Read the book: «Koblanks»
Erdmann Graeser
Koblanks
Roman
Einer Berliner
Familie
Saga
Koblanks
© 1959 Erdmann Graeser
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711592465
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1
Der Sommer war überreif, der Herbst, an den noch niemand so recht glauben wollte, kam. Wem es nicht die Anzeichen der Natur verrieten – die seltsam klare Luft, die feinen blauen Dunstschleier abends und morgens in den Baumwipfeln –, dem kündete es ein anderes untrügliches Zeichen: die Berliner Jungen zogen zum Drachenfest aufs Tempelhofer Feld hinaus.
Aber nicht mehr allein, die Angehörigen kamen mit, denn die Väter – wieder jung – waren ebenfalls vom Drachenfieber erfaßt worden. Schon von weitem, ehe das freie Gelände da draußen vor dem Halleschen Tor-Bezirk erreicht war, sah man bereits die Drachen unter dem blauen Himmel flimmern – in allen Farben, einen immer höher als den anderen. Überall auf dem ausgedörrten Grase Menschen – die meisten hatten es sich bequem gemacht, lagen auf dem Rücken, blinzelten nach den Drachen, verfolgten jede Bewegung und lachten schadenfroh hinter denen her, die sich in eiligem Lauf vergeblich abquälten, ihren Drachen zum Aufstieg zu bringen.
Wie das Mauerwerk einer Festung ragten die starken Wände der Brauerei Tivoli aus der Ebene. Von dort klangen heute, am Sonntagnachmittag, die Töne der Kapelle, und in den Konzertgarten zog alles, was den Groschen Eintrittsgeld bezahlen konnte und sich nun bei Bier und Gänsebraten oder Jauerschen Würsten mit Meerrettich von der Mühsal einer langen Arbeitswoche erholen wollte.
»Büblein wirst du ein Rekrut,
Merk dir dieses Sprüchlein gut ...«,
tönte es schmetternd. Die Kellner balancierten auf hochgehobenen Händen große Servierbretter, besetzt mit schäumenden Bierseideln, alte, verhutzelte Frauen bahnten sich mühsam durch das Gewühl einen Weg und verkauften, von Tisch zu Tisch humpelnd, Salzbrezeln zum Anreizen des Durstes für die Erwachsenen oder runde, steinharte Pfefferkuchen für die Kinder; zuweilen kam auch ein Händler, an Bindfäden in der Luft hinter sich herziehend ein Gewirr roter, grüner oder blauer Ballons, die den Jüngsten von manchen Vätern gern als Notbehelf für einen Drachen gekauft wurden.
Die Luft war durchbraust vom Rufen, Schreien und Sprechen Tausender von Menschen – ein Berliner Sonntagnachmittag Ende der siebziger Jahre.
Ununterbrochen eilten die Kellner nach dem Bierausschank oder dem Büfett, wo unter Leitung von Mamsell Röschen Schmidt die Portionen Gänsebraten mit Gurkensalat, die Wiener Schnitzel oder Kalbsnierenbraten aufgestellt und an die Kellner abgegeben wurden.
An solchen Tagen war Mamsell Röschen die Munterkeit selbst und konnte wie ein Kapitän im Sturmgebraus kommandieren – immer freundlich und bereit, jeden Augenblick selbst mit Hand anzulegen. Heute aber mußte ihr was verquer gegangen sein, denn in ihrem hübschen frischen Gesicht war ein recht trübseliger Zug, der allen auffiel, die mit ihr sprachen.
Man konnte ja den Anlaß leicht erraten: Der »schöne Ferdinand« hatte es in der letzten Zeit wieder einmal zu arg getrieben. Die Küchenmägde erzählten die tollsten Geschichten von ihm, dem Schürzenjäger. Wenn er, auf dem Kutschbock sitzend, mit dem Brauerwagen über das Tempelhofer Feld jagte, brauchte er nur mit der Peitsche zu winken oder mit der Zunge zu schnalzen, und jedes Mädel, das er da unterwegs traf, war sofort bereit, ein Stück mit ihm zu fahren. Na, und dann ...
Und das, trotzdem sie doch alle wußten, daß er mit der Mamsell so gut wie verlobt war!
Plötzlich zuckte Röschen zusammen – über den freien Vorplatz, der das Wirtschaftsgebäude vom Konzertgarten trennte, kam Ferdinand Koblank, der seinen freien Tag hatte. Auch sonntags ging er stets in dem weißen Drillichanzug, die Hosen steckten in hohen, blankgeputzten Schaftstiefeln, die Mütze saß schräg auf dem braunen Kraushaar, und im Knopfloch glühte eine rote Nelke. Der Mann strotzte von Kraft und Gesundheit – es war schon richtig: mit dem wagte keiner anzufangen, selbst wenn er ihm das Mädel vor der Nase wegnahm.
In der Nähe des Küchenfensters blieb er stehen, griff nach einem der klobigen Schwefelholzbehälter, die dort auf dem runden eisernen Tischchen standen, strich aber das Hölzchen an der Kehrseite seiner Hose an und brannte dann, nachdem sich der Schwefeldunst verzogen, eine Zigarre an. Während der ganzen Zeit schielte er zu Röschen hinüber.
Endlich sah sie zu ihm hin und nickte unmerklich. Da setzte er gelassen seinen Weg weiter fort, trat durch eine kleine eiserne Hinterpforte auf die Straße hinaus und ließ sich wartend in einer Sandgrube dicht neben der Steinmauer nieder.
Hier war es merkwürdig still und einsam. Das Brausen und der Lärm der Blechmusik aus dem Biergarten war kaum zu hören. Die Menschen, die das Feld belebten, kamen mit ihren Drachen nicht her, nur ein paar armselige Existenzen, die sich in ihrer Zerlumptheit abgesondert hatten, lagen da und dort in dem dürren stacheligen Bocksbartgrase, die verbeulten Hüte auf den Gesichtern, und verschliefen die Zeit. Pennbrüder! dachte Ferdinand verächtlich. Vor ihm blühten ein paar Stauden wilder Zichorie, blau wie Kornblumen, Kohlweißlinge flatterten träge vorüber, und ein Goldkäfer irrte verzweifelt durch die unendliche Sandwüste zu Füßen des Wartenden. In der Luft war ein süßlicher Malzduft, vermischt mit dem Geruch der frischgepichten riesigen Biertonnen, die hinter der Mauer zum Trocknen in der Sonne standen.
Da klappte die kleine Eisentür – Röschen kam. Ferdinand stand auf und ging ihr entgegen. Sie gaben sich die Hände, aber Röschen sah fort. Ihre blauen Augen wurden plötzlich naß – sie fuhr mit dem Zipfel der weißen Latzschürze darüber und sagte: »Ick komme dir bloß rasch Bescheid sagen, Nante! Vater will’s nich zujeben!«
Das rote, frische Gesicht des Bierfahrers blieb unverändert, nur die weißen starken Zähne faßten den Zigarrenstummel fester. »Will also nich – Ri-Ra-Rösiken?«
Nun weinte sie bitterlich, achtete nicht mehr darauf, daß die frischgewaschene Schürze beim Abtrocknen der Tränen zerknittert wurde.
»Ick konnt’ mir’s ja denken«, sagte Ferdinand. »Ick hab’ nischt – ebensowenig wie dein Oller hatte, als er dunnemals anfing. Und wenn er nu det Haus in die Möckernstraße hat und den Jroßkotz ’rausbeißt, versteh’ ick ja, det er für seine Tochter eenen anderen Schwiegersohn haben will. Na – denn weene man nich, Ri-Ra-Rösiken, laß dir eenen aussuchen und werde jlicklich mit ihm!«
»Nante – kann ick wat for?« schluchzte sie. »Vater hat sich nach dir erkundigt und jehört, wie du es treibst ...«
Ferdinand Koblank verteidigte sich gar nicht. »Na denn also – Fräulein Röschen – war es woll heute das letztemal, wo Sie mir ...«
Sie hob erschrocken den Kopf, als er sie wieder mit Sie anredete, und starrte ihn an.
Er hielt ihr die Hand hin, aber sie ergriff sie nicht, sondern schlug plötzlich laut aufweinend die Hände vors Gesicht, wandte sich um und ging rasch davon. Gleich darauf schnappte die kleine Eisentür ins Schloß, der Schlüssel wurde umgedreht und abgezogen.
Die Dämmerung kam, die Familien, die auf der Ebene im Sonnenschein gelagert, rüsteten zum Aufbruch. Überall wurden die Drachen aus der Luft geholt und stürzten dann zuletzt, die Spitze nach unten, rauschend und krachend zur Erde. Eine Völkerwanderung nach der im grauen Dunst liegenden Stadt begann – das Feld wurde allmählich einsam.
Auch Ferdinand war, ganz in Gedanken versunken, der Stadt zugeschritten, schließlich ans Hallesche Tor gekommen, überlegte nun einen Augenblick und ging dann am Kanal entlang weiter.
Ick werde Vatern ’mal wieder uffsuchen, dachte er. Der alte Koblank, der seinen Posten als Güterinspektor bei der Potsdamer Bahn kürzlich aufgegeben hatte, lebte jetzt als Witwer einsam hoch oben unter dem Dach eines der ersten Häuser in der Flottwellstraße. Da hatte er einen weiten Überblick über die Bahngleise, sah abends die bunten Signallaternen aufflammen, hörte den Pfiff der Lokomotiven und philosophierte bei seiner Pfeife Rosenblättertabak über Welt und Menschen still vor sich hin. Denn er war ein sinnierlicher Herr.
»Nanu?« fragte er verwundert, als er die Tür geöffnet und den Sohn erkannt hatte. »Nanu, was treibt dich denn her?« Er ließ ihn in die Stube vorangehen und wies auf einen Stuhl am Fenster.
Ferdinand faßte in die Brusttasche und hielt ihm ein paar Zigarren hin. Der Alte schüttelte den Kopf. »Behalt man«, sagte er, »ich rauch’ am liebsten meine Piepe, die Dinger haben ja keine Luft!«
»Aber du hast ja man bloß noch Pollack drinne!«
Ja, die Pfeife war ausgebrannt, gab nur noch Schmirgeltöne von sich. Der Alte zog ein paarmal kräftig, ohne gleich zu antworten. Er ärgerte sich stets, wenn sein Sohn »berlinerte«, denn von Jugend auf hatte er darauf gehalten, daß Ferdinand »ordentlich« spräche – obwohl er, der Alte, sich in der Erregung ebenfalls gehenließ. Aber er war der Sohn eines prinzlichen Leibkutschers, hatte gute Umgangsformen gelernt und hätte es gern gesehen, wenn der Junge einen Beruf ergriffen, der ihn in die Höhe gebracht. »Wenn du bloß beim Militär geblieben wärst, den Zivilversorgungsschein bekommen hättest«, sagte er seufzend.
»Na ja – Vater – ick weeß ja!«
Der Alte hatte nun doch eine Zigarre genommen und sie in der Hand zerbröckelt, während er den Sohn forschend betrachtete. »Wie geht’s dir denn eigentlich?«
»Jott – ick lebe meinen juten Tag! Mir kann keener – ick brauch’ mir nich anranzen zu lassen und strammzustehen – mache, wat ick will!«
»Und was machste dann später–als alter Mann, ohne Pension?«
»Ick pfeif’ uff die paar Jroschen!«
»Ja – jetzt – aber nachher!«
»Denn werd’ ick Totenjräber!«
Der Alte sah ihn mit einem Blick an, in dem die ganze Verdrossenheit lag, die er seit Jahren gegen den widerspenstigen Sohn aufgespeichert hatte – aber er schwieg. Wozu sich den schönen Sonntagabend verderben! Als er dann aber Ferdinand so weltverloren in den Abendhimmel starren sah, durchfuhr ihn plötzlich ein Schreck. »Na, sprich doch, dir is doch was, Nante, haste was ausgefressen, dann sag’s doch!«
»Nee – Vater, mach dir keene Sorge!«
»Denn das würdest du mir doch auch nicht antun?« fragte der Alte, noch immer mißtrauisch.
»Ick mach’ dir keene Schande – also keene Bange – so eener bin ick nu doch nich.«
»Janz richtig kommt mir die Kiste aber nicht vor!«
Ferdinand lachte. »Ick war nur herjekommen, um zu sehen, wie es dir jeht, Vater, nu will ick aber wieder türmen – adje!« Er reichte dem Alten die Hand.
»Adjes, Nante! Du solltest dir ’ne tüchtige Frau nehmen, die tut dir not.«
»Det werde ick ooch – du jlaubst ja nich, wie rasch det jehen kann.«
Er nickte noch einmal zum Abschied und ging davon.
2
Graue Dunstschleier lagerten in der Frühe des nächsten Tages über dem Feld, schwanden aber schnell, als die Sonne höher stieg. Es wurde wieder ein herrlicher Spätsommertag, so wie gestern.
Im Zuckeltrab fuhr Ferdinand auf der Landstraße nach Berlin. Heute war die weite Ebene leer, nur eine Schafherde mit ihrem Hirten in einiger Entfernung zu sehen, und zuweilen klang aus der Gegend der Hasenheide ein Trompetensignal – dort übten Soldaten. Dann und wann ein Lokomotivenpfiff oder das heisere Krächzen einer Krähenschar, die das Peitschenknallen und das Räderrollen des herannahenden Wagens aufgescheucht hatte.
Überall, wohin heute der schöne Ferdinand kam, wunderte man sich, wie eilig er es hatte. Wenn er sonst die Bierfässer in die Gastwirtschaften rollte oder die Achtel- und Vierteltonnen in die Haushaltungen trug, war es immer mit großem Hallo geschehen, und die Dienstmädchen waren nachher noch stundenlang in heller Aufregung gewesen. Heute kniff er sie ja auch in die Backen und bloßen Arme, drückte wohl die eine oder andere an die Lederschürze – aber man merkte, er tat es nur aus Gefälligkeit, ohne selbst ein Vergnügen dabei zu haben.
Nun lenkte er den Wagen um den Belle-Alliance-Platz in die Lindenstraße und hielt vor dem Hause des Töpfermeisters Zibulke. Dieses Haus stammte noch aus der ersten Bebauung der Straße, war zweistöckig mit ehemals rotem, jetzt schwarz gewordenem Ziegeldach, machte aber in seiner schmucklosen Einfachheit einen wohltuenden, gediegenen Eindruck.
Der »olle Zibulke«, wie immer in merkwürdig großkarierten Hosen, stand vor der Haustür und überwachte den Mops seiner angejahrten, etwas verwachsenen Tochter.
»Schon wieder een Achtel?« fragte er verdrießlich, als Ferdinand, das Fäßchen auf der Schulter, mit kaum merkbarem Gruß an ihm vorbeiging.
»Wenn Se nich wollen?« Ferdinand machte kurzerhand kehrt. »Fräulein Aujuste hat bestellt – alle vierzehn Tage soll ick kommen!«
»Wenn meine Tochter det so bestimmt, is’s ooch richtig – also man ’ruff damit!«
Herr Zibulke sah ihm mit kritischen Blicken nach, wie er die weißgescheuerten Treppen nach dem ersten Stock hinaufstieg, wandte sich dann aber wieder der Betrachtung des Mopses zu, der auf dem Rinnsteinbrett vor der Tür stand.
»Wat jlotzte, Mufti? Du fängst im Leben keene Ratte nich! Und wat sollsten ooch mit ’ne Ratte, wo du dein’ Futternapp nich mal leerfrißt!«
Ein Drehorgelspieler kam, von einer Kinderschar gefolgt, in diesem Augenblick aus einem Nachbarhause und wollte an Herrn Zibulke vorbei in den Flur.
»Raus – hier wird nicht jedudelt!« sagte der Alte.
Der Drehorgelspieler zog ergeben weiter, die Kinder aber begannen Herrn Zibulke aus sicherer Entfernung zu beschimpfen:
»Olle Töpperschürze! Jeizkragen!«
Er tat, als hörte er nichts. Da begann die Rotte zu singen:
»Aujuste Zibulke kriejt keenen Mann,
Drum schafft sie beizeiten ’nen Mops sich an,
Da freut sich der Olle und is vajniejt,
Weil er so billig ’nen Schwiegersohn kriejt!«
Herr Zibulke machte unwillkürlich eine Bewegung, als wolle er seine Holzpantinen abziehen und in die Schar schleudern. Doch er überlegte es sich. Schon einmal war ihm auf diese Weise ein Pantoffel abhanden gekommen, weil er nicht getroffen und einer der Jungen das Ding aufgehoben hatte und damit geflüchtet war. So hielt er es für das beste, dem Hunde zu pfeifen und in die Wohnung zu gehen.
Herr Zibulke hatte, weil sie zu viel Lärm machten, die neuen schweren Pantinen auf der Treppe ausgezogen und war in Strümpfen hinaufgegangen. Als er jetzt die nur angelehnte Korridortür aufmachte, sah er, wie Liese, das Dienstmädchen, erschrocken von der Küchentür zurückprallte.
»Nanu, du kiekst woll durchs Schlüsselloch, wat jibt’s denn da drinne so Scheenet – wat?«
»Fräulein Juste hat mir ’rausjeschickt, als der scheene Ferdinand kam!«
»Na – laß doch die beeden, da sollste eben nich bei sind. Wart, ick werd’ dir! Wirste jetz jleich den Mülleimer ’runtertragen!«
Und als das Mädchen verschwunden war, klinkte Herr Zibulke die Tür auf und trat in die Küche.
Fräulein Auguste hatte einen Taler in der Hand, den sie jetzt, als sie ihren Vater erblickte, in die Schürzentasche zu stecken suchte. Sie war aber zu aufgeregt, das Geldstück entfiel ihr, rollte durch die Küche, gerade auf Ferdinand zu. Er trat mit dem Fuß darauf, hob es aber nicht auf.
Herr Zibulke bückte sich schnell und nahm den Taler. »Na – det dauert ja heite hier so lange? Wa’m jeht ihr denn nich in die gute Stube, wenn ihr euch so wat Wichtiges zu sagen habt, det Liese ans Schlüsselloch horcht!«
Ferdinand sah ihn pfiffig an: »Wir hatten janischt Wichtiges. Fräulein Aujuste wollte mir nur ’nen Taler Trinkjeld jeben – ick mach’ mir aber nischt aus ’n Taler Trinkjeld!«
»Sondern?« sagte Herr Zibulke. Und als Ferdinand nur die Achseln zuckte, setzte er hinzu: »Aber aus tausend – wat?« Ferdinand lachte laut auf. »Und wenn Sie fufzigtausend sagen, wird’s mir noch nich heiß!«
»Aber bei hunderttausend, wat?«
»Det käme druff an!«
»So? Ja – da werden die jungen Männer schwach! Kenn’ ick, weeß ick! Da bekommen se jleich Jefühle! Sagen Se mal, wie is denn, woll’n Se nich nächsten Donnerstag ’ne scheene Landpartie mitmachen – per Kremser, wat?«
Ferdinand hatte nicht nein, aber auch nicht ja gesagt, nur nach Fräulein Auguste geblickt – ein Blick, der sie von oben bis unten erfaßte, unter dem sie sich förmlich wand.
Nun war er auf der Rückfahrt. An einem der Chausseebäume auf dem Tempelhofer Feld saß eine merkwürdige Gestalt, ein noch junger Mensch, bekleidet mit Manchesterhosen, schwarzem Rock und großem Schlapphut. Um den Hals hatte er ein rotes Tuch geschlungen, in der Hand hielt er eine Schnapsflasche. Er saß da und sang:
»Kommen Se ’rin, kommen Se ’rin, kommen Se ’rin,
Kommen Se ’rin in die jute Stube ...«
Ferdinand hielt den Wagen an: »Timpe – Anton Timpe, du hast woll blauen Montag jemacht?«
Der Mensch erhob sich schwerfällig, starrte den Bierfahrer ein Weilchen an und sagte: »Ick kenne dir – du bist der scheene Ferdinand! Mein Name is Anton Timpe. Steinmetz Anton Timpe – ein Künstlerer aus die Möckernstraße – Jrabkreuze – Todesengel – jeborstene Säulen.«
»Jawoll – det weeß ick! Und wenn du deine Kusine siehst – Röschen Schmidt –, denn sage ihr man: Der scheene Ferdinand hat ’ne andere.«
Aber der »Künstlerer« Anton Timpe betrachtete diese Mitteilung nur als Aufforderung zum Singen. Er nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche und hob dann mit lauter Stimme an:
»Herr Schmidt, Herr Schmidt –
Wat bringt det Rösken mit?
’n Schleier und ’n Federhut –
Der steht dem Rösken jar zu jut ...«
Und schwankend setzte er sich in Bewegung und torkelte über das von der Sonne durchglühte Feld. Ferdinand schnalzte mit der Zunge und zog die Zügel an. Die beiden wohlgenährten Braunen setzten sich, schon längst ungeduldig durch die umschwärmenden Bremsen, sofort in Gang, und als sich Ferdinand dann noch einmal umsah, war Anton Timpe mit seiner Schnapsflasche am Horizont verschwunden.
Am Abend aber kletterte Ferdinand durch den lockeren, weißen Sand zum Kreuzberg hinauf und ließ sich neben dem Denkmal des Freiheitshelden nieder. Weltabgeschieden und einsam saß er da und starrte auf das bunte Durcheinander der Dächer.
Ein letzter Sonnenglanz lag über der großen Stadt, aus allen Schornsteinen kringelte blauer oder grauer Rauch. In weiter Ferne leuchtete die goldene Gestalt auf der Siegessäule, Ferdinand erkannte auch die grüne Kuppel des Schlosses, den Turm der Jerusalemer Kirche, in der er eingesegnet worden war – und plötzlich legte er den Kopf an das eiserne Gitter, schluckte und würgte, wischte sich mit dem Handrücken die naßgewordenen Augen und sagte halblaut: »Ja, ja – Ri-Ra-Rösiken – alles is futsch.« Als er sich wieder aufrichtete, war die Dämmerung völlig hereingebrochen, Berlin lag in schweren, grauen Dunstschleiern, nur das fahle Grün der Bäume aus den Gärten am Fuße des Berges schimmerte noch deutlich erkennbar herauf.
Ferdinands Gesicht hatte alle Weichheit verloren. Er erinnerte sich, wie Mamsell Röschen fortgeblickt, als er am Nachmittag am Küchenfenster vorbeigegangen war.
»Zu arm bin ick ihr – na, denn soll se sehen, det der reiche Vater von eener andern froh is, wenn er mir kriejen kann. Da hab’ ick nu mal wirklich eene jeliebt, und da muß es nu so kommen! Und nu will ick ooch nich mehr, nu renne ick in mein Unjlick und mache beede Oojen zu!«
3
Als der schöne Ferdinand erklärt hatte, daß er am nächsten Donnerstag nicht fahre, weil er etwas »Wichtiges« vorhabe und deshalb den ganzen Tag frei haben müsse, war es in der Brauerei zu einer unerwartet scharfen Auseinandersetzung gekommen. Ferdinand merkte, daß dahinter etwas stecken mußte, daß man etwas gegen ihn hatte – gegen ihn, der doch von jeder Ausfahrt neue Kundschaft brachte.
Gut, dann wollte er es darauf ankommen lassen, ob man ihm wirklich kündigte. Aber ihm war doch etwas unbehaglich, als er nun heute früh statt des weißen Drillichanzuges seinen guten, schwarzen Rock angezogen und statt der Mütze einen harten, runden Hut aufgesetzt hatte. Die Sachen hatten, weil er sie fast nie brauchte, in der Mottenkiste gelegen und rochen nach persischem Insektenpulver – ein Geruch, der Ferdinand immer an Tod und Begräbnis erinnerte, da er die Sachen bisher nur bei solchen traurigen Gelegenheiten getragen hatte.
Und dieser Geruch saß ihm in der Nase und wirkte auf seine Stimmung. Der Rock paßte ihm außerdem nicht mehr, war zu eng geworden und kniff ihn in den Achselhöhlen. Und der Teufel wußte, wie es zuging, aber in diesem Anzug wurde er stets ein tolpatschiger Bursche, der sich selbst ungeschickt vorkam.
All das aber hatte ihn nicht gehindert, sein Vorhaben auszuführen, zu Fuß nach der Lindenstraße zu gehen und die Landpartie mitzumachen.
Eine merkwürdige Gesellschaft, die da, in dem Kremser vereinigt, von den zwei mageren, sehnigen Pferden gezogen, unterwegs nach Pichelsberge war. Herr Zibulke hatte einen »Salz- und Pfeffernen« an und sah mit dem vorgebundenen Chemisett und dem breiten Umlegekragen ganz manierlich aus. Seine Frau aber schien nur aus einem türkischen Umschlagetuch und einem Kapotthut mit Kamillenblüten zu bestehen, denn der Kopf war ihr auf die Brust gesunken – sie schlief, trotz der holperigen Fahrt. Fräulein Auguste war ganz in Weiß mit einer schottisch karierten Schärpe und einem Florentiner mit Vergißmeinnicht. Sie saß neben Ferdinand und lutschte Fruchtbonbons, weil sie den Schlucken bekommen hatte – einen hartnäckigen Schlucken von solcher Heftigkeit, daß sie jeden Augenblick zusammenfuhr. Der Herr neben ihr, ein Onkel oder Vetter – Ferdinand verwechselte die Verwandtschaftsgrade noch –, hatte eine riesige grüne Botanisierbüchse auf den Knien, die ganz mit blauen Pflaumen gefüllt war. Trotzdem ihn seine Frau, bei der sich eine Korsettstange gelöst und durch das »Lila-Seidene« gebohrt hatte, dringend warnte, hörte er nicht auf sie, aß unentwegt Pflaumen und spuckte die Kerne über den Kopf eines kleinen, blonden Mädchens, das sich dann jedesmal sein Haar befühlte und »Aua!« sagte.
Auch die übrigen Personen waren Verwandte, aber Leute, die es nicht so gut verstanden hatten, in der Gründerzeit reich zu werden, wie der »olle Zibulke«, und die nun heute, auf seine Kosten, einen guten Tag leben wollten. Denn das schätzten sie an ihm: Wenn er sie einmal einlud, dann knickerte er mit dem Gelde nicht, so genau er sonst auch mit jedem Pfennig zu rechnen verstand. Freilich, solche Einladung war ein seltenes Ereignis und hatte immer ihren bestimmten Grund – heute konnte man ihn sich denken, wenn man auf den strammen Bierfahrer und Gustchen sah. Verständnisinnige Blicke flogen hin und her. Gewiß, gewiß – einen solchen Schwiegersohn hätte sich jede der Frauen gewünscht, wenn er – was gehabt hätte! Aber er hatte doch nichts! Na, Zibulke konnte es sich ja leisten – wo hätte er denn schließlich auch sein Geld lassen sollen. Es war höchste Zeit, daß Gustchen einen Mann bekam!
Die Männer nuppelten an ihren Zigarren, deren Stummel sie in kleine Weichselrohrspitzen steckten oder auf Streichhölzer spießten, wenn sie sie mit den Fingern nicht mehr halten konnten. Der eine war Schuhmacher, der andere Klempner, ein dritter Glaser – alle selbständige Leute, die es sich leisten konnten, mal einen Tag im Jahr ihr kleines Ladengeschäft zu schließen, um einen Ausflug zu machen.
Und sie sprachen von den Freuden, die ihrer warteten. Man wollte Kahn fahren, schaukeln und nach der Scheibe schießen, man wollte Kaffee kochen, im Walde lagern, das mitgenommene Viertel Bier trinken, das zwischen den Hinterrädern des Kremsers schaukelte. Die Hauptfreude aber galt dem Mittagessen – die Frauen waren froh, daß sie einmal nicht selbst zu kochen brauchten.
»Sie jlooben janich, za Hause esse ick fast nie ordentlich, der Geruch macht mir schon immer satt, wenn ick selber koche«, sagte die Glaserfrau, »aber jehen wir mal ins Lokal, kann ick die Portsjon nich jroß jenug kriegen!«
Doch die Schustersfrau, an die sie sich gewandt, rückte unruhig hin und her und sagte halblaut: »Wenn bloß die Männer nich immer herkiekten – ick möchte mir jerne mein Küh abschnallen, ick kann uff det Ding nich mehr sitzen!«
»Sie haben es sich woll alleene jemacht – na ja! Wenn eener die Mode mitmachen will, muß er ooch schon det Jeld dafor ausjeben. Meins sitzt – is aber ooch een jekooftes!«
Auch zwei junge Mädchen waren noch da, Töchter dieser Mütter, die Fräulein Augustes Schlucken komisch fanden. »Huppla – jetz denkt er an mir«, sagte die eine jedesmal, wenn Auguste zusammenzuckte. »Det wär’ ja ooch noch scheener, wenn er an ’ne andere dächte«, meinte die zweite Kusine und sah Ferdinand lachend an. »Jott – wie könnte ick den Mann lieben, wenn er meiner wäre! So’n Jerippe – die Juste – bloß weil sie Jeld hat! Nee – die Männer taugen allesamt nischt«, flüsterte sie dann der anderen zu.
»Besser wie’n Mops sieht er ja aus, aber meiner müßte schwarz sind. Neulich war een Italjener mit ’nem Leierkasten bei uns uff’n Hof – ick sage dir: Schwarze Locken und Jlutoojen!«
Der weiße Staub, den die Räder und die Pferdehufe aufwühlten, schwebte ständig als Wolke hinter dem Kremser – aber nun kam der Wagen auf die Waldchaussee, man hörte Finkenschmettern und das Hämmern des Spechtes. Im Weggraben blühten blaue Glockenblumen und rote Federnelken, Schmetterlinge taumelten träge dahin, und zuweilen drang eine Welle würzigen Kiefernadelduftes in den Wagen.
Da bekam man sofort Hunger und packte die mitgenommenen Frühstücksvorräte aus: Butterstullen, mit Schweizer Käse oder Schinken belegt, Schrippen, mit Braunschweiger Wurst bestrichen, sogar halbe Zervelat- und Leberwürste kamen zum Vorschein, Karbonaden und harte Eier. So genügsam diese Leute sonst auch lebten, so packten sie doch für Landpartien stets ein, als fürchteten sie, da draußen nicht das geringste zu erhalten. Aus Bierflaschen wurde schwarzer Kaffee getrunken, und die Männer nahmen aus Feldflaschen, die sie in der Rocktasche aufbewahrten, einen Schluck Kümmel.
Die Stimmung, die vorher abgeflaut, war nach dem Essen sofort wieder lebhaft. Frau Zibulke blickte jetzt munterer um sich und zeigte wieder ihren einzigen Vorderzahn – ein langes, gelbes Ding, wie es Bulldoggen besitzen.
»Wozu wir eijentlich so weit fahren!« sagte sie kopfschüttelnd. »Man hat nischt von, is nich ausjeschlafen und muß nu schwarze Lorke trinken, wo man so schön an’n Kaffeetisch sitzen könnte. Jrade, ehe es losjing, kam erst der Milchmann! Der Bäckerjunge war überhaupt noch nich da, und der Frühstücksbeutel mit die Schrippen wird nu den janzen Tag an die Türe bammeln, bis sich die olle Lorenzen oder die Kinder von Kieperts die Semmeln holen. Vielleicht brechen sie ooch in, denn dadran merken die Diebe, det keener nich zu Hause is. Uff det Meechen, die Liese, is ja keen Verlaß nich! Die schließt hinten ab und jeht mit ihrem Jrenadier in die Hasenheide!«
So nöhlte die Alte vor sich hin, ohne daß sich jemand um sie kümmerte. Nur Herr Zibulke sagte: »Kenn’ ick – weeß ick. Nu sei still, Mutter, schlaf weiter, wir wecken dir, wenn’s soweit is.«
»Is dein Schlucken noch nich weg?« erkundigte sie sich dann bei der Tochter. »Du mußt dir uff’n Magen drücken und die Puste anhalten, solange wie’ste kannst!«
»Hab’ ick alles schon jemacht, Mutter!«
»Na – denn weeß ick nich! Denn laß dir von Onkel Fritzen ’ne Prise jeben und niese mal – det hilft immer!«
Als sie aber sah, daß die Tochter gar nicht hinhörte, wickelte sie sich wieder in ihr türkisches Umschlagetuch, der Kamillenblütenhut sank vornüber, sie schlief weiter.
Ferdinand hatte sein Frühstück aus dem Zibulkeschen Vorratskorb bekommen. Immer wieder hatte ihm Gustchen eine fettgestrichene Stulle, ein paar Eier oder Karbonaden hingereicht. In kleinen Endstücken blauer Kaffeetüten hatte sie Salz und Pfeffer, und in einem henkellosen Tassenkopf führte sie sogar Mostrich bei sich. Denn sie liebte alles scharf gewürzt, und als besondere Delikatesse hatte sie deshalb auch ein paar saure Gurken mitgenommen, die ganz zum Schluß vorgeholt und redlich mit ihm geteilt wurden.
Der böse Schlucken hatte sich endlich beruhigt, und als nun die Kusinen zu singen begannen, stimmte sie mit ein:
»Im Wald und auf der Ha–ide –
Da hab’ ich meine Freu–ide –
Ich bin ein Jägersmann ...«
Und singend kam man auf die tiefgelegene Chaussee, die sich am Wasser hinzog, und hielt endlich vor dem großen Gartenlokal.
Dort war es gar nicht so still und einsam, wie man erwartet hatte. Vor der Ausspannung hielten schon mehrere Kremser, und unten, am Wasser, saßen – an zusammengerückten Tischen – ein paar andere Gesellschaften. Berliner, die es sich ebenfalls in der Woche geleistet hatten, hinaus ins Grüne zu fahren. Von der Kegelbahn herüber klang das Rollen der Kugeln und das Krachen der zusammenstürzenden Kegel und gleich darauf immer die Stimme des Jungen: »Jrenadier!« oder »Alle Neine!«
Der Kellner, ein älterer Mann in Hemdsärmeln und mit blauer Latzschürze, näherte sich und sah mit philosophischer Gelassenheit zu, wie die Ankömmlinge im Garten umherirrten. Denn immer, wenn ein Teil der Gesellschaft schon saß, machte dieser oder jener den Vorschlag, noch einen günstigeren Platz zu wählen – so zog man von einem Tisch zum anderen, bis endlich Frau Zibulke erklärte, daß sie nun sitzen bliebe, wo sie sitze, und nicht mehr aufstehe.
»Keen Deibel kriegt mir hier mehr weg, det ihr’s wißt – und damit basta!« sagte sie.
»Na – denn wollen wir man ooch!« stimmte ihr Mann zu. Und so gruppierte man sich um die grüngestrichenen Tische, und der philosophische Kellner holte aus seinem Latz eine zusammengefaltete Speisekarte und überreichte sie Herrn Zibulke, den er sofort als das Haupt der Gesellschaft herausgewittert hatte.
Mit ausgestreckter Hand, sie weit von sich haltend, studierte dieser die Karte. »Also – es jibt Wiener Schnitzel und –«
»Wie teier?« fragte Frau Zibulke.
»Laß man«, sagte er, »also Schnitzel, denn Rührei mit Schinken, denn Jänsebraten – det is allens! Ick bin for Jänsebraten – wenn er jut is, Meester?« fragte er den Kellner. »Wir haben nischt Schlechtes«, sagte der Kellner. »Aber Sie können ooch noch Brathecht kriegen – janz frischen!«
»Man bloß nich – mit die ville Jräten«, sagte Frau Zibulke, »kaum hat man wat innen Mund jesteckt, denn muß man’s wieder ’rausholen. Denn schon liebers Jänsebraten – wenn’s wahrscheinlich ooch det Teierste uff die janze Karte is!«
»Scheen – also Jänsebraten«, sagte der philosophische Kellner, »eenmal, zweemal oder wie ville? Also for alle Herrschaften – det kleene Fräulein da ooch ’ne janze Portsjon? – ick frage man bloß zur Sicherheit. Wünscht eener der Herren den Teil mit’n Stietz – denn det jibt Liebhaber dafor.«
Ja – Herr Zibulke selbst war Liebhaber des Schwanzstückes. »Mir schadet keen Fett nich«, sagte er, »andere kriegen jleich immer Jrieben ins Gesicht – ick nich. Bloß ’n juten Konjack muß ick nachher haben!«
4
Es war Spätnachmittag geworden, als die Gesellschaft aus dem Walde zurückkehrte. Man hatte sich dort gelagert, nachdem man Blindekuh und Schwarzen Mann gespielt und müde geworden war. Die meisten hatten verschlafene Gesichter und freuten sich jetzt auf den Kaffee, den die Glasersfrau gekocht hatte. »Extra stark – beinah’ zwei Lot auf jede Kanne«, sagte sie.
Altdeutscher Napfkuchen und Streuselkuchen kam aus den Vorratskörben zum Vorschein, die jungen Mädchen gingen umher und legten zu jeder Tasse ein Stück.
Da sagte plötzlich Frau Zibulke: »Jottedoch, wo is denn Justchen?«
Alle sahen sich an – die Männer schmunzelten, die Frauen drehten sich seitwärts und lachten, und die jungen Mädchen kicherten. »Na – wat habt ihr euch denn so – wat is denn los? Is etwa bei’t Kahnfahren wat passiert?«
»Det nu jrade nich – abers ...«
»Na, wo is sie denn?« fragte Frau Zibulke nun ganz ärgerlich. »Vater – wo is unse Juste – da stehste nu und plinkerst mit die Oojen – wat soll det? Is doch keene Art nich, det Meechen so alleene ’rumrennen zu lassen! Weeß doch jeder, wat sich schickt – Frau Lindemann, wat haben Se denn?«
»Mein Jott«, sagte die Glasersfrau, »nu kriege ick’s, wo ick die einzigste war, die wat jetan hat, während ihr im Walde jepennt habt. Reene Zufall war’s, det ick vorhin jesehen habe, wie die Juste mit den scheenen Ferdinand da drüben langjejangen is – mang die Kuscheln! So, na nu machen Se sich ’n Versch druff, Frau Zibulke!«
»Da kommen sie ja ooch«, sagte Onkel Fritz, der Klempner, »nu kiekt nich alle so hin, und bringt sie nich in Verlegenheit – wir sind ja alle mal jung jewesen – wat, Olle?« Und er gab seiner Frau einen liebevollen Puff.
»Det sag’ ick ooch«, sagte Herr Zibulke, »setzen wir uns, trinken wir jetz Kaffee, und nachher werde ick mir mal den jungen Mann ’n bißken abseits nehmen und ’n Wörtchen mit ihm sprechen. Ick bin ja selber neujierig, wat er mit meine Tochter so janz alleene zu bereden jehabt hat. Also – trinken wir Kaffee.«
Und diese Aufforderung wurde in einem Tone gesagt, daß alle augenblicklich folgten. Man war so eifrig um den Tisch herum beschäftigt, daß niemand das näher kommende Paar beachtete, nur das kleine Mädchen mit dem offenen Haar starrte das glühende Gesicht Gustchens an – unverwandt, unverwandt. Und dann sagte es plötzlich bedauernd: »Ach Jott – in det scheene weiße Kleid lauter Jrasflecke – na, aber Justchen, konntest du dir nich ’n bißken vorsehen?« Da kreischten alle auf vor Lachen, wollten ersticken vor Lachen, konnten sich kaum beruhigen.
Bei einbrechender Dunkelheit trat man die Heimfahrt an. Die Stocklaternen brannten, die Lichter in den schaukelnden Lampions an der Kremserdecke wurden angezündet, und die Pferde zogen an, langsam ging es hinauf auf die Chaussee – dann, als der Wagen gleichmäßig dahinratterte, begann man zu singen:
»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...«
Aber der Schuhmacher, der den ganzen Tag über schweigsam gewesen war und jetzt erst auftaute, meinte: »Det paßt nich – singen wir’n Lied, wo sich jeder wat bei denken kann. Ick schlage vor: Mit’n Pfeil un Bojen ...«
Und jubelnd fielen alle ein und starrten dabei in die dunkle Ecke, wo Ferdinand und Gustchen saßen, während sie herausfordernd sangen:
Ȇber Berg und Tal
Kommt der Schütz jezogen,
Früh im Sonnenstrahl ...«
Gustchen schmiegte sich, jetzt ganz ungeniert gegen alle Beobachtung, nur noch enger an Ferdinand, er aber, der nach der Unterredung mit Herrn Zibulke kräftig getrunken hatte, saß steif und aufrecht da – in seinem Gesicht war angestrengtes Grübeln, als suche er zu erfassen, was heute eigentlich geschehen.
Der Mond schien durch die Kiefernwipfel, und die Fledermäuse huschten um den Wagen – da wurde die Gesellschaft müde, und einer nach dem anderen nickte ein. Nur Herr Zibulke nicht – er saß vorn auf dem Kutscherbock, kratzte sich die Backe und murmelte zuweilen etwas vor sich hin, als überlege und rechne er.
Aber dann ratterte der Wagen plötzlich auf hartes Pflaster hinauf, und Charlottenburg kam in Sicht. Bald darauf war man in Berlin angelangt.
5
Ein langer Plankenzaun, grün geworden von Wind und Wetter. Dahinter hohe Holzstapel, schwarze Berge von Steinkohle und Torf. Über der Einfahrt ein ehemals weißes Schild, geschmückt mit einem Paar gekreuzter Hämmerchen, in der Mitte die Inschrift: »Holz- und Kohlenhandlung von Karl Schmidt«, kaum noch leserlich. Ein von pulverisierter Kohle schwarzgefärbter Weg führte von der Möckernstraße zu einem ausrangierten Güterwagen ohne Räder, über dessen Tür das Wort »Comptoir« stand. Die Fensterchen waren mit kleinen Gardinen verhängt und vor jedem ein grüner Kasten angebracht, in dem Fuchsien, Oleanderableger in Bierflaschen und Heliotroptöpfe standen.
Kam man im Winter in diesen Raum, so prallte man zurück vor der übergroßen Hitze, die darin herrschte, aber auch heute – an diesem schönen Herbstnachmittag mit goldenem Sonnenschein – war das »Comptoir« schon geheizt, denn der alte Herr Schmidt liebte die Wärme. Er saß in einem hohen Lehnstuhl vor seinem Rollpult, die Stahlbrille, deren Bügel tief ins Fleisch schnitten, auf der Nase und blätterte in seinen Kundenbüchern. Vor ihm, am Fensterchen, hüpfte in einem Holzbauer trillernd ein Kanarienvogel. Zu Füßen des Alten lag ein gelber, struppiger Hund, der jähzornig nach den großen, blauen Fliegen schnappte, die ihn umsummten, dann aber seine Aufmerksamkeit gleich wieder auf die Tauben richtete, die nickend und pickend auf dem freien Platz vor dem Eingang der Bude stolzierten. Da – plötzlich erhob sich der Schwarm mit knatterndem Flügelschlag und ließ sich dann in weitem Rundbogen auf dem schwarz gewordenen, schrägen Ziegeldach des nahen Wohnhauses nieder. Gleich darauf erhob sich auch der Hund, dehnte und streckte sich und trottete hinaus.
Herr Schmidt blickte erwartungsvoll über die Brillengläser, dann, als er die Eintretende erkannte, nahm er das Stahlgestell von der Nase und schob es äußerst behutsam in ein Pappfutteral. »Na« – sagte er – »Röschen, du? Wat bringste Schönes? Haste denn heute schon wieder Ausjang?«
»Aber Vater, haste denn Mutters Todestag janz verjessen? Wir müssen doch uff’n Kirchhof!«
»Ach Jott«, sagte der Alte und zwickte seine Nase, »muß ick da wirklich mit? Det Jrab is doch in schönster Ordnung, wird bejossen und jeharkt, Blumen jehen nich mehr druff, so ville sind oben – können wir da nich ooch an Muttern denken, ohne bis nach die Bellejanzstraße zu loofen? Seh mal, es kommen immerfort Kunden, morgen wird’s bitterkalt sind – die Leute wollen Feuerung for’n Winter haben –, ick kann da nich so weg, wie du denkst!«
»Vater, det wäre doch’s erstemal«, sagte Röschen vorwurfsvoll, »Mutter wartet!«
»Meenste wirklich? Seh mal, wenn sie wartet, denn is sie schon eklig, det weeß ick noch von ihre Lebzeit her – jeh man alleene, dir tut sie nischt, und sag, ick lass’ ihr jrüßen!«
Röschen setzte sich neben das Rollpult, schwieg nachdenklich ein Weilchen, hob dann jäh den Kopf und sah den Alten voll an. »Ick jeh’ ja auch alleine, Vater, aber ick habe dir an Mutters Jrab wat sagen wollen ...«
»Det kannste ja ooch hier machen, Röschen – ick weeß ja ooch wat, aber ick jebe nich nach. Nee, ick will nich, det mein eenzigstes Kind wejen so’n Luftikus unjlicklich wird! Der Mann is’s nich wert, det du so an ihn hängst. Und denn, Röschen, so wie du jewachsen bist, und mit det Jeld, wat hier det Jrundstück und det Haus mal bringt, hastet nich nötig, so’n armen Schlucker zu nehmen. Det habe ick dir neulich schon jesagt, und dabei bleibe ick! Du kannst ’ne andere Partie machen – ’n reichen Jastwirtssohn kriegen und mit ihm dann ein Lokal uffmachen. Wozu haste denn drei Jahre als Mamsell jelernt? Nee, meine Tochter soll nich unter ihren Stand und noch dazu mit so’n verdammten Schürzenjäger! Wer weeß, wie ville der schon unjlicklich jemacht hat und wie ville Kinder von ihm in die Welt ’rumloofen. Jib dir also keene Mühe, Röschen – ooch an Mutters Jrab hätte ick dir nischt anderes jesagt, in dem Punkt bin ick fest.«
Röschen trocknete sich die nassen Augen. »Vater, eenen andern nehme ick nu wieder nich, da kannste machen, wat du willst – und wenn du mir haust!«
»Ick werd’ dir nich zu hauen haben! Laß man jut sin – een halbet Jahr später, und du denkst janz anders über die Sache, wenn der Richtige kommt und der andere dir aus’n Kopp is. Und nu jeh man bei Muttern, nimm ihr meinswejen eenen von die scheenen Vanilljentöppe mit, die draußen in’n Kasten stehen!«
Röschen erhob sich, schluckte und würgte, reichte aber dem Vater doch die Hand und wollte gerade gehen, als der struppige Köter wieder kläffend aufsprang und hinauseilte.
Jemand sprach mit dem Hund, der auch sofort ruhig wurde und gleich darauf freudig erregt ins Comptoir stürzte, als wollte er die anderen rufen.
»Det is Timpe«, sagte Herr Schmidt, »ick erkenn’ ihn an die Stimme. Wat is det for’n reizender Mensch, wenn er nüchtern is, aber er kommt um sein Quartal nich ’rum – ’n rechtes Unjlick is det!«
»Scht!« machte Röschen.
Da trat Anton Timpe auch schon über die Schwelle. Auch heute, wie neulich auf dem Tempelhofer Feld, trug er den Schlapphut und die Manchesterhosen, aber statt des Rockes eine Jacke. Der Hals war frei, das Hemd vorn von einem gelb gewordenen Hornknöpfchen zusammengehalten, und auf der Weste baumelte eine dicke Messinguhrkette mit einem Eberzahn als Anhängsel.
Als er Röschen sah, stutzte er. »Na – ooch schon Feierabend jemacht?« fragte er und sah die Kusine prüfend an.
»Is denn schon so spät?« fragte sie. »Denn muß ick aber machen, sonst is der Kirchhof zu, wenn ick hinkomme.«
»Sie looft immer weg, wenn sie mir sieht«, sagte Anton, »ooch jetz noch, bloß weil ick mal ’ne Bemerkung über den Kerl jemacht habe!«
»Kerl – wen nennste Kerl?« sagte sie drohend.
Anton zuckte die Achseln. »Kerl nenne ick eenen, der heute ’n junget, hübsches Meechen ewije Lieb’ und Treue verspricht und morgen hinjeht und sich mit ’n schiefes Jerippe inläßt, bloß weil sie ’n paar tausend Taler mehr hat!«
Röschen starrte ihn an, ohne ihn zu verstehen.
»Na – du weeßt woll noch von janischt, denn laß dir’s von andere erzählen. Aber tröste dir, du bist nich die eenzige, die ihm nachweent, von Tivoli bis an die Jerusalemer Kirche sitzen welch mit sonne jeschwollene Oojen wie du – bloß die schiefe Aujuste lacht sich eens! Na, bei die kommt’s später nach, und denn werden die andern lachen!«
»Det heeßt also?« fragte Herr Schmidt und sah seinen Neffen erwartungsvoll an. »Nee, nu ’raus mit die Maus, Anton, nu will ick wissen, wat los is!«
»Ach – weiter nischt«, sagte Anton, sich an ihn wendend, »der scheene Ferdinand feiert bloß heite Verlobung mit die Tochter von dem reichen Töpper Zibulke aus die Lindenstraße. Es jeht mächtig fix, ooch die Hochzeit soll bald sind, damit er nich wieder auskneift, denn zu trauen is dem ja nich!«
»Det is erlogen und erstunken!« sagte Röschen. Ihr sonst so blühendes Gesicht war aschfahl geworden.
Anton sah verlegen weg. »Ick dachte, du weeßt’s schon, aber du scheinst nich die jeringste Ahnung jehabt zu haben – det tut mir nu leid!«
»Et is sehr jut so«, sagte der alte Schmidt, »lieber dem Hunde den Schwanz jleich uff eenmal abhacken als stückweise! Na – also, Röschen, wat habe ick dir vorhin jesagt? Nu weene nich, sei standhaft, der Kerl is deiner ja nich wert jewesen. Jeh jetzt bei Muttern uff’n Kirchhof, bejieß ihr scheene und verjiß den Vanilljentopp nich! Oder willste nu lieber hier bleiben – wat det Gescheiteste wär’?«
Aber Röschen schüttelte den Kopf und wandte sich zur Tür. Sie weinte nicht mehr, doch ihr Gesicht war starr, die Züge hart und scharf geworden. So ging sie hinaus, und die beiden Männer sahen ihr mitleidig nach.
»Schade«, sagte Anton.
»Wat is schade?« fragte Herr Schmidt.
»Det sie mir nich so liebt«, sagte Timpe, »ick hätte ihr mit ausjestreckte Hände durchs Leben jetragen!«
»Wat sie davon schon jehabt hätte!«
Anton beachtete den Einwurf nicht. »’n Künstlerer is doch wat anderes als so’n Bierfahrer, det steht in die Bibel!«
»Wenn du die Stelle findest, jeb’ ick dir ’n Taler«, sagte Herr Schmidt.
»Et kommt allens uff die rieht’je Auslejung an, hat meine Mutter immer jesagt!«
»Ick schenk’ dir den Taler ooch so«, sagte Herr Schmidt, »denn wenn det wirklich wahr is mit den scheenen Ferdinand, bin ick ’n jut Teil Sorge los!« Er faßte in das Drahtkörbchen vor sich auf dem Rollpult, in dem das Silbergeld lag, und reichte Anton das Geldstück hin.
»Nee, Onkel, lieber nich«, sagte Anton. »Jeld macht mir bloß unjlücklich, ick will dann immer sparen, und det is noch nie nich wat jeworden. Wenn eener jute Vorsätze faßt, is det schon immer een schlechtes Zeichen, denn man bleibt ja doch stets derselbichte. Wozu soll ick mir da ’ne Reue uffpacken, die ick janich nötij jehabt, wenn ick keene juten Vorsätze jefaßt hätte!«
»Wie du willst«, sagte Herr Schmidt und warf den Taler wieder in das Körbchen.
»Oder jib mir den Taler doch«, sagte Anton
»Warum?«
»Mir is eben ’ne jute Idee jekommen!«
»Da«, sagte Herr Schmidt und reichte ihm den Taler wieder hin.
Anton steckte ihn in die Hosentasche und sagte: »Wenn’s ’n Hecktaler wäre, fänd’ er da drinne scheenen Platz for seine Jungen, aber zum Hecken jehören immer zwee!«
Herr Schmidt sah ihn verdutzt an, dann schob er plötzlich das Geldkörbchen zurück und ließ den Deckel des Rollpults herunter. »So«, sagte er, »zerbrech dir nich den Kopf, Anton, et is keen Hecktaler nich.«
»Desto besser – denn braucht er ooch nich lange jewärmt zu werden – aber wat ick sagen wollte, Onkel – meinste nich, det man for Röschen wat tun müßte, det sie bald wieder uff andere Jedanken kommt?«
»Und det wäre?«
»Ick dachte an die Hasenheide!«
»Dachste?«
»Ick zum Bleistift kann mir manchmal so unjlücklich fühlen, det ick mir am liebsten den Kopp alleene abhacken möchte, wenn ick denn abers ’n Brilljantfeierwerk jesehen habe, fühle ick mir jleich wieder jehoben. Det wäre wat for Röschen.«
»Ick bin lange nich dajewesen«, sagte Herr Schmidt.
»Du wirst staunen«, sagte Anton, »wie sich det da verändert hat. Da is ’n Eisbär zu sehen, der zehn Matrosen jefressen hat, eh’ sie ihn jefangen haben. Und ’ne Seejungfrau – obenrum wie so’n richt’jes Meechen, aber unten hat se ’n Fischschwanz.«
»Det interessiert mir schon mehr, kann man denn da aber mit seine Tochter hinjehn?«
»Et is for Herren und for Damen«, sagte Anton eifrig, »außadem is sie ja aber in nasses Seejras jewickelt, und wenn sie ufftaucht, is es man immer bloß for’n Oojenblick wie bei die Seeotter im Zapperlotschen – ’ruff– ’runter, ’ruff– ’runter!«
»Warum? Da hat man doch nischt von!«
»Sie kann det Tageslicht nich vertragen, denn sie lebt doch sonst uff’n Meeresjrund. Wenn sie ’mal stillhält, wirste ja sehen, wie sie immerfort mit die Oojen plinkern muß.«
»So hängt det also zusammen«, sagte Herr Schmidt, »ja – ick wär’ schon dafor, wenn man Röschen wollte.«
»Wenn du’s ihr sagst, wird se schon wollen. Sie brauch’ ja nich zu wissen, det ick ooch bei bin. Wir treffen uns da so zufällij.«
»Na – wollen mal sehen, wenn sie nächstens wieder Ausjang hat, ick sage dir dann noch Bescheid!«
»Scheen, Onkel!«
»Aber«, sagte Herr Schmidt, »mach dir lieber keene jroßen Hoffnungen von wejen! Du weeßt doch nu, wie sie sich ihren Zukünftigen vorstellt – und du siehst jrade entjejenjesetzt aus.«
6
Das Wetter war warm und klar geblieben, aber der Wind, der heute wehte, wirbelte den Staub wie Puder auf, und die Menschenmassen, die am Nachmittag die Wanderung nach der Hasenheide angetreten hatten, zogen in einer grauen Wolke dahin, die ihren Niederschlag auf Hüten, Kragen und Gesichtern zurückließ.
Zu beiden Seiten der Straße die Buden der Händler mit Apfelsinen, sauren Gurken, Pfefferkuchen und Salzbrezeln, Selterswasser- und Wurstverkäufer, Karussell neben Karussell, in jedem riesige Leierkästen, deren Melodien sich vermischten. Dann das Dröhnen der niedersausenden Hämmer auf die Kraftmesser, das Kreischen der Schaukelnden und das Ausrufen phantastisch aussehender Männer vor den Wachsfigurenkabinetten, dazwischen aus den Biergärten das Schmettern der Kapellen – alles zusammen ein ungeheurer Wirrwarr und Höllenspektakel. Soldaten zogen mit ihren Dienstmädchen dahin, Familien in breiter Reihe, fest aneinander geklammert, damit sie sich nicht verlören; Droschken und Kremser ratterten auf dem Fahrdamm träge vorüber, hinter Zäunen sah man die als Wohnungen eingerichteten Wagen mit kleinen Fensterchen, in denen das fahrende Volk, die Athleten, Trikotdamen und Seiltänzer gekommen waren, die den Fotografen, Schieß- und Würfelbudenbesitzern Konkurrenz machen wollten.
In diesem Trubel irrte Anton Timpe seit den frühen Nachmittagsstunden umher. Er hatte sich fein gemacht, trug zu grauen, gesprenkelten Beinkleidern einen schwarzen Rock mit langen Schößen und einen neuen Schlapphut. Das Vorhemdchen quoll ihm zuweilen aus der tief ausgeschnittenen Weste, aber darüber hing, sorgfältig gebunden, ein roter Künstlerschlips wie ein farbensprühender Schmetterling. Auch die Manschetten machten ihm zu schaffen, drohten immerfort über die Hände hinwegzurutschen und hatten durch das ewige Hinaufschieben schon etwas an Stärkeglanz eingebüßt.
Er sah nach der Uhr. Nein, die Zeit wollte nicht vergehen, mindestens eine Stunde konnte es noch dauern, ehe Herr Schmidt und Röschen kamen. Was sollte er nun anfangen – er mußte mit seinem Taler sparsam umgehen, wenn er den ganzen Abend noch damit auskommen wollte, denn die Wochenlöhnung mochte er nicht anreißen.
Schließlich blieb er wieder vor einer Bude stehen, in der ein boxendes Känguruh zu sehen sein sollte. »Meine Herrschaften«, sagte die Dame vor dem Perlenbehang, der den Eingang verdeckte, »meine Herrschaften, Sie jlooben, det is allens man bloß Dressur! Aber machen Sie mal erst so’n wildet Biest zahm, und denn dressieren Sie’s, bis et wieder ticksch wird und boxt!«
»Det Ruhkängkäng is ja Ihr Oller aus die Nostizstraße«, sagte jemand aus dem Publikum.
»Denn jehen Sie weg, det er Ihnen nich uff den Deez haut«, sagte die Dame, ohne die Fassung zu verlieren. »Die Vorstellung bejinnt. Noch is Zeit – een Jroschen kostet det Entree!«
Obwohl also das boxende Känguruh aus der Nostizstraße sehr verlockend war, wollte Anton doch noch seinen Groschen für etwas Besseres anlegen und wandte sich deshalb nach dem »Kolosseum«, das einen äußerst geheimnisvollen Eindruck durch die bunten Bilder machte, die den Eingang zierten. Er trat nach einigem Zögern ein, fand aber zu seiner Überraschung, daß er der einzige Besucher war. Gespannt blickte er nacheinander durch die Gucklöcher in der Wand – sah den feuerspeienden Vesuv, die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus und St. Georg, wie er den Drachen erschlug –, war aber trotz alledem etwas enttäuscht und sagte das auch der Dame mit dem Umschlagetuch, die ihn in das »Kolosseum« gelassen hatte.
Sie sah ihn kühl an und meinte, wenn ihm der feuerspeiende Vesuv nicht genüge, könnte er ja noch ins Extrakabinett gehen – »kostet aber extra eenen Jroschen«!
»Von wejen Extrakabinett?«
»So is’s, mein Herr!«
»Sind da ooch bloß wieder Jucklöcher?«
»Et is wat for ’s Jefühl, mein Herr, Sie werden es nicht bereuen.«
Mißtrauisch zahlte er und trat in das Extrakabinett. Auf einem Podium saß ein alter, gemütlicher Mann, der ihm freundlich winkte, näher heranzukommen. »Keene Bange nich« – und als Anton vor ihm stand, fuhr er ihm liebevoll mit dem Zeigefinger über die Nase. Es knatterte – ein paar elektrische Fünkchen sprangen, und Anton fuhr unwillkürlich zurück.
»So – junger Mann, da haben Se wat for ’s Jefühl«, sagte der gemütliche Mann auf dem Stuhl, »wenn Se wollen, können Se det Verjniegen jratis noch mal haben.«
Aber Anton wollte nicht, verließ das »Kolosseum« und sagte denen, die draußen standen und mit dem Eintritt noch zögerten, daß es da »drinnen janz jroßartig« sei.
Und jetzt wollte er wirklich etwas fürs Gefühl haben, aber wo – wo fand er etwas in diesen vielen Buden, in diesem Wirrwarr und Lärm? Er blieb vor einem »Abnormitätenkabinett« stehen, in dem das »zweiköpfige Lieschen« zu sehen war, wollte auch gerade schon hinein, als ein enttäuschter Besucher das Kabinett verließ und schimpfend erzählte, daß dieses zweiköpfige Lieschen nur ein ausgestopftes Kalb sei.
»Denn nich«, sagte Anton und wandte sich ab, um zuzuhören, was der Rekommandeur vor der nächsten Bude ausschrie. In seinem Salon, behauptete der Herr mit dem verbeulten Zylinder, könne man sitzen und brauche nicht zu stehen, auch seien verschiedene Herrschaften schon drinnen. Endlich begriff Anton: »Der vornehmste Schauakt der Residenz«, der hier zu sehen war, bestand in der Vorführung dressierter Flöhe.
»Flöhe – wat hab’ ick von Flöhe«, sagte Anton, »denn jeh’ ick doch liebers in’t Affentheater!«
»Da jehören Sie ooch hin!« rief ihm der Rekommandeur zu.
»Ja – wenn ick Ihn’n an die Strippe vorführen könnte«, bemerkte Anton, hielt es aber für geraten, weiterzugehen, um den Ausrufer nicht noch wütender zu machen. An einem Zaun in der Nähe eines Wursthändlers stiegen in Glaszylindern zwei kartesianische Taucher auf und nieder. Soldaten und Dienstmädchen standen davor, sahen diesem Auf- und Niedertauchen ein Weilchen zu und zogen dann nach Zahlung eines Groschens einen Umschlag aus einem Kasten.
In jeder Hülle steckte eine Fotografie – die männlichen Käufer hatten das Bild eines jungen Mädchens, die weiblichen das eines Soldaten gezogen und wußten nun, wie ihre zukünftige Ehehälfte aussehen würde.
Anton verzichtete auf diesen »Blick in die Zukunft«, denn wie seine Zukünftige aussehen würde, wußte er ja. Es war auch Zeit geworden, daß er die »Neue Welt« aufsuchte, wo er sich mit Herrn Schmidt und Röschen treffen wollte, fand sie auch endlich, nachdem er das Gartenlokal nach allen Richtungen durchstreift hatte.
»Wir hätten lieber nach dem Türmchen jehen sollen«, sagte Herr Schmidt, »et is hier zu ville Radau – dort hätten wir ooch ins Jrüne sitzen können und einen Tisch für uns janz alleene jehabt!«
Verstimmt sah er auf die laute Gesellschaft, die der Kellner durch Heranrücken von ein paar anderen Tischen bei ihm untergebracht hatte.
»Laß man«, sagte Anton, »die jraulen wir weg!«
Röschen aber schüttelte den Kopf. »Keen’ Krach nich, Anton, bloß nich! Wenn Vater sich mal uffjerappelt hat und mitjekommen is, soll er ooch wat von haben, aber keen’ Ärger!«
Herr Schmidt nickte. »Nee – keen’ Krach nich! Mir wär’s ja lieber jewesen, wenn ich zu Hause jeblieben wäre – wie scheen is es da sonntags um diese Zeit, wenn der Holzplatz so still daliegt, man bloß die Hühner piepen und die Spatzen, die Holzkloben in die Sonne schmoren und det Harz riecht! Ick bin eben an so ville Menschen nich mehr jewöhnt, und det Jedrängele um die Buden kann ick erst recht nich mehr vertragen. Jeh du man nachher mit Röschen alleene und zeije ihr wat – destawejen sind wir ja herjekommen!«
Aber Röschen, an die er sich wandte, antwortete nicht, sah mit starren Augen auf ein Paar, das sich dem Tische näherte und für das eben von der anderen Gesellschaft durch Zusammenrücken der Stühle Platz gemacht wurde.
»Dunnerwettsteen – det durfte nich kommen«, sagte Anton, »nu is’ Essig!« Und dann, zu Herrn Schmidt gewandt, setzte er halblaut hinzu: »Det is der sojenannte scheene Ferdinand mit seine Juste, die da jekommen sind – und dahinter, det is der Töpper Zibulke mit seine Olle. Na, und die hier, det is wohl die übrige Verwandtschaft – wat machen wir denn nu? Wir können doch nich zusammen an een’ Tisch sitzen!«
Beide sahen zu Röschen hin, die noch immer wie entgeistert Ferdinand anblickte. Der hatte unwillkürlich Gustchen, die an seinem Arm gehangen, losgelassen, hatte einen Schritt auf Röschen zugemacht, aber in demselben Augenblick hatte Gustchen, die wohl den Zusammenhang ahnte, seinen Arm wieder gepackt und ihm zugezischt: »Hier bleibste, verstehste!«
Es konnte keinen größeren Gegensatz geben als diese beiden Mädchen: hier das stattliche, hübsche Röschen mit den Blauaugen und dem Blondhaar, dort die schwarze, verwachsene Auguste mit dem gelben Zigeunergesicht. Nie zuvor mußte Ferdinand so stark gespürt haben, was er verloren hatte. Doch schon hatte man ihn und seine Braut auf die frei gemachten Stühle gezogen, saß er eingekeilt in der Gesellschaft, war der entscheidende Augenblick vorüber.
»Kellner, kommen Se mal erst hierher, wir wollen zahlen!« rief Herr Schmidt. Und da er schon aufgestanden war und der Kellner nicht gleich kam, warf er das Geld auf den Tisch und wandte sich mit Röschen und Anton zum Gehen.
»Na, Rösken, det hat nu jrade noch jefehlt, det dir der Mensch noch mal übern Weg loofen mußte«, sagte er vor dem Eingang, als sich die drei endlich durch das Gewühl des Gartens gewunden hatten. »Nu haben wir woll allesamt for heute jenug? Wollen ’ne Droschke nehmen und za Hause fahren – uff die Seejungfrau und den andern Klimbim verzichte ick jerne for meinen Teil!«
»Scheen, Vater«, sagte Röschen, »fahr man za Hause, wir beede kommen nach. Ick hab’ wat mit Anton zu besprechen – hab’ keene Bange nich, det ick Dummheiten mache. Mit dem da drinne«, sie wies nach dem Garten, »bin ick fertij. Aber nu muß ooch noch anderes in Ordnung jebracht werden – also adje, Vater, wir kommen nach!«
»For mir alleene nehme ick keene Droschke nich«, sagte Herr Schmidt, »wat wollt ihr denn hier noch in die Jejend, kommt man mit!«
Aber Röschen sagte: »Vater, et is jut so, du läßt uns jetz beede alleene, Anton, wink mal den Kutscher da, denn sonst looft Vater den janzen Weg zu Fuß, und det will ick nich!«
»Na, denn nich«, sagte Herr Schmidt verdrießlich. »So’n verhexter Sonntag! Wäre ick bloß za Hause jeblieben!«
Damit stieg er in die vorfahrende Droschke und schimpfte vor sich hin: »Nu ooch noch eene erster Jüte – Anton, du leidest an die Verschwendungssucht for mein Jeld! Also adje, Rösken, mach’s jut und kommt beede verjnügt za Hause. Los, Kutscher, Möckernstraße!«
Röschen nickte Anton zu: »Komm, nu wollen wir jehen, weeßte noch, wo wir als Kinder manchmal jespielt haben, nach die richtije Hasenheide, wo heute keene Menschen sind! Und dann jehen wir nachher übers Feld za Hause.«
Anton sah sie nur forschend an, antwortete aber nicht. Doch ein Weilchen später sagte er: »Haste den Mops jesehen, den der olle Zibulke trug? Det reene Fettkloß, an jedet Been eene Bolle und denn ’rin in die Fanne! Wozu sie sich die Töle jetz noch nachschleppen läßt? Vielleicht soll et der scheene Ferdinand lernen, det er ihn nich zerquetscht!« Sie tat, als hörte sie nicht, was er sagte, sie fühlte ja, daß er ihr auf diese Weise sein Mitgefühl bekunden wollte, ohne zu merken, daß er ihr nur weh tat.
»Haste denn keen’ Hunger?« fragte er. »Da drüben steht eener mit’n Blechkessel! So’n paar heiße Wiener mit Mostrich beschmiert und ’ne Schrippe zu ...«
»Nee, Anton!«
»Aber ’ne Selter würde dir juttun – mit Himbeer! Komm, tu mir doch den Jefallen«, sagte er und steuerte auf ein weißes Handwägelchen zu, das die Aufschrift »Trinkhalle« trug. »Ick spendiere – Jeld habe ick!«
Sie verzog den Mund zu einem Lächeln und sagte: »Scheen, Anton, du willst mir durchaus wat Jutes antun, da will ick’s dir nich abschlagen. Aber denn quäle mir nich weiter, denn meine Jedanken sind janz woanders, bloß nich bei’t Essen und Trinken.«
»Ick jloob’s dir jerne«, sagte Anton, »aber Selter erleichtert – man kann so jut nach uffstoßen. Also komm man!«
»Eenmal ohne, eenmal mit«, sagte er dann an der Trinkhalle, reichte Röschen das Glas mit Himbeer und trank das andere leer. »So, nu noch ’n paar Schaumbrezeln zum Nachessen.« Er erstand ein Bündelchen der kleinen, mürben Brezeln, riß den Faden durch, der sie zusammenhielt und reichte ihr die Hälfte.
Und dann gingen sie, ohne weiter viel zu sprechen, dem Kieferngehölz zu. Ein eigenartiger, melancholischer Reiz lag auf diesem selbst heute ganz einsamen Fleckchen Erde. Ein paar Kinder spielten noch unter den ersten Bäumen, dann erstarb der Lärm des Sonntagstrubels, sie hörten nur noch Finkenschmettern über sich in den Baumkronen. Über Bocksbart und Stechgras, durch weiße Sandtäler und über steil anstrebende Hügelchen suchten sie ihren Weg. Neben struppigem Knieholz standen alte, knorrige Kiefern mit rotglänzenden Stämmen oder weißschimmernden Birken – und plötzlich war dann ein Ausblick auf das Tempelhofer Feld. Da zeigte Röschen auf eine Erdmulde und sagte: »So – Anton, hier wollen wir uns setzen, warte, ick lege mir bloß mein Schnupptuch unter, det mir der Sand nich ooch noch durchs Kleid kommt, denn die Schuhe habe ick voll und muß sie mir auskloppen.«
»Det kann ick ja machen«, sagte er, »zeije her, ick zieh’ sie dir ’runter, und du stellst die Beene so lange uff mein Schnupptuch.«
»Nee, Anton, det besorge ick janz alleene, wenn du dir man ’n bißken umdrehen willst, denn wenn ick ooch keene Löcher in die Strümpfe habe, is et mir doch lieber, wenn keener bei zukiekt. Also, sei so jut! Nich bloß die Finger vor die Oojen halten, sondern wirklich umdrehen.«
Er gehorchte, zündete sich inzwischen eine Zigarre an und wartete, bis sie sagte: »So – det wäre jemacht. Nu setze dir hier neben mir, und höre zu, wat ick dir sagen will.«
»Also – los mit die Liebeserklärung!«
»Anton, du weeßt, wie’s jekommen is. Vater hat nich jewollt und aus Wut hat sich Ferdinand ’ne andere jenommen. Ick kenn ihn zu jut, um nich zu wissen, det er Vatern bloß hat zeigen wollen, det er ooch ’ne janz Reiche kriegen kann. Ob er sich bei unjlücklich macht, is ihm in seine Wut janz ejal jewesen. Vielleicht hat er ooch jejlaubt, Vater würd’ ihm nachloofen oder ick! Die wirkliche Liebe war’s jedenfalls nich von ihm, sonst hätte er jewartet, und wenn’s zehn Jahre jedauert hätte. Na, da verliere ick also nischt, aber mir nu ooch ’n andern nehmen, det kriege ick nich fertig, denn ick habe ihn jeliebt und liebe ihn noch, so schlecht er ooch an mir jehandelt hat!«
Sie weinte laut auf, bekämpfte dann aber das Schluchzen und sagte: »Siehste, Anton, det wollte ick dir sagen, damit du dir nich länger mit jewisse Absichten trägst. Ick weeß, du möchtest mir zu deine Frau haben, aber ick kann nich, nee, ick kann nich! Ick muß immer an den andern denken und werde ihn nie nich verjessen können.
Aber, Anton« – sie wischte sich die Tränen ab und sah ihn an – »wenn du vernünftig sein könntest, denn wäre wenigstens zwischen uns alles jut. Du könntest weiter bei uns wohnen bleiben, und ick könnte for dir ebenso wie for Vatern sorgen. Denn du brauchst jemand, der dir ’n bißken beisteht! Du hast, leider Jottes, ’ne Vorliebe für die blauen Montage und die Schnapspulle, so arbeitsam und ordentlich du auch sonst bist. Wenn du balde eene andere kriegtest, eene, die dir feste an’n Wickel hätte, wär’s det beste for dir – solange du die nich hast, kannste janz außen Leim jehen. Det wollte ick dir heute sagen, damit du dir nich in falsche Hoffnungen die Zeit mit mir verplemperst, sondern dir umsiehst, ob du nich een anderes tüchtiges Meechen findest.«
Sie sah ihn erwartungsvoll an, aber er antwortete nicht, da es ihm zu sehr in der Kehle würgte. Dann suchte er nach seinem Taschentuch, fand es aber nicht.
»Du sitzt druff«, sagte Röschen mitleidig.
Er zog das Tuch vor, schneuzte sich und sagte: »So – nu sind zwee unjlücklich! Na, wenn du’ n Dickkopp hast, hab’ ick ooch meinen. ’ne andere will ick nich, aber ick werde meine Bejierden bejießen wie Wanzen mit Petroljum und denn anzünden. Nie nich mehr werde ick een Wort von Liebe zu dir reden, nie mehr wirste mir dir süß anlächeln sehen. Ins Jejenteil, ick werde mir anstellen, als wennste meine Tante und nich meine Kusine wärst, det verspreche ick dir feierlichst.«
Er reichte ihr die Hand, und sie benutzte diesen Halt, um aufzustehen.
Rotglühend ging die Sonne hinter dem Felde unter, blaue Nebel stiegen empor, die Dunkelheit brach langsam herein. Da wandten sie sich zum Gehen, vorher aber sagte Anton: »Die Stelle hier merke ick mir, hier lass’ ick mir bejraben, wenn ick nächstens an die Auszehrung zujrunde jejangen bin, denn dieses steht mir jetzt bevor. Aber ick hab’s ja jeahnt, immer wenn ick von Fauenfedern träume, jeht’s mir schlecht!«
7
Bei Zibulkes war Polterabend gewesen. Alle Bewohner des Hauses hatten vor der Tür alte Schüsseln und Töpfe zerschmettert und sich durch Kreischen und Rufen kenntlich zu machen versucht, damit »der olle Zibulke« merkte, welcher von seinen Mietern Gustchen das Hochzeitsglück am meisten gönnte.
Frau Zibulke hatte in der guten Stube auf dem Sofa gesessen und auf die Stimmen draußen gelauscht. »Det is die Reimann, die eben wat zerteppert hat und jetz so jauxt – die denkt, du wirst ihr wieder nich steigern, wenn sie ’n ollen Milchtopp ohne Schnauze vor die Türe schmeißt. Aber da chneidet sie sich – die rujeniert ja mehr Jummischeiben ins Jahr, als du Miete von sie kriegst!«
»Weeß ick, kenn’ ick! Rege dir heite bloß nich uff, Mutter«, sagte Herr Zibulke. Er saß, die Beine in den großkarierten Hosen übereinandergeschlagen, in der Ecke beim Ofen und besah sich die Einrichtung des Zimmers, das er sonst das ganze Jahr nicht betrat, weil er sich darin immer unbehaglich fühlte. Und ihm schien es, daß dieser Raum früher doch viel hübscher gewesen war, damals, als er sich in jungen Jahren zuerst eingerichtet hatte. Da war ein Mahagonischränkchen gewesen mit goldrandigen Tassen und Porzellanfiguren, kleine Bilderchen, Daguerreotypen von den Eltern und Lithographien. Aber als dann Gustchen herangewachsen war, hatte seine Frau den »ollen Krimskrams« nicht mehr gemocht, und sie hatten sich modern eingerichtet. Man hatte ein Klavier gekauft, auf dem niemand spielte, ein Zylinderbüro, auf dem ein Tintenfaß prangte, in das niemals Tinte gekommen, weil es zu schade dazu war; dann die Plüschgarnitur mit den »Franchen« – die eigentlich ebenfalls für den Gebrauch zu schade war und deshalb sonst durch Leinenbezüge geschützt wurde. Über dem Sofa hing ein Regulator, der immer stillstand, rechts und links davon befanden sich die Öldrucke Kaiser Wilhelms I. und seiner Gemahlin, und auf dem Vertiko, in einer blauen Glasvase, die Herr Zibulke in einer Würfelbude auf dem Spandauer Bock gewonnen, steckte ein Strauß künstlicher Blumen, die von den Hüten seiner Frau stammten. Zwischen den beiden Fensterchen stand eine Kommode, bedeckt mit einer Decke, die Gustchen im Laufe etlicher Jahre selbst gehäkelt hatte, darauf ein rundes Glas mit einem Goldfisch, der gleich allen seinen Vorgängern die »Miereneier« – wie Frau Zibulke die getrockneten Ameisenpuppen nannte – nicht fressen wollte, deshalb auch gar nicht mehr gefüttert wurde. Starb er, so wurde ein neuer Fisch gekauft, der dann um die künstliche rote Korallenbank, mit der man sein Heim geziert, melancholisch kreiste, die Miereneier wieder ausspuckte, wenn er sie durch Zufall einmal geschluckt, und schließlich, nach längerer oder kürzerer Zeit, eines Morgens tot auf dem Rücken trieb. Und neben diesem Glase lag ein dickes, ledergebundenes Album mit den Fotografien derer, für die die »Gute Stube« geschaffen worden war, von Leuten, die daheim auch eine »Gute Stube« hatten und die Zibulkes nicht für voll genommen hätten, wenn sie nicht solch eine »kalte Pracht« besessen.
Auf dem ovalen Tisch vor dem Sofa, den sonst eine Visitenkartenschale aus Alabaster zierte – in der aber auch Stecknadeln, Hornknöpfchen und Zigarrenabschnitte gesammelt wurden –, standen jetzt die Hochzeitsgeschenke von der Verwandtschaft: eine hohe Salonpetroleumlampe mit rotseidenem Schirm, eine Fächerpalme, ein gestickter Haussegen unter Glas und Rahmen, eine Hausapotheke, ein Porzellan-Amor, ein Bowlenglas mit Schöpflöffel und sechs Trinkgläsern, dann ein germanisches Trinkhorn auf Metallständer – das waren die Hauptprachtstücke, und es hatte Gustchen einige Mühe gemacht, festzustellen, was nach ihrer Ansicht dieses oder jenes Stück gekostet haben konnte. »Na, wenn man morgen allet ooch jut klappen möchte«, hatte Herr Zibulke dann gesagt, als Liese einen ganzen Wäschekorb voller Topfscherben hereinbrachte, den sie vor der Tür zusammengekehrt. »Wenn man die Hochzeitskutsche pünktlich da sein wollte und keen Pladderregen wäre, sonst is det for den Mosjöh von Schwiejersohn ’ne Entschuldigung, nich zu kommen. Späne hat er mir jenuch jemacht!«
Herr Zibulke hatte ganz ungeniert so sprechen können, denn Ferdinand war schon gegangen, weil er »für morgen ausschlafen wollte«, wie er als Entschuldigung gesagt hatte. Die Familie war also unter sich, und niemand hatte sich deshalb Zwang auferlegt. Am wenigsten Herr Zibulke selbst, der den ganzen Abend vor sich hingeschimpft hatte: »Der junge Mann hat sich injebildet, ick werde ihm am Ende die Bockbrauerei oder sonstwat koofen! Et wollte janich in seinen Kopp ’rin, als ick ihm auseinanderpolkte, det er froh sein könnte, det ick ihn als Verwalter von det neie Haus in die Bülowstraße jebrauchen könnte. Da hat er doch mit Justchen det allerscheenste Leben und kann den Hauswirt spielen. Und ick brauche mir keenen Fremden anzunehmen, der mehr zu die Mieter als zu mir hält!«
»Vater, du tust jrade so, als wenn ick nischt jetan hätte«, hatte Frau Zibulke gesagt. »Wat jlaubste woll, wat for ’ne Zucht jewesen is, bis die Wohnung injerichtet war. Justchen wollte doch alles janz modern haben, mit Stores und Muschelbettstellen. Wir haben uns beede die Hacken abjeloofen, bis wir allet beisammen hatten, wahr, Justchen? Nu is aber ooch allet scheen, nu kannste dir freuen, so’n Marmorwaschtisch hat keene in die janze Verwandtschaft!«
»Jeld jenuch hat’s ooch jekostet!«
»Na – eenmal und nich wieder, du hast ja man bloß eene Tochter, und die willste doch jlücklich machen!«
»Jewiß doch, wenn er ihr man jlücklich macht!«
Er hatte zu seiner Tochter hingeblickt, die neben der Mutter auf dem Sofa gesessen und den ganzen Abend kein Wort gesprochen hatte. Wie eine glückliche Braut sah sie wirklich nicht aus. Die Lippen waren fest zusammengekniffen und der Blick der dunklen Augen starr und feindselig.
Sie hatte auch jetzt nichts erwidert, war nur ein Weilchen später vom Sofa gerutscht, als fehle ihr die Kraft aufzustehen, und hatte sich nach der Tür gewandt.
»Wo willste hin, Justchen?«
»Ick jeh’ ooch schlafen, Mutter, jeh du man ooch, morjen is een schwerer Tach for uns alle!«
Die Mutter hatte ihr nachgesehen. »Ick möchte wahrhafij wissen, wie allet mal kommt!«
»Ick ooch«, hatte Herr Zibulke gesagt.
»Sie hat ihn sich ja ausgesucht, nu soll sie sehen, wie sie mit ihm fertig wird.«
»Da is mir nich bange vor«, hatte seine Frau erwidert, »in diese Hinrichtung is se janz nach mir, du hast ja ooch ’n Borschtenkopp jehabt, aber ick habe ihn doch dusemang kahl jekriegt.«
»Scheener aber biste dabei ooch nich jrade jeworden!«
»Wat heeßt scheen heitzutage?«
»Na, denn wollen wir man ooch in die Klappe kriechen, Mutter!« Und er hatte das Glas mit Rotwein, das er sich zur Feier des Tages geleistet, ausgetrunken und war ihr in die enge Schlafstube nachgeschlurft.
8
Die Hochzeit wurde in dem großen Gartenlokal von Mielenz in der Lindenstraße gefeiert. Da man wegen der kühlen Witterung nicht mehr im Freien sitzen konnte, war die Tafel in dem Billardsaal hergerichtet worden, und Herr Mielenz, der es sich zur Ehre gerechnet, daß »der olle Zibulke« das Essen bei ihm bestellt, sorgte dafür, daß alles zur Zufriedenheit der Gäste ausfallen mußte.
Das Lokal lag dem Zibulkeschen Hause schräg gegenüber, und so hatte sich trotz aller Geschäftigkeit Herr Mielenz doch die Zeit nehmen können, die Abfahrt des Brautpaares und der nächsten Verwandten nach der Jerusalemer Kirche zu beobachten. Als die Hochzeitskutsche mit den beiden Schimmeln vorgefahren war, hatte sich die ganze Einwohnerschaft vor der Haustür versammelt, hatte jedoch vorläufig nur Liese, das Dienstmädchen, bewundern können, wie sie weißen Sand und etwas Grünes streute, das wohl Blumen vorstellen sollte, aber – nach Gutachten der Frauen – nur Radieschenblätter waren. Ein kleiner Knabe, der dieses Grün essen wollte, begann zu heulen, und da seine Mutter fürchtete, daß er sich vergiftet habe, versetzte sie ihm als Gegenmittel eine Tracht Prügel und entgiftete auf diese Weise auch gleich noch ein paar ältere Kinder, die in dem Verdacht standen, das verdächtige Grün, das ja Schierling sein konnte, zuerst in den Mund gesteckt und dadurch für den kleinen Knaben das schlechte Beispiel gegeben zu haben.
Dann erschien zur allgemeinen Freude Gustchens Mops vor der Haustür und glotzte die Versammlung erstaunt an. Von allen Seiten wurde er sofort gelockt, und atemlose Spannung entstand, als er sich ein Stückchen weiter vorwagte und ihm der Portierjunge aus dem Nachbarhaus dann den Rückweg abschnitt.
»Heite is Marcht uff’n Bellejangsplatz – da loofen die Schinder ’rum – Halsband hat er nich um – schwupp! kann ihn eener wechjefangen haben! Wat will sie denn jetz ooch noch mit die fette Töle?« sagte der Portierjunge, dessen Haß auf den Mops allgemein anerkannt wurde, denn oft genug hatte dieser Knabe, der nach seiner Einsegnung vor dem Hause fegen mußte, seinem berechtigten Unwillen über das Tier Luft gemacht. Als der Hund die Rinnsteinbrücke überschritten hatte, auf dem Fahrdamm zum Bewußtsein seiner gefährlichen Lage kam und nun rückwärts wollte, den Weg aber abgesperrt fand, griff ihn plötzlich ein wild und verwegen aussehender Bursche im Genick und setzte ihn blitzschnell durch das heruntergelassene Fenster in die Hochzeitskutsche.
Der Beifall war so gewaltig, daß Herr Zibulke oben am Fenster erschien, verwundert auf das Gekreisch der Frauen und Kinder hörte und verdutzt den Kopf schüttelte, als man ihm zurief: »Die Braut soll endlich ’runterkommen, der Breitjam sitzt schon in’n Wagen!«
Der Diener mußte seinen Platz neben dem Kutscher verlassen, absteigen und den Hund herausnehmen. Liese, die das Johlen wieder vor die Haustür gelockt, nahm Mufti in Empfang, wickelte ihn in ihre Schürze und trug ihn hinauf. Gleich darauf aber kam sie eilig wieder herausgelaufen, rannte dem Belle-Alliance-Platz zu und kehrte dann in einer Droschke erster Klasse zurück, die nun hinter der Hochzeitskutsche Aufstellung nahm. So, nun wußte man doch daß »der olle Zibulke« mit seiner »noch Olleren« auch fahren und den Weg zur Kirche nicht zu Fuß machen werde – offenbar hatte er, mit Rücksicht auf das zahlreiche Publikum, noch im letzten Augenblick den Entschluß gefaßt, sich eine Droschke zu leisten.
Jetzt verschwand der Diener im Hause, alle reckten die Hälse, Stille trat ein, denn nun mußte das Hochzeitspaar kommen. Und es kam: Ferdinand, in schwarzem gutsitzendem Rock mit dem glänzenden Zylinder, sah so stattlich aus, daß allen weiblichen Personen plötzlich das Herz schwach wurde.
»Een scheener Mann – wat könnte der for ’ne Braut haben!«
Und die Blicke glitten auf Gustchen, die – ganz in weißer Seide – wie ein Anhängsel neben ihm aussah. Die lange Schleppe fegte das festliche Grün zusammen, und der Diener gab sich alle Mühe, sie zu fassen und zu tragen, erreichte dies aber erst, als Gustchen schon halb im Wagen war. Und während er die Schleppe noch ordnete, stand Ferdinand da und hielt allen Blicken ruhig stand. Ach, wie vielen Mädchenaugen begegnete er, die ihn liebevoll-vergrämt ansahen – doch die, die er zu suchen schien, war nicht darunter. Dann bückte er sich plötzlich, um mit dem hohen Hut in die Kutsche zu kommen, und stieg ein. Der Diener schlug die Tür zu, der Kutscher knallte mit der Peitsche, und die Menge stob auseinander, denn die Schimmel zogen sofort scharf an.
Und nun fuhr die Droschke vor, und das Ehepaar Zibulke, das hinter der Haustür gestanden, trat auf die Straße. Man hatte nicht erwartet, daß es einen so würdigen Eindruck machen könnte, war daher einigermaßen erstaunt, und erst als die Droschke davonratterte, machte sich dieses Erstaunen Luft. »Der Mann würde janz anders intaxiert werden, wenn er sich nicht immer in Pantinen und Hemdsärmeln uff die Straße zeigte!«
»Und ooch die Olle nich, ick dachte wunder, wie die sich uffjetakelt haben würde, aber da hat sie bloß ihr jutes Schwarzes anjehabt!«
»Wenn sie ihre Juste so’n Mann koofen, kann sie sich natürlich nischt Neiet machen lassen!«
»Reden Sie doch nich – die Leite sind immer sparsam jewesen, d’rum haben sie’s ja ooch zu wat jebracht!«
»Und det det Meechen, die Juste, sich nich den ersten besten nimmt, sonnern eenen, der ihr jefällt, is doch ooch zu bejreifen!«
»Bloß der Mann hätte ihr lieben sollen, aber der is ja nur nach’s Jeld jejangen, und darum hätten wir’n ausfeifen sollen. Aber nee, da steht die janze Jänseherde und verdreht die Oojen in’ Koppe wie ’ne Zieje, wenn sie jemolken wird!«
Es war gut, daß der Gemüsehändler, der das gesagt, sich gleich darauf in seinen Keller verziehen konnte, denn alles, was weiblich war, nahm nun erregt gegen ihn Partei.
Unterdessen fuhren, von allen Seiten kommend, vier Droschken vor dem Portal vor, während die leere Hochzeitskutsche noch einmal eine Runde um die Kirche machte, bis sich die Schimmel endlich soweit beruhigt hatten, um auf ihren Plätzen still zu stehen. Auch hier war eine große Schar Neugieriger, die das Brautpaar erwartet hatten und nun die Anfahrt der Hochzeitsgäste beobachteten. Als alle Einlaß gefunden, drängte noch eine große Anzahl anderer nach, die sich dann seitwärts auf entlegenen Bänken oder oben auf dem Chor niederließen.
Dort, von einem Pfeiler verdeckt, saß auch Röschen Schmidt. Das heftige, lautlose Weinen linderte ihren Schmerz, sie gewann allmählich ihre Fassung wieder, und als das junge Paar dann die Kirche verließ, stand sie ruhig und ernst vor dem Portal, den Blick auf Ferdinand gerichtet.
Er sah sie, blieb aber völlig unbeweglich, wandte auch nicht den Kopf, als gleich darauf ein paar andere aufgeregte Mädchen, die in der Menge standen, ihm etwas nachriefen. Und dann rollte der Wagen davon, die Droschken fuhren der Reihe nach vor und brachten die Gäste nach der Lindenstraße, wo alle in Mielenz’ Gartenlokal verschwanden.
9
In der zehnten Abendstunde, als das Hochzeitsfest seinen Höhepunkt erreicht hatte, nickte Ferdinand Gustchen zu und verschwand mit ihr, ohne daß es weiter auffiel. Draußen vor dem Haustor hielt eine geschlossene Droschke, die sie rasch bestiegen. Der Kutscher riß dem Gaul den Blecheimer von der Schnauze, stieg auf und fuhr mit dem jungen Ehepaar davon.
Ein feiner Sprühregen fiel, von den Bäumen am Landwehrkanal rieselten die gelben Blätter ins Wasser – man spürte, der Herbst hatte jetzt endlich die Herrschaft angetreten. Nun bog die Droschke bei der alten Weide in die Flottwellstraße ein, gelangte an der häßlichen, unendlich langen Mauer des Eisenbahnkörpers in die Dennewitzstraße und fuhr dann in der dort herrschenden Dunkelheit vorsichtig und langsam weiter, um endlich in die Bülowstraße einzubiegen. »Det is ja noch allens unbebaut, ick finde mir hier mit dem Jaul nich zurechte«, rief der Kutscher in den Wagen, als Ferdinand auf das Klopfen mit dem Peitschenstiel den Wagenschlag öffnete.
»Fahren Se man noch ’n Stücksken – bei die Steinmetzstraße is’s!« rief Gustchen ihm zu. Und so ratterte der Wagen noch ein wenig weiter und hielt dann plötzlich mit hartem Ruck.
»Hier muß et sind«, sagte der Kutscher. »Sehen Se mal selbst nach, ick kann nich von’n Bock ’runter!«
Überall hinter Bretterzäunen wurden Hunde rebellisch. Aus dem Neubau, vor dem die Droschke hielt, kam ein kühler Duft von Mörtel und Ölfarbe. Und plötzlich löste sich aus der Dunkelheit eine Gestalt, trat in den Lichtschein der Wagenlaterne, und Gustchen fuhr erschrocken zurück, als sie den dicken Knotenstock eines Mannes und das neben ihm an der Leine gehaltene Untier von Hund erblickte.
»Ick bin der Neubauwächter«, sagte der Mann, »wenn Sie Herr Koblank sind, denn is hier richtig, denn steigen Sie man aus. Ihre Liese sitzt schon oben in die Wohnung und jrault sich zu Tode. Ick jratuliere ooch dem jungen Paar! Warten Se, ick hole bloß meine Latichte aus’n Flur und bind’ den Hund an, denn führe ick Ihnen ’ruff; Kutscher, Sie können ja nu durch die Potsdamer Straße zurück, da braucht der Jaul hier nich bei die Dunkelheit umzudrehen, und da haben Sie doch wenigstens ’n paar Laternen unterwegs!«
Ferdinand half Gustchen aus dem Wagen, drückte dem Kutscher zu dem Fuhrlohn einen Taler in die Hand und zog dann, als die Droschke abfuhr, seine Frau über Schutt- und Steinhaufen nach. Aber da kam schon der Wächter mit der auf den Bauch geschnallten Laterne, die einen scharfen Petroleumgeruch verbreitete.
»Fassen Sie mir an’n Arm, junge Frau, und kieken Se immer uff die Erde, ick dreh’ die Latichte so, det Sie allens sehen und nich stolpern können. Drinne in’t Haus is hell, ick habe die Stearinlichte uff die Treppe anjestochen, denn det Haus hat noch keen Jas nich, wenn ooch die Leitung schon jelegt is.«
Endlich waren sie im Innern des Hauses, stiegen zum ersten Stockwerk hinauf, und mit einem Freudengeschrei kam ihnen die verängstigte Liese entgegen. »Jott sei Dank, det Se da sind, Fräulein Juste – Frau Koblank wollt’ ick sagen! Det is ’ne Jejend, wie konnten Sie man bloß hierherziehen! Det is ja uff’s Land, uff’s Dorf! Scheeneberg is janz dichte bei.«
Der Wächter lachte. »Die möcht’ ick uff’n Pfeifenkopp haben, die Beene über’n Abjuß«, sagte er.
»Und ’n Vers drunter«, ergänzte Ferdinand die Redensart.
»Da – wie heeßen Sie eijentlich?«
»Schimpkus!«
»Da – Schimpkus, haben Se wat! Liese, jeben Sie dem Mann ’n paar Flaschen Bier, hier haben Se ooch noch ’n juten Ziehjarren. So – und nu wollen wir mal!«
Damit ging Ferdinand aus dem Entree in die Berliner Stube, wo die neue Salonstehlampe brannte und Gustchen vor dem über der Kommode hängenden Spiegel sich den Schleier und den Myrtenkranz abzumachen versuchte.
»Mit det Biest reiße ick mir noch die janzen Haare vom Koppe«, sagte sie verzweifelt, »wie mir det der Balbier festjemacht hat – als sollte ick nu in alle Ewigkeit so ’rumrennen!«
»Liese wird’s schon abkriegen«, sagte Ferdinand, »denn wenn ick komme, nehme ick ’ne Schere, und denn is’s kaputt, und du kannst’s nich mehr verjlasen lassen!«
Er ging von einer Stube in die andere und besah sich die Einrichtung beim Schein eines Stearinlichtes. Jewiß, det sieht alles nach wat aus, dachte er, so muß et woll sind bei reiche Leite!
Da war außer der Berliner Stube, wo die Betten standen, ein Vorderzimmer, das als kalte Pracht eingerichtet war, daneben ein anderes Zimmer, mit einem altdeutschen Büfett und einem großen Eßtisch in der Mitte; dann, durch eine kleine Tür aus der Berliner Stube erreichbar, ein schmales langes Zimmer, in dem Schränke und ein Nähtisch standen. Aus der Schlafstube führte ein enger Korridor nach der Küche mit einer Kabuse, in der Lieses eiserne Bettstelle aufgeschlagen war.
»Na«, sagte er, als er wieder zu seiner Frau kam, die jetzt im Unterrock und mit neuen Filzpantoffeln an den Füßen, mit Liese beschäftigt war, das weiße Seidenkleid über zwei Stuhllehnen auszubreiten – »na, in die Wohnung kann man sich ja reene verloofen! Wenn du noch Hunger hast – da vorne uff’n Tisch stehen ’n janzer Baumkuchen und ’ne Torte, Appelsinen sind ooch da!«
»Det wird nich anjerührt«, sagte Gustchen, »det is for morjen, wenn jemand kommt. Ick bin nich hungrig, und du hast ja bei Mielenz jekriegt! Liese hat ihr Teil ooch weg – also, man nischt veraasen, wat denkste woll, wat det allens jekostet hat!«
»Wenn ick noch könnte, denn würd’ ick mir jar nich jenieren und den Baumkuchen ratzekahl uffressen«, sagte Ferdinand, »aber ick bin knippeldicke voll und überhaupt nich for Süßigkeiten. Liese, sind denn keene Rollmöpse da oder ’ne saure Jurke? Nee – na, dadran hätten Sie ooch denken können, die kann man immer noch essen! Seid ihr denn noch nich mit dem Talar da fertig, wenn det Jestelle da so in die Mitte von die Stube etwa stehen bleiben soll, jarantiere ick for nischt, wenn ick jejenrenne, wenn ick in die Nacht mal uffstehen muß. Liese, machen Se, det Se jetz ’rauskommen, ick will in die Posen, sonst ziehe ick mir vor Ihnen aus!«
»Jehen Se man, Liese, wir machen’s morjen weiter, da müssen wir det Kleid hinten uffplätten«, sagte Gustchen. »Und dann machen Sie morjen früh ’n recht scheenen starken Kaffee, und bleiben Sie hinten mit in die Küche, denn Sie können hier nich durchrennen, bis wir uffjestanden sind. Ju’n Nacht, ju’n Nacht – danke, jleichfalls – Sie ooch! Stellen Se sich die Weckeruhr uff sieben!«
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