Read the book: «Lord of the Lies - Ein schaurig schöner Liebesroman»
Ewa A.
Lord of the Lies - Ein schaurig schöner Liebesroman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
1770 England
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Weitere Werke von Ewa A.
Impressum neobooks
Widmung
Lord of the Lies
Ein schaurig schöner Liebesroman
von Ewa A.
*
Impressum
Texte: © Copyright by
E. Altas
Bundesstr. 6
79423 Heitersheim
ewa.xy@web.de
https://www.facebook.com/EwaA.Autorin
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Cover :
Design:
Dream Design – Cover and Art
http://www.cover-and-art.de
Bildquellen:
www.shutterstock.com
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Korrektorat:
https://korrektoratia.jimdosite.com
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Alle Rechte vorbehalten.
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Obwohl sich diese Geschichte an historische Kriminalfälle (Giftaffäre um die Marquise de Montespan/Kindermorde des Gilles de Rais) anlehnt, ist sie sowie ihre Figuren, deren Handlungen, und Orte fiktiv.
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Das Buch erhebt keinerlei Anspruch auf geschichtliche Authentizität.
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Für meine Freunde
und meine treuen Leser,
ohne die das Leben
nur halb so schön wäre.
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Triggerwarnung
In diesem Roman werden blutige, verstörende Szenen,
körperliche und sexuelle Gewalt beschrieben.
1770 England
Irgendwo außerhalb Londons
Sie schwebte in einer schwerelosen Leere. Da war nichts, außer … Dunkelheit und dem Schmerz, der ihren Kopf stechend quälte. Nach und nach spülte sich Übelkeit in ihr Bewusstsein. Der ekelhafte Geschmack auf ihrer pelzigen Zunge ließ sie aufstöhnen. Sie schluckte gegen die Trockenheit in ihrem Mund an und atmete durch. Zunehmend wurde ihr schlechter, denn ein widerlicher süßer Geruch lag in der Luft, nach Verwesung, Rauch und … Metall. Ein tiefes, fortwährendes Gemurmel drang an ihre Ohren und, so sehr sie sich bemühte, sie konnte die einzelnen Worte nicht verstehen. Ihre Lider waren träge. Überhaupt war sie müde, so entsetzlich müde und doch musste sie wach werden. Schnell. Unbedingt. Sie wusste nicht warum, aber sie spürte die Notwendigkeit dazu. Etwas tief in ihr warnte sie vor einer Gefahr. Bloß welcher?
Es war kalt. Ein Frösteln überzog das fünfzehnjährige Mädchen und ließ ihren schmalen Körper zittern. Sie wollte die Arme und die Beine an ihre Brust ziehen, um sich zu wärmen, aber sie konnte sich nicht bewegen. Ketten rasselten. Panik brach in der jungen Frau aus. Nur mit Mühe gelang es ihr endlich, die Augen zu öffnen. Über ihr, in dämmernder Finsternis, konnte sie die Decke erkennen, die aus grob gemeißelten Steinblöcken bestand.
Wo war sie bloß? Sie konnte sich erinnern, mit ihren Eltern auf einer Abendgesellschaft gewesen zu sein. Ihr war schlecht geworden und sie war in den Garten hinausgegangen, um frische Luft zu schnappen … Ab diesem Zeitpunkt verlor sich jedoch ihre Erinnerung in einem undurchdringlichen Nebel.
Die Lider des Mädchens fielen wieder zu, aber sie kämpfte sich in die Wirklichkeit zurück. Hechelnd wand sie ihren Kopf und entdeckte die Gestalten, die neben ihr standen. Es waren zwei Personen in weiten Kutten, deren Stoff rot glänzte. Ihre Gesichter lagen unter den großzügigen Kapuzen im Schatten. Kerzen auf goldenen Kandelabern erhellten mit ihren zuckenden Flammen die düstere Szenerie, die der jungen Frau ungeheure Furcht einjagte. Angstschweiß kroch aus ihren Poren, denn sie bemerkte, dass noch weitere Kuttenträger um sie Stellung bezogen hatten. Vollkommen nackt, mit gespreizten Beinen und ausgestreckten Armen hatte man sie auf einem steinernen Tisch angekettet, der die Form eines X’ hatte. Vier vermummte Gestalten hatten sich jeweils an ihren Hand- und Fußgelenken platziert, ein fünfter hinter ihrem Kopf und ein sechster zwischen ihren Beinen. Lauthals begann das Mädchen zu schreien und zerrte wild an ihren Ketten, um sich zu befreien.
Doch keiner der Kuttenträger scherte sich darum. Nur derjenige, der zwischen ihren Beinen verharrte und die seltsamen Worte murmelte, in einer Sprache, die sie nicht verstand, hob sacht seinen Kopf. Sie konnte das grausame Lächeln ausmachen, das seine gelben Zähne freilegte. Er war anscheinend der Anführer der Kuttenträger, denn er hielt ein schwarzes Buch in der Hand, aus dem er vorlas und das er schließlich zur Seite legte.
Als er verstummt war, wimmerte das Mädchen atemlos in seine Richtung: »Bitte! Bitte, lasst mich gehen!«
Da sie sich selbst nicht von den eisernen Fesseln befreien konnte, hatte sie beschlossen, um ihr Leben zu betteln. Mit nach vorn gebeugtem Kopf flehte die junge Frau ihren Entführer unter Tränen an: »Ich werde alles tun, was Ihr von mir verlangt. Lasst mich bitte nur gehen! Bitte!«
Doch der Anführer setzte ungerührt seine Zeremonie fort und holte eine Hostie hervor. Starr vor Angst beobachtete das Mädchen, wie er die Oblate in einer feierlichen Geste emporhob und dabei unverständliche Silben murmelte. Im nächsten Moment senkte er seine Hände. Sie spürte, wie er die Hostie in ihre Scheide einführte, und begann, hysterisch zu kreischen. Dies hielt den Anführer jedoch nicht auf. Fortwährend seinen Sermon aufsagend zog er die Oblate wieder aus ihrem Körper heraus. Voller stummem Entsetzen konnte die junge Frau nur dabei zusehen, wie er die entweihte Hostie in Stücke zerbrach und unter seinen Begleitern aufteilte. Gleichzeitig verspeisten alle Kuttenträger mit geflüsterten Worten ihren Anteil der Oblate.
Das Mädchen heulte währenddessen jämmerlich: »Bitte, lasst mich nach Hause gehen. Bitte! Ich werde auch niemandem etwas verraten. Ich verspreche es.«
Ihre Brust bebte vor unbändiger Furcht, aber die Kuttenträger kannten keine Gnade. Indessen der Anführer seine rote Kutte entknotete und beiseite schlug, unter der er keine sonstige Kleidung trug, zogen die anderen aus ihren weiten Ärmeln silberne Dolche.
Abermals versuchte das Mädchen, sich schreiend loszureißen, bäumte sich unter den Ketten auf und warf ihren Leib hin und her. Doch sie vermochte nichts auszurichten, außer dass sie sich ihre Haut an den scharfen Kanten ihrer Metallfesseln blutig schabte und ihr Rückgrat wegen des harten Steinaltars schmerzte. Ihre fünf Peiniger stimmten derweil im Chor einen monotonen Singsang an. Jeder der vier, die jeweils an ihren Hand- und Fußgelenken standen, schnitt ihr in erbarmungsloser Lethargie die Pulsadern auf.
Mit einem beißenden Brennen öffneten sich die Adern des Mädchens, das ohnmächtig ertragen musste, wie das Blut aus ihren Wunden heraussickerte und von den Kuttenträgern in goldenen Kelchen aufgefangen wurde. Noch während der Lebenssaft aus der jungen, unschuldigen Frau herausfloss und sie sich weiterhin wehrte, verging sich der Anführer an ihr, mit brutaler Gewalt, begleitet von dem rhythmischen Gezeter seines Zirkels.
Vier der Teufelsanbeter ergötzten sich an der Gräueltat ihres Meisters und masturbierten laut atmend auf den geschundenen Körper der jungen Frau. Nur der fünfte Kuttenträger verharrte scheinbar reglos hinter ihrem Kopf. Erst als ihm der Anführer ein Zeichen gab, trat er neben sie und holte seinen silbernen Dolch hervor. Während er ihr mit der rechten Hand ganz langsam die Kehle durchschnitt, fasste seine linke nach seinem Glied. Sein animalisches Keuchen hallte durch die finstere Gruft.
Allmählich schwanden dem Mädchen die Kräfte. Das Letzte, was es sah, bevor sein Lebenslicht endgültig erlosch, waren die zahllosen abgeschlagenen Kinderköpfe. Fein säuberlich aneinandergereiht, prangten sie aufgespießt und angemalt an den Wänden.
Kapitel 1
Acht Wochen später
Londoner Stadthaus der Familie Stuart Clifford
»Und du bist sicher, dass ich nicht bei dir bleiben soll? Du siehst krank aus, Kolton. Ich mache mir Sorgen um dich.« Kummervoll betrachtete Pearlene den dreizehnjährigen Jungen, der vor ihr im Bett lag. Sie strich seine widerspenstigen blonden Locken zur Seite. Seine Stirn war feucht und die dunklen Augenringe hoben seine Blässe noch stärker hervor.
Die Baroness Clifford liebte ihren Bruder, der fünf Jahre jünger als sie war, über alle Maßen. Dieser war das Abbild ihres Vaters und hatte leider nicht nur dessen Aussehen vermacht bekommen, sondern auch dessen schwache Gesundheit. Langsam schien sich herauszukristallisieren, dass Kolton die gleiche Anfälligkeit des Vaters geerbt hatte, sich stets eine Erkältung oder andere Krankheiten einzufangen, die ihm stärker zusetzten als anderen Menschen. Seit Monaten kämpfte ihr Vater immer wieder mit Schwächeanfällen, gegen die seine Ärzte nichts auszurichten vermochten. Kuren und Bäder zeigten für kurze Zeit Besserung, die jedoch nicht von Dauer war. Immer wieder musste Duke Clifford das Bett hüten, weil er zu schwach war, sich auf den Beinen zu halten.
Kolton griff ermattet nach der Hand seiner Schwester und hielt sie fest. »Mir ist nur ein wenig schlecht, Pearlene. Auf keinen Fall wirst du deswegen diese Abendgesellschaft verpassen. Onkel Stuart und Tante Deana haben uns extra mit in die Stadt genommen, damit du auf Bräutigamsuche gehen kannst. Und außerdem ist Reeva schon ganz aufgeregt, weil du sie begleitest.« Müde legte er sich in die Kissen zurück und schloss die Augen.
Pearlene sah, wie ihr Bruder schluckte, und überprüfte sogleich, ob man ihm eine Schüssel bereitgestellt hatte, falls er sich übergeben musste. Doch Tante Deana hatte wie immer an alles gedacht. Tee und sogar kühles Wasser mit einem Tuch hatte sie bereitlegen lassen. Pearlene befeuchtete jenes und legte es Kolton auf die Stirn.
»Ja. Unsere Cousine schwärmt mir schon seit Wochen von dem Ball der Shutterfields vor, der die hiesige Ballsaison eröffnet. Der Marquess hat für diesen Abend den Beaumont Park nur gemietet, um seiner Tochter einen glanzvollen Debütantinnenauftritt zu ermöglichen. Kannst du dir vorstellen, was das kostet? Warum gibt man für so etwas ein Vermögen aus?« Mit ihren großen grünen Augen starrte Pearlene ihren Bruder missmutig an.
Leise hörte sie ihn nuscheln: »Du weißt doch, was Vater immer sagt: Der Londoner Adel liebt es, sich in pompöser Pracht darzustellen. Und wenn Shutterfield einen reichen, einflussreichen Bewerber für seine Tochter sucht, ist das gewiss nicht der verkehrte Weg, sie damit anzulocken.«
Die Baroness schüttelte seufzend den Kopf. »Du bist viel jünger als ich und dennoch viel klüger.« Erneut tauchte sie das Tuch in das Wasser und betupfte sanft Koltons Gesicht, der leicht grinste.
»Nein, ich werde lediglich seit Jahren auf Vaters Nachfolge gedrillt. Den Clifford Dukes wird nachgesagt, stets weise und nachsichtig zu handeln. Anscheinend zeigt meine Erziehung ihre ersten Erfolge.«
Kolton öffnete seine Lider und betrachtete seine Schwester, die mit der Hochsteckfrisur aus ihren weißblonden Locken an diesem Abend besonders hübsch aussah. Zu Pearlenes Verdruss waren ihre Haare normalerweise aalglatt und nur ein Lockeneisen zwang sie in diese Form, was sie fortwährend bedauerte. Aber Kolton liebte Pearlenes Haar, das ihr weit über die Hüften reichte und wie eine Schneedecke in der Winternacht glitzerte, wenn sie es offen trug. Ihre großen Augen, welche ihn mit ihrem Hellgrün immer an die Frühlingsblumen erinnerten, verbargen sich hinter den trüben Gläsern eines schwarzen Nasenzwickers. Dieser stellte, nach Pearlenes Meinung, einen weiteren Makel dar, den sie aus tiefster Seele hasste. Sie glaubte, wenn ihre schlechte Sehfähigkeit keinen Mann abschrecken würde, dann erst recht der Nasenzwicker, weshalb sie jegliche Feste und Empfänge scheute. Kolton fand jedoch, dass der Umstand ihrer Kurzsichtigkeit sie nur noch entzückender erscheinen ließ, denn wenn sie etwas nicht erkennen konnte, kräuselte sie auf herrliche Weise ihre Nase. Bestimmt würde ein Mann, der Gefallen an ihr fand, sich nicht von den Augengläsern abhalten lassen, um ihre Hand zu bitten. Es war wirklich an der Zeit, dass Pearlene einen Ehemann suchte, weil ihre Selbstzweifel immer schlimmer wurden. Zu allem hin war sie mit ihren achtzehn Jahren älter als die gewöhnlichen Debütantinnen, die zum Teil schon mit fünfzehn in die Gesellschaft eingeführt wurden, was ihr die Sache noch weiter erschwerte.
Der Junge bemühte sich, Pearlene aufzumuntern, weil er sich denken konnte, was ihn ihrem Kopf vor sich ging. »Pass auf dein Kleid auf, Schwesterherz! Nicht dass du es mit Wasserflecken ruinierst. Es steht dir nämlich ausgezeichnet.«
Mürrisch verzog sich Pearlenes Mund und sie schaute unglücklich auf den glänzenden weißen Brokatstoff, der sich in weiten Lagen über dem Reifrock bauschte. Ihr Mieder trug dasselbe pastell-rosa Blumenmuster, das mit silbernen Stickereien durchwirkt war. Eine filigrane Spitze zierte den weiten Ausschnitt, der ihr Dekolleté betonte, und die Ärmel ihres silbernen Überkleides, welches außerdem eine faltenreiche Schleppe besaß.
»Ach, ein paar Flecken spielen keine Rolle. Was soll die Schönheit eines Kleides denn schon bewirken, wenn es der Trägerin umso mehr daran mangelt?«
»Pearlene …«, schnaubte Kolton resignierend, wurde jedoch von dem Auftauchen seiner Tante unterbrochen, die in einer dunkelgrünen Festrobe in sein Zimmer hineinrauschte.
»Kolton, mein Lieber, wir sind so weit. Wir werden jeden Moment aufbrechen. Kann ich dir noch irgendetwas ans Bett bringen lassen?«, fragte die ältere Frau mit einem gütigen Lächeln.
Während sich Pearlene erhob, antwortete Kolton: »Nein danke, Tante Deana. Falls ich etwas benötige, habe ich ja noch die Glocke, um nach dem Personal zu läuten.«
Zärtlich strich Deana über Koltons Schopf und küsste ihn auf den Haaransatz. »Wie du meinst. Schlaf gut, mein Herz. Wir kommen nicht allzu spät nach Hause. Morgen geht es dir bestimmt besser.«
»Sicher!«, bestätigte Kolton und Pearlene verabschiedete sich ebenfalls von ihm mit einem Kuss auf die Wange.
»Träum süß, Brüderchen. Wir sehen uns morgen in der Früh.«
Kolton lächelte spitzbübisch. »Gute Nacht, Pearlene, und … viel Vergnügen.« Sein abschließendes Augenbrauenzucken bedachte diese mit einem gespielten grimmigen Blick und schloss schweren Herzens die Tür.
Gewöhnlich sahen alle Mädchen ihrem ersten Ball, auf dem sie in den Heiratsmarkt eingeführt wurden, in freudiger Erwartung entgegen, doch bei Pearlene hatte sich ein Unwohlsein breitgemacht, das mehr und mehr zunahm. Ihrer Ansicht nach war sie weder jung noch schön genug, um mehrere Bewerber anzulocken, unter denen sie wählen konnte. Allein ihr Vermögen und ihr familiärer Hintergrund, so vermutete sie, würde ihr die Aussicht auf einen, wenn sie viel Glück hatte, vielleicht auch auf drei Bewerber ermöglichen. Dass diese wahrscheinlich eher habgierige Mitgiftjäger sein würden als heißbegehrte Junggesellen des englischen Hochadels, die sich nach ihr verzehrten, versüßte ihr die Angelegenheit noch weit weniger.
Da ihr Vater die letzten Jahre zu oft ans Bett gefesselt gewesen war, waren seine Aufgaben und Pflichten ihrer Mutter obliegen geblieben, die diese zusätzlich zu bewältigen hatte. Zwar hatten Onkel Stuart und Tante Deana ihren Eltern geholfen, wo es ging, da die Familie stets zusammenhielt, aber auch sie selbst hatte ihre Mutter die ganze Zeit über tatkräftig unterstützen müssen. Dies hatte nicht nur die Pflege des Vaters betroffen, sondern auch die Haushaltsführung und die Verwaltung der Güter und Ländereien. Dabei war die Suche nach einem Ehemann für sie ins Hintertreffen geraten. Allerdings musste Pearlene zugeben, dass sie diese nicht forciert hatte. Sie war sich schon immer über ihr bescheidenes Äußeres und den daraus resultierenden Chancen auf dem Heiratsmarkt im Klaren gewesen. Nein, sie war gewiss keine Schönheit, so, wie ihre jüngere Cousine Reeva, die in der Eingangshalle mit ihrem Vater, Onkel Stuart, bereits auf Deana und sie wartete.
Reeva sah wunderhübsch aus, in ihrem lindgrünen Kleid, das jede Kurve ihrer üppigen Figur betonte, welche ganz dem gängigen Schönheitsideal entsprach. Pearlene beneidete ihre Cousine, besonders um die braunen Naturlocken, die sich elegant um ihren Hals ringelten. Im Gegensatz zu Reeva hatte sie weder eine zierliche Stupsnase noch einen kleinen, süßen Mund, sondern einen langen, schmalen Nasenrücken, der über einem genauso überdurchschnittlich breiten Mund thronte. So hinreißend Reeva ihr erschien, so farblos und altbacken kam sich Pearlene neben ihr vor. Hellblond, zierlich und dann noch mit den Augengläsern auf ihrer langen Nase, würden die Herren sie wohl für den schlechtesten Fang des Abends halten.
Vorsichtig stiegen die beiden Frauen die Treppe hinab, um nicht über ihre ausladenden Röcke zu stolpern. Onkel Stuart musterte die Frauen mit einem stolzen Lächeln.
»Myladies, es ehrt mich euer Begleiter sein zu dürfen. Ihr seht allesamt bezaubernd aus.«
Als zwei Diener Pearlene und Deana die Capes umlegten, griff Reeva indessen nach dem Arm ihres Vaters. »Papa, gib sie ihr doch bitte jetzt, damit sie sie genau anschauen kann. In der Kutsche ist es zu dunkel, als dass man erkennt, wie wunderschön sie gearbeitet ist.«
Verwundert spickte Pearlene zu ihrer Cousine, die sie gespannt anlächelte. Auch Deana und Stuart war anzusehen, dass sie etwas vor ihr geheim hielten. Schließlich holte ihr Onkel, mit einem Grinsen, eine Schachtel hinter seinem Rücken hervor, die er Pearlene reichte.
»Reeva hat Recht. Hier kannst du dein Geschenk in Ruhe und vor allem in genügend Licht betrachten.«
»Ein Geschenk? Für mich?«, stammelte Pearlene überrascht und nahm die Schachtel strahlend entgegen.
Reeva eilte an ihre Seite. »Schnell, mach es auf! Ich will wissen, ob es dir gefällt. Es war meine Idee. Ich habe Mutter beim Aussuchen geholfen.«
Noch neugieriger als zuvor begann Pearlene, das Geschenk zu öffnen, und zum Vorschein kam eine Schatulle, in der eine Brille steckte, die sie in dieser Art noch nie gesehen hatte. Die Brille hatte einen herausklappbaren Griff, an dem man sie sich vor das Gesicht halten konnte. Die Gläser waren von weißem Perlmutt eingefasst, das herrlich schimmerte und sich in golden bemalten Schnörkeln kunstvoll weiterrankte. Mehrere winzige, klar funkelnde Edelsteine machten aus der Brille mehr ein Schmuckstück als einen Gebrauchsgegenstand. Sie sah beinahe aus wie eine venezianische Halbmaske. Vor allem freute sich Pearlene jedoch darüber, dass sie sich nun nicht mehr ständig den Nasenrücken einquetschen müsste, sondern die Brille bloß vor die Augen zu halten brauchte, wenn sie in der Ferne etwas genauer sehen wollte. Mit dieser extravaganten Brille würde sie sich nicht völlig zum Gespött des Abends machen.
Tränen der Rührung vernebelten Pearlene die Sicht, als sie glücklich ihre Cousine anlächelte. Vor einer kleinen Ewigkeit hatte sie Reeva ihre Ängste anvertraut, wegen ihrer Makel keinen Ehemann zu finden. Dieses Geschenk zeigte, dass sie Reeva ernst genommen und nicht vergessen hatte, mehr noch sogar, dass sie ihre ältere Cousine liebte.
»Sie ist … wundervoll. O mein Gott, Reeva. Ihre Form … Sie ist fantastisch! Ich weiß gar nicht, wie ich mich bei euch bedanken soll?«
Reeva hüpfte aufgeregt. »Oh, sie gefällt dir. Ich ahnte es. Es ist eine Stielbrille, man nennt sie auch Lorgnette. Wir fanden sie in der Auslage eines Brillenmachers. Sie ist ein Einzelstück und so elegant, dass ich mir am liebsten auch eine anfertigen lassen würde.«
Pearlene lachte laut. »Danke vielmals, dass ihr an mich gedacht habt. Ihr habt mir eine unglaubliche Freude bereitet. Oh, Reeva …«
Sie bedankte sich bei ihrer Cousine und deren Eltern mit einer herzlichen Umarmung. Alle drei versicherten ihr, dass es ihnen ein Vergnügen bereitete, sie glücklich zu sehen.
Mit bebenden Fingern entfernte Pearlene den alten hässlichen Nasenzwicker aus ihrem Gesicht und verstaute ihn, sowie die Schatulle, die ihre neue Brille vor Kratzern schützen würde, in ihrem Retikül. In bester Laune hakte sie sich bei Reeva ein und kichernd folgten die Mädchen den Älteren zur Kutsche, die vor dem Haus bereitstand und sie zum Ball der Shutterfields fahren würde.
Kapitel 2
Beaumont Park, London
Der Beaumont Park, in dem der Ball stattfinden würde, lag am Südufer der Themse und hatte seine Tore gewöhnlich für jedermann geöffnet. Man reiste entweder per Boot oder Kutsche an und konnte gegen einen geringen Obolus die gepflegte Gartenanlage genießen. Der Vergnügungspark bot lange Alleen, die zum Flanieren einluden. Kleine Tempel, verborgene Bänke und Lauben verführten die Besucher zum Verweilen in verschwiegenen Winkeln. In verschiedenen Pavillons, die mit erlesenen Möbeln und Gemälden ausgestattet waren, konnte man Mahlzeiten einnehmen, Konzerten lauschen oder tanzen. Sogar für die Gentlemen gab es separate Räume, die die Möglichkeit zu einem Kartenspiel boten. Ein künstlich angelegter See, der in eine herrliche Wiesenlandschaft eingebettet war, gab den Besuchern die Gelegenheit für ein Picknick oder eine Gondelfahrt. Das Ungewöhnliche und die Hauptattraktion des Parks waren jedoch, dass Männer und Frauen aller Altersklassen und Gesellschaftsschichten sich hier in der Öffentlichkeit treffen konnten, ohne die strengen Regeln der Konvention zu verletzen.
An jenem Abend allerdings hatte der Marquess Shutterfield den gesamten Park gemietet, der nun lediglich für die geladenen Gäste des Balls zugänglich war, welcher zu Ehren seiner jüngsten Tochter am See stattfinden sollte. Als Arden Millard Grand Duke of Lyndoncastle die Gärten betrat, hatte sich bereits der größte Teil des Londoner Adels zu dem Ereignis der Saison schon eingefunden. Der dunkle Nachthimmel war wolkenfrei und zeigte sein funkelndes Firmament. Fackeln beleuchteten die Wege und Pfade, die sich hinter den Hügeln und Bäumen verloren. Die warme Sommerluft betörte durch den süßen Duft der üppigen Rosen und der blühenden Clematis, die sich um die griechischen Säulen und Statuen rankten. Ein großes weißes Zelt, in dem musiziert und getanzt wurde, war vor dem See aufgebaut worden, auf dem unzählige Lichter schwammen. Die mitreißenden Klänge einer Sinfonie und das leise Stimmengewirr der Gäste erfüllten den Park mit der fröhlichen Leichtigkeit des Lebens, was dem jungen Grand Duke zuwider war.
Missmutiger als sonst näherte sich der braunhaarige Mann dem Zelt, um seinem Gastgeber die Aufwartung zu machen. Es war seine Pflicht als Familienoberhaupt der Lyndons, den Einladungen des Adels zu folgen und den Festen, wenigstens für eine Weile, beizuwohnen. Denn man pflegte untereinander auch geschäftliche Verbindungen, die keinen Schaden nehmen sollten. Selbst wenn sein Bruder nachher auftauchen würde, sobald er verschwunden war, musste er den Marquess Shutterfield begrüßen. Der Grand Duke hasste es, sich zwischen den kichernden Debütantinnen hindurchquälen zu müssen, die von ihren Müttern begleitet wurden, welche fast noch schlimmer waren in ihrem ständigen Drängen und Suchen nach einem Ehemann für ihre Töchter. Arden war sich bewusst, dass er sich früher oder später um eine Ehefrau bemühen müsste, um einen Erben zu zeugen, damit die Linie Lyndons fortgeführt wurde. Mit seinen siebenundzwanzig Jahren hatte er für diese Suche allerdings noch genügend Zeit, vorerst galt es wichtigere Dinge zu erledigen.
»Großer Gott, Pearlene, da ist er«, flüsterte Reeva, die neben Pearlene am Rande der Tanzfläche stand. Aufgeregt wirbelte sie sich mit ihrem Fächer Luft zu und deutete mit einem Nicken durch die Menschenmenge auf einen dunkel gekleideten Mann. »Sieht Grand Duke Lyndon nicht unglaublich gut aus? Er ist so groß und kräftig gebaut. Und dann noch sein ernster, beinahe schon böser Blick, der mir jedes Mal eine Gänsehaut verursacht.«
Sie seufzte hingebungsvoll und Pearlene hob ihre Stielbrille an, um den Verursacher der Schwärmerei auszumachen. Aha, das war also der Grand Duke of Lyndoncastle, einer der Zwillinge von denen Reeva ihr so viel berichtet hatte. Er war wirklich ein stattlicher Mann und tatsächlich wirkten seine Gesichtszüge äußerst mürrisch, was seiner Attraktivität jedoch keinen Abbruch tat. Anscheinend gab er nichts auf die gängige Mode, denn sein schwarzer Rock, der sich um seine mächtigen Schultern schmiegte, war im Vergleich zu dem der übrigen Herren mit nur wenigen goldenen Ziernähten und Knöpfen versehen. Auch seine Kniehose, Strümpfe und Weste waren dunkel gehalten, außer seinem weißen Hemd, das durch ein feines Spitzenjabot hervorstach. Wie alle Männer trug er sein Haar zu einem Zopf im Nacken gebunden, verzichtete aber auf Puder und die seitlichen Locken. Glatt gekämmt mit einem Seitenscheitel wirkte seine gesamte Erscheinung streng und unnachgiebig, was seine aufrechte Körperhaltung ebenso vermittelte. Seine Augen mussten von einem kräftigen Blau sein, denn trotz der Entfernung konnte Pearlene ihre Farbe erkennen. Möglicherweise lag es jedoch auch an dem dunklen Teint, den der Grand Duke hatte, dass einem seine stechenden Augen sofort auffielen. Der grimmige Blick des Mannes flog über die Menge hinweg, als würde er etwas oder jemanden suchen. Er streifte sogar Reeva und sie … O Schreck, er hatte ihr ungebührliches Starren bemerkt, denn seine Augen fanden zurück zu ihr. Wie peinlich!
Hastig senkte Pearlene ihre Brille und wandte sich Reeva zu. Ihre Hitzewallung ignorierend fragte sie ihre Cousine: »Du behauptest, sein Bruder sieht genauso aus wie er? Woran kannst du dann erkennen, dass er der Grand Duke ist?«
Reeva schmunzelte. »Weil Bradford vollkommen anders ist. Eigentlich ist er, sozusagen, das Gegenteil von ihm, Arden. Bradford trägt immer helle Röcke und Westen. Außerdem lacht er immerzu und ist von seinen Freunden umgeben. Der Grand Duke, Arden, dagegen ist ein Eigenbrötler. Ich glaube, … ich habe ihn noch nie lachen gesehen. Aber das Wichtigste: Bradford ist ein charmanter Weiberheld, du musst dich vor ihm in Acht nehmen.« Sie beugte sich dichter zu Pearlene und murmelte ihr hinter dem Fächer zu: »Mutter erzählte, angeblich habe er in der letzten Saison mehrere Debütantinnen gepflückt.«
Entsetzt riss Pearlene die Lider auf. Ein Wüstling der schlimmsten Sorte war dieser Bradford Lyndon also? Um diesen Mann würde sie einen großen Bogen machen, falls er auf diesem Ball auftauchen würde.
Völlig in Gedanken hob Pearlene ihre Brille an, um wieder zu dem Grand Duke hinüberzuschauen, der sie, schockierender Weise, immer noch genauso beobachtete wie zuvor. Ohne eine erkennbare Regung starrte er ihr entgegen. Sofort blickte Pearlene zur Seite. Ihr Herz pochte ungestüm und ihre Wangen begannen zu glühen. Sah er sie an? Nein, sicher nicht, viel wahrscheinlicher war doch, dass er sich für Reeva interessierte.
»Ist der Grand Duke auch ein Schürzenjäger? Ich meine, hat er dich schon mal um einen Tanz gebeten?«, wollte Pearlene wissen und bemerkte, wie sich ihr Magen zusammenzog, was sie verwirrte, denn es fühlte sich beinahe nach Angst an.
Reeva kicherte. »Arden? Nein. Der kommt nicht mal in die Nähe von ledigen Frauen.« Plötzlich verstummte das Mädchen und warf einen Blick in die Richtung des Grand Duke. »Sag mal, schaut er etwa zu uns herüber? Ich falle gleich in Ohnmacht! Pearlene, er hat dich im Auge.«
Nervös strich sich Pearlene einzelne Haarsträhnen aus dem Gesicht, obwohl sie sie gar nicht störten. »Gewiss täuschst du dich, Reeva. Er schaut nur zufällig in unsere Richtung.«
Hatte ihre Cousine zuvor noch gestrahlt, so fiel nun ihr Gesicht in Enttäuschung zusammen. »Schade, anscheinend habe ich mich wirklich getäuscht. Arden geht nämlich.«
»Was?!« Erschrocken blickte Pearlene wieder durch ihre Brille. Sie konnte gerade noch Ardens braunen Haarschopf in der Menge verschwinden sehen und auf einmal schien ihr der Ball ein wenig reizloser geworden zu sein. Ein ähnliches Seufzen, wie das von Reeva, entwischte ihr, weshalb diese sie sacht mit ihrer Schulter anstupste.
»Er gefällt dir. Tja, Cousine, da bist du leider nicht allein. Aber warte, bis du seinen Bruder Bradford kennenlernst. Seit er vor einigen Wochen einen Unfall hatte, soll er mit seinen Freunden keine Matinee oder Soiree ausgelassen haben, um sich an die diesjährigen Debütantinnen heranzumachen.« Erneut flüsterte Reeva ihr vertraulich zu: »Er soll sogar diverse Affären mit Witwen unterhalten haben.«
»Er hatte einen Unfall? Himmel! Und dann noch zahllose Affären? Da kann man nur hoffen, dass die Hälfte dieser Gerüchte erfunden ist. Ansonsten müsste er ja ein fürchterlicher Kerl sein«, empörte sich Pearlene über die Ausführungen ihrer Cousine.
Diese schüttelte jedoch überrascht den Kopf. »Nein, das ist er eben nicht und genau deswegen glaube ich die Gerüchte auch. Na ja, zumindest das mit dem Unfall entspricht der Wahrheit. Vater hatte es Mutter und mir erzählt, als er an jenem Abend vom Herrenclub nach Hause kam. Bei einem Gig-Rennen durch den Park mit seinen Freunden hatte sich sein Wagen ausgekoppelt.«
»Grundgütiger!«, staunte Pearlene, woraufhin Reeva nickte.
»Ja, Bradford ist ein richtiger Draufgänger. Kein Wunder, dass er sich mit dem pflichtbewussten Arden überhaupt nicht versteht. Die zwei meiden sich wie Hund und Katze. Laut ihrer Dienerschaft sollen sie sich streiten, dass die Fetzen fliegen. Und seit Bradford keine Gelegenheit auslässt, um den ledigen Frauen nachzulaufen, soll es noch schlimmer sein. Arden ist stets darauf bedacht, den Ruf und das Ansehen seiner Familie reinzuhalten, während sein Bruder sich nicht einen Heller darum schert.«
Gerade als Pearlene Reeva noch weitere Fragen nach den Zwillingen stellen wollte, wurden sie von zwei jungen Gentlemen unterbrochen, die um einen Tanz baten.
Arden hatte gerade die Begrüßung seines Gastgebers hinter sich gebracht, als er sich im Zelt umschauen wollte, ob die Freunde seines Bruders schon angekommen waren. Er ließ seinen Blick über die Menge streifen. Es waren die altbekannten Gesichter der Älteren, denen er jedes Jahr begegnete, und die der Jungen, von denen er einige kannte, die ihren ersten Ball erlebten. Gerade den unschuldigen Jungfern wollte er keine besondere Aufmerksamkeit schenken, um keine falschen Vermutungen loszutreten, da man ihn auf solchen Bällen stets als guten Fang beobachtete. Aber als er das blonde Mädchen mitten im Pulk entdeckte, das als Einzige so etwas wie eine Halbmaske vor ihr Gesicht hielt, musste er nochmals genauer hinschauen. Einen Moment später begriff er, dass es keine Maske, sondern eine Brille war und dass sie ihn eingehend betrachtete. Im nächsten Moment wurde ihr klar, dass er sie dabei ertappt hatte. Allerdings konnte er sie weder verlegen kichern noch dreist auffordernd lächeln sehen, was die gewöhnlichen Reaktionen der Damen bei einem derartigen Blickkontakt waren. Die junge Frau senkte sofort ihre Gläser und wandte sich von ihm ab, als habe sie das Interesse an ihm verloren. Er hatte nur kurz ihr Gesicht gesehen, aber dennoch war ihm sofort ihr wundervoller Mund aufgefallen. Herrliche volle Lippen in ebenmäßiger Pracht.
Verwundert stellte Arden fest, dass sein Körper ihm auf unverständliche Weise deutlich machte, dass ihm die Blondine gefiel. Ja, je länger er sie musterte, desto eindeutiger wurde es, dass sie ihm außerordentlich gefiel. Vom seidig glänzenden Haar über ihr bezauberndes Gesicht, der schlanken Figur mit den kleinen und doch vollen Brüsten bis hin zu ihrer zurückhaltenden Art, all das zusammen löste ein Ziehen in seinen Lenden aus und den Wunsch, sie besitzen zu wollen. Sie war keine von den naiven, jungen Gören, sondern erweckte den Eindruck einer keuschen, bescheidenen Frau. Schmerzlich fiel ihm ein, dass Bradford, wenn er anwesend wäre, sofort Jagd auf sie machen würde. Und eins war so sicher wie das Amen in der Kirche: Sein Bruder würde heute Abend noch auftauchen und dann wäre die Kleine nicht mehr sicher vor ihm.
Nach einem letzten intensiven Blick auf die junge Frau, der von ihr nicht unbemerkt blieb und ihr sogleich die Röte ins Gesicht steigen ließ, machte sich Arden auf den Weg zu seiner Kutsche.
Kapitel 3
Nach dem Tanz luden die Gentlemen Pearlene und Reeva auf ein Glas Punsch ein, das sie ein Stück abseits der Tanzfläche in Ruhe trinken konnten. Mittlerweile war das Zelt dicht bevölkert und die vier stellten sich an einen der hohen Tische, die reihum platziert waren. Während Pearlene an ihrem Getränk nippte, gesellte sich eine Freundin von Reeva zu ihnen, die ebenfalls von ihrem jungen Cousin begleitet wurde. Loraine Sparkle war ein hübsches, rothaariges Mädchen und ihre niedlichen Sommersprossen passten wunderbar zu ihrer aufgeweckten Art. Reeva stellte die beiden Pearlene vor und Loraine verwickelte sie sogleich in eine Unterhaltung.
»Ist der Ball nicht fantastisch? Es ist mein erster und dann auch noch gleich im Beaumont Park. O Himmel, ich bin so aufgeregt.«
Pearlene lächelte milde, denn man sah der jungen Frau die Aufgeregtheit an, da sie keine Sekunde stillstehen konnte.
»Das kann ich sehr gut verstehen, denn mir geht es ebenso. Ich war bisher nur ganz selten in London.«
Loraines Cousin meinte daraufhin zu Pearlene: »Haben Sie schon gehört, dass es später noch ein Feuerwerk über dem See geben soll?«
Doch bevor Pearlene antworten konnte, meldeten sich ihre Begleiter zu Wort.
»Ja, Shutterfield erwähnte es meinem Vater gegenüber.«
»Der Marquess hat, weiß Gott, keine Kosten gescheut, um den Abend in einen Erfolg zu verwandeln.«
Indessen die Herren sich weiterunterhielten und dabei um die Gunst der Damen wetteiferten, welche kichernd darauf eingingen, kam sich Pearlene daneben fehl am Platz vor. Sie kannte nur einige der Namen, die aufgezählt wurden, und war von den Prahlereien der jungen Männer wenig angetan, die sich in protziger Selbstdarstellung übten, mit dem Ansehen und Vermögen ihrer Familien. Pearlenes Aufmerksamkeit wanderte deswegen zu einem Gespräch von drei Frauen, die ganz in ihrer Nähe auf einem der unzähligen Diwane saßen und die Leute beobachteten. Die älteste der Damen, eine beleibte Matrone, beugte sich über ihre Nachbarin hinweg, die in der Mitte ihren Platz hatte, zu der Jüngeren am anderen Ende des Sofas.
»Countess Swanson, wie man hört, hegt Ihr doch regen Kontakt mit dem Magistrat Earl Desmond Berkley? Hat er etwas Neues erzählt, über den letzten Leichenfund?«
Die Countess Swanson wirkte verärgert und antwortete schnippisch: »Nicht ich hege Kontakt mit dem Magistrat Berkley, sondern mein Gemahl.«
Die Neugier der Matrone war allerdings dadurch nicht gestillt, weshalb sie nicht lockerließ. »Es heißt, Berkley würde bei Euch zu jeder Tageszeit ein- und ausgehen. Daher lag meine Vermutung nahe, dass Ihr uns etwas über die Mordfälle verraten könnt.«
Die andere Dame mischte sich nun ebenfalls ein. »Wie mir zugetragen wurde, wurde auch diese Tote mitten in der Wildnis gefunden, genau wie die anderen beiden Leichen. Ohne Kopf! Angeblich waren es alles Jungfrauen.«
Pearlene hörte die junge Countess in vertraulichem Ton sagen: »Zumindest waren sie dies, als man sie entführte, jedoch nicht mehr, als man sie tot auffand. Der Magistrat schwört, am liebsten würde er sein Amt abgeben und damit auch die Aufklärung der Morde einem anderen überlassen, so schrecklich seien die Opfer zugerichtet worden.«
Entsetzt schnappten die Älteren nach Luft und auch Pearlene erschrak über die Aussage, bei der man sich ausmalen konnte, was es zu bedeuten hatte.
Leise, dass es Pearlene fast nicht hörte, gestand die mittlere Dame auf der Bank: »Nicht einmal mein Mann wollte mir genauer erzählen, was er im Herrenclub aufgeschnappt hat, aber er meinte, es wären genügend Beweise an den nackten Körpern, die darauf hindeuteten, dass man die Jungfrauen vor ihre Enthauptung defloriert und ganz fürchterliche Dinge mit ihnen angestellt hätte.«
Die ältere Matrone nickte unheilvoll. »Ja, man munkelt so einiges. Glaubt der Magistrat, dass diese Morde mit den Funden der Kinderleichen zusammenhängen? Jenen wurden doch auch die Köpfe abgeschlagen.«
Countess Swanson schüttelte ihr Haupt. »Es sieht nicht danach aus, denn das ist das Einzige, was die Fälle gemein haben. Während die Opfer der Jungfrauenmorde immer Töchter aus gutem Hause sind, stammen die Kinder, deren Überreste man fand, aus der untersten Gesellschaftsschicht. Und vor allen Dingen …«
Nun musste Pearlene sich anstrengen, um die Countess zu verstehen, da sie immer leiser wurde.
»… waren unter diesen Opfern auch Jungen. Zum Teil sollen sogar Totgeburten und Ungeborene dabei gewesen sein. Die älteren Kinder hatte man angeblich noch vor ihrem Tode gequält.«
Pearlene wurde schlecht, als sie von den Grausamkeiten hörte, und stellte ihr Glas auf dem Tisch ab, denn vor Schreck wäre es ihr fast aus den Händen geglitten.
Von solchen entsetzlichen Vorgängen hatte sie noch nie gehört. Bestimmt hatten ihre Eltern sie absichtlich im Ungewissen darüber gelassen, was derzeit in London passierte, und darauf bestanden, dass sie nichts davon erfuhr. Jetzt verstand sie auch die eindringlichen Warnungen ihrer Tante und des Onkels, die sie Reeva und ihr noch in der Kutsche eingeschärft hatten, nie allein und immer in ihrer Sichtweite auf dem Fest zu bleiben. Den ganzen Abend hatten sie sich daran gehalten und selbst in diesem Moment unterhielten sich ihre älteren Verwandten in Rufweite, was ihr nun eine beruhigende Sicherheit verlieh.
»Ja«, nickte die Matrone. »Das stimmt, sogar die Fundorte der Leichen sind unterschiedlich. Die Kinder werden immer in einem Londoner Gewässer gefunden.«
Die mittlere Dame fächerte sich Luft zu. »Schrecklich, schrecklich. Man traut sich gar nicht mehr, seine Kinder aus dem Haus zu lassen.«
»Wohl wahr!«, gab ihr die Matrone Recht.
Countess Swanson nickte. »Das Schlimme ist, solange sie die beiden Mörder nicht gefasst haben, rechnen die Wachtmeister mit weiteren Leichen. Man vermutet, dass der Jungfrauenmörder alle paar Wochen nach einem neuen Opfer sucht.«
Pearlene schluckte bei dem Gedanken, dass der Mörder noch immer auf freiem Fuß war und demnächst womöglich ein weiteres Mädchen auf bestialische Weise sterben würde.
Die mittlere Dame gab zu bedenken: »Aber man fand die letzte Tote doch erst vor zwei Wochen, gewiss wird er so schnell nicht wieder zuschlagen.«
Die Countess kräuselte ihre Stirn. »Man fand sie vor zwei Wochen, aber ermordet wurde sie schon geraume Zeit zuvor.«
Je mehr Pearlene hörte, desto enger zog sich ihr Magen zusammen. Sie beschloss, die älteren Damen besser nicht mehr zu belauschen, als die Matrone plötzlich aufgeregt gluckste: »Na, da sind sie ja, wie erwartet. Die gefürchteten Lebemänner Londons. Ich danke dem Himmel, dass meine beiden Töchter schon längst unter der Haube sind und meine Enkeltöchter noch nicht im heiratsfähigen Alter. Wenn ich sie nicht wegen des wahnsinnigen Mörders einsperren würde, dann gewiss wegen ihnen. Allen voran wegen Bradford Lyndon.«
Bradford war hier?! Neugierig folgte Pearlenes Blick dem der älteren Dame, doch sie konnte lediglich die verschwommenen Umrisse mehrerer Personen auf der gegenüberliegenden Seite des Zeltes erkennen. Sofort begann sie, in ihrem Retikül nach der Schatulle ihrer Stielbrille zu suchen, welche sie vor dem Tanzen darin verstaut hatte. Reeva drückte derweil ihren Ellbogen und flüsterte ihr ins Ohr: »Sieh doch! Da ist der Bruder des Grand Duke. Hach, ich würde alles darum geben, wenn Bradford mich nur um einen Tanz bitten würde.«
Kaum hatte Pearlene das gute Stück gefunden, hielt sie es sich vor die Augen. Herr im Himmel, er sah wirklich auf den ersten Blick wie sein Bruder, Grand Duke Arden, aus. Die Statur, die Haarfarbe, selbst die Augen leuchteten in dem gleichen Blau. Lediglich die Kleidung und seine Frisur unterschieden sich von Ardens. Bradford entsprach dem typischen Bild eines Dandys. Auf dem neusten Stand der Mode gekleidet, in einem hellem Brokat-Rock und einer Damast-Kniehose, wirkte er durch und durch elegant und gepflegt. Er trug zwar ebenso den üblichen Herrenzopf, aber im Gegensatz zu seinem Bruder waren seine Haare nicht streng zurückgekämmt, sondern in legerer Weise zusammen gefasst. Die unordentlichen Wellen verliehen seinem Auftreten eine Spur von Verwegenheit, was ihn umso faszinierender machte.
Eine Gruppe von jungen Herren begleitete ihn, sie schienen alle seinem Alter und Charakter zu entsprechen. Man hörte sie miteinander laut lachen und schwatzen. Es war nicht zu übersehen, dass die Riege der Schwerenöter es genoss, im Mittelpunkt des Balles zu stehen. Jeder der Anwesenden beobachtete sie, auf die eine oder andere Weise. Die älteren Lords taten dies mit Kopfschütteln, deren Ehefrauen mit pikiertem Entsetzen und der Nachwuchs mit unverhohlener Bewunderung. Während die unerfahrenen Jünglinge so sein wollten wie sie, hofften die unschuldigen Jungfern, von ihnen beachtet oder gar erwählt zu werden.
Pearlene war mehr als eingeschüchtert von der offensichtlichen Arroganz, die Bradford und seine Freunde zur Schau stellten, und der Wirkung, die von ihnen auf die Menge ausging. Es war, als würde ein Stein auf eine ruhige Wasseroberfläche treffen und fortwährend kreisrunde Wellen schlagen, die immer größer wurden.
Reeva fächerte sich wild Kühlung zu. »Mutter sagte, dass jeder von ihnen der denkbar schlechteste Umgang für eine junge Lady sei, die ihr untadeliges Ansehen behalten wolle.« Nach einem Seufzen fuhr sie fort: »Und doch … wäre ich gewillt, mit Bradford zu tanzen.«
»Nein!«, keuchte Pearlene entsetzt und starrte zu Reeva. »Willst du dir die Chance auf einen angesehenen Ehemann denn völlig verderben? Kein anständiger Mann würde dich mehr in Erwägung ziehen, wenn du mit einem von diesen Schürzenjägern auf die Tanzfläche gehen würdest, bei dem zweifelhaften Ruf, der ihnen vorauseilt. Ausgeschlossen!«
Reevas Augen wurden immer runder und sie begann zu stammeln: »Er … er schaut zu uns. Allmächtiger! Er kommt auf uns zu.«
»Wer?!«, alarmiert hob Pearlene ihre Augengläser wieder an und glaubte sich einer Bewusstlosigkeit nahe, denn kein anderer als Bradford Lyndon schritt durch die Besucher, direkt auf sie zu, ohne sein Ziel aus den Augen zu lassen. Pearlene lief ein Schauer den Rücken hinab, denn sein Blick glich dem eines lauernden Raubtiers.
*
Der Mann bewegte sich unauffällig durch die Menschenmenge, in der er vollkommen unterging. Keiner der Gäste nahm ihn wahr.
Die Anweisungen im Brief seines Meisters waren eindeutig gewesen. Er wusste genau, welchem Mädchen er die Droge ins Getränk mischen musste, lediglich der richtige Zeitpunkt war abzuwarten. Er kannte ihren Namen und hatte sie im Auge, seit sie das Fest betreten hatte und sie mit ihrem Titel den Gästen vorgestellt worden war. Sie war älter als die bisherigen Jungfrauen, aber das war ihm persönlich gleich, denn alles, was der Meister befahl, hatte einen bestimmten Grund, selbst wenn ihm dieser nicht immer ersichtlich war. Für die Zeremonien verlangte es nach ganz besonderen Jungfrauen und diese suchte nun einmal der Meister aus.
Die blonde Frau stand an einem Tisch, sie hatte ihr Glas abgestellt. Er hatte Glück, dass dort, wo sie stand, ein dichtes Gedränge herrschte. Alle Blicke waren auf die Tanzfläche gerichtet. Wie aufgetragen gelang es ihm, die Droge in einer schnellen Bewegung heimlich in ihr Glas zu geben. Da man bei den Debütantinnen nie sicher war, ob sie das Glas bis zum letzten Zug leeren würden, war das Mittel hochkonzentriert. Auch wenn sie nur einen kleinen Schluck zu sich nähme, würde sie todmüde werden und sich nicht mehr auf den Beinen halten können. Sollte sie das Glas bis zur Neige austrinken, würde sie früher oder später völlig das Bewusstsein verlieren, dann bräuchte er zumindest das Tuch mit dem Äther nicht zu verwenden. Die jungen Dinger suchten meist einen abgelegenen Ort auf, sobald die Droge ihre Wirkung zeigte, um sich in der Öffentlichkeit nicht die Blöße einer Ohnmacht zu geben. Manche von ihnen hatten wohl Angst, ihnen würde unterstellt werden, sie vertrügen den ersten Alkohol nicht und hofften auf Besserung, wenn sie sich einen Moment ausruhen würden. Andere wiederum glaubten, ihr zu eng geschnürtes Mieder wäre die Ursache der übermächtigen Müdigkeit, die sie fälschlicherweise für eine herannahende Ohnmacht hielten. Sie wollten die Verschnürung dann immer in einem einsamen Versteck lockern. Selten war es bisher geschehen, dass die Mädchen sich rechtzeitig an ihre Eltern wandten und ihm entgangen waren. Gerade zweimal hatte er seinem Meister ein Scheitern mitteilen müssen. Allerdings glaubte er, allmählich zu beobachten, dass die Leichenfunde die Leute vorsichtiger handeln ließen. Kein Mädchen war mehr ohne Begleitung zu sehen, nicht mal für wenige Schritte. Falls das Feuerwerk nicht genug Ablenkung bot, musste er sich etwas einfallen lassen, um das Mädchen in einem unbeobachteten Moment erwischen zu können. Ein Augenblick würde reichen, denn der Park bot mit seinen Sträuchern und Bäumen, die in der Dunkelheit lagen, genügend Unterschlupfmöglichkeiten. Sie nachher in das Boot zu schleppen, das sie zu seiner Kutsche und schließlich in den Tempel bringen würde, wäre dann bloß noch eine Kleinigkeit. Dazu musste er zwar quer durch den Park, aber das würde er bewältigen. Er musste sich jetzt nur noch in Geduld üben. Alles würde wie immer nach Plan laufen, denn die Macht des Leibhaftigen war groß.
Kapitel 4
Schnell senkte Pearlene ihre Stielbrille und wandte ihren Blick von Bradford ab, um gebannt auf die Tanzfläche zu starren. Sie zwang sich zur Ruhe, denn gewiss suchte der Bruder des Grand Duke Lyndon nicht sie auf. Warum sollte er? Und selbst wenn, wäre es klüger ihn zu ignorieren. Ihre Chancen, einen Ehemann zu finden, waren sowieso gering. Die würde sie sich bestimmt nicht völlig zunichtemachen, indem sie sich mit einem der berüchtigtsten Weiberhelden Londons abgab.
Obwohl Pearlene versuchte, sich auf die tanzenden Paare zu konzentrieren, die im Takt der Musik über das Parkett schwebten, nahm sie im äußeren Sichtfeld wahr, wie sich Bradford neben ihr aufbaute und eine Verbeugung andeute.
»Mylady, darf ich um diesen Tanz bitten?«
Pearlenes Atmung wurde immer hektischer. Alle Anwesenden schienen auf eine Reaktion ihrerseits zu warten. Eigentlich wollte sie Bradford keine Beachtung schenken, aber wie von selbst huschten ihre Augen zu ihm hinüber. Im selben Moment erhitzten sich abermals Pearlenes Wangen, was an diesem Abend fortwährend geschah. Und immerzu war einer der Lyndon-Brüder dafür verantwortlich. Bradford strahlte sie an, allerdings reichte sein Lächeln nicht bis an seine eisblauen Augen, die sie auf unverschämte Weise traktierten. Jetzt, da er so dicht vor ihr stand und sie sein Gesicht deutlich erkennen konnte, wusste sie, weshalb sie die Gerüchte über seine Affären nicht anzuzweifeln brauchte. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie solch einen attraktiven Mann gesehen. Lag es an seiner hohen Stirn, den markanten Augenbrauen, den ausgeprägten Wangenknochen oder dem kantigen Kiefer, dass sich ihr Magen im Kreis drehte? Bradfords Lippen waren schmal, nicht einmal gleichmäßig, da die Unterlippe einen Hauch voller war. Und dennoch war sein Mund faszinierend, gerade mit diesem Schmunzeln, das offenlegte, dass er sehr genau um seine Ausstrahlung wusste. Auch seine Nase hatte nichts Besonderes, weder war sie lang noch kräftig oder zeigte einen Buckel, was ihm das gewisse Etwas verliehen hätte. Aber trotz dieser an sich gewöhnlichen Züge, hatte die Natur daraus ein perfektes Zusammenspiel an männlicher Schönheit komponiert, deren vorherrschender Ton das kühle Blau seiner tiefliegenden Augen war, die einen fesselten.
Da Pearlene ihm keine Antwort gegeben hatte, sondern noch immer in seinen Anblick versunken war, neigte Bradford erneut sein Haupt und ergriff ihre Hand.
»Ich interpretiere Euer Schweigen als Zustimmung, Mylady, was mich über alle Maßen ehrt.«
Erst als Bradford sie fortführen wollte, erwachte Pearlene aus ihrer Starre. Entrüstet entzog sie ihm ihre Finger und ereiferte sich. »Sir, was fällt Euch ein? Wie könnt Ihr mich in aller Öffentlichkeit brüskieren, indem Ihr mich einfach an der Hand nehmt, als bestünde zwischen uns ein vertrautes Verhältnis? Dabei kennen wir uns nicht mal, geschweige denn, wurden wir uns vorgestellt.«
Bradford enthüllte seine weißen Zähne bei einem leisen, tiefen Lachen, welches Pearlene nur noch nervöser machte.
»Oh, wie ich Eure Hand nehmen kann? Das geht ganz einfach. Ich führe es Euch gerne noch mal vor.«
Ein weiteres Mal machte Bradford Anstalten, nach Pearlene zu greifen. Mit einem laut gezischten »Untersteht Euch!« gebot sie ihm jedoch Einhalt.
Mit einem dreisten Grinsen fügte sich der junge Lord. »Nun gut, da Ihr auf eine Vorführung verzichtet, soll unser Tanz nicht an der fehlenden Vorstellung scheitern. Ihr seid Baroness Pearlene Clifford und meine Wenigkeit ist Duke Bradford Kenneth Lyndon.«
Pearlene reckte ihr Kinn vor und betrachtete ihr Gegenüber mit schmalen Augen. Ihr Busen wogte auf und nieder, was von ihrer Aufregung herrührte. »Woher kennt Ihr meinen Namen?«
Bradfords Mundwinkel zuckten vergnügt. »Das bleibt mein Geheimnis, Baroness. Aber so viel verrate ich Euch, ich kenne ihn, weil Ihr die schönste Dame des Balls seid.«
Hysterisch lachte Pearlene auf. »Haltet Ihr mich wirklich für so naiv, dass ich Euch das glaube?« Voller Unmut erwiderte sie: »Auch Euer Name ist mir bekannt, genauso wie Euer zweifelhafter Ruf, der Euch vorauseilt. Im Grunde dürfte ich gar nicht mit Euch reden.«
Pikiert drehte Pearlene ihm ihre Seite zu und schaute auf die Tanzfläche. Zu ihrem Entsetzen bemerkte sie, dass Bradford noch näher an sie heranrückte und ihr verschwörerisch zuwisperte: »Aber dennoch tut Ihr es. Und obwohl ich es nie leugnen würde, aber um Euch zu beruhigen, Baroness, gebe ich unumwunden zu, dass die Gerüchte jeglicher Wahrheit entbehren.«
Mit einem Räuspern entfernte sich Pearlene von ihm und stieß dabei mit Reeva zusammen, die stumm ihrer Unterhaltung folgte und Bradford dabei ergeben bewunderte.
»Selbst wenn dem so wäre, Mylord, kann ich dennoch nicht mit Euch tanzen.«
»Wie kaltherzig Ihr seid, Baroness. Ihr raubt mir den einzigen Lichtblick dieses Abends, wenn Ihr mir keinen Tanz gewährt. Weshalb überhaupt?«
Empört schaute Pearlene den jungen Duke an, der sich über jeglichen Anstand hinwegsetzte. Schließlich akzeptierte ein Gentleman die Weigerung einer Lady und fragte nicht nach deren Beweggründen.
»Weil, also, ich …« Zu gut erzogen und zu durcheinander, um ihm die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht zu sagen, griff Pearlene nach einer fadenscheinigen Ausrede und ihrem vollen Glas, das sie auf den Tisch abgestellt hatte. »… meinen Punsch noch nicht leer getrunken habe. Und ich den Alkohol nicht hinunterstürzen mag.«
Um ihre Ausrede zu untermauern, nahm sie einen Schluck von ihrem Punsch. Mit dem Glas in der einen und ihrer Stielbrille in der anderen hatte sie beide Hände voll und glaubte sich vor Bradford in Sicherheit. Sollte sich der Duke doch eine andere Jungfer suchen, die er zum Tanzen überreden konnte. Sie hatte ihm ihren Standpunkt deutlich gemacht und könnte immerfort neue Ausreden erfinden, bis er endlich aufgeben würde.
Doch der Duke war nicht so leicht zu vertreiben. Er blieb einfach stehen und fixierte die junge Frau weiterhin mit einem amüsierten Grinsen. Aus den Augenwinkeln beobachtete Pearlene, wie Bradford es genoss, ihre Nervosität durch seine bloße Anwesenheit zu steigern. Ihn keines offenen Blickes würdigend nippte sie an ihrem Getränk, bis Bradford ihr den Punsch aus den Fingern stahl und in einem Zug austrank.
»Aber, aber … was tut Ihr denn da? Ihr könnt doch nicht …?«, haspelte Pearlene, die völlig überrumpelt war.
Bradford stellte das leere Glas wieder auf den Tisch und meinte: »Wie Ihr seht, kann ich sehr wohl. Jetzt habt Ihr keine Ausrede mehr, nun müsst Ihr mit mir tanzen.« Resolut griff er nach ihrer Brille, zog ihr das Retikül vom Handgelenk und drückte beides Reeva in die Hände, die ihn verblüfft anstaunte. »Mylady, Ihr seid gewiss so freundlich, dies für Eure Cousine so lange in Verwahrung zu nehmen.«
Die Baroness an einer Hand haltend schritt Bradford mit ihr zum Parkett. Um kein Aufsehen zu erregen, versuchte Pearlene indessen, ihm heimlich ihre Finger zu entreißen, und keifte ihn leise an: »Wie könnt Ihr es wagen, mich trotz einer Absage zu einem Tanz zu zwingen?«
»Ganz einfach, weil ich Bradford Lyndon bin. Ihr habt doch von meinem Ruf gehört, ich werde ihm lediglich gerecht.«
Abrupt blieb Pearlene stehen, was auch Bradford zum Anhalten zwang, da er sie nicht mit aller Gewalt zur Tanzfläche schleifen wollte. »Und genau deshalb werde ich mich sicher nicht mit Euch, einem Schwerenöter, in aller Öffentlichkeit auf dem Parkett vergnügen!«
Bradfords Brauen hoben sich überrascht. »Eigentlich wollte ich bloß mit Euch tanzen. Denn mit Verlaub, Mylady, ich vergnüge mich nie auf dem Parkett, auch nicht in der Öffentlichkeit, zumindest nicht vor aller Augen. Ich bin überrascht, dass Ihr so etwas direkt ansprecht.«
Pearlene verschlug es den Atem und ihre Lippen formten ein stummes ›Oh‹, was den Duke aber nur noch mehr reizte.
Grinsend fuhr er fort: »Anscheinend habe ich mich von Eurem unschuldigen Gebaren täuschen lassen. Ihr seid wohl gar nicht so unerfahren, wie ich vermutet habe, Baroness?«
Vor Wut öffnete sich Pearlenes Mund noch weiter. Schließlich gewann ihre Empörung Oberhand und sie entriss dem jungen Mann mit einem Ruck ihre Hand. »Ihr seid ein Flegel, Mylord, und ein noch größerer Wüstling, als die Gerüchte über Euch verlauten lassen. Es ziemt sich ganz und gar nicht, eine Debütantin mit solchen …« Pearlenes Kopf zuckte, während sie nach einem passenden Wort suchte, dass er ihr nicht wieder falsch auslegen konnte. Da ihr jedoch kein unverfängliches einfiel und sie glaubte, dass er, egal was sie sagte, sie weiter herausfordern würde, gab sie auf. »… Aussagen zu kompromittieren.« Mit einem Blick, der Bradford zu einem Staubkorn degradieren sollte, herrschte sie ihn von oben herab an: »Ich verbitte mir, von Euch noch mal belästigt zu werden.«
Mit Schwung drehte Pearlene ihm den Rücken zu und schritt mit erhobenem Haupt davon.
Bradford seufzte leise und betrachtete andächtig Pearlenes grazilen Nacken, um den sich blonde Locken schlangen. Der Duke bereute ein wenig seine forsche Vorgehensweise, mit der er die Baroness offensichtlich zu sehr erschreckt hatte. Aber so war nun mal seine Art und daran konnte und wollte er nichts ändern. Zumindest jetzt noch nicht. Schade, dass sie nicht darauf eingegangen war, denn sie war das Bezauberndste, was ihm seit Langem untergekommen war. In jeglicher Hinsicht.
Pearlene betete um Contenance und darum, dass keiner der Anwesenden, die sie sowieso schon neugierig beäugten, ihre Unterhaltung mit dem Duke belauscht hatte. Sie hoffte, ihre Aussicht auf einen Bewerber nicht vollends verspielt zu haben. Die ganzen Aufregungen des Abends setzten ihr mittlerweile stark zu. Jetzt kamen zu ihrer Übelkeit, die von den Erzählungen der Mordfälle ausgelöst worden war, noch Hitzewallungen und Schwindel hinzu. Ihre Beine wurden immer schwerer, wie ihre Lider. Vermutlich hatte sie Luftmangel, denn die ganze Zeit hatte es ihr den Atem verschlagen, seit Arden aufgetaucht war. Bestimmt lag es an ihrem Mieder, das sie zu straff gebunden hatte. Sie sollte es ein bisschen lockern.
Pearlene schleppte sich zu Reeva, die sie sogleich überfiel. »Wieso tanzt du nicht mit Bradford? Mein Gott, er hat dich regelrecht entführt und du lässt ihn einfach stehen?!«
Schweißperlen rollten über Pearlenes Stirn und schwach griff die junge Frau nach dem Arm ihrer Cousine und flüsterte ihr zu: »Reeva, bitte! Mir geht es nicht gut. Ich muss unbedingt irgendwohin, wo ich frische Luft bekomme und mein Mieder lockern kann. Ich glaube, ansonsten falle ich in Ohnmacht.«
Reeva erschrak und nahm zugleich die Blässe um Pearlenes Nase wahr. »Um Himmels willen, natürlich. Komm, wir gehen sofort zu der nächsten Bank, die außerhalb des Zeltes steht.«
Hilfsbereit legte Reeva den Arm um ihre Cousine und geleitete sie zügig durch die Menge. Sie ließen ihre Begleiter mit einer kurzen Entschuldigung hinter sich, da sie keine Zuschauer bei dieser delikaten Angelegenheit brauchten. Unweit des Zeltes fanden sie eine verlassene Bank, die von Gebüschen umsäumt war. Pearlene war froh, sich hinsetzen zu können, denn eine ungeheure Mattheit überrollte sie, welche sie schier ihrer ganzen Kraft beraubte. Sie vermutete, dass sie sich bei ihrem Bruder angesteckt hatte und nun ebenfalls krank wurde.
Während Pearlene sich Luft zu fächelte und damit begann, die Verschnürung ihres Mieders zu lockern, legte Reeva ihr das Retikül auf die Bank. Unglücklich kräuselte sich die Stirn der jüngeren Cousine. Ihr fiel auf, dass Pearlene immer langsamer wurde und schwankte. Sie musste so schnell wie möglich handeln.
»Ich werde Mutter und Vater holen, Pearlene. Warte hier! Ich beeile mich und werde mit ihnen gleich zurückkommen. Dann bringen wir dich nach Hause.«
Unsicher um sich schauend, überlegte Reeva, ob es die richtige Entscheidung war, denn auch ihr waren die Warnungen ihrer Eltern noch gegenwärtig, nicht allein im Park unterwegs zu sein. Da die Parkbank aber durch die Fackeln am Wegesrand gut beleuchtet war, sie zudem in der Nähe des Zeltes stand, ringsum viele Leute zu sehen waren und ihr so oder so keine andere Wahl blieb, beschloss sie, solange Pearlene noch bei Bewusstsein war, ihre Cousine diesen kurzen Moment allein zu lassen.
»Rühre dich nicht vom Fleck, hörst du?!«
Pearlene brachte nur noch ein Nicken zustande. Kaum hatte Reeva ihren letzten Satz ausgesprochen, setzte sie sich in Bewegung und schaute immer wieder über die Schulter, um zu überprüfen, ob Pearlene noch aufrecht saß. Sie hatte gerade das Zelt betreten, als ihre Eltern ihr entgegenkamen.
Ihr Vater stellte sie sogleich zur Rede. »Reeva, du bist allein? Wo ist Pearlene?«
»Schnell, Vater, ihr geht es gar nicht gut. Ich glaube, sie verliert jeden Moment das Bewusstsein.«
»Was?«, rief ihre Mutter und fasste sich an die Brust. »Wo ist sie? Bring uns sofort zu Pearlene.«
Zu dritt stürzten sie zu der Parkbank, wo Reeva Pearlene zurückgelassen hatte. Doch die Baroness Clifford war nicht mehr da.
»Sie ist weg!«, keuchte Reeva aufgelöst. »Aber … gerade eben war sie doch noch da. Es war nur ein Augenblick.«
»Bist du sicher, dass es diese Bank war, Reeva?«, fragte die Mutter besorgt.
Reevas Vater hob etwas vom Boden auf. »Es ist die richtige Bank, denn das hier ist Pearlenes Retikül, ihre Stielbrille ist darin.«
Reeva fing an zu jammern. »Wo kann sie nur sein, Vater? Sie muss doch hier irgendwo sein?«
Das Gesicht der Mutter verzerrte sich vor Kummer und sie tauschte einen Blick mit ihrem Gatten. Sie hielten stille Zwiesprache und es war unverkennbar, dass jeder der beiden das Gleiche befürchtete.
»Deana, gehe mit Reeva zu Marquess Shutterfield, sage ihm, wir vermissen die Tochter des Duke Clifford. Er soll sofort einen Suchtrupp zusammenstellen. Wir müssen so schnell wie möglich den Park durchkämmen. Jede Sekunde zählt. Ich werde gleich hier mit der Suche beginnen.«
»Stuart?!«, hauchte Reevas Mutter ängstlich.
»Geht! Jetzt! Vielleicht wollte Pearlene bloß zum See und ist unterwegs ohnmächtig geworden. Ich suche zuerst die nähere Umgebung ab.«
Während sich Deana in heller Aufregung und mit einer weinenden Reeva auf die Suche nach ihrem Gastgeber machte, schlug sich Stuart ins Gebüsch.
Kapitel 5
Einem Schatten gleich bewegte er sich durch den Wald. Wie konnte eine schmächtige Person so schwer sein? Er hatte geglaubt, die Baroness durch den Park zum Ufer der Themse zu tragen, wäre ein kleineres Problem, als sie in einem unbeobachteten Moment zu betäuben und zu verschleppen. Aber da hatte er sich getäuscht. Es war wesentlich leichter gewesen, den beiden jungen Frauen aus dem Zelt zu folgen und hinter den Büschen auf den Augenblick zu warten, bis die Baroness allein auf der Bank zurückgeblieben war. Dass er dunkle Kleidung trug, gereichte ihm, wie immer in diesen Situationen, zum Vorteil und machte ihn in der Finsternis fast unsichtbar. Da die Baroness durch die Droge sowieso schon schwach und benebelt auf der Bank gesessen hatte, war es einfach gewesen, ihr aus dem Hinterhalt ein Äther-getränktes Tuch über Mund und Nase zu stülpen. Sie war gar nicht mehr in der Lage gewesen, sich gegen einen Überfall zu wehren. Es hatte danach nur Sekunden gebraucht, ihren schlaffen Körper in die Büsche zu ziehen und fortzuschleifen. Sofort hatte er sich dann mit ihr in das naheliegende Wäldchen verzogen, das neben den Panoramawegen entlang, um den See herum wuchs. Zwar wurde dieser Forst ab und an von Querpfaden durchbrochen, die von den Gärten zum Seeufer führten, aber dennoch würde sie hier drin niemand finden. Was ihm allerdings den Marsch erschwerte, waren das Unterholz, das unebene Gelände und vor allem die Röcke der Baroness, die er auf den Schultern trug. Er hatte ihr eine schwarze Decke umgelegt, damit ihre helle Kleidung nicht in der Dunkelheit auffallen würde, aber auch die hatte ein Gewicht und bewahrte die Spitzenbesätze ihrer Röcke nicht davor, im Gestrüpp hängenzubleiben. Mehr als einmal war er deswegen gestrauchelt, was zum einen schmerzhaft für seine Fußgelenke und zum anderen zeitraubend war. Er würde ewig brauchen oder sich noch die Knochen brechen wegen diesem Firlefanz.
Schnaubend hielt der Mann inne und warf seine Last auf den Waldboden. Mit einem leisen Ächzen richtete er sich gerade auf, drückte seinen Rücken durch und hielt den Atem an, um in die Finsternis hineinzuhorchen. Von Weitem konnte er die Musik des Orchesters im Tanzzelt hören, ab und an auch ein lautes Rufen. Er schloss daraus, dass man bereits mit der Suche nach ihr begonnen hatte. Hastig zog er unter seiner Weste einen kurzen Dolch hervor, schlug die Decke beiseite und durchtrennte die Schulternaht des Oberkleides. Dies besaß eine lange Schleppe und hatte großes Gewicht. Danach suchte der Mann nach dem Rockbund an ihrer Taille und schnitt diesen ebenfalls entzwei. Mit einem beherzten Ruck riss er die Röcke auf und konnte auf diese Weise die junge Frau geradewegs aus den Kleidern heben. Erneut warf er sie sich über die Schulter und nahm die dunkle Decke wieder auf, um ihren hellen Leib darunter zu verbergen. Die Baroness war nun um einiges leichter als zuvor, da sie nur noch unzureichend mit Mieder und Unterhose bekleidet war. Diese Tatsache störte den Mann nicht und genauso wenig erregte sie ihn.
Obwohl er ein Mann im besten Alter war ,vor Gesundheit sprühte und es von ihm erwartet wurde, hatte ihn der Körper einer Frau noch nie fasziniert. Die reinen, unbefleckten Kinderleiber waren es, die ihn stimulierten, wobei ihm das Geschlecht egal war. Wenn er dann noch die Angst in ihren großen Augen sehen konnte, fühlte er sich so mächtig, wie ein Gott. Deshalb betraute der Meister auch ihn mit der Aufgabe, die Jungfrauen zu beschaffen. Denn allein bei ihm konnte Samael mit Bestimmtheit davon ausgehen, dass sie noch als Jungfrauen im Tempel ankamen. Im Gegenzug konnte er darauf bauen, dass er in den folgenden Messen Gelegenheit bekam, seine sexuellen Fantasien auszuleben. Nicht alle seiner Zirkelbrüder waren von diesen Zeremonien angetan. Lediglich Voland konnte sich ab und an dafür begeistern, wenn das Kind nicht zu jung war und seinen Vorlieben entsprach. Samael dagegen vollführte die Rituale bloß aus einem Zweck: um dem Herrn der Fliegen zu huldigen. Der Herr der Fliegen, der Name war wirklich passend, wenn er an die von Maden befallenen Köpfe dachte. Mochte Samael diese als Opfergaben bezeichnen, er selbst nannte sie Trophäen.
Just in dem Moment, als der Teufelsanbeter sich Mut zuredete, sein Ziel bald zu erreichen, hörte er eine Gruppe von Männern näherkommen. Deren lautes Gejohle und Gelächter dröhnte durch den Wald, sodass es ihm schwerfiel, die Richtung auszumachen, aus der sie auf ihn zukommen würden. Panisch sah der Schatten sich um, ob eine bewegende Lichtquelle ihm den Standort der Männer verraten würde. Doch wegen der Lichter am Wegesrand benötigten die Störenfriede keine weiteren Laternen oder Fackeln.
Er musste die Baroness verstecken, sofort. Auf gar keinen Fall durfte er mit dem verdächtigen Ballast auf seinen Schultern gesehen werden. Später, wenn die Männer weitergezogen waren, könnte er sie wieder abholen. Sie hier im Wald abzulegen, war kein guter Plan, denn entweder könnten die Männer über sie stolpern oder er würde sie womöglich nicht mehr finden. Nein, vielleicht war am Seeufer ein verlassener Tempel oder eine Laube, was ihm als zuverlässiges Versteck dienen konnte.
Zügig zwängte er sich durch das Unterholz zum Ufer und musste enttäuscht feststellen, dass nichts dergleichen vorzufinden war, auf was er gehofft hatte. Lediglich eine gestrandete Gondel lag am Ufer des Sees. Da kein Weg hierherführte, weit und breit niemand auf der Wiese zu sehen war, die lärmenden Männerstimmen jedoch immer näherkamen, entschied sich der Entführer, sein Opfer in der Gondel zu verstecken. Er bugsierte die Baroness in das Boot und breitete die schwarze Decke über ihr aus. Das fehlende Licht ließ sie im tiefen Bauch der Gondel mit der Dunkelheit eins werden. Niemand würde hier die junge Frau entdecken. Eilig machte sich der Teufelsanbeter davon, mit der Absicht, sein Opfer wieder abzuholen.
*
Bradford ging zu seinen Freunden zurück, die ihn allesamt mit einem schadenfrohen Grinsen empfingen.
»Hattest wohl kein Glück, Brad?!«, feixte Fenton ihm entgegen.
Edvard bot ihm ein Glas Sekt an, mit einem gutgemeinten Trost. »Würde jede zusagen, würde es seinen Reiz verlieren.«
»Ich dachte, der Reiz läge in etwas anderem als in einem Tanz«, sinnierte Grant.
Bradford nahm das Glas mit einem Nicken an. »Der Reiz liegt schon im Tanz, Grant, nur nicht in dem, der auf dem Parkett stattfindet.«
Das Lachen seiner Freunde zeigte ihm, dass sie seine Anspielung verstanden hatten und seine Meinung teilten.
»Wo ist eigentlich Lester abgeblieben?«, fragte Bradford und sah sich nach seinem engsten Freund um. »Hat er schon seine Auswahl getroffen? Wer ist es diesmal?«
Fenton zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, wo er sich immer rumtreibt. Kaum waren wir im Zelt angelangt, war er schon wieder verschwunden.«
»Wenn Lester der Hafer sticht, fackelt er nun mal nicht lange«, erwiderte Edvard darauf.
Grant grunzte missmutig. »So viel Hafer gibt es gar nicht, wie es den andauernd sticht.«
»Ach, kommt, Kameraden! Besorgen wir uns ein paar Flaschen von Shutterfields teurem Wein und suchen unseren Freund. Mit den Weibern wird es heute eh nichts mehr. Saufen wir uns den Abend lieber schön.« Mit einem Schluck leerte Bradford sein Glas.
Vielleicht würde der Sekt ihm helfen, denn er war auf einmal schrecklich müde. Frische Luft und Bewegung würden ihm sicher besser bekommen als trübseliges Herumlungern an der Tanzfläche. Außerdem würde er sonst den ganzen Abend zu der entzückenden Baroness hinüberstarren, was er vermeiden wollte und sich bisher streng verboten hatte. Wenigstens darin war er erfolgreich gewesen. Verflucht, er sollte die Kleine aus seinem Gedächtnis verbannen. Er suchte keine Ehefrau, sondern etwas anderes. Nie würde Bradford Kenneth Lyndon heiraten, soviel stand mit Sicherheit fest.
»Von mir aus, lasst uns gehen. Die Ballsaison hat erst angefangen. Demnach haben wir den ganzen Sommer noch Zeit, um die unschuldigen Rehlein zu erlegen.« Fenton drehte sich um und machte sich zu einem der Zeltausgänge auf.
Edvard schüttelte den Kopf und folgte ihm. »Mein Freund, ich befürchte, dass du von uns der Erste sein wirst, der von einem dieser Rehe zur Strecke gebracht wird.«
»Zum Teufel, dann hätte dieses ewige Süßholzgeraspel von dem Kerl endlich ein Ende. Ich verstehe nicht, warum die Weiber auf sein Geschwafel überhaupt hereinfallen«, brummelte Grant.
Bradford stellte sein Glas auf einem Tisch ab und klopfte seinem Freund auf den Rücken. »Das liegt vermutlich daran, dass du kein Weibsbild bist, mein Guter.«
»Der Herrgott sei gepriesen dafür!«, meinte Grant lakonisch, woraufhin Bradford lachte.
»Wohl wahr! Du gäbst nämlich eine schreckliche Jungfer ab und eine hässliche obendrein.«
Gut gelaunt suchten die zwei schließlich ihre Freunde, die schon mit mehreren Flaschen Wein vor dem Zelt auf sie warteten. Sogar Lester hatte sich eingefunden, um dessen Schultern Bradford brüderlich seinen Arm legte.
»Wie ich sehe, bist du ebenfalls erfolglos von der Jagd zurückgekehrt?«
Lester grinste und hob ihm eine entkorkte Weinflasche vor die Nase. »Mehr oder weniger.«
Bradford schwankte, seine Lider wurden immer schwerer und trotzig griff er nach der Flasche, um sich einen kräftigen Schluck zu genehmigen. Wenn ihm das nicht half, wieder munter zu werden, dann vielleicht ein Bad im See.
Sechs leer getrunkene Flaschen später torkelten die Freunde im Dunkeln am See entlang. Bradford hing laut schnarchend über Lesters und Edvards Schulter, die ihn mit sich schleiften.
»Verdammt, iss der schwer«, lallte Edvard und Lester keuchte.
»Ich kann nich mehr!«
Daraufhin ließ er Bradfords Arm los, der sofort in sich zusammensackte und den betrunkenen Edvard fast mit umriss. Diesem blieb nichts anderes übrig, als seinen Freund ebenso freizugeben. Mit einem dumpfen Laut landete Bradford im Gras und stieß einen lautstarken Schnarcher aus.
Grant taumelte zu seinem schlafenden Freund und beugte sich über ihn. »Vielllleicht … iss er leii-leichter, wenn wir …«, ein Hicksen unterbrach ihn, »… wennnn wir ihn auuus… aussiehen.«
Fenton grölte: »Guter Einfall, Granty. Machen wir den Duke nackig!«
Kichernd machten sich die vier Freunde daran, Bradford zu entkleiden. Mit vielen »Hui« und »Was ’n das?« flogen die Klamotten durch die Gegend und nach kurzer Zeit lag ein nackter Duke Lyndon auf der Wiese.
»Soll’n wir ihn hier lasssen?«, rief Edvard mit hoher Stimme und schwankte bedenklich.
Lester legte sich einen Finger auf den Mund und nuschelte: »Pssst! Nich sooo laut, sons wecken wir ihn nnnoch.«
»Hey, guckt mal! Da is ’n Boot«, zischte Grant und zeigte auf die Gondel, welche am Ufer des Sees gestrandet war.
»Wo?«, fragte Fenton lallend und schaute in den Wald. »Da iss nirgens ’n Boot, Mann. Ich seh nur ’n Haufen … Dingens, so grünes Ssseug.«
Grant packte seinen orientierungslosen Freund, drehte ihn zu dem See und deutete auf die dunkle Silhouette der Gondel.
»Nich dort! Da, im Wassa!«
Edvard gluckste: »Packen wir Brrrads Kleida da rein!«
»Neiiiin!«, flüsterte Lester aufgeregt und erhob seinen Zeigefinger. »Ich weiß wasss viel Bessererees.« Ruckartig zeigte er auf den See und schwankte dabei. »Wir packen Brad da rein!«
Nachdem alle begeistert zugestimmt hatten, schleppten sie Bradford mit vereinten Kräften zur Gondel.
»Oh, da iss sogar ’ne Decke drin. Na, da hattas schön kuschschelig!«, nickte Edvard, als sie ihn in das Boot legten.
Fröhlich prustete Lester: »Dann brauchta die Kleida ja nich mehr.«
Grant stemmte sich gegen die Gondel und versuchte, sie ins Wasser zu schieben.
»Was machst du ’nn da?«, fragte Fenton und hickste.
Grant schüttelte bedröppelt den Kopf. »Iss doch ’n Boot. Und Boote schwimmen.«
Das klang logisch in den Ohren der drei anderen und sie nickten zustimmend. Gemeinsam wuchteten sie die Gondel in den See. Zwar rutschten sie dabei aus, wurden nass und dreckig, aber das war den vieren egal. Zufrieden grinsend verharrten sie am Ufer und sahen zu, wie die Gondel mit ihrem Freund gemächlich auf die Mitte des Gewässers zu trieb.
Kapitel 6
Er wartete regungslos in seinem Versteck und horchte in die Nacht hinein. Sein schneller Herzschlag übertönte in seinen Ohren beinahe die lauten Männerstimmen, die zu ihm in das Gebüsch hallten. Er spürte, wie einzelne Schweißtropfen aus seinem Nacken den Rücken entlang rannen. Obwohl seine Muskeln und Sehnen langsam gegen die starre, zusammengekauerte Haltung rebellierten, zwang er sich so lange ton- und bewegungslos auszuharren, bis sich die Stimmen und damit die Männer entfernen würden. Da ihr Lärm nicht leiser wurde, vermutete er, dass die Gruppe auf der Wiese, nahe der Gondel, angehalten hatte. Die Angst, dass die Männer womöglich die Frau in dem gestrandeten Boot entdecken könnten, ließ ihn nervös schlucken. Erst nach einer Weile vernahm er, wie die Stimmen in die Ferne wanderten und schließlich nur noch die nächtlichen Geräusche des Waldes zu hören waren, die von den weit entfernten Rufen des Suchtrupps begleitet wurden. Er musste sich sputen, denn bald würden sie auch hier nach der Vermissten suchen.
Schließlich wagte sich der Entführer aus dem Gebüsch und hastete auf Zehenspitzen, vorsichtig um sich schauend, über die Wiese, um an das Ufer des Sees zu gelangen. Doch als er dort ankam, war von einer Gondel nichts mehr zu sehen. Sie war verschwunden, samt seinem Opfer, welches er darin abgelegt hatte. Verwirrt drehte er sich um die eigene Achse.
Er war sich sicher, dass das Boot hier gelegen hatte. Der Fels dort drüben und die Eiche daneben, sagten ihm, dass er sich nicht täuschte. Aber dennoch war weit und breit keine Gondel, keine betäubte Jungfrau auszumachen. Eine ungemütliche Hitze durchfuhr den Entführer, der von Panik erfasst wurde. Währenddessen tauchten immer mehr Fackeln in der Finsternis auf, die sich zügig in seine Richtung bewegten. Die Gefahr, von dem Suchtrupp aufgegriffen und der Entführung verdächtigt zu werden, wuchs mit jeder Sekunde. Eine Befragung oder Untersuchung seiner Person sowie seines Anwesens konnte er sich nicht leisten, denn zu viele Beweise würden zu Tage treten, die ihn mit den Kinder- und Jungfrauenmorden in Verbindung brachten. Das konnte er nicht zulassen, wie er ebenso nicht länger nach dem Mädchen suchen konnte, auch wenn der Meister darüber nicht sehr erfreut sein würde. Samael selbst hatte immer wieder betont, dass die Sicherheit des Zirkels vorginge. Jedes Mitglied, das entlarvt werden würde, könnte den gesamten Zirkel gefährden.
Deshalb kannte keiner von ihnen die Identität des anderen. Sie sprachen sich nur mit ihren Decknamen an und waren von dem Meister angehalten worden, unbedingt bei jedem Treffen ihre Masken und Kutten anzulegen. Obwohl vieles von ihnen verlangt wurde, jeder seinen Beitrag leisten musste, war der rote Zirkel das Beste, was ihm je passiert war. Die Zeremonien und die Ideologie, die dahintersteckte und welche Samael verkündete, war genau das, wonach er schon immer gesucht hatte. Seine sexuelle Vorliebe für Kinder und sein Verlangen, ihnen Qualen zuzufügen, hatte er immer geheim halten müssen. Doch im Zirkel konnte er seine Wünsche ohne Hemmungen ausleben. Denn der Meister predigte, dass sie als Menschen das vollkommene Geschöpf seien und es ihre Pflicht als Stärkere wäre, ihr Begehren auf Kosten der Schwachen auszuleben. Für sie, die auserwählten Starken, die gottgleich wären, gäbe es keine gesellschaftlichen Zwänge und keine Konventionen, an die sie sich halten müssten, absolute Freiheit sei die oberste Maxime. Niemals würde er seine Brüder verraten. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft.
In Bedrängnis geraten überlegte der Teufelsanbeter nicht länger, sondern stahl sich in der Dunkelheit davon, ohne einen weiteren Gedanken an sein Opfer zu verschwenden.
*
Es war ein herrlicher Morgen. Der Himmel trug sein wolkenfreies azurblaues Sommerkleid, auf dem sich die Sonne in ihrer ganzen Pracht entfaltete. Die Vögel im Beaumont Park zwitscherten vergnügt ihr Morgenlied. Die Tautropfen, die auf den saftig grünen Grashalmen glitzerten, würden bald verdunstet sein, doch noch verliehen sie der Luft die kühle Frische eines neu anbrechenden Tages.
Der Frühstückspavillon im Beaumont Park, der mitten im See lag und über einen langen Steg zu erreichen war, erfreute sich an diesem Morgen besonderer Beliebtheit bei den adligen Herrschaften. Denn es gab, weiß Gott, nach dem gestrigen Ball, den der Marquess Shutterfield veranstaltet hatte, genügend Neuigkeiten, die weitererzählt werden mussten. Die erhitzten Gemüter ließen die Gerüchteküche hochkochen.
Auch Marquess Shutterfield war im Pavillon anwesend und nahm sein karges Frühstück ein, an einem Tisch mit direktem Blick auf den See. Er war noch immer entsetzt über den fürchterlichen Ausklang des Balls. Ihm gegenüber saß die beleibte Matrone Longbottom, die Pearlene am Abend zuvor belauscht hatte und nun voller Appetit ihren Porridge verspeiste.
»Findet Ihr nicht auch, mein lieber Marquess, dass der Onkel der Baroness Clifford völlig die Fassung verloren hat gestern Nacht? Man konnte sein Brüllen bis in das Musikzelt hören. Es war fürchterlich.«
Shutterfield schüttelte unmerklich den Kopf. »Angesichts der Jungfrauenmorde ist es vollkommen verständlich, dass der Bruder des Duke außer sich war und auf eine sofortige Suchaktion in der Nacht bestand. Der arme Mann trug schließlich die Verantwortung für seine Nichte, die ihm abhandengekommen ist. Es bleibt bloß zu hoffen, dass sie dem Jungfrauenmörder nicht zum Opfer fiel.«
Die Matrone Longbottom schnalzte mit der Zunge. »Nun, könnte es nicht sein, dass die Baroness aus ganz anderen Gründen spurlos verschwunden ist? Schließlich hatte der berüchtigte Schwerenöter Duke Bradford Lyndon offenkundig Interesse an der unscheinbaren Baroness Clifford.«
Der Marquess holte entrüstet Luft. »Madame, was Ihr andeutet, sind bloße Vermutungen. Es gab mehrere Zeugen, die bestätigten, dass die Baroness dem jüngeren Lyndon einen Korb gab und dieser letztendlich mit seinen Freunden in die entgegengesetzte Richtung den Ball verließ.«
»Aber nichtsdestotrotz wäre es eine Möglichkeit. Und dazu eine weitaus gesündere für sie als die andere, wo sie als kopflose, geschändete Jungfrau enden würde«, erwiderte die Matrone mit einem einseitigen Schulterzucken.
Ein plötzliches Getuschel an den benachbarten Tischen ließ den Marquess aufmerksam werden. »Was erregt die Leute denn so?«
Neugierig sahen sich Shutterfield und die Matrone um und entdeckten die Ursache: eine einsame Gondel, die auf dem See trieb.
Shutterfields Augen verengten sich. »Sitzt da ein Mann in dem Boot?«
»Ja! Grundgütiger! Und er ist … nackt!«, staunte Lady Longbottom mit großen Augen.
Indessen starrte der Marquess immer noch angestrengt auf den See. »Er ist nicht allein, da ist doch ...« Er verstummte, denn, was er sah, war skandalös.
»Eine Frau!«, schrie Lady Longbottom aufgeregt. »In Unterwäsche?!« Sie stutzte. »Der Mann, die Statur, die Haarfarbe, das ist unverkennbar einer der Lyndon-Zwillinge. Sehr wahrscheinlich dieser Bradford. Aber die Frau? Dieses blonde Haar…?« Die Augen der Matrone weiteten sich noch mehr.»Shutterfield, ist das womöglich die vermisste Baroness Clifford?«
Die beiden tauschten einen Blick miteinander, um im nächsten Moment wieder zur Gondel zurückzuschauen, in der sich die junge Frau endlich zu ihnen herumdrehte und ihr Antlitz offenbarte, welches dasselbe verwunderte Entsetzen zeigte wie ihres.
Wie aus einem Mund entfuhr es dem Marquess und der Matrone: »Sie ist es!«
*
Noch bevor Pearlene richtig wach wurde, bemerkte sie, dass ihr alles wehtat. Jeder einzelne Knochen schmerzte. Angefangen bei der Schädeldecke bis zu ihren Zehenspitzen. Ihr war speiübel. Sie hatte einen ekelhaften Geschmack im Mund. Vorsichtig wollte sie sich bewegen, aber es ging nicht. So wie es sich anfühlte, hielt ein schwerer Fels sie an Ort und Stelle fest, erdrückte sie beinahe. Das erklärte auch ihre Schmerzen. Konnte sie ihre Arme heben, um den Stein von sich herunterzurollen? Ja, das ging. Aber … der Fels fühlte sich unter ihren Fingern nicht wie ein Fels an … Er war warm und weich … Warum lag überhaupt ein Fels auf ihr, in ihrem Bett?!
Jäh öffnete Pearlene ihre Lider. Grelles Tageslicht blendete sie, weshalb sie gleich wieder ihre Augen schloss. Aber mit der Erkenntnis, dass sie nicht in ihrem Bett lag, sondern unter freiem Himmel, nahm sie auch das Vogelgezwitscher wahr und das Schwanken der Gondel. Erneut öffnete sie ihre Lider, diesmal jedoch langsamer.
Wo war sie? In einem Boot? Wie war sie hier gelandet?
Sie drehte langsam ihren Kopf und glaubte, ihren Augen nicht zu trauen. Denn der Fels, der sie auf den Boden presste, war ein Mann. Ein Mann aus Fleisch und Blut. Und Pearlene tat das, was jede unerfahrene Jungfrau getan hätte, in so einer Lage: Sie kreischte wie eine Irre und schlug auf den Mann ein, der seelenruhig auf ihrem Busen schlief und dabei leise schnarchte. Panisch schob sie den Fremden an den Schultern von sich und stellte dabei fest, dass er unbekleidet war. Diese Feststellung löste einen erneuten Schreikrampf bei der Baroness aus, der zur Folge hatte, dass der nackte Mann stöhnend zu sich kam.
»Großer Gott! Schrei doch nicht so!« Bradford kniff die Augen zusammen, denn er hatte unsägliche Kopfschmerzen. Benommen richtete er sich auf und hielt sich mit beiden Händen den Kopf, der von einem wummernden Stechen gemartert und demnächst vermutlich zerspringen würde. Er ächzte gepeinigt auf.
Zum Teufel, was war denn los? Der Boden schwankte und wer zur Hölle war die Frau, die wie eine Furie kreischte? Zu allem Übel schrie auch sein Körper vor Schmerzen auf. Er hatte offenbar in einer ziemlich unbequemen Stellung auf der Holden geschlafen, die sich anscheinend nicht mehr an ihn erinnerte. Wobei er sich an sie ebenso wenig erinnern konnte wie an die vergangene Nacht. Da waren nur noch bruchstückhafte Bilder von dem Ball, die durch seinen schweren Kopf schlingerten.
Pearlene war schlagartig die Luft ausgegangen, als sie erkannte, wer der Mann war, der sich allmählich von ihr und auf seine Knie erhob. Fassungslos hechelte sie nach Luft. Es war ein Lyndon-Zwilling und nach allem, was sie von Reeva über die beiden wusste, konnte es nur Bradford sein, der nackt auf ihr gelegen hatte.
Ihr Magen drehte sich und die Übelkeit wurde unerträglich. Sie schaffte es noch gerade rechtzeitig, sich aufzurappeln und den Kopf über Bord zu halten, um sich in den See zu übergeben.
»Oh – nein! Nicht auch das noch!«, jammerte Bradford, als er das Würgen hörte und langsam seine Augen aufschlug. Er sah nur den weißblonden Haarschopf der Frau, die lediglich mit Unterhosen und Mieder bekleidet vor ihm in einer der Gondeln vom Beaumont Park lag und sich in den See erbrach. Doch er wusste sofort, wer die Frau war, denn dieses Blond hatte er bisher nur einmal in seinem Leben gesehen und das war vor ein paar Stunden gewesen. Er hatte die Nacht mit der hübschen Baroness Clifford verbracht und hatte nicht die geringste Ahnung, wie es dazu gekommen war.
Mürrisch hoben sich Bradfords Augenbrauen. »Das ist mir noch nie passiert, dass eine Frau sich übergeben muss, wenn sie mich in ihren Armen vorfindet!«
Schwer atmend wischte sich Pearlene den Mund ab und fragte: »Wer seid Ihr? Der Grand Duke Arden oder sein Bruder Bradford?«
Böse stierte sie zu dem jungen Mann hinüber, um sich eine Sekunde später die Hände vors Gesicht zu schlagen und die Augen zuzukneifen. »Himmel, Ihr tragt ja nicht mal eine Hose! So bedeckt doch endlich Eure Blöße mit irgendetwas!«
Hitze stieg in Pearlenes Wangen, denn noch immer konnte sie den herrlich kräftigen Körper des Duke im Geiste vor sich sehen. Dieser eine Augenblick hatte gereicht, um sich jede Einzelheit seiner bemerkenswerten Erscheinung in ihr Gedächtnis einzubrennen. Seine braune Mähne war noch in einem lockeren Zopf gefangen. Während das Blau seiner Augen mit dem des Himmels um die Wette strahlte, schimmerte seine Haut am gesamten Körper in einem goldenen Braun. Arme, Brust, Bauch und selbst seine Oberschenkel schienen nur aus Muskeln zu bestehen. Sogar sein Geschlecht, das vor einem Nest aus schwarzen Schamhaaren baumelte, kam ihr riesig vor. Sie hatte zwar noch nie einen erwachsenen Mann nackt gesehen, aber sein Glied, das er so offenherzig zur Schau stellte, war erschreckend größer, als sie es jemals bei einem der Jünglinge gesehen hatte, mit denen sie als Kind gebadet hatte.
Bradford schwankte. Obwohl sein Schädel gleich in Einzelteile zerfallen wollte, schmunzelte er über das Gebaren der Baroness. »Wenn Ihr darauf besteht, lege ich mir die Decke über. Und wenn es schon nach Euren Wünschen geht, wer sollte ich denn Eurer Meinung nach sein?«
Pearlene schnaubte zornig in ihre Hände. »Eigentlich wünsche ich mir, dass Ihr Euch in Luft auflöst, aber da das wahrscheinlich nicht passieren wird, bestehe ich unbedingt darauf, dass Ihr Euch bedeckt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Ihr Bradford seid, denn Euer Bruder Arden würde einer Frau so etwas gewiss nie antun!«
»Ihr könnt jetzt ohne Gefahr wieder zu mir sehen, Baroness. Aber ich muss Euch widersprechen: Was meinen Bruder angeht, habt Ihr keine Ahnung, zu was er fähig ist, und ich habe Euch gar nichts angetan.« Grübelnd zog sich Bradfords Stirn in Falten. »Denke ich zumindest … Andernfalls kann ich mich nicht mehr daran erinnern?«
Pearlene nahm die Hände herunter. Sie wollte ihre Augen in einer missbilligenden Geste über die Gestalt des Dukes wandern lassen, um ihm deutlich vorzuführen, für was für einen verkommenen Schuft sie ihn hielt. Allerdings hatte er die Decke nur um seine Hüften geschlungen und bot ihr noch immer seinen muskulösen Oberkörper dar, der ihr den Atem nahm und sie vergessen ließ, was sie beabsichtigt hatte. Die Baroness schüttelte den Kopf, um ihre Sinne zur Ordnung zu rufen.
»Ich liege also richtig mit meiner Vermutung, dass Ihr Bradford seid. Aber wenn Ihr mir nichts angetan habt, warum liege ich dann mit Euch in dieser Gondel?«, keifte sie ihn an.
Bradfords Züge wurden ernst. »Das Gleiche könnte ich Euch fragen? Ich habe mich nämlich nicht ausgezogen und zu Euch ins Boot gelegt. Vielleicht wart Ihr das?«
Empört riss Pearlene die Augen auf, doch Bradford war nicht zu stoppen.
» Vielleicht wolltet Ihr mich auf diese Weise zu einer Heirat zwingen?«
Die Baroness hievte sich hoch auf die Füße und rang nach Luft. »Das ist ungeheuerlich, was Ihr da behauptet!«
Bradford erhob sich ebenfalls. »Vielleicht ist das alles eine ausgeklügelte Intrige gegen mich? Gebt zu, dass Ihr Euch selbst bis auf die Unterwäsche ausgezogen und Euch zu mir gelegt habt?«
Pearlene blickte überrascht an sich herunter und schnappte wie eine Forelle auf dem Trockenen nach Wasser, als sie sah, dass sie nur noch das Mieder und ihre Unterhose trug. »Wie ist denn das ...? O Gott! Gebt mir die Decke!«
Verzweifelt versuchte sie, Bradford die Decke zu entwenden, doch dieser hielt sie fest.
»Nein, das ist Eure Strafe dafür, dass Ihr mich entführt habt, und außerdem finde ich Euren Anblick so ganz entzückend.«
»Ihr seid vollkommen verrückt. Das ist doch alles völlig absurd.« Außer Puste von dem sinnlosen Unterfangen, die Decke zu ergattern, gab Pearlene schließlich auf und heulte resigniert: »Denkt doch mal nach! Wie sollte ich Euch ausziehen und in das Boot schleppen können? Ihr seid ein Koloss von einem Mann, ich könnte Euch niemals allein …«
»Vielleicht hattet Ihr Gehilfen?«, unterbrach Bradford sie ungestüm.
Pearlene warf fassungslos die Hände in die Luft. »Wer würde mir denn bei so etwas helfen? Das ist ja lächerlich.«
»Aha! Und genauso lächerlich ist auch Eure Behauptung, dass dieses ganze Fiasko in meiner Absicht liegen würde. Glaubt Ihr, ich lege es darauf an, zu einer Ehe mit Euch genötigt zu werden? Bei Gott, wenn ich mich mit einer Jungfrau vergnügen wollte, würde ich das bestimmt nicht im Beaumont Park machen, wo mich halb London dabei ertappen würde. Anscheinend sind wir beide, ohne unser Wissen, betäubt worden und mir fällt dazu nur eine Möglichkeit ein, wie das passieren konnte: Euer Glas mit dem Punsch, aus welchem wir beide getrunken haben!«. Erwartungsvoll schaute Bradford sie an.
Und die Baroness erstarrte. Entgeistert flüsterte sie: »Ihr habt Recht! Das ist die einzige Erklärung dafür, dass wir beide ohnmächtig waren. Aber wer brachte uns gemeinsam in die Gondel?«
Plötzlich wurde Bradford bleich und seine Augen kugelrund. »Verdammte Scheiße!« Zögernd wisperte er: »Dreht Euch jetzt besser nicht um, Baroness, und fangt bitte nicht wieder an, zu kreischen oder in den See zu reihern.«
Doch mit diesem Satz erreichte der Duke so ziemlich genau das Gegenteil und Pearlene wandte sofort ihren Kopf.
Während ihres Gesprächs war die Gondel, von ihnen unbemerkt, weiter über den See vor den Pavillon getrieben, in dem unzählige Leute saßen und interessiert ihren Streit beobachteten. In deren Gesichtern spiegelte sich von Schadenfreude über Missbilligung bis hin zu Überraschung und Schock alles wider.
»Um Gottes willen!«, hauchte die Baroness.
Obwohl sie die Menschen nur verschwommen wahrnahm, hörte sie nun getuschelte Gesprächsfetzen und Wörter, die über das Wasser zu ihnen schallten. Überrumpelt von der Lage, in der sie sich auf einmal wiederfand, stolperte sie neben Bradford, ihren Leidensgenossen, der bitter den Mund verzog.
»Hervorragend gemacht, Baroness, jetzt hat auch wirklich jeder Euer Gesicht gesehen!«
In ihrer Panik versuchte Pearlene, ihm erneut die Decke wegzunehmen. Abermals gab es ein Gerangel um das Stück Stoff zwischen ihnen. Beide zogen und zerrten verbissen an der Decke herum, während sie mit ungläubigen Mienen den Frühstückspavillon nicht aus den Augen verloren.
»Lasst los, ich bin nur in Unterwäsche!«, zischte Pearlene verärgert, woraufhin der Duke leise knurrte.
»Vergesst es! Schließlich bin ich derjenige, der nackt ist.«
»Das war leider nicht zu übersehen, aber ich bin schließlich eine Dame.«
Mit einem beherzten Ruck gelang es Pearlene, Bradford die Decke abzunehmen und sich in diese einzuhüllen. Der verbarg daraufhin sein Geschlecht notdürftig unter der rechten Hand und fügte sich mit einem lauten Seufzer seinem Schicksal.
»Und ich bin anscheinend ein Gentleman!«
Mit dem linken Arm vollführte der Duke eine elegante Bewegung, als grüße er jemanden auf der Straße unter ganz gewöhnlichen Umständen. In einer vornehmen Verbeugung rief er laut und deutlich, in Richtung der gaffenden Menge: »Marquess Shutterfield, seid gegrüßt, was für eine Freude Euch zu sehen! Ein wunderbarer Morgen, nicht wahr? Mein Lieber, wärt Ihr wohl so gut, mir Euer Tischtuch zu reichen?«
Kapitel 7
Londoner Stadthaus der Familie Stuart Clifford
»Ich wünschte, ich hätte deinen Punsch getrunken.« Reeva ließ sich mit unverhohlener Enttäuschung über diesen Umstand auf Pearlenes Bett fallen, sodass ihre Locken wippten. Traurig beobachtete sie ihre Cousine dabei, wie diese ihre Kleider und übrigen Utensilien wieder in Koffer und Truhen verstaute, die sie erst gestern ausgepackt hatte.
Pearlene schüttelte aufgebracht den Kopf. »O nein, glaub mir, wenn du so wie ich heute Morgen nur in Unterwäsche, vor den Augen des gesamten Hochadels, im Park aufgewacht wärst, würdest du dir das nicht wünschen.«
»Aber Bradford war bei dir, die ganze Nacht. Und …« Reeva zögerte einen Moment, bevor sie im Flüsterton weiterredete. »… ich habe genau gehört, wie Mama deine Sätze vor lauter Schreck wiederholte und sagte, dass er unbekleidet war.«
Mit einem Seufzer warf Reeva ihren Kopf in den Nacken, schloss kurz die Augen und stand stürmisch auf, um sich Pearlene in den Weg zu stellen. Sie packte die Hände ihrer blonden Cousine und drückte diese sacht. »Mein Gott, Pearlene, vielleicht wird er dich heiraten müssen, nach diesem Skandal. Einer der begehrtesten Junggesellen Londons wird dich möglicherweise zu seiner Ehefrau machen.«
Pearlene schoss das Blut in die Wangen, weil Reeva das aussprach, was sowohl ihre Tante als auch ihr Onkel schon angedeutet hatten. Und dieser Gedanke, Bradford Lyndon heiraten zu müssen, stürzte sie in nervenaufreibende Verwirrung. Einerseits fand sie den Duke anziehend, er war zugegebenermaßen ein blendend aussehender Mann, aber andererseits … war er der schlimmste Weiberheld, den sie kannte, und ein unmöglicher Flegel. Würde sie ihn wirklich heiraten müssen? Ihr Herz raste bei der Vorstellung, dass sie mit dem groß gewachsenen Duke womöglich bald das Ehebett teilen würde und indirekt vermutlich mit hundert anderen Frauen, mit denen er sie betrogen hatte und noch betrügen würde. Wollte sie das?
Pearlene war kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Morgens in der Gegenwart des nackten Bradford in Unterwäsche vor lauter Fremden aufzuwachen und dann auch noch von ihm und Marquess Shutterfield in dessen Kutsche nach Hause gefahren zu werden, war einfach zu viel für sie. Eine unfassbare Peinlichkeit hatte die nächste gejagt. Es war schrecklich gewesen, dem Duke, der lediglich in seinem Tischtuch dagesessen hatte, in solch engem Raum ausgeliefert zu sein. Seine Augen hatten sie bedrängt. So sehr sie auch versucht hatte, sich in der Decke zu verstecken und seine Anwesenheit zu ignorieren, hatte sie stets dieses Prickeln auf ihrer Haut verspürt. Ein Prickeln, das einem sagte, dass man mit Blicken förmlich verschlungen wurde.
Unwillkürlich schüttelte die Baroness den Kopf und entzog Reeva ihre Finger, um weiter ihre Truhe zu packen. »Ich will darüber gar nicht nachdenken, Reeva. Ich fahre mit Kolton jetzt erst einmal wieder zurück zu unseren Eltern aufs Land. Ich danke Gott, dass Dr Vance kam und es meinem Bruder wieder besser geht, sodass wir uns noch heute Mittag auf den Nachhauseweg machen können. Vater wird wissen, was in dieser prekären Situation zu tun ist.«
Reeva folgte ihrer Cousine auf den Fersen und fragte leise: »Wie sah Bradford aus, Pearlene?«
Fassungslos drehte sich Pearlene zu ihr um, sagte jedoch kein Wort.
Ein verschmitztes Grinsen erschien auf Reevas Zügen. »Du weißt schon, so ohne Kleider, ist er wirklich so gut gebaut, wie es den Anschein hat?«
Verlegen strich sich Pearlene die Haare aus dem Gesicht und wandte sich wieder ihren Koffern zu.
»Ich … denke schon«, nuschelte die Baroness kurz angebunden und hoffte, damit Reevas Neugier endgültig gestillt zu haben. Munter plapperte sie daraufhin weiter, um schnell das Thema zu wechseln. »Vielleicht gehe ich zu meinen Verwandten ins Ausland für eine Weile. Ja, das sollte ich wirklich tun. Vielleicht finde ich dort einen Ehemann und komme gar nicht mehr zurück.«
Reeva verzog abweisend den Mund. »Wie kannst du jetzt nur daran denken, England zu verlassen? Ich hoffe, dass Onkel Wilburn seine Vaterpflichten wahrnimmt und darauf besteht, dass Bradford deine Ehre rettet und dich heiratet. Sicherlich wird er sich mit dem Grand Duke in Verbindung setzen.«
Pearlene verharrte in ihrer Bewegung und erbleichte. Allmächtiger, was würde Arden bloß von ihr denken? Sie schloss voller Ingrimm die Lider, da sie sich nicht erklären konnte, weshalb sie nun an Bradfords Zwillingsbruder dachte und warum es ihr so wichtig war, was dieser über sie denken würde. Dabei sollte sie sich lieber Sorgen machen, was ihre Eltern zu dem irreparablen Fauxpas sagen würden, der ihr unterlaufen war. Sie war wahrscheinlich kurz davor, verrückt zu werden, was kein Wunder war.
Mutlos öffnete Pearlene wieder die Augen und schritt niedergeschlagen zum Fenster. Sie schob gerade die Gardinen zur Seite, als unten auf der Straße, direkt vor ihrem Haus, eine Kutsche anhielt. Ein großes Wappen war an der Kutschentür angebracht, in dessen Mittelpunkt ein goldener Lindenbaum prangte. Verwundert beobachtete Pearlene, wie sich die Tür öffnete und ein großer braunhaariger Mann in dunklen Kleidern ausstieg. Er blieb auf den Pflastersteinen vor der Eingangstreppe stehen, hob den Kopf und schaute zu ihrem Fenster hinauf, direkt in ihr Gesicht. Atemlos ließ Pearlene sogleich die Vorhänge zurückfallen und machte einen Schritt nach hinten.
Sie hatte die Züge des Besuchers nicht deutlich erkennen können, aber die blauen Augen gehörten eindeutig einem Lyndon-Zwilling. War das etwa Arden, der Grand Duke? Vermutlich, nach der Wahl seiner Kleider zu urteilen schon. Herr im Himmel, was hatte das zu bedeuten?
*
In grimmiger Entschlossenheit stieg Arden aus der Kutsche. Immer wieder sagte der Grand Duke sich, dass es das einzig Richtige war, dies zu tun, auch wenn ihn das schlechte Gewissen plagte. Aber letztendlich war es die beste Entscheidung, sowohl für die Baroness und deren Familie als auch für seine. Selbst wenn es Bradford nicht gefallen würde, er konnte darauf keine Rücksicht nehmen. Es stand für beide Parteien weitaus mehr als nur ihre Familienehre auf dem Spiel. Bei Gott, es war wahrlich kein Spiel, schon lange nicht mehr!
Sein Blick wanderte betrübt über die Fassade des Gebäudes, in dem die Baroness zurzeit wohnte. Es war das Stadthaus ihres Onkels, dem ebenso sein Besuch galt. Für einen kurzen Moment sah er das zarte Gesicht der Baroness hinter einem der oberen Fenster. Der Grand Duke hatte keine Zweifel daran, dass sie es war, denn ihr auffällig verlockender Mund war unverwechselbar. Leider verschwand die junge Frau jedoch aus seinem Sichtfeld. Arden schmunzelte, denn der kleine unerwartete Stich in seiner Brust, den ihr Anblick ausgelöst hatte, bestärkte ihn umso mehr in seinem Entschluss.
Beschwingt erklomm er die Stufen und benutzte den bronzenen Türklopfer, dessen tiefes Dröhnen unüberhörbar durch das Haus hallte. Ein Diener öffnete schließlich die Tür und Arden stellte sich vor.
»Ich bin Grand Duke Lyndon und habe ein dringendes Anliegen, das ich mit Lord Clifford persönlich zu klären habe.«
Der Diener verbeugte sich. »Willkommen, Grand Duke. Wenn Ihr mir bitte folgen würdet. Ich unterrichte meine Lordschaft über Euren Besuch.«
Arden nickte und betrat das Haus. Der Bedienstete brachte ihn in ein Schreibzimmer, das dem Anschein nach bloß dem Herrn des Hauses vorbehalten war, und ließ ihn allein. Der Grand Duke sah sich interessiert um. Das Zimmer war mit einem massiven Schreibtisch und mehreren Regalen bestückt, in denen Bücher und Schriftrollen fein säuberlich verwahrt ruhten. Neugierig ging Arden auf die Schriftstücke zu, als sein Fuß plötzlich gegen etwas stieß, das lautlos über den Teppich rollte. Der Grand Duke bückte sich nach dem Gegenstand, der sich als Siegelring herausstellte. Er betrachtete das Schmuckstück, welches er zwar für wertvoll, aber auch für hässlich befand, und legte es auf den Schreibtisch, von dem es offensichtlich heruntergefallen war.
Alles in dem Zimmer wie auch die Vorhalle des Hauses, die Möbel und das überaus gepflegte Personal deuteten darauf hin, dass die Familie Clifford sehr wohlhabend war. Nach den Informationen, die er über sie in Erfahrung gebracht hatte, war das keine Überraschung. Pearlene war eine wohlerzogene Lady und ihr Ruf, wie der ihrer Sippe, war bis heute Morgen untadelig gewesen. Daher stand einer Verbindung ihrer zwei Familien nichts im Wege. Nein, im Grunde war sie sogar wünschenswert. Sehr sogar, wenn er genauer darüber nachdachte.
Die Tür öffnete sich und Pearlenes Onkel trat ein. Lord Clifford ging mit forschem Schritt auf Arden zu und reichte ihm die Hand.
»Grand Duke Lyndon, es ist mir eine Ehre, Euch in meinem Haus begrüßen zu dürfen. Nichtsdestotrotz bin ich mir darüber im Klaren, dass Euer Erscheinen lediglich mit den unglaublichen Geschehnissen der vergangenen Nacht zusammenhängt.«
» Ich danke Euch für die freundliche Begrüßung. Ja, die Umstände zwingen uns alle, nun schnell zu handeln, um größeren Schaden abzuwehren.«
Der Lord nickte und zeigte auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. »Setzen wir uns.«
Arden nahm Platz und beobachtete, wie der rothaarige Mann sich hinter den Schreibtisch setzte. Während der Lord begann, Ordnung auf dem Pult zu schaffen, und verschiedene Dinge in die Schubladen verstaute, trug der Grand Duke sein Anliegen vor.
»Wir beide wissen, dass die kompromittierende Situation im Beaumont Park, in der sich mein Bruder und Eure Nichte heute Morgen wiederfanden, uns nur einen Ausweg lässt. Die beiden müssen heiraten. Mit anderen Worten: Ich bitte im Namen meines Bruders, Bradford, um die Hand Eurer Nichte, der Baroness Pearlene Clifford.«
»Natürlich und ich denke, ich spreche für meinen Bruder Wilburn, wenn ich sage, dass wir Euer Eingreifen und Euren Antrag sehr zu schätzen wissen. Selbstverständlich werde ich Pearlene und ihrem Vater den Antrag Eures Bruders zukommen lassen. Ohne Euch Hoffnungen machen zu wollen, denke ich jedoch, dass beide zustimmen und den Antrag annehmen werden. Zugegebenermaßen ist dies die beste Alternative für meine Nichte, sie kann sich glücklich über diese Lösung ihrer misslichen Lage schätzen. Vermutlich werdet Ihr ebenso froh darüber sein, dass Euer Bruder in den Stand der Ehe eintreten wird.«
Arden holte tief Luft und lehnte sich in seinen Sessel zurück. »Wohl wahr, Mylord, auch wenn mein Bruder dies anders sehen wird. Aber er wird den gestellten Erwartungen nachkommen, dafür werde ich persönlich sorgen.«
Kritisch sah der Lord auf. »Wie mir scheint, können wir uns beide nicht vollkommen sicher sein, dass die zwei Betroffenen ihr Einverständnis zu einer Ehe geben werden?«
Die Augenbrauen des Grand Duke zogen sich zusammen. »Ihr solltet Eurer Nichte deutlich machen, dass sie sehr wahrscheinlich nur knapp dem Jungfrauenmörder entgangen ist. Denn sie wurde von einem Unbekannten verschleppt und nicht wie Bradford von seinen übermütigen Freunden entkleidet und in jener Gondel abgelegt. Diese wussten nicht, wie sie mir vor wenigen Stunden versicherten, dass die Baroness ebenfalls in dem Boot lag. So gern man diese jungen Männer deswegen zur Verantwortung ziehen möchte, muss man ihnen jedoch vielmehr dankbar sein, da durch ihr Auftauchen und ihr tolldreistes Handeln der Baroness das Leben gerettet wurde. Was aber auch bedeuten könnte, dass sie noch immer in Gefahr schwebt – wenn sie noch Jungfrau ist, nach gestern Nacht. Was uns zum nächsten Argument für diese Ehe führt: Was, wenn sie keine Jungfrau mehr ist und letzte Nacht möglicherweise ein Kind gezeugt wurde? Auch wenn dies nicht den Tatsachen entsprechen sollte, sich die Beteiligten an nichts dergleichen mehr erinnern, können wir es nicht ausschließen. Abgesehen davon glaubt die Öffentlichkeit bereits jetzt schon, dass der Akt vollzogen wurde.«
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