Read the book: «Liebende»
Ema Engerer
LIEBENDE
Roman

Personen und Handlungen des Romans sind frei erfunden.
1. Auflage 2017
© 2017 Windpferd Verlagsgesellschaft mbH, Oberstdorf
Alle Rechte vorbehalten
Kein Teil des Buches darf in irgendeiner Form oder zu irgendeinem Zweck elektronisch oder mechanisch, einschließlich Fotokopie, Recording und Wiederherstellung ohne schriftliche Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Umschlaggestaltung: Jennifer Jünemann | www.bitdifferent.de unter Verwendung einer Illustration von Ivan Fedorov/123rf
Satz und Layout: Marx Grafik & ArtWork
Lektorat: Sylvia Luetjohann
Gesetzt aus der Warnock
ISBN 978-3-86410-145-8
eISBN 978-3-86410-317-9
www.windpferd.de
Die Yogini Melong Za Rinchen Tso
Hing ihre weißen Gewänder an die Strahlen der Sonne
Und tanzte nackt in den Bergen.
Nur noch Regenbogenlicht war von da an ihr Kleid.
(aus: Die weibliche Seite des Buddha, Agnes Pollner, 2008, S. 404)

Andere mögen zum Kloster gehen und Lampen opfern.
Ich folge dem Yogipfad und entzünde die Butterlampe
der angeborenen Seligkeit, die im Herzen wohnt.
Milarepa (1040 – 1123)
Für
Chögyal Namkhai Norbu
und
J.
Inhalt
Aufbruch
Auf dem Berg
Durchschneiden
Auf dem Weg
Begegnung
Gefährtin und Gefährte
Eifersucht
Inneres Feuer
Weggefährten
Geheime Kräfte
Nacht der Frauen
Das Fest
Die Einsiedlerin
Traumyoga
Mu Lingpa
Heilendes Wasser
Erde
Fragen
Ekajati
Ins innerste Herz
Spirale
Das Antlitz des Berges
Rückkehr
Seine Hand
Einssein
Aufbruch

Sie flog. Über endlose Ebenen, schneebedeckte Berge, grüne Täler. Leicht. Mühelos. Durchdrungen von Freiheit. Wie ein großer Vogel hing sie im offenen Himmel, glitt hinweg über mächtige Yakherden. Mit einem winzigen Flügelschlag schwang sie sich hoch in die Lüfte, die Welt unten wurde fern und unwirklich. Immer höher flog sie, hinein in die gleißende Sonne. Glück durchströmte Özel Li. Sie gab sich hin.
Ein feiner Schmerz durchzuckte sie, sie schlug die Augen auf. Aus den Augenwinkeln erspähte sie, wie eine zottelige graue Maus an ihrem Arm vorbeihuschte und im Dunkel der Hütte verschwand. Schlaftrunken drehte sie sich auf die andere Seite und zog sich die grobe Schafwolldecke über die Nase. Der Traum steckte ihr noch in den Knochen. Sie sah die Erde unter sich, die Flüsse und Wälder, spürte die Schwerelosigkeit, atmete die dünne, frische Luft und lachte mit dem Wind. Dieser Traum kehrte wieder und wieder. Und mit ihm ihr Sehnen nach grenzenloser, bedingungsloser Freiheit. Er war auch schuld daran, dass sie in dieser verlassenen staubigen Hütte lag, war sie doch vor zwei Tagen nachts aus dem Familienzelt weggelaufen, unmittelbar nachdem die Mutter ihr angekündigt hatte, der Familienrat habe beschlossen, sich nach einem Ehemann für sie umzuschauen. Der Vater habe schon einige Männer eingeladen, denen sie vorgestellt würde. Özel Li aber wollte keinen Ehemann. Sie wollte keinen Haushalt führen und Kinder aufziehen, so wie es ihre beiden älteren Schwestern taten. Sie liebte es, auf ihrem kleinen, schwarzen Pferd Kush durch die Wälder zu streifen, am Fluss zu liegen und stundenlang den Wolken am Himmel nachzuschauen und ihre rätselhaften Formen und Gesichter zu entschlüsseln. Schon immer wollte sie lesen und schreiben lernen, aber ihre Eltern hielten dies für ein Mädchen unnötig. So hatte sie es, so gut es eben ging, heimlich von ihrem Bruder abgeschaut. Sie hatte ihm bei den Schafen geholfen, dafür hatte er ihr gezeigt, wie man Buchstaben malt. Ein ganzes Heft hatte sie mit Worten und Sätzen vollgeschrieben. Dieses Heft, ihr ganzer Stolz, ein paar Adlerfedern, getrocknete Pilze und Yakfleisch hatte sie in ihre ziegenlederne Tasche gepackt und war, als alle schliefen, hinausgeschlichen. Ohne Bedauern war sie losgewandert.
Tief im Herzen spürte Özel Li: In dem Leben, das ihre Eltern für sie erdacht hatten, würde sie nicht glücklich. Darum wollte sie sich selbst auf die Suche machen. Sie wollte mehr vom Leben. Ihr Herz sagte, es wolle alles. Aber was war das – alles? Gelegentlich waren an ihrem Nomadendorf Wanderyogis vorbeigezogen, geachtete Männer und Frauen mit aufgerolltem oder verfilztem langen Haar, nur von einem schmalen Knochen zusammengehalten. Immer erhielten sie von der gastfreundlichen Familie warmes Essen und einen Schlafplatz. Auf Bitten der Menschen hielten sie Rituale für Tiere, Kranke, Sterbende und Tote ab. In Trockenzeiten riefen sie Regen herbei und bei Unfruchtbarkeit vermochten sie mit ihren Gebeten zuweilen eine Empfängnis zu bewirken. Waren solche Besucher im Dorf, suchte Özel Li begierig ihre Nähe; erzählten sie Geschichten von der Welt, hing sie an ihren Lippen, und bei jedem Abschied schaute sie ihnen versonnen nach.
Özel stand auf und streckte sich. Ein neuer Tag. Sie wusch sich am Bach, trank aus der hohlen Hand Wasser und kaute ein paar Beeren und Pilze. Es war Sommer und die Natur bot ausreichend Nahrung. Ihr schwarzes langes Haar glänzte erwartungsvoll in der Morgensonne, als sie ihren Weg fortsetzte. Sie hatte aus einer Pilgergeschichte herausgehört, dass in den Bergen von Lo Mantang ein alter Meister lebte. Ihn wollte sie finden und von ihm lernen. Wie die Wanderyogis wollte auch sie in das Geheimnis der Macht über Leben und Tod eindringen. Sie wollte lernen, die Natur zu beherrschen, so wie sie ihr Pferd beherrschte. Nach tagelangem Wandern durch einsame Gegenden – sorglich vermied sie es, durch Dörfer zu ziehen, wo sie der Vater womöglich suchen könnte – tauchte eines Abends in der Ferne eine Einsiedelei auf. Hoch oben an die steil abfallenden Felsen geschmiegt, wie ein hungriges Kind an die Brust der Mutter.
Am nächsten Morgen machte sie sich an den Aufstieg, er führte durch dichte Wälder. Zuvor hatte sie bei einer herumstreunenden Ziegenherde eine Flasche mit der weißlichen, süßherben Milch gefüllt, als Geschenk für den Meister. Der Pfad auf den Berg war beschwerlich und kostete sie ziemliche Mühe, trotzdem sie daran gewöhnt war, tagelang mit der Schafherde über Stock und Stein zu ziehen. Endlich, am späten Nachmittag, stand sie vor einer kleinen, leidlich gut instand gehaltenen Hütte. Sie lauschte: Alles war still. Auch auf ihr Klopfen hin war kein Geräusch von drinnen zu hören. Zaghaft drückte sie die Tür auf, Enttäuschung schob sich auf ihr junges Gesicht wie eine Wolke vor die Sonne. Der Raum schien verlassen, es roch feucht und muffig. Sollte der Meister weggezogen oder schon gestorben sein? Stumm verharrte Özel auf der Schwelle, bis sich ihre Augen an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, dann machte sie vorsichtig einen Schritt nach dem anderen hinein in die Hütte. Sie schob das dicke Tuch vor dem Fenster beiseite, eine fette rote Spinne verschwand, aufgeschreckt aus einem lauernden Frieden, eilig aus dem Netz. Das späte Tageslicht fiel ins Zimmer, Staub tanzte auf den Sonnenstrahlen. Sie sah sich um, auf dem Tisch stand eine Tonschale mit getrockneten Kräutern. Sacht nahm sie einige Blättchen, zerrieb sie zwischen den Fingern und roch daran, es war Wachholder zum Räuchern. In einer Nische war eine flache Feuerstelle im Boden eingelassen. Daneben standen je zwei Tassen, Schalen und Teller auf einem Holzbrett. Ein vergilbtes Rollbild hing an der Wand, darauf tanzte eine nackte kraftvolle Frau mit wildem Löwenkopf im Feuerkreis, ein fast zur Neige abgebrannter Kerzenstumpf stand darunter. Als es hinter ihr raschelte, wandte sich Özel erschrocken um. Eine schwarze Krähe saß auf dem Fensterrahmen, streckte neugierig den Kopf ins Zimmer und wippte den gedrungenen Körper vor und zurück. Behutsam streckte sie ihre Hand nach dem Vogel aus, doch der hüpfte meckernd vom Fensterbrett und flog auf eine knorrige Eberesche neben der Hütte. Özel setzte ihre Betrachtungen fort. In einer Ecke der Hütte lag ein Strohsack, daneben einige mit Brokatstoff umwickelte Textblätter. Wohnte ein Weiser an so einem unwirtlichen Ort? Vielleicht war er ja längst weitergezogen, so verlassen wie die Hütte wirkte. Doch nach dem stundenlangen Wandern bergauf war Özel viel zu erschöpft, um über ihre Entdeckung allzu enttäuscht zu sein. Wie eine müde Katze rollte sie sich unter dem Bildnis der löwengesichtigen Frau mit dem blauen Körper zusammen und schob ihren Beutel unter den Kopf. Binnen Sekunden schlief sie tief und fest.
Eine furchterregende nackte Gestalt trampelte auf ihr herum, sie lag auf der Erde, hilflos, gelähmt vor Angst. Dunkle Schreie stieß sie aus, die löwenmähnige wilde Frau, sie drangen durch Mark und Bein, rissen ihr Inneres auf. Ihre schweren, üppigen Brüste wippten im Takt des Tanzes, als schlügen sie den Rhythmus. Um ihren Hals baumelte eine lange Kette aus Schädelknochen, in der Linken schwang sie ein gebogenes Messer. Özel Li keuchte und wand sich, versuchte, der hereinbrechenden Gewalt auszuweichen. Jeder Fußtritt zielte mitten ins Herz. Aber es war nicht Schmerz, was sie fühlte, es war Leere, immer größer werdende Leere, die sie zu verschlingen drohte. Özel schrie und kämpfte um ihr Leben. Sie wollte nicht vernichtet werden, nein, das wollte sie nicht.
Wie ein gehetztes Tier fuhr sie auf, fasste sich ans Herz, ihr Atem ging wild. Die Haare hingen ihr schweißnass ins Gesicht. Es war stockdunkel. Wo war sie? Plötzlich fiel es ihr wieder ein, sie befand sich in der Hütte auf dem Berg. Welcher hässliche Geist hatte sie da im Traum heimgesucht? Erleichtert, dem Trugbild entronnen zu sein, drehte sie sich weg von der Wand auf die andere Seite – und erstarrte. Im schalen Licht des jungen Mondes saß eine schemenhafte Gestalt auf dem Boden, stumm wie ein Geist, die Hände im Schoß. Aufrecht, die Augen reglos auf sie gerichtet.
Özel Li wäre am liebsten im Erdboden versunken. Ohne Erlaubnis war sie gedankenlos in ein fremdes Haus eingedrungen. In der Nacht war der Meister zurückgekehrt und hatte in seiner Einsiedelei ein fremdes Mädchen vorgefunden. Wie konnte sie nur so unbedacht handeln? Langsam wie eine Schildkröte setzte sie sich auf, entschlossen, sich so respektvoll wie nur möglich aus der Hütte zu entfernen. Vor dem Mann auf dem Boden liegen zu bleiben war ein Ding der Unmöglichkeit. Ihre Gedanken überschlugen sich, ihr Herz sprang fast aus der Brust, als der Alte seine Hand hob und sie heranwinkte. Wortlos gehorchte Özel. Stumm saßen sie im Dunkel neben-einander und schauten auf die Wand. Nur langsam fand Özels Atem zum gewohnten Rhythmus zurück, die Augen machten sich mit der Nacht vertraut. Wie ein Blitz durchzuckte sie ein Gedanke, als ihr Blick das Rollbild an der Wand streifte: Die nackte Frau aus ihrem Traum war kein böser Geist, die blaue Dakini, die Himmelstänzerin, war auf ihrem Herzen herumgetrampelt. Sie war in ihrer Höhle, im Heiligtum der Löwin. Özel schaute und erschauderte.
Noch lange saßen der Alte und das Mädchen nebeneinander in der Dunkelheit, der Raum der kleinen Hütte weitete sich. Irgendwann fielen Özel Li vor Müdigkeit die Augen zu und sie verkroch sich zum Schlafen in die hinterste Ecke der Hütte, der Meister verharrte reglos auf seinem Platz.
Es war taghell, als sie erwachte, die Hütte leer. Mit eiligen Fingern ordnete sie Kleidung und Haar und trat ins Tageslicht. Auf einem Felsvorsprung saß der Meister in der Morgensonne. Zu Özels Verwunderung war die schwarze Krähe neben ihm und pickte Krümel von der Erde. Ein Bein untergeschlagen, rührte er in einer Schale, er trug eine braune, knielange Hose unter einem dunkelroten Gewand. Das Haar, locker zum Zopf gewickelt, fiel silbergrau und lang über eine schmale Schulter und sein weißer, langer Bart schimmerte wie ein Rinnsal aus Milch. Er wandte den Kopf und Özel traf, wie schon in der Nacht, das Strahlen seiner durchdringenden Augen. »Möchtest du etwas trinken?«
Er goss dampfenden Buttertee in eine leere Schale und streckte sie ihr hin.
Verlegen setzte sie sich, nahm aber dankbar einen Schluck heißen Tee aus geröstetem Gerstenmehl. Wie sollte sie sich nach dieser Nacht erklären? Beherzt ergriff sie die Flucht nach vorn.
»Ich heiße Özel Li und möchte deine Schülerin werden, Meister. Meine Eltern wollten mich verheiraten, aber ich möchte keinem Mann angehören und habe deshalb mein Zuhause verlassen. Es tut mir wirklich entsetzlich leid, dass ich in deiner Abwesenheit so unbedacht in die Hütte eingedrungen bin.«
»Du meinst, du bist von zu Hause weggelaufen«, stellte der Meister trocken fest und goss Tee nach. »Wie willst du einem Meister gehorchen, wenn du dich nicht einmal deinen Eltern oder einem Ehemann unterordnen kannst?«
Özel kaute auf der Unterlippe. Womöglich hatte der Meister recht und würde sie zurückschicken.
»Wie alt bist du, Özel Li?«
»Siebzehn.«
»Warum suchst du kein Kloster auf und wirst Nonne, wenn du nicht heiraten willst?«
Der Meister schlürfte aus seiner Schale.
Özel schwieg. Sie hatte niemals darüber nachgedacht, Nonne zu werden.
»Ich bin noch jung und weiß nicht viel von der Welt, Meister«, erwiderte sie. »Doch seit meiner Kindheit träume ich davon, ein Wanderleben zu führen. In meinen Träumen fliege ich Nacht für Nacht durch die Welt und es ist wunderbar. Ich glaube, ich wäre eine schlechte Ehefrau, Mutter oder Nonne, ich fühlte mich eingesperrt und erstickt von starren Regeln und Erwartungen. Ich träume davon, frei zu sein. Mein Herz sagt, es will Alles. Aber was ist das: Alles. Sag mir, Meister, warum aber trage ich einen solchen Wunsch in meinem Herzen, wenn es nicht möglich ist, ihn Wirklichkeit werden zu lassen?«
Der Meister schwieg und schaute aufmerksam in den Himmel. Die Krähe streckte sich, breitete die Flügel aus und flog davon.
Nach ihrer offenen Rede war Özel bange ums Herz. Ihr Vater hätte dies nicht geduldet, hätte mit einer steilen Zornesfalte zwischen den Augenbrauen das Zelt verlassen.
»Klug und mutig hast du gesprochen, Özel Li. Ja, warum sollte sich in deinem Herzen ein derartiges Sehnen entfalten, wenn es sich nicht verwirklichen ließe?«, lächelte da der Meister und betrachtete sie freundlich und aufmerksam. Das Mädchen wird von einer eigenartigen Sorglosigkeit getragen, von einem fast selbstgenügsamen Vertrauen in das Wohlwollen des Lebens, dachte er. Das ist eine besondere, eine unschuldige Gabe, die wie ein junger Baum begossen werden wollte. Er nickte wie zur Bestätigung noch einmal vor sich hin. Wie die Krähe, dachte Özel Li.
»In Ordnung. Ich bin Norbu Legpa, du kannst eine Zeitlang bei mir bleiben.«
Auf dem Berg

Özel Li bezog einen leerstehenden Unterstand hinter des Meisters Hütte. Im Morgengrauen standen sie auf und rezitierten im Einklang mit der Bahn des Mondes gemeinsam heilige Texte. War der Mond voll und rund, sangen sie Anrufungen, die das Leben stärkten und lange währen ließen. Unter der schmalen Sichel des Neumondes war es dagegen gut, die Kräfte des Körpers und seine Energie zu erneuern. Meister Norbu lehrte sie jahrhundertealte Melodien. Sogar ihre Schreibkünste waren an diesem Ort willkommen. Der Meister trug ihr auf, alte, verschlissene Gebetstexte auf frische Papierstreifen zu übertragen. Sie lernte begierig und ihr Leben war mit lauter neuen Tätigkeiten ausgefüllt. Özel war so zufrieden auf dem Berg, dass sie nur ganz selten an ihre Familie dachte.
Jeden Vormittag holte sie Wasser aus der nahen Quelle und bereitete ein Mittagsmahl aus Reis oder Gerstenbrei, wilden Kräutern und Wurzeln. Nachmittags wanderten sie häufig in die Bergwälder und suchten seltene Pilze und Pflanzen. Der Meister unterwies sie in der Kunst, fein ausgesuchte Rezepturen aus Pflanzenauszügen zu mischen. Manchmal bekam Norbu Legpa Besuch von Hilfesuchenden aus den Dörfern und dann schrieb Özel die Anweisungen des Meisters nieder, damit später eine Apotheke das passende Heilmittel für den Kranken zubereiten konnte. Geduldig fertigte er Schutzbändchen und Medizinpillen für Bittsteller, die Krankheiten heilen und böse Geister fernhalten sollten. Am Abend saßen sie schweigend vor der Hütte und blickten über das Tal in den grenzenlos weiten Himmel. Fast war es, als ob es schon immer so gewesen wäre.
An jedem fünfundzwanzigsten Tag des Mondkalenders feierten sie den Tag der Dakinis, jener erleuchteten weiblichen Wesen, die im Himmelsraum tanzen. Özel Li faszinierten diese schönen, stolzen Frauen, wenngleich sie vor dem Rollbild der nackten Simhamukha in der Hütte des Meisters eine unerklärliche Scheu verspürte. Niemals würde sie den bedrohlichen Schrecken jener Nacht vergessen, in der die Dakini im Traum auf ihrem Körper herumgetrampelt war. An jedem Abend des Dakinifestes vollzogen sie gemeinsam vor dem Rollbild der blauen Simhamukha in der Hütte eine besondere Zeremonie.
»Simhamukha ist die zornvolle Erscheinungsform einer Gottheit und sie ist die wichtigste Schützerin der Lehren meiner Meister und unserer Übertragungslinie«, erklärte der Meister eines Abends.
»Ihr Löwenkopf ist ein Symbol für Furchtlosigkeit und mit dem Messer in der Hand durchschneidet sie jede hinderliche Bindung. Hätte sie dich nicht in jener ersten Nacht als Schülerin angenommen, hätte ich dich wieder weggeschickt. Doch in meinem Geist konnte ich sehen, dass sie dich im Traum aufsuchte und die Arbeit an dir aufnahm. So war sie es, die dich erwählte, nicht ich.«
Özel staunte.
»Erzähl mir mehr über die Himmelstänzerinnen, Meister«, bat sie.
»Dakinis sind die Trägerinnen unseres geheimen Wissens, sie bewahren und schützen es. Sie sind Kräfte, die sich als erleuchtete weibliche Wesen verkörpern. Manche zeigen sich in friedvollen und gütigen Erscheinungsformen, andere erscheinen wild und ungezähmt. Sie durchmessen den Raum in Windeseile. Am Morgen vor deiner Ankunft besuchte mich seit langer Zeit einmal wieder die schwarze Krähe. Sie ist eine Verkörperung der Dakini, ein gutes Zeichen, das dein Kommen ankündigte. Und wenn es Zeit ist, wirst du einer von ihnen begegnen«, schloss der Meister mit einem Augenzwinkern und wickelte die Gebetstexte in ein blauseidenes Tuch. Die Ruhe der Nacht hüllte die Hütte ein.
Eines Nachts, es war Vollmond und sie hatten nach dem Abendessen gemeinsam ein Ritual ausgeführt, erwachte sie von seltsamen Geräuschen und einem leisen hellen Gelächter. Was war das? Unter der Wolldecke lauschte Özel Li in die Nacht, bis sie ihre Neugier nicht mehr bezähmen konnte. Sie schlich zur Hütte des Meisters und spähte durch eine Ritze in der Holzwand. Im schwachen Dämmerschein einer Butterlampe waren zwar nur flirrende Schatten zu erkennen, doch Özel war trotzdem sicher, aus dem verhaltenen Raunen eine weibliche Stimme herauszuhören. Einen Augenblick lang warf der Lichtschein den Schatten einer Frau an die Wand: sie war nackt. Özel verschlug es den Atem. Rasch und verlegen lief sie zurück in ihre Kammer und kroch unter die Decke, der ihr eigener vertrauter Geruch anhaftete. Ein Gedanke jagte den nächsten. Was war das für eine Frau? Hatte der Meister eine Gefährtin? Aber war er nicht schon zu alt? Das Rollbild der nackten Dakini in seiner Hütte, die unverhüllte Frau … vielleicht war sie ja eine Erscheinung oder aber der Meister hatte tatsächlich Besuch von einer Frau. Özel war verwirrt. Von Übungen eines Yogi mit einer Yogini hatte sie bislang nur aus seltenen und merkwürdigen Geschichten der Besucher in ihrem Dorf erzählen gehört. Niemand hatte bisher ihren Körper berührt.
Am Morgen erhob sie sich wie üblich und bereitete Tee und Gerstenbrei am Feuerplatz. Der Meister trat aus der Hütte, als sei nichts geschehen, wäre da nicht ein vergnügtes Lächeln in seinen Augenwinkeln gewesen. Als sie später in der Hütte aufräumte, war ihr, als liege ein Hauch von Rosenblüten in der Luft. Beschämt wegen ihrer nächtlichen Neugier verschloss sie das Ereignis tief in sich. Wochen später, als sich einige hilfesuchende Dörfler wieder auf den Nachhauseweg gemacht hatten und sie beim salzigen Buttertee unter der knorrigen Esche beieinander saßen, wandte sich Özel Li an ihren Lehrer:
»Meister, bei den einfachen Menschen gelten einige Wiedergeburten und Leben mehr als andere. Lehrer wie du oder hohe Lamas in den Klöstern werden von allen verehrt. Es heißt, ihr müsst sehr viele Verdienste in früheren Leben angesammelt haben. Andere Menschen gelten weniger. Frauen gelten weniger als Männer und solche, die Tiere töten und schlachten, gelten weniger als jene, die Tierfleisch verkaufen oder essen.«
Ein überraschter Blick aus Norbu Legpas braunen Augen traf sie. Er runzelte die Stirn und stellte seine Tasse auf einen Schemel.
»Eine Mutter hat sieben Kinder geboren«, begann er. »Welches von ihnen wird sie am liebsten haben, die älteste Tochter, die ihr im Haus am meisten zur Hand geht und schon am längsten bei ihr ist, oder das jüngste, weil es ihres Schutzes am meisten bedarf, oder vielleicht das vierte Kind, ein Mädchen, weil es sehr schön ist, oder den zweitgeborenen Jungen, weil er den Namen der Familie weitertragen wird? Was meinst du, Özel?«
Özels Gedanken wanderten das erste Mal seit langer Zeit wieder zu ihrer Mutter. Sie hatte acht Kindern das Leben geschenkt. Eines war gleich nach der Geburt gestorben. Sie hatte drei Brüder und drei Schwestern und war die fünfte in der Reihe der Geschwister. Jedes Kind war ganz anders, hatte eigene Vorlieben und unverkennbare Eigenarten, genauso wie Hundewelpen. Tashi, ihr ältester Bruder, konnte besonders gut mit Tieren umgehen, seiner flüsternd lockenden Stimme folgten sie aufs Wort. Ihre Schwester Pema sang so schön, dass ihr alle im Dorf gerne lauschten. Karpo wiederum liebte es, mit seinem zahmen Adler durch die Gegend zu ziehen, zu jagen und üppig mit Nahrung beladen nach Hause zurückzukehren. An wen sie auch dachte, es stimmte, jeder hatte eine besondere Gabe und sie vermochte nicht zu sagen, welches Kind die Mutter wohl am meisten liebte. Sie hatte immer gewollt, dass es allen Kindern gut erging und ihnen nur das Beste geschah.
Özel Li schüttelte ratlos den Kopf: »Ich weiß nicht, Meister. Liebt eine gute Mutter nicht alle Kinder gleich, auch wenn sie so verschieden sind? Sie sind ein Teil von ihr und sie hat ein jedes lange Monate in ihrem Bauch getragen, sie genährt und gehegt.«
Norbu Legpa nickte unmerklich.
»Wenn schon eine Mutter zu einer solch grundlosen, bedingungslosen Liebe fähig ist, Özel, wie kannst du glauben, dass irgendein Lebewesen unter dem weiten grenzenlosen Himmel wichtiger oder weniger wichtig sein kann? Dies sind nur Gedankenspielereien der Menschen. Doch gibt es in jedem Leben diese unaussprechlich kostbaren Momente, in denen ein Mensch etwas begreift, etwas in sich hineinlässt, durchlässiger ist für tieferes Verstehen und sich über die üblichen Urteile erhebt. Diese Momente sind es, in denen sich die Schleier des Nichtwissens heben und in ihm eine Ahnung seiner eigenen Vollkommenheit aufblitzt. Dann mag es sein, dass er unter diesem Eindruck eine weitreichende, lebensverändernde Entscheidung trifft, sein Dasein von grundloser Liebe erfüllt wird und er sich zutiefst eins fühlt mit der belebten und unbelebten Welt. Dann ist der Mensch ganz bei sich, zu Hause in seinem Herzen«, sprach Norbu Legpa und schaute ihr lange in die Augen.
»Alles, was lebt, alles ist vollkommen und unterschiedslos sichtbar gewordene Liebe, geboren aus der wahren Natur, der großen Mutter, so du willst, aus dem göttlichen Sein. Wir Menschen haben dem großen Einen viele Namen gegeben, und doch gibt es nur das Eine, Unaussprechliche: unsere wahre Natur. Sie umfasst alles. Das ist das Wissen der Ältesten: das Geheimnis der großen Vollkommenheit.«
Der Meister lächelte unergründlich.
»Wenn du Menschen aufmerksam beobachtest, wirst du bemerken, es gibt in jedem Leben etwas ganz und gar Einzigartiges, Unverwechselbares. Wie ein jeder seine Lieblingsspeise hat und sich wünscht, sie so gut wie möglich zu kochen, mit der größtmöglichen Sorgfalt und Liebe, so ist der Mensch, ohne es zu wissen, ständig auf der Suche nach dieser einen Vollkommenheit. Die tiefste Sehnsucht des Menschenherzens ist es, sich immer mehr öffnen zu dürfen, grenzenlos und unbekümmert ganz Herz zu sein, sich mit allen Poren und jeder Seelenfaser hineinzugeben, hineinzustrecken in dieses Sein.«
Norbu Legpa schloss die Augen und wandte sein Gesicht in die untergehende Sonne, und auch wenn manche seiner Worte für Özel Li fremd und neu klangen, war ihr, als hätte der Meister etwas, für das sie noch keine Worte hatte, in ihr bewegt und genährt.
Durchschneiden

Eines frühen Morgens trug ihr der Meister unerwartet auf, ein paar Habseligkeiten zusammenzuschnüren. Gemeinsam brachen sie auf in das Tal des Flusses Yarlung Tsangpo, zum Kloster seines alten Lehrers. Die Klosteranlage bestand aus unzähligen Gebäuden mit roten und goldenen Dächern. Schon von ferne hörten sie den Schall der schnarrenden Knochentrompeten, der Trommeln und Gongs, welche die Mönche bei ihren Gebeten begleiteten. Geschützt durch einen hohen Bergrücken und umgeben von Ziegenherden und sonnenüberfluteten Weiden lag das Kloster vor ihnen am Fluss wie ein sattes Tier. Eine uralte Eisenbrücke, über und über geschmückt mit Gebetsfahnen, ermöglichte den Weg über das Wasser. In dem Häusergewirr wimmelte es von Geschäftigkeit. Mönche bereiteten Mittagessen zu, andere fegten den Hof, wieder andere arbeiteten an einem farbenprächtigen Mandala aus buntem Sand. Eine Gruppe Kindermönche ließ ausgelassen fröhlich Papierdrachen im Wind flattern. Die beiden Ankömmlinge wurden willkommen geheißen, der Meister und seine Gehilfin. Am Nachmittag streifte Özel Li aufgeregt durch die Anlage. Noch nie hatte sie eine so große Klosterstadt besucht und die ameisengleiche Geschäftigkeit, mit der alles, einem Uhrwerk gleich, vonstattenging, faszinierte sie. Jeder wusste, was er zu tun hatte, sogar die Katzen mit den safrangelben Augen nahmen ihre Aufgabe, Mäusen nachzustellen, ernster als anderswo. Auf ihrer Entdeckungsreise erreichte sie endlich auch den großen Tempel, das Herz des Klosterlabyrinths. Eine dichtgewebte Zauberwelt sog sie wie ein Walfisch in seinen Schlund, Pilger in bunten Trachten, würzige Räuchereien, Hunderte brennender Butterlampen und tiefes, unablässiges Gemurmel von Mönchen wogten wie ein Meer um sie herum. Diese gewaltige Welle spülte sie vor eine riesige Buddhastatue. Guru Rinpoche schaute ruhig und ziellos in die Ferne, seine goldenen Hände im Schoß, seinen rechten vorgestreckten Fuß berührten die Pilger ehrerbietig mit der Stirn. Gedankenverloren wanderte Özel Li durch das Heiligtum und folgte einem niedrigen Gang in einen benachbarten Tempelraum. Er war rund wie ein Stupa, die Wände über und über bedeckt mit kunstvollen Malereien. Dort war es ganz still, und obwohl kein Mensch zu sehen war, fühlte sie sich im dämmrigen Flackerschein der Butterlampen seltsam beobachtet. Bedächtig schritt sie die Rundmauern entlang, betrachtete an den Wänden Buddhas in den Farben der fünf Elemente, Guru Padmasambava mit wachen Augen und dem Bärtchen auf der Oberlippe, sie erkannte historische Gestalten wie den hochverehrten ersten König Bhutans, der das Land einst geeint hatte. Am Ende des Rundgangs stieß sie auf eine steile Holzleiter, sie stieg vorsichtig und lautlos in den Turm hinauf, die Atmosphäre lag wie eng anliegende Lederhaut auf ihr. Unwillkürlich flüsterte sie ein Schutzmantra, als sie an den Wänden mächtige Schützergestalten erkannte. Mahakala, der Schützer ihres Landes, offenbarte sich furchteinflößend mit weit aufgerissenen Augen, manche Wesen trugen menschliche Züge, andere waren wilde Gestalten, schienen geradewegs ihren Träumen entsprungen, wieder andere umschmeichelten weite, fließende Gewänder und glücksverheißende Symbole. Vielarmige Wesen schauten auf sie herab, manche mit Tierköpfen, andere schwangen zornig Skorpione über dem Haupt und tanzten auf gequälten Menschenleibern, so als wollten die grimmigen Schützer unerwünschte Besucher abschrecken. Aber warum? Welches Geheimnis barg dieser Raum? Als sie an der Säule in der Mitte zahllose Bilder aus dem Bardo, der Zwischenwelt zwischen dem Tod und einer neuen Wiedergeburt, erblickte, öffnete sich in ihrem Geist eine Schleuse und Bilder überschwemmten sie. Schlafwandlerisch kletterte sie die nächste Leiter hinauf ins zweite Stockwerk, sie schaute auf die Bilder und staunte. Überwältigend anmutig tanzten nackte Frauen und Göttinnen in allen Farben an den Wänden, ähnlich der blauen Löwentänzerin Simhamukha in der Hütte des Meisters. Manche trugen Knochenschmuck und Blumen, andere hielten die Vase des langen Lebens, einen Pfeil oder eine Glocke in Händen. Liebespaare saßen ineinander verschlungen, eine junge nackte Frau auf dem Schoß eines Mannes, Wolken und Flammen rankten sich schützend um die beiden. Rund um Özel Li drehte sich die Welt, der Tempel, der Raum – sie war eingetreten in das Auge des Zyklons, in ein lebendiges Mandala, das sich wie ein Wirbel tief hinein in ihr eigenes Wesen grub. Bilder aus jener rätselhaften Nacht in der Hütte des Meisters kamen ihr in den Sinn. Scheu sah sie sich um, doch sie war allein. Sie setzte sich in eine Nische, unter eine uralte goldene Statue des Yogi Milarepa. Dort lauschte sie dem wellenartig an- und abschwellenden Gesang der Mönche im angrenzenden Tempel und ihrem Gedankenmeer. Darüber nickte sie ein.
Vor ihr auf der Lichtung stand ein schöner junger Mann. Nackt. Beide waren sie nackt. Wärmende Sonnenstrahlen fielen durch das Blätterdach des Waldes. Die Kleider waren im Gras verstreut. Ihr langes, schwarzes Haar umspielte den schlanken Körper. Der Jüngling streichelte sanft ihre Brüste, mit tastenden Fingern liebkoste er ihren Körper. Dann nahm er ihr Gesicht in beide Hände und sie spürte seinen heißen Atem. Sie schloss die Augen. Seine Lippen fanden ihren Mund und drückten sich warm auf die ihren …
Özel Li schreckte hoch, strich sich verlegen über die Stirn, wie um den Traum fortzuscheuchen, und erhob sich. Zum Glück hatte Meister Norbu sie nicht gesehen. Er, der in ihre Träume zu schauen vermochte. Sachte stieg sie die Leitern hinunter, lief zur Unterkunft und begleitete wenig später Meister Norbu zu einem auf einem Hügel gelegenen Häuschen. Auf einem dunkelroten Kissen saß ein sehr alter, hagerer Mann und streckte ihnen warmherzig die Arme entgegen. Die Männer legten ehrerbietig die Stirn aneinander und umarmten sich schweigend. Özel Li verbeugte sich vor dem Alten und setzte sich neben ihren Lehrer auf einen Schafteppich. Im Abendlicht betrachtete sie den darin eingewebten Glücksknoten, er war endlos in sich selbst verflochten. War das so? Fand sich Glück in sich selbst? Die Männer raunten sich Neuigkeiten zu, dann wurde es still, nur die Butterlampen flackerten, als plauderten sie über geheime Geschichten. Nach einer Weile streckte der alte Mönch seinen Rücken durch und begann, in eigentümlich wehklagendem Singsang einen längeren Text zu rezitieren. Jetzt war seine raue Stimme fest und klar. Seine flinken Äuglein flogen gesammelt über das Papier wie eine emsige Biene um eine Apfelblüte. Rhythmisch schlug er dazu eine kindskopfgroße Trommel in der rechten und läutete eine Glocke in der linken Hand. Nach einer Weile fiel auch Norbu Legpa ein in die ungewöhnliche Praxis. Özel Li versuchte die Worte zu erfassen, doch die eindringliche, samtene Melodie schien wie ein Tausendfüßler in ihren Geist einzudringen. Von unsichtbarer Kraft geleitet, zogen Landschaften, Berge und verlassene Verbrennungsstätten durch ihren Geist, dabei verspürte sie eine körperlose Freiheit wie sonst nur in ihren Träumen vom Fliegen. Die lockende Stimme der beiden Alten trug sie über die Mauern des Klosters hinaus wie die Wellen ein Fischerboot auf dem Ozean. Die kraftvolle Praxis der Wanderyogis lehrte sie etwas Neues: das Loslassen von Angst, von Wünschen, von Anhaftung. Melodie, Trommel und Glocke verschmolzen immer inniger, und als der Gesang seinem Höhepunkt zustrebte, nahm Meister Norbu eine Knochentrompete zur Hand und entlockte ihr solch flehende Klagetöne, dass Özel Schauder durchrieselten. Die Dämonen wurden herbeigerufen, für sie wurde das Opfer des eigenen Körpers dargebracht. Das war die uralte Praxis des Durchschneidens des Ich: das Chöd-Ritual der Dakini Machig Labdrön. In den nächsten Tagen wiederholten sich die Besuche beim alten Meister Sönam Gyaltso und sie erhielt mündliche Anweisungen zur Ausführung der geheimen Praxis. Gewöhnliche Menschen ängstigten sich schrecklich vor Dämonen. Sie tat ihr Bestes, um alle Erklärungen zu behalten. In der Übertragungslinie ihres Meisters war sie von nun an als Schülerin angenommen.
Am fünften Tag machten sie sich mittags auf den Heimweg. Özel Li freute sich, in die Einsiedelei zurückzukehren, als der Meister an einer Wegkreuzung vom gewohnten Weg abbog und einem ihr unbekannten Pfad folgte, bis sie einen verlassenen Platz erreichten, eingesäumt von alten, ausladenden Bäumen. Auf dem Boden glommen noch Reste verkohlter Äste, dünne Rauchschwaden stiegen auf und es roch trocken nach verbranntem Holz. Özels Herz zog sich ungemütlich zusammen. Eine Verbrennungsstätte für Verstorbene. Freiwillig hielten sich Menschen nicht auf an einem solchen Ort, an dem die verwirrten Geister der Toten umherirrten und ihre Körper suchten. Was wollten sie hier, da der Abend schon dämmerte? Meister Norbu setzte sich an einen dicken Baumstamm, drei Männer hätten nicht ausgereicht, ihn zu umarmen. Aus seiner zerschlissenen Tasche zog er eine bronzene Glocke und eine Handtrommel. Beide Gegenstände reichte er Özel, die an seiner Seite auf der Erde kauerte.
»Das sind nun deine Glocke und dein Damaru, sie gehören zur Praxis, die du von Meister Sönam gelernt hast. Lass mich ihren Klang aus deiner Hand hören, Özel«, forderte Norbu sie auf und musterte seine Schülerin.
Verstört von dem unheimlichen Ort, war es Özel Li unmöglich, sich zu sammeln, und sie blickte verlegen auf ihre Hände. Sie zitterten. Sich etwas im Geist vorzustellen war manchmal doch völlig anders ,als es am eigenen Leib zu erfahren.
Der Meister schmunzelte, was sie nur noch mehr verunsicherte.
»Ist es etwa Angst, was ich in deinem Gesicht sehe? Sollte dir dieser Ort Furcht und Schrecken bereiten, Özel?«
Özel nickte kleinlaut.
Der Meister runzelte die Stirn: »Möchtest du womöglich am liebsten auf und davon laufen?«
Die Furcht hatte Özel übermannt, ihr Herz war erstarrt. Sie zog die Beine an, schlang die Arme um die Knie und versuchte, die Gedanken im Kopf wie aufgestöberte Fledermäuse zu bändigen.
»Ja, Meister, die Angst vor den umherirrenden Geistern macht mich schier kopflos«, flüsterte sie tränenerstickt.
»Schau, Özel«, Norbu strich mit der Hand beruhigend über ihren Scheitel, als verscheuche er die Schreckgespenster, »darum üben wir den Chöd an ungemütlichen Orten, um uns kennenzulernen und selbst unsere tiefsten Ängste loszulassen.«
Özel starrte ihn an.
»Als du zu mir auf den Berg gekommen bist, hast du gesagt, du willst nicht weniger als alles. Alles zu erlangen ist nur möglich, wenn du alles aufgibst, dazu gehörst du selbst und dein Körper genauso wie jede Hoffnung, Sehnsucht und Angst aus den geheimsten Winkeln deines Herzens«, verkündete der Meister ungerührt.
Schon legte sich Dunkelheit auf den Berg.
Özel seufzte tief, ehe sie antwortete: »Langsam wird mir klar, was dieser Wunsch wirklich bedeutet, Meister. Phantasien und Träume eines Mädchens haben mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Aber ich will wenigstens versuchen, hier auszuharren.«
Der Meister stand auf und schüttelte die Erde vom Gewand.
»Gut so, dann bleibe jetzt unter dem Baum und übe«, erklärte er, »wir sehen uns hoffentlich morgen.«
Bange dachte Özel an die Stunden vor ihr. Die letzte Hoffnung, die Nacht nicht völlig allein an diesem Ort des Grauens verbringen zu müssen, verflog, als sich der Meister mit festem Schritt entfernte. Inzwischen war es stockdunkel und totenstill. Özel schaute in die Nacht, die schwarz war wie Moor. Kaum wagte sie, sich zu rühren. Ihr Atem ging flach und rasch. Am liebsten wäre sie selbst zum unsichtbaren Geist geworden. Phantasien von Dämonenfratzen plagten sie, zupften an ihren Kleidern, flüsterten ihr unselige Wünsche ins Ohr, drohten sie zu verschlingen. In der Nähe raschelte etwas im Gras und sie zuckte zusammen. Aufspringen wollte sie und weglaufen! Endlose Stunden voller Angst und Ungewissheit lagen vor ihr und doch gab es nur zwei Wege: Entweder sie würde versagen und einfach tot umfallen oder verrückt werden vor Panik oder aber sie fände einen Weg durch diese Nacht hindurch. Und lebte. Sie hatte von Geschichten gehört, wo Menschen vor lauter Angst verrückt geworden waren.
Einem unbestimmten Drang folgend, tastete Özel in der Dunkelheit nach der Trommel, befühlte die raue Haut und die zwei Holzkugeln, die an roten Schnüren zu beiden Seiten herabhingen. Sie war kindskopfgroß. Sachte bewegte sie das Instrument in der Hand, selbst auf die Gefahr hin, die Geister auf sich aufmerksam zu machen. Plopp machte die Trommel. Dumpf, schüchtern und trocken. Plopp, plopp, plopp. Mochte die Trommel lauter sein als die hämmernde Panik in ihrem Kopf, das allein wäre es wert. Nach einer Weile wurde das Klacken regelmäßiger, ihr Herz folgte erleichtert seinen Spuren durch die Dunkelheit. Nach und nach wurden die aufgescheuchten Ängste von der gleichmäßigen Bewegung der Trommel in ihrer Hand aufgesogen wie Wasser von einem Schwamm. Das karge Ploppen fand Widerhall in ihrem Bauch, ihr Atem schloss sich, zögerlich noch, seinem Rhythmus an, plopp, plopp, plopp, plopp drang es durch die Dunkelheit, unnachgiebig wie der Ruf des Kuckucks in einer lauen Frühlingsnacht. Özel straffte ihren Rücken, schlug die Trommel und starrte wütend in die Nacht, nun fest dazu entschlossen, jeden Angreifer in die Flucht zu schlagen. Die Stimmen der Geister in ihrem Kopf wurden leiser. Und aus einem Winkel ihres Herzens erhob sich irgendwann die Melodie von Meister Sönam. Zum Klang der Trommel und der Glocke sang Özel Li in die Schwärze der Nacht hinein:
»Furchtlos rufe ich zu euch, Schützer der Lehren, Weisheitsdakinis, verwirklichte Meister, an welchen heiligen Orten ihr auch weilt, ich nehme Zuflucht zu euch und zu Dir, große Mutter! Kommt, ich lade euch ein zu dem Tanz, bei dem mein Körper zur Nahrung wird für die hohen und niederen Gäste aller sechs Welten. Euch opfere ich meinen Körper und befreie Anhaftung und Leidenschaft, auf dass mein Geist eins werde mit dem ungeteilten Raum und ich die große Verwirklichung erlangen möge, frei von aller Begrenzung, ob aus Hoffnung oder Angst.«
Die Melodie durchdrang sie und die Angst. Gelegentlich entlockte sie auch der kleinen Knochentrompete, die ihr der alte Meister zum Abschied in die Hand gedrückt hatte, wimmernde Laute. Der Himmel vor ihr füllte sich mit den eingeladenen Gästen, den Hungergeistern und Verstorbenen, mittendrin stand die große Mutter. Stunde um Stunde schlug Özel Li die Trommel, ihr Gesang wurde klar, ihre Stimme fest. Die fremden Worte nahmen Gestalt an und ihr Herz flog auf den Flügeln der Melodie durch das Dunkel. Özel Li hatte ihren Weg gefunden und sie sang um ihr Leben. Sie brachte ihren Körper dar und ihre Ängste. Die umherwandernden Gedanken, die Schreckensphantasien, das Grauen, all dies verlor langsam an Bedeutung. Die schwarze Nacht verwandelte es in große Leere. Was vermochten ihr Geister schaden, wenn ihr wahres Sein jenseits von Zeit und Raum weilte?
Als der Morgen dämmerte, übermannte sie bleierne Müdigkeit und die Anstrengung der durchwachten Nacht fiel von ihr ab. Sie lebte, das war genug. Nebelschwaden zogen den Berg hinauf, Feuchtigkeit hing in der Luft und Morgentau an den Gräsern. Sie verstaute Glocke und Damaru im Sack, rollte sich zusammen und fiel sofort in traumlosen Schlaf. Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie Meister Norbu in einem Reisigfeuer stochern und trockene Zweige hineinlegen, so als wäre nichts geschehen; neben ihm hockte die schwarze Krähe.
»Guten Morgen, Özel Li«, lächelte er, »komm, du hast dir Buttertee verdient.«
Sie betrachtete den Mann am Feuer, er war ihr vertrauter, als es der Vater jemals gewesen war. Alles an ihm atmete Einfachheit, spontane Direktheit. Sie setzte sich zu ihm auf einen Baumstamm. Wie damals nach der ersten Nacht in der Hütte reichte er ihr eine Schale Buttertee mit Tsampa.
»Sag, Özel, was hast du behalten von den kostbaren Erklärungen des Meisters?«
»Ich glaube, vergangene Nacht bin ich einigen Dämonen in meinem tiefsten Inneren begegnet, Meister«, begann sie nachdenklich. »Einer davon war der Dämon der Form. Bisher glaubte ich felsenfest, ich wäre mein Körper. Doch da befand ich mich plötzlich in dieser rabenschwarzen Dunkelheit und konnte rein gar nichts mehr sehen. Jede äußere Gewissheit verlor sich im Nichts und mich packte namenlose Panik. Doch dann, mittendrin im Sturm, blieb etwas unverrückbar. Immer gleich. Ruhig. Unangetastet. Wie ein Fels in der Brandung. Es war ich und doch nicht ich. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Mein Gewahrsein bleibt, wie es immer war. Frei vom Körper. Groß und grenzenlos.«
Norbu goss frischen Tee in zwei Schalen, schweigend tranken sie. Die Krähe hüpfte um den Baum herum.
»Auch Dämonen der Anhaftung sind mir begegnet. Zu Anfang der Nacht haben mir meine Sinne schreckliche Ängste und Trugbilder vorgegaukelt. Die Geister, die ich rief, schienen mich zu zermalmen, ich verzweifelte schier. Doch dann erschuf der bergende Klang der Trommel einen Raum, in dem mich die Erkenntnis wie ein Blitz durchfuhr: ich bin ganz allein die Schöpferin all dessen. Meine Phantasie, meine Angst erschafft alles selbst. Sie ist die große Schöpferin. Und mit einem Wimpernschlag löste sich alles auf.«
Zufrieden nickte Norbu.
»Du hast viel gelernt in dieser Nacht! Sich an furchterregenden Plätzen aufzuhalten ist der äußere Chöd. Der innere Chöd ist das symbolische Opfer unseres Körpers. Der absolute Chöd ist die Erkenntnis der Leerheit aller Dämonen. Mancher Schüler gibt schon vor der ersten Schwelle auf. Manch einer gerät in einer solchen Nacht außer sich vor Angst. Doch vieles liegt noch vor dir, Özel. Mach dir keine Illusionen. Manchmal wird dein Geist verwirrt sein, du wirst keinen Halt finden und niemand wird da sein, um über dich zu wachen.«
Die Krähe flog davon. Norbus Blick war ruhig auf seine Schülerin gerichtet:
»Bald wirst du in die Welt ziehen. Deine Waffen sind Glocke und Damaru, dein Zuhause die Natur, die Friedhöfe und Verbrennungsstätten, und dein Meister die Praxis des Durchschneidens allen Festklammerns.«
Da wurde Özels Herz schwer, das bedeutete nahen Abschied. Norbu Legpa verlor nicht viele Worte. Seine Antworten trafen den Kern des Problems. Wieder und wieder führte er sie zurück auf das Wesentliche, das Eine. Nicht an den Illusionen des eigenen Geistes zu hängen, sie nicht als die Wirklichkeit zu begreifen, sondern das dahinter Verborgene zu erkennen. Sie würde eine Chödpa sein, eine Wanderyogini, sie würde durch das Land ziehen, Tote begraben, Menschen beistehen. So wie sie es immer gewollt hatte. Wie viele dunkle Nächte mochten vor ihr liegen?
In den folgenden Wochen übte sie in dunklen Wäldern und an verlassenen Orten. Die Melodie tauchte ihren Geist in große Leere. Im Geist verwandelte sie sich in eine zornvolle Dakini. Ihren Körper mitsamt dem Herzen bot sie allen bedürftigen Wesen als Nahrung dar. Manchmal versuchte die Angst wie ein Wurm in sie hineinzukriechen und ihr Herz zu umklammern, doch nach und nach gewöhnte sich Özel Li an die einsamen Nächte in der Wildnis. Auch dem letzten Dämon, dem Vergnügen und der Anhaftung, begegnete sie auf Augenhöhe. Ob leckeres Tsampa oder eine wichtige Erkenntnis, sie genoss alles Gute und Schöne, das sie erlebte, hatte Freude daran und war dafür dankbar, doch sie brauchte es nicht mehr. Ihr Herz wurde stark und frei, freier als je zuvor.
Als sie nach einer Vollmondnacht unter freiem Himmel zur Hütte zurückkehrte, saß Norbu Legpa auf einem Holzschemel unter der Esche und schälte Nüsse. Er winkte ihr.
»Die Zeit ist gekommen, Özel Li, du musst dich wieder auf den Weg machen. Bei mir hast du alles gelernt, was du dazu brauchst. Dein Platz ist nicht an meiner Seite, dies war nur der Anfang.«
Özel senkte den Blick, betrachtete nachdenklich ihre Hände und schwieg. Schon längst hatte sie begriffen, dass ein Schüler selbst für sein Leben Verantwortung trug, vom Meister unabhängig werden musste. Trotzdem, sie war traurig über den bevorstehenden Abschied. Niemals zuvor hatte ein Mensch ihre innersten Wünsche, ihr Sehnen so ernst genommen, ihr so zugehört wie er.
»Wandere bis zum friedvollen, blauen See Manasarovar und steige auf den Berg, der das Antlitz einer Frau trägt«, fuhr er fort. »Es ist ein weiter Weg, aber wenn dein Schicksal es so will, wirst du dort deiner wahren Meisterin begegnen. Verliere unterwegs nicht das Ziel aus den Augen!«
Norbu Legpa lächelte. Er wusste, sie war eine Einsame, eine, die in ihrem Herzen mit sich allein sein konnte, und sie war eine Einsgerichtete, eine, der es gegeben war, aus sich heraus in einem einzigen Leben vollständige Erleuchtung zu erfahren. Für ihn war es gleichgültig, in welchem Körper ein Bewusstsein wohnte, wenn der Mensch nur mit all seiner Kraft dem Wunsch in seinem Inneren folgte. Weil nämlich das tiefste Sehnen in einer Menschenseele geradewegs aus dem Herzschlag der Wirklichkeit floss. Doch war sie auch jung und unerfahren und er zögerte, sie so allein in die Welt hinauszuschicken. Und doch musste es geschehen. Ein Schüler muss vieles durch eigene Erfahrung herausfinden, ein Lehrer sollte möglichst sparsame Anweisungen geben, den Schüler anspornen, auf sein Herz zu hören und dem zu folgen, was ihn bewegt und seine Aufmerksamkeit fesselt, beharrlich wie ein Tiger auf der Fährte des Wildes.
»Schau dir diesen Bergkristall an«, Norbu hielt einen durchsichtigen Kristallstein in der geöffneten Hand, die feine Fältchen durchzogen. Das Sonnenlicht brach sich in dem Edelstein und versprühte bunte Funken.
»Beim Chöd beruhigt sich der Geist und die Gedanken sinken wie Kiesel auf den Grund eines Sees. So bleibt nach geduldigem Üben und Stillwerden nur leere Bewusstheit des Geistes übrig, und das Wasser wird so klar wie dieser Kristall. Genauso ist unsere wahre Natur, leer, durchscheinend und voller grenzenloser Möglichkeiten.« Er schloss seine runzlige Hand um den Bergkristall und steckte den Stein wieder in die Falten seines Gewandes.
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