Read the book: «Meine zwei Leben»

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Alle Rechte vorbehalten

Vorabdruck und auszugsweiser Abdruck

ausschließlich mit schriftlicher

Genehmigung des Verlages

© 2014 edition a, Wien

www.edition-a.at

Lektorat: Anatol Vitouch

Cover: Kyungmi Park

Gestaltung: Cojothe

Gedruckt in Europa

Gesetzt in der Premiéra

1 2 3 4 5 6 — 17 16 15 14

ISBN 978-3-99001-114-0

eBook-ISBN 978-3-99001-119-5

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Die Entdeckung

Die Flucht

Die Verhaftung

Die Untersuchungshaft

Die Geburt

Der Prozess

Das Jetzt

Einleitung

Es gibt nichts zu beschönigen, und ich will weder um Verständnis noch um Entschuldigung bitten. Ich habe zwei Männer, die ich früher einmal liebte, getötet. Ich habe für meine Taten die härteste Strafe erhalten, die ein europäisches Land über einen Menschen, der ein Tötungsdelikt begangen hat, verhängen kann. Vielleicht werde ich bis an mein Lebensende in einem Gefängnis eingesperrt sein.

Ich lebe im vollen Bewusstsein, diese Verbrechen begangen zu haben, und das ist eine ebenso schwere Strafe. Ich habe nicht nur zwei Menschen das Leben genommen, sondern auch zwei Müttern ihre Söhne. Seit ich selbst, in der Haft, Mutter geworden bin, kann ich mir vorstellen, was es bedeutet ein Kind zu verlieren. Noch dazu auf eine so entsetzliche Weise. Wenn ich meine Verbrechen ungeschehen machen könnte, indem ich mein eigenes Leben dafür gebe, würde ich es tun.

Ich habe mich dazu entschlossen, meine Geschichte zu erzählen. Vor allem deshalb, weil so viele Menschen sie schon erzählt haben, Journalisten, Staatsanwälte und Gutachter, und weil ich weiß, dass auch andere sie noch erzählen werden, in Form von Fernseh-Dokumentationen und Büchern.

Wenn es all diesen Menschen gestattet ist, meine Geschichte zu erzählen, warum sollte es dann nicht auch mir gestattet sein – aus meiner Sicht? Zu erklären, wie ich alles erlebt habe? Meine Taten. Das Davor. Das Danach. Vielleicht kann ich damit zu irgendetwas beitragen, eine Lücke schließen, und sei es nur eine, die das Wissen über den seelischen Zustand einer Mörderin betrifft.

Ich erzähle meine Geschichte nicht als „Eislady“, als die mich die Menschen zu kennen glauben. Ich erzähle sie als Estibaliz Carranza, die in den Zeitungen zwar mit einem kühlen Lächeln zu sehen war, aber in Wirklichkeit nur eine Frau ist, die sich nie richtig zu sagen traute, was sie sich wünschte. Eine Frau, die nie starke Nerven hatte, die trotzdem unverzeihliche Verbrechen beging, der jetzt nichts wichtiger ist im Leben als ihr kleiner Sohn, den sie viel zu selten sehen darf, die darauf hofft, dass Gott ihr vergibt und die eisern weiter davon träumt, dass sie vielleicht doch noch irgendwann eine Zukunft in Freiheit haben wird.

Ich hätte es niemals geschafft, dieses Buch zu schreiben. Ich habe die Gabe oder auch die Schwäche, dorthin, wohin ich nicht schauen will, nicht zu schauen. Die Psychologen, mit denen ich über meine Taten spreche, lenken meinen Blick dorthin, aber sie tun es behutsam, Schritt um Schritt, und sie akzeptieren es, wenn ich zwischendurch auch wieder einmal einen Schritt zurück gehe.

Diese Möglichkeit bietet ein Buch nicht. Ein Buch verlangt, dass der Erzähler die Geschichte, von Anfang bis zum Ende offen legt, ohne Auslassungen und weiße Flecken. An einem Buch zu arbeiten, bedeutet die intensive und ungeschützte Konfrontation mit der Wahrheit. Es wäre niemals zustande gekommen, wenn ich nicht Martina Prewein als Helferin und Vertraute an meiner Seite gehabt hätte.

Martina ist Journalistin. Sie hat schon nach dem Auffliegen meiner Verbrechen, während meiner Untersuchungshaft, während meines Prozesses und auch danach immer wieder über meinen Fall berichtet. Sie kennt ihn so detailliert wie kaum jemand. Sie hat in Spanien meine Mutter, meinen Vater und meinen Bruder kennengelernt und lange mit ihnen geredet. Mehrmals hat sie meine Mutter auch in Wien getroffen. Auch mit Roland, meinem Mann, hat sie viele Gespräche geführt.

Martina war es, die mich zu dem Vorhaben, meine Geschichte aus meiner Sicht aufzuschreiben, animierte. Überlass es nicht stillschweigend den anderen, sie zu erzählen, sagte sie zu mir, als wir einander, nachdem sie mich schon ein paar Mal im Gefängnis besucht hatte, wieder einmal im Besucherraum der Justizanstalt Schwarzau gegenübersaßen. Vertritt deine Position. Zeig den Menschen, dass du nicht die Bestie bist, für die sie dich halten. Ich kann das nicht, sagte ich. Ich helfe dir dabei, sagte sie.

Die Arbeit an diesem Buch wurde trotzdem ein schmerzvoller Prozess. Manchmal war er zu schmerzvoll. Manchmal schaffte ich es einfach nicht, auf den bösen Teil in mir zu blicken, und dann hat es Martina mit großem Einfühlungsvermögen für mich getan. Manchmal war ich erschöpft. Manchmal war ich verzweifelt. Trotzdem bin ich froh darüber, dass meine Geschichte und damit meine Abrechnung mit mir selbst, jetzt jedem, der sie lesen will, zugänglich ist. Egal, ob irgendjemand es mir zugestehen wird, damit etwas bewirken zu können. Etwas, von dem ich nicht einmal selbst genau weiß, was es sein könnte.

Nur eines weiß ich jetzt mit Sicherheit. Es stimmt, dass es etwas Heilendes hat, sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. Ich habe mich bei der Arbeit an diesem Buch selbst etwas besser kennengelernt. Ich weiß jetzt mehr über mich als davor, und ich habe das Gefühl, meinem Ich nähergekommen zu sein.

Estibaliz Carranza,

Justizanstalt Schwarzau,

Oktober 2014

DIE ENTDECKUNG

Ich glaubte, Männern dienen zu müssen.

Egal wie sie sich mir gegenüber verhielten.

1

Es ist der 25. Mai 2011. Ich habe einen Termin bei meinem Gynäkologen. Pünktlich um zehn Uhr morgens treffe ich in seiner Ordination auf der Meidlinger Hauptstraße ein. Ich melde mich bei der Sprechstundenhilfe an und nehme im Wartezimmer Platz. Ich bin völlig ruhig, nicht aufgeregt, nicht angespannt. Es soll ja bloß eine Routinekontrolle sein. Harnabgabe, Abstrich, Ultraschall.

Ich blättere Klatschzeitschriften durch, ein Artikel über das englische Königshaus interessiert mich besonders. Noch bevor ich den Bericht über Prinzessin Kate bis zum Ende durchlesen kann, werde ich aufgerufen. Ich mache in einer Kabine meinen Unterkörper frei, setze mich auf den Behandlungsstuhl. Die Untersuchung beginnt. Nichts ist anders als schon dutzende Male davor. Und jetzt, wie aus dem Nichts, dieser Satz: Frau Carranza, Sie sind schwanger.

Ja, schon, irgendwie hatte ich in den Tagen davor gespürt, dass etwas anders sein, dass mein Wunsch, Mutter zu werden, endlich in Erfüllung gehen könnte. Aber wirklich geglaubt hatte ich daran nicht. Oder doch?

Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts mehr. Ich kann kaum noch klar denken. Ich sitze da, in dem Zimmer mit den weißen Wänden, und fühle mich wie in Watte. Der Frauenarzt redet und redet, ich schaffe es kaum, seinen Worten zu folgen. Frau Carranza, Sie sind schwanger. Ich fühle mich wie in einem Rausch. Ist es wahr? Werde ich wirklich ein Baby bekommen?

Seit ich ein kleines Mädchen gewesen war, hatte ich von nichts anderem geträumt, mir tausende Male ausgemalt, wie es wäre, Mutter zu sein. Meine Puppen, meine vielen Puppen, ich versorgte sie, als wären sie meine Kinder. Ich habe sie gewickelt, umgezogen, ihnen Fläschchen an den Mund gehalten, sie in Wiegen gelegt und geschaukelt. Ein Teil meines Zimmers, damals, in Mexiko, in dem Staat, in dem ich geboren wurde, gehörte nur ihnen. Bis diese bösartigen Männer in Uniformen in unser Haus eindrangen, mit Waffen in den Händen, und mir meine Babys wegnahmen, auf ihnen herumtrampelten, bis ihre Köpfe kaputtgingen.

Die Erinnerungen an diesen Tag sind mit einem Mal so stark. Tränen schießen in meine Augen. Ich spüre die schützenden Hände meiner Mutter, sie sagt, dass ich mich nicht fürchten muss und dass alles gut wird. Die Typen sind nach ihrer Zerstörungsaktion auch ziemlich schnell abgezogen. Erzählen Sie Ihrem Mann genau, was heute passiert ist, sagten sie meiner Mutter zum Abschied.

Nach diesem Überfall wurde vieles besser. Endlich sah mein Vater ein, dass wir nicht länger in unserer Heimat bleiben konnten, dass er sich dort als regimekritischer Journalist Feinde, zu mächtige und zu gefährliche Feinde gemacht hatte.

Ich war fünf, als wir nach Spanien auswanderten. Dort hatten wir nicht mehr um unser Leben zu fürchten. Dafür gab es neue Probleme. Meine Eltern mussten bei null anfangen. Finanziell ging es ihnen schlecht. Wir lebten nun nicht mehr in einem Haus mit vielen Zimmern und einem riesigen Garten, sondern in einer winzigen Wohnung in Barcelona.

Mein Vater arbeitete Tag und Nacht als freier Redakteur, von zuhause aus, doch kaum noch an den großen politischen Storys. Die Chefs von Frauenzeitschriften und Esoterikmagazinen waren jetzt seine Auftraggeber. Er musste jeden Auftrag annehmen, den er kriegen konnte. Die Stimmung war deshalb meistens nicht gut daheim. Er verlangte absolute Ruhe, wenn er schrieb, an Geschichten, die ihn eigentlich nicht interessierten und für ihn eine Plage waren. Ich gewöhnte mich rasch daran, still zu sein und in Fantasiewelten zu flüchten.

Mit sieben bekam ich einen Bruder. Es machte mir Spaß, ihn zu füttern, mit ihm zu spielen, ihn im Kinderwagen spazieren zu fahren. Von da an wollte ich mich nicht mehr mit meinen Puppen beschäftigen, sie waren ja in Wahrheit seelenlos. Er war ein kleiner Mensch, der echte Bedürfnisse hatte. Es tat mir gut, ihn umsorgen zu dürfen, ihn in meinen Armen zu halten, ihn zu liebkosen, für ihn Brei oder Kompott zuzubereiten.

Ich war ungefähr zehn, als ich meine Eltern fragte: Wann, glaubt ihr, bin ich alt genug, um zu heiraten und Babys zu bekommen? Noch lange nicht, sagten sie. Esti, du bist intelligent, du bist eine Vorzugsschülerin, du wirst einmal Karriere machen und erst danach darfst du über eine Familiengründung nachdenken. Ich habe mich ihren Wünschen gefügt, nach der Matura in Rekordzeit ein Wirtschaftsstudium durchgezogen, die Erfüllung meiner Wünsche auf später verschoben. Nur, das Später wurde immer nur noch später.

Jetzt bin ich im Später angekommen. Mit 32. Frau Carranza, Sie sind schwanger. Ich verstehe mich nicht. Warum schreie ich nicht vor Freude? Warum weine ich nicht vor Glück? Warum kann ich den Moment nicht genießen? Wieso ist er nicht so, wie ich ihn in Gedanken durchgespielt habe, so oft schon? Alles ist viel zu schnell passiert. Die Untersuchung. Die Urinabgabe. Der Test. Gleich zwei blaue Streifen, dann eine Blutabnahme und die Anweisung, am Montag wiederzukommen.

Benebelt gehe ich durch den Warteraum zum Ausgang der Praxis. Ich stoße mit einer Frau zusammen, mit noch einer. Ich höre lautes Kindergeschrei. Ein Mann hält mir die Türe auf, er versucht, mit mir zu flirten. Ich will nur noch weg von hier. Alles ist so hektisch.

Endlich bin ich draußen aus der Ordination. Ich fühle mich schwindelig, muss mich kurz auf eine Bank setzen. Fünfzig Meter entfernt hat eine Bekannte, eine Polin, ein Gasthaus, ich möchte jetzt schnell dorthin.

Hallo, sage ich zu ihr, als ich in dem Lokal ankomme. Ich bin nicht fähig, mehr von mir zu geben. Still setze ich mich an die Theke. Ich sollte eine Bestellung aufgeben. Bitte ein Redbull. Nein, doch einen Gespritzten. Nein, einen Espresso. Auch nicht. Ein Soda-Zitron, bitte mit frischer Zitrone. Frau Carranza, Sie sind schwanger.

Ein junger Mann mit blondem Haar betritt das Wirtshaus, er geht zu der Polin und küsst sie auf beide Wangen. Dein Sohn? Ja. In dieser Sekunde weiß ich, dass ich einen Buben erwarte. Endlich beginne ich zu begreifen. Mein Kleines ist schon in mir. Ab jetzt werde ich dich mit meinem Leben beschützen, mein Chiquitin.

2

Ich zahle und mache mich auf den Weg zu meinem Eissalon. Die Stimmen der Leute, die Geräusche der Autos klingen verwaschen. Die Luft ist anders, reiner, frischer. Ich setze mich in die U-Bahn, ich fühle mich beobachtet von den Menschen, ich bilde mir ein, dass sie mich anstarren, auf meinen Bauch schauen. Ich sehe Mütter mit Kindern. Das tut mir gut. Ich bin glücklich.

Im Eissalon ziehe ich mich sofort in die Küche zurück. Ich weiß, ich muss vorsichtig sein. Ich will nichts riskieren. Ich darf jetzt nicht mehr schwer heben. Bei jedem Schritt, den ich mache, habe ich Angst auszurutschen. Der Fliesenboden ist manchmal glitschig, ich werde ihn in Hinkunft noch öfter als bisher aufwaschen. Nein, mein Kleines, fürchte dich nicht, deine Mami passt gut auf dich auf.

Früher als erwartet ist er da. Roland, der Vater meines ungeborenen Sohnes. Ich höre seine tiefe, männliche Stimme, vorne im Geschäft. Wo ist meine Frau? Wir umarmen und küssen einander. Gott, wie sage ich es ihm bloß? Wir hatten vor, ein Baby zu kriegen, aber erst in einem Jahr, und bis dahin wollten wir aufpassen. Wir haben aufgepasst und trotzdem ist es passiert.

Roland füllt einen Becher mit Eis, After-Eight und Schokolade, obendrauf schaufelt er Schlagobers. Mit vollem Mund stellt er endlich die Frage. Was war beim Frauenarzt? Mi amor, gehen wir essen und ich erzähle es dir. Im Gasthaus ums Eck hat ein Kellner Dienst, der ein Kunde von mir ist. Was darf ich euch bringen? Ein Soda-Zitron und eine Scholle mit Gemüse. Roland will ein Steak mit Kartoffeln und ein Bier. Die Getränke sind da. Prost. Und? Erzähl.

Roland schaut mich mit großen Augen und hochgezogenen Brauen an. Ich bin schwanger. Ich spreche den Satz schnell aus, in einem flachen, hektischen Ton. Wie wird er auf diese Nachricht regieren? Ich bin unsicher. Er lehnt sich zurück, nimmt einen Schluck aus seinem Glas. Ich habe es gewusst, sagt er. Sein Gesicht strahlt. Er freut sich. Ich setze mich neben ihn auf die Bank. Ich frage ihn. Willst du mich heiraten? Er schaut mich ernst an, ein paar Sekunden lang, dann gehen seine Mundwinkel hoch. Ja, ja, ja. Ja! Wir küssen uns. Ich drücke mich an seine Brust, an seinen Körper, der nach Zigaretten riecht und für mich jetzt schon mein Zuhause bedeutet. Roland ist der beste Mann auf dieser Welt. Ich erwarte ein Kind von ihm. Ein neues Leben hat begonnen.

Die kommenden Tage arbeite ich von früh bis spät im Eissalon, wie immer. Ich mache bloß öfter Pausen, ich esse viel Obst, Salat und Gemüse, ich trinke keine Energy-Drinks mehr und weniger Espressos, die Spritzweine am Abend sind sowieso gestrichen. Meine Angestellten sehen mich deswegen erstaunt an. Sie verstehen auch meine Stimmungsschwankungen nicht. Ich raste plötzlich wegen jeder Kleinigkeit aus. Wird das in den kommenden acht Monaten so bleiben?

Am Donnerstag, den 28. Mai, habe ich noch eine Untersuchung beim Gynäkologen. Neue Befunde liegen vor. Jetzt ist ausgeschlossen, dass es sich um eine Eileiterschwangerschaft handelt. Ich rufe meinen Bruder in Barcelona an. Du wirst Onkel. Er ist sprachlos. Bist du dir sicher? Ja. Esti, ich freue mich so für dich. Es ist ein Junge, sage ich, ich weiß es. Dann rede ich mit meinen Eltern. Meine Mutter ist zuerst am Apparat. Ich heirate. Esti, du bist schwanger. Ja, in der fünften Woche.

Es ist die bisher beste Zeit meines Lebens. Ich habe alles, eine wunderbare Familie in Spanien, einen treuen Mann an mei ner Seite, und ich trage ein Kind von ihm unter dem Herzen. Und auch das Geschäft läuft gut, die Kunden und die Mitarbeiter sind zufrieden. Es passt einfach.

Bis zum 6. Juni 2011. Es ist ein Montag, es regnet, deshalb gibt es kaum Arbeit im Eissalon. Die Sitzecken bleiben leer, und mein Personal sieht sich auf dem kleinen Fernseher hinter der Theke eine Kochsendung an. Ich halte es nicht für notwendig, in meinem Geschäft zu bleiben, meine Serviererinnen werden sich um die wenigen Kunden, die heute noch kommen werden, alleine kümmern können. Ich bin froh über die unverhoffte Freizeit. Ich liebe diese Stunden, die ich ganz für mich haben kann. Sie sind ohnehin so selten.

Ich verlasse mein Lokal durch den Hinterausgang und begegne einem Handwerker. Er trägt einen blauen Overall und Werkzeugkisten in beiden Händen. Ich kenne ihn nicht. Er wirkt steif, irgendwie geschockt, sein Mund ist offen. Ich grüße ihn. Er antwortet nicht. Komisch, denke ich, vergesse ihn aber gleich wieder. Ich will meinen freien Nachmittag genießen.

Ich gehe schnell heim, meine Wohnung ist nur 300 Meter von meinem Eissalon entfernt. Ich sperre die Türe auf. Wunderbar, diese Ruhe dort. Ich lege mich aufs Sofa, lese ein paar Seiten in dem Liebesroman, den ich vor ein paar Tagen gekauft habe, nicke ein. Ich wache wieder auf, schaue auf meine Armbanduhr. Es ist schon 16 Uhr. Jetzt rasch unter die Dusche. Ich schminke mich ein wenig, ziehe ein hübsches Kleid an und beginne zu kochen. Putengeschnetzeltes mit Champignons in Rahmsauce und Reis dazu. Ich freue mich auf Roland, ich will ihn mit einem gemütlichen Abend zu zweit überraschen.

Um 18 Uhr kommt er nachhause. Vor deinem Nachbargeschäft, beim Friseur Erkan, ist der Wahnsinn los, sagt er. Die Polizei hat alles abgeriegelt. Vielleicht wurde eingebrochen.

Es ist der Moment, in dem ich spüre, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Nein, ich will davon nichts wissen. Ich gehe nicht auf die Straße, um mich zu erkundigen, was geschehen ist. Ich rufe niemanden an. Ich verdränge meine schlimmen Gedanken, meine Panik. Darin bin ich gut.

Der Abend ist genau so, wie ich ihn geplant hatte. Roland und ich essen, wir reden dabei über die Hochzeit und unser Kind. Über unsere Zukunft, die wundervoll sein wird. Noch vor der Geburt des Babys wollen wir in ein Reihenhaus am Stadtrand ziehen. Unser Sohn soll im Grünen aufwachsen, nichts darf ihm jemals fehlen. Später haben Roland und ich Sex, innigen, zärtlichen Sex. Erst seit vergangenem Dezember sind wir ein Paar. Er ist so anders als die Männer, die ich vor ihm hatte. So anders als Holger und Manfred.

Roland gibt mir die Geborgenheit, nach der ich lange gesucht habe. Er hat mir beigebracht, was Liebe wirklich bedeutet. Warum sind wir nicht schon früher zusammengekommen? So viele grauenhafte Dinge wären dann nicht geschehen. Ich schlafe an ihn geschmiegt und mit einer Hand auf meinem Bauch, auf unserem Kleinen, ein. Unser Glück ist perfekt. Es muss perfekt bleiben.

Der Wecker läutet früh am Morgen. Roland arbeitet in einer Lebensmittelfirma. Ich stehe mit ihm auf. Er soll kräftig frühstücken. Beim Abschied küssen wir uns minutenlang. Bis heute Abend, mi amor.

Ich mache mich für die Arbeit zurecht, ziehe ein gelbes Rundhals-T-Shirt, einen kurzen Sommerrock und Stöckelschuhe an. Um neun Uhr gehe ich zum Eissalon. An der Kreuzung steht ein grauer Kombi, seine Scheiben sind verdunkelt, zwei Männer sitzen darin. Der Wagen sieht nach Polizeiauto aus. Mir wird kalt. Ich bin knapp davor, umzukippen.

Ich schleppe mich in mein Lokal, sehe im Hauseingang daneben zwei Uniformierte stehen, links und rechts vor der Kellertüre. Bitte, Gott, es kann nicht sein, lass es nicht zu. Nicht jetzt. Ich bekomme doch ein Baby!

3

Du musst dich zusammennehmen, sage ich mir, du darfst dir nichts anmerken lassen. Der Friseur Erkan sitzt an einem Tisch im Eissalon und trinkt eine Tasse Kaffee. Er hat sein Geschäft erst vor Kurzem eröffnet. Wie geht es dir, Esti? Ganz gut, und dir? Bei mir ist der totale Stress ausgebrochen. Ich habe einen Wasserrohrbruch, und nun werden im ganzen Keller die Rohre aufgestemmt.

Ich höre seine Worte und zugleich auch nicht. Wie ein Roboter beginne ich, die Eisbestände zu prüfen. Ich erstelle die Listen für mein Personal, welche Sorten sie zubereiten sollten und bereite die Lieferungen für unsere Großkunden vor.

Noch ein Nachbar, Niko, ich mag ihn sehr, kommt ins Geschäft, er zieht mich zur Seite und flüstert mir ins Ohr. Weißt du, was los ist? Nein. Sie haben unten einen toten Mann gefunden, und alle glauben, es ist Manfred.

Ich will raus aus diesem Alptraum. So oft ist der Augenblick, in dem alles auffliegt, schon vor mir abgelaufen. Jetzt ist er wirklich da, jetzt ist alles aus. Oder doch nicht? Vielleicht wache ich noch auf. Jetzt geht nicht. Gott, lass mich erst mein Kind großziehen, und dann kannst du mich ins Gefängnis stecken.

Meine Serviererin Anna schüttelt mich an der Schulter. Esti, was ist mit dir los? Ich muss dir etwas sagen, ich darf es dir nicht sagen, aber ich kann nicht anders. Es ist etwas Fürchterliches passiert, und die Leute behaupten, du warst es. Was ist los? Was soll ich getan haben? Im Keller liegt ein zerstückelter Mann. Es soll Manfred sein, es heißt, du hast ihn getötet.

Es fällt mir schwer, auch nur noch einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Ich weiß nur: Es dauert nicht mehr lange, und sie werden auch Holger finden.

Mein Überlebensinstinkt treibt mich aus dem Geschäft. Das Haus ist bereits von Polizisten belagert. Mehrere Funkstreifenwagen stehen davor. Die Beamten laufen hektisch auf und ab. Ich höre laute Stimmen aus dem Polizeifunk. Ein Mann in Zivil fordert über sein Handy noch mehr Einsatzkräfte an.

Ich muss fliehen. Aber wohin? Und was ist mit Roland? Ich kann nicht mehr ohne ihn sein, doch ich darf nicht mein Drama zu seinem machen.

Esti, atme durch, versuche, vernünftig zu handeln. Es gelingt mir, mich ein wenig zu sammeln und wieder klare Gedanken zu fassen. Esti, du wirst auf deiner Flucht Geld brauchen, viel Geld.

Ich gehe zu meiner Bank, gleich ums Eck. Ich stelle mich am Ende einer langen Menschenschlange an. Wertvolle Zeit verstreicht. Bitte, lieber Gott, schneller. Endlich bin ich an der Reihe. Ich ersuche einen Angestellten, mich in den Raum mit meinem Schließfach zu bringen. Ich habe das Gefühl, dass der Kundenbetreuer meine Anspannung bemerkt. Mein Familienschmuck liegt in dem Safe, ich hole ihn heraus, packe ihn in meine Handtasche. Nein, bitte nicht. Ich merke, dass ich mein Geld und mein Sparbuch im Eissalon vergessen habe. Ich bin so eine Idiotin. Was soll ich nur tun?

4

Ich rufe meine Putzfrau an, Daniela. Sie ist so alt wie ich, eine gebürtige Serbin. Ich schätze sie sehr, weil sie klug, ehrlich und eine hervorragende Mutter ist. Seit sechs Jahren arbeitet sie für mich als Reinigungskraft und Küchenhilfe, noch nie hat sie mich enttäuscht. Jetzt ist sie bei mir daheim, räumt auf und bügelt. Alles unnötig geworden. Ich werde nie wieder in meiner Wohnung sein. Mein wunderschönes Leben, das gerade erst begonnen hat, ist vorbei. Ich weiß, die Hölle kommt auf mich zu. Ich will die Menschen, die ich liebe, davor bewahren, mit mir unterzugehen, mein Baby, Roland, meine Eltern, meinen Bruder. Denn sie tragen keine Schuld an meinen Verbrechen.

Ich habe Daniela am Handy. Sie versteht kaum Deutsch, aber es gelingt mir, ihr zu erklären, dass ich sie auf der Philadelphia-Brücke treffen will. Sie fragt mich, wo ich dort genau wäre. Ich stehe ungefähr in der Mitte der Brücke. Junkies und Bettler sitzen am Gehweg neben mir, überall sind Menschen, die hektisch ihrer Wege gehen. Hoffentlich findet mich Daniela in dem Trubel.

Ja, da, ich sehe sie kommen. Ich laufe ihr entgegen. Ich gebe ihr einen Kuss auf die Wange. Daniela, ich brauche dringend meine schwarze Geldtasche und mein Sparbuch aus dem Safe im Geschäft. Ich drücke ihr die Schlüssel dazu in die Hände. Sie geht sofort los. Ich warte, warte, warte. Ich werde nervöser und nervöser. Alles dauert so lange.

Ja, klar: Sicherlich wird Daniela bereits verhört und kommt mit Beamten in Zivil zurück. Ich rufe sie nochmal an, obwohl ich weiß, dass ich mich damit gefährde. Sie hebt ab. Ich stehe schon auf der Brücke, behauptet sie. Ich sehe sie nicht. Doch, sie ist wirklich hier. Sie überreicht mir das Geld und mein Sparbuch. Danke. Ich gebe ihr fünfzig Euro für ihre Arbeit, umarme und küsse sie. Wir weinen beide. Sie stellt mir keine Fragen. Wir haben einander immer ohne Worte verstanden.

Daniela hatte immer ein schlechtes Verhältnis zu Holger und Manfred. Nie sprachen die beiden ihren Namen aus. Sie sagten nur: Dragica, putzen, Dragica. Sie schrien Daniela oft an und machten ihre Arbeit schlecht. Sie zeigten ihr Stellen, die angeblich schmutzig, aber in Wahrheit sauber waren. Daniela war auch manchmal dabei, wenn mich Holger und später Manfred aus nichtigen Anlässen anbrüllten.

Ich fragte mich oft, warum wir zwei uns diese Schikanen gefallen ließen. Der Grund dafür war, dass Daniela und ich die absurde Überzeugung verinnerlicht hatten, Männern dienen zu müssen. Egal wie sie sich uns gegenüber verhielten. Danielas Leben war ja auch tragisch, nie durfte sie müde oder krank sein, und nach ihrem schweren Job musste sie ihren Gatten und die Schwiegereltern bedienen, die sie wie eine Sklavin behandelten. Irre. Aber dieser Irrsinn verband uns. Eine lange Zeit hindurch.

Der Drang, mich zu unterwerfen, entwickelte sich schon sehr früh in mir. Obwohl es dafür keinen wirklichen Grund gab. Denn meine Kindheit war zwar schwierig, aber nicht schlecht. Ich hatte immer genug zu essen, einen sauberen Schlafplatz und eine Familie, die mich liebte und dafür sorgte, dass ich eine gute Ausbildung bekam. Trotz der vielen Probleme, die wir hatten. Zuerst in Mexiko und später in Spanien.

In unserer neuen Heimat galten wir als Zuwanderer und damit als minderwertig. Obwohl mein Vater Psychologie studiert und meine Mutter eine Dolmetscherausbildung hatte. Besonders die ersten Jahre in Barcelona sind für uns hart ge wesen. Vielleicht entwickelte sich mein Vater deshalb immer mehr zu einem Menschen, der kaum Widerspruch duldete. Er gab die Regeln daheim vor. Brav sein, fleißig sein. Bloß nicht auffallen. Gesetze, die für meinen Bruder und mich mitunter nicht einhaltbar gewesen sind. Aber, und das kapierte ich rasch, es war notwendig, dass es sie gab und wir sie befolgten. Denn sonst wären wir daheim im Chaos versunken.

Lange wohnten wir in einem Fünfzig-Quadratmeter-Appartement. Zu sechst. Mein Vater, meine Mutter, ihre Schwester, meine Oma und wir beiden Kinder. Mein Vater war der Hauptverdiener, doch um uns über Wasser zu halten, musste auch meine Mutter arbeiten. Sie tippte für Studenten Manuskripte ab und war mit dieser Zusatzanforderung natürlich ziemlich überfordert. Weil sie ja auch noch so viele andere Aufgaben zu bewältigen hatte. Meinen Bruder und mich zu versorgen, ihre Mutter, die körperlich laufend schwächer wurde, und meine angeblich schizophrene Tante.

Mein Bruder und ich glaubten nie an ihre Krankheit. Lange hatte sie ein ganz normales Leben geführt, damals in Mexiko. Sie war einmal eine angesehene Sportlehrerin gewesen, bildhübsch, lustig und hochintelligent. Bis ihr Vater starb. Sie verkraftete seinen Tod nicht, ging danach nicht mehr außer Haus, wusch sich nicht mehr, hörte auf zu sprechen und wurde zum Pflegefall.

Je älter ich wurde, desto mehr begriff ich, dass meine Eltern unter einem enormen Druck standen, dass an jedem Morgen ein neuer Kampf für sie begann und sie daher kaum Zeit für lange Gespräche mit mir haben konnten. Ich gewöhnte mich daran, über meine Probleme kaum, oder eigentlich gar nicht, zu sprechen. Das war ein Fehler.

5

Ich hätte mit meiner Familie reden müssen, viel mehr reden. Ich hätte ihnen sagen sollen, dass ich wegen der fürchterlichen Dinge, die in Mexiko geschehen waren, an Alpträumen litt. Die Geschichte mit den Puppen war ja nicht das einzige Drama, das ich dort erlebt hatte.

Drei Mal versuchten Banditen, mich auf offener Straße zu entführen. Weiße Mädchen galten in meiner alten Heimat als wertvoll, sie ließen sich für hohe Summen an illegale Adoptionsagenturen verkaufen. Aber mein Vater schaffte es immer, die Kriminellen zu vertreiben, bevor sie mich in ein Auto zerren und verschleppen konnten. Und dann geschah auch noch diese Sache in dem Bus. Meine Mutter und ich saßen darin, nebeneinander, auf einer Bank. Plötzlich gab es einen unvorhergesehenen Stopp. Vermummte mit Waffen stürmten den Passagierraum, und sie drohten damit, die Fahrgäste zu erschießen, wenn sie ihnen nicht ihr Geld aushändigen würden.

Ich habe mich bei allen diesen Überfällen geduckt und geweint. Still geweint. Ein Verhaltensmuster, das in mir blieb. Immer wenn jemand auf mich losging, wurde ich unfähig, Widerstand zu leisten. Spürten die anderen Menschen meine Hilflosigkeit? Stand schon von klein an „mach mich fertig“ auf meiner Stirn geschrieben? Warum wäre ich wohl sonst zu einem einfachen Opfer für Vergewaltiger geworden?

Das erste Mal geschah es, als ich 16 war. Ich lernte einen jungen Mann in einer Disco kennen, er schien mir vertrauenswürdig, und als er mich auf einen Drink in seine Wohnung bat, ahnte ich nichts Böses. Bei ihm daheim fiel er über mich her.

Ich hatte daraus nichts gelernt. Ein paar Monate später passierte mir das Gleiche nochmal, wieder mit einer Bekanntschaft aus einem Lokal. Der Typ war viel älter als ich, schon um die 30. Ich ließ mich ohne Bedenken von ihm zu einer Privatparty einladen. Während des Fests ging er mit mir in ein leeres Zimmer und fesselte mich dort mit Handschellen.

Nein, ich habe mich gegen beide nicht gewehrt. Nein, ich habe nicht um Hilfe geschrien, während sie sich an mir vergingen. Nein, ich habe sie nicht bei der Polizei angezeigt. Nein, ich habe niemandem von ihren Verbrechen erzählt.

Ja, ich habe Holger und Manfred geliebt. Nur, sie nutzten diese Liebe aus und machten mich wieder zu dem Mädchen, das sich duckte und still weinte. Genauso, wie die Uniformierten, die meine Puppen töteten. Genauso, wie die Männer, die mich entführen wollten. Genauso wie die Vermummten aus dem Bus. Genauso wie meine Vergewaltiger.

Ich hätte Holger und Manfred rechtzeitig verlassen müssen. Doch ich konnte nicht. Ich schaffte das nicht. Aber ich schaffte es, sie zu töten.

DIE FLUCHT

Ich übersah alle Warnsignale und gab mich meinen Träumen hin.

1

Esti, denk nicht an früher, denk an das, was auf dich zukommt. Ich sollte mein Sparbuch auflösen, so schnell wie möglich. 10.000 Euro sind darauf gebucht, ich brauche das Geld dringend. Ich laufe zum Postamt. Die Halle ist voll mit wartenden Menschen. Die Angestellten bewegen sich wie in Zeitlupe.

Endlich bin ich an der Reihe. Bitte, ich möchte alle meine Ersparnisse ausbezahlt bekommen. Die Frau am Schalter schaut mich mit einem seltsamen Blick an, sie sagt, sie wisse nicht, ob genug Bares in der Kassa wäre. Warum behauptet sie das? Hat die Polizei bereits die Banken alarmiert? Umständlich kramt sie in ihren Laden herum. Endlich gibt sie mir die Scheine. Zehn Bündel zu jeweils zehn Hundertern. Ich stopfe sie in ein Seitenfach meiner Handtasche. Ich bebe vor Nervosität, ich bilde mir ein, dass mich alle Leute in dem Raum anstarren.

Nein, das darf nicht wahr sein. Ich habe keinen Pass dabei. Weder meinen mexikanischen, noch meinen spanischen. Sie liegen daheim, bei meinen anderen Dokumenten. Warum habe ich Daniela nicht gesagt, dass sie mir meine Papiere mitbringen soll? Wie konnte ich nur darauf vergessen? Jetzt ist sie nicht mehr in meiner Wohnung, und ich selbst traue mich nicht mehr dorthin. Da sind sicherlich auch schon Polizisten.

Danke, Gott. Ich sehe in einem Auto Sascha, einen meiner Stammkunden. Ich deute ihm, anzuhalten. Die Polizei sucht mich wegen eines Blödsinns, den Manfred gemacht hat, erkläre ich ihm schnell, ich brauche dringend meine Pässe, sie sind in einem Kästchen bei mir zuhause. Bitte, hol sie für mich. Er lässt mich in seinen Wagen einsteigen, fährt in die Nähe meiner Wohnung und parkt in einer Seitengasse. Wir sehen einander stumm an. Ahnt er die Wahrheit?

Sascha zieht den Autoschlüssel nicht ab. Wenn ich in 15 Minuten nicht da bin, sagt er, dann fahr los. Ich spüre, das Ganze ist verrückt. Ich bräuchte jemanden, der mir sagt, was ich tun soll. Die Zeit läuft, und die Blockade in meinem Kopf wird immer größer. Wozu brauche ich meine Pässe, wenn die Fahnder sowieso schon meinen Namen wissen? Kann ich Sascha trauen?

Wir mochten einander, vom ersten Moment an. Seit er vor sechs Jahren zu mir ins Geschäft kam, einen Eisbecher bestellte und wir, während er ihn langsam auslöffelte, zu plaudern anfingen. Wir redeten damals über nichts Besonderes, genauso wenig wie bei seinen vielen weiteren Besuchen im Lokal. Aber irgendwie fühlte ich mich immer wohl in seiner Nähe.

Sascha ist jünger als ich, Mitte zwanzig, 1,80 groß, sehr schlank, Kopf komplett rasiert. Er hat blaue Augen, markante Gesichtszüge, einen scharfen Verstand und einen speziellen Humor. Ich liebte es immer, mich mit ihm zu unterhalten. Ich bin mir sicher, dass er Tabletten nimmt, nicht ständig und nicht im Übermaß, aber seine Sucht ist ihm anzusehen. Sensible Menschen wie er geraten oft in diese Falle.

Als Manfred und ich vor vier Jahren, ich war noch mit Holger verheiratet, eine geheime Affäre anfingen, sah er uns einmal zusammen in einem Gastgarten sitzen. Sascha wusste sofort Bescheid. Meine Blicke hätten mich verraten, erzählte er mir später. Er sprach nie zu irgendjemandem über mein Verhältnis mit Manfred. Das rechne ich ihm bis heute hoch an.

Sascha ist okay, rede ich mir ein. Er hat einen guten Charakter. Ich hoffe, ich täusche mich nicht in ihm. Denn ich habe mich ja schon so oft in Männern getäuscht.

Meinen ersten Freund lernte ich mit 17 kennen. Er war zwei Jahre älter als ich, hatte brünette Haare, wunderschöne braune Augen, eine tolle Figur. Ich verliebte mich in ihn sofort, als ich ihn in einem Restaurant am Strand von Barcelona kennenlernte. Jahrelang war ich mit ihm zusammen.

Ich hätte schon von Beginn unserer Beziehung an begreifen müssen, dass er mich nicht liebte. Weil er sich weigerte, mich seiner Familie vorzustellen. Weil er mich nur zu sich nachhause mitnahm, wenn niemand da war. Weil er lieber auf Partys ging, als mit mir alleine Zeit zu verbringen.

Doch ich übersah alle Warnsignale und gab mich meinen Träumen hin. In meiner Vorstellung blieb mein Freund ein Mann, der es ernst mit mir meinte, der mich nach Abschluss meines Studiums heiraten und Kinder mit mir haben würde.

Dann stand ich da, mit meinem Diplom in der Hand, und ich sagte zu ihm, dass unsere Zukunft jetzt beginnen könne. Er verstand nicht, wovon ich sprach. Ich erklärte ihm, was passieren sollte. Ich redete von einer Hochzeit in Weiß und davon, dass wir uns schnell eine eigene kleine Bleibe suchen sollten. Davon, dass es nun an der Zeit wäre, seine Familie kennenzulernen und dass meine Eltern ihn sicherlich als Schwiegersohn akzeptieren würden. Esti, da hast du aber gehörig etwas missverstanden, meinte er, und machte mit mir Schluss.

Mein Vater und meine Mutter hatten leider Recht behalten. Sie hatten viel früher als ich begriffen, dass mein Freund nie an einer ernsthaften Verbindung mit mir interessiert war. Weil er aus einer besseren sozialen Schicht als ich stammte und das Leben nur als ein einziges großes Spiel sah. Aber ich hatte ihre Überzeugungsversuche abgewehrt, so lange Zeit, und mich weiter meinen Illusionen hingegeben. Bis ich die Rechnung präsentiert bekam.

Nach dem Ende der Beziehung fiel ich in ein tiefes seelisches Loch. Ich konnte kaum noch schlafen oder essen, ich verlor mich total. Da passierte es zum ersten Mal in meinem Leben. Etwas Fremdes, etwas Böses übernahm die Kontrolle über mich. Es war, als würde ein Regisseur in meinem Gehirn Platz nehmen und damit beginnen, meine Gedanken zu steuern.

Ich überlegte, meinen Ex-Freund umzubringen, die Bremsschläuche seines Autos oder die Therme in seiner Wohnung zu manipulieren. Immer, wenn ich solche Ideen hatte, war es, als würde ich in meinem eigenen Auto am Beifahrersitz angeschnallt sitzen, während jemand anderer den Wagen lenkte. Letztendlich schaffte ich es, einen Fuß aufs Bremspedal zu setzen und es ganz fest durchzudrücken. Ich tat meinem Ex-Freund nichts an. Es gelang mir, meine Vernichtungsfantasien zu bezwingen. Und ich war froh, als meine Eltern mich fragten: Esti, willst du den Sommer in Deutschland verbringen und dort bei einer Gastfamilie als Au-Pair-Mädchen arbeiten? Du weißt, wir haben Freunde in Bayern, sie würden dich mit offenen Armen empfangen. Meine Familie hatte offensichtlich begriffen, dass ich Ablenkung brauchte. Ja, natürlich möchte ich für eine Weile weg aus Spanien. Wann geht der nächste Flug nach München?

2

Die erste Zeit in Deutschland ging es mir gar nicht gut. Der Regisseur in meinem Kopf war zwar völlig verschwunden, meine Traurigkeit aber nicht. Ich liebte diesen Mann, der mich so schrecklich enttäuscht hatte, einfach noch immer.

In diesem Zustand lernte ich Holger kennen. Nach meinem Au-Pair-Job hatte ich meinen Auslands-Aufenthalt ein bisschen verlängert, ich arbeitete nun in einem Eissalon in einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Nürnberg. Irgendwann, an einem wunderschönen Sommermorgen, stand er vor mir an der Theke. Holger, ein Verkäufer von Kühlgeräten, ein großer, blonder Mann, der auf gewisse Weise meinem Ex-Freund ähnlich sah, um 14 Jahre älter als ich. Ich war damals 22, er 36.

Holger sah mich mit bewunderndem Blick an, und er machte mir Komplimente. Natürlich sagte ich ja, als er mich um ein Rendezvous bat. Und natürlich sagte ich ja, als er mich ein paar Wochen später schon fragte, ob ich seine Frau werden wollte. Esti, redete ich mir ein, da ist endlich ein Mann in dein Leben getreten, der dich nicht nur ausnutzen will. Sein Antrag kann nichts anderes bedeuten, als dass er es ernst mit dir meint und dich aufrichtig mag. Und die Liebe zu ihm wird schon noch kommen, dachte ich mir.

Holger wirkte vertrauenswürdig auf mich. Esti, du wirst es gut bei ihm haben, er wird dich vor allem Bösen auf dieser Welt beschützen, bis in alle Ewigkeit. Esti, er will bis zur Hochzeitsnacht nicht mit dir schlafen, das ist romantisch.

Ich erzählte Holger von meinem Wunsch nach einer Trauung in Weiß. Nein, mein Kleines, sagte er, das ist nicht möglich, ich bin ein Hare-Krishna-Anhänger. Bitte akzeptiere meinen Glauben genauso, wie ich deinen akzeptiere.

Die standesamtliche Zeremonie fand in kleinem Rahmen statt, nur ein paar von Holgers Freunden waren da, unsere Familien kamen nicht, weil sie unsere Entscheidung für überstürzt hielten. Ich weinte still in mich hinein, als wir einander die Eheringe an die Finger steckten. Niemand merkte meine Verzweiflung. Längst hatte ich mir die Fähigkeit angeeignet, besonders stark zu scheinen, wenn ich mich ganz schwach fühlte. Ich setzte mein Poker-Gesicht auf, lächelte und hielt mich aufrecht. Ich tanzte. Nur das Essen fiel mir schwer. Von unserer Hochzeitstorte bekam ich kaum einen Bissen runter. Ich ahnte, dass ich einen fürchterlichen Fehler gemacht hatte. Aber ich zwang mich, ganz fest daran zu glauben: Alles wird wunderbar.

Nichts wurde wunderbar. Bald ging es los. Esti, du bist so dumm. Esti, du kriegst gar nichts auf die Reihe. Esti, du bist unerotisch, nimm ein paar Kilo zu. Als Holger anfing, mich so zu behandeln, hätte ich mich sofort von ihm trennen müssen. Ich tat es nicht, weil ich eine Scheidung nicht mit meinem Glauben vereinbaren konnte. Weil ich meinen Eltern meinen Fehler nicht eingestehen wollte. Weil ich hoffte, Holger würde wieder zu dem Prinzen werden, als den ich ihn kennengelernt hatte. Weil ich ihn mittlerweile doch schon liebte.

Bald zogen wir nach Berlin, in seine Heimatstadt. Ich nahm wieder eine Stelle in einem Eissalon an. Holger arbeitete unregelmäßig bei diversen Firmen. Ich verdiente als Kellnerin gutes Geld. Holger nahm es mir immer sofort ab. Du bist zu jung und zu naiv, um es ordentlich zu verwalten, sagte er.

Manchmal lehnte ich mich gegen ihn auf, doch nur in Gedanken. Ich überlegte, nach Spanien zu meinen Eltern zurückzukehren. Holger ahnte offenbar etwas von meinen Befreiungsfantasien. Er nahm mir meine Papiere weg.

3

Dann war Holger wieder nett zu mir. 2005, nachdem er zum wiederholten Mal seinen Job verloren hatte, erklärte er mir freudestrahlend: Esti, ich weiß, was dein größter Wunsch ist, du hast schon so oft darüber geredet, und jetzt werden wir ihn uns gemeinsam erfüllen. Wir werden nach Wien ziehen, dort einen Eissalon eröffnen und eine Familie gründen. Ich jubelte, ich war glücklich.

Wien war immer schon meine Traumstadt gewesen, von Jugend an hatte sie mich magisch angezogen. Ich kannte sie zwar nur aus Fotobänden, aber die Bilder von den engen Gassen mit Kopfsteinpflaster, dem Stephansdom und dem Prater mit dem Riesenrad faszinierten mich einfach. An einem Ort zu leben, an dem die Zeit ein bisschen stehengeblieben zu sein schien, müsste wundervoll sein, dachte ich.

Esti, bald bist du dort und wirst deiner Leidenschaft nachgehen können. Eis herstellen, neue Sorten kreieren, in deinem eigenen Geschäft. Esti, das klingt doch fabelhaft.

Die Suche nach einem geeigneten Lokal dauerte nicht lange. Holger und ich setzten uns vor den Computer, studierten auf österreichischen Immobilienseiten die Angebote und fanden schnell in Meidling, einem Außenbezirk von Wien, ein Geschäft zur Pacht, das „Venus“ hieß. Nicht zu teuer, nicht allzu groß. Die Fotos, die wir davon im Internet sahen, gefielen uns. Was uns auch noch positiv schien: Zu dem Eissalon gehörte ein Lager in einem Nachbarhaus, das wir bei Bedarf anmieten könnten. Eine Dusche und eine Toilette waren darin, der Raum würde sich ganz einfach zu einer Wohnung umfunktionieren lassen. Ohne viel zu überlegen, riefen wir den Anbieter an und schlossen einen Vertrag ab.

Ein paar Wochen später kamen wir in Meidling an. Ich war sofort verliebt in das Lokal. Es sah mit seinen dunkelroten Leder-Sitzgarnituren und seinen Tischen aus echtem Holz wie ein Pub aus. Ich wollte es ein bisschen niedlicher ausstatten, kaufte hübsche Aschenbecher, Tischdeckchen und Zuckerstreuer.

Schnell machten wir das Lager im Nachbarhaus zu einer netten Bleibe. Wir strichen die Wände neu, stellten unsere alten Möbel aus Berlin hinein. Innerhalb kürzester Zeit wurde dieses Zimmer, das nur eine Rumpelkammer gewesen war, zu einer kuscheligen kleinen Wohnung.

Ich erkundete die Gegend und war begeistert. Die Lage des Geschäfts schien mir perfekt. In der Nähe eine U-Bahn-Station, ein paar Gassen weiter eine Schule, rundum Büros. Esti, Holger und du, ihr habt die richtige Entscheidung getroffen, der Eissalon wird gut laufen. Und ich hatte auch schon eine Idee, wie wir das Geschäft im Winter nutzen könnten. Unsere Kunden sollten dann dort Kaffee und Tee trinken und selbstgebackene Kekse kaufen.

Unsere Zukunft in Wien wird wunderbar, davon war ich überzeugt.

Kurz nach der Eröffnung des Geschäfts holte mich die Realität ein. Nein, Holger, unsere Abmachung ist nicht gewesen, dass ich schufte, während du faul auf der Couch liegst. Wir hatten anderes besprochen. Dass wir in Österreich endlich Kinder kriegen würden, zum Beispiel. Später. Wie oft habe ich dieses Wort auch von ihm gehört. Also hoffte ich auch diesmal wieder auf das Später. Während die Gegenwart laufend unerfreulicher wurde. Weil sich Holger zunehmend zu einem Spinner entwickelte.

Immer mehr fing er an, sich für Waffen zu interessieren. Immer mehr verschrieb er sich den Hare Krishnas. Immer mehr machte es ihm Spaß, mich zu demütigen. Je geduldiger ich mich seinen Anweisungen fügte, desto fordernder wurden seine Befehle. Je kraftloser ich mich fühlte, desto massiver übte er Macht über mich aus. Esti, mach dies, Esti, mach das. Esti, du bist nicht fleißig genug. Esti, es ist deine Schuld, wenn der Eissalon nicht läuft. Nichts konnte ich ihm recht machen, obwohl ich so viel für ihn tat, Miniröcke, Push-up-BHs und Stöckelschuhe anzog, um für ihn sexy zu sein. Ihn zu Schießübungen begleitete, sogar seine Pistolen, die ich hasste, putzte. Mein Ich völlig aufgab. Das Schlimmste überhaupt: Er zwang mich schließlich sogar dazu, meinen Glauben zu verleugnen und den Hare Krishnas beizutreten. Einmal pro Woche musste ich fortan mit ihm Veranstaltungen seiner Sekte besuchen und mich ihren Gesetzen unterwerfen. Nein, Esti, Sex ist nicht wichtig, sagte er, es gibt andere Dinge, die viel bedeutender sind. Aber wie sollte ich ohne Sex schwanger werden?

Heimlich ging ich weiter in die Kirche, bat Gott um Verzeihung für meine Irrwege, flehte ihn um Verständnis an, fragte ihn, wie ich mich aus der Sackgasse, in die ich mich selbst hineinmanövriert hatte, befreien sollte. Ich bekam keine Antworten.

4

2007 begann ich eine Affäre mit Manfred. Ich hatte ihn schon kurz nach der Eröffnung unseres Eissalons kennengelernt. Manfred, etwa so alt wie Holger, ein Eismaschinenverkäufer. Eloquent, charmant, gut aussehend, ein typischer Vertreter halt. Immer wieder kam er aus beruflichen Gründen in unser Lokal, bei jedem seiner Besuche sah er mir tief in die Augen und sagte, wie schön ich sei. Zwei Jahre lang wehrte ich mich dagegen, mit ihm auszugehen, obwohl er mir so gut gefiel. Aber irgendwann konnte ich das nicht mehr. Wir wurden ein Liebespaar.

Er gab mir die Kraft, mich von Holger scheiden zu lassen. Der Fehler war nur, dass mein Ex und ich auch nach unserer Trennung, zumindest teilweise, zusammen wohnen blieben. Und Holger nicht damit aufhören konnte, mich zu kritisieren.

Wie an diesem Tag im April 2008. Ich kam nachhause, ich war müde von der Arbeit im Eissalon. Holger saß am Computer, er beschäftigte sich mit einem Ego-Shooter-Spiel, und während er in seiner Parallelwelt dutzende Feinde abschoss, wurde er laufend aggressiver gegen mich. Esti, wie konnte ich nur jemals so dumm sein, dich zu heiraten. Esti, du bist das Letzte. Esti, du wirst ohne mich untergehen. Wieder hörte ich von ihm diese Sätze, die mich innerlich so wütend machten. Wieder einmal war ich unfähig, ihm auch nur ein Wort zu entgegnen. Wieder einmal stellte ich mir vor, wie es wäre, Holger zu töten.

Ich hatte das schon oft getan. Weil mir diese Fantasien halfen, die Realität besser zu ertragen und meinen unausgesprochenen Hass zu kompensieren. Holger zu beschimpfen, ihn anzuschreien, ihm klarzumachen, was ich von ihm hielt, brachte ich nicht fertig. Da ließ ich lieber zu, dass dieser Regisseur, der alles für mich regelte, in meinem Kopf Platz nahm. Wie damals in Spanien, nachdem mein erster Freund mit mir Schluss gemacht hatte.

Ich wollte Holger nicht umbringen. Ich kämpfte gegen meine Vernichtungsgedanken an. Es gelang mir bis zu dem Moment, in dem Holger brüllte: Esti, du bist Abschaum, du wirst nie wieder einen Mann finden.

Da machte es klick, irgendein Schalter in meinem Gehirn legte sich um. Zwei Gewehre und zwei Pistolen lagen, wie so oft, ganz offen auf unserem Tisch. Ich nahm eine Beretta, stellte mich damit hinter ihn und drückte ab. Drei Mal.

5

Ich denke an die Szenen von damals, während ich in Saschas Auto sitze und immer panischer werde. Ich überlege, den Wagen zu starten und Gas zu geben. Unsinn. Ich schaffe es nicht, auf einer Autobahn zu fahren, seit ich vor einem Jahr einen Unfall auf der Wiener Südosttangente hatte. Ich war damals auf dem Weg zu einem Kirtag, mit vollen Eiskanistern im Kofferraum, mein 14-jähriger Ferialpraktikant, der Sohn eines Nachbarn, saß am Beifahrersitz. Meine Bremsen versagten, vielleicht betätigte ich sie auch zu spät. Wir überstanden den Unfall beide unverletzt. Trotzdem, er ließ einen Schock in mir zurück. Beinahe wäre ein Kind wegen meiner Unachtsamkeit umgekommen.

Ich werde nie wieder auf einer Schnellstraße fahren, das hatte ich mir damals geschworen. Weil ich keine gute Autofahrerin bin und andere Menschen nur gefährde, wenn ich mit mehr als fünfzig Stundenkilometern unterwegs sein muss.

Ich beschließe, auf Sascha zu warten. Er wird zurückkommen. Oder? Ja, nein, ja, nein. Gott, danke, er ist da. Er hat nur meinen mexikanischen Pass dabei, er behauptet, er hätte den spanischen nirgendwo gesehen. Ich weiß, es hat keinen Sinn, ihn nochmals in meine Wohnung zu schicken.

Sascha, bitte bring mich zum Flughafen. Nein, geht nicht. Ich verstehe. Aber er erweist mir einen letzten Dienst, er fährt zu einem Handy-Shop, kauft ein Wertkarten-Telefon für mich. Er übergibt es mir, als ich schon ein Taxi angehalten habe. Esti, alles Gute. Tränen laufen über meine Wangen. Ich setze meine Sonnenbrille auf. Zum Airport, bitte. Der Taxichauffeur will mit mir plaudern. Woher kommen Sie? Wohin fliegen Sie? Gefällt Ihnen Wien?

Fragen, Fragen, Fragen. Warum hält der Typ nicht einfach den Mund? Ich kann keine Antworten geben, ich weine. Doch das soll er nicht merken. Ich verstärke meinen Akzent, tue, als würde ich ihn nicht verstehen. Bitte, Gott, lass uns endlich an unserem Ziel ankommen. Ich weiß, dass ich so schnell wie möglich das Land verlassen muss, aber ich kann nicht gehen, ohne vorher mit Roland geredet zu haben. Was wird er über mich denken?

Endlich komme ich am Flughafen an, ich bitte den Taxifahrer um ein Stück Papier. Ich schreibe darauf, dass ich alles, was ich besitze, Roland schenke, mein Geschäft, meine Möbel, meine Kleider, meine Bücher, und ich kritzle auch noch eine persönliche Nachricht für ihn auf den Zettel: Bitte, komm nach Schwechat, zum Flughafen. Ruf mich unter dieser Telefonnummer an, wenn du da bist. Es ist die Nummer meines Pre-Paid-Handys. Ich zahle die Taxi-Rechnung und gebe dem Chauffeur weitere zwanzig Euro, damit er den Brief Roland an seinen Arbeitsplatz bringt.

In der Abflughalle schaue ich auf die Tafeln, ich suche nach Flügen nach Spanien, nach Mexiko, nach irgendwohin. Ich kann die Anzeigen nicht lesen, die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Ich gehe zum Last-Minute-Schalter, frage den Mann hinter dem Pult nach abgehenden Flügen. Ihr Ziel? Ich bin blockiert, stottere. Egal, wohin geht die nächste Maschine? Nach Paris. Okay. Ich kaufe ein Ticket. Was, wenn es schon einen EU-weiten Haftbefehl gegen mich gibt? Ich muss mich an die Wand lehnen, um nicht umzufallen. Ich wirke auf die Leute um mich sicherlich wie eine Geistesgestörte. Niemand darf die Rettung rufen, das wäre das Ende für mich.

Wie soll ich es schaffen, mich endlich normal zu benehmen? Was soll ich tun? Kann mir das bitte jemand sagen? Ich bin nicht auf eine solche Situation vorbereitet, ich bin zu dumm, um sie zu bewältigen. Nie hatte ich Pläne für den Ernstfall entworfen. Und jetzt ist der Ernstfall da. Von Paris geht eine Maschine nach Mexiko weiter. Ich buche einen Platz darauf.

6

Mein neues Telefon läutet. Roland ist am Flughafen angekommen. Ich sehe ihn mit verwirrtem Blick und mit seinem Handy am Ohr in der Halle umherirren. Liebling, dreh dich um. Er entdeckt mich jetzt auch. Wir laufen aufeinander zu, umarmen uns, nicht länger als drei Sekunden. Während ich seinen Körper an meinem spüre, ist meine Welt wieder in Ordnung. Plötzlich sind sie weg, meine Ohnmachtsgefühle.

Esti, was ist los? Ich bin zurück in der Wirklichkeit. Komm, gehen wir kurz raus auf den Parkplatz. Was soll ich Roland sagen? Ihm, diesem Menschen, dessen Leben so normal verlaufen ist. 47 Jahre hindurch. Bis jetzt.

Er war sehr jung, als er heiratete, bald bekam er mit seiner Frau zwei Söhne. Er arbeitete immer fleißig, irgendwann begann es in seiner Ehe zu kriseln, seine Scheidung erfolgte aber in Freundschaft. Danach ging er eine neue Partnerschaft ein. Sie dauerte fast neun Jahre. Ich war der Trennungsgrund. Ich, Esti, eine Mörderin.

Als wir zusammenkamen, zweieinhalb Jahre nachdem ich Holger und sechs Wochen nachdem ich Manfred getötet hatte, kannten wir einander schon einige Zeit. Manfred war mit Roland befreundet gewesen. So hatten wir einander kennengelernt. Ich mochte sofort seine ruhige Art, seine Verlässlichkeit, ich konnte gut mit ihm reden.

Klar, dass er mir beistand, mir eine seelische Stütze sein wollte, nachdem Manfred als vermisst galt. Er versuchte mich abzulenken, lud mich zum Essen ein, er erkundigte sich ständig nach meinem Befinden. Es dauerte nicht lange, bis wir uns ineinander verliebten. Ich, 15 Jahre jünger als er, versprach ihm alles Glück dieser Welt. Wir werden eine Familie gründen, sag te ich zu ihm. Er war da nicht so zuversichtlich. Esti, ich hatte Hodenkrebs und eine Strahlentherapie, meine Chancen, ein Kind zu zeugen, sind gering. Du wirst sehen, es wird klappen, erklärte ich ihm. Und es hat wirklich geklappt.

Jetzt sitzen Roland und ich am Flughafengelände, in seinem Auto, und ich weiß nicht, was ich ihm erzählen soll. Die Wahrheit geht nicht. Ich will ihn nicht zum Mitwisser machen. Er und das Baby in meinem Bauch sind die beiden Menschen, die ich am meisten liebe auf dieser Welt.

Roland, ich muss weg, dringend. Ich werde jetzt gleich nach Spanien fliegen. Warum? Er schaut mich mit einem verständnislosen Blick an. Ich spüre, er hat keinen Verdacht. Er glaubt anscheinend noch immer, dass das Polizeiaufgebot vor meinem Eissalon mit einem Einbruch beim Friseur Erkan im Zusammenhang steht. Meinem Vater geht es sehr schlecht, erkläre ich ihm, du weißt, er ist herzkrank, er wurde heute Morgen in ein Spital gebracht. Warum hast du mich nicht schon früher angerufen? Von wem hast du die Nachricht erfahren? Von deiner Mutter, von deinem Bruder?

Warum, höre ich Roland fragen, willst du mir deinen Eissalon überschreiben, bloß, weil du ein bisschen Zeit in Barcelona verbringen willst? Esti, lüg mich nicht an.

Bitte, erwarte keine Antworten von mir. Stell mir keine Fragen mehr, ich möchte dich doch nur beschützen. Wovor? Esti, erklär mir endlich, was wirklich geschehen ist. Er wird lauter. Das kann ich nicht. Ich bitte dich nur, mir zu verzeihen. Was soll ich dir verzeihen? Fürchterliche Dinge sind geschehen, sage ich, es gibt so viele Missverständnisse, ich hätte früher mit dir reden sollen. Jetzt geh, fahr wieder in die Arbeit. Sein Blick zerreißt fast mein Herz. Bitte, fahr endlich. Ich küsse ihn noch einmal und steige schnell aus seinem Wagen.

7

Ich bin jetzt wieder alleine und fühle mich noch einsamer als vor dem Treffen mit Roland. Ich versuche, meine Gedanken zu ordnen. Wenn ich in Paris ankomme oder spätestens, wenn ich in Mexiko bin, wird mich die Interpol verhaften. Ich darf meine Tickets nicht benutzen. Ich muss weg vom Flughafen. Soll die Polizei hier nach mir suchen. Damit gewinne ich vielleicht etwas Zeit.

Ich steige in ein Taxi. Zum Westbahnhof, bitte. Mein Magen beginnt zu rebellieren. Mir fällt ein, dass ich heute noch nichts gegessen oder getrunken habe. Ich merke, wie hungrig und durstig ich bin. Komisch, denke ich mir, dass diese Instinkte selbst in der fürchterlichen Situation, in der ich mich befinde, noch funktionieren.

Ich schaue aus dem Fenster des Wagens. Wir fahren an zwei Lokalen vorbei, die ich jahrelang mit Eis beliefert habe. Nun begreife ich alles erst so richtig. Mein bisheriges Leben, es existiert nicht mehr. Die vielen Menschen in Wien, die ich mochte, ich werde sie nie wiedersehen, ihnen nichts erklären können. Was sollte ich ihnen sagen? Ich verstehe mich doch selbst nicht. Und ich bin auch nicht daran gewöhnt, über meine Probleme zu sprechen.

Nach der Tat an Holger ging es mir psychisch sehr schlecht, und nach der an Manfred genauso. Es ist nicht schön, Menschen zu töten. Es ist die Hölle, mit dem Wissen, eine Mörderin zu sein, zu leben. Da hilft nur verdrängen. Doch das funktioniert nicht immer, und dann laufen meine Verbrechen wie ein Film vor mir ab. Ich fürchte mich vor diesen Momenten. Tausende Male überlegte ich, mich jemandem anzuvertrauen. Einem Psychiater, meiner Mutter, einer Freundin.

Hatte ich überhaupt jemals eine Freundin, eine richtige Freundin? Eigentlich nicht. Warum nicht?

Schon von Kindheit an hatte ich Angst davor, von anderen Menschen enttäuscht zu werden. Dafür gab es Gründe. Als ich mit meiner Familie nach Spanien kam, gehörten wir der untersten sozialen Schicht an. Viele Kinder weigerten sich, mit mir zu spielen, wenn sie erfuhren, dass ich aus Mexiko stammte. Meine Mutter tröstete mich dann immer. Esti, sei nicht traurig, diese Buben und Mädchen sind dumm. Du bist gescheit, du bist ein liebenswerter Mensch, und wenn sie das nicht kapieren, sind sie deiner nicht würdig. Du bist nicht minderwertig, weil du in einem anderen Land geboren wurdest, versteh das. Ich fühlte mich trotzdem wie ein Stück Dreck.

Dann kam ich in die Schule, in eine öffentlich-katholische. Dort unterrichteten Nonnen. Obwohl ich fleißig lernte und gute Noten schrieb, mochten sie mich nicht. Ich war auch für sie bloß die arme Ausländerin. Meine Klassenkameraden orientierten sich an dem Verhalten meiner Lehrerinnen und hielten Distanz zu mir.

Mit zwölf verbesserte sich meine Situation allmählich. Meine Eltern hatten mittlerweile genug Geld gespart, um eine große Eigentumswohnung in einer guten Lage von Barcelona zu kaufen und mich auf eine Privatschule zu schicken. Dort waren meine Mitschüler netter zu mir. Sie luden mich auf Partys ein. Ich fand in meiner Klasse Mädchen, mit denen ich ins Kino gehen oder durch die Stadt bummeln konnte. Wir tauschten auch kleine Geheimnisse miteinander aus, welche Burschen uns gefielen und so. Aber über das, was wirklich in mir vorging, redete ich nicht mit ihnen.

Genausowenig wie mit meinem Vater oder meiner Mutter. Obwohl ich das inzwischen hätte tun können. Denn sie befanden sich nicht mehr im Dauer-Stress. Sie merkten schnell, wenn es mir nicht gut ging. Aber ich blockte alle ihre Versuche, in meine Seele vorzudringen, ab. Ich schaffte es einfach nicht, mit ihnen über meine Ängste und meine Traurigkeit zu sprechen. Nie.

8

Ich bin am Westbahnhof angekommen. Ich gehe in die riesige Halle, kaufe im erstbesten Geschäft eine Mozzarella-Tomaten-Ciabatta und eine Flasche stilles Mineralwasser. Ich esse und trinke schnell, nehme eine Vitamintablette für Schwangere. Am Infostand erkundige ich mich nach Zügen ins Ausland. Alle fahren von Meidling ab. Aber genau dorthin darf ich auf keinen Fall. Da kenne ich so viele Leute, da ist mein Eissalon, da ist meine Wohnung, da ist die Polizei.

Wohin soll ich? Bevor ich darüber nachdenke, muss ich dringend mein Aussehen verändern. Ich gehe die wenigen Meter vom Westbahnhof zur inneren Mariahilferstraße, ich kaufe in einem Geschäft eine große, dunkle Brille. Beim Bezahlen zittern meine Hände, der Optiker schaut mich mit prüfendem Blick an. Warum schaffe ich es nicht, mich unauffällig zu benehmen?

Mit den Sonnenbrillen, die beinahe mein halbes Gesicht bedecken, fühle ich mich ein wenig sicherer, ich wage mich sogar in ein Einkaufszentrum. Minirock und Stöckelschuhe sind keine geeignete Kleidung für eine Flucht. Ich probiere eine schwarze Cargo, Größe 34, an. Sie passt. Nein, ich nehme lieber eine 36. Denn ich werde bald zunehmen. Ich bin schwanger. Ich ziehe die viel zu weite Hose über, ich bitte die Verkäuferin, das Etikett rauszuschneiden. Jetzt brauche ich noch dringend bequeme Schuhe, ich entscheide mich für dunkle Wildleder-Sneakers. Ich lasse sie ebenfalls gleich an.

Es ist fast 17 Uhr und ich bin immer noch in Wien. Esti, das geht gar nicht. Esti, du musst endlich eine Entscheidung treffen. Wieder setze ich mich in ein Taxi. Nach Erdberg, zum Busbahnhof.

Der Fahrer hat das Radio an. Die Nachrichten beginnen. Erstmeldung: In einem Keller in Wien-Meidling wurden bei Bauarbeiten zwei zerstückelte Männerleichen gefunden. Ich höre nicht, was der Sprecher sonst noch sagt. Alles um mich dreht sich. Ich glaube, ich werde verrückt.

In Erdberg erkundige ich mich nach dem nächsten Bus raus aus Österreich. Hat der Kundenbetreuer die Nachrichten gehört? Was wurde im Radio noch gesagt? Dass nach einer Frau, die mit mexikanischen Papieren unterwegs ist, gefahndet wird? Der nächste Bus fährt nach Ungarn. Und der übernächste? Nach Rumänien. Und die anderen? Alle gehen nach Osteuropa. Okay, ein Ticket nach Ungarn. Ihren Pass, bitte. Wie? Ich habe meinen Pass nicht dabei. Dann können Sie den Bus nicht nehmen, an der Grenze wird es eine Ausweiskontrolle geben.

Ich setze mich wieder in ein Taxi, wieder entsteht ein neuer Plan in meinem Gehirn. Ich habe meinen Bus nach Villach verpasst und muss noch heute dorthin, erzähle ich dem Fahrer. Das wird teuer. Wie viel? Er denkt nach. Im Radio laufen abermals die Nachrichten. Nein, bitte hör nicht hin. Na komm, mein Chauffeur, plaudere mit mir.

Natürlich, die erste Meldung handelt vom Leichenfund in Meidling. Ich bete zu Gott, dass ich in dem Bericht nicht erwähnt werde. Der Taxifahrer dreht leiser, er greift nach seinem Handy und telefoniert in türkischer Sprache. Ich verstehe ihn nicht. Mit wem redet er, was sagt er?

Ich muss nach Kärnten, das ist die einzige Chance. Von dort ist es nicht weit nach Italien. Dort wird es nicht schwierig sein, unterzutauchen. Ich kann die Sprache, ich bin oft dort gewesen. Mit Manfred. Bei Eismessen, bei Eisseminaren, um einen Bio-Eis-Salon zu besichtigen. Eis, Eis, Eis. Eis herzustellen, war meine Leidenschaft, mein Lokal mein Baby – mein Kindersatz.

9

Manfred hat mich für die Energie, mit der ich mein Geschäft betrieb, bewundert. Esti, du bist großartig. Esti, du bist eine Künstlerin. Ja, so wunderbare Komplimente machte er mir damals. Früher. Am Anfang.

Wenige Tage nachdem Holger und ich unseren Eissalon in Wien eröffnet hatten, kam Manfred zum ersten Mal in unser Geschäft und bot uns seine Geräte zum Kauf an. Er gefiel mir sofort, er zog mich auf eine zauberhafte Weise an. Ich begann mir vorzustellen, ihn zu küssen, mit ihm zu schlafen, mit ihm eine Beziehung zu haben. Tagträume, denen ich mehr Zeit gab, wenn ich mit Holger Streit hatte. Aber ich habe Manfreds Vorschläge, mit ihm auszugehen, abgelehnt. Lange. Nein, Esti, du bist verheiratet. Nein, Esti, du darfst deinem Mann nicht untreu sein, auch wenn er dich kaum noch anrührt. Nein, Esti, du musst verzichten.

Irgendwann schaffte ich das nicht mehr. Es war im Juni 2007, die Stimmung zwischen Holger und mir war den ganzen Tag über schon extrem schlecht gewesen. Am Morgen hatte er in einem Wutanfall mit seinen Fäusten auf die Wand im Badezimmer eingehauen. Und später, im Eissalon, einer Frau Avancen gemacht, total sein Typ, also groß, vollbusig, breites Becken – ich fragte mich oft, warum er mich jemals anziehend gefunden hatte. Ein paar Stunden danach kam Manfred in das Lokal. Holger war da längst daheim. Diesmal sagte ich „ja“, als mich Manfred fragte, ob ich mit ihm in einem Lokal ums Eck ein Glas Wein trinken möchte.

Der Abend war wunderschön, endlich fühlte ich mich wieder begehrt und verstanden. Wir gingen noch ein paar weitere Male miteinander aus, irgendwann landeten wir im Bett. Der Sex war gut. Was Manfred zu mir sagte, klang vielversprechend. Esti, ich begreife nicht, warum du bei diesem Mann bleibst, der dich nicht zu schätzen weiß. Esti, du hast Besseres verdient. Esti, ich liebe dich. Esti, denk endlich mal an dich.

Das tat ich dann auch. Ich beschloss, mich von Holger zu trennen. Und gab mich neuen Illusionen hin. Ich malte mir aus, wie es wäre, mit Manfred verheiratet zu sein und mit ihm Babys zu haben. Meine Fantasien wurden so mächtig, dass ich sie für die Realität hielt. Ja, das ist eine echte Fähigkeit von mir. Ich bringe es fertig, mich wegzubeamen aus der Wirklichkeit und in meinen Gedanken ganz woanders zu sein. Das hat mir oft geholfen, wenn ich in schlimmen Situationen war und ich mich in eine bessere Welt transferierte. Das hat mir aber auch oft geschadet.

Im Fall von Manfred ist das so gewesen. Nach der Scheidung von Holger machte er schnell mit mir Schluss. Esti, wir haben uns beide in etwas reingesteigert, mir ist mittlerweile klar geworden, dass wir nicht zueinander passen. Ich werde bald 45, du bist einfach zu jung für mich. Die Kinder aus meiner ersten Ehe sind schon erwachsen, ich bin bereits Großvater. Ich mache mich vor mir selbst lächerlich, wenn ich nun nochmal Vater werde.

Meine Enttäuschung über seine Worte war grenzenlos, ich weinte, ich flehte Manfred an, mich nicht zu verlassen. Er tat es trotzdem. Aber das wirkliche Ende zwischen uns beiden war noch lange nicht da.

10

Der Taxifahrer hat sein Handy-Gespräch beendet. Er will tausend Euro. Was? So viel? Ich habe nur 600. Bitte frag deinen Chef, ob’s billiger geht. Er schüttelt den Kopf. Das wird nicht möglich sein, sagt er, telefoniert aber nochmal. Er redet wieder türkisch. Okay, 800 und ich will das Geld sehen. 750, mehr habe ich nicht. Ich zeige ihm die Scheine. Gib mir gleich 200, und es geht los. Danke, Gott. Endlich komme ich fort.

Wir fahren in Richtung Südautobahn, vorbei an so vielen Orten, die ich gut kenne, an denen ich schon oft gewesen bin. Ich sehe prächtige Altbauten. Ich sehe ein italienisches Restaurant, in dem ich lustige Abende verbracht habe. Ich sehe Parks, in denen ich spazieren gegangen bin. Ich sehe die vielen Leute auf den Straßen. Wien einfach. Meine geliebte Stadt, in der ich nie wieder sein werde. Ich bin traurig. Ich denke an Roland. Ich denke an meine Angestellten, die jetzt arbeitslos sind. Ich denke an die Mütter meiner Opfer. Sicher haben sie bereits erfahren, dass ihre Söhne tot sind und ich sie umgebracht habe. Ich bin eine Bestie. Warum habe ich so Schreckliches getan? Ich verstehe mich selbst nicht.

Nein, keine Ausflüchte, keine Entschuldigungen mehr. Weil es keine gibt. Ich fühle mich innerlich tot. Ich denke an meine Eltern. Auch sie werden jetzt schon alles wissen. Mein Vater ist herzkrank, ich mache mir Sorgen um ihn. Wie konnte ich ihm und meiner Mutter das nur antun?

Der Taxifahrer ist Anfang dreißig, smart, schlank, groß. Er trägt gut geschnittene Jeans und ein weißes, schlichtes T-Shirt, das sich von seiner dunklen Haut abhebt. Er spricht perfekt Deutsch. Er erzählt mir nette Geschichten von seiner Frau und seinem kleinen Sohn.

Warum musst du nach Villach? Weil ich Musikerin bin und bei einer Veranstaltung auftreten soll. Woher kommst du? Aus Spanien. Und ich erwarte ein Baby. Bin ich total doof? Ich bitte ihn, eine CD einzulegen. Wenn wir weiter Radio hören, wird der Typ erfahren, dass eine im zweiten Monat schwangere Spanierin wegen Verdachts des Doppelmords gesucht wird.

Welches Instrument spielst du? Ich fühle mich überführt. Ich bastle schnell an einer neuen Story. Ich tanze bloß, erzähle ich nun. Flamenco, Salsa, Bachata. Der Taxifahrer gibt sich mit meinen Antworten zufrieden.

Er steigt aufs Gas, ich merke erst jetzt, dass wir schon auf der Autobahn sind. Wenn ich nicht schwanger wäre, würde ich die Türe des Wagens aufmachen und rausspringen. Würde ich das wirklich tun? Ich glaube schon. Mein Leben hat doch sowieso keinen Sinn mehr. Aber ich bin nicht mehr alleine. Wenn ich mich umbringe, begehe ich noch einen Mord. An meinem Kind.

Wir sind in Villach angekommen. Bitte, fahr weiter nach Italien. Ich muss in Udine auftreten. Was soll das? Ich bezahle den Extra-Weg, 300 Euro mehr, okay? Ich gebe dem Taxifahrer die restlichen 550 Euro, die bis Villach ausgemacht gewesen sind. Hast du deinen Pass dabei? Ja, aber nur meinen mexikanischen. Bist du keine Spanierin? Auch Mexikanerin. Ich bin so dumm. Ich erzähle einem Fremden mehr über mich, als notwendig wäre. Es wird doch ohnehin keine Kontrollen geben, sage ich. Diese Woche schon, weil in Italien eine wichtige politische Veranstaltung stattfindet. Nein, dann können wir nicht rüber, ich habe Probleme mit der Polizei. Der Satz springt aus mir heraus, mir wird klar, dass ich nicht mehr fähig bin, auch nur ein bisschen klug zu handeln. Wie wird der Taxifahrer auf mein Geständnis reagieren? Ich habe nichts unter Kontrolle, einfach gar nichts. Du bist schwanger und die Polizei sucht dich? Ja. Bitte, halt an. Er fährt weiter. Probieren wir, was geht.

Wir überqueren die Grenze, niemand will meine Papiere sehen. Danke, Gott. Also, wohin soll ich dich bringen? Nach Udine. Zu weit. Ich setze dich in der nächsten Ortschaft ab. Der Taxifahrer schaut auf sein Navi. Carnia ist Endstation. Okay, okay. Alles läuft besser, als ich gedacht hatte.

Wie nach meinen Taten. Schon bei meinem ersten Mord hätte ich auffliegen müssen. So bescheuert, wie ich mich damals verhalten habe.

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Volume:
181 p. 3 illustrations
ISBN:
9783990011195
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Bookwire
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