Read the book: «Wolff of Wall Street»
Wolff of Wall Street:
Ernst Wolff erklärt das globale Finanzsystem

© 2020 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien
Die Kapitel des vorliegenden Buches, mit denen Ernst Wolff das globale Finanzsystem erklärt, sind zwischen Februar 2019 und Juli 2020 als Videoclips auf dem Portal KenFM erschienen. Wir danken für die Überlassung der Rechte.
Cover: Gisela Scheubmayr/subgrafik, Foto: © shutterstock; Screenshot: KenFM
ISBN: 978-3-85371-882-7
(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-474-4)
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
1. Finanzmärkte
2. Zentralbanken
3. Derivate
4. Kreditausfall-Versicherung
5. Petrodollar
6. Bretton Woods
7. Geldschöpfung
8. Hedgefonds
9. Bail-out / Bail-in
10. Eurokrise
11. Deutsche Bank
12. Inflation & Deflation
13. Weltfinanzkrise
14. Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ)
15. Neoliberalismus
16. Deregulierung
17. Bargeldabschaffung
18. Kryptowährungen
19. Steuervermeidung
20. Federal Reserve System
21. Rating-Agenturen
22. Internationaler Währungsfonds (IWF)
23. Plattform-Ökonomie
24. Cum-Ex
25. Europäische Zentralbank (EZB)
26. Leerverkäufe
27. Marshallplan
28. Modern Monetary Theory
29. Schattenbanken
30. Aktienrückkäufe
31. Neue Seidenstraße
32. Beinahe-Crash 1998
33. Mindestreserve
34. Trennbankensystem
35. Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM)
36. Weltwirtschaftskrise 1929
37. Europäische Union
38. Investmentbanking
39. Handelskrieg USA-China
40. Staatsanleihen
41. Helikoptergeld
42. Deutsches Wirtschaftswunder
43. Negativzinsen
44. Schweizer Bankgeheimnis
45. Troika
46. Verbriefungen
47. Weltbank
48. Freihandel
49. Marktwirtschaft
50. Planwirtschaft
51. Wirtschaftssanktionen
52. Demokratisches Geldsystem
Corona-Virus – Super-GAU für die Weltwirtschaft
Corona-Pandemie – Hedgefonds und das Ende des Mittelstands
Der Lockdown und der digital-finanzielle Komplex
TIMELINE
Der Autor:
Ernst Wolff, geboren 1950, wuchs in Südostasien auf. Er studierte Philosophie und Geschichte in Deutschland und den USA und arbeitet als Journalist, Drehbuchautor und Dolmetscher. Zuletzt erschienen von ihm: „Weltmacht IWF. Chronik eines Raubzuges“ (2014) und „Finanz-Tsunami. Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“ (2017).
Vorwort
Liebe Leserin, lieber Leser,
In diesem Buch versuche ich das globale Finanzsystem so erklären, dass auch Laien es in seinen Grundzügen verstehen können. Es geht mir darum, einen Bereich unserer Gesellschaft zu entschlüsseln, der von immenser Bedeutung ist, weil er unser Leben immer stärker bestimmt und unsere Zukunft zunehmend gefährdet.
Wie groß die Gefahr ist, hat sich zuletzt im März/April 2020 gezeigt. Wegen des Ölpreiseinbruchs infolge der einsetzenden weltweiten Rezession und der dadurch ausgelösten Turbulenzen an den Finanzmärkten musste der Zusammenbruch des globalen Finanzsystems zum dritten Mal seit der Jahrtausendwende verhindert werden.
Diese jüngste Rettungsaktion unterschied sich allerdings grundlegend von den beiden vorangegangenen Noteinsätzen, sowohl dem nach der Weltfinanzkrise 2007/08 als auch dem auf dem Höhepunkt der Eurokrise 2012/13. Es wurden nämlich mehrere Rekorde aufgestellt, die einen geschichtlichen Wendepunkt markieren. Noch nie sind Aktienkurse in so kurzer Zeit so stark eingebrochen wie im März 2020. Noch nie haben die Zentralbanken daraufhin so hohe Geldsummen ins System gepumpt und noch nie haben sich die Aktienmärkte so schnell erholt wie im April 2020.
Den meisten Menschen ist das wahre Ausmaß dieser Entwicklung allerdings nicht bewusst geworden, weil ihre Aufmerksamkeit in dieser Zeit fast ausschließlich der Corona-Pandemie galt. Die Extreme an den Finanzmärkten sind für uns alle jedoch von existenzieller Bedeutung. Diejenigen, die vom gegenwärtigen System profitieren, haben durch ihre Maßnahmen zur Rettung des Systems nämlich gezeigt: Sie werden nichts unversucht lassen, um es auch weiterhin aufrecht zu erhalten.
Wir übrigen werden dafür einen hohen Preis zahlen müssen: Uns erwarten eine dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit, die bisher schärfsten Aus-teritätsprogramme und eine sich beschleunigende Entwertung des Geldes. Außerdem müssen wir mit einer zunehmenden Massenarmut rechnen, die das Potenzial hat, gewaltige soziale Unruhen bis hin zu Bürgerkriegen auszulösen.
Auf jeden Fall werden die Verantwortlichen sich wegen der Zuspitzung sozialer Konflikte nur an der Macht halten können, wenn sie unsere Rechte noch stärker beschneiden, uns noch gründlicher kontrollieren und notfalls mit Gewalt disziplinieren. Da dieser Prozess nicht aufzuhalten und schon gar nicht umzukehren ist, gibt es aus der gegenwärtigen Situation nur einen Ausweg: Das bestehende Wirtschafts- und Finanzsystem muss beendet und durch ein System ersetzt werden, das der Mehrheit der Menschen und nicht wie das gegenwärtige einer verschwindend kleinen Minderheit nützt.
Ist eine solche Veränderung angesichts der aktuellen Machtverhältnisse utopisch? Ganz sicher nicht, denn die große Mehrheit der Menschen wird wegen der vor uns stehenden Umbrüche in einen immer stärkeren Konflikt mit den bestehenden Verhältnissen geraten und daher immer drängender nach einem Ausweg suchen. Allerdings wird sich ihr dabei ein gewaltiges Hindernis in den Weg stellen: die weit verbreitete Unkenntnis der Funktionsweise des bestehenden Systems.
Deshalb besteht eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart in der systematischen Aufklärung über die Hintergründe und Zusammenhänge des globalen Wirtschafts- und Finanzkreislaufs. Nur wenn die Mehrheit der Menschen seine grundlegenden Mechanismen versteht, wird es möglich sein, sein zerstörerisches Wirken gewaltfrei zu beenden und eine friedliche und wahrhaft demokratische Umgestaltung der Verhältnisse in Angriff zu nehmen.
Diesem Zweck dient das vorliegende Buch, das auch als Nachschlagewerk gedacht ist, mit dem sich das einmal erworbene Wissen jederzeit wieder auffrischen lässt und dessen Erläuterungen per Klick auf den Link auch als Videoclips gehört und gesehen werden können.
Der Anhang des Buches enthält eine Timeline, die die Geschichte des aktuellen Finanzsystems von seiner Gründung 1944 bis heute grob nachzeichnet, und drei im Zuge der Corona-Krise veröffentlichte „Wolff of Wall Street Spezial“-Folgen, in denen die damals aktuellen Vorgänge im Finanzsystem erläutert werden.
Ernst Wolff Berlin, im Juli 2020
Einleitung
„Nicht das, was du nicht weißt, bringt dich in Schwierigkeiten, sondern das, was du fälschlicherweise zu wissen glaubst.“
(Mark Twain)
Die zwei großen Fehleinschätzungen unserer Zeit
Es gibt in unserer Gesellschaft zwei Ansichten, die von der überwiegenden Mehrheit der Menschen geteilt und von fast niemandem angezweifelt werden. Sie betreffen zum einen die politischen Strukturen, unter denen wir leben, und zum anderen die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Realität, auf der diese politischen Strukturen basieren. Zusammen bilden beide so etwas wie eine von der breiten Allgemeinheit stillschweigend akzeptierte Übereinkunft.
Ansicht Nr. 1 lautet: Bei uns regiert das Volk.
Ansicht Nr. 2 lautet: Das Finanzsystem ist nur ein Teilbereich unserer Gesellschaft, den man nicht unbedingt verstehen muss.
Geht man diesen Ansichten auf den Grund, dann stellt man allerdings fest, dass sie nicht etwa auf intellektueller Einsicht oder auf Erfahrungswerten basieren, sondern den Menschen zunächst von Elternhaus, Schulen, Ausbildungsbetrieben und Universitäten mit auf den Weg gegeben und später ein Leben lang von Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft eingetrichtert werden – mit dem Ergebnis, dass ihr Wahrheitsgehalt kaum jemals in Frage gestellt wird.
Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass sich hinter diesen Ansichten ganz handfeste Interessen verbergen, deren Durchsetzung nur einem kleinen Teil der Bevölkerung nützt. Im Grunde handelt es sich also um zwei vorsätzlich herbeigeführte Fehleinschätzungen, die weitreichende Konsequenzen haben. Sie tragen nämlich entscheidend dazu bei, die bestehende Ordnung und ihre Machtstrukturen zu festigen und verhindern so, dass die Menschen diese Strukturen durchschauen – mit der Folge, dass sie dadurch unfähig werden, an den bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern.
Sehen wir uns beide Fehleinschätzungen deshalb etwas genauer an:
Fehleinschätzung Nr. 1: „Bei uns regiert das Volk“
In einem Obergeschoss des Berliner Hauptbahnhofs hängt ein Schild mit der Aufschrift „400 Meter von hier regiert das Volk“. Der Hinweis gilt dem südlich vom Bahnhof gelegenen Reichstagsgebäude, Sitz des deutschen Parlaments, und soll dem Betrachter ganz offensichtlich eine uns allen bekannte Botschaft vermitteln:
Wir leben in einem Gesellschaftssystem, in dem wir als Volk das Sagen haben. Und da das Volk zu groß ist, um als Ganzes regieren zu können, übergeben wir diese Aufgabe an sogenannte Volksvertreter. Die bestimmen wir, indem wir sie alle vier Jahre wählen. Sollten sie nicht so handeln, wie wir das von ihnen erwarten, dann können wir sie nach dem Ablauf ihrer Amtszeit wieder abwählen und durch andere ersetzen.
Diese Grundsätze der parlamentarischen Demokratie werden uns von Kindesbeinen an mit auf den Weg gegeben und im Verlaufe unseres Lebens durch eine Reihe weiterer Informationen ergänzt und untermauert. So erfahren wir unter anderem: Unsere Wahlen sind frei, gleich, geheim, allgemein und unmittelbar und werden auf der Grundlage einer Verfassung abgehalten, die unsere Würde für unantastbar erklärt und uns körperliche Unversehrtheit garantiert. Wir sind vor dem Gesetz alle gleich und haben das Recht, unsere Meinung zu äußern und uns mit anderen zum Zwecke gemeinsamer Meinungsäußerung zu versammeln.
Die Formulierungen erwecken in uns den Eindruck, dass es sich bei der parlamentarischen Demokratie um ein zu unser aller Gunsten entwickeltes System handelt, das den Einzelnen schützt, dem Gemeinwohl dient und dessen oberstes Ziel darin besteht, den Willen der Mehrheit der Bevölkerung in die Tat umzusetzen.
Doch ist das tatsächlich so? Wollen wir alle, dass immer weniger Menschen immer größere Vermögen anhäufen, während der Lebensstandard der Masse bestenfalls stagniert, in vielen Fällen sogar sinkt? Dass der Niedriglohnsektor explodiert, dass Arbeits- und Obdachlosigkeit um sich greifen? Dass von Jahr zu Jahr mehr Geld für Rüstung und den Ausbau von Sicherheitsapparaten ausgegeben wird, während am Bildungs- und Gesundheitswesen immer drastischer gespart wird? Sind wir dafür, dass die Umwelt zunehmend zerstört wird? Dass in unserem Namen Kriegseinsätze unterstützt werden? Dass Persönlichkeitsrechte abgebaut und wir alle immer stärker überwacht werden?
Wendet man sich direkt an die Menschen und fragt sie, was sie von dieser Entwicklung halten, dann fällt die Antwort eindeutig aus: Die meisten sind damit nicht einverstanden, viele lehnen sie sogar rundheraus ab.
Wie aber kann das sein? Wie kommt es, dass zwischen dem, was die Menschen wollen, und dem, was in ihrem Namen und auf Grund ihrer offensichtlich frei getroffenen Wahlentscheidung umgesetzt wird, ein solch krasses Missverhältnis besteht – in einer Gesellschaft, deren Verfassung doch besagt, dass alle Macht vom Volk ausgeht?
Wir lassen uns täuschen
Die Antwort auf diese Frage lautet: Wir lassen uns täuschen. Wir akzeptieren die wohlklingenden Formulierungen unserer Verfassung, die auf dem Gleichheitsgrundsatz basieren, und schließen daraus, dass wir alle nicht nur gleiche Rechte genießen und gleich behandelt werden, sondern dass wir alle gleich sind.
Das aber stimmt nicht. In einer vom Geld beherrschten Gesellschaft wie der unseren können die Menschen wegen ihrer Vermögensverhältnisse gar nicht gleich sein. Wer über viel Geld und großen Besitz verfügt, ist nämlich nicht nur wohlhabender, sondern kann sich auf Grund seiner wirtschaftlichen Überlegenheit über diejenigen, die weniger besitzen, erheben, sie von sich abhängig machen und sie im Extremfall sogar vollends beherrschen. Die Vermögensverhältnisse entscheiden also nicht nur darüber, wer reich und wer arm ist, sondern vor allem darüber, wer in welchem Ausmaß Macht ausüben kann und welche gesellschaftlichen Hierarchien sich im Lauf der Zeit bilden.
Diese Aufspaltung der Gesellschaft hat schon lange vor der Einführung des Parlamentarismus und sogar schon lange vor der Einführung des Geldes begonnen. Ihre Anfänge gehen auf die Tauschwirtschaft zurück. Sie ist die Grundlage, auf der sich ein Zustand entwickeln konnte, der die gesamte bisherige Geschichte der Menschheit prägt: die soziale Ungleichheit. Sie hat es den Menschen, die mehr Besitz angehäuft und damit mehr Macht erlangt haben als andere, ermöglicht, Strukturen zu schaffen, die ihren privilegierten Status festigen, die sie einmal erworbene Privilegien auf Dauer beibehalten und diese sogar auf nachfolgende Generationen übertragen lassen.
Im ausgehenden Mittelalter sind die Besitzer großer Vermögen noch einen Schritt weiter gegangen und haben sich das Geldsystem und damit den Blutkreislauf der Gesellschaft unterworfen, indem sie Banken gegründet und sich so das Recht der Geldschöpfung angeeignet haben. Später, nach der Gründung der Nationalstaaten, haben die von ihnen beherrschten Banken sich dieses Recht auf der Grundlage nationaler Währungen mit den Zentralbanken geteilt und damit als „Finanzwesen“ einen ganz eigenen Wirtschaftszweig geschaffen, der mit der Zeit immer einflussreicher wurde.
Da dem Rest der Bevölkerung nicht entging, dass auf diese Weise einige wenige zusehends reicher und mächtiger wurden, hat sich immer stärkerer Widerstand gegen diese Entwicklung gebildet. Als mit der Industrialisierung dann Schulen eingeführt, der Analphabetismus nach und nach überwunden und das allgemeine Bildungsniveau immer weiter angehoben wurde, nahm dieser Widerstand für die Privilegierten zunehmend bedrohlichere Formen an, sodass sie sich gezwungen sahen, Zugeständnisse zu machen.
Ein historisches Zugeständnis
Das historisch wichtigste Zugeständnis – und die zugleich geschickteste Täuschung der Öffentlichkeit – war die Einführung des Parlamentarismus. Indem die Gleichheit der Menschen in einer von Ungleichheit geprägten Welt zum Verfassungsgrundsatz erhoben wurde, entstand mit der parlamentarischen Demokratie eine Fassade, hinter der sich die tatsächlichen Machtstrukturen nicht nur hervorragend verbergen, sondern ungehindert weiter ausbauen ließen.
Das Prinzip dieser Täuschung ist im Grunde recht einfach: Man unterschlägt einen fundamental bedeutsamen Mechanismus, der die gesellschaftliche Realität seit Jahrhunderten prägt, und übertüncht ihn mit hochtrabenden Worten. So gibt es bis heute weltweit keine einzige parlamentarische Demokratie, in deren Verfassung die Bedeutung des Geldes für die Entstehung von Machtstrukturen erwähnt oder in der das Prinzip der Geldschöpfung auch nur angesprochen wird. Dafür aber wird in den meisten Verfassungen, verbrämt mit blumigen Formulierungen über die soziale Verpflichtung von Eigentum, der Schutz desselben garantiert – und zwar ohne jede Begrenzung nach oben.
Auf diese Weise ist eine Herrschaftsform entstanden, die sich vordergründig auf den Willen der Mehrheit des Volkes stützt, die aber tatsächlich einer Minderheit nützt und die es darüber hinaus geschafft hat, die soziale Ungleichheit in krassem Widerspruch zum offiziell beteuerten Gleichheitsgrundsatz zu einem akzeptierten und gesetzlich geschützten Dauerzustand werden zu lassen.
Fehleinschätzung Nr. 2: „Das Finanzsystem ist nur ein Teilbereich unserer Gesellschaft, den man nicht unbedingt verstehen muss.“
Die Fassade der parlamentarischen Demokratie hat es dem Finanzsektor ermöglicht, sich über Jahrhunderte hinweg weitgehend unkontrolliert zu entwickeln. Es sind aber noch zwei weitere Faktoren hinzugekommen, die ihm geholfen haben, beständig an Macht und Einfluss zu gewinnen: Zum einen hat die Bankenwelt im Laufe der Zeit eine eigene Fachsprache entwickelt, die Außenstehenden den Zugang erschwert und das Verständnis von Hintergründen und Zusammenhängen fast unmöglich macht. Zum anderen sind den meisten Menschen die Auswirkungen der Vorgänge im Finanzwesen auf das eigene Leben nicht bewusst.
Aus diesen Gründen nimmt das Finanzwesen in der Wahrnehmung der meisten Menschen bis heute einen eher untergeordneten Platz ein. Oft steht es auf einer Stufe mit anderen Teilbereichen der Gesellschaft wie dem Gesundheits- oder dem Ausbildungswesen, und in vielen Fällen erfährt es sogar noch weniger Aufmerksamkeit.
Diese Mischung aus Desinteresse und Unverständnis ist vom Finanzsektor im vergangenen halben Jahrhundert in historisch einmaliger Weise ausgenutzt worden und hat ihm dazu verholfen, von der internationalen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt zur stärksten Macht zu werden, die es jemals auf unserem Planeten gegeben hat – mit der Folge, dass unser gesamtes Leben heute bis ins kleinste Detail von den Vorgängen an den Finanzmärkten geprägt und beeinflusst wird.
Wie sind die Finanzmärkte so mächtig geworden?
Das gegenwärtige Finanzsystem ist am Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden und spiegelt noch immer die damaligen Machtverhältnisse wider. Zentraler Dreh- und Angelpunkt des Systems ist der US-Dollar, der 1944 zur globalen Leitwährung erklärt wurde und Ende der 1940er Jahre einen historischen Siegeszug um die Welt antrat, der als „Nachkriegsboom“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist.
Größter Nutznießer dieses Wirtschaftsaufschwungs waren die amerikanischen und europäischen Banken, die die Wirtschaft mit Krediten versorgten und daran glänzend verdienten. Als der Boom in der Mitte der 1970er Jahre zu Ende ging, ging aber auch die Nachfrage nach Krediten zurück, so dass die Banken sich nach anderen Verdienstmöglichkeiten umzusehen begannen.
Auf Grund ihrer in den vorangegangenen Jahrzehnten gewonnenen finanziellen Macht drängten sie die Politik, die rechtlichen Vorschriften für den Bankensektor zu lockern und ihnen so neue Profitquellen zu eröffnen. Das Drängen hatte Erfolg und setzte einen Prozess in Gang, der heute als Deregulierung bekannt ist und das Gesicht der Weltwirtschaft von Grund auf verändert hat.
Einer der wichtigsten Meilensteine der Deregulierung war die Zulassung von Hedgefonds. Dabei handelt es sich um Vermögensverwaltungen einer ultrareichen Klientel, die wie Banken arbeiten dürfen, ihren gesetzlichen Vorschriften aber nicht unterliegen. Dieser Schritt war die größte Machterweiterung, die die Banken in ihrer über 500-jährigen Geschichte erlebt hatten, denn er ermöglichte es ihnen, eigene Hedgefonds zu gründen und fortan all die Geschäfte zu betreiben, die ihnen zuvor verboten waren.
Die Zugeständnisse an die Finanzindustrie gingen allerdings noch weiter. Im Zuge der Deregulierung wurden auch Aktienrückkäufe, die zuvor als unlauteres Instrument zur Kursmanipulation verboten waren, erlaubt. In den angelsächsischen Ländern wurde das Trennbankensystem abgeschafft, das nach dem Börsencrash von 1929 zum Schutz von Bankkunden eingeführt worden war. Rund um die Welt wurden immer neue Steueroasen geschaffen, Briefkastenfirmen zugelassen und Bilanzvorschriften gelockert.
Besonders wichtig war die Einführung immer neuer Finanzprodukte, insbesondere von Derivaten. Auch wenn diese historisch einmal zur Absicherung von Risiken erfunden worden sind, handelt es sich bei ihnen in ihrer heutigen Form zum weitaus überwiegenden Teil um nichts anderes als um Wetten, mit denen Investoren auf zukünftige Preise, Kurse oder Zinssätze setzen. Ihr Umfang ist im vergangenen Vierteljahrhundert exponentiell gewachsen und nimmt heute den mit Abstand größten Platz im gesamten globalen Finanzgefüge ein.
Die Folge dieser Maßnahmen war ein ungezügeltes Wachstum des Finanzsektors, das zur „Finanzialisierung“ der gesamten Weltwirtschaft führte. Geld, das vorher in Form von Investitionen in die industrielle Produktion geflossen war, wanderte in immer größerer Menge in den Finanzsektor. Während die Realwirtschaft zu verkümmern begann, nahm die Spekulation an den Finanzmärkten exponentiell zu und verwandelte sie in ein globales Casino, in dem mit den Wetteinsätzen auch die Risiken immer weiter anstiegen.
Mehrere Beinahe-Zusammenbrüche – mit immer schlimmeren Folgen
Das blieb nicht ohne Folgen. 1998 geriet das globale Finanzsystem zum ersten Mal an den Rand des Zusammenbruchs, weil sich ein amerikanischer Hedgefonds im internationalen Währungsgeschäft verspekuliert hatte. Damals tat sich eine Gruppe von Großbanken zusammen und rettete das System und damit sich selbst durch einen Feuerwehreinsatz, der etwa vier Milliarden Dollar kostete.
2007/08 kam es zum zweiten Beinahe-Zusammenbruch. Diesmal waren die Folgen erheblich schlimmer. Die Summen, um die es ging, waren so hoch, dass die Banken überfordert waren und die Regierungen eingreifen mussten. Da deren Haushalte aber auch nicht ausreichten, um das System dauerhaft zu stabilisieren, sprangen anschließend die Zentralbanken ein und hielten es künstlich am Leben, indem sie immer mehr Geld schufen und es zu immer niedrigeren Zinsen vergaben.
In der Eurokrise verschärften sich die Probleme noch einmal, denn nun mussten nicht nur Finanzinstitute, sondern ganze Staaten vor dem Zusammenbruch gerettet werden. Den vorläufigen Höhepunkt bildete 2020 die Corona-Krise, in deren Verlauf die Weltwirtschaft zum ersten Mal in ihrer Geschichte zum Stillstand gebracht wurde – mit der Folge, dass der globale Schuldenstand astronomisch in die Höhe schoss und das System nur noch mittels einer nie dagewesenen Geldschwemme am Leben erhalten werden konnte.
Jede dieser Krisen hat den Prozess der Vermögens- und damit der Machtkonzentration weiter vorangetrieben und gleichzeitig ein neues, unüberwindbares Problem geschaffen: Die Mittel, die zur Rettung des Systems eingesetzt werden können, sind weitgehend ausgeschöpft. Da die Verantwortlichen in der nächsten Krise dennoch gezwungen sein werden zu reagieren, wird ihnen nichts anderes übrig bleiben als die Zinsen in den Negativbereich zu senken, noch mehr Geld zu mobilisieren, die Inflation anzuheizen und das System so noch stärker zu destabilisieren.
Damit aber ist die Welt an einem Wendepunkt angekommen, denn das System lässt sich auf Dauer nur noch durch solche Maßnahmen am Leben erhalten, die seine Grundlagen zerstören. Der Finanzsektor, der einmal aus der Realwirtschaft hervorgegangen ist, gleicht mittlerweile einem Tumor, der seinem Wirt nach und nach alle Lebenskraft entzieht und inzwischen ein Stadium erreicht hat, in dem nur noch seine radikale Entfernung helfen kann, den Wirt am Leben zu erhalten.
Diese Rettung aber erfordert die Bereitschaft des Wirtes, sich retten zu lassen und die wiederum setzt voraus, dass der Wirt erkennt, dass sein schlechter Zustand auf den Tumor zurückzuführen ist. Auf unsere Gesellschaft bezogen, bedeutet das: Die Mehrheit der Menschen muss erkennen, dass die soziale Misere, vor allem die seit Jahren anhaltende kontinuierliche Senkung ihres Lebensstandards, aber auch der kulturelle Verfall und die zunehmende Unterwerfung der Gesellschaft unter autoritäre politische Strukturen ihre Ursachen im gegenwärtigen Finanzsystem hat.
Wir stehen also vor einer historischen Herausforderung, denn diejenigen, die das gegenwärtige System beherrschen, haben in der Vergangenheit deutlich gezeigt, dass sie nicht bereit sind, ihren Machtanspruch freiwillig aufzugeben. Natürlich werden sie bei der Verteidigung ihrer Privilegien auch bereit sein, Gewalt anzuwenden. Der größte Trumpf aber, den sie in der Hand halten, ist nicht materieller, sondern ideeller Natur: Es handelt sich um die Unwissenheit der breiten Masse, wenn es um die Funktionsweise des Systems geht.
So lange diese Unwissenheit bestehen bleibt, wird die Menschheit sich aus der Sackgasse, in der sie sich gegenwärtig befindet, nicht befreien können. Die wichtigste Voraussetzung für die Errichtung eines wirklich demokratischen und von der Allgemeinheit getragenen Finanzsystems besteht deshalb darin, diese Unwissenheit zu beseitigen.
1. Finanzmärkte
Dieser Beitrag ist auch als Video verfügbar. Zum Link: https://kenfm.de/the-wolff-of-wall-street-die-finanzmaerkte/
Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht etwas von „den Finanzmärkten“ hört. Eine der meistgestellten Fragen im Nachrichtenbereich lautet: „Was sagen die Finanzmärkte dazu?“ Aber worum genau handelt es sich bei diesen Finanzmärkten? Wie sind sie entstanden? Und vor allem: Warum wird ständig von ihnen gesprochen?
Fangen wir mit einer Begriffsklärung an: Märkte sind Handelsplätze, auf denen Waren den Besitzer wechseln. Finanzmärkte sind also Handelsplätze, auf denen Finanzprodukte den Besitzer wechseln. Unter Finanzprodukten verstehen wir alles, was man kaufen kann, wenn man sein Geld anlegen und es vermehren möchte, ohne selbst dafür zu arbeiten.
Aktien und Anleihen zum Beispiel sind klassische Finanzprodukte. Wer eine Aktie kauft, wird zum Gesellschafter eines Unternehmens und ist an seinem Gewinn oder Verlust beteiligt. Wer eine Anleihe kauft, leiht einem Unternehmen Geld und erhält dafür Zinsen. Aktien und Anleihen dienen also dazu, Unternehmen mit Geld zu versorgen, damit sie erfolgreich arbeiten können. Solche klassischen Finanzprodukte fördern die Realwirtschaft.
In den vergangenen drei Jahrzehnten allerdings hat eine bestimmte Art von Finanzprodukten einen kometenhaften Aufstieg erlebt, die diesen Effekt nicht haben: die Derivate. Derivate sind Termin-Kontrakte, mit denen man auf steigende oder fallende Preise, Kurse oder Zinsen setzt – im Grunde also nichts anderes als Wetten. Mit ihnen kann man innerhalb von kurzer Zeit sehr hohe Gewinne erzielen oder auch sehr hohe Verluste erleiden. Nur eines kann man nicht: die Realwirtschaft fördern. Obwohl Derivate historisch zur Eingrenzung von Risiken entstanden sind, dienen sie in ihrer heutigen Form fast ausschließlich der Bereicherung von Spekulanten. Und nicht nur das: Sie schaden der Realwirtschaft, indem sie ihr Geld entziehen und einzelne Marktteilnehmer – zum Beispiel durch Wetten auf fallende Kurse – vom Unglück anderer profitieren lassen. Außerdem begünstigen Derivate Profizocker und Ultrareiche. Wer über Insider-Informationen verfügt, kann natürlich besser auf kommende Entwicklungen wetten als der, der sie nicht hat. Und wer sehr viel Geld hat, kann seine Marktmacht gezielt einsetzen und so dafür sorgen, dass die eigene Wette aufgeht. Der Derivate-Markt ist in den vergangenen drei Jahrzehnten geradezu explodiert und nimmt heute innerhalb der Finanzmärkte den mit Abstand größten Raum ein.
Das heißt: Die Finanzmärkte von heute dienen in der Hauptsache nicht mehr der Förderung der Realwirtschaft, sondern führen ein Eigenleben, das einem riesigen Spielcasino gleicht – mit dem Nebeneffekt, dass es der Realwirtschaft auch noch schadet. Weil die riesigen Summen, die in diesem Casino verdient werden, zum größten Teil erneut in die Spekulation fließen, haben sie auch dazu beigetragen, die anderen Sektoren – also die Aktien-, Anleihen- und Devisenmärkte – weiter aufzublähen. Das Ergebnis: Wir haben es heute an den Finanzmärkten mit der größten Blase aller Zeiten zu tun. Das ist natürlich auch denen nicht entgangen, die das globale Finanzsystem steuern – nämlich den Zentralbanken. Um das Platzen dieser Mega-Blase zu verhindern, versuchen sie seit einiger Zeit, ihre Geldpolitik zu straffen, das heißt, weniger Geld ins System zu pumpen und die Zinsen anzuheben. Dabei stoßen sie aber auf ein gewaltiges Problem: Die niedrigen Zinsen der Vergangenheit haben Staaten, Unternehmen und Privathaushalte dazu verführt, sich immer mehr Geld zu leihen und den höchsten Schuldenberg aller Zeiten anzuhäufen. Schulden müssen aber bedient werden, und das wird durch eine Verringerung der Geldmenge bei gleichzeitiger Erhöhung des Zinssatzes erschwert.
Die Finanzmärkte befinden sich deshalb in einer historischen Sackgasse: Setzen die Zentralbanken die Straffung der Geldpolitik fort, treiben sie immer mehr Schuldner in die Zahlungsunfähigkeit, reißen sie das Ruder herum und pumpen noch mehr Geld zu noch niedrigeren Zinsen ins System – wächst die Mega-Blase weiter. Also: Wer auch immer über „die Finanzmärkte“ spricht, der spricht von einem System, das sich von einem Förderer der Realwirtschaft zu einem riesigen Parasiten entwickelt hat und das sich inzwischen auf Grund seiner schieren Größe mit herkömmlichen Methoden nicht mehr beherrschen lässt.
2. Zentralbanken
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Wenn wir an Banken denken, dann an Einrichtungen, bei denen wir ein Konto eröffnen, wo wir uns einen Kredit holen oder auch ein Schließfach zur Aufbewahrung von Wertsachen einrichten können. Es gibt allerdings eine Art von Bank, bei der das alles nicht möglich ist: Die Zentralbank, auch Notenbank genannt. Eine Zentralbank unterhält keine Filialen, in denen Kundenverkehr herrscht, und sie steht Privatpersonen auch online nicht zur Verfügung. Es gibt aber jemanden, für den die Zentralbank jederzeit da ist: die Geschäftsbanken. Sie dürfen bei der Zentralbank Konten einrichten, sich Kredite holen und auch dort ihr Geld aufbewahren lassen. Das heißt: Die Zentralbank ist eine Bank nur für Banken. Und sie hat einen besonderen Status. Sie genießt nämlich zwei Rechte, die den Geschäftsbanken vorenthalten sind: Sie darf unbegrenzt aus dem Nichts heraus neues Geld schöpfen und ins System einspeisen und sie darf den Leitzins – also den Zinssatz, zu dem sie dieses Geld an die Geschäftsbanken verleiht – festlegen.
Die Zentralbank steht also über den Banken und hat auf Grund ihrer Privilegien eine Art Steuerungsfunktion für die Geldwirtschaft. Da es sich heute bei den meisten Zentralbanken um staatliche Einrichtungen handelt, glauben viele Menschen, dass es sich bei ihnen um eine Art Kontrollinstanz handelt, mit der das Bankgewerbe vom Staat reguliert und beaufsichtigt wird. Das aber stimmt nicht – und das lässt sich am besten anhand der Geschichte belegen.
Die ersten Zentralbanken sind nämlich nicht vom Staat geschaffen worden, sondern von Bankern und Kaufleuten, und zwar ausschließlich zum Zweck der persönlichen Bereicherung. Dabei wurde allerdings in allen Fällen eine Art Abkommen zwischen ihnen und der Politik geschlossen. Die Bank of England zum Beispiel wurde 1694 von vermögenden Kaufleuten gegründet, die dem König einen Kredit zur Kriegsführung gewährt haben. Auch die schwedische und die französische Zentralbank sind auf ähnliche Weise – durch Kreditvergabe zur Kriegsführung – entstanden. Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve wurde 1913 von den damals reichsten Bankern der Wall Street in geheimer Zusammenarbeit mit einigen wenigen hochrangigen Politikern gegründet.
Die Zentralbanken gehen also in ihren historischen Anfängen auf ein Zusammenspiel von Bankern und Regierungen zurück. Profitiert haben davon beide: Die Banker haben das Recht zur Geldschöpfung erhalten, die Regierungen haben sich im Gegenzug eine Geldquelle geschaffen, aus der sie sich jederzeit bedienen können. Das klingt jetzt so, als hätten wir es hier mit zwei gleichberechtigten Partnern zu tun. Aber das stimmt nicht ganz: Wenn der eine Partner – die Politik – sich vom anderen Geld besorgen kann, der andere – die Zentralbank – es aber schöpfen darf – wer ist dann wohl der mächtigere? Genau: Mit den Zentralbanken haben sich die Banker Organisationen geschaffen, die sie über die Politik, über Regierungen und damit über den Rest der Gesellschaft erheben. In einer Welt, in der das Geld regiert, ist selbstverständlich derjenige der Mächtigste, der dieses Geld schaffen kann.
Was bedeutet das für uns? Vor allem eines: Der Satz: „In einer Demokratie geht alle Macht vom Volke aus“, den wir alle in der Schule gelernt haben, ist einfach nicht richtig. Die wahre Macht in unserer Zeit haben nicht wir, sondern die Banken und ihre oberste Interessensvertretung – die Zentralbank. Das hat sich übrigens sehr deutlich in der Krise von 2007/2008 gezeigt. Das globale Finanzsystem war damals am Ende, musste reanimiert und anschließend am Leben erhalten werden. Diese Aufgabe haben Regierungen und Zentralbanken Hand in Hand übernommen. Die Regierungen haben diverse Großbanken mit Steuergeldern vor dem Bankrott gerettet, und die Zentralbanken haben anschließend das Geld geschöpft, mit dem die in den Haushalten entstandenen Löcher gestopft wurden.
Da das aber nicht ausgereicht hat, sind die Zentralbanken noch weiter gegangen und haben Dinge getan, die sie früher niemals getan hätten: Um bankrotte Staaten am Leben zu erhalten, haben sie deren Staatsanleihen gekauft, um maroden Unternehmen unter die Arme zu greifen, haben sie deren faule Kredite und toxische Papiere übernommen. Außerdem haben sie ihnen Anleihen, Aktien und sogar Verbriefungen abgekauft – also genau die Finanzinstrumente, die das System 2008 an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben. Auf diese Weise sind die Zentralbanken nicht nur zur wichtigsten Stütze des Systems geworden, sondern vor allem zu seinen größten Manipulatoren. Nicht etwa, dass sie die Finanzindustrie im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung in die Schranken weisen, nein, sie tun alles, um das bestehende System so lange wie möglich am Leben zu erhalten – mit der Folge, dass eine winzige Minderheit den eigenen Reichtum auch weiterhin fast ungehemmt vermehren kann.
3. Derivate
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Die Weltwirtschaft wird seit einigen Jahrzehnten vom Finanzsektor beherrscht. Dieser Finanzsektor ist inzwischen um ein Vielfaches größer als die Realwirtschaft. Und den größten Raum innerhalb dieses Finanzsektors nehmen die Derivate ein. Es waren solche Derivate, die das globale Finanzsystem 1998 und 2008 beinahe zum Einsturz gebracht haben und die es auch heute wieder bedrohen. Derivate betreffen also nicht nur das Finanzsystem, sondern uns alle.
Das Wort Derivat kommt von dem lateinischen Verb „derivare“ und bedeutet „ableiten“. Derivate bezeichnen daher Finanzprodukte, deren Preis sich vom Preis eines anderen Produktes ableitet. Bei diesem anderen Produkt, das man als Basiswert bezeichnet, kann es sich um alles Mögliche handeln – z.B. einen Rohstoff, einen Aktienkurs oder auch einen Zinssatz. Zu den Derivaten zählen u.a. Swaps, Futures, Forwards und Options – alles Begriffe, die dem Laien herzlich wenig sagen, die aber eines gemeinsam haben: Es handelt sich um sogenannte Termin-Kontrakte. Bei einem Termin-Kontrakt setzt man darauf, dass ein Basiswert entweder steigt oder fällt. Das heißt, ein Derivat ist im Grunde nichts anderes als eine Wette.
Um zu verstehen, wie diese Derivate entstanden sind, und wie sie so wichtig werden konnten, muss man sich die Weltwirtschaft einfach einmal als einen Großmarkt vorstellen, auf dem Bauern ihre Waren anbieten, Zwischenhändler diese Waren aufkaufen und sie anschließend an Einzelhändler weiterverkaufen. Neben diesem Großmarkt befindet sich eine Bank, die das klassische Bankgeschäft betreibt, also Kredite vergibt. Das Geschäft dieser Bank läuft so lange gut, bis eines Tages die Bauern genügend Felder haben, die Zwischenhändler ausreichend Autos besitzen und die Einzelhändler ihre Läden abbezahlt haben.
Nun gerät aber die Kreditvergabe der Bank ins Stocken. Die Bauern brauchen zwar ab und zu neue Landmaschinen, die Zwischenhändler hin und wieder neue Autos und die Einzelhändler bauen ihre Läden ab und zu um, aber das große Geschäft ist für die Bank nicht mehr zu machen. In dieser Situation kommt der Banker auf eine Idee: Er eröffnet auf dem Großmarkt einen eigenen Stand und bietet Wetten an. Zuerst lässt er die Leute darauf setzen, ob an einem Tag mehr Äpfel oder mehr Kartoffeln verkauft werden. Dann lässt er sie wetten, welche Apfelsorte wohl am besten verkauft wird. Das Geschäft entwickelt sich so gut, dass der Banker immer neue, immer weiter verfeinerte Wetten auflegt: Werden rote oder grüne Äpfel, inländische oder ausländische, solche mit großem oder mit kleinem Kerngehäuse besser verkauft? Tatsächlich geht der Plan des Bankers auf: Immer mehr Bauern und Händler, aber auch Kunden des Marktes nehmen am Wettgeschäft teil. Kein Wunder, denn Wetten ist einfach, erfordert keine Arbeit, sondern nur den Wetteinsatz. Außerdem lassen sich schnell hohe Gewinne machen.
Das Ganze hat aber auch eine Kehrseite: Mit der Zeit vernachlässigen immer mehr Bauern und Händler ihre eigentliche Tätigkeit, die Qualität der Waren auf dem Großmarkt lässt nach und schließlich beginnen einige Bauernhöfe, Fuhrparks und Einzelhandelsgeschäfte zu verfallen. Außerdem hat die entstandene Wettsucht noch eine weitere Folge: Diverse Bauern und Händler verzocken sich und gehen pleite. Einige wenige dagegen – die sich aufs Wetten konzentrieren – machen Riesengewinne und verabschieden sich aus ihren Berufen, um Profi-Zocker zu werden. Der größte Gewinner aber – und das ist das alles Entscheidende – ist die Bank, die ja von Anfang an an jeder einzelnen Wette verdient hat und auf Grund ihres Informationsvorsprungs am Ende alle Beteiligten beherrscht, und das Spiel grenzenlos zum eigenen Vorteil manipulieren kann.
Genau das ist die Situation, in der wir uns heute weltweit befinden: Die Ausuferung von Derivaten hat dazu geführt, dass die Realwirtschaft verkümmert und das Wettcasino sich dreht wie nie zuvor. Mit dem Ergebnis, dass eine winzige Anzahl von Menschen – Banker & Profi-Zocker – immer reicher werden und das Geschehen bestimmen, während die große Masse hilflos zusehen muss, wie ihr Lebensstandard nach und nach immer weiter sinkt.
4. Kreditausfall-Versicherung
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Viele werden jetzt fragen: Warum sollte man sich mit so etwas Speziellem beschäftigen? Ist das nicht nur etwas für Insider und Finanzfachleute? Nein, das ist es nicht, und zwar aus folgendem Grund: Kreditausfallversicherungen haben bereits zweimal entscheidend dazu beigetragen, dass das globale Finanzsystem fast in sich zusammengebrochen wäre, und zwar 1998 und 2008. Und das sogar nach eindringlichen Warnungen: Der amerikanische Großinvestor Warren Buffett hat sie nämlich bereits vor mehr als 20 Jahren als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet; wie wir heute wissen zu Recht.
Kreditausfallversicherungen, auf Englisch „credit default swaps“ (kurz CDS) genannt, zählen zu den Derivaten und wurden in den 1990er Jahren von einer JPMorgan-Bankerin namens Blythe Masters erfunden. Um zu verstehen, wie sie funktionieren, stellen wir uns einmal Folgendes vor:
Wir haben einiges Geld auf der Bank und wollen eine bestimmte Summe davon einem Unternehmen als Kredit zur Verfügung stellen. Dazu schließen wir mit dem Unternehmen einen Vertrag ab, in dem die Höhe des Kredites, seine Laufzeit und ein bestimmter Zinssatz, den das Unternehmen an uns zu zahlen hat, vereinbart werden. Dann aber beschleicht uns der Gedanke, dass wir ja in unruhigen Zeiten leben und niemand uns garantieren kann, dass das Unternehmen nach der vereinbarten Laufzeit tatsächlich in der Lage sein wird, uns unser Geld samt Zinsen auszuzahlen. Was tun wir also? Wir gehen zu einer Bank und lassen uns den Kredit versichern. Das heißt: Wir zahlen der Bank einen bestimmten Betrag, und die Bank garantiert uns im Gegenzug, dass wir das Geld selbst dann bekommen, wenn das Unternehmen während der Laufzeit des Kredits pleitegehen sollte. Das alles sind klare Abmachungen, die niemandem schaden, sondern allen Beteiligten nützen und sie ruhig schlafen lassen.
Nun aber kommen Blythe Masters und ihr Team von JPMorgan ins Spiel: Ihre Kreditausfallversicherung, die CDS, kann nämlich nicht nur vom Kreditgeber, sondern von jeder beliebigen Person oder Institution, die nicht an der Kreditvergabe beteiligt war, abgeschlossen werden – und das nicht nur bei einer Bank, sondern bei beliebig vielen Banken.
Was bedeutet das? Das bedeutet, dass Profis im Finanzgewerbe, die mehr Informationen besitzen als andere Marktteilnehmer, sich umgehend auf die Suche nach Unternehmen machen, von denen sie annehmen, dass sie ihre Kredite möglicherweise nicht zurückzahlen können. Das allein hat schon erhebliche Folgen: Es bewirkt nämlich, dass sich der Schaden im Fall des tatsächlichen Zusammenbruchs eines betroffenen Unternehmens vervielfacht, da die Ausfallversicherungen ja nicht nur an den Kreditgeber, sondern auch an all diejenigen, die Kreditausfallversicherungen abgeschlossen haben, ausgezahlt werden müssen.
Es geht aber noch weiter: Statt auf die Zahlungsunfähigkeit eines Unternehmens zu warten oder darauf zu hoffen, können Großinvestoren auf Grund ihrer Marktmacht sogar nachhelfen: Sie können den Untergang eines Unternehmens nämlich beschleunigen oder im Extremfall sogar selbst herbeiführen. Wer also über sehr viel Geld verfügt, kann folgendermaßen vorgehen: Er sucht sich ein Unternehmen, das nicht auf festen Beinen steht, schließt massenweise Kreditausfallversicherungen darauf ab, kauft es anschließend auf, schlachtet es aus und treibt es in den Ruin. Die Folge: Das Unternehmen ist bankrott, Arbeitsplätze gehen unwiederbringlich verloren, aber der Verursacher der Misere streicht ein Vermögen ein.
Genau das ist 1998 im Fall des amerikanischen Hedgefonds LTCM passiert. Als er in Schwierigkeiten geriet, wurden so viele Kreditausfallversicherungen auf ihn abgeschlossen, dass ihre Auszahlung das Finanzsystem ins Wanken gebracht hätte. Um es am Leben zu erhalten, sprangen damals zahlreiche Wall-Street-Banken ein und retteten den Hedgefonds. 2008 geriet dann der amerikanische Versicherungsgigant AIG ins Trudeln, weil er die von ihm verkauften CDS nicht mehr bedienen konnte. In diesem Fall waren die erforderlichen Summen aber so hoch, dass die Banken überfordert waren und die Regierung und die Zentralbank einspringen mussten, um das entstandene Loch zu stopfen.
Die beiden Fälle zeigen: Kreditausfallversicherungen sind nicht nur volkswirtschaftlich schädlich und zerstörerisch, weil sie einzelnen Marktteilnehmern erlauben, sich zum Nachteil anderer zu bereichern, sie sind auch höchst gefährlich, da sie das Potenzial haben, das gesamte System zum Einsturz zu bringen. Trotzdem ist bis heute nichts gegen die Kreditausfallversicherungen unternommen worden. Im Gegenteil, ihr Umfang hat zugenommen und es gibt sogar sogenannte Geier-Hedgefonds, die sich auf ihren Einsatz spezialisiert haben.
Deshalb lautet die Frage, vor der wir heute stehen, nicht: Wird es einen weiteren Fall wie 1998 oder 2008 geben? Sondern: Wann wird dieser Fall eintreten?
5. Petrodollar
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1973 kam es im Nahen Osten zwischen einer Koalition aus arabischen Staaten einerseits und Israel andererseits zum Yom-Kippur-Krieg, den Israel gewann. Als Vergeltung für die Unterstützung Israels durch den Westen reagierten die arabischen Staaten mit einer Drosselung der Ölfördermengen und drastischen Öl-Preiserhöhungen von bis zu 400 Prozent. Das führte in den Industrieländern zu erheblichen Problemen, machte aber auch deutlich, welche Bedeutung das Öl für die gesamte Welt hatte. Vor allem aber brachte es die Regierung in Washington auf eine Idee: Da der Dollar nach der 1971 erfolgten Abkoppelung vom Gold ja an keinen festen Wert mehr gebunden war, konnte man ihn vielleicht an die meist gehandelte Ware der Welt, nämlich das Öl, binden. Aber wie?
Die Idee zur Lösung des Problems kam vom damaligen US-Außenminister Henry Kissinger. Er nahm 1974 Kontakt mit Saudi-Arabien auf, das innerhalb der OPEC (Organisation erdölexportierender Länder) den Ton angab, und machte den Vertretern der dort herrschenden Monarchie folgende zwei Angebote:
Die Regierung in Washington würde dafür sorgen, dass Saudi-Arabien von seinen Feinden, insbesondere von Israel und Syrien, in Ruhe gelassen würde.
Die Regierung in Washington würde außerdem dafür sorgen, dass Saudi-Arabien ab sofort in unbegrenztem Umfang US-amerikanische Waffen beziehen könnte.
Als Gegenleistung forderte Kissinger vom saudischen Königshaus, innerhalb der OPEC dafür zu sorgen, Öl weltweit nur noch in Dollar zu handeln und die eigenen Gewinne größtenteils in US-Staatsanleihen anzulegen.
Das Königshaus Saud sah das Ganze als Win-Win-Situation und willigte sofort ein. Der Petrodollar war geboren und in den USA rieb sich die Finanzelite die Hände: Nachdem sie den Dollar 1944 bereits zur globalen Leitwährung gemacht hatten, verhalf die US-Regierung ihm nun – dreißig Jahre später – durch das Abkommen mit Saudi-Arabien auch noch zum Status der weltweit wichtigsten Reservewährung – ein Status, der den Dollar stärker als je zuvor gemacht hat. Denn da alle Länder der Erde zur Energieproduktion auf Öl angewiesen sind, müssen ihre Zentralbanken seit der Mitte der 1970er Jahre große Mengen an US-Dollar vorhalten, und zwar bis heute. 2018 bestanden die Währungsreserven aller Zentralbanken der Welt zu fast zwei Dritteln aus US-Dollar. Der Petro-Dollar ist damit ein enormes Druckmittel in den Händen der USA. Wie wichtig ihnen diese Funktion ist, zeigt sich immer dann, wenn er in Gefahr gerät. Der Irak und Libyen zum Beispiel wurden nicht etwa deshalb bombardiert, weil sie Massenvernichtungswaffen besaßen oder Massaker an der eigenen Bevölkerung zuließen, sondern weil ihre Regierungen den Petrodollar infrage stellten – Saddam Hussein, indem er sein Öl für Euro verkaufte, und Muammar Gaddafi, indem er den Petrodollar durch einen goldgedeckten nordafrikanischen Dinar ersetzen wollte.
Trotz dieser Kriege hat sich die Situation für den Petrodollar inzwischen allerdings weiter verschlechtert, und das hauptsächlich durch die Aktivitäten dreier Länder, die mit militärischen Mitteln nicht so einfach zu unterjochen sind wie der Irak und Libyen: Nämlich Iran, Russland und China.
Vor allem China spielt dabei eine wichtige Rolle: Das Land ist mittlerweile die größte Handelsnation der Erde und seine Währung, der Yuan, gewinnt zusehends an Bedeutung. Nach langem Zögern hat China inzwischen seine Zurückhaltung gegenüber dem Petrodollar abgelegt und nach diversen Handelsverträgen mit Partnern wie Russland und Iran im März 2018 sogar offiziell einen eigenen Terminhandel mit Rohöl in Yuan begonnen. Außerdem hat China in den vergangenen Jahren sehr große Goldvorräte angelegt, mit denen es die eigene Währung möglicherweise hinterlegen könnte. Noch ist es nicht so weit, denn noch ist China selbst vom US-Dollar abhängig, weil es US-Staatsanleihen in Höhe von mehr als einer Billion US-Dollar hält. Aber es ist bereits abzusehen, dass die Zeit des Petrodollars abläuft. Das bedeutet für die gesamte Welt allerdings eine große Gefahr. Sieht man nämlich in die Geschichte zurück, so hat noch kein Land freiwillig auf seine Macht und seinen Einfluss verzichtet.
Genau das dürfte der Grund sein, warum die USA derzeit aufrüsten wie seit langem nicht, warum sie immer mehr Militärs in die Regierung berufen und warum sie vor allem im Südchinesischen Meer immer wieder zündeln und provozieren.
6. Bretton Woods
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Der Zweite Weltkrieg von 1939 bis 1945 hat die Machtverhältnisse auf unserem Planeten grundlegend verändert. Vor dem Krieg hatte Großbritannien mehrere hundert Jahre lang mit seinem Kolonialreich – dem britischen Empire – einen Großteil der Welt beherrscht und das britische Pfund zur weltweit wichtigsten Währung gemacht. Damit war es am Ende des Zweiten Weltkrieges vorbei. Großbritannien war hoch verschuldet, die Wirtschaft lag am Boden und der Zerfall des Empires war nur noch eine Frage der Zeit.
Gleichzeitig hatte ein anderes Land einen kometenhaften Aufstieg hinter sich: Die USA verfügten über die stärkste Wirtschaft, die größten Goldvorräte, das schlagkräftigste Militär und besaßen als erstes und damals einziges Land die Atombombe. Die USA hatten allerdings ein Problem: Die Überproduktion. Die amerikanische Wirtschaft produzierte mehr Waren, als der heimische Markt aufnehmen konnte. Was sie also brauchten, waren Märkte, auf denen sie diese Waren loswerden konnten. Zu diesem Zweck fasste die Regierung in Washington einen Plan. Im Sommer 1944 lud sie die Vertreter von 42 Ländern zu einer Konferenz nach Bretton Woods, einem kleinen exklusiven Skiort an der amerikanischen Ostküste. Heute wissen wir, dass das Ganze im Grunde nur eine Schauveranstaltung war: Die Vertreter der USA und Großbritanniens hatten sich nämlich in den Jahren zuvor mehrmals zu Geheimverhandlungen getroffen und die wichtigsten Beschlüsse längst festgelegt.
Auf der Konferenz von Bretton Woods tat die US-Regierung etwas, was keine Regierung je zuvor getan hatte: Sie machte die eigene Währung zur weltweiten Leitwährung. Dazu wurde der US-Dollar an Gold gebunden, und zwar zum Preis von $ 35 je Feinunze. Außerdem wurden alle anderen Währungen der Welt zu festen Wechselkursen an den Dollar gebunden. Das Ergebnis dieser Beschlüsse war, dass die USA in den folgenden Jahrzehnten fast alle Märkte der Welt – mit Ausnahme der Planwirtschaften der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten – mit ihren Waren und ihrer Währung überschwemmen konnten. Ganz wesentlich ist dabei folgender Punkt: Obwohl der Dollar globale Leitwährung wurde, gab es auch nach 1944 nur eine einzige Organisation, die ihn schaffen durfte – die 1913 gegründete US-Zentralbank Federal Reserve, die sich bis heute im Besitz der reichsten Bankiersfamilien der USA befindet. Das heißt: Das Bretton-Woods-System hat einer kleinen Gruppe sehr wohlhabender Menschen in den USA dazu verholfen, das globale Finanzsystem der eigenen Währung zu unterwerfen und sich auf diese Weise weltweit in einem nie dagewesenen Ausmaß zu bereichern.
Dieser undemokratische – oder besser gesagt anti-demokratische – Charakter des Bretton-Woods-Systems ist übrigens kein Zufall: Die Idee zu einer globalen Leitwährung stammte nämlich gar nicht aus den USA, sondern von einem deutschen Nationalsozialisten. Der Mann hieß Walther Funk, war unter Adolf Hitler Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident und hatte in den 1930er Jahren den Plan entwickelt, die Reichsmark zur weltweiten Leitwährung zu machen.
Etwa 20 Jahre nach der Konferenz von Bretton Woods – Mitte der 1960er Jahre – zeigte sich, dass das System einen entscheidenden Schwachpunkt hatte: Dadurch, dass immer mehr US-Dollars gedruckt wurden und in aller Welt kursierten, die Goldmenge in den Tresoren der USA aber nur sehr langsam wuchs, entstand zwischen Dollar und Gold ein immer größeres Missverhältnis. Das ließ Investoren und Regierungen aufhorchen, weil sie fürchteten, dass zum Ausgleich dieses Missverhältnisses das Gold aufgewertet und der Dollar abgewertet werden könnte. Deshalb begannen sie, ihre Dollars in immer größeren Mengen in Gold umzutauschen – so lange, bis die Lage kritisch wurde und die USA einfach nicht mehr genug Gold besaßen, um die Nachfrage zu befriedigen.
Aus diesem Grund zog US-Präsident Nixon im August 1971 die Notbremse und verkündete die Abkoppelung des Dollars vom Gold. Das war eine für das globale Finanzsystem überaus wichtige Entscheidung, denn damit fiel nicht nur einer der beiden Eckpfeiler des Bretton-Woods-Systems: Damit wurde die weltweite Leitwährung zu einer sogenannten Fiat-Währung – also einer Währung, die durch keinen realen Wert gedeckt ist, sondern nur noch auf dem Vertrauen in die Übermacht der Nation, die sie herausgibt, basiert. Zwei Jahre später, also 1973, wurde dann wegen anhaltender Turbulenzen an den Geldmärkten auch noch die Bindung anderer Währungen an den Dollar zu einem festen Tauschverhältnis aufgehoben. Mit dieser Freigabe der Wechselkurse war das System von Bretton Woods endgültig beendet.
Nicht beendet war allerdings die Vorherrschaft des US-Dollars, denn schließlich hatte er das globale Finanzwesen als Leitwährung 30 Jahre lang bis in den hintersten Winkel der Erde durchdrungen und dadurch eine einzigartige Sonderstellung erlangt. Außerdem waren die USA noch immer die mit Abstand stärkste Wirtschafts- und Militärmacht der Welt und konnten ihre Interessen gegenüber ihren Konkurrenten jederzeit durchsetzen – entweder durch ökonomischen Druck oder, falls das nicht ausreichte, mit militärischer Gewalt.
7. Geldschöpfung
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Geld regiert die Welt – das wissen wir alle. Aber wo kommt das Geld her? Wer erzeugt es und wie gelangt neues Geld ins System?
Es gibt insgesamt drei Prozesse, die für die Geldschöpfung verantwortlich sind:
Bargeldschöpfung durch die Zentralbanken
Geldschöpfung durch Kreditvergabe der Geschäftsbanken
Geldschöpfung durch Zentralbankkäufe bei den Geschäftsbanken
Fangen wir mit dem ersten Prozess an: Zentralbanken haben als einzige Banken das Recht, Münzen prägen und Noten drucken zu lassen, also Bargeld zu erzeugen. Sie leiten dieses Geld über die Geschäftsbanken, die bei der Zentralbank Konten unterhalten, in den Geldkreislauf ein. Bargeld macht weltweit heute aber nur noch etwa 10 bis 20 % des Geldbestandes aus. Viel wichtiger als Bargeld ist das Buchgeld oder Giralgeld, also Geld, das nur auf Konten existiert. Zu dessen Vermehrung trägt der zweite Prozess bei, die Kreditvergabe durch die Geschäftsbanken. Hierzu ein Beispiel:
Ich gehe zu einer solchen Geschäftsbank und bitte um einen Kredit über 1.000 Euro. Zuerst verlangt die Bank eine Sicherheit, das heißt, ich muss nachweisen, dass ich ein regelmäßiges Einkommen habe oder über genügend Besitz verfüge, um die 1.000 Euro auch zurückzahlen zu können. Dann vereinbart die Bank mit mir eine Laufzeit, zum Beispiel ein Jahr, und einen Zinssatz, zum Beispiel 5 %. Schließlich zahlt sie mir das Geld aus – aber nicht in bar, sondern, indem sie per Mausklick 1.000 Euro auf mein Konto überweist. Damit schafft die Bank Geld, das vorher nicht da war.
Aber dieses Geld existiert nicht für immer. Wenn alles gut geht, überweise ich der Bank ein Jahr später den Kredit samt Zinsen. Was passiert? Das Geld, das die Bank aus dem Nichts heraus geschaffen hat, löst sich in Luft auf, ist nicht mehr vorhanden. Nur eines bleibt: Die Zinsen in Höhe von 50 Euro, die ich der Bank zahlen muss. Die waren schon vorher da, haben allerdings den Besitzer gewechselt. Die Geldschöpfung mittels Kreditvergabe hat also dazu geführt, dass Geld, das vorher mir gehörte, jetzt der Bank gehört. Das gleiche gilt übrigens für den Fall, dass ich den Kredit nicht zurückzahlen kann. Dann bedient sich die Bank an den Sicherheiten, die ich ihr vorher bieten musste.
Kommen wir zum dritten Prozess, der in unserer Zeit die wichtigste Rolle spielt und an dem sowohl die Geschäftsbanken als auch die Zentralbanken beteiligt sind. Nehmen wir an, eine Regierung braucht Geld. Was tut sie? Das gleiche wie wir alle: Sie leiht es sich. Dazu lässt sie zum Beispiel Staatsanleihen drucken, also Wertpapiere, auf denen wie bei einem Kredit eine bestimmte Summe, ein Zinssatz und eine Laufzeit festgelegt sind. Diese Staatsanleihen werden auf Auktionen an Geschäftsbanken verkauft. Dort bleiben sie aber nicht, denn anschließend kommt die Zentralbank ins Spiel und kauft den Geschäftsbanken diese Staatsanleihen ab – und zwar mit Zentralbankgeld, das nur zwischen der Zentralbank und den Geschäftsbanken oder von den Geschäftsbanken untereinander benutzt wird. Und dieses Zentralbankgeld schöpft sie – aus dem Nichts heraus. Es war vorher nicht da und wurde nur zum Zweck des Kaufes geschaffen. Dieser Prozess gilt nicht nur für Staatsanleihen: Seit der Krise von 2007/2008, die ja das globale Finanzsystem von Grund auf verändert hat, kaufen Zentralbanken auch andere Wertpapiere wie Unternehmensanleihen, Pfandbriefe, Aktien und Verbriefungen.
Entscheidend dabei ist Folgendes: Die Zentralbanken kaufen alle diese Wertpapiere nie direkt von denen, die sie herausgeben – also zum Beispiel von Industriekonzernen, Aktiengesellschaften, Fonds oder – wie im Fall der Staatsanleihen – vom Finanzministerium, sondern immer von den Geschäftsbanken, die übrigens bei jedem einzelnen Verkauf eine Provisionsgebühr einstreichen. Dieser Prozess der Geldschöpfung – und das ist das alles Entscheidende – spielt sich also ausschließlich unter Bankern ab und begünstigt diejenigen Geschäftsbanken, die hauptsächlich an ihm beteiligt sind – und das sind die großen Banken.
Sehen wir uns alle drei Geldschöpfungsprozesse noch einmal an: Beim ersten – der Bargeldschöpfung – spielt nur die Zentralbank eine Rolle. Der zweite – die Buchgeldschöpfung durch Kreditvergabe – ist ausschließlich Sache der Geschäftsbanken. Beim dritten – der Geldschöpfung durch den Ankauf von Wertpapieren – spielen sowohl die Zentralbank als auch die großen Geschäftsbanken und – im Falle der Staatsanleihen – auch die Politik eine Rolle.
Wir – die normalen Bürger – sind an keinem dieser Prozesse beteiligt. Das System der parlamentarischen Demokratie lässt uns zwar alle vier Jahre zur Wahl gehen, sorgt aber seit seiner Einführung dafür, dass die Geldschöpfung ein uns allen entzogenes Sonderrecht ist, das den Zentralbanken, den Geschäftsbanken und – im Fall der Staatsanleihen – der Politik vorbehalten bleibt.
8. Hedgefonds
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Fonds sind Unternehmen, die das Geld von Investoren einsammeln, um es für sie anzulegen und auf diese Weise zu vermehren. Hedgefonds tun genau das, unterscheiden sich aber in mehreren Punkten von den übrigen Fonds:
Der erste Unterschied betrifft ihre Klientel. Während gewöhnliche Fonds auch Normalverdienern offen stehen, ist das bei Hedgefonds nicht der Fall. Wer als Privatperson in einen Hedgefonds investieren möchte, muss ein extrem hohes Vermögen nachweisen. Die meisten Menschen, die ihr Geld in Hedgefonds anlegen, gehören zu den sogenannten „Ultra High Net-Worth Individuals“, also den Ultrareichen dieser Welt.
Der zweite Unterschied betrifft die Strategie. Fonds konzentrieren sich in den meisten Fällen auf bestimmte Anlagebereiche, also zum Beispiel Aktien, Anleihen oder Immobilien. Hedgefonds dagegen haben keinen fest umrissenen Anlagebereich. Ihre Manager durchkämmen die Finanzmärkte ständig auf der Suche nach Gelegenheiten, um ihr wichtigstes Ziel zu erreichen – in möglichst kurzer Zeit möglichst hohe Gewinne zu machen.
Häufiger Schwerpunkt der Hedgefonds-Strategie sind Wetten auf Kursoder Preisschwankungen, und zwar nicht nur auf Ausschläge nach oben, sondern auch nach unten. Hierzu dienen insbesondere Leerverkäufe. Bei einem Leerverkauf von Aktien zum Beispiel setzt der Anleger auf fallende Kurse: Er kauft die Aktien nicht, um sie später mit Gewinn zu einem höheren Preis zu verkaufen, sondern leiht sie sich, verkauft sie sofort, wartet dann ab, bis der Kurs gefallen ist, kauft sie dann wieder auf und gibt sie an den Eigentümer zurück. Auf diese Weise lässt sich sogar aus dem Kursrückgang einer Aktie Gewinn schlagen.
Ein weiteres von Hedgefonds häufig angewandtes Mittel ist das Leveraging, zu Deutsch „die Hebelung“. Das klingt kompliziert, ist aber im Grunde ganz einfach. Ein Hedgefonds schließt hierzu eine Wette ab und leiht sich anschließend Geld, um den eigenen Wetteinsatz zu erhöhen, oft bis zum 30- oder 40-fachen Wert. Anders ausgedrückt: Leveraging heißt nichts anderes als Spekulieren auf Kredit.
Damit wären wir auch schon beim dritten großen Unterschied zwischen Hedgefonds und den übrigen Fonds: der Risikobereitschaft. Mit der Hebelung ihrer Einsätze gehen Hedgefonds hohe Risiken ein, können also nicht nur sehr hohe Gewinne machen, sondern bei Fehlspekulationen auch sehr hohe Verluste erleiden. Wie gefährlich das werden kann, hat sich schon zweimal sehr eindrücklich gezeigt: 1998 hat sich ein amerikanischer Hedgefonds namens Long Term Capital Management im Währungsbereich verspekuliert und dadurch fast das globale Finanzsystem zum Einsturz gebracht. 2008 waren Hedgefonds mit ihren Wetten entscheidend daran beteiligt, dass das System nur durch das Eingreifen der Regierungen und der Zentralbanken gerettet werden konnte.
Kommen wir zum vierten Unterschied, der Aggressivität von Hedgefonds. Auf Grund ihrer Marktmacht und ihrer kurzfristig gewinnorientierten Strategie greifen sie gern zum Mittel der „feindlichen Übernahme“. Dabei schlucken sie Unternehmen gegen den Willen von Inhabern und Mitarbeitern, führen sie aber nicht langfristig weiter, sondern weiden sie aus, verkaufen die profitabelsten Teile mit Gewinn – und hinterlassen einen Scherbenhaufen.
Der fünfte und sechste Unterschied zwischen Hedgefonds und normalen Fonds besteht in der Steuervermeidung und der Intransparenz. Hedgefonds haben ihren Sitz zumeist an den Off-Shore-Finanzplätzen dieser Welt – den Steuerparadiesen, wo sie keinen Cent an Steuern zahlen müssen und wo ihnen außerdem ein Höchstmaß an Diskretion entgegengebracht wird, was wiederum dazu führt, dass die Vermögensverhältnisse oft äußerst undurchsichtig sind.
Historisch gesehen sind Hedgefonds eine sehr junge Erscheinung. Der erste Hedgefonds wurde Ende der 1940er Jahre gegründet, danach spielten Hedgefonds mehr als drei Jahrzehnte so gut wie keine Rolle, bevor ihre Zahl in den 1980er- und 1990er Jahren explosionsartig zunahm. Die Ursache für diesen Aufschwung liegt in der seit den 1970er Jahren praktizierten Deregulierung des Finanzsystems. Dadurch, dass dem Finanzsektor immer mehr Zugeständnisse gemacht wurden, konnten Hedgefonds wie Pilze aus dem Boden schießen und immer mächtiger werden.
Sind Hedgefonds zu einer Konkurrenz für die Großbanken geworden? Nein, im Gegenteil: Da Hedgefonds wie Banken operieren dürfen, deren Einschränkungen aber nicht unterliegen, haben zahlreiche Großbanken entweder eigene Hedgefonds gegründet oder sie lassen all die Geschäfte, die ihnen nicht erlaubt sind, über Hedgefonds erledigen. Im Grunde haben Hedgefonds so zu einer Erweiterung der Macht der Banken beigetragen.
Aber nicht nur das: Hedgefonds haben die Machtkonzentration im Finanzsektor erheblich vorangetrieben, das Vermögen der Ultrareichen erhöht und die soziale Ungleichheit weltweit verschärft – und zwar ganz legal, aber auf eine Art und Weise, die sowohl wirtschaftlich als auch sozial erheblichen Schaden angerichtet hat. Während klassische Spekulanten immerhin noch versucht haben, am Erfolg von Unternehmen teilzuhaben, ist Hedgefonds deren Wohlergehen vollkommen gleichgültig. Im Gegenteil: Wenn es ihnen nützt, führen sie deren Niedergang sogar vorsätzlich herbei. Hedgefonds erfüllen somit sowohl volkswirtschaftlich als auch gesellschaftlich keinerlei nützliche Funktion, sondern dienen einzig und allein der Bereicherung von Spekulanten. Kein Wunder also, dass man sie auch als Heuschrecken oder Aasgeier bezeichnet.
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