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Erich Knauf

Der unbekannte Zille

herausgegeben von Pay Matthis Karstens

mit erläuternden Texten von Wolfgang Eckert und Pay Matthis Karstens

Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-86408-224-5

© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin / 2017

www.vergangenheitsverlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Coverabbildung

Heinrich Zille: Selbstbildnis (Ausschnitt), 1892, Fotografie, Abzug auf Silbergelatinepapier (Neuprint), 26,4 x 19,8 cm (Werkverzeichnis Kaufhold 20), Inv.-Nr. BG-FS WV 20 Serie b), Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Foto: Kai-Annett Becker.

Danksagung

Der Dank des Herausgebers für die freundliche Unterstützung dieser Publikation gilt zu allererst Wolfgang Eckert, darüber hinaus der Berlinischen Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, insbesondere Christian Tagger, dem Fachbereich Kultur der Stadtverwaltung Meerane, insbesondere Angelika Albrecht, dem Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, insbesondere Anja Bauer, sowie der Stiftung Stadtmuseum Berlin, insbesondere Andreas Teltow und Robert Wein.

Inhaltsverzeichnis

Wolfgang Eckert: Vorwort

Erich Knauf: Der unbekannte Zille

Abbildungen

Pay Matthis Karstens: Nachwort

Anmerkungen

Kurzbiografien

Wolfgang Eckert

Vorwort: „Und wenn die Kunde zu euch kommt, dass ich tot sei, glaubt es nicht.“

In den 1970er Jahren des vergangenen Jahrhunderts fiel mir ein regionales Heimatblatt in die Hände, worin sich ein Kreuzworträtsel befand. Unter Fünf senkrecht las ich: Schriftsteller, in Meerane geboren. Mit geschwellter Brust trug ich meinen Namen ein. Aber er passte nicht. Es fehlte ein Kästchen zu Eckert. Ich kaufte mir das nächste Blatt und hoffte, dort eine Berichtigung zu finden. Etwa in der Art: „In unserem letzten Kreuzworträtsel ist uns leider ein Fehler unterlaufen. Bei der Lösung Fünf senkrecht fehlt zu Eckert ein Kästchen.“ Aber stattdessen las ich unter Fünf senkrecht: Knauf. Noch nie gehört! Mein aufgekommener Ruhm versank vorzeitig.

Dann wollte es der Zufall, dass ich in Erich Kästners Buch „Da samma wieda!“ (1969) den Artikel „Eine unbezahlte Rechnung“ las, in dem Knauf erneut genannt wurde und ich bestürzt von der Art seines Todes erfuhr.1 Ich schrieb Erich Kästner (1899–1974), da ich mehr über Knauf wissen wollte, und er antwortete mir, er habe Knauf immer mit Plauen in Verbindung gebracht und nichts von seiner Geburtsstadt Meerane gewusst. Es wäre schön, schrieb er, wenn in Meerane eine Straße oder ein Platz nach ihm benannt würde.2 Das geschah nicht. Aber seit Jahren gibt es im Kunsthaus zu Meerane eine kleine Dauerausstellung über sein Leben und Sterben. Am Ende seines Briefes teilte mir Kästner die Anschrift von Knaufs Witwe, Erna Knauf, mit. Sie wohnte in Berlin-Tempelhof in der Badener Straße.

So begann meine Bekanntschaft mit ihr, die zunächst aus Briefen bestand. Aber es zeigte sich bald, Briefe allein reichten nicht aus, um mehr über das Leben Erich Knaufs und sein tragisches Ende zu erfahren.

Mein Antrag beim Sekretariat des Schriftstellerverbandes der DDR, nach West-Berlin einreisen zu dürfen, wurde ohne unnötige Fragerei gestattet, wohl auch, weil ich in dem Antrag als Begründung genannt hatte, über Erich Knauf schreiben zu wollen, der von den Nazis hingerichtet wurde. Ein Problem entstand jedoch: Erna Knauf war nach einem Schlaganfall rechtsseitig gelähmt und auf einen Rollstuhl sowie fremde Hilfe angewiesen. Wenige Tage vor meiner Einreise rief sie mich an und bat mich, eine Woche später zu kommen, da ihr im Moment nicht wohl sei. Was sie nicht wissen konnte: Ich musste nun erneut einen Antrag stellen und es dauerte wieder Wochen bis zur Genehmigung. Sie verstand das nicht. Schließlich erkannte man auch im Schriftstellerverband die Situation und ich erhielt eine Einreisemöglichkeit für ein halbes Jahr. Ich hätte nun jeden Tag zu Erna Knauf reisen können. Als Nichtrentner ein Privileg.

Den ersten Tag meines Besuches werde ich nicht vergessen. Erna Knauf erhob sich mühsam, von einer Freundin gestützt, aus ihrem Sessel und überreichte mir ebenso mühsam ein neben ihr auf dem Tisch stehendes Sektglas. Ich habe es später nicht gewagt, sie zu fragen, ob ihr weißes Haar damals, als sie von der Ermordung ihres Mannes erfuhr, plötzlich gekommen war. In ihren Augen las ich, sie war auf dem Wege, mir Vertrauen zu schenken. Bis dahin wusste ich etwas vom Leben Erich Knaufs und ahnte – wir, die es nicht erlebt haben, können nur ahnen – was Erna Knauf 1944 durchgemacht haben musste. Was ich damals nicht wusste: Der West-Berliner Kultursenat hatte kein Interesse am Nachlass Erich Knaufs gezeigt. Und so gab Erna Knauf diesen mir. In einem West-Berliner Rundfunksender hörte ich später, sie habe den Nachlass aus Enttäuschung über das mangelnde Interesse in die „Ostzone“ gegeben. Ein Zufall also erneut für mich.

Der Nachlass Erich Knaufs machte mich von einem Betrachter zu einem Betroffenen. Seine Bücher erstaunten mich durch die untrügliche Beurteilung der Zeit, in der sie spielten. Als ich seinen Abschiedsbrief las, mit empfindsamen Worten kurz vor dem Ende auf ebenso durch die Zeit empfindsam gewordenes Papier geschrieben, an den Seiten eingerissen und mit durchsichtigem Klebeband zusammengehalten, entschloss ich mich, Knauf und sein Werk aus der Vergessenheit zu holen, in die er durch den Lauf der Zeit gesunken war. Im Aufbau Verlag fand ich in Dr. Gotthard Erler einen verständnisvollen Unterstützer meiner Pläne. Fördernd dabei war: Er stammte aus dem kleinen Dorf Waldsachsen am Rande Meeranes und hatte deshalb ähnliches regionales Interesse an dem Meeraner Erich Knauf. Wir erarbeiteten die Herausgabe von Knaufs Werken mit einem Nachwort von mir. Aber wieder wollte es der Zufall, diesmal ein ungünstiger, dass unser Plan scheiterte. Die DDR ging unter. Ein neuer westdeutscher Verlagschef fegte, wahrscheinlich unter dem trügerischen Wahn, neue Besen kehren gut, das fertige Vorhaben von seinem Tisch. Mir blieb nur, das noch Erhaltene aus den Trümmern zu retten und dank des Chemnitzer Verlages und seines Leiters Dr. Klaus Walther dort eine Biografie über Erich Knauf unter dem Titel „‘Heimat, deine Sterne …‘ – Leben und Sterben des Erich Knauf“ herauszubringen.3 Wenigstens etwas war gerettet. Westdeutsche Verlage hatten das Projekt mit der Begründung abgelehnt, Knauf sei nicht bekannt, so verkaufe sich das Buch nicht.

Der Titel „Heimat, deine Sterne“ ging auf eine Melodie Werner Bochmanns zurück, zu welcher Erich Knauf den Text geschrieben hatte. Die Nazis machten daraus einen Front-Hit. Er hat Erich Knauf nicht das Leben gerettet.

Erich Knauf wurde am 21. Februar 1895 in der Meeraner Philippstraße 3 geboren. Sein Vater Heinrich war Schneidermeister und Mitglied der SPD, die Mutter Thekla Tochter eines Hauswebers. In Meerane überwogen die Textilarbeiter und die Mechanisierung der Webereien nahm ihren Aufschwung. In eng stehenden Häuserzeilen, alle im Karree gebaut, lebten Arbeiter und kleine Angestellte dicht beisammen. Am Rand der Stadt wohnten die Fabrikanten in ihren Villen. Im Realgymnasium war der kleine Erich Knauf unter Fabrikantensöhnen der beste Schüler. Oft schickte ihn sein Vater zu säumigen Kunden, um den ausstehenden Schneiderlohn einzuholen. Aber statt Geld erhielt er meistens nur Naturalien als Ausgleich, damit er nicht ganz mit leeren Händen nach Hause kehrte. Einst brachte er mit seinem Schulfreund, dem später als Maler in Dresden lebenden Otto Griebel (1895–1972), Nahrungsmittel für die 1903/04 streikenden Textilarbeiter nach Crimmitschau. Nahe der Gaststätte Feldschlößchen ertappte sie ein Gendarm und zertrat mit seinen Stiefeln die Nahrungsmittel vor ihren Augen. Einen besseren Geschichtsunterricht über soziales Verhalten konnte es für den kleinen Erich Knauf nicht geben. Otto Griebel hat diese Episode in seinem Erinnerungsbuch „Ich war ein Mann der Straße“ festgehalten.4

1908 geht Heinrich Knauf mit seiner Familie im Auftrag der SPD nach Straßburg. Doch er konnte sich dort nicht behaupten und zog noch im selben Jahr nach Gera, wo ihn seine Partei dringender benötigte. Aber die kurze Zeit in Straßburg und der Eindruck des Münsters brachte den kleinen Erich Knauf so weit, die Eltern und seine Geschwister mit dem Bekenntnis zu überraschen, er möchte Schriftsteller werden. Darauf erntete er nur Gelächter. Vorerst erlernte er den Beruf eines Schriftsetzers. In Gera beeinflusste ihn die Bekanntschaft mit dem späteren Reiseschriftsteller Edgar Hahnewald (1884–1961). Der war elf Jahre älter als Knauf. Er befasste sich damals schon mit dem Schreiben von Manuskripten, die in den 1920er Jahren zu Veröffentlichungen von Heimatschilderungen ohne Heimattümelei führten. Er hatte linke Anschauungen, die ihn nach dem Machtantritt der Nazis zur Emigration zwangen. In seinem Schaffen war er vom Aufklärer Seume inspiriert. Sein Einfluss war entscheidend für Knaufs schriftstellerische Ziele. Und wahrscheinlich lernte Knauf durch Hahnewald Seumes „Spaziergang nach Syrakus“ (1803) kennen und wurde neugierig auf diese Region. 1914 geht er mit Freunden auf Wanderschaft nach Italien und kehrt über Griechenland und die Türkei wieder nach Hause zurück. Unterwegs wird er vom Beginn des Ersten Weltkrieges überrascht und kurz danach zum Kriegsdienst eingezogen. Sein Weg führte bald in ein Strafbataillon. Einen Befehl beim Exerzieren zum Sturmangriff hatte er in der Manier des braven Soldaten Schwejk so ernst genommen, dass er bis ins nächste Dorf rannte. Seine Vorgesetzten aber hatten keinen Sinn für solche Späße.

Nach dem Ende des Krieges besuchte Knauf die Volkshochschule Schloß Tinz der SPD bei Gera. Der Einfluss seines Vaters und Edgar Hahnewalds sowie die Kriegserlebnisse bestimmten diesen Weg. Während des Studiums wird er erneut durch ein politisches Ereignis überrascht: den Kapp-Putsch. Er wird Stoßtruppführer und ist so maßgebend an der Zerschlagung des Kapp-Putsches beteiligt. Seine Enttäuschung über den Umgang mit dem Putschversuch, besonders über die indifferente Haltung der SPD, führt ihn zur linken Abspaltung dieser Partei, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Von 1920 bis 1922 übernimmt er die Leitung des Presseamtes der Thüringischen Landesregierung. Er arbeitet nebenbei für die Thüringer Presse und schreibt Theaterrezensionen.

Seine Kritiken waren bei Regisseuren und Schauspielern geachtet und gleichzeitig gefürchtet. Wenn sie ihn im Parkett des Theaters sitzen sahen, flüsterten sie sich zu: „Er ist da!“ Von Kind an, auch durch eigene Erlebnisse gegen soziale Ungerechtigkeiten erzogen, blinzelte Knauf bei seinen Beurteilungen nicht, eine Eigenschaft, die ihm später zum Verhängnis werden sollte. Auch äußerlich muss er auf die Spießer wie ein Haudegen gewirkt haben. Er trug Ledergamaschen, Lederjacke und offene Hemdkragen.

1922 zieht Knauf ins vogtländische Plauen und wird verantwortlicher Feuilletonredakteur der sozialdemokratischen Volkszeitung für das Vogtland. Sechs Jahre wird er dort bleiben, die Spießer durch scharfe, klug erkennende Beobachtung seiner Umwelt erschrecken und die Kunstsinnigen erfreuen. Es sind ästhetisch anspruchsvolle Artikel, wie sie in solchen Regionalzeitungen nicht häufig vorkommen. Während seiner Tätigkeit lernt er den aus Untergettengrün bei Plauen stammenden Karikaturisten Erich Ohser (1903–1944) kennen. Er verhilft ihm zur Veröffentlichung seiner satirischen Zeichnungen in der Plauener Volkszeitung. Und da Ohser mit Erich Kästner befreundet ist, einige Bücher von ihm illustrierte, druckt er auch Kästners neue Gedichte, rezensiert seine Arbeiten. Die drei Erichs – Knauf, Ohser und Kästner – kommen einander näher. Ohser wird später unter dem Druck der Nazis seinen Namen in das Pseudonym „e. o. plauen“ ändern müssen. Er wird bekannt werden durch seine Bildserie „Vater und Sohn“, die seine politischen Karikaturen in den Hintergrund drängt. Aber ohne den politisch zeichnenden Ohser entsteht nur ein lückenhaftes Bild über ihn.

1928 wird für Erich Knauf wohl das entscheidende Jahr in seiner Entwicklung zum Schriftsteller. Er erhält ein Angebot als Schriftleiter der Büchergilde Gutenberg in Berlin. Seine Frau, die er unter ihrem Mädchennamen Gertrud Meyer während seiner Plauener Zeit geheiratet hatte, geht nicht mit ihm. Sie kann sich offenbar nicht aus der Enge Plauens befreien. Ein Auseinanderleben ist schon vorprogrammiert. Die Kunstszene stöhnt auf ob Knaufs Weggang, während die Spießer fröhlich ihre Befreiung von Knauf feiern.

In der Büchergilde kann Knauf endlich seine sozialen Grundhaltungen und seine literarischen Kenntnisse frei entfalten und verwirklichen. Ihm gelingt es, die Weltliteratur Deutschlands, Amerikas, Frankreichs, Spaniens und Russlands in die Büchergilde zu holen und sie für die einfachen Leute preiswert zu machen. Er wird so zu einem Wegbereiter, und die Bedeutung der Büchergilde wächst nicht zuletzt auch durch Illustratoren und bildende Künstler, die sich dort durch Knauf verwirklichen können. Dr. Jürgen Dragowski hat in seinem fundierten Buch „Die Geschichte der Büchergilde Gutenberg in der Weimarer Republik 1924–1933“ (1992) detailliert und sachkundig über das Wirken Knaufs in der Büchergilde geschrieben:

„Knauf nahm die Herausforderung an und stellte sein Programm auf dem sechsten Vertretertag des Bildungsverbandes im September 1928 in Berlin den dort versammelten Delegierten vor. ‚In einem geistigen Höhenflug‘ entwickelte er in seinem großes Aufsehen erregenden Vortrag ‚ein literarisches Zukunftsprogramm der Büchergilde, das die begeisterte Zustimmung des Vertretertages auslöste.‘ Seine Vorstellungen zielten darauf ab, den eher schöngeistigen Rahmen der bisherigen Gildenproduktionen zu durchbrechen. Knauf wollte zeitgenössische sozialkritische Werke ins Programm aufnehmen. Diese sollten sich an den klassenkämpferischen Auseinandersetzungen der Gegenwart orientieren.“5

Knaufs Tätigkeit als Schriftleiter bringt für ihn auch noch einen ganz persönlichen Vorteil. Er kann seine Bücher, welche in den nächsten Jahren entstehen, selber veröffentlichen. Es sind „Empörung und Gestaltung. Künstlerprofile von Daumier bis Kollwitz“ (1928), „Ca irà! Reportageroman über den Kapp-Putsch“ (1930) und „Daumier“ (1931). Außerdem gibt er Bücher heraus: “Welt werde froh“ (1929) über Kurt Eisner mit einem beachtlichen Nachwort seines Vaters Heinrich Knauf, „Das blaue Auge. Humor, Satire, Tragikomisches und andere Rosinen der Weltliteratur“ (1930) und „Mutter. Ein Buch der Liebe und des Dankes“ (1933). Posthum erschien ein Band mit Gedichten im Paul Zech Verlag: „Das Traumboot“ (1949) mit Illustrationen von Albert Schäfer-Ast.

Um sich nicht nur Knaufs Sachkenntnis über die Weltliteratur, sondern auch über die bildende Kunst vor Augen zu führen, sei hier der Ausschnitt aus einem Artikel Knaufs über Frans Masereel (1889–1972) gegeben, den durch die Zeit leider weitgehend in Vergessenheit geratenen belgischen Holzschnitter. Masereels Holzschnitte regten Knauf zu folgender bildhafter Betrachtung an:

„Die Malerei war im fünfzehnten Jahrhundert die Mätresse des weltlichen und des geistlichen Adels geworden. Die Zeichnung verwelkte in den Raritätenschreinen wohlhabender Sammler. Die Besitzlosen waren auch an Kunst besitzlos. Armut und Aussperrung wurden hier zum Gewinn: der Holzschnitt entstand. Kunst, die mitten im Volk lebt, erfüllt ihre Existenzberechtigung: Ausdruck der Zeit zu sein. Schrei der Zeit zu sein. Nicht nur das Echo dieses Schreies. Entweder ein Künstler hat Hunderten etwas zu sagen, oder er hat nichts zu sagen. Sich den Hunderten mitzuteilen, das ist der Anstoß des Holzschnitts.“6

Wer so das Volk in die Kunst einbezogen sehen wollte, der musste 1933, als die Nazis alle Geschäftshäuser und somit auch das der Büchergilde besetzten, zum Scheitern verurteilt sein. Literatur und Kunst aus Amerika, Frankreich, Belgien und Russland in die Büchergilde und ihre Zeitschrift zu bringen, das hieß ja nun, den Feind ins deutsche Land zu holen. Den künftigen Volksgenossen mussten stattdessen die völkischen Künstler und Schriftsteller ins Hirn gemeißelt werden. Erich Kästners Bücher und die vieler anderer hervorragender Schriftsteller wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

So heißt es dann in der 8. Sitzung der Büchergilde vom Donnerstag, dem 27. April 1933, unter Punkt 2, „Bericht über das Arbeitsverhältnis des Kollegen Knauf“:

„Die Geschäftsleitung habe wiederholt die Berücksichtigung deutscher Autoren bei der Herausgabe der Bücher sowohl wie in den Artikeln für die Zeitschrift ‚Die Büchergilde‘ verlangt, trotzdem sei aber von Knauf ausländische – besonders französische Literatur – berücksichtigt worden. […] ‚Der Vorstand überzeugte sich durch das vorgelegte Material von der Aussichtslosigkeit einer gedeihlichen Zusammenarbeit zwischen dem Kollegen Knauf und der Büchergilden-Leitung. Er hält es deshalb für zweckmäßig, den Kollegen Knauf am 15. Mai 1933 zum 30. Juni 1933 zu kündigen.‘“7

Es ist Knaufs bitterste Stunde, das ihm lieb gewordene Betätigungsfeld verlassen zu müssen. Im selben Jahr stirbt sein Vater in Gera, als habe er die neue unselige Zeit nicht mehr erleben wollen. Die Verbindung Erich Knaufs zu seiner Frau in Plauen ist längst zu Ende gegangen. Er hat sich in seine Sekretärin bei der Büchergilde, Erna Donath, verliebt und sie begleitet ihn auf seinem beschwerlichen Weg der Arbeitsuche.

Ein Freund aus alten Zeiten, Walther Victor (1895–1971), der im bürgerlich-liberalen 8-Uhr-Abendblatt als verantwortlicher Redakteur beschäftigt ist, verschafft ihm die Möglichkeit, sich dort ein paar Mark zu verdienen. Als Victor emigrieren muss, übernimmt Knauf dessen Stelle und kann sein Dasein etwas bekömmlicher gestalten. Aber dann schreibt er eine deftige Kritik zur „Carmen“-Aufführung in der Deutschen Staatsoper: „Alte Schablone provinzieller Art, kein großer Zug, kein Blut in den Adern! […] Staatsoper? Volksoper! Leben, Leben, Leben, Smoking runter, Manschetten umgekrempelt, hau-ruck!“8

Der Schirmherr der Deutschen Staatsoper heißt Hermann Göring. „Heermann heester!“ sang einst Claire Waldoff. Er ist dabei, sich keinen Smoking anzuziehen, sondern sich Orden auf seinen dicker werdenden, uniformierten Bauch zu hängen und schäumt vor Wut über diese Kritik als sei er selbst damit gemeint.

Knauf hat in der Kritik nur seinen gewohnten Ton angeschlagen. Er ist sich treu geblieben. Deshalb wird er „zu seiner eigenen Sicherheit“ einige Wochen in „Schutzhaft“ genommen. Es gehörte zum Zynismus der Nazis, auf solche Weise die Beschützenden zu spielen. Im Grunde war es ein Warnschuss. Als Knauf aus dem Oranienburger KZ wieder herauskam, kahlgeschoren, hatte er dort indirekt von der Ermordung Erich Mühsams (1878–1934) erfahren. Er wird aus dem Reichsverband der deutschen Presse ausgeschlossen. Und dies alles zu seinem Schutz? Natürlich war auch die Arbeit für das 8-Uhr-Abendblatt zu Ende. Er fristet sich als freier Mitarbeiter in der Industrie- und der Filmwerbung durch. Gelegentlich nimmt die Presse ein Gedicht von ihm. Er wählt sich als Unterschrift oft „e. k.“ oder das Pseudonym „Thyl“. Er blickt schnell wieder auf einen literarischen Torso zurück: das Vorwort zu einer graphischen Mappe für den Verlag Gurlitt, einige Kapitel zu dem Roman „Das Nest“, eine Novelle „Wiedersehen in Marquardt“, zwei Filmnovellen und ein Manuskript für ein Buch „Der unbekannte Zille“. Das alles bleibt in einer Welt, die ihm keine Chancen mehr gibt, bei ihm liegen.

1938 wird er von seiner Frau Gertrud geschieden und heiratet Erna Donath. Sie war und wird in den künftigen Jahren sein fester Halt. Durch seine gelegentliche Mitarbeit in der Filmwerbung gelingt ihm der Zugang zum Film. In der Filmgesellschaft Terra musste der Pressechef zum Militärdienst. Knauf wird sein Nachfolger und verantwortlich für die propagandistische Betreuung der Filme. Ob er sich mit seinen detaillierten Kunstkenntnissen und dem Bemühen um literarische Qualität in seinem neuem Umfeld wohl gefühlt hat, ist nirgends verbürgt. Finanziell ging es ihm jetzt ausgezeichnet.

Während Hitler und sein Stab sich anschickten, die ganze Welt zu besiegen und ein Großteil des Volkes ihm das glaubte und billigte, während rührselige und krachheitere Heimatfilme und solche rassistischen Streifen wie „Jud Süß“ (1940) die Masse beduselten, Stars wie Marika Rökk, Ilse Werner, Johannes Heesters, Heinz Rühmann, Theo Lingen, Hans Moser, Oskar Sima, Zarah Leander u. a. für Stimmung und meistens für eine Traumwelt sorgten, starben die ersten Soldaten elend im Dreck, Schlamm und Blut auf dem „Feld der Ehre“ und gingen schnell als Helden in den Vorfilmen der Wochenschau unter.

Knauf versuchte trotz allem zu überleben, schrieb heitere Vierzeiler für Filmgrößen, Texte zu Melodien des ebenfalls in Meerane geborenen Komponisten Werner Bochmann (1900–1993) wie „Heimat, deine Sterne“, „Glocken der Heimat“, „Heute Abend in der blauen Stunde“ und „Mit Musik geht alles besser“. Dass es damit besser ging, glaubte er wohl im Inneren nicht. Hermann Göring, verantwortlich für die deutsche Luftwaffe, hatte prophezeit: „Wenn wir unseren Taubenschlag öffnen, wird der Himmel schwarz sein.“ Jetzt war er es. Aber von anglo-amerikanischen Bomberverbänden. Ohne eigene große Verluste flogen sie Berlin an und begannen, es systematisch zu zerstören. Jahre später sollten dann die Russen am Boden mit großen eigenen Verlusten dieses Zerstörungswerk fortsetzen. Der Sturmwind Hitlers hatte sich gedreht und kam nun verheerend zurück.

Im zerbombten Berlin traf Knauf seinen alten Freund Erich Ohser wieder. Ein freudiges Ereignis in Schutt und Asche. Beide hatten ihre Wohnungen verloren. Der größte Teil von Knaufs Bibliothek war in den Flammen untergegangen. Beide hatten ihre Frauen außerhalb Berlins in Sicherheit gebracht. Ohser seinen Sohn dazu. Ein ihnen gut bekannter und sie achtender Arzt, Dr. Daubenspeck, welcher sich im Kriegsdienst befand und der seine Frau im sicheren Ahrenshoop untergebracht hatte, bot ihnen sein Haus in Berlin-Kaulsdorf, Am Feldberg 3, an. Dort wohnte bereits ein Mann namens Bruno Schultz mit seiner Frau, der Hauptmann im Oberkommando der Deutschen Wehrmacht war und das Neue Deutsche Lichtbild herausgab. Sie saßen oft zusammen, auch im Keller während der Luftangriffe. Sie tranken gemeinsam Wein, den der Hauptmann kistenweise bezog. Sie sprachen freimütig über den ihrer Meinung nach verloren gehenden Krieg. Und sie hielten Schultz ihnen zugehörig, weil er ebenfalls im Bereich der Kunst wirksam war. Es ging aufgelockert und satirisch zu. Bereits im Plauener Kino waren Knauf und Ohser aufgefallen, wenn sie im lauten Ton – Ohser hörte etwas schwer – ihre sarkastischen, ironischen Bemerkungen zu dem kitschigen Ablauf vorn auf der Leinwand machten. Die Zuschauer begannen, über sie zu lachen, und es war nicht mehr festzustellen, wer nun hier wen unterhielt. Der Film wurde zur Nebensache oder zum Anlass. Im ähnlichen Ton erzählten sie auch mit Schultz. Der lächelte immer etwas später, wie ein bisschen begriffsstutzig. Aber er prägte sich die Äußerungen über Hitler, Goebbels oder die SS nur genauestens im Kopf ein, damit er sie dann exakt notieren konnte. Als er seinem Vorgesetzten Meldung erstattete mit dem Hinweis, seine Treue zum Führer sei durch die Äußerungen der Beiden zutiefst verletzt worden, soll dieser mit der Weiterleitung der Meldung gezögert haben. Vielleicht ein Zug noch vorhandener Menschlichkeit. Aber in diesem System konnte schon eine Unterlassung tödlich sein.

Am 28. März 1944 wurden Knauf und Ohser in den Morgenstunden von der Gestapo abgeholt. Der Grund der Verhaftung hieß: Wehrkraftzersetzung. Unter dem Deckmantel, sich wehren zu müssen, griffen die Nazis ganze Länder an. Knauf und Ohser wurden nach Moabit verbracht, Knauf dann später, nach seiner Verurteilung, ins Zuchthaus Brandenburg-Görden. Das Verfahren gegen sie geriet in die Hände von Roland Freisler (1893–1945), dem Präsidenten des Volksgerichtshofes. Geriet ist die richtige Bezeichnung. Man kommt nicht ins Unglück, man gerät. In den Akten ist vermerkt, für Knauf und Ohser seien mindestens zwei Todesstrafen fällig. Mindestens. Aber was ist denn dann noch mehr als eine Todesstrafe?

Freisler prüfte nicht nach Recht und Gewissen. Er verurteilte. Und fast ausschließlich zum Tode. Knauf und Ohser bezahlten ihre geistvollen Witze mit dem Leben. Ohser entging seiner Hinrichtung, indem er sich am Abend vor der Hauptverhandlung in seiner Zelle erhängte. Während Knauf noch immer hoffte, hatte Ohser jegliche Hoffnung aufgegeben, er, dessen Bildserie „Vater und Sohn“ so innig und humorvoll von der Liebe zu seinem Sohn sprach. Was andere nur vorsichtig dachten, hatten Knauf und Ohser, wohl auch aus Freude am Fabulieren, laut gesagt. Freislers schneidende Kastratenstimme war in der Scheinverhandlung oft zu hören gewesen: „Haben Sie das gesagt? Nein? Nein, das haben Sie natürlich nicht! Aber Sie haben das gesagt! Schweigen Sie!“

Der Rest ist Schweigen. Nur noch Briefe, darunter ein Gnadengesuch, das Knauf an Hitler schrieb. Der lehnte es zu seinem Geburtstag am 20. April 1944 ab. Freisler: „Der Ring seiner politischen Entwicklung hat sich geschlossen: die marxistische Grundlage ist wieder wirksam geworden! […] Weil Knauf verurteilt ist, muss er auch die Kosten tragen.“9 Knauf musste also seinen Tod bezahlen. Und da er hinterher nicht mehr dazu in der Lage war, also seine Frau Erna. Die Todesstrafe allein kostete 300 Reichsmark. Die Post erhob eine Gebühr für die Zusendung von 1,84 Reichsmark. Die Kosten der Vollstreckung, also der Ermordung Knaufs, betrugen 158,18 Reichsmark. Und für die Strafhaft vom 6. April 1944 bis zum 2. Mai 1944 musste Erich Knauf 44 Reichsmark zahlen. Das war ja noch preiswert. Die Gebühren für den Pflichtverteidiger, der ein gerechtes Verfahren vortäuschen sollte, beliefen sich auf 81,60 Reichsmark. Und die Briefmarke für die Übersendung der Kostenrechnung musste selbstverständlich auch registriert werden: 12 Reichspfennige. So musste Erna Knauf für die Ermordung ihres Mannes insgesamt 585,74 Reichsmark bezahlen. Auch die Bürokratie der Nazis war von Blut befleckt. Wir können uns solche Grausamkeiten kaum vorstellen, wir, die wir heute immer noch an das Gute glauben.

Als sich das Schicksal für Knauf anbahnte, wandte sich ein Freund von ihm, Ernst von der Decken (1894–1958), an Goebbels und bat um die Begnadigung Knaufs. Ernst von der Decken war Rittmeister a. D. Er war Feuilletonchef der BZ am Mittag und später von 1948 bis zu seinem Tod 1958 stellvertretender Chefredakteur der Hamburger Zeitung Welt am Sonntag. Er glaubte damals als Offizier an Ritterlichkeit, an die Wahrhaftigkeit eines Dr. Goebbels. Er wurde eines Besseren oder genauer, eines Schlechteren belehrt. Später gab von der Decken die Worte Knaufs beim Abschied vor Freunden wieder: „Und wenn die Kunde zu euch kommt, dass ich tot sei, glaubt es nicht! Denkt immer, plötzlich steht der alte Schelm wieder vor euch.“

Es soll außer Ernst von der Decken auch andere Menschen gegeben haben, die es wagten, sich für Knauf einzusetzen. Ilse Werner und Heinz Rühmann zum Beispiel. Aber das ist nicht verbürgt. Die Verwandtschaft hielt sich aus Angst vor Repressalien im Verborgenen. Vielleicht beruhte Erna Knaufs spätere etwas bittere Bemerkung „Ich habe keine Verwandten.“ auf dieser Erfahrung. Nach dem Tod ihres Mannes gab ihr der Intendant des Schiller-Theaters Boleslav Barlog eine Anstellung als Sekretärin. Der Regisseur Erich Engels schrieb ihr einen anteilnehmenden Brief und der Schauspieler Hans Söhnker bot ihr für alle Zeit seine Hilfe an.

Am 2. Mai 1944 erfuhr Knauf 75 Minuten vorher von seinem Tod durch das Fallbeil. Man kann sich kaum in solch eine Situation versetzen. Wir müssen von hier an Erich Knauf allein lassen. Was denkt ein Mensch in einer so kurz noch verbleibenden Zeit? Denkt er überhaupt? Und bäumt er sich noch einmal auf gegen solche Ungerechtigkeit? Was hat er denn so Schlimmes getan? Es ist in den Akten vermerkt, er habe das Urteil gefasst entgegengenommen. Er hat noch einen Brief geschrieben. Welch unwahrscheinliche Kraft hat er dazu aufbringen müssen!

„Meine über alles geliebte Erna! Gerne hätte ich Dich noch einmal gesehen. Deine Stimme gehört. Dich zum Abschied geküßt. Es soll nicht sein. Und so bleibt mir nur, Dir zu schreiben, wie dankbar ich Dir für alles bin, für alles, was Du mir gegeben hast. Es waren zwölf wundervolle Jahre an Deiner Seite. Oft schwere Jahre für uns beide. Du hast es nicht verdient, daß Du nun auch das Schwerste durchmachen mußt. Ich bitte Dich, erhalte Dich dem Leben. Du bist so lieb und gut. Werde wieder glücklich. Verschenke nur Dein großes herrliches Herz nicht so leicht. Werde recht glücklich. Ich bin bis zum letzten Augenblick gefaßt. Herzliche Grüße an alle meine Geschwister, Verwandten und Freunde. Behaltet mich in lieber Erinnerung. Bis zum letzten Herzschlag bin ich, Deinen Namen auf den Lippen, Dein Dir dankbarer, Dich im Geiste beschützender, Dein Erich.“10

Danach wurde Knauf, wie es im Amtston hieß, vorgeführt:

„Nach Feststellung der Personengleichheit des Vorgeführten mit dem Verurteilten beauftragte der Vollstreckungsleiter den Scharfrichter mit der Vollstreckung. Der Verurteilte, der ruhig und gefaßt war, ließ sich ohne Widerstreben auf das Fallbeilgerät legen, worauf der Scharfrichter die Enthauptung mit dem Fallbeilgerät ausführte und sodann meldete, daß das Urteil vollstreckt sei. Die Vollstreckung dauerte von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung 7 Sekunden.“11

Erna Knauf hat nie wieder geheiratet. Man kann, wenn man mit einem Menschen wie Erich Knauf zusammengelebt hat, wahrscheinlich keinen anderen, keinen besseren mehr finden. Sie lebte von ihren Freundinnen umgeben, und später, als sie die Lähmung befiel, wurde sie auch von ihnen gepflegt. Wenn ich in ihre Augen sah, konnte ich ganz da drinnen das Leid erkennen, das sich in sie zurückgezogen hatte und dort erstarrt war. Aber sie hatte eines nicht verloren: ihre Güte.

In einem Chanson Erich Knaufs stehen folgende Zeilen: „Ich käm gern noch einmal / Auf diese Welt! Sehr gern sogar! / Und zwar genau so wie ich war […]“12 Das ist es vielleicht, was wir Hoffnung nennen: Nicht an die Vergänglichkeit des Guten zu glauben.

Der Weg des Buches

Zufälle – sie sind die unsichtbaren Navigationsgeräte unseres Lebens. Als ich den Nachlass Erich Knaufs von Erna Knauf erhielt – Fotos, Briefe, Prozessakten, Gedichte, teils veröffentlicht, teils unveröffentlicht, seine Bücher und die vollständige gebundene Ausgabe der Zeitschrift Die Büchergilde von 1928 bis 1933 – entdeckte ich auch ein Manuskript mit dem Titel „Der unbekannte Zille“. Es war ein Durchschlag, das Original nicht mehr vorhanden. Aufgrund eines Schreibens Erna Knaufs vom 30. November 1947 an den Sachsenverlag in Dresden, dem sie das Manuskript anbot, vermute ich, dass Erich Knauf sein Zille-Manuskript in der Zeit von 1932 bis 1933 geschrieben haben muss.13 Durch seine Entlassung bei der Büchergilde war es Knauf nicht mehr vergönnt, das Manuskript dort zu veröffentlichen. Einzelne Wörter waren bereits durch Lichteinfluss oder den Lauf der Lagerzeit verblasst. Ich hatte Mühe, sie zu entziffern. Meistens gelang mir das nur im Zusammenhang mit dem Satz, der sie umgab. Also setzte ich mich hin, um noch rechtzeitig zu retten, was da vergilbte, und tippte das Manuskript Ende des Jahres 2013 ab.

Wenn Zufälle die unsichtbaren Navigationsgeräte unseres Lebens sind, so war der folgende Zufall wie von fern gesteuert: Michael Pflumm von der Komischen Oper Berlin, Tenor mit internationalem Ruf, entdeckte in einem Antiquariat meine Biografie über Erich Knauf und war nach dem Lesen des Buches derart berührt vom Schicksal Knaufs, dass er sich meine Kontaktdaten besorgte und mich eines Tages anrief. Er hatte in dem Buch einen Chansontext Knaufs – „Ich bin so gerne auf der Welt!“ – gefunden, den er vertonen und singen wollte. Wir unterhielten uns auf Anhieb so, als hätten wir uns schon länger gekannt. Monate später saß er aus beruflichen Gründen in einem Berliner Café mit der Frau des stellvertretenden Chefredakteurs der Zeitschrift Sinn und Form der Akademie der Künste, Dr. Gernot Krämer, zusammen. Als Dr. Krämer seine Frau abholte, kamen sie ins Gespräch und Michael Pflumm sprach bei dieser Gelegenheit von der Lektüre meines Buches. Dr. Krämer rief mich einige Zeit danach an und wollte mehr über Erich Knauf wissen. Ich erzählte ihm von dem unveröffentlichten Zille-Manuskript und meinem Rettungsversuch. Ich sandte es ihm, und er war so davon angetan, dass er sich entschloss, Ausschnitte daraus in Sinn und Form zu veröffentlichen. Ich schrieb eine Nachbemerkung dazu, und alles erschien in der Ausgabe vom Juli/August 2014.14 Dies alles wiederum las der Kunsthistoriker und Germanist Pay Matthis Karstens, welcher ein Buch „Verboten und verfälscht. Heinrich Zille im Nationalsozialismus“ (2012) geschrieben und im Vergangenheitsverlag veröffentlicht hatte. Er setzte sich mit mir in Verbindung, und so kam in einer sehr guten Zusammenarbeit dieses Buch zustande.

Es ist dies alles eine Reihung von Zufällen. Ohne Michael Pflumm, ohne Dr. Gernot Krämer mit der Veröffentlichung in Sinn und Form, ohne Pay Matthis Karstens wäre das Manuskript Knaufs in der Versenkung meiner kleinen Heimatstadt Meerane geblieben. So aber kam es, an dem Erich Knauf sehr gehangen hatte,15 nach mehr als achtzig Jahren ans Tageslicht.

Wir sprechen oft vom Vergessen und der Gleichgültigkeit der Zeit. Aber hier wird die Regel durchbrochen. Und der seit siebzig Jahren tote und vergessene Erich Knauf beginnt mit seinem geschriebenen Wort noch einmal so zu leben wie es gelegentlich im glücklichen Fall nur Schriftstellern zustoßen kann.

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1 Vgl. Kästner, Erich, Eine unbezahlte Rechnung, in: ders., Da samma wieda! Geschichte in Geschichten, Berlin 1969, S. 113f.

2 Vgl. ders., Brief an Wolfgang Eckert, 3. August 1970, Nachlass Erich Knauf, Dauerleihgabe im Kunsthaus Meerane.

3 Vgl. Eckert, Wolfgang, „Heimat, Deine Sterne …“ – Leben und Sterben des Erich Knauf, Chemnitz 1998.

4 Vgl. Griebel, Otto, Ich war ein Mann der Straße. Lebenserinnerungen eines Dresdner Malers, hg. von Matthias Griebel und Hans-Peter Lühr, Halle und Leipzig 1986, S. 12f.

5 Dragowski, Jürgen, Die Geschichte der Büchergilde Gutenberg in der Weimarer Republik 1924–1933 (Forschungen zur Arbeiterliteratur 8), Essen 1992, [zugl. Diss. Bremen 1990], S. 104.

6 Knauf, Erich, Der Mensch steht auf. Franz Masereel, in: ders., Empörung und Gestaltung. Künstlerprofile von Daumier bis Kollwitz, Berlin 1928, S. 45–54, hier: S. 48f.

7 o. A., [Protokoll:] 8. Sitzung, 27. April 1933, Kopie im Archiv der Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main.

8 E. K. [Erich Knauf], Carmen, etwas blutarm. Dusolina Giannini in der Staatsoper, in: 8-Uhr-Abendblatt, 22. Mai 1934, o. S.

9 Freisler, Roland, [Urteil des Volksgerichtshofes], 6. April 1944, S. 9 und 11, Nachlass Erich Knauf, Dauerleihgabe im Kunsthaus Meerane.

10 Knauf, Erich, [Abschiedsbrief an Erna Knauf], 2. Mai 1944, Nachlass Erich Knauf, Dauerleihgabe im Kunsthaus Meerane.

11 Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof, Vollstreckung des Todesurteils gegen: Erich Knauf, 2. Mai 1944, Nachlass Erich Knauf, Dauerleihgabe im Kunsthaus Meerane.

12 Knauf, Erich, Ich bin so gerne auf der Welt!, o. J., Nachlass Erich Knauf, Dauerleihgabe im Kunsthaus Meerane.

13 Knauf, Erna, Brief an Will Grohmann vom Sachsenverlag, 30. November 1947, Nachlass Erich Knauf, Dauerleihgabe im Kunsthaus Meerane.

14 Knauf, Erich, Der unbekannte Zille, mit einer Nachbemerkung von Wolfgang Eckert, in: Sinn und Form 4, 2014, S. 437–463.

15 Knauf, Erna, Brief an Herrn Reich vom Sachsenverlag, 25. April 1948, Nachlass Erich Knauf, Dauerleihgabe im Kunsthaus Meerane.

Erich Knauf

Der unbekannte Zille

I.

Im Hohenzollernmuseum zu Berlin hängt ein großes Bild: die Huldigung an Friedrich Wilhelm IV. Eine unabsehbare Menge hält den freien Platz vor dem Wohnsitz der Könige von Preußen besetzt. Über den Massen wehen die Fahnen und Standarten der Verbände. Tribünen sind für die Bevorzugten errichtet, und bis zur ersten Etage des Schlosses erhebt sich ein Thronbalkon. Die vielen Tausende blicken gespannt auf den neuen König, der mit feierlicher Handbewegung den Eid leistet, ein treuer Diener seines Volkes zu sein. In der Menge sind nicht wenige Gesichter zu bemerken, die den Ausdruck skeptischer Zurückhaltung bewahren, und das dichte Gedränge sieht eher nach einer politisch aufs höchste interessierten Versammlung aus als nach einer Huldigung für den König. Der Monarch ist es, der hier vor seinem Volk erscheint, und „die Szene wird zum Tribunal“.

Die Provinzialdelegierten von Berlin beschlossen, als sie am Abend dieses 15. Oktober 1840 noch einmal zusammentraten, den denkwürdigen Augenblick eines königlichen Versprechens im Bilde festhalten zu lassen. Es kam ihnen besonders darauf an, daß Friedrich Wilhelm IV. und seine zum Schwur erhobene Rechte deutlich zu sehen waren. Und dieses Bild sollte dem König nur zur bleibenden Erinnerung überreicht werden.

Franz Krüger, der Maler großer Paradebilder, bekam den Auftrag, das historische Ereignis darzustellen, und zwar in Ausmaßen, die das Gemälde davor bewahrten, in der Fülle der königlichen Geschäfte und in den Räumen des großen Schlosses übersehen zu werden. Fünfzehntausend Reichstaler ließen die Provinzialdelegierten es sich kosten, ihren König an einen Eid zu erinnern. Wahrscheinlich dachten sie daran, daß der Vater Friedrich Wilhelm IV. seinem Volke wiederholt eine Verfassung versprochen hatte, ohne sich genötigt zu sehen, sein Wort einzulösen.

Der Maler nahm seine Aufgabe sehr genau. Er scheute die Arbeit nicht, hunderte von Menschen porträtähnlich auf das Bild zu bringen und den Vorgang des königlichen Schwures mit sachlicher Treue wiederzugeben. Franz Krüger war ein braver Handwerker, und das kam den Wünschen der Besteller dieses Bildes entgegen. Sie verlangten und erhielten eine historische Illustration im Riesenformat.

Mit versteckten Andeutungen und schüchternen Ermahnungen ist noch nie Politik gemacht worden. Das auf eine Verfassung hoffende Bürgertum mußte erst die Fackel der Märzrevolution von 1848 anzünden, ehe Friedrich Wilhelm IV. bemerkte, daß die bürgerliche Klasse nicht mehr länger im Hintergrunde des politischen Theaters bleiben wollte. So wenig die deutsche Bourgeoisie ihren französischen und englischen Nachbarn gleichen konnte, weil diese einen ökonomischen und politischen Vorsprung von etlichen Jahrzehnten hatten, die Unmöglichkeit eines Fortbestands der göttlichen Weltordnung von vorgestern hätte sogar einer königlich preußischen Regierung klar werden müssen. Der junge Industriekapitalismus empfand die Kleinstaaterei mit all ihren behördlichen Hemmnissen und altväterlichen Traditionen als unerträglich, und der allgemeine Ruf nach Freiheit kam ihm nur gelegen. „Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt“, demokratische Intellektuelle und freisinnige Kleinbürger mochten das Lied mit andächtiger Inbrunst singen, „komm mit deinem Scheine, süßes Engelsbild“ – der Industriekapitalismus stellte sich dabei einen sehr realen Schimmer vor. Was er brauchte, war die Freiheit des Profitmachens. Und er konnte sehr ungemütlich werden, als er später, glücklich am Ziel, von den achtundvierziger Waffenbrüdern aus dem Stande der Kleinbürger und Arbeiter hören mußte, sie hätten sich unter Freiheit etwas anderes vorgestellt.

Der „Pöbel“ hatte die Revolution eben wieder einmal für die anderen gemacht. Mochte er davon zehren, daß er den König gezwungen hatte, entblößten Hauptes die aufgebahrten Opfer des Aufstandes zu grüßen! Während die Sieger der Berliner Straßenschlachten ein solches Schauspiel – aber ach, ein Schauspiel nur! – veranstalteten, um sich dann aufs Ohr zu legen, beeilten sich die während der Kämpfe im Hintergrund gebliebenen Mächtegruppen, den Ertrag der Revolution einzustecken. Der König fand sich sehr schnell in den Korrekturen seiner Rolle zurecht. Angetan mit den „alten, ehrwürdigen Farben deutscher Nation“, zeigte er sich am 21. März 1848 hoch zu Roß in den Straßen von Berlin, und Maueranschläge verkündeten die Freudenbotschaft: „Eine neue glorreiche Geschichte hebt mit dem heutigen Tage für Euch an. Ihr seid fortan wieder eine große Nation, stark, frei und mächtig im Herzen von Europa! Preußens Friedrich Wilhelm IV. hat sich, im Vertrauen auf Euren heldenmütigen Beistand und Eure geistige Wiedergeburt, zur Rettung Deutschlands an die Spitze des Gesamtvaterlandes gestellt.“

Das war die Proklamation eines großen Deutschlands unter der Führung Preußens und der Versuch, den Hohenzollern rechtzeitig den Anteil am bevorstehenden goldenen Zeitalter zu sichern. Die kapitalistische Bourgeoisie dachte bei der Formulierung „Deutsche Nation“, die seit den sogenannten Befreiungskriegen nicht mehr aus der öffentlichen Diskussion verschwinden wollte, an etwas Brauchbares: an einen Innenmarkt ohne dutzenderlei Zollschranken, ohne Kirchturmsinteressen, alle Türen offen und alle Taler in rollender Bewegung, und dann an den Anlauf zu imperialistischer Politik, zu friedlicher und – bei dem Gott, der Eisen wachsen ließ! – auch kriegerischer Eroberung der Weltmärkte. Die Märzrevolution, so verunglückt sie auch sein mochte, bedeutete für das Großbürgertum den Beginn einer sehr einträglichen Blut- und Eisenpolitik, die zwei Jahrzehnte später, nach einem Vorstoß auf Paris, im Spiegelsaal zu Versailles ihren Glorienschein empfing, weitere fünfzig Jahre später, nach einer verunglückten Wiederholung dieses Vorstoßes, am selben Ort freilich ihre Konkurserklärung unterschreiben mußte.

Für den Kleinbürger und den Arbeiter hatte der Ausgang der Märzrevolution eine bedrohliche Wendung genommen. Die neuen Herren waren keine angekränkelten und ihrer selbst nicht mehr sicheren Despoten, denen die Angst vor dem Schicksal ihrer königlichen Kollegen jenseits des Rheins im Nacken saß. Die bürgerliche Oberschicht kannte ihre Bundesgenossen vom März 1848 viel zu gut, um noch Bange vor ihnen haben zu können. Und jetzt räumte sie, trefflich von einer wieder ermutigten königlichen Regierung unterstützt, mit allem auf, was auch nur nach Demokratie und anderen freiheitlichen Verzierungen aussah.

Die schnell emporschießende Industrie proletarisierte den Kleinbürger, entvölkerte das platte Land und machte aus den Landbewohnern entwurzelte Insassen von Mietskasernen größer und größer werdender Städte. Das moderne Proletariat wurde geschaffen und mit ihm sein Abfall, der „fünfte Stand“, der „Abschaum der Gesellschaft“, das Lumpenproletariat der Gosse, der Kellerwohnungen und Dachböden und Spelunken.

Die bürgerliche Behaglichkeit, die Franz Krüger im Vertrauen auf den ewigen Fortbestand solcher satten und zufriedenen Zustände mit ruhiger Sicherheit und Breite auf seinen Gemälden dargestellt hatte, wurde bald von den Dissonanzen immer schärfer werdender Klassenunterschiede überschrien. Mit der biederen familiären Auffassung aller Dinge des öffentlichen Lebens wurde aufgeräumt. Für die Pflege einer langsam gewachsenen bürgerlichen Kultur war jetzt keine Zeit. Die oberen Zehntausend, die eine Weltmacht als Rahmen beanspruchten, konnten sich nicht mehr mit dem Stadtbild von Berlin als Hintergrund zufrieden geben. Die gute alte Zeit wurde ins Museum abgeschoben.

Ein Maler wie Theodor Hosemann, der nach Krüger in Berlin von sich reden machte, interessierte die neue Bourgeoisie wenig. Sie überließ ihn dem Volke, dessen politisches Format mit dieser Kleinkunst übereinstimmte. Die bürgerliche Malerei, kaum in Erscheinung getreten, hörte bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts wieder auf, ein bestimmter und eindeutiger Begriff zu sein. Zwischen regierender Bourgeoisie und regiertem Bürgertum erweiterte sich schnell ein tiefer Riß, der auch die künstlerischen Äußerungen dieser Klasse spaltete. Und das war nicht nur in Deutschland so. Zu fast derselben Zeit wurden Daumier und Gavarni in Paris vor die Frage gestellt, ob sie sich für den Boulevard oder für die schmutzige Straße im Quartier der kleinen Leute entscheiden wollten. Daumier ging in das Heerlager der sozialen Revolution und bewahrte damit seine Kunst vor der Verflachung; er wurde der größte Pamphletist seiner Zeit. Gavarni hatte nicht diese Kraft der Entscheidung. Er pendelte zwischen den Klassen hin und her. So kam es, daß Daumier ein großes Kapitel im Buch der Geschichte mit ganzseitigen und von der Wucht großer Gedanken erfüllten Zeichnungen illustrierte, während die geistvolle und ironische Eleganz eines Gavarni nur zu Vignetten und Randzeichnungen eines Anhanges über Launen und Moden dieses Zeitalters langt.

Theodor Hosemann ist sehr oft mit Gavarni verglichen worden. Er hat zweifellos sehr viel von ihm gelernt, die Auffassung und auch die zeichnerische Manier. Gemeinsam hatte er mit ihm die Vorliebe für die Welt des „kleinen Mannes“, für die Typen der Straße, für das Milieu der unteren Schichten. Die Freude am sarkastischen Witz dieser Leute, an ihrem unbesiegbaren Humor, der ihnen hilft, das schwere Dasein leichter zu nehmen, das Vergnügen an diesen Eigenschaften ist die Grundlage der Kunst eines Gavarni und eines Hosemann. Beide dachten freilich nie daran, es ihrem Zeitgenossen Daumier gleichzutun und ihre Empfindungen zur sozialen Anklage zu steigern.

Hosemanns Bedeutung entspricht dem historischen Maß des deutschen Kleinbürgertums. Seine zierlichen Zeichnungen mit ihren possierlichen Figürchen und spaßigen Situationen blieben auch dann noch in ihren engen Grenzen, wenn sie Illustrationen zu politischen Satiren sein sollten.

Es ist die Schicksalsverbundenheit eines Theodor Hosemann mit seiner Zeit, die seinen Zeichnungen das größere Format versagt. Das Kleinbürgertum war an die Wand gequetscht, eine Schicht ohne eigenen Willen, ein Pufferstaat zwischen den neuen Großmächten Kapital und Arbeit. Konnte auf diesem Terrain eine ausdrucksvolle Kunst wachsen?

Das Schaffen Hosemanns ist nur deshalb bedeutsam, weil die Kunst eines anderen aus ihm die entscheidende Anregung bekam. Der alte Hosemann war Lehrer des jungen Zille.

II.

Geborene Berliner waren weder Krüger noch Hosemann. Heinrich Zille, der Berlinischste aller Berliner, war geborener Sachse.

Kommt schon einmal einer in Berlin hoch und macht von sich reden, dann stellt es sich bald heraus, daß er aus Leipzig ist oder aus Breslau, aus Posen oder aus Prag. Wo sollen auch die vielen Leute so plötzlich hergekommen sein, die Berlin zu einer Millionenstadt gemacht haben? Das war ein fortwährendes Heranströmen aus allen vier Himmelsrichtungen. Schon vor dem siebziger Krieg kamen alle diejenigen, die nichts zu verkaufen hatten als ihre Arbeitskraft und die deshalb zusehen mußten, wo man ihnen am meisten für diese Ware bezahlte, mit Sack und Pack nach Berlin. Nach dem deutsch-französischen Krieg wurde der Zustrom zu einer allmählichen aber lange anhaltenden Völkerwanderung.

Die Leute aus dem Osten blieben gleich dort, wo sie ausgestiegen waren: am Schlesischen und am Görlitzer Bahnhof und an der Warschauer Brücke. Wer aus Sachsen oder aus Süddeutschland zugereist war, suchte sich eine Bleibe zwischen Halleschem Tor und Bayrischem Platz. Berlin wuchs in die Breite, Baulücken wurden zugepfropft, Vorstädte und Dörfer wurden verschluckt, und die Bodenspekulanten und Baumeister und Hausbesitzer kümmerten sich den Teufel darum, ob die Menschen zusammengepfercht waren wie die Sprotten in einer Kiste.

Heinrich Zille ist 1858 in Radeburg geboren. Wenige Jahre später zog die Familie nach Dresden. Der Vater war ein fleissiger Arbeiter, aber der goldene Boden, den das Handwerk damals noch viel mehr als heute haben sollte, zeigte sich ihm nicht. Was er verdiente, ob er nun als Schmied oder Schlosser oder Arbeiter der elektrischen Branche tätig war, reichte nicht zum Notwendigsten. Wenn es ganz schlimm wurde, mußte die Familie zur Großmutter ins Nest zurück. Fettlebe [gutes, üppiges Essen bzw. Leben] gab es auch dort nicht. Der Krieg zwischen Preußen und den anderen Völkern deutscher Zunge, die nicht so recht an den Segen einer Berliner Zentrale glauben wollten, fraß den geplagten Leuten im sächsischen Land buchstäblich das Schmalz vom Brot. Zille hat es später einmal erzählt, wie die einquartierten Soldaten den Aufstrich von den belegten Broten leckten und den Kindern die Semmeln, die für einen Vaterlandsverteidiger zu alt waren, an den Kopf warfen. Die Zillekinder waren nicht verwöhnt, alte Semmeln – der Bäcker gab sie billiger ab – konnte man unter der Pumpe aufweichen.

Die beste Großmutter kann ihren Kindern und den Kindeskindern den Brotschrankschlüssel nicht für alle Zeiten ausliefern. Auch Heinrich Zilles Großmutter mußte einmal nach den Zinsen fragen, die Wohltun bekanntlich bringen soll. Von der anderen Verwandtschaft war ebenfalls nicht viel zu holen. Bergleute aus dem Sächsischen waren damals schon Hungerleider, und ein Onkel Zilles, der auch diesen früher privilegierten Beruf ausübte, konnte von Glück reden, daß er einen Unfall erlitten hatte und auf den Gedanken gekommen war, aus der Not, sitzen zu müssen, die Tugend zu machen, an Uhren zu basteln. Die anderen trugen ihre Knochen zum Markte, bis sie auf dem ehrenvollen Schlachtfelde der Arbeit liegen blieben. Soziale Gesetze gab es damals noch nicht. Die Industrie fuhr mit Volldampf und ohne solche Bremsen.

Eines Tages wußte sich der Metallarbeiter Zille nicht mehr zu helfen. Er riß vor seinen Schulden aus. Nach Dänemark. Die Familie siedelte nach Berlin über. Im November 1867 wurde Heinrich Zille Berliner.

Er hieß damals eigentlich Zill. Sein Vater hatte den Luxus einer zweiten Silbe gestrichen. Das entsprach den ökonomischen Verhältnissen der Familie und der trügerischen Hoffnung, den Gläubigern könnten die Nachforschungen dadurch erschwert oder gar unmöglich gemacht werden. Armer Tor, auch in Berlin gab es ein Schuldgefängnis, und es wartete auf den verlorenen Sohn, der reuig in sein Vaterland und in den Schoss der Familie zurückkehrte. „Mein Vater war der älteste Insasse des Schuldgefängnisses“, schrieb Heinrich Zille später, als er seinen Lebenslauf bei der Akademie der Künste zu Berlin einreichen musste, „dort erlebte ich Szenen, wie sie Dickens im ‚David Copperfield‘ geschildert hat.“

Die Mutter Zille und ihre Kinder lernten Berlin „von unten her“ kennen. Kindheitseindrücke bestimmen oft den Werdegang eines Menschen. Sieht er später alle Dinge im Leben so, wie er sie zum ersten Mal erkannte, dann nennt man das – im Gegensatz zu dem Gesichtsfeld wolkensegelnder Idealisten mit Pensionsanspruch – Afterperspektive.

Im Viertel der armen Leute krochen die Zilles unter. Ein Ofen, ein Schemel, ein Koffer – es gehört schon Phantasie dazu, das eine Wohnung zu nennen. Betten? Geschlafen wurde auf der Diele. System: Leg dich auf den Rücken und deck dich mit dem Bauch zu. Und den Zilles ging es nicht allein so.

Der Frau und den Kindern half es gar nichts, dass sie „mitverdienten“. Man lebte von dem Kitsch, der damals in tausendfältiger Gestalt zum Bedarf gemacht wurde. „Aus buntem Tuch und Pelzresten verstand Mutter Schweinchen, Hunde, Katzen, Mäuse usw. plastisch darzustellen, wobei die Schwester und ich bis in die Nacht hinein halfen. Dann wurden die Tierchen auf ausgezackte Tuchläppchen genäht und gingen als Tintenwischer in die Welt – nachmittags, nach der Schule von mir verhandelt in den kleinen Schreibwarenläden im Osten Berlins“. Viele Jahre später, als Zille ein bekannter Mann war, erinnerte er sich beim Einkauf seiner Zeichenutensilien manchmal der Augenblicke, wo er auf demselben Ladentisch, auf dem er jetzt als gern gesehener Kunde bedient wurde, mürrisch die paar Sechser Verdienst hingeschoben bekam.

Auch Korallen wurden fabriziert. Damals kamen die Goldfischgläser auf – für die „gute Stube“ – und da gehörte nicht nur ein Goldfisch hinein, der manchmal aus Blech war, sondern auch ein Korallenzweig aus der Südsee. Die echten konnte kein ehrlicher Mensch bezahlen, und die künstlichen sahen sogar noch viel tropischer aus. Der kleine Zille stellte sie aus umwickeltem Draht her, der mit rotem Lack übergossen wurde.

Kinder, die Hunger haben, sind im Geldverdienen erfinderisch. Das Material für die plastischen Tintenwischer und Nadelkissen wurde aus den Lumpenkellern und Pelzgeschäften zusammengetragen. Für ein paar Pfennige gab es so viel Abfälle, dass davon „Pelzsammlungen“ zusammengeklebt und an die Schulkameraden verkauft werden konnten. Aus Lederresten wurden Blumen und Blätter ausgeschnitten, bemalt und dick mit Klebstoff auf Bilderrahmen aufgepappt, die einzig passende Fassung für die damals so beliebten Oeldruckbilder.

Nahrhafter wurde das Gewerbe des kleinen Zille, als die Familie in der Krautstrasse wohnte, bei einem Schlächter. Der Junge ging der Frau des Wurstmachers zur Hand. Das brachte nicht nur das Wohlwollen der Hauswirtin ein, auf das eine Familie angewiesen ist, die bei dem Wort Miete wie vor den Posaunen des Jüngsten Gerichts erschrickt, sondern auch gelegentlich einen Happen Wurst. Das Brot dazu holte Heinrich aus der Kaserne in der Alexanderstrasse. In diesem Bau, der später als Mietshaus benutzt wurde – die Vorgänge darin lieferten den Rohstoff für das Drama „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann – war der Junge bald zu Hause. Die Soldaten gaben ein Kommisbrot für 17 Pfennige her, manchmal wollten sie auch achtzehn herausschinden. Sie waren es gewöhnt, dass man nicht gerade zimperlich mit ihnen umging, und so kam es, dass sie oft roh zugriffen, wenn der kleine Zille, der gleich mit einem Handwagen kam und für die ganze Nachbarschaft einkaufte, zu handeln anfing und als Grosseinkäufer Prozente einstecken wollte.

Arbeiterkinder, die derart zum Unterhalt der Familie beitragen, fangen früh an, dem offiziellen Ernährer auf die Finger zu sehen. Zille hat sein Leben lang eine kleine Episode nicht vergessen, die er in alten Tagen gelegentlich zum Besten gab, obwohl er sonst immer mit grösster Achtung von seinem Erzeuger sprach. Er hatte wieder einmal fünfzehn Pfennige verdient, mit Koffern tragen am Bahnhof. Stolz und im frohen Gefühl, der Mutter etwas „Auf den Tisch des Hauses“ legen zu können, machte er mit den Sechsern Musik in der Hosentasche. Der Vater liess sich für das Geld – Schnupftabak holen, obwohl der Junge ihm entgegenhielt, es wäre besser, dafür Brot zu kaufen. „Wat sollte ick machen? … Und denn setzten wir uns alle rund um den grossen Tisch und kiekten zu, wie unser Vater unser Mittagbrot durch seine Nase zog“.

Dies Erlebnis ist nur ein Beispiel dafür, wie das Proletarierkind es lernt, Kritik zu üben – Kritik an allem, was ringsum geschieht. Heinrich Zille bekam früh Gelegenheit, Bilder, die er in Zeitschriften fand, und für die er sich lebhaft interessierte – besonders für die Sittenbilder des Engländers Hogarth – mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Das „Milljöh“, dessen Zeichner er später wurde, brauchte er wahrlich nicht aufzusuchen; es rückte ihm von Jugend an lebensgefährlich dicht auf den Leib:

Wenn er auf der Suche nach einem Beitrag zum Existenzminimum der Familie Fremde durch Berlin führte, dann kam es oft vor, dass diese nach dem Genuss vaterländischer Schaustücke „auch einmal die Kehrseite der Medaille“ sehen wollten. Der jugendliche Führer geleitete sie also in Kellerlokale, in die Nähe der „Unterwelt“, und vor dem Polizeipräsidium, Eingang für Strichmädchen, tobte sich schliesslich das reiche Innenleben der Erwachsenen aus. Ohne Rücksicht auf das Berliner Pflänzchen natürlich, das mit offenen Ohren und Händen dabei stand und gierig den Segen holder Erkenntnisse empfing.

Und daheim? „Für die Bewohner im Hause“, so erzählte Zille in dem bereits zitierten Lebenslauf, „gab es auch viel zu tun. Vom versoffenen Kommodentischler im Keller des Vorderhauses bis zur rohrstuhlflechtenden blinden Frau in dunkler Kammer, vier Treppen hoch im Hinterhaus, wurde ich der Vertraute“.

In den „Zwanglosen Geschichten und Bildern“ spinnt Zille diesen Faden weiter:

„Als Schuljunge hatte ich fürs ganze Haus, vorn und hinten, Quergebäude und Seitenflügel … Aufträge der sonderbarsten Art auszuführen.

So war auch manchmal mein Amt, während Frau Clara, (die Frau vom Kellnerfranz – er schlief gleich in der Kneipe, die recht zweifelhaften Nachtbetrieb hatte; sie lief auf die Strasse, sobald es dunkel wird) ‚klettern‘ ging, ihren schwachsinnigen Fritze zu verwarten. Er winselte wie ein junger Hund, liess man ihn allein; fiel auch gern mit seinem schweren Kopf aus dem morschen Kinderwagen. Bei einem Teller dampfender Bratkartoffeln und einem Haufen gelbgehefteter Schundromane ‚Die Bauernfänger von Berlin‘ oder ‚Isabella, die Königin von Spanien‘ und vielen anderem konnte ich mir die Zeit vertreiben. Oft war die Lampe ausgebrannt. Fritzens Hand haltend, damit er merkte, ich sei noch bei ihm, fand mich Frau Clara um Mitternacht eingeschlafen. Sie gähnte, zählte Geld, zog sich aus, und ich ging.

Sie kleidete sich streng nach der Mode. Hochgestellte Brüste, den kleinen Hut ins Gesicht gedrückt, hoch aufgebaute Tournüre [Polster des Reifrockes], von Spöttern „Tonhalle“ genannt. Im Nacken Locken, die am Tage im Tischkasten zwischen Schrippen, Wurstenden, Gabeln, Löffeln, Steuerermahnungen, Kontrollbuch, Schminke, Mutterpflaster [Heilpflaster gegen Unterleibsschmerzen] und was man alles zum Leben nötig hat, lagen.

Sie war beliebt. Postlagernde Briefe holte ich von der Post, schlecht geschriebene von ihr trug ich nach dem Briefkasten.

Den Hausrat trug ich nach der Pfandleihe.

Schlecht Wetter – schlecht Geschäft! – Und nichts zum Versetzen! Dann war Frau Clara ‚blank‘. Nun lief ich zu ihrem Mann nach Geld. Dadurch wurde ich das verbindende Glied der Ehegatten. Hatte er selbst nichts, dann gab er mir seinen Frack zum Versetzen, und ‚Fränze‘ kellnerte schämig in Hemdsärmeln.

Im Kreise seiner Verehrer, der zweideutigen, lichtscheuen Sauf- und Spielkumpane, nannte er den Frack sein ‚Feigenblatt‘.

So deckte das schwarze ‚Feigenblatt‘ des Kellnerfränze auch Frau Claras Blösse, wenn sie ‚blank‘ war“.

Zille war auch der Vertraute und Laufjunge einer Tingel-Tangel[Varieté]-Kapelle, die in der Parterre-Wohnung über der im Keller untergebrachten Roßschlächterei hauste. Eine Frau Direktor und fünf Sängerinnen übten am Tage ihre Schlager, die von den Kindern der Gasse mitgesungen wurden. Zille war damals zwölf Jahre alt. Er trug ihre Briefe weg und schleppte den mit Kostümen vollgestopften Reisekorb nach den Bahnhöfen oder in einen neuen Tingel-Tangel-Keller Berlins. „Auf das Packen des Korbes musste ich immer warten und mir die Zeit beschaulich ausfüllen. Halbnackend, beim Waschen und Ankleiden übten sie noch das neue Programm. Damals waren mir die Sängerinnen angezogen lieber. Die dunklen Flecken auf Brust und Leib waren mir Schönheitsfehler. Am besten gefiel mir die Thusnelda, vor allem, wenn sie auf hohem Velociped [Fahrrad] sonntags nach dem Tiergarten gondelte.

Mit fünfzehn Jahren war sie Kassiererin in einem anatomischen Kabinett. Dann stand sie im Trikot ‚Muster‘ vor einer Athletenbude in der Hasenheide. Auch machte sie den ‚Bunten Komiker‘, was man auch ‚Klamotte oder Kittneese‘ nennt, auf einer Sommerbühne. Dabei musste sie ‚laut machen‘, eine Trompete blasen. Am liebsten waren ihr Hosenrollen. Weil sie ein hübsches Mädchen war, zeigte sie als ‚Blindspieler‘ bei einer Damenkapelle den mit Seife eingeschmierten ‚toten Bogen‘. Bei Castan [Castans Panoptikum, Berliner Wachsfigurenkabinett] war Thusnelda für kurze Zeit ‚Dame ohne Unterleib‘, und ehe sie Sängerin wurde, machte sie den ‚Untermann‘ bei einem Parterre-Akrobaten. Ihr damaliger Verehrer, ein Engros[Großhandels]-Schweineschlächter vom Viehhof, entdeckte ihre Stimme und liess sie ausbilden.

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154 p. 24 illustrations
ISBN:
9783864082245
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