Read the book: «Die Tage des Rauchs»
ELLIS AVERY
Die Tage des Rauchs
11. – 21. September 2001
Mit einer Nachbemerkung
von Sharon Marcus
Aus dem amerikanischen Englisch
von Alex Stern

Für die Toten, die von hier und die von dort. Und für Sharon, in Liebe.
Inhalt
8. September
Notfall
17. Januar 1983
Tagebuch
8., 9., 10., 11. September
Normalzeit
11. September
Auf den ersten Blick
Sehen kann, sehen konnte
Was ich vom Fenster aus sah
Sommer 1996
Es war einmal
11. September
Es ist kein Unfall
Nur wir selbst, noch mehr als sonst
Zwei Sekunden
Möglichkeiten
Was ist passiert?
Ich habe es noch nicht erwähnt
Glück
Das Schweißtuch der Veronika
12. September
Mittwochmorgen
Engine 1, Ladder 24
Die neue Welt
13. September
Widerstandsfähigkeit
Regel 434
Am Washington Arch
Gesammeltes aus der donnerstäglichen Stadt
Meine Doktorarbeit in PR
14. September
Der grausamste Tag
Gesund gemacht, was der Heilung bedurfte
15. September
Betäubt
16. September
Ein Linderungsmittel
Stummer Frühling
Union Square
Gemeinschaft
17. September
Radio am Montag
Etwas
Der Schlüssel der Träume
18. September
Notizen aus der Woche danach
Das Ausschlachten
Exklusivinterviews
Ein bisschen Hintergrund
19. September
Pilgerschaft
Was ich downtown sah
Ruhet in Frieden
Ein paar Worte zum üblen Geruch
Verfall
20. September
Lass die linke Hand nicht wissen
Der Wutaltar
Regnerisches Neujahr
Friendly Skies
Terrorismus
Kognitive Dissonanz
Ristorante Delfina
21. September
Wo sie auf’s Neue aufgeht
Nachbemerkung
8. September
Notfall
Auf der letzten Party des Sommers am Samstag nach Labor Day zeigte uns meine Freundin Kathy ein Foto von den zwei Jungs ihres Bruders. »Der da ist Christopher«, sagte sie. »Sechs Jahre alt. Und jetzt kommt’s: Mein Bruder hat mir letzten Winter erzählt, wie Christopher total sauer von der Schule nach Hause gekommen ist, weil« – Kathy imitierte ab hier das ernsthafte Mienenspiel eines Kindes – »im Musikunterricht ein paar Kinder ganz blöd gewesen sind und die Lehrerin alle in die Ecke gestellt hat, sogar die Kinder, die, wie er, gar nichts gemacht haben. – Mein Bruder hat dann gesagt, Christopher soll doch der Musiklehrerin mitteilen«, Kathys Stimme wechselte ins Elternhafte, »dass er natürlich weiß, dass es wichtig ist, die Disziplin der Klasse aufrechtzuerhalten, aber dass dabei seine Gefühle verletzt worden sind und er sich deshalb eine Entschuldigung wünscht. Aber dann war die Lehrerin am nächsten Tag nicht in der Schule, und noch einen Tag später hatten sie schneefrei. Christopher wirkte auch eigentlich gar nicht unglücklich darüber, dass er an diesem Freitag zu Hause bleiben konnte, aber Samstagvormittag hämmert jemand plötzlich an die Haustür und ruft: ›Polizei. Aufmachen.‹
Mein Bruder hing gerade vorm Fernseher und ging zur Tür, meine Schwägerin kam von oben runter, wo sie gerade meinen andern Neffen gebadet hatte. Und so standen sie dann also im Eingang, er in Boxershorts und sie im gammeligen Bademantel mit nacktem Baby auf dem Arm.
Der Polizist schaut sie sich von oben bis unten an und sagt: ›Wir wurden wegen eines Kindes gerufen.‹
Und da kommt Christopher auch schon eifrig die Treppe runtergetapert: ›Ist die Polizei da?‹ Und mein Bruder: ›Wie bitte? Hast du die angerufen?‹«
Kathy sprach jetzt mit dem weinerlichen Gesicht eines Sechsjährigen weiter: »›Musiklehrerin … in die Ecke gemusst … meine Gefühle verletzt … Entschuldigung … konnt ich ihr ja am Donnerstag nicht sagen … konnt ich ihr ja am Freitag auch nicht sagen … und im Notfall … ruf 911!‹
Als der Polizist zu dem Schluss gekommen war, dass mein Bruder und seine Frau wohl nicht wirklich ihre Kinder prügeln, hat er versucht, Christopher zu erklären, wann man einen Notruf tätigt und wann nicht: ›Okay. Also: Was ist, wenn das Haus brennt?‹
›Ich ruf 911 an.‹
›Richtig, sehr gut. Und was ist, wenn deine Gefühle verletzt wurden?‹
›Ich ruf 911 an.‹
Da schaut der Polizist zu meinem Bruder und sagt: ›Hier dran müssen Sie mit ihm noch ein bisschen arbeiten.‹«
17. Januar 1983
Tagebuch
Ich habe eine Sendung über Nostradamus gesehen. Er hat vor ungefähr 400 Jahren gelebt und viele Sachen vorhergesagt. Für die Zukunft sagt er eine große Hungersnot im Jahr 1986 voraus (da bin ich 14) und 1988 mehrere Erdbeben.
Das ist noch nicht alles. Er sagt einen großen Krieg voraus, der 1994 vom Nahen Osten ausgeht, und die Zerstörung von einer der Großen Neuen Städte. 27 Jahre Krieg, dann 1000 Jahre Frieden. Die Welt geht ungefähr 3700 unter. Ich ziehe bis dahin nach Kanada um. Nach der Sendung habe ich Bauchschmerzen bekommen.
8., 9., 10., 11. September
Normalzeit
Das letzte Wochenende. Jennifers Geburtstag, Central Park. Birnentarte, Champagner. Der geräucherte Fisch von Russ & Daughters lag auf seinem Wachspapier da wie eine rituelle Opfergabe: das Sakrament des Picknicks. Eine Ärztin. Ein Architekt. Zwei Kinder mit Engelslocken. Kathy erzählte Geschichten über ihre Familie.
Die Sonne sank. Die Motten stiegen auf. Wir gingen in die Wohnung der Ärztin, um das Finale der Frauen bei den US Open zu gucken; eine grandiose Venus, eine grandiose Serena.
Am Morgen hatten Sharon und ich Sex und hatten dann ineinander verschlungen gelesen. Ich fraß mich schnell durch Natalie Angiers Frau. Eine intime Geographie des weiblichen Körpers und traf mich abends mit der Lesezirkeltruppe – Sara, Katrin, Kathy, Asya, Melissa und Lee.
Cassy hatte es nicht geschafft, sie und Julian übten noch für ihr Interview bei der Einwanderungsbehörde am nächsten Morgen.
Bei Cupcakes, die Kathy so glasiert hatte, dass sie wie Brüste aussehen sollten, besprachen wir das Paarungsverhalten von Affen.
Am Montag arbeitete ich an einer Buchbesprechung für eine Zeitschrift. Für Dienstagmorgen hatte ich mir vorgenommen, Kopien von meinem Roman zu machen und zu versenden.
Sharon ging Dienstag um 6 Uhr früh los zur Arbeit nach Princeton. Ich konnte nicht wieder einschlafen, also machte ich mir Frühstück. Ich war erstaunt über die zarten Baumschatten an den Gebäuden auf der anderen Straßenseite. Ich lebe im East Village in Manhattan, und meine Fenster gehen nach Süden, so dass das Morgenlichtschauspiel früh da und schnell wieder weg ist. Normalerweise verpasse ich es. Ich ermahnte mich dazu, noch meine Stimme bei der laufenden Wahl abzugeben, und brachte das Manuskript zum Kinko’s-Copyshop am Astor Place. »Kommen Sie in einer Stunde wieder«, hieß es da, also ging ich in den K-Mart nebenan. Ich kaufte Toilettenpapier, eine Zahnbürste und Seife. Ich habe später auf meinem Kassenbon nachgeschaut: Die Uhrzeit darauf war Punkt 9 Uhr morgens.
11. September
Auf den ersten Blick
Ich ging aus dem K-Mart raus und schaute in den Himmel. Ein perfektes Septemberblau. Durchkreuzt von einer schwarzen Rauchwolke, die von rechts nach links über die Lafayette Street hinwegwaberte.
Die Stadtverwaltung konnte nicht beschlossen haben, die arme Kate Millet durch Ausräuchern aus ihrer Wohnung an der Bowery zu vertreiben, denn die Wolke zog in die falsche Richtung, aber gemessen an der Fülle des Rauchs musste etwas ganz in der Nähe in Brand geraten sein. »Das ist Broadway, Ecke Houston Street«, nahm ich an, ein Block parallel und acht nach Süden. Brannte das Angelika-Kino?
Nach einer Erklärung suchend sah ich mich um. Niemand sonst blickte nach oben. Dann ging ein Mann schnell an mir vorbei, der in sein Mobiltelefon sprach. »Gerade ist ein Flugzeug ins World Trade Center gekracht«, sagte er.
Ich dachte: »Aber das ist dreißig Blocks entfernt. Was für ein kranker Witz«, lief ihm trotzdem hinterher und zupfte ihn am Ärmel. »Stimmt das?«, fragte ich.
»Ja«, sagte er, ohne stehen zu bleiben.
Ich musste auf meine Kopien warten, also kaufte ich mir einen heißen Kakao und blieb, wo ich war, unter der schwarzen Würfelskulptur auf dem Astor Place. Bemerkten noch andere den Rauch?
Die meisten nicht. Das frühe Licht fiel auf Hunderte Gesichter von Menschen, die Richtung Broadway drängten oder Treppen hinabfluteten, um U-Bahnen zu erreichen. Männer schoben Besen oder trugen Aktentaschen, Schulmädchen knoteten ihre Uniformblusen hoch. Wahlkampfteams, zum Wahltag angetan mit ihren besten Sachen, verteilten Flyer für die Bürgermeister-Vorwahlen. Typen in einem Lieferwagen hupten Typen in einem Auto an. Frauen joggten vorbei und vollführten dann dieses komische Auf-der-Stelle-Weiterlaufen an den Fußgängerüberwegen. Und eine Studentin – als Rückblick auf den Trend von 1999 – stieß und stieß und stieß mit flatterndem Sommerkleid die Lafayette entlang ihren silbernen Roller an, ihr Gesicht in der Sonne wie noch heißes neues Glas. Der Astor Place sah aus wie ein Bild von Edward Hopper, seine unterschiedlich breiten hellen Flächen wuselnd voll an diesem makellos blauen Septembertag. Wenige Leute, meistens welche mit Mobiltelefonen, starrten hoch zu dem sich entfaltenden Horror, manche zeigten nach oben.
Und eine einzige Frau rannte, kämpfte sich durch, ihr feiner Schal wehte hin und her. Ich konnte von der anderen Straßenseite aus das Weiße in ihren Augen sehen.
Natürlich musste ich meine Kopien noch abholen. Ich war wie die anderen: eine Geisel meiner sogenannten Zukunft. Wir steckten weiter in der alten Welt, und diese Frau war schon in eine neue eingebrochen.
Sehen kann, sehen konnte
Ich kam in den Copyshop und hörte jemanden brummeln: »Scheiß Terroristen«.
»Das ging schnell«, dachte ich. »Woher will er wissen, dass es kein Unfall war?«
Ich wollte mit Kreditkarte bezahlen, aber die Frau sagte: »Alle unsere Verbindungen sind tot wegen dem, was gerade passiert ist.« Sie holte ein Formular hervor, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass es das gibt; ich füllte es aus, und sie sagte, sie würde die Zahlung später durchführen. »Hier war eben ein Mann«, sagte sie. »Der war zu spät dran gewesen für ein Meeting im World Trade Center und zitterte richtig.« Sie sah nach draußen. »Ich hoffe, es ist nicht so schlimm, wie’s aussieht.«
Das Ungeheuerliche dieses Morgens schlug sich bei mir zuallererst in einer logistischen Frage nieder: Von wo aus könnte ich am besten etwas sehen? Von wie weit weg? Von wie hoch? »Ich wohne im East Village; meine Fenster gehen nach Süden. Ich habe ja die zarten Baumschatten an den Gebäuden auf der anderen Straßenseite gesehen.« Ich hatte vergessen, und es fiel mir dann wieder ein, dass ich das World Trade Center von meinem Fenster aus jeden Tag sehen kann, sehen konnte.
Ich stieg vier Treppen hoch, setzte mein Zeug ab und ging in den vorderen Raum.
Was ich vom Fenster aus sah
Beide Türme brannten. Konnte das Flugzeug quer durch beide geschlagen sein?
Ich hatte nie darauf geachtet, wie schuppenartig ihre Fenster aussahen. Beide Gebäude sahen aus wie abbrennende Fische. Wie Jennifers geräucherter Fisch auf seinem Wachspapier, nur in Brand geraten.
Wie zwei Lungenflügel, nur in Brand geraten.
Wie zwei Bienenkörbe: intakte Zellen unten, zerstörte Zellen oben, eine orange Flammenschicht als Trennmarke zwischen vollständig und verwüstet.
Dann hüllte Rauch den Südturm ein, und weg war er.
Sommer 1996
Es war einmal
Vor fünf Jahren bin ich mit zwei Freundinnen hierhergezogen, Jan und Janna. Verliebt in unser neues Leben nahmen wir die U-Bahn rauf zu den Cloisters im Norden und runter zum Battery Park im Süden. Wir nahmen die schaukelnde Seilbahn über den Fluss nach Roosevelt Island, wir fuhren Kajak auf dem Hudson, wir spazierten über die Brooklyn Bridge.
Einmal nahmen wir spätabends den Aufzug zur obersten Etage des World Trade Centers. Es gab da eine Stelle, wo man kostenlos aus dem Fenster schauen konnte.
Die Welt, die wir sahen, war schwarz und blau und golden, Keile und Säulen aus hellen Fenstern und dunklem Stahl. Kleine, aber gut sichtbare Männer und Frauen machten Nachtschicht an ihren Schreibtischen, eingerahmt und erleuchtet wie byzantinische Heilige.
Die Bauten strahlten aufwärts, erhellten den Himmel und sich gegenseitig in der Höhe. Weit unten sahen wir winzige Straßen, deren bloße Namen schon – innerhalb einer Reißbrettstadt aus nummerierten Gebäudeblöcken und Fahrdämmen – schummrig, schmal und nach Dickens klangen: Old Slip, Coenties Slip, Thames, Vesey, Gouverneur und Maiden Lane. Von oben bildeten sie in der Nacht ein dunkles Filigran, eine Patina, aus der die leuchtenden Türme umso heller aufflammten.
All das machte uns ganz schwach vor Wonne. Als wir uns sattgesehen hatten, nahmen wir den Aufzug wieder hinunter, schauten hoch in dessen verspiegelte Decke und drehten uns mit ausgebreiteten Armen im Kreis. Und jede von uns sagte auf ihre Weise dieses Gebet an die Stadt, die wir eben gesehen hatten: »Ergreife mein Herz. Nimm mich mit.«
11. September
Es ist kein Unfall
Nachdem ich den Südturm verschwinden gesehen hatte, schaltete ich das Radio ein, und Sharon rief an. »Ich hab schon mal angerufen. Hast du meine Nachricht bekommen?«
»Ich hab keine Nachrichten abgehört; das World Trade Center stand in Flammen.«
»Das Pentagon haben sie auch getroffen.«
»Was für ein Pentagon? Gibt es in Manhattan einen fünfeckigen Park?«
»Nein, das Pentagon-Pentagon.«
»O Gott. Es sind also zwei Flugzeuge gewesen?«
»Nein, es sind drei Flugzeuge gewesen. In jeden Turm ist ein Flugzeug geflogen, und eins ins Pentagon.«
Mein Herz schlug heftig, und meine Hände wurden kalt und kribbelten.
»Auch wenn die Stadt nicht brennt«, sagte ich, »könnte es sein, dass sie Strom und Wasser abstellen. Ich sollte Essen besorgen. Rufst du mich in einer Dreiviertelstunde noch mal an?«
»Ich werd’s versuchen, aber ich krieg immer öfter Besetztzeichen.«
Ich griff gleich noch mal zum Telefon, um meine Mutter anzurufen, aber ich kam nicht durch.
Nur wir selbst, noch mehr als sonst
»Sharon?«, sagte ich, als das Telefon noch mal geklingelt hatte.
»Ich bin’s, Akiko. Bist du okay? Sharon auch? Und deine Freundinnen?«
»Ja, ja, bis jetzt ja. Und du? Und dein Mann?«
»Ja, ja. Bei uns sagt man, das ist kowai«, sagte sie. »Das ist gruselig.«
»Aha, kawaii bedeutet niedlich, aber kowai gruselig.«
»Ja, total andere Bedeutung. Ich würde immer noch gern morgen zu dir nach Hause kommen, allerdings nur vielleicht.«
»Vielleicht wird das ein bisschen schwierig. Vielleicht ein anderes Mal.«
»Ja, das würde mich freuen.« Sie machte eine Pause. »Meinst du, ich sollte heute den Kurs besuchen?«
»Vielleicht ist zu Hause bleiben besser«, sagte ich.
»Okay. Kiotsukete«, sagte sie, »mach’s gut.«
»Pass auf dich auf, Akiko-san«, sagte ich.
Akiko und ich erlernten zusammen die japanische Teezeremonie und halfen uns gegenseitig beim Japanisch- und Englischüben. Ich fühlte mich davon geschmeichelt, dass sie glaubte, ich würde wissen, was jetzt zu tun sei.
Ich dachte über sie da ganz allein in ihrer Hochhauswohnung in der 9. Etage nach. Wenn ihr Gebäude in Brand geraten würde, könnte sie in der Falle sitzen. Wenn der Strom ausfallen würde, müsste sie die ganzen Treppen runter. Und wenn sie aus ihrer Wohnung geflüchtet wäre, wäre es entsetzlich für sie, völlig allein und mit ganz gutem, aber nicht herausragendem Englisch ihren Mann suchen zu müssen. Ich dachte an den Teekurs, das flache Gebäude, den tief gelegenen Keller mit seinen Steinmauern, die vollkommene Ruhe der Lehrenden, die Anwesenheit anderer Japanisch Sprechender.
Beim dritten Versuch kam ich mit dem Anruf durch. »Vielleicht solltest du doch zum Kurs gehen«, sagte ich. »Vielleicht ist das sicherer. Kannst du deinen Mann anrufen und ihm die Nummer von dort geben?«
»Okay«, sagte sie. »Danke fürs Anrufen.«
»Kiotsukete«, sagte ich.
»Pass auf dich auf«, sagte sie.
Zwei Sekunden
Nach Akikos Anruf machte ich mich auf zum Einkaufen. Als ich losging, stand der Nordturm da wie ein Körper mit aufgesägter Brust und flammendem Herzen darin. Ich hörte die Sirenen durch die Second Avenue heulen und war mir immer noch sicher, dass die Feuerwehr ihn retten könnte.
Ich kaufte vier Liter Wasser, einen Liter Sprudel, tiefgefrorene Teigtaschen mit Shrimps (falls Herd und Kühlschrank weiter funktionieren sollten), einen Beutel Babymöhren, drei Joghurts, zwei Gemüsesäfte, einen Orangensaft und eine Packung Cracker. Und weil sie ja vielleicht meine letzten sein konnten, kaufte ich mir Leckereien: einen Becher Cashewmus, Toblerone, frische Feigen. Ich entdeckte noch eine Packung Kerzen und kaufte auch die.
Als ich so meine Einkaufskörbe füllte, sah ich ein ganz kleines Kind systematisch jeden einzelnen Schokoriegel anfassen, während die drängelnde Stimme einer Frau nach »Lucy! Lucy!« rief. Schließlich schnappte sich die Frau ihr Kind und rüttelte es kurz. »Ich dreh mich für zwei Sekunden um, und was passiert?«
Glotzend wie ein Survival-Yuppie stand ich mit meinen schweren Einkaufskörben an der Kasse hinter einem Mann, der völlig gelassen eine einzelne Chipstüte kaufte, und hinter Lucy und ihrer Mutter, die ein Trinkpäckchen und Blattsalat kaufte. Ich fühlte mich wie diese einsam rennende Frau vom Astor Place.
Als ich nach draußen kam, scharten sich auf dem Gehweg zwanzig Leute um einen Fernseher, und jemand filmte sie dabei.
Und auf dem Weg nach Hause sah mir ein Mann in die Augen ohne Flirtversuch. »Ist das nicht furchtbar?«, sagte sein Gesichtsausdruck. Sein Mitgefühl brannte sich mir irgendwie ein.
Und als ich oben auf der Treppe ankam und aus dem Fenster sah, war der Nordturm verschwunden.
Möglichkeiten
Der Himmel war voll mit schwarzem Rauch. Er rollte sich in ausgeprägten Formen, dick und beulig wie sich aufblähende Gehirne, voran. Ich schaltete das Radio ein, und Sharon rief wieder an.
Ein weiteres entführtes Flugzeug war außerhalb von Pittsburgh abgestürzt. Sie hatte eine halbe Stunde gebraucht, um durchzukommen.
»Im Radio sagen sie gerade, dass man nach Norden gehen soll, wenn man sich südlich der Canal Street befindet. Wenn die anfangen zu sagen, dass man weggehen soll, wenn man sich südlich der Houston Street befindet, verschwinde ich«, sagte ich. »Diese Mietsbruchbuden hier dürften abfackeln wie Papiertaschentücher. Sollte alles brennen, werde ich zum Central Park und da in den See gehen. Ich hab meine Computerfestplatte schon in einen Zipverschlussbeutel gepackt, und ich such gerade noch was, womit ich meine Brille an meinem Kopf festbinden kann. Das hört sich jetzt bestimmt alles total bescheuert an. Und klar, wenn das Feuer nach Norden umschwenkt, kann ich auch zur Teezeremonie gehen und mich da im Keller verstecken. Aber wenn jetzt noch ein Flugzeug ins Empire State Building kracht, könnte das Feuer gleichzeitig von Norden und von Süden kommen. Dann würde alles in der Stadt zusammenbrechen: Die gesamte Feuerwehr wäre downtown, es würde niemanden mehr geben, der hergeschickt werden könnte. Also müsste wohl ich zum Wasser gehen. Da gibt’s doch diese zwei dicken Styroporteile, die ich unter der Treppe gesehen hab. Ich könnte die zusammenbinden und über den East River nach Brooklyn surfen. Sollte ich die mal holen?«
»Ja.«
»Leg nicht auf. Bin gleich zurück. – Hi.«
»Hi. Hast du sie zusammengebunden?«
»Noch nicht.«
»Mach’s besser sofort. Haben wir irgendwas Wasserfestes?«
»Es gibt Klebeband«, sagte ich. »Mein Gott, das ist so verrückt.«
Wir saßen still am Telefon, hörten Radio und die Sirenen. Eine von uns sagte: »Es ist unerträglich, gerade jetzt nicht bei dir zu sein.«
Sharon war in ihrem Büro in Princeton, und Manhattan war abgeriegelt mit Ausnahme der Fähren und des Brückenübergangs für Fußgänger. Es fuhren keine U-Bahnen, auch keine New-Jersey-Transit-Züge.
Ich hätte über eine der Brücken nach Brooklyn gehen und da versuchen können, ein Taxi zu finden, das willens gewesen wäre, mich durch Brooklyn nach Staten Island zu fahren und über die Bayonne Bridge nach New Jersey. Aber was dann?
Ich hätte auch zu Fuß 173 Blocks überwinden und über die George Washington Bridge nach New Jersey kommen können. Aber was dann?
Oder ich hätte eine der Fähren über den Hudson nach New Jersey nehmen können. Aber was dann?
»Na ja, vom Flughafen Newark bis nach Princeton sind es 90 Dollar mit dem Taxi. Wenn du eins finden kannst.«
Unser Plan: Wenn sie Züge reinlassen, würde Sharon nach Hause kommen. Wenn sie Züge rauslassen, aber nicht rein, würde ich zu ihr kommen. Sollte Manhattan abgeriegelt bleiben, würde sie in New Jersey bleiben, und ich würde bleiben, wo immer es hier am sichersten wäre. Wir machten eine Liste von Orten in Princeton, wo sie bleiben könnte, und von Nummern, über die ich Kontakt aufnehmen könnte, alles nacheinander geordnet, falls wir uns jeweils dort nicht finden sollten. Angefangen mit Liz, meiner Lieblings-Englischlehrerin an der Highschool, und am Schluss das Novotel-Hotel an der Route 1.
»Ruf meine Mutter an«, sagte ich. »Und ruf Loudi in Brooklyn an, um zu sagen, wo du gerade bist. Nach Brooklyn kriege ich eine Verbindung, aber nicht zu dir.«
Ich rief dann alle Freunde an, die ich erreichen konnte. Das schnurlose Telefon fiel aus; ich benutzte eins mit Wählscheibe, das ich mal als Bühnenrequisit gekauft hatte. Meine Freundin Loudi rief mit Neuigkeiten von Sharon an: Sie hatte meiner Mutter eine Nachricht hinterlassen können, und sie hatte Liz erreicht, natürlich könnte Sharon bei ihr übernachten, auch wir beide könnten. Alles, was ich jetzt noch tun konnte, war, während der Rauch weiter emporquoll, am Radio abzuwarten, bis gesagt werden würde, dass ich zu ihr kann, dass die Züge wieder rausfahren.
Was ist passiert?
Neunzehn mit Teppichmessern bewaffnete Männer hatten die militärischen und wirtschaftlichen Zentren meines Landes angegriffen. Die zwei höchsten Bauten in meiner Stadt, jedes 110 Stockwerke hoch, waren in sich zusammengesunken, ihre Stahlkonstruktion war durch auf 1000 Grad erhitzte 90 000 Liter brennendes Kerosin zum Schmelzen gebracht worden. In Washington lag das (nach der Fabrik, in der die entführten Flugzeuge hergestellt wurden) zweitgrößte Gebäude der Welt, Sitz der größten Kriegsmaschinerie aller Zeiten, aufgeklafft und qualmend da. Es gab ein abgestürztes Flugzeug auf einem Feld in Pennsylvania. Wohin sollte das noch gelenkt werden?
Es brauchte so wenig. Nur ein Fingerschnippen, um unsere großen Flugzeuge in unsere großen Gebäude zu schubsen. Nur ein Flugticket und ein Teppichmesser. Alles andere hatten wir, der Feind, bezahlt.
Konnten Amputierte in den Zeiten vor der Erfindung der Narkose dazu in der Lage gewesen sein, bei ihrer Operation die sauberen Schnitte der Arztsäge zu bewundern? Meinem Mund entwichen tierhafte Laute, während ich dem schwarzen Rauch beim Aufsteigen zusah.
Ich habe es noch nicht erwähnt
Das Offensichtliche:
Menschen starben.
Panik ist so selbstbezogen.
Ich wartete am Radio. Da kam etwas von einem Mann, der die ganze Strecke bis zur 92. Straße nach Hause gelaufen war, mit ascheverschmiertem Gesicht und vollkommen durchgeschwitztem Anzug.
Da kam etwas von einem Mann, der aus seiner Wohnung geflüchtet war, nachdem ein Computer durch sein Fenster eingeschlagen war.
Da kam etwas von einem alten Paar, das sich über die Williamsburg Bridge geschleppt hatte. Sie meinten, in Brooklyn würde ihnen sicher niemand etwas antun.
Und dann kam etwas von einem Feuerwehrmann. Getötet durch einen herabfallenden Körper.
Ich schlug die Hände vors Gesicht. Der Rauch wand sich aufwärts, gebar sich weiterhin ununterbrochen selbst. Er wirkte scheußlich dicht; das lag an unseren modernen Gebäuden. Und dann fuhren die Züge wieder, aber nur runter von der Insel, nicht rauf.
Glück
Draußen auf der Straße war es unheimlich, keine Autos, aber viele stille Menschen, die in langsamen Duos oder Trios in südliche Richtung unterwegs waren. Die Restaurants waren geöffnet und voller sich sorgender Leute, die entweder allein dasaßen und in ihre Mobiltelefone sprachen oder beieinander und schwiegen. Alle Geschäfte, die Nahrungsmittel verkaufen, waren offen, alle anderen geschlossen.
Ich kaufte in einer vollkommen leeren Bäckerei Hamentashen für Liz und ihre Familie; die zwei Frauen, die dort arbeiteten, saßen aschfahl da und hörten Radio. Für die Zugfahrt kaufte ich mir Essen im japanischen Laden. Im Fahrstuhl nach oben zum Geschäft sah ich einen Mann Daumen und Zeigefinger so auf seine Nase legen, als würde er weinen. Mir selbst kamen auch die Tränen.
Wir stiegen aus dem Fahrstuhl aus, und im Geschäft alberte gerade ein nerviger Teenager auf Japanisch mit seinen Freunden herum. Für wen hielt der sich? Beim Bezahlen für mein Sushi heulte ich dann fast noch mal, weil es so entsetzlich war, so etwas Banales zu tun. Weil ich mein Leben weiterleben musste, weil dieser Teenager seins weiterleben musste.
Auf dem Bahnsteig in der U-Bahn-Station hörte ich drei Leuten zu, die aus dem Nebengebäude World Trade Center 7 evakuiert worden waren, das dann ein paar Stunden später zusammenbrach. Ein letzter Rest Unglaube in mir schrumpfte zusammen, während sie miteinander redeten. Es war wirklich passiert.
Ich war im ersten nach Stunden wieder fahrenden Zug. Müde Menschen füllten die Sitze und Gänge und behandelten einander rücksichtsvoll. Als wir aus dem Hudson-Tunnel herausfuhren, wandten sich alle zuerst nach links, um auf die sich über die Stadt erhebende Wolke zu starren. Dann holten die Männer rechts und links von mir ihre Telefone heraus.
Ich hörte mit, wie einer der Männer sagte: »Der Himmel hat noch nie so blau ausgesehen.«
Die Rauchsäule war schwarz und riesig. Bei Newark hatte sie ihre hirnartigen Beulen verloren, und bei Elizabeth war sie eine verwaschene graue Schmiere, die den halben Himmel einnahm.
Ich hörte mit, wie einer der Männer sagte: »Bleib in Panama, so lange du kannst. Und heb deinen World-Trade-Center-Ausweis auf. Den kannst du mal deinen Enkeln zeigen.«
Sharon holte mich zusammen mit Liz’ Mann Tom in der Station ab. Extrem erleichtert umfasste ich ihr feines Gesicht und strich über ihre langen Brauen. Ich legte meine Hand auf ihren warmen Nacken und küsste ihren herrlichen Mund. Und ich hielt sie fest und hielt sie fest. Wir waren so glücklich, am Leben zu sein, es war schon peinlich.
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