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Die Bestie im Menschen

Emile Zola

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Impressum

Erstes Kapitel

Roubaud war in das Zimmer getreten und stellte einen Laib Brod, die Fleischpastete und eine Flasche Weißwein auf den Tisch. Mutter Victoire hatte am Morgen, ehe sie sich auf ihren Posten begab, das Feuer im Ofen mit einer so dicken Kohlenstaubschicht belegen zu müssen geglaubt, daß jetzt die Hitze im Zimmer geradezu erdrückend war. Der Bahnhofs-Unterinspector öffnete daher das Fenster und lehnte sich hinaus.

Das Haus, in welchem er sich befand, war ein hohes Gebäude, und zwar das letzte auf der rechten Seite in der Sackgasse Amsterdam. Es gehörte der Gesellschaft der Westbahn und wurde von bestimmten Beamten derselben bewohnt. Das Fenster befand sich im fünften Stockwerk, gerade an der Ecke des hier endigenden Mansardendaches und führte auf den Bahnhof, der ein breites Loch in das Quartier de l'Europe riß, so daß sich eine weite Fernsicht aufrollte, die an jenem Nachmittage ein nebliger Februarhimmel, von einem feuchtwarmen, vom Sonnenschein durchblitzten Grau noch gewaltiger erscheinen ließ.

Vor ihm drängten sich und verschwanden leichthin die Häuser der Rue de Rome. Zur Linken öffneten die bedeckten Hallen ihre angerauchten Riesenglasdächer, das Auge tauchte tief in die ungeheure Halle für den Fernverkehr, welche die Baulichkeiten für die Post und das Wärmrohrmagazin von den anderen kleineren Hallen für den Verkehr nach Argenteuil, Versailles und der Ringbahn trennten. Rechts dagegen überwölbte der Pont de l'Europe mit seinem eisernen Stern die tiefe Furche, die man jenseits wieder erscheinen und von dort bis zum Tunnel von Les Batignolles heranreichen sah. Gerade unter dem Fenster, welches dieses ganze, mächtige Feld beherrschte, theilten sich die drei doppelten Schienenstränge, die unter der Brücke hervorkamen, in zahlreiche andere, die fächerartig auseinander liefen, und ihre vervielfachten, zahllosen, metallenen Arme verloren sich sofort unter den Glasdächern der Hallen. Die drei Weichenstellerhäuschen diesseits der Brückenbogen zeigten ihre öden Gärtchen. Mitten in dem konfusen Gewirr der auf den Schienen umherstehenden Waggons und Maschinen schimmerte ein rothes Signallicht verletzend durch den bleichen Tag.

Einen Augenblick fesselte Roubaud dieses Bild; er stellte Vergleiche mit seinem Bahnhof in Havre an. Jedesmal, wenn er einen Tag in Paris zubringen mußte und bei Mutter Victoire abstieg, ergriff ihn von Neuem das Interesse an seinem Beruf. Unter dem Dache der Fernverkehrhalle hatte die Ankunft eines Zuges von Nantes den Bahnsteig belebt. Seine Blicke folgten der kleinen Rangirmaschine mit den drei niedrigen und gekoppelten Räderpaaren, welche mit der Ausrangirung des Zuges begann und flink und behutsam die Waggons auf die Remisenstränge führte und stieß. Eine andere, viel mächtigere Lokomotive als jene, eine Eilzugslokomotive mit zwei großen gefräßigen Rädern, stand wartend allein; dichter, schwarzer Rauch stieg aus ihrem Schornstein ruhig und kerzengerade in die Luft. Seine ganze Aufmerksamkeit aber wurde jetzt von dem nach Caen bestimmten drei Uhr fünfundzwanzig Zug in Anspruch genommen, der schon mit Reisenden besetzt war und die Vorlegung der Lokomotive erwartete. Diese selbst konnte man noch nicht sehen, da sie jenseits des Pont de l'Europe festgehalten wurde, dagegen hörte man sie durch eiliges, halblautes Pfeifen ihrem Wunsche nach freier Fahrt Ausdruck geben, wie Einer, den die Ungeduld treibt. Jetzt schrie Jemand laut einen Befehl, sie antwortete durch einen kurzen Pfiff, daß sie verstanden hätte. Ehe sie sich in Bewegung setzte –einen Augenblick Stille, dann aber wurden die Ventile geöffnet und mit betäubendem Zischen streifte der Dampf den Erdboden. Dann sah man unter der Brücke eine weiße Masse aufquellen, die erst sich aufblähte und dann wie schneeweiße Flaumfedern umhergewirbelt, unter den eisernen Rippen der Brücke in Nichts zerflatterte. Ein großer Theil der Strecke wurde plötzlich in weiße Wolken gehüllt, während die dichter gewordene Rauchsäule der anderen Lokomotive ihren schwarzen Schleier ebenfalls ausbreitete. Aus ihm heraus erschallten die langgedehnten Töne des Signalhorns, Befehle, das Dröhnen der Drehscheiben. Der Rauchschleier zerriß und er unterschied einen Zug von Versailles und einen von Auteuil, die sich soeben bei der Ankunft des einen und der Abfahrt des andern gekreuzt hatten.

Roubaud wollte gerade das Fenster verlassen, als eine Stimme, die seinen Namen rief, ihn veranlaßte, sich noch weiter hinauszubeugen. Er bemerkte unter sich, auf dem Balkone des vierten Stockwerkes einen jungen Mann von vielleicht dreißig Jahren, Henri Dauvergne. Dieser war Zugführer und wohnte dort mit seinem Vater, einem Assistenten für den Fernverkehr und mit seinen zwei Schwestern, Claire und Sophie, zwei reizenden Blondinen von achtzehn und zwanzig Jahren, welche mit den Einkünften der beiden Männer im Betrage von sechstausend Franken, ewig heiter gelaunt die Wirthschaft führten. Man hörte soeben wieder die Aeltere lachen, während die Jüngere sang und überseeische Vögel in ihrem Käfige um die Wette mit ihr ihre Triller und Läufe schmetterten.

»Guten Tag, Herr Roubaud, Sie in Paris? ... Ganz recht, wegen des Vorfalls mit dem Unterpräfecten!«

Der Unterinspector blieb deshalb in seiner Haltung und erzählte, daß er diesen Morgen mit dem Schnellzuge um sechs Uhr vierzig Minuten von Havre abgefahren sei. Ein Befehl des Vetriebsdirectors habe ihn nach Paris gerufen und er hätte sich soeben eine tüchtige Nase geholt. Er sei zufrieden, daß man ihm nicht gleich sein Amt genommen habe.

»Und wie geht es Madame?«

Seine Frau war ebenfalls mitgekommen, Einkäufe halber. Er erwartete sie jetzt hier in dem Zimmer der Mutter Victoire, die ihnen jedesmal, wenn sie nach Paris kamen, den Schlüssel zu diesem Raume einhändigte, woselbst sie ungestört und unter vier Augen frühstücken konnten, während die brave Frau unten in den Bedürfnißanstalten ihr Amt versehen mußte. Heute hatten sie schon in Mantes ein kleines Frühstück eingenommen, um zuerst ihre Besorgungen abmachen zu können. Jetzt aber war drei Uhr schon vorüber und er kam vor Hunger fast um.

Henri wollte sich von einer liebenswürdigen Seite zeigen und fragte lächelnd nach oben:

»Bleiben Sie über Nacht in Paris?«

Nein, keineswegs. Sie führen schon mit dem Schnellzuge um sechs Uhr dreißig nach Havre zurück. Urlaub, damit käme er schön an! Ja, wenn sie Einem den Stuhl vor die Thür setzen wollen, da sind sie gleich bei der Hand!

Die beiden Männer nickten mit dem Kopf und blickten sich verständnißinnig an. Aber sie hörten sich nicht mehr, denn ein verteufeltes Piano setzte alle Register ein. Die beiden Schwestern paukten gemeinsam auf die Tasten, ihr Lachen aber übertönte das Instrument, wahrscheinlich wollten sie die Vögel im Käfige in noch größere Aufregung versetzen. Der junge Mann erheiterte sich ebenfalls, er grüßte und ging in das Zimmer hinein. Die Augen des allein gelassenen Unterinspectors hafteten eine Minute an dem Balkone, von welchem diese jugendliche Fröhlichkeit herauftönte. Dann erhob er die Blicke und sah, daß die Lokomotive ihre Ventile geschlossen hatte und der Weichensteller sie auf den Zug nach Caen dirigirte. Die letzten Flöckchen des weißen Rauches verflüchtigten sich unter den dicken Wirbeln des schwarzen Qualms, der den Himmel besudelte. Und nun trat auch er in das Zimmer zurück.

Vor der Kukuksuhr angelangt, die auf drei Uhr zwanzig Minuten zeigte, machte Roubaud eine Bewegung verzweifelter Ungeduld. Wie, zum Teufel, konnte sich Séverine nur so lange aufhalten lassen? Wenn sie einmal in einem Laden war, konnte man sie garnicht wieder herausbringen. Um sich selbst über den Hunger hinwegzutäuschen, der seinen Magen marterte, kam er auf den Einfall, den Tisch zu decken. Er war in dem mächtigen, zweifenstrigen Zimmer, das mit seinen Nußbaummöbeln, dem Bett mit den rothkattunenen Bezügen, dem Anrichteschrank und runden Tische, seinem normandiesischen Geschirrschrank gleichzeitig als Schlaf-, Speisezimmer und Küche diente, wie zu Hause. Er entnahm den Schränken Servietten, Teller, Gabeln und Messer und zwei Gläser. Das ganze Geschirr war von einer peinlichen Sauberkeit. Seine wirthschaftlichen Sorgen belustigten ihn und er fühlte sich glücklich über das Weiß des Leinens, bis über die Ohren verliebt in seine Frau. Er mußte selbst laut lachen, dachte er an das schöne, frische Lachen, in das sie ausbrechen würde, wenn sie zur Thür hereinkäme. Als er die Fleischpastete auf den Teller gelegt und die Flasche Weißwein daneben gestellt hatte, suchten seine Augen etwas. Dann zog er hastig zwei vergessene Päckchen aus der Tasche, eine kleine Büchse Sardinen und etwas Schweizerkäse.

Es schlug halb. Roubaud marschirte abwechselnd durch die Länge und Breite des Zimmers und lauschte bei dem geringsten Geräusch auf der Treppe. Als er während seines müßigen Wartens beim Spiegel vorüberkam, blieb er stehen, um sich zu betrachten. Er alterte nicht, er war schon der Vierzig nahe, ohne daß das brennende Roth seiner krausen Haare zu bleichen begonnen hätte. Sein sonnenblonder Bart blieb dicht. Seine Figur war nur mittelgroß, aber ließ außerordentliche Körperkräfte ahnen. Er gefiel sich, er schien von seinem ein wenig flachen Haupte, der niedrigen Stirn, dem Stiernacken und seinem runden, blutvollen Gesicht, welches zwei große, lebhafte Augen erhellten, sehr befriedigt. Seine Augenbrauen liefen ineinander.

Er hatte eine um fünfzehn Jahre jüngere Frau geheirathet. Es war ihm daher ein Bedürfniß, öfter den Spiegel zu Rathe zu ziehen, und was er dort erblickte, gab ihm die Ruhe wieder zurück.

Man hörte das Geräusch nahender Schritte. Roubaud öffnete eilig die Thür etwas. Es war eine Zeitungsverkäuferin des Bahnhofs, die ihr nebenan gelegenes Zimmer aufsuchte. Er wandte sich in das Zimmer zurück und interessirte sich zunächst für eine auf dem Anrichteschrank stehende Muschelschachtel. Er kannte sie sehr gut, denn es war ein Geschenk von Séverine an die Mutter Victoire, ihre Amme. Dieser kleine Gegenstand rief ihm sofort die Geschichte seiner Heirath in's Gedächtniß. Bald war es drei Jahre her. Er selbst war im Süden, in Plassans als Sohn eines Kärrners geboren. Aus dem Militärdienst schied er mit dem Grade eines Feldwebels. Dann war er lange Zeit Bahnpostbeamter auf dem Bahnhof zu Mantes, aus welcher Stellung er in die eines Oberbahnpostbeamten in Barentin überging. Hier hatte er seine theure Frau kennen gelernt, als sie in Begleitung von Fräulein Berthe, der Tochter des Präsidenten Grandmorin von Doinville kam, um in Barentin den Zug zu besteigen. Séverine Aubry war allerdings nur das jüngste Kind eines im Dienste des Grandmorin gestorbenen Gärtners, aber der Präsident, ihr Pathe und Vormund, bevorzugte sie in so auffälliger Weise –sie blieb die Gefährtin seiner Tochter, mit der zusammen sie in das Pensionat in Rouen geschickt wurde –und sie selbst war von solcher ihr angeborner Vornehmheit, daß Roubaud lange Zeit sich mit keinem Wörtchen ihr zu nahen wagte und sie mit der Leidenschaft eines Grobarbeiters, den ein zierliches, von ihm für kostbar gehaltenes Juwel lockt, aus der Entfernung anschmachtete. Das war der einzige Roman seines Lebens. Er würde sie geheirathet haben, auch wenn sie keinen Pfennig besessen hätte, lediglich aus Freude an ihrem Besitz, und als er sich endlich erkühnt hatte, übertraf die Verwirklichung weit den Traum: außer Séverine und einer Mitgift von zehntausend Franken hatte der Präsident, der sich bereits zur Ruhe gesetzt und Mitglied des Aufsichtsrathes der Westbahn-Gesellschaft war, ihn unter seine Protection genommen. Auf diese Weise kam er am Tage nach seiner Hochzeit als Bahnhofs-Unterinspector nach Havre. In ihm steckte jedenfalls das Zeug zu einem guten Beamten, er war solide, pünktlich, gewissenhaft, hatte einen etwas beschränkten, aber sehr rechtschaffen denkenden Geist, kurz, er besaß alle Eigenschaften, welche die sofortige Erfüllung seines Gesuches und die Schnelligkeit seiner Laufbahn erklärlich machten. Ihm war aber der Gedanke lieber, daß er Alles seiner Frau zu verdanken habe. Er anbetete sie geradezu.

Nachdem Roubaud noch die Sardinenbüchse geöffnet, verlor er vollends die Geduld. Um drei Uhr hatte man sich treffen wollen. Wo nur konnte sie stecken? Sie sollte ihm nicht damit kommen, daß der Einkauf von einem Paar Schuhe und sechs Hemden den ganzen Tag koste. Als er sich von Neuem dem Spiegel gegenüber sah, bemerkte er, daß seine Augenbrauen sich sträubten und eine tiefe Falte die Stirn durchfurchte. In Havre war ihm nie ein Verdacht in den Sinn gekommen. In Paris aber schuf seine Einbildung alle möglichen Arten von Gefahren, Listen, Vergehen. Ein Blutstrom ergoß sich in sein Gehirn und die Fäuste des ehemaligen Bahnarbeiters ballten sich, wie zu jener Zeit, als er noch die Waggons rangiren half. Er wurde wieder zum Vieh, das seiner Kräfte nicht bewußt ist, er würde seine Frau in einem Anfall blinder Wuth zermalmt haben.

Die Thür flog auf und Séverine betrat frisch und fröhlich das Zimmer.

»Da bin ich ... Du hast gewiß geglaubt, ich bin verloren gegangen?«

In dem Jugendreiz ihrer fünfundzwanzig Jahre hielt man sie zuerst für groß, schlank und sehr geschmeidig, und doch war sie rund, denn ihre Knochen waren sehr zart. Auch war sie auf den ersten Blick nicht niedlich, denn sie hatte ein längliches Gesicht, einen stark entwickelten Mund, der indessen prächtige Zähne sehen ließ. Aber wenn man sie näher betrachtete, verführte sie durch einen eigenthümlichen Reiz und auch durch den Blick ihrer großen blauen Augen unter ihrer vollen schwarzen Haarkrone.

Als ihr Gatte, ohne ein Wort zu erwidern, fortfuhr, sie mit dem wirren, unstäten Blick zu examiniren, den sie so gut kannte, setzte sie gleich hinzu:

»O, wie bin ich gelaufen ... stelle Dir vor, daß kein Omnibus zu haben war. Für einen Wagen aber wollte ich kein Geld ausgeben und daher bin ich zu Fuß gekommen ... Sieh nur, wie heiß mir ist.«

»Du wirst mir doch nicht einreden wollen,« erwiderte er heftig, »daß Du jetzt aus dem »Bon marché« kommst.«

Aber schon hing sie mit der schmeichlerischen Zärtlichkeit eines Kindes an seinem Halse und legte ihm ihre reizende, kleine, fleischige Hand ans den Mund.

»Schweige, schweige. Du schlechter Mensch! ... Du weißt doch, wie lieb ich Dich habe.«

Ihre Persönlichkeit strömte eine so ehrliche Aufrichtigkeit aus, er hatte ein so untrügliches Gefühl, daß sie rein und rechtschaffen geblieben war, daß er sie wie toll in seine Arme schloß. Das war das gewöhnliche Ende seiner Verdächtigungen. Sie wehrte ihm nicht, denn sie ließ sich gern hätscheln. Er bedeckte ihr Gesicht mit Küssen, die sie nicht zurückgab. Auch dieser Umstand, diese passive, töchterliche Neigung dieses großen Kindes, das sich nicht in die Liebende verwandelte, ließ eine dunkle Ungewißheit nicht von ihm weichen.

»Du hast den »Bon marché« also ausgeplündert?«

»O ja ... Ich erzähle Dir Alles ... Erst aber wollen mir essen ... Habe ich einen Hunger! .. Halt und höre, ich habe Dir etwas mitgebracht. Du mußt aber erst sagen: mein schönes Geschenk.«

Sie stand dicht vor ihm und lachte ihm ins Gesicht. Sie hatte ihre rechte Hand in die Tasche gesenkt und hielt in ihr einen Gegenstand, den sie aber nicht herauszog.

»Sage flink: mein schönes Geschenk.«

Er lachte ebenfalls und that ihr als gutmüthiger Kerl den Gefallen.

»Mein schönes Geschenk.«

Sie hatte als Ersatz für ein vor vierzehn Tagen verloren gegangenes und von ihm bejammertes Messer ihm ein neues gekauft. Er stieß einen Freudenschrei aus und erklärte dieses schöne neue Messer mit seinem Elfenbeinheft und der leuchtenden Klinge für vortrefflich. Er wollte es sofort in Gebrauch nehmen. Sie war entzückt von seiner Freude und bettelte ihm einen Sou ab, damit ihre Freundschaft nicht zerschnitten würde.

»Essen, essen,« rief sie. »Nein, nein, ich bitte Dich, schließe das Fenster noch nicht. Mir ist noch zu warm.«

Sie war zu ihm an das Fenster getreten und betrachtete dort, an seine Schulter gelehnt, während einiger Minuten den mächtigen Bahnkörper. Die Rauchwolken hatten sich jetzt verzogen, die wie Kupfer erglühende Sonnenscheibe versank drüben hinter den Häusern der Rue de Rome im Nebel. Unten führte eine Rangirmaschine den Zug nach Mantes, der um vier Uhr fünfundzwanzig Minuten abgehen sollte, schon fertig rangirt, herauf. Sie stieß ihn auf den Strang neben dem Abfahrtssteig der Halle und wurde dann losgekoppelt. Das Zusammenstoßen der Puffer, das aus dem Waggonschuppen der Ringeisenbahn heraufschallte, belehrte, daß man vorsorglich mit der Ankoppelung von Waggons beschäftigt war. Einsam inmitten der Schienenstränge aber stand mit ihrem vom Staub der Fahrt geschwärzten Führer und Heizer eine schwerfällige Bummelzuglokomotive unbeweglich, als wäre ihr Athem und Kraft entschwunden, nur ein dünnes Rauchfädchen entströmte einem ihrer Ventile. Sie wartete, daß man ihr die Stränge zur Rückkehr in das Depot von Les Batignolles frei mache. Jetzt klappte ein rothes Signal auf und verschwand wieder. Die Lokomotive fuhr davon.

»Sind diese kleinen Dauvergnes vergnügt!« fagte Roubaud beim Verlassen des Fensters. »Hörst Du, wie sie auf dem Piano herumpauken? ... Ich sah vorhin Henri, der mir seine Empfehlungen an Dich auftrug.«

»Zu Tisch, zu Tisch!« rief Séverine.

Sie machte sich sofort an die Sardinen, die sie fast herunterschlang. Schon lange her, seit man in Mantes gefrühstückt! Wenn sie nach Paris kam, war sie wie berauscht. Jede ihrer Fiebern zuckte aus dem Glücksgefühl heraus, wieder über das pariser Pflaster gelaufen zu sein und von ihren Einkaufen im »Bon marché« fieberte sie noch. Alles, was sie im Winter erübrigt hatte, gab sie dort im Frühjahr auf einmal wieder aus. Sie liebte es, alles dort zu kaufen, denn sie behauptete, dadurch schlüge sie die Reisekosten vollständig wieder heraus. Den Mund stets voll, konnte sie nicht genug davon schwatzen. Ein wenig verwirrt und rot geworden, gestand sie endlich die Totalziffer ihrer Einkäufe ein, über Dreihundert Franken.

»Teufel!« sagte Roubaud bestürzt, »Du führst Dich ja als Frau eines Unterinspectors recht gut auf ... Ich dachte, Du hättest nur ein Paar Stiefel und sechs Hemden zu kaufen?«

»Aber diese nicht wiederkehrenden Gelegenheiten, mein Freund! ... Entzückender, gestreifter Seidenstoff, ein geschmackvoller Hut, der reine Traum! Fertige Unterröcke mit gestickten Volants! In Havre hätte ich das Doppelte bezahlen müssen ... Man war gerade dabei, es für mich zu expediren. Du wirst ja sehen.«

Er zog es vor zu lachen; in ihrer Freude und ihrer Miene einer verwirrt nach Vergebung Haschenden sah sie zu niedlich aus. Und dann war auch dieses improvisirte kleine Diner in diesem Zimmer, in dem sie sich allein befanden und besser als im Restaurant aufgehoben waren, zu reizend. Sie trank gewöhnlich nur Wasser, heute aber ließ sie sich gehen und schlürfte, ohne es zu wissen, ihr Glas Weißwein. Die Sardinenbüchse war geleert und sie zerlegten nun die Fleischspeise mit dem schönen neuen Messer. Ein Triumph für Séverine, daß es so gut schnitt.

»Und Du, wie steht es mit Deiner Angelegenheit?« fragte sie. »Du läßt mich schwatzen und erzählst mir garnicht, wie Deine Sache wegen des Unterpräfecten geendet hat?«

Er erzählte ihr nun die Einzelheiten seines Besuches beim Betriebsdirector. O, man hätte ihm nach allen Regeln den Kopf gewaschen. Er hätte ihm die reine Wahrheit erzählt, wie diese Krabbe von Unterpräfecten mit seinem Hunde durchaus in ein Koupé erster Klasse gewollt habe, trotzdem ein Waggon zweiter Klasse, der nur für die Jäger und ihre Köter reservirt gewesen, im Zuge war, von dem entstandenen Streite und welche Worte gefallen wären. Der Chef gäbe ihm im Grunde genommen Recht, denn auch ihm sei daran gelegen, daß der Beamte respectirt würde. Aber das Schreckliche an der Sache sei, daß der Director zu ihm gesagt habe: »Ihr werdet nicht immer die Herren bleiben!« Er stehe im Verdachte eines Republikaners. Die bemerkenswerthen Reden bei Beginn der Session des Jahres 1869 und die dumpfe Furcht vor den nächsten allgemeinen Wahlen hätten die Regierung mißtrauisch gemacht. Ohne die ausgezeichnete Empfehlung des Präsidenten Grandmorin würde man ihn zweifellos schon seines Amtes enthoben haben. Schließlich hätte er doch den von dem Letzteren gerathenen und aufgesetzten Entschuldigungsbrief unterschreiben müssen.

»Also? Hatte ich nicht Recht, ihm zu schreiben und ihm heute früh mit Dir einen gemeinsamen Besuch zu machen, ehe Du Deine Wäsche erhieltest?« unterbrach ihn lebhaft Séverine. »Ich wußte ganz genau, daß er uns aus der Klemme ziehen würde.«

»Ja, er liebt Dich sehr,« antwortete Roubaud, »und sein Arm reicht weit in unserer Gesellschaft ... Was hat das nun für einen Nutzen, ein tüchtiger Beamter zu sein? Natürlich hat man mir auch Schmeicheleien gesagt: ich hätte zwar nicht genug Initiative, aber ich führte mich gut, sei gehorsam und entschlossen. Und trotzdem sage ich Dir, meine Theure, wärest Du nicht meine Frau und Grandmorin nicht aus Freundschaft für Dich für mich eingetreten, so hätte ich meine Strafversetzung nach einer kleinen Station in der Tasche gehabt.«

»Zweifellos, sein Arm reicht weit,« wiederholte Séverine, als spräche sie zu sich selbst, während ihre Augen die Leere suchten.

Es herrschte Schweigen, Séverine verharrte mit ihren sich vergrößernden und wie abwesend starrenden Augen in derselben Stellung und hörte mit dem Essen auf. Sie rief sich jedenfalls die Tage ihrer Kindheit in die Erinnerung, die sie dort unten in Schloß Doinville, vier Meilen von Rouen entfernt, zugebracht hatte. Sie hatte nie ihre Mutter gekannt. Ihr Vater, der Gärtner Aubry, starb gerade, als sie ihr dreizehntes Lebensjahr begann. Schon damals hatte der Präsident, der Wittwer war, sie seiner Tochter Berthe beigesellt und unter die Obhut seiner Schwester, Madame Bonnehon, der Gattin eines Kaufmannes und ebenfalls Wittwe, heute Besitzerin des Schlosses, gestellt. Berthe, die zwei Jahre älter war als sie, hatte sechs Monate nach ihr einen Herrn von Lachesnaye, Rath beim Gerichtshof in Rouen, ein dürres, gelbes Männchen, geheirathet. Im vergangenen Jahre stand der Präsident noch diesem Gerichte vor. Dann hatte er sich nach einer brillanten Carrière in den Ruhestand zurückgezogen. Im Jahre 1804 geboren, Substitut in Digne zu Beginn des Jahres 1830, dann in Fontainebleau und Paris, später Procurator in Troyes, Generaladvocat in Rennes, wurde er schließlich erster Präsident in Rouen. Mehrfacher Millionär, gehörte er dem Generalrath seit 1855 an und war am Tage seines Abschieds zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt worden. Soweit sie zurückdenken konnte, sah sie ihn noch als untersetzten, kräftig gebauten Mann, dessen bürstenförmig stehende Haare schon frühzeitig eine weiße Färbung zeigten und zwar dieses goldne Weiß, wie es aus dem einstigen Blond hervorgeht, den Backenbart glatt abrasirt bis auf die Fraise, ohne Schnurrbart, mit einem eckigen Gesicht, welches die ein hartes Blau weisenden Augen und die stark entwickelte Nase streng erscheinen ließen. Er machte alles um sich herum erzittern.

»He! An was denkst Du?« mußte Roubaud zweimal laut fragen.

Sie fuhr zusammen und ein leiser Schauder überlief sie, als schüttele sie ein jäher Schrecken.

»O, an gar nichts.«

»Du issest nicht, hast Du keinen Hunger mehr?«

»O doch ...Du sollst gleich sehen.«

Séverine lehrte ihr Glas Wein und vollendete dann die Zerlegung der Fleischspeise auf ihrem Teller. Jetzt gab es aber einen Aufstand: sie hatten mit dem Laib Brod schon vollständig aufgeräumt und es blieb ihnen keine Krume mehr für den Käse. Erst Geschrei, dann Gelächter, als sie, nachdem sie alles durchsucht hatten, im Buffet der Mutter Victoire ein Stück altbackenes Brod entdeckten. Obgleich das Fenster offen stand, war es noch immer heiß im Zimmer und die junge Frau, welche gerade vor dem Ofen saß, kühlte sich kaum ab, sondern wurde immer rother und aufgeregter durch das Unerwartete dieses durchschwatzten Frühstücks in diesem Zimmer. Bei der Erwähnung der Mutter Victoire kam Roubaud nochmals auf Grandmorin zu sprechen: auch eine, die Jenem ein freundliches Loos verdankte! Sie war eine Verführte, deren Kind starb, dann Amme von Séverine, deren Geburt ihrer Mutter das Leben kostete; später, als Frau eines Heizers der Gesellschaft, ernährte sie sich in Paris elend mit Nähen, denn ihr Mann verzehrte die ganzen Einkünfte, bis die Wiederbegegnung mit ihrem Milchkinde die alten Bande auf's Neue knüpfte und Séverine auch Jene zu einem Schützlinge des Präsidenten machte. Und heute hatte sie durch seine Vermittlung den Posten in der Bedürfnißanstalt und zwar als Wärterin des Extracabinets in der Damenabtheilung inne, die beste Stelle. Die Gesellschaft gab ihr nur hundert Franken jährlich, sie machte aber daraus mit Hilfe der Trinkgelder an vierzehnhundert, ohne ihre Wohnung, dieses Zimmer, zu rechnen, dessen Heizung sie sogar frei hatte. Alles in Allem also eine sehr angenehme Situation. Und Roubaud rechnete aus, daß, wenn Pecqueux, ihr Gatte, seine zweitausendachthundert Franken Fixum und Prämien mit in die Wirthschaft stecken würde, anstatt sie auf beiden Endstationen der Linie in Flüssigkeiten umzusetzen, das Ehepaar mehr als viertausend Franken verdienen würde, das heißt also das Doppelte von seinem Einkommen als Unterinspector des Bahnhofs in Havre.

»Selbstverständlich,« schloß er, »kann man nicht jeder Frau eine Dienstleistung in den Bedürfnißanstalten zumuthen, aber gar so albern ist auch dieses Amt noch nicht.« Inzwischen hatten sie ihren mächtigsten Hunger bereits gestillt und sie aßen nur noch mechanisch; sie schnitten den Käse in kleine Stückchen, um das Mahl in die Länge zu ziehen. Auch ihre Worte flossen langsamer von ihren Lippen.

»Da fällt mir gerade ein,« rief er, »ich habe Dich zu fragen vergessen, warum hast Du die Einladung des Präsidenten zu einem zwei- oder dreitägigen Besuch in Doinville ausgeschlagen?«

Sein Geist führte in dem Wohlgefühle der Verdauung ihm soeben noch einmal den Besuch vor Augen, den sie heute früh dicht beim Bahnhof in dem Hotel der Rue du Nocher abgestattet hatten. Er sah sich wieder in dem großen ernsten Kabinet, er hörte den Präsident ihnen erzählen, daß er am nächsten Tage nach Doinville reisen würde. Dann hatte Jener unter einer plötzlichen Eingebung ihnen angeboten, noch heute Abend mit ihnen gemeinsam den sechs Uhr dreißig Zug zu benutzen, um in Person sein Pathchen zu seiner Schwester zu bringen, die schon lange nach ihr Sehnsucht habe. Die junge Frau aber hatte alle möglichen Verhinderungsgründe vorgeschützt.

»Ich kann in diesem kleinen Ausfluge nichts Schlimmes finden,« fuhr Roubaud fort. »Du hättest bis zum Donnerstag dort bleiben können, ich würde mich schon bis dahin allein beholfen haben ... Du mußt doch zugestehen, daß wir in unsrer Stellung Jene nöthig haben. Ich finde es nicht sehr geschickt, ihre Höflichkeiten abzuweisen, umsomehr als Deine Weigerung ihm sichtlich nahe ging ... Ich habe auch erst aufgehört in Dich zu dringen, als Du mich am Paletot zupftest. Dann stimmte ich Dir bei, aber ohne zu begreifen ... Nun warum wolltest Du nicht?«

Séverine, deren Augen unstät umherwanderten, machte eine Bewegung der Ungeduld.

»Kann ich Dich denn so allein lassen?«

»Das ist kein Grund ... Seit unsrer Hochzeit vor drei Jahren warst Du schon zweimal in Doinville und hast dort eine ganze Woche zugebracht. Ich sehe keinen Hinderungsgrund, auch zum dritten Male dorthin zu reisen.«

Die Verwirrung der jungen Frau wuchs, sie mußte den Kopf abwenden.

»Es sagte mir nicht zu. Du wirst mich doch nicht zu Dingen zwingen wollen, die mir mißfallen.«

Roubaud öffnete die Arme gleichsam als Zeichen dafür, daß er sie zu nichts zwänge, sagte aber dennoch:

»Halt! Du verbirgst mir etwas ... Hat Dich Frau Bonnehon das letzte Mal nicht gut aufgenommen?«

O doch. Frau Bonnehon wäre stets die Güte selbst gewesen. Diese liebenswürdige, große, kräftige Dame mit herrlichen blonden Haaren war trotz ihrer fünfundfünfzig Jahre noch eine Schönheit. Seit ihrer Wittwenschaft und selbst zu Lebzeiten ihres Mannes soll sie, wie man sich erzählte, ihr Herz oft verschenkt haben. In Doinville war sie der Abgott. Sie wandelte das Schloß in ein Paradies um. Die ganze Gesellschaft von Rouen, namentlich die Beamten waren dort ständige Besucher. Frau Bonnehon suchte ihre Freunde namentlich unter den Beamten.

»Dann gestehe, daß die Lachesnaye Dich kühl behandelt haben.«

Seit ihrer Ehe mit Herrn von Lachesnaye war Berthe Séverine gegenüber zweifellos eine andere geworden. Diese arme, unbedeutende Berthe mit ihrer rothen Nase wäre allerdings nicht mehr so gütig wie früher. Die Damen in Rouen lobten sie sehr ihrer Distinktion wegen. Ein so garstiger, trockener, geiziger Gatte wie der ihrige, schiene wirklich wie geschaffen, um seiner Frau seinen Charakter aufzuprägen und sie schlecht zu machen. Aber trotzdem, auch Berthe's Benehmen ihrer ehemaligen Genossin gegenüber hatte nichts zu wünschen übrig gelassen, Séverine könnte auch ihr keinen direkten Vorwurf machen.

»Dann mißfällt Dir also der Präsident dort unten?«

Séverine, die bis dahin langsam und monoton geantwortet hatte, machte abermals eine ungeduldige Bewegung.

»Ei! Welch ein Einfall!«

Und sie sprach weiter in kurzen, nervös abgebrochenen Sätzen. Man bekäme ihn im Schlosse kaum zu Gesicht. Er hätte sich in Doinville einen Pavillon reserviren lassen, dessen Thür auf eine öde Landstraße führe. Er ginge und käme, ohne daß Jemand es erführe. Seine Schwester wüßte nie genau zu sagen, wann er käme. In Barentin nähme er einen Wagen und ließe sich Nachts bis Doinville fahren; dort lebe er, von Niemandem gesehen, tagelang in seinem Pavillon. O, er würde dort am allerwenigsten Jemand belästigen.

»Es fiel mir gerade ein, weil Du mir gewiß an zwanzig Male schon erzählt hast, daß er Dir in Deiner Kindheit stets die blasse Furcht einflößte.«

»Die blasse Furcht! Du übertreibst wie gewöhnlich ... Gewiß, er lachte kaum. Er sah uns mit seinen großen Augen so durchdringend an, daß man sofort den Kopf senkte. Ich habe Leute vor ihm zittern und nicht ein Wort über die Lippen bringen gesehen, so sehr imponirte er ihnen durch den weitverbreiteten Ruf seiner Strenge und Weisheit ... Aber mich selbst zankte er nie aus, ich habe immer gefühlt, daß er eine Schwäche für mich hatte ...«

Ihre Stimme sank abermals zum Flüstern herab und ihre Augen suchten die Leere.

»Ich erinnere mich noch ganz gut ... Ich war noch ein kleines Ding und spielte mit meinen Freundinnen in den Alleen. Sobald er kam, versteckten sich alle, selbst seine Tochter Berthe, die unaufhörlich vor Furcht zitterte, eine Sünde begangen zu haben. Ich dagegen erwartete ihn ganz ruhig, und wenn er mich lächelnd mit verzogenem Mündchen dort stehen sah, gab er mir beim Vorübergehen einen kleinen Backenstreich ... Später, als ich sechzehn Jahre alt war, mußte ich ihm stets die Bitte vortragen, wenn Berthe irgend eine Vergünstigung von ihm haben wollte. Ich sprach mit ihm, senkte aber nie die Blicke, so daß ich die seinen mir bis unter die Haut dringen fühlte. Ich machte mir aber nicht viel daraus, wußte ich doch, daß er mir alle Wünsche bewilligen würde ... Ja, ja, ich erinnere mich noch sehr gut daran! Dort unten giebt es kein Plätzchen im Park, keinen Korridor, kein Zimmer, das mir nicht wieder vor die Erinnerung tritt, sobald ich die Augen schließe.«

Sie schwieg, ihre Lider hatten sich gesenkt und über ihr geröthetes und aufgedunsenes Gesicht schien ein Schauer der Erinnerung an die Dinge von ehedem zu gleiten, Dinge, von denen sie nicht gesprochen hatte. Einen Augenblick blieb sie in dieser Haltung, ihre Lippen öffneten sich etwas, als verursachte das plötzliche Zucken eines Muskels ihr eine schmerzliche Empfindung am Mundwinkel.

»Er war gewiß sehr gütig zu Dir,« begann Roubaud. der sich soeben eine Pfeife angezündet hatte, von Neuem, »er hat Dich nicht nur als vornehmes Fräulein erziehen lassen, sondern auch Deine paar Pfennige weise verwaltet, schließlich hat er auch noch die Summe abgerundet, als wir uns verheiratheten ... Dabei rechne ich noch gar nicht, daß er Dir etwas hinterlassen will, wie er mir selbst gesagt hat.«

»Ja,« sagte Séverine leise, »das Häuschen in la Croix-de-Maufras, den von der Eisenbahn durchschnittenen Besitz. Wir haben früher dort öfter eine ganze Woche zugebracht ... Ich rechne noch gar nicht darauf, denn die Lachesnaye werden doch die Erbschaft hintertreiben. Ich würde es auch vorziehen, nichts nehmen zu müssen!«

Sie hatte die letzten Worte so lebhaft hervorgestoßen, daß er mit seinen runden, sich vergrößernden Augen erstaunt die Sprecherin anblickte und die Pfeife aus dem Munde nahm.

»Bist Du komisch! Man erzählt sich, daß der Präsident Millionär sei. Was ist also dabei so Schlimmes, wenn er auch seine Pflegetochter in seinem Testament bedenkt? Das würde Niemand überraschen und unsern Verhältnissen käme es gut zu statten.«

Dann ließ ihn ein durch den Kopf gehender Gedanke laut auflachen.

»Du befürchtest doch nicht, für seine leibliche Tochter gehalten zu werden? ... Du weißt doch, daß man sich vom Präsidenten trotz seiner eisigen Miene nette Sachen erzählt? Selbst zu Lebzeiten seiner Frau soll kein Mädchen verschont geblieben sein. Das ist ein Spitzbube, der noch heute bei der Frau seinen Mann steht.. Großer Gott, wenn Du wirklich seine Tochter wärest?«

Séverine war unwillig aufgesprungen, ihr Gesicht flammte und das Feuer ihrer blauen Augen unter dem schweren schwarzen Haar leuchtete unstät.

»Seine Tochter, seine Tochter! ...Ich will nicht, daß Du mich damit neckst, verstanden? Wie könnte ich seine Tochter sein? Sehe ich ihm ähnlich? ... Genug davon, sprechen wir von etwas Anderem. Ich will einfach deshalb nicht nach Doinville fahren, weil ich es vorziehe, mit Dir nach Havre zurückzukehren,«

Er wiegte beruhigend den Kopf. Wie ihr das im Augenblick in die Nerven gefahren war! Er lächelte, denn er hatte sie noch nie so aufgeregt gesehen, das machte wahrscheinlich der Weißwein. Es lag ihm daran, sie wieder gut zu stimmen und so ergriff er abermals das Messer, wobei er nochmals seiner Bewunderung einen lauten Ausdruck gab und reinigte es sorgfältig. Dann verkürzte er sich die Nägel, um zu zeigen, daß es wie ein Rasirmesser schnitt.

»Schon vier und ein viertel Uhr,« bemerkte Séverine leise vor der Kukuksuhr. »Ich habe noch einige Wege ... Wir müssen an unsern Zug denken.«

Doch ehe sie sich an die Ordnung des Zimmers machte, wollte sie sich erst noch etwas beruhigen und trat an das Fenster. Er ließ Messer Messer, Pfeife Pfeife sein, stand ebenfalls vom Tische auf, näherte sich ihr und nahm sie sanft in seine Arme. Er zog sie fest an seine Brust, drückte das Kinn auf ihre Schulter und preßte seinen Kopf an den ihren. Keines von Beiden rührte sich, ihre Augen suchten den Fernblick.

Zu ihren Füßen kamen und gingen die kleinen Rangirlokomotiven noch immer rastlos; man hörte sie, gerade wie gewandte und kluge Wirtschafterinnen, kaum bei ihrer Thätigkeit, ihre Räder schienen umwickelt, ihr Pfiff ertönte discret. Die eine von ihnen verschwand jetzt unter dem Pont de l'Europe mit einem von Trouville gekommenen Zuge, dessen Waggons in die Schuppen gebracht wurden. Dort unten, jenseits der Brücke, kreuzte sie sich mit einer Lokomotive, die wie eine einsame Spaziergängerin, allein vom Depot kam; ihre Achsen und Kupfertheile leuchteten, als hatte sie soeben frisch und keck sich zur Reise angekleidet. Die große Maschine hielt jetzt und forderte durch zwei kurze Pfiffe den Weichensteller auf, die Geleise passirbar zu machen; dieser that es sofort und die Lokomotive rollte auf den in der Halle für den Fernverkehr abgangsbereit stehenden Zug zu. Es war der vier Uhr fünfundzwanzig Zug nach Dieppe. Ein Strom von Reisenden drängte durcheinander. Man hörte das Rollen der mit Gepäck beladenen Karren, die Gepäckträger beförderten Stück für Stück in die Waggons. Inzwischen war die Lokomotive mit ihrem Tender auf den Stirnwagen des Zuges aufgefahren, was einen dumpfen Krach gab und man sah einen Arbeitsmann die Koppelung aufwinden. Gegen Batignolles hin hatte sich der Himmel umdüstert; ein aschfarbenes Halbdunkel tauchte die Umrisse der fernen Gebäude in seine Schatten und schien schon über den sich ausbreitenden Fächer der Schienen zu kriechen. Und in diesem Dunkel kreuzten sich unaufhörlich die ankommenden und abfahrenden Züge des Ring- und Vorortverkehrs. Hier die düsteren Reihen der großen Glashallen, dort über dem verschleierten Paris röthliche, vielgezackte Rauchwolken.

»Nein, nein, lasse mich,« sagte Séverine leise.

Sein Athem strömte ihr in den Nacken. Allmählich war seine Zärtlichkeit eine innigere geworden; die Wärme ihres jungen, von ihm so eng umschlungenen Körpers brachte sein Blut in Wallung. Der von ihr ausgehende Duft berauschte ihn und das abwehrende Drängen ihrer Glieder fachte seine Wünsche vollends an. Mit einem Ruck hatte er sie vom Fenster los, dessen Flügel er schloß. Sein Mund fand den ihrigen, fast biß er ihre Lippen wund und mit unwiderstehlicher Gewalt drängte er sie zum Bett.

»Nein, nein, wir sind nicht zu Hause,« wiederholte sie. »Ich bitte Dich, nicht hier in diesem Zimmer!«

Sie fühlte sich ebenfalls durch die reichliche Sättigung und das genossene Getränk wie berauscht, und ihre Sinne waren von dem fieberhaften Sturmlauf nach Paris noch in Aufruhr. Dazu dieses überheizte Zimmer, diese überreiche Tafel, die Plötzlichkeit der Reise, die einen so guten Ausgang zu nehmen schien, alles das erhitzte ihr Blut und kitzelte ihre Nerven. Trotzdem weigerte sie sich, sie widerstand ihm und stemmte sich mit Leibeskräften gegen das Holzgestell des Bettes in einer Anwandlung von ihr selbst nicht erklärlicher Furcht.

»Nein, nein, ich will nicht.«

Er, das Blut im Gesicht, hielt sie mit seinen mächtigen brutalen Fäusten wie in einem Schraubstock.

»Dummes Ding! Wer weiß es? Wir bringen ja das Bett wieder in Ordnung!«

In Havre bildete, da er Nachtdienst hatte, die Zeit nach Tisch ihr gewöhnliches Kosestündchen, dem sie sich auch mit gefälliger Folgsamkeit nicht zu entziehen pflegte. Die Sache machte ihr zwar keinen Spaß, aber sie fühlte sich glücklich und behaglich bei dem Gedanken, auf ihr eigenes Vergnügen ihm zu Liebe verzichten zu können. In diesem Augenblick aber machte es ihn toll, daß er sie so feurig, von Leidenschaft durchzittert fühlte, wie er sie nie zuvor gekannt hatte. Der dunkle Wiederschein ihres Haares ließ die sonst so kühlen Augen unergründlich tief erscheinen, ihr stark entwickelter Mund schimmerte wie Blut in dem sanften Oval ihres Gesichts. Er hatte mit einem Male eine Frau vor sich, die er noch nie gesehen. Warum willfahrte sie ihm nicht?

»Warum, sprich? Wir haben noch Zeit.«

In ihrer unerklärlichen Angst, in dem Kampf, der sie hinderte, die Dinge klar zu erkennen, als wenn sie selbst sich als eine Andere erschiene, entfuhr ihr ein Schrei wirklichen Schmerzes, der ihn veranlaßte, sich ruhiger zu verhalten.

»Ich beschwöre Dich, lasse mich! ... Schon der bloße Gedanke, in diesem Augenblick, erwürgt mich ... Das würde zu nichts Gutem führen.«

Beide saßen jetzt auf dem Rande des Bettes. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als wollte er das siedende Gefühl von dort verwischen. Als sie ihn wieder vernünftig geworden sah, beugte sie sich liebenswürdig zu ihm und gab ihm einen derben Kuß auf die Backe, als Beweis, daß sie ihn trotzdem lieb hätte. Sie blieben dann einen Augenblick unbeweglich und lautlos sitzen. Er hatte ihre rechte Hand ergriffen und spielte mit einem alten Goldreif einer Schlange mit einem Köpfchen von Rubinen, den sie seit ihrer Hochzeit stets an demselben Finger trug. Stets halte er ihn dort gesehen.

»Meine kleine Schlange,« sagte Séverine wie im Traume befangen; sie glaubte, er betrachte den Ring und sie empfand das dringende Bedürfniß zu reden. »In la Croix-de-Maufras wurde er mir geschenkt als ich sechzehn Jahre alt war.«

Roubaud erhob überrascht den Kopf.

»Wer hat ihn Dir geschenkt? Der Präsident?«

Als sie die Augen ihres Mannes auf sich ruhen fühlte, war es ihr, als würde sie plötzlich aus dem Traume gerissen. Ein kaltes, eisiges Gefühl überlief ihre Wangen. Sie wollte antworten, fand aber nicht gleich die Worte, ihr schien, als hätte eine jähe Lähmung sie ergriffen.

»Aber Du hast mir doch immer erzählt,« fuhr er fort, »Deine Mutter hätte Dir den Ring hinterlassen?«

Noch in diesem Augenblick hätte sie den Eindruck der ihr in einem Moment völliger Geistesabwesenheit entschlüpften. Aeußerung wieder verwischen können, wenn sie gelacht oder die Zerstreute gespielt hätte. Aber nein, sie war wie verbohrt, als hätte sie keine Macht mehr über sich.

»Ich habe Dir nie gesagt, mein Schatz, daß mir meine Mutter diesen Ring vermacht hat.«

Roubaud sah ihr scharf in das Gesicht, auch er wurde bleich.

»Nie? Du hast mir das nie gesagt? Nicht einmal, sondern zwanzigmal! ... Warum sollte Dir der Präsident auch keinen Ring schenken? Ich finde dabei nichts, er hat Dir ja so Manches geschenkt ... Aber warum hast Du es mir verheimlicht? Warum logst Du und schobst Deine Mutter vor?«

»Ich habe meine Mutter nicht erwähnt, mein Lieber, Du irrst Dich.«

Dieses hartnäckige Leugnen war eine Dummheit, Sie sah, daß sie sich selbst auslieferte, daß er ihr die Wahrheit von der Stirn las; sie hätte jetzt gern ihre Worte wieder zurückgenommen oder ihre Bedeutung vermischt, aber jetzt war es zu spät. Sie fühlte, wie ihre Züge eine andere Gestaltung annahmen, das Geständniß ihrer Schuld offenbarte in diesem Augenblick gegen ihren Willen ihre ganze Persönlichkeit. Die Kälte in ihren Wangen hatte ihr ganzes Gesicht überzogen, ein nervöses Zucken zerrte an ihrem Munde. Ihm dagegen hatte das Entsetzen das Blut emporgetrieben, daß man fürchten mußte, seine Adern würden platzen. Er hatte ihre Handgelenke umschlungen und stand dicht vor ihr, um aus dem Widerspiegeln des Schreckens in ihren Augen lesen zu können, was sie nicht laut gesagt hatte.

»Verflucht,« würgte er heraus, »verflucht!«

Sie drückte furchtsam das Gesicht unter ihren Arm, denn sie ahnte den Schlag mit der Faust schon, der kommen mußte. Dieser kleine, elende, unbedeutende Umstand, das Vergessen einer an diesen Ring sich knüpfenden Lüge hatte nach wenigen Worten diese furchtbare Situation geschaffen. Nur eine Minute, dann warf er sie mit einem Stoß auf das Bett und bearbeitete sie auf das Gerathewohl mit den Fäusten. Während dreier Jahre hatte er sie nicht ein Mal geschlagen, jetzt aber war die Brutalität Herrin über ihn geworden, blind und trunken vor Wuth hieb er mit seinen groben Arbeiterfäusten, die früher die Waggons geschoben hatten, auf sie ein.

»Verfluchte Dirne! Du warst mit ihm zusammen ... mit ihm zusammen ... mit ihm zusammen!«

Die Wiederholung der Worte stachelte seine Wuth noch mehr an; bei jeder Wiederholung sauste ein Faustschlag nieder, als wollte er ihr die Worte für immer einbläuen.

»Du die Geliebte eines Greises, Du verfluchte Dirne! ... Du warst mit ihm zusammen ... mit ihm zusammen!«

Der Zorn erstickte seine Stimme, sie kam ihm schon pfeifend aus dem Munde und versagte schließlich ganz. Er hörte jetzt erst, wie sie, windelweich unter den Schlägen geworden, »nein« rief. Sie fand kein anderes Wort der Vertheidigung, sie leugnete, um nicht von ihm getödtet zu werden. Diese Ausrede, diese lügnerische Verbohrtheit machte ihn nur noch rasender.

»Gestehe, daß Du mit ihm zusammen warst!«

»Nein und nein.«

Er hatte sie aufgerafft und sie zu sich emporgezogen; er verhinderte das arme Geschöpf, daß der Kopf sich in die Kissen vergrub und zwang sie, ihm in das Gesicht zu sehen.

»Gestehe!«

Im Augenblick hatte sie sich gewandt seiner Umarmung entzogen und wollte zur Thür eilen. Doch ebenso schnell war er hinter ihr her und wieder schwebte seine Faust in der Luft; dicht neben dem Tisch streckte sein Schlag sie zu Boden. Er warf sich an ihre Seite und packte sie an den Haaren, so daß sie sich nicht rühren konnte. Ohne zu sprechen und ohne zu athmen, blieben sie so, Auge in Auge, auf dem Boden liegen. Und durch diese schreckensvolle Stille schallte das Singen und Lachen der Damen Dauvergne, deren Piano glücklicherweise einen solchen Lärm vollführte, daß man das Toben des sich über ihnen abspielenden Kampfes nicht vernahm. Claire sang Kinderlieder und Sophie spielte die Begleitung mit aller Macht.

»Gestehe!«

Sie wagte nicht nein zu sagen und schwieg.

»Gestehe, daß Du mit ihm zusammenwarst, oder ich schlage Dich todt!«

Er würde sie getödtet haben, sie las es in seinem Blick. Sie hatte beim Fallen das aufgeklappt auf dem Tisch liegende Messer gesehen. Das Schimmern der Klinge kam ihr in die Erinnerung, sie glaubte schon, daß er den Arm danach ausstrecke. Nun überkam sie ein Gefühl der Feigheit, eine Gleichgiltigkeit gegen sich und alles, der Wunsch, endlich mit Allem zu Rande zu kommen.

»Nun ja, es ist wahr, nun lasse mich aber gehen.«

Ein fürchterlicher Augenblick. Dieses Geständniß, von ihm in so grausamer Weise erpreßt, es glich einem Schlag, den er mitten in das Gesicht erhielt; es schien ihm unmöglich, ungeheuerlich. Eine solche Schändlichkeit hätte er nie für möglich gehalten. Er packte ihren Kopf und schlug ihn gegen ein Tischbein. Als sie sich sträubte, schleifte er sie an den Haaren durch das Zimmer, wobei er mit ihrem Körper die Stühle anrannte. So oft sie den Versuch machte, sich aufzurichten, warf er sie durch einen Faustschlag wieder zu Boden. Sein Athem flog und mit zusammengepreßten Zähnen tobte er wie ein Wilder und Thor zugleich in diesem Kampf. Der Tisch hätte beinahe den Ofen umgeworfen. Haare und Blut klebten an einer Ecke des Büffets. Als sie von diesem eklen Auftritte noch bebend wieder zu Athem kamen, müde vom Schlagen und der erhaltenen Prügel, befanden sie sich wieder neben dem Bett, sie noch immer in einem schweinartigen Zustande auf der Erde liegend, er auf ihr kauernd und sie an den Schultern gepackt haltend. Beide stöhnten. Unten ertönte noch immer die Musik und kräftiges, lustiges Lachen schallte herauf.

Mit einem Ruck hob Roubaud Séverine vom Boden und drängte sie gegen die Bettwand. Er blieb vor ihr auf den Knieen liegen und stemmte sich mit der ganzen Kraft seines Oberkörpers gegen sie. Jetzt konnte er endlich sprechen. Er schlug sie nicht mehr, er quälte sie mit seinen Fragen, in der heißen Begier, alles wissen zu wollen.

»Du hast Dich ihm also hingegeben, Dirne? ... Wiederhole es mir, daß Du diesem alten Menschen gefällig warst ... Wie alt warst Du, als es geschah? Ganz jung noch, nicht wahr, ganz jung?«

Ein plötzlicher Thränenausbruch ihrerseits, ein Schluchzen hinderten sie zu antworten.

»Himmel und Hölle, willst Du sprechen? ... He? Noch nicht zehn Jahre alt warst Du, als Du den Alten schon amüsirtest? Deshalb also hat er Dich wie eine vornehme Dame erziehen lassen, damit er unauffällig seine Schweinereien treiben konnte? Rede, sage ich, oder ich fange von vorn an!«

Sie weinte und brachte kein Wort über die Lippen. Er erhob die Hand und eine abermalige Ohrfeige betäubte sie. Das geschah dreimal, ebenso oft als er fragte und keine Antwort erhielt.

»Sprich, in welchem Alter geschah es?«

Warum den Kampf fortsetzen, sie fühlte ja ohnehin ihr ganzes Leben dahinschwinden. Er würde ihr mit seinen steifen Arbeiterfingern das Herz aus dem Leibe gerissen haben. Sein dringliches Fragen begann von Neuem und nun erzählte sie ihm in der Ohnmacht ihrer Schande und Furcht Alles. Ihre Worte wurden so leise geflüstert, daß sie kaum ihm verständlich waren. Seine wilde Eifersucht sog neue Nahrung aus dem Leiden, welches ihm die ihr entlockten Bilder schufen: er konnte nicht genug hören, er zwang sie, keine Einzelheit zur Vervollständigung der Thatsachen zu übergehen. Das Ohr auf die Lippen der bedauernswerthen Frau gepreßt, lechzte er wie ein Fiebernder nach dieser Beichte, deren Abbrechen seine aufgehobene Faust verhinderte, die jeden Augenblick bereit zum Niederfahren war.

Ihr ganzes vergangenes Leben in Doinville zog so noch einmal an ihm vorüber, ihre Kindheit, ihre Jugend. War das Unerhörte im Dunkel der Baumgruppen des Parks oder in einem verlorenen Winkel eines Korridors im Schlosse geschehen? Hatte der Präsident es schon auf sie abgesehen, als er sie nach dem Tode seines Gärtners zu sich in sein Haus nahm und sie mit seiner Tochter erziehen ließ? Begonnen hatte die Geschichte zweifellos schon zu jener Zeit, als die anderen Mädchen aus ihren Spielen heraus vor ihm flüchteten, wenn er plötzlich auftauchte, sie dagegen mit verzogenem Mündchen lächelnd auf ihn wartete, um von ihm im Vorübergehen auf die Backe geklopft zu werden. Und später, wenn sie ohne die Augen niederzuschlagen mit ihm zu sprechen wagte und von ihm jede Vergünstigung bewilligt erhielt, hatte sie sich nicht damals schon als die Herrin über ihn gefühlt, der, Anderen gegenüber so würdig und streng, durch seine Nachgiebigkeit von ihr sich das Anrecht auf alle Glückseligkeiten erwarb? O, über diesen schmutzigen Handel, diesen elenden Greis, der sich wie ein Großvater hätscheln ließ, das kleine Mädchen heranwachsen sah, fast stündlich dem Wachsthume ihres Körpers nachfühlte und die Zeit nicht erwarten konnte, bis die Frucht reif war.

Roubaud stöhnte.

»Wiederhole, in welchem Alter geschah es?«

»Als ich sechzehn und ein halbes Jahr alt war.«

»Du lügst.«

Leugnen, mein Gott, warum jetzt noch? Ihre Schultern zuckten im Gefühle unermeßlicher Oede und Schwäche.

»Und wo zum ersten Male?«

»In la Croix-de-Maufras.«

Er zögerte einen Augenblick, seine Lippen bewegten sich krampfhaft und ein gelblicher Schein flackerte in seinen Augen.

»Und es hatte Folgen?

Sie blieb stumm, doch als er die Faust schwang, sagte sie:

»Du würdest mir ja doch nicht glauben.«

»Sprich nur ... Also keine Folgen?«

Sie antwortete durch ein Schütteln mit dem Kopfe. So war es am besten. Er aber ließ nicht locker, er wollte die Szene bis in alle Einzelheiten kennen lernen. Aus anzüglichen Worten und gemeinen Redensarten bestand sein Fragen. Sie brachte die Zähne nicht mehr auseinander, sie blieb dabei, durch Zeichen mit dem Kopfe ja und nein zu sagen. Vielleicht hätte es beiden einige Linderung verschafft, wenn sie alles gestanden haben würde. Sie fürchtete aber durch Wiedergabe der Einzelheiten keine Erleichterung, sondern noch größeres Ungemach. Und auch ihn würden die haarsträubendsten Thatsachen nicht so gepeinigt haben, wie jetzt die Einbildung. Dieses wollüstige Wühlen aber nach der Wahrheit nährte und trieb die vergifteten Wogen der Eifersucht in seiner Brust wieder zur Empörung. Es war nun geschehen. So lange er lebte, konnte er jetzt nicht mehr diese abscheuliche Vorstellung aus seinen Gedanken bannen.

Das Schluchzen würgte sie fast.

»Ah, verflucht ... ah, verflucht ... nein, das kann nicht möglich sein, das ist zu viel, das kann nicht möglich sein!« Von Neuem schüttelte er sie.

»Warum hast Du mich dann geheirathet. Du gottvergessene Dirne? ... Wie ehrlos, mich so hintergangen zu haben! Die Verbrecherinnen im Gefängnisse sind nicht so schuldbelastet wie Du ... Du verachtetest mich also, Du liebtest mich gar nicht? ... He, warum hast Du mich geheirathet?«

Sie machte eine flüchtige Bewegung. Wußte sie es in diesem Augenblicke selber? Als sie ihn heirathete, fühlte sie sich glücklich, war es doch nun mit dem Andern zu Ende. Giebt es doch so viele Dinge, die man nicht thun möchte und doch thut, weil es noch das Vernünftigste ist. Nein, sie liebte ihn nicht. Sie hütete sich aber, ihm zu sagen, daß sie ihn nie geheirathet haben würde, wenn ihre Vergangenheit eine andere gewesen wäre.

»Ihm lag natürlich daran. Dich zu versorgen, nicht? Er fand auch solch ein gutes Schaf ... Er wollte Dich versorgen, um auch das Spiel fortzusetzen, nicht? ... Und Ihr habt es fortgesetzt –bei Deinen zweimaligen Besuchen. Deshalb hat er Dich damals eingeladen?«

Ein Nicken mit dem Kopfe bestätigte es.

»Und auch heute aus demselben Grunde? ... Bis in alle Ewigkeiten also dieses kothige Treiben! Und wenn ich Dich nicht erwürge, geht die Geschichte weiter!«

Seine krampfhaft zuckenden Hände tasteten schon nach ihrer Kehle. Aber diesmal schwieg sie nicht.

»Da sieht man, wie ungerecht Du bist. Ich war es, die sich weigerte, dorthin zu reisen. Du wolltest mich sogar schicken, worüber ich so ärgerlich war, wie Du Dich erinnern wirst ... Du siehst also, daß ich nicht mehr wollte, und nie wieder würde ich gewollt haben.«

Er fühlte, daß sie die Wahrheit sagte, aber eine Erleichterung verschaffte ihm dieses Geständnis nicht. Das Eisen saß zu fest in seiner Brust, das, was zwischen ihr und jenem Manne geschehen, war nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Seine Ohnmacht, daß er nichts zur Ausmerzung des Geschehenen unternehmen konnte, peinigte ihn entsetzlich. Ohne sie freizulassen, näherte er sein Gesicht abermals dem ihrigen; er schien von ihrem Anblick wie behext, ihm war, als könnte er sich nicht eher losreißen, als bis er aus dem Blut ihrer blauen Äderchen ihr ganzes Geständniß herausgelesen hätte.

»In la Croix-de-Maufras, in dem rothen Zimmer,« murmelte er wie von einer Vision gepackt. »Ich kenne es, das Fenster führt auf den Bahndamm, das Bett steht dem Fenster gegenüber ... Ich verstehe, warum Du das Haus erben sollst. Du hast es Dir ja verdient. Er hatte gut über Deine Ersparnisse wachen und Dir die Aussteuer bereiten –das war Deine Gefälligkeit schon werth ... Er, ein Richter, ein Millionär, so geachtet, gebildet und so erhaben! Da soll Einem nicht den Kopf drehen ... Und vielleicht ist er auch noch Dein Vater?«

Séverine stand mit einem Sprunge auf den Füßen. Angesichts ihrer Schwäche als armes unterlegenes Wesen, zeugte der Stoß, mit dem sie ihn zurückwarf, von einer außergewöhnlichen Kraft. Sie protestirte energisch.

»Nein, nein, das nicht! Alles was Du willst, nur das nicht. Schlage mich, tödte mich ... Aber sage das nicht. Du lügst.«

Roubaud hielt noch eine ihrer Hände fest.

»Was weißt Du davon? Du selbst zweifelst daran, das ist Dein einziger Trost.«

Als sie ihm ihre Hand entziehen wollte, fühlte er den Ring, die kleine Schlange mit dem Rubinenkopfe an ihrem Finger. Er entriß ihn ihr und zerstampfte ihn in einem abermaligen Wuthanfalle mit dem Absatz auf der Diele. Dann schritt er stumm und aufgeregt durch das Zimmer.

Sie ließ sich, gleichfalls stumm, auf den Rand des Bettes fallen und blickte ihm mit ihren großen starren Augen nach. Das schreckliche Schweigen hielt an.

Die Wuth Roubauds wollte sich nicht legen. Kaum schien sie etwas nachzulassen, gleich war sie wieder da, wie die Trunkenheit, und zwar in großen, noch einmal so ungestümen Wogen und ihr Wirbel riß ihn haltlos dahin. Er hatte keine Macht mehr über sich; der heftige Wind seiner ihn peitschenden Leidenschaft trieb ihn nach allen Richtungen durch die Leere seines Innern, in welchem kein andres Bedürfniß lebte und sich erneute, als die heulende Bestie in ihm zu stillen. Der Durst nach Rache war ihm ein physisches Bedürfniß, das seinen ganzen Körper marterte und sie ahnte, daß sie vor ihm nicht eher Ruhe finden würde, als bis dieses Rachegefühl befriedigt war.

Ohne in seinem Sturmmarsche innezuhalten, hämmerte er mit seinen Fäusten an die Schläfen.

»Was soll ich jetzt beginnen?« stöhnte er mit angsterfüllter Stimme.

Hatte er seine Frau nicht sofort getödtet, jetzt würde er es nicht mehr können, das fühlte er. Seine Feigheit, sie am Leben zu lassen, dämpfte seinen Zorn; es war feige, sie nicht erwürgt zu haben, als sie, die Dirne, vor ihm lag. Natürlich konnte sie nicht mehr bei ihm bleiben. Er würde sie also fort, auf die Straße jagen müssen und sie nie wiedersehen können. Ein neuer Strom tiefen Leides überfluthete ihn, eine verwünschte Uebelkeit stieg ihm in die Kehle bei dem Gedanken, daß er selbst das zu thun nicht im Stande sei. Was also schließlich? Es erübrigte nur noch, den Schimpf auf sich zu nehmen, mit ihr noch Havre zurückzureisen und das ruhige Leben an ihrer Seite fortzusetzen, als wenn nichts geschehen wäre. Nein, nein, eher den Tod, Beiden den Tod und sofort! Es überkam ihn eine so ungeheure Trostlosigkeit, daß er noch lauter schrie:

»Was soll ich jetzt thun?«

Séverine folgte vom Bette aus mit ihren großen Augen seinen Bewegungen. Sie hatte stets eine kameradschaftliche Neigung für ihn empfunden und sein maßloser Schmerz that ihr wehe. Sie würde die Schimpfworte und Schläge entschuldigt haben, aber dieser wahnsinnige Jähzorn kam ihr so überraschend, daß sie sich von dieser Ueberraschung noch immer nicht erholen konnte. Ihr, die in ihrer frühesten Jugend den Wünschen eines Greises nachgegeben hatte, die sich später heirathen ließ, einfach um den Dingen eine Wendung zum Bessern zu geben, war in ihrer Gleichgiltigkeit und Folgsamkeit ein solcher Ausbruch von Eifersucht, längst verjährter Vergehen halber, die sie in der That bereute, durchaus unverständlich. Frei von irgendwelchem Laster oder fleischlicher Lust, in ihrer fast mädchenhaften unbewußten Handlungsweise, keusch trotz Allem, verfolgte sie das Hin- und Herlaufen ihres Mannes, seine wilden Wendungen gerade so wie sie einen Wolf, ein Wesen einer andren Rasse betrachtet haben würde. Was in aller Welt lebte eigentlich in ihm? Sie fühlte mit Schrecken die Bestie in ihm; ihr Vorhandensein hatte sie innerhalb der drei Jahre schon öfter geahnt, ihr dumpfes Knurren von Zeit zu Zeit hatte es errathen lassen, heute aber sah sie die Bestie losgelassen und in ihrer Wuth zum Beißen bereit. Was sollte sie ihm sagen, um ein Unglück zu verhüten?

Dicht beim Bett, vor ihr kehrte er regelmäßig um. Als er wieder in ihre Nähe kam, wagte sie ihn anzureden:

»Höre, mein Freund ...«

Aber er hörte nicht, sondern lief auf die andere Seite des Zimmers, wie ein vom Sturm fortgewehter Strohhalm.

»Was jetzt beginnen? Was soll ich thun?«

Endlich gelang es ihr, sein Handgelenk zu ergreifen und ihn einen Augenblick festzuhalten.

»Höre, mein Freund, war ich es nicht, die nicht mehr dorthin wollte? ... Ich würde nie, nie wieder dorthin gereist sein. Dich allein liebe ich.«

Sie zog ihn zärtlich zu sich herab und reichte ihm ihre Lippen zum Kusse. Er fiel neben sie auf das Bett, stieß sie aber sogleich mit einer Gebärde des Abscheus von sich.

»O Du Dirne, jetzt möchtest Du ... Vorhin wolltest Du nicht, weil Du kein Verlangen nach mir hattest ... Und jetzt willst Du, um mich wieder zu versöhnen, he? Wenn man einen Mann dabei hat, dann hält man ihn fest, denkst Du ... Verbrennen würde ich, wenn ich zu Dir käme, ja, das Gift würde mir meine Eingeweide verzehren, ich fühle es!«

Ihn schauderte. Der Gedanke, sie in den Armen zu haben, das Bild ihrer beiden Körper in einem gemeinsamen Bette durchzuckte ihn wie eine Flamme. Und aus der wirren Nacht seiner Seele, aus seinem verletzten, beschmutzten Verlangen heraus wuchs plötzlich die Vorstellung von der Unvermeidlichkeit des Todes.

»Bevor ich Dich umbringe, verstehst Du, muß ich Jenen umbringen ... Ich muß ihn umbringen, ich muß ihn umbringen!«

Seine Stimme kehrte wieder. Er wiederholte den Ausruf, während er scheinbar noch größer geworden, wieder vor ihr stand. Es schien als hätte ihm dieses Wort, das einem Entschlüsse gleich war, endlich seine Ruhe wieder gegeben. Weiter sagte er nichts. Dann schritt er langsam zum Tische und betrachtete dort das Messer, dessen große, offene Klinge ihm entgegenleuchtete. Mechanisch klappte er es zu und schob es in die Tasche. Mit herabhängenden Armen, mit den Augen in die Leere starrend, blieb er an derselben Stelle stehen. Er überlegte. Zwei große Falten zeigte seine Stirn, ein Zeichen, daß gewisse Hindernisse ihn keinen Entschluß fassen ließen. Um zu einem solchen zu kommen, trat er an das Fenster, er öffnete es und lehnte sich an das Fensterkreuz, um sein Gesicht dem kühlen Luftzuge der Dämmerung darzubieten. Seine Frau hatte sich nun ebenfalls erhoben und stand von Furcht gepackt, hinter ihm. Sie wagte nicht ihn zu fragen, sondern versuchte zu errathen, was in diesem harten Schädel vorging. So wartete sie stehend im Angesicht des weiten Himmels.

In dem herniedersinkenden Abend spiegelten sich die fernen Häuser nur noch in schwarzen Umrissen wieder; über den mächtigen Eisenbahndamm lag ein violetter, dichter Nebel. Namentlich nach les Batignolles zu war die Strecke wie in Asche getaucht, durch welche die Eisenrippen des Pont de l'Europe nur noch undeutlich herüberschimmerten. Der über Paris noch schwebende letzte Wiederschein des untergegangenen Tages reflectirte auf den Scheiben der großen Ankunftshallen, während sich unter ihnen die Finsternis; immer massiger ansammelte. Jetzt blitzten kleine Lichtpunkte auf, man zündete die Gaskörper längs der Bahnsteige an. Auch ein mächtiger, weißer Lichtschein war vorhanden, die Laterne der Lokomotive eines Zuges nach Dieppe, dessen Koupeethüren schon geschlossen waren. Der Maschinenführer wartete nur noch auf das Zeichen des diensthabenden Unterinspectors. Es war da etwas nicht in Ordnung gewesen, der Weichensteller hatte durch ein rothes Signal mitgetheilt, daß der Fahrweg noch nicht offen sei; eine Rangirmaschine hatte erst einige Waggons fortholen müssen, welche durch ein schlecht ausgeführtes Manöver mitten auf der Hauptader stehen geblieben waren. Unaufhörlich sausten zwischen dem unentwirrbaren Knäuel von Rädern hindurch und an den auf den Wartesträngen unbeweglich stehenden Waggonreihen vorüber Eisenbahnzüge durch das starker und stärker werdende Dunkel. Einer ging nach Argenteuil, ein andrer nach Saint-Germain; nach langer Fahrt traf ein dritter von Cherbourg ein. Die Signale, das Gepfeife, die Töne der Signalhörner folgten sich ununterbrochen; von allen Seiten tauchten nacheinander rothe, grüne, gelbe und weiße Lichter auf; es herrschte um diese unbehagliche Zeit ein Chaos im Bahnbetriebe, daß es aussah, als müßte alles aufeinanderrennen. Aber alles ging glatt vorüber, mit der stets gleichen sanften, in der Dämmerung nur halb erkennbaren Bewegung wickelte sich das Knäuel immer wieder auf. Das rothe Signal des Weichenstellers erlosch jetzt, die Lokomotive pfiff und der Zug nach Dieppe setzte sich in Bewegung. Vom weiten, grauen Himmel begannen vereinzelte Regentropfen zu fallen. Es schien eine regnerische Nacht werden zu wollen.

Als Roubaud sein Gesicht zurückwandte, sah es finster und verbissen aus, als hätte die Nacht da draußen auch auf sein Antlitz ihre Schatten gesenkt. Er war mit sich einig, sein Plan gemacht. Durch das Halbdunkel spähte er nach der Kukuksuhr.

»Fünf Uhr zwanzig Minuten,« sagte er.

Er war betroffen: in knapp einer Stunde hatten sich so viele Dinge abgespielt! Ihm kam es vor, als hätten sie sich hier seit Wochen gegenseitig aufgefressen.

»Fünf Uhr zwanzig Minuten. Wir haben also noch Zeit.«

Séverine wagte nicht ihn zu fragen, doch ihre angsterfüllten Blicke wichen nicht von ihm. Sie sah ihn im Schranke wühlen und Papier, ein Fläschchen Dinte und einen Federhalter hervorziehen.

»Du wirst jetzt schreiben.«

»Wem?«

»Ihm natürlich. –Setze Dich.«

Sie hielt sich instinctiv von einem Stuhle fern, ohne recht zu wissen, was er wollte. Er aber packte sie, führte sie an den Tisch und drückte sie dort mit solcher Wucht auf den Stuhl nieder, daß sie sich nicht wieder erhob.

»Schreibe: »»Reisen Sie heute Abend mit dem Schnellzuge um sechs Uhr dreißig Minuten und zeigen Sie sich erst in Rouen.««

Sie hielt wohl die Feder, aber ihre Hand zitterte, ihre Furcht vermehrte die unbekannte Absicht ihres Mannes. Was bezweckte er mit diesen beiden nichtssagenden Zeilen? Sie wagte sogar, fragend den Kopf zu ihm zu erheben.

»Was willst Du beginnen? ... Ich bitte Dich, erkläre mir ...« »Schreibe, schreibe,« wiederholte er mit seiner harten, befehlenden Stimme.

Dann tauchte er ohne Zorn, ohne Schimpfworte, aber mit einer so eisernen Nachdrücklichkeit, daß es sich wie eine Centnerlast auf sie niedersenkte und ihre Sinne schwinden machte, seine Augen tief in die ihrigen.

»Was ich thun will, Du wirst es bald sehen ... Und daß Du mich nur verstehst, was ich beginne, das thun wir Beide gemeinsam ... Wir bleiben später auch hübsch bei einander, es giebt nämlich dann so etwas Bindendes zwischen uns Beiden.«

Er erschreckte sie so, daß sie es noch einmal wagte, sich zu widersetzen.

»Nein, nein, erst will ich wissen ... Ich schreibe nicht eher, bis ich weiß, um was es sich handelt.«

Er war des vielen Redens müde. Er nahm ihre zarte Kinderhand in die seine und preßte sie in seiner eisernen Faust wie in einem Schraubstock, er hätte sie zerquetscht, wenn sie noch länger widerstrebt haben würde. Sie sollte unter Schmerzen seinen Willen kennen lernen. Sie schrie auf, alles brach in ihrem Innern und widersetzte sich nicht länger. Eine Ignorantin wie sie, die in ihrer passiven Milde nichts gelernt hatte, konnte nicht anders als gehorchen: ein williges Instrument für die Liebe wie für den Tod.

»Also schreibe, schreibe.«

Und sie schrieb mühsam mit ihrer armen gefolterten Hand, was er verlangte.

»Gut so, immer recht artig,« sagte er, als er den Brief in Händen hatte. »Inzwischen bringe hier alles wieder in Ordnung. Ich hole Dich bald ab.«

Er war vollständig gelassen. Er brachte vor dem Spiegel den Knoten seiner Kravatte in Ordnung, nahm seinen Hut und ging. Sie hörte, wie er die Thür zweimal verschloß und den Schlüssel herauszog. Die Dunkelheit wuchs mehr und mehr. Séverine blieb noch einen Augenblick auf dem Stuhle sitzen und lauschte gespannt auf die von draußen hereindringenden Geräusche. Nebenan in dem Zimmer der Zeitungsverkäuferin ein beständiges Heulen und Winseln; wahrscheinlich war ein Hündchen dort eingesperrt. Bei den Dauvergne war das Piano verstummt. Dagegen hörte man ein Geklapper von Topfen und sonstigem Geschirr. Die beiden Wirthschaftsvorsteherinnen hatten jetzt in der Küche zu thun. Claire bei einem Hammel-Ragout, Sophie bei einem Salatkopf. Und sie, allein, halb ohnmächtig hier oben in der schrecklichen Öde der hereinbrechenden Nacht, mußte hören, wie Jene heiter lachten.

Seit sechs und ein viertel Uhr stand die Lokomotive des Schnellzuges nach Havre bereits gekuppelt vor dem Zuge. Die Halle war mit Waggons überfüllt. Daher hatte der Zug nicht in der Halle aufgestellt werden können. Er hielt draußen neben dem Bahnsteig, der in eine Art schmalen Defilées auslief, in dem Dunkel des tintenschwarzen Himmels, das von den wenigen längs des Fußsteiges aufgestellten Gaslaternen, die eher qualmigen Sternlein ähnelten, kaum nothdürftig erhellt wurde. Der soeben vorübergegangene Platzregen hatte einen eisigkalten Windzug hinterlassen, den man hier auf dem freien, mächtigen Raume ganz besonders spürte. Dieser Windhauch drängte auch den Nebel zurück bis zu den spärlichen Lichterreihen der Häuser in der Rue de Rome. Ebenso ungeheuerlich als trostlos der Anblick dieses durchnäßten, hier und dort von einem blutrothen Lichte durchblitzten, mit undurchsichtigen Massen, einzeln stehenden Lokomotiven und Waggons, mit Unmengen von Zugtheilen auf den Remisesträngen besetzten Terrains. Und aus diesem Schattensee heraus schallten Lärm, scheinbar von Riesen ausgestoßene, fieberhaft beschleunigte Athemzüge, das Kreischen der Dampfpfeifen, ähnlich dem Schreien einer vergewaltigten Frau, der Ton jammernder, seiner Signalhörner und daneben das Gebrause in den benachbarten Straßen. Befehle wurden laut ertheilt, es sollte noch ein Waggon herangeschoben werden. Die Schnellzugslokomotive ließ aus einem Ventil einen mächtigen Dampfstrahl heraus. Der weiße Strahl stieg hinauf in all dieses Schwarz und zerstäubte dort in kleine Rauchwölkchen und diese bethauten das so unsäglich weit am Himmel ausgespannte Kleid des Todes mit ihren heißen Thränen.

Um sechs Uhr zwanzig Minuten erschienen Roubaud und Séverine. Sie hatte soeben der Mutter Victoire in der Bedürfnißanstalt neben den Wartesälen den Schlüssel des Zimmers eingehändigt. Er drängte sie vorwärts mit der besorgten Miene eines von seiner Frau aufgehaltenen Gatten: er, den Hut im Genick, ungeduldig und unduldsam, sie mit dem Schleier vor dem Gesicht zögernd, wie gebrochen von Müdigkeit. Eine Fluth von Reisenden wälzte sich über den Perron, sie mischten sich unter die anderen und eilten an der Reihe der Waggons entlang, um noch ein leeres Koupee erster Klasse erhaschen zu können. Und immer lebhafter wurde hier das Gewühl, die Gepäckträger rollten die vollen Karren zum Gepäckwagen hinter der Lokomotive, ein Beamter bemühte sich, eine zahlreiche Familie unterzubringen, der Unter-Inspector im Dienst beleuchtete mit der Signallaterne die Kuppelungen der Wagen, um zu sehen, ob sie fest aufgeschraubt wären. Roubaud hatte soeben ein leeres Koupee entdeckt und wollte Séverine gerade beim Einsteigen behilflich sein, als ihn der Bahnhofsvorsteher Herr Vandorpe bemerkte, der gemeinsam mit seinem ersten Assistenten für den Fernverkehr, Herrn Dauvergne, beide Hände auf dem Rücken, den Veranstaltungen zur Anhängung des verlangten Waggons zusah. Man begrüßte sich und mußte natürlich plaudern.

Zuerst sprach man über den Vorfall mit dem Unterpräfecten, der zu Jedermanns Befriedigung nun beigelegt war. Dann war die Rede von einem frühmorgens in Havre geschehenen und telegraphisch mitgetheilten Unfall: die Treibstange einer Lokomotive, der Lison, welche am Donnerstag und Sonnabend den um sechs Uhr dreißig Minuten abgehenden Schnellzug zu führen hatte, war gebrochen, gerade als man in den Bahnhof einfuhr. Die nothwendig gewordene Reparatur zwinge nun den Maschinenführer Jacques Lantier, einen Landsmann von Roubaud, und seinen Heizer Pecqueux, den Mann der Mutter Victoire, zu einer zweitägigen Unthätigkeit. Vor der Waggonthür stand Séverine, sie war noch nicht eingestiegen; ihr Gatte trug bei der Unterhaltung mit den Herren eine auffallende Heiterkeit zur Schau, auch sprach er sehr laut. Jetzt gab es einen Ruck, der Zug rollte um einige Meter weit zurück: die Lokomotive stieß die vorderen Waggons auf den zur Schaffung eines reservirten Koupees verlangten. Es war der Wagen Nummer 293. Henri Dauvergne junior, welcher in seiner Eigenschaft als Zugführer mitfuhr und Séverine durch den Schleier erkannt hatte, zog sie noch rechtzeitig zur Seite, sonst wäre sie von der offen stehenden Koupeethür getroffen worden. Dann entschuldigte er sich lächelnd und erzählte in aufmerksamer Weise, daß jenes Koupee für einen der Verwaltungsräthe der Gesellschaft reservirt werde, der es erst eine halbe Stunde vor Abgang des Zuges bestellt habe. Sie lächelte nervös, sie wußte eigentlich nicht warum, und er ging seinem Dienste wieder nach. Er war von ihr entzückt, er hatte bei sich schon oft gedacht, daß ein Verhältniß mit ihr keine unangenehme Sache sein müßte.

Die Uhr wies auf sechs Uhr siebenundzwanzig Minuten. Noch drei Minuten Zeit. Roubaud, der selbst während seines Plauderns mit dem Vorsteher die Thüren der Wartesäle nicht außer Augen gelassen hatte, verließ plötzlich diesen und trat zu Séverine. Der Waggon war inzwischen rückwärts gerollt, sie mußten also einige Schritte bis zu ihrem Koupee zurücklegen. Er stieß seine Frau in den Rücken, als sie vor ihm ging und zwang sie durch einen Druck am Handgelenk, einzusteigen, wobei sie es trotz ihrer angstvollen Folgsamkeit nicht unterließ, rückwärts zu blicken, um zu sehen, was hinter ihr vorging. Es kam noch ein verspäteter Reisender. Er hielt nur eine Reisedecke in der Hand, der breite Kragen seines dicken blauen Ueberziehers war so weit heraufgeklappt, der Rand seines runden Hutes so tief in das Gesicht heruntergezogen, daß man bei dem unstäten Flackern der Gasflammen von seinem Gesicht nur einen Theil des weißen Bartes erkennen konnte. Trotz des durchsichtigen Verlangens des Reisenden, nicht gesehen zu werden, konnten es die Herren Vandorpe und Dauvergne nicht unterlassen, ihm zu folgen. Erst als er vier Waggons weiter das reservirte Koupee bestieg, grüßte er sie. Er war es. Séverine zitterte am ganzen Körper und sank auf das Polster. Ihr Gatte brach ihr fast den nicht losgelassenen Arm, als wollte er ihr frohlockend zu verstehen geben, daß er seine Beute jetzt halte und seiner Sache nun gewiß sei.

In einer halben Minute mußte es halb schlagen. Ein Zeitungsverkäufer bot die Abendblätter an, auf dem Perron wandelten noch einige Reisende umher, um ihre Cigarretten zu Ende zu rauchen. Jetzt stiegen Alle eine: man hörte von beiden Enden des Zuges her die Beamten die Thüren zuschlagen. Roubaud war unangenehm überrascht, als er in der einen Ecke des Koupees, das er für leer gehalten hatte, stumm und unbeweglich eine dunkle Masse lehnen sah, eine Dame in Trauer, es entfuhr ihm aber ein lauter Ausdruck des Zornes, als die Thür plötzlich nochmals geöffnet wurde und ein Beamter ein Paar hereindrängte, einen dicken Mann und eine dicke Frau, die pustend auf die Sitze sanken. Der Zug mußte sich sogleich in Bewegung setzen. Der Regen begann von Neuem fein zu fallen und durchnäßte das wieder im Nebel verschwimmende Gelände; unaufhörlich kreuzten sich hier die Eisenbahnzüge, von denen man nur eine Reihe kleiner, erleuchteter Fenster im Vorüberfahren erkennen konnte. Grüne Lichter tauchten auf und zur ebenen Erde tanzten einige Laternen. Nichts zu sehen als eine unermeßliche Dunkelheit, aus welcher nur die vom schwachen Widerschein des Gaslichts erhellten riesigen Glasdächer der Fernverkehrshallen auftauchten. Alles war düster, selbst die Geräusche klangen abgeschwächt; alles erstickte der Lärm von der Lokomotive, die jetzt ihre Ventile geöffnet hatte und zischende Wirbel von weißen Dämpfen hinausließ. Eine Wolke stieg herauf und schwebte wie ein Bahrtuch empor; dichte schwarze Rauchsäulen, von denen man nicht wußte, woher sie kamen, hoben sich von ihr ab. Und der Himmel schien sich noch mehr zu verdunkeln, ein Gewölk von Ruß schien sich über das nächtliche, von der eigenen Gluth verzehrte Paris zu lagern.

Jetzt hob der Unter-Inspector die Laterne empor, damit der Maschinist das Signal zur Abfahrt geben konnte. Zweimaliges Pfeifen und dort unten, wo der Weichensteller seinen Posten hatte, verschwand das rothe Licht, um einem weißen Platz zu machen. An der Thür des Gepäckwagens stand der Zugführer und wartete auf den Befehl zur Abfahrt, welchen er weitergab. Abermals ein langgedehnter Pfiff, der Maschinist öffnete seinen Regulator und setzte die Lokomotive in Bewegung. Man fuhr, zuerst kaum merklich, dann ging es schneller und schneller. Der Zug fuhr unter dem Ponte de l'Europe hindurch und stürzte sich dem Tunnel von Les Batignolles entgegen. Man sah von ihm nur noch, wie blutende offene Wunden, die drei Schlußlaternen, das rothe Dreieck. Einige Sekunden noch konnte man seinen Weg in dem schwarzen nächtlichen Schauer verfolgen. Jetzt flog er dahin und nichts konnte mehr seinen Lauf unter vollem Dampfe aufhalten. Er verschwand.

Zweites Kapitel

In einem von der Eisenbahn durchschnittenen Park und so nahe den Geleisen, daß alle vorüberfahrenden Züge es bis in seine Grundmauern erzittern machen, liegt in schräger Linie das Landhaus von la Croix-de-Maufras. Wen einmal die Reise an ihm vorübergeführt hat, der verliert es nicht mehr aus der Erinnerung, selbst wenn er nichts Näheres von ihm weiß. Es ist immer geschlossen und mit seinen grünen Fensterläden zum Schutze vor den westlichen Regengüssen macht es den Eindruck wüster Oede. Und diese Verlassenheit scheint die Einsamkeit dieses verlorenen Winkels noch zu erhöhen; auf eine Meile in der Runde begegnet man keiner menschlichen Ansiedlung.

Nur das Bahnwärterhäuschen steht in dem Winkel der Landstraße, die über den Eisenbahndamm fort nach dem fünf Kilometer entfernten Doinville führt. Niedrig, mit rissigen Mauern und von Schwamm angefressenen Dachziegeln kauert es wie ein armseliger Bettler inmitten des mit Gemüsebeeten bestellten, von einer lebendigen Hecke eingeschlossenen herrschaftlichen Gartens, in welchem sich auch ein tiefer Schöpfbrunnen vorfindet. Der im gleichen Niveau mit der Bahnstrecke liegende Uebergang befindet sich genau halbwegs zwischen Malaunay und Barentin, vier Kilometer von jeder Ortschaft entfernt. Er wird übrigens sehr wenig benutzt, die halbmorsche Barriere öffnet sich fast nur für die Blockwagen der Kärrner aus dem in einer Entfernung von einer halben Meile mitten in der Forst gelegenen Bécourt. Man kann sich kein abseitigeres, von Menschen mehr gemiedenes Nest denken als dieses, denn der lange Tunnel nach Malaunay hin schneidet jeden Verkehr ab; so kann man zum Beispiel nach Barentin nur auf einem schlecht unterhaltenen Fußpfade gelangen, der längs der Bahnstrecke führt. Aber auch dort sieht man nur selten Leute.

An dem Abend aber, an welchem unsere Erzählung begann, sah man gegen Dunkelwerden bei einer milden, aber trüben Witterung einen Reisenden, der den Zug in Barentin verlassen hatte, mit lang ausholenden Schritten den Fußpfad nach la Croix-de-Maufras verfolgen. Das Gelände bildet hier eine ununterbrochene Folge von Thälern und Abhängen und durch dieses wellige Land führt die Eisenbahn abwechselnd auf künstlich aufgeschütteten Dämmen und in der Tiefe zwischen den Bergen. Dieser beständige Terrainwechsel, die Höhen und Tiefen zu beiden Seiten der Strecke, verhindern die Anlegung von Landstraßen. Das Gefühl großer Einsamkeit wird dadurch noch vermehrt; das dürre, weiß schimmernde Erdreich ist unbebaut geblieben; halbwüchsige Bäume krönen einige Schwellungen des Bodens, während tief unten durch die Thäler von Weiden beschattete Bäche rieseln. Wieder andre, kreidige Anhöhen sind vollständig nackt und unfruchtbare Abhänge folgen sich; das Schweigen und die Bangigkeit des Todes lagert über der Gegend. Der junge, kräftige Reisende beschleunigte seinen Schritt, als wollte er der Traurigkeit dieses milden Halbdunkels über diesem einsamen Stückchen Erde entrinnen.

In dem Garten beim Bahnwärterhäuschen schöpfte eine große, kräftige Blondine, ein achtzehnjähriges junges Mädchen mit starken Lippen, grünlich schimmernden Augen und einer niedern Stirn unter den schweren Haarflechten Wasser aus dem Brunnen. Niedlich konnte man sie kaum nennen, denn sie hatte kräftige Hüften und muskulöse Arme wie ein Mann, Als sie eben den den Fußpfad heruntersteigenden Fremden bemerkte, ließ sie den Eimer fallen und eilte vor die durchbrochene Thür, welche die lebendige Hecke abschloß.

»Oho! Jacques!« rief sie.

Jener blickte auf. Er mochte sechsundzwanzig Jahre zählen und war ebenfalls groß gewachsen und sehr gebräunt, ein hübscher Bursche mit einem runden regelmäßigen Gesicht, das leider zu stark entwickelte Kinnbacken verunzierten. Seine dicht stehenden Haare, ebenso sein Schnurrbart lockten sich so tiefschwarz, daß dadurch das Fahle seiner Gesichtsfarbe noch verstärkt wurde. Die Feinheit seiner auf den Backen glattrasirten Haut hätte auf einen Herrn der besseren Gesellschaft schließen lassen, wenn man nicht auf der andern Seite die untilgbaren Merkmale des Handwerkers erblickt haben würde: die Schmiere, welche seine Mechanikerhände schon gelb zu färben begann; übrigens waren diese Hände trotzdem klein und geschmeidig.

»Guten Abend, Flore,« gab er zurück.

Aber seine Augen, die so lange groß und schwarz in die Welt geblickt hatten, schienen zu erbleichen, als blende sie ein röthlicher Dunst. Die Lider klappten auf und nieder und die Augäpfel wanderten zur Seite. Ein Gefühl unsäglicher Verlegenheit, ja des Uebelseins ließ ihn furchtbar leiden; selbst der ganze Körper machte eine instinktive Rückwärtsbewegung.

Sie stand unbeweglich da. Ihre Blicke waren fest auf ihn gerichtet, so daß ihr das unfreiwillige Erzittern, dessen er vergebens Herr zu werden sich bemühte, nicht entgangen war. Sie kannte es bereits, es überfiel Jenen jedesmal, wenn er sich einem weiblichen Wesen näherte. Sie schien darüber ernst und traurig gestimmt. In seiner Verlegenheit, die er gern verborgen hätte, fragte er sie, ob ihre Mutter zu Hause wäre, obwohl er ganz genau wußte, daß diese leidend und nicht im Stande war, fortzugehen. Sie antwortete durch ein bloßes Nicken mit dem Kopfe und trat zur Seite, damit Jener sie beim Vorübergehen nicht zu streifen brauchte. Dann ging sie, ohne weiter ein Wort zu verlieren, stolz aufgerichtet zum Brunnen zurück.

Jacques durchschritt eilig den schmalen Garten und betrat das Haus. Im ersten Gemach, einer mächtigen Küche, die gleichzeitig Speise- und Wohnzimmer, saß einsam am Tisch in einem Strohstuhle, die Füße mit einem alten Shawl umwickelt, Tante Phasie, wie man sie schon als er noch ein Kind nannte. Sie war eine Cousine seines Vaters, ebenfalls eine Lantier, die gleichzeitig seine Pathe war und ihn im Alter von sechs Jahren zu sich genommen hatte, als seine Eltern plötzlich nach Paris ausgerückt waren und ihn in Plassans, woselbst er auch später die Gewerbeschule besuchte, zurückließen. Es war seit jener Zeit in ihm ein Gefühl lebhafter Erkenntlichkeit zurückgeblieben; daß er seinen Weg gemacht habe, dankte er nur ihr, behauptete er. Als er Locomotivführer erster Klasse bei der Westbahngesellschaft geworden war, nachdem er zwei Jahre bei der Bahn in Orleans gearbeitet hatte, fand er seine Tante mit ihren beiden Töchtern erster Ehe an einen Bahnwärter, namens Misard verheirathet in diesem verlorenen Winkel von la Croix-de-Maufras wieder. Heute sah die ehemals so große und kräftige Tante Phasie, trotzdem sie kaum fünfundvierzig Jahre zählte, abgemagert und eingeschrumpft, von fortwährenden Schauern durchschüttelt, wie eine Sechzigerin aus.

Sie stieß einen Ruf freudigen Erstaunens aus.

»Wie, du bist es, Jacques! ... Ach, welche Ueberraschung, mein großer Junge!«

Er küßte ihr die Wangen und erzählte ihr, daß er einen zweitägigen, unfreiwilligen Urlaub habe nehmen müssen: seine Lokomotive, die Lison, habe des Morgens bei der Ankunft in Havre einen Bruch an der Treibstange erlitten; die Reparatur dauere vierundzwanzig Stunden, er trete also seinen Dienst erst am Abend des folgenden Tages, zum sechs Uhr vierzig Schnellzug wieder an. Er habe die Gelegenheit benutzt, um sie umarmen zu können. Er wolle hier übernachten und erst morgen früh mit dem Zuge um sieben Uhr sechsundzwanzig Minuten von Barentin aus zurückkehren. Und während er ihre armen abgezehrten Hände umfaßt hielt, erzählte er ihr, wie sehr ihn ihr letzter Brief beunruhigt habe.

»Ach ja, mein Junge, so geht es auch nicht mehr weiter. Wie nett von Dir, daß Du meinen Wunsch, Dich zu sehen, errathen hast. Aber ich weiß, wie schwer Du loskommen kannst, daher wagte ich es nicht, Dich hierher zu bitten. Jetzt bist Du da und ich habe so viel auf dem Herzen!«

Sie unterbrach sich und warf einen mißtrauischen Blick durch das Fenster. In der fortschreitenden Dämmerung sah man jenseits der Strecke ihren Mann Misard auf seinem Posten in einer der Holzbuden, die alle fünf oder sechs Kilometer aufgestellt und zur Sicherstellung des Verkehrs untereinander telegraphisch verbunden sind. Während seine Frau und später Flore mit dem Dienst bei der Uebergangsbarriere betraut waren, mußte er selbst das Amt eines Bahnwärters versehen.

Sie senkte sich schüttelnd die Stimme, als ob er sie hätte hören können.

»Ich glaube fest, er will mich vergiften!«

Jacques sprang bei dieser vertraulichen Mittheilung überrascht auf. Auch seine Augen wandten sich dem Fenster zu und er fühlte von Neuem, wie ein schwacher, rother, mit goldenen Punkten besäter Schleier den klaren Blick seiner schwarzen Augen verdunkelte.

»Aber welcher Gedanke, Tante Phasie!« murmelte er. »Er sieht ja so sanft und nachgiebig aus.«

Ein Zug nach Havre mußte im nächsten Augenblick vorüberkommen. Misard war aus dem Wachthäuschen getreten und hatte die Barriere hinter sich geschlossen. Während er durch einen Druck auf den Hebel das Signallicht sich in ein rothes verwandeln ließ, betrachtete ihn Jacques. Er war ein kleiner, abgezehrter Mann mit einem armseligen durchfurchten Gesicht und farblosem spärlichem Haarwuchs; augenscheinlich ein schweigsamer, sich bei Seite drückender, geduldiger und vor seinen Vorgesetzten buckelnder Beamter. Inzwischen war er in die Bretterbude zurückgegangen, um in sein Wachtbuch die Zeit des Vorbeipassirens des Zuges zu vermerken und an zwei Knöpfen der elektrischen Leitung zu drücken. Der eine meldete dem rückwärts stationirten Wärter, daß der Weg frei sei, der andre dem nächsten, daß der Zug komme.

»Ach Du kennst ihn eben nicht,« begann Tante Phasie von Neuem. »Ich sage Dir, irgend eine Gemeinheit hat er mir angethan ... mir, die ich so stark war, daß ich diesen Menschen mit Haut und Haaren hätte essen können und nun frißt mich dieses Nichts, dieser Knopf von einem Manne bei lebendigem Leibe auf!«

Ihr dumpfer und scheuer Haß ließ sie sich ins Fieber reden. Sie leerte ihr Herz aus, entzückt, einen Zuhörer zu haben. Wo hatte sie nur ihren Kopf, als sie diesen Habenichts, diesen geizigen Duckmäuser heirathete, sie, die um fünf Jahre älter war als er und schon zwei Töchter, damals im Alter von sechs und acht Jahren besaß? Jetzt waren es bald zehn Jahre her, seit sie diesen Geniestreich ausgeführt und bisher hatte sie ihn noch in jeder Stunde zu bereuen gehabt: ein Leben voller Elend, wie verbannt in diesem eisigen Winkel des Nordens, der sie schaudern machte, langweilig zum Sterben und keinen Menschen, nicht einmal eine Nachbarin, mit der man hätte reden können. Er war ein früherer Steinsetzer, der jetzt als Bahnwärter zwölfhundert Franken verdiente. Sie erhielt fünfzig Franken für den Dienst an der Barriere, den jetzt Flore versah. So sah ihre hoffnungslose Gegenwart, so ihre hoffnungslose Zukunft aus; keine Aussicht auf ein besseres Leben, als in diesem, tausend Meilen von jedem lebenden Wesen entfernten Loche sterben zu müssen. Davon erzählte sie Jacques aber nichts, welchen Trost sie gehabt, ehe sie erkrankte, als ihr Gatte noch als Streckenarbeiter thätig war und sie mit ihren beiden Töchtern den Dienst an der Barriere allein versehen mußte. Ihr Ruf als der einer schönen Frau war damals ein so weit verbreiteter, daß die Strecken-Inspectoren nie an ihrem Häuschen vorübergingen, sie erweckte sogar Nebenbuhlerschaft, so daß selbst die abgelösten Aufseher mit verdoppelter Aufmerksamkeit stets unterwegs waren. Der Gatte genirte nicht; er war zu Jedermann unterwürfig, glitt zur Thür hinaus, ging und kam, ohne etwas zu merken. Leider aber waren diese Vertröstungen nun vorüber. Jetzt war sie in dieser Einsamkeit wochen- und monatelang an diesen Stuhl gefesselt und fühlte von Stunde zu Stunde ihren Körper mehr und mehr abnehmen.

»Ich sage Dir,« schloß sie, »er stellt mir nach und so klein er ist, er wird mit mir fertig werden.«

Ein plötzliches Anschlagen der Signalglocke ließ sie ihren unstäten Blick wieder nach draußen richten. Der weiter oben stationirte Wärter meldete Misard einen nach Paris gehenden Zug, und der Zeiger des vor dem Fenster angebrachten Kantonnements-Apparates hatte sich gemäß der Richtung des Zuges geneigt. Misard stellte den Läuteapparat ab und trat ins Freie, um den Zug durch zweimaliges Tuten zu signalisiren. Flore zog in demselben Augenblick die Barriere nieder, dann präsentirte sie die in dem Lederfutteral steckende Fahne. Man hörte den hinter einer Kurve herannahenden Zug, einen Schnellzug, mit wachsendem Dröhnen sich nähern. Wie ein Blitz, der das erzitternde Häuschen bedrohte, fuhr er inmitten eines Orkans vorüber. Flore war inzwischen bereits zu ihren Gemüsebeeten zurückgekehrt, während Misard erst das Signal gab, daß die Strecke in der Richtung des soeben passirten Zuges gesperrt sei, und dann durch den Druck des Hebels das rothe Licht verlöschen machte, als Zeichen, daß die entgegengesetzte Richtung frei sei. Ein abermaliges Läuten, verbunden mit einer entsprechenden Bewegung des zweiten Zeigers verkündeten ihm, daß der vor fünf Minuten vorübergekommene Zug bereits den nächsten Posten passirt habe. Er trat in die Bude, meldete es den beiden nächsten Wärtern, schrieb die Passagezeit ein und wartete. Immer der gleiche Dienst, den er durch zwölf Stunden täglich versah; in seiner Bude lebte er, aß er, ohne jemals drei Zeilen einer Zeitung zu lesen, ja selbst ohne einen Gedanken in seinem flachen Schädel zu fassen.

Jacques, der seine Pathe ehedem mit den Verwüstungen neckte, die sie in dem Herzen der Weginspectoren anrichtete, konnte sich nicht enthalten, lächelnd zu sagen:

»Vielleicht ist er eifersüchtig.«

Phasie aber hatte nur ein mitleidiges Achselzucken, während sich ein Lächeln aus ihren armen gebleichten Augen drängte.

»Du, mein lieber Junge, sagst das? ... Er eifersüchtig! Er hat sich den Teufel um mich gekehrt, seit ich ihm nichts mehr einbrachte.«

»Nein, nein,« fuhr sie zitternd fort, er machte sich nichts daraus, er macht sich nur aus dem Gelde etwas ... Es hat ihn geärgert, daß ich ihm nicht die tausend Franken gab, die ich im vorigen Jahre von meinem Vater erbte. Er drohte mir, das brachte mir Unglück, ich erkrankte ... Ich bin seitdem nicht wieder gesund geworden, ja, seitdem nicht mehr.«

Der junge Mann verstand, er glaubte an schwarzseherische Gedanken der leidenden Frau und versuchte sie ihr auszureden. Aber ihr eifriges Kopfschütteln belehrte ihn, daß sie darüber ihre eigenen, unzerstörbaren Ansichten habe, so daß er schließlich sagte:

»Nichts ist einfacher, um der Geschichte ein Ende zu machen: Geben Sie ihm die tausend Franken.«

Wie von einer außergewöhnlichen Kraft getrieben, schnellte sie empor.

»Meine tausend Franken, niemals!« rief sie aufgebracht heftig aus. »Eher will ich krepiren ... Ah, sie sind gut geborgen, gut versteckt. Das Haus kann man auf den Kopf stellen, man wird sie doch nicht finden ... Er hat genug gekramt, der Schuft! Ich habe es in der Nacht recht gut gehört, wie er an die Mauern klopfte. Such, Such! Sehen möchte ich, wie er mit der langen Nase abzieht, das Vergnügen würde meine Geduld wieder stärken ... Möchte wissen, wer zuerst locker lassen wird, er oder ich. Ich bin mißtrauisch, ich esse nur, was auch er verzehrt. Und selbst wenn ich zusammenbrechen sollte, so würde er die tausend Franken doch nicht bekommen. Lieber lasse ich sie in der Erde.«

Sie fiel erschöpft und von dem abermaligen Getute erschreckt in den Stuhl zurück. Misard war es, der auf der Schwelle seiner Wächterbude einen nach Havre gehenden Zug meldete. Trotz ihrer hartnäckigen Weigerung, ihm die Erbschaft anzuvertrauen, empfand sie dennoch eine heimliche, stetig zunehmende Angst vor ihm, die Furcht des Kolosses vor dem Insect, von dem er sich angefressen fühlt. Der signalisirte Zug, ein Lokalzug, der Paris um zwölf Uhr fünfundvierzig Minuten verlassen hatte, meldete sich durch dumpfes Rollen. Man hörte ihn den Tunnel verlassen, sein lauteres Keuchen unter freiem Himmel. Unter dem Donner seiner Räder passirte er dann mit der ganzen Wucht seiner Waggons wie ein unwiderstehlicher Sturmwind.

Jacques erhobene Augen sahen die kleinen quadratförmigen Wagenscheiben vorüberfliegen, hinter welchen die Köpfe der Reisenden wie im Fluge sichtbar wurden. Er wollte Phasie von ihren düstern Gedanken abbringen und sagte:

»Sie beklagen sich, liebe Pathe, nie eine Katze in diesem Loch zu sehen und, blicken sie dorthin, haben da eine ganze Welt!«

»Wo? Eine Welt?« fragte sie erstaunt, weil sie nicht gleich begriff. »Ach so vorüberfahrende Leute. Da habe ich etwas Rechtes! Ich kenne sie weder noch kann ich mich mit ihnen unterhalten.«

»Aber mich kennen Sie doch,« meinte er, noch immer lächelnd, »ich komme doch oft genug hier vorüber?«

»Dich kenne ich allerdings; ich weiß, um wieviel Uhr Dein Zug hier vorbeikommt und ich passe Dir auf. Aber Du jagst vorbei, vorbei! Gestern hast Du so mit der Hand gemacht; ich konnte leider nicht antworten ... Nein, nein, auf diese Weise verkehre ich nicht gern mit der Welt.«

Allein die Vorstellung von der Menschenmenge, welche die hin und her verkehrenden Züge durch die schweigende Oede täglich an ihr vorüberschleppten, stimmte sie doch nachdenklich und so blieb ihr Auge auf den Geleisen haften, auf welche bereits die Nacht herniedersank. Als sie noch auf ihren Füßen stand und ab und zu ging, ja, selbst wenn sie mit der Fahne im Arm vor der Barriere stand, hatte sie an dergleichen nie gedacht. Aber wirre, ihr selbst nicht faßbare Träumereien summten ihr durch den Kopf, seit sie ihre Tage auf diesem Stuhle zubrachte und an nichts weiter zu denken hatte, als an ihren stumpfsinnigen Kampf mit ihrem Manne. Es erschien ihr drollig, so verlassen in dieser Einode leben zu müssen und dabei täglich ununterbrochen einen Strom von Männern und Frauen im Sturmwind der dampfenden Eisenbahnzüge, die das Haus erzittern machten, vorüberflüchten zu sehen. Wohl möglich, daß dort die ganze Welt passirte, nicht nur Franzosen, auch Fremde, Leute aus fernen Gegenden. Heutzutage bleibt ja keiner mehr zu Hause hocken und, wie es hieß, würden ja alle Völker bald ein einziges bilden. Das heißt man Fortschritt. Alle sollen Brüder sein und gemeinsam in das gelobte Land fahren. Sie versuchte sie zu zählen, einen Durchschnitt zu finden, so und so viel in jedem Waggon: aber sie kam nicht weit, es wurden ihrer zu viele. Oft glaubte sie Physiognomien zu erkennen, die eines Herrn mit blondem Barte, gewiß ein Engländer, der in jeder Woche einmal nach Paris fuhr; oder die einer kleinen brünetten Dame, welche jeden Mittwoch und Sonnabend vorüberkam. Aber wie der Blitz waren sie wieder fort, sie war nicht einmal sicher, ob sie jene auch wirklich gesehen habe, denn die Gesichter tauchten ineinander, verwischten sich und verschwanden eins in das andere, als wären sie alle von einer Form und einem Aussehen. Der Strom fluthete vorüber und hinterließ keine Spuren seines Daseins. Besonders aber stimmte es sie traurig, daß während dieses ewigen Vorbeirollens, inmitten dieses spazieren gefahrenen Wohllebens und Reichthums, diese fortwährend in Bewegung befindliche Menschenmenge von Phasie's Dasein keine Ahnung hatte, nicht wußte, daß diese sich in Lebensgefahr befand, ja daß, wenn ihr Mann eines Abends sein Werk vollbracht haben würde, selbst dann die Eisenbahnzüge beständig sich neben ihrem Leichname kreuzen und nicht einmal das im Innern dieses einsamen Häuschens begangene Verbrechen beargwöhnen würden.

Phasie's Augen blieben am Fenster haften. Ihre wirren Empfindungen zu erklären, dazu hätte es einer längeren Zeit bedurft, sie faßte daher ihre Gedanken kurz so zusammen:

»Solche Eisenbahn ist eine schöne Erfindung, darüber ist weiter kein Wort zu verlieren. Man reist schnell, man ist weiser geworden ... Aber wilde Thiere bleiben wilde Thiere und wenn man selbst noch bessere Maschinen erfinden würde, wilde Thiere würde es immer geben.«

Jacques nickte bejahend mit dem Kopfe. Er sah soeben, daß Flore einem Karren, der zwei mächtige Steinblöcke führte, die Barriere öffnete. Die Landstraße wurde fast ausschließlich vor den Kärrnern aus Bécourt benutzt; es kam daher höchst selten vor, das Flore des Nachts aufstehen mußte, um die mit einem Vorlegeschloß versehene Barriere zu öffnen. Als er das Mädchen vertraut mit dem Kärrner, einem jungen gebräunten Manne, plaudern sah, rief er aus:

»Oho! Cabuche ist wohl krank, sein Vetter Louis fährt ja sein Gespann? ... Der arme Cabuche, sehen Sie ihn oft, Pathe?«

Sie hob die Hände ohne zu antworten und seufzte tief auf. Es hatte sich im vergangenen Herbst hier ein Drama abgespielt, das gewiß nicht geeignet war, ihr die Gesundheit wiederzugeben: ihre jüngere Tochter Louisette, welche als Hausmädchen bei Frau Bonnehon in Doinville diente, hatte sich eines Abends, halb wahnsinnig, zu ihrem guten Freunde Cabuche geflüchtet, der mitten im Walde ein Häuschen besaß, und war in seinen Armen gestorben. Es liefen Gerüchte umher, die den Präsident Grandmorin eines Verbrechens gegen die Sittlichkeit beschuldigten, aber man wagte nicht, sie sich laut zu wiederholen. Die Mutter selbst, die wohl genau wußte, wie die Sache lag, vermied es, auf diesen dunklen Punkt zurückzukommen. Heute aber sagte sie doch:

»Nein, er kehrt nicht mehr bei uns ein. Er wird immer mehr zum bissigen Wolf ... Die arme Louisette, dieses liebe, zarte, sanfte Geschöpf! Sie würde mich gewiß geliebt und gepflegt haben, während Flore ... Du lieber Gott, ich will mich gewiß nicht beklagen, aber sie hat so etwas Störendes an sich, es muß alles nach ihrem Kopf gehen, hoch hinaus ist sie und heftig, und manchesmal bleibt sie stundenlang fort ... Alles das ist so traurig, so sehr traurig!«

Jacques Blicke folgten dem Wagen, der jetzt über die Schienen rollte, während er aufmerksam zuhörte. Die Räder blieben oft an den Geleisen hängen und der Fuhrmann mußte mit der Peitsche knallen, während Flore durch Schreien die Pferde anfeuerte.

»Teufel auch,« meinte Jacques, »wenn jetzt ein Zug käme, das gebe einen netten Brei!«

»Keine Furcht,« antwortete Tante Phasie. »Flore ist mitunter höchst eigenthümlich, aber sie kennt ihr Geschäft und ist sehr umsichtig ... Gott sei Dank, in den letzten fünf Jahren ist hier nichts vorgekommen. Vordem wurde ein Mann gerädert. Wir haben es nur mit einer Kuh zu thun gehabt, die beinahe den ganzen Zug zur Entgleisung brachte. Man hatte den Körper des armen Thieres hier und den Kopf dort unten, dicht beim Tunnel, gefunden ... Wenn Flore wacht, kann man auf beiden Ohren schlafen.«

Der Karren war glücklich hinüber, man hörte das Knirschen der Räder in den Geleisen ferner und ferner. Phasie's Gedanken kehrten zu ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Kapitel des körperlichen Wohlbefindens von sich und anderen, zurück.

»Und Dir geht es jetzt ganz gut? Erinnerst Du Dich noch an die Krankheit, an welcher Du bei uns littest und für die selbst der Arzt keinen Namen fand?

Sein Blick flimmerte unstät.

»Mir geht es sehr gut, Pathe.«

»Wirklich? Also der Schmerz hinter den Ohren, der Dir das Gehirn zu durchbohren schien, die plötzlichen Fieberanfälle und die jähe Schwermuth, die Dich wie ein Thier in einen einsamen Winkel niederzukauern zwang, alles das hat aufgehört?«

Je mehr sie sprach, desto heftiger wurde in ihm das Gefühl der Uebelkeit, so daß er sie schließlich kurz angebunden unterbrechen mußte.

»Ich versichere Sie, es geht mir ausgezeichnet ... Mir fehlt gar nichts mehr.«

»Desto besser, mein Junge, desto besser ... Wenn es Dir auch schlecht ginge, mit mir stände es deshalb doch nicht anders. In Deinem Alter ist man auch immer gesund. Ach, die Gesundheit, es giebt nichts Schöneres .. Es ist jedenfalls hübsch von Dir, daß Du mich besuchst, anstatt Dich sonstwo besser zu unterhalten. Du issest bei uns und schläfst oben in der Vorrathskammer, neben Flore's Zimmerchen.«

Noch einmal schnitt ihr das Signalhorn das Wort ab. Die Nacht war nun vollständig hereingebrochen. Als Beide zum Fenster hinausblickten, unterschieden sie nur undeutlich die Umrisse von Misard und einem zweiten Manne. Es hatte soeben sechs geschlagen und Misard übergab den Dienst seinem Stellvertreter, der die Nachtwache hatte. Jetzt war er endlich frei, nachdem er zwölf Stunden in dieser nur mit einem Tische unter der Apparatplatte, einem niedrigen Stuhle und einem Ofen ausgestatteten Bude zugebracht hatte, dessen zu starke Gluth ein forwährendes Offenhalten der Thür verlangte.

»Aha, da ist er, er wird gleich kommen,« murmelte Tante Phasie, von Furcht ergriffen, vor sich hin.

Der signalisirte Zug kam mit dem von Sekunde zu Sekunde lauter werdenden Getöse wuchtig näher. Der junge Mann mußte, gerührt von dem elenden Zustande, in welchem er sie sah und bemüht, sie zu trösten, sich vorbeugen, um verständlich zu werden.

»Hören Sie, Pathe, sollte er wirklich schlechte Gedanken haben, so läßt er sie vielleicht fallen, wenn er weiß, daß ich mich hineinmische ... Sie thaten gut, mir die tausend Franken anzuvertrauen.«

»Meine tausend Franken?« rief sie empört. »Weder Dir noch ihm ... Lieber krepire ich, sage ich Dir!«

In diesem Augenblick sauste der Zug mit orkanartiger Gewalt vorüber, als hätte er alles, was ihm im Wege stand, zerschmettert. Vom Winde gefaßt erbebte das Haus. Dieser nach Havre bestimmte Zug war sehr besetzt, denn am kommenden Sonntage sollte dort ein Fest, der Stappellauf eines Schiffes, gefeiert werden. Trotz der Schnelligkeit des Zuges hatte man das Gefühl, daß hinter den erleuchteten Scheiben die Koupees voller Menschen steckten, die Vision einer Reihe dicht gedrängter Köpfe, deren Profil man genau erkannte. Sie folgten sich und verschwanden. Welch eine Welt! Menge auf Menge, schier endlos inmitten des Rollens der Wagen, des Keuchens der Lokomotiven, des Anschlagens des Telegraphen und des Läutens der Glocken. Das Eisenbahnnetz, ein niedergekauertes riesenhaftes Wesen schien es zu sein, mit dem Kopfe in Paris, den Wirbelbeinen längs der ganzen Strecke der Linie, den Füßen und Händen in Havre und den andern Endpunkten. Und das zog und zog vorüber, mechanisch, triumphirend, der Zukunft entgegen mit einer mathematischen Genauigkeit, freiwillig verkennend, was ihm zu beiden Seiten, verborgen und doch lebendig im Menschen zurückgeblieben ist: die ewige Leidenschaft und das ewige Verbrechen.

Flore war die erste, welche die Küche betrat. Sie zündete eine kleine Petroleumlampe an, die keinen Lichtschirm hatte, und stellte sie auf den Tisch. Kein Wort wurde gewechselt, kaum ein Blick glitt zu Jacques hinüber, der den Rücken ihr zugekehrt, am Fenster stand. Auf dem Herde hielt sich eine Kohlsuppe warm. Sie servirte sie gerade, als auch Misard erschien. Er bezeugte keine weitere Ueberraschung, den jungen Mann hier zu erblicken. Er hatte ihn vielleicht kommen gesehen, aber er fragte ihn nicht, er kannte eben keine Neugierde. Ein Händedruck, drei kurze Worte, nichts weiter. Jacques mußte aus sich heraus die Geschichte von der gebrochenen Treibstange, seiner Absicht, seine Pathe zu umarmen und hier zu übernachten nochmals wiederholen. Misard hatte durch ein sanftes Neigen des Hauptes sein Einverständniß mit alledem zu erkennen gegeben, man setzte sich und aß ohne Hast, zunächst schweigsam. Phasie, die schon seit dem Morgen den Napf nicht außer Acht gelassen hatte, in welchem die Krautsuppe kochte, ließ sich auch einen Teller voll reichen. Aber als sich ihr Mann erhoben hatte, um ihr das von Flore vergessene Eisenwasser zu reichen, eine Karaffe, in welcher Nägel schwammen, nahm sie nichts. Er, demüthig und dienstbar, mit einem krankhaften Husten behaftet, sah nicht so aus, als ob er die ängstlichen Blicke bemerkte, mit denen sie seine geringsten Bewegungen verfolgte. Als sie Salz verlangte, welches auf dem Tische nicht zu sehen war, sagte er zu ihr, sie würde es noch einmal bereuen, so viel Salz zu essen, das mache sie gerade krank. Er erhob sich, um es zu holen und brachte ihr in einem Löffel ein paar Finger voll. Das Salz nahm sie voll Vertrauen; es reinige Alles, meinte sie. Dann sprach man von der seit einigen Tagen eingetretenen wirklich warmen Witterung, von einem in Maromme vorgekommenen Unglücksfall. Jacques mußte schließlich glauben, daß seine sonst so aufgeweckte Pathe an Alpdrücken leiden müsse, denn er konnte nichts in dem Benehmen des gefälligen Männchens mit den farblosen Augen entdecken, was zum Mißtrauen herausforderte. Länger als eine Stunde saß man beisammen. Viermal war Flore beim Tönen des Signalhornes auf einen Augenblick verschwunden. Die Züge jagten vorüber und brachten die Gläser auf dem Tische zum Klirren, aber keiner der Tischgenossen schenkte ihnen irgend welche Aufmerksamkeit.

Abermals ein Signal mit dem Horn, doch diesmal kam Flore, die soeben abgedeckt hatte, nicht zurück. Sie ließ ihre Mutter und die beiden Männer bei einer Flasche Apfelweinschnaps allein. Die drei blieben noch eine halbe Stunde sitzen. Dann nahm Misard, der vorher seine Blicke einen Augenblick forschend auf eine Ecke des Gemaches gerichtet hatte, seine Mütze und schritt mit einem einfachen Guten Abend zur Thür hinaus. Er wilddiebte in den Bächen der Nachbarschaft, in denen es prächtige Aale gab, und er ging nie eher schlafen, bis er seine Netze gründlich visitirt hatte.

Kaum war er fort, sah Phasie ihren Pflegesohn bedeutsam an.

»Glaubst Du nun? Hast Du gesehen, wie sich sein Blick dort in die Ecke wühlte? ... Es ist ihm nämlich gerade eingefallen, ich könnte meinen Schatz dort hinter dem Buttertopf verborgen haben ... O, ich kenne ihn, ich weiß genau, daß er heute Nacht den Topf von der Stelle rücken wird.«

Ein plötzlicher Schweiß drang durch die Poren ihres Körpers und ein heftiges Zittern schüttelte ihre Glieder.

»Da, sieh her, auch das noch! Er wird mir zu viel eingegeben haben, ich habe einen bittern Geschmack im Munde, als ob ich alte Sousstücke verschluckt hätte. Gott weiß, warum ich durchaus nichts von ihm nehmen will. Man möchte am liebsten gleich in's Wasser gehen. Heute Abend geht es leider nicht mehr, weil ich jetzt zu Bett muß. Also lebe wohl, mein Junge, da Du schon um sieben Uhr sechsundzwanzig Minuten abfährst, werde ich Dich nicht mehr sehen können. Und Du kommst bald wieder? Wir wollen hoffen, daß Du mich hier noch vorfindest.«

Er half ihr in ihr Zimmer, wo sie sich hinlegte und auch sofort zusammengekauert einschlief. Allein geblieben, zögerte er einen Augenblick und überlegte, ob er auch nach oben steigen und sich auf das Heu in der Vorratskammer strecken sollte. Die Uhr war aber jetzt erst dreiviertel auf acht, also es noch zu früh zum Schlafen. Er verließ das Gemach und ließ die kleine Petroleumlampe in dem leeren, träumenden Häuschen brennen, das von Zeit zu Zeit durch den jähen Donner eines vorüberfahrenden Zuges erschüttert wurde.

Draußen fühlte sich Jacques von der Milde der Luft angenehm überrascht, welche Regen zu verkünden schien. Eine gleichmäßige, milchartige Wolke hatte den ganzen Himmel überzogen und der hinter ihr verborgene unsichtbare Vollmond tauchte das Himmelsgewölbe in einen röthlichen Schimmer. Weit hinein sah er in das Land, dessen im friedlichen Schlummer ruhende Wiesen, Abhänge und Bäume sich in diesem gleichmäßigen todten Lichte dunkel abhoben. Er durchschritt den kleinen Küchengarten, dann wollte er nach Doinville zu spazieren gehen, weil die Straße nach jener Richtung weniger schroff aufstieg. Aber der Anblick des jenseits des Eisenbahndammes schräg aufsteigenden, einsamen Hauses zog ihn an; da die Barriere schon für die Nacht geschlossen war, überschritt er die Geleise bei dem Pförtchen. Er kannte dieses Haus sehr gut, denn er sah es ja auf jeder Fahrt beim Dröhnen seiner brummenden Maschine. Eine unklare Empfindung, die sein Anblick hervorrief, ärgerte ihn, er wußte selbst nicht, warum. Jedesmal fürchtete er, es könnte verschwunden sein, und erboste sich, wenn er es noch an derselben Stelle vorfand. Noch nie hatte er die Thüren oder Fenster offen gesehen. Er wußte nichts weiter, als daß es dem Präsidenten Grandmorin gehörte. An diesem Abend aber trieb ihn ein unstillbares Verlangen dorthin, um vielleicht mehr zu erfahren.

Lange stand Jacques auf der Landstraße vor der Pforte. Er trat einige Schritte zurück, reckte sich in die Höhe und versuchte, sich klar zu werden. Der den Garten theilende Bahndamm hatte vor dem Hause ein schmales, von Mauern umschlossenes Parterre übrig gelassen; weiter hinten dagegen weitete sich ein ziemlich ausgebreitetes Terrain, welches nur von einer lebenden Hecke eingefriedet war. Im röthlichen Wiederschein dieser nebligen Nacht machte das Haus in seiner Verlassenheit einen unsäglich traurigen Eindruck. Jacques überlief es kalt und er wollte eben weiter gehen, als er ein Loch in der Hecke bemerkte. Der Gedanke, daß es feige wäre, nicht hineinzugehen, trieb ihn durch die Lücke. Sein Herz schlug zum Brechen. Doch gerade, als er an einem zerfallenen kleinen Gewächshause vorüberschreiten wollte, bannte ihn ein an der Thür desselben kauernder Schatten.

»Wie, Du bist es?« rief er erstaunt, er hatte Flore erkannt. »Was thust Du hier?«

Auch sie war überrascht zusammen gefahren.

»Du siehst,« sagte sie jedoch gleich gefaßt, »ich hole mir Stricke. Es liegen hier so viele umher und faulen, ohne zu etwas zu nutzen. Daher hole ich sie mir, so oft ich welche gebrauche.«

In der That hockte sie mit einer starken Scheere in der Hand am Boden. Sie entwickelte die Enden der Stricke und durchschnitt widerstrebende Knoten.

»Kommt der Eigenthümer nie hierher?« fragte der junge Mensch.

Sie lachte.

»Pah, seit der Geschichte mit Louisette hat es keine Gefahr. Der Präsident wird es nicht wagen, auch nur seine Nasenspitze in la Croix-de-Maufras hineinzustecken. Ich kann unbesorgt ihm seine Stricke nehmen.«

Er schwieg und sein Gesicht trübte sich bei der Erinnerung an jenen unglücklichen Vorfall, den Flore wachrief.

»Und glaubst Du wirklich, was Louisette erzählte? Glaubst Du, daß er ihr nachstellte und daß sie sich bei ihrer Vertheidigung verletzte?«

Sie hörte auf zu lachen und rief heftig:

»Nie hat Louisette gelogen und Cabuche ebenso wenig ... Cabuche ist mein Freund.«

»Vielleicht jetzt auch Dein Geliebter?«

»Er? Da müßte ich ja eine famose Dirne sein! ... Nein, er ist mein Freund, einen Liebhaber habe ich nicht und will auch keinen.« Sie hatte ihren mächtigen Kopf aufgerichtet, dessen schwere, blonde Flechten tief in die Stirn hingen. Ihre ganze kräftige und geschmeidige Persönlichkeit strömte eine ungezähmte Entschlossenheit aus. Es hatte sich schon ein Märchen um ihre Person in der Umgegend gebildet. Man erzählte von ihr die wildesten Sachen: da hätte sie einen Wagen beim Herannahen eines Zuges mit einem Ruck von den Schienen gerissen, hier einen den Abhang von Barentin allein herunterlaufenden Waggon, dort einen wild gegen den Zug anstürmenden Stier aufgehalten. Diese Kraftproben machten kein geringes Aufsehen und natürlich waren alle Männer hinter ihr her. Da man sie stets auf den Feldern sah, sobald sie mit ihrer Arbeit fertig, oder in verborgenen Winkeln einsam, stumm und unbeweglich mit in die Luft starrenden Augen, so glaubte man zuerst, man würde mit ihr ein leichtes Spiel haben. Aber die ersten, welche das Abenteuer gewagt hatten, wagten es nicht zum zweiten Male. Sie liebte es, stundenlang in einem Bache in der Nähe nackt zu baden. Eines Tages hatten ihr gleichaltrige junge Männer sie dabei belauscht; Flore aber hatte sie gesehen und ohne sich erst die Mühe zu nehmen, ihr Hemd überzustreifen, hatte sie sich einen gelangt und ihn so zugerichtet, daß man sie fortan unbehelligt ließ. Dann erzählte man sich auch noch eine Geschichte von ihr mit einem Weichensteller von der Gabelung bei Dieppe, jenseits des Tunnels: ein gewisser Ozil, ein sehr ehrenhafter Mann von dreißig Jahren, dem sie Muth gemacht zu haben schien, versuchte es eines Abends auch, sie zu vergewaltigen. Er dachte sich die Sache sehr leicht, bekam aber einen Hieb mit dem Stock, daß er fast leblos liegen blieb. Ja, sie war eine kriegerische, jeder Gemeinheit abholde Jungfrau, und bald hatten es die Leute in der Gegend weg, daß sie ihren Kopf auf der rechten Stelle habe.

Als Jacques hörte, daß sie keinen Gefallen an einem Liebhaber hätte, fuhr er fort sie zu sticheln.

»Also wird aus Deiner Hochzeit mit Ozil nichts? Ich habe mir erzählen lassen, daß Du alle Tage mit ihm im Tunnel zusammentriffst.«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Pah, meine Hochzeit ... Im Tunnel, das wäre so ein Spaß! Zweieinhalb Kilometer im Dunkeln galoppiren in der steten Angst, von einem Zuge erfaßt zu werden, wenn man nicht die Augen offen hat. Man muß den Lärm hören, den so ein Zug da unten vollführt! .. Der Ozil war ein langweiliger Kerl. Er war noch nicht der rechte.«

»Du willst also einen Andern?«

»Ich weiß nicht, ich weiß wirklich nicht.«

Während sie sich mit dem Aufknüpfen eines Gewirrs von Knoten abquälte, ohne damit fertig zu werden, schüttelte sie ein abermaliges Gelächter. Ohne den Kopf zu heben, als wäre sie ganz vertieft in ihre Verrichtung, fragte sie:

»Und Du, hast Du schon eine Geliebte?«

Jacques wurde ernst. Seine Augen wandten sich zur Seite in die Nacht hinaus und flimmerten unstät.

»Nein,« antwortete er kurz.

»Es stimmt also,« meinte sie. »Man hat mir nämlich erzählt, daß Du die Frauen haßtest. Und dann kenne ich Dich auch nicht erst seit gestern. Etwas Liebenswürdiges bekommt man von Dir überhaupt nicht zu hören ... Warum ist das so?«

Er schwieg, sie ließ die Knoten fahren und blickte zu ihm auf.

»Liebst Du nur Deine Lokomotive? Man macht sich darüber schon lustig, wie Du weißt. Man behauptet, Du putztest sie in einem fort, um sie recht leuchten zu lassen, als hättest Du nur für sie Deine Zärtlichkeiten übrig. Ich darf Dir das schon sagen als Deine Freundin.«

Auch er betrachtete sie in der bleichen Helle des bedeckten Himmels. Er erinnerte sich, daß sie schon als kleines Kind heftig und eigensinnig gewesen war, aber so oft er kam, ihm mit der Leidenschaftlichkeit einer Wilden an den Hals sprang. Später verlor er sie mehrfach aus den Augen, jedesmal aber, wenn er sie wiedersah, schien sie gewachsen; trotzdem fiel sie auch dann noch ihm um den Hals, aber die Flammen in ihren großen, klaren Augen genirten ihn mehr und mehr. Jetzt war sie ein herrliches, begehrenswerthes Weib, er war zweifellos noch immer ihre Jugendliebe. Sein Herz klopfte heftig, er hatte das plötzliche Gefühl, daß er der von ihr Erwartete sei. Mit dem Blut zugleich aber stieg eine wachsende Verwirrung ihm zu Kopf, die ihn folternde Angst drängte ihn zunächst zur Flucht. Jedesmal, wenn das Verlangen nach einem Weibe in ihm aufstieg, wurde er wie toll und sah alles roth.

»Was stehst Du noch?« begann Flore von Neuem, »so setze Dich doch.«

Er zögerte abermals. Doch er fühlte seine Füße schwach werden und von dem Drange getrieben, es noch einmal mit der Liebe zu versuchen, ließ er sich neben sie auf den Haufen Stricke nieder. Er sagte nichts, da ihm die Kehle wie ausgedörrt schien. Sie, die Schweigsame, Stolze, schwatzte dagegen jetzt, daß sie kaum zu Athem kam. Sie schien sich betäuben zu wollen.

»Es war eine Dummheit von Mutter, Misard zu heirathen. Das wird ihr schlecht bekommen ... Mich geht es ja weiter nichts an, ich habe genug zu thun. Und will ich einmal dazwischen fahren, dann schickt mich Mutter zu Bett ... Mag sie sehen, wie sie mit ihm fertig wird. Ich lebe außerhalb des Hauses. Ich habe an zukünftige Dinge zu denken ... Ich habe Dich heute früh von einem Strauch aus, unter welchem ich saß, auf Deiner Lokomotive vorüberfahren sehen. Aber Du siehst ja nie hin ... Ich werde Dir auch sagen, woran ich immer denke, aber nicht jetzt, erst später, wenn wir erst vollständig gute Freunde geworden sind.«

Sie hatte die Scheere fallen lassen und er hatte, noch immer stumm, sich ihrer beiden Hände bemächtigt. Entzückt ließ sie sie ihm. Trotzdem durchzuckte sie, als er jene an seine brennenden Lippen führte, ein jungfräulicher Schrecken, die Kriegerin in ihr erwachte und bäumte sich bei dieser ersten Annäherung des Bösen streitbar auf.

»Nein, nein, lasse mich, ich will nicht ... Verhalte Dich hübsch ruhig, wir wollen plaudern ... Ihr Männer denkt nur an so etwas. Wenn ich Dir wiederholen wollte, was mir Louisette an dem Tage, als sie bei Cabuche starb, erzählt hat! ... Uebrigens wußte ich schon von der Unzucht des Präsidenten, denn er kam oft mit jungen Mädchen hierher ... Von einer vermuthet das kein Mensch, weil er sie später verheirathet hat ...«

Er hörte nicht hin, er hörte nicht zu. Er umschlang sie und drückte bei der brutalen Umarmung seinen Mund heftig auf den ihren. Ein halbunterdrückter Schrei, nein, mehr ein sanfter, von Herzen kommender Klageruf entschlüpfte ihr, das Geständniß ihrer so lange unterdrückten Liebe. Aber sie kämpfte und wehrte sich halb unbewußt. Sie wünschte ihn sich, trotzdem rang sie mit ihm, sie wollte von ihm besiegt sein. Wortlos, Brust an Brust, mit fliegendem Athem, suchte eines das andere unterzubekommen. Einen Augenblick schien sie die Stärkere zu sein. Sie würde ihn wahrscheinlich geworfen haben, so sehr er sich auch sträubte, wenn er sie nicht an der Kehle gepackt hätte. Die Taille sprang auf und die beiden festen, von dem Ringen geschwollenen Brüste schimmerten wie flüssige Milch durch das Dunkel. Sie sank auf den Rücken, sie gab sich besiegt.

Anstatt seinen Sieg zu benutzen, kniete er, an allen Gliedern zitternd, athemlos vor ihr und starrte sie an. Dann schien ihn eine Wuth, eine Wildheit zu packen, seine Augen suchten nach einer Waffe, einem Steine, nach irgend etwas, um sie zu tödten. Seine Blicke entdeckten die aus dem Gewirr der Knoten hervorleuchtende Scheere. Er griff nach ihr und war schon im Begriff, sie in den weißen Hals, zwischen die rosig schimmernden weißen Brüste zu tauchen, als ihn ein eisiger Schauder ernüchterte. Er warf die Scheere von sich und entfloh wie wahnsinnig, während sie mit geschlossenen Augenlidern liegen blieb und nicht anders dachte, als daß er sie verschmähte, weil sie ihm widerstanden hatte.

Jacques floh durch die melancholische Nacht. Im Galopp rannte er den Fußsteig einer Anhöhe empor und taumelte auf der andern Seite in eine enge Schlucht hinunter. Unter seinen Schritten davonrollende Kieselsteine erschreckten ihn, er drang links durch die Gebüsche und auf einem Umweg nach derselben Seite wieder hinaus, wodurch er rechts auf ein leeres Plateau gerieth. Er ließ sich herab und gerieth gegen die den Bahndamm einfriedigende Hecke: ein Zug kam schnaubend und dampfend vorüber. Er erschrak und begriff zuerst nicht recht. Ach, ganz recht, da fährt ja alle Welt vorüber, in einem fort, während er hier mit fliegenden Pulsen fiebert! Er kletterte abermals hinauf und abermals hinunter. Immer wieder stieß er auf die Geleise, bald auf der Sohle tiefer Schluchten, an Abgründen entlang, bald auf Abhängen, deren riesige Barrikaden die Fernsicht abschnitten. Dieses wüste, von Anhöhen kupirte Gelände glich einem ausgangslosen Labyrinthe. Durch die gruftähnliche Trostlosigkeit dieser unbebauten Länderstrecken jagte ihn sein Wahnsinn. Schon lange war er auf den Höhen und Abhängen umhergeklettert, als er vor sich eine schwarze Oeffnung, den offenen Schlund des Tunnels erblickte. Ein bergauf fahrender Zug stürzte sich heulend und pfeifend dort hinein und verschwand, als hätte ihn die Erde verschlungen, mit einem Gedröhne, von dem noch lange hernach der Boden erzitterte.

Jacques stürzte neben dem Eisenbahndamm zu Boden, seine Beine trugen ihn nicht weiter. Auf dem Bauche liegend und das Gesicht tief in den Rasen gedrückt schluchzte er krampfhaft. Das Uebel, von dem er sich geheilt wähnte, war also wirklich wiedergekommen? Er hatte dieses Mädchen tödten wollen! Ein Weib tödten, ein Weib tödten wollen! Von Jugend auf, je mehr das Fieber und die Sehnsucht nach dem Besitz eines Weibes in ihm wuchsen, desto stärker wurde auch dieses Verlangen. Andere träumen beim Erwachen der Mannbarkeit nur von dem Besitz des Weibes, in ihm aber gährte der Gedanke, dann eine zu tödten! Er konnte es nicht leugnen, er hatte die Scheere ergriffen, um sie ihr in das Fleisch zu stoßen, sobald sein Auge dieses gesehen, in dieses Fleisch, in diese warme weiße Brust. Und nicht in einem Anfalle von Wuth, sondern lediglich aus dem Vergnügen an der Sache heraus. Dieses Vergnügen verlangte so mächtig seine Befriedigung, daß er am liebsten im Galopp zurückgelaufen wäre um sie zu morden, hätten seine Hände sich nicht mit aller Gewalt in den Erdboden gekrampft. Und gerade sie, mein Gott, diese Flore, die er hatte aufwachsen sehen, dieses wilde Kind, von dem er sich so heißgeliebt fühlte! Seine gekrümmten Finger wühlten sich noch tiefer in das Erdreich, das Schluchzen zerriß ihm die Kehle, es war ein Röcheln fürchterlichster Verzweiflung.

Dann rang er nach Ruhe, er wollte klar sehen. Welch ein Unterschied war eigentlich zwischen ihm und den Anderen? Er hatte es sich schon in seiner Jugend dort unten in Plassans gefragt. Seine Mutter Gervaise erhielt ihn allerdings etwas zeitig, sie zählte damals erst fünfzehn und ein halbes Jahr, und er war noch dazu der zweite, denn Claude wurde ihr geboren, als sie knapp vierzehn alt war. Aber keiner seiner Brüder, weder Claude, noch der nach ihm geborene Etienne litt unter der Jugend seiner Mutter und seines knabenhaften Vaters, des schönen Lantier, dessen schlechtes Herz Gervaise so viele Thränen kosten sollte. Vielleicht litt auch ein jeder seiner Brüder an irgend einem Uebel und gestand es nur nicht ein. Der Aelteste namentlich, den es so heiß danach verlangte, ein Maler zu sein, daß man ihn und sein Genie für halb verrückt hielt. Mit seiner Familie war es entschieden nicht richtig, viele Mitglieder derselben hatten etwas weg. In gewissen Stunden fühlte er sehr wohl diesen erblichen Riß. Seine Gesundheit war keine schlechte, nur hatten ihn die Furcht und die Scham vor seinen Krisen etwas abmagern lassen. Aber von Zeit zu Zeit verlor er das Gleichgewicht seines Lebens und dann schien es, als zeigte sein Wesen Risse und Löcher, aus welchen sein eigenes Selbst inmitten einer dichten Rauchwolke entströmte, in welcher alles sich anders gestaltete. Er war dann nicht mehr Herr über sich, sondern gehorchte nur seinen Muskeln wie eine wüthende Bestie. Dabei trank er nicht, er versagte sich selbst das kleinste Glas Branntwein, denn er hatte bemerkt, daß der unbedeutendste Tropfen Alkohol ihn verrückt machte. Er kam schließlich zu der Ueberzeugung, daß er die Schuld der Anderen bezahlen müßte, der Väter und Großväter, die Trinker gewesen waren, der Generationen von Trunkenbolden, die sein Blut verdorben hatten. Was er fühlte, war eine schrittweise Vergiftung, eine Wildheit, die ihn mit dem im Dickicht lauernden Wolf, der auch Frauen frißt, auf eine Stufe stellte.

Jacques hockte jetzt auf einem Knie und blickte hinüber zum schwarzen Schlunde des Tunnels, aber ein erneutes Schluchzen fuhr ihm durch die Nerven in den Nacken, er fiel rücklings zur Erde und wälzte sich, vor Schmerz aufschreiend, auf dem Boden umher. Dieses Mädchen, dieses Mädchen hatte er tödten wollen! Da kam es wieder, dieses spitzige, gräßliche Gefühl, als hätte er die Scheere sich selbst in die Brust gestoßen. Kein Vernunftgrund schaffte ihm Ruhe: er hatte sie tödten wollen, er würde sie tödten, wenn sie noch mit geöffnetem Kleide und entblößter Brust vor ihm läge. Er war gerade sechzehn Jahre alt, er erinnerte sich dessen ganz genau, da hatte ihn das Uebel zum ersten Male gepackt. Eines Abends hatte er mit einem um zwei Jahre jüngeren Mädchen, der Tochter eines Verwandten, gescherzt: sie war gefallen, er hatte ihre Beine gesehen und war über sie hergefallen. Er erinnerte sich, im folgenden Jahre ein Messer geschärft zu haben, um es einer anderen, einer Blondine, die täglich an seiner Thür vorüberging, in die Kehle zu stoßen. Der Hals dieses Mädchens war sehr fett und rosig, er hatte sich bereits den Platz ausgesucht, wo er das Messer ansetzen wollte, nämlich bei einem kleinen braunen Zeichen unter dem Ohre. Und das waren nicht die einzigen, deren Erinnerung ihm die Brust beengte, auf der Gasse hockende, zufällig zu Nachbarinnen gewordene Frauen, alle diese hatten die Mordlust in ihm entfacht; eine namentlich, eine jung verheirathete Frau, die im Theater neben ihm saß und außerordentlich laut lachte. Mitten in einem Act mußte er aufstehen, um sie nicht anzufallen. Alle diese kannte er kaum, warum also dieser Zorn auf sie? Jedesmal, wenn ihn diese blinde Wuth befiel, schien es ihm ein brennender Durst nach Rache für verjährte längst vergessene Beleidigungen zu sein. Das Unheil also, welches die Frauen seinem Geschlecht gebracht, ihre von Mann zu Mann gesteigerte Schlechtigkeit, hatte seinen Ursprung wirklich in so ferner Zeit, vielleicht gar begann es mit dem ersten im Dunkel der Höhlen begangenen Betrug? Aus seinem Anfalle heraus fühlte er die Nothwendigkeit, das Weib zu bekämpfen und zu bezwingen, es todt hinzustrecken wie eine Anderen für immer abgejagte Beute. Sein Schädel barst unter der Anstrengung des Denkens, er war zu unwissend, um sich die rechte Antwort zu geben. In dem Angstgefühl zu Thaten gedrängt zu werden, denen gegenüber seine Willenskraft gleich null war, und deren Grund er nicht einsehen konnte, stumpfte sich sein Gehirn ab.

Abermals stürzte sich beim Schimmer seiner Laternen ein Zug mit Getöse in den Tunnel, das, wie beim Donner allmählich erstarb. Jacques hatte sich aufgerichtet und sein Schluchzen eingestellt, als glaubte er, diese gleichgültige, zusammengepferchte, ihm unbekannte Menge könnte ihn hören. Er nahm jetzt eine unverdächtige Haltung an. Schon immer hatte er nach solchen Anfällen beim geringsten Geräusch die Gewissensbisse eines Schuldbehafteten empfunden! Ruhig, glücklich, fern von aller Welt lebte er nur auf seiner Lokomotive. Wenn sie ihn beim Erzittern ihrer Räder pfeilschnell davonführte, wenn er die Hand an der Kurbel seine ganze Wachsamkeit auf die Strecke und die Signale lenken mußte, dachte er an nichts anderes, mit vollen Lungen athmete er die reine, ihm sturmwindartig zugewehte Luft ein. Aus diesem Grunde liebte er seine Maschine, als wäre sie eine friedfertige Geliebte, von der er nur Glückseligkeiten zu erwarten hätte. Nach Verlassen der Gewerbeschule hatte er trotz seiner großen Intelligenz sich die Laufbahn eines Lokomotivführers gewählt, um ein einsames, betäubendes Leben führen zu können. Auch war er nicht ehrgeizig. Nach vier Jahren war er bereits Lokomotivführer erster Klasse und bezog als solcher einen Gehalt von zweitausendachthundert Franken, der mit den Heiz- und Putzprämien auf über viertausend wuchs. Mehr verlangte er nicht. Er sah seine Kameraden der zweiten und dritten Klasse, welche die Gesellschaft selbst in solche eintheilte, die Hilfsarbeiter, die sie als Lehrlinge annahm, fast immer Arbeiterinnen heirathen, ausgemergelte Frauen, die man nur zur Zeit der Abfahrt sah, wenn sie ihren Männern die Vorrathskörbchen brachten. Ehrgeizige Kameraden dagegen, namentlich solche, die eine Fachschule durchgemacht hatten, warteten mit ihrer Heirath, bis sie Depotchefs geworden, in der Hoffnung, eine Bürgerliche zu bekommen, eine Dame mit Hut. Ihm war alles das gleichgiltig, er floh ja doch die Frauen. Er wollte nie heirathen, sondern stets allein und abermals allein rastlos dahinrollen. Seine Vorgesetzten stellten ihn daher auch als einen Musterlokomotivführer hin, weil er nicht trank und nicht davonlief. Die bummlerisch veranlagten Kameraden natürlich neckten ihn wegen seiner ausbündig guten Führung, die Solideren aber erschreckte er, wenn er stumm, mit farblosen Augen und schrecklich verzerrtem Gesicht in seine Traurigkeit verfiel. Er erinnerte sich nicht mehr, wie viele Stunden er in seinem Kämmerchen in der Rue Cardinet schon zugebracht haben mochte, von welchem aus er das Depot von les Batignolles erblicken konnte, zu welchem seine Lokomotive gehörte. Er wußte nur, daß es so ziemlich seine sämmtlichen Freistunden gewesen waren, die er wie ein in seiner Zelle eingeschlossener Mönch dort verlebte. Hier kämpfte er gegen den Aufruhr seiner begehrlichen Wünsche mit Hilfe des Schlafes an, den er nur auf dem Bauche liegend fand.

Jacques versuchte aufzustehen. Was machte er in dieser feuchten, nebligen Winternacht hier im Grase? Das Land blieb in Schatten gehüllt; nur am Himmel war es hell, dort ruhte noch der feine Dunst, die mächtige Kuppel aus unpolirtem Glas, vom dahinter verborgenen Monde mit einem fahlen, gelblichen Scheine durchleuchtet. Der düstere Horizont schlummerte in todesähnlicher Unbeweglichkeit. Auf! Es mußte schon auf neun Uhr gehen und es war rathsamer, heim zu gehen und sich auf's Ohr zu legen. Aber seine Beklemmung spiegelte ihm vor, wie er jetzt zu den Misard kommen, die Treppe zur Vorratskammer hinaufsteigen, sich auf das Heu werfen und im Raume nebenan, durch eine dünne Plankenwand nur von dem seinen getrennt, Flore athmen hören würde! Er wußte sogar, daß sie sich nie einschloß, daß er also ohne Umstände bei ihr würde eintreten können. Und wieder überlief ihn ein heftiger Schauder, dachte er an das entkleidete Mädchen mit den vom Schlafe widerstandslosen, heißen Gliedern. Noch einmal drückte ihn das Schluchzen zu Boden. Er hatte sie tödten wollen, er wollte sie noch tödten! Der Gedanke, daß er sich jetzt anschicken wollte, sie nach seiner Heimkehr in ihrem Bette zu tödten, würgte und zerrte an ihm. Was half es ihm, daß er keine Waffe zur Hand haben, daß sie seinen Kopf mit ihren beiden Armen niederdrücken würde; er fühlte, das Uebel würde ihn dennoch gegen seinen Willen antreiben, die Thür zu ihrer Kammer zu öffnen und sie zu erwürgen. Unter dem Geißelhieb des raubthierartigen Instinktes und unter dem Zwange, das alte Unrecht zu rächen, konnte er nicht anders. Nein, nein! Lieber wollte er die ganze Nacht im Freien zubringen, als dorthin zurückkehren! Mit einem Sprunge stand er auf den Beinen. Er entfloh.

Und abermals jagte er wohl eine halbe Stunde über das düstre Gefilde, als wollte ihn die losgelassene Meute aller Schrecken der Hölle zu Tode Hetzen. Er jagte die Anhöhen hinauf, er kroch in enge Schluchten. Hinter einander stellten sich ihm zwei Bäche entgegen, er durchschritt sie, wobei er bis zu den Hüften versank. Ein ihm den Weg verlegendes Gebüsch brachte ihn zur Verzweiflung. Sein einziger Gedanke war, immer geradeaus und so weit als möglich zu laufen, um der wüthenden Bestie in seinem Innern zu entfliehen. Seit sieben Monaten schien sie ihm verjagt zu sein, und er hatte sich wieder Mensch gefühlt; und jetzt heulte sie von Neuem, abermals mußte er sie bekämpfen, um nicht von ihr auf die erste Frau, die ihm der Zufall in den Weg führen würde, gehetzt zu werden. Die große Stille, die mächtige Einsamkeit in der Runde beruhigten ihn indessen allmählich ein wenig und ließen ihn von einem stummen, einsiedlerischen Leben, ähnlich dieser Gegend, träumen, in welchem man auch abseits von den gebahnten Pfaden umherschweifen könnte, ohne einem menschlichen Wesen zu begegnen. Unbewußt war er im Kreise gegangen und im großen Bogen wieder an dem bebuschten Abhang des Eisenbahndammes, oberhalb des Tunnels gelangt. Er machte zornig kehrt, weil er fürchtete, auf Menschen zu stoßen. Um eine Anhöhe herum gedachte er den Weg abzuschneiden, verlief sich aber und stieß nun erst recht auf die Hecke längs der Geleise hart am Eingang zum Tunnel neben der Wiese, auf der er kurz zuvor sich in Schmerzen gekrümmt hatte. Da stand er nun besiegt, als ihn das noch ferne, von Sekunde zu Sekunde anschwellende, aus der Tiefe der Erde heraufschallende Dröhnen eines Zuges an diese Stelle bannte. Es war der Schnellzug nach Havre, der Paris um sechs Uhr dreißig Minuten verlassen hatte und hier um neun Uhr fünfundzwanzig Minuten vorüberkommen mußte; diesen Zug führte Jacques einen Tag um den andern.

Er sah zunächst den dunklen Schlund sich erhellen, wie die Oeffnung eines Backofens, in welchem das Reisig entzündet wird. Das Geräusch näherte sich, plötzlich sprang die Lokomotive daraus hervor mit ihrem großen runden, blendenden Auge, deren Licht die Gegend zu durchdringen suchte und auf den Schienen weit voraus schon ein zweites Feuer zu entzünden schien. Aber das Ganze war eine blitzartige Erscheinung, denn vorüber flüchtete die Reihe von Waggons mit ihren grell beleuchteten Koupeefenstern, vorüber sausten die mit Reisenden gefüllten Koupee's mit einer so schwindelerregenden Schnelligkeit, daß das Auge unmittelbar an den gesehenen Bildern zweifelte. Aber Jacques hatte in dieser Viertelsekunde dennoch durch die hellerleuchteten Scheiben eines Koupee's gesehen, wie ein Mann einen zweiten auf den Sitz niedergedrückt hielt und ihm ein Messer in den Hals stieß, während eine schwarze Masse, vielleicht eine dritte Person, vielleicht heruntergestürztes Gepäck, mit ihrem ganzen Gewicht auf den krampfhaft angezogenen Beinen des Opfers lastete. Schon entfloh der Zug und verschwand in der Richtung von la Croix-de-Maufras, und man sah in der Dunkelheit nichts weiter mehr von ihm als die drei Schlußlaternen, das rothe Dreieck.

Wie auf den Platz gebannt folgten die Blicke des jungen Mannes dem Zuge, dessen Brausen in dem großartigen Frieden des Todes, der auf der Gegend ruhte, erstarb. Hatte er wirklich richtig gesehen? Er zweifelte jetzt daran und wagte nicht mehr die ihm wie vom Blitze zugetragene und von ihm entführte Begebenheit als eine Thatsache zu behaupten. Kein einziger Gesichtszug der beiden Hauptacteure dieses Dramas stand ihm lebendig vor der Erinnerung. Die dunkle Masse war vielleicht eine über den Körper des Opfers gefallene Reisedecke. Und doch war es ihm, als hätte er unter einer aufgelösten Menge dichten Haares ein feines, bleiches Profil erkannt. Aber alles mischte sich in einander und verflog wie ein Traum. Noch einmal trat das vermeintliche Profil vor seine innern Blicke, dann verlor er es ganz und gar. Das Ganze war wahrscheinlich überhaupt nur eine Einbildung. Alles das aber machte sein Mark erstarren; er gab schließlich selbst zu, daß es eine Sinnestäuschung gewesen sein mochte, welche die schreckliche Krisis seines Zustandes heraufbeschworen hatte.

Fast eine ganze Stunde noch trieb sich Jacques, den Kopf mit wüsten Gedanken voll, auf den Feldern umher. Er war wie zerschlagen, eine Art Entnervung hatte ihn befallen, das eisige Gefühl in seinem Innern hatte das Fieber ausgelöscht. Er kam schließlich, ohne es gewollt zu haben, nach la Croix-de-Maufras zurück. Als er vor dem Bahnwärterhäuschen stand, überlegte er, daß es besser sei, nicht einzutreten, sondern in der kleinen Hütte neben dem Schuppen zu schlafen. Aber ein Lichtstrahl drang durch die Thür und mehr unbewußt als bewußt öffnete er. Ein unerwarteter Anblick bannte ihn auf die Schwelle.

Misard hatte in der That den in der Ecke stehenden Buttertopf von seinem Platze gerückt. Mit allen vieren lag er auf dem Boden, neben sich hatte er eine Laterne stehen und mit der Faust pochte er leise an verschiedene Stellen der Wand. Das Geräusch der aufgehenden Thür ließ ihn den Kopf zurückwenden. Er zeigte aber keine Spur von Verlegenheit und sagte höchst gelassen:

»Ich suche Streichhölzchen auf, die mir heruntergefallen sind.«

Als er nun den Buttertopf wieder an Ort und Stelle gebracht hatte, setzte er hinzu:

»Ich habe mir eben die Laterne geholt, weil ich beim Nachhausegehen ein Individuum habe auf den Schienen liegen sehen ... Ich glaube, er ist todt.«

Jacques hatte der Gedanke, Misard beim Suchen nach Tante Phasie's Schatz ertappt zu haben, fast übermannt. Aber die jähe Gewißheit, daß sein Zweifel grundlos und die Beschuldigungen der Tante berechtigte waren, wurde durch die Neuigkeit von dem Funde eines Leichnams sofort verdrängt. Er vergaß das zweite Drama, das sich hier in diesem abseits von der Welt gelegenen Häuschen abspielte. Die Szene im Koupee, die kurze Vision von der Ermordung eines Mannes durch einen zweiten tauchte mit blitzartiger Schnelligkeit wieder vor ihm auf.

»Ein Mensch auf der Strecke, wo denn?« fragte er erbleichend.

Misard war nahe daran zu erzählen, daß sich zwei Aale in seinen Netzen gefangen hätten, die er vorhin im Galopp nach Hause getragen habe, um sie zu verstecken. Aber wozu sich diesem Knaben anvertrauen? Er machte daher nur eine unbestimmte Bewegung und erwiderte:

»Dort unten, vielleicht fünfhundert Meter von hier ... Weiter weiß ich nichts, müssen mal erst die Sache bei Licht betrachten.«

Jacques hörte in diesem Augenblicke über sich eine dumpfe Erschütterung. Er war so geängstet, daß er zusammenfuhr.

»Das ist nichts,« sagte der Vater, »Flore rumort wahrscheinlich.«

Der junge Mann hörte jetzt in der That das Umhertappen zweier nackter Füße auf dem Estrich. Sie hatte zweifellos auf ihn gewartet und durch ihre nur halbgeschlossene Thür ihn kommen gehört.

»Ich begleite Euch,« sagte Jacques .. »Ihr glaubt wirklich, daß er todt ist?«

»Zum Teufel auch, mir scheint es so. Die Laterne wird es ja zeigen.«

»Und was haltet Ihr davon? Ein Unfall wahrscheinlich?«

»Vielleicht. Irgend einen Strick, der sich hat überfahren lassen, oder vielleicht auch ein aus dem Koupee gesprungener Reisender.«

Jacques überlief es kalt.

»Kommt schnell, kommt schnell!«

Noch nie hatte ihn das Fieber, zu sehen und wissen zu wollen, so gepackt. Während sein Gefährte vollständig gleichgiltig auf dem Eisenbahndamm dahinschritt, wobei die Laterne hin- und her schwankte, deren runde Helle sanft an den Schienen entlang glitt, lief er voraus. Diese Langsamkeit ärgerte ihn. Ihn trieb ein physisches Verlangen, dieselbe Gluth, welche den Gang der Liebenden zum Stelldichein beflügelt. Er empfand Furcht vor dem ihn erwartenden Anblick und doch flog er mit gespannten Muskeln dorthin. Als er an Ort und Stelle anlangte, fiel er beinahe über die dicht neben den Schienen liegende dunkle Masse. In seiner Aufregung konnte er nichts deutlich erkennen. Fluchend rief er dem Anderen zu, der noch mehr als dreißig Schritt zurück war:

»So beeilt Euch doch, in des Teufels Namen. Vielleicht kann man ihm noch helfen, wenn er noch lebt.«

Misard aber schwankte gemächlich weiter. Als er endlich seine Laterne über den Körper des Verunglückten hielt, sagte er:

»O je, der hat seinen Theil.«

Das zweifellos aus dem Waggon gestürzte Individuum war höchstens fünfzig Centimeter von den Schienen entfernt mit dem Gesicht nach dem Boden auf den Leib gefallen. Man sah von seinem Kopfe nur den mit dichten weißen Haaren bedeckten hintern Theil. Seine Beine lagen gespreizt. Sein rechter Arm schien wie ausgerenkt, der andere lag unter der Brust. Sein Anzug verrieth einen Angehörigen der bessern Stände. Er trug einen weiten Paletot von blauem Tuch, elegante Stiefel und seine Wäsche. Der Körper zeigte keine Spuren der Vergewaltigung, nur war viel Blut aus einer Halswunde geronnen und hatte den Hemdkragen besudelt. »Ein Bürger, der sein Fett fort hat,« bemerkte Misard nach einigen Minuten lautloser Prüfung.

»Faßt ihn nicht an, das ist verboten,« sagte er dann zu Jacques, der mit offenem Munde sich nicht zu rühren wagte. »Bewachen Sie ihn, ich will inzwischen nach Barentin laufen und den Bahnhofsinspector benachrichtigen.«

Er hob seine Laterne in die Höhe und sah nach dem Kilometerpfahl.

»Schön, gerade bei Pfahl 153 also.«

Er stellte die Laterne auf den Boden neben die Leiche und entfernte sich schleppenden Schritts.

Jacques bewegte sich nicht, als er allein war. Er blickte unentwegt auf diese träge am Boden liegende Masse, deren Umrisse das flackernde Licht kaum erkennen ließ. Die Aufregung, die vorhin seine rasende Wanderung veranlaßt, der fürchterliche Magnet, der ihn hier festbannte, sie weckten in ihm den gleichen scharfen, sein ganzes Wesen durchblitzenden Gedanken: der andere, der mit dem Messer zugestoßen, der hatte es gewagt! Der war bis an's Ziel gelangt, der hatte getödtet! O nur nicht feige sein, seinen Sinn befriedigen und dann tief hinein das Messer! Seit zehn Jahren marterte ihn dieser Gedanke. Sein Fieber malte ihm eine Verachtung seiner selbst, eine Bewunderung für den Anderen vor, besonders aber das unstillbare Verlangen, zu sehen und die Augen zu weiden an diesem menschlichen Fetzen, diesem zerbrochenen Hanswurst, diesem Waschlappen, zu welchem ein einziger Messerstich ein menschliches Geschöpf umwandeln kann. Seinen Traum hatte der andere verwirklicht. Das war es also! Wenn er tödtete, würde ihm dasselbe, was da vor ihm lag, bleiben. Sein Herz schlug zum Springen, seine lüsterne Mordlust machte ihn angesichts dieses tragischen Todes rasend Ein Schritt brachte ihn näher an die Leiche heran; er glich jetzt einem nervösen Kinde, das sich die Furcht abgewöhnen will. –Ja, er würde es wagen, auch er würde es wagen!

Ein Schnauben hinter seinem Rücken zwang ihn, zur Seite zu springen. Von seinen Gedanken gepackt, hatte er das Kommen eines Zuges überhört. Fast wäre er zermalmt worden. Der heiße Athem, das fürchterliche Keuchen der Maschine warnten ihn noch rechtzeitig. Der Zug schoß in einem Orkan von Lärm, Rauch und Flammen vorüber. Er war ebenfalls sehr besetzt. Der Strom von Reisenden nach Havre zu dem Feste am nächsten Tage fluthete noch immer. Ein Kind hatte sein Näschen gegen die Scheibe gedrückt und blickte in die dunkle Landschaft hinaus. Profile von Männern hoben sich ab und eine junge Frau ließ eine Fensterscheibe hinunter, um ein mit Butter und Zucker beschmiertes Stück Papier hinauszuwerfen. Lustig fuhr der Zug in die Ferne; er ahnte nicht, daß seine Räder fast einen Leichnam berührt hatten. Und der Körper ruhte noch immer auf dem Gesicht, umflackert von dem unsteten Licht der Laterne inmitten dieses überwältigenden Friedens der Nacht.

Jacques verlangte es, die Wunde zu sehen, so lange er noch allein war. Aber die Furcht, man könnte vielleicht bemerken, daß er den Kopf berührt habe, hemmte sein Vorhaben. Er hatte sich ausgerechnet, daß Misard nicht vor dreiviertel Stunden mit dem Stationsvorsteher zurück sein könnte. Er zählte die Minuten, er dachte an Misard, diesen schleichenden, stillen Jammermenschen, der mit der ruhigsten Miene von der Welt mit kleinen Dosen Giftes ebenfalls mordete. Der Mord war also weiter kein Kunststück? Denn alle Welt mordete ja. Von Neuem beugte er sich über den Todten, das Verlangen kitzelte ihn so, daß ihm der ganze Körper juckte. Er wollte gar zu gern sehen, wie das gemacht worden, was da eigentlich ausgeflossen war, vor allem das rothe Loch! Wenn er den Kopf vorsichtig anfaßte, konnte kein Mensch etwas merken. Aber etwas anderes, eine sich selbst nicht eingestandene Furcht hielt ihn zurück, die Furcht vor dem Blut. Immer und überall gesellte sich in ihm zu dem Verlangen die Angst. Nur noch eine Viertelstunde mußte er allein aushalten und trotz seiner Furcht würde er sein Vorhaben vielleicht gewagt haben, wenn nicht ein Rascheln an seiner Seite ihn hätte erschrecken lassen.

Es war Flore. Sie stand neben dem Leichnam und betrachtete ihn wie er. Sie mußte überall sein, wo es ein Unglück gab; wenn man meldete, daß ein Thier von einem Zuge zermalmt oder ein Mensch überfahren worden sei, sah man sie sicher herbeigelaufen kommen. Sie hatte sich wieder angezogen, sie wollte den Todten sehen, von welchem ihr Vater gesprochen. Nachdem sie einen Blick darauf geworfen, zögerte sie keinen Augenblick. Sie bückte sich, hob mit der einen Hand die Laterne auf und mit der anderen drehte sie den Kopf herum.

»Achtsam, es ist verboten,« mahnte Jacques leise.

Sie zuckte mit den Schultern. Der Kopf zeigte sich jetzt in dem gelblichen Lichte, das Gesicht eines Greises mit einer großen Nase und den blauen Augen eines ehemals blonden Menschen, die weit offen standen. Unter dem Kinn klaffte die entsetzliche Wunde, ein tiefer und erweiterter Schnitt durch die Kehle, als wäre mit dem Messer suchend darin herumgewühlt worden. Die rechte Seite der Brust war vollständig mit Blut begossen. Auf der linken Seite schimmerte in dem Knopfloche des Ueberziehers die Rosette der Ehrenlegion wie ein vereinzelter, dorthin verirrter Blutstropfen.

Flore stieß einen leisen Schrei der Ueberraschung aus.

»Bei Gott, der Alte!«

Jacques beugte sich noch weiter hinunter, um besser sehen zu können, wobei sein Haar das ihrige streifte. Sein Athem ging ihm fast aus, so weidete er sich an dem Schauspiel.

»Der Alte, der Alte!« wiederholte er, ohne zu wissen, was er sagte.

»Ja doch, der alte Grandmorin –der Präsident.«

Einen Augenblick noch sah sie prüfend in das bleiche Antlitz mit den zusammengebissenen Lippen und den unheimlich blickenden Augen. Schon begann die Todesstarre den Körper steif zu machen. Sie ließ den Kopf fallen, der auf den Boden aufschlug und die Wunde verdeckte.

»Nun hört das Gescherze mit jungen Mädchen auf,« begann sie etwas leiser. »Das ist gewiß wegen Einer so gekommen ... O meine arme Louisette! O dieses Schwein, so hat man es recht gemacht!«

Ein langes Schweigen trat ein. Flore hatte die Laterne wieder hingestellt und wartete. Verstohlene Blicke wanderten zu Jacques hinüber, der, durch den Todten von ihr getrennt, kaum noch athmete und wie kopflos von dem soeben Gesehenen, wie ohnmächtig dastand. Es mußte bald elf Uhr sein. Sie geduldete sich noch einige Augenblicke, sie schien überrascht von seinem Schweigen. Eine nach den Vorgängen des Abends natürliche Verlegenheit hinderte sie, zuerst zu sprechen. Jetzt ließen sich aber Stimmen vernehmen, es war der Vater, der den Bahnhofsinspector geholt hatte. Sie wollte nicht gesehen werden und entschloß sich daher, ihn anzureden.

»Du willst nicht bei uns schlafen?«

Er zitterte, ein innerer Kampf schien ihn erbeben zu lassen.

»Nein, nein!« stieß er endlich mit der letzten Kraft der Verzweiflung hervor.

Sie rührte sich nicht, aber die glatt herniederfallende Linie ihrer kräftigen Mädchenarme drückte deutlich genug ihren Kummer aus. Sie wollte, daß er ihr ihr Widersetzen nicht nachtrage und fragte nochmals demüthig:

»Du wirst also nicht zu uns kommen, ich soll Dich nicht wiedersehen?«

»Nein, nein!«

Die Stimmen kamen näher. Ohne nach seiner Hand zu haschen, denn er schien absichtlich den Todten zwischen sich und ihr zu lassen, ja selbst ohne ihm das kameradschaftliche Lebewohl aus ihren Kindertagen zugerufen zu haben, ging sie davon und verlor sich in der Finsterniß. Ihr Athem ging rauh, als unterdrückte sie ein Schluchzen.

Gleich darauf war der Bahnhofsinspector mit Misard und zwei Arbeitern zur Stelle. Er konstatirte ebenfalls sofort die Identität: es war in der That der Präsident Grandmorin. Er kannte ihn sehr gut, denn er sah ihn oft genug auf seiner Station den Zug verlassen, wenn er sich nach Doinville zu seiner Schwester, Frau Bonnehon, begab. Der Körper konnte auf dem Platze bleiben, wo er lag, nur ließ er ihn mit einem von einem seiner Leute mitgebrachten Mantel bedecken. Ein Beamter sollte mit dem elf Uhr Zuge von Barentin abreisen, um den kaiserlichen Prokurator in Rouen von dem Geschehenen zu benachrichtigen. Doch war auf das Erscheinen desselben vor fünf oder sechs Uhr Morgens nicht zu rechnen, denn er mußte gemeinsam mit dem Untersuchungsrichter, dem Gerichtsschreiber und einem Arzt an die Unglücksstätte kommen. Der Bahnhofsvorsteher ließ also einen Mann, der sich während des übrigen Theiles der Nacht mit einem zweiten abzulösen hatte, mit der Laterne als Wache bei dem Todten zurück.

Ehe Jacques sich entschloß, in irgend einem Schuppen der Station Barentin, von wo aus er erst um sieben Uhr zwanzig Minuten nach Havre zurückkehren konnte, seine müden Glieder auszustrecken, stand er dort noch lange unbeweglich, wie besessen. Der Gedanke, daß man den Untersuchungsrichter erwarte, verwirrte ihn, als wäre er selbst ein Mitschuldiger. Sollte er sagen, was er beim Vorüberjagen des Schnellzuges gesehen hatte? Er entschloß sich zunächst, es sagen zu wollen, denn was hatte er zu fürchten? Uebrigens war es zweifellos seine Pflicht. Dann aber überlegte er sich, wozu würde das gut sein? Er konnte kein einziges thatsächliches Factum melden, er konnte keine einzige genaue Einzelheit von dem Mörder angeben. Er wäre ein Thor, sich da hineinzumischen, seine Zeit zu vergeuden und sich aufzuregen, ohne Nutzen für irgend Jemand. Nein, nein, er wollte lieber nichts sagen! Er ging endlich davon, sah sich aber noch zweimal nach der düsteren Masse um, welche der vom gelblichen Scheine der Laterne beleuchtete Körper am Boden bildete. Eine empfindlichere Kälte sank vom nebligen Himmel auf die Trostlosigkeit dieser Einöde mit ihren dürren Anhöhen hernieder. Zug folgte noch immer auf Zug. Ein sehr langer ging nach Paris. Die unerbittliche mechanische Kraft trieb sie an einander vorüber ihren fernen Zielen, der Zukunft entgegen. Sie achteten nicht darauf, daß sie das halb abgeschnittene Haupt dieses Menschen streiften, den ein andrer Mensch umgebracht hatte.

Drittes Kapitel

Am folgenden Tage, einem Sonntage, um fünf Uhr Morgens –es läuteten gerade alle Glocken von Havre –betrat Roubaud die Abfahrtshalle, um seinen Dienst anzutreten. Es war noch vollständig Nacht, aber der vom Meere herausstreichende Wind hatte zugenommen und vertrieb die Nebel von den Abhängen der Höhen, die sich von Saint-Adresse bis zum Fort von Tourneville erstrecken. Im Westen hellte sich der Himmel ein wenig auf, an einem Stückchen blauen Himmel blitzten die letzten Sterne. In der Halle brannten noch immer die Gaslampen, doch ihr Licht schien der frostige Morgenhauch zu bleichen. Arbeiter formirten unter der Aufsicht des Unter-Inspectors vom Nachtdienst den ersten Frühzug nach Montvilliers. Die Thüren der Wartesäle waren noch geschlossen, verödet ruhten noch die Perrons beim starren Erwachen des Bahnhofs.

Als Roubaud seine über den Wartesälen gelegene Wohnung verließ, hatte er die Frau des Kassirers Lebleu wie eine Bildsäule im Hauptkorridor bemerkt, auf welchen die Wohnungen der Beamten sämmtlich führten. Seit Wochen schon erhob sich diese Dame mitten in der Nacht, um Fräulein Guichon, der Billetverkäuferin aufzulauern, welche nach ihrer Meinung mit dem Bahnhofsvorsteher, Herrn Dabadie, verbotenen Umgang pflegte. Uebrigens hatte sie nie etwas entdecken können, nicht einen Schatten, nicht einen Athemzug. An diesem Morgen aber kehrte sie schnurstracks zu ihrem Gatten zurück, denn sie hatte mit Erstaunen bemerkt, als Roubaud eine Sekunde nur die Thür öffnete, um fortzugehen, daß die schöne Séverine schon fertig angezogen, frisirt und gestiefelt im Eßzimmer stand, sie, die sonst gewöhnlich bis neun Uhr im Bett lag. Frau Lebleu hatte sofort ihren Mann geweckt, um dieses außerordentliche Ereigniß zu melden. Am Abend vorher hatten sie sich erst nach Ankunft des Pariser Schnellzuges um elf Uhr fünf Minuten zur Ruhe begeben, weil sie vor Verlangen brannten, zu erfahren, was aus der Geschichte mit dem Unterpräfekten geworden war. Aus der Haltung der Roubauds halten sie indessen nichts zu entnehmen vermocht, die hatten eben ausgesehen wie alle Tage. Und bis nach Mitternacht hielten sie die Ohren gespitzt: aber kein Geräusch drang aus der Wohnung ihrer Nachbarn, die waren jedenfalls sofort entschlummert. Ihre Reise hatte trotzdem wohl kein gutes Resultat gebracht, sonst wäre Séverine nicht so frühzeitig aufgestanden. Als der Kassirer fragte, was für ein Gesicht jene gemacht hätte, gab sich seine Frau alle Mühe, es zu schildern: sie hätte sehr starr und bleich geblickt mit ihren großen, blauen, unter den schwarzen Haaren hervorblitzenden Augen; auch hätte sie sich nicht gerührt, kurz wie eine Nachtwandlerin wäre sie ihr erschienen. Im Laufe des Tages würde man ja erfahren, was eigentlich los wäre.

Unten traf Roubaud seinen Kollegen Moulin, der Nachtdienst gehabt. Er übernahm von diesem den Dienst, während dieser einige Schritte mit ihm ging und ihm erzählte, was alles während der Nacht passirt war; man hatte Diebe abgefaßt, gerade als sie sich in den Gepäckraum schleichen wollten. Drei Mann hätten wegen Ungehorsams fortgeschickt werden müssen, ein Kuppelgewinde sei während des Rangirens des Zuges nach Montvilliers gebrochen. Roubaud hörte schweigend mit ruhiger Miene zu. Er war ein wenig bleich, wahrscheinlich in Folge noch nicht überwundener Müdigkeit, worauf auch die gesenkten Augenlider schließen liehen. Er sah so aus, als hätte er seinen Kollegen noch fragen wollen, ob sonst etwas passirt wäre, als Jener schwieg. Doch unterließ er es. Es war das wohl alles. Er senkte den Kopf und blickte einen Augenblick zu Boden.

Die beiden Männer waren auf dem Bahnsteig bis zum Ende der bedeckten Halle gelangt und standen jetzt da, wo rechter Hand sich eine Remise befand, in welcher die Waggons untergebracht waren, die am gestrigen Abend angekommen. Er erhob den Kopf und seine Augen hefteten sich auf einen Waggon erster Klasse, welcher nur ein Coupé hatte und die Nummer 293 zeigte, wie im flackernden Lichte einer Gaslaterne zu lesen war. In diesem Augenblick sagte der Andere:

»Ah, ich vergaß ...«

Roubaud's bleiches Gesicht färbte sich, er konnte eine leise Bewegung nicht unterdrücken.

»Ich vergaß,« wiederholte Moulin, »dieser Wagen soll hier bleiben, lassen Sie ihn also nicht in den Schnellzug um sechs Uhr vierzig rangiren.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fragte Roubaud in höchst natürlichem Tone:

»Warum das?«

»Weil ein reservirtes Coupé für den Abendschnellzug bestellt ist. Man weiß nicht, ob wahrend des Tages eins eintrifft, daher soll dieses hierbehalten werden.«

Er blickte den Waggon noch immer an und sagte:

»Wohl möglich.«

Doch ein anderer Gedanke beschäftigte ihn bereits und diesem gab er sofort Worte:

»Das ist doch abscheulich! Sehen Sie nur, wie diese Hallunken waschen! Der Waggon sieht aus, als ob der Schmutz von acht Tagen noch nicht weggebracht ist.«

»Das will ich schon glauben,« erwiderte Moulin, »um die Züge, die nach elf Uhr Abends ankommen, kümmert sich keine Seele ... Man muß zufrieden sein, wenn sich die Kerle noch zu einer Visitation verstehen. Haben sie doch eines Abends einen Reisenden in seiner Ecke bis zum nächsten Morgen weiterschlafen lassen!«

Er unterdrückte ein Gähnen und meinte, er wollte sich noch ein wenig hinlegen. Er wollte schon gehen, als ihn die Neugier nochmals bleiben hieß.

»Nun, und Ihre Angelegenheiten mit dem Unterpräfecten, Alles gut abgelaufen?«

»Ja, wir hatten eine glückliche Reise, ich bin zufrieden.«

»Desto besser ... Denken Sie daran, daß 293 hier bleibt.«

Als Roubaud sich allein befand, ging er langsam zum Zuge nach Montvilliers, der fertig wartete. Die Saalthüren waren schon geöffnet und Reisende erschienen, einige Jäger mit ihren Hunden, zwei oder drei Kleinbürgerfamilien, die den Sonntag benutzen wollten, im Ganzen nur wenige Menschen. War dieser Zug erst fort, dann war keine Zeit zu verlieren, denn er mußte gleich darauf den Bummelzug um fünf Uhr fünfundvierzig Minuten nach Rouen und Paris rangiren lassen. Um diese Tageszeit war das Betriebspersonal noch nicht in genügender Anzahl zur Stelle, der diensthabende Unter-Inspector hatte dann alle möglichen Obliegenheiten. Kaum war er mit der Überwachung des Rangirens fertig –jeder Waggon mußte einzeln aus der Remise geholt und von den Arbeitern auf den in der Halle rangirten Zug geschoben werden –hatte er nach dem Vestibül zu eilen, um bei der Billetausgabe und der Gepäckexpedition selbst nachzuschauen. Eine Streitigkeit war zwischen einem Beamten und einigen Soldaten entstanden, die er beilegen mußte. Eine halbe Stunde hindurch hatte er inmitten des eisigen Zugwindes und der frierenden, noch halb schlafenden und in Folge des Gedränges im Dunkeln in schlechter Laune befindlichen Fahrgäste keine Sekunde Zeit, an sich zu denken. Kaum war der Bummelzug aus dem Bahnhof, mußte er den Weichensteller aufsuchen und sich selbst überzeugen, daß hier Alles glatt ging, denn ein directer Zug von Paris kam gleich mit Verspätung an. Er ging sofort zurück und überwachte das Aussteigen der Reisenden, wartete bis der Strom der Reisenden die Billets abgegeben hatte, und sah sich durch die Hotelwagen hart bedrängt, die in so früher Morgenstunde in der Halle warten durften und von den Schienen nur durch eine einfache Barriere getrennt waren. Dann erst, als der Bahnhof wieder einsam und verlassen dalag, konnte er etwas aufathmen.

Es schlug sechs Uhr. Roubaud verließ die bedeckte Halle wie ein müßiger Spaziergänger. Draußen, vor sich die freie Fernsicht, erhob er den Kopf und athmete auf. Endlich sah er den Morgen anbrechen, einen schönen, klaren Morgen, denn der Seewind hatte die Nebel ganz verjagt. Er sah im Norden sich die Küste von Ingouville bis zu den Bäumen des Kirchhofes als ein violetter Streifen vom erbleichenden Himmel abheben; sich nach Süden und Westen wendend, bemerkte er das letzte weißliche Gewölk davonschweben, als segle ein Geschwader in der Ferne. Der ganze Osten aber über dem mächtigen Plateau der Seinemündung flammte auf in Erwartung des baldigen Aufgehens der Sonne. Fast unbewußt nahm Roubaud die Dienstmütze mit dem Goldstreifen vom Kopfe, um seine Stirn in der frischen, reinen Luft zu kühlen. Dieser wohlbekannte Horizont, das mächtige Gebiet der Bahnhofsanlagen, links die Ankunftsseite, dann der Lokomotivenschuppen, rechts die Güterexpedition, eine ganze Stadt, schien ihm die Ruhe zurückzugeben und ihn zur Aufnahme seiner täglichen, stets gleichen Beschäftigung fähig zu machen. Jenseits der Mauer der Rue Charles Laffitte qualmten die Fabrikschornsteine, riesige Haufen von Kohlen sah man längs des Bassins Vauban lagern. Aus den anderen Bassins schallte schon Leben herauf. Das Pfeifen der Güterzüge, das Brausen und der Geruch der Wogen, das ihm der Wind zutrug, lenkten seine Gedanken auf das heutige Fest und das Schiff, zu dessen Stapellauf die Menge drängen würde.

Als Roubaud die bedeckte Halle wieder betrat, fand er das Personal mit der Zusammenstellung des sechs Uhr vierzig Schnellzuges beschäftigt; er glaubte, daß man auch den Waggon 293 nähme, und ein jäher Zornesausbruch hob die Wirkung seiner Abkühlung in der frischen Morgenluft wieder auf.

»In des Teufels Namen, nicht den Waggon dort! Laßt ihn stehen! Er geht erst am Abend mit.«

Der Rangirmeister setzte ihm auseinander, daß man den Waggon nur fortschiebe, um zu einem hinter ihm stehenden zu gelangen. Aber er hörte nicht auf ihn in seiner außer Verhältnis zu dem Gegenstand stehenden Wuth.

»Ungeschickte Kerle, ich habe Euch doch soeben gesagt. Ihr sollt ihn stehen lassen.«

Als er endlich begriff, um was es sich handle, verrauchte seine Wuth auch noch nicht, er schimpfte auf die schlechte Anlage des Bahnhofs, die nicht einmal das Beiseiteschieben eines Waggons ermögliche. In der That war der Bahnhof, einer der ersten dieser Linie, vollständig unzureichend mit seiner alten Holzremise, seinem Dach aus Holz und Zink und schmalen Scheiben, seinen nackten und traurigen Gebäuden, an denen Risse an allen Enden klafften, und einer Stadt wie Havre unwürdig.

»Es ist eine Schande, es ist nur unklar, warum die Gesellschaft das hier noch nicht der Erde gleich gemacht hat.«

Die Arbeiter sahen ihn an, sie waren erstaunt, ihn so frei heraus reden zu hören, der sonst das Muster von Disciplin war. Er fühlte das und schwieg plötzlich. Innerlich sich boßend, überwachte er das Rangiren. Eine Falte der Unzufriedenheit zeigte sich auf seiner niedrigen Stirn, während sein geröthetes, rundes, von einem rothen Barte umrahmtes Gesicht den Ausdruck fester Entschlossenheit annahm.

Von nun an hatte Roubaud sein kaltes Blut wieder. Er beschäftigte sich lebhaft mit dem Schnellzuge und prüfte jedes Detail. Die Koppelungen schienen ihm schlecht gemacht zu sein, er verlangte, daß sie nochmals vor seinen Augen gemacht würden. Eine Frau und deren beide Töchter, die häufig zu seiner Frau kamen, verlangten ein Damencoupé für sich. Ehe er mit der Pfeife das Signal zur Abfahrt gab, überzeugte er sich nochmals, daß am Zuge alles in Ordnung. Lange blickte er ihm nach mit dem klaren Blick des Mannes, dessen nur eine Minute lang gezeigte Unaufmerksamkeit vielen Menschen das Leben kosten kann. Gleich darauf mußte er die Geleise überschreiten, um einen soeben einfahrenden Zug von Rouen zu empfangen. Er stieß hier auf einen Postbeamten, mit dem er täglich Neuigkeiten austauschte. Jetzt trat an dem arbeitsreichen Morgen eine kurze Ruhepause von einer Viertelstunde ein, während der er aufathmen konnte, weil kein unmittelbarer Dienst ihn abrief. Er drehte sich wie gewöhnlich eine Cigarette und plauderte sehr vergnügt. Der Tag nahm zu, man konnte die Gaslaternen auslöschen. Die Halle war so spärlich mit Fenstern versehen, daß ein grauer Schatten in ihr ruhte. Draußen aber hatten die Sonnenstrahlen das weite Himmelsgewölbe, auf welches sie eine Aussicht eröffneten, schon in Flammen getaucht. Der Horizont schwamm in Rosa und in der reinen Luft dieses Wintermorgens zeichneten sich alle Einzelheiten scharf und präcise ab.

Um acht Uhr pflegte der Bahnhofsvorsteher, Herr Dabadie in's Bureau zu kommen; der Unter-Inspector trat dann zum Rapport an. Jener war ein schöner, sehr gebräunter, gut conservirter Mann, der das Benehmen eines ganz seinen Geschäften sich widmenden Großkaufmanns hatte. Er interessirte sich auch herzlich wenig für den Personenverkehr; er widmete seine Aufmerksamkeit mit Vorliebe dem Treiben in den Hafenbassins, dem enormen Transitverkehr und stand in ständiger Verbindung mit dem Großhandel Havres und der ganzen Welt. An diesem Morgen hatte er sich verspätet. Roubaud hatte schon zweimal die Thür zum Bureau geöffnet, ihn aber noch nicht anwesend gefunden. Die Post lag noch uneröffnet auf dem Tische. Die Augen des Unter-Inspectors hatten ein Telegramm unter den Briefen entdeckt. Ein Zauber schien ihn an den Ort zu bannen, denn er wich nicht mehr von der Thür des Bureaus, er kam immer wieder gegen seinen Willen dorthin zurück und seine Blicke schweiften verstohlen zum Tische hinüber.

Endlich, um acht und einviertel Uhr, erschien Herr Dabadie. Roubaud, der sich gesetzt hatte, schwieg, um Jenem Zeit zur Entfaltung der Depesche zu lassen. Doch der Chef hatte es nicht eilig, er wollte sich herablassend zeigen, denn er achtete seinen Untergebenen.

»Nun, ist in Paris alles gut gegangen?«

»Ja, Herr Vorsteher, ich danke für gütige Nachfrage.«

Er hatte endlich die Depesche geöffnet, las aber nicht, sondern lächelte immer noch den Andern an, dessen Stimme durch die Anstrengung, ein nervöses Zucken am Kinn zu unterdrücken, einen rauhen Ton angenommen hatte.

»Wir sind also in der glücklichen Lage, Sie hier zu behalten?« »Ich bin zufrieden, bei Ihnen bleiben zu können.« Endlich entschloß sich Herr Dabadie zur Lectüre der Depesche, Roubaud beobachtete ihn, er fühlte, daß ihm der Schweiß in's Gesicht trat. Aber das erwartete Erstaunen zeigte sich nicht. Der Chef las das Telegramm gelassen zu Ende und warf es dann auf seinen Schreibtisch: wahrscheinlich enthielt es eine dienstliche Nachricht. Während er mit der Sichtung der Post fortfuhr, stattete Roubaud, wie üblich, seinen mündlichen Bericht über die Vorgänge in der Nacht und am frühen Morgen ab. An diesem Morgen jedoch floß ihm nicht der Bericht so glatt von den Lippen, er mußte sich erst auf die Diebe besinnen, die im Gepäckraum abgefaßt worden waren. Man wechselte noch einige Worte, dann verabschiedete er ihn mit einer Handbewegung, als seine beiden Assistenten, der eine von den Hafenbassins und der andere vom Güterverkehr, zum Rapport erschienen. Sie überbrachten eine zweite Depesche, die ihnen soeben ein Beamter draußen eingehändigt hatte.

»Sie können gehen,« sagte Herr Dabadie laut, als er Roubaud an der Thür zögern sah. Doch dieser blieb und seine runden Augen spähten scharf hinüber. Er ging erst, als auch dieses Papier mit derselben gleichgiltigen Bewegung auf den Tisch geworfen worden war. Einen Augenblick stand er verwirrt und betroffen in der Halle. Der Zeiger wies auf acht Uhr fünfunddreißig Minuten, vor neun Uhr fünfzig Minuten ging kein Zug ab. Gewöhnlich benutzte er die freie Stunde zu einem Rundgang durch den Bahnhof. Er wanderte einige Minuten, ohne zu wissen, wohin ihn seine Füße trugen. Als er den Kopf erhob und den Waggon 293 erblickte, wandte er sich ab und ging zum Maschinenschuppen, obgleich es dort nichts zu besichtigen gab. Die Sonne stieg jetzt am Horizont empor und ein goldiger Staub erfüllte die Luft. Er hatte keine Freude mehr an dem schönen Morgen, er beschleunigte seinen Schritt und seine geschäftig aussehende Miene suchte vergeblich die Ungeduld der Erwartung zu verbergen.

Ein Zuruf nöthigte ihn zum Stillstehen.

»Guten Tag, Herr Roubaud ... Haben Sie meine Frau gesehen?«

Pecqueux war es, der Heizer, ein großer, magerer Bursche von dreiundvierzig Jahren mit kräftigen Knochen und von Feuer und Rauch geschwärztem Gesicht. Seine grauen Augen unter der niederen Stirn und sein breiter Mund mit stark hervorstehenden Backenknochen zeigten das ewige Grinsen des Trunkenboldes.

»Wie, Ihr seid es?« sagte Roubaud erstaunt. »Ach so, ich erinnere mich. Ihr habt ja Pech mit der Lokomotive gehabt. –Ihr fahrt erst heute Abend? Eine angenehme Sache, so ein Urlaub von vierundzwanzig Stunden, was?

»Sehr angenehme Sache,« echote der Andre, dessen Trunkenheit vom Abend vorher noch nicht gewichen war.

Aus einem Dorfe bei Rouen gebürtig, war er schon in jugendlichem Alter als Monteur in die Dienste der Gesellschaft getreten. Als er dreißig Jahre alt geworden, fing es an ihm in der Werkstatt langweilig zu werden; er wollte erst als Heizer fahren, um später Lokomotivführer zu werden. Damals hatte er Victoire, die aus demselben Dorfe stammte, geheirathet. Die Jahre vergingen, er blieb Heizer, ohne gute Führung und gutes Benehmen, als Trunkenbold und Frauenjäger hatte er jetzt keine Aussicht mehr auf Carriere. An zwanzig Male schon hätte er seinen Abschied erhalten, wenn er nicht unter dem Schutze des Präsidenten Grandmorin gestanden wäre und man sich an seine Sünden gewöhnt hätte, die er durch seine gute Laune und seine Erfahrungen als gewiegter Arbeiter stets wieder wett zu machen wußte. Er war nur zu fürchten, wenn er betrunken war, denn dann kam seine wahre Brutalität zum Vorschein, die ihn jeder schlechten That fähig machte.

»Haben Sie meine Frau wirklich gesehen?« fragte er nochmals mit der Hartnäckigkeit des Gewohnheitstrinkers, während sich sein Mund zum Grinsen öffnete.

»Ja gewiß haben wir sie gesehen,« antwortete der Unter-Inspector. »Wir haben sogar in Eurem Zimmer gespeist ... Ihr habt eine brave Frau, Pecqueux. Es ist sehr unrecht von Euch, ihr untreu zu sein.«

»O wie kann man so etwas sagen,« sagte er unter noch lauterem Lachen. »Im Uebrigen will sie ja, daß ich mich amüsiren soll.«

Pecqueux sagte die Wahrheit. Victoire, die um zwei Jahre älter als er, in Folge ihres stattlichen Umfanges sehr bequem und schwerfällig geworden war, steckte ihm Fünffrancsstücke in die Taschen, damit er außerhalb des Hauses seinen Vergnügungen nachgehen konnte. Sie hatte nie unter seiner Untreue zu leiden gehabt; seine Natur zwang ihn, den Frauenzimmern nachzulaufen. Jetzt führte er übrigens ein regelmäßiges Leben mit zwei Frauen auf beiden Endstationen der Linie. In Paris hatte er seine eigene und in Havre eine zweite für die Zeit seines kurzen Aufenthaltes daselbst. Für ihre Person war Victoire genau, ja knauserig. Sie wußte alles, behandelte ihn wie eine Mutter und erzählte gern, sie leide es nicht, daß er sich mit der Andern überwerfe. Sie sorgte sogar für seine Wäsche, wenn er abfuhr; sie hätte es sich nie verzeihen können, wenn die Andere sie beschuldigt haben würde, für ihren Mann schlecht zu sorgen.

»Ganz egal,« sagte Roubaud, »schön ist es nicht von Euch. Meine Frau, die ihre Amme verehrt, wird Euch einmal ordentlich den Kopf waschen.«

Er schwieg, denn er sah aus dem Schuppen, vor welchem sie standen, eine große, dürre Frau treten, Philomène Sauvagnat, die Schwester des Depotchefs. Sie war Pecqueux's Ersatzgattin seit einem Jahre. Beide plauderten wahrscheinlich gerade in dem Schuppen, als Pecqueux den Unter-Inspector anrief. Sie sah trotz ihrer zweiunddreißig Jahre noch jugendlich aus. Schlank und knochig gewachsen, mit platter Brust und abgezehrt vor Leidenschaft, besaß sie den länglichen Kopf einer Stute mit wollüstigen, stechenden Augen. Man hatte sie im Verdacht, daß sie trinke. Es gab keinen Beamten auf dem Bahnhof, der sie nicht schon einmal in dem kleinen Hause neben dem Maschinenschuppen, das sie mit ihrem Bruder bewohnte und sehr unsauber hielt, besucht hätte. Dieser, ein starrköpfiger Beichtbruder, aber als Beamter streng auf Disciplin haltend und von seinen Vorgesetzten sehr geschätzt, hatte schon die größten Unannehmlichkeiten dieserhalb gehabt, mehrfach war ihm schon mit Versetzung gedroht worden. Und wenn man sie auch jetzt seinetwegen duldete, so behielt er sie nur noch aus Familienrücksichten bei sich, was ihn nicht hinderte, wenn er sie einmal mit einem Manne abfaßte, so brutal zu schlagen, daß sie für todt auf der Erde liegen blieb. Zwischen ihr und Pecqueux war ein festes Verhältniß entstanden, mit welchem beide Theile zufrieden waren; sie hatte endlich Jemand gefunden, in dessen Armen sie volle Befriedigung fand, er dagegen war seiner dicken Frau überdrüssig und glücklich, diese magere entdeckt zu haben. Er brauche sich jetzt nicht weiter umzusehen, pflegte er im Scherz zu sagen. Séverine hatte für ihre Person mit Philomène gebrochen, sie glaubte das Victoire schuldig zu sein. Ihr natürlicher Stolz hatte sie schon früher von jener etwas fern gehalten, jetzt aber grüßte sie sie gar nicht mehr.

»Meinethalben gleich, Pecqueux,« meinte Philomène frech. »Ich gehe, weil Herr Roubaud Dir im Namen seiner Frau Moral predigen will.«

»Bleibe doch, er neckt mich nur,« antwortete der Heizer mit gutmüthigem Lachen.

»Nein, ich danke. Ich muß Frau Lebleu die zwei frischen Eier bringen, die ich ihr versprochen habe.«

Sie sprach diesen Namen absichtlich aus, denn sie kannte die hartnäckige Rivalität zwischen der Frau des Kassirers und der des Unter-Inspectors. Sie hielt es für richtiger, sich mit der Ersteren gut zu stehen, um so die Andere noch mehr ärgern zu können. Aber sie blieb trotzdem, mit einem Male interessirt, als sie den Heizer nach dem Verlauf der Geschichte mit dem Unterpräfecten fragen hörte.

»Alles beigelegt? Sie sind also zufrieden, Herr Roubaud?«

»Sehr zufrieden.«

Pecqueux kniff seine Spitzbubenaugen zusammen.

»Sie brauchen doch nicht besorgt zu sein? Sie gewinnen Ihr Spiel ja doch immer ... Nicht? Sie verstehen mich? Auch meine Frau schuldet ihm vielen Dank.«

Der Unter-Inspector unterbrach diese Erinnerung an den Präsidenten Grandmorin kurz mit der nochmaligen Frage:

»Ihr fahrt also heute Abend?«

»Ja, die Lison ist wieder hergestellt, man setzt ihr soeben die Triebstange an ... Ich erwarte meinen Lokomotivführer, der seinen freien Tag ebenfalls ausgenutzt hat. Sie kennen doch Jacques Lantier? Er ist ja Ihr Landsmann.«

Einen Augenblick schien es so, als wäre Roubaud mit seinen Gedanken Gott weiß wo gewesen. Dann aber sagte er, als besänne er sich jetzt plötzlich:

»Wie, Jacques Lantier, den Lokomotivführer? ... Gewiß kenne ich ihn. So auf guten Tag, guten Weg. Wir haben uns erst hier kennen gelernt, in Plasans habe ich ihn nie gesehen, er ist ja auch jünger als ich ... Im letzten Herbst hat er meiner Frau einen kleinen Dienst erwiesen, er hat für sie eine Bestellung bei ihren Cousinen in Dieppe ausgerichtet ... Ein befähigter Mensch, wie man sich erzählt.«

Er sprach mehr als nöthig in's Blaue hinein. Plötzlich ging er weiter.

»Auf Wiedersehen, Pecqueux ... Ich muß mal sehen, was hier los ist.«

Jetzt ging auch Philomène mit ihrem weit ausholenden Pferdetritt, während Pecqueux mit den Händen in den Hosentaschen und von dem schönen Morgen zu freundlichem Grinsen gereizt, erstaunt zurückblieb; denn schon kam der Unter-Inspector wieder zurück, nachdem er nur um den Schuppen gegangen war. »Sein Visitiren hat nicht lange gedauert,« meinte Pecqueux bei sich, »möchte wissen, was er da zu schnüffeln hatte.«

Als Roubaud die Halle wieder betrat, schlug es gerade neun Uhr. Er ging bis an's Ende derselben, blickte in die Gepäckexpedition, ohne, wie es schien, das Gesuchte gefunden zu haben. Ebenso ungeduldig kam er zurück. Nach einander suchten seine Blicke die verschiedenen Bureaus auf. Um diese Zeit lag der Bahnhof einsam und verlassen da. Außer ihm lief Niemand dort umher. Dieser Frieden aber wirkte auf ihn nervenstörend. Er fühlte die wachsende Unruhe eines Mannes, der eine Katastrophe kommen sieht und mit brennender Ungeduld ihren Ausbruch erwartet. Seine Kaltblütigkeit war dahin, er hatte sie nicht bewahren gekonnt. Seine Augen verließen das Zifferblatt der Uhr nicht mehr. Neun Uhr, neun Uhr 5 Minuten. Gewöhnlich suchte er seine Wohnung erst um zehn Uhr auf, um zu frühstücken, wenn der Zug um neun Uhr fünfzig Minuten fort war. Heute aber ging er jetzt schon nach oben, er dachte an Séverine, die dort oben ebenso ungeduldig wartete, wie er hier unten.

Im Corridor wurde genau um diese Zeit von Frau Lebleu Philomène, die als Nachbarin ohne Hut mit zwei Eiern in der Hand auf Besuch gekommen war, die Thür geöffnet. Sie gingen aber nicht hinein und so mußte Roubaud sich entschließen, unter ihren beobachtenden Blicken seine Wohnung zu betreten. Er hatte den Schlüssel bei sich und eilte sich. Trotzdem sahen Jene in der kurzen Zeit des Aufschließens und Zuwerfens der Thür Séverine auf einem Stuhl im Eßzimmer mit müßigen Händen und bleichem Antlitz unbeweglich sitzen. Frau Lebleu zog nun Philomène in ihr Zimmer und erzählte ihr, was sie am frühen Morgen gesehen hatte: jedenfalls war die Geschichte wegen des Unterpräfecten böse abgelaufen. Weit gefehlt, erklärte ihr Philomène, sie käme deshalb her, weil sie Neues wüßte, sie hätte es soeben aus dem Munde des Unter-Inspectors selbst gehört. Nun verloren sich beide Frauen in Vermuthungen. So war es immer, wenn sie zusammentrafen, ein Klatschen ohne Ende.

»Man hat ihnen den Kopf gewaschen, meine Liebe, dafür lege ich meine Hände in's Feuer ...«

»Ach, liebe Dame, wenn wir sie doch los würden!«

Die mehr und mehr zugespitzte Feindseligkeit zwischen der Lebleu und den Roubaud war aus einer Wohnungsfrage entstanden. Die ganze erste Etage über den Wartesälen war zu Beamtenwohnungen hergerichtet. Der Hauptcorridor ein wahrer Hotelcorridor, mit gelbgetünchten Wänden, der sein Licht von oben erhielt, theilte die Etage in zwei Flügel, rechts und links mündeten auf ihn braune Thüren. Aber nur die auf der rechten Seite gelegenen Wohnungen hatten Fenster, welche auf den mit alten Ulmen bestandenen Bahnhofsplatz führten; über letzteren fort hatte man einen herrlichen Blick auf die Küste von Ingouville; die links gelegenen Wohnungen dagegen hatten schmale, gewölbte Fenster, die sich direct auf das Bahnhofsdach öffneten, so zwar, daß die hohe Wölbung, dieses Gerippe aus Zinn und schmutzigen Scheiben jeden Fernblick abschnitt. Die einen konnten sich keine bessere Unterhaltung wünschen als das fortwährende Treiben vor dem Bahnhof, das Grün der Bäume, die mächtige Landschaft sie gewährte. Die Anderen dagegen mußten in dem Halbdunkel ihrer Zimmer und angesichts der gefängnißartigen Vermauerung des Himmels von Langeweile umkommen. Nach vorn heraus wohnten der Bahnhofsvorsteher, der Unter-Inspector Moulin und die Lebleu; nach hinten die Roubaud und die Billetverkäuferin, Fräulein Guichon; dann waren noch drei Zimmer vorhanden, die für die kontrollirenden Inspectoren reservirt wurden. Nun war es notorisch, daß die beiden Unter-Inspectoren stets neben einander gewohnt hatten. Daß aber neben Moulin jetzt die Lebleu wohnten, kam daher, weil der Vorgänger von Roubaud, ein kinderloser Wittwer, Frau Lebleu zu Gefallen ihr seine Wohnung abgetreten hatte. War es in der Ordnung, daß sie nach seinem Abgange Roubaud nicht wieder zufiel, daß man sie nach hinten verwies, trotzdem sie ein Anrecht auf die vordere Wohnung hatten? So friedlich und einträchtig die beiden Familien vordem gelebt hatten, so umgekehrt war es jetzt. Séverine hatte sich von ihrer zwanzig Jahre älteren Nachbarin zurückgezogen, mit deren Gesundheit es übrigens schlecht stand. Sie war mächtig dick und litt an wassersüchtigen Fußanschwellungen. Der Krieg war aber erst offen erklärt worden, seit Philomène durch abscheuliche Klatschereien die beiden Frauen erst recht auf einander gehetzt hatte.

»Die sind im Stande,« begann sie jetzt von Neuem, »ihre Reise nach Paris benutzt zu haben, um Ihre Vertreibung durchzusetzen ... Man hat mir versichert, daß sie dem Director einen langen Brief geschrieben haben, worin sie auf ihr gutes Recht pochen.«

Frau Lebleu barst fast vor Wuth.

»Die Elende! ... Ich glaube bestimmt, sie wollen die Billetverkäuferin auf ihre Seite ziehen, denn seit vierzehn Tagen grüßt mich das Fräulein kaum ... Auch ein sauberes Früchtchen! Ich werde ihr schon aufpassen ...«

Sie senkte die Stimme, um der Anderen zu versichern, daß das Fräulein jede Nacht zum Bahnhofsvorsteher schleiche. Beide Thüren lagen sich gegenüber. Herr Dabadie, der Wittwer und Vater einer großen, stets in Pension befindlichen Tochter war, hatte Jener die Stellung verschafft, die eine schon verwelkte, schlanke, schweigsame und reizbare Blondine von dreißig Jahren war, eine ehemalige Erzieherin. Es war unmöglich, sie abzufassen, denn sie verstand es, ohne jegliches Geräusch durch die schmalsten Oeffnungen zu schlüpfen. Ihre Person als solche zahlte nichts. Aber da sie des Bahnhofsvorstehers Liebste war, war ihr Einfluß ein schwerwiegender; hatte man erst ihr Geheimniß entdeckt, dann hatte man sie auch in Händen.

»Und ich werde es schließlich herausbringen,« fuhr Frau Lebleu fort ... »Hier sind wir, hier bleiben wir, alle braven Leute stehen zu uns, nicht wahr, Liebe?«

In der That nahm der ganze Bahnhof einen leidenschaftlichen Antheil an diesem Kriege der beiden Familien.

Der Hauptcorridor namentlich war der Schauplatz heftigster Auftritte. Nur der Unter-Inspector Moulin nahm nicht Theil daran; er war zufrieden, nach vorn heraus wohnen zu können und an eine furchtsame, spröde Frau verheirathet, die man nie sah, die ihm aber in jedem Sommer ein Kind schenkte.

»Und wenn sie auch wackeln, der eine Schlag streckt sie doch nicht nieder ... Vertrauen Sie nicht zu sehr, denn die kennen die Leute mit dem weit reichenden Arm.«

Sie hatte noch immer die beiden Eier in der Hand und bot sie jetzt Frau Lebleu an, es seien frische Eier von heute früh, sie hätte sie soeben ihren Hühnern fortgenommen. Die alte Dame erschöpfte sich in Danksagungen.

»Wie liebenswürdig, Sie beschämen mich. Kommen Sie doch öfter. Mein Mann ist, wie Sie wissen, stets an der Kasse und ich langweile mich so sehr. Meine Beine lassen mich leider nicht aus dem Zimmer. Was sollte aus mir werden, wenn mir jene Elenden die Aussicht nähmen?« Als sie die andere an die Thür begleitete und öffnete, legte sie den Finger an die Lippen.

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530 p.
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9783754184264
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