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Elvira Alt

Bleiweiß – Der schleichende Tod

Detektei Indiskret

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Detektei Indiskret – Bleiweiß – Der schleichende Tod

Paddy Moser – Das Genie

Der Auftrag – Detektei Indiskret

Der nächste Auftrag

Die Muse

0:00 Nachtjournal RTL

Der geheimnisvolle Fund

Die Hochzeit

Die Brautentführung

Bin in Frankfurt. Wir sehen uns nach der Hochzeit.

Aktenzeichen XY ungelöst

Detektei Indiskret

Alter Friedhof

Testament

Salome

Loreley

Die Verhaftung

Das Verhör

Der Griff nach dem Strohhalm

Loreley auf Spurensuche

Bin in Frankfurt ...

Bierbrauerweg

Die Freilassung

Die Verfolgungsjagd

RTL Aktuell

Die Akte Linder wurde geschlossen

Die Abrechnung

RTL heute journal

In der Zoohandlung

Impressum neobooks

Detektei Indiskret – Bleiweiß – Der schleichende Tod

„Jetzt bittet die Kriminalpolizei wieder um Ihre Mithilfe. Aktenzeichen XY ungelöst live aus München mit Rudi Cerne.“

„Guten Abend und herzlich Willkommen, liebe Zuschauer, zu einer neuen Ausgabe von XY ungelöst. Ihre Mithilfe ist heute besonders dringend gefragt. Die Ermittler, die jetzt bei uns im Studio sind, haben die schwersten Verbrechen aufzuklären die es gibt.“ Mit diesen Worten begann Cerne, wie immer, seine Sendung.

„Aller Erfahrung und erhöhten Sicherheitsmaßnahmen zum Trotz - immer wieder gelingt es Gangstern, berühmte Gemälde aus Museen zu stehlen.

In vielen Kirchen gibt es wertvolle Kunstschätze, die zunehmend Diebe anlocken.

Illegaler Handel mit geraubtem Kulturgut, zerstörerischen Plünderungen von antiken Kultstätten und Kunstraub aus Museen und Sammlungen steht neben Geldwäsche, Korruption, Drogen-, Menschen- sowie illegalem Waffenhandel mittlerweile weltweit an oberster Stelle krimineller Aktivitäten.

Laut dem LKA entstehen jährliche Schäden in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar. In Deutschland werden jährlich zwischen eintausend und eintausend fünfhundert Antiquitäten und Kunstgegenstände gestohlen.

Unser erster Fall ereignete sich in der hessischen Main-Metropole Frankfurt am Main. Hierzu begrüße ich jetzt im Studio ganz herzlich den Kurator des Städel, Herrn Schmitt und seine Projektleiterin Frau Schäfer“. Cerne übergab den beiden das Wort.

„Mit einer Sonderausstellung im Frühjahr, eine der Highlights 2019, drehte sich alles um eines der erfolgreichsten Kapitel der europäischen Kunstgeschichte. Das Frankfurter Städel Museum entführte uns in die Zeit von Tizian und die Renaissance in Venedig ...“, begann der Kurator, strahlend, in bester Laune.

Die Projektleiterin nickte zwar tapfer, aber mit ihren Gedanken war sie irgendwo anders. Sie faltete die Hände wie zu einem Gebet, tippte mit ihrem linken Fuß auf den Boden und starrte Luftlöcher.

Dann fuhr er fort: „Die Schau dokumentierte mit über einhundert Meisterwerken, wie von Bellini, Bassano oder Veronese, Leihgaben von über sechzig Museen, die Bandbreite der Renaissance in Venedig und zeigte, welchen Einfluss diese Schwergewichte auf nachfolgende Künstlergenerationen hatten und bis heute haben.

Neben der Frankfurter van Gogh-Ausstellung gab es 2019 viele weitere spannende Ausstellungen zu entdecken ...“.

< Komm endlich auf den Punkt > dachte Frau Schäfer. < Dies ist eine Live-Sendung und kein Werbeblock! >

„Vielen Dank für die ausführliche Einleitung“, unterbrach Cerne den Wortfluss des Kurators. „Das ist alles ungeheuer faszinierend, doch kommen wir jetzt zum Wesentlichen. In der Zeit zwischen dem 13. Februar und 26. Mai wurden von Unbekannten mehrere Gemälde durch erstklassige Plagiate ersetzt. Nur durch Zufall viel der Schwindel auf. Die genau Zahl ist noch nicht bekannt - unklar ist unter anderem, wie die Kunstwerke abtransportiert beziehungsweise ausgetauscht wurden.

Die Polizeidirektion Frankfurt am Main hat eine Sonderkommission ins Leben gerufen, die den Namen „Venus“ trägt. Für Hinweise, die zur Aufklärung der Straftat und zur Ermittlung oder Ergreifung der Täter oder zum Auffinden des Diebesgutes führen, hat die Polizei im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft eine Belohnung in Höhe von 500.000 Euro ausgesetzt.

Laut Hörensagen war ein weißer Kleintransporter mit Offenbacher Kennzeichen am Tatort aufgefallen.

Der Schwindel wäre vermutlich nie aufgeflogen, wenn nicht ein Insider der Polizei einen Tipp gegeben hätte.

Bis heute fand man lediglich heraus, dass es sich bei dem Austausch um jeweils ein Gemälde von Tizian < Die Venus von Urbino > 119 x 165 und ein Gemälde von Giorgione < Die schlafende Venus > 108 x 175 handelt. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeistation entgegen oder rufen Sie uns direkt hier im Studio an.“

Paddy Moser – Das Genie

Paddy Moser zählte zu jener Sorte Männer, die erst mit zunehmendem Alter zu Attraktivität gelangen.

Paddy Moser war Ehrenbürger der Stadt Offenbach am Main und ein hochangesehener Mann. Er besaß die Gabe, von fast allen, die in seine Nähe kamen, gemocht zu werden.

Paddy Moser, einer der vielseitigsten Maler und Bühnenbildner seiner Zeit, weit über die Stadtgrenze von Offenbach und Frankfurt am Main bekannt.

Er absolvierte seine Ausbildung an der Düsseldorfer Malerschule und war eines ihrer Aushängeschilder.

Sein malerisches technisches Können erlaubte es ihm, seine Bilder in einem altmeisterlichen Stil zu malen, die an den Fotorealismus erinnerten.

Paddy Moser, eine zentrale Gestalt, einen Protagonist, eine Lichtgestalt, dekoriert mit den höchsten Auszeichnungen.

Seine zwölf Jünger hatten ihm den Bischöflichen Amtstitel < Patriarch > verliehen. Sie verehrten ihn wie einen Gott. Paddy fehlte lediglich der Heiligenschein.

Paddy Moser, ein Künstler, ein Bildhauer und Grafiker, ein umstrittener Maler. Sein Stil verkörperte die Welt des Unbewussten, des Rausches, des Fiebers, Bilder, die er in seinen Träumen sah, Bilder, die nicht zum Verweilen einluden.

Einerseits hatte er Angst davor, andererseits war er süchtig danach. Wenn er malte, konnte er sich in seiner Welt verlieren.

Er hatte in seinem Leben alles erreicht, aber zu welchem Preis?

Die Venen auf den Handrücken waren geschwollen, seine Hände, mit großen Leberflecken bedeckt. Hände, an denen die Nägel, mit großen weißen Monden, zuerst auffielen.

Er war er ein todkranker Mann, obwohl sein Händedruck einem Bären das Wasser in die Augen treiben konnte.

Und dennoch hatte das alles nicht die Wirkung des Alters – vor allem sein Gesicht, mit einem imposanten kaiserlichen Backenbart, hatte das Alter verschont. Die blauen Augen blickten klar und die Falten darum gaben ihnen einen boshaften, wachen Blick. Das weiße, volle, lockige Haar war kurz geschnitten, versteckt unter einem Turban. Um seinen Hals hingen mehrere Goldkettchen.

Paddy Moser war ein verheirateter Mann. Das Geheimnis seiner Ehe bestand darin, Geld zu haben. Man muss nichts anderes haben als Geld.

Geld macht zwar nicht glücklich, aber es beruhigt!

Seine Karriere, als Maler, begann mit sehr gelungenen Kopien bekannter alter Meister. Man munkelte, dass < sein Hehler > einige Gemälde, unter der Bedingung der Geheimhaltung, als echt ins Ausland verkauft hatte. Der Käufer durfte nicht damit prahlen, dass er ein verschollenes Original von … als sein eigen nennen konnte.

Paddy Moser residierte im Isenburger Schloss, ein Renaissance-Schloss in Offenbach am Main. Das mittelalterliche Grafengeschlecht Isenburg ließ es im 16. Jahrhundert errichten. Unter Kunsthistorikern gilt das Isenburger Schloss als bemerkenswertes Kunstobjekt.

Dies wird durch die unterschiedlich gestalteten Fassaden an der Nord- und Südseite des Schlosses deutlich. Die Südseite, zur Stadt hin, zeigt sich als aufgelockerte Renaissance-Fassade mit Bogengängen zwischen zwei Treppentürmen, während die dem Main zugewandte Nordseite eine wehrhafte Fassade aus Teilen der älteren Bausubstanz zeigt.

Für den Spottpreis von 1,00 DM erwarb Paddy, vor vielen Jahren, das marode Schloss von der Stadt Offenbach am Main, ließ es mit Liebe - und vor allem viel Geld - umbauen und verschönern.

Zwar war es deutlich modernisiert worden, aber genügend ursprüngliche Details blieben erhalten, um ihm einen altertümlichen, interessanten Anstrich zu verleihen. Es strahlte nun wieder in seiner unverkennbaren roten Eleganz.

Mit dem Kauf des Schlosses hatte er sich nicht nur ein wunderschönes Domizil zugelegt, sondern auch fürchterliche Albträume.

Jedes alte Gemäuer hat seine Geister. Gute sowie auch böse. Nicht nur er litt darunter. Auch Lilo und Loreley wurden zeitweise heimgesucht. Meist bei Vollmond.

Alle namhaften Maler, die vom Diesseits ins Jenseits gegangen waren, statteten ihm regelmäßig ihren Besuch ab und waren bislang noch nicht bedrohlich. Aber diese Erscheinungen hatten immer mehr an Tiefe und Bedeutsamkeit gewonnen. Wenn er sich mit ihnen unterhielt, bekam er eine Ahnung vom Wesen der Menschen, die sie zu Lebzeiten gewesen waren.

Keiner, außer Loreley, wusste von seinen unheimlichen Heimsuchungen. Selbst sie glaubte, sie seien nichts weiter als Manifestationen seiner Gewissensbisse.

Loreley ahnte nicht, dass ihn nach Einbruch der Dunkelheit der Wahnsinn packte.

Seine Anwandlungen waren einerseits völlig harmlos. Andererseits drängten sie ihn, den verstorbenen Hüllen mit großem Respekt zu begegnen, weil er wusste, dass sie früher oder später zurückkehren würden.

Angesichts der mysteriösen Dinge, die Paddy im Schlaf durchlebte, war es kaum verwunderlich, dass er oft verwirrt und in einer Weder-noch-Dimension erwachte.

Paddy wusste, dass er in seinem Zimmer war, in seinem Bett lag. Er hörte den Wasserhahn tropfen. Er roch den Duft der Bäume durch das offene Fenster.

Und trotzdem träumte er, spürte die Präsenz einer männlichen Person.

… Vor seinem Himmelbett stand ein Mann. Aus irgendeinem Grund erfüllte die Erscheinung, die er nur undeutlich als Silhouette wahrnahm, mit Grauen.

Die Morgensonne sickerte durch das Moskitonetz. Er konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber eine Verwechslung war ausgeschlossen - ihm fehlte ein Ohr. Blut tropfte auf seinen Hemdkragen.

„Wie fühlen Sie sich?“, fragte er. Paddy fand es nicht komisch, einem Toten eine solche Frage zu stellen. „Wollen Sie mich abholen?“

Er hörte seine Studenten auf den Gängen johlen. Ein Anzeichen dafür, dass er bei Bewusstsein war, mehr denn je, aber sein diabolischer Freund wollte einfach nicht verschwinden. Er hatte weder Hörner noch einen Pferdefuß.

Der Schatten des Todes kam mühelos immer näher. Paddy versucht ihn anzufassen, typisch für seine krankhafte Fantasie.

Sein Gespenst scharrte mit den Füßen, nahm Anlauf und rannte los, als wollte er Paddy, wie ein Stier, auf die Hörner nehmen.

Er sank zurück in seine Kissen und fragte sich, wie wach er eigentlich war oder noch werden musste, damit der Mann wieder verschwand. Für einen Moment war er abgelenkt und plötzlich kamen ihm Zweifel. Die Gestalt konnte ebenso eine Falte in den Rüschen seines Baldachin sein. Als er einen weiteren verstohlenen Blick riskierte, hatte er sich aufgelöst.

Paddy kicherte bei dem Gedanken, dass einer seiner im Geist Gefangenen einen Fluchtversuch unternommen hatte. Auch diesen nahm er in seinen Kreis seiner Wahlverwandtschaft auf.

Sein Kopfkissen und der Bezug waren schweißnass. Paddy kauerte keuchend mit hochgezogenen Knien in seinem Bett.

Ticktack.

„Oh mein Gott“, stöhnte er und sprach die Panik an, als wäre sie körperlich im Zimmer anwesend. Es dauerte und dauerte … bis Paddy zu sich gekommen war und seine auf der Bettdecke verstreute Gedanken eingesammelt hatte. Er fühlte sich, so, als ob er mit Karacho gegen eine Häuserwand gerast wäre.

Ticktack.

Er streckte sich zu der weißen Porzellanlampe hinauf, die auf dem Nachttisch neben seinem Bett stand und knipste das Licht an.

Das Zimmer zeigte sich seinem Blick. Weiche Rosatöne mit zarten Nuancen von Grün und Hellblau kombiniert, ein cremefarbener Läufer, ein Korbstuhl, über dem seine Sachen für den nächsten Tag hingen, eine Kommode, ein kleiner Spiegel.

Er versuchte in die harmlose Alltäglichkeit seines Lebens zurückzufinden, indem er sich auf die Maserung der hellen Holzdielen und der hohen weißen Zimmerdecke konzentrierte, auf der Schatten tanzten.

Das war das Schöne an diesem Schloss, versuchte er sich abzulenken, dass man Luft zum Atmen hatte.

Ticktack.

Die Strategie half nichts. Sein Herz raste weiter wie verrückt. Die Brust war ihm so eng, dass er kaum atmen konnte. Paddy drückte seine Hand auf sein Herz, als könne er so den Schmerz abfangen, der ihn wie eine dumpfe Klinge eines Messers durchbohrte.

Paddy kannte den wiederkehrenden Traum, begleitet von der Kurzatmigkeit, dem Zittern der Hände, der lähmenden, namenlosen Angst, die jede Faser seines Körpers ergriff.

Ticktack.

Er warf die Decke zurück, stemmte sich in die Höhe und rappelte sich mühsam auf. Aber kaum hatte er die Füße auf den Boden gesetzt, da spürte er, wie seine Beine unter ihm nachgaben.

Ticktack.

Sein altes Herz fing an zu zucken, wie ein im Netz gefangener Fisch. Paddy brach kurz neben seinem Bett zusammen, dann war die Attacke auch schon wieder vorbei.

Er bewegte sich auf einem schmalen Grad zwischen Angst und Erregung, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Vernunft und Wahnsinn. Paddy mochte nicht darüber nachdenken, was in ihm vorging.

Sein Herz hatte sich beruhigt, sein Atem ging wieder normal, der Schweiß auf seinem Körper war getrocknet.

Was soeben geschehen war, ließ sich mit gesundem Menschenverstand nicht erklären.

Devot hatte er folgenden Geistesblitz: Er würde sich kasteien, sich zur Buße, was auch immer er verbotenerweise getan hatte, züchtigen.

Paddy band sich einen Ledergürtel um den rechten Oberschenkel und zog ihn zu. Natürlich nicht zu fest, aber dennoch fest genug, dass er nicht herunterrutschte. Dankbar und erleichtert ließ Paddy sich in seine Kissen zurücksinken und genoss das Gefühl neuen Wohlbefindens. Mit Staunen verspürte er ein Hungergefühl.

Waren das Einbildungen eines alten Mannes? Oder am Vorabend ein Gläschen zu viel Absinth?

Der Auftrag – Detektei Indiskret

Der Sommer lag seit Wochen über der Stadt.

Lilo Moser stand vor der Zukunft wie vor dem Eingang eines langen dunklen Tunnels, trat auf der Stelle und hatte Angst vor dem ersten Schritt.

Mutig betrat sie durch eine Drehtür den Wolkenkratzer der Detektei Indiskret. Die durch die Klimaanlage gekühlte Luft schlug ihr unangenehm kalt ins Gesicht.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte hatte sich hier viel verändert.

Begonnen mit Vater und zwei Söhnen. Ständiger familiärer Wechsel der Geschäftsführung. Teils freiwillig, meist jedoch verbunden mit einem Skandal. Aus der einst kleinen Dynastie war ein Imperium entstanden.

Im Vorzimmer gab es zwei Schreibtische und zwei Sekretärinnen. Der Energiepegel im Raum war hoch.

Beide Schreibtische waren ungeheuer aufgeräumt. Beide Sekretärinnen telefonierten hektisch, drücken Knöpfe und hackten im Zweifingersystem auf der Tastatur herum, starrten in ihre PCs, hatten augenscheinlich keine Zeit für die Besucherin.

Lilo begrüßte die Empfangsdamen. Die hübsche Blonde sah sie missbilligend an und unterbrach für einen Augenblick ihr Telefonat, indem sie die Hand über die Sprechmuschel hielt. „Zu wem wollen Sie? Haben Sie einen Termin?“, fragte sie nach kurzem Zögern, einen schnellen Seitenblick zu ihrer Kollegin werfend.

Lilo war erstaunt, dass man sie hier, in Frankfurt, als einen Niemand behandelte. In Offenbach wäre ihr das nicht passiert. Schließlich war sie die Frau von …

Andererseits war es pure Absicht über den Main zu fahren und um in Frankfurt um Hilfe zu bitten.

Eddies Praktikant tauchte wie aus dem Nichts vor ihr auf.

Bei dem sehr fotogenen Gesicht des Praktikanten, schön wie ein gefallener Gott, dachte man sofort an einen Tänzer. Ernst und schmal. Er hatte den durchtrainierten Körperbau und die Zartheit einer Gazelle. Nur der leichte Anflug von Bartstoppeln auf Kinn und Wange beeinträchtigten sein adrettes und gepflegtes Erscheinungsbild ein wenig.

Der Praktikant, so um die zwanzig, sah in Wahrheit zeitlos aus.

„Herr Fischer wird gleich Zeit für Sie haben“, sagte Kevin mit einer schönen tiefen Stimme. Er hatte einen frechen, irgendwie jugendlichen Zug um den Mund.

Lilo quittierte seine Worte mit einem höhnischen Lächeln.

„Hören Sie, Herr …, Termine sind meine Sache“, protestierte Sekretärin Nummer eins. Der Praktikanten reagierte nicht auf ihren Einwand und nichts in seinem Gesicht veränderte sich, abgesehen von einer sehr sparsamen Erregung um seine Augen. „Kommen Sie mit“, sagte er zu Lilo und machte eine kleine Kunstpause, hakte sie unter und tätschelte ihre Hand. „Sie werden bereits erwartet“, log er.

Kommentarlos drehte er den Empfangsdamen den Rücken zu, zog Frau Moser mit sich fort und führte sie zu einem Paternoster um die oberen Stockwerke zu erreichen.

Kevin hatte keine Ahnung wer diese reizende Dame war und Eddie wusste ebenso wenig Bescheid. Er wollte den beiden möchtegern Sekretärinnen lediglich wieder einmal eins auswischen.

„Können Sie meinen Mann überwachen? Ich glaube, er hat ein Verhältnis. Ihr Name ist Loreley, sie lebt mit ihm zusammen im Schloss“, seufzte sie und nahm Eddie gegenüber platz, knallte ihre Handtasche auf seinen Schreibtisch. Mit diesen Worten fiel sie, total überspannt mit der Tür ins Haus. < Dieses Äffchen klebt wie ein Stück Scheiße an seinem Absatz >, hätte sie am Liebsten gesagt. Ihr Puls raste, sie kochte vor Eifersucht. Um Fassung bemüht, blickte Lilo an ihm vorbei, starrte aus dem Fenster.

Eddie Fischer war ein ruhiger höflicher Mensch, der auf seine Umgebung ausgesprochen beruhigend wirkte, vielleicht weil er über seinem Ehrgeiz nie seine gute Erziehung vergaß. Alle mochten ihn. Einer der Gründe, weshalb sie ihn heute aufsuchte.

Der Ermittler der Detektei Indiskret überlegte, wie er aus dieser Nummer wieder rauskam. Kleinkram, wie stutenbissige, eifersüchtige Ehefrauen, lehnte er prinzipiell ab. Es war immer das gleiche mit nur geringfügigen Variationen. Er war doch kein Mülleimer, in den man seine Sorgen hineinwarf. Er konnte sie nicht ernsthaft beraten. Sie wollte reden und er sollte zuhören. Verständnisvoll, selbstlos, gerührt und sie vielleicht einmal auf die humorvolle Seite der Sache hinzuweisen.

Sein Blick streifte ihr Gesicht. Ihre Augen gefielen ihm gar nicht. Er sah Niedertracht darin, wie das Blitzen in den Augen einer zusammengerollten Schlange, die jeden Moment zuschnappen konnte.

Doch halt. Da war noch etwas. Er kannte sie. Diese exzentrische eigensinnige Person. Von wo bloß?

„Tut mir leid, da müssen Sie sich an einen Kollegen wenden.“ Er stützte einen Ellbogen auf die Stuhllehne und lehnte das Kinn in die Hand. „Das ist nicht mein Ressort. Meine Abteilung hat den Schwerpunkt: Wirtschaftskriminalität“, log er.

Die Zeit, wo er mit Kamera, Block und Stift sich die Nächte um die Ohren schlug, waren Gott sei dank schon lange vorbei. Es schauderte ihn, als er daran dachte, wie er mit Haarspray und Zahnbürste bewaffnet vor Fußabdrücken kniete um einen Gipsabdruck abzunehmen, mit einem Pinsel aus Marabu-Federn Fingerabdrücke sicherte, die Post aus dem Briefkasten fischte, den Müll durchsuchte ...

„Nur keine falsche Bescheidenheit. Sie sind ein erfahrener Detektiv.“

Eddie wollte sie unterbrechen, aber sie ließ sich nicht beirren.

„Sie sind neugierig und lassen sich so leicht nichts vormachen ...“. Lilo suchte in seinen Augen nach einer Spur von Stolz, sah aber nur einen Ausdruck echter Verwirrung in seinem Blick.

Hatte, oder wollte sie ihn nicht verstehen? „Ich wiederhole mich nur ungern ...“.

Sie ließ ihn nicht ausreden. „Na ja, dann eben nicht.“ Sie warf ihm einen herablassenden Blick zu, legte die Hand über die Augen, wippte nervös mit dem Bein. Lilo war zerknirscht. Sie stand auf, griff nach ihrer dünnen Stola, die sie über einen Stuhl geworfen hatte und richtete sich kerzengerade auf, als ob diese Bewegung auch in ihrem Hirn etwas in Bewegung gesetzt hätte. Ihr Bein bewegte sich noch immer. Sie ließ ihren Blick zu Eddie wandern. Eine Weile sagte sie gar nichts. Lilo stand nur hoheitsvoll da, in ihr leichtes, pastellfarbene Etuikleid mit Spaghetti-Trägern gehüllt, tadellos gekleidet, wie immer, wie eine Priesterin in ihrer Robe und nestelte an ihrer Halskette. Dann wandte sie sich Eddie zu. Sie sah in ein ausdrucksloses Gesicht mit markanten Zügen und einem kühlen, distanzierten Schmunzeln. Lilo wusste, dass er sie im Stillen taxierte – und es missfiel ihr. Sie schaute ihn konsterniert an.

„Einen Versuch war es jedenfalls wert“, sagte sie abschied nehmend. Ein leises, hintergründiges Lächeln spielte um ihre gekräuselten Lippen. Sie zuckte mit den Schultern. „Sie haben mich nicht einmal nach dem Namen meines Mannes gefragt.“

„Nun, ich denke es ist alles gesagt.“ Eddie erhob sich, froh, zu einem Ende gekommen zu sein und machte keine Anstalten, ihr mit dem Tuch behilflich zu sein. Vielleicht verspürte er, dass sie nicht in der Stimmung war, sich verwöhnen zu lassen. Sie ging mit den Worten „Moser, Paddy Moser“ davon, aufrecht, fast steif.

Er dachte, ob man sie nun mochte oder nicht, sie war jedenfalls eine bemerkenswerte Frau, ein Knaller. Intelligent und attraktiv. Man musste vermutlich so sein wie sie, wenn man mit einem Mann wie Paddy Moser verheiratet war. Gefangene in einer freundlosen Ehe.

Und dann viel es ihm wieder ein. Das war doch eben Liese-Lotte mit Bindestrich Müller die ihm gegenüber saß. Einst Traum seiner schlaflosen Nächte.

Gewiss war er damals kein Adonis, ein vollschlanker Bube mit Pickeln und Brille, aber seine Augen besaßen einen humorvollen Schimmer und seiner Stimme hörte man an, dass er gern lachte. Sie hatte sich sehr rasch seinem Dunstkreis entzogen.

Wie war das nochmal?

Sie kannten sich von den Pfadfindern. Liese-Lotte, Theo und er. Paddy, um einiges älter, war der Rudelführer.

… schon in jungen Jahren litt sie an gnadenloser Selbstüberschätzung, nachdem sie die Wahl zur Miss Offenbach gewonnen hatte.

Eddie konnte nicht genau das Datum nennen, an dem ihre Beziehung zu Paddy anspruchsvoller wurde, die nun zu einer Belastung in ihrem Leben geworden war. Damals, als Paddy seine ganze Aufmerksamkeit immer mehr auf seine Karriere und seinen Ehrgeiz richtete. Sie war für ihn immer nur eine Trophäe. Ein Accessoire, wie ein Ring oder seinem zahllosen Lametta, dass er um den Hals trug. Er hatte sie nie wirklich geliebt. Sie war einfach da. Zur rechten Zeit am rechten Ort, aber eben nur die zweite Wahl. Hatte Lilo das alles nur verdrängt, oder tatsächlich vergessen? Liese-Lotte mit Bindestrich Müller. Nur noch eine hübsche Ruine! Nicht alltagstauglich.

Von Anfang an hatte Paddy in ihrer Ehe das Sagen. In den vielen Jahren ihres Zusammenseins bestimmte er allein ihre Unternehmungen, mit wem sie verkehrte und was sie unternahm. Vielleicht hatte sie jemanden gebraucht, der ihr alle Entscheidungen abnahm, sie umsorgte und verwöhnte. Vielleicht hatte sie die Möglichkeit gebraucht, selbst in einem anderen zu verschwinden. Anfangs hatte Lilo nichts dagegen gehabt, dass Paddy ihr Leben in die Hand nahm. Er wusste, was für sie am Besten war. Er meinte es nur gut. Wie hätte sie, die aus bescheidenen Verhältnissen stammte, ein arme Leute Kind, wo man jeden Pfennig zweimal umdrehte, ohne sein Geld, überleben können?

Aber dann hatte sie in zunehmendem Maß, vielleicht sogar ohne bewusste Absicht, versucht, sich selbst zu behaupten. Lilo fing an sich mit Paddy zu streiten. Sie trug Kleider und Farben, von denen sie wusste, dass er sie nicht mochte. Sie stopfte sich, kurz bevor er sie in sein Lieblingslokal ausführte, mit Süßigkeiten voll. Lilo weigerte sich seine Freunde zu kontaktieren, bis sie zuletzt aus dem Schloss auszog. Sie ließ sich nicht länger, als Anhängsel, auf die Ehefrau vom Moser reduzieren.

Theo war doch damals auch ganz verrückt nach ihr, viel es Eddie wieder ein, aber Paddy machte das Rennen, nachdem Salome verschwunden war.

Apropos Theo. Man könnte sich mal wieder auf ein Bier treffen und über die alten Zeiten reden.

Lilos Besuch würde ihn bestimmt interessieren.

Trotz der Absage beschloss Eddie, ein Auge auf Paddy zu werfen. Nur so. Aus Neugier.

Zum Aufgalopp, eine schöne Aufgabe für seinen Praktikanten.

In strahlendem Sonnenschein trat Lilo wieder auf die Straße. Ein durchdringender Geruch von Benzin und Abgasen lag in der vor Hitze stehenden Luft. Dunkle Wolken kündigten Regen für den späten Abend an.

In der Ferne erblickte sie Helen, die ihr freudig zuwinkte und näher kam.

„Wo steht Dein Wagen?“, fragte Helen Lilo, als sie frohgemut über den betonierten Fußweg zum Parkplatz ging.

Sie wandte sich ihr zu. „Ich bin mit dem Taxi gekommen.“ Ihr linker Mundwinkel zuckte.

Helen schaute Lilo verdutzt an und schloss ihr Auto auf. Kleine Fältchen zogen sich um ihre Augen. Zwei tiefe Furchen liefen zwischen Wangen und Nase. „Das klingt aber gar nicht gut. Steig ein. Ich habe Brot, Käse, Schinken und ein paar Tomaten im Kühlschrank.“ Helen zögerte, „das müsste reichen. Oder wollen wir uns etwas vom Italiener holen?“

„Quatsch. Ein Glas Wein reicht mir.“

„Mir auch. Um ehrlich zu sein, Käse und Schinken sind reichlich betragt.“

„Obwohl für Alkohol ist es noch zu früh ...“. Sie sah Helen kritisch an.

„Blödsinn. Irgendwo ist immer Abend! Wir lassen den Wolf vor der Tür und haben Spaß.“

Helen schloss die Wohnungstür auf, legte ihre Handtasche, die sie unter dem Arm trug, auf der Garderobe ab und stieg rückwärts aus ihren Sandalen, ging Barfuß in die Küche.

„Rot oder Weiß?“

„Rot. Rot beruhigt.“

„Du liebe Güte! Ist es so schlimm? Wie kommt es, dass Du mit dem Taxi gefahren bist? Hattest Du einen Unfall?“, fragte Helen und war selbst überrascht, als sie das Zittern in ihrer Stimme wahrnahm.

Lilo setzte sich, schlang die Arme um die angezogenen Beine, schluckte trocken und erzählte, unheilschwanger, wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch, Helen von ihrem Verdacht, dass Paddy eine Geliebte hatte. Sie berichtete geduldig von ihrem Treffen mit einem Privatermittler der Detektei Indiskret und das dieser den Auftrag aufgelehnt hatte. Lilo vergrub das Gesicht in den Händen. „Ich kann doch nicht einfach ins Schloss gehen und so tun, als sei alles in Ordnung! Wenn ich ihn fragen würde, würde er mir ausweichen oder alles abstreiten, dass weiß ich, so gut kenne ich ihn und zu einer Szene habe ich keine Lust. Das finde ich einfach unwürdig. Ich käme mir vor wie eine miese Schauspielerin in einer noch mieseren drittklassigen Schnulze“, ereiferte sich Lilo. „Würde ich ihm eine Szene machen, bekäme er sofort Oberwasser und würde, wie immer, die Schuld auf mich abwälzen.“

Helen schüttelte zustimmend mit dem Kopf. „Recht hast Du.“ Ihre Stimme gewann durch die Entrüstung wieder an Kraft.

So ging die Unterhaltung weiter bis in die frühen Abendstunden.

Inzwischen war es dunkel geworden. Helen stand auf, holte sich Zigaretten und ein Feuerzeug, öffnete die Balkontür, um die laue Nachtluft ins Zimmer zu lassen.

„Lass uns die Sache einmal ganz nüchtern betrachten. Du hast Paddy mit Loreley an einem Ort überrascht, wo er mit großer Wahrscheinlichkeit auch von anderen, ich meine von gemeinsamen Bekannten, gesehen wurde. Wenn er tatsächlich ein Verhältnis mit dieser Person hätte, würde er sich nicht mit ihr in der Öffentlichkeit blicken lassen. Zumindest kann ich mir das nicht vorstellen.“

„Aber wie finde ich heraus, ob die beiden wirklich etwas miteinander haben?“ Lilo hob entmutigt ihr Glas, führte es an ihre Lippen und hielt es mit den Zähnen fest. Es war leer. Sie stellte es ab und schenkte sich nach, musterte aufmerksam, unverkennbar skeptisch, das Etikett.

„Bevor wir uns etwas ausdenken, hole ich uns doch etwas zu essen. Ich habe Hunger bekommen.“ Helen machte ihre Zigarette aus und ging zurück in den Wohnbereich, schloss die Balkontür und zündete zwei Duftkerzen an. Theo mochte es nicht, wenn in der Wohnung geraucht wurde.

„Ich auch“, gestand Lilo, stand auf und ging in die Küche, gefolgt von Helen.

„Hast Du Marmelade im Haus und Butter, die nicht ranzig ist?“ Sie lehnte ihren Kopf an das Regal mit den Kochbüchern und kreuzte die Arme vor der Brust, wohl aus dem Bedürfnis, sich vor ihren eigenen Gedanken zu schützen.

Helen verzog das Gesicht zu einer Fluppe und verbreitete somit eine komische Stimmung. „Bist Du verrückt? Marmelade mit Wein geht gar nicht. Aber Du bringst mich da auf eine Idee ...“. Sie rannte zum Kühlschrank und riss die Tür auf. „Sie ist noch da! Frühstücksfleisch in der Dose, das Verfallsdatum ist noch nicht abgelaufen. Na, wie klingt das?“

„Perfekt.“ Lilo prüfte das Toastbrot. „Das ist noch essbar“, stellte sie fest.

„Bewunderst Du Deinen Mann? Himmelst Du ihn an? Vermittelst Du ihm das Gefühl, er sein ein einziges Juwel und ein göttlicher Liebhaber?“

„Bin ich blöd?“, entgegnete Lilo heftig.

„Nein, das bist Du nicht, aber klug bist Du auch nicht. Du solltest Loreley dankbar sein, weil sie Dich aus deiner verschlafenen, phantasielosen Trägheit herauskatapultiert hat. Jetzt bist Du aufgeschreckt. Siehst Du.“ Helen sprach mit dem vollen Glas in der Hand. Sie war so in Rage, dass der Wein drohte überzuschwappen. „Jetzt willst Du vielleicht sogar kämpfen? Willst ihr zeigen, wer das Alphaweibchen ist. Auch zubeißen? So lange, bis sie abgeschlagen das Feld räumt? Gut so. Du musst ihr zeigen, wo‘s langgeht.“

Lilo spielte mit ihrem leeren Weinglas. Der letzte Tropfen begann anzutrocknen. Helen nahm es ihr aus der Hand, füllte es und reichte es ihr wieder. Er roch sehr viel besser, als er schmeckte.

„Wenn Du erst mal Deine Wunden geleckt hast, können wir uns auch morgen treffen und einen Plan schmieden.“

„Hast Du eine Idee?“

„Wir brauchen alle einmal einen Weckruf. Jeder isst gerne Steak, aber niemand möchte mit einem Metzger befreundet sein.“

Helen hatte, nach reichlich Alkohol, die perfekte Idee. Sie würde Paddy einem Treuetest unterziehen. Bei dieser Vorstellung glitzerten ihre flinken Augen wie Glasperlen. Sie bekamen eine warme Tönung und blickten mit unverhüllter Zuneigung auf Lilo.

In einem Magazin hatte sie erst kürzlich gelesen, dass Männer Menschen sind, bei denen Pubertät und Midlifecrisis fließend ineinander übergehen.

Der Auftrag – Club 56

Anders als die kleinen, dunklen Bars und Nobelrestaurants auf der Hafeninsel in Offenbach, in denen Lilo und ihre Freunde normalerweise verkehrten, war der Club 56 ein riesiges altes Lagerhaus, das man in eine Gaststätte mit Bar umgewandelt hatte. Von der hohen Decke hing ein gigantischer Leuchter in die Mitte des Raumes herab, der in einer Art Landhausstil eingerichtet war. Hinten standen, mit Sonnenblumen bepflanzt, mehrere große Tontöpfe, vorn war die stets gut besuchte Bar.

Heitere, sommerlich gekleidete Menschen saßen an den langen, mit blau-weißem Papier bedeckten Tischen, aßen Frankfurter Kranz, tranken Kaffee und genossen den schönen Tag. Andere liefen hierhin und dahin, um Freunde zu begrüßen. Wiederum andere balancierten gerippte Gläser mit Apfelwein vom Fass auf einem Tablett, gingen an das Buffet um sich Handkäse mit Musik, Grüne Soße und andere Köstlichkeiten zu holen.

Nach Lilos Schätzung hatten an den Tischen, im großen Speisesaal, leicht zweihundert Gäste Platz. Aus unsichtbaren Lautsprechern strömte, etwas aufdringliche, unpassende, bayerische Volksmusik. Der ideale Platz für ein geheimes Rendezvous.

„Du bist immer noch mit ihr verheiratet?“

„Ja. Immer noch.“ Theo goss sich ein Glas Bier ein und sah zu, wie der Schaum langsam hochstieg.

Es war weder ein nachdrückliches noch ein automatisches < Ja >.

„Bist Du glücklich?“ Lilo erwähnte den Besuch bei Helen mit keinem Wort. Sie hatte über ihre Ehe mit Theo ordentlich vom Leder gezogen.

Das Kinn auf die Hand gestützt, dachte Theo nach und konterte leichthin: „Selbstverständlich.“

Aber der Klang seiner Stimme verriet ihn. Sie hatte einen Unterton, die so beunruhigend war wie eine gefährliche Strömung eines trügerischen glatten Wasserspiegels.

„Lügner!“, sagte sie zu laut. Erschrocken über sich selbst sah sie sich um, ob sie belauscht wurden.

Niemand nahm Notiz von den beiden.

Er blickte auf das vom Kerzenschein beschienene Gesicht von Lilo. Seine Ehe mit Helen hatte längst an Feuer verloren.

„Du bist kein Mann, den man heiratet.“

„Ich habe auch immer gedacht, dass Du für die Ehe nicht taugst“, wehrte er beiläufig ab und trank betreten einen Schluck Bier.

Lilo errötete und brach verlegen ab. Sie nippte an ihrem Gänsewein und ging vorerst nicht darauf ein. Mit dem Daumen wischte sie die Lippenstiftspuren von ihrem Glasrand ab.

Es folgte eine Pause langen Überlegens.

Neben ihm wirkte sie klein und unscheinbar. Es war lange her, dass sie sich zuletzt begegnet waren. Lilo hatte sich offensichtlich sehr verändert. Gewiss, ihr Haar hatte immer noch diese widerspenstige Mähne aus schwarzen Locken aber ihr Gesicht war anders, als er es in Erinnerung hatte. Früher strahlte es eine grimmige Entschlossenheit und Selbstsicherheit aus. Nicht besonders schön, aber gleichwohl faszinierend, besonders wegen der glutvollen und klugen Augen. Jetzt sah sie abgehärmt und gehetzt aus. Sie hatte abgenommen. Er sah Schatten in ihrem Gesicht, in ihren eingefallenen Wangen, die früher nicht da waren.

Einen Augenblick war etwas von der alten Vertrautheit zwischen ihnen, aber sie stellte den Abstand schnell wieder her.

„… aber ja. Eine Frau kann so immer noch am leichtesten zu Geld kommen. Schon als kleines Mädchen wollte ich reich sein. Ich wollte nie etwas anderes geschenkt bekommen, keine Puppen, kein Spielzeug, am liebsten war mir immer Geld. Ich habe dazugelernt. Manchmal leicht, manchmal schwer, aber gelernt habe ich es. Man kann alles für Geld kaufen und ich mag Leute nicht, die das nicht zugeben. Reich bist Du erst, wenn Du nicht mehr fragst, woher das Geld kommt und das erreichst du als Frau nur in einer Ehe! Eine Frau in meinem Alter hat nur eines zu befürchten: Die Zukunft“, stieß sie zornig hervor und wickelte eine Strähne ihres Haares um den Mittelfinger bevor sie sie sich hinter das linke Ohr strich. Ihre Augen sprühten in einem lodernden Feuer und ließen von ihrer früheren Schönheit ahnen.

„Und wie ist die Ehe mit einem egozentrischen Künstler wie Paddy Moser, der Dich wie eines seiner Schmuckstück behandelt?“, beeilte sich Theo zu fragen. Er blickte auf und fixierte Lilo mit einer Intensität, die ihr Unbehagen bereitete.

Als sie seinen Blick erwiderte, hatte sie das Gefühl, dass er sich irgendwie in ihr Gehirn eingeschlichen hatte und darin herumwühlte, auf der Suche nach dem wunden Punkt.

„In Ordnung, glaub ich. Ich bin eine treue Ehefrau.“

„Du konntest noch nie gut lügen.“

„Wie meinst Du das?“

Theo ging auf ihre Frage nicht ein. „Ich hab Deinen Göttergatten in einem vornehmen Restaurant, umgeben von Schöngeistern gesehen, wo die Kellner dich hochnäsig behandeln, aber um ihn sprangen sie herum wie emsige Bienen. Seine Stimme war von derselben Qualität wie sein Lächeln. Frisch und schwungvoll. Allenthalben sah man zarte Wangen gezeichnet von beherzten Bruderküssen. Paddy Moser, ein Mann, der über sich selbst spottete und ich fragte mich, ob das wirklich Überlegenheit war, oder ob er nicht eine Fassade zeigte, die sich von der Wirklichkeit unterschied. Ein Mann, der seine Lebensweisheit über die Gruppe ergoss. Paddy duldete dabei keine Unterbrechung. Souverän brachte er seine Zweifler zum Schweigen.“ Er machte eine Pause um seine Worte wirken zu lassen.

Was er Lilo verschwieg: Theo machte sich gegenüber Paddy natürlich bemerkbar und auf sein Zeichen hin trafen sich beide auf der Toilette und heckten einen Plan aus.

Es kam zu einer Übergabe.

Theo schwenkte das Bier im Glas, um zu sehen, ob es noch schäumte. Es schwappte über, der Rest blieb schal. Theo leckte sich die Lippen und trank es trotzdem achselzuckend aus. „Hast Du Probleme mit ihm?“

„Wie kommst Du darauf?“

„Nur so.“ Ein boshaftes Grinsen lag auf seinem Gesicht.

Mit einem lauten Seufzen atmete sie aus. „Ich spiele in seinem Leben nicht mehr die erste Geige.“

Es schien sie sehr zu beschäftigen.

„Und das soll ich ändern? Was erwartest Du von mir?“

Die Frage, mit so sanfter Stimme vorgebracht, ließ Lilo verstummen. Sie mochte es gar nicht, wie er ihr zu Leibe rückte, doch dann besann sie sich auf ihr Anliegen. Ihr Blick wanderte zur Eingangstür. Es vergingen ein paar Sekunden. Als sie wieder sprach klang ihre Stimme etwas weicher, leise und schläfrig, als ob sie in Trance wäre.

„Ein paar delikate Fotos den entsprechenden Leuten zugespielt – und ich könnte die Scheidung einreichen.“ Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Es war eine kalte, einstudierte Geste. Sie blieb ernst und angespannt. „Du weißt, dass ich lange gebraucht habe, um das zu erreichen und deshalb bin ich wachsam.“ Sie warf ihm einen flehentlichen Blick zu. Sie wusste, dass sie mit Hilfe eines kleinen Flirts und indem sie die naive Unschuldige spielte, dass von ihm bekommen würde, was sie wollte.

„So, so.“ Insgeheim machte Theo sich über ihren Plan hämisch lachend lustig. < So tief bist Du also gesunken um auf ein solches lächerliches Mittel zurückzugreifen. Das ist einfach nur billig! > Theo ließ es dabei bewenden. „Männer sind immer auf der Pirsch nach der idealen Frau – vor allem nach der Hochzeit. Treue ist nicht immer eine Frage des Charakters. Es ist eine Frage der Gelegenheit.“

„Du sprichst von Dir?“, gab sie mit einem ironischen Grinsen zurück und zog dabei die Augenbrauen hoch.

Theo blieb ihr abermals eine Antwort schuldig. Er ließ den Kopf gramerfüllt hängen und sah verdrießlich auf sein Glas, seine Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Sie betrieb psychologische Spielchen. Ein eindeutiges Zeichen für Wut und Hass. Sie war bösartig!

Lilo hatte jetzt Sicherheit. Mehr als andere. Und mehr als andere musste sie darüber wachen, jeden Augenblick.

„Am Samstag findet im Schloss eine Hochzeit statt. Paddy hat den Ballsaal im Erdgeschoss freigeben ...“. Lilo rang mühsam um Fassung. < Reiß dich zusammen! > befahl sie sich wütend, als ihr die Tränen in die Augen stiegen.

Da ihr Wehklagen leider keinen Heilbalsam aufs geschundene Herz träufelte, schluckte sie die Tränen herunter bevor sie verebbten.

Theo erwiderte nichts und keine Miene seines unbewegten Gesichts verriet seine Gedanken.

< Wir hatten einst eine schöne Zeit – leider nur viel zu kurz >, dachte er. < Du geldgeiles Miststück! >

Lilo hatte keine bösen Träume mehr, so etwas Ähnliches hatte sie gesagt. Sie waren nur in ihrem Kopf und somit hatte sie von ihnen nichts zu befürchten. Sie hatte gelernt, erhobenen Hauptes durch ihre Albträume zu wandeln und sich von ihnen keinen Schrecken mehr einjagen zu lassen.

Nun hatte sie zwar keine Angst mehr, aber noch immer keine Macht über ihre Träume. So gelang es ihr zum Beispiel nicht, ungebetene Gäste fernzuhalten. Immer wieder suchten sie in ihren Träumen Fremde heim, die nicht die Absicht hatten, zu ihrer Unterhalten beizutragen. Sie lungerten faul und untätig herum, als sei Lilos Kopf ein Wartezimmer. Sie hatte nicht selten das Gefühl, dass ihre Träume hinter den Kulissen der Träume anderer abspielten. Aber die bei weitem kuriosesten Besucher ihres Unterbewusstseins waren die Toten.

Theo kannte Loreley vom Sehen. Ihr Ruf eilte ihr voraus. Sie hatte lange, fantastische Beine, eine schmale Taille, intensiv blaue Augen und einen schön geschwungenen Mund. Ihre hellbraunen Haare waren glatt und lang bis zum Po. Oft band sie sie zu einem smarten Pferdeschwanz zusammen. Dabei zog sie das Haar so straff nach hinten, dass es ihre Gesichtshaut wie ein Facelifting zu spannen schien.

Theo nahm sich vom Italiener an der Ecke eine Pizza mit und kramte zu Hause noch einen vergammelten Salatkopf aus dem Gemüsefach des Kühlschranks. Er zupfte die welken, braunen Blätter ab, bis er zu dem gerade noch essbaren Kern vorgedrungen war. Es war ein blasser und wenig appetitanregender Salat, den er mehr als Pflichtgefühl als aus Genuss verzehrte. Zum genießen fehlte im die Muse. Theo aß nur, um seinen Energiespeicher für sein Vorhaben aufzufüllen.

Nach ein paar Bissen schob er den Pappkarton von sich weg und stand auf.

Helens Augen waren grünlich und hatte eine gelb gesprenkelte, meergrüne Iris. Ihre Haare waren blond, dauergewellt und kurz geschnitten.

Im Gegensatz zu Lilo war sie an ihrer ersten großen Liebe klebengeblieben.

Theo, eine außergewöhnliche Persönlichkeit, war lustig, humorvoll, charmant, intelligent, ein guter Zuhörer und konnte bei Frauen eine unheimliche Faszination auslösen. Glücklicherweise besaß er Helen gegenüber ein umgängliches Naturell. Theo war großzügig und in seiner typischen Zurückhaltung vermied er es, sich zwischen Helen und ihre Freundinnen, die er, wenn überhaupt, kaum kannte, zu drängen. Er war ein wilder, gutaussehender, kultivierter Lebemann. Beherrscht, elegant. Und er gefiel nicht nur ihr.

Theo war offiziell ein geschätzter Fotograf, aber in der Realität war er ein gefürchteter Paparazzo. Für genügend Zaster hätte er seine eigene Großmutter verkauft. Auch ihm eilte sein Ruf, in gewissen Kreisen, voraus. Er war oft auf Reisen, eher selten Zuhause.

Helen war, was sie nach außen nie zeigen würde, eine zerbrechliche Frau. Sie konnte es immer schlechter ertragen, dass ihr Mann in allen Ecken und Enden der Welt unterwegs war und für ein Foto manchmal sein Leben aufs Spiel setzte. Theos Rücken und ein Teil seiner rechten Seite trugen Narben, die von einer leidenschaftlichen Umarmung mit dem Tod zeugten.

Aus diesem Grund schob sie es vor sich her, ein Kind zu bekommen. Jetzt war es zu spät. Sie hatte so jung geheiratet. Eine Zeitland war es Leidenschaft gewesen.

Sich zu betrinken was etwas für schwache Menschen, eine Krücke für diejenigen, die nicht genügend Kraft besaßen, ihr eigenes Leben zu leben, auf den eigenen Füßen zu stehen. Sich zu betrinken hieß, vor etwas davonzulaufen.

Helen selbst zählte sich nicht zu dieser Spezies.

Ihr Bett stand am Fenster. Sie wechselte die Plätze, wo sie den Alkohol versteckte. Der Bettkasten war eine gute Stelle, um mit der Suche zu beginnen.

Er hatte ihr Zimmer lange nicht mehr betreten. Der Anblick war ein ziemlicher Schock. Überall Nippes. Sie war morgens immer in Eile und es musste schwer sein aufzustehen, nach einem Abend mit der Flasche, jeden Tag sich wieder neu aufzuraffen. Duschen, anziehen, frühstücken.

So sah der Raum auch aus. Nach einem schnellen Aufbruch. Halboffene Schranktüren und Schubladen, die Kleider auf dem Bett, die sie herausgenommen, aber nicht angezogen hatte. Auf dem Fußboden lag ihr noch feuchter Bademantel. Theo hängte ihn auf einen Kleiderbügel.

Auf einer Kommode, neben einem Kerzenständer, stand ein Kristallglas. Sie goss es sich im Wohnzimmer immer voll, das letzte, was sie jeden Abend tat, ehe sie sich hierher zurückzog. Das letzte Glas von vielen, aber das Wichtigste, um ihr in den Schlaf zu helfen.

Die Türen an den Seitenteilen ihrer Kommode waren verschlossen, der Schlüssel abgezogen, aber er wusste, wo er zu suchen hatte.

Eine Zeitlang hatte sie ihn einfach dadurch hinters Licht geführt, dass sie dreiviertel leere Flaschen offen herumstehen ließ. Die vollen Flaschen hatte sie verborgen, in Koffern und Stoffbeuteln, in denen sie ihre Schuhe und Handtaschen aufbewahrte.

Sie war in dem Sinne keine Trinkerin, dass es irgendjemand aufgefallen wäre. Sie würde jederzeit leugnen, überhaupt zu trinken. Was sie brauchte war lediglich ein Glas nach einem anstrengenden Tag.

Er fand den Schlüssel für das Möbelstück in der Tasche ihres Bademantels.

Mehrere Flaschen Wodka, davon eine noch offen, hatte sie im Schrank gebunkert.

Er nahm sie an sich. Einen silbernen Lippenstift, der sich nicht öffnen ließ, ließ er liegen. Dessen Inhalt: Vermutlich ihr Tabletten-Vorrat.

Er öffnete das Fenster bevor er den Raum verließ.

Die Glasscheibe hielt beides fest. Sein Gesicht und die Landschaft, wie eine doppelt belichtete Platte.

Theo wartete auf Helens Rückkehr.

Es schien ihm fast sinnlos zu warten und er überlegte, dass er einfach so gehen konnte, aber er fand, er war es ihr schuldig, nicht einfach nur einen Zettel zu hinterlassen. Sie hatte ein Anrecht darauf, es von ihm selbst zu hören, dass er sie verlassen würde. Es änderte nichts, aber ein Anrecht darauf hatte sie. Er hatte Helen schließlich von Anfang an belogen und betrogen, dass Pflaster der Verwundung nie abgerissen. Sein Herz hatte eine tiefe unsichtbare Narbe und als er Lilo sah begann es erneut zu schmerzen. Helen hatte nie eine Chance gehabt – gegen einen Traum kam niemand an. Es war unfair von ihm, unfair von Anfang an.

Theo war zum Sterben elend.

Das Problem war, dass sie in ihm etwas sah, was er nicht erfüllen konnte. Sie hatte ihn geliebt und er hatte sie gemocht und Menschen die Helen liebte, hatten besonders vollkommen zu sein. Sie durften keine Schwäche zeigen, keinen Irrtum begehen. Anderen hätte sie vielleicht noch verziehen, ihm nicht!

Die Haustür öffnete sich und Theo ging ihr entgegen. Helen wollte sich auf dem Absatz umdrehen, als Theo sie am Arm packte und versuchte, sie ins Wohnzimmer zu ziehen.

Helen zuckte zusammen, als hätte er ihr wehgetan. „Was soll das?“, sagte sie ungehalten in die Stille hinein. „Lass mich sofort los!“

„Entschuldigung.“ Er lockerte seinen Handgriff. „Ich möchte mich mit Dir unterhalten“. Besorgnis schwang in seiner Stimme mit. „Ich ...“

Sie schnitt ihm das Wort ab und schaffte es, ein Gesicht zu machen, als interessiere es sie wirklich. „Wozu? Was gibt es zu besprechen, was so relevant ist?“, erkundigte sie sich in Zeitlupe den Kopf schüttelnd. Diese Geste hatte sie sich bei älteren Männern abgeschaut und sie passte nicht zu ihr. „Ich bin müde und möchte mich hinlegen.“ Sie war nervöse und unruhig. Sie blickte auf die Tür ihres Zimmers. Es war nur diese Tür die sie von ihrer Flasche trennte.

„Ich möchte mit Dir sprechen.“ Schweiß brach ihm unter den Achselhöhlen aus, benässte das Hemd.

Sie gab noch nicht auf. „Ich zieh mich nur rasch um ...“, sagte sie mit kalter Schärfte.

„Bitte!“ Theo hielt sie am Arm zurück.

„Herr Gott, was ist denn so verdammt wichtig?“, fluchte sie nicht im geringsten eingeschüchtert.

Sie folgte ihm angespannt ins Wohnzimmer und blieb steif in der Nähe der Tür stehen. Helen schaute sich um.

„Willst Du Dich nicht setzen?“

„Sag was Du zu sagen hast, ich hatte einen anstrengenden Tag.“

Sie bemerkte die Flaschen auf dem Regal und wurde zugänglicher Laune. Helen dachte Theo wäre wütend. Ihr Körper entspannte sich. Sie warf ihre Handtasche auf einen der Sessel und näherte sich dabei wie unbeabsichtigt dem Regal mit dem Wodka. Sie versuchte nicht dorthin zu sehen, aber es kostete sie große Beherrschung.

Theo glaubte zu bemerken, dass Helen schwerer atmete.

Als sie Theos verzweifelte Miene sah versuchte sie zu lächeln, ein leicht erschrecktes verquere Lächeln, das sie immer dann aufsetzte, wenn es darum ging, sich einem zu entziehen. Sie hätte ihn gerne am Hals gepackt und geschüttelt, damit er endlich zum Wesentlichen kam.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie alles so ruhig hinnehmen würde und dieses bezaubernde Lächeln überraschte ihn noch mehr.

„Ich hatte meine Chance“, sagte sie halsstarrig und schüttelte ihr Haupt, wie über etwas, das ihr Kopfzerbrechen machte.

Der nächste Auftrag

Einen Fuß nach hinten gegen eine Hauswand abgestützt, die Zigarette im Mundwinkel hängend, den Blick auf eine Zeitung gerichtet, wartete er auf den passenden Zeitpunkt um die Bank zu betreten.

Ein Mann hatte eine Leiter gegen eine Litfaßsäule gelehnt und fuhr mit einem Leim-Besen über die Plakatfläche, war dabei, eine Reklame zu überkleben.

Sie ging voraus. Die Treppe hinunter, die zum Tresorraum der Bank führte und öffnete die Tür. Sie knarrte.

Beide traten ein. Sie standen vor einer Wand mit vielen Fächern. Der Raum war hoch und der Lack um die Schlüssellöcher herum abgekratzt.

Sie öffnete mit einem Schlüssel den gewünschten Safe, trat ein paar Schritte zurück, wartete, bis er den Seinen hervorholte.

„Ihren Schlüssel“, wiederholte sie, wie ein Papagei, bereits zum zweiten mal.

Er hatte ihn die ganze Zeit über in seiner rechten Hand. Schweißperlen traten ihm, trotz der Kühle die hier herrschte, auf die Stirn, die er mit einem Taschentuch wegwischte.

Dann steckte er seinen Schlüssel ein, verwundert, dass er tatsächlich passte und sich drehen ließ. Die Tür öffnete sich, die Klappe schwang zur Seite und er zog einen matt glänzenden Metallkasten heraus. Er trug ihn zu einem Tisch.

Die Bankangestellte verließ den Raum, ließ ihn mit dem Inhalt allein. Der Geruch ihres Parfüms, das er nicht kannte, verschwand mit ihr.

Er blieb allein zurück, in einem Raum, der wie eine Grabkammer roch. Was für ein verrücktes Spiel.

Er bekam Zweifel, dass das Geld wirklich da war, dass die Kassette, wenn er sie öffnete, leer sei.

In zwanghafter Berechnung, unangenehm wie ein Traum, überschlug er die Zeit, die ihm bis zum Attentat noch zur Verfügung stand. Ein unvorstellbarer Ozean an Zeit? Jeder falsche Schritt konnte fatal sein.

Er öffnete den Deckel.

In der Mitte lag, ein in einem Tuch eingeschlagen, eine Waffe, darunter das Geld, die Anzahlung für … einen Freundschaftsdienst.

Er starrte auf die gebündelten Banknoten, aber er verspürte nicht die erwartete Freude. Er nahm eines der Päckchen heraus. Es fühlte sich nicht wie Geld an. Er zog einzelne Scheine heraus. Sie waren kalt und glatt und ohne Leben. Neue Scheine! Er begann die Banknoten zu zählen. Schein für Schein. Dann gab er auf, versuchte sie wieder in die Banderole zu stecken, sie passten nicht mehr in den schmalen Streifen.

Es war an der Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass das Geld ihm gehören könnte, wenn er seinen Auftrag erfüllte.

Die Waffe war viel zu gewaltig, für den Zweck, einen einzigen Schuss aus nächster Nähe abzufeuern. Er wog die Walter P38 in der Hand und verspürte leichte Übelkeit. Schweiß brach ihm unter den Achselhöhlen aus, benässte das Hemd.

Plötzlich fühlte er etwas, was in dieser Klarheit nicht dagewesen war. Es war Hass, der alles andere auslöschte, purer, plötzlich zutage tretender reiner Hass, eine Flamme, die ihre Nahrung in sich selbst fand.

Die Stahlkammer glich mehr denn je einer Gruft. Er fühlte sich unbehaglich.

Als er die Bank verließ, zündete er sich mit einem Sturmfeuerzeug eine Zigarette an.

Die Muse

Aus reiner Neugier hatte Eddie, trotz Ablehnung des Auftrags, heimlich mehrere Kameras in Paddys Atelier, von seinem technisch hochbegabten Praktikanten Kevin, installieren lassen.

Dieser hatte ein einwöchiges Seminar, für viel Geld, direkt bei Paddy Moser, belegt.

Loreley, in der Kulturwelt sehr bewandert, war dagegen. Die Einteilung der Kursteilnehmer war ihr Part, die Vorlesungen und Malkurse alle völlig überbucht. Sie wusste, Kevin würde das so empfindliche Gleichgewicht im Schloss, wenn auch nur geringfügig, stören. Sie rechnete damit, denn sie betrachtete jeden Neuankömmling als Gefahr. Unter den Studenten herrschte nicht immer eitler Sonnenschein. Es würde Tage dauern, bis die alte Hackordnung wieder hergestellt war. Viele der Studierenden bekamen mehr Taschengeld als die aus sozial-schwachen Familien und sie ließen die anderen gerne spüren, an welcher Stelle der Nahrungskette sie standen. Für Paddy waren sie alle gleich.

Loreley liebte feste Gewohnheiten und sah diese in Gefahr.

An seinem ersten Arbeitstag nahm sie Kevin am Ellbogen, führte ihn herum und zeigte ihm die Örtlichkeiten. Die Führung endete in Paddys Atelier.

Was ihm zuallererst auffiel, war die Art, wie die Kommilitonen Loreley mit Stielaugen ansahen. In diesen Blicken lag weniger Zuneigung als vielmehr Besitzanspruch, sie beteten nicht nur Paddy an.

Dass sie ihn überhaupt nicht beachteten, faszinierte ihn. Loreley hatte Kevin die Hand auf den Arm gelegt und ihn von der Türöffnung weg ins Atelier gezogen, so dass es schwierig war, ihn zu übersehen. Er spürte ihre Anspannung, den Unmut. Loreley hatte zwar inzwischen die Hand von seinem Oberarm genommen, stand aber immer noch so nah neben ihm, dass ihr Arm den seinen streifte. < Als ob ich Hilfe bräuchte > dachte er und rückte von ihr ab. Die Fürsorge, die Loreley Kevin offensichtlich angedeihen lassen wollte, schien er absolut nicht nötig zu haben.

Ihr Blick wanderte von einem zum anderen. Die Widerspenstigkeit gegenüber dem Neuen war so offensichtlich und auf dem Höhepunkt angelangt, sich so streitsüchtig und unleidlich wie möglich zu verhalten. Doch die Erfahrung hatte sie gelehrt, die Buben nie allzu hart anzufassen. Solche Stimmungen dauerten nie an und je schlimmer sie sich gaben, desto stärker schwang der Pegel später in die entgegengesetzte Richtung.

Sie beendete ihre Musterung der Jungs und entdeckte, dass Paddy sie beobachtete.

„Ich möchte Dich mit Paddy Moser bekannt machen“, sagte Loreley zu Kevin milde, die angespannte Atmosphäre übersehend …

In den Augen des Praktikanten war nichts, was darauf hinwies, dass er etwas verbergen wollte oder um Hilfe flehte. Er sah Loreley einfach nur an, wie ein Mann irgendeine reizende Kleinigkeit betrachtete, einen kleinen Hund etwa, ohne jeden praktischen Wert und bedankte sich für ihre freundliche Einweisung.

Dem Anschein nach war Kevin immun gegenüber Loreley's Reizen.

Am Nachmittag gab es eine deprimierende Audienz, beileibe nicht die letzte dieser Art. Die Schüler und Studenten mussten zum Rapport antreten. Berichterstatten über ihr ungebührliches Verhalten dem Neuen gegenüber, über das gelernte und wie man es in die Tat umsetzen könnte.

Paddy verspürte den verständlichen Drang sein Wissen nicht für sich zu behalten.

Ticktack.

Er arbeitete dem Anschein nach wie ein Dynamo, lud sich auf und wenn er so richtig auf Tour war, sprühten die Funken.

Ticktack.

Die Schüler konnten kaum Schritthalten, aber keiner wollte es auch entbehren.

Kevin hatte nicht vor, die ganze Zeit hier herumzulungern. Sein Plan war es, dass Schloss zu durchforsten.

Nach dem gemeinsamen Abendessen sammelte er die Teller ein, wobei er einen großen Bogen um die Mikrowelle machte. Man konnte ja nie wissen, was für bösartige Strahlen in der Luft herumschwirrten und darauf warteten, ihn anzugreifen. Er behielt die Uhr im Auge, die eine Sekunde nach der anderen herunter tickte, bevor er sich dann trotzig direkt vor das Gerät stellte. „Kommt doch und holt mich“, flüsterte er und lachte beinahe übermütig. Seine Wangen bekamen Grübchen. Verrückt. Da hatte er doch tatsächlich die Mikrowelle zum Kampf aufgefordert.

Anschließend zog er pfeifend los um sich mit den Gegebenheiten der einzelnen Räume bekanntzumachen.

Eine Woche war vergangen. Die Zeit verstrich wie im Flug.

Die Aufzeichnung, die Kevin für Eddie sichergestellt hatte, war langweilig und ermüdend. Das Bildmaterial vom Atelier ähnelte einem Stil-Leben.

Eddie hatte sich von dem vor ihm liegenden Tag ein vollständiges Bild gemacht, so pflegte er bei einer Tasse schwarzen Kaffee und einem Stück Käsekuchen eine kleine Pause einzulegen, um die Morgenzeitung zu studieren. Auf der Seite mit der Offerte: Nachruf, fing er an. Immer las er zuerst die Todesanzeigen. Eddie wusste selbst nicht mehr, wann er damit angefangen hatte, es zur Routinelektüre machte und wusste auch nicht mehr, warum.

„Jemanden gefunden den Du kennst?“, fragte Kevin. „Was die Leute nicht alles tun um in die Zeitung zu kommen“ neckte er.

„Chef, dass musst Du Dir ansehen. Diese Frau ist unglaublich.“

Eddie holte sich einen neuen Kaffee und zog sich einen Stuhl bei, nahm vor dem Bildschirm platz, zündete sich eine Zigarette an. „Na, dann lass mal sehen.“

Beim Betrachten der Aufzeichnung kam Eddie sich vor wie ein Voyeur. Er hatte einen Fächer in der Hand. Mit seinem handbetriebenen Ventilator wedelte er sich frische Luft zu. Die Klimaanlage hatte vorübergehend, wieder einmal, ihren Geist aufgegeben.

Die Wirkung, die von Loreley ausging, hatte nichts mit den Maßstäben gewöhnlicher Schönheit zu tun, sondern mit einer unglaublich starken Ausstrahlung. Sie war zu flach, zu dünn, zu groß. Sie hatte die Statur eines unterernährten Knaben. Loreley war Anfang, Mitte vierzig und hatte viel Ähnlichkeit mit ihrer Mutter.

Es war ein Ereignis sie anzusehen, wie sie dort, am Rand der Couch, vorgebeugt auf der Kante hockte, als sei sie ganz aufmerksam. Loreley umklammerte mit beiden Händen die mondän übereinandergeschlagenen Beine. Sie hatte sich nicht bewegt, saß von Anfang an in derselben Stellung. Diese Fähigkeit zur absoluten Bewegungslosigkeit, dass hatte es Paddy so leicht gemacht, mit ihr zu arbeiten. Stundenlang konnte sie so, wenn man es von ihr verlangte, im grellen Scheinwerferlicht sitzen. Bis ihre Muskeln oft sichtbar zu zittern begannen, aus Verkrampfung, bis Tränen aus ihren Augen traten, die sie diszipliniert mit ihren Wimpern, die wie künstliche Fliegen eines Anglers aussahen, weg blinzelte.

„Was ist das, was sie um den Hals hängen hat und bis zum Bauchnabel reicht? Eine Perlenkette?“, wollte Kevin wissen und ging auf Vergrößerung.

„Paddy hat die Parüre für umgerechnet 25.000,-- DM in Schottland erworben. Das Collier ist mehrsträngig aufgezogen und besteht aus unregelmäßigen, weiß-silbrigen chinesischen Kaschierperlen. Der Verschluss, ein Drachenkopf ist aus rhodiniertem Weißgold, 14 Karat, mit 8-Kant Diamanten im Brillantschliff besetzt und wurde zusätzlich mit Smaragden und Rubinen verziert, die Augen, zwei Saphire im Treppenschliff. Dazu gehört ein Armband, ein Ring und ein Paar Ohrringe.

„Rhodinieren? Was bedeutet das?“

„Dabei handelt es sich um einen chemischen Vorgang, in dem ein Metall mit Rhodium, einem Platin ähnlichen Metall, überzogen wird.“

„Aha. Muss man das wissen?“

„Nein. Aus den Erzählungen anderer weiß ich, dass auf dieser Garnitur ein Fluch liegt. Alle Trägerinnen kamen ums Leben.“

„Böses Karma“, spottete sein Praktikant.

Eddie schlug ihm die Tageszeitung zackig, aber dennoch zärtlich, auf den Kopf. „Räum den Mist weg!“, befahl er.

Dieser Schmuck war alles, außer Loreley, was Paddy von Salome geblieben war.

Die Aufzeichnungen landeten in Ablage P. P, wie Papierkorb, die Kameras hatte Kevin bei einer Nacht- und Nebelaktion wieder deinstalliert.

Er folgerte, dass Paddy und Loreley bestimmt kein Liebespaar waren. Sie gingen zwar sehr vertraut miteinander um, aber Sex? Für ihn undenkbar.

Es musste eine andere Verbindung geben. Eher wie zwischen Geschwistern.

Was wusste Eddie darüber?

Kaum, nachdem die Kameras nicht mehr aufzeichneten, spielte sich folgendes ab:

Paddy saß auf einem kleinen Hocker vor einer leeren Leinwand, hatte ein Glas mit eiskalter Cola in der Hand und wollte einen Schluck trinken, als er auf dem Beistelltisch etwas schimmern sah. Es war ein Wasserkringel, wie von einem feuchten Glas. Dies war nicht weiter bemerkenswert, nur hatte er an diesem Morgen noch nichts auf diesem Tisch abgestellt. Sein Glas war trocken und er hielt es noch immer in der Hand. Bereits um diese Uhrzeit war es schon sehr warm. Der Wasserrand konnte unmöglich noch vom Vortag sein.

Er nippte an seinem Getränk und starrte versonnen auf den Abdruck, versuchte sich einen Reim darauf zu machen. Sein Blick wanderte zu Loreley und wieder zurück zum Tisch.

Verwundert sprang er auf, nahm einen Lappen und wollte ihn wegwischen. Als er sich wieder dem Wasserkringel zuwandte, war er verschwunden.

Paddy begann zu krampften und wurde von einem schrecklichen Anfall gepackt. Das Glas fiel ihm aus der Hand. Sein Gesicht lief blau an, er rang nach Luft. Er klammerte sich mit beiden Händen an die Staffelei und krümmte sich. Paddy schien das Gleichgewicht zu verlieren, taumelte dicht an Loreley heran und rutschte nach und nach auf den Boden. Paddy bekam einen heftigen Hustenanfall, rang nach Luft bis ihm das Blut in den Kopf schoss und seine Adern an Hals und Stirn hervortraten. Sein Ächzen steigerte sich zu einem hilflosen Röcheln. > O Gott, mein Herz! Mein Herz! > keuchte er und fasste sich an selbiges, als wolle er es sich aus der Brust reißen.

Das Sonnenlicht, das durch die Fenster schien, fiel strahlend auf seine Stirn und glitzerte in den winzigen Schweißtropfen wie ein Diadem aus Juwelen. Seine Knie schlugen gegeneinander, seine Zähne klapperten.

Loreley leistete Erste Hilfe und gab ihm eine Spritze, die sie immer griffbereit hatte. Dieser Zusammenbruch war nicht sein erster. Sie häuften sich in letzter Zeit. Mühsam klappte er eine Auge auf. Sie konnte sehen, dass Paddy noch nicht sterben wollte.

Paddy liebte diese Frau, mehr als sein Leben. Was sollte er nur ohne sie machen? Loreley war der Wind unter seinen Flügeln.

In der darauffolgenden Nacht ereignete sich folgendes: Wie ein Geist schlafwandelte Paddy durchs Schloss.

An einer der Türen las er das unerbittliche Wort: Geschlossen. Er packte den Knauf und rüttelte. Zu seiner Überraschung drehte er sich in seiner Hand, die Tür öffnete sich, aber nicht auf seinen Druck hin. Sie wurde von innen geöffnet und Paddy schaute in das schwach beleuchtete Gesicht eines sehr alten und außerordentlich zerbrechlich wirkenden kleinen Mannes.

„Bitte, treten Sie ein“, sagte eine sanfte, ziemlich zittrige Stimme und schwache Schritte schlurften vor ihm her.

Die Dunkelheit, in dem großen, trübsinnigen Raum, wurde nur durch zwei tropfende Kandelaber erhellt. Die Möbel wirkten unheimlich und geheimnisvoll und die schwache Beleuchtung warf drohende geradezu gefährliche Schatten. Paddy verspürte ein starkes Verlangen sofort wieder zu gehen, aber die Dunkelheit um ihn herum lichtete sich und er sah, dass der alte Mann eifrig hier und da weitere Kerzen anzündete.

Paddy sah ihn nun verhältnismäßig deutlich. Er hinterließ einen unbeschreiblichen Eindruck auf ihn. Während er ihn anstarrte, musste Paddy an Rembrandt denken. Wer anders hätte eine Vorstellung von den unheimlichen Schatten auf dem verwüsteten Gesicht geben können? Müde. Ein Wort das man leichthin benutzt. Nie zuvor war es ihm deutlicher geworden, was es bedeuten konnte. Eine so unsägliche, geduldige Erschöpfung. Die tiefliegenden Augen, wie unbelebte Planeten in dem welken Gesicht. Die matte Gebrechlichkeit dieser gebeugten, zitternden Gestalt. Die Worte Staub und Asche gingen ihm durch den Kopf. Der Mann wirkte kaum stabiler als ein Knäuel aus Staub und Spinnweben, die durch einen Atemzug oder durch eine Berührung zerstört werden konnte.

„Sie sind Maler?“ In seiner Stimme lag die Stumpfheit äußerster Gleichgültigkeit. Sie war sehr leise, kaum hörbar und dennoch war eine merkwürdige, fast flehende Eindringlichkeit in ihr und seine Augen fixierten Paddy matt. Ein verzehrender, starre Blick.

Paddy wollte nur weg. Ja. Sofort! Schon allein die Nähe des alten Mannes bedrückte ihn und ihm wurde erbärmlich elend.

Die frostige Stille, unterbrochen von dem müden Schlurfen der Filzpantoffeln des Alten, gingen ihm auf die Nerven. Seit wie vielen Jahren mochte er schon < unfähig zum Leiden > sein?, überlegte Paddy.

„Leben Sie hier schon lange?“, wollte er wissen.

„Seit langer, langer, langer Zeit.“ Die Antwort kam leise wie ein Seufzer und als er sprach, schien Zeit nicht mehr eine Sache von Tagen, Wochen, Monaten oder Jahre zu sein, sondern eine eintönige Langeweile, die sich ins Unermessliche erstreckte. Paddy begann sich über die Müdigkeit und die Melancholie des alten Mannes zu ärgern, die ihn ansteckte und seine Stimmung so unerklärlich niederdrückte.

Der Alte nahm, gefolgt von Paddy, eine taumelnde Wanderung durch den Raum auf. Seine Schritte wurden schneller.

Paddy jagte ihn weiter und weiter, durch endlose Alleen Mobiliars hindurch, aber er entzog sich ihm immer wieder. Spinnweben streiften sein Gesicht. Weiterzugehen war nicht verlockend. Er ließ davon ab.

Paddy spürte Unendlichkeit. Die Stille wurde von dem Geräusch einer schlagenden Standuhr unterbrochen. Ein wundervolles, komplizierte Stück mittelalterlicher Handwerkskunst. Aus einer Nische unter ihrem außerordentlich fein gemalten Zifferblatt tauchten wunderliche Figuren auf. Während eine von ihnen auf eine Glocke schlug, trippelten die anderen mit gesetzten Schritten und begannen zu tanzen. Seine Aufmerksamkeit war ganz von diesem bezaubernden Schauspiel gefesselt. Nach dem letzten Glockenschlag wandte Paddy sich wieder um. Er war allein ...

Bei Tagesanbruch fand Loreley Paddy im Garten. Sie musterte ihn streng. „Nicht schon wieder!“ Er schlief auf dem Rasen, vor den Rosen. Vorsichtig weckte sie ihn. Ein erdrückendes Gefühl ergriff von ihr Besitz. Sie brachte ihn ins Schloss, in sein Zimmer, half ihm beim Entkleiden und brachte ihn ins Bett.

Paddy glühte wie eine Herdplatte, er hatte Fieber, schlief sofort weiter. Sein gesamter Körper bebte wie bei einem Anfall von Schüttelfrost. Er klapperte mit den Zähnen.

Loreley setzte sich auf die Bettkante, ohne den Blick von Paddy zu lassen und hielt seine Hand, streichelte sie zärtlich. Sie fühlte, wie tiefe Schwermut in ihr aufstieg.

Ticktack.

Etwas später ging Loreley zum Gerätehaus, holte eine Gartenschere und schnitt alle Rosen ab. Ihre Finger begannen zu bluten, doch sie griff beherzt zu und schnitt weiter. Sie hasste diese Pflanzen und mied sie wie der Teufel das Weihwasser.

Als ob sie so einfach die Geister loswerden würde!

0:00 Nachtjournal RTL

„Und das sehen Sie heute, unter anderem, im Nachtjournal: Eines der in der Zeit zwischen dem 13. Februar und 26. Mai aus dem Frankfurter Städel Museum gestohlene Gemälde ist aufgetaucht ...

In der Mall, im Frankfurter Hessen-Center, einer der bedeutendsten Antik-Märkte in der Rhein-Main-Region, präsentieren am vergangenen Wochenende wieder nahezu einhundert Aussteller aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland ihre Schätze. Zum Verkauf angeboten wurde ein umfangreiches Sortiment hochwertiger Antiquitäten und antiker Sammlerstücke aus dem Jugendstil: Antike Möbel, Lampen und Leuchter, Tischwäsche, Porzellan, Glas, altes Tafelsilber, Gemälde und Bücher, Spielzeug, Schmuck und Uhren. Auch aus dem Kunstgewerbestil von 1920 – 1940, die Zeit des Art deco, wurde vieles angeboten.

Hier tauchte eines der vermissten Bilder aus dem im Frühjahr verübten Kunstraub aus dem Frankfurter Städel auf. Der Verkäufer gab an, dass Gemälde beim Sperrmüll gefunden zu haben. Nach ausgiebiger Untersuchung, durch Fachleute, stellte sich der Sensationsfund allerdings als Fälschung dar.“

Der geheimnisvolle Fund

Lilo hielt inne. Es war 7:00 Uhr. Wer in aller Herrgottsfrühe war schon auf den Beinen, außer ihr?

Sie stand auf der obersten Stufe der Treppe als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Lilo stand da wie angenagelt und nestelte an ihrer Halskette.

Durch die halbgeöffnete Schlosstür drangen Stimmen an ihr Ohr.

Verflixt. Eugen Hofer, Spitzname Barbarossa, unterhielt sich lautstark mit ein paar Studenten. Unterhaltung war leicht untertrieben.

Sie sah ihn bildlich vor sich. Dick wie ein Fass, etwas grobschlächtig. Sein rundes, freundliches Gesicht, seinen hässlichen roten Schnurrbart und seinen Kopf, wo bereits das Knie durch sein Haar wuchs.

„Halt endlich Dein Krümelloch!“, befahl er. Eugen tobte! Schäumte vor Wut, faltete einen von den Jugendlichen ordentlich zusammen. „Das ist kein Dummejungenstreich!“

Er hatte eine Postkarte aus Gretna Green erhalten. < Liebe Grüße aus Schottland, bin auf dem Weg >. Er schlug sie einem der Studenten um die Ohren.

„Bildet Ihr Euch ein, mich ungestraft in die Pfanne zu hauen? Ich vergesse nie etwas. Ich vergelte Gleiches mit Gleichem!“

Ein arrogantes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Lief vielleicht nicht alles wie am Schnürchen, so, wie es von Prinzessin Evelyn verlangt wurde?

Im Ballsaal stieg jemand auf einen Stuhl und hängte die letzten weiße Strohsterne auf. Allmählich sah die Bühne wie eine vom Monsun zerfetzte Markise aus. Der Gestaltungstechniker fand das schön. In Wahrheit zeugte es vor allem von blindem Aktionismus. Im vorderen Teil des großen Raumes, als besonderer Akzent, dominierte ein schwarzer Konzertflügel.

Die Hochzeitsvorbereitungen liefen immer noch auf Hochtour.

Bis tief in die Nacht, von Barbarossa überwacht, war er und seinen Lakaien, am Werk. Es herrschte Ausnahmezustand. Sämtliche Angestellten inklusive Gärtner und Chauffeur, von seiner Assistentin, seiner Sekretärin bis hin zur Putzfrau waren alle emsig, teils fieberhaft damit beschäftigt, das Silber zu putzen und die Kristallgläser auf Hochglanz zu polieren. Das kostbare Porzellan, auf weißen Dammasttischdecken, stand auf den Tischen, die Kerzen brannten probeweise und flackerten hektisch, obwohl keine Zugluft herrschte. Blumentöpfe und exklusive Orchideen-Gestecke unterstrichen die Perfektion.

Alles, was nicht vor Ort war, wurde angekarrt.

Lilo vernahm das Geräusch von einem Fahrzeug.

Der Getränkelieferant traf ein und brachte Bier vom Fass, Wein, antialkoholische Getränke und Unmengen an Champagner.

Sie hatte wenig Lust weder dem einen noch den anderen zu begegnen.

Die Feier im Schloss war für den späten Nachmittag geplant. Sollte Eugen nach dem Rechten sehen, ob alles so vorbereitet war, wie es seiner Tochter wünschte? Noch bestand die Möglichkeit kleinster Veränderungen.

Sie drehte sich um und raste, wie von Furien gehetzt, den Flur entlang, hielt Ausschau nach einem Schlupfloch. Ihre Absätze hämmerten auf dem harten Steinboden und das Klappern hallte im ganzen Gebäude wider. Sie öffnete die erstbeste Tür und schloss sie leise hinter sich wieder zu.

Das Schloss hatte viel Zimmer und Geheimtüren, die nur Paddy wie seine Westentasche kannte. Lilo residierte hingegen in Fechenheim, einem auf der anderen Mainseite gelegenen Bungalow. Sie verbrachte eher selten die Nächte im Schloss und schon gar nicht in Paddys Bett.

Die Tatsache, dass man sie immer wieder anstarrte wurde ihr allmählich unheimlich. Die vielen Menschen die Tag und Nacht durch das Gebäude wuselten. Ein Schloss, dass nie wirklich schlief.

Die Wohnung war nicht groß. Ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein geräumiges Bad und eine kleine Küche. Es war nichts bemerkenswertes an den Räumen. Sie war komfortabel und das war wirklich alles, was man über sie sagen konnte.

Im Gang stapelten sich die Hochzeitsgeschenke.

Befand sie sich in der Honeymoon Suite? Auf gar keinen Fall!

Teure Möbel, weder besonders geschmackvoll noch geschmacklos, die aussahen, als seien sie in einem großen, langweiligen Geschäft aufs Geratewohl gekauft worden. Ungemusterte, dreifarbig gewebte Leinenvorhänge, ein Teppich, der nichts als eben ein Teppich war, ein großer Büroschreibtisch aus hellem Holz, sehr ordentlich. Ein großes Sofa, keine Sessel. Ein ziemlich hässlicher Couchtisch mit Messingfassung. Ein paar Fächer mit Büchern in einem Hängeregal, in dem auch eine Hausbar und zusätzliche Lautsprecher für den riesigen, altmodischen Musikschrank, an der angrenzenden Wand, untergebracht waren. Daneben eine große Vitrine mit mehreren Reihen säuberlich etikettierter Schallplattenhüllen. Zentralheizung wie im übrigen Gebäude.

Es war nicht einmal sehr sauber. Ordentlich in dem Sinne allerdings, als nicht viel herumlag und das Zimmer offensichtlich nicht wirklich bewohnt wurde. Keine Blumen und nichts an persönlichen Dingen. Eine ganze Menge militärischer Kinkerlitzchen. Eine kleine Messingkanone auf einer eichenen Lafette stand auf dem Tisch, auf Wandkonsolen einige Segelschiffmodelle, darunter die 1958 in Dienst gestellte, als Bark getakelte, Gorch Fock II. Ein offener Kasten aus Mahagoniholz, in dem auf grünem Filz ein Paar Duellpistolen aus dem 18.Jahrhundert lagen. Auf dem anderen Wandbrett befanden sich ebenfalls Waffen: eine silberbeschlagene Muskete, Arkebuse oder dergleichen sowie ein hölzerner Humidor. Leer. Offensichtlich hatte sein Besitzer das Zigarrenrauchen aufgegeben. Allerlei Stehrümmchen. Keine Bilder an der Wand. Das Fenster ging zur Mainseite. Auf einem kleinen Beistelltisch stand ein großen Schiffsteleskop aus Messing. Es war ein recht wohnliches Zimmer. Bemerkenswert schön hätte es niemand genannt.

Warum war dieser Raum so nichtssagend?

Die Tür zum angrenzenden Schlafzimmer stand offen. Auch dort wenige Möbel und nichts, was den persönlichen Geschmack verraten hätte, es sei denn die Vorliebe für gymnastische Übungen.

Ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Spiegel.

Eine an der Decke befestigte und freischwingende Strickleiter aus Hanf-Seil und Bambussprossen. Ein Springsein, ein paar Hanteln, ein Punchingball …

Allerdings wurde der Raum von einem Tisch beherrscht, der um all seine Ausziehmöglichkeiten erweitert worden war. Darauf lag ein Brett und auf dem Brett ein Puzzle, das einem schon beim bloßen Ansehen Kopfschmerzen bereitete. < Die Skyline von Frankfurt in dreitausend Teilen > stand auf der Schachtel.

Schritte auf dem Flur rissen Lilo aus ihren Gedanken. Sie kamen näher, die Stimme von Eugen Hofer wurde lauter, gefolgt von unterschiedlichem Gemurmel.

Verzweifelt suchte sie nach einem Fluchtweg. Lilo entdeckte eine weitere Tür, öffnete sie und wollte eintreten um sich zu verstecken, blieb allerdings auf der Schwelle stehen.

Auf einmal bekam sie wahnsinnige Kopfschmerzen. Ein penetranter Geruch aus Lack und Farben raubten ihr den Atem.

Ein Kabuff, klein wie eine Schuhschachtel und … was sie erblickte warf sie vollkommen aus der Bahn. Sie ging einen Schritt zurück und schlug die Tür mit einem lauten Knall wieder zu. Ihr wurde von der Duftwolke ganz schwindelig.

Die Migräne klopfte bereits an ihre Schädeldecke, ihre Schmerzen wurden unerträglich. Sie halluzinierte. Lilo fiel in Ohnmacht, sank der Länge nach auf den Boden. Diagnose: Leichte Gehirnerschütterung!

Nur ein paar Minuten später wurde sie von Eugen und den Jungs, bepackt mit weiteren Hochzeitsgeschenken, gefunden.

Er wirkte sehr wütend als er den Notruf absetzte. Was hatte Lilo hier zu suchen und was hatte sie gefunden?

Mit einem Nervenzusammenbruch, Gedächtnisverlust rund um das traumatische Erlebnis, wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert und musste die Nacht dort verbringen.

Lilo hatte für den Abend der Hochzeitsfeier ein wasserdichtes Alibi.

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200 p. 1 illustration
ISBN:
9783754177976
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