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Herausgeber

Erik Schreiber

Historisches Deutschland

Saphir im Stahl

e-book 101

Der Dom zu Worms

Erscheinungstermin: 01.10.2021

© Saphir im Stahl

Verlag Erik Schreiber

An der Laut 14

64404 Bickenbach

www.saphir-im-stahl.de

Titelbild: Simon Faulhaber

Postkartenmotive (nur im Buch)

Lektorat: Peter Heller

Vertrieb: neobooks

Das Wappen dient als Bildzitat und ist kein hoheitsrechtlicher Verstoß.

Herausgeber

Erik Schreiber

Historisches Deutschland

Der Dom zu Worms

Vorwort

Das Buch verdankt seine Entstehung dem Interesse des Herausgebers an alten Gebäuden und alten Texten. Nachdem er einen Vergleich zum Dom von Aachen, dem Dom von Speyer gelesen hat, entschloss er sich alte Texte zu den drei Domen zu suchen und neu herauszugeben. Inzwischen sind Der Dom zu Aachen und Der Dom zu Speyer erschienen. Der Dom zu Worms stellt den dritten und letzten Teil dar.

Die historischen Materialien, die hier vorgestellt werden befassen sich nur mit dem Dom zu Speyer. Die drei Texte stammen aus den Jahren 1857, 1890 und 1897. Die Texte bilden eine Auswahl aus dem, was an Materialien vorlag. Das Zeitaufwändigste war dabei die Übertragung aus der Frakturschrift.

Nach den vielen Kriegen, unter denen Europa zu leiden hatte, öffnen sich Lücken in der Geschichte. Diese zu füllen setzt sich der Herausgeber zum Ziel.

Erik Schreiber

Inhaltsverzeichnis

Kunstgeschichtliche Darstellung des Domes zu Worms.

Verlag von Daniel Schmidt 1857

Der Dom zu Worms

und seine Wiederherstellung

von Baurat Professor Hofmann

J. G. Herbert’scher Hofdruckerei

1897

Burchard I., Bischof zu ‚Worms

Inaugural - Dissertation

von Hermann Grosch

Frommannsche Buchdruckerei 1890

Kunstgeschichtliche Darstellung

des

Domes zu Worms.

Zugleich ein Führer für den Besucher des Domes.

von

Johannes Hohenreuther.

Worms.

Verlag und Eigenthum von Daniel Schmidt

(vormals J. W. Kunze)

1857.

Inhalt.

Einleitung

I. Baugeschichtliche Nachrichten über den Dom

II. Der Dom in seinem gegenwärtigen Zustande

III. Kunstwerke des Doms

Einleitung.

Die verschiedenen Eindrücke geschichtlicher Erinnerungen und Beziehungen, welche sich an diese oder jene Stadt knüpfen, pflegen in unserer Vorstellung ein Bild zu entwerfen, in welchem wir mit fast bestimmten Umrissen unwillkührlich den Schauplatz unserer Sage oder Geschichte erblicken. Ist nun irgendwie die Zeit mit schonender Hand über solche Orte hinweggegangen, so sind wir nicht selten bei wirklicher Vertretung derselben freudig überrascht, die Wirklichkeit mit dem Bilde unserer Phantasie in vollständiger Uebereinstimmung zu finden.

Nicht so verhält es sich mit Worms. Sage und Geschichte berichten uns schon frühe von dieser Stadt. Von den Römerzeiten bis auf die Tage der französischen Gräuelthaten finden wir fast auf jedem Blatte der Geschichte diesen Namen. Der ganze Reichthum der Nibelungengestalten, - die seltsame Mähre von dem blutigen Turnei im Rosengarten, - die geschichtlichen Erinnerungen an die Maifelder und Reichstage, - die Reihe großer und kräftiger Bischöfe, - die Zerstörung der Stadt durch Ludwig XIV., - alle diese Erinnerungen gruppiren sich um Worms und beleben unsere Phantasie mit einer Fülle der charakteristischen Bilder, welche sich unvermerkt mit den Vorstellungen von dieser Stadt verweben.

Wenn der Wanderer nun den Rhein heraufzieht, und er sieht hoch über Worms die Kuppeln und Thürme des Domes emporsteigen und den Bau sich immer majestätischer seinen Augen entfalten, so klingen ihm geheimnisvoll Sagen und Geschichten in der Brust wider, und er kann es kaum erwarten, den klassischen Boden zu betreten, wo ihm jeder Schritt die Wirklichkeit seines Gedankenspieles zeigen soll. Aber wie sieht er sich enttäuscht! Keine Werke und Wälle, keine Erker und Giebel, keine Hofburgen und Herrenhäuser, nicht ein einziges mahnendes Alterthum: - Alles was als Zeuge für die geschichtliche Bedeutung der Stadt dagestanden, wurde in dem Verheerungskriege der Franzosen im Jahre 1689 mit roher und fühlloser Hand in Trümmer geschlagen.

Nur der Dom steht noch, neben einigen anderen Kirchen, als mahnendes Denkmal da, ein gewaltiges Gotteshaus, die Stirne hoch und kühn, als ob er fühle, berufen zu sein, Zeugnis abzulegen, daß es Wahrheit ist, was die Geschichte uns erzählt. Und die Menschen und Thaten längst begrabener Jahrhunderte dämmern dem Wanderer wieder auf, wenn er die Hallen dieses Domes durchschreitet. Die ruhigen und friedlichen Schwingungen der Bogen und Wölbungen führen ihn unvermerkt in graue Fernen und zu geheimnisvoll ergreifenden Höhen, und was er dachte und was er dichtete, ist ihm Wirklichkeit und Wahrheit geworden.

Daß aber an diesem einzigen, die Geschichte fast eines Jahrtausends in sich schließenden Tempel die Kuppeln und Säulen bereits wanken und die letzten Merkzeichen einer religiösen, nationalen und künstlerischen Begeisterung unserer Vorfahren unter ihren Quadern zu begraben drohen, daß ahnt der Wanderer nicht, wenn das colossale Gefüge dieses Baues, wie Ewigkeiten trotzend, Herz und sinn emporhebt. Und dennoch hat die frevelnde Hand der Franzosen im letzten Verheerungskriege durch Pulverminen einen Theil der Fundamente der Westseite aus seinen Fugen gehoben und die ganze Wucht des Bauwerkes beginnt mit Chor und Kuppel immer mehr nachzusinken. Schon zeigt uns das Chor von der Ueberdachung an bis zur Sohle herab einen klaffenden Riß. Die Widerlager zu Seiten der Ueberwölbung der großen Mittelrosette sind vollständig destruirt und die das Octogon daselbst abgrenzende Ecksäule, in der Mitte ihrer Höhe herauszwängt, hat eine Abweichung von mehreren Fuß erlitten. Die Gewölbe des Hauptschiffes weichen dem Drucker ihrer Last, und die Verankerung derselben, sowie die Einfügung eines neuen Dachstuhles, erweist sich als die dringendste Nothwendigkeit. – Ebenso droht die Taufkapelle im eigentlichen Sinne des Wortes dem täglichen Einsturze, und diese würde damit einen Schatz von mittelalterlichen Bildwerken begraben, deren Verlust für die Kunst ganz unberechenbar wäre.

Solche Noth erkennend, und Hilfe zu schaffen, so lange noch Hilfe möglich ist, hat sich unter dem Protecktorate Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs von Hessen ein Dombauverein gebildet, der seinen Ruf nach allen Ländern hin ergehen läßt, wo Menschen wohnen, deren Herz und Sinn empfänglich ist für die Denkmale religiöser und künstlerischer Begeisterung der Vorzeit, und deren Opferwilligkeit es nunmehr anheim gegeben ist, ob dieses würdige Haus Gottes in Trümmer fallen oder sich zu neuer Stärke und neuem Glanze erheben wird: Denn der Dom ist gänzlich mittellos und die Kosten der nothwendigsten Herstellungsarbeiten sind so bedeutend, daß sie die Kräfte der Stadt und selbst des Landes übersteigen.

I. Baugeschichtliche Nachrichten über den Dom.

Eine Geschichte des Wormser Domes ist leider nicht vorhanden. Ebenso wenig stoßen wir auf Urkunden, welche irgendwie eine ergiebige Quelle hiezu abgeben könnten. Nur aus zufälligen Andeutungen, die wir in den Regesten der Wormser Stadtgeschichte oder in den Chroniken der Bischöfe niedergelegt finden, lassen sich einzelne mühsame Fäden zusammenknüpfen, die mit den einzelnen baulichen Bestandtheilen des Domes zusammengehalten, sowohl über die Entstehung dieses Gebäudes und seiner einzelnen Theile mit ziemlicher Sicherheit Schlüsse ziehen lassen, als auch über die sonstigen Ereignisse und Schicksale, welche mit diesem Tempel in Beziehung stehen, Auskunft geben.

Thatsache ist es, daß Worms bereits unter König Dagobert (527), (siehe S. Arnold: Verfassungsgeschichte der deutschen Freistädte. B. 1. S. 6.) ein Bischofsitz war, und ebenso, daß bereits unter diesem Könige eine Basilika an der Stelle des heutigen Domes gestanden hat, welche damals schon, wie heute noch, den Aposteln Petrus und Paulus geweiht war. Diese Basilika wurde um das Jahr 872 vom Blitze getroffen und bis auf den Grund von den Flammen zerstört. Die nachfolgenden Bischöfe bemühten sich vergebens, diese Kirche wieder aufzurichten. Denn vom Ende des neunten bis nach der Mitte des zehnten Jahrhunderts war Worms den beständigen Einfällen und Verheerungen der Normannen und Ungarn ausgesetzt, und bald darauf begannen die Gewaltthaten des Herzogs Otto, der seine Burg an der Stelle der heutigen Pauluskirche hatte, gegen Stadt und Einwohner. Worms war fast in einen Schutthaufen verwandelt, die Einwohner hatten sich verzogen; die Straßen waren verödet und wilde Thiere sollen sich ohne Scheu in denselben umhergetrieben haben. Die Stadt hatte längst ihren Glanz zu den Zeiten Karls des Großen verloren.

Dem großen Bischof Burchard I. (996 – 1025), den wir nunmehr den eigentlichen Gründer der Stadt nennen können, war es vorbehalten, Worms aus seinem tiefen Verfalle wieder aufzurichten und durch seine Weisheit, seine Kraft und werkthätige Liebe den Grund zu legen, daß sich die Stadt in kurzer Zeit wieder zu einer Blüthe zu entfalten vermochte, welche dazumal der von Rom und Constantinopel an die Seite gesetzt wurde. Mit Hilfe des Kaisers entfernte Burchard den Herzog Otto aus der Stadt. Er umgab dieselbe mit neuen Mauern, machte die Straßen wieder wohnlich und schenkte der Stadt eine Verfassung, deren Weisheit und Gerechtigkeit noch heute unsere Bewunderung in Anspruch nimmt. Nachdem er so Worms den Frieden mit allen seinen Wohlthaten wiedergegeben hatte, warf er sich mit allem Eifer auf die Herstellung und den Neubau von Gotteshäusern. Sechs Kirchen, von denen heute noch vier stehen, sind als sein Werk zu betrachten und unter diesen auch der Dom.

In einer noch vorhandenen Biographie dieses Bischofs (siehe Vita Burchard bei Pertz Script), welche wenige Jahre nach seinem Tode von einem Mönche niedergeschrieben wurde, wird uns erzählt, daß Burchard um das Jahr 996 die Eingangs erwähnte Basilika des hl. Petrus habe vollständig abbrechen lassen, weil sie ihm für eine Kathedrale zu klein gewesen sei. An die Stelle derselben baute er den Dom, welcher, zwar noch nicht ganz vollendet, im Jahr 1016 auf dem Wunsch Kaisers Heinrichs II., der sich damals gerade zu Worms aufhielt, eingeweiht wurde.

Fragen wir nun zunächst nach der architektonischen Beschaffenheit des Domes, wie dieser aus der Zeit Burchards hervorgegangen war, da solcher natürlich bis heute mannigfache Umänderungen erfahren hat, so finden wir zwar nur spärliche Anhaltspunkte, aber sie genügen dennoch, um zu beweisen, daß wir uns unter dieser Kathedrale einen künstlerisch höchst bedeutenden Bau vorzustellen haben. Nicht allein, daß wir wissen, daß Bischof Burchard eine seines Bischofsitzes würdige Kirche zu erbauen beabsichtigte, so kann sich auch der erwähnte Biograph (Vita Burchard, 1. c. p. 839 – 840) nicht genug in Bewunderung über die Schönheit und Großartigkeit dieses Baues ergehen. Er berichtet, daß das Münster aus behauenen Quadersteinen erbaut, daß die Säulenköpfe vergoldet, daß der ganze Tempel allenthalben mit den mannigfaltigsten Bildwerken geschmückt sei.

Nicht ohne triftige Gründe glauben wir nun annehmen zu müssen, daß der damalige Bau eine Pfeilerbasilika mit überwölbter Decke war, und daß das heutige Langhaus des Domes im Wesentlichen noch als das Werk Bischof Burchards dasteht, daß sonach der Wormser Dom unter den drei mittelrheinischen romanischen Domen als die älteste Basilika zu betrachten ist. (siehe dagegen Schnaase: Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter Seite 113. – von Quast: die romanischen Dome des Mittelrheines). Denn während der Wormser Dom im Jahre 1016 eingeweiht wurde, geschah dies bei dem Speyerer Dom erst um 1056. Der Dom zu Mainz wurde zwar um das Jahr 1009 vollendet, aber abgesehen von allen übrigen Beweisen, daß dieser Bau eine Basilika mit einer flachen Holzdecke gewesen sei, weil dieser schon am Tage seiner Einweihung niederbrannte, indem das Dachwerk durch die festliche Beleuchtung Feuer gefangen hatte.

Ein triftiges Beweismittel, daß das Langhaus unseres Domes aus der Zeit Bischof Burchards herrühre, finden wir in den noch erhaltenen Trümmern der Mauritiuskapelle, (Schannat: Historische Episc. Wormat. T. I. p. 62 – Wiegand: Zur Geschichte der Wormser Bischöfe Seite 15), welche im Jahre 1033, also kurze Zeit nach dem Tode Burchards, an dem westlichen Ende der Südseite des Domes erbaut wurde. In welchem Jahre diese Kapelle zu Grunde ging, Ist unbekannt. Doch wissen wir, daß Bischof Johannes von Dalberg im Jahre 1488 an dieser Stelle einen Kreuzgang erbaute, welcher 1813 niederbrannte. Bei Wegräumung der Trümmer desselben kamen die erwähnten Reste der Mauritiuskapelle wieder zum Vorschein. Da nun diese Kapelle bereits 1033 an diese südliche Umfangsmauer des Domes angefügt wurde und deren Reste heute noch daselbst sichtbar sind, so dürfen wir wohl den Schluß ziehen, daß diese Umfangsmauer des Domes noch die erste und ursprüngliche aus dem 1016 ist. Und ist dieses der Fall, so muß auch noch das ganze heutige Langhaus in seinen Grundelementen jener Zeit angehören, da nicht anzunehmen ist, daß, wenn eine Umänderung im architektonischen Systeme des Domes vorgenommen, wenn Pfeiler und Bogen zu ganz anderen Verhältnissen umgesetzt worden wären, man gerade diese fensterlose und fast störende Umfangsmauer des südlichen Seitenschiffes verschont, und gerade in der Rücksicht auf die genannte Kapelle das ganze System umgemodelt hätte.

Daß aber der Wormser Dom von Anfang an eine Pfeilerbasilika mit überwölbter Decke gewesen ist, geht daraus hervor, daß sämmtliche Vorsprünge der Pfeiler, welche die Gewölbe zu tragen bestimmt sind, soweit dieselben eine Untersuchung zulassen, in die Pfeiler hineingewachsen sind.

Die Erbauung der östlichen Facade des Domes, sowie die Erbauung des Querschiffes mit seiner colossalen Kuppel ist wohl als das Werk des Bischofs Eppo zu bezeichnen (Schannat, 1. c. p. 62), welcher von 1109 – 1115 den Bischofssitz zu Worms inne hatte. Nicht allein, daß der ganze bauliche Charakter dieser Zeit entspricht, so finden wir auch urkundlich die Nachricht, daß dieser Bischof mit Aufwand bedeutender Mittel die letzte Hand an dem Dom gelegt und denselben im Jahr 1110 in Gegenwart Kaiser Heinrichs V. und vieler hohen Prälaten zum zweiten Male auf das Feierlichste eingeweiht hat.

Die letzten Hauptbauten am Dome und eine nochmalige Einweihung desselben werden uns vom Jahre 1181 unter Bischof Conrad II. berichtet, und zwar in Gegenwart Kaiser Friedrichs I. und seiner Gemahlin Beartrix. Wir glauben, daß hierunter, neben der erneuten Ausschmückung des Domes mit Gemälden, wovon uns noch Spuren erhalten sind und welche wir später berühren werden, die Erbauung des westlichen oder Lorenzi-Chores zu begreifen sei. Daß dieses Chor jedenfalls schon vor dem Jahre 1234 gestanden, geht daraus hervor, daß ein Canonikus Gerlaeus in dem genannten Jahre vier Beneficien für den Altar dieses Chores gestiftet hat.

Wesentliche Bauveränderungen hat der Dom seitdem nicht erlitten, nur daß im Jahre 1429 einer der westlichen Thürme nach dem Bischofshofe zu einstürzte, welcher 1472 wieder aufgebaut wurde, wodurch sich auch die auffallende stylistische Formenmischung dieses Thurmes erklärt.

Ebenso verdient das im Jahre 1488 von Bischof Johannes von Dalberg im Spitzbogenstyle erbaute Portal an der Südseite des Domes, sowie die daneben stehende Taufkapelle besonders hervorgehoben zu werden und wird später von dieser noch die Rede sein.

Die Gewölbe des Domes bestreffend, so scheinen diejenigen der Seitenschiff, der Kreuzflügel und des Altarhauses, welche sich rundbogig in breiten, unprofilirten Quadern wölben, noch die ursprüngliche zu sein. Die spitzbogigen, stark profilirten Gewölbe des Hauptschiffes sind jüngeren Ursprungs und zum Theil erst nach den Verheerungen des Jahres 1689 neu aufgerichtet. – Um so auffallender ist es, daß die riesigen Ostkuppelgewölbebogen im gedrückten Spitzbogen gesprengt sind, - ein neuer Beweis, daß man den Spitzbogen bereits kannte, ehe noch irgendwie das System der Gothik in Deutschland Platz gegriffen hatte.

Die gräuelhafte Zerstörung der Stadt Worms durch die Franzosen am 31. Mai 1689 ist zu bekannt, als daß wir davon mehr erwähnen sollten, als was speciell unseren Dom betrifft. Aehnlich wie dem Speyerer Dome war auch ihm das Schicksal bestimmt, der Erde gleich gemacht zuwerden. Schon hatten die Franzosen das Dachwerk in Brand gesteckt, Altäre und Kanzel, Bilder und Cruzifixe in Stücke geschlagen, die Leichname aus ihren Grüften gerissen und ihrer Kostbarkeiten beraubt, das Herz des 1683 gestorbenen Fürstbischofs Franz Emmerich mit den Füßen zertreten, weil sie in seinem Grabe die gehofften Schätze nicht gefunden; als sie jetzt auch Anstalten machten, den Dom in die Luft zu sprengen. In dem Kreuzgange hatten sie emsig an den Vorrichtungen zu diesem Schandwerke gearbeitet und machten nun die ersten Sprengversuche unter dem Westchore. Doch vergebens zündeten sie eine Mine nach der andern an: die starken Fundamente und Mauern widerstanden dem schändlichen Beginnen, und die Franzosen, von der Zeit gedrängt, mußten von ihrem Vorhaben abstehen. Und so steht, wie durch ein Wunder gerettet, unser Dom noch heute, zwar stark beschädigt, wie wir in der Einleitung gezeigt haben, doch gewiß nicht ohne Hoffnung auf eine dauernde Wiederherstellung.

Leider sollte der Dom im Jahre 1813 noch einmal die zerstörende Hand der Franzosen an sich fühlen. Bischof Johannes von Dalberg hatte, wie bereits erwähnt, im J. 1488 einen prächtigen Kreuzgang am Dome erbaut und es war ein fürchterliches Schicksal, welches diesem den Untergang bereitete. Als nämlich nach der Schlacht bei Leipzig ein Theil der Franzosen seinen Rückzug über Worms nahm, wurde der Kreuzgang sofort in ein Lazareth verwandelt. Unter den Truppen wüthete der Typhus auf das Entsetzlichste. Viele Tausende waren demselben schon zum Opfer gefallen und die Stadt selbst davon angesteckt.

Da soll Marshall Marmont, um der Seuche Einhalt zu thun, den gräulichen Befehl gegeben haben, den Kreuzgang in Brand zu stecken. So wurde in einer Nacht an Tausend Hilflose ein Raub der Flammen, ja die Kranken, die mit dem letzten Aufwand ihrer Kräfte den Versuch gemacht hatten, sich zu retten, stieß man wieder in das Feuer zurück. – Am Morgen war der prächtige Kreuzgang zu einem düsteren Leichenhügel zusammengesunken und erst im Jahre 1833 wurden die letzten Trümmer hinweggeräumt.

II. Der Dom in seinem gegenwärtigen Zustande.

Wenige Kirchen möchte Deutschland aufzuweisen haben, welche schon von weiter Ferne einen so erhebenden, überraschenden, ja selbst bewältigenden Eindruck hervorbringen, als dieses bei dem Wormser Dom der Fall ist. In räumlicher wie stylistischer Beziehung eines der großartigsten Gotteshäuser unseres Vaterlandes (der Dom ist 470‘ lang und 110‘ breit.), steigen kühn und prächtig am östlichen und westlichen Ende des Schiffes zwei 175 Fuß hohe Kuppeln empor, flankirt und überragt von vier gewaltigen Thürmen.

Treten wir nun näher vor den Dom, um seine einzelnen Bautheile, wie sie sich von Außen darstellen, genauer ins Auge zu fassen, so wird es nicht ungeeignet sein, mit dem nördlichen Portale zu beginnen. Abgesehen von den schönen, in der reichsten und mannigfaltigsten und doch so einheitlichen Ornamentik des romanischen Styles ausgeführten Capitälen dieses Portales und den interessanten Spuren von Temperagemälden im Bogenfelde desselben, nehmen zwei über diesem Portale angebrachten, in der Mitte in einem vorstehenden Winkel gekrümmten Säulen unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Diese Säulen trugen ehemals das berühmte Privileg Friedrichs I., das sogenannte Ehrendiplom, welches dieser Kaiser Worms verliehen hatte und durch welches die letzten Reste hofrechtlicher Lasten aufgehoben und ein unbelastetes Erbrecht garantirt worden war. Die Bürger der Stadt hatten dieß Privileg im Jahre 1180 in Kupfer mit goldenen Buchstaben gießen lassen. Leider ist diese Tafel, welche von enormen Umfange gewesen sein muß und welche ein Zeugniß davon ablegt, daß die Erzgießekunst schon damals in Worms eine bedeutende Stufe der Vollendung erreicht hatte, spurlos verschwunden.

Fassen wir nunmehr die Außenseite des Oestlichen Chores (1110 erbaut) in’s Auge, so bildet diese Facade in ihrem gradlinigen, massigen Abschlusse einen der imposantesten Theile des Domes. Die schönen Arkaden, welche auf Säulen ruhend als offene Galerie, geschmückt mit den abenteuerlichsten Thier- und Menschengestalten, über den Fenstern dieses Chorabschlusses hinlaufen, bewirken eine wohltuende Vertheilung diesen massenhaften Bauwerkes. – Eine auffalende Erscheinung ist es, daß während dieses Chor nach Außen den gradlinigen Abschluss zeigt, dasselbe im Innern sich halbkreisförmig darstellt. Kugler spricht darüber die Vermuthung aus (Dtsch. Kunstblatt von Eggers. Jahrgang 1854), daß man bei Errichtung der Kuppel (1110) eine stärkere Widerstandsmauer gehabt habe, als die ursprüngliche, auch nach Außen halbkreisförmige Apsis darbieten konnte, und daß man diesem Bedürfnisse durch den Aufbau dieser colossalen Quaderwand zu Hilfe gekommen sei.

Begeben wir uns nunmehr an das Südliche Hauptportal unseres Domes (1488 erbaut), so steht dies zwar in seiner spitzbogigen Struktur mit der sonstigen Bauweise des Domes in Widerspruche, aber dennoch möchten wir es um keinen Preis vermissen. Wie überhaupt in den Portalen des gothischen Styles sich die ganze Ideenfülle der mittelalterlichen Baumeister mit allen Mysterien ihrer Symbolik concentrirte, so finden wir auch an diesem Eingange neben vielem Anderen, wie in einer Encyklopädie, eine vollständige Geschichte der Erlösung dargestellt.

Zwei einander überragende, hoch hinansteigende Bogenhöhlungen, eingefaßt den schönsten Laubgränzen, umschließen eine Reihe biblischer Darstellungen der Art, daß der innere Bogen uns den alten, der äußere den neuen Bund vergegenwärtigt, und zwar immer so, daß die correspondirenden Darstellungen in bedeutsamen Beziehungen zu einander stehen. Uns zur Linken sehen wir die Statuen der vier Evangelisten unter schön gegliederten Baldachinen, zur Rechten die vier Hauptpropheten. Verfolgen wir nun zunächst die Darstellungen des alten Bundes, so sehen wir vorerst Gott mit der Weltkugel als Schöpfer, dann die Erschaffung des Weibes, die Vertreibung aus dem Paradise, Kain den Abel erschlagend, und in der Stirne des Portals: Noah, die Taube aussendend. Den Bogen abwärts: Abraham im Begriffe den Isaak zu opfern, die Errichtung der Schlange des Moses, Jonas von dem Walfische ausgespieen und Elias gen Himmel fahrend.

Betrachten wir nun die äußere Bogenreihe, den neuen Bund darstellend, so zeigt sich uns zuerst der englische Gruß, dann die Geburt Jesu, die Beschneidung, die Flucht nach Aegypten, der Kindermord und die Taufe Jesu durch Johannes. Den Bogen abwärts: die Geisselung, die Kreuzigung, die Auferstehung und die Himmelfahrt Christi. Das Ganze wird abgeschlossen durch Johannes, den Vorläufer Christi und durch Christus selbst als Lehrer.

Halten wir die einzelnen correspondirenden Gruppen des alten und neuen Testamentes zusammen, so stellen sich uns überall die schönsten Beziehungen dar. So die Erschaffung des Weibes neben der Geburt Christ, was offenbar sagen will, daß die Sünde, welche durch das Weib in die Welt gekommen, ebenso durch die Vermittlung des Weibes wieder getilgt worden ist; - die Schlange Moses neben Christus am Kreuze nach den Worten bei Johannes: So wie Moses eine Schlange in der Wüste erhöhte, so muß auch des Menschen Sohn erhöht werden. Jonas neben der Auferstehung Christi nach der Stelle bei Matth. 12,40. Und so durchweg. – Im Giebelfelde des Portals sehen wir Maria gekrönt und reitend auf einem der vier Evangelisten symbolisierenden Thiere, das Ganze den Triumph der Kirche darstellen.

Das Bogenfeld dieses Eingangs zeichnet sich durch eine wahrhaft vollendet gearbeitet Gruppe aus und stellt uns die Krönung Maria’s durch Christus dar; zur Rechten kniet Petrus, zur linken ein Bischof, wahrscheinlich Johannes von Dalberg, der Erbauer des Portals. Verschiedene Statuen sind noch an den Eckpfeilern angebracht. So links unter Anderen der große Bischof Burchard, eine Kirche auf der Hand tragend.

Besonders interessant sind vier allegorische Figuren zur rechten Seite des Einganges. Die erste, eine schöne liebliche Gestalt mit der Salbbüchse in der Hand, zu ihren Füßen zwei Knieende, versinnbildet uns den wahren Glauben; die zweite Figur mit dem zerbrochenen Scepter, das Judenthum; die dritte Figur, mit verhülltem Gesichte, vom Kopfe fallender Krone, in der Hand ein Böcklein und ein Messer, das Heidenthum; die vierte Gestalt, im Rücken den Körper bereits von Schlangen und Kröten zerfressen, im Gesichte aber immer noch etwas Verlockendes, den Unglauben. Das Piedestal der letzten Figur stellt einen Bock dar, die Trauben an den Reben abfressend. – Diese biblischen und dogmatischen Darstellungen waren seiner Zeit die eigentlichen Bücher des Volkes, welche es mit Leichtigkeit zu lesen verstand und nicht erst, wie heute, einer Erklärung derselben bedurfte.

Wer der Baumeister dieses herrlichen Portales war, wissen wir nicht. Auf dem Piedestal der Statue Bischof Burchards finden wir jedoch den Namen H. Ansel eingegraben. Ob dieser Mann, dessen Name in der Kunstgeschichte sonst unbekannt zu sein scheint, das ganze Portal entworfen hat oder nur bei Ausarbeitung der einzelnen Figuren thätig war, ist deshalb vor der Hand nicht zu entscheiden.

Treten wir nunmehr in den Garten des ehemaligen Kreuzganges, welcher seiner Zeit der Kirchhof der Stiftsherren war, so finden wir in dem Bogenfelde einer kleinen, jetzt vermauerten Pforte eine schöne allegorische Darstellung. In der Mitte des Tympanums steht die würdige Gestalt eines Bischofs mit dem Stabe in der Hand. Ihm zur Linken wird ein Schiff von hochgehenden Wellen fortgerissen und die darin befindlichen Personen sind in angstvollem Gebete begriffen. Um den Mast schwebt ein Teufel, der Schiff und Leute in das Verderben zur reißen droht. Zur rechten Seite des Bischofs befinden sich drei zu ihm um Hilfe flehende Menschen, nach denen eine rohe Gestalt ein Messer zuckt und einen der flehenden bereits bei den Haaren ergriffen hat. Der Bischof fängt jedoch das Messer mit der Hand auf. – Eine spezielle Deutung dieser Allegorie vermögen wir nicht zu geben, da sie sich vermuthlich auf einen besonderen Fall der Wormser Bischofsgeschichte bezieht, wozu wir den Schlüssel bis jetzt nicht finden konnten. Die allgemeine Deutung überlassen wir dem Leser.

Gehen wir einige Schritte weiter, so gelangen wir zu den bereits genannten Resten der Mauritiuskapelle (1033). Es sind dieß drei Reihen über einander gestellter, auf gedrungenen Halbsäulen ruhender Blendarkaden im kräftigsten Rundbogenstyle, nebst einer vierten aus kleineren Blenden bestehenden Bogenreihe. Die Ornamentik der Capitäle ist fein, selbstständig und höchst charakteristisch und jedes derselben von neuer Erfindung. Einige der Capitäle sind in schlichter Ausbauchung zugehauen. Leider sind diese Reste zum Theil gewaltsam zerschlagen, theils noch unter dem Mauerwerk des ehemaligen Kreuzganges Versteckt.

Verlassen wir den Garten, so befinden wir uns an dem 1181 erbauten westlichen oder Lorenzichore.

Dieser, wie bereits erwähnt, am meisten baufällige Theil, bildet mit seiner schönen, achteckigen Kuppel, flankirt von zwei gewaltigen Thürmen, wohl den interessantesten Theil des Domes. Die Trommel des Kuppelbaues, die beiden Thürme, die Chornische sind sämmtlich von den zierlichen Gallereien durchbrochen, die sich uns als Säulenarkaden von den schönsten Verhältnissen darstellen. Die Säulenfüße wachsen zu hervorstehenden, bald possierlichen, bald fratzenhaften Menschen- und Thiergestalten aus, die uns aus der Höhe von allen Seiten entgegen grinzen. Die Steinmasse der im Achteck configurirten Apsis ist durch reiche, fast maurisch decorirte Blenden zierlich vertheilt und zeigt uns nebst drei kleineren, eine große reichgegliederte Rosette, - das Ganze in der schönsten Uebereinstimmung.

Schließlich verdient noch ein von der Südseite in den Domgarten führendes, früher zu dem Kreuzgange gehöriges Portal ganz besonderer Erwähnung, welches im schönsten romanischen Style und in den edelsten Profilirungen und Ornamenten entworfen ist.

Nachdem wir so den Dom in seinen äußeren Theilen kennen gelernt haben, treten wir in das Innere desselben.

Der Eindruck des Gewaltigen und Majestätischen, welchen uns der Dom in seiner ganzen äußeren Totaliät gemacht hat, steigert sich bei der Betretung des Inneren bis zur bewältigsten Erhabenheit. Zwei und zwanzig mächtige, viereckige Pfeiler, abwechselnd mit Vorsprung und Halbsäule versehen, tragen die Ueberspannung des hohen Schiffes, zwischen welcher die Kreuzgewölbe kühn eingesprengt sind. Die Pfeiler und Wände, frei von aller Tünche und von keinen Zierrathen und keinen Denkmälern verstellt, zeigen uns den nackten, rothen Quaderstein, was zur Erhöhung des Totaleindrucks wesentlich beiträgt. Und in der That, wenn wir die Treppen des hohen Chores hinaufsteigen, und sehen in erschütternder Erhabenheit die Ostkuppel sich uns zu Häupten wölben und die Kreuzflügel zu beiden Seiten sich mächtig ausspannen, und wenn dann die Abendsonne durch die gemalten Fenster des Westchores hereinbricht und die ernste kraftvolle, imponirende Einfachheit der Pfeilerarkaden beleuchtet und den ruhigen, gemessenen Schwung der Verbindungsbogen, das würdevolle Aufsteigen der Halbsäulen, um als sichere Träger der Gurt- und Kreuzbogen zu dienen: so möchten wohl wenige andere Tempel genannt werden können, die in so geheimnisvoller und ergreifender Weise unser ganzes Gemüth zu dem ewigen Gotte hinanführen.

Eine Krypta scheint der Wormser Dom nicht besessen zu haben. Wiewohl wir urkundlich wissen (Schannat I. c. T. II. p. 49 und 51.), daß die Eltern und Voreltern Kaiser Konrads des Saliers ein gemeinschaftliches Begräbnis im Dome bei dem Altare zum h. Kreuze hatten; daß ferner ein Sohn Konrads, Wolfram, daselbst beisetzt wurde (Wiegand I. c.); daß Bischof Azzecho im Jahre 1034 bei dieser Gruft einen Altar errichten ließ, an welchem alljährlich Gebete und Meßopfer zum Heile des Kaisers und seiner Gemahlin Gisela dargebracht werden sollten: So deutet doch alles darauf hin, daß unter diesem Begräbnisse ein schlichtes Gewölbe zu verstehen sei, welches jedoch bis heute nicht wieder aufgefunden wurde. – Ebenso hatten die Gebeine der hh. Märtyrer Justinus und Stachäus ihre Ruhestätte unter dem Hochaltare und wurden bei Gelegenheit der Einweihung des Domes im Jahre 1181, noch wohl erhalten, in das Mittelschiff der Kirche versetzt, wo sie, wie ein Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts vermuthet, noch ruhen sollen. – Die Bischöfe hatten ihre Ruhestätte an verschiedene Stellen, bald im östlichen, bald im westlichen Chore, unter der Kuppel und in den Kapellen des Domes; auch bestimmten sie nicht selten Klöster zu ihrem Begräbnisplatze.

Doch glauben wir darauf aufmerksam machen zu sollen, daß im vierten Quadrate an der Wand des südlichen Seitenschiffes sich eine, jetzt vermauerte, in ihrer Fortsetzung unter den Boden gehende, frühromanische Pforte und daneben ein Fenster befinden, welche unzweifelhaft nach einer unterirdischen Kirche oder nach den Begräbnisräumen des älteren Kreuzganges führten. Ueber der Leibung des Bogens ist das Brustbild eines Bischofs angebracht mit einem aufgeschlagenen Buche in der Hand, dessen Inschrift wir jedoch nicht zu entziffern mögen. Wenn wir das folgende Quadrat des Seitenschiffes genauer untersuchen, so finden wir damit correspondirend und mit vollständig symetrischen Verhältnissen, unter dem Verputze ebenfalls Pforte und Fenster.

Auffallend muß es jedoch immerhin bleiben, daß im ganzen Dome auch keine Spur von Gräbern zu entdecken ist und daß sich weder von der kaiserlichen Ahnengruft, noch von den Heiligen- oder Bischofsgräbern irgendwelche Tradition erhalten hat. – Es ist überhaupt zu verwundern, wie die bedeutendsten geschichtlichen Ereignisse welche sich an dieser Stelle zugetragen haben und deren Andenken man für unverlöschbar halten sollte, in der Tradition der Stadt keinerlei Fortpflanzung gefunden haben. Wer bezeichnet uns heute noch die Stelle, wo Cardinal Lambertus von Ostia, nachheriger Papst Honorius IV., im Jahr 1122 unter freiem Himmel und unter dem Zudrange und endlosen Jubel des ganzen Volkes das eben geschlossene, so tief in den Gang der Geschichte eingreifende Concordat über die Belehnung der Bischöfe verkündete? Wer bezeichnet uns noch den Kampfplatz, wo zwei Jahre nachher die Bürger der Stadt gegen den Kaiser und sein Belagerungsheer ausfielen, um den von ihnen gewählten Bischof Burchard II. durchzusetzen? Wo finden wir noch eine Erinnerung an die prächtige Hochzeitsfeier Kaiser Friedrichs II. mit Isabella von England im Dome zu Worms, die wochenlang die ganze Bevölkerung in endlosen Freuden und Festlichkeiten hielt? Wer weiß die Räume zu nennen, wo Luther von Kaiser und Reich geladen war? Wer weiß noch von den Privilegien, die Kaiser Heinrich V. und Friedrich I. der Stadt ertheilt haben und die das Fundament bildeten, auf dem Worms sich zu dieser großen und wichtigen Freistadt erheben, seine Verfassung ausbilden und seinen Handel ausbreiten konnte?

Was nun den Dom betrifft, so hat dieser seit der glänzenden Hochzeit Kaiser Friedrichs in demselben wohl keinerlei wesentliche Umgestaltungen erlitten, und der Bearbeiter des Nibelungenliedes hat den Dom unzweifelhaft ebenso vor Augen gehabt, wie wir ihn heute sehen, - nur daß an die Stelle der von den Franzosen zerstörten Opferstätten, Kunstwerke und Grabmäler andere Altäre, Chorstühle und Quasten einen grellen Mißklang zu dem ernsten, erhabenen und würdevollen Tempel Gottes bilden.

III. Kunstwerke des Domes.

Je größer und bedeutender die Rolle war, welche Worms in seiner Blüthezeit durch seine Verfassung, seine Politik, seinen Handel spielte, um so auffallender muß es sein, daß diese volkreiche Stadt in dem ganzen Verlaufe ihrer Geschichte auch nicht einen einzigen Geis geboren oder zu ihren Bürgern gezählt hat, der in dem Reiche der Kunst oder der Wissenschaft mit der Fackel des Genies dem Fühlen und dem Bewußtsein der Zeit und der Ratio vorangeleuchtet hätte, - während doch fast alle damaligen Freistädte, wie Nürnberg, Augsburg, Ulm, Köln, eine große Reihe der bedeutendsten Erscheinungen in diesem Gebiete aufzuweisen haben. Und in der That ließen sich verschiedene Ursachen geltend machen, die dem Aufblühen der Wissenschaft und Kunst in Worms kein günstiges Feld darboten. Selbst die geringe Zahl immerhin belangreicher künstlerischer Talente, welche aus dem Schooße der Stadt hervorgegangen waren, wandten sich alsbald von da ab und in die Fremde. Und nicht einmal die Namen dieser Männer hat die Chronik der Stadt aufbewahrt, und nur auf den Streifzügen in der Kunstgeschichte begegnen wir ihnen im fernen Lande. So finden wir im Dome zu Würzburg den vielbewunderten Taufstein aus dem Jahre 1279 vom Meister Eckard aus Worms; in Köln (gestorben 1529) den Maler Anton aus Worms; in Straßburg den Jodocus Dotzinger (S. Essias par Grandidier S. 62 u. 422) aus Worms, während der Jahre 1449 bis 1486 Dombaumeister am Münster und Großmeister der deutschen Maurer. Von allen diesen Männern hat ihre Vaterstadt kein Andenken aufzuweisen und sollten deren vorhanden gewesen sein, so sind sie durch die Hand der Franzosen dem allgemeinen Schicksale erlegen, das auch den Dom fast aller seiner Kunstwerke beraubt hat.

Doch ist es uns in demselben, wie durch ein Wunder, noch eine Reihe der trefflichsten Schöpfungen aus dem Gebiete der mittelalterlichen Bildhauerkunst und Malerei erhalten, welche wir nunmehr betrachten wollen.

Wie bereits erwähnt, ließ Bischof Johannes von Dalberg im Jahre 1488 einen neuen Kreuzgang nebst Oratorium am Dome erbauen. Fünf große Werke der Bildhauerkunst, wahrhafte Gemälde in Stein, schmückten denselben, und wir bezeichnen es als ein wahres Glück, daß diese unschätzbaren Sculpturen so wenig versehrt aus dem Brande im Jahre 1813 hervorgegangen sind. Nachdem sie von da bis zum Jahre 1833 dem Wetter und allen Zufällen preißgegeben waren, ließ der vorige Pfarrer des Domes, Ludwig Boll, dieselbe in die Taufkapelle bringen und daselbst aufstellen.

Treten wir nunmehr in diese Kapelle ein, um einige Zeit bei diesen Sculpturen zu verweilen. Je fleißiger wir diese Gebilde der christlichen Kunst studiren, um so weniger können wir begreifen, daß dieselben nicht längst zu einem allgemeinen Ruhme gelangt sind, ja daß derselben in der Kunstgeschichte bis jetzt nur oberflächlich Erwähnung geschehen ist. Denn, selbst Nürnberg nicht ausgenommen, wüßten wir keine Bildwerke zu nennen, die ein so herrliches Licht über Wesen und Geist der christlichen Bildhauerei gegenüber der griechischen verbreiteten, als eben diese Sculpturen. Schreitet auch das Verständniß und die Anerkennung der christlichen Kunst principien durch die großen Verdienste gegenwärtiger Kunstgelehrter immer mehr voran, so ist das allgemeine Bewußtsein dennoch weit davon entfernt, den hohen Werth und die einzige Wahrhaftigkeit dieser Auffassung vollkommen zu begreifen und zu würdigen. In Folge unserer einseitig klassischen Bildung ist das Unerhörte geleistet worden, daß unser eigener Geist uns fremd geworden ist, daß wir uns in den Gebilden des Griechenthums heimischer fühlen, als in denen, welche der christlich-deutsche Geist geboren hat. Ja, es geschah das Unbegreifliche, daß die Bahnen, welche Bischer, Stoß, Kraft und die anderen Darsteller des christlich-deutschen Principes im Mittelalter mit eigener Geisteskraft gebrochen hatten, daß diese Bahnen, auf denen die Plastik allein zu ihrem Höhepunkte und zu ihrer Erfüllung gelangen konnte, nach kaum hundert Jahren, durch die von Italien hereinbrechende sogenannte Wiedergeburt der Künste, elendiglich verschüttet und vergraben worden sind.

Fassen wir nun nach dieser kleinen Abschweifung unsere speciellen Kunstgebilde näher ins Auge, so müssen wir vor Allem auf den glänzenden Marmor Verzicht leisten. Den hatten unsere Künstler nicht. An den Wänden der Kapelle sehen wir fünf Tableaux aus gelben Sandsteine aufgestellt, welche sämmtlich zwischen den Jahren 1484 – 1488 gearbeitet wurden und die durchschnittlich eine Breite und Höhe von 14 – 18 Fuß haben. Sie stellen die Hauptperioden aus der Lebensgeschichte Marias und Jesu dar: 1) den Stammbaum Mariä, 2) den englischen Gruß, 3) die Geburt Jesu, 4) die Grablegung, 5) die Auferstehung.

Würden wir die Art der Darstellung als Haut-Relief bezeichnen, so würde die Vorstellung von diesen Gebilden wahrscheinlich eine falsche werden. Die Hauptgestalten im Vordergrunde, zumeist in natürlicher Größe, heben sich vollständig von dem Steine ab und bilden Statuen, während sich ein im Relief-Styl gehaltener, vollständig perspektivischer Hintergrund ausbreitet, der ganz der malerischen Auffassung entspricht. Ja wir finden zum Theil eine so richtige Perspektive, wie wir sie oft in gleichzeitigen Gemälden nicht erreicht finden. Auf diese Art erklärt sich auch die gleiche Höhe mit der Breite unserer Bildwerke, welche erstere jedoch pyramidalisch, von reichen Arabesken umrahmt, sich zuschließt.

Wir können es uns nicht versagen, bei der einzelnen Betrachtung unserer Tableaux mit der Grablegung Christi zu beginnen, einer Schöpfung von ergreifendem Ausdrucke, voller Leben und voll unendlicher Wahrheit. Als Hauptfigur sehen wir Christus im Grabe, zu Häupten und zu Füßen den Joseph von Arimathäa und den Nikodemus. Um den Steinsarg gruppiren sich der Lieblingsjünger des Heilands, die heilige Mutter, die andere Maria und Magdalena.

Fassen wir die Gestalt des Erlösers näher ins Auge, so ruht der vom Tode hingestreckte Körper auf einem faltenreichen unter ihm ausgebreiteten Tuche. Sind die erstarrten Züge auch von schweren Leiden durchfurcht, schwebt um die Lippen auch unendlicher Schmerz, so ruht über dem Ganzen doch der Ausdruck der Verklärung und des Bewußtseins einer göttlich vollbrachten That. Der Körper ist etwas mager gehalten, jedoch ohne Uebertreibung und zeugt uns von der Unmittelbarkeit des Fühlens jener Künstler, welche nicht erst nöthig hatten, ein Formell-Schönes zu erfinden, um zur Hingebung an ihre Darstellung zu begeistern.

Das Haupt des Heilandes ruht in den Händen Josephs von Arimathäa. In seinen Zügen drückt sich der ruhige Schmerz des Mannes aus und die ganze Gestalt zeigt uns das Bild eines braven deutschen Biedermannes. Das Gesicht ist von einem mässigen Bart umgeben und das lockige Haar mit einem Turban bedeckt. – Die Füße des Erlösers liegen in den Händen des Nikodemus, ein ächter deutscher Künstlerkopf, jugendlich und bartlos, die Stirne von schön gearbeiteten Locken bis auf die Schultern umwallt, im Gesichte den bewältigendsten Ausdruck eines tiefen, thränenlosen Schmerzes.

Am Sarge steht der h. Johannes. Obwohl von eigenem Leide überwältigt, sucht er die Mutter des Heilands tröstend vom Leichname entfernt zu halten. Ihr zur Seite stehet die mit ihr klagende Freundin und neben dieser, in jugendlich reizender Mädchengestalt, Maria Magdalena, die Hänge ineinander gefaltet und die eigenen Thränen bei ihrem Anblicke herausfordernd. Ueberhaupt sind die Gestalten und die Züge der Frauen meisterhaft und die reiche Gewandung derselben ist unübertrefflich schön geordnet.

An den beiden Enden des Felsengrabes erblicken wir zwei Pharisäer mit böswillig staunenden, fast an das Humoristische grenzenden Gesichtern.

Im Hintergrund erhebt sich in Relief das leere Kreuz des Heilandes, links und rechts die beiden Schächer, mit Stricken an das Kreuz gebunden. Meisterhaft und mit besonderem Fleiße ist die Anatomie des rechten Schächers ausgeführt und bewundernswert der ihn in den Händen zuckende Tod.

Das ganze Bild ist umrahmt von lieblichen Engelsgestalten unter Baldachinen von Staunen erregender Feinheit und Schönheit der Arbeit. Durch gothisches Maßwerk verschlingen sich arabeskenartig in reicher Mannigfaltigkeit Aeste und Zweige, in der Keckheit der Ausführung fast an das Unmögliche grenzend.

Ueberblicken wir auch ein Mal kurz das ganze Gemälde, von dem wir uns nur schwer trennen, so bietet uns das Ganze ein Bild des Schmerzes dar, und wie unvergleichlich ist dieser in all seinen Arten und Stufen dargestellt. Der Todesschmerz des Heilandes, der Schmerz des Mannes und des Jünglings, der Schmerz der Mutter, der Freundin, des Mädchens und selbst die Schmerzen der beiden Schächer am Kreuze: gewiß eine Aufgabe, deren Lösung, wie hier, nur einer ächten Künstlerseele gelingen konnte. – Das ganze Bildwerk hat eine Breite von 15 und eine Höhe von 18 Fuß.

Treten wir nunmehr vor den Stammbaum Mariä, so ist der erste Eindruck der des Staunens ob der reichen und kunstvollen Darstellung. Jesse, der Stammvater des Hauses David, ruht wie träumend auf den Boden ausgestreckt, den Kopf auf die Hand gestützt. Aus seiner Seite tritt ein kräftiger Stamm hervor, der sich alsbald zu Aesten und Zweigen entfaltet. Der ganze Baum bildet eine große Arabeske, 15 Fuß breit und fast ebenso hoch. Die Aeste schwingen und biegen sich so schön und wohltuend, entwickeln einen solchen Reichthum der phantastievollen Formenwirkung, daß die Idee des Ganzen selbst als Zeichnung heute noch einen Schwarzmann zum Ruhme gereichen würde. Da ist Alles so zart, so schmiegsam, so harmonisch gedacht und dabei sind die einzelnen Windungen mit der unsäglichen Geduld vom Steine abgehoben und herausgearbeitet, daß unser Auge mit wahrem Wohlbewagen diesem schönen Spiele der Phantasie nachfolgt.

Die einzelnen Zweige entfalten sich zu reichen, prachtvollen Blüthenkelchen, von denen jeder in halber Lebensgröße das Brustbild eines Ahnen des David’schen Königsgeschlechtes trägt, jeder Kopf neu gedacht, bedeckt mit einer Krone und in der Hand das Scepter. – In den Gipfeln des Baumes thront Maria in meisterhaft schöner und lieblicher Auffassung. Auf dem Schooße hält sie das Jesuskind, welches freudig nach einer ihm von der Mutter dargebotenen Traube greift.

Zur linken Seite des Stammbaumes kniet als freie Statue der Bischof Johannes von Dalberg, der Stifter dieses Bildwerkes. Dalberg war einer der gebildetsten und gelehrtesten Bischöfe seiner Zeit (S. Zapf: Ueber Leben und Verdienste Joh. V. Dalberg), er war ein Freund des berühmten Abtes von Trittheim und Eitelwolff’s vom Stein, ebenso Vorsteher der von Conrad Celtes gestifteten Societas literaria Rhenana. – Obwohl als Portrait aufgefaßt, ist über das milde, geistvolle und hingebende Angesicht dieses Bischofes dennoch der Hauch der wahren Idealität ausgegossen. Seine Augen sind nach dem Bilde der h. Jungfrau gerichtet und hinter ihm steht der Apostel Petrus, ebenfalls nach Maria deutend. Diese Gruppe bezieht sich auf eine Tradition der Familie von Dalberg, wonach sie ihre Abstammung aus dem Hause Davids herleitet.

Unter mehreren daselbst noch angebrachten Statuen verdient die des h. Hieronymus in Cardinalstracht wegen ihrer charaktervollen Auffassung besonders hervorgehoben zu werden.

Ein dritte Tableaux stellt uns den englischen Gruß in lebensgroßen Figuren dar. Maria, auf einem Schemel knieend, ist eben im Gebete begriffen, als der Erzengel Gabriel zu ihr herniederschwebt, um ihr die frohe Botschaft zu verkünden. Besonders bewundernswerth ist die reiche, prachtvolle Gewandung des Engels, umflossen von einem schweren, reichgestickten Mantel. Die Darstellung der Köpfe ist jedoch noch ziemlich primitiv und zeigt uns das ausdruckslose Lächeln, welches der Beginn unserer Plastik charakterisirt. Dieses Bildwerk, aus dem Jahr 1485, scheint einen andern Meister als die übrigen in Rede stehenden zum Urheber zu haben.

Ein viertes Bildwerk zeigt uns die Geburt Christi im Stalle zu Bethlehem. Es ist dieß ein vollständiges, in einen Rundbogen gespanntes perspektivisches Gemälde. Das Christkind liegt nackt am Boden auf einer Windel. Vor ihm kniet, mit aufgelöstem Haare und anliegender Gewandung, Maria, die Augen auf das Kind geheftet. Ihr gegenüber sitzt Joseph, eine meisterhafte Figur, bewundernswerth in Haltung und Gewandung. Die Gestalt kühn entworfen, ist voller Kraft und Leben. Ein schöner, edler, wir möchten sagen, christlich-classischer Kopf. Um die Schultern ist in reichen Falten ein Tuch geworfen, zusammengehalten von einer unübertrefflich gearbeiteten Hand, während die andere Hand das Beil trägt. Sind Maria und Joseph als Statuen gehalten, so erblicken wir übe die Mauren des Stalles hinweg ein von Lehmsteinen errichtetes und mit Stroh gedecktes Hirtenhaus in Haut-Relief. Ein Hirte und eine Hirtin blicken zum Fenster heraus, zwei erquickliche, schöne, lebensvolle Gestalten in der kleidsamen Bauerntracht des Mittelalters. Besonders anziehend ist das anmuthige Gesicht der Hirtin. – Weiter im Hintergrunde, fast tadellos perspektivisch geordnet, erblicken wir einen Berg mit Schloß und Thürmen. Ein Quell, über den ein Steg führt, rieselt den Hügel herab, auf welchem Schaafe weiden, während ein Hirte erstaunt die Gestalten der lobsingenden Engel vom Himmel herniederschweben sieht.

Vorzüglich bemerkenswerth ist noch die Gestalt der Donatarin, welche rechts auf einem Piedestale kniet: eine gar liebliche Gestalt mit zierlich um die Stirne geschlungenem Haare und in so einfach schöner Tracht ihrer Zeit, daß wir, um auf einen Augenblick profan zu werden, schon, um deßwillen unseren Jungfrauen dieses fromme Mädchen oder Weib zur Beherzigung empfehlen möchten.

Das letzte Bildwerk unseres Cyclus stellt die Auferstehung Christi dar. Es ist durchweg in Haut-Relief gehalten. Christus, das Kreuzpanier in der Hand, ist glorreich dem Grabe entstiegen. Der Körper, nur um Schultern und Lenden von einem reichen und schön gefalteten Tuche umwallt, erinnert lebhaft an griechische Auffassung, ist jedoch etwas allzu unbeweglich gehalten. – die schlafenden Wächter sind mit fast humoristischer Naturwahrheit ausgeführt. Während zwei derselben, noch in tiefen Schlafe versunken, die Köpfe niederhangen lassen, ist ein dritter eben erwacht, der schlaftrunken und höchst überrascht nach der Gestalt des Erlösers hinblickt. – Rechts am Grabe kniet Maria Magdalena in reichem, wallenden Gewande, mit der Salbbüchse in der Hand.

Neben dem englischen Gruße finden wir noch mit vieler Kunstfertigkeit, den Grabstein eines Ritters von Heppenheim eingemauert, lebensgroß, vor einem Cruzifixe knieend und aus dem Jahre 1559 – aber im völligen Style der Rennaissance. Also noch nicht einmal ein Jahrhundert war vorrüber gezogen, seit die Kunst auf dem so herrlichen Wege ihrer Vollendung hinanwandelte, und welchen traurigen Abfall sehen wir bereits hier! Dort, wenn auch oft unbeholfen und linkisch, Alles vom erhebendsten Gefühle des Schönen Wahren beseel, - hier die Arroganz, die Lüge, die hohle Maske.

Trotz der eifrigsten Nachforschungen vermochten wir bis jetzt nicht mit Bestimmtheit zu entdecken, wer die würdigen Meister dieser eben beobachteten Bildwerke gewesen waren. Kugler (S. deutsches Kunstbl. Jahrg. 1854 S. 41 und kleine Schriften, II. S. 736) bezeichnete diese Sculpturen als „Arbeiten einer ehrenwehrten Lokalschule, welche, der allgemeinen Richtung nach, zwischen den Nürnbergn A. Kraft und B. Stoß etwa die Mitte hält;“ ebenso findet er im Ausdruck der Köpfe Erinnerungen „an das Wesen der schwäbischen Malerschule.“ – Daß diese Bildhauerschule in Worms selbst ihren Sitz gehabt habe, scheint jedoch nicht angenommen werden zu können. Denn einmal stoßen wir nirgends auf weitere Spuren derartiger Bildwerke, und dann ist zu beachten, daß diese sämmtlichen Sculpturen in dem kurzen Zeitraume von drei Jahren entstanden sind. Es ist also viel wahrscheinlicher, daß Bischof Johannes von Dalberg zur Ausschmückung des Kreuzganges dies Künstler hat besonders kommen lassen. – Ein Monogramm ist nirgends zu entdecken. Nur die Grablegung zeigt uns am Arme des rechten Pharisäers die Buchstaben M. S. –

Fast zur selben Zeit mit dem Kreuzgange (1486) ist das berühmte, leider spurlos verschwundene neue Rathaus auf dem Markte erbaut worden. Dieses wurde wegen seiner schönen Bildnereien von dem Meister Rivergelt viel bewundert und darunter besonders Kaiser Maximilian hervorgehoben, der in seinem ganzen Ornate auf dem Throne sitzend dargestellt war. Es wäre also wohl möglich, daß es dieselben Meister waren, welche in dem Rathause und in dem Kreuzgange thätig gewesen sind.

Leider sind sämmtliche Sculpturen mit einer dicken Thonfarbe übertüncht, durch welche die feineren Conturen und Züge der Bildwerke, sowie das schöne Korn des Steines vollständig verdeckt werden. Ebenso sind die vielfach sehr beschädigten Theile von einer höchst unberufenen Hand so verstandlos restaurirt, daß man sich des gerechten Zornes kaum erwehren kann.

Fernere Beachtung verdienen die in dieser Kapelle aus dem genannten Kreuzgange aufbewahrten Schlußsteine, welche meist vortrefflich gearbeitete Wappenbilder der Bischöfe und adeligen Geschlechter, wie der Dalberge, der Greifenklau, etc. etc. darstellen.

Als ein weiteres Werk der in dieser Kapelle aufbewahrten Denkmäler der Bildhauerkunst ist der große Taufstein anzuführen, welcher aus der abgebrochenen Johanniskirche hierher versetzt wurde. Wiewohl die arabeskenartige Verflechtung von dürrem Astwerke diesen Stein als eine Arbeit der spätgothischen Zeit kennzeichnet, so steht derselbe dennoch als ein Werk von hoher künstlerischer Bedeutung da. Das Becken, edel entworfen, geschmückt mit reichen Ornamenten und von drei sitzenden Löwen getragen, bietet uns eines der schönsten Steindenkmäler dieser Art dar.

Schließlich machen wir noch auf zwei in dieser Kapelle aufbewahrten Denkmale der Malerei aufmerksam. Es sind dieß zwei, auf beiden Seiten bemalte, ehemalige Altarflügel, wahre Perlen der altdeutschen Kunst. Die vordere Seite dieser beiden Altarflügel zeigt uns die Schutzheiligen des Domes, die hintere Seite zwei Kirchenväter. Die Bilder sind in Tempera mit sehr bestimmten, fast glühenden Farben auf Goldgrund gemalt und dennoch voll der schönsten Harmonie in Colorit. Der Goldgrund ist bei den Aposteln mit Verzierungen in Stuck aufgehöht, ebenso die Heiligenscheine und die Symbole des Schlüssels und des Schwertes. Die Gestalten selbst sind correkt gezeichnet, die Körper etwas gestreckt und die Gewänder in eckigen Falten gebrochen, wie solche dem schweren Seiden- und Goldstoffe natürlich sind. – Diese beiden Bilder dürften der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts angehören. (Kugler Kstgesch. S. 530)

Verlassen wir nunmehr die Taufkapelle, welche uns ein so unschätzbares christlich-deutsches Antiquarium darbietet und begeben uns in die nächste Kapelle, so verdienen einige daselbst eingemauerte und den ältesten Zeiten angehörige Sculpturen, Daniel in der Löwengrube darstellend, unsere volle Beachtung. Leider vermögen wir weder mit Bestimmtheit die Zeit ihrer entstehung anzugeben, noch wissen wir, woher diese interessanten Alterthümer in diese viel jüngere Kapelle gelangt sind.

Nicht minder merkwürdig ist eine in der linken Seite des Ostchores am Fuße einer Lisene eingemeiselte Allegorie, welche unzweifelhaft zu gleicher Zeit mit der Erbauung dieses Chores entstanden, also mindestens in den Anfang des 12. Jahrhunderts zu versetzen ist. Diese Sculptur stellt eine weibliche Figur dar, welche den Teufel in Gestalt eines Drachen an einem Stricke hält. Ein Engel faßt das Ungethüm bei den Haaren und stößt ihm ein Messer in den Rücken. Die Arbeit ist unbeholfen, formlos, ohne Ausdruck. Ueber den Figuren stehen die Worte: Juliana, rechts Otto me fecit, - links Adpebraht Monetarius. (Otto Adpebraht, Münzmeister, hat mich gemacht?)

Begeben wir uns nunmehr in das linke Seitenschiff des Domes, so finden wir da den Grabstein dreier fränkischen Königstöchter aufgestellt, mit Namen St. Embede, Warbede und Wilbede. Dieser Stein stammt aus der Kirche des ehemaligen Bergklosters und die Tradition berichtet uns, daß diese drei königlichen Schwestern zur Zeit als die Rheinlande von den Horden der Normannen überschwemmt wurden, für den christlichen Glauben gestorben seien. Daher kam es auch, daß die Franzosen dieses Kloster bei Zerstörung und Verbrennung der Stadt zu Ehren dieser fränkischen Königstöchter, deren Gebeine man noch unter dem Steine wähnte, verschonten, während sie im Jahre 1794 den prächtigen bischöflichen Palast blos um deßwillen verbrannten, weil der Prinz Condé hier auf kurze Zeit eine Zufluchtstelle gefunden hatte. – Genannter Grabstein in Haut-Relief gearbeitet, gehört zu den besten Zeiten der Gothik an und ist wohl in das vierzehnte Jahrhundert zu versetzen. Der jugendliche Gesichtsausdruck der drei Schwestern ist lieblich, fromm und Mitleid erregend; die Gewandung ist außerordentlich schön und edel gehalten. Während das Unterkleid sich leicht den Formen des Oberkörpers anschmiegt und um die Lenden von einem einfachen Gürtel zusammengehalten wird, umfließt und bedeckt ein faltenreicher Mantel den übrigen Theil des Körpers.

Die übrigen, im Ost- und Westchore des Domes noch enthaltenen Sculpturen im Rennaissance- und Zopfstyle übergehen wir, da dieselben nach unserer Ansicht weder von historischer, noch von künstlerischer Bedeutung sind.

Betrachten wir nun noch kurz die interessanten Ueberreste von Wandmalereien, mit welchen der Dom ehemals geschmückt war und welche allenthalben noch zu Tage treten. An vielen Stellen sind die Spuren derselben nur noch an den in das Mauerwerk eingegrabenen Heiligenscheinen zu entdecken. Die Reste dieser Malereien, obgleich das fünfzehnte Jahrhundert wohl nicht überschreitend, scheinen aus verschiedenen Zeiten zu stammen. Den ältesten Zeiten, und wie wir vermuthen, dem Ende des zwölften Jahrhunderts mögen die überlebensgroßen Gestalten der Apostel Petrus und Paulus angehören, welche wir an zwei Pfeilern der linken Seite des Mittelschiffes wahrnehmen, sowie das noch colossalere Gemälde des h. Christophorus im linken Kreuzflügel, mit der nicht ganz zu entziffernden Inschrift: Per. Te. Strena. Datur. Morbi. Genus. Ome. Fugarur (kreuz) aura. Fames. Pestis. Christi christo fore te CT. – Diese Gemälde zeigen uns eine strenge, fast schroffe, an Mosaiken erinnernde Würde zu tragen, nach den Principien der Plastik entworfen, vollständig den Charakter colorirter Zeichnungen. Die arabeskenartige Einrahmung besteht aus schlicht aneinander gereihten und verschieden gefärbten Vierecken.

Jüngeren Ursprungs scheinen die übertünchten und kaum durchscheinenden Reste eines großen Gemäldes im linken Seitenschiffe zu sein. Es stellt Christus am Kreuze dar, umschwebt von vielen Engeln. Die noch deutlich zu erkennende überlebensgroße Figur Mariä zeigt uns einen schönen, durchgebildeten, bereits vollständig individualisirten Kopf.

Höchst interessant sind die an dem ersten Hauptpfeiler und dessen Verbindungbogen auf der linken Seite des Hauptschiffes erhaltenen Arabesken. Der Kämpfer dieses Pfeilers zeigt in schön verschlungener Aneinanderreihung die Brustbilder der Apostel, während Capitäl und Bogen mit reichem Arabeskengewinde geziert sind.

Als besondere Zierde sind noch die in den Rosetten des Lorenzi-Chores befindlichen Glasmalereien anzuführen. Dieselben stammen aus der Stiftskirche in Wimpfen und gehören der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts an. Diesen herrlichen Schmuck verdankt der Dom dem Kunstsinne des Ministerpräsidenten Frhrn. V. Dalwigk, welcher diese Malereien aus ungeeigneten Händen für den Dom erwarb und so die Verschleppung dieser Kunstwerke verhütete. Die Glasmalereien der Stiftskirche in Wimpfen zählt die Kunstgeschichte zu den bedeutendsten Leistungen ihrer Zeit. Leider wurden dieselben zu Anfang dieses Jahrhunderts aus der Stiftskirche herausgenommen und befinden sich die Hauptfenster gegenwärtig im Museum zu Darmstadt.

Ehe wir den Dom verlassen, verdient noch ein altes Oelbild in der Marienkapelle, die h. Jungfrau mit dem Kinde auf dem Arme darstellend, unsere Beachtung. Dieses Bild, welches wir der fränkischen Schule zuzählen, sowie die beiden in der Taufkapelle aufbewahrten Gemälde, sind die einzigen, welche glücklich die Verheerung des Domes überstanden haben. Ein auf der Rückseite unseres Marienbildes angebrachtes Pergament erzählt, daß im Jahre 1689, als die Gallier schändlicher denn die heidnischen Türken in dem Dome gewüthet, dieselben auch den Muttergottesaltar, welchen dieses Gemälde zierte, in Brand gesteckt hätten und dieser bis auf die letzten Trümmer von den Flammen zerstört, unser Marienbild selbst aber als „manifestum miraculum“ gänzlich von dem Feuer verschont worden sei.

Hiermit nehmen wir von dem Dome Abschied, fest vertrauend auf den besseren Geist unserer Zeit, welcher diese durch Alter, Geschichte und Kunst so würdige Haus Gottes gewiß nicht in Trümmer sinken lassen wird.

Weitere architektonische Sehenswürdigkeiten in Worms sind:

1) Die Paulskirche,

erbaut im J. 1016, umgebaut wegen drohenden Einsturzes 1110, neu aufgeführt nach einem Brandschaden 1261. Von den Franzosen 1689 in Brand gesteckt, wurde das Mittelschiff völlig zerstört, später im Zopfstyle neu aufgeführt und mit Fresken von Seekatz ausgemalt.

2) Die Andreaskirche,

erbaut 1020. Aus dieser Zeit stammt noch das Portal und der untere Theil des östlichen Thurmes mit einer Inschrift aus dem Jahre 1326, wonach auf einen Tag 70 Sarkophage in einer Gruft bei diesem Thurme versenkt wurden. Diese Kirche erfuhr verschiedene Umbauten, zuerst im spätromanischen und dann im gothischen Style.

3) Die Martinskirche

Erbaut in der letzten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Sie ist eine in verüngtem Maßstabe ausgeführte und wohldurchdachte Wiederholung des Domes. 1265 umgebaut (siehe das schöne westliche Portal) erlitt diese Kirche durch die Zerstörung im J. 1689 wesentlichen Schaden.

4) Die Liebfrauenkirche

Aus dem Ende des 13. Jahrhunderts. 1467 völlig umgebaut, zeichnet sich diese auf 24 Pfeilern ruhende Kirche durch ihre einfache, edle und schmucklos gothische Bauweise aus. Besonders zu bemerken das schöne Portal, den Tod Mariä darstellend und die klugen und die thörichten Jungfrauen. Die Restauration dieser Kirche steht in baldiger Aussicht.

5) Die Synagoge,

wohl die älteste in Deutschland, aus dem Anfange des 11. Jahrhunderts; bei einem Aufstande gegen die Juden im J. 1615 im Innern verwüstet. Bemerkenswerth das Portal, zwei Säulen im Innern, das leider zerfallene uralte Frauenbad und die Raschi-Kapelle.

5) Die Dreifaltigkeitskirche

1725 erbaut, mit dem bekannten, künstlerisch jedoch werthlosen Gemälde von Seekatz, den Reichstag zu Worms 1521 darstellend.

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