Read the book: «Das wunderbare Licht, in dem wir leben»
Elmar Mitterstieler
Das wunderbare Licht, in dem wir leben
Elmar Mitterstieler
Das
wunderbare Licht,
in dem
wir leben
Gleichheit, Würde
und Priestertum
aller in der Kirche

Zugeeignet allen, denen das eine priesterliche Volk Gottes am Herzen liegt.
Imprimi potest
P. Gernot Wisser SJ, Provinzial
Wien, am 6. Oktober 2010
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
2. überarbeitete Auflage 2012
© 2011 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter-verlag.de
Umschlag: Peter Hellmund (Foto gettyone)
Druck und Bindung: Druckerei Friedrich Pustet, Regensburg
ISBN 978-3-429-03391-0 (Print)
ISBN 978-3-429-04551-7 (E-book)
Inhalt
Vorwort
Einführung
1. Eine Bewusstseinslücke und ein Ressentiment
2. Eine neue Gesellschaft: Wert und Würde aller
Priester im Neuen Testament
1. Der Hebräerbrief: Der eine Priester, das eine Opfer und die Opfer der Christen
2. Im Gefolge von Ex 19,4–6
a) 1. Petrusbrief
b) Priester in der Offenbarung des Johannes
3. Kultisch-priesterliche Bildsprache im übrigen Neuen Testament
4. Älteste, Vorsteher, Episkopen, Hirten, Leiter von Gemeinden
5. Beginnender Wandel im Opfer- und Priesterverständnis in der Folgezeit
Aus Wasser und Geist zu Priestern geweiht
Freier Zugang
1. Freier Zugang für alle
2. Abba – Vater
3. Karl Rahner: »Die Würde deines Gebetes«
4. Methoden reichen nicht
5. Thérèse Martin: Ein ganz kleiner Weg
6. Priesterliche Vollmacht
Selbstgabe
1. Gott ist Selbstgabe
2. Das Opfer Jesu: sein Priestertum einzigartiger Selbstgabe
3. Unsere Opfer: unser Priestertum der Selbstgabe im Alltag
4. »ihr ganzes Leben«
5. Unsere und der Kirche Selbstgabe in der Liturgie der Kirche
Vergebung
1. Das christliche Priestertum dient nicht der Versöhnung Gottes
2. Gott versöhnt von Mensch zu Mensch
3. Die Alltagsmünze unseres Glaubens
4. Vergebung ist Ostern
5. Ungerechte Fesseln lösen
Verkünden
1. Der »Geist der Verkündigung« in allen
2. Seid, was ihr seid!
3. Im Konkreten des Alltags
4. Liturgie und Pastoral
5. Die Frauen
6. Verkündigen und Heilen
Vermittlung
1. Vermittlung in den Evangelien – ein Modell
2. Fürbitte ist liebevolle Zuwendung
3. Fürbitte im Alltag
4. Fürbitte in der Liturgie
5. Liebe: Die Vermittlung, die wir selber sind
6. Die Vermittlungskompetenz der Kirche
Könige und Propheten
1. Prophetinnen und Propheten
2. Herrschen
3. Würde
4. Verantwortung
Der Presbyter im priesterlichen Volk
1. Presbyter
2. Mich tröstet, was ich mit euch bin
3. Mit euch bin ich Christ
a) Aus Wasser und Geist
b) Freier Zugang in Unmittelbarkeit
c) Selbstgabe
d) Vergebung
4. Die Gnade und das Heil – Zur Spiritualität des »Weltpriesters«
Sigel
Anmerkungen
»Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat« (1 Petr 2,9).
»Christus liebt uns … er hat uns die Würde von Königen gegeben und uns zu Priestern gemacht für den Dienst vor seinem Gott und Vater« (Offb 1,5f.).
Vorwort
Vor 35 Jahren durfte ich, wenige Jahre nach meiner eigenen Weihe zum Presbyter, einige jüngere Mitbrüder in den Exerzitien vor ihrer Weihe begleiten. Ich erinnere mich aus diesen Tagen einzig und allein an eine Frage, die mir einer von ihnen stellte: »Warum redest du so viel von der Taufe? Wir bereiten uns doch auf die Priesterweihe vor!« Ich habe demnach meine Sichtweise auf das grundlegend Gemeinsame hin anscheinend schon sehr früh entwickelt. Sie hat mich begleitet, mich beschäftigt und sich durchgehalten auch durch 20 Jahre Spiritualstätigkeit in mehreren Priesterseminarien und ist bis heute in mir da, und zwar dringlicher denn je. Diese Sicht ist es auch, die zu der vorliegenden Veröffentlichung drängt, die immer das Gemeinsame – das Menschsein und das Christsein – als Grundlage und Quelle aller Differenzen, aller verschiedenen Berufungen und Dienste im Auge zu behalten sucht, um daraus zu leben, um daran Maß zu nehmen und Orientierung zu finden.
Mit jeder Seite, ja mit jeder Zeile des vorliegenden Buches erfülle ich mir einen lang geträumten Wunsch. Meiner inneren Vorstellung nach möchte es schon seit vielen Jahren geschrieben sein. Vielleicht ist nun doch der gegenwärtige Zeitpunkt günstig, da er uns zu manchem Umdenken zwingt. Ich bin überzeugt, dass es hoch an der Zeit ist, ernsthaft und konsequent in Reflexion und Gebet, im diskursiven Gespräch, in Leitung und Gemeinde dem hier angesprochenen Thema nachzugehen.
Uns allen in der Kirche, Großen und Kleinen, ist bezüglich unseres gemeinsamen Priestertums – sit venia verbo – der »Floh« des Neuen Testaments und des Zweiten Vatikanischen Konzils »in den Pelz gesetzt«. Er meldet sich ja immer wieder im Laufe der Kirchengeschichte, und er meldet sich wiederum gerade in unseren Tagen, ermutigt eben durch das letzte Konzil – von manchen abgeschüttelt oder möglichst gar nicht bemerkt; für manche unangenehm und möglicher Infektion verdächtig; für viele freilich immer noch so etwas wie ein kleiner Gefährte, der nicht aufhört, sich in Erinnerung zu bringen, mit Hoffnung verbunden. Man mag ihn nicht beachten wollen, man mag sich daran reiben oder ihn begrüßen. Ich selbst meine jedenfalls entschieden, dieser neu erwachten »Irritation« nachspüren und einen Verständnisvorschlag anbieten zu sollen. In der Tat geht es bei dem, was uns da in den Pelz gesetzt ist, um ein Geheimnis der »Kleinen« (Mt 18,10), die wir alle sind, Große und Kleine ausnahmslos, und damit wesentlich um die Art und Weise, wie wir Ferment und Sauerteig sind in der Welt. Wir könnten auch sagen, es handelt sich um einen verschwundenen Fluss, dessen Wiederauftauchen die Kirche im letzten Konzil wahrgenommen und als Quelle neuen Lebens zu fassen begonnen hat.
Die folgenden Seiten beanspruchen nicht mehr, als ein Versuch zu sein. Ein Versuch, den ich sehr dringlich ins Gespräch oder zur Diskussion stellen möchte. Denn ich bin überzeugt, dass dieses Anliegen unter uns allen in der Kirche schon geraume Zeit in Bewegung kommen will.
Zu besonderem Dank bin ich meinem Freund Univ.-Prof. Dr. Martin Hasitschka SJ, Professor für Neues Testament an der Theologischen Fakultät Innsbruck, verpflichtet, der mir seine sorgfältigen exegetischen Arbeiten – zum Großteil noch vor ihrer Drucklegung – großzügig zur Verfügung gestellt hat. Ohne die verlässlichen Ergebnisse dieser Arbeiten wäre mir die Abfassung des vorliegenden Buches nicht möglich gewesen. Den vielen, im Orden und außerhalb, die mich durch Ermutigung und Anregungen unterstützt haben, bin ich sehr zu Dank verpflichtet, auch wenn ich sie hier nicht namentlich nennen kann.
Einführung
1. Eine Bewusstseinslücke und ein Ressentiment
Unser Bewusstsein, so lebendig und weit es sein mag, weist doch immer auch Lücken auf. Es ist wie eine Landschaft, die wir täglich in Licht und Schatten durchwandern, deren größerer Teil jedoch im Dunkeln, im Untergrund, am Grunde des Meeres liegt – je tiefer, desto weniger sichtbar. Wir verdrängen. Wir vergessen. Wir kennen uns weithin selbst nicht. Sehr ausgedehnte und wichtige Anteile unseres Selbst sind unserem Bewusstsein nicht oder nur auf dem Wege eines lange andauernden und oft schmerzhaften Prozesses neuer Aufmerksamkeit zugänglich. Vieles von dem, was dem Kind noch bewusst war und was es erlebt hat, ist abgesunken und kann oft nur mühevoll wieder zu Tage kommen. Umgekehrt lag vieles, was der Erwachsene in sich selbst entdeckt, noch außerhalb des kindlichen Bewusstseins. Und so kann auch, was einmal ans Tageslicht des Erwachsenenbewusstseins kam, wieder auf den Grund absinken. Es gibt auch die Dinge, die wir bewusst nicht mehr wissen wollen und deshalb zur Seite schaffen, die wir ad acta legen und nicht mehr anschauen wollen, weil es weh tut, dass sie niemals wirklich eine Chance bekommen haben. Mit einem Wort, unser Bewusstsein weist oft erhebliche Lücken auf, die nicht selten auf etwas Wichtiges hinweisen, das sich unter dem Bewusstseinsspiegel verbirgt.
Solches Vergessen und solche Verdrängungen gibt es auch in Gemeinschaften und größeren sozialen Gebilden. Man vergisst und verdrängt prekäre Phasen der Vergangenheit. Man vergisst und verdrängt aktuelle Probleme. Man will übernommene historische Aufgaben und Verpflichtungen nicht wahrhaben. Man kann oder mag die eigene Identität nicht mehr recht erkennen und begreifen. Plausibilitäten büßen ihre Einsichtigkeit ein und schwinden. Übereinkünfte verlieren an Wirksamkeit und Substanz.
So kann es auch in religiösen Gemeinwesen geschehen, z.B. in Bezug auf den aktuellen Zugang zu einem wichtigen Charisma einer Ordensgemeinschaft. Selbst in der Kirche kann über ganze Zeiträume hin manches unter oder bis nahe an die Bewusstseinsgrenze absinken. Sie verliert dabei freilich nicht die Integrität der Wahrheit, die ihr verheißen ist. Doch ist sie deshalb vor einseitigen Akzentuierungen und auch längerfristigen Bewusstseinseinschränkungen und Verdrängungen1, bedingt durch ihren menschlich-geschichtlichen Weg, nicht gefeit und kann so in mancher Hinsicht auch über größere Zeiträume an Lebendigkeit einbüßen – was wohl z.B. Johannes XXIII. damals empfand, als er es in Verbindung mit dem von ihm einberufenen Zweiten Vatikanum für notwendig erachtete, die Fenster der Kirche zu öffnen.
Eine solche Lücke in unserem christlichen Bewusstsein begegnet uns bei jeder Taufe. Sie wird jedes Mal angerührt durch die Worte, die begleitend zur Salbung der Getauften mit dem Weiheöl der Kirche, dem (besonders bei Taufe, Firmung, Ordination bedeutsamen) »Chrisam« gesprochen werden; Worte, die eine erste Ausdeutung dessen sind, was soeben in der Taufe geschah: »Aufgenommen in das Volk Gottes wirst du nun mit dem heiligen Chrisam gesalbt, damit du für immer ein Glied Christi bleibst, der Priester, König und Prophet ist in Ewigkeit.«2 Hier wird den Getauften etwas zugesprochen, das nur spärlich in unser christliches Bewusstsein hinein entfaltet wird. Und wenn, dann eher im Sinne eines daraus folgenden Verpflichtungscharakters als im Sinne einer Sein und Würde schenkenden Wirklichkeit.
Dass wir, jede und jeder Getaufte, durch unsere Gemeinschaft mit Christus Priester sind und Könige und Propheten – wo oder wie begegnet uns das? Und wo oder wie erfahren und erleben wir es? Es sind Worte, die kaum einen Widerhall finden in unserer christlich-kirchlichen Lebenswirklichkeit, die meist wie ungehört in uns wieder verklingen, die nicht eingelöst werden und in unseren Gemeinden und Gemeinschaften, ja im Raum der Kirche überhaupt allzu oft keine wirkliche Rolle spielen.
Im Zuge des Fensteröffnens hat das Zweite Vatikanische Konzil3 diese de facto weithin verschollene Wirklichkeit wieder ins Bewusstsein gebracht: »Christus der Herr … hat das neue Volk ›zum Königreich und zu Priestern für Gott und seinen Vater gemacht‹ (vgl. Offb 1,6; 5,9–10). Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften zu einem geistigen Bau und einem heiligen Priestertum geweiht …« (LG 10). Uns allen wird hier im Rückgriff auf die Hl. Schrift zugesagt, wer und was wir durch die Taufweihe sind. Wunderbares, das an uns durch die Taufe geschehen ist und geschieht, wird wie aus einer Vergessenheit für uns alle wieder ins Wort und ans Licht gebracht.
Dennoch wurde vom kirchlichen Amt aus bis in die jüngste Zeit vielfach nicht sehr gerne vom gemeinsamen Priestertum aller Glaubenden gesprochen. Man fürchtet(e) wohl unter anderem, am eigenen Ast zu sägen durch einen eventuell damit verbundenen Achtungsverlust vor dem amtlichen Priestertum, seinem Sinn und seiner Notwendigkeit – was sich wiederum, so weiter die Befürchtung, hemmend auf den ohnehin schon geringen Priesternachwuchs auswirken könnte. Ich selbst bin freilich keineswegs der Meinung, dass dies – jedenfalls auf weitere Sicht – der Fall wäre. Denn das Bewusstsein und die Nutzung des Reichtums und der Fülle unseres Christseins können das Leben der Kirche und die Freude am Dienst nur fördern.
Doch immer häufiger leiden wir heute innerkirchlich an einem »wechselseitigen Ressentiment« zwischen Priestern – »Lieblingssöhnen«, denen es freilich nicht mehr so gut geht und deren Zahl trotz vieler Bemühungen bei uns jedenfalls stark rückläufig ist – und »Laien«, die »permanent in einem sekundären Status« mit mangelnder Letztverantwortung sind. Zweifellos ist diese nun schon Jahrzehnte andauernde spannungsgeladene Situation nicht zuletzt bedingt durch fundamentale Wandlungsprozesse in unserer (westlichen) Gesellschaft, in denen sich z.B. die Wahrnehmung von Autorität zu Gunsten von Authentizität verändert (hat) und demokratisch-gleichrangige Verfasstheiten mehr und mehr an die Stelle von hierarchischen und Standesordnungen getreten sind. Diese Entwicklung kann und konnte nicht an der Kirche, die ja in diesem Äon und seinen Epochen lebt, und an ihren Menschen vorbeigehen.
Das Zweite Vatikanum hat – gewiss u.a. auch in Wahrnehmung solcher gesellschaftlicher Wandlungen – alle in der Kirche ohne Ausnahme in dem einen »Volk Gottes« zusammengeführt und geeint, wenn auch diese Einigung noch vieler Bewusstseinsarbeit und Willigkeit bedarf. Und in diesem Volk haben alle, auch die, die nicht Amtsträger oder Ordensleute sind, »zu ihrem Teil« einen pastoralen, einen Hirten-Auftrag für die Welt und für einander. Denn sie sind »durch die Taufe Christus einverleibt, zum Volk Gottes gemacht und des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi auf ihre Weise teilhaftig« (Lumen gentium Nr. 31). Wenn auch die Ausdrücke »auf ihre Weise« und »zu ihrem Teil« sozusagen im selben Atemzug um die Abgrenzung zum Presbyterat bemüht sind, so ist hier doch ein unerhört großer Schritt getan. Denn jede/-r Getaufte hat, so die Sicht des Zweiten Vatikanums, ganz schlicht und ohne Wenn und Aber an der Fülle des königlich-priesterlichen und prophetischen Amtes Christi teil!4 Trotzdem und vielleicht gerade deshalb besteht noch immer viel Ressentiment beiderseits. Ich bin überzeugt, dass ein gutes Stück des Weges in einer anspruchsvollen, weil wesentlichen Besinnung auf das Gemeinsame liegt. Einen gewissen Impuls zur Bewusstmachung gibt z.B. Papst Benedikt XVI. selbst in seinem Schreiben zum Jahr des Priesters, in dem er zwar das amtliche Priestertum in seiner Bedeutung überaus stark herausstellt, jedoch auch dazu einlädt, das gemeinsame Priestertum aller mitzubedenken, und die Gelegenheit nützt, um »das Feld der Zusammenarbeit zu betonen, das immer mehr auf die gläubigen Laien auszudehnen ist, mit denen die Priester das eine priesterliche Volk bilden und in deren Mitte sie leben, um kraft des Weihepriestertums alle zur Einheit in der Liebe zu führen, ›indem sie in Bruderliebe einander herzlich zugetan sind, in Ehrerbietung einander übertreffen‹ (Röm 12, 10). In diesem Zusammenhang ist an die lebhafte Aufforderung zu erinnern, mit der das Zweite Vatikanische Konzil die Priester ermutigt, die Würde der Laien und die bestimmte Funktion, die den Laien für die Sendung der Kirche zukommt, wahrhaft [zu] erkennen und [zu] fördern … Sie sollen gern auf die Laien hören, ihre Wünsche brüderlich erwägen und ihre Erfahrung und Zuständigkeit in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Wirkens anerkennen, damit sie gemeinsam mit ihnen die Zeichen der Zeit erkennen können.«5
Sosehr diese Worte auch angesiedelt sind innerhalb der strengen Gliederung von Presbytern und »Laien«, so ist damit auch von amtlicher Seite die Begegnung mit dem Thema dieses Buches angesagt. Die Zeit dafür ist reif.
Ein wichtiger Punkt – allzu oft eine unserer Bewusstseinslücken – muss in diesem Zusammenhang noch genannt werden. Wenn wir unser gegenwärtiges konkretes Leben betrachten, ist nicht zu übersehen, dass unsere »Gesellschaft ihre Geschlechterordnung umbaut, und zwar ohne Zweifel in Richtung so urchristlicher Werte wie Gerechtigkeit und Fairness«, und dass dies den Druck der erwähnten Spannung wohl erheblich verstärkt. Wir können kirchlich nicht daran vorbeischauen. Werden wir uns positiv zuwenden und öffnen können, in Konsequenz der Haltung des Zweiten Vatikanums? Dieser »Umbau« betrifft nicht nur die größere Hälfte der Kirche, sondern uns alle. Er kann zwar im Zusammenhang dieses Buches nicht ausdrücklich zum Thema werden. Denn mir ist bewusst, dass ich strukturell keine Lösungen anbieten kann. Aber der Weg in Offenheit und gemeinsamer Bewusstseins- und Erfahrungsbildung ist zu gehen, und was da werden will, geht in allem, was ich zum »Gemeinsamen« und »Gleichen« und seiner Bewusstwerdung sagen möchte, mit.6
Besonders schwer wiegen die Bewusstseinslücken und Vergessenheiten im Bereich der menschlichen und christlichen Würde. Dementsprechend weiß sich dieses Buch, soweit es nur vermag, dem biblischen »Ethos und Pathos unbedingter Würdigung«7 verpflichtet.
2. Eine neue Gesellschaft: Wert und Würde aller
»Eine neue Gesellschaft ist zu errichten für das Menschengeschlecht, dem eine neue Würde und eine neue Zukunft geschenkt wurde, als der Sohn Gottes in Maria Mensch wurde und für die Sünden seines Volkes starb. In dieser neuen Gesellschaft – die nicht größer ist als ein Senfkorn und doch so kraftvoll und wirksam wie ein Sauerteig – behauptet jeder Mensch seinen unantastbaren Wert und seine Würde als Individuum.«8
Basil Hume OSB (1923–1999; Abt, Erzbischof von Westminster und Kardinal)
Seit Jahrzehnten bewegt und beschwert es mich, dass dem christlichen Volk zu großen Teilen eine Zusage und eine Berufung nicht wirklich bewusst werden kann, die zu seiner Identität, seinem Leben und seiner Würde unabdingbar gehört: nämlich sein Priestertum. Es handelt sich um das Priestertum des ganzen Volkes und um das Priestertum eines jeden und einer jeden Einzelnen darin. Die Bedeutung und Würde dieses Priestertums wird in der Schrift sogar durch das Wort »königlich« unterstrichen. Königliches Priestertum des ganzen christlichen Volkes und aller Einzelnen! Und so spärlich im Bewusstsein!
Der Schmerz richtet sich als Erstes weniger auf das »königlich«, denn es geht ja nicht darum, hoch hinauszuwollen. Er richtet sich zunächst und vor allem auf das wenig zur Geltung gebrachte Priestertum aller Glaubenden, das, wie schon gesagt, eher unbewusst und verdrängt erscheint, nur mit wenig Spielraum und Kompetenz in seiner Bedeutung wahrnehmbar. Das »königlich« ist freilich dann doch wieder insofern wichtig, als es deutlich auf die besondere und hohe, jedoch weithin wenig gewürdigte Würde aller Glaubenden aufmerksam macht.
Wie ist es möglich, dass eine solche Kostbarkeit vergessen oder verdrängt wird? Es ist nicht meine Absicht, dem ganzen geschichtlichen Werdegang nachzugehen. Offensichtlich ist, dass jedenfalls in der römisch-katholischen Kirche das Wort »Priester« seit langer Zeit besetzt, d.h. so gut wie ausschließlich in Gebrauch ist für jene, die durch entsprechende Ordination und Bestellung mit diesem Amt betraut sind. Auch dem Inhalt nach ist vieles vom gemeinsamen Priestertum des ganzen Volkes von da in den amtlichen Bereich der Kirche gewandert. Manches davon wird, so hoffe ich, im Lauf der Lektüre deutlich werden. Viel auch von der Würde aller hat sich dorthin bewegt. Dabei geht es keineswegs um äußere Würdezeichen und Insignien, sondern um das beglückende Wissen des Volkes Gottes, wer es in Christus ist und welchen Wert und welche Bedeutung es vor Gott und in der Welt und für die Welt hat. Nicht selten bestätigt ein Blick in die Gemeinden den Mangel eines solchen Sinn gebenden Bewusstseins.
Viele Christen freilich kommen dem entgegen und möchten gar nicht »mehr«, allzu oft, weil sie nicht wissen (durften?!), wer sie sind. Sie möchten einfach vieles abgeben und delegieren und möchten z.B. zur eigenen Entlastung Priester für sich bestellen oder bestellen lassen, damit diese tun, was den »normalen« Menschen und Christen zu überfordern scheint. Aber kann es denn wirklich sein, dass man das amtlich fördern oder gar für die eigene Position nützen will? Das Zweite Vatikanum hat das Priestertum des ganzen Volkes Gottes wieder bewusster zu machen und hervorzuheben begonnen. Wenn es eine Entfaltung des Offenbarungsund Lehrgutes in der Kirche gibt – und es gibt sie! –, dann ist auch selbstverständlich damit zu rechnen, dass es eine positive Geschichtlichkeit im Sinne einer Entfaltung des christlichen Bewusstseins und Selbstbewusstseins geben darf, und zwar ebenso gebieterisch und vorangetrieben durch den Geist Gottes wie aus der Sache selbst heraus. Und ebenso selbstverständlich gilt hier wie dort, dass der Geist der Zeit und das Lebensgefühl und der Bewusstseinsstand der Menschen dabei sehr wohl eine Rolle spielen. Die jüngsten Ereignisse haben uns gezeigt, wie sehr die Kirche auch angewiesen ist auf die Sensibilität und klärende Hilfe »von außen«. Es gibt ja in unserer Zeit ganz allgemein ein sehr breites und waches – freilich ebenfalls nicht selten versagendes – Bemühen um Wert, Würde und Recht von Völkern, Volksgruppen/Ethnien, Gemeinwesen bis hin zum einzelnen Menschen, das gegenseitige Anregung und Hilfe, Korrektur und Zusammenarbeit ermöglicht.
Gerade dieses letzte Konzil hat uns auf manches positive Zusammenspiel zwischen dem Leben der Kirche und dem Leben und den Bestrebungen der Menschen in ihrer profanen Alltagswelt achten gelehrt und hat dem mit großer Wachheit und Einfühlung positiv Rechnung getragen. Es hat »die Zeichen der Zeit« gesehen und verstanden und hat dies in Worten zum Ausdruck gebracht, die bis heute ihre Kraft nicht eingebüßt haben: Die Jünger Christi teilen »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art … Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet« und »erfährt … sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden« (GS 1). Der Kirche obliegt »allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten … Schritt für Schritt entdeckt (der Mensch) die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens und weiß doch nicht, welche Ausrichtung er ihm geben soll« (GS 4).
Die Kirche steht also nicht nur Entwicklungen gegenüber, sie steht auch selbst, ebenfalls suchend nach Sinn und Ausrichtung, mitten in diesen Prozessen. Und sie weiß das. Sie hat sich im Zweiten Vatikanum, die gesellschaftlichen Veränderungen positiv aufgreifend, bewusst als »Volk Gottes« verstanden – mit einem biblischen Begriff, der das bis dahin bevorzugte biblische Bildwort »Leib Christi« weitestgehend ablöste. Es ist ja durchaus so, dass uns durch »Zeichen der Zeit« sehr oft erst die Augen geöffnet werden für das, was Gott uns heute jeweils durch die Schrift aktuell sagen will. »Volk Gottes« also werden wir genannt – nicht mehr im Sinne eines Volkes, das seiner Leitung (den Häuptern sozusagen) gegenübersteht, sondern als ein Volk, zu dem auch die Glieder der Leitung grundsätzlich gleich in gemeinsamer Berufung gehören. »Volk Gottes« wird der »Grundlagenbegriff der Kirche … Das gilt für alle in der Kirche und alle haben grundsätzlich gleichen Anteil an diesem Volk.« Doch indem sie so die Gesetze ihres eigenen Lebens neu entdeckt, hat die Kirche zwar die Deutlichkeit der Konzilsworte und ist doch wiederum suchend und »weiß doch nicht, welche Ausrichtung« sie nun diesem ihrem Leben »geben soll.« Sie musste und muss die ganze Mühe und Länge der Nachkonzilszeit durchwandern und vermag immer noch nicht in allen ihren Lagern Freude zu finden an der Aufwertung des Menschen- und des Christenwertes, die durch das Zweite Vatikanum geschehen ist. Sonst müsste nicht ein Buch wie dieses geschrieben werden als ein Plädoyer für diese Freude.9
Die Frage nun nach der Christenwürde, der ich auf diesen Seiten nachgehe, bezieht sich naturgemäß zunächst auf den Raum des Christentums, den Raum der christlichen Kirchen, speziell auf den der römisch-katholischen Kirche. Doch die Würde, die Menschen in einem bestimmten Bereich, z.B. hier in Religionsgemeinschaften, gewinnen, hat Bedeutung für die wachsende Gewinnung der Menschenwürde und ihre Sicherung überhaupt. Beide haben einander etwas zu geben. Die Menschenwürde nimmt die Christenwürde unter ihren Mantel und umgekehrt: Die Erkenntnis unserer Würde als Christen durch Jesus – unsere Jesus-Würde – macht uns zugleich sensibel für unsere Würde als Menschen und für die allzu oft »anonyme«, ja oft sogar entwürdigte Würde aller Menschen in und mit ihm.
»Eine neue Gesellschaft«, so das Zitat von Basil Hume, mit dem ich dieses Kapitel begonnen habe, »ist zu errichten für das Menschengeschlecht, dem eine neue Würde und eine neue Zukunft geschenkt wurde, als der Sohn Gottes in Maria Mensch wurde und für die Sünden seines Volkes starb«. Nicht weniger als eine »neue Gesellschaft« ist angemessen, dieses Geschenk an das Menschengeschlecht, diesem zugute, aufzunehmen! Eine neue Gesellschaft, mag sie auch »nicht größer (sein) als ein Senfkorn und doch so kraftvoll und wirksam wie ein Sauerteig«. Und daran soll man sie erkennen: In ihr »behauptet jeder Mensch seinen unantastbaren Wert und seine Würde als Individuum«.
Von ihrem Beginn an ist die Kirche diese »Neue Gesellschaft«. Und doch sind das Worte, die uns ein wenig den Atem nehmen. Ist es wirklich möglich, dass da von ihr, der Kirche, die Rede sein will? Das Christentum hat von allem Anfang an aus der Dynamik Jesu von Nazareth die Erkenntnis und die Praxis der Menschenwürde, des Wertes und Rechtes eines jeden Menschen mit vorangetrieben. Viel zu langsam und mit viel zu vielen grausamen Verirrungen, sagen wir heute im Rückblick. Jede einzelne dieser Verirrungen ist zu viel. Und doch hat das Christentum, streckenweise auch hinter sich selbst zurückbleibend, Erkenntnis und Praxis der Menschenwürde mit vorangebracht. Ich kann das in diesem Rahmen nicht genauer belegen. Es wäre ein eigenes Thema. Die für uns jetzt wichtigste Frage ist, ob, wie und wie bald die Kirche sich den gegenwärtigen Herausforderungen, was Wert und Würde des Menschen betrifft, gewachsen zeigt. Wir haben es jüngst erlebt, wie sehr in ihr und durch sie auch die Würde von Menschen verletzt werden kann.
Wenn einfache Christen, die ja immer noch und nicht selten unter ihrem Wert und ihrer Würde gesehen und behandelt werden, den »Geist der Verzagtheit« (2 Tim 1,7) überwinden und ihren unantastbaren Wert und ihre Würde, als Individuum und in Gemeinschaft, bewusster und deutlicher zu erkennen und zu behaupten beginnen, wenn sie also dazu zu stehen beginnen – tun sie damit recht, oder müssen sie dann hören: »Ihr nehmt euch zu viel heraus«? (Num 16,7) Möchten doch alle im gesamten Volk Gottes ihren unantastbaren Wert und ihre Würde als Individuum behaupten können! »Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte« (Num 11,29). Zugleich ist, um Missverständnissen vorzubeugen, klar und deutlich zu sagen: Es geht keineswegs um eine Konkurrenz zum – unerlässlichen! – Presbyteramt. Es geht um viel mehr. Es geht darum, dass die Glocken gut angeschlagen werden und nicht die eine oder andere unbeachtet immer übersprungen wird. Es geht für uns alle um das Glück und den hohen Auftrag des Christseins, um das leise Anschlagen unserer königlich priesterlichen und prophetischen Würde und Kompetenz mit Christus, wie sie uns allen persönlich und gemeinsam in der Taufe geschenkt und in der Salbung mit dem Chrisam als Zeichen der Würde der Christusgemeinschaft zugesprochen und zugeeignet ist.
In den letzten Jahren wird von dem noch jungen 21. Jh. als von einem »Jahrhundert der Laien«10 gesprochen.11 Die Grundlage für eine solche begrüßenswerte Perspektive kann nicht nur der Mangel an Presbytern sein, sosehr dieser nach bisher nur schwer in den Blick zu bekommenden Lösungen ruft. Zweifellos ist in dem Wort von einem solchen Jahrhundert auch nicht an einen »Handstreich« des christlichen Volkes gegenüber seinen Amtsträgern gedacht, sondern vielmehr an einen Aufbruch der ganzen Kirche. Die Perspektive eines solchen Jahrhunderts ist nur möglich auf der Basis eines Bewusstseinswandels des ganzen Volkes Gottes, auf der Basis also eines Einverständnisses aller im Bezug auf das, was allen gemeinsam ist. Mit Freude wäre einem Jahrhundert entgegenzusehen, in dem alle Getauften bewusster aus dem einen ihnen allen gemeinsamen Priestertum lebten, mit entsprechendem Lebensraum dafür. Die Perspektive einer solchen Epoche betrifft also – und das darf nicht übersehen werden – nicht nur die »Laien«, sondern ganz ebenso die mit einem Amt in der Kirche / in den Gemeinden Betrauten. Denn Volk, griech. λαός – laós, und damit »Laien« in der Schule Gottes sind wir ja alle gemeinsam.
Ein wichtiger Hinweis auf diese Zusammengehörigkeit findet sich schon ganz am Anfang unseres Glaubens: Dort stehen weder hier Priester/Leitung noch dort Volk/Gemeinde. Vielmehr stehen da Menschen, die Jesus in seine Nachfolge, seinen Dienst und seine Gemeinschaft gerufen hat. Diese Menschen – nicht nur »die Zwölf« hervorgehobenen und Apostel genannten, sondern auch weitere Jünger und Jüngerinnen – sind in den Evangelien sowohl als glaubendes, hörendes und liebendes, in die Schule und Erziehung Jesu genommenes Volk als auch in verschiedener Weise als Offenbarungszeugen und -zeuginnen, als Beauftragte, Bevollmächtigte, zukünftige Leitungsverantwortliche angesprochen. Sie sind mit allen ihren Stärken und Schwächen, die auch die unseren sind, auf dem Weg mit Jesus, hinter ihm her. Sie sind kein »Klerus«! Das ganze Volk Gottes, das in ihnen mit Jesus auf dem Weg ist, ist Anteil (κλ
ρος) des Herrn. Viel zu tief ist die Gemeinsamkeit, die Verbundenheit mit uns allen in ihrer offen einbekannten menschlichen Bedürftigkeit auf ihrem Glaubensweg mit Jesus. Viel zu nahe sind sie uns auch im Bekenntnis ihrer eigenen Schwäche. Sie sind zuallererst Menschen und Christen auf dem Weg, der Jesus ist. Das ist ihre Lebensquelle, die sie ganz erfüllt und dankbar und glücklich macht und sie urmächtig zum Zeugnis drängt. Wie viel mehr hat uns doch in allen christlichen Generationen die selbst eingestandene und weitererzählte Verleugnung und Umkehr des Petrus geholfen als alle Bestrebungen des Erhabensein-Wollens in der Kirchengeschichte bis heute. Welche Geschichte einer Liebe! Das oft zitierte Wort des Bischofs Augustinus, dem wir weiter unten nochmals begegnen werden, ist und bleibt erstaunlich zutreffend: »Wo mich erschreckt, was ich für euch bin, tröstet mich, was ich mit euch bin. Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ. Jenes bezeichnet das Amt, dieses die Gnade; jenes die Gefahr, dieses das Heil.« Im Gemeinsamen also liegen die Gnade und das Heil. Ein Jahrhundert der »Laien«, eine Belebung des Priestertums aller könnte uns allen viel Gnade und Heil bewusst und zugänglich machen.
Das Zweite Vatikanum hat das Bild einer Communio-Kirche, einer Kirche des einen »Volkes Gottes« entworfen, in fundamentaler Gleichheit aller, das Bild jener »neuen Gesellschaft«, wie sie von Anfang an war, in der ein Kirchenbild mit einer Gliederung wie z.B. in eine »lehrende« (Klerus) und eine »hörende« (Laien) Kirche keinen Platz mehr hat. Hörende Kirche sollten vielmehr alle sein und werden! Und ebenso lehrende im Sinne des Lebens und Weitertragens der Botschaft.
»Eines ist also das auserwählte Volk Gottes: ›Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe‹ (Eph 4,5); gemeinsam die Würde der Glieder aus ihrer Wiedergeburt in Christus, gemeinsam die Gnade der Kindschaft, gemeinsam die Berufung zur Vollkommenheit … und ungeteilt die Liebe … Es ist also in Christus keine Ungleichheit aufgrund von Rasse und Volkszugehörigkeit, sozialer Stellung oder Geschlecht; denn ›es gilt nicht mehr Jude und Grieche, nicht Sklave und Freier, nicht Mann und Frau; denn alle seid ihr einer in Christus Jesus‹ (Gal 3,28; vgl. Kol 3,11) … alle (sind) zur Heiligkeit berufen … Wenn auch einige nach Gottes Willen als … Hirten für die anderen bestellt sind, so waltet doch unter allen eine wahre Gleichheit in der allen Gläubigen gemeinsamen Würde und Tätigkeit zum Aufbau des Leibes Christi« (LG 32). Das sind Konzilsworte, die noch verbreitet in der Kirche bis hinein in manche Seelsorgepraxis nicht wirklich Boden gewonnen haben. Allein schon atmosphärisch wäre sonst vieles anders.
»Kreative, gleichrangige, wechselseitig wertschätzende Verhältnisse« müssen entstehen, damit das Geschenk des Selbstverständnisses der Kirche als das eine »Volk Gottes« bewusst werden kann. Das ist Auftrag der Kirche und ergeht in erster Linie an das Leitungsamt selbst, also an diejenigen, die im Dienstamt des Presbyters stehen. Denn sie haben die größere Möglichkeit und Mächtigkeit des Gestaltens. Das vorliegende Buch möchte ein Impuls und Beitrag dazu sein, diese Verantwortung wahrzunehmen. Denn ich bin auch überzeugt, dass mit der wirksamen Entdeckung und Wahrnehmung des gemeinsamen Priestertums aller Glaubenden zugleich »die spirituelle Notwendigkeit und das geistliche Geschenk, das im Amtspriestertum steckt«, wieder deutlicher erkennbar wird.12
Unsere gemeinsame Hoffnung verleiht uns ein »stolzes Bewusstsein«, so übersetzt die Einheitsübersetzung in Hebr 3,6. Das ist ein Kennzeichen dieser neuen Gesellschaft. Es verbindet uns alle, ob Amtsträger oder nicht, auf unseren Herrn gestellt in gleicher Weise.
Priester im Neuen Testament
»Priester« ist ein kultischer Begriff, der der Sache nach in vielen Religionen eine auch sozial bedeutsame Rolle spielt. Uns interessiert hier vor allem seine Bedeutung im biblischen Kontext.
»Der Priester (ἱ∈ρ∈ύς) ist im Volk Israel und in der religiösen Umwelt von damals eine vertraute Gestalt, eine Person, die eine besondere Funktion im sakralen Bereich eines Tempels hat (Leitung kultischer Zeremonien, Darbringung von Gebeten und Opfern [vgl. Hebr 5,1]), die Zugang zum Heiligen (Heiligtum [ἱ∈ρόν] und Allerheiligstes als Ort besonderer Gottesnähe) besitzt, sich im kultischen Sinn einem Gott nahen darf und dabei die Rolle eines Mittlers zwischen Gott und dem Volk einnimmt.«13
Aus diesem Bereich kommt also der Priesterbegriff, den das Neue Testament in seiner späten Zeit im Bezug auf Jesus und die Glaubenden als Metapher (als Bildwort) anwendet. »Metapher« deshalb, weil es Jesus, indem es ihn z.B. als Hohenpriester bezeichnet, nicht in die Reihe der alttestamentlichen Priester und Hohenpriester stellt, sondern ihn auf dem Weg eines Vergleiches in seiner Unterschiedenheit und im Grunde Unvergleichlichkeit und so in seiner Einmaligkeit und als Erfüllung aller Vorausbilder darstellt: Er ist Priester auf eine einmalige, nie da gewesene und letztgültige Weise. Und die Glaubenden sind es mit ihm.
Da geht es um den Zugang, den freien Zugang zu Gott, in Unmittelbarkeit; um die Befähigung zur Vermittlung, also Mittler zu sein zu/bei Gott; es geht ums Darbringen, ums Opfern-Können auf kompetente und wirksame Weise. Eng damit verbunden ist das Versöhnen und Vergebung Erwirken und so den ersehnten Frieden Herbeiführen. Eine interessante Beobachtung soll hier als Zwischenbemerkung eingefügt werden. Nicht in den Bereich der Priester-Metaphern des Neuen Testamentes fällt es meines Wissens, Weisung zu erteilen (vgl. etwa Jer 18,18: »Denn nie wird dem Priester die Weisung ausgehen …«) und Wortverkündigung oder etwa die Leitung einer Gemeinde. D.h. wohl, dass wir da mehr in den Bereich des Apostels, des Propheten, des Lehrers kommen und in den der Ältesten, der Vorsteher und Episkopen. »Priester«, »Prophet« und »König« sind nicht miteinander zu vermengen, haben aber dennoch einen inneren Zusammenhang. »Priester« und »König« können z.B., wie in der Offenbarung des Johannes, eine feste und sicherlich nicht zufällige Verbindung eingehen.
1. Der Hebräerbrief: Der eine Priester, das eine Opfer und die Opfer der Christen14
Die genannten priesterlichen Attribute können, wie der Hebräerbrief – spät und als einzige Schrift im Neuen Testament – zeigt, auf Jesus Anwendung finden. Freilich in einmaliger Weise. Er hat uns durch seine Hingabe in den Tod den Zugang zum Vater erschlossen, ja er ist, als unser »Vorläufer«, selbst für uns dieser Zugang »ins Allerheiligste«, hinter den »zweiten Vorhang« (9,3), »vor Gottes Angesicht« (9,24). Es ist ein unmittelbarer Zugang für alle Glaubenden, vermittelt nur durch ihn, der sie – einen jeden und eine jede – für immer dahin mitnimmt. Denn er hat auf seinem Weg hinter den Vorhang das Hindernis unserer Sünden auf sich genommen und weggeräumt, indem er »ein für allemal … sich selbst darbrachte« (7,27) Hier begegnen wir einem Schlüsselwort dieser Anschauung Jesu als Priester: Es sind nicht irgendwelche, nicht die konventionellen Opfer, die er bringt, und wären sie noch so kostbar. Er hat vielmehr sich selbst dargebracht! Der Begriff »Opfer« hat sich dadurch radikal verändert. Selbstgabe ist seither, mag es auch noch so viele Einzelmomente und Einzelschritte darin geben, das Einzige, das letztlich Leben und Tod christlich verändert. Seine Selbstgabe und unsere mit ihm. Diese einzigartige priesterliche Kompetenz Jesu, aus der die priesterliche Kompetenz aller Glaubenden sich herleitet, wird uns noch besonders beschäftigen.
Zu der Art und Weise, wie Jesus uns freien Zugang (Eph 2,18; 3,12) ins Allerheiligste verschafft, gehört wesentlich, dass er »der Sohn« ist, dass er also an sich schon bei Gott (d.h. in der kultischen Sprache, die hier gewählt ist, »im Allerheiligsten«) zu Hause ist. Um uns alle aber dahin mitzunehmen, muss er und will er unser Todesschicksal der Sünde teilen, indem er, diesen Weg mit uns und für uns gehend, sich selbst darbringend »mit seinem eigenen Blut ein für allemal in das Heiligtum« hineingeht, um sein »Volk zu heiligen« (Hebr 9,12; 13; 12). Denn »er musste in allem den Brüdern/Schwestern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hoherpriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen« (2,17). »Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt« (5,8), den wir verlernt hatten und so schwer wiederum lernen – nicht irgendeinen, sondern den elementaren unserer Existenz. Obwohl er »der Sohn« und also bei Gott zu Hause war, ist er mit uns unseren mühsamen Weg in sein Haus gegangen und hat uns so diesen Weg eröffnet, um uns aufzunehmen in seine einmalige Beziehung und Stellung zu/in Gott.
Und wenn es noch so mühsam wurde, er hat uns dabei immer als Brüder und Schwestern angesehen, als Söhne und Töchter seines Vaters mit ihm. Seine Gemeinschaft mit uns, für die er sich vor seinem Vater entschieden hat (»Siehe, ich und die Kinder – die Brüder und Schwestern –, die Gott mir gegeben hat« 2,13) und für die er bis zum Äußersten, bis zur Hingabe seiner selbst geht, offenbart uns durch die Liebe, mit der er das tut, eine Weise der Versöhnung und der Vergebung, die wir annehmen können. So bewirkt seine freiwillige Lebenshingabe für uns »ein für allemal« Sündenvergebung und »ewige Erlösung«. Indem er so unsere Gottesbeziehung heilt und uns als Geschwister annimmt um jeden Preis, und sei es auch um den Preis seiner selbst, schafft und verkündet er Frieden, Frieden »den Fernen und … den Nahen« (Eph 2,17).
Als Antwort auf die erlösende Selbstgabe Jesu können und sollen auch wir »Opfer« darbringen. Jesus selbst ist durch seine Hingabe zum Altar unserer Hingabe geworden. Unsere Opfer sind nicht solche, die uns Erlösung und Heil erwirken könnten oder müssten, denn das ist ja schon ein für allemal durch ihn geschehen. Es sind vielmehr Opfer des Lobes und des Dankes: »Durch ihn also lasst uns Gott allezeit das Lobopfer darbringen, nämlich die Frucht der Lippen, die seinen Namen preisen« (Hebr 13,15; Hos 14,3). Unser Weg zur Heimatstadt (es ist dies das für den Hebräerbrief charakteristische Bild von der Kirche als dem wandernden Gottesvolk), den wir mit Lob und Dank auf unseren Lippen gehen, ist der von ihm vorausgegangene: »Lasst uns also zu ihm hinausziehen außerhalb des Lagers (dorthin, wo die Tierkadaver verbrannt werden, »deren Blut vom Hohenpriester zur Sühnung der Schuld in das Heiligtum gebracht wird«: 13,11) und seine Schmach tragen« (13,13). Denn Jesus hat »außerhalb des Tores« (13,12) gelitten (an der »Schädelstätte«; auch das Heiligtum Israels auf seiner Wüstenwanderung, das Bundeszelt, war »für sich außerhalb des Lagers«, »in einiger Entfernung« aufgeschlagen: Ex 33,7). Und noch ein weiteres Opfer, das wir auf unserem Weg mit Jesus darbringen sollen, wird hier genannt: »Vergesst nicht, Gutes zu tun (das entsprechende griechische Wort »Wohltun, ∈ὐποιία« nur hier im NT) und mit andern zu teilen (wörtlich: die Gemeinschaft), denn an solchen Opfern hat Gott Gefallen« (13,16). Nur an diesen zwei Stellen im Hebräerbrief ist also von Opfern, die die Christen darbringen, die Rede – und diese sind keine kultischen Opfer. Lobopfer, Wohltun und Gemeinschaft – darin vergegenwärtigt sich das eine Opfer, die Lebenshingabe Jesu. Das ist es, was uns zu geben und darzubringen von ihm geschenkt und aufgetragen ist.
2. Im Gefolge von Ex 19,4–6
»Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe. Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören. Das sind die Worte, die du den Israeliten mitteilen sollst« (Ex 19,4–6).
a) 1. Petrusbrief
Der 1. Petrusbrief zitiert Ex 19,4–6 nach der griechischen Übersetzung des Alten Testamentes, der sog. Septuaginta (LXX). In 1 Petr 2,9 finden wir die entsprechende Zusage an die christliche Adressatengemeinde: »Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.« Daran angefügt sind in V. 10 zwei Worte aus dem Propheten Hosea (1,9.6): »Einst wart ihr nicht sein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk; einst gab es für euch kein Erbarmen, jetzt aber habt ihr Erbarmen gefunden.« Zuvor wird in V. 5 das Thema der Priesterschaft schon einmal angesprochen: »Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen.«
Die Zusage richtet sich an die Christen, die damals verstreut in relativ kleinen Gemeinden lebten, als das Volk, das völlig neu durch Gottes freie Erwählung in Jesus entstanden ist. Angesprochen ist nicht mehr das jüdische Volk, das alte Israel, sondern ein neues Volk aus Juden und Heiden aus allen Völkern. An diesem neuen Volk erfüllt sich jetzt die alte Zusage an Israel in Ex 19: besonderes Eigentum Gottes zu sein, ein auserwähltes Geschlecht und ein heiliger Stamm (obwohl es keine gemeinsame leibliche Abstammung mehr gibt!). Heilig, weil – wie schon in Ex 19 – der Erwählende heilig ist, der es für sich aussondert, und weil Jesus es ist, auf den dieses neue Volk sich aufbauen lässt zu einer heiligen und königlichen Priesterschaft. Die Bedingung in Ex 19 »wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet« wird nicht mehr genannt, denn im Glauben an Jesus Christus hat die Zusage für immer ihre absolut verlässliche Erfüllung gefunden.
In ihm also sind alle Christen zu einer heiligen und königlichen Priesterschaft erwählt, gegründet auf ihn, den »auserlesen kostbaren Eckstein« (1 Petr 2,6). Das betrifft zunächst das neue auserwählte Eigentumsvolk als Ganzes. Zugleich sind, selbstverständlich, auch die Einzelnen darin, die sich da »als lebendige Steine« zu einer solchen Priesterschaft »aufbauen« lassen (V. 5), Träger dieses Priestertums – beschenkt mit der königlich-priesterlichen Würde der Erwählung. In dem erwählten Volk gibt es »Presbyter« (Älteste), die eine Hirtenaufgabe in und an der Gemeinde haben und bei Gelegenheit dieses Briefes ermahnt werden, dieser frei und gerne und nicht als Herren über die Gemeinde nachzukommen; die Jüngeren sollen sich ihnen unterordnen, und allen gemeinsam wird ans Herz gelegt, einander in Demut zu begegnen (5,1–6). Diese Presbyter sind offensichtlich Teil jener Priesterschaft, die vom erwählten Volk als Ganzem gebildet wird. Es werden im Bezug auf sie keine eigenen priesterlichen Begriffe oder Konnotationen ausgesagt.
Der Auftrag an das gesamte erwählte königlich-priesterliche Eigentumsvolk, sein »Erwählungszweck« ist im V. 9 selbst so formuliert: »damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.« Jes 43,21 klingt hier an: »Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden.« Es tut dies, indem es in Sein und Wort und Tat das Große zum Leuchten bringt und weitersagt, was Gott an ihm getan hat. Spezifisch priesterlicher klingt in V. 5 die Aufforderung, sich »zu einer heiligen Priesterschaft« aufbauen zu lassen, »um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen.« »Geistige Opfer« kann hier, auch aus dem ganzen Kontext des Briefes, nicht kultisch verstanden sein, sondern vielmehr im Sinne der Hingabe der Existenz, einer dem Glauben entsprechenden Lebensführung, der Berufung aller zu einem Leben nach dem Beispiel und in den Spuren Christi (2,21ff.). Die kultisch-bildhafte Sprache von »Priesterschaft«/»Priestertum«/»heiliger, königlicher Priesterschaft« versteht sich also in einem nicht kultischen Sinn. Das »geistige Opfer« der Christen ist dementsprechend ihr eigenes, von Jesus Christus und seiner Lebenshingabe geprägtes Sein und Leben, das sie, in den verschiedensten Lebenssituationen, als auserwähltes Eigentumsvolk darbringen.
b) Priester in der Offenbarung des Johannes 15
Wie wir sehen, handelt es sich bei Jesus um ein Priestertum besonderer Art, das sich in allen Vergleichspunkten als einmalig erweist. Ebenso ist es auch im Bezug auf unser aller Priestertum. »Im Volk Israel wie in anderen Völkern kommt die Priesterwürde nur wenigen zu. Im Sinne der Offenbarung des Johannes haben diese Würde alle, und zwar als von Jesus Geliebte und Erlöste.« Jesus »liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut; er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott, unserem Vater« (Offb 1,5b–6). Jesus erlöst uns durch die Liebe seiner Lebenshingabe, »durch sein Blut«, von unseren Sünden. Der Blick richtet sich auf das Lamm, das dasteht »wie geschlachtet«, gewaltsam durch Menschen getötet. Das festzuhalten ist dem Autor der Offenbarung überaus wichtig. Er, Jesus, erlöst uns in seinem Blut und zugleich, im selben oder besser in seinem letzten Atemzug schafft er uns neu »zu einem Königreich« und »zu Priestern« – sein ganzes Volk, das er sich mit solchem Einsatz erworben und »erkauft« (Offb 5,9) hat. Durch das Blut seiner Lebenshingabe hat er uns alle zu einem königlichen Volk von Priestern geweiht (Taufweihe!), geweiht »zu Priestern vor Gott seinem Vater«. Das bedeutet: Er hat uns in seine einmalige und eigenste Gottesbeziehung aufgenommen, in seinen eigenen einzigartigen und unmittelbaren Zugang zu seinem Vater. Wir erinnern uns an das Wort Jesu, des Auferstandenen: »Ich steige hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott« (Joh 20,17). Die königliche und priesterliche Würde, die er seinem Volk und jedem und jeder Einzelnen darin schenkt, ist mit einem »Herrschen mit ihm« (Offb 5,10; 20,6; vgl. auch 2,26f.; 3,21!) verbunden, dem »König der Könige« (z.B. Offb 17,14), der durch seine Lebenshingabe, die in Tod und Auferstehung sich vollzieht, die Macht und Vollmacht erlangt hat, den endzeitlichen Gerichtsplan Gottes durchzusetzen – denn als »das Lamm, das geschlachtet wurde« (Offb 5,12), ist er allein würdig, »das Buch zu empfangen und seine (sieben) Siegel zu öffnen« (Offb 5,9). Das Herrschen der Erlösten mit Christus ist stärker als die Herrschaft des Bösen in dieser Welt. Zum Verständnis dieses Herrschens muss sehr klar angemerkt werden: »Nie ist von einem Herrschen über etwas die Rede oder über jemanden, der dann der Unterworfene wäre.« Es ist ein Herrschen »mit Christus«, dienend und erlösend, ein »königliches Verhalten« also, unverwechselbar im Sinne Jesu. Die Erlösten haben jedoch Priestertum und Herrschaft nicht nur auf dieser Erde, sondern auch als Auferweckte von den Toten: »sie werden Priester Gottes und Christi sein und werden herrschen mit ihm …« (Offb 20,6), dem »Erstgeborenen von den Toten« (Offb 1,5). Dass sie Priester sind, betont der gefüllte Ausdruck »Priester Gottes und Christi«, und endzeitliche Herrschaftsfunktion haben, das dient zur Beschreibung des Menschen in seiner himmlischen Vollendung. Ihr Priestertum, das sie auf dieser Erde innehatten, und ihre Herrschaft mit Christus als priesterliches Gottesvolk (vgl. Taufe / Firmung und Presbyterweihe) haben unauslöschlichen Charakter (»character indelebilis«). Ihr Lobpreis im Himmel klingt mit dem Lobpreis des königlich-priesterlichen Volkes auf der Erde in einem mächtigen, vielstimmigen, wechselchörigen »Halleluja«-Gesang zusammen (Offb 19,1–8).
Was das Königtum und das Priestertum der von Christus Erlösten betrifft und dass wir durch ihn »gekauft« sind, darin schließt der Autor der Offenbarung des Johannes an Ex 19,4–6 an, jedoch – anders als der erste Petrusbrief – in seiner hebräischen Form: »Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe und wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und euch zu mir gebracht habe. Und nun, wenn ihr willig auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, dann sollt ihr aus allen Völkern mein Eigentum sein; denn mir gehört die ganze Erde. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein.« Ich habe »euch zu mir gebracht«, denn ihr sollt »aus allen Völkern mein Eigentum sein«. Wie Gott sich auf einmaligen Wegen und in einmaliger Weise um sein Volk bemüht und es zu sich herbeigebracht hat, so hat Jesus »in seinem Blut Menschen für Gott erkauft (sodass sie also sein Eigentum sind) aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern«. Er hat die alttestamentlichen Verheißungen erfüllt, indem er uns »für unseren Gott zu einem Königreich und zu Priestern machte«. Schon das alttestamentliche Wort lässt allen priesterliche Würde zukommen, gibt also allen in gleicher Weise Zugang zu dem Heiligen, sodass sie sich unmittelbar Gott nahen dürfen. Es ist freilich ein in der Geschichte Israels gegenüber dem Tempelpriestertum offenbleibendes, an Bedingungen geknüpftes, in die Zukunft gerichtetes Wort, mit einem Anklang in Jes 61,6: »Ihr alle aber werdet ›Priester Jahwes‹ genannt werden, man sagt zu euch ›Diener unseres Gottes‹.« In der Offenbarung des Johannes wird nun jedoch die doppelte Bedingung von Ex 19,4–6, auf Gott zu hören und seinen Bund zu halten (vgl. auch 1 Petr 2,9), nicht mehr genannt. Wiederholt wird vielmehr hervorgehoben, dass jetzt die Erfüllung geschehen ist – nämlich durch die Lebenshingabe Jesu in seinem Blut. Sie ist die Grundlage für die königliche Würde und das gemeinsame Priestertum aller mit dem besonderen Zugang zu Gott und mit ihrer Herrschaftsfunktion schon jetzt in dieser Welt. Bleiben es trotzdem wiederum Zukunftsworte? Es liegt an uns, ob wir »den Worten des Buches dieser Prophetie« (Offb 22,19) Beachtung schenken und sie aufgreifen.
The free sample has ended.