Read the book: «Traumgeschichten der Bibel»

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Inhaltsverzeichnis

Gute Nacht! – Vorwort

Josef – Traumspezialist par excellence

Jugendlicher Größenwahn? – Die Träume des heranwachsenden Josef

Gefährliche Träume – Josefs Brüder verkaufen Josef nach Ägypten

Tod oder Leben – Die Träume der Gefangenen

Agrarische Träume eines Staatsmannes – Der Pharao träumt von Kühen und Ähren

Nächtliche Reiseversicherung – Gott macht Jakob Mut für die Reise nach Ägypten

Von Berufungen und Kehrtwenden

Hören statt Sehen – Die »Hör-Träume« des jungen Samuel

Schwerer Auftrag – Die Berufung des Propheten Jesaja

Wende um 180 Grad – Das Bekehrungserlebnis des Paulus

Alles darf gegessen werden! – Eine Vision ändert den Standpunkt des Petrus

Aufbruch zu neuen Ufern – Paulus wird nach Europa gerufen

Traumhafte Aussichten? – Träume, die in die Zukunft blicken

Erfolg garantiert – Ein Traum sagt Gideons Sieg voraus

Auf die Probe gestellt – Der Traum vom Standbild mit den tönernen Füßen

Ein Traum als Spiegel – Nebukadnezzars Traum vom gefällten Baum

Ausflug in die Monsterwelt – Die Bestien in den Träumen Daniels

Ein Engel als Traumdeuter – Die acht Visionen des Sacharja

Traum statt Vaterschaftstest – Die Ankündigung der Geburt Jesu

Durch Träume gewarnt

Aus der Traum! – Abimelech erfährt im Traum die Wahrheit über Sara

Familienstreitigkeiten – Gott schützt Jakob vor Laban

Sterndeuter auf Umwegen – Herodes soll nichts über das neugeborene Jesuskind erfahren

Lebensrettende Träume – Die Flucht nach Ägypten

Wunschträume

Ein Traum erfüllt sich – Jubel über die Heimkehr aus dem Exil

Davon kann man nur träumen! – Salomo hat einen Wunsch frei

»Wäre er doch nur hier …!« – Liebestraum im Hohelied

Wenn der Himmel sich öffnet

Reger Verkehr zwischen Himmel und Erde – Jakobs Traum von der Himmelsleiter

Gott on the road – Die Thronwagenvision des Ezechiël

Göttliche Lichtverhältnisse – Die Verklärung Jesu

Freie Sicht nach oben – Stephanus’ Vision vor seinem Tod

Offene Himmelstüren – Die Offenbarung an Johannes

Alpträume: Göttliche Botschaften oder Teufelswerk?

Nächtliche Schreckgespenster – Die Träume Ijobs und seiner Freunde Elifas und Elihu

Kleine Frau – großer Traum – Der Traum der Frau des Pilatus

Kein Entkommen – Schreckensbilder verfolgen die Gottlosen

Wer zu viel nachdenkt, träumt schlecht – Entspannungstipps des Predigers

Das Leben – ein einziger Alptraum? – Was Sirach über das Schicksal des Menschen denkt

Trau nicht jedem Traum!

Träume sind Schäume! – Sirach hält nicht viel von Träumen

Misstrauen ist angebracht – Gegen die Anbeter der falschen Götter

Träume(r) auf dem Prüfstand – Jeremia warnt vor Lügenpropheten

Träume und Visionen von einer neuen Welt

Schwerter zu Pflugscharen – Eine Welt ohne Krieg

Tote Knochen wieder lebendig – Ezechiëls Vision vom Totenfeld

Wenn Kalb und Löwenjunges zusammen weiden – Jesajas Traum vom Friedenskönig

Schöne neue Welt – Die Vision des Johannes

Guten Morgen! – Nachwort

Reihe Biblische Taschenbücher

Impressum

Gute Nacht!
Vorwort

Das Licht ist ausgeknipst. Nach einem langen Tag kommt nun der Augenblick, nach dem wir uns den ganzen Tag schon heimlich gesehnt haben: Endlich in die Federn kuscheln! Endlich ausruhen – und schlafen! Wir drehen uns noch ein paar Mal von einer Seite auf die andere und schon kommt auf leisen Sohlen der wohltuende Schlaf. Der erschöpfte Geist kommt zur Ruhe, der Körper schaltet auf »Standby«: Die Arbeit der inneren Organe wird heruntergefahren, die Muskeln entspannen sich, der Blutdruck sinkt. Doch halt! Da gibt es etwas in uns, das unbeirrt weiterarbeitet, sozusagen unser innerer Workaholic. Die Rede ist von unserem Gehirn. Hier, im Kopf, brennt immer Licht. Und da in der Ruhe der Nacht nicht mehr mit der Informationsflut der sinnlichen Eindrücke gekämpft werden muss, hat unser Gehirn nun Zeit und Muße, eine erstaunliche Eigentätigkeit zu entfalten. Während wir hilf- und wehrlos schlummern, wird es zum Autor unzähliger Geschichten und zum Regisseur atemberaubender Filme, von denen wir manche unser Leben lang nicht vergessen.

Ob süß oder gänsehauterregend, ob wirr oder glasklar, ob angstschweißtreibend oder paradiesisch – Träume sind ein faszinierendes Phänomen. Obwohl der Schlaf des Menschen recht gut erforscht ist, kann kein Wissenschaftler heute mit Sicherheit sagen, was es mit unseren Träumen auf sich hat. Viele Menschen spüren, dass ihre Träume mit einer Art innerer Wahrheit in Verbindung stehen. Und wer sich länger und intensiver mit Träumen befasst, ist erstaunt über das kreative Potential, das in ihren Bildern zum Vorschein tritt. Es schlummert wohl in jedem Menschen – denn jeder Mensch träumt, auch wenn sich nicht alle Menschen an ihre Träume erinnern können. Manchmal haben wir das Bedürfnis, anderen unsere Träume zu erzählen, besonders dann, wenn uns ein Traum sehr beschäftigt. Wir möchten, dass ein vertrauter Mensch an unseren nächtlichen Erlebnissen in der fremden Traumwelt teilhat. Manchmal ist ein Traum so außergewöhnlich, dass man ihn einfach erzählen muss. Die Erzählung wächst aus dem Staunen.

Eins steht jedenfalls fest. Woher sie auch kommen mögen und was auch immer es mit ihnen auf sich hat: Träume haben Konjunktur. Wer sich in die Ratgeberabteilungen einschlägiger Buchhandlungen begibt, entdeckt dort große Mengen an Büchern, die mit Versprechungen wie diesen locken: »Schöpferisch träumen«, »Wie Sie im Schlaf das Leben meistern«, »Wie man mit Träumen sein Leben gestalten kann«, »Wie man die Macht der Träume für sich, für seine Ziele einsetzen kann« – so ist dort zu lesen. Ein per Zeitmaschine in eine deutsche Buchhandlung im 21.Jahrhundert versetzter antiker Mensch würde sich hier sofort zurechtfinden, denn Traumdeutungen hatten in der Antike einen hohen Stellenwert. Nicht nur die alttestamentliche Josefsgeschichte, sondern auch die Traumerzählungen bei Homer oder in der griechischen Geschichtsschreibung waren in der Antike selbstverständliche Teile der Literatur und der Kultur. So ist es kein Zufall, dass auch die Bibel etwas zum Thema »Traum« zu sagen hat. Wer dieses Lebensbuch aufschlägt, entdeckt in ihm einen bunten Reigen an verschiedenen Traumgeschichten. Auf der »Traumreise« durch die Geschichten der Bibel erfahren wir von Traumspezialisten, von Warnungen in letzter Minute, von Wunschträumen und traumhaften Einsichten in den zukünftigen Gang des Schicksals. Da die Bibel die menschliche Realität nicht beschönigt, weiß sie auch von quälenden Alpträumen und verlogenen Traumdeutern zu berichten. Wir hören von Menschen, die in Träumen und Visionen Zugang zur göttlichen Welt erhalten und diese eindrucksvoll schildern. Die Träumer und Träumerinnen der Bibel behielten ihre Träume nicht für sich selbst. Es drängte sie, sie weiterzuerzählen. Zu groß war das Staunen über das, was sie in ihren Träumen erlebten und erfuhren. Die meisten von ihnen bringen ihre Träume mit Gott in Verbindung. Er ist es, der dort zu ihnen spricht und ihnen Wegweisung und Rat erteilt, aber auch seine Missbilligung und seinen Zorn zeigt. Durch Träume greift Gott ein in die Pläne der Menschen und ruft sie, einen anderen Weg einzuschlagen. Der Traum wird zum Ort der Begegnung zwischen Gott und Mensch. Doch am besten entdecken Sie sie selbst – die bunte Traumwelt der biblischen Geschichten!

Josef – Traumspezialist par excellence

Im ersten Buch des Alten Testaments, im Buch Genesis, treffen wir auf einen großen Träumer: Die Rede ist von Josef, einem der zwölf Söhne Jakobs, dem Lieblingssohn seines Vaters. Die Träumerei scheint in der Familie zu liegen, denn auch von Jakob wird berichtet, er habe wichtige Träume gehabt, darunter den großen Traum von der Himmelsleiter (siehe Seite 92). Doch Josef ist nicht nur ein begabter Träumer, sondern macht sich darüber hinaus auch als ausgezeichneter Traumdeuter einen Namen. Träume spielen eine große Rolle für Josef und markieren wichtige Stationen seines Lebens. Seine Brüder verspotten ihn und nennen ihn den »Kerl, dem seine Träume zu Kopf gestiegen sind« (1Mose/Genesis 37,19) – liebevoll ist das bestimmt nicht gemeint!

Über mehrere Kapitel hinweg berichtet die Bibel von Josefs Träumen. Sie führen uns durch drei verschiedene Abschnitte in seinem Leben: Zuerst erfahren wir von den Träumen während seiner Jugendzeit und von den Konsequenzen, die sie für Josefs Leben haben.

Dann werden die Träume der zwei Beamten geschildert, die mit Josef in Ägypten im Gefängnis sitzen. Schließlich lernen wir die Träume des Pharaos kennen, die Josef mit Gottes Hilfe deutet und die wieder einmal große Veränderungen in Josefs Leben mit sich bringen.

Josefs Träume sind nicht nur angenehm. Oft bringen sie ihn in Verlegenheit, in schwierige Situationen und sogar in Lebensgefahr. Doch am Ende der Geschichte wird sichtbar, dass Gott durch diese Träume Josef im Auf und Ab seines bewegten Lebens begleitet und geführt hat. Die Josefsgeschichte ist eine Absage an alle menschlichen Versuche, Träume erschöpfend und definitiv zu deuten. Ihre Aussage ist klar und eindeutig: Gott ist der Einzige, der weiß, was Träume wirklich bedeuten, da er selbst sie den Menschen schickt. Ein Mensch, der die Träume anderer Menschen deutet, kann immer nur ein Sprachrohr Gottes sein.

Jugendlicher Größenwahn?
Die Träume des heranwachsenden Josef

Die Jugend ist das Alter der hochfliegenden Träume. Das ganze Leben liegt noch vor einem und bietet so wie eine unbeschriebene Tafel viel Platz für allerlei große Visionen und Pläne: Die Welt verbessern … etwas Neues erfinden … berühmt werden … das große Geld machen …! Von kühnen Jugendträumen berichtet auch die Bibel. Mit ihnen beginnt die Geschichte von Josef im Buch Genesis. Da ist Josef gerade mal siebzehn Jahre alt. Josefs Träume stehen wie eine leuchtende Überschrift über seinem weiteren Leben – gewissermaßen als Richtungsschild und Zielpunkt. Und anders als viele Jugendträume, die irgendwann an der harten Realität zerplatzen, stellt sich am Ende der Geschichte heraus, dass Josefs Träume Wirklichkeit geworden sind.

Josefs Brüder verstehen seinen Traum sofort und sind empört. Die Rolle, die ihnen dort zugedacht ist, gefällt ihnen überhaupt nicht. Was für ein verwöhnter, arroganter Schnösel ihr Bruder doch ist! Auch seinem Vater erzählt Josef, was er geträumt hat. Und auch der ist aller Vaterliebe zum Trotz nicht gerade erfreut über den Größenwahnsinn seines Sprösslings, der darin zum Ausdruck kommt. (1Mose/Genesis 37,2-11)

Jakobs Sohn Josef war noch ein junger Bursche von siebzehn Jahren. Er half seinen Brüdern, den Söhnen von Bilha und Silpa, beim Hüten der Schafe und Ziegen. Er hinterbrachte seinem Vater immer, was die Leute sich von dem Treiben seiner Brüder erzählten. Jakob hatte Josef von allen seinen Söhnen am liebsten, weil er ihm erst im Alter geboren worden war. Deshalb ließ er ihm ein prächtiges Gewand machen. Als seine Brüder sahen, dass der Vater ihn mehr liebte als sie alle, begannen sie ihn zu hassen und konnten kein freundliches Wort mehr mit ihm reden.

Einmal hatte Josef einen Traum. Als er ihn seinen Brüdern erzählte, wurde ihr Hass noch größer. »Ich will euch sagen, was ich geträumt habe«, fing Josef an. »Wir waren miteinander auf dem Feld, schnitten Getreide und banden es in Garben. Auf einmal stellt sich meine Garbe auf und bleibt stehen. Und eure Garben, die stellen sich im Kreis um sie herum und verneigen sich vor meiner.« Seine Brüder sagten zu ihm: »Du willst wohl noch König werden und über uns herrschen?« Wegen seiner Träume und weil er sie so offen erzählte, hassten ihn seine Brüder noch mehr. Er hatte nämlich noch einen anderen Traum, und auch den erzählte er ihnen. »Ich habe noch einmal geträumt«, sagte er. »Ich sah die Sonne, den Mond und elf Sterne. Stellt euch vor: Die alle verneigten sich vor mir.« Als er das seinem Vater und seinen Brüdern erzählte, fuhr sein Vater ihn an und sagte: »Was ist das für ein dummer Traum, den du da geträumt hast? Ich und deine Mutter und deine Brüder, wir alle sollen uns vor dir niederwerfen?« Die Brüder waren eifersüchtig auf Josef; aber sein Vater behielt die Sache im Gedächtnis.

Gefährliche Träume
Josefs Brüder verkaufen Josef nach Ägypten

Träumen ist eine gefährliche Angelegenheit. Und noch gefährlicher kann es sein, gewisse Träume Menschen zu erzählen, die von Neid zerfressen werden. Als Josefs Brüder von den Träumen ihres Bruders erfahren, läuft das Fass über. Sie beschließen: Genug geträumt! Wir zeigen Josef, was wirklich Sache ist! Und so kommt es, dass Josefs Schicksal eine Wendung nimmt, die seinen Träumen zunächst zu widersprechen scheint.

Eines Tages wird Josef von seinem Vater in die Region von Sichem geschickt, wo Josefs Brüder die Herden der Familie weiden. Nachdem der verträumte Josef eine Weile umhergeirrt ist, findet er seine Brüder schließlich in der Nähe von Dotan. Die Begegnung wird Josefs Leben grundlegend verändern. (1Mose/Genesis 37,18-36)

Die Brüder sahen Josef schon von Weitem. Noch bevor er herangekommen war, stand ihr Entschluss fest, ihn umzubringen. Sie sagten zueinander: »Da kommt der Kerl, dem seine Träume zu Kopf gestiegen sind! Schlagen wir ihn doch tot und werfen ihn in die nächste Zisterne! Wir sagen einfach: Ein Raubtier hat ihn gefressen. Dann wird man schon sehen, was aus seinen Träumen wird!« Als Ruben das hörte, wollte er Josef retten. »Lasst ihn am Leben!«, sagte er. »Vergießt kein Blut! Werft ihn in die Zisterne da drüben in der Steppe, aber vergreift euch nicht an ihm!« Er hatte die Absicht, Josef heimlich herauszuziehen und zu seinem Vater zurückzubringen.

Als Josef bei ihnen ankam, zogen sie ihm sein Obergewand aus, das Prachtgewand, das er anhatte. Dann packten sie ihn und warfen ihn in die Zisterne. Die Zisterne war leer; es war kein Wasser darin. Dann setzten sie sich zum Essen. Auf einmal sahen sie eine Karawane von ismaëlitischen Kaufleuten aus der Richtung von Gilead herankommen. Die Ismaëliter waren auf dem Weg nach Ägypten; ihre Kamele waren mit den kostbaren Harzen Tragakant, Mastix und Ladanum beladen.

Da sagte Juda zu seinen Brüdern: »Was nützt es uns, wenn wir unseren Bruder umbringen? Wir werden nur schwere Blutschuld auf uns laden. Lassen wir ihn leben und verkaufen ihn den Ismaëlitern; er ist doch unser Bruder, unser eigen Fleisch und Blut!« Die anderen waren einverstanden. Als die reisenden Kaufleute herankamen, zogen sie Josef aus der Zisterne. Sie verkauften ihn für 20 Silberstücke an die Ismaëliter, die ihn nach Ägypten mitnahmen.

Als nun Ruben wieder zur Zisterne kam, war Josef verschwunden. Entsetzt zerriss er seine Kleider, ging zu seinen Brüdern und rief: »Der Junge ist nicht mehr da! Was mache ich nur? Wo bleibe ich jetzt?« Die Brüder schlachteten einen Ziegenbock und tauchten Josefs Prachtgewand in das Blut. Sie brachten das blutbefleckte Gewand zu ihrem Vater und sagten: »Das haben wir gefunden! Ist es vielleicht das Gewand deines Sohnes?« Jakob erkannte es sogleich und schrie auf: »Mein Sohn! Es ist von meinem Sohn! Ein Raubtier hat ihn gefressen! Zerfleischt ist Josef, zerfleischt! Er zerriss seine Kleider, band den Sack um seine Hüften und betrauerte Josef lange Zeit. Alle seine Söhne und Töchter kamen zu ihm, um ihn zu trösten, aber er wollte sich nicht trösten lassen. »Nein«, beharrte er, »voll Kummer und Gram gehe ich zu meinem Sohn in die Totenwelt hinunter!« So sehr hatte ihn der Verlust getroffen.

Die Kaufleute aber brachten Josef nach Ägypten und verkauften ihn dort an Potifar, einen Hofbeamten des Pharaos, den Befehlshaber der königlichen Leibwache.

Tod oder Leben
Die Träume der Gefangenen

In Ägypten lebt Josef zunächst bei dem reichen Potifar, der ihm die Verwaltung seines gesamten Hab und Guts anvertraut. Alles scheint sich bestens zu entwickeln – bis eine Frau dazwischenfunkt, die Frau des Potifar. Sie hat sich in Josef, der als ausnehmend schöner Mann beschrieben wird, verliebt und versucht, ihn zu verführen. Als ihr das nicht gelingt, verleumdet sie ihn bei ihrem Mann – mit Erfolg: Josef wird ins Gefängnis geworfen. Einen solchen Fortgang der Geschichte haben die Träume Josefs nicht vorausgesehen! Sie haben ihm Macht und Ehre versprochen und nun befindet er sich in einer solchen Misere! Haben die Träume etwa gelogen? Oder hat Josef sie falsch verstanden? Doch die weiteren Ereignisse zeigen: Gott führt die Menschen oft auf verschlungenen Pfaden zum Ziel. Eines Tages erhält Josef im Gefängnis Gesellschaft von zwei hohen Beamten, die beim Pharao in Ungnade gefallen sind. Der eine ist der oberste Mundschenk des Pharao, der andere sein oberster Bäcker. Beide haben seltsame Träume – und Josef erweist sich als Traumspezialist par excellence. In seiner Bescheidenheit verweist er dabei auf den einzig wahren Traumdeuter: Nur Gott kann die Deutung von Träumen schenken. (1Mose/Genesis 40,1-22)

Bald danach ließen sich zwei höhere Beamte des Pharaos etwas gegen den Pharao zuschulden kommen, der oberste Mundschenk und der oberste Bäcker. Ihr Herr, der Pharao, wurde zornig auf sie und ließ sie im Haus des Befehlshabers seiner Leibwache in Haft halten, in dem Gefängnis, in dem auch Josef war. Der Befehlshaber der Leibwache teilte ihnen Josef als Diener zu. Nach einiger Zeit hatte jeder der beiden in der Nacht einen Traum, der für ihn von Bedeutung war. Als Josef am Morgen bei ihnen eintrat, sah er gleich, dass sie in schlechter Stimmung waren. »Warum lasst ihr heute den Kopf hängen?«, fragte er sie. »Wir haben geträumt«, antworteten sie, »und hier im Gefängnis haben wir keinen Traumdeuter, der uns sagen kann, was es bedeutet.« Josef sagte: »Träume zu deuten ist Gottes Sache. Erzählt mir doch einmal, was ihr geträumt habt!«

Zuerst erzählte der oberste Mundschenk seinen Traum: »Ich sah vor mir einen Weinstock, und an dem Weinstock waren drei Ranken. Der Saft stieg in die Knospen, sie blühten auf, und schon reiften die Trauben. Ich hatte den Becher des Pharaos in der Hand. Ich nahm die Trauben, presste sie über dem Becher aus und reichte den Becher dem Pharao.« Josef sagte: »Hier ist die Deutung: Die drei Ranken sind drei Tage. Heute in drei Tagen wird der Pharao dich erhöhen und dich wieder in dein Amt einsetzen. Dann wirst du wieder wie früher sein Mundschenk sein und ihm den Becher reichen. Aber vergiss mich nicht, wenn es dir gut geht! Tu mir den Gefallen und empfiehl mich dem Pharao! Bring mich aus diesem Kerker heraus! Man hat mich aus dem Land der Hebräer entführt, und auch hier in Ägypten habe ich nichts Unrechtes getan. Ich bin ohne jede Schuld in diesem Loch.«

Als der oberste Bäcker sah, dass Josef dem Traum eine günstige Deutung gegeben hatte, sagte er: »Auch ich hatte einen Traum, in dem ich selber vorkam! Auf dem Kopf trug ich drei Körbe mit Gebäck, einen über dem andern. Im obersten lagen Backwaren für die Tafel des Pharaos. Da kamen Vögel und fraßen den Korb leer.« Josef sagte: »Hier ist die Deutung: Die drei Körbe sind drei Tage. Heute in drei Tagen wird der Pharao dich erhöhen und an einen Baum hängen. Dann werden die Vögel dein Fleisch fressen.«

Drei Tage später feierte der Pharao seinen Geburtstag. Er lud alle seine Hofbeamten zu einem Festmahl ein. Da erhöhte er den obersten Mundschenk und den obersten Bäcker vor ihnen allen: Den einen setzte er wieder in sein Amt ein und er durfte ihm den Becher reichen, den andern ließ er hängen, genau wie Josef es vorausgesagt hatte.

Agrarische Träume eines Staatsmannes
Der Pharao träumt von Kühen und Ähren

Josef wird nicht nur mit seinen eigenen Träumen und denen seiner unglücklichen Mitgefangenen konfrontiert. Sein Ruf als Traumdeuter eilt ihm bis in die höchste Führungsetage voraus. Der mächtigste Mann Ägyptens, der Pharao, lässt ihn rufen. Er wird von zwei beunruhigenden Träumen agrarischen Inhalts heimgesucht, deren Sinn er nicht versteht. Obwohl er kein Fachmann ist, spürt er, dass sie ihm nichts Gutes verheißen. Aber keiner der Weisen Ägyptens kann sie entschlüsseln. Jetzt ist Josef gefragt! Und obwohl dieser beteuert, dass er die Träume nur mit Gottes Hilfe deuten könne, wird Josef für seine Künste reichlich belohnt. Welches Glück für den Häftling, auf so völlig unerwartete Weise die Karriereleiter emporzuklettern und ganz nebenbei noch die Tochter eines angesehenen Priesters zur Frau zu bekommen! (1Mose/Genesis 41,1-52)

Zwei volle Jahre waren vergangen, da hatte der Pharao einen Traum. In dem Traum stand er am Ufer des Nils, und er sah: Aus dem Nil stiegen sieben schöne, wohlgenährte Kühe und weideten in dem Gras, das am Ufer wuchs. Danach sah er sieben andere Kühe aus dem Nil steigen, hässlich und mager, die stellten sich neben sie. Und die mageren Kühe fielen über die fetten her und fraßen sie auf.

Der Pharao wachte auf und schlief noch einmal ein. Wieder hatte er einen Traum, und er sah: Auf einem einzigen Halm wuchsen sieben dicke, volle Ähren. Nach ihnen wuchsen sieben andere Ähren auf, die blieben kümmerlich und waren vom Ostwind ausgedörrt. Und die kümmerlichen Ähren verschlangen die sieben dicken, vollen Ähren. Da erwachte der Pharao und merkte, dass es ein Traum gewesen war.

Am Morgen war er sehr beunruhigt und ließ alle Gelehrten und Wahrsager Ägyptens rufen. Er erzählte ihnen, was er geträumt hatte, aber keiner von ihnen konnte ihm sagen, was es bedeuten sollte. Da wandte sich der oberste Mundschenk an den Pharao und sagte: »Ich muss den Pharao heute an meine früheren Verfehlungen erinnern. Mein Herr, der Pharao, war unzufrieden mit seinen Dienern, mit mir und mit dem obersten Bäcker, und ließ uns im Haus des Befehlshabers der Leibwache gefangen halten.

Dort hatte einmal jeder von uns beiden einen Traum, der für ihn wichtig war, in derselben Nacht. Nun hatten wir im Gefängnis als Diener einen jungen Hebräer, einen Sklaven des Befehlshabers der Leibwache; dem erzählten wir unsere Träume, und er erklärte jedem, was sein Traum bedeutete. Und es ist alles genauso eingetroffen, wie er es vorausgesagt hatte: Ich wurde wieder in mein Amt eingesetzt und der andere wurde gehängt.«

Sofort sandte der Pharao nach Josef und sie holten ihn aus dem Kerker. Er ließ sich die Haare schneiden, zog seine guten Kleider an und trat vor den Pharao. Der sagte zu ihm: »Ich habe etwas geträumt, und niemand kann mir sagen, was es bedeutet. Man hat mir gesagt, dass du jeden Traum auf der Stelle deuten kannst.« »Nicht ich!«, erwiderte Josef. »Die Antwort kommt von Gott, und er wird dem Pharao bestimmt etwas Gutes ankündigen.« Da erzählte der Pharao: »In meinem Traum stand ich am Nil und sah sieben schöne, wohlgenährte Kühe aus dem Wasser steigen und im Ufergras weiden. Und dann stiegen sieben andere Kühe heraus, ganz elend und bis auf die Knochen abgemagert; ich habe in ganz Ägypten noch nie so hässliche gesehen. Die mageren Kühe fraßen die fetten; aber es half ihnen nichts, sie blieben so dürr und hässlich wie zuvor. Da wachte ich auf. Dann hatte ich einen zweiten Traum: Ich sah, wie auf einem einzigen Halm sieben prächtige, volle Ähren wuchsen. Danach sah ich sieben schwache, kümmerliche Ähren aufwachsen, ganz vom Ostwind ausgedörrt. Und die kümmerlichen Ähren verschlangen die sieben vollen. Ich habe es schon den Wahrsagern erzählt«, schloss der Pharao, »aber keiner konnte mir sagen, was es bedeutet.«

Da antwortete Josef: »Gott hat dem Pharao im Traum gezeigt, was er vorhat. Beide Träume bedeuten dasselbe; es ist eigentlich ein einziger Traum. Die sieben fetten Kühe und die sieben prächtigen Ähren bedeuten sieben fruchtbare Jahre. Die sieben mageren, hässlichen Kühe und die sieben kümmerlichen, vertrockneten Ähren bedeuten ebenso viele Hungerjahre. Ich habe es schon gesagt: Damit will Gott dem Pharao ankündigen, was er in Kürze geschehen lässt. In den nächsten sieben Jahren wird in ganz Ägypten Überfluss herrschen. Aber dann kommen sieben Hungerjahre, da wird es mit dem Überfluss vorbei sein; man wird nichts mehr davon merken, und drückende Hungersnot wird im Land herrschen. Dass der Pharao zweimal das Gleiche geträumt hat, bedeutet: Gott ist fest entschlossen, seinen Plan unverzüglich auszuführen. Darum rate ich dem Pharao, einen klugen, einsichtigen Mann zu suchen und ihm Vollmacht über ganz Ägypten zu geben. Der Pharao sollte in den kommenden guten Jahren den fünften Teil der Ernte als Abgabe erheben. Er sollte dafür Beamte einsetzen, die unter der Aufsicht des Pharaos das Getreide in den Städten sammeln und speichern. Dann ist ein Vorrat da für die sieben schlechten Jahre, und das Volk im ganzen Land Ägypten wird nicht vor Hunger zugrunde gehen.«

Der Pharao fand den Vorschlag gut, und alle seine Berater ebenso. Er sagte zu den Beratern: »In diesem Mann ist der Geist Gottes. So einen finden wir nicht noch einmal.« Zu Josef sagte er: »Gott hat dir dies alles enthüllt. Daran erkenne ich, dass keiner so klug und einsichtig ist wie du. Du sollst mein Stellvertreter sein und mein ganzes Volk soll deinen Anordnungen gehorchen. Nur die Königswürde will ich dir voraushaben. Ich gebe dir die Vollmacht über ganz Ägypten.« Mit diesen Worten zog er seinen Siegelring vom Finger und steckte ihn Josef an. Dann ließ er ihn in feinstes Leinen kleiden und legte ihm eine goldene Halskette um. Er ließ ihn den Wagen besteigen, der für den Stellvertreter des Königs bestimmt war, und die Läufer, die vor ihm her den Weg bahnten, riefen den Leuten zu: »Abrek! Aus dem Weg!« So machte der Pharao Josef zum Herrn über ganz Ägypten. »Ich bin und bleibe der Pharao«, sagte er zu ihm, »aber ohne deine Erlaubnis darf niemand im ganzen Land auch nur die Hand oder den Fuß bewegen.« Er verlieh Josef den Namen Zafenat-Paneach und gab ihm Asenat, die Tochter des Priesters Potifera von On, zur Frau. So wurde Josef Herr über ganz Ägypten. Er war 30 Jahre alt, als er vor dem Pharao, dem König von Ägypten, stand.

Josef bereiste sofort das ganze Land. Es begannen jetzt die sieben fruchtbaren Jahre und die Felder brachten einen überreichen Ertrag. Josef ließ während dieser Jahre alles Getreide, das geerntet wurde, in die Städte bringen, in jede Stadt den Ertrag der Felder, die in ihrer Umgebung lagen. In den Speichern häufte sich das Getreide wie der Sand am Meer. Josef musste schließlich darauf verzichten, es abmessen zu lassen, weil es jedes Maß überstieg. Noch ehe die Hungerjahre begannen, gebar Asenat dem Josef zwei Söhne. »Gott hat mich alle Not und den Verlust meiner Familie vergessen lassen«, sagte er und nannte den Erstgeborenen Manasse. Den zweiten nannte er Efraïm, denn er sagte: »Gott hat mir im Land meines Unglücks Kinder geschenkt.«

Nächtliche Reiseversicherung
Gott macht Jakob Mut für die Reise nach Ägypten

Während Josef in Ägypten Karriere macht, leidet seine Familie zu Hause unter der Hungersnot. Schließlich schickt Jakob seine Söhne nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. So schließt sich der Bogen der Josefsgeschichte. Denn – wie könnte es anders sein – dort treffen die Brüder auf Josef, der sie sofort erkennt, dessen Identität den Brüdern aber verborgen bleibt. Nach einigen Verwirrspielen und bestandener Probe gibt sich Josef seinen Brüdern zu erkennen und es folgt eine Versöhnungsszene mit Hollywood-Qualität. Zu guter Letzt lässt Josef seinen alten Vater Jakob nach Ägypten holen und dieser macht sich schnurstracks auf den Weg. Unterwegs bedient sich Gott eines bereits wohlbekannten Mittels, um Jakob seine göttliche Reisebegleitung zuzusichern. (1Mose/Genesis 46,1-7)

Jakob machte sich auf den Weg; seinen ganzen Besitz nahm er mit. Als er nach Beerscheba kam, opferte er dort dem Gott seines Vaters Isaak Tiere von seinen Herden und hielt ein Opfermahl. In der Nacht erschien ihm Gott und sagte: »Jakob! Jakob!« »Ja?«, antwortete er. Gott sagte zu ihm: »Ich bin Gott, der Gott deines Vaters. Hab keine Angst, nach Ägypten zu ziehen! Ich will deine Nachkommen dort zu einem großen Volk machen. Ich selbst werde mit dir gehen, ich werde dich auch wieder zurückbringen; und wenn du stirbst, wird dir Josef die Augen zudrücken.«

Von Beerscheba aus ging die Reise weiter. Die Söhne Jakobs setzten ihren Vater, ihre Frauen und ihre kleinen Kinder in die Wagen, die der Pharao mitgeschickt hatte. Mit ihren Herden und ihrem ganzen Besitz, den sie im Land Kanaan erworben hatten, kamen sie nach Ägypten, Jakob und seine ganze Familie, die Söhne und Töchter, die Enkel und Enkelinnen. Seine ganze Nachkommenschaft brachte Jakob mit sich nach Ägypten.

Von Berufungen und Kehrtwenden

Im Laufe unseres Lebens haben wir Tausende von Träumen, im Durchschnitt drei bis vier pro Nacht. Eine achtzigjährige Person kommt in ihrem Leben also auf mehr als 86000 Träume! An die meisten erinnern wir uns allerdings beim Aufwachen erst gar nicht oder wir vergessen sie früher oder später. Doch es gibt auch Träume, die aus dieser unüberschaubaren bunten Menge hervorstechen. Sie bleiben über Jahre hinweg im Gedächtnis haften, weil sie Schlüsselszenen oder Schlüsselsymbole enthalten, die den Träumenden innerlich begleiten und für ihn von besonderer Bedeutung sind. Diese Träume sind so außergewöhnlich und eindringlich, dass man spürt: Sie können nicht einfach nur dem alltäglichen Leben mit seinen größeren oder kleineren Problemen entsprungen sein. Da ist mehr. Sie übermitteln uns eine »lebenswichtige« Botschaft, die unser Leben verändert. Träume dieser Art, die Traumforscher als »Initiationsträume« bezeichnen, bringen uns in Kontakt mit den tiefsten Geheimnissen unserer Seele. Sie helfen uns, unseren Weg und unsere wahre Berufung im Leben zu finden. Träume dieser Art sind selten – aber sie können das Leben komplett verwandeln!

Die Bibel liefert uns mehrere Beispiele für Träume, die das Leben des Träumenden radikal verändern. Der Träumende fühlt sich durch sie zu einer neuen Haltung, einer neuen Lebensform, einer neuen Aufgabe herausgefordert und nimmt diese Botschaft an. Manche großen Träume führen sogar zu regelrechten Bekehrungen.

Hören statt Sehen
Die »Hör-Träume« des jungen Samuel

Die Bibel berichtet von Samuel, dass auch er die Macht eines solchen »Initiationstraums« erlebt. Gott hat die leidenschaftlichen Gebete seiner Mutter Hanna, die als unfruchtbar galt, erhört und ihr einen Sohn – Samuel – geschenkt. Aus Dankbarkeit bestimmt Hanna ihr Kind für den Dienst an Gott. Schon als kleines Kind kommt Samuel im Heiligtum in Schilo unter die Obhut des amtierenden Priesters Eli, der ihn im Gesetz Gottes unterweist. Als Samuel älter ist, ruft Gott ihn eines Nachts im Traum. Allerdings versteht Samuel nicht sofort, wer ihn da ruft – man erhält schließlich nicht jede Nacht Anweisungen von so hoher Warte, und es ist manchmal auch nicht leicht, die vielen rufenden Stimmen auseinanderzuhalten. So dreht sich im Folgenden alles ums richtige Hören. Im Gegensatz zur Vision (von videre = sehen) nennt man einen Traum, in dem nicht Bilder, sondern Worte im Vordergrund stehen, eine Audition (von audire = hören). Samuel erfährt, wozu er berufen ist: Von nun an soll er als Prophet im Namen Gottes das Wort ergreifen und dem Volk Israel Gottes Willen verkündigen. (1Samuel 3,1–4,1a)

Der junge Samuel half Eli beim Priesterdienst. In jener Zeit kam es nur noch selten vor, dass der HERR zu einem Menschen sprach und ihm etwas offenbarte. Eli war fast erblindet. Eines Nachts schlief er an seinem gewohnten Platz und auch Samuel schlief im Heiligtum, ganz in der Nähe der Bundeslade. Die Lampe im Heiligtum brannte noch. Da rief der HERR: »Samuel!« »Ja«, antwortete der Junge, lief schnell zu Eli und sagte: »Hier bin ich, du hast mich gerufen!« »Nein«, sagte Eli, »ich habe nicht gerufen. Geh wieder schlafen!« Samuel ging und legte sich wieder hin.

Noch einmal rief der HERR: »Samuel!«, und wieder stand der Junge auf, ging zu Eli und sagte: »Hier bin ich, du hast mich gerufen!« Aber Eli wiederholte: »Ich habe dich nicht gerufen, mein Junge, geh nur wieder schlafen!« Samuel wusste noch nicht, dass es der HERR war; denn er hatte seine Stimme noch nie gehört. Der HERR rief ihn zum dritten Mal und wieder stand Samuel auf, ging zu Eli und sagte: »Hier bin ich, du hast mich gerufen!« Da merkte Eli, dass es der HERR war, der den Jungen rief, und er sagte zu ihm: »Geh wieder schlafen, und wenn du noch einmal gerufen wirst, dann antworte: ›Sprich, HERR, dein Diener hört!‹« Samuel ging und legte sich wieder hin.

Da trat der HERR zu ihm und rief wie zuvor: »Samuel! Samuel!« Der Junge antwortete: »Sprich, dein Diener hört!« Da sagte der HERR zu Samuel: »Ich werde in Israel etwas tun – die Ohren werden jedem wehtun, der davon hört. Es wird alles eintreffen, was ich Eli und seiner Familie angedroht habe. Er wusste, dass seine Söhne mich beleidigten, und doch hat er sie nicht daran gehindert. Deshalb habe ich über seine Familie ein unwiderrufliches Urteil verhängt. Ich habe ihm das schon lange angekündigt. Es gibt kein Opfer, durch das diese Schuld jemals gesühnt werden kann; das habe ich geschworen.«

Samuel legte sich wieder hin. Am Morgen öffnete er die Türen des Heiligtums. Er scheute sich, Eli zu sagen, was der HERR ihm offenbart hatte. Aber Eli rief ihn: »Samuel, komm her, mein Junge!« »Hier bin ich«, antwortete Samuel. Eli fragte: »Was hat der HERR dir gesagt? Verschweige mir nichts! Seine Strafe soll dich treffen, wenn du mir nicht alles berichtest, was er dir gesagt hat!« Da erzählte Samuel ihm alles und verschwieg nichts. Eli aber sagte: »Er ist der HERR! Er soll tun, was er für richtig hält.«

Samuel wuchs heran. Der HERR stand ihm bei und ließ alle Worte in Erfüllung gehen, die er durch Samuel sprach. Ganz Israel von Dan bis Beerscheba erkannte, dass der HERR ihn zu seinem Propheten bestimmt hatte. Auch weiterhin erschien ihm der HERR in Schilo und gab ihm Weisungen. In ganz Israel hörte man auf Samuel.

Schwerer Auftrag
Die Berufung des Propheten Jesaja

Ganz anders gestaltet sich die Berufung Jesajas, eines der großen Propheten des Alten Testaments. Sie ist verbunden mit einer Vision, die Jesaja Gottes Heiligkeit und Macht eindrücklich vor Augen führt. Man kann sich vorstellen, wie schwer es ist, sich einer solchen Autorität zu entziehen. Und so fügt sich Jesaja in sein Schicksal, auch wenn er versteht, dass sein Auftrag kein leichter sein wird – er soll zu einem Volk reden, das nicht auf ihn hören will. Im Gegensatz zum Traum wird die Vision nicht im Schlaf, sondern in hellwachem Zustand erlebt. In der Antike unterschied man jedoch nicht scharf zwischen Traum und Vision. Beide konnten ineinander übergehen. Die moderne Forschung stuft Visionen als »andere Bewusstseinszustände« ein und zählt sie zu den »paranormalen« Phänomenen (von Griechisch »para« = jenseits). In vielen Gesellschaften gehören Visionen durchaus zur Normalität. In der westlichen Welt besteht jedoch die Tendenz, sie zu pathologisieren und als Halluzinationen einzuordnen, die der Betroffene fälschlicherweise für die Realität hält – wie beispielsweise bei einer Schizophrenie. Betrachtet man die biblischen Visionen jedoch genauer, dann stellt man fest, dass die geschauten Bilder sich durch eine Klarheit und innere Logik auszeichnen, die Halluzinationen fremd sind. Die Visionsempfänger wissen meist sehr genau, dass nur sie allein das Geschaute wahrnehmen können. Ihre visionäre Begabung macht sie keinesfalls unfähig, ihren normalen Alltag zu bewältigen. Visionen sind vielmehr ein Weg, auf dem Gott mit auserwählten Menschen kommuniziert. (Jesaja 6,1-13)

Es war in dem Jahr, als König Usija starb. Da sah ich den Herrn; er saß auf einem sehr hohen Thron. Der Saum seines Mantels füllte den ganzen Tempel. Er war umgeben von mächtigen Engeln. Jeder von ihnen hatte sechs Flügel; mit zweien bedeckte er sein Gesicht, mit zweien den Leib, zwei hatte er zum Fliegen. Die Engel riefen einander zu: »Heilig, heilig, heilig ist der HERR, der Herrscher der Welt, die ganze Erde bezeugt seine Macht!« Von ihrem Rufen bebten die Fundamente des Tempels und das Haus füllte sich mit Rauch. Vor Angst schrie ich auf: »Ich bin verloren! Ich bin unwürdig, den HERRN zu preisen, und lebe unter einem Volk, das genauso unwürdig ist. Und ich habe den König gesehen, den Herrscher der Welt!«

Da kam einer der mächtigen Engel zu mir geflogen. Er hatte eine glühende Kohle, die er mit der Zange vom Altar genommen hatte. Damit berührte er meinen Mund und sagte: »Die Glut hat deine Lippen berührt. Jetzt bist du von deiner Schuld befreit, deine Sünde ist dir vergeben.« Dann hörte ich, wie der Herr sagte: »Wen soll ich senden? Wer ist bereit, unser Bote zu sein?« Ich antwortete: »Ich bin bereit, sende mich!« Da sagte er: »Geh und sag zu diesem Volk: ›Hört nur zu, ihr versteht doch nichts; seht hin, so viel ihr wollt, ihr erkennt doch nichts!‹ Rede zu ihnen, damit ihre Herzen verstockt werden, ihre Ohren verschlossen und ihre Augen verklebt, sodass sie mit ihren Augen nicht sehen, mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Verstand nicht erkennen. Ich will nicht, dass sie zu mir umkehren und geheilt werden.« »Wie lange soll das dauern, Herr?«, fragte ich. Der HERR antwortete: »Bis die Städte zerstört sind und die Häuser leer stehen und das ganze Land zur Wüste geworden ist. Ich werde die Menschen fortschaffen und das Land wird leer und verlassen sein. Und ist noch ein Zehntel übrig, so wird es ihnen gehen wie den Trieben, die aus dem Stumpf einer gefällten Eiche oder Terebinthe wachsen: Sie werden abgefressen!« Der Stumpf aber bleibt und aus dem Stumpf wird neues Leben sprossen zu Gottes Ehre.

Wende um 180 Grad
Das Bekehrungserlebnis des Paulus

»Dieser Mensch hat sich total verändert – ich erkenne ihn gar nicht wieder!« So oder ähnlich reagieren wir, wenn ein Mensch sich plötzlich, quasi über Nacht, völlig anders verhält, anders denkt, anders kleidet als er das bisher getan hat. Und wir fragen uns unwillkürlich: Was steckt dahinter? Woher kommt diese Veränderung?

Solche Fragen könnten sich auch die Zeitgenossen von Paulus gestellt haben. Denn seine Veränderung ist so radikal, wie sie nur sein kann: Aus Saulus, dem orthodoxen Juden und Christenhasser, wird Paulus, der Christenmissionar, der sich für die Verbreitung des neuen Glaubens einsetzt und dabei weder Verfolgungen noch Todesgefahren scheut. Die Bibel berichtet, dass diese Veränderung auf einem besonderen Erlebnis des Paulus beruht: Auf dem Weg nach Damaskus hat er eine Vision, in der ihm der auferstandene Jesus begegnet. Diese Vision blendet Paulus so, dass er zunächst blind ist. Erst durch die Therapie eines Gemeindemitglieds kehrt seine Sehkraft zurück. Der Autor der Geschichte will damit zeigen, wie sehr dieses Ereignis das Leben des Paulus, ja ihn selbst verändert hat – er hat einen völlig neuen Blick auf sein Dasein und seine Aufgabe gewonnen. (Apostelgeschichte 9,1-22)

Saulus verfolgte die Jünger und Jüngerinnen des Herrn weiterhin voller Wut und mit schweren Drohungen. Er ging zum Obersten Priester und ließ sich Briefe an die jüdischen Gemeinden in Damaskus geben. Darin wurde ihm die Vollmacht erteilt, auch dort nach Anhängern der neuen Lehre zu suchen und sie gegebenenfalls – Männer wie Frauen – festzunehmen und nach Jerusalem zu schaffen. Auf dem Weg nach Damaskus, kurz vor der Stadt, umstrahlte ihn plötzlich ein Licht vom Himmel. Er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme: »Saul, Saul, warum verfolgst du mich?« »Wer bist du, Herr?«, fragte Saulus. Die Stimme sagte: »Ich bin Jesus, den du verfolgst! Aber steh auf und geh in die Stadt! Dort wirst du erfahren, was du tun sollst.« Den Männern, die Saulus begleiteten, verschlug es die Sprache. Sie hörten zwar die Stimme, aber sie sahen niemand. Saulus stand von der Erde auf und öffnete die Augen – aber er konnte nichts mehr sehen. Da nahmen sie ihn an der Hand und führten ihn nach Damaskus. Drei Tage lang war er blind und aß nichts und trank nichts.

In Damaskus lebte ein Jünger namens Hananias. Dem erschien der Herr und sagte: »Hananias!« »Ja, Herr«, antwortete er. Der Herr sagte: »Steh auf, geh in die Gerade Straße in das Haus von Judas und frag nach Saulus aus Tarsus. Er ist dort und betet. In einer Vision hat er gesehen, wie ein Mann namens Hananias zu ihm kommt und ihm die Hände auflegt, damit er wieder sehen kann.« Hananias antwortete: »Herr, ich habe von vielen Seiten gehört, wie viel Böses dieser Mann in Jerusalem deiner Gemeinde angetan hat. Und jetzt ist er hier und hat von den führenden Priestern die Vollmacht, alle zu verhaften, die sich zu deinem Namen bekennen.« Aber der Herr sagte: »Geh nur hin! Gerade ihn habe ich als mein Werkzeug ausgesucht. Er wird meinen Namen den nichtjüdischen Völkern und ihren Herrschern bekannt machen und auch dem Volk Israel. Und ich will ihm zeigen, wie viel nun er für das Bekenntnis zu meinem Namen leiden muss.«

Da ging Hananias in jenes Haus. Er legte Saulus die Hände auf und sagte: »Bruder Saul, der Herr hat mich geschickt – Jesus, der dir unterwegs erschienen ist. Du sollst wieder sehen können und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden.« Im selben Augenblick fiel es Saulus wie Schuppen von den Augen und er konnte wieder sehen. Er stand auf und ließ sich taufen. Dann aß er etwas und kam wieder zu Kräften.

Saulus war erst ein paar Tage bei den Jüngern und Jüngerinnen in Damaskus, da ging er auch schon in die Synagogen und verkündete dort Jesus als den Sohn Gottes. Alle, die ihn hörten, waren außer sich und sagten: »Ist das nicht der, der in Jerusalem alle verfolgt hat, die sich zu Jesus bekannt haben? Er ist doch eigens hergekommen, um auch hier die Anhänger dieses Menschen festzunehmen und den führenden Priestern auszuliefern!« Aber Saulus trat nur umso entschiedener auf und brachte die Juden in Damaskus völlig aus der Fassung, indem er aus den Heiligen Schriften nachwies, dass Jesus der versprochene Retter ist.

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121 p. 2 illustrations
ISBN:
9783438072276
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