charles Darwin
Stammt der Mensch vom Affen ab oder wurde er von Gott geschaffen? Das ist hier die Frage. Eine Frage, über die weltweit gestritten wird. Seit über 150 Jahren. Seit Darwin sein berühmt-berüchtigtes Buch »Die Entstehung der Arten« veröffentlichte.
»Ja«, sagten viele fromme Christen sofort, »wenn der Mensch vom Affen abstammt, dann stimmt ja die Bibel gar nicht. Da wird das doch ganz anders erzählt. Nieder mit diesen ketzerischen Thesen.« In Amerika trat 1925, übrigens an einem 13. März, sogar ein Gesetz in Kraft, das verbot, die Theorien Darwins an den Schulen zu lehren. Ja, dieses Gesetz war mehr als 40 Jahre in Kraft. Und seit einiger Zeit flammt der Streit um Darwin erneut auf.
Das Verrückte bei all dem Gezanke ist: Sowohl die Befürworter der darwinistischen Evolutionslehre wie auch deren erbitterte Gegner machen den gleichen Fehler. Sie lesen die Heilige Schrift der Christenheit, als wäre die ein naturwissenschaftliches Lehrbuch. Als ginge es da um empirische Fakten. Die interessieren die Bibel aber gar nicht.
Die Bibel erzählt eine wunderschöne Geschichte mit klaren geistlichen Aussagen: »Der Mensch ist von Gott gewollt, geliebt und erdacht.« Das gilt es zu verstehen. Und diese Botschaft ist viel wichtiger als die neuzeitliche Frage, ob die Schöpfung nun in sechs Tagen oder in großen evolutionären Schritten passiert ist.
Wer die Bibel als Naturkundebuch liest, der macht sie ganz klein – nicht groß. Und Gott im Himmel hat für die fruchtlosen Diskussionen sicher nur ein gnädiges Lächeln übrig.
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