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Erdmann Graeser

Zur unterirdischen Tante

und andere humoristische Erzählungen

aus der Romanfolge

Lemkes sel. Wwe.

Saga

Zur unterirdischen Tante

© 1987 Erdmann Graeser

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711592434

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

„Zur unterirdischen Tante“

„Nu singt se schon wieda“, sagte Herr Lemke verwundert. „Heite abend soll se ihre Sachen packen und abziehn, ick hab’s ihr jesajt, und nu singt se schon wieda janz vajniejt.“

„Villeicht ihr Schwanenjesang“, sagte Frau Lemke, „eegentlich is ja schade um ihr, zujreifen konnt’ se, die Anna, aber ick mach’ ma doch zehnmal lieba allet alleene, als det ick hier so wat ins Haus dulde!“

Frau Lemke schüttete die grünen Bohnen, die sie abgezogen hatte, auf den Tisch, nahm die weiße Schürze mit dem Abfall zusammen und ging durch den Ziegelsteinflur hinten nach dem Hofe.

Alle Hühner liefen sofort herbei, als sie aber merkten, daß es nichts für sie zum Picken gab, wichen sie enttäuscht wieder zurück. Frau Lemke strich die Schürze glatt – ja, und nun mußte sie doch in die Küche gehen.

Anna putzte noch immer an dem großen Messingkessel.

„Laß man sind, er is ja jut“, sagte Frau Lemke, „jeh’ man jetz ruff und mach’ wat for dir, sonst kommt deen Korb nich wech!“

„Denn nehm’ ick’n huckepack, Jold is ja nich drinne, sonst könnt’ er stehenbleiben, und allet wär’ in schönste Ordnung!“

„Meenste? Det mach’ dir man ab. Du hast dir det ja janz scheen ausjedacht, hier so in die Wirtschaft ’rinzuheiraten, aber du hast dir vaspekuliert!“

„Villeicht ooch nich“, sagte Anna, „Willem liebt mir und ick liebe ihn, und wat nu kommt, det werden Se ja seh’n, Frau Lemke, de Jrundlage is jelejt.“

„So, na denn is ja allet in Ordnung und wir brauchen uns jejenseitig nich weiter uffzurejen.“

„Nee, wer hat denn wieda anjefangt, ick doch nich!“

Anna wischte sich die nassen Hände hinten am Rock ab, zog die aufgekrempelten Ärmel herunter und ging hinaus. Im Flur stellte sie, wie sonst, die Holzpantinen unten an die Treppe und stieg barfuß die Stufen hinauf.

„Willem, Willem“, rief nun Frau Lemke in den Keller. Als sie keine Antwort bekam, stieg sie vorsichtig hinunter. „Diese Dusterheet, ick werd’ mir hia noch mal ’s Jenick brechen“, räsonierte sie, „Willem, wo steckste denn?“

„Hia, Mutta, wat wiste denn? Ick bin doch bein Abzappen!“

„Laß mal sind, komm mal ’ruff.“

„Nee, Mutter, ’t hat keen Zwech nich, ick weeß ja, watte willst!“

„Willem, meen Sohn, willste dir von det Meechen wirklich zun Dussel machen lassen?“ fragte Frau Lemke sanft.

„Dieses wenijer, aba ick liebe ihr!“

„Willem“, sagte Frau Lemke und tastete sich zu ihm durch, „Willem, als du noch so kleen wast, dette noch keene Beene hattest, da wolltste durchaus Jrienspan fressen. Wo man ’n Sticke Messing war, haste wie’n Wilda d’ran jeleckt, bis et blitzeblank war. Na, wenn ick dir nu jelassen hätte? Aba ick war imma hinter dir her, hab’ dir jleich imma ’n Finger ’ringestochen und Seifenwasser hintajejossen, bis allet wieder ’rauskam!“

Wilhelm hatte zu schluchzen angefangen. „Ick – weeß – ja, Mutta –“ er konnte kaum sprechen – „ooch dunnemals, wo ick mir die türk’sche Bohne in die Neese jestochen hatte und du se mir mit de Haarnadel ’rausjepolkt hast, ick – weeß et ja noch allet wie heite – aber ick kann nich, Mutta, ich kann nich, wahaftjen Jott nich, ick liebe ihr ßu sehr!“

„Schnaub’ dir ’mal erst, Willem“, sagte Frau Lemke, „det kann ja keen Mensch mit anhören, nich mit de Finga, det is ja ’ne Schweinerei, wennste denn wieda die Pullen anfaßt, hia haste meen Tuch! Siehste, watte noch for’n kleener Junge bist, und so wat will nu heiraten!“

„Will ick ooch!“

„Bloß jut, det dir Vater nich hört, der würd’ dir schon mit will ick ooch!“

„Det is’s ja eben, ihr behandelt mir immer noch wie’n Stepsel, bloß weil se mir bei de Soldaten nich jenommen hab’n!“

„Ja, et wär’ wahaftig jut jewesen, wenn se dir in de Mache jekriejt hätten“, sagte Frau Lemke ärgerlich, „du jloobst imma, Mutter wird schon kommen, wenn’s dir dreckich jeht, aber diesmal nich, Willem, diesmal jeb ick Vatern recht!“ Und drohend setzte sie hinzu: „Jberleg’s dir, ehste Dummheiten machst, wir lassen dir, ’s soll keener nachher sajen, wa haben unsa eenz’ches Kind unjlicklich gemacht, ick hab’ ma mit Vatern besprochen, wir sind eenich!“

„Wir ooch!“ sagte Wilhelm.

„Dafor hätt’ste ja nu eben ’ne Knallschote vadient, aba ick werd’ mir nich an so’n jroßen Lümmel vajreifen“, sagte Frau Lemke, „du bist eben hinten und vorne mit’n Dämelsack jeschlagen!“

Sie wandte sich kurz ab, stieg die Kellertreppe hinauf und ging durchs Haus vorn in den Garten.

Dort, unter dem Nußbaum und den alten Linden, saßen bereits die ersten Gäste. Auf der Kegelbahn wurde es schon lebendig, und Vater Lemke, in Hemdsärmeln, eine blaue Schürze vor dem runden Bauch, lief – in jeder Hand drei große Weißbiergläser balancierend – geschäftig zwischen den grüngestrichenen Tischen umher.

Es war Zeit, daß sie an den Ausschank kam, der Garten würde „voll werden“, der schöne Sommertag lockte die Berliner, trotzdem es in der Woche war, in Scharen heraus, und die meisten blieben hier hängen, der Weg war zu weit, was sollten sie bis nach Schöneberg laufen, zwischen den Fliederbüschen, im Schatten der Bäume saß man ja auch gut.

Und dann begannen die Kegelkugeln regelmäßig zu rollen, und der Junge schrie: „Jrenadier“ und: „Alle neine.“ Vater Lemke hatte keine Zeit mehr, bei seinen Gästen zu sitzen und sich erzählen zu lassen, daß Berlin immer weiter vorrückt und daß die Grundstücke im Preise stiegen. Und Mutter Lemke, jetzt ganz hochrot, bückte sich immerfort unter den Schanktisch, nahm die Steinkruken aus dem kühlen, weißen Sande, lockerte die Korkenstrippen und goß, ohne auch nur ein bißchen von dem Schaum zu verspritzen, die großen runden Gläser voll.

„Keene Hilfe, keene Hilfe“, sagte sie einmal zu ihrem Mann.

„Na, wo is denn Willem?“

„Der bockt, Vater, da werden wa noch ville Ärjer haben!“

„Ick nich, fällt mir janich in, mach’ man, Mutta, mach’ – jrienen Aal und Jurkensalat – drei Portsjonen, mach’ man aba jleich mehr ßurecht, die sind ja heite wie varickt nach!“

„Bei die Hitze is det ja ooch det eenz’che, wat man ’runterkriejen kann!“ – –

Dann kam die Dämmerung, Vater Lemke mußte heute selbst auf die Stühle klettern und die Petroleumlaternen im Garten anzünden.

„Wo is denn Herr Willem, wo is denn heite Ihr Sohn –?“ fragte manchmal ein Kegler.

„Der hat ’ne dicke Backe, kann sich nich sehen lassen“, sagte Herr Lemke.

Die Nachtschmetterlinge stießen sich die Köpfe an den heißen Zylindern, fielen tot und versengt zur Erde, und Frau Lemke, die nun, am Spätabend, auch noch Zeit gefunden hatte, vor dem Hause zu sitzen und den Tag zu überdenken, sagte jedesmal: „Kiek mal, Vater, wieder so’n scheener, jroßer Mottenkopp, arme Biesters!“

Dann hörte man vom Kirchturm aus dem Dorf die Uhr schlagen. „Zehne, Vater!“

Die letzten Gäste brachen auf und zogen singend durch die stille Sommernacht heim. Herr Lemke schloß die Gartentür, drehte die trübe brennenden Lampen aus und kam ins Haus. In der Gaststube stand seine Frau, einen Leuchter in der Hand, und starrte vor sich hin. Jetzt hob sie den Kopf und sagte: „Vater, Willem is nich da!“

Herr Lemke kniff das linke Auge zusammen und zielte mit dem andern starr auf seine Frau. So stand er einen Augenblick unbeweglich, dann nahm er ihr plötzlich den Leuchter weg und stieg die Bodentreppe hinauf. Es dauerte eine ganze Weile, bis er wieder herunterkam. Schweigend stellte er den Leuchter hin und begann, hinter dem Ladentisch stehend, Kasse zu machen. Seine Frau war auf einen Stuhl gesunken, die Hände lagen ihr schlaff im Schoß.

„Vater – –?“ sagte sie.

Er machte eine ärgerliche Kopfbewegung, weil er sich verrechnen konnte, wenn er jetzt auf ihre Frage einging, und zählte weiter. „So, det stimmt so unjefähr“, die Spannung in seinem Gesicht ließ nach, „also hat er bloß die Sparbüchse von sich mitjenommen!“ Er schob das Geld in einen Leinwandbeutel und sagte: „Na, nu komm man, Mutta, nu woll’n wa man schlafen jeh’n!“

„Ick – kann – nich schlafen“, sagte Frau Lemke, sie schluckte und würgte und wischte sich die Tränen mit der Hand ab, „ick hab’ doch so jut mit’n jeredet und ihm noch meen Schnupptuch jejeben!“

„Da wird er sich die Aussteier ’rinjeknippert haben“, sagte Herr Lemke, „hör’ man uff mit die Heulerei, det hat nu keen Zwech mehr. Wenn’t Jeld alle is, wird er schon wiedakommen, denn schmeiß ick’n aba ’raus!“

„Vater, wie kannste so reden“, sagte Frau Lemke, „hätt’ste det von unsen Willem jedacht?“

„Ja, Mutta, du bist aber ooch dran schuld, wie kannste’n da oben schlafen lassen! Du hast immer jetan, als müßt’ er sich bei dir noch an’n Rockzippel festhalten!“

„Nu, jib mir man die janze Schuld, ick jloobe ja noch nich, det er wech is, vielleicht will er uns bloß’n Schreck injagen. Wo soll er denn ooch hin mit die paar Talers!“

„Wenn ihn det Meechen in die Mache hat, det is ’ne Kanalje, die denkt sich, wir werd’n schon kleen beijeben, die spekuliert uff dein weeches Herz. Aber se soll sich jeschnitten haben, ick rühr’ keenen Finger, und wehe dir, Mutta, wennste etwa hinter meen’ Rücken wat anfängst. Loofen lassen, det is det richtje, imma loof, loof mit die Karline, ihr werdet eich schon dicke kriejen!“

Immer mehr redete sich Herr Lemke in Wut hinein. Sein Gesicht war braunrot geworden. Nun drehte er die Lampe über dem Schanktisch aus, nahm den Leuchter und ging vorneweg. „Schlafen jehen, wer weeß, wie morjen die Jeschichte aussieht, heite kann ick mir nich mehr ärjern, sonst platzt ma die Jalle!“

„Zur unterirdischen Tante“

In der Ackerstraße, im äußersten Norden Berlins, betrieb Anna Zanders Tante eine Kellerwirtschaft. Frau Puhlmann war eine schiefgewachsene kleine Person mit kümmerlichem grauen Scheitel und einem roten Wolltuch um den Hinterkopf.

„Scheene Jeschichte det“, sagte sie, als ihr Anna alles erzählt. „Und wo is er denn nu?“

„Draußen wart’t er!“

„Na, wat heeßt denn det, se werden dir’n stehlen, deen’ Willem, den tu’ dir man in de Kommode und heb’ dir’n uff oder laß’n for Angtreh sehen, det scheint mir ja der richt’ge Held zu sind!“

„Tante, wenn du so anfängst, zieh’ ick sofort wieder Leine. Desterwejen bin ick nich herjekommen! Du kannst froh sind, wenn du mir in die Wirtschaft hier kriest!“ „Ja, dir!“

„Und Willem gehört zu mir, et is imma jut, wenn ’ne Mannsperson bei is, hier bei die Sorte, wo alle Oojenblicke mal Krach is!“

„Ja, wo soll ick eich denn aba untabringen, wa können doch nich alle drei in die kleene Kamurke schlafen!“

„Nee, det jenierte mir ooch, aber in die Loschiestube!“

„Det jeht nich!“

„Na, wa’m soll denn det nich jehn? Jeht allens, wenn man bloß will. Natürlich krieste deen Jeld!“

„Ach so, wa’m hasten det nich jleich jesagt, na, denn hol’n man ’rin, aber laß’n nich fallen!“

„Tante, ick sag’s dir noch ma’, laß det sind, koppschei derfsten nich machen!“ Sie klopfte an die Fensterscheibe und winkte Wilhelm herein. Dann stellte sie vor: „Jestatte, liebe Tante, meen Breitjam Willem Lemke – –! Lieber Willem, meene Tante Marie!“

„Na – det is sehr feierlich, wat, Herr Lemke,“ sagte Frau Puhlmann, „aber meene Nichte is von kleen uff so jewesen – immer jroßartig, det hat se jeerbt – von ihre Mutta – die war ooch immer for det Jroßkotzige. Uff mir wirkt det imma ansteckend, also wenn ick bitten derf, nehmen Se jefälligst Platz – womit kann ick dienen, meene Herrschaften, denn ihr werdet woll mächtjen Hunger hab’n?“

„Tante, laß doch det Affentheata“, sagte Anna mit einem verweisenden Blick, „natürlich haben wa Hunger, det Jeschleppe mit den Korb! Wenn uns der Kutscha nich mitjenommen, krauchten wa womöglich noch draußen ’rum!“

Als die Tante hinter den Schanktisch ging, faßte Anna Wilhelm um die Schulter: „Na, dir is woll noch ’n bisken bammlich? Det vazieht sich, morjen früh is allens wech! Und denn kannste je deene Eltern schreiben, wo du bist. Und nu jräm dir nich, Willem, und jib ma etwa keene Schuld, det is allens so von alleene jekommen. Et is sehr gut, dette nu lernst, uff eejene Beene zu stehen, du wärst sonst ewich ’n Schlappschwanz jeblieb’n. Det sag ick dir!“

Nachher, als sie die Bouletten und die Soleier gegessen hatten, wurde die Quartierfrage nochmals besprochen.

„Du brauchst dich wahrhaftig keene Umstände zu machen, Tante, du hast deene Kamurke, Willem nimmt die Loschiestube, und ick weeß schon, wo ick bleibe. Ick werd’ dir noch deen Bette beziehn, Willem - Tante, jib man die Blaukarierten ’raus, un denn wollen wir machen, det wa in die Posen kommen, sonst knick’ ich um!“

Wilhelm hatte gleich am nächsten Tage an seine Mutter geschrieben und auf Antwort gehofft, aber zwei Wochen waren seitdem vergangen, ohne daß ein Brief eingetroffen wäre. Heimlich hatte er ganz fest damit gerechnet, daß die Mutter kommen und ihn und Anna zurückholen werde; nun, als es nicht geschah, erbitterten sich seine Gedanken, und das half ihm über die Traurigkeit und den Trennungsschmerz hinweg. In der ersten Zeit glaubte er, sich gar nicht in die neue Umgebung einleben zu können; der dunkle Keller, die engen Räume und Tante Maries Wesen bedrückten ihn.

Aber Anna ließ ihm keine Zeit zum Kopfhängen, er mußte ihr fortwährend zur Hand gehen. „Det is keen Betrieb hir, Tante“, hatte sie gesagt, „hi muß feste Zuch hinter jemacht werden, sonst vaschimmeln wir allesamt in det Kellerloch. So kommen wir uff keenen jrienen Zweich, wenn hi abends zwee, drei sonne ollen Bowken sitzen und an ihre Neeje nippen. Wozu jibt’s denn hi Bier, die Jäste müssen Durscht kriejen. Außerdem, Tante, wie sieht det von draußen aus, mit die roten Kattunvorhänge und die bekleckerte Wand, da traut sich ja keen Mensch ’rin, denkt jeder, et is ’ne Reiberhöhle. Und denn, Tante, det Kind muß doch ’n Namen haben, die Leute müssen doch wissen, wo se hinjehören. Da müssen wa uns ’mal alle drei hinsetzen und wat Feines ’rausknobeln. ‚Zur Tante Marie‘ oder ‚Zun strammen Willem‘ oder so wat Ähnliches, det zieht! Ooch mit die Soleia und die Buletten, Tante, det is doch nischt, wer soll denn det jeden Tach hintakriejen, da verjeht ee’n ja der App’tit. Nee, der Jeruch muß jleich jeden in die Neese fahren - saura Hering, oder ooch Heringssalat, oder Kartoffelpuffa, und Sonntags machen wa ’mal Schweinebraten oder Jänsebraten, und jeben ’ne ordentliche Portsjon, det die Jäste denken, se kriejen’s immer so!“

Und so sehr sich Tante Marie auch gegen diese Reformen wehrte, weil sie tief in den Beutel fassen mußte, schließlich gab sie doch nach, denn Anna ließ keine Ruhe. Sie hatte gesehen, wie es andere machten, wie solch eine kleine Wirtschaft plötzlich Zuspruch erhielt, wenn es gemütlich und behaglich dort zuging. Und von Frau Lemke hatte sie gelernt, wie man die Küche einrichten müsse, was zu kochen sei, um den Ansprüchen der Gäste zu genügen. „Se missen denken, se sind bei Muttern, und det se’s zu Hause ooch nich besser kriejen können!“

Tante Marie ließ sich wirklich überreden, neue Gardinen anzuschaffen, und zum Erstaunen der Nachbarschaft und besonders der Straßenjungen erschien eines Tages ein genial, aber auch ein wenig verhungert aussehendes Individuum, das mit einem gewaltigen Pinsel die Wände zwischen den Kellerfenstern und die Tür mit einer schönen, hellbraunen Farbe bemalte. Und dann wurden Zettel angemacht: „Frisch gestrichen“.

„Wat is denn bei Puhlmanns los“, sagten die Leute, „die Olle will wohl ihre Sparjroschens loswerden?“

Und nachdem der schöne hellbraune Anstrich getrocknet und der Malkünstler einige Tage unsichtbar geblieben war, sah ihn die Nachbarschaft eines Morgens wieder, wie er geheimnisvolle Arabesken auf die glänzenden Flächen zeichnete und dabei Weißbier trank.

Als die Kinder aus der Schule kamen, waren sie nicht schlecht verwundert, daß aus den Arabesken Buchstaben geworden waren. „Alle Sorten verschiedene Biere“ lasen sie und erzählten es zu Hause Vater und Mutter. Und diese Sensation dauerte fort. „Weiß- und Bayrisch-Bier, echter Nordhäuser Korn“ stand am nächsten Tage neben der Kellertür; der Höhepunkt der allgemeinen Verwunderung aber war erreicht, als der geniale Künstler auf einen Stuhl stieg, seinen Malstock über dem Kellereingang anlegte und mit einem kolossalen Aufwand von blauer Farbe die Inschrift anbrachte:

„Zur unterirdischen Tante“

„Die missen jeerbt haben“, war die öffentliche Meinung, denn anders konnte sich die Ackerstraße diesen großartigen Aufschwung dieser bisher ganz unbeachteten Kellerwirtschaft nicht erklären. Und als am nächsten Sonnabend ein Stuhl mit einer weißen Schürze vor dem Kellereingang aufgehängt wurde und dieses weithin sichtbare Zeichen verkündete, daß es heute bei der unterirdischen Tante frische Blut- und Leberwurst gäbe, besah sich die Nachbarschaft auch das Lokal von innen.

Der Eindruck war günstig. Die Tante hatte statt des alten roten Wolltuches eine Art weißer Haube auf dem Hinterkopf, hielt sich aber trotz dieses Schmuckes etwas zurück. Hinter dem Schanktisch stand Anna, das gelbe Haar zu einem riesigen Knoten oben auf dem Kopf getürmt und von unzähligen starken Nadeln zusammengehalten. Die dicken roten Arme waren von den Ellenbogen ab frei und verkrochen sich nur ab und zu in dem Latz der weißen Schürze.

Wilhelm reichte ihr zu. Trotz seiner blütensauberen Hemdärmel und der neuen blauen Schürze machte er mehr den Eindruck eines angenommenen Hausknechtes. Und die Gäste hielten ihn auch zumeist dafür, nur die Stammkundschaft wußte, daß er der Sohn des „ollen Lemke“ sei, der „da draußen bei Schöneberg“ die bekannte Gastwirtschaft „Zur Märzweiße“ hatte. Von den zarten Banden, die zwischen Anna und Wilhelm herrschten, merkte man nichts. Sie kommandierte ihm nur: „Willem, det Wassa in’n Kessel is nicht mehr heeß, du mußt nei uffsetzen, aba ’n bisken dalli!“ - „Willem, hol’ man imma schon neue Pullen, du siehst doch, det det nich mehr langt!“

Und während sie einschenkte, die dampfenden Würste auf die Teller legte, Sülze zerschnitt und die „selbst eingemachten Rollmöpse“ aus dem Fäßchen nahm, spekulierte sie: „Die Jäste kieken noch zu sehr in die Winkel, nächsten Sonnabend laß ick ’n Leierkasten oder eenen mit ’ne Zieharmonika kommen!“

Als der größte Ansturm vorüber, nahm Wilhelm Annas Platz hinter dem Schanktisch ein, sie selbst ging zu den Gästen, mischte sich in das Gespräch und erkundigte sich, ob das Essen geschmeckt habe und das Bier gut sei. Gewiß, ja, zu klagen hatte keiner, im Gegenteil. Aber trotzdem gab es einige spekulante Köpfe, die ihr andeuteten, was sie noch alles tun könne, um dem Lokal die „richtige Fasson“ zu geben. Die Wand nach dem Logiszimmer müsse sie durchbrechen lassen und dort ein Billard aufstellen, es wäre auch gut, wenn sie einen „rejulären Mittagstisch“ einrichtete und abends „länger uff“ hielte.

„Ja ja, eens nach’s andre, man bloß nich drängeln“, jetzt müsse sie doch erst mal an die Hochzeit denken. Das gab Anlaß zu allerlei Andeutungen, die sie jedoch so parierte, daß sie die Lacher nachher auf ihrer Seite hatte.

Besuch in Schöneberg

Tante Marie hatte sich schließlich überreden lassen und die alten Lemkes in Schöneberg aufgesucht, um ihnen mitzuteilen, daß der Hochzeitstag festgesetzt sei, und zu fragen, ob die Eltern denn nicht auch an dem Glück ihres Sohnes teilnehmen wollten.

Einen ganzen Tag fast war Tante Marie fortgeblieben, nun kam sie in der Abendstunde müde, verstaubt und mit einem Strauß verwelkter Feldblumen nach der Ackerstraße zurück und verlangte erst eine Tasse Kaffee, ehe sie erzählen wollte. Aber wenn sie der Kaffee auch wieder munterer machte, so war doch nicht viel aus ihr herauszubringen. „Der Olle is jrob jewesen“, sagte sie, „nehmen Se’s ma nich ibel, Willem, aber zu dem bringt mich keen Deibel mehr ’raus, und wenn ick ’n junget Meechen wär’ und Ihnen heiraten sollte, for den Schwiegervata bedanke ick mir! Ihre Frau Mutter hat jeweent, aba der Olle hat se jleich so anjeschnauzt, det se’n Schlucken jekriejt hat. ‚Wat’n for’n Sohn?‘ hat er immer jefragt, ‚Se sind woll mit’n Kopp wo jejen jeloofen, liebe Frau, ick hab’ keen’ Sohn nich, und wünschen Se sonst noch wat?‘ Na, ick hab’n ja Bescheed jestochen, denn uff de Schnauze bin ick ja ooch nich jrade jefallen, aber et hätte doch ooch allens anders sein können, nich wahr?“

„Mutta hat jeweent?“ fragte Wilhelm, der nichts anderes gehört zu haben schien.

„Wat nutzt uns det“, sagte Anna ärgerlich, „dafor koof ick ma nischt, aba nu wissen wir wenigstens, wat los is, nu kann ja die Heiraterei losjehen!“

„Ach, und scheen is draußen jeweesen“, sagte Tante Marie, „da trillern de Lerchen, und det blieht und jrient uff die Wiesen. Und denn der scheene, jroße Jarten mit den Nußbaum und die Hühna!“

„Ja, die kennten wir nu ruppen, for die Hochzeitsgäste, na, wat nich is, is nich! Und wennstet etwa bereust, Willem, denn sag’s frei ’raus, ick will dir nich unjlicklich machen.“

„Ihre Mutta hat mir ja sehr jut jefallen“, sagte Tante Marie, und die hätte Sie gewiß nach ’n Jruß bestellt, aba der Olle stand imma neben und paßte wie so’n Schießhund uff. Na, ick hab’ ihm ja ooch jesagt, jlicklich wird ihn seen hartet Herz nich machen!“

„Janz jewiß nich“, sagte Anna, „so wie ick ihn kenne, tut er ab ooch bloß so, er spielt sich jerne n’ bisken als Witerich uff. Du kannst ibazeicht sind, Willem, wennste jetz kämst und mir sitzen lassen wolltest, wirde er dir erst recht forn Dussel halten!“

Wilhelm äußerte sich dahin, daß es auf jeden Fall etwas schwierig sein dürfte, die Zufriedenheit seines Vaters zu erringen: „Ick weeß nich, woran et liejt, er hat ma von kleenuff forn Dussel jehalten, aber eejentlich, so demlich bin ick doch nich?“

„Nu laß man dein’n Jeisteszustand“, sagte Anna, „die Hauptsache is det Herz, nich wahr, Tante?“

Aber Tante Marie war in ein ganz trübseliges Fahrwasser mit ihren Gedanken geraten: „Des Vaters Sejen baut die Kinder Häuser, aba der Mutta Fluch reißet sie nieda“, sagte sie feierlich.

„Det paßt janich hierher“, meinte Anna, „höchstens umjekehrt, und denn stimmt’s ooch noch nich. Bis jetzt hat uns noch keen Mensch wat jebaut!“

Tante Marie hielt das für eine Anspielung: „Ja, ja, wenn ick man schon in’n Sarch läje, denn könntet ihr ja mit den Kram machen, wat ihr wolltet!“

Ach, is det scheen hier“, sagte Anna, „Tante, dir derf man wahaftich nich ’rauslassen, dir is die freie Natur nich jut bekommen, abr ick hab’ ma jleich so wat jedacht, als ma heite morjen die Spinne über die Beene jeloofen is. Meenswejen, setzt eich alle hin und weent eich aus, denn seid ihr’s los, ick kann nich, ick bin nich im jeringsten jerihrt!“

Sie ging hinaus in den Schankraum, um die Gäste, die schon ungeduldig waren, zu bedienen. Gewiß, es wäre schöner gewesen, wenn sie da draußen, in dem großen Weißbiergarten, Wirtin hätte sein können, aber wenn es nun einmal nicht war, konnte sie es doch nicht erzwingen. Und schließlich war sie auch so zufrieden, denn sie merkte ja, daß sie eine glückliche Hand hatte. „Et flutschte“, wie sie sagte, die Gaststube war nie leer. „Freilein, Se sind ’n so schnuddlijet Frauenzimmer, jeben Se mir noch ’n Bittern“, pflegten die Droschkenkutscher zu sagen, wenn sie ihren Abstecher in die „unterirdische Tante“ machten, und andere, die nach ihrer eigenen Meinung zu oft in den Keller stiegen, entschuldigten sich vor sich selbst: „Da bin ick schonst wieder, abr Se haben ooch so wat Anziehendes, Freileinken!“

Det wird sich bald ausjefreileint haben“, sagte Anna dann stets, „wer weeß, ob Se denn abr noch wiedakommen?“

„Erst recht, sonne junge Frau, die wird denn erst schön mollig, objleich Se det janich mehr nötig haben“, sagten die Schwerenöter unter den Gästen. Andere wollten Genaueres wissen: „Ja, wann is denn nu die Hochzeit, die janze Ackerstraße wartet und wartet, abr det zieht sich so in die Länge.“

Seit dem Besuche Tante Maries in Schöneberg, dessen Bedeutung alle gekannt hatten, waren die Redensarten allmählich anzüglicher geworden: „Wat lange währt, wird jut“, sagten die die Leute und blinzelten sich zu, während sie beim Schanktisch standen und ihren Schnaps tranken. „Det is’s nich“, behaupteten andere und taten, als wüßten sie es besser und als hätte sie die „unterirdische Tante“ besonders ins Vertrauen gezogen, „Willem soll erst noch ’n bisken wachsen, denn jeht’s los, und denn wird allens doppelt nachjeholt, wat - Freilein!“

„Zerbrecht eich man euern werten Deetz nich“, sagte dann Anna, „heite hat’s doch keene Fifferlinge jejeben, det ihr so witzig seid! Habt ihr eich denn schonst iberlejt, wat ihr mir zu die Hochzeit schenkt? Seht mal in’n Spiegel, wat ihr nu for Jesichter macht, nu trinkt man noch ’n Korn, villeicht kommt ihr uff’n juten Jedanken. Aber sajt’s man lieber erst, wat ihr koofen wollt, sonst krieje ick nachher wat doppelt und muß es umtauschen jeh’n.“

„’n Schloß“, schlug einer vor.

Sie meenen ’ne Villa, wat?“

„Nee, eens zum Zuklappen, als Vaschluß für det Mundwerk!“

„Ach so, weil Sie Schlosser sind, denn werden Se wenigstens ’mal wat los!“

Wenn dann die anderen merkten, daß, gegen ihr - wie sie sagten, „nich so jut anzukommen sei“, fingen sie mit Wilhelm an, der friedlich in einer Ecke saß und sich nützlich beschäftigte.

„Na, Herr Lemke, und Sie? imma fleißig beit Strimpestrikken, wat?“

Wilhelm sah wohl auf, antwortete aber nicht, sondern schälte die Kartoffeln ruhig weiter.

„Aber siehste denn nich, er näht doch“, sagte dann ein anderer vorwurfsvoll.

„Ach so? Aber nu is die Aussteier wohl ooch bald fertig?“

„Haben Se sich schonst ’n Mirtenkranz besorjt, mein Onkel is Järtner, der läßt Ihn’ eenen janz billig ab, Herr Lemke!“

Aber det is ’n offner?, erkundigte sich jemand teilnehmend.

„Det sieht man ja nich, wenn er jeschickt uff’n Kopp jesteckt wird.“

Und so ging die Stichelei unentwegt weiter, ohne daß Wilhelm aus der Ruhe kam. Wenn sie zu deutlich wurden, sagte er wohl: „Na, nu macht’s man halweje mit eure Witze aus’n Hamburjer Millkasten“, und damit hatte er auf Stunden hinaus seine Beredsamkeit erschöpft.

Wenn das Brautpaar dann allein war, machte ihm Anna wohl Vorwürfe: „Willem, nimm’s ma nich ibel - aber ’n bisken maulfaul biste, und wenn du dir deine Zunge nich abschleifen willst - na, denn nimm doch mal so’n Bruda, trag’n die Treppe ruff und setz’n sanft uff’s Flaster, so’n jroßer, strammer Mensch wie du, wird sich doch nich von sonne Buljongköppe intunken lassen!“

„Ach, mir macht et ja Spaß, ick laß ma bloß nischt merken“, sagte Wilhelm.

Ein paar Tage später, wieder nach solch einer Unterhaltung, sagte Tante Marie: „Wahr und wahaftjen Jott, ihr solltet nu aber ooch wirklich heiraten, denn det Hinjezoddele is wirklich nich mehr mit anzusehen. Uff wat wartet ihr denn eejentlich bloß, det ick sterbe? Du lieba Jott, ick vamach’ eich den janzen Krempel bei labundjen Leibe, werdet jlicklich damit, aber schmeiß mir nich ’raus. Ick bin schon froh, wenn ick meene Ruhe habe, denn seitdem det hier die ‚untairdsche Tante‘ jeworden is, komm ick mir wie meene eejenet Jespenst vor und jraul’ ma vor ma selber!“

„Nu is er futsch“

Blitzschnell hatte sich die Nachricht in der Ackerstraße verbreitet: „Bei de untairdsche Tante hält ’ne Hochzeitskutsche!“ Und alle gerieten in atemlose Aufregung, jedes Fenster der umliegenden Häuser war mit Neugierigen besetzt. Die Mütter holten ihre Kinder und hoben sie hoch, damit sie auch etwas von der Herrlichkeit sehen konnten, alte, erfahrene Frauen, die da wußten, daß „sowat lange dauerte“, schleppten Fensterpolster herbei, und der Herr Rentier, drüben aus der Beletage, putzte sogar einen Ferngucker und richtete ihn auf die Kellertür.

Ernst und gemessen thronte der Kutscher auf seinem Bock, erhaben über das Gewühl um den Wagen. Denn da hatten sich die Kinder aus dem ganzen Viertel eingefunden, Frauen in großblumigen, bunten Jacken, und dann der Herr Portier, der plötzlich in der allgemeinen Achtung stieg, da er der einzige war, mit dem sich der Hochzeitskutscher zu unterhalten geruhte, sei es auch nur, daß er ihm verständnisinnig zunickte oder zublinzelte. Aber wehe, wenn sich der Herr Portier dann plötzlich umwandte und die Kinder nicht sofort scheu und ehrerbietig zurückwichen!

Der Auflauf hatte einen Schutzmann angelockt, langsam kam er jetzt daher, aller Blicke waren auf ihn gerichtet; was würde er jetzt tun, wen würde er aufschreiben? „Nicht stehen bleiben - weitergehen“, kommandierte er.

Die Kinder flüchteten auf den Fahrdamm, und die Frauen traten in die benachbarten Haustore, fest entschlossen, keinen Schritt weiter zurückzuweichen. Portier und Hochzeitskutscher aber hatten getan, als hätten sie den Schutzmann bis jetzt nicht gesehen. Nun trat er zu ihnen, und zur allgemeinen Verwunderung schüttelte er beiden die Hände. Wer hätte gedacht, daß dieser Portier einen Schutzmann zum Freund hatte!

In diesem Augenblick erhoben ein paar Kinder den lauten Ruf: „Sie kommen, sie kommen!“ Alles wich zurück, lautlose Stille trat ein, nur der Schutzmann traf noch rasch einige Anordnungen, und der Portier streute weißen Sand.

Und nun erschienen die Braut und der Bräutigam, er in Schwarz, sie in Weiß mit langem Schleier. Ein Lohndiener, der bisher unsichtbar gewesen, öffnete den Kutschenschlag, Anna hatte den Vortritt; jetzt war sie glücklich im Wagen, nur die Schleppe war noch draußen. Wilhelm und der Lohndiener stopften sie gemeinsam hinein, dann stieg auch der Bräutigam ein, heiß und rot, der Kutschenschlag wurde zugeworfen, der Diener schwang sich auf den Bock, und die Pferde zogen an.

Im nächsten Augenblick erhob sich ein ohrenbetäubender Lärm, die Kinder schrien sich die Lunge aus, einige versuchten hinter dem Wagen herzulaufen, und der Schutzmann hatte alle Hände voll zu tun, sie von diesem Vorhaben abzubringen. In der allgemeinen Aufregung hatte man nicht beachtet, daß noch zwei Droschken vorgefahren waren. Nun erschien Tante Marie mit den Trauzeugen. Sie hatte ihr „gutes Schwarzes“ an, und die anderen sahen auch feierlich aus. Eine ganze Gesellschaft kam aus der „unterirdischen Tante“, die nachher wohl ganz verwaist gewesen wäre, wenn der Herr Portier sich nicht schon früher verpflichtet hätte, „det Jeschäft so lange zu besorjen“!

Als auch die Droschken abgefahren, zerstreute sich allmählich der Auflauf. „Nu is er futsch“, sagten die Männer bedauernd und meinten Wilhelm, „aber et jeschieht ihm recht, wir sind ja ooch rinjeschliddert.“ Bei den Frauen aber begann die Kritik, unglaublich, was sie alles in der kurzen Spanne beobachtet hatten. „Der Kranz wa offen!“ - „Nee, er war zu, ick hab’ extra bloß daruff uffjepaßt!“ - „Jlooben Se denn, det det reene Seide war, ick jloobe et nich!“ „Nu wollen wa ma uffpassen, wenn die Kutsche wieda zurückkommt, denn werden wa’s ja janz jenau sehn!“

Als dann nachher die „Brauteklipasche“ vorfuhr, verpaßte man jedoch den richtigen Augenblick und sah das neuvermählte Paar nur noch im Keller verschwinden. Um so kritischer wurde daher jetzt die übrige Hochzeitsgesellschaft unter die Lupe genommen, die sich in den beiden Droschken zusammengezwängt hatte und nur mit Mühe aussteigen konnte.

„Die haben sich vaheddert, wie die Maikeber in de Zijarrenkiste, paßt ma uff, eener wird sich jewiß die Beene ausreißen, wenn er zu sehr zoppt!“

Diese Prophezeiung der Straßenjungen ging aber nicht in Erfüllung, alles verlief ohne Unfall, und wessen Neugierde noch nicht gestillt war, konnte ja in die „unterirdische Tante“ hinabsteigen. Denn trotz des Hochzeitstages ging der Schankbetrieb so wie sonst weiter.

Die „junge Frau Lemke“, wie nun alle Anna beständig nannten, hatte sich nur auf kurze Zeit zurückgezogen, um das Hochzeitskleid auszuziehen, nun übernahm sie trotz Tante Maries und der Gäste Protest wieder die Wirtschaft. Als dann aber Wilhelm auch seinen schwarzen Anzug ablegen und ihr behilflich sein wollte, wurde sie beinahe grob zu ihm. „Det wär’ ja noch schöna, du bleibt so, eener muß doch nach wat aussehen.“

So wurde er mitten auf das Sofa zwischen die neue Verwandschaft gesetzt, und da hockte er nun mit schuldbewußtem Gesicht und sah, wie Anna sich mühte, die Hochzeitsgesellschaft zu bewirten. Auch als Tante Marie helfen wollte, duldete das die junge Frau nicht.

„Ick saje’s dich, Tante, setz dir hin, sonst verderbste mir die Freide!“

Und wenn sie hier etwas aufgetragen hatte, alle löffelten oder säbelten, lief sie wieder nach der Schankstube und bediente die Kundschaft. „Nachher kommt noch Musike“, sagte sie verheißungsvoll, „ick wundere mir iberhaupt, det sie noch nich da is“ - und dann rannte sie die Kellertreppe hinauf, winkte einem der Jungen, und sagte: „Loof ’mal schnell nach die Jroße Hamburja dreizehn, da wohnt uff’n Hof links in’n Kella ’n Leierkastenmann. Ick lassen sajen, er soll sofort kommen, sonst besorch’ ick mir ’n annern. Aber loof schnell, wennste’n jleich mitbringst, schenk’ ick dir ’n Jroschen!“

Als sie wieder nach der Hinterstube kam, hatten sich die Männer die Röcke ausgezogen und den Kragen abgemacht. „Det is recht so“, lobte die junge Frau, „et wird eenen heiß beit Essen. Willem, zieh dir ooch dein’n juten Rock aus - jetz kannste - jib’n jleich her, sonst wird er jeknautscht. Biste satt jeworden, hat eener von eich noch Hunger - is noch jenuch da, braucht’s bloß zu sajen. Onkel Aujust, wie is noch mit’n Sticke Kalbsbraten, is doch jut und saftig jewesen, nich?“

Onkel August ließ sich überreden, machte sich aber zur Vorsicht die Westenknöpfe und den Lederriemen auf. „So“, sagte Frau Lemke, „und die anderen, die fertij sind, jehen jetz nach vorne und machen sich’s dort jemietlich. Ick werd’ jetzt ooch ’n paar Bissen ’runtaschlingen, denn nachjrade wird mir ’n bisken schwach in’n Majen, denn räum’ ick hier ab, und denn könnt ihr alle wieder rinkommen. Onkel Aujust, wennste merkst, det dir schlecht wird, jehste erst nach hinten, du weeßt schon wo, und denn legste dir lang uffs Sofa, da derf dir niemand stören - nu ’raus, alle mitenander!“

Sie schob die Zögernden nach vorn, zog dem und jenem, kaum daß er aufstand, den Stuhl weg, winkte Wilhelm und sagte so laut, daß es alle hören konnten: „Nu schenk’ in, jeden, wat er will, und so ville wie’r will. Für die Damen jibt’s jleich ’n starken, juten Kaffee, keene Zichorje mang, jemahlen is er schonst!“

Und dann überblickte sie das Schlachtfeld und war befriedigt. Nur Tante Liese, Onkel Augusts Frau, hatte etwas auf ihrem Teller liegenlassen. „Die tut immer ’n bisken etepetete, schon wejen ihren Mann, weil er so ville vertilcht!“

„Schade, die Soße is schon ’n bisken kalt jeworden“, sagte sie, während sie sich auftat und das Fleisch kurz und klein schnitt, um nachher keinen Aufenthalt beim Esssen zu haben.

Dann entstand ein kleines Hallo, der Leierkastenmann war gekommen. „Menschenskind, wo bleiben Se denn?“ schrie ihm Anna durch die halboffne Tür zu. „Willem, jib den Jungen ’n Silberjroschen und den Orjelfritzen ’ne Jroße mit Mit, und denn los mit die Musike, sonst is det ja keene Hochzeet nich!“

Der Orgelspieler trocknete sich den Schweiß ab, nahm einen kräftigen Schluck von der Himbeerweiße und wollte dann erst dem jungen Paar seine Glückwünsche abstatten. Wilhelm, an den er sich zuerst gewandt, hörte ihm auch ganz verdutzt zu, aber Frau Lemke fuhr dazwischen: „Det hab’n Se sehr scheen auswendij jelernt, aber hätten Se sich man lieber nich erst so lange injeübt. Und denn sollen Se ja hier ooch keene Reden nich halten, fangen Se jleich ohne Korridor an!“ Und sie trällerte:

„Kommen Se rin, kommen Se rin,

Kommen Se rin in die jute Stu-be!“

Aber Onkel August war dieser Anfang nicht feierlich genug. Seine Frau, sagte er, die schon viele feine Hochzeiten mitgemacht habe, wäre der Ansicht, daß man „mit den Jungfankranz beginnen müsse“.

„Von meenswejen“, sagte Anna.

„Oder hat Willem wat jejen?“ fragte „Onkel Karrel“, wie man Tante Maries Bruder nannte, den Witzbold in der Verwandtschaft.

„I, wat soll er’n schon jejen haben, man immer feste druff. Wir win-den dir - den ...“

„Hör uff, falsch, Onkel, du mußt mit’n Leierkasten mitsing’n, sonst jeht ja allens durchenander, und denn singste ja ooch ville zu tief, da kann je keen Mensch nich mitkommen.“

„Ick werd’n Takt zu schlajen, wie bei ’ne richtje Kapelle, eenen Oojenblick, ick hol erst meen’ Stock!“

Aber während er danach noch suchte, hatte die Gesellschaft schon angefangen:

Wir winden dir -

Den Jungfankranz -

Mit veil-chenblau-au-e Sa-a-ide -“

„So“, schrie Onkel Karl hinzukommend, „nu alle nach mein’n Stock jekiekt!“

Und dann begann der Gesang aufs neue.

„Lemkes sel. Wwe.“

Tante Marie hatte dem Paar den Keller überlassen und war „hintenhin“ gezogen, „uff’n Hof paterr“, wie die junge Frau Lemke sagte. „Se wollte partu nich anders, laß ihr, uns kann’s recht sind!“

Durch eine bunte Glasfenstertür kam man vom Hausflur auf diesen Hof, einen überraschend großen Platz mit Katzenkopfpflaster und einem Brunnen, dessen Ausflußrohr ein schrecklicher Drachenkopf war. Und zur Überraschung aller, die von der Straße auf den Hof traten, befand sich dahinter noch ein Garten mit Bäumen und einer grüngestrichenen Laube.

Dort sah man an den Nachmittagen Tante Marie sitzen und Kaffee trinken. In wunderlicher Eilfertigkeit strickte sie an einem langen wollenen Strumpf, während die Augen über die „Vossische“ glitten und die Annoncen durchsuchten. Denn das war das einzige, was Tante Marie interessierte, aus diesen Ankündigungen konnte sie sich die schönsten und merkwürdigsten Geschichten zusammensetzen. Gestört dabei wurde sie nur, wenn der Lärm auf dem Hofe zu groß wurde, denn dort, beim Hackklotz, tummelten sich mit Jauchzen und Lachen die Kinder der andern Mieter, spielten Versteck oder zählten im Chor:

„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben,

Komm, wir wollen Kejel schieben,

Kejel um, Kejel um,

Böttcher, Böttcher, bum, bum, bum.

Böttchers Frau, die olle Jrete,

Saß auf einem Baum und nähte,

Fiel herab, fiel herab,

und das linke Bein war ab.

Kam der Doktor Zappelmann,

Klebt das Bein mit Spucke an,

Saß es fest, saß es fest,

Jing nie wieder - ab.“

Und dann stob die Schar auseinander, raste die Treppen hinauf und hinunter, machte die Hunde in der Nachbarschaft rebellisch und scheuchte die Katzen in die Kellerlöcher. Wenn es dann wieder still geworden, hörte Tante Marie auch wieder aus den Nebenhöfen die langgezogenen Leierkastenlieder:

„Des Königs Ruf ist an sein Volk ergangen - -“

„Ach Jott, ja“, brummelte sie dann vor sich hin, „wo is det allet hin - die Zeit is vajangen, nu sitz ick hier, wer weeß, wie lange, ob ick iberhaupt den zweeten Strump noch fertij krieje? Det kann janz plötzlich ibern Menschen kommen. Und ick träume jetz imma so schlecht, son konfuset Zeich, wo man janich weeß, wat‘s bedeitet.“ Und mit Schaudern erinnerte sie sich an die „Erscheinung“, die sie neulich gehabt. „Mitten in de Nacht wach’ ick uff“, hatte sie dann am andern Morgen erzählt, „wach’ ick also uff, denke nanu, wat is denn hier los, wat wachste denn uff? Bin janz klar in’n Kopp, janz munter, wie nach ’ner juten, starken Tasse Kaffee. Ick richte mir also uff ins Bette -“

„Azehl doch ’n bisken rascher, Tante“, hatte sie Anna unterbrochen, „du spannst mir ja uff de Folter, also du bist uffjewacht, und wat war nu?“

„Ja, wennste mir so untabrechst“, hatte Tante Marie etwas ärgerlich gesagt, „valier’ ick natürlich ’s Ende. Nu kann ick wieder janz von vorne anfangen!“ Und nach einer Pause verstimmten Nachsinnens holte sie tief Atem und sagte: „Wach ick also uff -“

„Bist janz munter ...“ versuchte Anna einzuhelfen, da die Alte stockte.

Aber Tante Marie war, nun wirklich ganz böse, aufgestanden: „Dann azehl du man weiter, du weeßt et ja besser als ick!“

„Na saj’ mir bloß det eene noch“, hatte Anna gebettelt, „war’t der Deibel oder nich?“

„Nee, der Deibel war’t nich“, hatte Tante Marie gereizt geantwortet, „der kommt höchstens bei dir. Et war aber’n Jeist - ’n Jeschpenst!“

„Dunnerwettsteen“, hatte Anna gerufen, „dem hätt’ ick’s aber besorjt! Hastet nich jleich mit’n Schrubba uff’n Deez jehaun, det’s injeknickt is?“

„Meechen, mach dir nich unjlicklich“, hatte Tante Marie gesagt, „wir haben den Jeist keene Ruhe nich jelassen, det is’s. Seitdem der Kella die „unterird’sche Tante“ heeßt, jeht’s hier um, so ville is jewiß. Und darum hab’ ick’s ooch nich mehr da unten ausjehalten und war froh, det ick an die Obawelt kam. Aber nu looft’s mir nach, mir hat der Jeist uff die Pierke jekriejt, paßt mal uff, ick hab’s eich vorher jesagt, eenes scheenen Morjens wach’ ick uff und bin dot!“

„Na, Tante“, hatte Anna tröstend gesagt, „ick werd’ jut uffpassen, vielleicht fang’ ick den Jespensterich, ei weih, aber denn! Denn tropp ick’n heeßen Sijelack uff de Beene und setz’ ihn nachher in Spiritus!“

„Meechen, Meechen, sei nich zu keß, so wat rächt sich!“

Aber Anna hatte nicht hingehört, sie blickte ihren Mann an, der mit großen Augen in die dunkle Ecke stierte.

„Willem“, rief sie erschrocken, „Willem, wat haste denn, komm zu dir, wat kiekste denn da in’n Winkel?“

„Ick weeß, wat ’s jewesen is“, sagte er und sah sich scheu um. „Tante, is det Jeschpunst ’ne Frau jewesen, mit’n Umschlajetuch?“

„Ja - ja - ja -“, stammelte Tante Marie, „woher weeßte det?“

„Denn is’s“, sagte Wilhelm feierlich, „denn is’s Lemkes selje Witwe jewesen!“

„Ja, ja, ja“, jammerte Tante Marie und rang die Hände.

„Aber Tante, det kannste doch janich wissen, wieso sagste denn dreimal hinterenander Ja!? Du hast doch die Olle nie nich jesehen! Und außerdem“, setzte Anna hinzu, „wenn det ’ne Selje is, wat hat se denn dann hier rumzustenkern?“

„Et is meene Jroßmutta, Vatan seine Mutta“, sagte Wilhelm, „und det war ’ne sehr fromme Frau, als se noch lebte!“

„Jetzt scheint se aber unsolide zu sind, so alleene nachts ’rumzuloofen is janz unschicklich. Die soll ruhij in ihren Sarg liejen bleeben, wir werden ihr ooch mal bejießen kommen. Lieba scheintot in’n Massenjrab, als so nachts bloß mit’n dinnet Umschlajetuch meene Verwandten besuchen. Und nu hören wir mit den Quatsch uff, denn wenn ick erst anfange, mir zu jraulen, denn wird’s eenfach firchterlich.“

„Siehste, siehste, siehste“, sagte Tante Marie, „nu biste ooch anjestochen.“

„Ja, ick werd’ ooch jleich de Jeschpenstersprache reden und allet dreimal sajen. Kiekste, kiekste, kiekste - da sitzt die Olle in die Ecke und fängt sich wat.“

Tante Marie kreischte laut auf, und Wilhelm hielt sich die Augen zu. „Mach keene Dummheiten nich, Anna“, warnte er, „Lemkes selje Witwe nimmt det krumm!“

„Wa’m sagsten imma so und nich janz eenfach Jroßmutta, wie annere vaninftje Menschen?“

„Wir haben ihr imma so jenannt, Vata ooch.“

„Det is eben keen natierlijes Vahältnis jewesen, da’m is die olle Madam ooch so unnatierlich jeworden“, sagte Anna. „Ihr Lemkes habt ja alle ’n Knax wej, entweder habt ihr die Dummheet mit Löffel jefressen, oder ihr seid vajeisticht! Sonst hätte dir deen Vata und deene Mutta nich so loofen lassen, haben se een eenzches Mal wat von sich hören lassen?“

„Du bist doch aber nu ooch ’ne Lemken“, sagte Tante Marie.

„Na, denn kann et ja sind, wenn ick ooch selij jeworden bin, det ick die Witwe bejejne, denn werd’ ick ihr den Standpunkt mal janz jehörig klar machen!“

Tagelang nach dieser Unterhaltung war die Harmonie gestört gewesen, aber dann kam man allmählich wieder ins Gleise. Es gab tagsüber so viel zu tun, daß man abends „wie zaschlagen“ ins Bette sank und gleich einschlief. „Lemkes selje Witwe hat dann det Pree“, pflegte Anna zu sagen, „meenswejen kann se hier ’rumklabastern, so ville se will. Wenn se ab und zu ’mal ’n Rollmops freßt, schad’ det nischt. Lieba wär’t mir ja, wenn se den Uffwasch besorjte, da kennt’ se sich wirklich nitzlich machen. Ick werd’ ihr ooch ’n Nachtlicht hinstellen, det se wat bei sieht und sich nich ihren jeehrten Kopp in die Dunkelheit an’t Spinde stoßt!“

Aber das Geschirr wurde nicht abgewaschen, Anna fand morgens den Vorrat an Tellern, Tassen, Messern und Gabeln stets so vor, wie sie ihn am Abend aufgeschichtet. Auf Wilhelm wirkte das einigermaßen beruhigend. Tante Marie aber meinte: „Wo wird denn ’n Jeschpenst abwaschen, haste det schon jemals jehört? Von son Jeistertella und mit sonne Jeisterjabel wird’ ick ooch nischt essen wollen, det wird’ ma nich bekommen.!“

Seitdem Tante jeden Sonntag so regelmäßig die Kirche besuchte, war Lemkes sel. Witwe wieder abgezogen. Aber das behielt die Alte für sich, um nicht verspottet zu werden. Nur zu Wilhelm äußerte sie sich einmal gelegentlich: „Villeicht hat det Jeschpunscht ooch bloß mal ’n kleenen Abstecha machen wollen, um zu sehn, wie’s dir jeht!“

„Beschrei’ et man bloß nich, Tante, ick jloobe ja ooch, det sie hier jewesen is, und saje ooch nich mehr Jeschpunst, det nimmt se ibel, sach lieber Lemkes selje Witwe, det is höflicher!“

Das Lotterielos

Eines Morgens aber, ein paar Wochen später, sagte die junge Frau Lemke, nachdem sie sich die Haare gekämmt und die ausgerissenen nachdenklich um den Finger gewickelt und dann ins Ofenloch gesteckt hatte: „Willem, hälstet für möjlich, nu jloob’ ick ooch an ihr!“

„Woso?“ fragte er verdutzt.

„An ihr, an die Jeschpensterjroßmutta!“

„Achjottachjottachjott - jeht det wieder los?!“

„Ja, heit’ nacht is se mir erschien’, aber bloß in’n Traum. Ick finde, se sieht janz nett aus, in’t Jesichte wie son oller vaschrumpelter Appel, und denn hatte se sich ’n weeßet Schnupptuch so mit die vier Zippel über ihr’n kahlen Kopp jeknippt, und denn zeijte se ma imma wat, wenn ick bloß wißte, wat det war!“

„Na, wie sah’t denn aus?“

„Det is’s ja eben, dadrieber denk’ ick ja immafort schon nach, et entschwindet mir bloß imma wieda!“

„Villeicht ’n Jebetbuck?“ riet Wilhelm.

„Nee, det hätt’ ick doch erkannt.“

„Oder ’ne Schparbichse?“

„Nee, die hätt’ ick doch erst recht erkannt!“

„Vielleicht wat wejen dein’ Zustand?“

„Quatsch, als ob ick da nich alleene Bescheid wüßte!“

„Na, denn weeß ick’s nich“, sagte Wilhelm entmutigt.

„Hat doch ooch keen Mensch von dir verlangt, wenn ick’s nich mal weeß, wer soll’t denn dann wissen!“

Als aber nachher Tante Marie von dem Traum hörte, sagte sie mit seltsamer Bestimmtheit: „Ick weeß, wat’s war - ’n Lotterielos war’t, ja?“

„Det könnte schon stimmen“, meinte die junge Frau Lemke sinnend, „aber wat ha’ick denn nu davon?:“

„Hättste dir bloß die Numma jemorken, da paßt man doch ’n bisken uff! Weeste nich wenichstens eene Zahl - war ’ne Sieben bei?“

Anna zuckte die Achseln: „Jetzt könnt’ ick die Olle backfeifen - imma, wenn ick jenaua zukieken wollte, hielt se ins Dustere!“

„Nu will ick dir mal wat sajen“, entschied Tante Marie, „pass’ jenau uff: Also, du pumpst dir von mir jetz ’n paar Dala, vastehste, denn wenn man jewinnen will, muß man sich det Jeld für det Los jepumpt ha’m - und denn schickste irgend ’n Dussel - und et muß eena sind, der aber wirklich ’n richtja Dussel is, den schickste und läßt dir ’n Los koofen!“

„Also jut, abjemacht, Willem, zieh dir an, und du, Tante, pump mir wat!“

„Nee, nee“, sagte der Portier, der während der Unterhaltung in die Schankstube gekommen war, „so eenfach is die Kiste ja nich, sonst wär’ ick doch heite schon Milljoneer! Mit det Ibertimpeln is det nischt. Et muß wirklich eena kommen und sajen, er könnte seen Los nich mehr weitaspiel’n, ob man’t ihn nich abkoofen wollte! Und det muß man denn tun und nachher det Los ordentlich zerknautschen und irjendwo in’ne olle Kommode schmeißen und denn janz und jar d’ruff vagessen, denn jewinnt man, denn wird’s det jroße Los!“

Wa’m machen Se det nich, denn wär’n Se doch feine ’raus!“ sagte die junge Frau Lemke.

Der Portier zuckte die Achseln: „Wissen Se, ick spiel’ nu schon iber zehn Jahre, aber det Unjlick is, ick kann nich druff verjessen! Eenmal, als ick schon nich mehr d’ran dachte, bin ick jleich mit ’n Einsatz ’rausjekommen!“

„Na, können Se denn nich ’n bisken in Not jeraten, denn koofen wir Ihn’ det Los ab“, ermunterte Anna.

„Und wenn’t denn jewinnt?“

„Denn woll’n Se de Hälfte abhab’n, wat?“

„Ick wird’s nur koofen, wenn’t in die Mitte zwee Sieben hätte“, sagte Tante Marie.

„Ooch jleich zwee, Sie wolln ’n bisken ville for’t Jeld - nee, ick behalt’ mein Los selber, so blau!“

„Also, Tante, denn machen wir det Jeschäft. Bloß ick hab’s anders jehört, ’ne Sieben kann ja bei sind, ooch zwee, aber wenn man die Zahlen von die Numma zusammenzehlt und die Hälfte von nimmt, muß et jrade uffjehen!“

„Det kann ja ooch sind, ick will mir deswejen nich mit dir streiten, is man bloß, wo krijen wir jetz son Los her?“

„Ja, det is’s!“

„Na, denn winsch’ ick ville Jlick“, sagte der Portier, „Sie werden die Sache schon deichseln, da is mir janich bange vor. Sie haben Schwein, det merkt man!“

Ein paar Tage vergingen, man sprach schon nicht mehr von dem Los, als eines Abends ein Händler mit seinem Warenkasten in die „unterirdische Tante“ kam, um seinen Kram bei den Gästen zu verkaufen. Aber er hatte wenig Glück, man besah sich wohl die Herrlichkeiten, kaufte aber nichts, und der alte Mann, der müde und hungrig aussah, wollte gerade wieder die Treppe hinauf, als ihn die junge Frau Lemke anrief.

„Hier, kommen Se her, haben S’n Korn, kost’ nischt!“ Und Anna griff nach einer der großen, geschweiften Flaschen und füllte den Schnaps ins Glas.

Der Alte kam zurück, trank bedächtig, wiegte den Kopf hin und her und rieb sich die Hände. Anna fing den Blick des Mannes auf und sagte: „Na, Schmul, hat’s jeschmeckt? Wie jeht denn’s Jeschäft?“

„Heite -!“ Der Händler zog die Schultern hoch und machte eine mutlose Handbewegung.

„Is keen Vajniejen, bei den Pladderrejen draußen rumzuloofen wat? Wollen Se noch een’?“

„Wegen maner“, sagte der Alte. Und dann warf er mit einem Ruck den Kasten, den er auf dem Rücken trug, wieder nach vorn, hob die Glanzleinewand hoch und fragte zögernd: „Nu, nix zu handeln, schaine, junge Frau, sollen’s billig haben, werklich! Koofen Se mir ab ’nen hübschen Schmuckgegenstand!“

„Lassen Se man zu“, sagte Anna abwehrend, „ick brauch’ nischt, det sind ja man allet bloß Kinkerlitzkens!“

„Oder“, der Händler faßte nach seiner Brusttasche und zog einen Lederumschlag heraus, „wie is mit’n Los zur Hamburger Lotterie, nehmen Se’s ’n armen, alten Jüden ab, es is das letzte, was ich hab’, und kommt bestimmt mit’n großen Gewinn heraus. Wollt’ ich’s selber behalten, und werden a reicher Mann.“ Er machte eine Bewegung des Dankes und zeigte auf das Schnapsglas.

„Willem!“ Anna hatte ihren Mann gerufen, aber er hörte es nicht, saß in der Fensterecke bei den Stammgästen und sah zu, wie sie würfelten. Da faßte sie entschlossen in die Tasche, zählte dem Alten das Geld in die Hand und sagte: „Na, eenmal will ick’s vasuchen, is ja ’rausjeschmissenet Jeld - aber ...!“

Niemand hatte sie beobachtet. Als der Händler hinausgehumpelt, bückte sich Anna hinter dem Schanktisch und schob das Los in den Strumpf, um es nachher, beim Schlafengehen, im Bett zu verstecken. Sie verriet auch nichts, als Tante Marie später wieder fragte, was denn nun sei, ob man denn wirklich nicht Lotterie spielen wolle?

„Nee, nee, nee, wir brachen det Jeld nötjer, uff sonne Jlickszufälle valaß ick mir nich. Kommt nischt bei raus! Is ville vaninftjer, man spart - iberhaupt jetzt, wo so ville Ausjaben entstehen werden!“

Der Gedanke an das Kind nahm allmählich alle in Anspruch, selbst die Gäste waren auf das freudige Ereignis gespannt.

„Wenn’t man jut ablooft“, sagte der Portier, der in solchen Sachen etwas pessimistisch gestimmt war.

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9788711592434
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