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Nana
Emile Zola
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 8
Kapitel 7
Kapitel 9
Kapitel10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Impressum
Kapitel 1
Um neun Uhr war der Saal des Varietétheaters noch leer. Ein paar Leute saßen wartend in den Logen und im Parkett und verloren sich zwischen den rotsamtnen Sesseln. Im Halbdunkel sah der Vorhang wie ein großer roter Fleck aus; kein Geräusch drang von der Bühne herüber, die Rampenlichter waren noch nicht angezündet, die Plätze der Musiker noch leer. Nur hoch oben auf der dritten Galerie, die Kuppel des Plafonds entlang, wo nackte Frauen- und Kindergestalten ihren Aufflug nach einem vom Gaslicht grün bestrahlten Himmel nahmen, hörte man aus einem anhaltenden Stimmengewirr Sprechen und Gelächter, und unter den breiten runden, mit Goldstäben durchkreuzten Luftklappen reihten sich stufenförmig mit Häubchen und Hüten bedeckte Köpfe an- und übereinander. Zuweilen zeigte sich eine geschäftige Logenschließerin, die mit den Eintrittskarten in der Hand einen Herrn im Frack oder eine wohlbeleibte Dame vor sich herschob, die sich dann setzten und langsam ihre Blicke durch den Saal gleiten ließen.
Zwei junge Männer traten in den Orchesterraum. Sie blieben stehen und schauten sich um.
»Was hab' ich dir gesagt, Hector?« rief der ältere, ein hochgewachsener junger Mann mit kleinem, schwarzem Schnurrbärtchen. »Wir kommen viel zu früh. Du hättest mich meine Zigarre ruhig ausrauchen lassen sollen.«
Eine Logenschließerin schritt vorbei.
»Oh, Herr Fauchery«, wandte sie sich familiär zu den beiden Besuchern, »es vergeht sicher noch eine halbe Stunde, bevor angefangen wird.«
»Weshalb wird aber dann auf den Zetteln der Anfang auf neun Uhr angekündigt?« erwiderte Hector, dessen langes, hageres Gesicht ein verdrießliches Aussehen zeigte. »Heute morgen noch hat mir Clarisse, die in dem Stück beschäftigt ist, versichert, daß präzis neun Uhr begonnen werde.«
Einen Moment lang trat Stillschweigen ein; die jungen Leute sahen prüfend zu den Logen hinauf, die durch die grüne Tapete noch dunkler erschienen. Die Parterresitze unterhalb der Galerie waren in völlige Nacht getaucht. Nur in einer Balkonloge saß eine korpulente Dame, die sich mit beiden Ellenbogen auf die Samtbekleidung des Geländers stützte. Die zwischen den hohen Säulen mit langfransigen Vorhängen drapierten Proszeniumslogen zur Rechten und Linken waren leer. Der große Saal, mit weißen und vergoldeten Ornamenten geschmückt, die sich von dem mattgrünen Hintergrund abhoben, schwamm in einem feinen Lichtnebel, der von den niedrigen Flammen des großen Kristall-Armleuchters ausging.
»Hast du übrigens dein Proszeniumsbillett für Lucy bekommen?« fragte Hector.
»Ja«, versetzte der andere, »ohne besondere Mühe … Oh, es besteht keine Gefahr, daß Lucy zu früh kommt! Die wäre gerade danach!«
Er unterdrückte ein leises Gähnen; dann sagte er nach einer kurzen Pause:
»Du hast wirklich Glück, hast ja bisher noch keine Premiere gesehen … ,Die blonde Venus' wird das Ereignis des Jahres sein; man spricht schon seit einem halben Jahr von nichts anderem. Ach, mein Lieber, eine Musik! Faktisch hundsmäßig! … Bordenave, der sein Geschäft aus dem Effeff versteht, hat sich das für die Ausstellung aufbewahrt.«
»Und Nana, der neue Stern, die die Venus spielen soll, kennst du die?«
»Um Gottes willen, laß mich zufrieden! Soll das wieder losgehen!« schrie Fauchery, die Arme in die Luft werfend. »Den ganzen Morgen schon bringt man mich schier um mit dieser Nana. Mit mehr als zwanzig Leuten habe ich heute schon geredet, und Nana hinten, Nana vorne! … Nana ist der Trumpf unseres Bordenave. Es wird schon was Sauberes sein!«
Er beruhigte sich, aber die Leere des Saals, das Halblicht des Kronleuchters, die andächtige, von gedämpften Stimmen und leise zufallenden Türen unterbrochene Stille reizten ihn von neuem.
»Aber nein«, rief er plötzlich, »hier langweilt man sich ja wie ein Mops! Ich mache, daß ich weiterkomme. Höre, wir wollen sehen, ob wir nicht unten Bordenave aufgabeln; vielleicht kann er uns Aufklärung geben.«
Unten in dem großen, mit Marmorplatten belegten Vestibül, wo die Billettkontrolle ihren Platz hatte, strömte das Publikum langsam zusammen. Durch die drei geöffneten Türgitter hindurch sah man das hastige Leben auf den Boulevards, die in der schönen Aprilnacht flammten und wimmelten. Das Wagengerassel brach kurz ab, die Portieren schlossen sich geräuschlos, und in kleinen Gruppen traten Leute ein, die sich erst vor der Kontrolle stauten, dann die doppelte Treppe im Hintergrunde hinaufstiegen, auf der die Frauen, ihren Körper hin- und herwiegend, zögernd umherstanden. In diesem grell erleuchteten, mit seiner dürftigen Empiredekoration nackt und kahl aussehenden Vorraum hingen hohe gelbe Plakate, auf denen mit großen schwarzen Lettern der Name »Nana« zu lesen stand. Herren, die sich in dem Durchgang herumdrückten, stellten sich vor ihnen auf und lasen sie; andere plauderten, an der Tür lehnend und den Eingang versperrend, während neben dem Billettschalter ein dicker Mann mit breitem, glattrasiertem Gesicht den Leuten, die durchaus noch einen Platz haben wollten, auf ihre Fragen Antwort erteilte.
»Sieh, da ist Bordenave«, sagte Fauchery, der die Treppe herunterkam.
Aber auch der Direktor war seiner ansichtig geworden.
»Ei, Sie sind mir ein netter Herr!« schrie er ihm schon von weitem zu. »Eine schöne Art und Weise, wie Sie meine Rezensionen besorgen. Ich habe heute morgen im ,Figaro' gesucht. Ja prosit! Nichts ist drin!«
»Warten Sie doch ruhig ab!« versetzte Fauchery. »Erst muß ich doch Ihre Nana gesehen haben, bevor ich über sie schreibe … Übrigens habe ich Ihnen gar nichts versprochen.«
Dann stellte er dem Direktor, um die Unterredung kurz abzuschneiden, seinen Gefährten als seinen Vetter, Hector de la Faloise, vor, der zur Vollendung seiner Bildung sich längere Zeit in Paris aufzuhalten gedenke. Der Direktor taxierte den jungen Mann mit einem einzigen Blick; Hector dagegen musterte ihn mit einiger Erregung. Das war also Bordenave, jener Mann, der einen förmlichen Weibermarkt hielt, der die armen Geschöpfe wie ein Bagnoaufseher traktierte, das war also der Mann mit dem allezeit über Reklame brütenden Gehirn, der schreiend, spuckend, sich auf die Schenkel klopfend, mit zynischen Gebärden und Häscherblicken hier auf und ab schritt! Hector glaubte, ein paar verbindliche Worte sprechen zu sollen.
»Ihr Theater … « begann er mit dünner Stimme.
»Bitte, sagen Sie: mein Bordell!« unterbrach ihn Bordenave als Mann, der es liebt, sich ungeniert zu bewegen und auszudrücken.
Faucherys Lippen umspielte ein beifälliges Lächeln, während Faloise mit seiner höflichen Phrase, die ihm im Halse steckenblieb, verdutzt dastand und so tat, als versuche er dem von Bordenave hingeworfenen garstigen Worte Gefallen abzugewinnen. Dieser hatte sich schleunigst einem dramatischen Kritikus, dessen Feuilleton großen Einfluß hatte, genähert, um einen Händedruck mit ihm auszutauschen. Als er zurückkam, trat Faloise, der für einen Provinzler angesehen zu werden fürchtete, wenn er sich allzu bestürzt zeigte, wieder zu ihm.
»Mir ist erzählt worden«, ergriff er wieder das Wort, da er absolut etwas reden wollte, »daß Nana eine herrliche Stimme haben soll.«
»Die!?« rief der Direktor achselzuckend. »Die reinste Krähe!«
Der junge Mann beeilte sich, seiner vorigen Bemerkung hinzuzufügen: »Doch eine ausgezeichnete Komödiantin soll sie sein!«
»Die!? … Der reinste Klotz! Weiß ja nicht einmal, wie sie die Beine und Hände halten soll.«
Faloise errötete leicht. Er wußte nicht mehr, was er denken sollte. Er stammelte: »Ich hätte um keinen Preis der Welt die heutige Premiere verpassen mögen … Ich wußte, daß Ihr Theater … «
»Bitte, mein Bordell!« unterbrach ihn Bordenave nochmals mit der Starrköpfigkeit eines Menschen, der für seine Überzeugung Gründe hat.
Währenddessen schaute sich Fauchery die eintretenden Frauen an. Er kam seinem Vetter zu Hilfe, als er ihn mit offenem Munde, nicht wissend, ob er lachen oder sich ärgern sollte, dastehen sah.
»Gönne doch Bordenave den Spaß und nenne sein Theater, wie er es wünscht, wenn ihm das Freude macht … Und Sie, mein verehrter Herr Direktor, führen Sie uns nicht auf den Leim! Wenn Ihre Nana nicht singen und nicht spielen kann, so werden wir eben einen Durchfall zu registrieren haben, weiter nichts.«
»Einen Durchfall!? Einen Durchfall!« schrie der Direktor, während sein Gesicht sich puterrot färbte. »Muß denn ein Frauenzimmer nur singen und spielen können? Ach, mein Herrchen, du bist ein wenig allzu dämlich … Nana hat andere Dinge, ei Donnerwetter! Etwas, was für jeden anderen Mangel entschädigt. Ich hab' sie aufgestöbert, und das, was ich meine, ist ganz famos bei ihr vertreten, oder meine alte Spürnase ist nicht mehr wert als die des dümmsten Einfaltspinsels … Du sollst sehen, junger Herr, du sollst sehen: sie braucht nur aufzutreten, und der ganze Saal läßt die Zunge lang aus dem Halse heraushängen.«
Er hatte seine feisten Hände emporgehoben, und wie erleichtert senkte er jetzt die Stimme und brummte:
»Oh, sie wird's weit bringen … Eine Haut, oh! Eine Haut hat diese Nana … «
Und jetzt verstand er sich auf Faucherys Fragen dazu, Einzelheiten zu geben, mit einer Roheit in den Ausdrücken, die für Hector de la Faloise viel Verletzendes hatte: er habe Nana kennengelernt und habe sich vorgenommen, sie groß herauszustellen, da es sich gerade getroffen, daß er eine Venus brauchte. Er pflege sich nicht erst lange den Kopf warm zu machen mit »so 'nem Frauenzimmer«, sondern halte es für besser, gleich brühwarm damit vor das Publikum zu rücken. Aber er sei in des Teufels Küche geraten in seiner Baracke, die durch die Ankunft dieses langen Weibsbildes ganz aus den Fugen gegangen sei. Rose Mignon, sein Stern, eine vollendete Schauspielerin und bewunderte Sängerin, hatte, weil sie eine Nebenbuhlerin witterte, wütend gedroht, ihn im Stich zu lassen. Und wie's an die Plakate gegangen war, Herrgott, was hatte das für einen Spektakel gesetzt! Es sei ihm zuletzt nichts übriggeblieben, als sich dazu zu bequemen, die Namen der beiden Künstlerinnen in Buchstaben gleicher Größe auf den Theateranschlägen drucken zu lassen. Sonst aber lasse er sich nicht eben viel vormachen. Wenn eines seiner »kleinen Weibsen«, wie er sie nannte, Simonne oder Clarisse, nicht tanzen wolle, wie er pfeife, so gebe er ihnen sehr einfach einen Tritt in den Hintern; anders sei mit solchem Korps kein Auskommen. Er handle ja mit ihnen und wisse sehr wohl, was sie wert seien, diese albernen Mädel!
»Ei, sieh da!« unterbrach er sich. »Mignon und Steiner! Immer beisammen! Sie wissen doch, daß Steiner seit einiger Zeit bis über die Ohren bei der Rose drin sitzt, und nun weicht der Herr Gemahl dem guten Manne nicht mehr von der Pelle, aus Furcht, daß er durch die Lappen gehen könnte.«
Auf dem Trottoir warf die Lampenreihe, die an der Fassade des Theatergebäudes entlang aufflammte, eine Fläche von lebhafter Helle. Zwei Bäumchen hoben sich deutlich mit leuchtendem Grün ab; eine Säule, die so hell erleuchtet war, daß man die Plakate wie beim vollen Tageslicht zu lesen vermochte, schimmerte weiß, und darüber hinaus breitete sich die dichte Nacht des Boulevards mit winzigen Flämmchen, die in dem Bereich der auf und nieder wogenden Menge bald hier, bald dort emporzitterten. Viele traten nicht sogleich ein, sondern blieben, um plaudernd ihre Zigarre zu Ende zu rauchen, draußen unter dem Lichtbereich der Lampenreihen stehen, der ihren Gestalten eine fahle Blässe gab und ihre kurzen schwarzen Schatten auf dem Asphalt abhob. Mignon, ein langer, breitschulteriger Lebemann mit dem dicken Schädel eines Jahrmarktherkules, brach sich einen Weg mitten durch die Gruppen, an seinem Arm den Bankier Steiner schleppend, einen Mann von winziger Figur mit einem spitzen Bäuchlein und einem runden, von einer Krause ergrauenden Barthaars umrahmten Speckgesicht.
»Ah, Herr Steiner«, wandte sich Bordenave an den Bankier, »Sie haben sie ja gestern in meinem Büro gesehen.«
Mignon hörte mit gesenkten Lidern zu und drehte in nervöser Erregung an seinem Finger einen dicken Diamanten. Er hatte begriffen, daß es sich um Nana handelte: und als jetzt Bordenave eine Photographie seiner Debütantin hervorlangte, die eine Flammenröte auf den Wangen des Bankiers entzündete, konnte er nicht länger dem Drang, sich ins Mittel zu legen, widerstehen.
»Aber ich bitte Sie, mein Lieber, lassen Sie doch dieses Dämchen! Das Publikum wird ihr schön heimleuchten! … Steiner, mein kleiner Schwede, Sie wissen, daß meine Frau in ihrer Loge auf Sie wartet.«
Er wollte ihn fortziehen. Aber Steiner weigerte sich, Bordenave zu verlassen. Eine Menschenschlange drängte und quetschte sich vor ihnen an der Kontrolle, ein Getöse verworrener Stimmen wurde laut, aus dem der Name Nana mit all dem munteren Klang seines Silbenpaares hervortönte. Die Menschen, die sich vor den Plakaten aufpflanzten, sprachen ihn aus mit lauter Stimme; andere warfen ihn im Vorübergehen mit einem fragenden Ton hin, während die Frauen, vor sich hinlächelnd, ihn mit einer Miene des Erstaunens nachsprachen. Niemand kannte Nana. Wo kam denn Nana eigentlich hergeschneit? Allerhand Histörchen kursierten, Späße und Witze wurden von Ohr zu Ohr getuschelt. Es war ein allerliebstes Kosewort, dieser kurze Name, dessen Silbenpaar im Flug jedem Munde vertraut war. Ein Fieber der Neugierde jagte die Menschen, die der leicht auszusprechende Name in kindische Freude versetzte, jene der Pariser Luft eigentümliche Neugierde, die der Heftigkeit eines hitzigen Fieberanfalls gleichkommt. Alle Welt wollte Nana sehen. Einer Dame wurden die Volants ihres Kleides abgerissen, ein Herr verlor seinen Hut.
»Ah, ich bitte, meine Herrschaften! Sie verlangen wahrhaftig auch zu viel von mir!« rief Bordenave, den etwa zwanzig Menschen mit Fragen und Bitten umlagerten. »Sie sollen sie ja sehen … Ich mache mich jetzt aus dem Staube; man braucht mich anderwärts.«
Er verschwand, entzückt darüber, sein Publikum in Flammen gesetzt zu haben. Mignon zuckte mit den Achseln und rief Steiner wiederholt zu, daß Rose auf ihn warte, um ihm das Kostüm zu zeigen, das sie im ersten Akt tragen werde.
»Sieh doch, da unten steigt Lucy aus dem Wagen«, sagte Faloise zu Fauchery.
Lucy Stewart war es wirklich, ein kleines, häßliches Frauenzimmer von ungefähr vierzig Jahren, mit einem zu langen Hals, einem mageren, abgelebten Gesicht mit dickem, fleischigem Mund, aber so lebendig und graziös, daß sie noch immer einen hohen Reiz ausübte. Sie brachte Caroline Héquet, eine kalte Schönheit, und deren Mutter, eine sehr würdige Person mit urdummem Gesicht, mit ins Theater.
»Fauchery, du kommst mit uns, ich habe einen Platz für dich aufgehoben!« wandte sich Lucy an den jungen Mann.
»Wo denkst du hin? Wohl daß ich nichts sehen soll!« erwiderte dieser. »Ich habe einen Fauteuil belegt, denn ich sitze immer gern dem Orchester so nahe wie möglich.«
Lucy ärgerte sich. Wagte er es vielleicht nicht, sich an ihrer Seite sehen zu lassen? Dann sprang sie, mit einem Male wieder beruhigt, ohne Übergang auf einen anderen Gegenstand über.
»Warum«, fragte sie, »hast du mir denn nicht gesagt, daß du Nana kennst?«
»Ich? Nana? – Ich habe sie im Leben nicht gesehen!«
»Ganz gewiß? Man hat mir hoch und heilig versichert, du wüßtest in ihrem Schlafzimmer vortrefflich Bescheid.«
Aber in diesem Augenblick stellte sich Mignon vor sie und bedeutete ihr, indem er den Finger auf die Lippen legte, zu schweigen. Auf einen fragenden Blick Lucys zeigte er auf einen jungen, eben vorübergehenden Mann und flüsterte: »Nanas Liebster!«
Aller Blicke richteten sich auf ihn. Er war ein hübscher Bursche. Fauchery kannte ihn: Daguenet war es, ein Junggeselle, der mit Weibern dreihunderttausend Franken durchgebracht hatte und jetzt an der Börse spielte, um seinen alten Flammen hier und da einen Blumenstrauß oder ein Diner zu verehren. Lucy fand, daß er schöne Augen habe.
»Ah, da kommt Blanche!« rief sie aus. »Die hat mir gesagt, daß du Nana so genau kennst.«
Blanche de Sivry, eine große, fette Blondine, deren hübsches Gesicht dick mit Schminke belegt war, kam in Gesellschaft eines schmächtigen, mit großer Sorgfalt gekleideten Mannes von sehr distinguiertem Aussehen.
»Der Graf Xavier von Vandeuvres«, flüsterte Fauchery seinem Vetter ins Ohr.
Der Graf tauschte einen Händedruck mit dem Journalisten, während sich zwischen Blanche und Lucy eine lebhafte Auseinandersetzung entspann. Sie nahmen den ganzen Gang ein mit ihren bauschigen, dicht mit Volants besetzten Kleidern; die eine ging in Blau, die andere in Rosa; und der Name Nana kam so oft über ihre Lippen, daß jedermann ihnen zuhörte. Der Graf von Vandeuvres führte Blanche beiseite. Aber jetzt erklang der Ruf »Nana« an allen vier Ecken des Vestibüls. Fing man denn noch immer nicht an? Die Männer zogen ihre Uhr aus der Tasche; Verspätete sprangen aus ihren Wagen heraus, noch ehe die Kutscher angehalten hatten; Gruppen verließen den Gehsteig, auf dem Spaziergänger langsam durch die leergebliebene Gaslichtfläche schritten, den Hals weit vorreckend, um einen Blick in das Theater zu werfen. Ein Gassenjunge, ein Liedchen pfeifend, pflanzte sich vor eins der Plakate und schrie, indem er weiterschlurfte, mit heiserer Schnapsstimme: »Nana! Ohe, Nana!«
Über dem tosenden Lärm erschallte jetzt die gellende Zwischenaktsklingel. Ein Stimmengewirr pflanzte sich fort bis auf den Boulevard. »Es hat geklingelt! Es hat geklingelt!« Und jetzt folgte ein Drängen und Schieben und Stoßen, ein jeder wollte zuerst hinein. Mignon, der sichtlich unruhig geworden war, bemächtigte sich endlich Steiners, der sich Roses Kostüm nicht angeschaut hatte. Beim ersten Erklingen der Glocke hatte sich Faloise, Fauchery mit sich schleppend, den Weg durch die Menge gebahnt, um ja nicht den Beginn zu verpassen. Diese ungestüme Hast des Publikums irritierte Lucy Stewart.
»Die Leute tun gerade, als ob man hier immer nur besondere Stücke zu sehen bekäme!« meinte sie, während sie die Treppe hinaufstieg.
Im Saal schauten sich Fauchery und Faloise von neuem um. Die beiden Vettern suchten Gesichter von Bekannten. Mignon und Steiner standen beisammen in einer Parterreloge, mit den Fäusten auf den Samt der Brüstung gestützt. Blanche de Sivry schien für sich allein die Proszeniumsloge im Parterre belegt zu haben. Aber Faloise betrachtete vornehmlich Daguenet, der in der zweiten Reihe vor ihm einen Parkettsitz innehatte. Neben ihm saß ein blutjunger Mensch von höchstens siebzehn Jahren, der aussah, als sei er eben dem Gymnasium entlaufen, und riß seine schönen Cherubaugen weit auf. Fauchery lächelte, während er ihn betrachtete.
»Wer ist denn die Dame in der Balkonloge«, fragte plötzlich Faloise, »neben der ein junges Mädchen im blauen Kleid Platz genommen hat?«
Er zeigte auf eine korpulente, prall in ihr Korsett gezwängte Dame; das Haar war verfärbt, der Teint vergilbt, und das runde, verschminkte Gesicht quoll auf unter einem wahren Regen von kleinen Löckchen.
»Das ist Gaga«, gab Fauchery zur Antwort.
Und als er bemerkte, daß dieser Name seinen Vetter aufhorchen ließ, fügte er hinzu:
»Du kennst Gaga nicht? Während der ersten Regierungsjahre Louis Philippes hat sie die Herzen aller Männer berauscht. Jetzt schleppt sie ihre Tochter überall mit sich umher.«
Faloise hatte keinen Blick für das junge Mädchen. Der Anblick Gagas regte ihn auf; seine Blicke verließen sie nicht mehr. Er fand, daß sie noch vortrefflich aussehe, wagte es aber nicht zu sagen.
Fauchery zeigte seinem wißbegierigen Vetter die Logen der Journalisten, nannte ihm die dramatischen Kritiker, einen dürren Herrn mit vertrocknetem Gesicht und schmalen, hämisch aufgeworfenen Lippen, einen anderen, dick und behäbig, mit einem wahren Kleinkindergesicht, der sich auf die Schulter seiner Nachbarin stützte, einer harmlosen Unschuld, die er mit väterlichem, liebevollem Blick hütete.
Aber er unterbrach seine Rede, als er Faloise mit Leuten Grüße wechseln sah, die eine Loge ihnen gegenüber innehatten. Er schien erstaunt zu sein.
»Wie«, rief er überrascht, »du kennst den Grafen Muffat de Beuville?«
»Oh, schon seit langer Zeit!« versetzte Hector. »Die Muffat haben ein Besitztum neben dem unsrigen. Ich verkehre oft bei ihnen … Der Graf sitzt dort mit seiner Frau und seinem Schwiegervater, dem Marquis de Chouard.«
Aus Eitelkeit, glückselig ob des Erstaunens, welches sein Vetter bezeigte, erging er sich nun in Einzelheiten: Der Marquis war Staatsrat, der Graf dagegen war soeben zum Kammerherrn der Kaiserin ernannt worden. Fauchery, der nach seinem Opernglase gegriffen hatte, betrachtete die Gräfin, eine volle Brünette mit weißer Haut und schönen schwarzen Augen.
»Du wirst so gut sein, mich während eines Zwischenaktes vorzustellen?« wandte er sich schließlich zu seinem Vetter. »Ich bin mit dem Grafen schon zusammengewesen, aber ich möchte sehr gern zu ihren dienstäglichen Empfangsabenden geladen werden.«
»Pst! Pst!« schallte es energisch von den höheren Galerien herunter. Die Ouvertüre hatte begonnen; noch immer kamen neue Besucher. Verspätete zwangen ganze Reihen von Zuschauern, die längst schon gesessen hatten, zum Aufstehen; die Logentüren knarrten und fielen ins Schloß zurück; grobe Stimmen stritten in den Gängen, und die Menge schwatzte und schwatzte wie ein Spatzenschwarm, wenn der Tag zur Neige geht. Es war ein Wirrwarr, ein Durcheinander von wogenden Köpfen und Armen; die einen setzten sich oder suchten ihre Sitze, die anderen wollten durchaus stehenbleiben, um einen letzten Blick über den Raum zu werfen. Der Ruf: »Niedersetzen! Niedersetzen!« ertönte mit Heftigkeit aus den finsteren Tiefen des hinteren Parterres. Eine lebhafte Bewegung ging durch die Menge: endlich sollte man die berühmte Nana zu sehen bekommen, mit der sich Paris schon acht Tage lang beschäftigte.
Allmählich stockte die Unterhaltung; nur ein paar schläfrige, fette Stimmen wurden noch ein paarmal laut; und inmitten dieses halblauten Geflüsters, dieses abebbenden Summens sprang aus dem Orchester ein flotter Walzer auf, dessen in die Beine fahrender einschmeichelnder Rhythmus reizte. Das heiter gestimmte Publikum lachte schon … Jetzt klatschte die auf den ersten Stühlen des Parterres sitzende Claque wütend in die Hände. Der Vorhang ging in die Höhe.
»Ei, sieh doch«, rief Faloise, der in einem fort plauderte, »dort bei Lucy steht ein Herr.«
Er betrachtete die Balkonloge rechts, deren vordere Sitze Caroline und Lucy innehatten. Im Hintergrund sah man das würdige Gesicht der Mutter Carolines und das Profil eines großen, blondhaarigen Herrn in einer Haltung, die jeden, auch den kleinsten Tadel ausschloß.
»Sieh doch«, wiederholte Faloise mit Hartnäckigkeit, »es ist ein Herr drinnen.«
Fauchery ließ sich bestimmen, sein Opernglas nach der bezeichneten Balkonloge hinaufzurichten. Aber er wendete sich sogleich wieder ab.
»Ach, das ist Labordette«, meinte er mit sorglos-unbefangener Miene, als ob die Gegenwart dieses Herrn für jedermann natürlich sein müßte und von keinerlei Belang sei.
Hinter ihnen wurde »Ruhe! Ruhe!« geschrien. Jetzt erst trat Stille im Saal ein, vom Orchester bis zum Amphitheater reckten sich die Kopfreihen erwartungsvoll aufmerksamer Zuschauer empor.
Der erste Akt der »Blonden Venus« spielte im Olymp. Zuerst traten Iris und Ganymedes auf, geleitet von einer Schar himmlischer Diener, die einen Chorgesang ausführten, während sie die Sitze der Götter für den hohen Rat zurechtstellten. Unterdessen hatte Faloise dem Auftreten Clarisse Besnus' Beifall geklatscht, einem von Bordenaves kleinen »Weiberchen«, das die Iris spielte und ganz in duftiges Blau gekleidet erschien, mit einer breiten, siebenfarbigen Schärpe, die über die Taille geschlungen war.
»Du weißt doch, daß sie den oberen Teil des Hemdes umlegt, um das blaue Gewand anziehen zu können«, wendete er sich an Fauchery und sprach dabei derart laut, daß er gehört werden mußte. »Wir haben heute morgen zur Probe kostümiert … Sie konnte das Hemd nicht so anbehalten, denn es guckte unter den Armen und am Rücken hervor.«
Eine gewisse Spannung lag jetzt über dem Saal; Rose Mignon war als Diana auf die Bühne getreten. Obwohl weder ihre Taille noch ihr ganzes Äußeres zu der Rolle paßte – sie war mager, und ihr Gesicht sah eigentümlich häßlich aus, wie das eines Pariser Gassenjungen –, erschien sie doch ganz niedlich, gleichsam wie eine Verspottung der mythischen Persönlichkeit selbst, die sie spielen sollte. Ihre erste Arie, in der sie sich mit lächerlich dummen Worten über Mars beklagte, der eben im Zuge sei, sie um der Venus willen zu verlassen, wurde mit einer schamhaften Zurückhaltung gesungen, hinter der sich aber so viel Schalkhaftigkeit barg, daß das Publikum in Hitze geriet. Der Herr Gemahl und Steiner, die Arm in Arm zusammenstanden, lachten wohlgefällig, und der ganze Saal brach in Johlen aus, als Prullière, der beliebte Schauspieler, in Generalsuniform als Mars auftrat, mit einem riesigen Federbusch am Hut und einen Säbel hinter sich herschleifend, der ihm bis an die Schulter reichte. Mars-Prullière war seinerseits Dianas überdrüssig; sie rümpfte ihm immer zu sehr die Nase. Diana dagegen schwor hoch und heilig, ihn zu überwachen und sich zu rächen. Das Duo endigte mit einem komischen Jodler, der Prullière mit seiner dem Miauen eines erregten Katers ähnelnden Stimme und seinen rollenden Bramarbasaugen überaus possierlich gelang, so daß aus den Logen helles Gelächter erschallte.
Die folgenden Szenen langweilten. Kaum gelang es dem alten Bosc, einem schwachköpfigen Jupiter, dessen Haupt von einer gewaltigen Krone bedeckt war, das Publikum auf einen Augenblick in jener Szene zu erheitern, wo er mit seiner Gattin Juno bei Gelegenheit der Bemessung des Wirtschaftsgeldes in häuslichen Streit gerät. Das Defilee der Götter Neptun, Pluto, Minerva und so weiter drohte sogar völlig schiefzugehen. Man wurde ungeduldig, und unruhiges Gemurmel schwoll langsam an, die Zuschauer verloren alles Interesse und schauten sich im Saal um. Lucy schäkerte mit Labordette; der Graf Vandeuvres streckte hinter Blanches kräftigen Schultern den Kopf hervor, während Fauchery nach der Muffatschen Familie hinüberschaute, den Grafen beobachtete, der so ernst dasaß, als habe er kein Wort bisher begriffen, oder die Gräfin anstarrte, die träumerisch umherblickte und kaum merklich lächelte. Aber plötzlich erschallte mitten in dieses allgemeine Mißbehagen das Händeklatschen der Claque. Alles wendete sich wieder der Bühne zu. War es endlich Nana? Diese Nana ließ ja entsetzlich lange auf sich warten!
Es war eine Deputation Sterblicher, welche Ganymed und Iris eingeführt hatten, respektable Bürgersleute, sämtlich gehörnte Ehemänner, die dem Herrn der Götter eine Klageschrift gegen Venus unterbreiten wollten, die die Herzen ihrer Eheweiber mit allzu viel Feuer auszustatten beliebt habe. Die Köpfe der Chorsänger waren possierlich, die Gesichter paßten trefflich zu dem Charakter, den ihre Eigner darstellten, ein Dicker vornehmlich mit einem runden Vollmondgesicht rief stürmisches Lachen hervor. Unterdessen war Gott Vulkan erschienen; grimmig nach seiner Frau forschend, die schon seit drei Tagen von ihm fortgelaufen sei. Die Rolle des Vulkan wurde von Fontan gespielt, einem Komiker von grobkörnigem Talent, der sich in einer toll-phantastischen Weise als Dorfschmied herausstaffiert hatte; er trug eine flammende Perücke, während seine nackten Arme mit von Pfeilen durchbohrten Herzen tätowiert waren. Eine Frauenstimme ertönte ganz laut im Saal: »Hu, ist das ein häßlicher Kerl!«, und alles lachte und klatschte stürmisch Beifall.
Die nun folgende Szene schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Jupiter wandte sich darin umständlich an den Götterrat, um ihm die Bittschrift der gehörnten Ehemänner zu unterbreiten … Und noch immer keine Nana! Man sparte also wohl Nana auf, bis der Vorhang fallen würde? Ein so lang hinausgezogenes Warten ärgerte schließlich das Publikum, und heftiges Gemurmel ließ sich wieder von allen Seiten vernehmen.
»Die Sache geht schief«, flüsterte Mignon mit glückselig strahlendem Lächeln Steiner zu. »Geben Sie acht, es wird ein herrlicher Durchfall!«
In diesem Augenblick zerteilten sich die Wolken im Hintergrund und Venus erschien. Nana, ein für seine achtzehn Jahre sehr großes und kräftiges Frauenzimmer, stieg, angetan mit der weißen Göttinnentunika, das lange blonde Haar über den Schultern in einem schlichten Knoten geknüpft, in ruhiger, gemessener Haltung, dem Publikum fröhlich zulachend, nach der Rampe hernieder, während sie ihr Hauptlied anstimmte: »Wenn Venus abends die Beine sich vertritt… «
Als sie den zweiten Vers sang, schaute sich alles im Saal um. War das ein schlechter Witz? Oder war Bordenave eine Wette eingegangen? Noch niemals hatte man eine Stimme gehört,die so falsch und mit so geringer Schulung sang. Auch wußte sie sich nicht einmal auf der Bühne zu bewegen, sie warf die Hände nach vorn, ihr Körper blieb in einem beständigen Schaukeln, das man wenig schicklich und höchst ungraziös fand. Oho!-Rufe wurden schon laut im Parterre und in den Logen, ja man pfiff bereits, als plötzlich aus den Fauteuils der Orchesterreihe eine jugendliche Stimme laut und deutlich durch den Saal tönte: »Herrlich! Famos!«
Alles im Saal schaute sich um. Der kleine, kaum vom Gymnasium gekommene Bruder Studio hatte den Ausspruch getan.
Als er die Blicke der Leute auf sich gerichtet sah, wurde er sehr rot darüber, daß er, ohne es zu wollen, so laut gesprochen hatte. Der ihm zur Seite sitzende Daguenet prüfte ihn mit einem lächelnden Blick, das Publikum lachte, es schien entwaffnet und dachte nicht mehr daran, zu pfeifen; ein paar junge, weißbehandschuhte Herren, die ebenfalls von der anmutigen Erscheinung Nanas in Entzücken versetzt wurden, standen mit offenem Munde da und klatschten Beifall.
»Bravo! Famos! Famos! Bravo!«
Nana indessen, als sie das Auditorium lachen sah, fing ebenfalls zu lachen an. Wenn sie lachte, zeigte sich ein reizendes Liebesgrübchen in ihrem Kinn. Nachdem sie dem Kapellmeister einen Wink gegeben hatte, der zu bedeuten schien: »Dreist vorwärts, liebes Männchen!«, begann sie das zweite Couplet: »Um Mitternacht, wenn Venus wacht… «
Es war noch die gleiche dünne, spitze Krähenstimme, aber jetzt kratzte sie das Publikum so geschickt an der richtigen Stelle, daß zuweilen ein leichtes Beben durch die Reihen lief. Nana lachte noch immer, ihr kleiner roter Mund glühte rosig, und ihre großen blauen Augen leuchteten. Bei manchen munteren Versen hob eine wilde Lüsternheit ihre Nase, deren rosige Flügel erzitterten, während eine Feuerflamme über ihre Wangen glitt. Sie fuhr fort, sich zu schaukeln und zu wiegen, denn sie wußte nicht recht, was sie beginnen sollte; und jetzt fand man diese Bewegung nicht abscheulich, im Gegenteil: die Männerwelt setzte die Operngläser an die Augen. Als das Couplet zu Ende war, war ihr die Stimme vollständig ausgegangen; aber ohne sich darüber zu beunruhigen, bewegte sie den Oberkörper mit einem Ruck der Hüften nach hinten, so daß unter der knappen Tunika, während sie die Arme in die Höhe streckte, die liebliche Rundung ihrer Formen zum Vorschein kam. Ein Sturm des Beifalls brach los. Sogleich hatte sie sich umgedreht und zeigte jetzt ihren starken Nacken, auf welchen rötlich blonde Haare gleich einem Vlies herniederfielen; der Beifallssturm wurde zu einem Orkan.
Das Ende des Aktes fiel merklich ab. Vulkan wollte Venus ohrfeigen. Die Götter hielten Rat und entschieden, daß sie sich, bevor sie den gehörnten Ehemännern Genugtuung verschaffen könnten, zu einer Untersuchung auf die Erde herabbegeben wollten. Diana, die zärtliche Worte zwischen Venus und Mars belauscht hatte, schwur, sie während der Reise nicht aus den Augen lassen zu wollen. Dann kam eine Szene, in welcher Amor, den ein zwölfjähriger Backfisch spielte, auf alle Fragen mit »Ja, Mama« und »Nein, Mama« in weinerlichem Tone antwortete, während er mit den Fingern in der Nase bohrte. Darauf sperrte Jupiter mit der Strenge eines in Zorn geratenen Herrn und Meisters den kleinen Monsieur Amor in eine schwarze Kammer und gab ihm auf, das Verbum amo zwanzigmal zu konjugieren. Dann kam das Finale, ein Chorgesang, der von den Schauspielern und dem Orchester brillant ausgeführt wurde. Aber als der Vorhang fiel, bemühte sich die Claque vergeblich, einen Hervorruf zu erzwingen; alles stand auf und bewegte sich ohne Verzug zu den Ausgängen. Man stampfte mit den Füßen, schob und stieß sich, zwischen den Reihen der Fauteuils eingezwängt, und tauschte seine Eindrücke aus. Ein einziges Wort fand schließlich den Weg durch die Menge: »Blödsinn! Gräßlicher Blödsinn!«
Ein Kritiker meinte, daß man das Ding ganz gehörig zusammenstreichen müsse. Um das Stück kümmerte man sich übrigens wenig; hauptsächlich sprach man von Nana. Fauchery und Faloise, die unter den ersten waren, die das Theater verließen, trafen im Orchestergang mit Steiner und Mignon zusammen. Es war zum Ersticken heiß in diesem engen, wie ein Minenschacht zusammengepreßten Gang, der von Gaslampen erhellt wurde. Sie blieben einen Augenblick am Fuß der Treppe unter dem Schutz des Geländervorsprungs stehen. Die Zuschauer der oberen Logen und Galerien polterten die Treppe herab.
»Ich kenne sie!« rief Steiner, sobald er Faucherys ansichtig wurde. »Ganz gewiß, ich habe sie schon wo gesehen … Im Kasino, glaube ich, und dort ist sie arretiert worden, so betrunken war sie.«
»Ich bin mir nicht ganz klar«, bemerkte der Journalist, »aber es geht mir wie Ihnen, ich bin ihr auch schon irgendwo begegnet.«
Er senkte die Stimme und setzte lachend hinzu:
»Vielleicht bei der Tricon!«
»Gewiß in irgendeinem Schmutzwinkel!« konstatierte Mignon, der lebhaft aufgeregt zu sein schien. »Es ist jämmerlich, daß das Publikum die erstbeste hergelaufene Person derartig aufnimmt. Es wird bald kein einziges anständiges Frauenzimmer mehr beim Theater sein … Den Teufel auch, wenn's mir zu bunt wird, so untersage ich meiner Rose alles weitere Spielen.«
Fauchery konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
Ein kleiner Mann, der eine Mütze mit steifem Schirm trug, sagte mit einer schleppenden Stimme:
»Oh, nicht übel, nicht übel! Ein stattliches Frauenzimmer! Da liegt noch was drin!«
Im Gange stritten sich zwei junge Männer, die mit gebranntem Haar und hohen steifen Kragen höchst elegant aussahen; der eine wiederholte in einem fort die Worte: »Abscheulich! Erbärmlich!«, ohne einen Grund für sein Urteil zu geben, der andere antwortete mit dem ebensooft gesprochenen Wort: »Reizend! Himmlisch!«, verschmähte aber ebenso jegliche Argumentation.
Faloise fand Nana ganz vortrefflich; er wagte nur die einzige Bemerkung, daß sie noch bedeutend gewinnen würde, wenn sie ihre Stimme kultivierte. Steiner, der nicht mehr zuhörte, schien plötzlich aus einem Traum emporzufahren. Man müsse abwarten. Vielleicht gehe in den folgenden Akten noch alles schief. Das Publikum habe sehr viel Beifall gezeigt, das sei nicht zu leugnen, aber ebenso sicher sei, daß es noch weit davon entfernt sei, begeistert für die neue Künstlerin zu sein. Mignon beteuerte, daß das Stück unmöglich zu Ende gespielt werden würde, und als Fauchery und Faloise sie allein ließen, um sich nach dem Foyer hinaufzubegeben, nahm er Steiner am Arm, lehnte sich an seine Schulter und flüsterte ihm ins Ohr:
»Kommen Sie, mein Bester! Sie sollten sich das Kostüm ansehen, das meine Frau im zweiten Akt tragen wird … Es ist brillant!«
Oben im Foyer brannten drei Kristallkronleuchter in hellem Lichte. Die beiden Vettern blieben einen Moment lang zögernd stehen; durch die Scheiben der Glastüren hindurch erblickte man eine Woge von Köpfen, die durch zwei Gegenströmungen in einem beständigen Wirbel gehalten wurde.
Fauchery war, um Atem zu schöpfen, auf den Balkon hinausgegangen. Faloise, der die Photographien der Schauspielerinnen studierte, die zwischen den Säulen hingen, entschloß sich endlich, ihm zu folgen. Eben hatte man die Lampenreihe an der Giebelfront des Theaters ausgelöscht. Draußen war es pechfinster, und ein frischer Luftzug wehte; der Balkon schien leer zu sein, nur ein einzelner junger Herr stand im Schatten über die Steinbrüstung gelehnt und rauchte eine Zigarette, die ab und zu aufglomm. Fauchery erkannte den Herrn: es war Daguenet. Sie tauschten einen Händedruck aus.
»Was machen Sie denn da, mein Lieber?« fragte der Journalist. »Sie verstecken sich heute in allen Ecken und Winkeln, und an anderen Premieretagen setzen Sie den Fuß nicht aus dem Parkett.«
»Ich rauche, wie Sie sehen«, erwiderte Daguenet.
Dann fragte Fauchery, um ihn zu überrumpeln:
»Sagen Sie doch, Daguenet, was denken Sie denn über die Debütantin? … Im Foyer und in den Zwischengängen reißt man sie gehörig herunter.«
»Oh«, gab Daguenet leise zur Antwort, »das sind wohl meist Leute, von denen sie nichts hat wissen wollen.«
Dies war sein ganzes Urteil über Nanas Talent. Faloise neigte sich über die Brüstung und blickte hinab auf den Boulevard. Die gegenüberliegenden Fenster eines Hotels und eines Klublokals waren hell erleuchtet, während auf dem Trottoir eine schwarze Masse die Tische des »Café Madrid« besetzt hielt.
Trotz der vorgerückten Stunde war es auf der Straße voll zum Erdrücken: man konnte nur kurze Schritte machen. Aus der Passage Jouffroy kamen beständig Leute heraus. Sie blieben manchmal fünf Minuten lang stehen, bevor ihnen die lange Reihe von vorbeifahrenden Wagen den Übergang gestattete.
»Welch ein Leben! Welch ein Lärm!« rief Faloise aus, den Paris noch in lebhaftes Erstaunen setzte.
Ein Läuten ertönte; das Foyer wurde leer. Man eilte die Verbindungsgänge entlang. Der Vorhang war aufgezogen, als noch scharenweise die Hinausgegangenen zum lebhaften Verdruß der bereits Sitzenden den Zuschauerraum wieder betraten und ihre Sitze einnahmen. Der erste Blick, den Faloise durch den Saal sandte, war auf Gaga gerichtet, aber er war verwundert, den langen blonden Herrn, den er eben erst in Lucys Loge gesehen hatte, jetzt neben Gaga stehen zu sehen.
»Wie heißt denn dieser Herr?« fragte er.
Fauchery sah ihn nicht gleich.
»Ach du lieber Gott, Labordette!« sagte er dann mit der nämlichen halb sorglosen, halb wegwerfenden Miene wie vorhin.
Die Dekoration des zweiten Aktes rief lebhaftes Erstaunen hervor. Man sah das Innere einer Winkelkneipe der Vorstadt, der »Schwarzen Kugel«, am Fastnachtsdienstag; unsaubere Masken tanzten ein Rondo, dessen Refrain sie mit Hackenklappern begleiteten, und dieser außer Rand und Band geratene Janhagel erheiterte das Auditorium dermaßen, daß das Rondo noch einmal begehrt wurde. Und hier herein trat eben die von Iris irregeleitete Götterschar, die sich törichterweise einbildete, die Erde zu kennen, in der Absicht, ihre Untersuchung abzuhalten. Sie waren maskiert, um ihr Inkognito zu wahren. Jupiter trat als König Dagobert ein, eine Eisenblechkrone auf dem Haupt und die Hosen verkehrt über die Beine gezogen. Phöbus kam als Postillion von Lonjumeau und Minerva als normannische Amme. Unbändige Heiterkeit empfing den Kriegsgott Mars, der eine extravagante Schweizer Admiralsuniform trug. Aber das Gelächter erreichte den Gipfelpunkt, als man Neptun erblickte, der mit einer blauen Leinwandbluse bekleidet war, auf dem Kopf eine hohe aufgeblähte Schirmmütze trug, unter welcher Schmachtlocken an den Schläfen hervorkamen, und der in mächtigen Pantoffeln einherschlurfte, während er mit einer speckigen Stimme die Worte lallte: »Wenn man ein sdlöner Mann ist, so muß man sich auch lieben lassen!« Lautes »Oho!« antwortete ihm, während die Damen ihre Fächer ein wenig höher emporhoben. Lucy lachte in ihrer Proszeniumsloge so laut und geräuschvoll, daß Caroline Héquet sie mit einem leichten Schlag ihres Fächers zur Ruhe auffordern mußte.
Indessen nahm die Handlung ihren Fortgang. Vulkan lief als perfekter Dandy, ganz in Gelb gekleidet, mit gelben Handschuhen, ein Monokel in das rechte Auge geklemmt, beständig hinter Venus her, die endlich als Hökerweib auf der Bühne erschien, ein Tuch um den Kopf geschlungen, mit bloßen, von dickem Goldschmuck behangenen Brüsten. Nana war so weiß und so fett, so natürlich in dieser starke Hüften und ein kräftiges Mundwerk erheischenden Rolle, daß sie im Flug das ganze Auditorium gewann. Man vergaß über ihr völlig Rose Mignon, das reizende Püppchen mit dem weiten Hut und dem kurzen Musselinröckchen, die eben mit einer allerliebsten Stimme ihre Dianenklagen seufzte. Die andere, das große, dicke Frauenzimmer, das sich auf seine feisten Schenkel schlug und wie eine Henne gluckste, erschien in so überwiegend weiblichem Nimbus und war von so kräftigem Lebensodem umhaucht, daß sich das Publikum daran berauschte. Von diesem zweiten Akt an war Nana alles erlaubt; ihre Haltung mochte kläglich sein, sie brauchte keine einzige Note zu singen, sie konnte steckenbleiben; sobald sie sich umdrehte und lachte, war alles gut, ihr Lachen genügte, um die Bravorufe aus allen Winkeln des Saales einzuheimsen. Wenn sie ihren famosen Hüftenstoß inszenierte, geriet das Parkett in Feuer, und von den Logen bis zur Galerie, bis zur Wölbung hinauf stieg die Hitze der Begeisterung.
Zwei Stücke wurden zur Wiederholung verlangt. Der Ouvertürenwalzer, jener Walzer mit dem aufreizenden Rhythmus, ertönte jetzt wieder und führte die Götter hinweg. Juno, die als Pächtersfrau kostümiert war, erwischte ihren Jupiter bei einem zärtlichen Tete-a-Tete mit seiner Waschmamsell und bedachte ihn mit Ohrfeigen. Diana, die Venus dabei erwischte, als sie Mars ein Stelldichein geben wollte, beeilte sich, an Vulkan Ort und Stunde zu verraten, worauf dieser den Ruf ausstieß: »Ha, ich habe meinen Plan!« Das übrige erschien nicht ganz verständlich. Die Untersuchung der Götterschar fand ihr Ende in einem Galoppfinale, nach dem Jupiter, außer Atem, in Schweiß gebadet und ohne Krone, die Erklärung abgab, daß die kleinen Frauen der Erde köstliche Geschöpfe seien und daß die Ehemänner samt und sonders unrecht hätten.
Der Vorhang fiel, als über die Bravos hinweg heftig geschrien wurde:
»Alle vor! Alle vor!«
Der Vorhang ging wieder in die Höhe; die Künstler, sich an den Händen haltend, traten vor, in ihrer Mitte machten Nana und Rose Mignon nebeneinander höfliche Knickse. Man klatschte, die Claque rief. Dann leerte sich der Saal langsam zur Hälfte.
»Ich muß jetzt die Gräfin Muffat begrüßen«, wandte sich Faloise zu Fauchery.
»Richtig, bei dieser Gelegenheit führst du mich dort ein«, erwiderte Fauchery; »wir wollen sogleich hinuntergehen.«
Aber es war durchaus nicht leicht, zu den Balkonlogen zu gelangen. In dem Verbindungsgang war es voll zum Erdrücken. Um sich mitten durch die Gruppen den Weg zu bahnen, mußte man bald zurücktreten, bald sich mit den Ellbogen weiterschieben.
Fauchery sah durch die runden, in den Türen befindlichen Guckfenster und überschaute rasch das Innere der Logen. Da trat der Graf Vandeuvres zu ihm und fragte ihn, wen er suche. Als er hörte, daß die beiden Vettern die Familie Muffat begrüßen wollten, zeigte er auf Loge Nummer 7, aus der er soeben herausgetreten war. Dann neigte er sich zum Ohr des Journalisten und flüsterte:
»Sagen Sie mal, mein Lieber, diese Nana ist doch sicher jenes Frauenzimmer, das wir eines Abends an der Ecke der Rue de Provence gesehen haben … «
»Wahrhaftig! Sie haben recht!« rief Fauchery aus. »Ich sagte es ja, daß ich sie schon gesehen haben müsse.«
Faloise stellte seinen Vetter dem Grafen Muffat de Beuville vor, der sich indessen äußerst kühl zeigte. Aber die Gräfin, als sie den Namen Fauchery hörte, war aufmerksam geworden und sagte jetzt dem Feuilletonisten in nicht mißzuverstehender Weise verschiedene Komplimente über seine Artikel im »Figaro«. Bisweilen schaute sie im Saal umher, hob einen ihrer Arme, die bis zum Ellenbogen hinauf in weißen Handschuhen steckten, und fächelte sich mit einer nonchalanten Bewegung Luft zu.
»Wir erwarten Sie am nächsten Dienstag«, sprach die Gräfin zu Faloise.
Dann lud sie Fauchery ein, der mit einer Verbeugung dankte. Vom Stück wurde nicht ein einziges Mal gesprochen, der Name Nana wurde nicht genannt. Der Graf bewahrte eine eisige Würde, als ob er sich in einer Sitzung der Gesetzgebenden Körperschaft befände. Um ihre Gegenwart hier zu erklären, sagte er nur, daß sein Schwiegervater sehr gern das Theater besuche. Die Tür der Loge war offengeblieben; der Marquis de Chouard, der hinausgegangen war, um den besuchenden Herren seinen Platz einzuräumen, reckte dort seine hohe Greisengestalt mit dem weichen, weißen Antlitz unter dem breitrandigen Hut und folgte den vorübergehenden Damen mit seinen trüben Augen.
Sobald die Gräfin ihre Einladung an die beiden Herren gerichtet hatte, empfahl sich Fauchery, da er fühlte, daß es unschicklich sein würde, vom Stück zu sprechen. Faloise folgte seinem Beispiel und ging ebenfalls hinaus. Er hatte soeben in der Loge des Grafen Vandeuvres die vierschrötige Gestalt des blonden Labordette gesehen, der in reger Unterhaltung mit Blanche de Sivry begriffen war.
»Nanu«, sagte er, als sein Vetter wieder zu ihm getreten war, »dieser Labordette kennt wohl alle Frauenzimmer? Sieh, jetzt hält er sich wieder bei Blanche auf.«
»Na, ohne Zweifel kennt er sie alle«, gab Fauchery nachlässig zur Antwort. »Du solltest doch wissen, daß er jede schon wenigstens einmal besucht hat.«
Auf dem Gang draußen war es ein wenig leer geworden. Fauchery wollte eben hinuntergehen, als Lucy Stewart ihn anrief. Sie stand ganz im Dunkel, neben der Tür ihrer Loge. Man brate drinnen, meinte sie und nahm jetzt in Gemeinschaft mit Caroline Héquet und ihrer Mutter, die Pralinés knabberten, die ganze Breite des Korridors ein. Eine Logenschließerin plauderte mit ihnen. Lucy schalt den Journalisten: er sei wirklich ein allerliebstes Herrchen, besuche alle möglichen anderen Frauen und kümmere sich nicht einmal darum, ob sie Durst hätten! Dann sprang sie gleich auf ein anderes Thema über und meinte:
»Höre, mein Lieber, ich muß dir sagen, ich finde Nana ganz charmant.«
Sie wollte haben, daß er während des Schlußaktes in ihre Loge komme, aber er entschlüpfte mit dem Versprechen, sie am Ausgang treffen zu wollen. Unten vor dem Theater zündeten sich Fauchery und Faloise Zigaretten an. Eine dichte Reihe Menschen versperrte den Bürgersteig. Sie waren auf den Treppengang hinausgetreten, um die frische Nachtluft zu genießen.
Unterdessen hatte Mignon seinen Freund Steiner in das »Café des Variétés« geschleppt. Als er den Erfolg Nanas für sicher erkannte, hatte er enthusiastisch von ihr zu sprechen begonnen, wobei er den Bankier verstohlen betrachtete. Er kannte ihn, zweimal hatte er ihm geholfen, Rose zu hintergehen, und, wenn die Laune verrauscht war, ihn als reuigen, getreuen Liebhaber ihr wieder zugeführt.
In dem Café drängten sich die Gäste schon um die Marmortische; ein paar Herren gössen stehend ein Gläschen hinunter; die breiten Spiegelscheiben reflektierten dieses Gewimmel von Köpfen ins Endlose und ließen den engen Saal mit seinen drei Kronleuchtern, den schwarzen Plüschbänken und der rot drapierten Wendeltreppe weit größer erscheinen, als er in Wirklichkeit war. Steiner suchte sich einen Platz an einem Tisch im ersten Saal, der auf den Boulevard hinausging und dessen Türen man ein wenig frühzeitig für die Saison ausgehoben hatte. Als Fauchery und Faloise vorüberschritten, hielt sie der Bankier zurück.
»Trinken Sie doch ein Glas Bier mit uns!«
Ein Einfall hatte sich seiner bemächtigt: er wollte Nana ein Bukett zuwerfen. Hastig rief er einen Kellner des Cafés heran, den er einfach »Auguste« nannte. Mignon, der zuhörte, schaute ihn mit einem so durchdringenden Blick an, daß er aus dem Konzept geriet und verwirrt stammelte:
»Zwei Buketts, Auguste, und geben Sie sie bei der Schließerin ab, für jede der beiden Damen eins; im günstigen Moment soll sie sie ihnen zuwerfen, verstanden?«
Am anderen Ende des Saals, mit dem Rücken gegen die Umrahmung eines Spiegels gelehnt, saß ein Mädchen von höchstens achtzehn Jahren, unbeweglich, wie müde von langem, vergeblichem Warten, vor einem leeren Glase. Sie trug ein mattgrünes Seidenkleid und einen runden Hut, dessen Boden gewaltsam eingeschlagen erschien. Unter den natürlichen Locken ihrer schönen aschblonden Haare blickte ein jungfräuliches Antlitz mit sanften, milden Samtaugen hervor.
»Ei der Tausend!« murmelte Fauchery, als er sie erblickte.
»Da ist ja Satin!«
Faloise fragte ihn, wer das sei. Oh, eine Straßendirne, sonst nichts. Aber sie sei so originell und pikant, daß man sich gern den Spaß mache, mit ihr zu reden. Der Journalist fragte das Mädchen:
»He, Satin, was machst du denn hier?«
»Ach, ich langweile mich wie ein Mops«, versetzte Satin, ohne sich vom Platze zu rühren.
Die vier Männer lachten. Das Frauenzimmer gefiel ihnen. Mignon versicherte, daß man sich nicht im geringsten zu beeilen brauche, es würden noch volle zwanzig Minuten vergehen, bevor die Dekoration des dritten Aktes in Ordnung sei. Aber die beiden Vettern, die ihr Bier bereits ausgetrunken hatten, wollten hinaufgehen, die kalte Luft behagte ihnen nicht. Als Mignon mit Steiner allein war, lehnte er sich an ihn und sagte ihm gerade ins Gesicht:
»Abgemacht also, Steinerchen, nicht wahr? Wir gehen zu ihr, ich werde Sie einführen … Sie verstehen, das bleibt unter uns, meine Frau braucht davon nichts zu wissen.«
Als sie auf ihre Plätze zurückgekehrt waren, bemerkten Fauchery und Faloise in der zweiten Logenreihe eine hübsche, mit feiner Bescheidenheit gekleidete Frau. Sie war in Gesellschaft eines ernst aussehenden Herrn, eines Bürochefs im Ministerium des Innern, den Faloise kannte, da er ihn bei Muffat getroffen hatte. Fauchery seinerseits glaubte, die Dame nenne sich Madame Robert; sie sei eine ehrbare Frau, die nie mehr als einen einzigen Liebhaber, und zwar immer einen respektablen Herrn, zu haben pflege.
Aber sie mußten schweigen, denn Daguenet lächelte ihnen zu. Jetzt, da Nana Erfolg gehabt hatte, verbarg er sich nicht mehr, sondern zeigte sich mit triumphierender Miene in den Gängen. Sein Nachbar, der Student, dagegen hatte seinen Sessel nicht verlassen; er saß wie angenagelt da, die Bewunderung für Nana hatte ihn geradezu gelähmt. Das also war sie, das also war das Weib! Er wurde rot bis über beide Ohren und zog in Gedanken seine Handschuhe an und aus. Dann wagte er an seinen Nachbarn, den er von Nana hatte sprechen hören, die Frage:
»Sie verzeihen, mein Herr, kennen Sie die Dame vielleicht, die die Venus spielt?«
»O ja, ein wenig«, gab Daguenet überrascht und zögernd zur Antwort.
»Dann wissen Sie möglicherweise auch, wo sie wohnt?« Die Frage war so plump und geradezu gestellt, daß Daguenet große Lust verspürte, sie mit einer Ohrfeige zu beantworten. »Nein«, versetzte er trocken und wandte den Kopf zur Seite. Der blonde Jüngling begriff, daß er eine Unschicklichkeit begangen hatte, errötete noch mehr und blieb in großer Bestürzung sitzen.
Jetzt erschallten die drei Schläge; der letzte Akt begann. Die Claque beklatschte die Dekoration, die eine in einer Silbergrube ausgehöhlte Grotte des Ätna darstellte, deren Seitenwände hell wie neue Talerstücke schimmerten; im Hintergrund stand Vulkans Schmiede, deren Esse den Eindruck eines niedergehenden Gestirns machte. Diana verständigte sich mit dem Gott über die im zweiten Akt offengebliebenen Differenzen; Vulkan sollte eine Reise erheucheln, um für Venus und Mars freie Bahn zu lassen. Kaum befand sich Diana allein, als Venus erschien. Ein aufgeregtes Beben durchlief den Saal. Nana war nackt. Sie zeigte sich in ihrem Kostüm mit ruhiger, bewußter Kühnheit, des Allvermögens ihrer Reize gewiß. Ein loser Gazeschleier umhüllte sie; ihre vollen Schultern, ihr Amazonenbusen unter dem leichten Schleier, der die Farbe weißen Schaumes hatte, schimmerten hindurch. Die den Fluten entstiegene Venus, deren schönste Bekleidung ihr wallendes Haar ist, zeigte sich hier dem Publikum. Plötzlich erwachte in dem kindisch-gutherzigen Geschöpf das Weib, das mit seinem unruhigen Drang all das Unbekannte der Begierde erschließt und die Weiblichkeit triumphieren läßt. Nana lächelte, aber ihr Lächeln war jenes scharfe, spitze Lächeln des Männerherzen aussaugenden Vampirs. – »Alle Teufel!« wandte sich Fauchery an seinen Freund.
Mars eilte inzwischen mit seinem wallenden Federbusch zum Rendezvous herbei und stand jetzt zwischen den beiden Göttinnen. Nun folgte eine Szene, die Prullière mit aller ihm eigenen Finesse spielte; geliebkost von Diana, die noch eine letzte Anstrengung an ihn verschwenden wollte, bevor sie ihn dem Vulkan überlieferte, gestreichelt von Venus, die durch die Gegenwart ihrer Rivalin noch mehr gereizt wurde, überließ er sich den süßen Empfindungen mit dem glückstrahlendsten Gesicht und blähte sich auf wie der Vogel im Hanfsamen. Ein großes Trio bildete den Schluß der Szene, und in diesem Augenblick trat eine Schließerin in die Loge von Lucy Stewart und warf zwei ungeheure Buketts von weißem Flieder auf die Bühne. Man applaudierte; Nana und Rose Mignon knicksten, während Prullière die Buketts aufhob. Ein Teil der im Parkett sitzenden Personen blickte lächelnd zu der Loge hinauf, in welcher Steiner und Mignon saßen. Der Bankier, dem das Blut ins Angesicht getreten war, bebte am ganzen Körper, sein Kinn zitterte konvulsivisch, gerade als ob ihm etwas in der Kehle steckengeblieben wäre.
Was nun folgte, war dazu angetan, das Publikum vollends zu packen. Diana war wütend davongerast. Gleich darauf rief Venus, die sich auf eine Moosbank hingestreckt hatte, Mars an ihre Seite. Noch niemals hatte man eine glühendere Verführungsszene dem Publikum zu zeigen gewagt. Nana, die ihre Arme um Prullières Hals schlang, zog ihn zu sich nieder, als plötzlich Fontan in einem trefflich nachgeahmten Anfall toller Wut, mit dem glühend erregten Gesicht des gefoppten Ehemanns, der seine Frau auf frischer Tat überrascht, im Hintergrund der Grotte erschien und das berüchtigte Eisenmaschennetz wild in den Händen schwang. Ein Moment noch, dann ein geschickter Ruck, und Venus und Mars waren in der Schlinge gefangen; das Netz umschlang sie, und bewegungslos mußten sie in ihrer verliebten Positur verharren.
Ein Gemurmel wurde laut und schwoll an gleich einem aufsteigenden Seufzer. Ein paar Hände klatschten, sämtliche Augengläser und Operngläser waren auf Venus gerichtet. Allmählich hatte Nana vom Publikum Besitz ergriffen, jedermann war ihr jetzt untertan. Das Fluidum, das von ihr ausging, breitete sich mehr und mehr aus und erfüllte den Saal. In diesem Augenblick atmeten auch ihre leisesten Gebärden Wollust; eine einzige Bewegung ihres kleinen Fingers ließ jedes Männerherz stillstehen … Fauchery sah vor sich den jungen Bruder Studio, den die Flammen der Leidenschaft von seinem Fauteuil emporhoben. Er fühlte eine neugierige Regung, den Grafen Vandeuvres zu betrachten, der bleich mit zusammengekniffenen Lippen auf seinem Sessel lehnte; dann glitt sein Blick auf den dicken Steiner, dessen Gesicht in apoplektischer Röte glühte; dann auf Labordette, der mit dem Erstaunen eines eine vollendete Stute bewundernden Pferdehändlers sein Monokel ins Auge drückte; endlich auf Daguenet, dessen Ohren flammten und im Gefühl befriedigten Sinnenrausches sich bewegten. Dann trieb ihn ein instinktartiges Gefühl, vorwärts zu schauen, und er blieb einen Moment lang verdutzt über das, was sein Blick in der gräflichen Loge der Muffats erschaute: hinter der Gräfin, die blaß und ernst aussah, richtete sich die Gestalt des Grafen empor, dessen Mund offenstand. Sein marmornes Angesicht war rot gefleckt, und neben ihm tauchten aus dem Schatten die trüben Augen des Marquis de Chouard auf, die sich zu einem Paar phosphoreszierender Katzenaugen umgewandelt hatten.
Nana, die kühne Nana, blieb angesichts dieses verblüfften Publikums, angesichts dieser fünfzehnhundert zusammengepferchten Personen, die abgespannt, nervös erregt nur für das seinem Ende zuneigende Schauspiel Sinn hatten, Nana blieb Siegerin. Der Vorhang sank über die Apotheose: Der Chor der Gehörnten lag auf den Knien, einen Dankeshymnus zu Venus emporsendend, die in ihrer souveränen Nacktheit lächelte und zu unsagbarer Größe emporwuchs.
Die Zuschauer waren bereits aufgestanden und eilten nach den Ausgangstüren. Man rief die Autoren, und inmitten der donnernden Bravorufe erfolgten zwei Hervorrufe: »Nana! Nana!« Dieser Schrei packte die Menge wie rasend. Dann wurde es finster, obwohl der Saal noch nicht leer war, die Lampenreihe auf der Bühne verlosch, der Kronleuchter wurde heruntergeschraubt, lange Ziehdecken aus grauer Leinwand glitten über die Logen, verhüllten die Vergoldungen der Galerien. Der Saal, der eben noch so heiß, so lärmend gewesen war, versank plötzlich in einen schweren, dumpfen Schlaf, und ein Moder- und Staubgeruch stieg auf. An der Brüstung ihrer Loge lehnte die Gräfin Muffat. Sie wartete, bis die Menge sich verzogen hatte, und schaute, in ihren Pelz gehüllt, nieder in die langsam eintretende Finsternis des Saales. Fauchery und Faloise hatten, um den Ausgang beobachten zu können, eiligst den Saal verlassen. Das Vestibül entlang bildeten die Herren Spalier, während die Doppeltreppe hinab sich schrittweise zwei endlose, regelrechte geschlossene Reihen bewegten. Steiner, den Mignon mit sich zog, war einer der ersten gewesen, der die unteren Räume erreichte. Der Graf von Vandeuvres kam mit Blanche de Sivry am Arm. Einen Moment lang schienen Gaga und ihre Tochter verlegen, daß sie eines männlichen Schutzes entbehrten, aber Labordette eilte herbei und besorgte ihnen einen Wagen, dessen Tür er galant hinter ihnen schloß. Niemand aber hatte Daguenet das Theater verlassen sehen. Als der kleine Bruder Studio mit glühenden Wangen, entschlossen, vor der Schauspielertür zu warten, nach der Passage des Panoramas rannte, deren Gitter er aber verschlossen fand, streifte Satin, die auf dem Gehsteig stand, seine Beine mit ihren Röcken; aber er schob sie, von Verzweiflung gepackt, ohne weiteres beiseite und verschwand dann, von Liebe getrieben und fast in Tränen über seine Unbeholfenheit. Verschiedene Herren steckten sich behaglich Zigarren an und entfernten sich, die Melodie »Wenn Venus abends Pflaster tritt« vor sich her summend. Satin war nach dem »Café des Variétés« zurückgegangen, wo Auguste ihr gestattete, die von den Gästen übriggelassenen Zuckerstücke zu verzehren. Ein großer dicker Mann, der sehr erhitzt aus dem Lokal trat, nahm sie endlich in den Schatten des langsam einschlafenden Paris mit sich. Noch immer aber kamen Leute aus dem Theater. Faloise wartete auf Clarisse; Fauchery hatte versprochen, Lucy Stewart mit Caroline Héquet und ihrer Mutter nach Hause zu bringen. Sie kamen, nahmen fast eine ganze Ecke des Vestibüls in Beschlag und lachten laut auf, als die gräflichen Muffat jetzt mit eisiger Miene vorüberschritten. Bordenave hatte eben eine kleine Tür aufgestoßen und verlangte von Fauchery das förmliche Versprechen einer eingehenden Besprechung des Abends. »Auf zweihundert Vorstellungen dürfen Sie mit Sicherheit zählen!« redete Faloise ihn mit verbindlicher Höflichkeit an.
»Ganz Paris wird Ihr Theater beehren!«
Aber Bordenave zeigte ärgerlich mit einem heftigen Ruck seines Kinns auf das Publikum im Vestibül, auf jene Rotte Männer mit trockenen Lippen und Feueraugen, die lüstern nach dem Besitz Nanas glühten, und schrie dem jungen Mann heftig zu:
»So sagen Sie doch: mein Bordell, Sie verwünschter Dickschädel!«
Kapitel 2
Am anderen Morgen schlief Nana noch um zehn Uhr. Sie bewohnte auf dem Boulevard Haussmann die zweite Etage eines großen neuen Gebäudes, dessen Eigentümer an ledige Damen vermietete, um seine Zimmer »trocken wohnen« zu lassen. Ein reicher Handelsherr aus Moskau, der für eine Wintersaison nach Paris gekommen war, hatte sie hier einquartiert und auf ein Halbjahr den Mietzins voraus entrichtet. Die Wohnung, die viel zu geräumig für sie war, wurde niemals vollständig ausmöbliert; ein prahlerischer Luxus, vergoldete Konsolen und Sessel fanden sich neben altem Trödelkram aus Rückkaufsgeschäften, Mahagoni-Nipptischchen und Zinkkandelabern, die Florentiner Bronzen darstellten. Dies alles gab ein Bild von dem Milieu einer Dirne, die von ihrem ersten ernstlichen Verehrer zu früh sitzengelassen und nun wieder zweifelhaften Liebhabern in die Arme gefallen war. Nanas Debüt war im großen ganzen keineswegs leicht gewesen, ihr Eintritt in die Welt völlig verunglückt; in diesem Augenblick war ihre Lage besonders schwierig, denn niemand wollte ihr mehr borgen, und jeden Augenblick konnte es geschehen, daß sie vom Hauswirt an die Luft gesetzt wurde.
Nana schlief auf dem Bauch, das Kopfkissen, in das sie ihr schlaftrunkenes Gesicht vergrub, preßte sie zwischen ihre nackten Arme. Das Schlafgemach und das Ankleidezimmer waren die beiden einzigen Räume, deren Einrichtung von einem Tapezierer des Stadtviertels besorgt worden war. Ein Lichtschimmer glitt unter einem Vorhang herein, man unterschied das Palisandermobiliar, die damastnen Vorhänge und Sitze, deren Muster große, blaue Blumen auf grauem Untergrund zeigte. Aber in der dumpfen Luft dieses verschlafen daliegenden Gemachs fuhr jetzt Nana jäh aus ihrem Schlummer auf: sie schien erstaunt zu sein, den Platz neben sich leer zu finden. Sie betrachtete das zweite Kissen, das neben dem ihrigen lag und noch die laue Höhlung eines Kopfes inmitten des Spitzenbesatzes zeigte. Sie tastete mit ihrer Hand nach dem Kopfende des Bettes und drückte auf den Knopf eines dort angebrachten elektrischen Klingelzuges.
»Ist er denn schon fortgegangen?« fragte sie die in das Gemach tretende Zofe.
»Ja, Madame, Herr Paul ist schon gegangen, es sind aber kaum zehn Minuten her … Da Madame noch müde war, wollte er Sie nicht aufwecken. Aber er hat mich beauftragt, Ihnen zu sagen, daß er morgen wiederkommen werde.«
Zoé, die Zofe, öffnete die Jalousien. Das volle Tageslicht flutete herein … Zoé war eine lange Brünette mit einem gelblich-blassen Teint; das mit Blatternarben bedeckte Gesicht mit dem breiten Mund, der platten Nase, den dicken, aufgeworfenen Lippen und den unaufhörlich in Bewegung befindlichen kohlschwarzen Augen umrahmte oberhalb das glatt an der Stirn herabgescheitelte Haar.
»Morgen, morgen«, wiederholte Nana, die noch immer halb verschlafen war; »ist denn das der Tag, morgen?«
»Ja, Madame, Herr Paul pflegt immer am Mittwoch zu kommen.«
»Nicht doch, mir fällt ein«, rief Nana und setzte sich im Bett auf, »das hat sich ja alles geändert! Ich wollte ihm das heute morgen sagen … Er könnte leicht mit dem ,Mulatten' zusammengeraten, das könnte eine schöne Bescherung geben!«
»Madame hat mir nichts davon gesagt, ich konnte das also nicht wissen«, gab Zoé zur Antwort. »Wenn Madame ihre Besuchstage zu ändern beliebt, so sollte sie mir Kenntnis davon geben, damit ich mich zu verhalten weiß … Der alte Geizkragen darf also dienstags nicht mehr kommen?«
Sie pflegten unter sich, ohne den Mund dabei zu verziehen, mit den Namen »alter Geizkragen« und »Mulatte« die beiden zahlenden Männer zu titulieren, von denen der eine ein Kaufmann aus dem Faubourg Saint-Denis mit großen Sparanlagen, der andere ein Walache, ein angeblicher Graf war, dessen Geldquelle nicht nur sehr unregelmäßig floß, sondern auch höchst zweifelhaften Ursprungs war. Daguenet hatte die Morgenstunden jener Tage mit Beschlag belegt, in deren Nächten der alte Geizkragen hier zu weilen pflegte; da der Kaufmann am frühen Morgen, spätestens gegen acht Uhr, zu Hause sein mußte, paßte der junge Mann immer in der Küche sein Fortgehen ab und nahm dann bis gegen zehn Uhr dessen warmen Platz ein. Nachher ging auch er seinen Geschäften nach. Nana und Daguenet fanden diese Einrichtung höchst bequem.
»Eine schlimme Geschichte!« meinte Nana. »Ich will ihm ein paar Zeilen schreiben; und sollte er meinen Brief nicht bekommen, so läßt du ihn morgen nicht eintreten.«
Unterdessen schritt Zoé mit leichten Tritten in dem Schlafzimmer auf und ab. Sie sprach von dem großen Erfolg des gestrigen Abends. Madame habe ein so großes Talent gezeigt, so vortrefflich gesungen! Oh, von jetzt an brauche Madame sich keine Sorgen mehr zu machen!
Nana, die sich mit dem Ellbogen auf das Kissen stützte, antwortete nur durch ein Wiegen ihres Kopfes. Ihr Hemd war herabgeglitten, die aufgelösten wirren Haare rollten über ihre nackten Schultern.
»Gewiß! Gewiß!« murmelte sie, in Träumen versinkend. »Aber wie soll man es machen, um das abzuwarten? Ich werde heute wieder alle möglichen Widerwärtigkeiten zu hören kriegen … Sag', ist der Portier heute morgen noch nicht oben gewesen?«
Nun plauderten beide sehr ernst. Madame schuldete drei Mietbeträge, der Hausherr sprach bereits von Beschlagnahme des Mobiliars. Dann kam die lange Reihe anderer Gläubiger, die alle schon mehr als ungeduldig nach Geld drängten: ein Wagenverleiher, eine Wäscherin, ein Damenschneider, ein Kohlenhändler und noch verschiedene andere, die sich tagtäglich auf einer Bank im Vorzimmer festzusetzen pflegten; der Kohlenhändler besonders war ein gräßlicher Gesell, er schrie ohne Rücksicht auf der Treppe laut nach seinem Geld. Aber der Hauptkummer Nanas war ihr kleiner Louis, ein Kind, das sie mit sechzehn Jahren gehabt hatte und das sie bei seiner Amme in einem Dorf in der Nähe von Rambouillet gelassen hatte. Dieses Weib verlangte dreihundert Franken, wenn es den kleinen Louis wieder hergeben sollte. Seit dem letztenmal, da sie das Kind besucht hatte, verzweifelte Nana in einem Anfall von Mutterliebe schier bei dem Gedanken, ob ihr Vorhaben, die Pflegerin zu bezahlen und den Kleinen zu ihrer Tante, einer Madame Lerat, nach Batignolles zu bringen, wo sie ihn zu jeder Stunde sehen könnte, je zu verwirklichen war.
Während Nana, in Sinnen versunken, auf dem Bettrand saß, machte Zoé die Andeutung, daß Madame ihre bedrängte Lage dem alten Geizkragen hätte offenbaren sollen.
»Ach Gott, ich hab' ihm ja doch alles längst gesagt«, rief Nana; »er hat mir geantwortet, daß er in der letzten Zeit zu starke Verluste gehabt hat … Der Lump kann sich von seinen Millionen nicht trennen. Und der Mulatte liegt jetzt auch krumm, ich glaube, er hat alles im Spiel verloren … Und was den armen Mimi anbetrifft, so könnte er selber brauchen, daß man ihm was pumpte; die letzte Baisse hat ihn ganz ausgeplündert, er kann mir jetzt nicht einmal mehr Blumen mitbringen.«
Die letzten Worte bezogen sich auf Daguenet. Nana hatte, wenn sie sich dem Nachdenken über ihre Lage überließ, vor Zoé kein Geheimnis. Die Zofe, die an derlei Vertraulichkeiten gewöhnt war, nahm sie mit respektvoller Teilnahme entgegen. Da Madame sie würdige, von ihren Angelegenheiten mit ihr zu sprechen, dürfe sie sich wohl erlauben, ihren Gedanken über die dermalige Lage Ausdruck zu geben. Vor allen Dingen sei sie Madame in aufrichtiger Liebe zugetan, sie habe ihretwegen Madame Blanche im Stich gelassen, und Madame Blanche setze, weiß Gott, Hände und Beine in Bewegung, um sie wiederzubekommen! An Stellen fehle es ja nicht, sie habe ja Bekanntschaften genug, aber sie sei, selbst in Zeiten der größten Klemme, bei Madame gebliebert, weil sie eben fest an die Zukunft von Madame glaube. Und zum Schluß ließ sie ihre Ratschläge von Stapel. Solange man jung sei, begehe man eben noch Dummheiten. Jetzt müsse man aber die Augen offenhalten, denn die Männer dächten an nichts anderes als an Scherz und Vergnügen. Oh, da solle doch kommen, was da wolle! Madame brauche ja nur ein Wort zu sagen, um ihren Gläubigern den Mund zu stopfen und um das Geld zu bekommen, das sie benötige.
»Mit all deinen Reden aber bekomme ich keine dreihundert Franken«, versetzte Nana und vergrub die Finger in die wirr herabhängenden Locken. »Und dreihundert Franken muß ich haben, heute, auf der Stelle … Es ist scheußlich, daß man keinen Menschen kennt, der einem dreihundert Franken gibt.«
Sie suchte unter ihrer Bekanntschaft; sie dachte einen Augenblick an Madame Lerat, die sie gerade am heutigen Morgen erwartete, um sie nach Rambouillet zu schicken. Ihre verdrießliche Stimmung, die Sehnsucht nach ihrem Kinde verdarb ihr den Triumph des gestrigen Abends. Sich sagen zu müssen, daß es unter all jenen Männern, die ihr Beifall geklatscht hatten, keinen einzigen gebe, der ihr fünfzehn Louisdor borgen würde! Und dann könne man ja Geld noch nicht einmal ohne alles weitere annehmen! Mein Gott! Wie unglücklich sie doch war! Und immer und immer wieder kamen ihre Gedanken zurück auf ihren kleinen Herzbuben, der so schöne blaue Engelsaugen hatte, der so possierlich »Mama!« stammelte, daß sie vor Freude schier hätte sterben mögen.
Im selben Augenblick aber ertönte die elektrische Glocke. Zoé kam zurück und meldete mit einer vertraulichen Gebärde:
»Eine Frau ist draußen.«
Sie hatte das Weib zwanzigmal schon gesehen, aber sie tat immer, als kenne sie sie nicht und auch nicht die Beziehungen, in denen sie zu den Pariser Damen vom Schlage Nanas stand, die fortwährend in der Geldklemme sitzen.
»Sie hat mir ihren Namen genannt … Madame Tricon!«
»Die Tricon!« schrie Nana. »Ach, wahrhaftig, die hab' ich ja vergessen … Laß sie eintreten!«
Zoé führte eine alte Dame von hoher Gestalt herein, die lange Locken trug und die ganze Haltung einer Frau von Adel hatte, die Besuche bei ihren Anwälten macht. Dann verschwand Zoé geräuschlos, mit jener schlangenhaften, geschmeidigen Behendigkeit, mit der sie stets aus dem Zimmer glitt, sobald ein Herr eintrat. Übrigens hätte sie ruhig bleiben können, denn die Tricon setzte sich nicht einmal; nur wenige kurze Worte wurden zwischen den Frauen gewechselt.
»Ich habe heute jemanden für Sie … Haben Sie Lust?«
»Ja … wieviel wirft's ab?«
»Zwanzig Louisdor … Abgemacht?«
»Abgemacht!«
Dann sprach die Tricon sogleich vom Wetter; es sei recht hübsch trocken heute, recht angenehm zum Gehen. Sie müsse noch vier bis fünf Personen aufsuchen und könne darum nicht lange bleiben; als sie sich verabschiedete, warf sie flugs einen Blick in ein kleines Notizbuch. Sobald Nana allein war, atmete sie erleichtert auf. Ein leichtes Beben glitt über ihre Schultern, und fröstelnd kroch sie wieder in das warme Bett und räkelte sich behaglich mit der Faulheit einer verwöhnten Katze. Allmählich schlössen sich ihre Augen, sie lächelte bei dem Gedanken, daß sie morgen ihren kleinen Louis recht niedlich herausputzen wollte, während in dem Schlummer, der sie jetzt umfing, ihr fieberhaftes Träumen der vergangenen Nacht, ein langanhaltendes Rollen von Bravorufen wiederkehrte und sie in Schlaf lullte.
Um elf Uhr, als Zoé Madame Lerat ins Zimmer hereinführte, schlief Nana noch. Aber das Geräusch, das die Eintretenden machten, weckte sie auf:
»Ach, du bist's … Du sollst heute nach Rambouillet fahren!«
»Ich komme ja deshalb her«, erwiderte die Tante. »Es geht gegen Mittag ein Zug; ich habe Zeit, ihn zu benutzen.«
»Nein, ich werde erst zu einer späteren Stunde Geld haben«, versetzte Nana, die sich jetzt im Bett aufrichtete und den Hals weit vorreckte. »Du kannst mit mir frühstücken, wir wollen dann sehen.«
Zoé trug einen Frisiermantel herein.
»Madame«, sprach sie leise, »der Friseur ist da.«
Aber Nana hatte keine Lust, in das Toilettenkabinett zu gehen. Sie rief deshalb: »Kommen Sie nur hier herein, Francis!« Ein sauber gekleideter Herr stieß die Tür auf. Er grüßte. Nana war eben aus dem Bett gekrochen und stand barfüßig da. Sie hatte es nicht sonderlich eilig und streckte die Hände vor, damit Zoé die Ösen des Mantels zuheften könne. Und Francis, der sich hier ganz behaglich zu fühlen schien, wartete ruhig, ohne sich umzudrehen. Als sich Nana gesetzt und er den ersten Strich mit dem Kamm durch ihr Haar geführt hatte, begann er zu sprechen.
»Madame hat wohl die Zeitungen noch nicht gelesen? Der ,Figaro' bringt einen ausgezeichneten Artikel.«
Er hatte die betreffende Nummer der Zeitung gekauft. Madame Lerat setzte sich die Brille auf und las, am Fenster stehend, den Artikel laut vor. Ihre Gendarmenfigur reckte sich in die Höhe, die Flügel ihrer Nase weiteten sich, wenn sie ein galantes Adjektivum aus ihrem Munde schnellte. Es war eine Rezension aus Faucherys Feder, die, nach Schluß des Theaters geschrieben, in zwei Spalten glühenden Inhalts die Künstlerin auf geistvolle Weise verhöhnte, das Weib aber in unverblümter Bewunderung verherrlichte.
»Ausgezeichnet!« meinte Francis.
Nana ärgerte sich nicht wenig, daß man sich über ihre Stimme lustig machte. Dieser Fauchery war wirklich ein toller Wicht, aber sie wollte ihm seine schlaue Manier schon austreiben! Madame Lerat erklärte, nachdem sie den Artikel nochmals gelesen hatte, daß die Männer samt und sonders den Teufel in den Waden hätten, und verzichtete, zufrieden über diese Anspielung, auf weitere Erklärungen. Francis hatte inzwischen die Frisur von Nanas Haarputz vollendet und empfahl sich mit den Worten:
»Ich werde die Abendzeitungen aufmerksam durchsehen … Wie gewöhnlich um halb sechs Uhr heute, nicht wahr?«
»Bringen Sie mir doch eine Büchse Pomade und ein Pfund gebrannte Mandeln von Boissier mit!« rief ihm Nana durch den Salon nach, als er eben die Tür draußen schloß.
Jetzt fiel es den beiden Frauen, als sie sich allein sahen, erst ein, daß sie sich noch gar nicht begrüßt hatten, und sie drückten sich flugs ein paar derbe Küsse auf die Wangen. Der Zeitungsartikel hatte sie warm gemacht. Nana, bisher noch verschlafen, wurde wieder von dem Fieber ihres Triumphs ergriffen. Ah, Rose Mignon mochte einen reizenden Vormittag verleben! Da ihre Tante nicht hatte ins Theater kommen wollen, weil ihr aufregende Szenen, wie sie sagte, immer die Verdauung störten, schickte sich Nana an, ihr den Verlauf des Abends zu erzählen, und berauschte sich an ihren eigenen Schilderungen dermaßen, daß sie fast selber glaubte, ganz Paris sei unter dem Beifallssturm zusammengestürzt. Dann unterbrach sie sich plötzlich und fragte lachend: wer ihr das wohl vorausgesagt hätte, als sie noch in der Rue de la Goutte d'Or als kleines Ding auf dem Hintern herumgerutscht sei. Madame Lerat schüttelte den Kopf. Nein, nein, so etwas hätte man wahrlich nicht voraussehen können! Nun begann die Lerat zu sprechen, nahm eine ernste, würdige Miene an und nannte Nana ihre »liebe Tochter«. Sei sie denn nicht ihre zweite Mutter, seit die rechte mit Papa und Großmama wiedervereinigt war? Nana überkam eine lebhafte Rührung, sie war nahe daran, in Tränen aufzubrechen. Aber Madame Lerat betonte: »Hin ist hin«, und es lasse sich daran nichts ändern, das beste sei, vergangene Dinge nicht tagtäglich aufzurühren. Lange Zeit habe sie es unterlassen, ihre Nichte zu besuchen, denn man klage sie in der Familie an, daß sie sich mit der Kleinen zugrunde richte. Sie verlange durchaus keine vertraulichen Geständnisse, sie glaube schon selbst, daß sie immer ehrbar gelebt habe. Jetzt sei es ihr vollauf genügend, daß sie sie in guten Verhältnissen finde und daß sie sehen könne, mit welcher Liebe sie an ihrem kleinen Sohn hänge. Es gelte doch noch immer in dieser Welt nichts so viel wie Ehrbarkeit und Fleiß.
»Von wem hast du denn eigentlich den Kleinen?« fragte sie, sich plötzlich unterbrechend, während ihre Augen von lebhafter Neugier aufleuchteten.
Nana war überrascht und zögerte eine Sekunde mit der Antwort.
»Von einem Herrn«, meinte sie dann.
»Ah«, sagte die Tante, »man wollte wissen, du hättest ihn von einem Maurer, der dich zum Dank dafür mit Schlägen traktierte … Na, du wirst es mir schon später einmal noch sagen, du weißt ja, daß ich verschwiegen bin! Warte nur, ich will ihn auch hüten und pflegen, als ob er ein Prinz wäre.«
Madame Lerat hatte ihr Kunstblumengeschäft aufgegeben und lebte jetzt von ihren Ersparnissen, die in einer Rente von ungefähr sechshundert, Sou für Sou gesparten Franken bestanden. Nana versprach, ein recht hübsches kleines Zimmerchen für sie zu mieten, und außerdem wolle sie ihr monatlich hundert Franken bezahlen. Bei dieser Ziffer geriet die alte Tante außer sich und rief ihrer Nichte zu, sie wolle »ihnen die Kehle umdrehen, wenn sie ihr unter die Finger« kämen; sie sprach von den Mannsleuten. Die beiden Weiber umarmten und küßten sich nochmals. Aber Nana schien mitten in ihrer Freude, als die Unterredung wieder auf den kleinen Louis geriet, von einer plötzlichen Erinnerung unangenehm berührt zu werden. »Ist das abscheulich, daß ich um drei Uhr weggehen muß!« sprach sie. »Und wieder zu einem solchen Frondienst!«
In diesem Augenblick gerade trat Zoé ein, um zu melden, daß der Tisch gedeckt sei. Man begab sich nach dem Eßzimmer, wo bereits eine ältere Dame am Tisch saß, die ihren Hut auf dem Kopf behalten hatte; sie trug ein dunkles Kleid von unbestimmter Farbe, ein Mittelding zwischen verdächtigem Braun und Grün. Nana schien über die Gegenwart der Frau nicht im geringsten erstaunt. Sie fragte sie nur, warum sie nicht ins Schlafzimmer gekommen sei.
»Ich hörte Stimmen«, gab die Alte zur Antwort, »und dachte, Sie hätten vielleicht Gesellschaft.«
Madame Maloir, die ein respektables Äußeres und feine Manieren hatte, diente Nana als »Anstandsdame«, leistete ihr Gesellschaft und begleitete sie auf ihren Ausgängen. Die Anwesenheit der Madame Lerat schien sie anfangs zu beunruhigen. Aber nachdem sie erfahren hatte, daß sie eine Tante von Nana sei, betrachtete sie sie mit einer freundlichen Miene, einem matten Lächeln. Nana machte sich unterdessen, indem sie erklärte, daß ihr der Magen herausfalle, über die Radieschen her, die sie ohne Brot verspeiste. Madame Lerat, die wieder zeremoniell wurde, mochte keine Radieschen, sie verursachten ihr Magenkatarrh. Als nachher Zoé die Koteletts hereinbrachte, schnitt Nana die Fleischstücke für ihre Gäste ab und begnügte sich damit, die Knochen zu benagen. Bisweilen betrachtete sie von der Seite den Hut ihrer alten Anstandsdame.
»Ist das der neue Hut, den ich Ihnen gegeben habe?« fragte sie endlich.
»Ja, ich habe verschiedenes an ihm geändert«, antwortete Madame Maloir mit vollem Munde.
Der Hut hatte eine höchst überspannte Fasson, über der Stirn war er weit ausgebogen und mit einer mächtigen Feder bedeckt. Madame Maloir hatte die Gewohnheit, alle ihre Hüte umzuändern; sie allein wußte, was ihr stand, und im Handumdrehen machte sie aus dem elegantesten Kopfputz eine Schlafhaube. Nana, die ihr eben erst diesen Hut gekauft hatte, um sich ihrer auf ihren gemeinschaftlichen Ausgängen nicht schämen zu müssen, wurde beinahe ärgerlich und rief: »So nehmen Sie ihn doch wenigstens ab!«
»Nein, ich danke«, gab die Alte bedächtig zur Antwort, »er hindert mich durchaus nicht, ich esse sehr gern mit dem Hut auf dem Kopf.«
Das Dessert zog sich in die Länge. Zoé trug das Gedeck nicht fort, um den Kaffee zu servieren; die Damen schoben einfach ihre Teller beiseite. Man sprach von nichts anderem als von dem herrlichen Erfolg des gestrigen Abends. Nana drehte Zigaretten; sie rauchte, schaukelte, verkehrt auf dem Stuhl sitzend, und da Zoé im Zimmer blieb und sich, mit den Händen schlenkernd, an den Büfettschrank lehnte, entschloß man sich, ihre Lebensgeschichte anzuhören. Sie war die Tochter einer Hebamme aus Bercy, die sich schlimme Dinge auf den Hals geladen hatte. Anfangs war sie bei einem Zahnarzt, dann bei einem Versicherungsagenten in Dienst gewesen, aber das habe ihr nicht gepaßt; und dann zählte sie mit einem Anflug von Stolz die Namen all der Damen her, denen sie als Zofe Dienste getan. Zoé sprach von diesen Damen wie jemand, der über ihr Glück zu gebieten vermag. Gewiß hätte eine jede von ihnen ohne sie die schönsten Geschichten an den Hals bekommen. So sei zum Beispiel eines Tages Madame Blanche mit Herrn Octave zusammengewesen, als plözlich der »alte Onkel« sich eingefunden habe; und wie hatte Zoé sich da benommen? Sie hatte getan, als sei sie beim Durchschreiten des Salons ausgeglitten, Onkelchen war zu ihr gestürzt, hatte ihr besorgt ein Glas Wasser aus der Küche geholt, und währenddessen war Herr Octave entschlüpft.
»O ja, sie ist wirklich ein gutes Geschöpf!« meinte Nana, die ihr halb mit Interesse, halb mit unterdrückter Bewunderung zuhörte.
»Ich dagegen muß sagen, daß ich recht viel Malheur gehabt habe«, fing Madame Lerat an.
Und indem sie näher zu Madame Maloir heranrückte, machte sie ihr allerhand vertrauliche Mitteilungen. Sie lutschten zum Zeitvertreib an einem Stück Zucker, das sie in Kognak tauchten. Aber Madame Maloir hörte sich wohl die Geheimnisse der anderen an, ohne indessen jemals über sich selbst etwas auszuplaudern. Man erzählte sich, daß sie ihr Leben von einer mysteriösen Pension in einem Zimmer friste, in das noch niemand Zutritt erhalten hatte.
Plötzlich geriet Nana in Zorn.
»Aber Tante, so spiel' doch nicht mit den Messern … Du weißt, das bringt mich außer Rand und Band!«
Ohne sich dabei etwas zu denken, hatte Madame Lerat eben zwei Messer kreuzweise auf den Tisch gelegt. Übrigens verwahrte sich Nana entschieden dagegen, daß sie abergläubisch sei; sie legte zum Beispiel keinen Wert darauf, ob Salz umgeschüttet wurde, und auch der Freitag galt ihr wie jeder andere Tag der Woche; aber Messer hatten sie noch nie belogen, gegen diese blieb sie voreingenommen. Ganz gewiß würde ihr nun etwas Widerwärtiges zustoßen. Sie gähnte und sagte dann, aufs äußerste gelangweilt:
»Schon zwei Uhr … Ich muß jetzt gehen. Nein, wie zuwider mir das ist!«
Die beiden Alten schauten erst einander, dann Zoé an. Alle drei schüttelten, ohne zu sprechen, mißbilligend den Kopf. Ganz sicher war das nicht immer amüsant … Nana hatte sich abermals in ihren Stuhl zurückgelehnt und steckte sich eine neue Zigarette an, während die beiden anderen diskret, unter philosophischen Betrachtungen, die Lippen zusammenkniffen.
»Während wir auf Sie warten, wollen wir eine Partie ,Mariage' spielen«, meinte Madame Maloir nach einer kurzen Pause des Schweigens. »Sie spielen doch Mariage, Madame?«
Gewiß, Madame Lerat spielte Mariage und noch dazu sehr gut. Es sei völlig unnütz, Zoé zu inkommodieren, die sich bereits entfernt hatte; ein Tischeckchen genüge vollauf, und man schlug die Tischdecke über die noch mit Speiseresten gefüllten Teller zurück. Aber als Madame Maloir jetzt die Karten aus einer Schublade des Büffets hervorlangte, meinte Nana, daß sie vielleicht so freundlich wäre, ihr, bevor sie sich zum Spiel setzte, einen Brief zu schreiben. Nana selbst schrieb nicht gern Briefe, es war ihr einerseits zu langweilig, andererseits war sie in der Orthographie nicht ganz sicher, während ihre alte Freundin seelenvolle Briefe zu schreiben verstand. Sie eilte nach ihrem Schlafzimmer, einen schönen Briefbogen zu holen. Ein Tintenfaß, ein Fläschchen Tinte für drei Sou nebst einer halbverrosteten Feder lagen auf einem Schrank herum. Der Brief war für Daguenet bestimmt. Madame Maloir schrieb mit ihren hübschen, englischen Schriftzügen: »Mein holder kleiner Schatz!« und gab ihm hierauf Nachricht, daß er am nächsten Tage nicht kommen solle, weil »es nicht angeht«, aber »ob fern, ob nah, zu allen Zeiten weile ich in Gedanken bei Dir«.
»Und mit ›tausend Grüße und Küsse‹ werde ich schließen«, murmelte die Alte.
Madame Lerat hatte einen jeden Satz mit einem Nicken ihres Kopfes gebilligt. Ihre Blicke flammten, sie bewegte sich mit ungeheurer Vorliebe in Herzensaffären. Sie wollte auch von ihrem Senf etwas dem Brief anfügen und gluckste, indem sie eine schmachtende Miene aufsetzte:
»Tausend Küsse auf deine schönen Augen!«
»So ist's recht: Tausend Küsse auf deine schönen Augen!« wiederholte Nana, während ein glückseliger Ausdruck über die Gesichter der beiden Alten glitt.
Man klingelte der Zofe, die den Brief einem Dienstmann zur Besorgung übergeben sollte; sie plauderte eben mit einem Theaterdiener, der für Madame eine am Vormittag vergessene Bestellung gebracht hatte. Nana ließ den Mann hereinkommen und bat ihn, auf dem Rückweg den Brief an Daguenet zu besorgen, richtete auch noch mancherlei Fragen an ihn. Oh, Monsieur Bordenave sei überaus zufrieden, das Theater sei schon auf acht volle Tage ausverkauft; Madame könne sich gar nicht denken, wie groß die Zahl der Herren sei, die seit heute morgen sich nach ihrer Wohnung erkundigt hätten. Als der Diener fortgegangen war, meinte Nana, daß sie höchstens eine halbe Stunde ausbleiben werde. Wenn Besucher kämen, sollte Zoé sie bitten, ein Weilchen zu warten. Während sie noch sprach, läutete die elektrische Glocke. Gläubiger Numero eins: der Wagenverleiher pflanzte sich im Vorzimmer auf eine Bank. Der mochte ruhig bis zum Abend seine Daumen drehen, mit dem war's nicht eilig.
»Vorwärts, Nana! Courage!« sprach Nana, die sich träge reckte und gähnte, zu sich selbst. »Ach, wenn ich doch schon unten wäre!«
Aber sie rührte sich noch immer nicht vom Fleck. Sie verfolgte das Spiel ihrer Tante, die eben hundert As angemeldet hatte. Das Kinn in die Hand gestützt, vertiefte sie sich in das Zuschauen. Aber als sie es jetzt drei Uhr schlagen hörte, fuhr sie jäh in die Höhe.
»Donnerwetter!« stieß sie aufgeregt hervor.
Madame Maloir, die ihre Points zählte, sprach ihr mit weicher Stimme Ermutigung zu.
»Meine liebe Kleine, es wäre sicher besser, Sie machten Ihren Gang ohne weiteren Verzug!«
»Gewiß, mach geschwind, dann hast du's vom Halse«, meinte Madame Lerat, indem sie die Karten mischte. »Ich kann ja um halb fünf Uhr noch fahren, wenn du bis vier Uhr mit dem Geld hier bist!«
»Das soll nicht lange dauern!« murmelte Nana leise.
In zehn Minuten hatte sie mit Zoés Hilfe ihr Kleid angezogen und ihren Hut aufgesetzt. Sie fragte nicht danach, ob sie gut angekleidet war oder nicht. Als sie hinuntergehen wollte, läutete es abermals. Diesmal war es der Kohlenhändler. Oh, der mochte nur dem Wagenverleiher Gesellschaft leisten, das würde diese Leute zerstreuen. Lediglich weil sie einen Skandal befürchtete, schritt sie durch die Küche und schlüpfte die Dienstbotentreppe hinab.
»Einer liebenden Mutter verzeiht man alles!« sprach Madame Maloir salbungsvoll, als sie mit Madame Lerat allein war.
»Ich melde achtzig in Rot«, erwiderte diese, ganz vertieft in ihr Spiel.
Beide versenkten sich in eine endlose Partie. Der Tisch war noch nicht abgedeckt. Ein trüber Dunst, halb der Geruch des Frühstücks, halb Zigarettenrauch, füllte das Zimmer. Die beiden Alten tauchten wieder Zucker in Kognak und lutschten. Zwanzig Minuten mochten sie so beim Spielchen gesessen haben, als nach einem dritten Läuten Zoé plötzlich ins Zimmer gerannt kam und sie, als wären sie ihresgleichen, ohne alle Umstände hinausschob.
»Hören Sie! Da läutet's noch einmal … Sie können hier nicht sitzenbleiben. Wenn viele Leute kommen sollten, brauche ich alle Räume … Vorwärts, hopp, hopp, marsch!«
Madame Maloir wollte erst die Partie zu Ende spielen, aber da Zoé Miene machte, die Karten ohne weiteres zusammenzupacken, entschloß sie sich, das Spiel fortzunehmen, während Madame Lerat die Kognakflasche, die Gläser und den Zucker hinaustrug. Beide eilten nun nach der Küche, wo sie sich am Tischende zwischen dem zum Trocknen aufgehängten Aufwaschlappen und dem mit Spülwasser gefüllten Scheuerfaß festsetzten.
»Wir hatten dreihundertundvierzig … An Ihnen ist die Reihe.«
»Ich spiele Herz.«
Als Zoé zurückkam, fand sie die beiden Alten schon wieder ganz in das Spiel vertieft. Madame Lerat mischte die Karten von neuem und fragte nach einer kleinen Pause:
»Wer ist denn da?«
»Oh, niemand!« warf das Dienstmädchen nachlässig hin. »Ein niedliches, junges Bürschchen … Ich habe ihn erst wegschicken wollen, aber er ist so allerliebst, noch ohne jedes Barthaar, und hat so hübsche blaue Augen und eine wahre Mädchenfigur, daß ich ihm zuletzt doch gesagt habe, er solle warten … Er hält ein riesiges Bukett in der Hand, das er unter keinen Umständen weglegen will … Ein grüner Junge, der ruhig noch hinter der Schulbank sitzen sollte! Schläge sollte er bekommen!«
Madame Lerat holte sich eine Karaffe Wasser, um sich einen Grog zu brauen; die Kognakzuckerstückchen hatten ihr ganzes Wesen verändert. Zoé murmelte, daß sie gleich selber ein Glas davon trinken wolle, ihr sei es gallebitter im Munde.
»Wo haben Sie denn den Jüngling untergebracht?«
»Ach, in dem Kabinett hinten, in dem kleinen Zimmer, das noch nicht möbliert ist … Es steht ein Koffer von Madame drinnen und ein Tisch … Dorthinein praktiziere ich stets die Gimpel.«
Sie warf sich eben ein tüchtiges Stück Zucker in ihr Glas Grog, als die elektrische Glocke sie abermals rief. Es war doch niederträchtig! Nicht einmal einen ruhigen Schluck konnte man trinken! Das versprach etwas, wenn das Gebimmel schon wieder anging! Indessen eilte sie hinaus, um zu öffnen. Als die Maloir sie bei ihrer Rückkehr fragend anschaute, meinte sie:
»Bah, nichts, nur ein Bukett!«
Alle drei erquickten sich an dem Grog, während sie einander gegenseitig zuprosteten. Plötzlich ertönten zwei neue Glockenschläge, als Zoé endlich den Tisch abräumte und die Schüsseln eine nach der andern auf den Spültisch stellte. Zweimal aber noch wiederholte sie geringschätzig:
»Nichts, nur ein Bukett!«
Während die beiden Alten dann zweimal abhoben, hörten sie lachend der Erzählung Zoé zu, was für ein Gesicht die im Vorzimmer sitzenden Gläubiger gemacht hätten, als die Blumen ankamen. Madame werde die ganze Ankleidetoilette voller Blumen finden. Schade, daß der Kram so teuer sei und daß man keine zehn Sou daraus lösen könne. Im Grunde sei es eben doch hinausgeworfenes Geld.
»Ich wäre zufrieden«, meinte die Maloir, »wenn ich jeden Tag das Geld hätte, das die Pariser Männerwelt auf Blumen für die Frauenzimmer ausgibt.«
»Hm, das glaube ich wohl«, erwiderte die Lerat, »Sie sind gar nicht so dumm! Das wäre ein hübsches Nadelgeld … Übrigens, meine Liebe, sechzig in Damen.«
Zehn Minuten fehlten noch auf vier Uhr. Zoé war verwundert; sie konnte nicht verstehen, weshalb ihre Herrin so lange ausblieb. Wenn sie sonst am Nachmittag ausgehen mußte, war sie immer kurz und bündig und geschwind fertig. Aber Madame Maloir erklärte, daß man das nicht immer so einrichten könne, wie man gern wolle. Gewiß gebe es manchen Widerhaken im Leben, meinte die Lerat. Das beste sei, zu warten: wenn sich ihre Nichte verspäte, so sei sie eben durch irgendwelche Verrichtungen zurückgehalten, das sei doch klar.
Die Glocke läutete abermals. Als Zoé wieder in die Küche trat, war sie ganz aus dem Häuschen.
»Kinder, denkt euch, der dicke Steiner!« rief sie, die Stimme dämpfend, noch in der Tür. »Er selbst in eigener Person! Ich habe ihn in den kleinen Salon geführt.«
Nun sprach die Maloir von dem Bankier, den die Lerat nicht kannte. Sollte er am Ende gar Lust haben, Rose Mignon sitzenzulassen? Zoé schüttelte den Kopf, sie verstand sich auf solche Dinge. Aber schon mußte sie wieder zur Tür eilen.
»Na, das ist eine schöne Brühe!« meinte sie, als sie zurückkam. »Da ist der Mulatte gekommen! Ich hab' ihm sicher zehnmal gesagt, Madame sei ausgegangen, er hat sich aber im Schlafzimmer festgesetzt … Wir erwarteten ihn erst gegen Abend.«
Ein Viertel auf fünf war es, und Nana war noch nicht da. Was konnte sie denn vorhaben! Das war doch wahrlich nicht zu fassen. Noch zwei Buketts wurden abgegeben. Zoé, der die Geschichte langweilig zur werden anfing, schaute nach, ob noch etwas Kaffee dawar. Ei ja, die Damen hätten zu guter Letzt gern noch ein Täßchen Kaffee geschlürft, das würde die Lebensgeister wieder ein bißchen aufwecken; sie schliefen, auf die Sessel gehockt, ja beinahe schon ein bei dem fortwährenden Kartennehmen und Kartengeben. Es schlug halb. Ganz entschieden war Madame etwas zugestoßen. Plötzlich vergaß sich die Maloir und meldete mit ganz lauter Stimme:
»Ich habe fünfhundert! Die große Quinta in Trumpf!«
»Halten Sie doch den Schnabel!« schrie Zoé zornig. »Was sollen denn all die Herren vorn denken?«
In das leise Gemurmel der beiden sich streitenden Weiber drang von der Dienstbotentreppe her ein Geräusch von raschen Schritten. Endlich kam Nana.
»Na, da bist du ja! Gut, daß kein Unglück geschehen ist!« sagte die Lerat, die noch immer den Ärger über die fünfhundert Points der Maloir nicht überwunden hatte, mit zusammengekniffenen Lippen. »Du kannst dir was einbilden auf die Masse Menschen, die sich deinetwegen hierherpflanzen!«
»Madame ist wirklich nicht gescheit!« setzte Zoé hinzu.
Nana, die ohnehin schon mißgestimmt war, geriet infolge dieser Vorwürfe ganz außer sich. Nach der widerwärtigen Affäre, die sie eben erst durchgemacht hatte, nun hier solch ein Empfang!
»Laßt mich in Ruhe, versteht ihr!« schrie sie.
»Pst, Madame, es sind Leute drinnen!« sagte die Zofe.
Hierauf keuchte Nana, sprach aber schon leiser:
»Ihr glaubt wohl, daß ich mich amüsiert habe? Das nahm überhaupt kein Ende! Ich hätte was drum gegeben, euch dort zu sehen! Ich habe gekocht, ich hätte am liebsten Ohrfeigen ausgeteilt … Und keine Droschke für die Rückfahrt zu kriegen. Zum Glück ist's nicht weit. Macht aber nichts, ich bin fürchterlich gerannt.«
»Du hast doch Geld?« fragte die Tante.
»Na, welche Frage!« versetzte Nana.
Sie hatte sich auf einen Sessel gesetzt, und ohne Atem zu schöpfen, zog sie aus ihrem Leibchen ein Kuvert, darin vier Hundertfrankennoten steckten. Man sah sie durch einen weiten Spalt, den sie mißtrauisch mit dem Finger gerissen hatte, um sich der Richtigkeit des Inhalts zu versichern. Die drei Frauen um sie her schauten starr auf das Papier, das sie in ihren kleinen behandschuhten Fingern hielt. Es sei zu spät geworden, hieß es, Madame Lerat werde erst am folgenden Tag nach Rambouillet fahren können. Nana erging sich in weitläufigen Auseinandersetzungen.
»Madame, es sind Leute drinnen, die schon lange warten«, wiederholte die Zofe.
Aber Nana vertiefte sich neuerdings in das Gespräch mit Madame Lerat. Die Leute konnten ja warten. Sie wollte ja kommen, gleich, sobald sie nichts mehr zu tun hatte; und als ihre Tante die Hand nach dem Geld ausstreckte, wehrte sie ihr mit den Worten:
»Ach, nicht doch, meine Liebe! Dreihundert Franken bekommt die Amme, fünfzig Franken für dich für die Reise und sonstige Auslagen, das macht dreihundertfünfzig … Fünfzig Franken behalte ich für mich!«
Die Hauptschwierigkeit war nun, Kleingeld zu bekommen. Es waren keine zehn Franken im Hause. An Madame Maloir, die ohne Interesse zuhörte, brauchte man sich gar nicht erst zu wenden, man wußte, daß sie nie mehr bei sich zu haben pflegte als die zehn Sou für den Omnibus. Endlich mischte sich Zoé in das Gespräch, indem sie meinte, sie wolle in ihrem Koffer nachsehen, und nach wenigen Augenblicken brachte sie die hundert Franken in Hundertsoustücken herbei. Man zählte sie auf einer Ecke des Tisches auf. Madame Lerat ging sogleich fort, nachdem sie versprochen hatte, den kleinen Louis am nächsten Tage herzubringen.
»Du sagst, es sind Leute drinnen?« fragte Nana endlich, die noch immer auf ihrem Stuhl saß und sich ausruhte.
»Ja, Madame, drei Herren.«
Zuerst nannte sie den Bankier. Nana verzog das Gesicht. Ob dieser Steiner glaubte, daß sie sich langweilen lassen wolle, weil er ihr gestern ein Bukett verehrt hatte!
«Übrigens«, erklärte sie, »hab' ich jetzt genug davon! Ich mag keinen mehr sehen. Geh, sag ihnen, daß sie auf mich nicht mehr warten sollen.«
»Madame wird sich's wohl noch überlegen und den Herrn Steiner nicht abweisen«, meinte Zoé leise mit ernster Miene, ohne sich vom Platz zu rühren, ärgerlich darüber, daß sie ihre Herrin bereit sah, noch eine zweite Torheit zu begehen.
Dann sprach sie von dem Walachen, dem allmählich wohl die Zeit in dem Schlafzimmer lang werden mußte. Jetzt weigerte sich Nana wütend, noch hartnäckiger als vorher. Niemanden, niemanden wollte sie sehen! Wer hatte ihr denn ein solches Heftpflaster von Mann auf den Hals gehetzt!
»Wirf sie samt und sonders hinaus! Ich will mit der Maloir jetzt eine Partie Bésigue spielen. Das ist mir zehnmal lieber.«
Das Erklingen der elektrischen Glocke schnitt ihr das Wort ab. Das fehlte noch. Nun noch ein solcher langweiliger Michel mehr! Sie verbot Zoé, zu öffnen. Diese aber, ohne auf ihre Herrin zu hören, war längst aus der Küche gehuscht. Als sie wiederkam, sagte sie in ihrer bestimmten Art, indem sie zwei Karten auf den Tisch legte:
»Ich habe geantwortet, daß Madame heute empfängt. Die Herren warten im Salon.«
Nana war wütend aufgesprungen. Aber die Namen des Marquis de Chouard und des Grafen Muffat de Beuville, die sie auf den Visitenkarten las, stimmten sie ruhig. Einen Augenblick blieb sie schweigend stehen.
»Was sind denn das für Käuze?« fragte sie dann. »Kennst du sie?«
»Ich kenne den alten Herrn«, versetzte Zoé, indem sie auf eine diskrete Art den Mund verzog. Und als sie den fragenden Blick ihrer Herrin noch immer auf sich gerichtet sah, setzte sie hinzu:
»Ich habe ihn schon irgendwo einmal gesehen.«
Dieses Wort schien das junge Frauenzimmer zu bestimmen; sie verließ ungern die Küche, diesen lauwarmen Winkel, in welchem man in dem Duft des auf dem halbausgebrannten Feuer warmstehenden Kaffees behaglich plaudern konnte. Hinter ihrem Rücken setzte sich die Maloir zurecht und legte nun die Karten; sie hatte den Hut noch immer nicht abgenommen, nur, um es sich ein bißchen bequemer zu machen, die Bänder gelöst und sie auf die Schultern zurückgeschlagen.
In dem Ankleidezimmer, wo Zoé ihrer Herrin eifrig in ein Hauskleid half, rächte sich Nana für die Widerwärtigkeiten, die man ihr bereitete, dadurch, daß sie die Männerwelt mit den verschiedensten Schimpfworten belegte. Die groben Ausdrücke bekümmerten die Zofe; sie wagte sogar die Bitte an ihre Herrin, daß sie sich doch beruhigen möge.
»Ach was, Quark!« gab Nana zur Antwort. »Da braucht's kein Blatt vor den Mund! Die Patrone wollen es nicht besser!« Bei diesen Worten nahm sie die stolze Haltung einer Fürstin an. Zoé hatte sie in dem Augenblick, als sie sich nach dem Saal begeben wollte, zurückgehalten und führte jetzt den Marquis de Chouard und den Grafen Muffat in das Ankleidezimmer. Das sei weit besser, meinte sie.
»Meine Herren«, empfing hier das junge Weib die beiden mit ausgesuchter Höflichkeit, »ich bedaure unendlich, daß ich Sie habe warten lassen.«
Die Herren verbeugten sich und nahmen Platz. Ein gestickter Tüllvorhang ließ ein mattes Halblicht in das Kabinett treten. Es war das eleganteste Zimmer der Wohnung mit hellen Vorhängen, einer großen Marmortoilette, einem mit buntem Holz eingelegten drehbaren Stehspiegel, einer Chaiselongue und blauatlassenen Fauteuils. Auf der Ankleidetoilette standen Buketts, Rosen, Holunder, Hyazinthen, die einen durchdringenden Duft verbreiteten, während die schale, muffige Luft, die aus Waschbecken und Eimer aufstieg, zuweilen von einem schärferen Geruch durchzogen wurde, der von ein paar Körnchen trockenen, auf dem Boden einer Schale kleingestoßenen Patschulis herrührte. Nana, die zusammengekauert dasaß und ihren lose zugeknöpften Hausrock enger um die Taille zog, sah ganz so aus, als ob sie bei der Toilette überrascht worden wäre.
»Madame«, begann der Graf Muffat, »wir bitten Sie um Entschuldigung, daß wir darauf bestanden haben, von Ihnen empfangen zu werden … Wir kommen mit einem Ansuchen … Der Herr Marquis und ich sind Mitglieder des Wohltätigkeitsausschusses des Arrondissements.«
Der Marquis de Chouard beeilte sich, mit einer galanten Gebärde hinzuzufügen:
»Da wir in Erfahrung gebracht haben, daß eine große Künstlerin in diesem Hause wohnt, haben wir uns erlaubt, ihr unsere Armen ganz besonders ans Herz zu legen … Talent ist ja ohne Mitgefühl nicht denkbar.«
Nana spielte die Bescheidene. Sie antwortete mit leichtem Kopfnicken, während sie rasch dabei überlegte. Der Alte mußte es sein, der den anderen hergeführt hatte; der Ausdruck seiner Augen war zu durchtrieben. Indessen durfte man auch dem andern nicht trauen, dessen Schläfen sich eigentümlich dehnten.
»Ganz gewiß, meine Herren«, versetzte sie voll Anmut, »Sie haben recht getan, sich heraufzubemühen.«
Aber die elektrische Glocke ließ sich vernehmen. Noch ein Besuch mehr, und diese abscheuliche Zoé, die immerfort öffnete! Sie fuhr fort: »Man fühlt sich ja überglücklich, geben zu können.«
Im Grunde ihres Herzens fühlte sie sich auch wirklich geschmeichelt.
»Ach, Madame«, erwiderte der Marquis, »wenn Sie all das Elend kennen würden! Unser Bezirk zählt mehr als dreitausend Arme und ist noch einer der reichsten. Sie können sich einen solchen Jammer gar nicht vorstellen: Kinder, die kein Brot haben, kranke, jeder Hilfe beraubte, halb erfrierende Frauen … «
»Die armen Menschen!« rief Nana gerührt aus.
Ihr Mitleid war so lebhaft, daß Tränen ihre schönen Augen füllten. Mit einer leichten Bewegung hatte sie, aus ihrer wohlüberlegten Rolle fallend, sich vorgebeugt: das offenstehende Gewand ließ ihre Brust sehen, während ihre Knie unter dem dünnen Stoff die Rundung des Beines ahnen ließen. Ein schwacher Blutstrom schoß in die erdfahlen Wangen des Marquis; der Graf Muffat, der gerade hatte sprechen wollen, senkte die Augen.
»Man möchte reich sein, wenn solche Anlässe sich bieten«, fügte Nana hinzu. »Zuletzt tut eben jeder, soviel er kann. Glauben Sie, meine Herren, wenn ich gewußt hätte … «
Sie war eben im Zuge, in ihrer gerührten Stimmung eine arge Dummheit zu sagen. Aber sie vollendete den Satz nicht. Einen Moment lang blieb sie verlegen sitzen, sie wußte nicht mehr, wohin sie die fünfzig Franken gesteckt hatte, als sie ihr Kleid auszog. Aber sie besann sich, sie mußten in der Ecke der Frisiertoilette unter einer umgestülpten Pomadenbüchse sein. Als sie sich erhob, ertönte die elektrische Glocke wieder mit einem langhingezogenen Schrillen. Gut, wieder einer! Das schien ja gar kein Ende zu nehmen. Der Graf und der Marquis waren zu gleicher Zeit aufgestanden, und die Ohren des Marquis hatten, nach der Tür hinspitzend, leicht gezittert; ohne Zweifel kannte er diese Art des Läutens. Muffat schaute ihn an; dann wandten sie die Augen ab. Sie fühlten sich geniert und nahmen wieder ihre reservierte Haltung an; der eine, vierschrötig und bieder, strich über das stark gescheitelte Haar, der andere reckte seine mageren Schultern hoch, auf die ein Kranz spärlicher weißer Haare niederfiel.
»Meiner Treu!« rief Nana, brachte die zehn großen Silberstücke herbei und begann zu lachen. »Ich darf Sie doch damit beladen, meine Herren? Das hier ist für die Armen!«
Das kleine, liebenswürdige Grübchen im Kinn lächelte in vollendeter Anmut. Sie hatte jetzt wieder ihr gutmütiges Gesichtchen, jede Ziererei war aus ihrem Wesen geschwunden, und mit naiver Gebärde bot sie den beiden Herren den kleinen Stoß von Silberstücken, den sie in ihrer offenen Hand hielt, als wenn sie hätte sagen wollen: »Na, bitt' schön, wer will denn nun zugreifen?« Der Graf war der behendere, er nahm die fünfzig Franken, aber ein Stück blieb liegen, und er mußte es von der lauen, weichen Haut des jungen Frauenzimmers fortnehmen, was ihm ein heftiges Beben verursachte. Nana aber lachte in einem fort.
»So, das ist alles, was ich kann, meine Herren«, meinte sie, »ein andermal wird's hoffentlich mehr sein.«
Sie hatten keinen Vorwand mehr zu längerem Bleiben, verneigten sich und schritten nach der Tür. Aber in dem Augenblick, da sie gehen wollten, ertönte abermals der Klang der Glocke. Der Marquis konnte ein flüchtiges Lächeln nicht unterdrücken, während der Graf noch ernster wurde. Nana hielt sie ein paar Sekunden zurück, um Zoé zu ermöglichen, noch ein Plätzchen aufzufinden. Sie hatte es nicht gern, wenn sich die Herrschaften bei ihr begegneten. Doch diesmal mußte ja alles förmlich vollgestopft sein. Sie fühlte sich darum wirklich erleichtert, als sie den Salon leer sah; Zoé hatte sie wohl in die Wandschränke gesteckt?
»Auf Wiedersehen, meine Herren«, sagte sie, während sie auf der Schwelle des Salons stehenblieb.
Sie bezauberte sie mit ihrem Lächeln und ihrem klaren Blick.
Der Graf Muffat verneigte sich trotz seiner Weltgewandtheit nicht ohne Verwirrung; er fühlte das Bedürfnis nach frischer Luft. Er nahm ein Gefühl der Beklommenheit mit aus diesem Ankleidezimmer, einen Blumen- und Frauengeruch, der ihn erstickte. Und hinter ihm wagte der Marquis de Chouard, der sicher war, nicht gesehen zu werden, Nana mit den Augen zuzuzwinkern, während sein Angesicht mit einem Mal die Fassung verlor und die Zunge zwischen den Lippen sichtbar wurde.
Als Nana in das Kabinett zurücktrat, wo Zoé mit einem ganzen Stoß von Briefen und Visitenkarten ihrer harrte, rief sie, noch stärker lachend, der Zofe entgegen:
»Das waren die richtigen Gauner … Nun bin ich meine fünfzig Franken doch wieder los!«
Sie hatte sich nicht im geringsten darüber geärgert; es schien ihr im Gegenteil spaßig, daß ihr die Männer Geld abgenommen hatten. Immerhin aber waren es Halunken, denn sie hatte jetzt keinen Sou mehr. Der Anblick der Karten und Briefe brachte ihr die schlechte Laune wieder. Mit ihnen mochte es noch angehen, sie kamen von Herren, die jetzt Erklärungen machten, nachdem sie ihr gestern Beifall geklatscht hatten. Aber Besucher, oh, die konnten hurtig wieder den Weg die Treppe hinab suchen!
Zoé hatte sie überall untergebracht, und sie erlaubte sich die Bemerkung, daß die Wohnung überaus praktisch sei, da von jedem Raum aus eine Tür nach dem Korridor führe. Es sei nicht wie bei Madame Blanche, wo man immer erst durch den Salon müsse. Madame Blanche habe übrigens auch immer viel Ärger gehabt.
»Geh, schick' die ganze Sippschaft einen nach dem andern weg«, meinte Nana wieder, die den einmal gefaßten Gedanken hartnäckig verfolgte. »Fang' mit dem Mulatten an!«
»Oh, der ist schon seit geraumer Zeit gegangen, Madame«, erwiderte Zoé mit einem feinen Lächeln. »Der wollte weiter nichts als Ihnen sagen, daß er heute abend verhindert sei zu kommen.«
Nun war die Freude groß. Nana klatschte in die Hände. Er kam nicht, welch ein Glück! Sie war also heute einmal frei! Und sie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als ob man sie von der abscheulichsten Leibesstrafe befreit hätte. Ihr erster Gedanke gehörte Daguenet. Der arme Wicht! Daß sie ihm auch gerade erst hatte schreiben müssen, bis zum Donnerstag zu warten! Halt, die Maloir sollte ihm flugs ein zweites Briefchen schreiben! Aber Zoé sagte, daß die Alte wie gewöhnlich verschwunden sei, ohne daß man es bemerkt habe.
Dann überlegte Nana wieder, obwohl sie eben noch davon gesprochen hatte, jemanden zu ihm zu schicken. Sie war heute wirklich recht müde. Und wie gut würde ihr das tun, eine ganze Nacht einmal ruhig zu schlafen! Der Gedanke an diesen Genuß erhielt endlich das Obergewicht: einmal durfte sie sich das schon gut und gern gestatten.
»Ich werde mich zu Bett legen, wenn ich aus dem Theater komme«, sagte sie und freute sich schon im voraus, »und vor Mittag, Zoé, sollst du mich nicht wecken!«
Dann rief sie mit erhobener Stimme:
»Hopp, hopp, nun treibe mir die anderen auf die Straße!«
Zoé machte keine Anstalten.
»Den Herrn Steiner auch?« fragte sie nach einer Pause mit scharfer Betonung.
»Ganz gewiß», antwortete Nana, »den zuerst vor allen anderen!«
Das Mädchen wartete noch immer, um Madame Zeit zur Überlegung zu lassen. Setze denn Madame gar keinen Stolz darein, Rose Mignon, ihrer Rivalin, einen so reichen Herrn wegzukapern, der in allen Theatern bekannt sei!
»Mach geschwind, meine Liebe, und sag ihm, daß er mir lästig ist«, rief Nana, die sehr wohl wußte, was sie wollte; aber plötzlich besann sie sich, morgen könne sie doch am Ende Lust haben, ihn zu sehen, und lachend, mit den Augen zwinkernd, rief sie mit einer ungezogenen Geste:
«Übrigens, wenn ich ihn wirklich festhalten will, so ist es das beste Mittel, ich werfe ihn zur Treppe hinunter!«
Das schien Zoé einzuleuchten. Sie betrachtete Madame, von einer plötzlichen Bewunderung ergriffen, dann eilte sie, ohne sich noch länger zu besinnen, aus dem Zimmer, um dem Bankier die Tür zu weisen.
Nana wartete ein paar Minuten geduldig, um Zoé Zeit zu lassen »auszufegen«, wie sie sich ausdrückte. Was sollte man von einem solchen Überfall denken! Sie steckte den Kopf in den Salon; er war leer. Das Eßzimmer war gleichfalls leer. Aber als sie jetzt, beruhigt, niemanden mehr vorzufinden, ihre Durchsuchung fortsetzte, stieß sie plötzlich, als sie die Tür zu einem Kabinett öffnete, auf einen kleinen, jungen Menschen, der sich auf einen Koffer gesetzt hatte und ruhig, in sehr artiger Haltung, ein ungeheures Bukett auf den Knien, der kommenden Dinge harrte.
»Ach du lieber Gott!« rief Nana aus. »Da ist ja doch noch einer drin!«
Der kleine junge Mann war, als er sie erblickte, rot wie eine Klatschrose aufgesprungen. Er wußte nicht, was er mit seinem Bukett anfangen sollte, das er vor Aufregung von einer Hand in die andere schob. Seine Jugend, seine Verlegenheit, der drollige Anblick, den er mit seinen Blumen gewährte, brachten Nana in gute Laune, so daß sie in helles Gelächter ausbrach. Das war zu stark! Wurden denn schon die Kinder nach ihr verrückt? Kamen denn die Männer jetzt schon in kurzen Höschen zu ihr? Sie zeigte sich vertraulich, mütterlich, schlug sich auf die Schenkel und fragte aus Ulk:
»Willst wohl, daß man dir die Nase putzt, Bübchen?«
»Ach ja«, antwortete der Kleine mit leiser, bittender Stimme. Diese Antwort belustigte Nana noch mehr. Er war siebzehn Jahre alt und nannte sich Georges Hugon. Gestern war er im Varietétheater gewesen und kam nun, ihr seine Aufwartung zu machen.
»Sind denn die Blumen da für mich?«
»Ja.«
»Na, so gib sie doch her, du Pinsel.«
Aber als sie nach dem Bukett griff, packte er mit dem Ungestüm der Jugend ihre Hände. Sie mußte ihm erst einen Klaps versetzen, damit er sie freigab. Ein grüner Junge, der schon solche Gedanken hatte! Während sie ihn gehörig auszankte, war sie rot geworden und mußte lachen. Sie schickte ihn weg, erlaubte ihm aber wiederzukommen. Er taumelte vor Glück und vermochte kaum den Ausgang zu finden.
Nana trat in ihr Ankleidesimmer zurück, wo Francis sich beinahe gleichzeitig einfand, um ihre Frisur für den Abend zu vollenden. Sie kleidete sich nur abends an. Stumm und träumerisch saß sie vor dem Spiegel und neigte den Kopf unter den geschickten Händen des Coiffeurs, als Zoé in das Kabinett trat:
»Madame, es ist noch einer draußen, der sich nicht abweisen lassen will.«
»Na, so laß ihn doch stehen!« gab sie ruhig zur Antwort.
»Auf diese Weise kommen die Leute aber immer wieder!«
»Bah! Sag ihnen, sie sollen warten. Wenn sie der Hunger treibt, werden sie schon gehen.«
Plötzlich hatte sie einen Einfalt, und vergnügt folgte sie der neuen Eingebung: sie entglitt Francis' Händen, eilte zu den Türen und schob die Riegel vor; nun mochten sie sich nebeneinander aufstapeln, die Mauer zu durchbrechen würde ihnen schwerlich gelingen; Zoé konnte ja durch die kleine Tür hereinkommen, die nach der Küche führte. Unterdessen läutete die Glocke in einem fort. Alle fünf Minuten ließ sich ihr Klingen hell und deutlich vernehmen, mit der Regelmäßigkeit einer in gutem Stande befindlichen Maschine. Und Nana zählte die Schläge, um sich Zerstreuung zu verschaffen. Aber plötzlich fiel ihr etwas anderes ein.
»Wo sind denn meine gebrannten Mandeln, Francis?« sagte sie. Auch Francis hatte nicht an die Mandeln gedacht. Er zog jetzt eine Tüte aus seiner Rocktasche mit der verbindlichen Gebärde eines Weltmannes, der seiner Freundin ein Geschenk überreicht; aber auf jeder seiner Monatsrechnungen fand sich immer ein stattlicher Posten gebrannter Mandeln verzeichnet. Nana schob die Tüte zwischen ihre Knie und begann, indem sie den Kopf unter dem leichten Händedruck des Friseurs bewegte, von den Mandeln zu knabbern.
»Sapperlot!« flüsterte sie nach einer kurzen Pause des Schweigens. »Ist das eine Bande!«
Dreimal hatte plötzlich die Glocke hintereinander geschellt. Das Läuten wiederholte sich in rascher Folge; es waren sowohl bescheidene Töne, die mit dem Beben eines ersten Geständnisses gestammelt wurden, als kühne, die unter dem Druck eines unwirschen Fingers erschallten, als auch eilige, die mit jähem Schrillen die Luft durchschnitten. Ein förmliches Glockenspiel, wie sich Zoé ausdrückte, ein Glockenspiel, welches das gesamte Stadtviertel alarmieren müsse, da ja ein ganzer Schwarm Männer reihenweise auf den Elfenbeinknopf drückte. Dieser Schlingel von Bordenave hatte gewiß an zu viele Leute Nanas Adresse bekanntgegeben; das ganze Auditorium des gestrigen Abends begehrte ja Zutritt!
»Sagen Sie mal, Francis«, wandte sich jetzt Nana an den Friseur, »können Sie mir fünf Louisdor borgen?«
Er trat einen Schritt zurück, blickte prüfend auf die Frisur und erwiderte dann gelassen:
»Fünf Louisdor? Je nachdem.«
»Ah, Francis«, meinte Nana wieder, »wenn Sie eine Sicherheit wünschen … «
Und ohne den Satz zu vollenden, deutete sie mit einer weiten Handbewegung auf die zunächst stehenden Stücke. Francis lieh die fünf Louisdor. Zoé trat, wenn sie ein paar Augenblicke Zeit hatte, in das Kabinett, um die Toilette ihrer Herrin vorzubereiten. Bald nachher mußte sie sie ankleiden, während der Friseur wartete, um an den Haarputz noch die letzte Hand zu legen. Aber die elektrische Glocke störte die Zofe in einem fort, so daß sie Nana mit halb zugeschnürter Taille und halb barfüßig sitzen lassen mußte. Sie verlor trotz ihrer reichen Erfahrungen den Kopf. Nachdem sie die Männer erst einzeln, jedes Winkelchen der Wohnung benutzend, überallhin postiert hatte, war sie nun genötigt gewesen, deren drei bis vier zusammenzuschachteln, so sehr dies auch allen Bräuchen und Wünschen ihrer Herrin widersprach. Ach was! Desto besser, wenn sie einander auffraßen, da gab's doch Platz! Und Nana, die hinter den zugeschobenen Riegeln wohlgeborgen in ihrem Kabinettchen saß, machte sich lustig über sie, deren Atem sie bis in ihren Winkel hinaus hörte; sie müßten, wie sie meinte, einen recht dicken Schädel haben, und die Zunge müßte ihnen ja schon lange aus dem Halse hängen. Ihr Erfolg vom gestrigen Abend nahm seinen Fortgang, die Männermeute war ihrer Spur gefolgt.
»Wenn sie wenigstens nichts zerbrechen«, meinte Nana.
Sie fing an, unruhig zu werden. Aber in diesem Augenblick führte Zoé Herrn Labordette in das Kabinett, und Nana stieß einen Ruf der Erleichterung aus. Er wollte mit ihr von einer Rechnung sprechen, die er für sie beim Friedensrichter beglichen hatte. Sie hörte gar nicht auf seine Worte, sondern rief ihm zu:
»Labordette, ich nehme Sie mit … Wir speisen zusammen, und dann begleiten Sie mich nach dem Theater. Ich brauche erst um halb zehn Uhr aufzutreten.«
Der wackere Labordette, wie gelegen er gerade kam! Niemals begehrte er etwas für seine Dienste. Er war lediglich der Freund der Damen, deren kleine Angelegenheiten zu ordnen er keine Mühe scheute. So hatte er eben noch im Vorbeigehen die Gläubiger, die im Vorzimmer weilten, um eine Wartefrist gebeten; die braven Leute wollten ja übrigens gar nicht bezahlt sein: wenn sie hier gewartet hätten, so sei es ja nur geschehen, um der gnädigen Frau ihr Kompliment zu machen und ihre Dienste von neuem anzutragen: der ungeheure Erfolg, den die gnädige Frau am gestrigen Abend gehabt, habe ja ganz Paris auf die Beine gebracht.
»Kommen Sie, Labordette, wir wollen uns drücken!« wandte sich Nana, die jetzt angekleidet war, an ihren Besucher.
»Madame, ich mache ganz entschieden nicht auf … Es stehen noch eine ganze Reihe Männer auf der Treppe!«
Das überstieg doch alle Begriffe! Sogar Francis mußte, gegen sein englisches Phlegma, das er affektierte, lachen, während er sein Frisierzeug in Ordnung brachte. Nana hatte Labordettes Arm ergriffen und drängte diesen nach der Küche. Glücklich, endlich von den Männerscharen befreit und sich selbst überlassen zu sein, eilte sie die Stufen der Dienertreppe hinab.
»Sie begleiten mich doch wieder zurück?« fragte sie ihren Führer, als sie den Hausflur betraten. »Ich werde dann wenigstens unbehelligt bleiben … Denken Sie sich, Labordette, ich habe mir vorgenommen, heute einmal eine ganze Nacht allein zu schlafen … Was einem doch so manchmal in den Sinn kommt, nicht wahr?«
Kapitel 3
Gräfin Sabine, wie man sich gewöhnt hatte, Frau Muffat de Beuville zu nennen, um sie von ihrer Frau Schwiegermutter zu unterscheiden, die im vergangenen Jahr gestorben war, hatte jeden Dienstag in ihrem Haus in der Rue Miromesnil, an der Ecke der Rue de Penthièvre, Empfangsabend. Es war ein weites viereckiges Gebäude, das die gräfliche Familie der Muffat seit länger als einem Jahrhundert bewohnte. Auf die Straße hinaus starrte die schwarze und düstere Fassade in klösterlicher Melancholie mit ungeheuren Jalousien, die beinahe immer geschlossen blieben. Hinter dem Hause standen in einem feuchten Gartenwinkel ein paar Bäume, die keine Sonne erhielten und so lang aufgeschossen waren, daß man ihre Zweige über den Schiefern des Daches erblickte.
An dem heutigen Dienstag waren gegen zehn Uhr kaum ein Dutzend Personen in dem Saal. Da man nur Freunde des Hauses erwartete, öffnete die Gräfin weder den Salon noch das Eßzimmer. Man war auf diese Weise mehr unter sich und plauderte neben dem Kamin. Der Salon war übrigens sehr groß und sehr hoch; vier Fenster mündeten auf den Garten, dessen durch den regnerischen Apriltag erhöhte Feuchtigkeit man trotz der im Kamin brennenden Buchenscheite im Zimmer gar wohl verspürte. Nie drang die Sonne in dieses Gemach; am Tage erhellte ein grünliches Licht matt das Zimmer, und abends, wenn die Lampen und der Kronleuchter angezündet waren, hatte es mit seinem massiven Mahagonimobiliar, seinen gelbseidenen Vorhängen und großgemusterten Polstern nur einen ernsten, gemessenen Charakter. Man trat in den Bereich einer frostigen Würde, alter, ergrauter Bräuche und Sitten, in ein verschwundenes, vom Geruch frommer Andacht angewehtes Zeitalter.
Gegenüber dem alten viereckigen Lehnstuhl aus hartem Holz und rauhem Stoff, in dem die Mutter des Grafen gestorben war, ruhte die Gräfin Sabine in einem tiefen Sessel, dessen rotseidene Polsterung weich und elastisch wie Eiderdaunen war. Es war das einzige neumodische Möbel, das wie ein Phantasiestück inmitten dieser starren Strenge erschien und sehr von allem anderen abstach.
»Sind Sie unwohl, meine Liebe?« fragte Madame Chantereau, die Frau eines Hüttenwerksbesitzers, da sie die Gräfin leicht zittern und erblassen sah.
»O nein, nicht im geringsten«, gab diese lächelnd zur Antwort.
»Es ist mir nur ein wenig zu kalt … Der Salon ist zu groß, um gut durchgeheizt werden zu können.«
Sie schaute mit ihrem finsteren Blick die hohen Wände bis zum Plafond hinauf. Estelle, ihre Tochter, ein junges Ding von sechzehn Jahren, im Backfischalter, von magerer und unscheinbarer Figur, erhob sich von dem Taburett, auf dem sie gesessen hatte, und schob schweigend eines der Scheite ins Feuer zurück, das zur Seite gerollt war. Aber Madame de Chezelles, eine Freundin Sabines, rief:
»Ach, was gäbe ich darum, wenn ich einen solchen Saal haben könnte wie du! Du kannst doch wenigstens Besuche empfangen … Heutzutage bekommt man nichts anderes mehr als Schachteln von Sälen gebaut … Oh, wenn ich an deiner Stelle wäre!«
Sie setzte mit lebhaften Gestikulationen auseinander, daß sie Vorhänge, Polster, alles verändern würde, dann würde sie Bälle geben, zu denen ganz Paris herbeiströmen sollte. Ihr Mann, der hinter ihr stand, eine Magistratsperson, hörte mit ernster Miene zu. Man erzählte sich, daß sie ihn hintergehe, ohne es zu verheimlichen; aber man verzieh ihr, man empfing sie trotzdem, weil sie, wie man sagte, so verdreht war.
Der Bankier Steiner, der seit kurzer Zeit durch Léonide de Chezelles, die ganz Paris kannte, bei der Familie Muffat eingeführt war, plauderte auf einem zwischen zwei Fenstern stehenden Kanapee; er fragte einen Abgeordneten aus, dem er geschickt Neuigkeiten zu entlocken suchte, die auf eine von ihm vermutete Bewegung an der Börse Bezug hatten, während der Graf Muffat, der vor ihnen stand, schweigend, mit noch strengerem Gesicht, als er es gewöhnlich zeigte, dem Gespräch zuhörte. Vier bis fünf junge Leute bildeten eine zweite Gruppe neben der Tür, wo sie den Grafen Xavier von Vandeuvres umstanden, der ihnen mit halblauter Stimme eine zweifellos sehr schlüpfrige Geschichte erzählte, denn sie erstickten fast vor Lachen. Mitten in dem Gemach, ganz allein für sich, schwerfällig in einen Fauteuil gestreckt, schlief ein dicker, robuster Herr, der im Ministerium des Innern als Bürochef angestellt war, mit offenen Augen. Aber einer der jungen Leute mochte Vandeuvres' Geschichte nicht recht glauben, vorauf dieser laut ausrief:
»Sie sind zuviel Skeptiker, Foucarmont; Sie verderben ja allen den Spaß!«
Lachend trat er zu den Damen zurück. Der letzte Sproß eines angesehenen Geschlechtes, weibisch, aber geistreich, brachte er sein Vermögen durch allerlei noble Passionen, denen er leidenschaftlich nachhing, durch. Sein Pferdestall, einer der berühmtesten von ganz Paris, kostete ein rasendes Geld; seine Verluste im »Cercle Imperial« erreichten in jedem Monat eine beängstigend hohe Summe; seine Maitressen verschlangen jahraus, jahrein, mochten die Erträgnisse seiner Besitzungen gut oder schlecht sein, mindestens eines seiner Pachtgüter und ein paar Morgen Land oder Feld dazu und rissen alljährlich einen Fetzen mehr von seinen ungeheuren Besitzungen in der Pikardie ab.
»Ich rate Ihnen, nicht die anderen für Skeptiker anzusehen, Sie, der Sie an nichts glauben«, sagte Léonide, indem sie ihm ein Plätzchen an ihrer Seite einräumte. »Kein anderer verdirbt Ihnen Ihr Vergnügen, nur Sie selbst tun es.«
»Ganz recht«, antwortete er. »Ich will indes den anderen die Möglichkeit geben, aus meiner Erfahrung Nutzen zu ziehen.« Man nötigte ihn jedoch zu schweigen, denn Herr Venot nehme Anstoß an seinen Worten. Die Damen rückten zur Seite, und plötzlich erblickte man, tief in einen Sessel gelehnt, einen kleinen Herrn von ungefähr sechzig Jahren mit feinem Lächeln, bei dem er seine häßlichen Zähne zeigte; er hatte sich ungeniert ausgestreckt, als ob er zu Hause wäre, hörte auf jedermanns Worte, sprach aber selbst nie eine Silbe. Mit einer Handbewegung gab er zu verstehen, daß ihm die letzten Worte der Unterhaltung mit den Damen Ärgernis bereitet hätten. Vandeuvres hatte seine vornehme Haltung wieder angenommen und setzte in gewichtigem Tone hinzu:
»Herr Venot weiß recht gut, daß ich das glaube, was man glauben muß.«
Es war eine Art Glaubensäußerung, über die selbst Léonide sich befriedigt zeigte.
Als die Diskussion gerade auf ihrem Höhepunkt angelangt war, öffnete sich die Tür und Hector de la Faloise erschien im Zimmer. Fauchery, der ihm folgte, näherte sich der Gräfin und sagte, sich verneigend: »Madame, ich habe mich Ihrer schätzenswerten Einladung erinnert … «
Sie lächelte und sprach ein paar liebenswürdige Worte. Der Journalist blieb, nachdem er den Grafen begrüßt hatte, einen Moment stehen, als ob er nicht in diesen Salon gehöre, wo er nur den Bankier Steiner kannte. Vandeuvres, der sich umgedreht hatte, kam ihm entgegen und reichte ihm die Hand. Fauchery, der einerseits über diese Begegnung erfreut war, andererseits von einem Bedürfnis nach Aussprache gedrängt wurde, nahm Vandeuvres sogleich in Beschlag und fragte ihn mit leiser Stimme:
»Sie sind also morgen dabei?«
»Ei, das will ich meinen!«
»Um Mitternacht bei ihr.«
»Ich weiß, ich weiß … Ich komme mit Blanche.«
Er wollte entschlüpfen, um wieder zu den Damen zu treten, aber Fauchery hielt ihn zurück.
»Nie im Leben würden Sie es erraten, mit welcher Einladung man mich betraut hat.«
Mit einem leichten Kopfnicken wies er auf den Grafen Muffat, der in diesem Augenblick einen Posten des Staatsbudgets mit dem Deputierten und Steiner diskutierte.
»Nicht möglich!« sagte Vandeuvres, verdutzt und heiter gestimmt zugleich.
»Mein Wort darauf! Ich habe eidlich versprechen müssen, ihn zu ihr zu führen. Ich komme eigentlich zum Teil aus diesem Grunde her.«
Sie lachten beide still vor sich hin.
Unterdessen schaute Faloise, der ein paar rasche, halblaut gewechselte Worte aufgefangen hatte, in Erwartung einer Erklärung auf seinen Vetter Fauchery, der sich indessen nicht dazu bequemte. Von wem sprach man denn? Was hatte man denn morgen um Mitternacht vor? Er ließ seinen Vetter nicht mehr aus den Augen. Dieser suchte soeben nach einem Platz. Die Gräfin Sabine fesselte sein Interesse vor allem. Man hatte ihren Namen oft in seiner Gegenwart ausgesprochen; er wußte, daß sie, seit ihrem siebzehnten Jahr verheiratet, jetzt ungefähr vierunddreißig Jahre zählen mußte und daß sie seit ihrer Verheiratung zwischen Mann und Schwiegermutter ein klösterliches Leben geführt hatte. In den Augen der Welt galt sie den einen als eine fromme, gottergebene Frau, die anderen beklagten sie und erinnerten sich, wie fröhlich und heiter sie gelacht und wie feurig ihre Augen geblitzt hatten, bevor sie in der Tiefe dieses alten Hauses eingeschlossen worden war. Fauchery blickte sie prüfend an und überlegte. Einer seiner Freunde, der vor kurzem als Kapitän in Mexiko gefallen war, hatte ihm am Tage seiner Abreise abends beim Aufstehen vom Abschiedsmahl eine jener rücksichtslosen Mitteilungen gemacht, die sich auch die taktvollsten Männer manchmal entschlüpfen lassen. Aber seine Erinnerungen waren undeutlich; am Abend hatte man gut diniert, und Zweifel überkamen ihn, wenn er die Gräfin inmitten dieses altehrwürdigen Saales, in ihrem ernsten schwarzen Kleide, mit ihrem ruhigen Lächeln sitzen sah. Eine hinter ihr stehende Lampe hob das feine Profil ihres runden und vollen brünetten Gesichts hervor, in dem einzig der etwas üppige Mund eine gewisse überwiegende Sinnlichkeit zeigte.
»Sag mal, hat denn die Gräfin keinen Liebhaber?« fragte plötzlich Fauchery seinen Vetter Faloise.
»Ach nicht doch, mein Lieber, nicht doch!« erwiderte dieser, sichtlich verwirrt durch diese unerwartete Frage. »Wo glaubst du dich denn eigentlich zu befinden?«
Dann wurde er plötzlich inne, daß sein Unwille über die Frage nicht von Lebensart zeuge, und sich auf den Sitz eines Kanapees streckend, fügte er hinzu:
»Den Teufel auch, ich will nicht gerade nein sagen, aber ich habe noch nichts davon gehört … Es ist ein kleines Herrchen hier, der Foucarmont, mit dem Vandeuvres vorhin sprach: den findet man in jedem Winkel. Übrigens hat man ja noch weit unwahrscheinlichere Dinge erlebt. Was mich betrifft, so scher' ich mich wenig darum … Gewiß ist nur, daß die Gräfin, wenn sie sich darin gefällt, auf Abwegen zu wandeln, es sehr schlau anfangen muß, denn man hört niemanden davon klatschen.«
Dann meinte er, ohne daß Fauchery sich die Mühe nahm, ihn zu fragen, daß er manches über die Familie Muffat wisse. Während die Damen vor dem Kamin ihr Geplauder fortsetzten, steckten Fauchery und Faloise die Köpfe zusammen und sprachen mit leiser Stimme; man hätte glauben mögen, wenn man sie in ihren weißen Handschuhen und weißen Krawatten sitzen sah, daß sie in gewählten Phrasen über irgendein ernstes Thema sprächen. Also die Mutter des Grafen, erzählte Faloise, sei eine unausstehliche alte Person gewesen, die in einem fort bei den Pfaffen gelegen habe, übrigens von stolzem, hochfahrendem Wesen, eine starre Vertreterin des Autoritätsprinzips, vor der sich alles beugen mußte. Muffat selbst sei der nachgeborene Sohn eines durch Napoleon I. zum Grafen ernannten Generals. Auch ihm fehle der leichte Sinn, aber man halte ihn allgemein für einen ehrenhaften Mann und geraden Charakter. Von seiner Stellung bei Hofe, von seinen Würden und Tugenden habe er übrigens eine so hohe Meinung, daß er den Kopf wie eine Monstranz zu tragen pflege. Seine Mutter hatte seine Erziehung geleitet: tagtäglich hatte er zur Beichte gehen müssen, nie hat er sich austummeln dürfen, kurz und gut, seine Jugend in keiner Weise genossen. Schließlich, um ihn ganz getreu zu schildern, flüsterte Faloise seinem Vetter ein Wort ins Ohr.
»Nicht möglich!« sagte dieser.
»Man hat's mir auf Ehrenwort versichert! … Er war noch unschuldig, als er sich verheiratete.«
Fauchery betrachtete lachend den Grafen, dessen von Koteletten eingerahmtes Gesicht ohne Schnurrbart noch würdiger und härter erschien.
»Meiner Treu, er hat ganz den Kopf danach«, flüsterte er. »Ein niedliches Geschenk übrigens, das er seiner Frau gemacht hat! … Ach, die arme kleine Gräfin! Hat die sich langweilen müssen! Sie weiß sicher kein Sterbenswörtchen davon, was?«
Er blieb in der Nähe der Gräfin, und während er sich mit ihr unterhielt, fuhr er in seinen Betrachtungen fort. Sie sah jünger aus, als sie war, und schien höchstens achtundzwanzig Jahre zu zählen; besonders ihre Augen sprühten ein Jugendfeuer, das von langen Wimpern beschattet war. In einem ungeregelten Familienleben großgezogen, den einen Monat beim Marquis de Chouard, den andern bei der Marquise verbringend, hatte sie sich beim Tode ihrer Mutter sehr jung vermählt, ohne Zweifel von ihrem Vater hierzu gedrängt, dem sie im Wege stand. Ein schrecklicher Mann, dieser Marquis, über den man trotz seiner hohen Frömmigkeit allmählich sonderbare Geschichten berichtete. Fauchery fragte sie, ob er sich nicht erlauben dürfe, ihn zu begrüßen. Gewiß, entgegnete sie, ihr Vater werde kommen, jedoch erst sehr spät, weil er zu stark beschäftigt sei. Der Journalist, der zu wissen glaubte, wo der alte Herr seine Abende verbrachte, blieb ernst und still. Jedoch ein Mal, das er auf der linken Wange der Gräfin in der Nähe des Mundes bemerkte, setzte ihn in Erstaunen. Sonderbar, Nana hatte genau dasselbe. Über das Mal hinweg kräuselte sich ein leichter Flaum; nur daß bei Nana die Härchen blond und hier tiefschwarz waren. Gleichgültig, diese Dame hatte sicher keinen Liebhaber.
Nein, sie hatte keinen: das fiel in die Augen; man brauchte sie nur dort bei ihrer Tochter zu sehen, so nichtssagend und geziert auf ihren Sessel niedergelassen. Dieser grabesähnliche, von Kirchengeruch erfüllte Salon sagte zur Genüge, unter welcher Eisenhand, einer wie strengen Lebenszucht sie sich beugen mußte. In diese altertümliche, von Feuchtigkeit schwarze Behausung hatte sie nichts von ihrem Wesen hineinzutragen vermocht. Muffat gab den Ton an und herrschte mit seiner frömmelnden Erziehung, seinem Büßen und Fasten. Jedoch das Gesicht des kleinen Graukopfes mit den schadhaften Zähnen und jenem verschmitzten Lächeln, das dieser hinter den Damen ganz plötzlich in seinem Lehnstuhl zeigte, war viel entscheidender für sein Urteil. Er kannte die Persönlichkeit: es war Théophile Venot, ein alter Sachwalter, welcher sich besonders mit Kirchenprozessen beschäftigt hatte; mit einem ansehnlichen Vermögen hatte er sich zurückgezogen und führte eine ziemlich geheimnisvolle Existenz, während man ihn überall empfing, äußerst ergeben begrüßte, ja selbst ein wenig fürchtete, gerade als ob er eine große Macht repräsentierte, eine verborgene Macht, die man hinter ihm vermutete. Im übrigen zeigte er sich äußerst demütig, war Kirchenvorstand in der Magdalenenkirche und hatte auch bescheidenerweise eine Adjunktenstelle beim Maire des neunten Bezirks angenommen, um, wie er meinte, seine Mußestunden auszufüllen. Potz Wetter, die Gräfin war schön umringt; mit ihr war nichts anzufangen.
»Du hast recht, man könnte hier umkommen«, sagte Fauchery zu seinem Vetter, als er aus dem Damenkreise entschlüpft war.
»Wir wollen schlau sein.«
Allein Steiner, den Graf Muffat und der Abgeordnete soeben verlassen hatten, trat wütend auf sie zu und murmelte halblaut:
»Beim Henker, wenn sie nichts sagen wollen, so mögen sie schweigen … Ich werde schon Leute finden, die reden.«
Darauf drängte er den Journalisten in eine Ecke, und mit veränderter Stimme rief er triumphierend aus:
»Nicht wahr? Also morgen … Ich bin dabei, mein Teurer!«
»Ah!« murmelte Fauchery erstaunt.
»Sie wußten das nicht? Oh, ich habe Mühe gehabt, sie zu Hause zu treffen! Auch ließ mich der vertrackte Mignon nicht einen Augenblick allein!«
»Also die Mignon sind auch dabei?«
»Ja, sie hat es mir gesagt … Kurz, sie hat mich also empfangen und eingeladen … Pünktlich um Mitternacht, nach dem Theater.«
Der Bankier strahlte vor Freude. Er blinzelte mit den Augen und fügte hinzu, während er seinen Worten einen besonderen Nachdruck verlieh:
»So weit also sind Sie schon, mein Herr?«
»Was denn?« sagte Fauchery, der nicht zu verstehen schien. »Sie hat sich bei mir wegen meines Artikels bedanken wollen und ist daher zu mir gekommen.«
»Ja, ja … Sie sind glücklich! Man belohnt Sie … Apropos, wer zahlt morgen?«
Der Journalist breitete die Arme aus, um gleichsam zu erklären, daß man dies nie im voraus wissen könne.
Inzwischen wagte Faloise seinen Vetter zu fragen, indem er ihm nachschlich und ihm leise zuflüsterte: »Das Souper findet also morgen abend bei einer Dame statt? … Bei wem? He? Bei wem?«
Fauchery gab ein Zeichen; es bedeutete, daß sie gehört würden. Soeben hatte sich die Tür wieder geöffnet und es trat eine alte Dame ein. Ihr folgte ein junger Mensch, in dem der Journalist den kaum aus dem Gymnasium Entlassenen wiedererkannte, der am Abend der »Blonden Venus« das verhängnisvolle »Famos, famos!« ausgerufen hatte, wovon immer noch gesprochen wurde. Die Ankunft dieser Dame brachte den Salon in Aufregung. Gräfin Sabine hatte sich rasch erhoben, um ihr entgegenzugehen, hatte ihre beiden Hände erfaßt und nannte sie ihre »liebe Madame Hugon«. Als Faloise gewahrte, wie sein Vetter neugierig dieser Szene zuschaute, machte er ihn, um ihn in Anspruch zu nehmen, in kurzen Worten mit den Verhältnissen bekannt. Obwohl Madame Hugon, eine Notarswitwe, sich nach Les Fondettes, einer alten Familienbesitzung in der Nähe von Orléans, zurückgezogen hatte, blieb sie mit Paris stets in inniger Verbindung, da sie in der Rue Richelieu ein Haus besaß; hier verweilte sie jetzt einige Wochen, um ihren jüngsten Sohn, Student der Rechte im ersten Semester, unterzubringen; ehemals war sie mit dem Marquis de Chouard innig befreundet gewesen und hatte der Geburt der Gräfin beigewohnt, sie vor ihrer Vermählung monatelang bei sich gehabt, und selbst jetzt noch redete sie diese mit »du« an.
»Ich habe dir Georges mitgebracht«, sagte Madame Hugon zu Sabine. »Er ist mittlerweile recht groß geworden, wie du siehst.«
Der junge Mann, mit seinen hellen Augen und seiner blonden Frisur mehr einem als Knabe verkleideten Mädchen ähnelnd, grüßte die Gräfin unbefangen und erinnerte sie an ein Ballspiel, das sie vor zwei Jahren in Les Fondettes unternommen hatten.
»Philippe ist nicht in Paris?« fragte Graf Muffat.
»O nein«, erwiderte die alte Dame. »Er ist immer noch in Bourges in Garnison.«
Sie hatte Platz genommen und sprach sehr selbstbewußt von ihrem ältesten Sohne, der, einem plötzlichen Einfall folgend, sich hatte anwerben lassen und sehr schnell Leutnant geworden war. Alle anwesenden Damen umgaben sie mit achtungsvoller Anteilnahme.
Als Fauchery hier diese ehrbare Madame Hugon sah, diese mütterliche, von einem so wohlwollenden Lächeln verklärte Gestalt im grauen Haar, kam er sich selbst lächerlich vor, die Gräfin Sabine auch nur einen Augenblick im Verdacht gehabt zu haben.
Trotzdem hatte der große, mit roter Flockenseide überzogene Lederstuhl, in den sich die Gräfin setzte, soeben seine Aufmerksamkeit erregt. Er entdeckte daran einen rohen Geschmack und eine sinnverwirrende Phantasie in diesem altersschweren Salon. Sicherlich hatte nicht der Graf dieses Möbel lüsterner Behaglichkeit hierhergebracht. Man hätte es für einen ersten Versuch halten können, für den Beginn eines Wunsches nach Genuß. Hierauf vertiefte er sich wieder in Träumereien und kam auf die vertrauliche unbestimmte Mitteilung zurück, die ihm eines Abends in dem Nebenzimmer eines Restaurants gemacht worden war. Von einer sinnlichen Neugier getrieben, hatte er danach verlangt, bei Muffat eingeführt zu werden. Da sein Freund in Mexiko geblieben war, wer konnte wissen, was kommen würde? Man mußte eben zusehen. Er beging ohne Zweifel eine Torheit; schon der Gedanke verwirrte ihn, er fühlte sich angelockt, und seine Sinnlichkeit erwachte.
Die Damen unterhielten sich über eine Nonnenweihe, einen sehr rührenden Akt, über den das weltliche Paris seit drei Tagen tiefbewegt war. Die älteste Tochter der Baronin von Fougeray war nämlich soeben in den Karmeliterorden eingetreten; sie hatte dem unwiderstehlichen Drang ihres Herzens nachgegeben. Madame Chantereau, die mit der Familie Fougeray verwandt war, erzählte, das Tränenvergießen habe die Baronin dermaßen angegriffen, daß sie gezwungen gewesen sei, am nächsten Tage das Bett zu hüten.
»Ich hatte einen vortrefflichen Platz«, erklärte Léonide. »Ich habe die Sache sonderbar gefunden.«
Indes beklagte Madame Hugon die arme Mutter. Welch ein Schmerz, auf diese Weise eine Tochter zu verlieren!
»Na ja doch! Sie heiraten den Herrgott, wenn sie ihren Cousin nicht haben heiraten können«, murmelte Vandeuvres zwischen den Zähnen, da ihn dieses Thema langweilte und er Fauchery wieder aufgesucht hatte. »Haben Sie je gehört, mein Lieber, daß ein Frauenzimmer, das sich geliebt weiß, ins Kloster geht?«
Er wartete nicht auf die Antwort, denn er mochte nichts mehr hören, und fuhr halblaut fort:
»Sagen Sie mir doch, zu wie vielen werden wir morgen sein? Es werden sich Mignon, Steiner, Sie, Blanche und ich einfinden … Wer sonst noch?«
»Caroline, denke ich … Simonne … Gaga, ohne Zweifel … Man weiß dies nie genau, nicht wahr? Bei solchen Gelegenheiten glaubt man vielleicht, es seien ihrer zwanzig, und nachher sind es dreißig.«
Als Vandeuvres' Blicke jetzt die Damen streiften, sprang er schnell zu einem anderen Thema über.
»Jene Dame du Joncquoy muß vor fünfzehn Jahren sehr hübsch gewesen sein … Die arme Estelle ist immer noch höher aufgeschossen – ein wahres Plättbrett!«
Allein er unterbrach sich und kam wieder auf das Souper des nächsten Tages zu sprechen.
»An jenen Geschichten ist nur dies eine langweilig, daß es immer dieselben Frauen sind … Man müßte einmal etwas Neues schaffen. Versuchen Sie doch, ein junges Gemüse zu finden … Halt, ich habe einen Gedanken! Ich werde jenen dicken Herrn dort bitten, die Dame mitzubringen, die er an einem der letzten Abende im Varieté mithatte.«
Er sprach von dem Bürochef im Ministerium des Innern, der mitten im Salon eingeschlummert war. Fauchery ergötzte sich aus der Ferne daran, dieser delikaten Unterhaltung zu lauschen. Vandeuvres hatte sich in die Nähe des dicken Herrn gesetzt, der einen äußerst ehrwürdigen Eindruck machte. Beide schienen einen Augenblick lang mit gemessener Ruhe die schwebende Frage zu erörtern, welches Gefühl eigentlich ein junges Mädchen dahin bringen könne, den Schleier zu nehmen. Bald darauf kam der Graf zu Fauchery zurück und sagte:
»Es ist nicht möglich! Er beteuerte, sie sei tugendhaft und würde sich weigern … Und doch hätte ich jede Wette angenommen, sie bei Laura gesehen zu haben.«
»Wie, Sie gehen zu Laura?« murmelte Fauchery lachend. »Sie wagen sich an solche Orte? Ich glaubte, dort verkehren nur wir armen Teufel.«
»Nun, mein Lieber, man muß wohl alles kennenlernen.«
Sie lachten amüsiert und erzählten einander mit leuchtenden Augen Einzelheiten über die Table d'hote in der Rue des Martyrs, wo die dicke Laura Piédefer Dämchen, die in knappen Geldverhältnissen waren, für drei Franken speiste. Ein schönes Nest! Alle Dämchen küßten Laura den Mund. – Da sich jetzt die Gräfin Sabine umwandte, die ein flüchtiges Wort davon vernommen haben mochte, verbargen sie sich und stritten in unbefangener Erregtheit miteinander herum. Allein ganz in ihrer Nähe hatten sie Georges Hugon übersehen, der ihnen zuhörte; eine flammende Röte hatte sich von seinen Ohren bis hinab auf seinen mädchenhaften Hals ergossen. Dieser Jüngling war voll von verschämtem Entzücken. Seitdem ihn seine Mutter im Salon allein gelassen hatte, war er hinter Madame de Chezelles getreten, die einzige Frau, die ihm (natürlich nächst Nana, die noch immer jenen tiefen Eindruck auf ihn machte) »famos« erschien.
»Gestern abend«, versetzte Madame Hugon, »hat mich Georges ins Theater geführt; ja, nach den Varietés, wohin ich seit zehn Jahren sicher nicht gekommen war. Dieses Kind vergöttert die Musik … Ich selbst habe mich gar nicht amüsiert, aber er war so glücklich! … Man spielt heutzutage sonderbare Stücke. Übrigens muß ich gestehen, daß die Musik mich wenig begeistern kann.«
»Wie, Madame, Sie lieben die Musik nicht?« rief Madame du Joncquoy mit zum Himmel erhobenen Blicken aus. »Ist es möglich, daß man Musik nicht gern hat?«
Dies war die Ansicht aller. Niemand verlor ein Wort über das Stück der Varietés, von dem die gute Madame Hugon nichts verstanden hatte; alle diese Damen kannten es, sprachen jedoch nicht davon. Plötzlich warf man sich allgemein auf die sentimentale Seite, indem man feine und begeisterte Bewunderung den klassischen Meistern zollte. Madame du Joncquoy liebte nur Weber, während Madame Chantereau sich für die Italiener erklärte. Die Stimmen dieser Damen waren weich und schmachtend, so daß man hier vor dem Kamin an Kirchenandacht, an den leise verhallenden Gesang in einer kleinen Kapelle hätte denken können.
»Hm«, brummte Vandeuvres, während er Fauchery wieder in die Mitte des Zimmers führte, »wir müssen für morgen ein weibliches Wesen ausfindig machen. Wollen wir uns nicht einmal an Steiner wenden?«
»Oh«, entgegnete der Journalist, »wenn Steiner eine Person hat, so ist's eine, die in Paris kein anderer mehr will.«
Unterdessen durchspähte Vandeuvres die Umgebung.
»Warten Sie, neulich habe ich Foucarmont mit einer reizenden Blondine getroffen. Ich werde ihn bitten, diese uns zuzuführen.«
Sogleich rief er Foucarmont zu sich und wechselte schnell einige Worte mit ihm. Es schien sich eine Verwicklung dabei zu entspinnen, denn beide gingen, behutsam über die Kleider der Damen hinwegsteigend, vorsichtig fort und fanden einen anderen jungen Mann, mit dem sie in einer Fensternische die Unterhaltung fortsetzten. Fauchery, jetzt allein, entschied sich, in die Nähe des Kamins zu treten, als eine Stimme hinter ihm sprach:
»Das ist nicht eben höflich von dir.«
»Was denn?« fragte er und erkannte, sich umdrehend, Faloise.
»Nun, ich meine, daß du mich wohl zu dem morgen stattfindenden Souper hättest einladen können.«
Fauchery wollte eben antworten, als Vandeuvres zurückkam und sagte:
»Hm, mir scheint, die Blondine geht Foucarmont gar nichts an; sie ist das Schätzchen jenes Herrn dort unten … Sie wird nicht kommen können! Welch ein Pech! Allein ich habe eben Foucarmont gewonnen, und er wird Louise aus dem Palais Royal zu bringen versuchen. Ich werde mir auch noch mehr Herren gewinnen … Diese jungen Leute müssen unsere hübschen Dämchen kennenlernen.«
Darauf sah man ihn mit liebenswürdigem Lächeln die Herren anreden und überall im Salon Unterhaltung anknüpfen. Er mischte sich unter die einzelnen Gruppen, diente jedem mit einer Phrase, und unter freundlichem Augenzwinkern und mit Zeichen des Einverständnisses wandte er sich wieder um. Es war gerade, als ob er mit seiner ungezwungenen Miene ein Losungswort ausstreute. Sein Losungswort kam in Umlauf, und man traf gegenseitig Verabredungen, während die sentimentalen Gespräche der Damen über die Musik das kleine fieberhafte Geräusch dieser listigen Anwerbung übertönten.
Gräfin Sabine hatte geläutet. Wenn am Dienstag ein weniger zahlreicher Besuch zu verzeichnen war, nahm man den Tee im Salon ein. Während sie noch durch einen Diener einen Armleuchter fortbringen ließ, folgte die Gräfin mit ihren Blicken dem Grafen Vandeuvres.
Sie zeigte jenes flüchtige Lächeln, bei dem ihre blendend weißen Zähne hervorblitzten. Als der Graf an ihr vorüberkam, fragte sie ihn: »Was für Pläne schmieden Sie denn, Herr von Vandeuvres?«
»Ich, Madame?« erwiderte er ruhig. »Ich schmiede keine Pläne.«
»So! Ich sah Sie so überaus geschäftig. Da, bitte, wenn Sie sich nützlich machen wollen.«
Bei diesen Worten reichte sie ihm ein Album und bat ihn, es auf das Piano zu legen. Danach fand er ein Mittel, Fauchery ganz leise mitzuteilen, daß man Tatan Néné, die schönste Sängerin dieser Wintersaison, und Marie Blond, die beide in den Folies-Dramatiques soeben zum ersten Mal aufgetreten seien, bekommen werde. Indes hielt ihn Faloise bei jedem Schritt auf und erwartete eine Einladung. Endlich trug er sich selbst an, und Vandeuvres engagierte ihn sofort; nur nahm er ihm das Versprechen ab, Clarisse mitzubringen, und da Faloise Bedenken zu hegen schien, beruhigte er ihn mit den Worten:
»Da ich Sie einlade, genügt es!«
Trotzdem hätte Faloise gern den Namen der Dame erfahren. Allein die Gräfin hatte Vandeuvres bereits wieder gerufen und befragte ihn über die Art, wie die Engländer den Tee zubereiten. Er reiste nämlich oft nach England, wo seine Pferde an den Wettrennen teilnahmen. Nach seiner Ansicht verstanden nur die Russen eigentlich, Tee zu bereiten, und er erklärte deren Zubereitungsart. Hierauf unterbrach er sich, als beschäftigte ihn, während er sprach, ein anderer Gedanke, und fragte:
»Apropos! Werden wir den Marquis heute abend nicht hier sehen?«
»Gewiß, mein Vater hatte es mir ausdrücklich versprochen!« erwiderte die Gräfin. »Ich fange bereits an, unruhig zu werden … Seine Geschäfte werden ihn gewiß zurückgehalten haben.«
Vandeuvres lächelte verstohlen. Auch er schien zu ahnen, welcher Art die Geschäfte des Marquis de Chouard waren. Er hatte an eine reizende Person gedacht, die der Marquis bisweilen aufs Land führte … Ei, wenn man auch dieses Pärchen für das morgige Souper gewinnen könnte!
Indes hielt Fauchery den Augenblick für gekommen, die Einladung des Grafen Muffat zu wagen, denn der Abend schritt vor.
»Wollen Sie wirklich Ernst machen?« fragte Vandeuvres, der die Sache für einen Scherz zu halten geneigt war.
»Vollen Ernst! Wenn ich meinen Auftrag nicht ausführe, wird sie mir die Augen auskratzen! Eine Laune – Sie wissen schon!«
»Dann will ich Ihnen helfen, mein Lieber.«
Es schlug elf Uhr, und die Gräfin, von ihrer Tochter unterstützt, trug den Tee auf. Da ausschließlich ganz intime Bekannte erschienen waren, gingen die Tassen und Kuchenteller vertraulich im Kreise herum. Das Gespräch riß jedoch immer häufiger ab, und eine allgemeine Ermattung verbreitete sich im Salon.
Steiner hatte wieder begonnen, heimlich den Abgeordneten zu bearbeiten, den er in einer Sofaecke belagert hielt. Herr Venot aß unter feinem Lächeln trockenes Gebäck, während der dicke Bürochef, die Nase in die Tasse versenkt, gar nicht satt zu werden schien. Die Gräfin indessen ging ruhig, ohne sich besonders aufzuhalten, vom einen zum ändern, blieb hier und da einige Sekunden stehen, um mit einer still fragenden Miene die Herren zu betrachten, und bewegte sich dann lächelnd weiter. Als sie sich Fauchery näherte, der mit ihrem Gemahl und mit Vandeuvres sprach, bemerkte sie, daß man plötzlich schwieg; sie hielt sich aber nicht auf, sondern gab die Tasse Tee an Georges Hugon.
»Ich kenne eine Dame, Herr Graf, die Sie bei ihrem Souper zu sehen wünscht«, fuhr der Journalist heiter fort, zum Grafen Muffat gewendet.
Der Graf, dessen Gesicht während des ganzen Abends finster geblieben war, schien sehr erstaunt.
»Was ist denn das für eine Dame?«
»Nun, Nana!« sagte Vandeuvres, gerade auf das Ziel zusteuernd.
Der Graf wurde noch ernster; seine Augen bewegten sich kaum, während ein Zug von Unbehagen, wie ein leiser Anfall von Migräne, über seine Stirn glitt.
»Aber ich kenne diese Dame ja gar nicht«, murmelte er.
»Nanu, Sie sind doch bei ihr gewesen!« bemerkte Vandeuvres.
»Wie, ich wäre bei ihr gewesen? … Ach ja, neulich, im Interesse des Wohltätigkeitsvereins! Daran dachte ich nicht mehr. Aber trotzdem kenne ich sie nicht und kann die Einladung darum nicht akzeptieren.«
Er hatte eine eisige Miene angenommen, um ihnen zu verstehen zu geben, daß ihm dieser Scherz nicht behage. Für einen Mann von seiner Stellung war nicht der Platz am Tisch einer jener Damen. Vandeuvres widersprach ihm entschieden: es handle sich lediglich um ein Künstlersouper, und Talent entschuldige alles. Allein ohne weiter die Beweisgründe von Fauchery anzuhören, der von einem Diner erzählte, bei dem der Prinz von Schottland, ein Sohn der Königin, sich neben eine frühere Chansonettensängerin gesetzt habe, betonte der Graf seine Weigerung. Es entfuhr ihm sogar trotz seiner größten Höflichkeit ein Zeichen von Unwillen.
Georges und Faloise, im Begriff, ihre Tasse Tee zu trinken, hatten einige Worte aufgeschnappt.
»Ah, also bei Nana!« murmelte Faloise. »Ei, das hätte ich ahnen können.«
Georges sagte nichts, aber er glühte, sein blondes Haar hing lose herab, seine blauen Augen sprühten Feuer. Endlich trat doch auch er in jenes Leben ein, von dem er bisher nur geträumt hatte!
»Leider weiß ich die Adresse nicht«, bemerkte Faloise.
»Boulevard Haussmann, zwischen der Arkadenstraße und der Rue Pasquier, im dritten Stock«, stieß Georges in einem Zuge hervor. Und während der andere ihn erstaunt ansah, fügte er errötend und von geckenhafter Verlegenheit befangen hinzu:
»Ich weiß es und werde dort sein, denn sie hat mich heute früh eingeladen.«
Plötzlich entstand eine große Bewegung im Salon. Vandeuvres und Fauchery konnten nicht mehr in der Nähe des Grafen bleiben und gaben es auf, weiter in ihn zu dringen, denn der Marquis de Chouard war eingetreten, und alles beeilte sich, ihn zu begrüßen.
Er war mit seinen zittrigen Knien mühsam vorwärts gekommen und blieb bleich, mit blinzelnden Augen, mitten im Zimmer stehen, als komme er aus irgendeinem dunklen Gäßchen und sei durch das helle Lampenlicht noch geblendet.
»Ich glaubte schon, Sie heute gar nicht mehr hier zu sehen, Vater«, sagte die Gräfin, »und das würde mich bis morgen in steter Unruhe gehalten haben.«
Ohne zu antworten, betrachtete er sie mit der Miene eines Menschen, der nicht versteht, was man zu ihm spricht. Seine dicke Nase erschien in dem glattrasierten Gesicht wie eine Geschwulst, während seine Unterlippe schlaff herabhing. Als ihn Madame Hugon dermaßen angegriffen sah, bedauerte sie ihn mitleidsvoll.
»Sie arbeiten zuviel! Sie sollten sich mehr Ruhe gönnen. In unserem Alter muß man die Arbeit den jungen Leuten überlassen.«
»Die Arbeit, ach ja, die Arbeit!« stotterte er endlich. »Immer viel, viel Arbeit … «
Er setzte sich und richtete seinen krummen Rücken langsam in die Höhe, indem er mit einer ihm geläufigen Bewegung die Hand über sein weißes Haar gleiten ließ, dessen spärliche Locken hinter seinen Ohren herabhingen.
»Woran arbeiten Sie denn noch so spät?« fragte Madame du Joncquoy. »Ich glaubte, Sie seien zum Empfang des Finanzministers gegangen.«
Aber die Gräfin legte sich ins Mittel. »Mein Vater hat einen Gesetzentwurf zu studieren«, sagte sie.
»Ja, einen Gesetzentwurf«, erwiderte er, »einen Gesetzentwurf, richtig … Ich hatte mich eingeschlossen … «
Vandeuvres hatte Fauchery einen Blick zugeworfen. Beide befanden sich hinter dem Marquis und machten sich ihm bemerklich. Als ihn Vandeuvres beiseite nehmen konnte, um mit ihm über die schöne Dame zu sprechen, die er aufs Land zu führen pflegte, stellte der Greis sich höchst erstaunt. Vielleicht hatte man ihn gar mit der Baronin Decker gesehen, bei der er bisweilen einige Tage in Viroflay zubrachte? Vandeuvres, um ihn für diese Lüge zu strafen, fragte ihn geradeheraus:
»Sagen Sie mir doch, Marquis, wo sind Sie denn gewesen? Ihr Ellbogen ist ja ganz voll Spinngewebe und Gips.«
»Mein Ellbogen?« stammelte er bestürzt. »Wirklich, es ist wahr … Ein wenig Schmutz … Ich werde ihn wahrscheinlich beim Herabsteigen der Treppe irgendwo abgestreift haben.« – Mehrere Personen gingen jetzt fort. Es war fast Mitternacht.
»Warten Sie!« sagte Vandeuvres zu Fauchery. »Wir müssen vom Grafen einen definitiven Bescheid haben.«
Der Graf Muffat unterhielt sich mit seinem Schwiegervater und einigen anderen ernsten Herren. Vandeuvres führte ihn beiseite, erneuerte die Einladung und gab ihr dadurch Nachdruck, daß er ihm sagte, er sei selbst bei dem Souper zugegen. Ein Herr dürfe überall hingehen; es werde niemand daran denken, darin etwas Schlechtes zu erblicken, man könne es höchstens sonderbar finden. Der Graf hörte diese Auseinandersetzung mit gesenkten Blicken und stummer Miene an; Vandeuvres bemerkte an ihm ein Zögern, als sich der Marquis de Chouard mit fragender Miene näherte. Und als auch dieser dadurch, daß Fauchery jetzt ihn selbst einlud, erfuhr, worum es ging, blickte er verstohlen seinen Schwiegersohn an. Ein verlegenes Schweigen trat ein; allein beide ermutigten sich und hätten sicherlich endlich die Einladung angenommen, wenn Graf Muffat nicht Venot bemerkt hätte, der ihn fest ins Auge faßte.
»Nein«, erwiderte er sogleich in so bestimmtem Ton, daß sich nichts mehr einwenden ließ.
Hierauf weigerte sich der Marquis noch viel energischer. Er war jetzt strenger Moralist. Die höheren Klassen, meinte er, müßten ein gutes Beispiel geben. Fauchery lächelte und stieß Vandeuvres an. Er wartete nicht auf ihn, sondern entfernte sich unverzüglich, indem er sagte, daß er sich nunmehr an sein Journal machen müsse.
»Bei Nana, um Mitternacht, nicht wahr?« rief er ihm noch zu. Faloise zog sich ebenfalls zurück; Steiner hatte sich soeben von der Gräfin verabschiedet; andere Herren folgten. Und dieselben Worte, mit denen sich Fauchery verabschiedet hatte, kursierten in aller Munde; ein jeder wiederholte: »Um Mitternacht bei Nana«, während er seinen Überzieher im Vorzimmer holte. Georges, der erst mit seiner Mutter weggehen sollte, hatte sich auf die Schwelle gestellt, wo er die genaue Adresse, dritter Stock, Tür links, angab. Indessen warf Fauchery vor seinem Weggang noch einmal einen Blick in den Salon. Vandeuvres hatte seinen Platz mitten unter den Damen wieder eingenommen und scherzte mit Léonide de Chezelles. Graf Muffat und der Marquis de Chouard mischten sich in die Unterhaltung, während die brave Madame Hugon mit offenen Augen schlummerte. Hinter den Kleidern verborgen, hatte Herr Venot, der wieder in seiner früheren Kleinheit erschien, sein bekanntes Lächeln von neuem angenommen. Langsam schlug die Uhr zwölf in dem weiten, feierlichen Raum.
Fauchery blickte noch einmal nach der Gräfin Sabine und schloß darauf die Tür. Sabine unterhielt sich gemütlich mit dem Bürochef und schien sich für die Unterhaltung des dicken Herrn zu interessieren. Entschieden mußte Fauchery sich getäuscht haben, denn es war durchaus nichts von einem Bruch zwischen dem Grafen und seiner Gattin zu bemerken.
»Nun, kommst du denn nicht herunter?« rief ihm Faloise vom Vestibül aus zu. Und als man sich auf dem Bürgersteig trennte, wiederholte man nochmals: »Morgen bei Nana!«
Kapitel 4
Seit dem frühen Morgen hatte Zoé die Wohnung einem Hotelwirt überlassen, der mit einem Kellnerpersonal von Brébant geschickt worden war. Brébant mußte alles liefern: Souper, Geschirr, Gläser, Tischzeug, Blumen, sogar Stühle und Sessel. Nana hätte auch nicht ein Dutzend Servietten in ihren Schränken gefunden, und da sie noch nicht Zeit gehabt hatte, sich in ihrer neuen Sphäre zu zeigen, zugleich aber auch verschmähte, ins Gasthaus zu gehen, so hatte sie lieber ein Gasthaus in ihrer Wohnung aufgemacht. Dies erschien ihr passender. Ihren großen Erfolg als Schauspielerin wollte sie durch ein Souper feiern, von dem man rühmend sprechen sollte. Da das Speisezimmer zu klein war, hatte der Hotelwirt im Salon den Tisch gedeckt, und auf diesem fanden, allerdings etwas gedrängt, fünfundzwanzig Kuverts Platz.
»Alles fertig?« fragte Nana, als sie um Mitternacht wieder hereintrat.
»Das weiß ich nicht«, antwortete Zoé barsch und schien außer sich zu sein. »Gott sei Dank, ich kümmere mich um nichts! In der Küche, überhaupt in der ganzen Wohnung haben diese Menschen eine heillose Unordnung angerichtet! Und überdies habe ich Zank und Streit in Menge gehabt … Die andern beiden sind auch noch gekommen; ich habe sie aber, meiner Treu, zur Tür hinausbefördert.«
Sie sprach von den beiden früheren Verehrern von Madame, dem Großhändler und dem Walachen, denen Nana den Abschied zu geben beschlossen hatte, da sie, über ihre Zukunft beruhigt, Abwechslung wünschte.
»Man kann sich vor ihnen nicht retten!« murmelte Nana.
»Wenn sie wiederkommen, so drohe ihnen damit, daß du die Polizei zu Hilfe rufen wirst.«
Sodann rief sie Daguenet und Georges herbei, die im Vorzimmer geblieben waren. Beide hatten sich am Künstlerausgang getroffen und waren von Nana in einem Fiaker hierhergeführt worden. Da noch niemand zugegen war, rief sie ihnen zu, in das Ankleidezimmer einzutreten, während Zoé ihr bei der Toilette helfen sollte. Nana war schon fertig, als ihr Unterkleid an einem Lehnsessel hängenblieb und zerriß. Da fluchte sie wütend, etwas Derartiges könne nur ihr widerfahren. Zornerfüllt zog sie das Kleid aus, ein sehr feines, weißes Seidenkleid von solcher Schmiegsamkeit und Zartheit, daß es wie ein langes Untergewand eng anlag. Allein sofort legte sie es wieder an, weil sie kein anderes fand, das ihrem Geschmack entsprach, und tränenden Auges erklärte sie, sie sehe aus wie ein Lumpenweib. Daguenet und Georges mußten den Riß mit Stecknadeln zustecken, während Zoé ihre Toilette wieder ordnete. Alle drei waren emsig um sie beschäftigt, und wahrlich, es war höchste Zeit, denn es kamen schon einige der geladenen Gäste.
Eiligst entfernte sie sich, während Georges immer noch in seiner knienden Stellung mit dem Zipfel seines Fracks den Boden fegte. Als er gewahrte, wie Daguenet ihn betrachtete, errötete er. Indes wurden beide ganz vertraut miteinander, ordneten die Knoten ihrer Krawatten vor dem großen Ankleidespiegel und reinigten einander mit einer Bürste, da ihre Röcke, die an Nana gestreift hatten, ganz weiß geworden waren.
»Man könnte meinen, wir hätten uns mit Zucker bestreut«, meinte Georges mit dem Lächeln eines naschhaften Kindes.
Ein für diesen Abend gemieteter Lakai führte die Geladenen in den kleinen Salon, ein enges Zimmer, in dem sich für den Empfang so vieler Leute nur vier Stühle befanden. Aus dem großen benachbarten Salon drang das Geräusch von klapperndem Geschirr und Silberzeug, während unter der Tür hervor ein heller Lichtstreifen leuchtete. Bei ihrem Eintreten fand Nana schon Clarisse Besnus, die Faloise mitgebracht hatte, in einem Lehnstuhl sitzen.
»Wie? Du bist die erste!« sagte Nana, die sich seit ihrem Erfolg auf einen ganz vertraulichen Fuß mit ihr stellte.
»Ach, daran ist mein Begleiter schuld«, erwiderte Clarisse. »Er fürchtet immer, zu spät zu kommen. Wenn ich ihm Glauben geschenkt hätte, so hätte ich nicht einmal Zeit gehabt, mein Rouge abzuwischen.«
Der junge Mann, der Nana zum erstenmal sah, machte viele Komplimente, sprach von seinem Cousin und verbarg seine Aufregung unter übertriebenen Höflichkeitsbezeigungen. Nana drückte ihm die Hand und ging dann schnell auf Rose Mignon zu. Sie nahm plötzlich eine sehr vornehme Miene an.
»Ach, meine Werte, welch eine Aufmerksamkeit … Ich hatte mich so sehr auf Ihre Gegenwart gefreut!«
»Oh, ich bin meinerseits entzückt, versichere ich Ihnen«, erwiderte Rose mit gleicher Liebenswürdigkeit.
»Nehmen Sie doch Platz … Haben Sie irgendwelchen Wunsch?«
»Nein, ich danke Ihnen … Ach doch! Ich habe meinen Fächer im Pelzmantel gelassen. Herr Steiner, bitte, in der rechten Tasche.«
Steiner und Mignon waren hinter Rose hereingekommen. Der Bankier ging zurück und kehrte mit dem Fächer wieder, während Mignon Nana wie eine Schwester umarmte und Rose ebenfalls zu einer Umarmung nötigte. War man am Theater denn nicht wie eine große Familie? Darauf winkte er mit den Augen, um gleichsam Steiner zu ermutigen; dieser jedoch, durch Roses Anblick verlegen geworden, begnügte sich damit, Nana die Hand zu küssen.
In diesem Augenblick erschien der Graf Vandeuvres mit Blanche de Sivry und wurde äußerst zuvorkommend empfangen. Nana führte Blanche mit betonter Höflichkeit zu einem Lehnstuhl. Inzwischen erzählte Vandeuvres lachend, daß Fauchery sich unten vor der Tür herumstreite, weil der Hausmeister den Wagen von Lucy Stewart nicht hatte einlassen wollen. Als aber der Lakai die Tür geöffnet hatte, trat Lucy mit graziösem Lächeln ein, nannte selbst ihren Namen, begrüßte Nana mit der größten Freundlichkeit und sagte ihr, sie habe sie sofort liebgewonnen und in ihr ein großes Talent erblickt. Nana, durch ihre neue Rolle als Herrin des Hauses stolz gemacht, dankte ihr mit sichtbarer Verwirrung. Dennoch schien sie seit der Ankunft Faucherys etwas Besonderes zu beschäftigen. Sobald sie sich ihm nähern konnte, fragte sie ganz leise:
»Wird er kommen?«
»Nein, er hat nicht gewollt«, erwiderte der Journalist kurz, da ihm die Frage unerwartet kam, obwohl er eine Geschichte ersonnen hatte, um die Weigerung des Grafen Muffat zu erklären. Er merkte auch sofort, daß er eine große Ungeschicklichkeit begangen hatte, denn er sah, wie Nana darüber erbleichte; er suchte daher seine Rede fortzusetzen:
»Er hat nicht gekonnt, da er heute abend die Gräfin zum Ball beim Minister des Innern begleitet.«
»Gut«, murmelte Nana, die ihn als böswillig verdächtigte.
»Du wirst mir dafür büßen, mein Lieber!«
»Ach«, erwiderte er, durch diese Drohung verletzt, »ich liebe derartige Aufträge nicht! Wende dich das nächste Mal an Labordette!«
Erbost kehrten sie einander den Rücken. Eben jetzt brachte Mignon Herrn Steiner in Nanas Nähe. Als diese allein war, sagte er leise, mit der gemütlichen Unverfrorenheit eines Spießgesellen, der seinem Freunde ein Vergnügen verschaffen will:
»Glauben Sie mir, er grämt sich noch zu Tode … Er fürchtet nur meine Frau. Wollen Sie ihn nicht in Schutz nehmen?«
Nana schien ihn nicht zu verstehen. Lächelnd schaute sie nach Rose, ihrem Gatten und dem Bankier:
»Herr Steiner, Sie werden gütigst an meiner Seite Platz nehmen.«
Aus dem Vorzimmer drang jetzt lautes Gelächter, ein Gewirr von fröhlichen und geschwätzigen Stimmen. Labordette erschien mit fünf Damen, seinem »Pensionat«, wie die böse Lucy Stewart sagte. Darunter befanden sich Gaga, majestätisch in einer engen Samtrobe, Caroline Héquet, stets in schwarzer, mit einem Spitzenschleier garnierter Seide, alsdann Léa de Horn, nach ihrer Art wunderlich gekleidet, die wohlgenährte Tatan Néné, ein schönes, blondes Kind mit einem stark entwickelten Busen, über den man sich lustig machte, und schließlich die kleine Marie Blond, ein siebzehnjähriges Mädchen, das am Folies-Theater debütierte. Labordette hatte sämtliche Damen in einem einzigen Wagen hergebracht, und sie lachten immer noch darüber, wie gedrängt sie gesessen hatten, Marie Blond auf dem Schoß der anderen. Allein jetzt wurden sie gesetzter und machten ihre Begrüßungen in damenhafter Weise. Gaga stellte sich wie ein Kind an und lispelte aus übertriebener Vornehmtuerei.
Nur Tatan Néné, der man unterwegs erzählt hatte, daß sechs völlig nackte Neger das Souper bei Nana servieren würden, war unruhig und wollte die versprochenen Neger sehen. Labordette sagte, sie sei ein Gänschen, und bat sie, zu schweigen.
»Und Bordenave?« fragte Fauchery.
»Oh, stellen Sie sich vor! Ich bin außer mir!« rief Nana aus.
»Er wird nicht kommen können!«
»Ja«, sagte Rose Mignon, »er hat sich den Fuß verletzt. Sie sollten ihn nur fluchen hören, während sein Bein eingeschnürt auf einem Stuhl ruht!«
Allgemein ward Bordenave bedauert, denn ohne ihn sei kein schönes Souper möglich. Doch man mußte sehen, auch ohne ihn auszukommen, und schon sprach man über andere Dinge, als sich eine mächtige Stimme hören ließ:
»Was denn! Was denn! So will man mich abspeisen?«
Ein Ausruf des Staunens durchlief die Gesellschaft, und jedermann wandte sich um. Der dicke Bordenave mit seinem steifen Bein stand auf der Schwelle, sein Gesicht war rot, er stützte sich auf die Schulter von Simonne Cabiroche. Gegenwärtig pflegte er nämlich Simonne seine Abendbesuche abzustatten. Diese Kleine, die eine gute Erziehung genossen hatte, Klavier spielte und Englisch sprach, war ein allerliebstes blondes Kind, so zart, daß sie unter Bordenaves wuchtiger Last fast umsank, dabei aber doch lächelte und unterwürfig aussah. Er blieb einige Augenblicke stehen, da er sah, daß sie beide eine interessante Gruppe bildeten.
»Ha, ich sollte meinen, daß ihr nicht über mich zu klagen habt! Ich bin euch, denke ich, ein guter Vater … Hab' freilich gefürchtet, mich arg zuzurichten, hab' mich aber doch schließlich herbemüht!«
Allein er unterbrach sich, um einen Fluch auszustoßen. »Himmeldonnerwetter!«
Simonne hatte einen zu schnellen Schritt getan, und sein Fuß hatte soeben geschmerzt. Er versetzte ihr einen Stoß; sie aber, immer noch freundlich, senkte ihr so liebliches Antlitz wie ein Tier, das geschlagen zu werden fürchtet, und stützte ihn mit allen ihren Kräften. Übrigens machte man sich mit vielem Geräusch eiligst um ihn zu schaffen. Nana und Rose Mignon rollten einen Lehnstuhl herbei, auf dem sich Bordenave niederließ, während die anderen Damen ihm einen zweiten Stuhl unter das verletzte Bein schoben. Alle Schauspielerinnen, die zugegen waren, umarmten ihn, während er leise seufzte:
»Himmeldonnerwetter, mein Fuß … Gott sei Dank! Mein Magen ist wenigstens stets in Ordnung, wie Sie gleich sehen sollen.«
Unterdessen waren noch mehr Tischgäste gekommen, so daß man sich im Zimmer kaum noch bewegen konnte. Das Geklirr des Tischgeschirrs und des Silberzeugs hatte aufgehört, doch wurde vom großen Salon her ein heftiger Wortwechsel vernehmbar, wobei man besonders die wütende Stimme des Hotelwirts unterschied. Nana wurde unruhig, da sie keine Eingeladenen mehr erwartete und über die Verzögerung des Soupers erstaunt war. Sie hatte Georges hinübergeschickt, der sich erkundigen sollte, als sie zu ihrer großen Überraschung noch verschiedene Herren und Damen kommen sah, die sie absolut nicht kannte. Deshalb fragte sie Bordenave, Mignon und Labordette darüber, allein diesen waren die Herrschaften ebenfalls unbekannt. Als sie sich an den Grafen Vandeuvres wandte, erinnerte sich dieser, daß es jene jungen Leute seien, die er beim Grafen Muffat für das Souper gewonnen hatte.
Nana dankte ihm. Sehr gut, sehr gut! Es würde nur etwas eng zugehen; und sie bat Labordette, doch noch sieben Kuverts zu bestellen. Kaum war er fort, als der Bediente abermals drei Personen hereinführte. Jetzt wurde die Sache allerdings lächerlich, denn sicher mußte es nunmehr an Plätzen fehlen. Nana, der der Ärger allmählich die Röte aus den Wangen trieb, meinte, dergleichen schicke sich doch durchaus nicht. Als sie jedoch noch zwei Gäste kommen sah, mußte sie lachen, denn nun fand sie die Sache spaßhaft. Jedermann stand am Tisch, nur Gaga und Rose Mignon saßen, während Bordenave für sich allein zwei Stühle beanspruchte. Die Stimmen schwirrten durcheinander, man sprach leise und unterdrückte hier und da ein leichtes Gähnen.
»Sage mir doch, mein liebes Kind«, fragte Bordenave jetzt Nana, »wie wäre es denn, wenn man sich nun zu Tisch setzte? Wir sind doch vollzählig, nicht wahr?«
»Ach ja, wir sind wahrhaftig vollzählig«, erwiderte sie lachend.
Sie ließ ihre Blicke umherschweifen, doch bald ward sie ernst, als wunderte sie sich, jemanden nicht zu finden. Ohne Zweifel fehlte ein Tischgenosse, von dem sie gar nicht sprach. Vielleicht kam er noch. Einige Minuten später bemerkten die Eingeladenen in ihrer Mitte einen großen Herrn von edler Gestalt, den ein schöner weißer Bart zierte. Das überraschendste war, daß ihn niemand hatte hereinkommen sehen; er mußte sich durch eine halboffene Tür des Schlafzimmers in den kleinen Salon geschlichen haben. Es herrschte allgemeines Schweigen, nur ein Zischeln lief von Mund zu Mund. Graf Vandeuvres aber kannte den Herrn genau, denn beide hatten insgeheim einen Händedruck gewechselt; allein er beantwortete die Fragen der Damen nur durch ein Lächeln. Caroline Héquet hielt ihn für einen englischen Lord, der den nächsten Tag sich in London verheiraten werde; sie kannte ihn gut, denn er hatte sie schon besucht. Diese Geschichte machte nun die Runde unter den Damen; nur Marie Blond ihrerseits behauptete, in ihm einen deutschen Gesandten wiederzuerkennen, der eine ihrer Freundinnen des Abends oft besuchte. Unter den Herren beurteilte man ihn rasch: ein gewichtiger Mann, der vielleicht das Souper bezahlen werde. Richtig, es hatte ganz danach den Anschein. Bah, aber man mußte doch immer erst noch zusehen, ob das Souper gut war! Kurz, man blieb im Zweifel, und schon fing man an, den weißbärtigen Herrn zu vergessen, als der Hotelwirt die Tür zum großen Salon mit der Meldung öffnete, daß angerichtet sei.
Nana hatte Steiners Arm genommen, ohne, wie es schien, eine Bewegung des alten Herrn zu bemerken, der ganz allein hinter ihr her ging. Übrigens konnte keine geordnete Reihe zustande kommen, vielmehr traten die Herren und Damen ohne jede Ordnung ein, mit bürgerlicher Unbefangenheit über diesen Mangel an Etikette scherzend. Eine lange Tafel dehnte sich von dem einen Ende dieses großen Zimmers zum andern, und dennoch erwies sie sich als noch zu klein, so daß die Teller einander beinahe berührten. Vier zehnarmige Kandelaber erleuchteten den neusilbernen Tafelaufsatz, der rechts und links reich mit Blumen geziert war. Der ganze Luxus entsprach der Aufmachung eines Gasthauses: ungezeichnetes Porzellan mit vergoldeten Kanten, abgenutztes und durch das fortwährende Abwaschen unscheinbar gewordenes Silberzeug, Gläser, wie man sie zu Dutzenden in jedem Magazin haben konnte. Alles erinnerte an einen verfrühten Einzugsschmaus, an ein urplötzlich gekommenes Glück, wo noch nichts an seinem geeigneten Platze war. Ein Kronleuchter fehlte; in den Kandelabern steckten zu hohe Kerzen, die einen blaßgelben Schein über die Kompottschüsseln, aufgetürmten Teller und Schalen verbreiteten, in denen Früchte, kleines Gebäck, Konfitüren symmetrisch aufgestellt waren.
»Ich bitte«, sagte Nana, »setze sich ein jeder nach Belieben … Das ist amüsanter.«
Sie blieb mitten vor der Tafel stehen. Der alte Herr, den niemand kannte, hatte an ihrer rechten, Steiner an ihrer linken Seite Platz genommen. Verschiedene Tischgäste hatten sich schon gesetzt, als man aus dem kleinen Salon heftiges Fluchen vernahm. Bordenave, den man völlig vergessen hatte und der nun bemüht war, sich von seinen beiden Stühlen aufzurichten, heulte dort Zetermordio und schimpfte auf Simonne, die ihn im Stich gelassen hatte. Die Damen eilten mitleidsvoll herbei, und Bordenave erschien, halb getragen von Caroline, Clarisse, Tatan Néné und Marie Blond, im Eßzimmer.
»Mitten an die Tafel! Nana gegenüber!« rief alles. »Bordenave in die Mitte! Bordenave soll den Vorsitz führen!«
Die Damen leisteten bereitwillig Folge. Aber Bordenave brauchte einen zweiten Stuhl für sein krankes Bein, das zwei Damen aufhoben und behutsam streckten. In dieser Stellung genierte ihn sein Bein nicht weiter; er speiste nun einfach auf der Seite liegend. »Potztausend!« brummte er. »Wie unbeholfen man doch ist! Ach, meine kleinen Miezchen, der Papa empfiehlt sich eurer Fürsorge!«
Rose Mignon saß zu seiner Rechten und Lucy Stewart zu seiner Linken. Sie versprachen, für ihn Sorge zu tragen. Jedermann nahm jetzt Platz: der Graf von Vandeuvres zwischen Lucy und Clarisse, Fauchery zwischen Rose Mignon und Caroline Héquet. Auf der anderen Seite hatte sich Hector de la Faloise eiligst neben Gaga gesetzt, trotz der Zurufe Clarisses ihm gegenüber, während Mignon, der sich nicht von Steiner entfernen wollte, von diesem nur durch Blanche getrennt war; zu ihrer Linken saß Tatan Néné, dann kam Labordette. An den beiden Enden der Tafel saßen die jungen Herren und Damen, Simonne, Léa de Hörn, Marie Blond, bunt durcheinander. Dort saßen auch Daguenet und Georges, die sich immer mehr zueinander hingezogen fühlten.
Als indessen zwei Personen keinen Platz fanden, gab dies Anlaß zu Scherzen, und die Herren boten ihnen ihre Knie an. Clarisse, die sich kaum rühren konnte, sagte zu Vandeuvres, sie werde beim Verteilen der Speisen auf ihn rechnen. Daß auch dieser Bordenave mit seinem lahmen Bein so viel Platz brauchte! Eine letzte Anstrengung wurde gemacht, und nun fand jedermann sein Plätzchen.
Bordenave pries eben laut die Suppe an, als auf einmal protestierende Stimmen sich erhoben. Die Tür hatte sich soeben wieder geöffnet und drei Nachzügler, eine Dame und zwei Herren, waren eingetreten. Nana, ohne ihren Stuhl zu verlassen, kniff die Augen halb zu und versuchte sie zu erkennen. Die Dame war Louise Violaine; die Herren jedoch waren ihr nicht bekannt.
»Meine Liebe«, sagte Vandeuvres, »jener Herr ist mein Freund, ein Marineoffizier, Herr de Foucarmont, den ich eingeladen habe.«
Foucarmont grüßte leicht und fügte hinzu:
»Ich habe mir noch erlaubt, einen meiner Freunde mitzubringen.«
»Ach, vortrefflich!« sagte Nana. »Bitte, setzen Sie sich! … Clarisse, rücke noch ein wenig zu! Dort unten haben sich die Herrschaften etwas sehr ausgebreitet … Dorthin, ich bitte … «
Man rückte noch enger zusammen, Foucarmont und Louise fanden an einer schmalen Tischecke Platz; sein Freund jedoch mußte sich in einiger Entfernung von seinem Kuvert placieren; er speiste, indem er die Arme zwischen den Schultern seiner Nachbarn hindurch ausstreckte. Bordenave regte die gesamte Tischgesellschaft auf, denn er erzählte, er habe noch beabsichtigt, Prullière, Fontan und den alten Bosc herzubringen. Mit trockener Ruhe erwiderte Nana, sie würde diese Leute einfach abgewiesen haben; wenn sie ihre Kollegen heute abend bei sich zu sehen gewünscht hätte, wären sie schon von ihr selbst eingeladen worden. Nein, nein, keine Schauspieler! Der alte Bosc sei immer betrunken, Prullière zu sehr für sich eingenommen, und Fontan mache sich durch sein Schreien und seine Dummheiten in jeder Gesellschaft unerträglich; Komödianten fühlten sich übrigens in feiner Herrengesellschaft stets ungemütlich. »Ja, ja, das ist wahr!« erklärte Mignon.
Alle Herren um den Tisch herum sahen höchst nobel in ihrem Gesellschaftsanzug aus, ihre bleichen Gesichter verliehen ihnen ein vornehmes Gepräge, das durch einen Zug von blasierter Ermüdung noch verfeinert wurde. Die Bewegungen des alten Herrn waren gemessen, und ein feines Lächeln umspielte seinen Mund, gerade als ob er den Vorsitz in einer Diplomatenversammlung geführt hätte. Vandeuvres schien sich bei der Gräfin Muffat zu befinden, so ausgesucht höflich verkehrte er mit seinen Nachbarinnen. Noch am Morgen hatte Nana zu ihrer Tante gesagt, die Herren könnte man gar nicht besser finden; alle vornehm oder reich, kurz: lauter Kavaliere! Auch die Damen benahmen sich vortrefflich. Einige, wie Blanche, Léa und Louise, waren in ausgeschnittenen Kleidern erschienen, nur bei Gaga konnte man etwas zu tief schauen; gerade sie hätte in ihrem Alter besser getan, ihre vermeintlichen Reize nicht zu stark zur Schau zu tragen. Als man sich jetzt endlich niedergelassen hatte, wurde gelacht und gescherzt. Georges meinte freilich, daß er bei Bürgerfamilien in Orléans weit lustigere Diners erlebt habe. Hier sprach man ja kaum; die Herren, die einander nicht kannten, sahen sich an, die Damen blieben ruhig, was Georges' Erstaunen besonders erregte. Er fand sie prüde, denn er hatte geglaubt, man werde sofort mit Umarmungen und Küssen beginnen. Da rief Blanche ganz laut:
»Meine liebe Lucy, vorigen Sonntag habe ich Ihren Olivier getroffen. Ist der aber groß geworden!«
»Nun ja, er ist achtzehn Jahre alt«, entgegnete Lucy; »das macht mich freilich nicht wieder jung … Gestern ist er wieder nach seiner Schule abgereist.«
Olivier, von dem Lucy stets mit Stolz sprach, war Zögling der Marineschule. Hierauf sprachen alle Damen mit Rührung über die Kinder. Nana erzählte mit großer Freude, ihr Söhnchen, der kleine Louis, sei jetzt bei ihrer Tante, die ihn jeden Morgen gegen elf Uhr zu ihr bringe; dann nehme sie ihn zu sich ins Bett, und er spiele dort mit ihrem Schoßhündchen Lulu. Man könne sich totlachen, die beiden Kleinen zu sehen, wie sie sich unter dem Deckbett versteckten. Man habe keine Vorstellung, wie gerieben der kleine Louis schon sei.
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