Read the book: «Problemzone Ostmann?»
Inhalt
Geleitwort von Matthias Platzeck
Der Ostmann ist anders und will es auch bleiben!
1. Der Ostmann ist durch 40 Jahre DDR geprägt, sein Erfahrungsvorsprung aus beiden deutschen Systemen macht ihn nachhaltig.
Ich bin ein ziemlich sozialer Mensch mit einem Faible für Gerechtigkeit
»Meine Kugel ist tausendmal schneller als ihr rennen könnt.«
FDJ* – diese drei Buchstaben gehören zu meinem Leben wie Vater und Mutter
Seit meiner Schulzeit lege ich als DJ Musik auf
Wenn wir uns streiten, streitet sie und ich höre geduldig zu
Die Seele der Demokratie ist die Liebe zum Kompromiss
Geschäft und Geld sind im Westen immer das Wichtigste
Was andere in der DDR nicht machen konnten, konnten wir machen
2. Die Arbeit ist für den Ostmann Sinn des Lebens, ein kulturelles Gut und nicht nur Mittel zum Geldverdienen. Der Betrieb war für ihn Lebensmittelpunkt. Aufgrund der Mangelwirtschaft lernte er gut zu improvisieren. Der Verlust von Arbeit führte zu Brüchen männlicher Identitäten.
Heute sehe ich die Plattenbauten positiv
Das Schicksal meint es wohl nicht gut mit ostdeutschen Männern
Der Westen kriegte gute Leute, die er sehr billig einkaufen konnte
Das Arbeitsamt meinte: »Eigentlich können wir Sie nicht vermitteln!«
Ich war nie für den Westen, obwohl ich gerne Whisky trinke
Vieles am Bildungssystem der DDR hätte man bewahren sollen
3. Für den Ostmann ist Familie selbstverständlich. Obwohl er Gleichberechtigung anerkennt, ist der Familienalltag im Wesentlichen weiterhin klassisch patriarchalisch organisiert.
Das sind Ossis, die können nichts
Mein großer Vorteil ist, in zwei Systemen gelebt zu haben
Ich hatte so viele Verwandte im Westen, aber keiner nahm mich auf
Für uns war die Familie am wichtigsten
Hartz IV hat mich manchmal in schiere Verzweiflung gebracht
Man musste immer gut mit den Konsumfrauen können
Ich habe nie Unterschiede zwischen meinem eigenen Kind und dem meiner Frau gemacht
4. Die Nichtanerkennung der Bildungsabschlüsse, Arbeitslosigkeit und entwürdigende Kämpfe um Arbeitsplatz, Einkommen und Rente führten zu anhaltenden Verletzungen.
In dieser neuen Gesellschaft kannst du nur als Einzelkämpfer bestehen
Dem Ostmann fehlt nicht die Individualität
Nimm nur die Kämpfe auf, die Aussicht auf Erfolg haben, wenn nicht, verlasse die Situation
Gott hat uns hierher gestellt, und wir wollen unsere Rolle wahrnehmen
Ich brauche zu Hause kein Heimchen, das auf meine Heimkehr wartet
Kontakt zu den Westverwandten wollte ich nicht abbrechen – mein Karriereende
Meine Eltern waren strenger als wir Eltern heute
Wenn wir gewonnen hätten, wäre es schlimmer gekommen
5. Die Erinnerung an die Armeezeit spaltet die Ostmänner. Für einen Teil war sie verbunden mit beruflicher Entwicklung, für einen anderen mit Demütigungen.
Ich wollte mit achtzehn die Enge meines Zuhauses unbedingt verlassen
»Wenn Ihre Frau nicht Mitglied der Partei ist, können Sie nicht Kommandeur werden.«
Wenn damals die Amerikaner nicht aus Thüringen abgezogen wären, wäre ich heute ein Wessi
Ich will keine Heldenbrust
Meine 16 Reisepässe hab ich nach der Wende im Tresor der Reisestelle gefunden
Ich bin ein Flüchtlingskind
6. Für die Mehrheit der Ostmänner ist die AfD keine Alternative. Sie verstehen, dass viele Ostdeutsche frustriert sind. Das Vertrauen in die Politik und parlamentarische Demokratie ist erschüttert.
Zum Glück ist Strom unpolitisch und farbenblind
Ich war der Mann für alles: Reinigung, Reparaturen, Gartenarbeit
Ich bin DDR-kritisch erzogen worden
In meinem Leben spielte Artistik immer die Hauptrolle
»Mit Risiken und Nebenwirkungen«: Ostmännliche Positionen zu Schwangerschaftsabbruch und Vaterschaftstest
»Problemzone Ostmann?« Plädoyer für eine Differenzierung des Diskurses über ›den Osten‹ im Allgemeinen und ›den ostdeutschen Mann‹ im Besonderen
Literaturverzeichnis
Glossar
ibidem Verlag, Stuttgart
Geleitwort
Ein spannendes Buch mit vielen offenen und versteckten Botschaften und Erkenntnissen. Nach den Unerhörten Ostfrauen nun die Männer – in großer Vielfalt und mit völlig unterschiedlichen Lebensentwürfen und Lebensläufen. Und hier liegt für mich eine der wichtigen Botschaften dieses Buches versteckt. Für viele westdeutsche Landsleute ist der Blick auf den Osten bis heute davon bestimmt, oder besser getrübt, dass oft relativ eintönige und einheitliche Biografien erwartet werden. Was soll es im Osten schon Spannendes gegeben haben? Welch ein Irrtum!
Zum zweiten finde ich es immer wieder interessant, wie viel Bestimmtheit für gelebtes Leben doch in den jeweiligen Ausgangssituationen und daraus resultierenden Motivationen enthalten ist. Immer wieder schimmert aus den Schilderungen sehr deutlich, dass die DDR eine Arbeitsgesellschaft war – vieles, auch im privaten Leben, rankte sich um den Betrieb, die Brigade.
Das Buch macht nochmal sehr deutlich, dass wir einem Irrtum unterliegen, wenn wir denken, dass 1989/90 eine neue Zeitrechnung bei null für alle begonnen hat. Es war eine politische und gesellschaftliche Zäsur, aber die Lebensläufe, die Biografien schrieben sich fort. Was nach diesem Einschnitt passierte, hing oft eng mit den Jahrzehnten davor zusammen – im Guten wie im Schlechten.
Man bekommt beim Lesen der einzelnen Geschichten eine Ahnung davon, was unser Bundespräsident Steinmeier meint, wenn er sagt, dass einen solchen Umbruch in seiner Wucht und Tiefe, wie ihn alle Ostdeutschen erlebt haben und verarbeiten mussten, kein Westdeutscher nach dem Zweiten Weltkrieg durchgemacht hat.
Auch deshalb ist es gut, was hier aufgeschrieben wurde – vielleicht wächst damit mehr Verständnis füreinander. Es sind zeitgeschichtliche Dokumente von bleibendem Wert.
Matthias Platzeck,
Ministerpräsident des Landes Brandenburg a.D.,
im Februar 2021
Der Ostmann ist anders und will es auch bleiben!
Was man über Ostmänner wissen sollte:
1. Der Ostmann ist durch 40 Jahre DDR geprägt, sein Erfahrungsvorsprung aus beiden deutschen Systemen macht ihn nachhaltig.
Norbert, Jahrgang 1955 | 4 Kinder, verheiratet in zweiter Ehe
Ost: Rinderzüchter, Baugeräteführer, West: Bauunternehmer, Wildtierzüchter
Kraftfahrer, Bauleiter, Haupttechnologe
Ich bin ein ziemlich sozialer Mensch
mit einem Faible für Gerechtigkeit
Ich lebte nicht allzu lange bei meinen Eltern. Sie trennten sich gerade. So kam ich zu meiner Großmutter in ein kleines Dorf bei Magdeburg. Meine Mutter studierte in dieser Zeit an der Universität. Das Dorf hat mich geprägt, die Sehnsucht nach dem weiten Land und nach Stille kommt vielleicht schon aus dieser Zeit. Meine Großmutter war ein einfaches Weiblein, mein Großvater arbeitete im Straßen- und Tiefbaukombinat in Magdeburg. Die Großmutter hatte früher bei der Post die Briefe ausgetragen. Das war nicht mehr notwendig. Sie hatte einen Hektar Spargelfeld, sich vier große Gärten aus irgendwelchen Schrebergärten ergaunert, dazu noch vier alte Häuser erworben, nichts Tolles, alte Bauernhäuser, die sie vermietet hatte. Sie war ein absoluter Spartyp. Mit dem Großvater ging es jeden Tag in die Gärten oder auf die Felder. Bei der Ernte gab's kein Abhauen. Erst nach dem Mittagessen kamen viele Freunde. Eine unbeschwerte Kindheit mit Wäldern und Feldern und Seen. Die enge Beziehung blieb bestehen, auch als ich in Berlin lebte. So fuhr ich in allen Ferien, bis ich 16 oder 17 Jahre alt war, allein mit dem Zug von Berlin-Schöneweide nach Magdeburg. Dort wurde ich abgeholt. Ich war einfach gerne bei meinen Großeltern. Die Tatsache, dass meine Großmutter mich mehr als ihren Sohn denn als ihren Enkel sah, begeisterte meine Mutter sicherlich nicht. Meinen Vater kannte ich nicht. Den lernte ich erst kennen, als ich 28 Jahre alt war. Inzwischen hatte er noch vier Kinder aus verschiedenen Beziehungen und einer Ehe. Nur mit einem Bruder pflege ich engeren Kontakt. Die anderen sehe ich gelegentlich, es ist nett und höflich.
Mein Dorfleben endete abrupt zu Beginn meiner Schulzeit. Diese begann ich in der neuen Familie in Berlin-Adlershof. Ich wusste gar nicht, dass meine Mutter mit einem neuen Mann verheiratet war. Und plötzlich hatte ich eine jüngere Schwester. Das Verhältnis zu meinem Stiefvater war von Anfang an etwas schwierig. Wir fanden nie zueinander. Beide Eltern waren beruflich sehr beschäftigt. Sie bemühten sich um uns. Aber miteinander gespielt wurde nie. Die Arbeit stand an erster Stelle.
Meine Schulzeit war für mich sehr interessant. Ich war zu Anfang ein ganz guter Schüler. Allerdings führte meine Aufmüpfigkeit in der Schule zu großen Konflikten in der Familie, sodass meine Mutter mir antrug, wegen der Neigung zum Land und zur Landwirtschaft einen solchen Beruf zu ergreifen. Dies war mit einem Umzug in ein Internat verbunden. So weit weg zu sein war wohl das Richtige für die ganze Familie. Ich war schon ziemlich renitent. So zog ich in eine kleine Stadt in der Nähe Berlins, um den Beruf des Rinderzüchters oder des Zootechnikers, verbunden mit dem Abitur, zu erlernen. So war die Familienzeit für mich mit 15 Jahren wieder vorbei.
Damit startete 1971 die große Freiheit. Eine wunderbare Zeit war dies in unserem Lehrlingsinternat mit einer Truppe von circa 200 Leuten. Wir wurden gute Freunde und unternahmen gemeinsam unheimlich viel, hatten ausgiebig Spaß, wohnten zusammen, tanzten viel. Wir erlernten einen interessanten, aber körperlich schweren Beruf. Wir 16-Jährigen arbeiteten in Zwölf-Stunden-Schichten. Die Kühe mussten ja regelmäßig gemolken werden. Die drei Jahre flossen schnell dahin. Allerdings hatte ich Schwierigkeiten mit dem Abitur. Mit 18, 19 Jahren wurde Schule zur Nebensache, zumal ich eine wunderhübsche Freundin hatte. So erlebte ich das letzte Vierteljahr vor dem Abitur gar nicht mehr in der Schule. Das führte dazu, dass man mich ausgiebig prüfte. Alle anderen wurden zweimal, ich wurde fünfmal geprüft. Und in Biologie fiel ich durch. Ausgerechnet in Biologie, wo ich vorher sehr gute Noten hatte, und nun wusste ich nicht, wie sich die Farne und Moose vermehrten. Vier Wochen später hat es funktioniert. Bei mehreren Besuchen der Lehrerin konnten wir die Lücken nacharbeiten, sodass ich das Abitur noch ablegen konnte.
Mir war klar, dass Rinderzüchter oder Milchproduzent nichts für mich ist. Das galt vor allem für die Zwölf-Stunden-Schichten, auch Weihnachten und Silvester. Zunächst musste ich aber noch anderthalb Jahre zur Armee. Erst sollte oder wollte ich zum Wachregiment der Stasi. Dann aber nicht mehr, und es gelang mir, mich dort zu entpflichten. Stattdessen wurde ich in die Nähe von Neuseddin eingezogen. Ich war kein guter Soldat, bin sehr oft nachts über den Zaun geklettert und nach Berlin zum Tanzen gefahren. Alles Militärische war mir immer sehr fremd. Ich habe nie verstanden, warum man es zu seinem Beruf machen kann, Leute totzuschießen.
Insofern ist mir der Antifaschismus deutlich näher. Faschisten und Militaristen halte ich mit ihrem politischen Ansatz einfach für schwachsinnig. Nach der Armeezeit kam ich kurz zurück in die Familie, wollte aber nicht mehr zu Hause wohnen. Da meine langjährige Freundin das auch nicht wollte, kamen wir zusammen. Sie wurde schwanger. Mit Kind bekamen wir in Adlershof eine Wohnung. So konnte ich mit 21 Jahren die Familie wieder verlassen. Die erste Ehe war nicht die große Liebe.
Da ich als Rinderzüchter nicht arbeiten wollte, suchte ich mir eine Arbeit auf dem Bau. Ich wurde Bauhelfer bei den großen Kränen. Beim Anhängen großer Lasten wurde ich schwer an der Nase verletzt, als der Kranführer nicht ganz aufmerksam war. Der Bauberuf wurde trotzdem der richtige. Es gab sehr viele Möglichkeiten, sich zu qualifizieren. Das nutzte ich und wurde Baugeräteführer. Bei Ladearbeiten auf dem Gelände des späteren Unfallkrankenhaus Berlin traf ich eine wilde Horde von Kraftfahrern. Die gehörten zum Tiefbaukombinat. Und sie überzeugten mich beim Frühstück, Kraftfahrer zu werden, weil man dort das Doppelte verdienen konnte. Ab 1976 arbeitete ich acht Jahre als Kraftfahrer. Immer öfter kamen leitende Leute auf mich zu und schlugen mir vor, Brigadier und Mitglied der SED* zu werden. Eine Brigade zu übernehmen bedeutete immerhin, 60 Leute in zwei Schichten mit 30 Fahrzeugen zu führen. Die Aufgabe klang interessant, aber zu diesem Zeitpunkt war ich an einer Mitgliedschaft in der SED überhaupt nicht interessiert. Das hätte wahrscheinlich zu Verwerfungen im Freundes- und im Kollegenkreis geführt, weil man so eine Sache kommunizieren muss. Bis dato war ich nicht durch große politische Aktivität aufgefallen. Allerdings war ich immer ein sehr sozialer Mensch. Ich sehe Ungerechtigkeiten sehr deutlich und engagiere mich. Mein soziales Gewissen ist stark ausgeprägt.
Partei- und Betriebsdirektor versuchten mich immer wieder zu überzeugen. Ich fand die sympathisch und ihre Argumente waren so überzeugend, dass ich mich nach bestimmt acht ergebnislosen Werbungsversuchen doch entschloss, die Parteizentrale aufzusuchen und zu sagen: »Okay, ich mache das.« Wenn ich mich entschließe, etwas zu machen, dann aus vollem Herzen und mit Leidenschaft. Wir waren kein einfacher Verein, sondern ein wilder Haufen mit unterschiedlichsten politischen Einstellungen. Mit der Brigadeleitung musste es unbedingt klappen. Die 60 Leute durften keinesfalls weniger Geld verdienen. Nach dem bisherigen System verdienten sie 1.100 Mark. Das klappte aber nur durch Betrug. Man hätte 18-mal sieben Kilometer durch Berlin hin- und herfahren müssen, was in acht Stunden nicht möglich war, aber jeden Tag auf den Zetteln stand. Alle wussten das. Mit meiner Entscheidung, die Brigade zu übernehmen und in die Partei einzutreten, war für mich klar, dass ich diese Methode nicht fortführen würde. Von diesem Tag an wurde nur noch das auf dem Arbeitsschein vermerkt, was wirklich geleistet wurde.
Ich hatte aber auch viele neue Ideen, um sinnlose Fahrten zu unterbinden. So schlug ich vor, eine kleine Zentrale in der Nähe der Baustelle aufzubauen, bestehend aus zwei oder drei Wohnwagen und einem Sanitärwagen. Ich übernahm die Arbeiten vor Ort und schlug vor, unsere Fahrzeuge mit Hängern auszurüsten, um nicht nur zwölf, sondern 20 Tonnen auf einmal zu transportieren. Später bat ich die Technologen, einmal auszurechnen, wie lange man denn für so eine Baugrube eines Hochhauses brauchen würde. Wenn wir es ein, zwei oder drei Tage schneller schafften, könnte man den Gewinn in DDR-Mark ausrechnen und vergüten. So entstanden für das Tiefbaukombinat ganz neue Objekt- und Brigadeverträge mit der Folge, dass meine Leute viel mehr Geld verdienten. Natürlich ging das nicht ohne Widerstände. Die Truppe war nicht homogen. Es gab schon Sprüche: »Du rote Sau, ich häng dich auf.« Es war ganz schön wild. Aber wir erhielten die höchste Auszeichnung der FDJ* auf einem Jugendfest – den Ernst-Zinna-Preis, verbunden mit 30.000 Mark Prämie. Das war das überzeugendste Argument. Danach waren wir eine echte Truppe, über ganze drei Jahre lang.
Parallel dazu wollte ich mein vergammeltes Abitur aufbessern. So habe ich mich zwei Jahre aus eigenem Antrieb in die Abendschule gesetzt, um die beiden Vieren in Biologie und Chemie zu verbessern. Mit Zweien bewarb ich mich für einen Studienplatz im Fernstudium an der Technischen Hochschule Leipzig in der Fachrichtung Technologie der Bauproduktion Tiefbau. Ich wurde angenommen. Dann begann etwas ganz Kurioses: Man bekam, wenn man im Betrieb arbeitete und studierte – das wäre heute unvorstellbar – 56 Studientage zur freien Verwendung, ohne dass jemand gefragt hätte, was man an diesem Tag genau machte. Ich war immer noch der Brigadier und jede sechste Woche war ich die ganze Woche in Leipzig oder in Berlin an der Uni. Und das viereinhalb Jahre lang, verbunden mit einem Kaderentwicklungsplan. Ich sollte nach Abschluss des Studiums Produktionsdirektor des Tiefbaukombinats werden. Mein Grundstudium absolvierte ich in Leipzig, das Fachstudium in Berlin an der Humboldt-Universität. Das waren noch einmal drei Jahre unbeschwerte Zeit mit 56 Studientagen, die schon mal Badetage wurden. In Vorbereitung meiner späteren Tätigkeit als Produktionsleiter wurde ich als Bauleiter eingesetzt, zuständig für die Verkehrsbauten des neuen Stadtbezirks Berlin-Hohenschönhausen. Der Verdienst ging damit von 700 auf 1.100 Mark hoch, was natürlich nicht so viel war, wie die Kraftfahrer bekamen. 1982 erreichte mich die Anfrage, ob ich nicht die Streckenbauabteilung für die Tatrastraßenbahnen*, einem Betrieb der Deutschen Reichsbahn, übernehmen wollte. Das schlagende Argument waren 340 Mark mehr Gehalt. Das hat mich interessiert, zumal ich ohnehin nicht Produktionsdirektor werden wollte. So wurde ich 1984 der Bauleiter für die Tatrabahnen.
Zu diesem Zeitpunkt zerbrach meine erste Ehe mit zwei Töchtern. Sie war aus meiner Sicht zerrüttet. Sicherlich trug dazu bei, dass ich mich kurz vorher in eine Kommilitonin verliebt hatte. So stellte ich für meinen Eintritt in die Tatra-Bauleitung die Bedingung, dass sie dort auch tätig sein kann. Sie wurde Disponentin und ich Bauleiter. Wir bauten zusammen die Tatrastraßenbahn von Berlin-Springpfuhl bis zur Wendeschleife Ahrensfelde. Als die Aufgabe der Verkehrserschließung des Wohngebiets in Berlin-Hellersdorf für 80.000 Leute anstand, wurde ein neuer Betrieb der Deutschen Reichsbahn gegründet. Auftrag war der Neubau der U-Bahn-Strecke nach Hönow, ein 800 Millionen DDR-Mark Projekt. Dort wurde ich Haupttechnologe, verantwortlich für die Koordinierung aller dort eingesetzten 48 Kreisbaubetriebe aus der ganzen DDR. Die hätten lieber im Vogtland oder an der Küste in ihrem eigenen Kreis gearbeitet als Stellwerke oder Bahnhofsgebäude in Berlin zu bauen. Und alles stand unter Zeitdruck. Diese Strecke in nur zwei Jahren zu planen und zu bauen wäre heute undenkbar. Wir hielten den Termin. Pünktlich eröffnete die neue U-Bahn-Strecke am 30. Juni 1989. Danach suchte ich nach einer neuen Herausforderung, zumal zu dem Zeitpunkt meine Ex-Frau und meine beiden Töchter per Ausreiseantrag das Land in Richtung Westberlin verlassen hatten. Das traf mich schwer. Ich nutzte nun alle meine inzwischen guten Beziehungen, um für den Umbau des Bahnhofs Zoo in Westberlin zuständig zu werden. Der unterstand der Deutschen Reichsbahn der DDR. Zwischen Juli 1989 und Januar 1990 überprüfte man meine Kaderakte. Das Thema war mit der Wende erledigt.
Mit dem 9. November änderte sich für mich eigentlich alles. Endlich konnte ich meine Töchter wiedersehen. Inzwischen hatten meine zweite Frau und ich zwei Söhne miteinander. Mit ihr bin ich jetzt seit 36 Jahren verbunden. Gewohnt haben wir damals in Berlin-Hellersdorf in einer Neubauplattenwohnung mit 86 Quadratmetern für 80 Mark. Und das in sehr schöner Umgebung direkt am Stadtrand mit sehr vielen jungen Leuten. Meine Frau hatte einige Verwandte im Westen, unter anderem einen sehr netten Patenonkel, einen Braunschweiger Gynäkologen. Bei unserem ersten Besuch umarmte er mich und erklärte mir, dass ich doch blöd wäre, wenn ich weiterhin als Angestellter arbeitete. Viel besser wäre es, selbst eine Baufirma zu gründen. Vieles war zu bedenken. Ich war entschlossen, quittierte meinen Job und begab mich auf die Suche nach einem Grundstück. Das brauchte man, um Maschinen abstellen zu können. So fuhr ich nach A., das ich 1974 nach dem Abitur verlassen hatte. Dort hatte gerade ein junger, 28-jähriger Bürgermeister aus der DDR-CDU seine Arbeit aufgenommen. Er war sofort bereit, mir eine Fläche zuzuweisen. Den amtlichen Vermerk für meine Tiefbaufirma gab mir der Kreisbaudirektor. Er setzte den DDR-Stempel auf einen DDR-Kopfbogen. So war meine Firma für Tief- und Straßenbau am 9. Februar 1990 etabliert. Mein Nachfolger bei der Bahn überließ mir einen alten kleinen Bagger und einen Radlader und ein paar Aufträge. Nur Arbeitskräfte fehlten mir. Es gab nämlich keinen Arbeitsmarkt. Also suchte ich und fand einen notorischen Trinker und zwei Stasileute, die früher auf der Autobahn die Fahrzeuge kontrolliert hatten. Einen Mitarbeiter aus der alten Firma überzeugte ich auch. Mit vier, fünf Leuten und unserer Hände Arbeit begannen wir, unser Geld zu verdienen. Nach dem ersten Monat stand auf unserer Rechnung ein wahnsinniger Betrag von 88.000 Mark. Das war ein Erfolg. Dann hörten wir im Radio von einem Kredit, einem Sonderprogramm für ostdeutsche Betriebe. Wir gingen zur Dresdner Bank. Man erklärte uns, dass Baubetriebe gefördert würden, und fragte, wie viel Geld wir denn haben wollten. Da schoss ich sofort heraus: 400.000 DM. Und die Sachbearbeiterin: »Ja, das ist in Ordnung. Kommen sie morgen früh um 8:00 Uhr das Geld abholen.« Davon kauften wir sofort vernünftige Arbeitsgeräte. Im Nachbardorf machte mich eine junge Bürgermeisterin darauf aufmerksam, dass die Oberfinanzdirektion in Cottbus Gelder für Bauprojekte verteilte. Ich überzeugte sie, für ihr Dorf eine Entwässerungsanlage zu bauen. Die Projektunterlagen lagen seit Jahren im Dorfarchiv. Damit fuhren wir beide nach Cottbus. Wir saßen zusammen mit 50 Bürgermeistern. Dort hieß es, dass nur der Geld erwarten könne, der bereits ein fertiges Projekt hätte. Das konnte die Bürgermeisterin des Nachbardorfs vorlegen. Das Projekt wurde für gut befunden. Auf die Frage, was das denn koste, rutschte mir raus: »2,6 Millionen.« Sie bekam die Bewilligung. So bauten wir die Entwässerung und unsere kleine Baufirma entwickelte sich, bis ich eines Tages in Berlin meinem alten Vorgesetzten, dem Vizepräsidenten der Reichsbahn Baudirektion, begegnete. Er wäre jetzt der Sprecher der Planungsgesellschaft Bahnbau Deutsche Einheit, obwohl er ein Absolvent der Parteihochschule Moskau war. Er schlug mir vor, meine Aktivitäten wieder mehr auf Eisenbahn-Bauarbeiten zu verlegen. Wir waren nun inzwischen 60 Leute und bauten von 1994 bis 2002/2003 in ganz Deutschland Eisenbahnstrecken. Zur Jahreswende 2002 wurde die Sache komplizierter. Es kam zu sehr vielen Insolvenzen. Meine Firma musste geschlossen werden, weil wir leichtsinnigerweise an einem Großprojekt, der Schnellverbindung München-Nürnberg, beteiligt waren, die wegen technischer Fehler in der Projektierung anderthalb Jahre auf Eis lag. Die auflaufenden Kosten beliefen sich auf erhebliche Größenordnungen. Meine Tätigkeit im Bausektor stellte ich 2006 endgültig ein.
Dazu muss man wissen, dass meine Frau ab 1990/91 eine eigene Baufirma gegründet hatte. Eine Reihe meiner Erfahrungen konnte sie nutzen. Arbeit gab's genug. Diese Firma gibt es bis heute. Sie ist sehr erfolgreich, gerade auch als verlässlicher Partner der Deutschen Telekom bei der Erschließung in Berlin und im ganzen Bundesgebiet. Meine Frau führt diese Firma immer noch. Ich aber beschloss, mich mit 51 Jahren aus diesem Sektor zu verabschieden.
Es war mir körperlich und seelisch zu viel geworden. Ich hatte nervliche Probleme wegen des Stresses: Von früh bis in die Nacht, fast jeden Tag in der Woche nur unterwegs zu sein und die Familie nicht zu sehen, das war zu viel. Wir hatten Baustellen in ganz Deutschland, die ich täglich aufsuchen musste. Wir bauten den Bahnhof Bitterfeld, die Strecke Rostock-Wismar, Nürnberg-Ingolstadt, diverse Brücken im Raum Leipzig, in Mecklenburg-Vorpommern, in Frankfurt oder Berlin, insgesamt mehr als 400 bis 450 Kilometer Eisenbahnstrecke. Für mich war es einfach genug. Bei einem Urlaub 2006 eröffnete ich meiner Frau, dass ich eine Farm für die Zucht wilder Tiere gründen wollte. Das war zu diesem Zeitpunkt, wahrscheinlich, weil ich es mir leisten konnte, die beste Entscheidung. Ich kam zurück zu dem, was ich ursprünglich mal gelernt habe und was ich eigentlich nie wieder machen wollte. So führe ich seitdem einen Wildzuchtbetrieb hier ganz in der Nähe, der mich sehr befriedigt.
Wir haben vier Kinder, zwei aus erster Ehe. Nachdem die beiden Töchter nach Westberlin verschwunden waren und die Grenze 1989 geöffnet wurde, gab es für mich eigentlich nichts Wichtigeres, als diese Kinder wiederzusehen. Alles andere hat mich wenig interessiert. Nach kurzem Streit unter Androhung von Rechtsmitteln klappte das. Eine Tochter war inzwischen dreizehn Jahre alt. Als sie sieben war, hatte ich meine Frau verlassen, als sie dreizehn war, haben wir uns wiedergefunden. Die andere war inzwischen sieben Jahre alt. Wir konnten das nachholen, was wir in den sechs Jahren versäumt hatten. Heute ist es ein wunderbares Verhältnis, auch mit und zu meinen beiden Söhnen aus der zweiten Ehe. Drei haben ihren Weg gemacht. Einer der Söhne ist mit 34 Jahren in die Firma meiner Frau eingestiegen und wird sie in fünf bis sechs Jahren selbst weiterführen. Mein zweiter Sohn sucht noch seinen eigenen Weg.
Ich erwähnte bereits, dass ich ein ziemlich sozialer Mensch mit einem starken Faible für Gerechtigkeit bin. Das betrifft nicht nur das Zwischenmenschliche. Meine Frau, ich und unsere Kinder haben an einigen Orten in der Welt Freundschaften entwickelt, die auch damit zu tun haben, dass wir helfen. Wenn wir zum Beispiel in den Urlaub fahren – wir reisen seit vielen Jahren nach Kenia oder Südafrika –, bauen wir jedes Mal in dem Dorf unserer Freunde ein Haus. Das ist nicht teuer. Es kostet 1.000 Euro. Ich bin nicht bereit, 1.000 Euro an irgendwelche obskuren christlichen Organisationen zu spenden, weil ich nicht möchte, dass sich das christliche Missionieren verfestigt oder dass sie sich davon ihr Auto finanzieren. Wir spenden direkt. Da weiß ich, dass die Spende glücklich macht.
Ich habe eine sehr selbstständige Frau. Wir leben zusammen in einer tiefen Einigkeit und Verbundenheit. Wir haben aber nie die Absicht gehabt, uns gegenseitig zu kontrollieren. Wenn ich morgen sagen würde, dass ich für drei Wochen in die Antarktis fahre, ist das keine Frage der Diskussion, sondern dann habe ich mich bestenfalls mit ihr abzustimmen, dass wir nicht zur gleichen Zeit fahren, damit einer den Hund versorgt. Man muss in einer Beziehung in politischen Dingen übereinstimmen. Man kann zu vielem unterschiedliche Meinungen haben. Wenn man sie kultiviert vorträgt, ist das okay: Aber im unmittelbaren Familienbereich gebe ich mir alle Mühe, die Ideen und Gedanken, die mich prägen, weiterzugeben. Mit meiner Frau bin ich mir darüber einig. Sie führt eine große Firma und hat zum Beispiel – und das sagt schon vieles ,– als in Brandenburg am 8. Mai 2020 noch kein Feiertag war, ihren 36 Angestellten einen bezahlten Feiertag gewährt. Sie hängt zwar nicht die rote Fahne raus, aber in den großen politischen Zusammenhängen denken wir gleich. Ich bin der Überzeugung, dass es ein besseres Gesellschaftsmodell geben muss als den ausufernden Kapitalismus, weil die Lebensgrundlagen durch Maßlosigkeit und ständiges Wachstum von Menschen selbst zerstört werden. Ein auf sozialen Ausgleich orientiertes weltweites System muss sich etablieren.
Gerd, Jahrgang 1950 | 3 Kinder, verheiratet in zweiter Ehe
Ost: Abitur mit Beruf Maurer, Oberbauleiter West: Baudezernent, Oberbürgermeister
»Meine Kugel ist tausendmal schneller
als ihr rennen könnt.«
Eines meiner frühesten Kindheitserlebnisse ist der 17. Juni 1953. Mein Großvater wurde in unserem Haus verhaftet. Ich war damals drei Jahre alt und habe das hautnah miterlebt. Mein Großvater und auch mein Vater waren selbstständige Unternehmer. Sie besaßen einen kleinen Betrieb mit 20 Angestellten. In den 1950er Jahren wurden bestimmte Unternehmer in der DDR kriminalisiert. Zum Glück erfolgte in unserem Fall ein Freispruch und keine entschädigungslose Enteignung. Der Betrieb existierte bis 1972. Es war ein Treibstoffhandel mit Heizöl und Benzin. Dazu gehörten zwei Tankstellen und der Vertrieb. 1972 führte kein Weg daran vorbei, der Betrieb musste an Volkseigentum* verkauft werden, weil zwei Landkreise an der Versorgung mit Benzin und Heizöl hingen. Bereits vorher hatte der Staat immer mehr versucht, Einfluss durch überhöhte Steuern, durch die Beschränkungen des Materialflusses, durch Probleme beim Erwerb von Autos zu nehmen. Dieser Betrieb hat natürlich meine und meines Bruders Kindheit und Jugend geprägt. Immer stand im Vordergrund, wie und ob man ihn aufrechterhalten kann. Und da war es selbstverständlich, dass zu Weihnachten, als Kesselwagen vor der Tür standen, sie entleert werden mussten, mein Bruder und ich die Tankwagen befüllen und ausfuhren. Der Betrieb wurde also 1972 verstaatlicht. Mein Vater übernahm die Betriebsleitung und blieb dies bis in sein Rentenalter. Im Jahr 1990 konnte er den Betrieb zurückkaufen und wurde mit 70 Jahren ›Jungunternehmer‹. Unser Betrieb wird noch heute durch meinen Bruder geführt. Diese Entwicklung zeigt exemplarisch die Widersprüche in der DDR.
Da nie klar war, ob der Betrieb privat bleibt, hatte mein Vater frühzeitig darauf gedrängt, dass wir drei Kinder ordentliche Berufe erlernen und studieren, um unabhängig von der Firma zu sein. Da ist es nur verständlich, dass ich kritisch zur DDR aufwuchs. Das führte zu Konflikten in der Erweiterten Oberschule. Um einen Schulverweis bin ich gerade so herumgekommen. In der 12. Klasse bin ich politisch angeeckt und bekam folgenden Satz vom Lehrer zu hören: »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Du hast noch nichts geleistet, der Steinbruch wäre für dich eine gute Arbeitsstelle.« Meine guten schulischen Leistungen haben mir aber ermöglicht, einen Studienplatz an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar zu bekommen. In dieser Zeit erlernte man neben dem Abitur einen Beruf. Als Maurer wurde ich damit Angehöriger der Arbeiterklasse. Das war wieder so ein Widerspruch in der DDR, wer gehört zur Intelligenz, wer zur Arbeiterklasse? Ich dachte immer, ein Arztsohn wäre Intelligenz, der Nachfahre des Arbeiters sollte als Angehöriger der Arbeiterklasse vorrangig studieren können. Was waren wir nun?
Nach dem Studium arbeitete ich als Bauleiter und als Oberbauleiter. Vielen Arbeitern fehlte der Stolz und das Engagement für die Arbeit. Das sagten sie auch. Das machte mich traurig. In der Bundesrepublik hörte man später: »Ich arbeite beim Bosch«, oder: »Ich fertige tolle optische Geräte«. Dieses Bewusstsein fehlte in der DDR. Die Kollegen durfte man nicht so sehr zur Arbeit anhalten, musste ihnen ihre Freiräume lassen. Diese Arbeitseinstellung wurde von oben geduldet. Andererseits war alles bei der Planerfüllung sehr bürokratisch. Im ersten Quartal musste genau ein Viertel produziert oder gebaut werden. Dass das widersinnig ist, weiß jeder. Da wurden im Herbst Bauleistungen angespart und im Frühjahr abgerechnet. Diese Widersprüche, diese Kluft von Anspruch der Politik, der Regierung und auch der Presse zur Wirklichkeit machten meine Frau und mich immer unzufriedener. Die täglichen Widersprüche wurden einfach totgeschwiegen. Es durfte darüber nicht gesprochen werden.
So entschieden wir noch im August 1989, einen Ausreiseantrag zu stellen. Denn mein Eindruck war: In der DDR läuft es wie in der Sowjetunion, jeder wusste über das Spionieren Bescheid, und die Wirklichkeit war anders als das, was propagiert wurde. Weil es vielen so ging, gab es letztlich die friedliche Revolution. Den Ausreiseantrag haben wir zurückgezogen. Wir wurden aber noch vom Rat des Kreises* vorgeladen und man teilte uns mit, dass wir jetzt ausreisen könnten. Das wollten wir nun nicht mehr und erklärten, dass wir hierblieben. Wir hatten den Eindruck, dass sich nun etwas veränderte, an dem wir mitwirken wollten. Die DDR war ja unsere Heimat, wir waren jung, wir haben auch viel Schönes erlebt.
Meine erste Frau habe ich während des Studiums kennengelernt. Wir haben 1974 geheiratet, nutzten die sozialpolitischen Maßnahmen wie den Ehekredit und hofften dadurch auf eine Wohnung. Meine erste Ehe hat leider nicht gehalten. Insgesamt habe ich drei Kinder gezeugt. Mit meiner ersten Frau zwei und mit meiner zweiten Frau eines. Seit 1985 bin ich das zweite Mal verheiratet. Meine Frau hat zwei Kinder mit in die Ehe gebracht. Für mich ist es sehr wichtig, dass wir alle guten Kontakt untereinander haben. Das betrifft sowohl meinen Kontakt zu den Kindern als auch aller Kinder untereinander. Als Vater und Opa lade ich alle Kinder möglichst zweimal im Jahr zu einem Treffen ein. Tradition ist unsere gemeinsame Wintersportwoche in Südtirol. Leider passt es manchmal nicht, dass alle Kinder und Enkel mitfahren können. Und im Herbst lade ich immer zu einer Kindertour ein. Wir sind gemeinsam auf dem Rennsteig gewandert, mit der alten Bahn durch den Thüringer Wald nach Neuhaus gefahren oder auf dem Mauerradweg um Berlin geradelt. Alle Kinder sind inzwischen verheiratet und leben verstreut in Ostdeutschland. Nur einer wohnt in Hannover. Ich habe fünf Enkelkinder. Mein ältestes Enkelkind hätte eigentlich jetzt Jugendweihe* gehabt, die fiel aber wegen Corona aus. Der Sohn meiner zweiten Frau hat zwei Kinder und unser jüngster gemeinsamer Sohn ebenfalls. Sie sind gerade in der Coronapandemie sehr belastet, weil sie in einer relativ kleinen Wohnung in Berlin wohnen und im Homeoffice arbeiten. Der Kleine wird am 30. Juni ein Jahr und die größere wird drei Jahre alt. Das sind sehr starke Belastungen.
Früher habe ich mich in der evangelischen Studentengemeinde engagiert. Das habe ich immer als Freiraum gesehen, um bestimmte Themen zu besprechen, und das auch sehr intensiv. Ich habe dabei viel in der Diskussionsführung gelernt, was ich später verwenden konnte. An Treffen mit westdeutschen Studentengemeinden in Berlin konnte ich auch teilnehmen. Später stellte sich heraus, dass wir immer einen von der Stasi an Bord hatten, den man nicht sah, der aber an unseren Gesprächen und Diskussionen sehr interessiert war. Dieses Überwachungssystem haben wir auch beim Stellen des Ausreiseantrags bemerkt. Unangenehm aufgestoßen ist uns, wie uns Leute bei der Ausreise beraten wollten, oder dass plötzlich Reparaturen an unserem Telefon, das ich betrieblich brauchte, nötig wurden. Möglicherweise hörte die Stasi mit. Ich hatte zu einer holländischen Kirchengemeinde Kontakt geknüpft, und diesen ganzen Schriftwechsel fand ich in den Unterlagen der Stasi-Behörde wieder. Es gab also kein Postgeheimnis. Der Schriftwechsel mit meiner Verwandtschaft wurde archiviert, darunter Bilder. Ich habe in meiner Stasi-Akte einige Dinge gefunden, aus denen ich erkennen konnte, wer uns überwacht hatte. Das habe ich aber nicht weiterverfolgt.
Als Bauleiter eines Baubetriebes in der Grenznähe mussten wir sogenannte LVO*-Maßnahmen durchführen. Die Landesverteidigung stand ja an erster Stelle. Wir hatten u.a. an der Grenze am Flussausbau sechs sogenannte Sperrwerke zu errichten, damit man nicht rüber schwimmen konnte. Ich musste alles vorher zur Überprüfung einreichen, nicht nur Namen, sondern auch die Arbeitslisten für die täglichen und wöchentlichen Arbeiten. An der Grenzkompanie gab ich einmal diese Liste ab, als ein junger Offiziersanwärter, ein sogenannter Fähnrich, sie entgegennahm. Ich vermute, dass dort mal was passiert war. Er sagte zu mir, einem zivilen Bauleiter: »Pass auf, in meinem Abschnitt haut keiner ab. Sag das deinen Leuten. Meine Kugel ist tausendmal schneller als ihr rennen könnt.«
In Eisenach war ich im Bauwesen integriert, engagierte mich frühzeitig in einer Arbeitsgruppe Stadtsanierung, die mehrmals tagte und sich mit den Missständen in der Stadt beschäftigte. Das war noch vor der Wende. Zu Wendezeiten wurde ich von dieser Gruppe als Ersatz für den damaligen Stadtbaudirektor vorgeschlagen. Der Anfang war schwierig, weil Vertrautes auf Neues traf. Ich kann mich noch an den Aufschrei erinnern, als wir eine Tchibo-Filiale in der Fußgängerzone eröffnen wollten und sie diese Passage neu strichen. Rundherum war alles Grau. Ich habe mich mit den Gesetzeswerken der DDR befasst, um zu sehen, was man tun kann und darf. Unterschiedliche Auslegungen waren immer möglich. Ich kann mich genau erinnern, dass nicht genau festgelegt war, wann eine Baugenehmigung erteilt werden konnte. Stattdessen gab es Kommissionen, aber Regeln für diese gab es nicht. Dadurch hatten wir viel Spielraum. Diese Tätigkeit habe ich eigentlich sehr gerne gemacht. Danach kamen Verwaltungsveränderungen. Ich wurde Baureferent und bin durch die gewählte Stadtverordnetenversammlung zum Stadtbaudirektor gewählt worden. Danach erhielt ich als Wahlbeamter die Stellung des Baubürgermeisters der Stadt. Das war ich von 1990 und bis 2000. Es war eine sehr interessante, aber auch aufwendige Arbeit, mit hohem Zeitaufwand. Ich war im Prinzip jeden Abend unterwegs. Das hat natürlich die Familie sehr belastet, das möchte ich ausdrücklich sagen. Heute noch bin ich meiner Frau dankbar, dass sie das durchgehalten hat. Als der damalige Oberbürgermeister aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr antrat, wurde ich von 2002–2006 zum Oberbürgermeister gewählt. Bei der nächsten Wahl belegte ich den zweiten Platz. Dafür gibt es leider nichts. Manchmal bin ich abends noch um 22:00 Uhr ins Büro gefahren, um den Schriftverkehr zu erledigen, weil ich genau wusste, dass am nächsten Tag sonst doppelt so viel zu tun ist. Dazu gehörte viel Disziplin und Kraft.
1990 war ich im Neuen Forum* engagiert, das sich zu den Grünen entwickelt hat. Ich habe aber doch gesehen, das möchte ich ausdrücklich sagen, wer konsequent an der Wende – auch an der Vereinigung von Ost und West – gearbeitet hat. Das war Helmut Kohl. Deswegen und weil ich die Arbeit des damaligen Bürgermeisters sehr geschätzt habe, bin ich in die CDU eingetreten, ganz ohne Karriereabsicht, aber es hat sich eben so entwickelt.
Das war schon eine Veränderung, als ich auf einmal nicht mehr Oberbürgermeister war – von 120 Prozent auf null, und das mit 56 Jahren. Aber das ist eigentlich ein gutes Alter für einen Neustart. Gar nichts mehr zu machen, war für mich undenkbar. Einerseits brauchte ich Erholung von dem Stress, andererseits war ich dankbar, dass ich mich so lange für die Gesellschaft engagieren konnte. Ich wollte unbedingt weiter etwas für die Gesellschaft tun. So bin ich seit 2002 sehr aktiv im Deutschen Roten Kreuz tätig, bin hier der Präsident des Kreisverbandes. Zusätzlich übernahm ich noch die Funktion des stellvertretenden Landespräsidenten. Das halte ich für eine wichtige Aufgabe im Ehrenamt. Darüber hinaus war ich elf Jahre Vorsitzender eines der größten Sportvereine hier in der Stadt. Dieser Sportverein macht die Basisarbeit für die sportlichen Entwicklungen der jungen Menschen, im Unterschied zu den Profiklubs. Und da muss man leider immer um eine entsprechende finanzielle Unterstützung kämpfen. Es gibt auch bestimmte Vorschriften, an die ich gebunden bin. Ich kann aus finanziellen Gründen nicht in den öffentlichen Dienst zurück. Ein Jahr wirkte ich bei der Stiftung Familiensinn des Landes Thüringen. Seit 2008 arbeite ich für den Bundesverband mittelständische Wirtschaft. Das ist ein Lobbyverband, der sich besonders um die kleinen und mittleren Unternehmen kümmert, die sehr viel bürokratischen Aufwand betreiben müssen und nicht so reich mit Einkünften gesegnet sind und daher ein hohes Insolvenzrisiko tragen. Dieses Insolvenzrisiko belastet besonders die Ersparnisse der Unternehmer für das Alter. Mir hilft natürlich, dass ich aus einem kleinen mittelständischen Unternehmen komme. Es macht mir Spaß zu beraten, Hilfen zu geben. Manchmal klappt es, manchmal nicht.
In der DDR hat der normale Werktätige, so wie ich ihn kenne, relativ wenig verdient. Durch Überstunden und Schichtdienst konnten sie den Lohn etwas aufbessern. Die Arbeiter hatten aber auch bestimmte Privilegien, sie konnten nicht so exakt die Arbeitszeit einhalten, sich Kraft für den Feierabend aufsparen. Die zeitlichen Normen waren gut auskömmlich, was den Ostmännern im Westen aufstieß. Der Westen hat sich auch mit Leistungen, mit Ängsten, mit viel Tränen, mit Insolvenzen entwickelt. Dies haben die Ostdeutschen im Westfernsehen aber nie gesehen. Ich habe so das Gefühl, dass viele Ostdeutsche die Vorstellung hatten: »Hier in der DDR werde ich nichts durch meine Arbeit. Wenn ich drüben wäre, dann werde ich was.« Das war der goldene Traum. Dass dieser Traum nur durch Leistung wahr werden kann, bedeutet für den Ostdeutschen: Er muss sich anpassen, er muss sich verändern, er muss sich darauf einstellen, die geforderte Leistung unter großem Einsatz zu erbringen. Für manche ist diese Umstellung sehr schwierig. Ich bin nicht von Arbeitslosigkeit betroffen gewesen, zum Glück. Sehr viele traf es völlig unverschuldet. Plötzlich ohne Selbstverschulden und ohne Chancen aus einem sehr sicheren Arbeitsverhältnis in der DDR in ein unsicheres Leben zu gehen, hat sehr viele in Resignation und einige in Aggression getrieben.
Insofern ist ein kleinerer Teil der Ostmänner in der heutigen Bundesrepublik nicht angekommen. Menschen, die oft arbeitslos waren, heute mit Hartz IV leben, für die ist es schwierig, auch weil die Renten so klein bleiben werden. Ja, wir hatten in der DDR ein ausgeprägtes Sozialsystem, manche haben sich auch in diesem Sozialsystem eingerichtet. Manchen fehlt der Anreiz, wieder arbeiten zu wollen. Ja, wir haben mehr Freiheit bekommen, aber dieses Mehr an Freiheit bedeutet auch, dass man sie selbst gestalten muss.
Für mich war die DDR meine Jugend. Das bedeutet, dass man Ziele hat, etwas für die Gesellschaft tun will. Die gesellschaftlichen Ziele des Sozialismus hat die DDR geschickt ganz nach oben gestellt. Dabei verschwieg man die Widersprüche, die sie auch prägten. In mir ist allerdings nach wie vor der gesamtgesellschaftliche Gedanke, das Arbeiten für die Gesellschaft bedeutend. Dies hat sich verändert. Heute steht die Gestaltung des Individuums vor dem Gesellschaftlichen. Diesen Widerspruch in der DDR zwischen dem tatsächlichen Erleben und dem gesellschaftlichen Anspruch habe ich auch in mir gespürt. Ich habe mich gesellschaftlich in einem sehr starken Überwachungsstaat engagiert. Dieses Überwachen, das überall Hineinlenken und Leiten, sehe ich sehr kritisch. Auch wie man mit der Intelligenz umging, dass ich im Klassenbuch meiner Kinder als Unternehmer geführt wurde und dass dort stand, wer in welcher Partei war, welchen Beruf die Eltern hatten. Das ging zu weit. Eine andere Sache ist, was sie für die Gleichberechtigung der Frau getan haben, auch wenn sie sie als Arbeitskraft brauchten. Frauen wurden bedeutend besser gefördert als im Westen. Ich kann mich noch über das Erstaunen meine Frau erinnern, als sie ein Konto bei einer westdeutschen Bank nach der Wende eröffnen wollte und um meine Zustimmung gebeten wurde.
Nach wie vor stört mich die Bewertung derer, die uns die Freiheit zur Wende brachten. Dass die ehemalige SED als Partei weiter existieren kann, sich nie grundlegend mit ihren Fehlern auseinandersetzen musste, sich nicht neu gründete, sondern mit den alten Kadern weitergeführt wurde, finde ich nicht in Ordnung. Den rechten Rand, deren Forderungen und Hass, zum Beispiel gegen die Juden, kann ich in keiner Weise nachvollziehen. Andererseits muss man aber bestimmte Themen, die auch von der AfD aufgegriffen werden, diskutieren. Man darf sie nicht totschweigen. Dass das nicht funktioniert, haben wir in der DDR erlebt. Es wird in der Gesellschaft immer unterschiedliche Ansichten geben, von Links, Mitte und Rechts. Man muss über diese intensiv diskutieren und natürlich Auswüchse mit dem Rechtsstaat bekämpfen. Ich würde mir wünschen, dass man sich heute nach über 30 Jahren mehr und intensiver mit der DDR-Geschichte, den Parteien, mit dem widersprüchlichen Leben auseinandersetzt.
Alfred, Jahrgang 1929 | 3 Kinder, verwitwet
Ost: Werkzeugmacher, Pionierleiter West: Tierparkbegleiter
Jugendherbergsleiter, Produktionslenker
FDJ* – diese drei Buchstaben gehören zu meinem Leben
wie Vater und Mutter
Das letzte Aufgebot, ich gehörte dazu. 15-jährig waren meine Klassenkameraden für »Führer und Vaterland« als Soldaten der HJ-Division Dresden in Altenberg/Erzgebirge von der SS in den Tod getrieben worden. Nur einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass ich zu diesem Zeitpunkt, am 9. Mai 1945, nicht mehr Teil dieser Einheit war. Für mich war der Krieg zu Ende, als einige Tage vorher unsere Gruppe im Müglitztal Panzer der Roten Armee mit unseren Panzerfäusten aufhalten sollten. Aber es kamen keine. Ein junger Leutnant der Wehrmacht fragte, ob wir mit ihm zu den Amis durchbrechen wollten. Wir wollten. So landeten Karabiner und Munition im Fluss.
FDJ* – diese drei Buchstaben gehören zu meinem Leben wie Vater und Mutter. Es waren junge Antifaschisten der Antifa-Jugend Loschwitz und später die Kommunisten im Werkzeugbau des Sachsenwerkes/Niedersedlitz, die mir halfen, das faschistische Gedankengut aus dem Gehirn zu schwemmen. Elternhaus, Schule, Jungvolk und Hitlerjugend hatten es von früher Kindheit an bei mir und vielen meiner Altersgenossen tief im Kopf verwurzelt. Immer mehr wurde mir klar, was wir doch für eine betrogene Generation waren. Der größte Teil meiner ehemaligen Klassenkameraden aus der 17. Volksschule Dresden konnte diesen Prozess nicht mehr erleben. Sie waren für »Volk und Vaterland« gestorben.
Im Sachsenwerk/Niedersedlitz (SW) hatte ich meine Lehre als Werkzeugmacher 1943 begonnen und 1946 mit der Facharbeiterprüfung im »Roten Werkzeugbau« bestanden. Dies hieß so, weil hier eine Gruppe von Kommunisten tätig war, die während der Nazizeit als Mitglieder der VKA (Vereinigte Kletterabteilung, auch »Rote Bergsteiger« genannt) aktiv gegen die Nazis kämpften und dafür kurz nach der Machtergreifung der Nazis 1933 in eines der ersten Konzentrationslager, die Burg Hohnstein (Sächsische Schweiz), verbracht wurden. Gebrochen werden konnten sie aber nicht. Anfang März 1946 hatte ich ein Erlebnis, welches für mein Leben von großer Bedeutung werden sollte. Ich begleitete meine neuen Freunde der Antifa-Jugend Loschwitz in den Saal des Sachsenverlag Dresden. Hier fand die Gründung der FDJ* in Sachsen statt. Der Saal war brechend voll mit Jungen und Mädchen und ihren älteren Gefährten. Ich stand ganz hinten am Eingang. Ich gehörte ja nicht dazu, war nur Gast. Es wurden Reden gehalten. Das meiste verstand ich nicht. Alles war so neu, obwohl es die Sprache meiner Loschwitzer Freunde war. Am Schluss sang ein Chor ein Lied – und viele stimmten ein, nur einer nicht. Ich! »Es rosten die starken Maschinen ...« Das war die Sprache, die jeder verstand. Ich wollte mitmachen. So wurde ich am 13. September 1946 als Mitglied der FDJ* im Sachsenwerk aufgenommen.
Die FDJ-Gruppe von nicht einmal 30 Freunden wurde meine erste politische Heimat nach dem Krieg. Mitte 1948 wurde die FDJ-Leitung zu unserem sowjetischen Generaldirektor des SDAG* eingeladen. Noch in Uniform der Sowjetarmee hörte er sich unsere Nöte an. Dann sagte er: »Ihr müsst einen Wettbewerb machen. Kommt wieder und schreibt auf, was ihr als Prämien ausgeben wollt.« So entstand die Idee unseres ersten innerbetrieblichen Wettbewerbs. Viele Prämien wurden gebaut. Ich gehörte zu einer Gruppe, die Spielzeug für die Betriebskinder aus Blech bastelten. Am Schluss konnten sich viele Kinder über die Mini-Trümmerlok mit ihren Loren freuen. Mit solchen Initiativen wuchs unsere FDJ-Gruppe bis Ende 1948 auf über 300 Freunde. Von meinen Freunden wurde ich im März 1949 zum hauptamtlichen Pionierleiter gewählt und begann am 1. April meine Tätigkeit an der 88. Grundschule in Dresden-Pillnitz. Für die 180 Schulen gab es damals acht Pionierleiter. Nur wenige hatten zuvor mit Kindern gearbeitet. Logisch, dass wir zusammenhielten, wie eine kleine Familie. Wir teilten oft unser (karges) Brot, wie Geschwister. Als Werkzeugmacher verdiente ich immerhin um die 400 Mark. Das war damals ein recht guter Lohn. Natürlich nicht im Verhältnis zu den Schwarzmarktpreisen: Zwei Kilogramm Brot kosteten 80 Mark, eine (!) Zigarette im Schnitt drei Mark. Unser ›fürstliches Gehalt‹ als Pionierleiter betrug lange Zeit monatlich 180 Mark (brutto), das waren 168 Mark netto, und reichte vorne und hinten nicht.
Meine ersten Erfahrungen bei der Organisation, Versorgung und Betreuung vieler Kinder machte ich 1949 als Lagerleiter im Pionierlager Bräunsdorf. Dort hatte mich ein Mädchen beklaut. Meine 18 Mark waren weg, die Kinder waren alle so traurig und sammelten für mich. So kamen acht Mark zusammen.
Silvester 1948 begegnete ich meiner Inge das erste Mal im Erbgericht Kreischa. »Erbgericht« heißen hier die Dorfgaststätten. Als wir uns einige Zeit darauf wieder trafen, wurden wir uns einig, unser Leben zukünftig gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter Edith verbringen zu wollen. Im Rosengarten an der Elbe steckten wir uns am 26. Juli 1949 die versilberten Ringe an die Finger. Jetzt waren wir verlobt! Ein Jahr später wanderten sie von der linken an die rechte Hand. Wir wurden Mann und Frau. Ab Februar 1950 lebten wir drei Erwachsene, Inges Oma kam zu uns, in zwölf Quadratmeter zur Untermiete unter dem Dach. Zumindest hatten wir fließendes Wasser, wenn auch nur bei Regen die Wand herunter. Sonst schleppten wir das Wasser von der ›Plumpe‹ auf dem Hof herauf. Wenigstens einen Ausguss gab es neben dem Kohleherd in der ›Küche‹. Im Winter fror das Wasser im Glas auf dem Nachttisch. Die Schlafzimmermöbel hatten wir auf Raten gebraucht gekauft. Wegen der Dachschräge zahlten wir nur für sechs Quadratmeter Miete, insgesamt 20 Mark. Unsere Wohnung erreichten wir über die ›Hühnerstiege‹, die Inge, hochschwanger, auf dem Hintern herunter segelte. Zum Glück kam sie mit nur ein paar blauen Flecken davon. Den Kampf um eine neue Wohnung habe ich gewonnen, weil ich eine Aktivistenurkunde von 1948 vorweisen konnte. Mit dem Einzug in die neue Wohnung musste ich lernen, die Vaterrolle zu spielen. Im Februar 1952 gab unsere Tochter Marita ihr erstes Brüllerchen von sich.
Große Hilfe erhielten wir von Oma Zuber, Inges Großmutter. Sie schlief neben dem Baby. Oma Zuber war die wichtigste Person in Inges Leben. Die Familie war aus Tschechien ausgewiesen worden, im Rahmen des Beneš-Dekret*. Inge trat als junge Kommunistin in die Fußstapfen von Opa und Vater und wurde jung Mitglied der Partei. Im gleichen Betrieb wie Vater arbeitete sie als Kernmacherin. Das war eine schwere Arbeit in der Gießerei. Auf der Kreisparteischule erwarb sie sich 1948 nicht nur erste Kenntnisse in den Gesellschaftswissenschaften, sondern verliebte sich auch noch in ihren Lehrer. Ergebnis: Edith, geboren am 21. Mai 1949. Dumm nur, dass der Herr Papa nicht der Papa sein wollte. So bot ich mich später an, Edith zu adoptieren. Inges Mutter war dagegen, nahm Edith zu sich. Sie hat nicht eine Nacht bei uns geschlafen. Entsprechend war die Bindung meiner Kinder zu ihr.
Unvergesslich waren für mich die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin vom 5. August bis zum 19. August 1951. Sie standen unter dem Motto: »Für Frieden und Freundschaft – gegen Atomwaffen«. Teilnehmer: 26.000 Jugendliche aus 104 Ländern, Ehrenpräsident war Prof. Joliot-Curie aus Frankreich, Präsident des Weltfriedensrates. Trotz vieler Repressalien durch die Polizei nahmen mehr als 35.000 junge Menschen aus der BRD und aus Westberlin am Festival teil. Danach wurde ich Instrukteur in der Stadtleitung der FDJ* Dresden. Wir bereiteten das erste Pioniertreffen im August 1952 in Dresden vor. Besonders viel Kraft steckten wir in die Vorbereitung der Pionierparade, die Pionierfeste im Großen Garten und im Pionierpalast, die Auftritte von Kulturgruppen, die Wettkämpfe der jungen Sportler im Rudolf-Harbig-Stadion. Martin Andersen Nexö, der dänische Romancier und Novellist, feierte seinen Geburtstag in seiner Villa auf dem Weißen Hirsch in Dresden. Ich durfte ihm mit einigen Pionieren unsere Glückwünsche überbringen.
Und meine Inge hatte es wieder einmal eilig. Sie schaffte es nicht ins Krankenhaus, und so kam unser Sohn Jürgen in unserem Schlafzimmer zur Welt und ich fiel in Ohnmacht. Oma Zuber kümmert sich bis zu ihrem Tode liebevoll um ihre Urenkel und starb in unseren vier Wänden. Sie hatte sich in der Woche, wenn wir arbeiteten, um die Kinder gekümmert. Aber am Wochenende gehörten wir den Kindern. Oft spazierten wir durch den Großen Garten und besonders gern begleiteten wir die Kinder in den viertältesten Zoo Deutschlands, in Dresden gegründet 1861. Dorthin führten mich schon als Kind meine Eltern. Jetzt zeigte ich meinen Kindern und meiner Frau den 13 Hektar und damit 26 Fußballfelder großen Tierpark am Rande des Großen Gartens.
Nach dem Tod der Uroma gingen unsere Kinder in ein Wochenheim der VP*. Inge war mit der Pflege der Kranken in der Untersuchungshaftanstalt Dresden beschäftigt und ich trieb mich als Instrukteur in den Schulen der Stadt herum. 1956 wurde ich Lagerleiter für ein Winterlager der Kinder der Reichsbahnangestellten. Höhepunkt sollte ein Feuerwerk sein. Im Lager für Pyrotechnik in Pirna sollte ich das Zeug abholen. Im Knallerlager packte mir der Mitarbeiter den Rucksack voll. »Aber Vorsicht, das Zeug ist gefährlich!« Vorsichtshalber sagte ich nicht, dass ich mit dem Bus unterwegs war. Ich hockte auf der Rückbank und merkte, wie sie heiß wurde. Ich saß auf der Heizung – und mir wurde noch heißer. Den Rucksack hatte ich nun auf dem Schoß. Alles ging gut. Für die Kinder war das Feuerwerk eine wahnsinnige Überraschung, sie hatten so etwas noch nie erlebt. Für mich war es ein schweißtreibendes Erlebnis.
Im Frühjahr 1956 musste ich wegen meines fehlenden Hochschulabschlusses zur ›Runderneuerung‹ an die Jugendhochschule Wilhelm Pieck an den Bogensee für fünfeinhalb Monate. Und schon war ich Lehrer!
In meiner politischen Arbeit spielte natürlich der Kalte Krieg gegen die DDR eine große Rolle. Wirtschaftlich litt die Volkswirtschaft der DDR unter dem vielseitigen Embargo. In Vietnam versuchten die USA, das vietnamesische Volk seit 1955 in die »Steinzeit zurück zu bomben«. Der Krieg dauerte bis 1975! Das war die Zeit, als die Kinder aufwuchsen, von denen mir ein Teil anvertraut war. Wenn die Generationen, die heute in Deutschland leben, keinen Krieg mehr am eigenen Leibe erfahren haben, so ist das auch den jüngsten Friedenskämpfern zu verdanken, die zum Beispiel 1958 auf dem Friedensmarsch nach Halle waren. Das darf man nie vergessen!
Von September 1958 bis zum August 1959 musste ich als Vorsitzender einer Kreisorganisation der Pioniere wieder zu einer ›Runderneuerung‹, diesmal als Student an die Bezirksparteischule der SED in Dresden. Zurück von der Parteischule wurde ich Stellvertretender Leiter des Pionierpalastes in Dresden, der in einem der Albrechtsschlösser über der Elbe 1951 eröffnet wurde. Zu meinen Aufgaben gehörten die Abteilungen Sport/Touristik, Naturwissenschaft (NAWI), Kunst und die Abteilung Massenarbeit. Nach Ideen und Vorschlägen der Kinder erstellten wir die Monatspläne und das Monatsplakat für das Kinderparadies, das die Kinder Dresdens an allen Litfaßsäulen der Stadt lesen konnten. Der Palast war für alle offen. Und vom Pionierpalast aus wurden Kinderfeste im Haus, im Park oder im Großen Garten für durchschnittlich 5.000 Kinder gestaltet. Bei den Kindern besonders beliebt waren Ostereiersuchen im Park oder die Märchenstunden im Türkischen Bad. Übrigens: Die Teilnahme am Pionier- oder Betriebsferienlager, 21 Tage, kostete einheitlich zwölf DDR-Mark. Da konnten selbst Arbeiterkinder aus der Bundesrepublik erholsame und interessante Ferientage verleben.
In meiner wenigen Freizeit spielte die Kultur eine große Rolle. Wir besaßen ein Theaterabonnement und jeden Monat war einmal Theatertag. Kultur gehörte zu unserem Leben wie das tägliche Brot.
Während des Pioniertreffens in Halle im August 1961 stand Inge kurz vor der vierten Entbindung. Jahre quälte sie sich mit der Erinnerung an die Geburt unseres Sohnes Lutz 1958. Er starb am gleichen Tag. Inge hatte ihn nicht sehen können. Als ich mich von ihm in der Pathologie verabschiedete, sah ich in ihm die Kleinausgabe von Jürgen, unserem zweiten gemeinsamen Kind. Ich werde das Bild nie vergessen. Sein Hals, er hatte sich mit der Nabelschnur bei der schweren Geburt selbst erdrosselt, war verbunden. Inge habe ich zu ihren Lebzeiten nie davon erzählt. Sie trug schwer daran – bis mir nichts Besseres einfiel, als ihr zu einer neuen Schwangerschaft zu verhelfen. Jetzt hatte sie wenigstens die Hoffnung, dass alles gut gehen würde. Unsere Tochter Annette wurde gesund geboren.
Für meine weitere Entwicklung benötigte ich nach Ansicht meiner Bezirksleitung der FDJ* einen Hochschulabschluss. Meine Abschlüsse als Pionierleiter und Lehrer der Unterstufe und bei der Partei hatten nur den Wert von Fachschulabschlüssen. An der Karl-Marx-Uni Leipzig stand ab September 1963 ein Platz im Fernstudium auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaften für mich bereit. Mein Problem war Russisch. Auf diesem Gebiet war ich eine absolute null. Also nahm ich Nachhilfeunterricht bei einer rüstigen Frau, mindestens 80 Jahre alt, in einer piekfeinen Villa in Radebeul. An unseren Milchglasscheiben in unserer Wohnung, an Küche, Schlafzimmer und Wohnzimmer schrieb ich mit Kreide die Vokabeln des Tages, die ich jedes Mal, wenn ich die Tür öffnete, erst übersetzte, bis sie saßen. Inge ermahnte die Kinder, das Geschreibsel nicht weg zu wischen, weil »Papa das braucht!«. Die Russisch-Prüfung endete in einem Blutbad – das ganze Blatt rot, aber bestanden. Ich wusste damals noch nicht, dass der Mann meiner Lehrerin der Vorsitzende Richter im Reichstagsbrand-Prozess von 1933 gewesen war. Seine Witwe meinte: »Mich belastet das sehr und ich möchte wenigstens an einem Kommunisten etwas gut machen. Deshalb möchte ich von ihnen kein Geld nehmen. Ich würde mich freuen, wenn sie mir ein paar Aufbaumarken besorgen könnten. Körperlich kann ich in meinem Alter nicht mehr beim Aufbau helfen.« Der Prozess endete mit einem »Freispruch aus Mangel an Beweisen«. Ihr Mann hatte die Erwartungen der Hitlerleute damit nicht erfüllt. Er starb 1937 in Leipzig aus Schmach, »Werkzeug gewesen zu sein«.
Die Jahre des Studiums wurden zu einer großen Belastung für die ganze Familie und natürlich für mich. Ich musste die Ferien von 800 Kindern aus dem Bezirk Dresden in einem Zentralen Pionierlager retten. Die bisherige Leitung war überfordert. Aus dem einem Jahr wurden zwei Jahre, und dann pendelte ich zwischen Dresden (Wohnort), Leipzig (Studienort) und Güntersberge (Arbeitsort) hin und her. Zugabteile und Bahnhofswartesäle wurden meine Studierzimmer. Man kann sich leicht vorstellen, dass das für die Familie zu einer Festigkeitsprobe wurde. Das Fernstudium musste ich 1966/67 unterbrechen. Die Belastung war zu hoch. Im Februar 1968 legte ich in Leipzig noch das Staatsexamen in Russisch ab. Aber während der Schreiberei an meiner Diplomarbeit war ich gesundheitlich am Ende. Alfred ging zu Boden. Am 1. Oktober 1968 erfolgte meine Exmatrikulation.
Während meines Fernstudiums begann für mich bereits am 1. Dezember 1966 ein vollkommen neuer Lebensabschnitt. Mir wurde die Verantwortung über die größte Jugendherberge der DDR, die Jugendburg Ernst Thälmann in Hohnstein/Sächsische Schweiz, übertragen. Damit endete meine hauptamtliche Tätigkeit in der FDJ* und Pionierorganisation. Nach 17 Jahren wurde ich aus dem Verband verabschiedet und mit der höchsten Auszeichnung »Freund der Jugend« geehrt. Die Burg Hohnstein spielte in meinem Leben eine ganz besondere Rolle. Sie war eines der ersten Konzentrationslager in Deutschland, wurde im März 1933 eröffnet. Konrad Hahnewald hatte sie 1926 zur Jugendburg umgestaltet und wurde ihr erster Jugendherbergsleiter. Er war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und weigerte sich, auf der Burg die Hakenkreuzfahne zu hissen. Er wurde dort einer der ersten Häftlinge. Meine Lehrmeister im Sachsenwerk/Niedersedlitz waren Überlebende dieses KZ und schlugen mich 1966 als Herbergsleiter vor. Diese große Herberge verfügte über 290 Plätze im Winter und 420 Plätze im Sommer. Das waren circa 5.600 Übernachtungen im Jahr. Auf einem internationalen Seminar der Jugendherbergsleiter in Warschau im Jahr 1969 stellte die DDR erneut den Antrag, Mitglied der internationalen Jugendherbergswerksföderation zu werden. Bis dahin waren alle Anträge auf Drängen der Bundesrepublik abgelehnt worden. Als Leiter der größten Jugendherberge sollte ich das Jugendherbergswesen der DDR vorstellen. Ich kannte ja nur meine Herberge und über unsere Jugendburg Hohnstein berichtete ich, wie wir das vielfältige Herbergsleben gestalteten, aber auch das antifaschistische Vermächtnis hochhielten. Die internationale Skepsis, vor allem die der anderen Deutschen, blieb. Daraufhin lud ich deren Generalsekretär ein, sich persönlich zu überzeugen. Er war Engländer, kam mit seiner Frau, blieb nicht wie geplant zwei Stunden, sondern einen ganzen Tag. Er hat für die Aufnahme der DDR gesorgt. Von da an war unsere Jugendherberge Treffpunkt für viele internationale Ereignisse. Hier waren wirklich Jugendliche aus der ganzen Welt.
Leider war die Jugendherberge immer eine große Baustelle und ich der Bauchef. Das hat mir die letzte Kraft genommen. Als mir mein Arzt sagte, dass ich aufhören müsste, sonst gebe es für mich nur noch Grab oder Klapsmühle, zog ich die Reißleine. In einer Abschiedsrunde mit all meinen Freunden, Mitarbeitern, Bauarbeitern ließ ich diese wichtigsten Lebensjahre Revue passieren. Dabei waren auch meine wissenschaftlichen Ratgeber der beiden Ausstellungen über das KZ und die Naturkunde, die wir gemeinsam dort gestaltet hatten. Wir packten unsere Koffer und stürzten uns in das nächste Abenteuer: die bedeutend kleinere Jugendherberge in Chorin. Der bisherige Leiter hatte nach dem Tod seiner Frau zu trinken begonnen. Die Jugendherberge war verwahrlost. Innerhalb weniger Wochen sollte ich sie in einen vorbildlichen Zustand bringen. Man gab mir 480.000 Mark, damit die Herberge für die Weltfestspiele im Sommer 1973 in Berlin als Reservequartier für ausländische Touristen bereitstand. Dazu musste eine Zufahrt für Busse gebaut werden. Ich schaffte es wieder. Die ersten Gäste wurden die normale Belegung, die Reserve wurde nicht nötig. Ausgelegt war die Herberge für 99 Betten. Ab 100 Betten hätte dem Herbergsleiter ein höheres Gehalt zugestanden. Nach unserer Silberhochzeit 1975 reichte es meiner Frau. Wir hatten seit 1966 nie mehr in einer eigenen Wohnung, sondern immer in Zimmern der Herberge gelebt. In den zurückliegenden zehn Jahren machten wir zweimal Urlaub, davon einmal in einer Herberge, in der wir die 14 Tage doch gearbeitet hatten. Sie stellte mich vor die Wahl: »Entweder, wir ziehen zusammen von hier weg, oder du bleibst allein hier.« Daraufhin habe ich das erste Mal in meinem Leben aus persönlichen Gründen gekündigt.
Ich schaute ins Protokoll des Parteitages, um nach einem Neubauwohngebiet zu suchen, in dessen Nähe ich Arbeit finden könnte. So kam ich auf Marzahn und die dortige Berliner Werkzeugmaschinenfabrik. Beim Kaderleiter fragte ich, ob er einen Werkzeugmacher gebrauchen könne. Als er hörte, wie lange ich aus dem Beruf war, schlug er mir vor, für die Produktionsvorbereitung die Produktionslenkung zu übernehmen. Die Erfüllung meiner zweiten Bitte, eine Wohnung zu bekommen, dauerte noch sehr lange. Schneller als alles andere wurde ich Innendienstleiter der Kampfgruppe* des Betriebes. Endlich, nach einem Jahr und Krach mit dem Kaderleiter, nahmen sie mich in die AWG* auf. Für eine Wohnungszuweisung war es notwendig, selbst Arbeitsstunden zu leisten. Die durfte ich nach Feierabend im Betrieb ausführen. In der Abteilung Feinmechanik habe ich nach meinem ersten Feierabend oft bis spät abends entgratet, und das ein halbes Jahr lang. Ich habe darüber Buch geführt. Ich bekam die Wohnung und suchte mir eine Zweizimmerwohnung mit Balkon aus. Wir dachten, dass unsere Tochter irgendwann ausziehen und es für uns reichen würde. Wichtig war der Fahrstuhl. Hier wohne ich noch heute. Ich hatte die Wohnung noch nicht bezogen, da kam die Partei und meinte: »Jetzt, wo du in der Nähe eine Wohnung in Aussicht hast, brauchen wir dich unbedingt für das Gebiet um das Dorf Marzahn als Parteisekretär.« Ich ließ mich breitschlagen und startete mit 18 Genossen verstreut über ganz Marzahn und Hellersdorf. Das habe ich bis 1990 gemacht. Dann waren wir 420 Genossen und ich schlug eine Teilung vor. Nachdem ich geholfen hatte, drei Leitungen zu bilden, vergaß mich meine Partei. Keiner war hier, niemand wollte meinen Parteibeitrag, lud mich zu Parteiversammlungen ein. Sie waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, vielleicht auch aus Selbstschutz. Mich sprechen die Leute bis heute an. Niemals ist mir einer blöde gekommen.
Anfang April 1995 kam Inge vom Briefkasten mit einem Schreiben vom FFO-Reiseclub. »Ich habe dir doch gesagt, dass du noch einmal nach Italien kommen wirst.« Sie erinnerte sich daran, dass ich 14-jährig ein paar Wochen im Postkinderaustausch in Pesaro und in Rom war. Alt war mein gehegter Wunsch, noch einmal an der Adria spazieren zu gehen. In Rimini kamen wir beim Strandspaziergang an einem Gebrauchtwagenhandel vorbei. Inge bemerkte als erste einen roten Opel Corsa Swing. »Das ist ein schöner Wagen: Fünftürer, Automatik-Getriebe ... Den müssen wir haben.« Im Autohaus in Marzahn fanden wir den Bruder. Mit unserem OCSI machten Inge und ich schöne Reisen. Gerade hatten wir die letzte Rate an die Bank bezahlt, da musste sich meine Inge für immer verabschieden. Der Krebs hatte zugeschlagen. Die Fahrt zum Balaton in Ungarn sollte die letzte sein. In den Folgejahren führte mich mein OCSI unfallfrei durch halb Europa. »Zoo-Safari« hießen die meisten Unternehmungen. Dazwischen, von 2001–2010, war er mein Transportmittel zur Arbeit in den Tierpark Berlin-Friedrichsfelde. 380-mal brachte er mich allein zu Einsätzen als Tierparkbegleiter in den größten Landschaftstierpark Europas. Zwischendurch klaute mir jemand auf dem Parkplatz die Kennzeichen und ›kaufte‹ dafür billig Sprit. 2013 sollte OCSI endgültig in Rente gehen, also in die Schrottpresse. Mein Nachbar hatte etwas dagegen: »Verkaufe uns doch den Wagen. Der Bruder in Armenien würde sich freuen.« Die Nachbarn sorgen sich liebevoll wie die eigene Familie um Opa Alfred. Ihre Angehörigen gehören zu meinem Freundeskreis. Es ist schön, dass solche Inseln des Zusammenlebens in der Gesellschaft mit den Ellenbogen erhalten blieben. Verschenken ging nicht, also verkaufte ich OCSI für einen Euro. Und er bekam ein zweites Leben. Im Container reiste er von Berlin über Hamburg mit dem Schiff bis ins Schwarze Meer nach Batumi (Georgien). Jetzt musste er nur noch 500 Kilometer mit eigener Kraft fahren. In der bergigen Gegend um Arteni in Armenien kann OCSI noch einmal so richtig zeigen, was in ihm steckt.
Von meiner Arbeit als Tierparkbegleiter sprach ich bereits. Begonnen hatte es mit einem Kleingartenfest in Marzahn, das der Tierpark Berlin unterstützte mit einem Stand, hinter den man mich stellte. Ich hatte doch keine Ahnung von Zoologie. Also bin ich einfach bei einer Führung mitgelaufen. Kurz darauf bat man mich, eine Führung selbst durchzuführen. Es war jemand erkrankt. Ich habe alles notiert, die Anlässe, die Teilnehmer und die Tiere, die wir besuchten. Von 2001 bis 2010 waren es 380 Einsätze mit 3.421 + X Personen, davon 2.099 plus X Kinder. Das Plus X steht für die, die ich nicht zählen konnte. Größter Renner waren die Kindergeburtstage. Die 171 Kindergeburtstage bei den Elefanten machten nur einen kleinen Teil aus. Das Geburtstagskind konnte sich sein Lieblingstier aussuchen, das wir besuchten. Die Runde dauerte immer eineinhalb Stunden. Am Anfang sagte ich immer: »Kinder, nehmt mir das nicht übel, aber ich habe keine Ahnung, fragt ruhig weiter. Wenn ihr morgen wiederkommt, kriegt ihr die Auskunft.« So fuhr ich jedes Mal vom Tierpark nach Hause und vervollkommnete mein Wissen über das Internet und Bücher. Im Jahr 2001 kam ich auf die Idee, eine Kollektion zum Anfassen aufzubauen. Die Kinder konnten dabei die unterschiedlichen Felle fühlen und streicheln. Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass ich persönlich 135 Zoos in vielen Ländern besucht habe. Heute helfe ich im Norden von Berlin noch einem Wildkatzenzentrum, schreibe die Schilder für die einzelnen Gehege. Jetzt fahre ich mit meinem Rollator. Nachdem meine Betreuerin mich morgens duscht, mache ich ein kleines Nickerchen. Danach setze ich mich täglich für ein paar Stunden an den Computer und arbeite vor allem an unseren Familienstammbäumen. Und da kann ich noch viel beisteuern.
Wolfgang, Jahrgang 1956 | 2 Kinder, verheiratet in erster Ehe
Ost: Lehrer, Schallplattenunterhalter, West: Lehrer, DJ
Mitarbeiter Kreiskabinett für Kulturarbeit, Heizer
Seit meiner Schulzeit
lege ich als DJ Musik auf
Ich bin in N. geboren und lebte bis auf die Jahre meines Studiums immer hier. Direkt nach dem Abitur ging ich nach Berlin an die Humboldt-Uni, um Lehrer für Mathe und Physik zu werden. Der Kelch der Armee ging zum Glück an mir vorbei. Anfänglich war ich sehr unsicher, was ich studieren sollte, Lehrer oder etwas Technisches. Dass meine Wahl gut war, merkte ich während meines ersten Praktikums. Ich konnte gut mit Kindern arbeiten und bekam ziemlich schnell ein Vertrauensverhältnis zu ihnen. Nach dem Studium kehrte ich an meine eigene Schule zurück und spürte bereits in der Vorbereitungswoche und im Gespräch mit dem Schulleiter Ablehnung wegen meines Äußeren. Er sagte: »So fangen Sie nicht an zu arbeiten. Die Haare sind zu lang, der Bart muss ab, und Sie ziehen etwas anderes an – keine Westjeans und Parka.« Das kümmerte mich wenig und ich erschien am ersten Schultag unverändert. Meine Auseinandersetzungen mit dem Direktor und später dem Schulrat waren völlig absurd.
Interessant war für mich nach der Wende, dass dieser Schulleiter IM* war. Immer wieder versuchte man, mich zu drangsalieren, und sei es, mich auf »freiwilliger Basis zur sozialistischen Hilfe« zu schicken. So lernte ich in meinen ersten zwei Jahren zehn Schulen im Umland von innen kennen, was eigentlich damals nach dem Absolventengesetz nicht zulässig war. Ich war also ständig zu Feuerwehreinsätzen unterwegs, wenn irgendjemand für längere Zeit erkrankte. Manchmal war ich an meiner Stammschule nur drei Tage in der Woche.
Seit meiner Schulzeit war und bin ich in meiner Freizeit in Sachen Musik unterwegs. In der DDR war ich als DJ staatlich geprüfter Schallplattenunterhalter. Seitdem lege ich fast ohne Unterbrechungen auf. Als Anfang der 1980er Jahre der städtische Jugendklub in unser eigentliches Kulturhaus umziehen sollte, sahen wir, zwei Freunde und ich, die riesige Chance, die Jugendkultur in der Stadt mitzugestalten. Zu dritt erarbeiteten wir eine ausführliche Konzeption für die Gestaltung, die Nutzung der Räumlichkeiten und die Programminhalte. Wir holten sogar Kostenvoranschläge von Firmen für den Umbau ein. Einige Gewerke konnten die später aktiven Jugendlichen nicht selbst erledigen. Völlig außergewöhnlich in der ansonsten zentralistisch durchorganisierten DDR wurde diese privat erstellte Konzeption als Vorlage in die Stadtverordnetenversammlung eingebracht und einstimmig beschlossen.
So erhielten wir drei Privatpersonen den Auftrag, die Konzeption mit Jugendlichen umzusetzen. Völlig ohne die FDJ* begannen wir, Jugendliche zu gewinnen. Bei einer Werbeveranstaltung für das neue Projekt trugen sich fast 100 Jugendliche in Listen ein, um bei der Schaffung eines eigenen Jugendzentrums fernab des verordneten Kulturbetriebes mitzuarbeiten. Es galt, Wände rauszureißen, zu stemmen, diverse Farbschichten zu entfernen, Möbel und Lampen, eine Bühne zu bauen und und und. Nach einem Dreivierteljahr war am 1. Mai 1983 die Schlüsselübergabe. Ab dem Tag begann der Stress. Eine Woche später sollte in dem Kulturhaus eine DDR-weite Tagung zur Sozialistischen Fest- und Feiergestaltung stattfinden. Für diese Großveranstaltung sollten die Jugendlichen, die nun Mitglieder eines FDJ-Jugendclubs waren, Karten abreißen und die Garderobe besetzen. Das fiel aus und sorgte so für den ersten Konflikt.
Bis 1986 arbeitete ich als Lehrer. Wegen der vielen Querelen innerhalb der Schule mit Schulleiter, Schulamt, aber auch mit einigen aus dem Kollegium quittierte ich nach sechs Jahren meinen Dienst. Statt einer Kündigung musste ich allerdings eine Formulierung finden, die es mir erlaubte, nach dem Bruch mit der Schule überhaupt noch eine Arbeit zu bekommen und in der Jugendkulturarbeit weiterzumachen. Zur damaligen Zeit waren wir ein anerkannter Kulturträger in der Stadt mit ständig vollem Haus. Unsere diversen Veranstaltungen waren über die Kreis- und Bezirksgrenzen hinaus bekannt. Aufgrund der langjährig guten Erfahrungen in der inhaltlichen Arbeit mit der Jugendkultur wurde ich Mitarbeiter im Kreiskabinett für Kulturarbeit. Dort war ich verantwortlich für die Schulung ehrenamtlicher Jugendklubleiter, organisierte Beispielveranstaltungen und Lehrgänge. Ziemlich viel Kraft investierten ein Vertreter der FDJ-Kreisleitung* und ich in eine Untersuchung über die Durchsetzung des Jugendgesetzes in unserem Landkreis. Wir prüften, ob wirklich, wie es das Jugendgesetz der DDR verlangte, in jeder Gemeinde ein Jugendklub oder ein Jugendzimmer existierte. Das Ergebnis war ernüchternd. Von 72 Gemeinden fanden wir nur in 18 einen Jugendclub. Das Resultat dieser Untersuchung hat mein Vorgesetzter, der vordem mein Schuldirektor war, allerdings radikal verfälscht. Er drehte es einfach um und berichtete, dass nur noch in 18 Gemeinden etwas Nachholbedarf bestünde. Das reichte mir und ich kündigte diesmal – von heute auf morgen.
Es wäre durchaus möglich gewesen, von den Einkünften als Schallplattenunterhalter zu leben, jedoch benötigte man in der DDR als Amateur-DJ noch einen Hauptberuf. Die Hürden, als Diskjockey hauptberuflich arbeiten zu dürfen, waren hoch. Ganz besonders musste man politisch makellos und möglichst Parteimitglied sein. So fand ich als Hauptberuf einen Job als Heizer. In den Monaten von Oktober bis März oder April musste ich morgens in vier Verkaufsstellen des Konsum anheizen, damit die Kunden und die Angestellten es bei Verkaufsbeginn warm hatten.
Als Jugendclub im Stadtgarten waren wir in vielerlei Hinsicht abhängig vom Wohl und Wehe der dort tätigen Angestellten. Ein Rockkonzert musste um 23:45 Uhr beendet sein, sodass die letzten Gäste um Mitternacht raus waren. Bei einem Heavy-Metal-Konzert 1985 konnten wir das nicht durchsetzen. Die Musiker spielten und die Zuschauer forderten Zugaben. Um 23:55 Uhr sagte mir der Mitarbeiter: »Wenn nicht sofort Schluss ist, schraube ich die Sicherung raus.« Und er tat es. 250 bis 300 Leute standen in einem völlig dunklen Saal ohne Ton. Da kam Panik auf. Daraus wurde eine unglaubliche Story gesponnen und unter den Mitarbeitern und in den Parteigremien weitergetragen: In dieser brenzligen Situation wäre ich mit meinem Freund aus Protest auf die Bühne gesprungen, hätte den rechten Arm gehoben und begonnen, das Deutschlandlied zu singen. Absurd. Dennoch erhielten wir aufgrund dieser fingierten Vorwürfe Hausverbot – im eigenen Laden. Im Laufe der Jahre gab es immer wieder Versuche von offizieller Seite, uns als Jugendzentrum zu schaden. So hätten während eines Rockkonzerts bei uns im Saal angeblich Gäste einer anderen Veranstaltung, die räumlich direkt unter dem Saal an einer Bar saßen, sich durch die im Rhythmus unserer Musik schwingende Decke bedroht gefühlt und die Bar fluchtartig verlassen. Man ließ ein Gutachten erstellen, nach dem Einsturzgefahr bestünde. Fortan durfte in unserem Saal nicht mehr getanzt werden. Sämtliche Rockkonzerte und Veranstaltungen, bei denen es zu Bewegungen kommen konnte, wurden gestrichen. Wir machten aus der Not eine Tugend und entwickelten verschiedenste Formate für sogenannte sitzende Veranstaltungen. Wir suchten und fanden später einen Sachverständigen in der Bauakademie der DDR, der das Gutachten überprüfen sollte. Er vermutete spontan, dass das Gutachten falsch sei und wollte dafür den fachlichen Nachweis erbringen. Ihm könne man nichts mehr, er stehe kurz vor der Rente. Das Gutachten kam genau zu diesem Schluss. Demnach war es unbedingt notwendig, dass solche Böden schwingen konnten, das mussten sie sogar. Im Ergebnis konnten wir nach circa drei Jahren wieder tanzen. Das waren nur zwei von vielen Versuchen, uns Knüppel zwischen die Beine zu werfen und unser Jugendzentrum immer wieder an den Rand der Existenz zu bringen. Wir waren eine ziemlich verschworene Gemeinschaft. Ich bin sehr froh und auch stolz, dass der Laden trotz all dieser Versuche heute noch existiert, 30 Jahre nach der Wende – wenn doch mit vielen Höhen und Tiefen. Und sehr stolz sind wir, dass nachwachsende Generationen unseren Staffelstab übernommen haben und vor allem nach der Wende die Überführung eines FDJ-Jugendclubs in einen allseits anerkannten Verein gelang.
Meine Töchter sind 1982 und 1984 geboren. So um 1988/89, meine ältere Tochter ging schon zur Schule, stellten wir fest, dass es nur noch ein paar Lehrer gab, die wirklich Haltung zeigten in diesen mittlerweile aufregenden und von großer Unzufriedenheit und dem Wunsch nach Glasnost und Perestroika in der DDR geprägten Vorwendetagen. Da bekam ich Lust, wieder als Lehrer einzusteigen. Also schrieb ich im Sommer 1989 eine Bewerbung. Aus Zeitgründen schickte ich sie erst während unserer Urlaubsreise in Prag ab. Wir waren auf dem Weg nach Ungarn, wohin viele in diesem Sommer fuhren, um in den Westen zu gehen. Viele unserer Bekannten hatten uns abgeschrieben. Wir wollten jedoch nicht abhauen. Nach meiner Rückkehr war der Termin zu einem Vorstellungsgespräch längst verstrichen. Ich ging hin und man erklärte mir, unter welchen Bedingungen ich als Lehrer anfangen könnte: Erstens müsste ich mein Äußeres dem einer sozialistischen Lehrerpersönlichkeit angleichen, zweitens sollte ich ein klares Bekenntnis zu den Beschlüssen des gerade stattgefundenen IX. Pädagogischen Kongresses der DDR erklären, in dem Margot Honecker u.a. das Ziel festlegte, die Jugend müsse notfalls mit der Waffe in der Hand den Sozialismus verteidigen. Drittens müsse mir klar sein, dass ich wegen der drei Jahre Abstinenz vom Schuldienst Fortbildungen besuchen müsse und keine Zeit mehr für Kulturarbeit hätte, und viertens hätte ich kein Wunschrecht für die Einsatzschule. Meine Antwort: »Wir können über alles reden, aber die Schule möchte ich selbst bestimmen.« So wurde aus dem Neuanfang erst mal nichts.
In dieser Zeit trafen sich das erste Mal ein Dutzend Leute konspirativ in N. in einer Tischlerwerkstatt, um zu beraten, welchen Beitrag wir zu Veränderungen in der DDR leisten könnten. Wir organisierten gemeinsam mit Leuten von der evangelischen Kirche erste Montagsgebete mit anschließenden Demonstrationen. Ausgangspunkt war immer die Klosterkirche. Als DJ begleitete ich mit meiner Tontechnik fast alle diese Demonstrationen. So holten wir quasi das Neue Forum* nach N. Eine Reihe ganz profaner logistischer Probleme waren dabei zu überwinden. Die Mitgliederlisten mussten zum Beispiel von Bärbel Bohley aus Berlin geholt werden. In diese Listen mussten sich während des Montagsgebets bis zu 400 Menschen eintragen. Jeder fühlte sich danach zum Neuen Forum* und damit zur Opposition zugehörig.
Anfang 1990 wurde ich angesprochen, ob ich für die ersten freien Kommunalwahlen kandidieren würde. Ich war erst einmal überrascht, denn so weit hatten wir anfangs noch gar nicht gedacht. Letztlich bekamen wir unsere Wahllisten voll, um für das Neue Forum* zu kandidieren. Ich hatte nicht ansatzweise damit gerechnet, dass ich gewählt werden würde. Jedoch erreichte ich ein ziemlich gutes Wahlergebnis. Ich wurde als Mitglied des Kreistages und meine Frau zur gleichen Zeit in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Wir hatten unglaubliche Stapel Akten durchzuarbeiten. Es galt, das gesamte DDR-Verwaltungssystem in das bundesrepublikanische zu überführen und gleichzeitig aktuelle Kommunalpolitik zu machen. Das Verrückte war, dass ich mir damals nur vorstellen konnte, eine Wahlperiode im Kreistag zu sitzen. Danach sollten andere ran. Heute bin ich nach der siebenten Wahlperiode immer noch im Kreistag. Anfangs wollten wir als 89er in keine Partei, sondern unbedingt eine Bürgerbewegung bleiben. Das konnten wir nicht lange durchzuhalten, weil wir ein ganz großes Problem in unserer Region hatten, das in meinen Augen nicht allein mit Bürgerinitiativen zu lösen war. Es ging um den Luft-Boden-Schießplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide. Seit 1945 wurde das Gelände von der Roten Armee expandierend genutzt. 1989/90 war es über 144 Quadratkilometer groß. Das Problem war, dass nach dem Abzug der russischen Armee sowohl die Bundeswehr als auch die 14 Anliegergemeinden Interesse an diesem Gelände hatten. Die Anwohner hatten nach 45 Jahren ›Krieg üben‹ vor der Haustür die Nase von donnernden Düsenjets und explodierenden Bomben gestrichen voll. Es lagen Ideen für die Nutzung zum Beispiel als Kiesgruben, für die Landwirtschaft oder den Naturschutz vor. Dem stand die Bundeswehr gegenüber, die die Heide wie bisher nutzen wollte. So formierte sich eine einzigartige ständig wachsende Bürgerinitiative, die Freie Heide. Nach 17 Jahren Kampf für eine nichtmilitärische Nutzung der Region verzichtete der damalige Verteidigungsminister letztlich auf die Pläne des Bundes. Nicht nur wegen des Ergebnisses, sondern auch wegen der vielen fantasievollen gewaltfreien Aktionen war das absolut außergewöhnlich. Die Auseinandersetzungen wurden mit diversen Verteidigungsministern geführt. Dazu bedurfte es einer Partei, die im Bundestag vertreten war. Für mich kam nur eine Partei dafür infrage, die Grünen. Wir haben mit der Freien Heide wirklich was geschafft. Und das auf drei Ebenen: Auf der einen Seite nutzten wir natürlich die Straße mit Demonstrationen und Kundgebungen. Es war imposant, dass anfangs jeden Monat vielleicht 200 bis 300 Leute demonstrierten, was auf Dauer nicht durchzuhalten war. Es gab eine ganze Reihe von Aktionen zivilen Ungehorsams. Um nur eine zu erwähnen: Wir errichteten in einer Nacht- und Nebelaktion mitten auf dem Bundeswehrgelände eine Gedenkstätte für die Opfer der letzten Kriegstage. Hier kreuzten sich nämlich die Wege von versprengten Wehrmachtseinheiten, Flüchtlingen aus den Ostgebieten und ehemaligen KZ-lern. Mitstreiter unserer Bürgerinitiative berichteten, dass sie in den letzten Kriegstagen als 15-Jährige gezwungen wurden, dort Leichen zu verscharren. Neben der Straße war das Parlament eine wichtige zweite Säule unseres Protestes. Über alle Parteien hinweg haben wir es erreicht, dass sich der Bundestag damit beschäftigte, ob die militärische Nutzung gegen sämtliche Anliegergemeinden, Kreistage bis zum Land Mecklenburg-Vorpommern durchgesetzt werden konnte. Die dritte Schiene war die juristische. Wir hatten Unterstützung durch die besten Rechtsanwälte in der Bundesrepublik, die u.a. gegen das Atomkraftwerk Wyhl in den 1970er Jahren erfolgreich geklagt hatten. Von über fünfzehn Prozessen haben wir fast alle uneingeschränkt gewonnen. Die Bundeswehr mit ihrer Sonderstellung in diesem Land hatte bis dahin bei solchen Auseinandersetzungen immer Recht bekommen. Dementsprechend überheblich traten deren Rechtsanwälte vor Gericht auf und wurden immer wieder in die Schranken verwiesen.
Zum absoluten Höhepunkt entwickelten sich unsere Ostermärsche. Beim letzten bestand für mich die Herausforderung, mit meiner Diskotechnik 15.000 Menschen zu beschallen. Wir hatten Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet, internationale Presse, bis zur japanischen. Mich beeindruckte am meisten, dass wir so viele Engagierte mit unterschiedlichsten Motiven zusammenbrachten. Dabei waren Anwohner, die 40 Jahre lang russische Tiefflieger und Bombenabwürfe ertragen mussten, Leute, die 1947 unter vorgehaltener Kalaschnikow gezwungen wurden, ihr Land zu verkaufen, Bildungsbürger, Autonome, Pazifisten, Vertreter von Parteien und Kirchen – alle gewaltfrei und fantasievoll, für mich eine unbeschreibliche menschliche Bereicherung, die ich da erleben durfte.
Zurück zur Schule. Als in der Wendezeit in N. die ersten verordneten Dialogveranstaltungen stattfanden, auf denen Verantwortungsträger mit dem Volk reden sollten, klagte ein Vertreter des Schulamtes, dass es wegen der in den Westen gegangenen Lehrer kaum noch möglich wäre, den Unterricht abzusichern. Als ich an meine Bewerbung vom Sommer erinnerte und fragte, wann ich anfangen könne, meinte er: »Am besten vorgestern.« So habe ich am 1. Dezember 1989 wieder im Schuldienst begonnen. Das war die Zeit dramatischer Entwicklungen bei Jugendlichen, aber auch bei Eltern. Man musste genau beobachten, was da eigentlich passierte. Ich habe als ziemlich unbelasteter Lehrer Geschichte und Gesellschaftskunde, heute Politische Bildung, unterrichtet. Wegen Spannungen mit meinem Schulleiter wechselte ich von der Gesamtschule in eine Förderschule. Berufsbegleitend studierte ich Sonderpädagogik an der Potsdamer Uni, was mich noch einmal in eine völlig andere pädagogische Richtung brachte. Ich bin 17 Jahre an der Schule geblieben, überwarf mich dann doch mit der Schulleitung und dem Kollegium, weil ich wirklich von der Inklusion überzeugt bin. So ging ich an eine Regelschule zurück, brachte mich als Sonderpädagoge ein, um vor allem Kinder mit Schwierigkeiten zu fördern. Meine Aufgabe ist es, den Förderbedarf der Kinder zu diagnostizieren und zu versuchen, ihnen so zu helfen, dass sie in ihrer Regelschule bleiben können, auch wenn sie, mit dem altmodischen Begriff bezeichnet, ›lernbehindert‹ sind. Das ist eine Herausforderung. Aber nach meinen Erfahrungen wird durch das Ausgliedern in andere Schulformen ihr möglicher Lebensweg verbaut. Die Schüler verlieren ihren Bezug zu anderen, zur Realität, schmoren im eigenen Saft mit irgendwelchen scheinbar Gleichgesinnten. Besser ist gemeinsames Lernen. Und das sollte bereits im Kindergarten beginnen. Ich bin überzeugt, dass es gelingt, wenn an den Regelschulen mehr sonderpädagogische Kompetenz aufgebaut wird. Ich habe damit eine Reihe von Erfolgen erreicht. Einer der als lernbehindert Diagnostizierten hat sogar nicht nur einen Hauptschulabschluss, sondern einen Realschulabschluss geschafft.
Ich selbst bin Vater von mittlerweile zwei erwachsenen Kindern und bereits vierfacher Großvater. Das älteste Enkelkind ist elf Jahre alt, ein tolles Gefühl. Mit Stolz schaue ich auf die Entwicklung der beiden Töchter. Eine ist selbst Lehrerin geworden. Die andere hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Sie ist Konditorin und Konditormeisterin geworden und war danach ein Jahr in Australien. Beide haben gute, kreative Jobs und sind glücklich, beide sind gute Mütter, einfach toll. Eine Tochter hat sich von ihrem Mann getrennt und lebt nun in einer Partnerschaft mit dem neuen Mann sehr harmonisch, auch mit den Kindern. Neudeutsch sagt man Patchwork dazu, denn er hat eine eigene Tochter. Meine zweite Tochter ist mit ihrem Mann, den sie als Konditorin im Bundestag kennengelernt hatte, verheiratet und hat vor kurzem ihr zweites Kind bekommen.
Das Familienleben war in den vielen Jahren eine echte Herausforderung für uns alle. Wenn man wie ich als Ehrenamtlicher auf so vielen verschiedenen Hochzeiten tanzt, als Abgeordneter, bei der Freien Heide oder im Freizeitzentrum im Jugendclub, gelangt die Familie zuweilen ins Hintertreffen. Hinzukam, dass ich nach wie vor seit meiner eigenen Schulzeit bei allen möglichen Veranstaltungen, Familienfeiern und Dorffesten Musik auflegte und moderierte. Und das fast jedes Wochenende, bis heute. Inhaltlich, politisch, von unseren Zielen her haben meine Frau und ich uns allerdings immer wieder an der Sache orientiert und sind im Gleichklang gewesen, haben die anstehenden Aufgaben gemeinsam bewältigt. Ich weiß allerdings auch, dass ich das alles nur leisten konnte, weil mir letztlich die Familie den Rücken freigehalten hat. Wir haben unser Familienleben gemeinsam organisiert. Einige Lasten nahmen uns meine Mutter, die bei uns im Haus lebte, und meine Schwiegereltern ab. Trotzdem, denke ich, haben wir das gemeinsam ganz gut hinbekommen. Im Nachhinein muss man sagen, dass das mit einer großen Belastung für meine Frau verbunden war. Sie war als Buchhalterin berufstätig. Zeitweilig hat sie ihre Arbeitsstunden auf sechs Stunden reduziert, um alles zu schaffen.
Im Moment ist unsere Situation etwas schwierig. Wir haben uns vor vier Jahren getrennt, weil wir uns ziemlich auseinandergelebt hatten. Die Spannungen waren für mich zuweilen unerträglich. Ich bin zu Hause ausgezogen und lebte mit einer anderen Frau zusammen. Jetzt wohne ich in einer größeren Wohngemeinschaft auf einem ehemaligen Bauernhof. Das Verhältnis zu den Kindern ist durch die Trennung natürlich belastet. Aber nach anfänglichen Schwierigkeiten haben wir einen Modus gefunden, damit ganz gut umzugehen.
Unterschiede gibt es meiner Meinung nach nicht so sehr zwischen Ost- und Westmännern, eher zwischen Typen von Menschen und ihren Charakteren. In der DDR hatte es erst einmal mit der Sozialisation, mit der Erziehung zur Doppelzüngigkeit zu tun. In der Schule durfte nicht alles erzählt werden, was zu Hause passierte oder gesprochen wurde, dass man Westfernsehen schaute. Und dies hat etwas mit der Entmündigung in der DDR zu tun. Lebensentscheidungen wurden den Menschen abgenommen. Man fühlte sich wohl oder hatte ein gutes Leben, solange man nicht selbst aktiv werden wollte. Alles war in Ordnung, man konnte sich entwickeln, alles war vorbestimmt. Ich war sicherlich nicht der einzige, den diese Vorherbestimmtheit störte. Aber ich wollte nicht gehen, sondern hier in diesem Land etwas verändern. Und so sehe ich auch den Aufruf des Neuen Forums*, der eigentlich nur sagte: »Lasst uns darüber reden, was nicht stimmt.« Wir mussten erst die freie Rede erlernen, Argumente zu liefern und Argumenten zuzuhören, miteinander in ein Streitgespräch zu kommen, um Kompromisse zu finden. Ich glaube, dass diese Fähigkeit in der DDR nicht gewollt war. Der Lehrplan in der Schule sah das nicht vor. Jede Diskussion sollte durch den Lehrer in eine bestimmte ideologische Richtung gelenkt werden.
Ich habe nach der Wende einige westliche Glücksritter kennengelernt, die Karriere machen wollten und dazu im Osten ihre große Chance witterten. Viele sind kurze Zeit später gescheitert. Ich selbst aber habe sehr viel mehr Leute kennengelernt, die mich politisch stark beeinflussten. So sind nicht nur Lehrerinnen und Lehrer meine Freunde geworden. Viele haben mich mit ihrem Engagement innerhalb der Schule, in pädagogischen Gremien, in Gewerkschaften, aber auch darüber hinaus durch ihr politisches Engagement stark beeindruckt und beeinflusst.
Das betrifft auch seit fast 30 Jahren unser Engagement in N. gegen rechts, für Demokratie, gegen Antisemitismus und Gewalt. Unser Ort war seit den 1990er Jahren immer wieder Aufmarschgebiet für rechte Parteien und Vereine. Für mich sind engagierte Leute wichtig, egal ob sie aus dem Westen, dem Osten oder dem Ausland kommen. Nach meinen Erfahrungen sind solche Charaktereigenschaften, wie Haltung beziehen und sich aktiv einbringen, das Entscheidende. Dieses Engagement ist unheimlich wichtig, und ich wünschte mir viel mehr solcher Aktivitäten für und von den einheimischen Leuten. Viele haben das nie gelernt, sie sahen aber auch früher nie die Notwendigkeit oder die Möglichkeit, sich irgendwo kritisch einzubringen. Man zog sich stärker ins Private zurück oder hatte Sorge, dass es gefährlich werden könnte. Da war die Wendezeit zwischen Oktober 1989 und Januar 1990 so ganz anders. Die Leute gingen aus sich heraus, ergriffen ein Mikrofon und sprachen offen ihre Träume, Ängste, Sorgen und Hoffnungen aus. Das waren Menschen, von denen man das niemals erwartet hätte. Leider hat das nicht lange angehalten. Und das hat meiner Meinung mit der Art und Weise der Wiedervereinigung zu tun. Wir haben damals als Bündnis 90 wirklich dafür gekämpft, dass wir nicht nach Artikel 23 die Vereinigung durchziehen und angeschlossen werden. Wir wollten die Deutsche Einheit nach Artikel 146 erreichen. Es sollten auf Augenhöhe zwei gleichberechtigte Staaten miteinander vereinigt werden. Die Wahlen sprachen eine andere Sprache und so wurde die DDR doch nach Artikel 23 angeschlossen. Dies führte letztlich bis heute zu riesengroßen Enttäuschungen mit allen Deformierungen wirtschaftlicher Art, mit Arbeitslosigkeit und sozialem Absturz. Dass dies eintreten würde, war absehbar. Vor allem die CDU unter Kohl und seine Unterstützer in der Ost-CDU, der DSU und beim Demokratischen Aufbruch hier in der DDR, verhinderten letztlich eine neue gemeinsame Verfassung.
Detlef A., Jahrgang 1962 | 1 Kind, verheiratet in erster Ehe
Ost: Gas-Wasser-Installateur, West: Installateur, selbstständiger Haushandwerker,
Meister für Maschinenbau selbstständiger Trainer für Reha-Sport
Wenn wir uns streiten, streitet sie
und ich höre geduldig zu
Wir Kinder wuchsen in einer Dreiraumwohnung mit 58 Quadratmetern auf. Ich bin der mittlere von drei Brüdern. Der zwei Jahre ältere ist bereits an Krebs verstorben, der andere ist vier Jahre jünger als ich. Unser Kinderzimmer war so beengt, wie das heute fast nicht mehr vorstellbar scheint. Da wir direkt am Wald wohnten, haben wir natürlich viel draußen gespielt. Ich entstamme einem politisch eher linken, sehr naturverbundenem Elternhaus. Unser Vater hat sich vom Chemiefacharbeiter zum Meister qualifiziert. Später machte er in der Gewerkschaft des Zementwerkes ein bisschen Karriere. Unsere Mutter, ebenfalls Chemiefacharbeiterin, bildete sich ebenfalls weiter und arbeitete als Erzieherin und Lehrerin für Kunsterziehung. Natürlich bin ich in den Kindergarten gegangen, besser gesagt gerollert. Ich bin mit meinem Roller den einen Kilometer langen Weg zum Kindergarten alleine gefahren. Heute unvorstellbar! 1968 wurde ich eingeschult. Die Kinder aus unserer Straße liefen die knapp drei Kilometer zur Schule ohne Begleitung zu Fuß. Bis zur 10. Klasse besuchte ich die POS*. Ich überlegte lange, für welchen Beruf ich mich entscheiden sollte, schwankte zwischen Koch und Gas-Wasser-Installateur. Letztendlich entschied ich mich für den Installateur. Das Kochen ist jedoch meine große Leidenschaft geblieben.
Den Beruf des Installateurs erlernte ich im Zementwerk. Mit 17 Jahren habe ich auf dem Weg zur Berufsschule meine heutige Frau kennengelernt. Bereits mit 19 Jahren haben wir geheiratet und nach dem Motto »jung gefreit hat nie bereut« führen wir bis heute eine glückliche Ehe. Vielleicht haben sich einfach die Richtigen getroffen. Entscheidender als die Jugend wird aber sein, dass wir eine Partnerschaft auf Augenhöhe führen.
1981 wurde ich für anderthalb Jahre als Bau-Pionier zur Armee eingezogen. In dieser Zeit haben wir geheiratet. Nach meiner Armeezeit bin ich vom Radsport zum Handball gewechselt. Ich habe selbst Handball gespielt und dort Übungsleiterausbildungen durchlaufen. 30 Jahre lang habe ich ehrenamtlich als Handballtrainer gewirkt.
Bis 1984 arbeitete ich im Zementwerk als Installateur, wechselte dann als Betriebshandwerker in die Wohnungsbaugenossenschaft in R. Mein weiterer Berufsweg führte mich damals in das Chemiewerk nach R. Dort wurde ich als Brigadier eingesetzt und übernahm bald eine Meisterstelle, zunächst noch ohne die entsprechende Ausbildung. Da der Betriebsleiter aber Wert darauf legte, dass ich eine Meisterausbildung absolviere, begann ich im Frühjahr 1989 die Ausbildung zum Meister für Maschinenbau. Die theoretische Ausbildung gestaltete sich ziemlich schwierig. Durch die Wendewirren 1989/90 galten plötzlich völlig neue Regeln. Die Meisterausbildung habe ich trotzdem erfolgreich beendet. Aber der Betrieb, der mich zur Ausbildung entsandt hatte, stand kurz vor dem Aus. Die Ruinen des Betriebes stehen bis heute noch in der Landschaft und dienen ab und zu als Filmkulissen. Um den technischen Fortschritt nicht zu verpassen, denn in dieser Zeit änderten sich viele Materialien und Techniken, musste ich mir so schnell wie möglich Neues aneignen. Mit dem Meisterabschluss für Maschinenbau konnte man damals überhaupt nichts anfangen, denn die Maschinenbauindustrie der DDR wurde komplett platt gemacht. Ich hätte mit meiner Ausbildung sicherlich in den alten Bundesländern Fuß fassen können, da ich aber in der Region fest verwurzelt bin, habe ich daran keinen Gedanken verschwendet.
Also fing ich im Nachbarort bei einem bereits seit Jahren selbstständigen Installateurmeister an. Wegen des Instandhaltungs- und Modernisierungsrückstaus aus DDR-Zeiten waren das die Boomjahre in dieser Branche. In den fünf Jahren, in denen ich dort arbeitete, brachte ich mich auf den neuesten Stand der Technik. Von dort führte mich mein beruflicher Weg nach Berlin in einen größeren Betrieb. Dort arbeitete ich zwei Jahre wieder als Meister. Meine nächste sehr interessante Berufsstation war eine überbetriebliche Ausbildungsstätte. In dieser Einrichtung wurden Jugendliche in einem berufsvorbereitenden Jahr mit verschiedenen Tätigkeiten vertraut gemacht. Dort qualifizierte ich mich zum Ausbilder für Installateure und für Metallbauer. Die Arbeit mit den Jugendlichen hat mir wirklich sehr viel Spaß gemacht. Gestört hat mich allerdings, dass der Chef der Einrichtung damit eigentlich nur Geld verdienen wollte. Irgendwann merkte ich, dass es ihm völlig egal war, ob und wie die Jugendlichen ausgebildet wurden. Das interessierte ihn nicht im Geringsten. Er äußerte mir gegenüber: »Am liebsten sind mir die Teilnehmer, die nur rumsitzen oder in der Ecke schlafen. Dann verbrauchen sie kein Material, müssen sich nicht so oft die Hände waschen, was wiederum Wasser spart.« Das war nicht mein Ansatz. Ich wollte den Jugendlichen etwas beibringen.
Mir wurde klar, dass ich dort nicht bleiben konnte. Ich dachte darüber nach, mich selbstständig zu machen. Um den Existenzgründerzuschuss vom Arbeitsamt zu erhalten, musste ich jedoch arbeitslos sein. Also ließ ich mich kündigen und ging für zwei Wochen in die Arbeitslosigkeit. In dieser Zeit besuchte ich ein Existenzgründerseminar, verfasste den von mir geforderten Businessplan – und dann ging es los. Ich habe mich als Handwerker »Rund ums Haus« selbstständig gemacht und konnte auf Anhieb von den Einkünften leben.
Im Jahr 2005 suchte im Nachbarort ein Sportstudio Kursleiter für Reha-Sport-Kurse. Da mich das interessierte und ich handwerklich nicht voll ausgelastet war, bewarb ich mich und fing dort mit zwei Kursen pro Woche an. Meine Kurse waren immer gut besucht. So wurde schnell mehr daraus. Weitere Sportstudios in der Umgebung suchten ebenfalls Trainer, und so legte ich meinen Fokus mehr und mehr auf den Reha-Sport. Mittlerweile bin ich nur noch als selbstständiger Trainer in den Bereichen Orthopädie und Innere Medizin tätig. Natürlich muss ich mich ständig weiterbilden und meine Lizenzen erneuern. Da ich meine Dienste für verschiedene Sportstudios und Vereine anbiete, habe ich mehrere Standbeine. Feste Geschäftspartner, feste Kurszeiten und stabile Einnahmen tragen dazu bei, dass ich abends beruhigt einschlafen kann. Letztlich habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Mit der beruflichen Selbstständigkeit habe ich meine Erfüllung gefunden. Ich konnte meine Potenziale gut entwickeln und bin zufrieden in meinem Job als Trainer. Das Feedback ist unmittelbar. Man spürt sofort, ob der Kurs gut läuft, oder ob man etwas umsteuern muss. Ich erhalte praktisch mit jedem Sportkurs Anerkennung – und wer hat das schon in seinem Job.
Die Corona-Pandemie stoppte für mich alles. Corona bedeutet für mich, wie für viele andere auch, von einem Tag auf den anderen Berufsverbot.
Parallel betätige ich mich weiterhin ehrenamtlich auf unterschiedlichsten Ebenen. Seit 2002 bin ich Vorstand der örtlichen Wohnungsbaugenossenschaft und bereits seit 1990 vertrete ich, damals die PDS*, heute Die Linke in der Gemeindevertretung als Fraktionsvorsitzender. Im Zuge der letzten Kommunalwahl wurde ich zum Ortsvorsteher für unseren Ortsteil mit über 10.000 Einwohnern gewählt. Ich gehörte nie zu denjenigen, die danebenstehen und nur meckern. Eher versuche ich anzupacken, um etwas zu verbessern. Das war zu DDR-Zeiten so und es ist bis heute so geblieben. Was ebenfalls geblieben ist, ist das Gefühl, bei allem Engagement auch heute oft gegen Mauern zu laufen, die sich anscheinend nicht einreißen lassen.
Da ich mit zwei Brüdern aufgewachsen bin, ist Hausarbeit für mich nichts Ungewöhnliches. Backen und Kochen habe ich im Elternhaus gelernt. Ich hatte überlegt, Koch zu werden. Putzen ist für mich kein Problem. Wir organisieren unser Familienleben partnerschaftlich gleichberechtigt, so wie es mir meine Eltern beigebracht haben. Allerdings hat mein Vater das, was er uns predigte, selbst nicht immer so praktiziert. Er hat sich seine Auszeiten gegönnt, sodass die Hauptlast der Arbeit, auch mit uns drei Jungs, auf den Schultern unserer Mutter lag.
Bei uns ist es so geregelt, dass sich meine Frau um die Wäsche kümmert und ich mich um die Küche. Die anderen anfallenden Hausarbeiten teilen wir zwischen uns auf. Unser großes Glück, unser Sohn, wurde 1985 geboren. Mittlerweile arbeitet er als Mediziner an der Uniklinik Heidelberg. Er hat unser Modell des Familienlebens übrigens weitestgehend übernommen. Ab einem gewissen Alter haben wir ihn stets mit einbezogen, sowohl in unsere Gespräche als auch in die tägliche Hausarbeit. Unsere Schwiegertochter, die aus der Nähe von Heidelberg stammt, empfindet das natürlich als angenehm. So richtige Probleme gab es in unserer Ehe noch nie. Meine Frau sagt immer, wenn wir uns mal streiten, streitet sie und ich höre geduldig zu.
Ich kann für mich in Anspruch nehmen, dass ich immer frei meine Meinung gesagt habe. Ich habe dadurch nie Probleme bekommen, fühlte mich nie unterdrückt, oftmals jedoch ohnmächtig und hilflos. Man spürte in den letzten Jahren der DDR, dass so vieles nicht funktionierte, dass so viele unzufrieden waren. Ich habe mir eingebildet, dass die da ›oben‹ nicht wüssten, was ›unten‹ abläuft. In der Wendezeit, als so manches öffentlich wurde, war ich schockiert und konnte es nicht fassen. Trotz allem hatte ich die Hoffnung, dass man die DDR verbessern und verändern könnte. So trat ich in die Partei ein, weil ich dachte, man muss und kann konkret die Probleme vor Ort anpacken. Im Chemiewerk habe ich zum Beispiel vorgeschlagen, einen Meckerkasten anzubringen, in den die Leute ihre Sorgen und Nöte, auch anonym, einstecken können. Aus heutiger Sicht war dieser Vorschlag vermutlich etwas weltfremd und naiv.
Wirkliche Existenzängste hatte ich damals nicht, eher Sorge, wie alles weitergehen wird. Wie viele Leute würden durch die Roste fallen und in dem neuen System nicht bestehen? Unser aller Leben hat sich fast über Nacht völlig verändert. Wenn Birgit Breuel, die Chefin der Treuhand, rückblickend sagt, dass die meisten Westdeutschen diesen Umbruch vermutlich nicht verkraftet hätten, ist das zwar löblich, hilft all den Gestrandeten aber nicht. Diese Gedanken haben mich damals sehr beschäftigt. Meiner Familie ging es früher nicht schlecht und auch heute geht es uns gut. Ich denke, dass alle, die willens und in der Lage sind, sich ständig weiterzubilden, auch heute zurechtkommen. Leider kann das aber nicht jeder, und genau diese Leute bleiben auf der Strecke.
Große Sprünge, wie man so sagt, können eh die Wenigsten machen. Aber ob man wirklich glücklich ist und ein erfülltes Leben führt, hängt nicht allein von der Fülle des Bankkontos ab. Wer sich mal mit dem Easterlin-Paradox befasst hat, weiß, dass ab einem gewissen durchschnittlichen Einkommen pro Kopf die durchschnittliche Zufriedenheit der Menschen nicht mehr ansteigt. Mehr Wohlstand führt also nicht automatisch zu mehr Lebensqualität. Wichtig ist vor allem, dass man gesund bleibt. Im Moment, in Zeiten der Coronapandemie, habe ich nicht so sehr Angst vor dem Virus, sondern vor den wirtschaftlichen und sozialen Folgen, die sich daraus ergeben werden.
Meiner Meinung nach unterscheiden sich Männer aus den alten und den neuen Bundesländern. Verallgemeinerungen möchte ich vermeiden. Die meisten Ossis stellen nur das nach außen, was sie definitiv können – das packen sie an, und damit fertig. Viele Wessis legen immer noch eine Schippe drauf und machen eine riesige Brühe um alles. Wir im Osten haben es nicht gelernt, uns zu vermarkten. Aber vielleicht trägt das zu einem gesünderen Leben bei. Ich denke, dass die Aufschneider stets im Hinterkopf haben, dass sie der Aufgabe eigentlich nicht gewachsen sind, und das kann auf Dauer nicht gesund sein. Die vielen psychischen Erkrankungen in unserem Land sind vermutlich ein Spiegelbild davon. Einer meiner Handballer, der mittlerweile 36 Jahre alt ist, hat mir mal gesagt: »Das Wichtigste in meiner ganzen Schul- und Abiturzeit war eigentlich die Belegung des Fachs Darstellendes Spiel. Dort habe ich gelernt, wie man sich verkauft. Damit komme ich gut durchs Leben.« Diese Aussage bringt es eigentlich auf den Punkt.
Wir Männer aus den neuen Bundesländern können oft viel mehr, als wir nach außen tragen. Dadurch, dass wir in der DDR so viel improvisieren mussten, spielen wir handwerklich in einer ganz anderen Liga. Da unsere Frauen meistens berufstätig waren, sind Hausarbeit und Kinderbetreuung für uns nichts Ungewohntes. Unsere Freundschaften beruhen auf Ehrlichkeit und gegenseitigem Vertrauen. Man erzählt sich wirklich alles, redet auch über unangenehme Dinge offen. Bei Männerfreundschaften gilt das Gleiche wie in einer Beziehung. Wichtig ist, dass man auf Augenhöhe agiert und ehrlich zueinander ist. Ich brauche Freunde zum Diskutieren und zum Gedankenaustausch. Dabei muss man am Ende nicht immer der gleichen Meinung sein. Eine wirkliche Freundschaft hält sowas aus, egal wo jemand herstammt. Die Männer aus den alten Bundesländern im gleichen Alter sind uns beim Einkommen, beim Eigentum und beim Besetzen der Posten in Wirtschaft und Verwaltung voraus. Auch dadurch kommt bei vielen im Osten ein gewisser Frust auf und bei einigen leidet das Selbstwertgefühl. Unsere Zurückhaltung ist vermutlich ein Hindernis für den beruflichen Aufstieg in der heutigen Zeit.
Die deutsche Wiedervereinigung war für mich keine Vereinigung. Es war nur ein Anschluss. Ich denke, einiges wäre erhaltenswert gewesen. Nur den grünen Pfeil und das Ampelmännchen zu übernehmen, war mit Sicherheit falsch. Auch wenn in der DDR große Fehler begangen wurden und viele Menschen gefrustet waren, so ist für viele trotzdem ihre Heimat verloren gegangen. Diese Pauschalverurteilungen nach der Wende, der Vorwurf, dass wir alle Systemtreue waren und deswegen nun an den Rand gedrängt werden sollten, sitzt bei vielen Betroffenen noch immer tief. Auch dadurch liefen und laufen viele den rechten Rattenfängern hinterher. Wenn ich mir die Führungskräfte der AfD anschaue, die fast alle aus dem Westen stammen und zur Wende 2.0 aufrufen, bekomme ich die Krise.
Die meisten DDR-Bürger hatten gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Man las die Zeitung, meistens von hinten, dort war der Sportteil. Man sah die Aktuelle Kamera und anschließend die Tagesschau und daraus bildete man sich sein eigenes Urteil. Bei mir läuft die Meinungsbildung heute ähnlich. Oftmals geht die Warnleuchte an, dann denke ich: Das hatten wir doch schon mal, dass sich die offizielle Darstellung in den Medien von der Realität entfernt. Die Realität, gut recherchiert, erlebt man meiner Meinung nach zum Beispiel in der ZDF- Sendung Die Anstalt. Ich bin froh, dass es die Zeitung Junge Welt gibt. Sie wirbt mit dem Slogan: »Sie lügen wie gedruckt, wir drucken, wie sie lügen.« Der Spruch »Wer die Macht hat, hat die Medien, und wer die Medien hat, hat die Macht« gilt nach wie vor. Schlussendlich muss man sich immer fragen: Wem nutzt diese Art der Berichterstattung?
Es gibt einige Erfahrungen aus dem Arbeitsleben der DDR, die ich gerne in das Heute herübergerettet hätte. Im Betrieb konnte man seine Meinung sagen, Verbesserungsvorschläge einbringen oder sich über den Chef beschweren. Heute kann man sich zwar auf den Marktplatz stellen und jeden Politiker öffentlich kritisiere. Aber in der Firma konkrete Probleme deutlich ansprechen, ist kaum möglich. Als kritischer Geist bin ich vermutlich genau deshalb selbstständig tätig.
In der Wendezeit wurde auch ich, obwohl ich selbst noch keine 30 Jahre alt war, für 40 Jahre DDR verantwortlich gemacht. Das waren manchmal sehr skurrile Situationen, mit denen ich erst mal schwer umgehen konnte. Heute ist es anders. Meine Stimme hat ein anderes Gewicht als direkt nach der Wende. Die Bürger wissen, dass sie mich jederzeit ansprechen können und dass ich mich für sie einsetze. Vermutlich trug das bei den Kommunalwahlen immer dazu bei, dass ich viele Stimmen erhalten habe. Ambitionen, mich politisch auf höherer Ebene zu engagieren, habe ich nicht. Egal in welcher Partei man sich engagiert, wer Karriere machen will, muss sich letztendlich verbiegen, teilweise die eigene Meinung verleugnen. Das ist nicht mein Ding.
Zu DDR-Zeiten wurde körperlich schwerer gearbeitet. Es fehlte oft die notwendige Technik. Die Umwelt-Sauereien waren deutlich gravierender. Allerdings gibt es heute auch noch genügend Umwelt- und Lebensmittelbelastungen. Wir versuchen als Familie gesund zu leben. In der Freizeit sind wir viel im Wald und am Wasser unterwegs, mal zu Fuß und mal mit den Rädern. Mehr und mehr bin ich ein Grüner geworden. Ich sammle Wildkräuter und bereite daraus Smoothies, Salate und Suppen zu. Das macht mir Spaß und hält uns fit und gesund. Mittlerweile essen wir deutlich weniger Fleisch, dafür aber qualitativ hochwertigeres. Leider gibt es in der näheren Umgebung keinen Bauernhof, auf dem man sich sein Stück quasi schon am lebenden Tier aussuchen kann. Auch wenn es anfangs lange Zähne gab, machen mittlerweile alle in der Familie bei der grünen Ernährung mit.
Kulturell sind wir vielseitig interessiert. Wir gehen ins Theater, in die Oper und gelegentlich zu Konzerten. Ins Kino eher selten. Da ich nicht so der Fernsehgucker bin, liegt das vermutlich an mir. Ich habe nie an einen Vaterschaftstest gedacht. Über so etwas habe ich mir, wie vermutlich die meisten, damals nie Gedanken gemacht. Unserem Sohn sieht man ohnehin an, dass er von mir ist. Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu ihm, meistens reicht ein Blick, und wir wissen genau, was der andere meint. Sicherlich liegt es daran, dass wir immer Zeit für ihn hatten und sie uns genommen haben. Die ersten Jahre sind doch die entscheidenden in der Erziehung. Und du erziehst durch dein Vorleben. Ich wäre zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, am Wochenende als Installateur zusätzlich arbeiten zu gehen. Lieber bin ich mit ihm, oft auch mit seinen Freunden, im Wald oder am Wasser unterwegs gewesen. Viele Jahre war ich sein Trainer beim Handball. Das war bestimmt nicht immer leicht für ihn, da man an den eigenen Sprössling meist höhere Ansprüche stellt als an den Rest der Mannschaft. Auf sein Lernen haben wir, zumindest wissentlich, nie Druck ausgeübt. Auch dadurch ist er ein lockerer und offener Typ geworden, der bei den meisten gut ankommt. Kurz gesagt, der Junge ist uns gut geraten, und wir sind wahnsinnig stolz auf ihn.
Ich hoffe, dass es für die Generationen, die nach uns kommen, keine Rolle mehr spielt, ob sie im Osten oder im Westen des Landes geboren wurden. Bei unserem Sohn ist das bereits jetzt der Fall. Da er so weit weg wohnt, kann man sich leider nicht einfach mal auf die Schnelle besuchen. Das ist zwar schmerzlich für uns, aber wichtiger ist, dass er glücklich ist.
Bei Familientreffen mit seinen Schwiegereltern ist es für uns manchmal etwas schwierig. Wir wollen den Familienfrieden wahren und die Kinder nicht in einen Zwiespalt bringen. In den Unterhaltungen merkt man manchmal, dass sie sich als Sieger der Geschichte fühlen. Zum Teil ist das verständlich, haben sich doch die Bilder verfestigt, dass in der DDR alles grau und kaputt war. Auch wenn wir in den Gesprächen versuchen, einiges vom Kopf auf die Füße zu stellen, geraten wir dabei in eine Verteidigungs- bzw. Rechtfertigungsposition. Wir wollen keine Ostalgie betreiben, wenn wir darauf hinweisen, dass das eine oder andere aus unserer Sicht besser geregelt war als heute. Es kann doch nicht richtig sein, wenn einem andere erzählen wollen, wie man selbst gelebt hat.
Matthias, Jahrgang 1953 | 3 Kinder, verheiratet in zweiter Ehe
Ost: Dipl.-Ingenieur für biomedizinische Kybernetik, West: Oberbürgermeister von Potsdam,
Direktor für Ökonomie und Technik im Krankenhaus, Umweltminister und Ministerpräsident des
Umwelthygieniker, Minister in der Modrow*-Regierung Landes Brandenburg
Die Seele der Demokratie
ist die Liebe zum Kompromiss
Ich bin in Potsdam geboren und habe dort in der Berliner Vorstadt meine ersten 20 Lebensjahre verbracht. Wir haben in Potsdam in einer Gegend gewohnt, in der heute nur noch wenige alte Potsdamer leben, nämlich da, wo jetzt eher die Neupotsdamer zu Hause sind, es ist mittlerweile ein sehr teures Pflaster. Von meinen alten Nachbarn und Klassenkameraden wohnt so gut wie keiner mehr dort. Es ist auch damals ein sehr schönes Stadtviertel gewesen, war aber runtergekommen, wie alles in der DDR, aber so schön gelegen am Wasser zwischen Heiliger See und der Havel, gerade rüber vom Babelsberger Park, nicht weit von der Glienicker Brücke. Und wenn man als Kind Garten, Steg und Ruderboot hat, dann kann nur noch wenig fehlen. Es gab viele Nachbarskinder. Das Großwerden damals hatte einen gravierenden Unterschied zu heute, denn wir waren fast nur draußen. Ich kann mich erinnern, wenn wir abends nach Hause kamen, waren wir ausgepowert. Unsere Eltern mussten sich nie Gedanken darüber machen, wie sie uns beschäftigen können.
Meine Familie war für DDR-Verhältnisse eine sehr christlich-konservative. Meine Mutter Pfarrerstochter, mein Großvater einer der ersten Rundfunkpfarrer bei Radio DDR. Er hat dort oft die Morgenfeier sonntags um 9:00 Uhr gehalten. Mein Vater arbeitete am katholischen Krankenhaus in Potsdam als Arzt. Es ging uns gut, bürgerlicher ging's kaum. Wir hatten keine materielle Not, sondern eine sehr behütete Kindheit. Ich habe nur gute Erinnerungen. Ein Spezifikum unserer Kindheit war, dass um uns herum viele Russen in den Häusern lebten, weil der alliierte Grenzübergang Glienicker Brücke auf der Potsdamer Seite von Russen und auf der Westberliner Seite von Amis bewacht wurde. Nicht weit weg waren die Kommandantur und das russische Magazin, hier konnten wir einkaufen. All das prägt natürlich und gehörte zum Alltag. Das hat man gar nicht mehr bemerkt. Ich weiß aber auch, dass es sehr unterschiedliche Erlebnisse gab, denn nicht weit weg war das Gefängnis in der Leistikowstraße, wo u.a. der Bürgermeister von Potsdam 1952 verschwand und nie wieder auftauchte. Ich habe später, nach 1990, sein Grab auf einem Friedhof in Moskau besucht, er ist ermordet worden. Aber ich war damals Kind und zu uns Kindern waren die Russen immer sehr, sehr freundlich.
Ich habe zwei Schwestern und natürlich gab es den üblichen Streit zwischen Geschwistern, wir mögen uns aber bis heute sehr. In den ersten sechs Jahren besuchte ich in Potsdam die POS* Nadeschda Krupskaja*. Dann habe ich die Schule gewechselt. Walter Ulbricht hatte in den 1960er Jahren weiterführende Spezialschulen initiiert, denn er wollte der DDR einen technologischen Sprung verschaffen. Für seine Großforschungszentren, die er plante, benötigte er Leute, die eine fundierte mathematisch-physikalische Ausbildung hatten. Und so ließ er in jedem Bezirk eine sogenannte Spezialschule für Mathematik und Physik errichten. Und die für Potsdam war in Kleinmachnow, sie ist das heutige Weinberggymnasium. Um dort aufgenommen zu werden, musste man – und das war eine Novität – in der 6. Klasse eine Aufnahmeprüfung ablegen. Wir lernten dort von der 7. bis zur 12. Klasse. Diese Aufnahmeprüfungen waren schriftlich und mündlich und einige Tempoabfragen ganz schön heftig. Sie legten dabei sehr viel Wert auf logisches Denken. Es gab ein Internat, aber wir Potsdamer Schüler wohnten noch zu Hause, fuhren als Crew gemeinsam täglich mit dem Bus. Die Schule war richtig gut, die Klassen relativ klein. Die jungen und sehr gut ausgebildeten Lehrer haben sich viel Mühe gegeben. In den Hauptfächern Mathe, Physik und Chemie gab es geteilten Unterricht nur mit der halben Klasse. Das war sehr intensiv. Man kam permanent dran, konnte sich hinter niemandem verstecken. Wir hatten einen tollen Klassenlehrer. Allerdings war die Schule sehr jungslastig, für die Entwicklungsphase nicht ganz so schön. Aber das wurde dadurch ausgeglichen, dass in dem Gebäude noch eine normale Schule war. Wir legten schon in der 11. Klasse die Abiturprüfung ab. In der 12. Klasse bekamen wir Zusatzstoff. Von dieser guten Ausbildung habe ich lange gezehrt. Das erleichterte auch meinen Start im Studium deutlich. Ich habe biomedizinische Kybernetik und Bionik in Ilmenau an der heutigen Technischen Universität studiert.
Während der Schulzeit hatte ich mit meinem Vater viele intensive Debatten über sehr unterschiedliche Sichten auf die Welt, es waren sehr politische Diskussionen. Ich habe ihn bestimmt oft genervt, aber er hatte viel Geduld. Ansonsten haben wir uns immer gut verstanden. Das ist vielleicht so ein Reflex, wenn das Elternhaus konservativ ist, tickt man als 14- und 15-Jähriger erst mal anders. Dazu kam, dass ich die Schule gut fand und an den Sozialismus glaubte; mein Vater war aber anders drauf.
Am 21. August 1968* zum Beispiel, in den Schulferien, lag ich früh noch im Bett. Er musste aber ins Krankenhaus, riss die Tür zu meinem Zimmer auf und sagte: »Mach mal das Radio an, damit du hörst, was deine Kommunisten gerade in Prag anrichten.« Als ob ich daran schuld wäre. Andererseits hat er dafür gesorgt, dass ich alles erhielt, was es in der DDR zu lesen gab, Horizont, Sonntag, Junge Welt bis hin zur Neuen Zeit. Er kaufte das alles. »Du sollst alles wissen und irgendwann wird dir schon ein Licht aufgehen.« Hinzu kommt, dass meine beiden Großväter sehr prinzipientreu waren. Der eine aus Nordhausen, überzeugter Sozialdemokrat, ist 1933 arbeitslos geworden, war dadurch bis 1945 ein verfemter in Nordhausen, hat dort 1945 für den Landtag kandidiert, ist als Sozialdemokrat Chef der Arbeitsverwaltung geworden, Nachdem er sich mit Ulbrichts Leuten überwarf, war er ab 1952, 1953 wieder verfemt. Das prägt natürlich. Uns hat er als Kinder damals in den 1960er Jahren sehr beeindruckt. Zu seinem Geburtstag wollte sich die Kreisleitung*, weil er immer noch einen Namen hatte, wieder versöhnen nach dem Motto: »War ja alles nicht so gemeint« und stand mit einem Präsentkorb vor der Tür. Er hat durch seine Frau ausrichten lassen: »Ulbrichts Leute kommen mir nicht über die Schwelle, schick die wieder weg.« Meine Eltern erstarrten und wir Kinder waren über einen so renitenten Großvater stolz.
Ich habe meine erste Frau im Studium kennengelernt. Sie kam aus Thüringen und hatte auch diese Studienrichtung gewählt. Wir bekamen im letzten Studienjahr Zwillinge. Weil es noch keine Kita und Krippenversorgung gab, bekamen wir einen Sonderstudienplan und eine Studienverlängerung. Das Studium organisierten wir nach einer Art Wechselmodell. Immer einer blieb bei den Kindern, der andere ging zum Studium, und so wechselten wir uns ab. Das ging gut und hat dazu geführt, dass wir in dieser Zeit sehr intensiv mit den Kindern zusammen waren. Später zogen wir über die Absolventenvermittlung nach Karl-Marx-Stadt. Der Anreiz war, dass es dort eine Vierraumwohnung gab. Ich fand im Bezirkshygieneinstitut Arbeit im Bereich der Lufthygiene. In Karl-Marx-Stadt ist unsere dritte Tochter geboren, die heute in Schweden lebt und noch ganz stolz ist, dass in ihrem Ausweis als Geburtsort Karl-Marx-Stadt steht. Damit kann sie die Leute immer sehr erheitern. Unsere Kinder waren dort leider sehr oft krank, Bronchialkatarrh, der HNO-Arzt sagte: »Kein Wunder, bei der Luft hier.« Es hieß nicht umsonst Ruß-Chemnitz*. Wir sind nicht mehr nach dem Kriterium Wohnungsgröße, sondern nach Luftreinheit umgezogen und fanden auf der Landkarte Bad Freienwalde. Dort konnten wir mitten im Wald wohnen. Ich hatte mich eigentlich im dortigen Kreiskrankenhaus als Medizintechniker beworben. Beim Einstellungsgespräch schlug man mir jedoch vor, Direktor für Ökonomie und Technik zu werden. In so jungen Jahren bin ich das geworden, weil das so weit draußen, jwd*, lag und kein großer Andrang war.
Dann zog es uns aber wieder nach Potsdam. Dort arbeitete ich von 1982 bis 1990 als Abteilungsleiter für Umwelthygiene. In den 1980er Jahren bin ich auch immer mehr zur Politik gekommen. Der erste und deutliche Riss in meinem an sich gut gefügten Weltbild kam 1976 mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann. Übrigens nicht, weil ich ein Fan seiner Lyrik oder Lieder gewesen wäre, sondern weil mich mein Land enttäuschte. Ich habe die Ausbürgerung als ein Zeichen von Schwäche gesehen, nach dem Motto: »Wenn man so einen nicht aushält, wie ist dann die innere Verfassung?« Einem zu verweigern, in sein Land zurückzukommen! Der endgültige Riss entstand für mich, als 1979 im Dezember die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte. In Prag hieß es noch: »Wir müssen hier in Europa den Sozialismus verteidigen.« Obwohl das auch vorgeschoben war. Aber der Einmarsch in Afghanistan war blanke Geo- und Machtpolitik und nichts weiter.
Nachdem meine Eltern ausgezogen waren, wohnten wir wieder in unserem Elternhaus in Potsdam, am Wasser. Das war sehr schön, vor allem für unsere Kinder. Nach unserer Scheidung habe ich eine Wohnung in Babelsberg gefunden und sie Ende der 1980er Jahre ausgebaut. In der Wohnung lebe ich heute noch. Hier saß ich oft mit Freunden zusammen; wir hatten damals irgendwie viel mehr Zeit als heute. Es gab weniger Ablenkung und wir saßen abends im Küchenraum, aßen, debattierten und tranken schlechten Rotwein, was wir aber damals nicht wussten. Und wir verbesserten dabei natürlich immer die Welt. Alle hatten zwei, drei oder vier Kinder und fragten sich, was werden uns unsere Kinder in zehn oder 15 Jahren einmal fragen, genauso wie wir unsere Eltern löcherten, was sie gemacht, wie sie sich verhalten hatten und ob sie alles geschehen ließen.
Auf der Basis solcher Diskussionen teilte sich in gewisser Weise unser Freundeskreis. Eine Spaltung in diejenigen, die sagten, wir sehen für unsere Kinder keine Perspektive mehr in diesem Land, das zerfällt, wird knöchern, Mehltau breitet sich aus. Das fühlte man. Die haben Ausreiseanträge gestellt, Botschaften mit besetzt, was damals so anfing. Die anderen, zu denen gehörte ich, protestantisch geprägt, sagten: »Da, wo man hingestellt ist, da sollte man bleiben.« Und wir wollten versuchen, was zu ändern. Einer unserer Freunde hatte 1987 gerade eine Abschlussarbeit über die Geschichte des Belvedere in Potsdam geschrieben. Ein Schloss, ohne Kriegsschäden, was völlig verfallen war, nur weil es mitten im russischen, abgegrenzten Teil lag. Außerdem konnte man von da oben nach Westberlin gucken, sodass man es wie das Dornröschenschloss zuwachsen ließ. Das war ein Kulturschatz. Also machten wir uns einfach daran, trafen uns jede zweite Woche am Wochenende, stellten die Parkanlage wieder her und dachten: »In 20 Jahren bauen wir das Ding wieder auf.« Das hat zur Gründung der ersten Interessengemeinschaft Pfingstberg* geführt mit 25 jungen Leuten, die sich immer wieder trafen und dort arbeiteten. Das Verrückte war, dass ich das bis heute als ein Zeichen empfinde, was in unserem Land eigentlich los war. Wir fühlten und verstanden uns nicht als Opposition im klassischen Sinne, sondern wir wollten was verbessern. Die Staatssicherheit hat daraus, »politisch negative Elemente« gemacht. Die sind ab und zu hochgekommen und haben komische Fragen gestellt. Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass Leute freiwillig und ohne Geld so etwas machten. Ein Teil dieser Truppe und andere junge Leute haben 1988 im April die Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz und Stadtgestaltung in Potsdam gegründet. Das war schon etwas politischer gemeint. Bei mir kam hinzu, dass ich beruflich viele Daten für Boden, Wasser und Lärm hatte. Und wir stellten immer mehr fest, wie unsere Lebensgrundlagen den Bach runtergingen, wie die Bausubstanz unserer Heimatstadt teilweise unwiederbringlich zerfiel. Und dann sollte noch die barocke Innenstadt abgerissen und durch Plattenbauten ersetzt werden. Da haben wir, die ›Hierbleiber‹, gesagt: »Das kann es nicht sein.« Es war wie ein Signal. Die erste Straße ist ja auch noch abgerissen worden. 1989 konnten wir den Fortgang der Dinge stoppen. Bürger fingen an, sich zu artikulieren und zu wehren. Wir haben in dieser Arbeitsgemeinschaft im April 1989 ein erstes DDR-weites Treffen veranstaltet. Das war damals sehr mühsam. Es gab kein Internet, kaum Telefon. Über 20 Gruppen aus der ganzen DDR, die ähnliches gemacht haben, aus Schwerin, Erfurt, Leipzig, Dresden, hatten wir nach Potsdam eingeladen. Das erregte viel Aufsehen und wurde strengstens beobachtet. Daraus bildete sich ein Netzwerk, aus dem sich ein halbes Jahr später, im Herbst, die Grüne Liga* gründete. Meine erste Aufgabe in diesem Verbund war es, ein Informationsnetzwerk aufzubauen. Das sah man damals als sehr verdächtig an, weil nur der Staat verantwortlich für Information war und niemand anderes. Ihr Denkmodell war: »Wenn die Potsdamer glauben, dass es in ihrer Stadt bergab geht, ist das schon nicht gut. Wenn die aber erfahren und diskutieren, dass es in den 20 anderen Städten ähnlich läuft, dann wird daraus was Gefährliches.«
Die Dinge nahmen ihren Lauf. Wir haben am 7. Oktober 1989 zum 40. Jahrestag der DDR ein zweites DDR-Treffen angemeldet. Das ganze Dachgeschoss unseres Besprechungsgebäudes war von der Staatssicherheit besetzt, um uns zu beobachten. Das bekamen wir mit. Sie konnten aber das Zusammentreffen von Abgesandten aus den Städten nicht verhindern, obwohl sie es versucht hatten. Nur die Leipziger kamen nicht, denn die hatten zu Hause eine Menge mit der Vorbereitung der großen Demonstration am 9. Oktober zu tun. Unsere in der Nacht verfasste und von allen verabschiedete Erklärung hat die Oberen sehr beunruhigt, weil sie mit dem Satz begann: »In einem solchen Land wollen wir nicht länger leben.« Wir wollten immer noch einen anderen Sozialismus, an anderes wurde noch gar nicht gedacht. Die Resolution schafften wir nach Berlin zu dieser und jener Zeitungsredaktion. Später konnte man in den Stasiakten lesen: »feindlich negative Elemente heizten die Stimmung an.« Dabei war die Debatte so ernsthaft, so gründlich, so ehrlich, aber das war schon zu viel. Am 7. Oktober wurden in Potsdam bei einer Demonstration sehr viele, auch einige unserer Gäste, festgenommen. Es war brutal, sodass wir dachten: »Das kann es nicht sein, so kann es nicht gehen. Warum reden die nicht mit uns?« Wir waren alles junge Leute und keine doofen, arbeiteten alle. In diesen Tagen hat die DDR ihren letzten Kredit verspielt. Bei mir kam noch ein persönliches Ereignis hinzu. Ich hatte Freunde in Ungarn und die haben wir Anfang September besucht. Man konnte dort bereits freier atmen, offen debattieren und zum Beispiel alle denkbaren Zeitungen kaufen. Als wir in Budapest ankamen, summte und wimmelte es von DDR-Bürgern und abgestellten Trabants – keiner von denen wollte mehr nach Hause zurück. Der ungarische Außenminister Horn sprach am 10. September im ungarischen Fernsehen und unsere Freunde übersetzten: »Ihr könnt ab 24:00 Uhr mit euren Personalausweisen nach Österreich fahren.« Plötzlich standen wir vor einer grundsätzlichen Entscheidung, denn wir wussten ja nicht, ob wir jemals wieder zurückkommen konnten. Das hatte etwas von endgültigem Abschied. Erstmalig dachte ich so, mit Mitte 30, über den Begriff Heimat nach. Und da habe ich gesagt: »Nein, wir gehören da hin, wo wir hingehören.« Wir sind ins Flugzeug nach Hause gestiegen, das war fast leer, weil so viele geblieben sind.
Drei Tage später wussten wir, dass wir alles richtig gemacht haben, denn es fingen die Unterschriftensammlungen für das Neue Forum* an. Wir machten mit und waren am 4. Oktober auf dem Weberplatz in Babelsberg bei der ersten großen Kundgebung mit mehr als 3.000 Leuten dabei. Das war noch vor Berlin, vor Leipzig. Die Bereitschaftspolizei wusste, dass sie stattfindet, und wollte die Kundgebung auflösen, hatte allerdings nur mit 300 bis 400 Leuten gerechnet. Als die Meldung kam, dass bereits 3.000 Leute da waren, hat der Einsatzleiter die Leute in die Kaserne zurückgeschickt. Bei nicht wenigen Funktionären gab es da wohl schon die Gedanken im Kopf, dass es so nicht weitergehen könne.
Dann ging es Schlag auf Schlag. Wir konstituierten im November die Grüne Liga*. Ich wurde einer ihrer Sprecher und an den Zentralen Runden Tisch in Berlin delegiert. Das war eine sehr spannende, eine sehr demokratische, aber auch sehr wilde Phase. Hier kam alles zusammen: die alte Macht und die noch nicht formierte neue Macht, die neuen Bewegungen und die alten Parteikader. Auf der dritten Seite saß Hans Modrow* mit seiner Übergangsregierung, irgendwie in einer schwierigen Zwitterstellung. Der Runde Tisch hatte drei sehr gute Kirchenvertreter als Moderatoren, die immer wieder dämpften und ordneten. Das war sehr bewegend, weil es über diesem Tisch eigentlich nur ein einziges übergreifendes gemeinsames Motto gab: einen Übergang ohne Gewalt und Blutvergießen zu schaffen. Alles andere war different, auch die Ziele. Das rechne ich heute Hans Modrow noch hoch an, dass er das mit organisiert hat. Es waren immerhin noch 400.000 Menschen unter Waffen in der DDR. Und das so zu regeln, nicht wie in Rumänien und anderswo, das fand ich eine beeindruckende Motivation, bei mir sicher auch geprägt durch meine Großeltern.
Der Runde Tisch lief noch, wir bereiteten die Wahlen vor. Dann kamen die Verhandlungen mit Hans Modrow, der dachte, ihm schwimme das Land langsam weg, als er sagte: »Das geht so nicht mehr. Ich erwarte von den neuen Bewegungen, dass sie sich an der Verantwortung beteiligen, sonst könnt ihr das ohne mich machen.« Modrow* hatte damals bei allen hohe Reputation, man wollte auf ihn nicht verzichten. Der Deal war, die für den Mai geplante Wahl in den März vorzuziehen und das Zugeständnis der Bewegung war, dafür mit in die Regierung zu gehen und Verantwortung zu übernehmen.
Ich bin dann in den Westen gefahren, erst zum zweiten Mal. Das erste Mal war ich im Dezember 1989 bei Klaus Töpfer in Bonn. Jetzt ging es an die Evangelische Akademie nach Tutzingen – in eine Traumgegend –, um mit Leuten wie Genscher und Brandt zu diskutieren. Ich freute mich sehr darauf. Man hatte einige DDR-Leute dorthin eingeladen, von denen man dachte, aus denen könnte mal was werden. Ich war ein großer Willy-Brandt-Fan, nun sollte ich ihn aus der Nähe erleben – für mich ein Hochamt. Bevor es losging, wurde ich dort aber an die Rezeption, ans Telefon geholt, denn Handys gab es ja noch nicht. Die junge Grüne Partei der DDR hatte angerufen. »Du musst zurückkommen. Wir haben beschlossen, dass jede Bewegung einen Minister stellen soll. Du sollst für uns Minister werden.« Da habe ich gesagt: »Nein, ich bin gerade angekommen, ich will Willy Brandt hören, versucht, wen anderes zu finden«, habe also rumgezickt. Hinter mir stand ein Journalist vom ZDF, der bekam das alles mit und sagte: »Ich weiß nicht, was dich bewegt, aber auf so einen Anruf wartet man im Westen 30 Jahre und muss dafür hart arbeiten.«
Ich bin zurückgeflogen, habe das schöne Seminar nicht mitgemacht und wurde am nächsten Tag in der Volkskammer vereidigt. Ich hatte noch nicht mal einen passenden Anzug, bin zu nichts gekommen. Vorher brauchte ich keinen, hatte also einen Pullover an. Im DDR-Fernsehen wurde das alles übertragen. Abends rief mich meine Mutter an. »Klar«, dachte ich, denn es war das erste Mal, dass aus unserer Sippe einer Minister wurde. Aber sie sagte nur: »Junge, musste das sein, im Pullover!«
Plötzlich war ich Minister ohne Geschäftsbereich, eine spannende Zeit, in der ich mich u.a. um umweltpolitische Belange kümmerte. Wir besuchten auch die neue Regierung in Polen. Was mich besonders beeindruckte, war, mit Hans Modrow* zu Gorbatschow nach Russland zu fahren. Ich war früher schon mehrmals dort, habe auch mal ein Austauschpraktikum gemacht. Aber was ich dann sah, hat mich erschüttert. Viele arme Menschen auf den Straßen, die Versorgung war inzwischen miserabel, man sah, wie die Menschen in den U-Bahnhöfen den eigentlich verbotenen Alkohol tranken, und der Schwarzhandel blühte. Man hatte das Gefühl, dass das nicht mehr lange gut geht. Ein Jahr später war es ja auch vorbei.
Am 18. März 1990 bin ich für die Grüne Partei in das erste und letzte freigewählte Parlament der DDR gewählt worden. Dass alle Bürgerbewegungen zusammen bei dieser Wahl nur auf fünf Prozent kamen, war ein Schock. Aber viele Menschen hatten sich längst auf einen anderen Weg gemacht, sie wollten die schnelle Wiedervereinigung. Und wir hatten den Draht zu ihnen verloren.
Letztlich bildeten das Bündnis 90, die Grünen, die Frauenbewegung und andere eine kleine Fraktion in der Volkskammer mit 20 Leuten. In ihr fanden sich herausragende Köpfe der friedlichen Revolution wie Wolfgang Ullmann oder Jens Reich*. Ich wurde zum Parlamentarischen Geschäftsführer gewählt und gehörte so dem Präsidium der Volkskammer an.
Die Regierung unter de Maizière bildete sich und es waren fast alle Parteien vertreten, Liberale, SPD, CDU, DSU, aber zwei Gruppierungen nicht: die PDS* und die Bürgerbewegung. Die eigentlichen Antipoden der Revolution fanden sich also in der Opposition wieder. Ich saß in der Volkskammer neben Gregor Gysi und wir lernten uns dadurch gut kennen. Wir haben viel gearbeitet, viele Gesetze verabschiedet, hatten jeden Tag große Stapel auf dem Schreibtisch. Aber man merkte in Ansätzen, Stück für Stück, dass die Aufbauhelfer aus dem Westen nicht selten sagten: »Lasst uns das mal machen, wir wissen, wie es geht.« Bei uns merkte man das nicht so, aber bei anderen Parteien sehr wohl.
Die Volkskammerzeit war vorbei und wir mussten uns überlegen, was wir mit unserem gerade angefangenen politischen Leben weiter machen. Ich bin in den Bundestag kooptiert worden, fuhr nach Bonn und wusste schnell, egal, was du politisch mal machst: Bonn wird es nicht. Ich kam aus einer Stimmung im Osten mit täglichen Demonstrationen, die Luft brannte, nach der Währungsunion brachen die Betriebe zusammen, die Leute waren auf 180 und manchmal auf 200 – und in Bonn plätscherte ruhig der Rhein vorbei, alles ging seinen normalen Gang. Mein Gefühl war, dass man hier in einer anderen Welt lebte.
Wir, eine Crew aus der Volkskammerfraktion – Günter Nooke, Marianne Birthler und ich –, überlegten uns: »Wir gehen in unser Stammland Brandenburg und treten da in den Landtagswahlkampf ein. Wir machen Wahlkampf als Bündnis 90 für unsere Vorstellungen aus der friedlichen Revolution.« Wir verabredeten uns für den Wahltag abends in einem Café. Wir wollten uns verabschieden und jeder in sein berufliches Leben zurückgehen, nur eben nicht kampflos, sondern einen Schlusspunkt setzen. Dann kam das Wahlergebnis, und siehe da: Die Grünen, sie kandidierten gegen uns, kamen nicht in den Landtag, aber das Bündnis 90. Also mussten wir uns am Abend wieder umorientieren. Wir stellten eine Fraktion mit sechs Leuten im neugewählten brandenburgischen Landtag. Wir gingen in Koalitionsverhandlungen mit der SPD unter Manfred Stolpe und der FDP. Daraus wurde die erste Ampelkoalition von 1990 bis 1994 und ich wurde Minister für Umweltschutz und Raumordnung.
Jedes Bundesland hat ein Partnerland, wir Nordrhein-Westfalen. Und NRW hatte alles für Brandenburg durchgeplant. Vor allem das Personelle. Ich hatte mich als Umweltminister in den ersten Tagen nach einem Staatssekretär umgetan, der sich in der EU und ihren Regularien auskannte. Vor Monaten hatte ich jemanden kennengelernt, der Sekretär des Umweltausschusses des Parlaments war, wir verstanden uns, und ich fragte ihn, ob er nicht für vier Jahre Lust hätte, mein Staatssekretär zu werden. Er sagte zu, war allerdings in der CDU. Der frischgebackene Chef der Staatskanzlei holte mich zum Gespräch. Er wählte dabei schon den falschen Anfang: »So, junger Mann, nun setzen Sie sich mal.« Ich sagte: »In dem Duktus wollen wir mal nicht weitermachen, wir sitzen hier auf gleicher Augenhöhe.« Wahrscheinlich war ich ihm suspekt. Er sagte: »Du kannst es ja machen, wie du dir das politisch vorstellst, aber ein CDU-Staatssekretär in der SPD-Regierung, das geht gar nicht. Und außerdem haben wir da bereits jemanden vorgesehen.« Ich habe gesagt: »Mein Lieber, das kann alles sein. Ich berufe diesen Staatssekretär, und der Ministerpräsident muss entscheiden, ob er das anders will. Dann muss er sich aber einen anderen Minister suchen.« Ich habe den Staatssekretär berufen. Heute würde ich natürlich auch sagen, dass Parteibindung eine Rolle spielt. Damals war ich eben trotzig.
Meinen Startvorteil bildeten die gute Ausbildung in der DDR und acht Jahre Arbeit im Umweltschutz. Ich war also fachlich recht gut vorbereitet. Die 1990er Jahre waren vom ersten Tag an eine unheimlich spannende, aufregende Zeit. Wenn ich früh kam, wusste ich nie, was abends war. Die Zeit hielt für unzählige Menschen große Härten bereit. Wir haben oft im Kabinett besprochen, welche Betriebsschließungen wieder zu verkünden seien und wer dorthin fahren würde. Es war frustrierend, weil man als Politiker den Menschen Hoffnung geben will. Man musste zu vielen Gelegenheiten sagen: »Es tut mir leid, ich kann euch nicht mal sagen, dass etwas Neues entsteht.« Und wir sagten auch: »Wenn ihr noch jung seid, sucht euch im Westen etwas, hier wird so schnell nichts Adäquates da sein.« In dieser Zeit verlor ich einen Teil meiner Haare. Für Fragen von Umwelt- und Naturschutz war zwar die Zeit nicht geeignet, weil die Leute andere Sorgen hatten, andererseits konnten wir sehr viel für den Landschafts- und Naturschutz in Brandenburg tun, was in einer nur mit Juristen besetzten Verwaltung vielleicht gar nicht mehr so gelungen wäre. Damals ging das noch.
Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich zwei Systeme erlebt habe, weil das Leben sich in Relationen abspielt und der Mensch Alternativen braucht und sie kennen sollte. Da ich 35 Jahre in dem einen System und bereits 30 Jahre in dem anderen gelebt habe, fällt mir der manchmal nötige Perspektivwechsel nicht so schwer.
Das Fazit für mich ist klar: Ein System, das aus Menschen quasi per Verordnung bessere Menschen machen will, kann nicht funktionieren. Einer meiner Hauptvorwürfe an die DDR ist: Freiheitsbeschneidung und Kreativitätsbegrenzung. Das macht jedes Land am Ende kaputt. Damit hat man auch den Grundgedanken einer sozialistischen Gesellschaftsordnung, Gerechtigkeit für alle, Verteilung der Güter nach Möglichkeiten und Bedürfnissen, kaputt gemacht. Ich schätze heute an unserer Gesellschaft sehr, dass sie Liberalität aufweist, dass Menschen so, wie sie sein wollen, es materiell auch sind, sein können. Ich schätze nicht, dass wir zunehmend zulassen, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr öffnet und deshalb die Freiheitsmöglichkeiten, die die Gesellschaft bietet, viele gar nicht nutzen können. Ich finde den Grundgedanken einer sozialen Markwirtschaft richtig, zu balancieren, wie man die Triebkräfte der Gesellschaft voranbringt. Die Menschen brauchen die Möglichkeit, eigene Ideen anzugehen. Auf der anderen Seite muss eine Begrenzung da sein. Helmut Schmidt hat einmal gesagt: »Ein Kapitalismus, der keine Begrenzung hat und nicht kontrolliert wird, wird automatisch zum Raubtierkapitalismus.« Gesellschaftsorganisation unter freiheitlichen Bedingungen ist eine Sisyphusarbeit. Der Stein ist unten, du musst ihn wieder hoch rollen, dann rollt er wieder runter, und du musst ihn wieder hochrollen. Bis vor kurzem hatten wir die neoliberale Phase, zum Beispiel die Privatisierung vieler öffentlichen Güter. Vieles davon bereuen wir heute wieder. Es ist bedauerlich, dass wir so eine Phase immer wieder brauchen. Ich glaube, der Kapitalismus hat sich durch den gefühlten Mitbewerber, das sozialistische Lager, besser benommen, weil er wusste, dass er sich beweisen muss. Als das weg war, konnte man noch mal dem neoliberalen Affen richtig Zucker geben. Das hat sich nicht unbedingt positiv ausgewirkt.
Dass ich 1995 Sozialdemokrat wurde, war durch Vater und Großvater mitgeprägt. Mein Vater war mit seinen DDR-Erfahrungen an sich dagegen, dass ich in eine Partei gehe. Er sagte: »Aber wenn du das schon machst, versuche wenigstens, ihr Vorsitzender zu werden.« Habe ich versucht. Es hat im Land Brandenburg für 13 Jahre geklappt. Im Bund gab es leider gesundheitliche Begrenzungen. An der Sozialdemokratie finde ich so faszinierend, dass es, wie Willy Brandt einmal sagte: »Hier ein donnerndes Sowohl-als-Auch gibt.« Nichts Extremistisches, immer neu denken an den sich wandelnden Interessen möglichst vieler Menschen entlang – schwierig, aber sinnvoll.
Was mir in unserer gesellschaftlichen Entwicklung im Moment fehlt, ist die Liebe zum Kompromiss. Wir sind sehr absolut geworden. Es gibt viele widerstrebende Interessen, und wenn Demokratie einen Sinn haben soll, hat sie ihn dann, wenn man aus den vielen Interessen versucht, am Ende einen Kompromiss zu formulieren, mit dem alle einigermaßen leben können. Der Hauptvorwurf, der immer gemacht wird, ist, dass das alles so lauwarm ist. Da entgegne ich als Naturwissenschaftler: Der Mensch lebt bei 37 Grad Körpertemperatur, bei 42 Grad ist er tot, bei 32 Grad auch.
Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass die Seele der Demokratie die Liebe zum Kompromiss ist. Bei allem, was ich jetzt mache, die Beziehungen zu unserem russischen Nachbarn im Deutsch-Russischen Forum zu pflegen, Aufgaben in der Kohlekommission oder in der Einheitskommission wahrzunehmen, versuche ich immer zu vermitteln. Das Leben spielt sich meist in der Mitte von allem ab. Wir müssen versuchen, uns diese Fähigkeit zu erhalten. Die Fähigkeit des Zuhörens- und Verstehen-Wollens nicht zu verlernen, ist nicht lapidar. Ich möchte, wenn ich in eine Diskussion gehe, danach an zwei, drei Stellen klüger geworden sein – sonst war es Verschwendung von Lebenszeit.
Eduard, Jahrgang 1953 | 2 Kinder, verheiratet in erster Ehe
Ost: Gießereitechniker, West: Selbstständig, Inhaber einer Versicherungsagentur
Dipl.-Gießereiingenieur, Parteifunktionär
Geschäft und Geld sind im Westen
immer das Wichtigste
Ich bin Eddi, geboren 1953 in Döbeln in Sachsen. Heute lebe ich in einer anderen Stadt, aber auch in Sachsen. Ich bin verheiratet in erster Ehe und habe zwei Kinder. Nach der Grundschule machte ich eine Lehre als Gießereitechniker, arbeitete ganz normal in einem Betrieb, und bin nach fünf Jahren Fernstudium Gießereiingenieur geworden. In der Zeit als Technologe war ich in der FDJ* ehrenamtlich tätig. Ich bin zur FDJ-Kreisleitung* gegangen und wurde dort Sekretär. Ich war für die Arbeiterjugend zuständig. Nach zwei Jahren delegierte man mich zur SED-Kreisleitung* mit Zuständigkeit für Jugend und Sport. Später kam die Parteihochschule in Berlin dazu, und ich machte noch mal ein Direktstudium für drei Jahre. Das war kurz vor der Wende. Ich wurde zum sogenannten Kreisbeschleuniger* für den Kreis G. ernannt.
Ich war oft auf Foren, da wurde im Osten in den letzten Jahren auch über die Umwelt gesprochen. Vor allem bei jungen Leuten. Ebenso spielte die körperliche Arbeit eine größere Rolle. Sie war hoch anerkannt, vor allem der Arbeiter. Der hat auch mehr verdient. Als ich Technologe war, verdiente ich weniger als der Arbeiter, das war so gewollt. Alkohol wurde an allen Orten getrunken und war gesellschaftlich weit verbreitet – aus heutiger Sicht zu viel. Ich hatte damit kein Problem und lag so im Durchschnitt. Heute sieht man das bewusster. Ich liebe einen guten Rotwein, auch einen guten Kognak oder Whisky, aber zum Genießen und nicht zum Betrinken.
Man merkte, dass die Wende im Gange war. Es gab Demos, das Neue Forum* existierte und war sehr aktiv. Als das Sekretariat der Kreisleitung der SED zurücktrat, gab es eine große Versammlung, und es wurde über das Neue Forum geredet: Was das ist, was für Leute dazu gehören. Von den alten Parteimitgliedern konnte keiner darüber Auskunft geben – oder sie wollten nicht. Ich habe mich zu Wort gemeldet, vor allem, da ich vieles wusste. Und so bin ich dann der letzte erste Sekretär der Kreisleitung* geworden. Ich bin sozusagen über Nacht wie die Mutter zum Kind in diese Funktion gekommen. Dann kamen die Sonderparteitage in Berlin, und es kam zur Gründung der PDS*. Nun wurde ich hier im Kreis deren erster Vorsitzender. Nach zwei Jahren gab es eine große Gebietsreform, in der die Kreise zusammengelegt wurden. Unser Kreis verschwand von der Landkarte. Meine Aufgabe war damit beendet, ich baute Bestände und Personal ab. Als Abgeordneter sah ich recht schnell, dass hauptamtliche Mitglieder der SED keine Chance mehr hatten.
Ich überlegte lange, was ich machen sollte. Es war eine wilde Zeit. In die alten Räume zog eine Videothek ein, und ich dachte, dass das nicht schlecht sei und ich so immer genügend Filme gucken könnte. So bin ich Videotheksbetreiber geworden. Die Videothek war zwar gut besucht, denn nach der Wende wollte jeder erst mal Videos schauen, das war neu. Aber die Filme waren oft durchwachsen. Ich stellte deshalb relativ schnell fest, dass das nicht mein Ding war und ich das nicht bis zur Rente machen wollte. Ich wohnte weiter weg und fuhr täglich mehrere Kilometer bis nach Hause. In der Videothek hatte ich immer viel Zeit zum Nachdenken, und so fragte ich mich: »Was braucht man in dieser neuen Gesellschaft, was ist wichtig? Was interessiert die Menschen?« Ich kam zu der Erkenntnis, dass dies vor allem Geld war, darum geht es immer. Banker konnte ich nicht werden, denn dazu hatte ich keine Ausbildung. Aber was passierte? Nach der Wende kamen gleich die ersten Versicherungsvertreter, sagten: »Wir sind die Größten und ihr könnt bei uns arbeiten.« Die haben gezielt die Leute gesucht, die wieder viele andere kannten, und ich kannte viele. Versicherung klang also nicht schlecht, fast so gut wie Bank, und so machte ich jetzt einfach das. Ich habe bei einer Versicherung, einem Strukturvertrieb, angefangen, leider einem der übelsten Sorte. Da fängt man ganz klein an und muss sich hocharbeiten. Das habe ich circa zwei Jahre gemacht. Die Materie hat mich interessiert, ein weites Feld, und ich kam mit vielen Menschen zusammen, das hat mir gefallen.
In der Arbeit hatte ich ein sehr offenes, sachliches Verhältnis mit den Wessis. Ich hatte nicht das Gefühl, jemand dritter Klasse zu sein. Natürlich musste ich lernen, und man hat versucht, mir etwas beizubringen. Aber es hat mich damals verwundert und auch abgestoßen, dass das Geschäft und das Geldverdienen am wichtigsten war – noch bevor man uns erklärt hat, wie zum Beispiel eine Hausratversicherung funktioniert. Zwei Stunden wurden zu Beginn darauf verwendet, uns beizubringen, wie viel Geld wir eigentlich verdienen könnten, wenn wir es denn wollten.
Der Spruch »Ihr werdet alle eure Freunde verlieren, aber ihr werdet Millionäre werden« ist in diesem Geschäft eine Grundhaltung. So hat man uns versucht, zu motivieren, bei Laune zu halten. Meine damalige Vorgesetzte hat mich einmal eingeladen und wir haben zusammen eine Fahrradtour gemacht. Wenn ich unterwegs war, konnte ich bei ihr übernachten, im Kinderzimmer. Wir frühstückten zusammen, also ein recht ordentliches Verhältnis. Ich war nie Bürger zweiter Klasse, aber dennoch immer sehr auf das Geschäft ausgerichtet. Direkt gesagt, dass wir erst einmal richtig arbeiten lernen müssten, hat man nicht. Aber: »Die Ossis müssen sehr viel lernen, sie müssen in dieser neuen Gesellschaft ankommen, die sind nicht geeignet, können das nicht wissen, sie kommen aus der Diktatur heraus in eine freie Gesellschaft. Das ist für jeden schwer und für den Ossi besonders«, das sagten sie schon. Da war immer der Hintergedanke: Wir wollen mit ihm Geschäfte machen, er soll für uns Geld verdienen. Insofern hat man nicht gesagt: »Du bist ein Doofer«, sondern: »Du musst lernen.« Ich habe das erwartet, mich aber auch nie unter den Tisch verkrochen. Ich hatte ein gewisses Selbstbewusstsein. Man kann nicht alle Wessis über einen Kamm scheren. Es gab arrogante Menschen, von sich eingenommen, die haben genauso über uns Ossis geredet, und es gab Wessis, mit denen konnte man gut und vernünftig zusammenarbeiten, die haben den Wessi nicht raushängen lassen. Die haben versucht, zu helfen, uns zu verstehen, aber das waren die wenigsten. Die meisten haben gesagt: »Wir sind hier und ihr müsst euch anpassen. Nicht umgekehrt.«
1980 habe ich geheiratet. Meine Frau war immer voll berufstätig. Sie hat am Anfang in der Sparkasse gearbeitet, dann beim Rat des Kreises* in der Kultur und nach der Wende ist sie im Rathaus in der Verwaltung geblieben, wurde übernommen. Das war für mich gut, denn in der Zeit, in der ich die Videothek hatte, hat sie mehr verdient als ich. Zu DDR-Zeiten habe ich immer mehr verdient als sie. Arbeiter, drei Schichten sowieso und als Technologe auch. Nach der Wende hat sie lange die Familie getragen. Für mich war das kein Problem. Die Männer in der DDR hatten nie eine Ernährerrolle. Wir waren gleichberechtigt. Meine Frau hat das Meiste gemacht. Als ich in Berlin zum Direktstudium war, lag alles auf ihren Schultern. Ich war nur am Wochenende da. In der übrigen Zeit holte ich auch mal die Kinder ab und wir versuchten, uns die Dinge einzuteilen. Aber ehrlicherweise muss ich sagen, dass das Meiste auf ihren Schultern lastete. Ich war auch zu DDR-Zeiten abends und an den Wochenenden viel unterwegs. Meine Frau hat sich nie benachteiligt gefühlt, wir besprachen alles gemeinsam. Ich habe nichts gemacht, was meine Frau nicht hätte mittragen wollen. Es waren nicht nur Entbehrungen, das wäre falsch. Wir haben Vorteile gehabt. Ich hatte Arbeitszeiten, bei denen ich zwischendurch auch mal einkaufen gehen konnte. Das war eine schöne Arbeitsteilung. Im Nachhinein muss ich natürlich sagen, dass wir noch jung waren, vorankommen wollten. Meine Frau hat sich nie beschwert, aber es war manchmal hart. Meine Kinder haben auch nie gemault. Wir haben Wochenenden und Urlaube gemeinsam verbracht. Wir empfanden in dem Augenblick den Stress nicht so. Es war immer nur die Frage, mache ich das oder mache ich das nicht. Mich hat in der DDR niemand zu etwas gezwungen. Wenn ich heute noch mal alles so machen sollte, würde ich es wahrscheinlich gar nicht hinkriegen.
Meine Kinder sind immer gerne in den Kiga gegangen, und meine Enkel tun das heute auch. Man kann natürlich nicht alles 1:1 im Verhältnis damals zu heute umsetzen. Aus meinen Kindern ist was geworden, die waren nie auf der schiefen Bahn, die haben ordentliche Berufe und Studium, haben Familie, Kind und Karriere, sind beide voll berufstätig. Sie bekennen sich dazu, dass ihre Kinder in den Kiga gehen. Mein kleiner Sohn hat drei Kinder und viele Dienstreisen durch die ganze Welt. Seine Frau ist Ärztin. Die stehen beide also voll im Beruf. Auch wenn wir als Großeltern unterstützen. Wichtig ist, dass die Kinder solche Werte wie Zuverlässigkeit leben, sich nicht verbiegen, zu dem stehen, was sie machen.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir Ostmänner etwas wehleidiger sind, aber das ist nur ein Gefühl. Wir haben früher gemeint, dass wir gesund sind und gesund bleiben. Das ändert sich mit dem Alter und weniger mit der Gesellschaft. Wir haben früher über die Gesundheit nicht viel nachgedacht. Der Westen denkt mehr darüber nach. Zumindest heute. Früher wurde mehr Fleisch gegessen. Der Fleischkonsum war bestimmt gigantisch. Das schmeckt ja auch gut und war immer eine Delikatesse. Die Essgewohnheiten waren andere. Das hat sich angenähert. Wenn ich in den Westen fahre, wird da genauso gegrillt wie bei uns.
Der Westmann, ich habe immer mit ihnen zu tun, ist heute ein anderer. Wenn ich an die erste Zeit nach der Wende denke, war es üblich, dass der Wessimann der Ernährer war, das Familienoberhaupt, das Geld verdient. Das war weit verbreitet, ist aber heute nicht mehr so. Da gab es Annäherung. Eine Wandlung ist auf beiden Seiten erfolgt. Die Wessis sind von uns beeinflusst worden. Ganz spurlos ging die Entwicklung bis heute auch nicht an ihnen vorbei. Der Ostmann hat nach der Wende viel in den Westen eingebracht.
Seit 2004 habe ich eine eigene Firma. Wir arbeiten mit vielen westdeutschen Versicherungen, da ist das Verhältnis jetzt auf Augenhöhe. So wie wir uns dort einbringen, kommt es zurück. Das Verhältnis hat sich total verändert gegenüber der ersten Zeit, als ich dabei war. Die Akzeptanz unter Geschäftspartnern ist heute vorhanden. Nicht mehr von oben herab, mehr wohlwollend, großväterlich.
Für mich waren beide Zeiten schöne Zeiten. Ost und West. Ich möchte beides nicht missen. Als die Mauer fiel, war ich zwiegespalten. Die reinste Freude hat sich bei mir nicht eingestellt. Denn ich wusste, dass jetzt alles ganz anders würde – wie genau wussten wir nicht, und es gab noch lange Zeit die Illusion, dass die DDR sich ändert. Erst später wurde klar, dass sie verschwinden würde. Am Anfang ging es darum, dass das, was wir hatten, verändert und verbessert werden sollte. Später kam »Deutschland, einig Vaterland«. Ich hatte Zweifel, ob das alles so werden würde. Ich war einer der wenigen, der das Begrüßungsgeld nicht abholte. Das war mir zuwider, diese Bettelgroschen gingen mir gegen den Strich.
Sorge, arbeitslos zu werden, hatten die allerwenigsten, weil der Durchblick fehlte. Die meisten waren der Meinung, dass sich die guten Seiten der DDR mit den guten Seiten des Westens vereinen würde. Und deshalb wurde die Maueröffnung von den meisten Männern mit großem Jubel begrüßt – in den ersten Monaten. Bis der eine oder andere auf der Straße stand. Ich halte es für möglich, dass sich viele Männer aus Enttäuschung Pegida oder der AfD zuwenden. Ich kenne aber niemanden, der in der AfD ist. Ich kenne aber viele Sympathisanten, zum Teil als Kunden. Denn wir reden in unserer Arbeit nicht nur über das Geschäft. Gerade bei Männern, vor allem bei älteren Männern, gibt es eine große Sympathie für die AfD. Zum einen ist die AfD die neue Protestpartei, was früher die Linken und die PDS* waren, nämlich das Gegenstück zur Regierung. Dazu kommt zum anderen, dass die genau in den Wunden stochern, die die Leute bewegen. Also: »Wie viele Asylanten sollen denn noch kommen?« »Die oben hauen sich die Taschen voll und wir gehen leer aus!« Für einfache Dinge sind Männern empfänglicher als Frauen. Ich kenne mehr männliche Sympathisanten als weibliche, aber Frauen gibt es dort auch. Bei der AfD sind nicht alle rechts. Das ist mit Sicherheit nicht richtig. Einige sind dabei, die besonders heimatverbunden sind. »Wir sind deutsch« – sie kommen aus dieser Richtung oder haben andere Motive. Ich glaube nicht, dass eine Partei, die so wenig homogen ist, als rechts einzuordnen ist. Man kann auch nicht von den Linken sagen, dass das alles Linksextreme oder nur Linksliberale sind. Bei der AfD ist ein Großteil nicht rechts, aber ich fürchte, dass sie mehr oder weniger von rechts vereinnahmt werden. Die bestimmen leider die Politik und das Meinungsbild. Wenn jemand gegen Corona auftritt, sind es zuerst die Rechten, die sich vorne anstellen.
Der Ostmann hat bis zu einem gewissen Punkt mehr Schwierigkeiten, sich unterzuordnen. Aber eine Gleichsetzung – autoritärer Staat bedeutet autoritärer Mann –, das würde ich nicht so sehen. Ich hatte zu DDR-Zeiten ein relativ selbstbestimmtes Leben. Ich habe nie alles gemacht, was man mir angetragen hat. Ich machte meine Dinge aus Überzeugung. Im Westen war es genauso. Wer dort eine große Klappe hatte, der flog raus. Das war noch schlimmer als bei uns. Bei uns konnte jeder Arbeiter zu seinem Chef sagen: »Hey, Meister, das läuft schief, bring das mal in Ordnung.«
Gottfried, Jahrgang 1932 | 8 Kinder, verheiratet in zweiter Ehe
Ost: Pfarrer, Hausmeister, West: Pfarrer,
Leiter kirchliches Altenheim Vorsitzender des Kreisseniorenbeirats
Was andere in der DDR nicht machen konnten,
konnten wir machen
Geboren bin ich 1932 in München und im Alter von fast drei Jahren mit meinen Eltern und meiner Schwester, die 1934 geboren wurde, in ein Dorf am Starnberger See gezogen. Mein Vater war mittlerer Beamter der Stadt München. Meine Mutter arbeitete nach der Heirat nicht mehr. Sie war in einer Schwesternschaft in Dresden selbstständig, gab alles auf und zog zu ihrem Mann nach München. In die Schule gegangen bin ich ab 1938. Ich war vier Jahre in der Volksschule und sollte auf die Oberschule kommen bzw. auf die Napola*. Mein Vater war 1925 in die NSDAP eingetreten, hatte aber keine Funktion. Für die Napola gab es ein Ausleselager, in dem ich für eine Woche war. Dort orientierte man sich am Erziehungsbild der Nationalsozialisten: »Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und schnell wie ein Windhund.« Auch mein Vater erzog mich für den Führer. Ich sprach sogar ein Abendgebet, in dem es um ihn ging. Eigentlich entsprach ich all diesen Anforderungen nicht. Trotzdem wurde mir bescheinigt, dass ich die Oberschule besuchen durfte. In Landsberg am Lech hatte ich eine Aufnahmeprüfung dafür gemacht. Dort blieb ich bis Kriegsende in einem Internat.
Wir wohnten etwas außerhalb des Dorfes. Am 30. April 1945, einem Montag, kamen die Amerikaner. Tags zuvor hatten wir keinen Strom mehr, dadurch auch keinen Radioempfang, später auch kein Wasser. Am Sonntag noch war am Bahnhof, etwa 15 Minuten vom Dorf entfernt, ein Zug mit KZ-Häftlingen abgestellt worden, der Tage lang eine Irrfahrt durch ganz Oberbayern gemacht hatte. Die Amerikaner ließen die fast verhungerten Menschen frei. Sie zogen durchs Dorf, denn die Amerikaner hatten bestimmte Wohnungen, so auch unsere, zur Plünderung freigegeben. Eine Woche später, am Sonnabend, sind sie zu uns gekommen, durchsuchten Schränke und nahmen alles, was sie brauchen konnten, mit. Sie fanden bei uns eine Zinkkiste mit einer alten Wehrmachtsuniform und gingen davon aus, dass dies eine SS-Uniform meines Vaters sein könnte. Wir konnten ihnen nichts erklären und so wurde mein Vater von ihnen geohrfeigt. Das war für mich schrecklich.
Gleich zu Kriegsbeginn 1939 wurde mein Vater eingezogen. Er hatte sich freiwillig gemeldet. Als Zahlmeister, später Oberzahlmeister der Wehrmacht war seine Einheit 1941 nach Polen verlegt worden. Noch vor dem Russlandfeldzug erlitt er im Juni 1941 einen Nervenzusammenbruch und kam ins Lazarett sowie in die Reha. Meine Mutter besuchte ihn dort. Ich frage mich bis heute, ob er damals Dinge über die Judenverfolgung in Polen mitbekommen hatte. Das passte doch eigentlich nicht in sein Weltbild der Menschenwürde, so wie er es gelernt hatte. Ich habe noch eine Landkarte und einen Stadtplan von ihm mit eigenen Eintragungen. Das konnte ich nie klären. Obwohl er in der NSDAP war, den Führer liebte und stolz darauf war, ihm einmal in den 1920er Jahren persönlich die Hand gedrückt zu haben, muss ihn dies sehr betroffen haben. Er schied aus der Wehrmacht aus, hatte fast ein Jahr eine Reha-Kur in Bad Tölz, wurde entlassen und war ab 1942 wieder in seinem Beruf als mittlerer Beamter der Stadt München tätig. Er gab jedoch keine Ruhe, bis er wieder eingezogen wurde und im Heeresfürsorge- und Versorgungsamt in Augsburg arbeitete. 1944 wurden diese Tätigkeiten der Zivilverwaltung übergeben. So schied er wieder aus der Wehrmacht aus und war bei Kriegsende kein Soldat mehr.
Ich habe nie mit ihm über diese Zeit gesprochen.
Gleich nach dem Krieg sagte mein Vater: »Wir gehen am Sonntag in den Gottesdienst.« Ich fragte mich, was das soll. Die ganzen Jahre ging es ohne Kirche. Wir waren zwar ursprünglich evangelisch, aber aus der Kirche ausgetreten, gottgläubig, wie das so schön hieß. Ich musste dazu noch ein Lied auswendig lernen. Der Pfarrer lud uns Kinder zum Unterricht ein, am Montag von 8:00 Uhr bis 10:00 Uhr. Wir saßen aber bis 11:00 Uhr, weil das für uns so interessant und spannend war. Für mich vor allem, weil ich dort erstmalig erlebte, dass ich angenommen wurde, einfach so, wie ich bin, mit dem, was ich gesagt habe und was ich mir dachte, nicht bewertet wurde, ob man am stärksten, am kräftigsten oder am schnellsten war, dem Sollmaß beim Jungvolk entsprach. Ein Jahr später lud uns der Pfarrer zu einer einwöchigen Rüstzeit* ein mit Lernen, Spielen, Gesprächen. Obwohl es nicht weit von zu Hause war, wollten wir, meine Schwester und ich, unbedingt dort mitmachen und übernachten.
1948 wurde ich konfirmiert, zwei Jahre später als gewöhnlich, weil ich noch nicht so lange kirchlichen Unterricht hatte. Zur Vorbereitung auf die Konfirmation gab es eine Woche lang eine Rüstzeit*. Da bekamen wir, zehn Jungs und 30 Mädchen, eine Woche schulfrei; es entstanden da viele Bekanntschaften. Nach der Konfirmation wurde mir klar, dass ich Theologie studieren wollte – mein Vater hatte, weil er das Gymnasium besuchte, alte griechische Bücher, und die hatte ich mir vorgenommen. Mit diesem Entschluss machte ich Abitur und ging auf die kirchliche Hochschule in Neuendettelsau. In den ersten beiden Semestern lernte ich Griechisch und im dritten Hebräisch. Die weiteren Semester absolvierte ich an den Unis in Erlangen und Heidelberg. Das erste kirchliche Examen legte ich 1955 in Ansbach ab. Danach ging ich ins Predigerseminar nach Bayreuth. In Erlangen hatte ich meine erste Frau kennengelernt. Sie kam aus einem Pfarrhaus und studierte Germanistik und Geschichte. Ich habe mich mit ihr zunächst verlobt, denn wir konnten nicht heiraten. In der Landeskirche durfte man erst mit 27 Jahren heiraten, oder wenn man das zweite Examen gemacht hatte, das hatte ich aber noch lange nicht.
Zu uns ins Predigerseminar in Bayreuth war der Rektor des Predigerseminars aus Mecklenburg gekommen. Diese Kirche in Mecklenburg war die Partnerkirche von uns in Bayern. Es ging ihm darum, den Kontakt zur Partnerkirche zu festigen. Ich entschloss mich, mit meiner Verlobten nach Mecklenburg zu gehen. Dabei spielte eine Rolle, dass man innerhalb der Kirche etwas für die Partnerkirche tun wollte. Mir war das aber zu wenig, ich wollte etwas mehr erleben und erfahren. Als junger Mensch ist man bereit, den Aufbruch zu wagen, also etwas Abenteuer. Und außerdem mussten wir, damit meine Verlobte mitkonnte, vorher heiraten. So heirateten wir im Dezember 1956.
Ich kam natürlich nicht sofort nach Mecklenburg, sondern hatte erst einmal eine Vikarsstelle in Fürstenfeldbruck bei München von 1956 bis 1957, bis wir endlich die Einreisepapiere erhielten und 1957 in die DDR fahren konnten. Meine Eltern hatten nichts dagegen, das stand gar nicht zur Debatte. Wir wurden, als wir ankamen, sofort DDR-Bürger, bekamen Personalausweise der DDR. Mein zweites Examen legte ich schon in Schwerin bei der mecklenburgischen Landeskirche ab.
Die Situation war ziemlich schwierig, nicht so sehr von der mecklenburgischen Sprache her, die man gerne hörte und zu verstehen lernte, aber dass man zu wenig Kontakte zu anderen Kollegen hatte. Wir wohnten die ersten Wochen bei einem Kollegen, der ein paar Jahre älter war als ich. Ich fühlte mich ziemlich isoliert und wechselte 1965 zu einer Dorfpfarrstelle in die Nähe von Malchin. Hier war das Entscheidende für mich die Gemeindeseminararbeit, die wir zusammen mit drei weiteren Gemeinden entwickelten. Diese Idee kam von der brandenburgischen Kirche. Ich las darüber in Kirchenblättern und war angetan von der Idee, mit Gruppen in der Gemeinde Gesprächsabende zu gestalten. Dabei wurden schon in der Vorbereitung Laien, Nichttheologen, einbezogen. Wir sprachen in dieser Gemeindeseminararbeit über Bibel- und Literaturtexte. Vorgaben dazu gab es nicht, aber Texte, die vorgeschlagen wurden.
Einmal bekam ich eine Einladung mit Freistellung zu einem Studienkurs für drei Monate nach Greifswald. Wir sprachen über theologische Strömungen. So bekam ich einen weiteren Zugang zur Theologie. Dabei habe ich den Leiter des brandenburgischen Pastoralkollegs kennengelernt. Das war der Vater von Angela Merkel. Mit ihm gab es auch anlässlich eines anderen Kurses ein Nachfolgetreffen in Templin. Ich nahm teil und lernte eine Kollegin kennen, die in Brandenburg tätig war, mit der ich mich schnell sehr gut in theologischen Fragen verstand. Das war 1973.
Eines Tages besuchte sie mich in Mecklenburg mit einem Kollegen. Beide kamen von der Landjugendarbeit, suchten einen Nachfolger für Brandenburg und warben mich, bei ihnen einzusteigen. Es ging darum, mit den Berufstätigen, auch jungen Erwachsenen, die in der Landwirtschaft, in den LPGen, tätig waren, Kontakte herzustellen. Uns wurden auch mal seitens des Staates Steine in den Weg gelegt, aber im Wesentlichen hat man uns als Pfarrer machen lassen. Was andere in der DDR nicht machen konnten, konnten wir.
Meine Frau hatte inzwischen eine theologische Ausbildung gemacht, und es wurde ihr erlaubt, eine Pfarrstelle in Brandenburg zu übernehmen. Wir zogen 1974 nach Brandenburg um. Auch hier waren uns die Familienrüstzeiten* wichtig. Eine Woche im Winter, meist in den Winterferien, mit circa 40 Teilnehmern, Eltern mit ihren Kindern. Da waren zwei Pfarrer dabei und zwei Katechetinnen. So wurde für die Kinder und für die Erwachsenen etwas gemacht. Es gab Rüstzeitenheime, da konnte man zum Beispiel nach Eisenach oder Buckow fahren. Meine Arbeit mit Jugendlichen, Kindern, Konfirmanden und Familien in der Rüstzeit* behielten wir all die Jahre bei. Mit bis zu 40 Leuten haben wir gezeltet, sind gewandert. Für die Familien führten wir das auch an Wochenenden durch. Zu thematischen Abenden haben wir Bibeltexte gelesen. Den Jugendlichen übertrugen wir frühzeitig Verantwortung für die Betreuung der jüngeren Kinder.
Bei diesem Familienrüsten habe ich meine jetzige Frau kennengelernt. Ich hatte von ihr zwar schon gehört, war ihr bei kirchlichen Treffen begegnet, aber bei der Rüste in der Nähe von Potsdam sind wir uns sehr nahegekommen. Als ich nach Hause kam, wollte ich das meiner damaligen Frau nicht verschweigen und habe ihr von meiner Liebe erzählt, die ich auf dieser Rüste erlebt hatte. Ich besuchte meine zweite Frau zunächst in ihrem Dorf, wo sie mit ihren beiden Töchtern aus ihrer geschiedenen Ehe lebte, blieb über Nacht. Meine Frau konnte sich nicht vorstellen, dass ich noch mit einer anderen in einer Beziehung lebte. Ich konnte und wollte aber nicht den Kontakt zu ihr abbrechen und besuchte sie weiterhin. Daraufhin hat meine Frau sich an den Superintendenten gewandt, der ein Disziplinarverfahren gegen mich in Gang brachte. Ich musste aus dem Pfarrdienst ausscheiden, in einer zweiten Verhandlung wurde das Strafmaß auf zwei Jahre verkürzt. In dieser Zeit, 1981, bekam ich Arbeit in einem kirchlichen Krankenhaus in Berlin, wo ich Arbeiten im Hof und in den Grünanlagen, Transportfahrten für Krankenhausmaterial und ähnliche Dinge verrichten musste. Dabei konnte ich mich zumindest mit meiner jetzigen Frau und deren zwei Töchtern treffen. Beide Töchter hatten zu ihrem Vater keinen Kontakt. Gegen Ende des Jahres musste nun entschieden werden, was ich weiter mache und wo ich wohnen werde. Mir wurde die Leitung eines kirchlichen Altersheimes in einer Stadt nahe der Oder übertragen. Inzwischen waren wir geschieden. Bis zu unserer Eheschließung durfte meine jetzige Frau nicht bei mir wohnen. Unser Leben war quasi inoffiziell. 1982 im Februar heirateten wir standesamtlich. Ihre damals neun- und elfjährigen Töchter haben meinen Namen übernommen und ein Jahr später adoptierte ich sie. Sie sollten die gleichen Rechte haben wie das gemeinsame Kind, das wir erwarteten. Im Laufe des Jahres wurde unsere Tochter geboren und zwei Jahre später unser Sohn.
Zu den vier Kindern aus der ersten Ehe versuchte ich immer Kontakt zu halten. Unser Sohn, unser erstes Kind, machte damals die Ausbildung zum Diplomingenieur für Kfz-Technik und hat also keinen kirchlichen Beruf. Von den drei Töchtern studierte die erste in Rostock Theologie, hat ihren Mann dort kennengelernt und in dieser Zeit das erste Kind bekommen. Die zweite Tochter hatte nach ihrer Berufsausbildung mit Abitur in einer Papierfabrik ebenfalls angefangen, in Berlin Theologie zu studieren, hat ihren Mann, ebenfalls einen Theologen, kennengelernt, geheiratet und ist mit ihm nach Mecklenburg gezogen. Später haben sie einen Ausreiseantrag gestellt und sind in die Schweiz gezogen, wo sie heute noch leben. Die dritte Tochter hat einen Bolivianer kennengelernt, der in Deutschland studierte. Sie hat 1981 an der EOS* gerade Abitur gemacht und hatte es natürlich am schwersten gemeinsam mit der Mutter. Später heiratete sie diesen Bolivianer, konnte so die DDR verlassen und lebt in Kiel. Sie bekam vier Kinder. Nach deren Geburt oder zu deren Taufe konnte ich einen Reiseantrag stellen, den ich genehmigt bekam.
Bis zum Grundlagenvertrag 1971 gab es keine Reisen in den Westen, ich konnte weder meine Eltern noch meine Schwester besuchen. Mit dem Grundlagenvertrag änderte sich das und man konnte in dringenden Familienangelegenheiten zu Besuch reisen. Zu meinen Eltern hielt ich immer Kontakt. Sie besuchten uns regelmäßig. Wir schrieben damals noch Briefe. Telefonieren war sehr aufwendig und teuer.
1983 fragte mich der Oberkonsistorialrat, ob ich wieder in den Pfarrdienst möchte und bot mir drei Pfarrstellen an. Wir wollten in der Nähe zu Polen bleiben und möglichst intakte Kirchen, da ich vorher schon mal eine abgebrannte Kirche wieder aufbauen musste. In den Jahren davor hatte ich angefangen, Polnisch zu lernen. Wir wollte näher an die Oder. Die Stelle lag aber im Braunkohlegebiet. Im Oktober sind wir hingefahren, es schien die Sonne noch so schön. Ich sagte zu. Den Ruß der Brikettfabriken in der Luft bemerkten wir erst im Winter, als der Schnee so schmutzig wurde. 1984 übernahm ich die Pfarrstelle in G. mit vier Predigtstellen. Meine Frau war inzwischen wieder schwanger und musste längere Zeit ins Krankenhaus. So brachte ich morgens unsere Tochter in die Krippe und holte sie am Nachmittag wieder ab. Es wurde ein Sohn, 1984 geboren. Da war ich schon 52 Jahre alt.
Am 1. März sollte ich in meiner Pfarrstelle anfangen, da setzten die Wehen ein. Ich brachte meine Frau nach Frankfurt zur Entbindung, aber das Kind kam noch nicht. Ich bin zurück und kam am nächsten Tag gerade rechtzeitig wieder hin, als er geboren wurde. Als ich ihn auf dem Arm hatte, kamen mir die Tränen, ich hatte wieder einen Sohn nach so vielen Töchtern. Die große, dreizehnjährige Tochter meiner Frau war an diesem Tag, ihrem ersten Schultag, gefragt worden, wie viele Geschwister sie habe, und sie hatte geantwortet: »Zwei oder drei«, als wüsste sie es nicht. Sie konnte es wirklich noch nicht wissen.
Im Pfarrkonvent wurde gefragt, wer bereit sei, eine Schweizer Delegation von Pfarrern und Kirchenleuten, eine Gruppe von fünf Leuten, für eine Woche aufzunehmen. Ich schrie sofort: »Hier!« Ich wollte Kontakte vermitteln. Der strukturbestimmende Betrieb war die Braunkohle. Da ließ sich aber nichts vereinbaren. Das ging also nicht. Natürlich nahm ich Kontakt mit der Bürgermeisterin auf, was gut ging. Auch mit dem LPG-Vorsitzenden führten wir ein Gespräch. Mehr so nebenbei, nicht ganz offiziell. Wir wollten ja nicht, dass das abgelehnt wird. Es gelang uns, einen Gegenbesuch zustande zu bringen. Organisiert wurde er durch den Ökumenischen Jugenddienst in Berlin, der Dienstreisen bei den staatlichen Stellen vermitteln konnte. Mit zwei Leuten konnten wir in die Schweiz reisen. So fuhren die Frau des Gemeindekirchenratsvorsitzenden und ich die erste Woche in die französische Schweiz, die zweite Woche nach Zürich. Wir fuhren mit dem Zug. Auf der Rückreise haben wir unsere Partnergemeinden in Pforzheim und Wuppertal besucht. Mit dem einem Pfarrer aus der Schweiz sind wir bis heute befreundet. Wir haben unsere Kinder nicht als Kleinkinder getauft, sondern erst im Kindesalter. Das hatte meine Frau schon so mit ihren Kindern gemacht, und unsere gemeinsame Tochter suchte sich von den zwei Paten, die sie wollte, diesen Schweizer Pfarrer aus.
1989 hatte unsere Partnergemeinde in Wuppertal ein Jubiläum. Ministerpräsident Rau, der aus dieser Gemeinde stammte, nahm an den Feierlichkeiten teil. Meine Frau hat ihn in guter Erinnerung. Als Partnergemeinde hatte man uns eingeladen. Diesmal fuhren meine Frau und der Kirchgemeinderats-Vorsitzende. Nicht immer die Pfarrer sollten es sein. Sie fuhren noch zu Honeckers Zeiten und kamen nach seinem Rücktritt zurück. Es waren ihre ersten Westreisen. Dort hörte sie im Radio, dass Honecker in den nächsten Tagen zurücktreten werde. Als sie zurückkamen, waren die Grenzer deutlich freundlicher.
Der 9. November ist ein schicksalsträchtiges Datum. Wir haben erst bis zum Sonntag gewartet, ehe wir nach Berlin fuhren und in den Westteil gingen. Wir waren überwältigt. Bis dahin fühlten wir uns doch sehr eingeengt. Wir dachten, »Toll, wahnsinnig«, und sind gleich an einem der nächsten Wochenenden nach Österreich gefahren.
Abgesehen von Dienstreisen, die wir machten, haben wir privat so große Reisen in der DDR nicht gemacht, bis auf eine ganz große Reise mit meiner ersten Familie: Wir fuhren mit dem Pkw und einem Campinganhänger mit unseren drei Töchtern bis nach Jerewan. Das war ein Angebot vom DDR-Reisebüro. Leider mussten wir für drei Tage ins Krankenhaus. Da haben sie für uns eine ganze Station freigeräumt. Als wir wieder raus waren, brauchten wir eine neue Marschroute, weil ja die Übernachtungen um diese drei Tage verschoben waren. Das war und bleibt ein unvergessliches Erlebnis!
Wir haben in der Kirche im Unterschied zu nichtkirchlichen Berufen im Osten wenig Geld bekommen. Wir kamen finanziell mühsam über die Runden. Nach der Wende stieg das Pfarrgehalt schnell an, aber das von den Mitarbeitern blieb relativ niedrig. So liegt zum Beispiel mein Ruhegehalt dreimal höher als das meiner Frau. Während sie gearbeitet hat, war es besser, aber ihre Rente ist ziemlich gering.
Unterschiede zwischen Ost- und Westmännern fallen mir keine ein. Jedenfalls zu den Männern, die ich näher kenne. Ich weiß aber, dass ich die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in der DDR viel mehr reflektiert habe, als ich dies im Westen getan hätte. Wir mussten uns immer überlegen, unter welchen Voraussetzungen wir in der Kirche arbeiten und wo wir Ansätze oder Wege zu einem Gespräch finden können. Wie kommen wir mit den staatlichen Vertretern zurecht? Das nahm mich alles sehr in Anspruch. Wir sind in der Kirche zum Dienst erzogen worden, nicht zur Karriere, auch nicht, um vielleicht Bischof zu werden. Es geht darum, Verantwortung wahrzunehmen. Unterschiede zwischen Ost und West bestanden wie gesagt im Einkommen. Nach der Wende habe ich keine Akzeptanzprobleme von westlichen Kollegen in der Kirche verspürt. Sie bestanden wohl in der Verwaltung, nicht aber in der eigentlichen Arbeit. Durch die wieder gesetzliche Kirchensteuer kam es zu vielen Austritten. In der DDR zahlte man einfach die Kirchensteuer nicht, und so ruhte mehr oder weniger die Kirchenzugehörigkeit. Es sei denn, man wurde in gewissen Berufen zum Austritt gezwungen.
Als ich 1995 in den Ruhestand ging, engagierte ich mich weiter mit Vertretungen. 1996 begann ich im Kreisseniorenbeirat mitzuarbeiten und wurde ein Jahr später für zehn Jahre dessen Vorsitzender, war später auch einige Jahre einer der stellvertretenden Vorsitzenden des Landesseniorenrates. So waren die jährlichen Seniorenwochen zu organisieren. Für die Eröffnungsveranstaltung im Kreis suchten wir Kontakt zum Theater. Dort wurde gerade das Seniorentheater gegründet. Und da machte ich gleich mit. Bis heute bin ich dabei. Abgesehen von eigenen Stücken waren wir Statisten in Faust I und II und sind mit auf Theaterreisen gegangen, unter anderem bis Südtirol.
In meinen letzten Dienstjahren habe ich das Bibliodrama entdeckt und an einigen dieser Kurse teilgenommen. Da ging es zum Beispiel darum, was unter dem Wort ›Engel‹ bei uns zum Laufen gebracht wird. Oder in einem anderen Kurs zum Vaterunser. Im großen Tagungsraum hingen an den Wänden und Türen große Blätter, auf denen immer ein Wort des Vaterunser stand. Und wir sollten uns zu einem dieser Wörter, die uns etwas sagen, stellen. Ich wählte das Wort Schuld für mich und arbeitete so meine Scheidung mit meiner ersten Frau und die darum rankenden Probleme auf.
Bei einem 14-tägigen Polnisch-Kurs in Krakau lernte ich die Studentin L. kennen, die Geschichte studierte und mit der ich heute noch nach fast 20 Jahren gut befreundet bin. Von den fast 60 Teilnehmern waren die meisten Studierende. Mit L. habe ich zwei Wochenendseminare mit deutschen und polnischen Senioren durchgeführt. Das erste in Kreisau zum Thema »Flucht und Vertreibung – können wir darüber reden«. Dass das ging, hat mich sehr beeindruckt. Ich werde das nicht vergessen. L. ist inzwischen schon lange Geschichtslehrerin.
Zur Gleichberechtigung: Die Hausarbeiten haben wir uns im Großen und Ganzen geteilt, je nach dem, was zu tun war. Kochen ist allerdings nicht mein Ding, kann ich aber, wenn es sein muss. Ich habe die Kinder ins Bett gebracht, wenn es sein musste, oder unsere kleine Tochter getröstet, als sie Schmerzen beim Zahnen hatte, oder auch sonst. Die Großen halfen bei der Hausarbeit viel mit. Ebenso war ich beim Putzen mit dabei. Die Kinder in meiner ersten Familie gingen nicht in den Kindergarten. Das war uns zu ideologisch. Anders in der zweiten.
Nach der Wende bauten wir für den Ruhestand ein eigenes Haus, in dem wir 25 Jahre lebten. Jetzt sind wir in die Stadt in eine Mietwohnung gezogen, wegen des Alters, haben das Haus verkauft und sind froh, keinen Garten mehr zu haben. Wichtig ist, glaube ich, dass wir uns als Eheleute gegenseitig viel Eigenständigkeit gewährt haben. So zum Beispiel machte ich die meisten mehrtägigen Radtouren, etwa zwölf an der Zahl, allein. Meine weiteste Fahrt war die an der Donau entlang von Wien bis hinter das Eiserne Tor in Rumänien, 2010. Die letzte weite Radtour führte von Danzig nach Riga, das war 2017, die aber zusammen mit meiner Frau und einem Dutzend weiterer Teilnehmer. Meine Frau dagegen ging zu Fuß den Camino-Weg*, zweimal, auf verschiedenen Übergängen von der spanischen Grenze bis Santiago de Compostela und in jährlichen Abschnitten von 14 Tagen von Görlitz über Eisenach bis Genf. Mit dem Fahrrad war auch ich auf dem Camino nach Santiago unterwegs, allerdings erst ab Burgos, und ich habe sie im letzten Abschnitt eingeholt. Wir machen auch sonst so manche Reise allein oder in einer anderen Gruppierung. So war sie in den USA, auf einer Dienstreise mit anderen Kolleginnen und Kollegen. Neben gemeinsamen Hobbys haben wir jeder unsere eigenen, das Gleiche gilt für Freundschaften. Ganz wichtig ist für mich das Lesen. Wir haben jeder unser eigenes Konto, sie übernimmt im Wesentlichen die Lebensmittel und ihre normalen Bedürfnisse, ich alles andere: Miete, Versicherung, die größeren Anschaffungen, Auto- und Urlaubskosten usw.
Im letzten Jahr hatte es mich leider erwischt. Ich hatte Darmkrebs. Während der OP erlitt ich einen Schlaganfall. Der Krebs konnte gut operiert werden. Vom Schlaganfall ist eine gewisse Beeinträchtigung zurückgeblieben, vor allem im rechten oberen Gesichtsfeld, sodass ich nicht mehr Auto fahren kann. Aber ich kann wieder einige Kilometer wandern und aufs Ganze geht es mir gut, wirklich gut.
Radio-Kassettenrecorder KR 2000
Hersteller: VEB Sternradio, Berlin
Design: Andreas Dietzel/Michael Stender/M. Marschhauser, 1987

Spiegelreflex-Kamera Practica „BX-20“
Hersteller: Kombinat VEB Pentacon, Dresden
Design: Manfred Claus und Reinhard Voigt
2. Die Arbeit ist für den Ostmann Sinn des Lebens, ein kulturelles Gut und nicht nur Mittel zum Geldverdienen. Der Betrieb war für ihn Lebensmittelpunkt. Aufgrund der Mangelwirtschaft lernte er gut zu improvisieren. Der Verlust von Arbeit führte zu Brüchen männlicher Identitäten.
Ralph, Jahrgang 1952 | 2 Kinder, verheiratet in erster Ehe
Ost: Diplomingenieurarchitekt, West: Diplomarchitekt
Szenenbildner beim DDR-Fernsehen
Heute sehe ich
die Plattenbauten positiv
In Eichwalde bin ich geboren, wo ich jetzt wieder wohne. Ich hatte als kleiner Junge eine glückliche Kindheit, denn da gab es noch die Oma, die wohnte im Haus und hat mich, weil beide Eltern berufstätig waren, tagsüber betreut. Teilweise war ich im Kindergarten. Das war okay. Mir ist ein Großteil der Krippe und Kindergartenzeit erspart geblieben. Oma starb, als ich neun Jahre alt war, da war dann alles anders. Ich bin Gott sei Dank Einzelkind und nach der Schule allein zu Hause geblieben – obwohl es den Hort gab, aber das brauchte ich nicht. Ich spielte in unserem Einfamilienhaus mit Garten, baute Höhlen, machte Lagerfeuer und fühlte mich wohl. Helfen im Haushalt musste sein, weil die Eltern erst abends nach Hause kamen. Bis heute bin ich Einzelgänger.
Mein Vater war Prüfer bei der Investitionsbank, also kaufmännisch tätig, später arbeitete er leitend im Berliner Glühlampenwerk und im Haus der Elektrotechnik. Meine Mutter war Sekretärin in einer privaten Chemiefirma. Das war eine wirtschaftlich gute Position mit gutem Geld. Sie hat immer gearbeitet, halbtags, bis zur Rente.
Ich habe Abitur gemacht. Wie weiter war nach dem Abi für mich relativ früh entschieden. Meine Eltern haben das von Kindheit an vorbereitet. Sie beeinflussten mich, Architekt zu werden. Ich war zeichnerisch immer begabt, bereits als kleines Kind. Von meinen Bildern wurden immer kleine Ausstellungen gemacht. Ich hantierte viel mit Baukästen. Da sieht man, ob ein Kind talentiert ist oder nicht. Das hat mich geprägt, und der Beruf war klar. Ich wollte zwischendurch wie viele Jungs Lokomotivführer und Pilot werden, aber ab der 7. oder 8. Klasse nicht mehr.
Ich bin nur drei Monate bei der Armee gewesen. Das ist kein gutes Thema, was da mit den Männern gemacht wurde. Wenn man studieren wollte, musste man drei Jahre zur Armee. So war das in meinem Jahrgang. Diese drei Monate jedenfalls haben mir gereicht. Wer da drei Jahre dabei ist, der hat vielleicht gar keine Lust mehr zum Studieren, weil er am Boden ist. Das war für mich ein Verbrechen. Ich habe in Weimar von 1971 bis 1975 studiert, vier Jahre, denn damals gab es die Hochschulreform, die die Studienzeit reduzierte. Meine Berufsbezeichnung ist Diplomingenieurarchitekt. Gleich nach der Wende nannte ich mich Diplomarchitekt.
1974 lernte ich in den Semesterferien meine Frau kennen. Sie hat mich mit ihrer Schwester in ihr Elternhaus entführt, als die Eltern verreist waren. Die erste Nacht blieb ich natürlich da. Wir haben uns von vornherein gut verstanden und heirateten nach drei Jahren. 1978 und 1980 kamen beide Töchter am gleichen Tag zur Welt. Meine Frau ging arbeiten, sie studierte Musik, Deutsch und Pädagogik an der Humboldt-Universität mit dem Ziel Lehramt. Sie hielt es aber an der Schule im Beruf nicht aus, es war einfach nicht ihr Ding. Sie ging aus der Volksbildung raus und kam zum Rundfunk als Musikredakteurin. Das machte sie bis zur Wende.
1975 – also nach meinem Studium – gab es in der DDR keine Möglichkeiten, selbstständig zu werden. Bei Handwerksbetrieben ging das, aber in meiner Berufsgruppe nicht. Ich wurde über die Hochschule vermittelt, denn frei bewerben konnte man sich nicht. Ich hatte den Wunsch, wieder in Elternhausnähe zu kommen, nach Berlin, und das klappte. Im Wohnungsbaukombinat Berlin fing ich nahtlos nach dem Studium an. Als Absolvent hatte man erst mal so eine Art Probehalbjahr. Und da ein Architekt ein Planer ist, hat er in einem langen Investitionsprozess vorbereitend zu arbeiten. Meine Domäne war das Zeichnen. Viel war auf Plattenbau bezogen, bis hin zur Mitwirkung an dem Programm zur WBS-70*-Funktionsunterlagerung für das Neubauzentrum in Marzahn. Schon zu DDR-Zeiten gab es die Idee, die Untergeschosse der Häuser mit Läden und hinteren Lagerräumen zu bauen. Heute sehe ich die Plattenbauten positiv. Erstens deshalb, weil sie große Fenster, also viel Licht haben, was für die Menschen wichtig ist. Wenn man heute die Einfamilienhäuser sieht, haben das die Menschen vergessen. Zweitens gab es logische Grundrisse und drittens große Loggien. Die Berliner WBS-70-Serie hatte 4,80 Meter bis 6 Meter lange Balkone. Das war alles gut. Was wir als Architekten kritisierten, war der langweilige Städtebau an sich. Nichts war beweglich und nichts gewachsen. Der damals monotone Städtebau war vor allem deshalb entstanden, weil die Kräne auf Schienen nur 13 Meter Auslegung hatten. Die Technik in der DDR war nicht westlich. Die Platten konnten nur auf diese Weise montiert werden. Schuld waren aber nicht nur die Kräne, sondern das nur auf Quantität ausgerichtete Wohnungsbauprogramm. Heute gibt es Mobilkräne, die im Bau eine größere Flexibilität ermöglichen. Natürlich sind auch Gründerzeitgebäude abgerissen worden, das war in Ost wie West so durch die große Zerstörung im Krieg. Historische Quartiere wie der Alexanderplatz in Berlin sind verloren gegangen, weil man das teils zerstörte Quartier komplett abgerissen hat. Deshalb kam es zum Fernsehturm und dem heutigen Platz mit dem Märchenbrunnen. Darüber kann man gespaltener Meinung sein. Aber es kam noch die russische Philosophie der großen Plätze hinzu, was durch Moskau politisch beeinflusst wurde. Durch die Tonnenideologie, wie in der Karl-Marx-Allee, wurde die Zuckerbäckerarchitektur von Moskau aus über Walter Ulbricht der Stadt Berlin übergestülpt. Dinge, die ich heute anders werte, habe ich mir selbst in Moskau angesehen. Die gleiche Architektur wurde von Russland auf Deutschland Ost übertragen, weil das eine Machtfrage war. Da haben wir höchstens mal hinter vorgehaltener Hand und beim Bierchen über Meinungsfreiheit geredet. Eine kritische Diskussion gab es nicht. Es ging bis zum Berufsverbot. So weit habe ich es nicht betrieben, ich war kein Regimegegner. Ich habe mir stattdessen Nischen gesucht. Im Nikolaiviertel in Berlin hat man später versucht, es anders zu machen. Es ist liebevoller gebaut, da wurde mit neuem Plattenbaukasten sensibler gearbeitet. Später ging ich zur Bauakademie und durfte als Sonderbauvorhaben eine Kirche bauen, ein katholisches Gemeindezentrum, obwohl Kirche in der DDR nicht gefragt war. Dieses Gemeindevorhaben wurde vom Caritasverband in Westberlin bezahlt. Ich bekam den Auftrag wegen meiner guten Zeichnungen. Da war ich 31 Jahre alt und es war für mich eine große Sache. Wir waren ein Team, aber ich durfte es führen.
1977 habe ich angefangen, mein eigenes Haus zu bauen. In dieser Zeit war es sicher so, dass meine Frau Kinder und Haushalt gemacht hat und ich mit dem Bau mehr zu tun hatte. Aber für mich war der Haushalt kein Problem. Ich bin früh aufgestanden, denn meine Frau schlief gerne länger, habe die beiden Mädchen mit Frühstück versorgt. Multitasking als Mann, das ging alles. Ich war immer hoch belastbar. Meine Sicht auf die Gleichberechtigung ist deshalb gut, denn wir sind damit groß geworden und haben sie mitgetragen. Es war normal, dass die Frau arbeitete. Was im Kapitalismus für Denkweisen heute noch darüber existieren, hat uns eigentlich erschreckt. Ansichten wie im Mittelalter. In der Zeit des Hausbaus hatte ich noch kein Auto, und meine Hin- und Rückfahrt zur Bauakademie war lang. Außerdem war damals die DDR politischer Unterstützer des Irak. Ich sollte Militär-Baracken für den Irak zeichnen, das war nicht mein Ding. Ich zeichnete, fand es aber nicht gut. Auch Wohnungsbau in Libyen und Mozambique war eine Sache als Sonderbauvorhaben, die mir nicht lag. Dann wurde noch mein Gehalt gekürzt, weil ich oft in der Arbeitszeit bei der Baustoffversorgung anstand, wegen meines eigenen Hausbaus. Denn wenn man in der DDR ein Haus bauen wollte, musste man Beziehungen haben. Die hatte ich aber nicht und deshalb musste ich mich als normaler Bürger anstellen. Das alles kam zusammen. Näher an meinem Wohnort lag das DDR-Fernsehen. Ich hatte gehofft, dass man dort eine große Bauabteilung hatte, in der ich als Architekt arbeiten konnte. Ich bewarb mich. Allerdings stellte sich heraus, dass das Fernsehen keine Bauabteilung hatte. Deshalb bin ich als Szenenbildner in der Unterhaltung und dem Kinder- und Jugendfernsehen eingestiegen. Das war 1983/84. Ich war sehr erfolgreich, machte große Sendungen als Szenenbildner. Und dann kam die Wende.
Es war spät abends im Herbst 1989. Ich machte den Betonmischer aus, Schabowski* hielt die Rede, die keiner verstand, die Leute rannten los. Ich verstand das, wenn man in der Stadt wohnte. In meiner Gegend war das weiter weg. Hinzu kam, dass ich eine Außenproduktion in Buna* bei Halle hatte, da wurde Achims Hitparade* gedreht. Ich machte die Dekoration im Kulturhaus von Buna. Als die Mauer fiel, war mir das egal, denn als disziplinierter Mensch fuhr ich nach Buna. Ich bin quasi nicht durch die gefallene Mauer, sondern arbeiten gefahren. Ich dachte aber, dass der Mauerfall dufte sei. Wir gehörten nicht zu den Montagsdemonstrierern. Wir hatten zu DDR-Zeiten entschieden, uns als Ehepaar eine Nische zu suchen. Wir wollten nicht in den Westen, hatten früh unsere Töchter gezeugt und entschieden uns, weil wir Verantwortung für die Kinder hatten, zum Hausbau. Es war klar, dass wir bleiben würden, brav und artig sein und unser Ding machen würden. Wir haben uns also nicht die Augen zugehalten, sondern eine Alternative gesucht, danach, was möglich war. Als Eigenheimbauer konnte man nur typengerecht bauen, aber es gab Ausnahmen, wenn es ein Umbau war. Wir hatten auf dem Grundstück ein kleines Häuschen und ich stülpte darüber einfach einen Umbau. Im Endeffekt blieb nur acht Prozent vom Alten übrig, aber es sah ohnehin keiner mehr durch. Ich konnte die Nische nutzen und etwas Individuelles bauen.
Nach dem Mauerfall hatte auch ich die Illusion, dass jetzt alles besser werden würde. Es ist vieles besser geworden, im Konsumbereich. Ich fuhr einen alten Lada und Dank der neuen Finanzierungsmöglichkeiten der Banken konnten wir uns zwei ordentliche Autos kaufen. Ich habe natürlich einen BMW gewählt. Das wurde mir von der Bank als standesgemäß empfohlen. Jetzt nach der Wende wollte ich aber endlich die Möglichkeit haben, so beruflich einzusteigen, wie es in der DDR nicht möglich war. Dazu ist zu sagen, dass ich in den 1980er Jahren auch in die NDPD* – die Blockpartei zur SED – gegangen bin. In der DDR musste man in einer Blockpartei sein, um Freiberufler werden zu können. Bis zur Wende war ich da drin, dann ging sie in die FDP über. Das war mir zu blöd, kostete Geld, und nun gab es ohne in einer Partei zu sein die Möglichkeit, Freiberufler zu werden.
Ich musste mich nun entscheiden, ob ich beim Fernsehen, jetzt ARD und ZDF, weitermachen oder als Architekt einen neuen Anfang suchen wollte. Wenn man so viele Jahre raus ist, hat man aber den Kollegenkreis nicht mehr, die Netzwerke fehlen. Ich musste deshalb ganz allein bei null anfangen. Die Leute, die ich kannte, haben mir nicht viel genutzt. Die Bauakademie war pleite, das Wohnungsbaukombinat zerfiel, da bleib nur noch eine kleine GmbH übrig. Ein Festangestelltenverhältnis fiel aus, denn ich hatte mich über die Jahre durch Arbeit von zu Hause aus an meine Freiheit gewöhnt.
Ich ging zur Bank und lotete die vielen finanziellen Möglichkeiten für eine neue Büroeinrichtung und natürlich für den Weiterbau unseres Hauses aus. Ich kaufte mir eine ordentliche Büroausstattung, die es in der DDR so nicht gab. Als Freiberufler konnte man da richtig zulangen. Und es ging sehr viel Geld drauf. Es gab Förderkredite, und ich habe die gerne in Anspruch genommen. Heute würde ich sagen, dass ich in die Falle gegangen bin. Man hat mir zwar gesagt, dass ich in den nächsten 20 Jahren möglichst nicht krank werden sollte. Aber das habe ich verdrängt. Wir waren noch relativ jung und dachten, dass das schon klappen wird. Ich konnte also materiell meinen Beruf ausüben und mein Talent kannte ich. Es entdeckte mich ein Wessi, der mich unter Wert einkaufte. Ich sammelte Erfahrungen, lernte andere Kreise kennen, die mich weiterbrachten. Dass Häuser mit Tiefgaragen gebaut werden, so etwas gab es im Osten nicht. Ich bin also in die kapitalistische Arbeitsweise hineingerutscht. Meine Aufträge lagen vorwiegend im Osten, es waren schöne Sachen dabei, und das Geld war ordentlich. Ich hatte zwar keinen Ruhm, aber meine Arbeit wurde geschätzt. Ich war Anfang der 2000er Jahre in Usbekistan, in Moskau, Kasan, in Taschkent, und habe dort große Gebäude entworfen. Aber diese Firma ging als Auftraggeber insolvent. Ich hätte mich davor anders orientieren müssen. Man kann sich niemals – und das lernt man im Kapitalismus – auf nur einen Auftraggeber konzentrieren, jedenfalls nicht als Freiberufler. Das habe ich versäumt. So fehlte mir die Alternative.
2004 wurde ich mit einem Burn-out krank. Und das war das Ende des Geldverdienens für uns und die Bank. Ein nobles Haus kostet nobles Geld und die Kredite musste ich abzahlen. Durch das Schwächeln ging das nicht mehr so. Ich war krankgeschrieben und für vier bis fünf Wochen in der Reha-Klinik für psychosomatische Krankheiten. Das half mir zwar sehr, ich musste aber wieder neu anfangen. Diesmal setzte ich auf Fotovoltaikanlagen. Leider kannten und wollten die Leute so etwas nicht. Es lief schleppend. Die Bank bekam das mit und kündigte meine Kredite. Banken neigen dazu, ihr Geld zügig wieder zurückbekommen zu wollen. Die Methoden sind nicht angenehm. Sie haben unser Haus versteigert. Es war weg, und ich musste mich wieder neu orientieren. Das wurde eine holprige Zeit und ich bin deshalb heute trotz Rentnerstatus noch immer im Beruf tätig. Über die Jahre fand ich wieder feste Partner. Man kennt meine Fähigkeiten und mein Durchsetzungsvermögen. Heute arbeite ich an altlastigen Militärobjekten, die zu Wohnungen umgebaut werden.
Ich habe mit West- und Ostleuten zusammengearbeitet. Aber es stellte sich schnell heraus, dass das mit West nicht zusammenpasst. Die unterschiedliche Entwicklung über 40 Jahre in beiden deutschen Staaten hat zu erheblich unterschiedlichen menschlichen Entwicklungen geführt. Obwohl Wessis, die mich haben wollten, mich umgarnten, nie einer sich erlaubte, frech zu werden, zeigten sich die Unterschiede knallhart. Einmal sollte ich nach einem Entwurf ein Einfamilienhaus bauen, der Flur hatte aber keine Fenster, also keinerlei natürliches Licht. Ich schlug deshalb vor, den Kunden zu beraten und ihm zu vermitteln, das Tageslicht wichtig sei. Das ist mein Verständnis von meinem Beruf. Der Wessichef aber sagte: »Wir können nicht beraten, wir müssen Geld verdienen.« Das ist sicherlich nicht die Denkweise aller meiner Berufskollegen. Aber Geld ist die einzige Moral, die uns sofort nach der Wende entgegenschlug. Wir bauen zwar für Menschen, es geht aber meist zuerst um das eigene Honorar. Ein Grundstück maximal auszunutzen. Die Ämter haben dafür gesorgt, dass man nicht alles komplett bebauen darf. Aber wenn es zur damaligen Zeit nach den Investoren aus dem Westen gegangen wäre, wäre Berlin heute zubetoniert. Je höher und je mehr Gebäude, desto mehr Miete, und umso mehr erhielt der Architekt als Honorar. Mit Architektenphilosophie vom menschlichen Bauen hatte das nichts zu tun. Ich wollte schön bauen und gleichzeitig Geld verdienen. Aber ich hatte meine eigenen Ansprüche, und daran bin ich manchmal gescheitert. Ein Apotheker wollte zum Beispiel ein großes Haus haben. Ich entwarf es in vielen Sitzungen mit allem Drum und Dran, Pool und Sauna im Keller. Eines Tages kam er mit einem Katalog eines großen Villenanbieters, in dem ein völlig kitschiges Haus war, Villen mit Kitsch-Säulen, und ich fragte ihn, ob er mich veralbern wolle. »Wenn das die ästhetischen Vorstellungen sind«, so sagte ich, »nehme ich meine Tasche und meinen Hut.« Ich machte einen letzten, gestalterisch ausgewogenen Entwurf für sein Schloss. Wir mussten uns trennen, es war ihm zu teuer. Trotzdem wurde mein Entwurf verwirklicht – mit meinen Urheberrechten. Jetzt steht es. Er gab viel Geld aus, aber für meinen Entwurf, so wie ich das vorgeschlagen hatte. Darauf bin ich stolz, aber so etwas ist anstrengend.
Bestimmte Posten in meiner Berufsgruppe sind eine Männerdomäne, das war auch im Osten so. Auf dem Bau war es für eine Frau schwer, besonders für Architektinnen. Frauen waren weniger in Leitungspositionen, obwohl es im Studium mindestens so viel Mädels wie Jungs gab. Viele haben sich nach dem Studium aber unsicherer gefühlt, manche sind später aus dem Beruf rausgegangen. Frauen mehr als Männer. Auf dem Bau war es schon immer sehr rüde. Saufen, die Art des Miteinanders, eine Frau ist da unter den Jungs gefährdet. Eine Architektin auf dem Bau hatte allein kaum eine Chance. Und wenn die noch hübsch war, gab es die alten Klischees. Man muss aber sagen, dass manche Frauen die Fähigkeiten für den Beruf nicht hatten. Das Auswahlkriterium für das Studium der Architektur war die Durchschnittszensur im Abi und nicht das Talent, das Technikverständnis. In so einem komplexen Beruf reicht eine gute Marxismus-Leninismus Note nicht aus. Talent, Mathe, Management und Führungseigenschaften sind gefragt.
Der Ostmann hat sich in den Westen eingebracht. Es fehlt ihm aber manchmal an Individualität. Viele meiner Ostkollegen sind in den Westen gegangen und dort erfolgreich. Es fand mit der Völkerwanderung von Ost nach West eine Durchmischung statt. Auch Ostbüros haben sich ohne und mit Partnerschaften im Westen etabliert. Ich kann mir vorstellen, dass der Ostmann den Westmann beeinflusst hat. Die Solidarität des Ostens hat den Westen beeinflusst. Die Leute, die nach der Wende vom Westen in den Osten kamen, hier arbeiteten, das waren oft nicht die Besten, denn wenn sie gut gewesen wären, wären sie zu Hause geblieben. Das gab es überall und es schwappten die rüber, die im Westen keine Chance hatten. Wir haben zuerst nur diese Wessis kennengelernt. Das relativierte sich dann auf etablierte gute und tolle Geschäftsleute, solide und menschlich. Geblieben ist aber auch, dass in solchen Krisensituationen wie hier im Osten nach der Wende schon immer Leute fragwürdige Sachen durchgesetzt haben. Dazu gehört auch die AfD. Es ist logisch, dass die Leute immer dahin rennen, wo sie glauben, ihre Gesinnungsanknüpfung und ihre Gerechtigkeit zu finden. Ich kenne die Besetzung der AfD nicht gut genug, aber viele haben auf die anderen Parteien keine Lust. Und die angeln natürlich diese Enttäuschten und Frustrierten. Man muss den Menschen nur ein Bild malen, das sie sehen wollen, und dann kommen sie. Das ist ein uraltes Spiel.
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