Read the book: «Mediensoziologie»

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[2][3]Elke Wagner

Mediensoziologie

UVK Verlagsgesellschaft mbH ⋅ Konstanz mit UVK/Lucius ⋅ München

[4]Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Einbandmotiv: Gabi Blum, Mainz

Lektorat: Marit Borcherding, München

Satz und Layout: Claudia Wild, Konstanz

Druck: fgb ⋅ freiburger graphische betriebe, Freiburg

UVK Verlagsgesellschaft mbH

Schützenstr. 24 ⋅ D-78462 Konstanz

Tel.: 07531-9053-0 ⋅ Fax 07531-9053-98

www.uvk.de UTB-Band Nr. 4224

ISBN 978-3-8463-4224-4

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

[5]Inhaltsverzeichnis


I.Einleitung
1.Medien als soziologischer Forschungsgegenstand
2.Aufbau des Buches
A.Medientheorien
I.Wozu Mediensoziologie?
1.Prägen Medien soziale Praktiken?
2.Harold A. Innis: Medientheorie der Kulturwissenschaft
2.1Kritik der mechanisierten Kommunikation
2.2Unterschiedliche Qualitäten von Medien
3.Medien und Gesellschaft
4.Der Arabische Frühling: eine Facebook-Revolution?
II.Marshall McLuhan und Friedrich Kittler: Ein starker Medienbegriff:
1.Marshall McLuhan: Das Medium ist die Botschaft
1.1Heiße und kalte Medien
1.2Medien als Verlängerungen menschlicher Organe
1.3Geneaologie der Medien
2.Friedrich Kittler: Medien bestimmen unsere Lage
2.1Aufschreibesysteme
2.2Technische Medien
III.Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Pierre Bourdieu: Kritische Mediensoziologie
1.Dialektik der Aufklärung
2.Kulturindustrie: Aufklärung als Massenbetrug
3.Pierre Bourdieu: Über das Fernsehen
Cultural Studies: Medieninterpretation als politische Praxis
1.Kultur als politischer Bedeutungszusammenhang
2.Alltags- und Populärkultur
2.1Encoding und Decoding
2.2Das Beispiel Madonna
2.3Medienrezeption als Emanzipation?
V.Sybille Krämer, Gabriel Tarde, Bruno Latour: Unsichtbare Medien?
1.Sybille Krämer: Medien als (unsichtbare) Boten
2.Gabriel Tarde: Medialität als schlafwandlerische Nachahmung
3.Bruno Latour: Medialität als Black Box
VI.Niklas Luhmann: Ein breiter Medienbegriff
1.Medium und Form
2.Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien
3.Verbreitungsmedien
4.Sozialer Wandel durch Medien?
B.Praktische Mediensoziologie
I.Ein unvermitteltes Selbst?
1.George Herbert Mead: Sprachlich vermittelte Identität
2.Jürgen Habermas: Entstehung bürgerlicher Identität durch die Briefkultur
II.Authentische Gefühle?
1.Niklas Luhmann: Roman und romantische Liebe
2.Eva Illouz: Verlust der romantischen Liebe im Internet
Medialitiät des Öffentlichen
1.Medial vermittelter Strukturwandel des Öffentlichen
2.Öffentlichkeit und Privatheit als spezifische Praxis
IV.Populärkultur: Ein Einheitsbrei?
1.Soziologische Lesarten des Populären
2.Die universale Zitierbarkeit
V.Weltgesellschaft: ein mediales Produkt?
1.Weltereignisse und Massenmedien
2.Tourismus: Globalisierte Bildpraktiken
Literaturverzeichnis
Indexverzeichnis


[8][9]I.Einleitung

Medien spielen in der Soziologie zwar eine wichtige und prominente Rolle – einen einheitlichen Kanon zur Mediensoziologie muss man indes (noch) suchen. Dies liegt sicherlich mit daran, dass es bislang nur wenige Lehrbereiche innerhalb der Soziologie gibt, die sich ausdrücklich dem Thema Medien verschrieben haben. Dafür waren bisher die Kommunikationswissenschaften, die Literaturwissenschaften oder die Medienphilosophie zuständig. Erst seit jüngerer Zeit ändert sich die Forschungslandschaft und es gibt immer mehr Lehrbereiche, die dezidiert zur Mediensoziologie forschen. Dabei hat die Soziologie zum Thema Medien einiges zu bieten. Das vorliegende Buch möchte auf den folgenden Seiten verschiedene dieser Beiträge vorstellen.


1.Medien als soziologischer Forschungsgegenstand

In soziologischen Gesellschaftstheorien können Medien auf unterschiedlichen Ebenen vorkommen. Einerseits spielen sie im Gegenstandsbereich von Theorien innerhalb der Soziologie oftmals eine wichtige Rolle. Sei es nun das Fernsehen (Adorno 1963; Postman 1985), die Fotografie (Bourdieu 2006), das Geld (Simmel 1989), das Pressewesen (Habermas 1962/1990), die Werbung (Illouz 2007) oder das Internet (Castells 2001) – immer wieder werden Medien im Rahmen soziologischer Studien als prominentes Thema verhandelt. Gleichzeitig tauchen Medien auch auf der Theorieebene von Gesellschaftstheorien auf, wo sie eine Rolle für die theoretische Beschreibung von Gesellschaften spielen. Zu nennen wäre hier etwa die von Jürgen Habermas (1981) entwickelte Theorie des kommunikativen Handelns. Für Habermas sind es besonders die Sprache und ihre medientheoretischen Implikationen, die eine zentrale Rolle in der Praxis moderner Gesellschaften einnehmen. Über die kommunikative Rationalität der Sprache sind lebensweltliche Bereiche des Sozialen vermittelt, so Habermas. Aber auch andere Gesellschaftstheorien beinhalten medientheoretische Implikationen. So hat etwa Niklas Luhmann im Rahmen seiner Systemtheorie eine umfassende Medientheorie vorgelegt (Luhmann 1997). Die Luhmann’sche Systemtheorie lässt sich deshalb durchaus als eigenständige Medientheorie lesen. Diese wenigen Hinweise mögen als Beispiel dafür genügen, dass Medien für die Soziologie von entscheidender Bedeutung sind.

[10]Tatsächlich aber liegen nur wenige Werke vor, die einen systematischen Rundgang durch mediensoziologische Arbeiten unternehmen (siehe etwa Jäckel 2005, sowie Ziemann 2006). Die meisten prominenten medientheoretischen Arbeiten sind in der Medienphilosophie und in der kulturwissenschaftlichen Medienforschung verortet. So stammt auch der bekannteste medientheoretische Satz von einem Literaturwissenschaftler: Marshall McLuhans Diktum, dass das Medium die Botschaft ist und nicht deren Inhalt (»The Medium is the Message«; McLuhan 1964), gilt nach wie vor als Begründungssatz der Medientheorie. Aber nicht nur dies: Mit diesem einem Slogan ähnlichen Satz wurde zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit deutlich gemacht, dass Medien als zentraler Gegenstand innerhalb moderner Gesellschaften anzusehen sind. Marshall McLuhan erregte mit seiner These auch außerhalb der Wissenschaft Aufmerksamkeit.

Durch die neueren Entwicklungen im Medienbereich ist der Satz von Marshall McLuhan mehr als bestätigt worden. Medien spielen in der zeitgenössischen Gesellschaft eine zentrale Rolle, ablesbar an den aktuellen Diskussionen im Feuilleton. Tag für Tag steht darin etwas über das veränderte Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit, das durch den Einsatz neuer Medien hervorgerufen werden sein soll (Post-privacy-Debatte), über die neuen Möglichkeiten der Geheimdienste, unsere privaten Daten abzuhören (NSA-Debatte) oder über die neue Möglichkeit von Firmen, auf unsere Kundendaten zurückgreifen zu können (Big Data-Debatte). Die Diskussionen um die Offenlegungspraktiken durch den früheren Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden oder den WikiLeaks-Gründer Julian Assange offenbaren, wie dramatisch sich bisher etablierte Formen von Öffentlichkeit durch den Einsatz neuerer Medien wandeln bzw. schon gewandelt haben. Wir stecken also mitten drin in einem sozialen Wandel, der durch neuere Medien zumindest unterstützt, wenn nicht sogar durch sie beschleunigt wird. Umso mehr lohnt es sich aus soziologischer Sicht, Medien als Forschungsgegenstand auszuwählen und sich damit auseinanderzusetzen.


2.Aufbau des Buches

Wie bereits dargestellt, speist sich eine Mediensoziologie einerseits aus eigenständigen, dezidiert soziologischen Beiträgen zum Thema Medien. Medien als Forschungsgegenstand sind aber auch ein klassisches Schnittmengenthema, auf das sich unterschiedliche Forschungstraditionen richten. Zu nennen sind hier insbesondere die Literaturwissenschaften, die Kulturwissenschaften, die Medienphilosophie und die Kommunikationswissenschaften. Diese Einführung bedient sich einiger Einsichten aus der Kulturwissenschaft und der Medienphilosophie, weil dort erstmals der Forschungsgegenstand der Medien [11]konstituiert wurde. Innerhalb der Kulturwissenschaften wurde erstmalig postuliert, dass es die Medien der Gesellschaft sind, denen besondere Aufmerksamkeit zuteil werden muss, wenn es um Forschungsfragen geht. Die vorliegende Einführung stellt Bezüge zu medientheoretischen Erkenntnissen der Kulturwissenschaften und der Medienphilosophie her, versucht aber auch, den eigenständigen Wert von soziologischen Beschreibungen zur Medientheorie herauszuarbeiten. Zudem basiert dieses Buch auf der Annahme, dass eine Mediensoziologie auf unterschiedlichen Ebenen auf den Forschungsgegenstand Medien stößt. Beschäftigt man sich soziologisch mit dem Thema, so stellt man schnell fest, dass unterschiedlichste Gegenstände als Medien auftreten können. Es sind also nicht nur die Massenmedien, auf die sich der Blick der Forschenden richtet. Es zeigen sich vielmehr unterschiedlichste Phänomene, die als Medien eine Rolle spielen können. Aus der Sicht von Marshall McLuhan etwa kann all das als Medium verhandelt werden, was zur Verlängerung der menschlichen Sinnesorgane dient (»extensions of men«). Niklas Luhmann schlägt wiederum einen dreistelligen Medienbegriff vor, der auf verschiedenen Ebenen innerhalb der Theorie, aber auch auf der Gegenstandsebene wirksam wird. Und für Jürgen Habermas ist es wie gesagt vor allen Dingen die Sprache, die einen entscheidenden Beitrag zur Modernisierung der Gesellschaft leistet. Man muss auf die Diversität an Medienbegriffen nicht enttäuscht reagieren, führt sie innerhalb der Soziologie und der kulturwissenschaftlichen sowie philosophischen Medientheorie doch vor, dass die Notwendigkeit besteht, einen Medienbegriff zur Verfügung zu haben. Wichtig für eine mediensoziologische Perspektive ist es, zunächst auf der theoretischen Ebene zu wissen, was man unter einem Medium verstehen möchte – und was nicht. Was kann unter welchen Bedingungen zu einem Medium gemacht werden – und was nicht?

All dies sind medientheoretische Fragen. Diese Einführung versucht deshalb, in einem ersten Schritt sich diesen medientheoretischen Beiträgen anzunähern. Der erste Teil (A) widmet sich deshalb der Medientheorie, um Einsteigern einen Überblick zu vermitteln, welche Medienbegriffe innerhalb der medienwissenschaftlichen Forschung bereits vorhanden sind. Hier stößt man auf unterschiedliche Traditionen. Zunächst (Kap. I und II) werden die medientheoretischen Implikationen der kulturwissenschaftlichen Medientheorie (Innis; McLuhan; Kittler) verhandelt. Die hier vorgestellten Beiträge präsentieren zentrale Einsichten innerhalb der Medientheorie, die auch für eine Mediensoziologie unerlässlich sind. Die beiden darauf folgenden Kapitel (Kap. III und IV) richten ihren Fokus auf dezidiert soziologische Beiträge zur Medientheorie. Hier werden die nach wie vor einflussreichen Ansätze der Kritischen Theorie verhandelt. Zudem werden die in der Mediensoziologie nicht minder bedeutenden Beiträge der Media Studies innerhalb der Cultural [12]Studies besprochen. Während die Medientheorie der Kulturwissenschaften ihren Blick vordringlich auf die Praxis von Medien richtet, fragt eine soziologisch informierte Medientheorie nach dem Zusammenhang von Medien und Gesellschaft: Welchen Einfluss haben Medien auf soziale Praktiken? Während die Medientheorie stärker nach den Eigenschaften von Medien fragt, richtet sich eine mediensoziologische Perspektive zumeist auf die Wirkungen von Medien. Dieser Unterschied wird noch einmal im Vergleich der Kapitel V und VI deutlich. In Kapitel V werden unterschiedlich medientheoretisch informierte Beiträge vorgestellt (Krämer, Tarde, Latour), die eine bestimmte Eigenschaft von Medien herausarbeiten, nämlich dass sich Medien im praktischen Vollzug unsichtbar machen. Es geht hier also um die praktische Qualität von Medien. Kap. VI wiederum beschreibt die eher soziologisch grundierte Medientheorie von Niklas Luhmann, die fragt, welche sozialen Probleme der Einsatz von Medien löst.

Eine mediensoziologische Perspektive darf sich aber nicht allein auf die Klärung von Begriffsfragen beschränken. Schließlich geht es ihr um eine praktische Beforschung von Medien, also immer auch um die Empirie, um eine praxisbezogene Mediensoziologie. Dieser Perspektivierung widmet sich der zweite Teil des Buches (B). Dabei zeigt sich, dass Medien zwar nahezu überall auftauchen, dass sie empirisch-praktisch aber gar nicht so leicht zu fassen sind. Medien sind Mittler, die Botschaften übertragen – sie schleichen sich dabei in den Übermittlungsvorgang ein und prägen diesen. Gleichzeitig machen sich Medien im praktischen Vollzug unsichtbar. Wie kann man dann aber Medien empirisch-praktisch beforschen? Diese Einführung kann darauf keine allumfassende Antwort geben. Schließlich handelt es sich bei der Antwort auf diese Frage um konkrete, forschungspraktische Angelegenheiten, die immer im Einzelfall im Hinblick auf das konkrete Forschungsthema geklärt werden müssen. Was hier indes versucht werden soll, ist, Gegenstandsbereiche aufzuzeigen, in denen Medien für soziale Praktiken eine Rolle spielen (können). Soziale Praktiken herauszuarbeiten, die hochgradig über Medien vermittelt sind, ist mit anderen Worten Gegenstand des zweiten Buchteils. Es kommen dabei unterschiedliche Phänomene zur Sprache. Einmal stellt sich die Frage, wie Medien eine soziale Identität vermitteln (Kap. I). Hier spielt der Ansatz von George Herbert Mead, aber auch der von Jürgen Habermas eine Rolle. Weiterhin geht es um die Themen Liebe (Kap. II) und Öffentlichkeit (Kap. III). Schließlich beschäftigt sich dieser Teil mit Praktiken der Populärkultur (Kap. IV) und widmet sich abschließend der Frage, inwiefern Globalisierungsprozesse durch Medien vermittelt sind (Kap. V). Die Wirksamkeit von Medien wird hier am konkreten Gegenstand sichtbar und erfahrbar.

[13]Das vorliegende Buch richtet sich an Studierende im Bachelor-Studiengang und ist damit eine Einführung in ein soziologisches Vertiefungsgebiet, das bereits grundständiges Wissen über soziologische Sachverhalte voraussetzt. Es ist kaum möglich, in ein solches Vertiefungsgebiet einzuführen, ohne dabei auf Wissensbestände aus der allgemeinen Soziologie zurückzugreifen. Die vorliegende Einführung versucht die immer wieder sehr komplex zu lesenden medientheoretischen Implikationen transparent zu machen und an Übungsbeispielen und empirischen Studien zu verdeutlichen, worin die Wirkungsmacht und Wirkungsweise von Medien bestehen könnte. Es bleibt den Lesern und Leserinnen zu wünschen, dass diese Einführung dazu anregt, sich mit dem Thema Medien weiterhin soziologisch zu beschäftigen.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass dieses Werk unter der Mithilfe einiger Personen entstanden ist. Zu danken habe ich Lena Setzer und Dinah Schardt für die Durchsicht des Manuskripts, Gabi Blum und Florian a. Betz für die grafische Arbeit. Schließlich möchte ich mich bei all jenen bedanken, die mir Bildmaterial freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben. Für Diskussionen, Anregungen und Gespräche bedanke ich mich bei Reinhold Böh, Martin Stempfhuber, Natascha Nisic, Florian Amberger, Peter Wacha, Xaver Holler und Rüdiger Wolf.


[14][15]A.Medientheorien


[16][17]I.Wozu Mediensoziologie?

LEITENDE FRAGEN:

 Was kann man unter Medien verstehen?

 Warum soll sich die Soziologie für Medien interessieren?

Was kann man unter einem Medium verstehen? Auf diese Frage gibt es so viele Antworten, wie es theoretische Zugriffe auf Medien gibt. Die Kulturwissenschaften (wie etwa die Literaturwissenschaft), die eine lange medientheoretische Tradition aufweisen, beantworten die Frage anders als die Kommunikationswissenschaft. Letztere versteht unter Medien gemeinhin Massenmedien, womit die Beschreibung von Prozessen der Informationsvermittlung zwischen einem Sender und einem Empfänger gemeint ist. Die Kulturwissenschaft wiederum verfügt über einen sehr breiten Medienbegriff. Darunter fallen nicht nur Massenmedien, wie etwa Pressewesen, Fernsehen und Internet, sondern auch Kleidung, Technik oder Sprache, Schrift und Bilder. Diese Einführung in die Mediensoziologie will einen dezidiert soziologischen Zugang zum Thema vermitteln. Sie fragt also nach der gesellschaftlichen Bedeutung von Medien: Wie wirken sich Medien auf soziale Prozesse aus? Verändern Medien soziale Praktiken?

In diesem ersten Kapitel wollen wir uns zunächst überlegen, was man unter einem Medium verstehen kann. Um dem näherzukommen, greifen wir auf die lange medientheoretische Tradition in den Kulturwissenschaften zurück. Denn dort kam die Rede vom sozialen Einfluss der Medien zum ersten Mal als wissenschaftliches Thema auf. In einem weiteren Schritt werden wir fragen, was an der kulturwissenschaftlichen Tradition der Medientheorie für die Soziologie von Interesse ist: Wozu brauchen wir überhaupt eine Mediensoziologie? Warum soll sich die Soziologie mit dem Gegenstand der Medien beschäftigen?


1.Prägen Medien soziale Praktiken?

Ausgangspunkt ist der Vorschlag, mediale Prozesse als Übertragungsverhältnisse (Krämer 2008) zu fassen, die bestimmte Phänomene sichtbar und erfahrbar machen. Dabei weisen Medien sowohl eine materiale als auch eine symbolische Seite auf. So sind etwa Mobiltelefone und Computer technische [18]Apparaturen, die aber auch als Medium fungieren können. Denn Medien vermitteln Informationen, die über Symbole hergestellt werden, also sprachliche Zeichen und Zahlen. Der Computer kann deshalb Medium sein, weil er mittels Schrift, Bild oder Ton symbolische Werte transportiert.


Abb.1: Materiale und symbolische Medien Foto: Gabi Blum

[19] Infobox

Mediale Prozesse sind Übertragungsverhältnisse, die soziale Phänomene erfahrbar und sichtbar machen. Medien weisen eine materiale und eine symbolische Seite auf.

Wie bereits erwähnt, finden sich die ersten Arbeiten, in denen Medien überhaupt zu einem eigenständigen Thema gemacht worden sind, in den Kulturwissenschaften. Die Medientheorie der Literaturwissenschaft befasste sich zunächst damit, dass die materiale Ausstattung des Mediums eine eigenständige Rolle für die Wirkung der übertragenen Information spielt. So hat zum Beispiel die materiale Ausstattung eines Buches mehr Bedeutung für die Veränderung von sozialen Praktiken als das, was darin zu lesen ist. Wenn ein Text als Buch erscheint, kann er massenhaft hergestellt und vertrieben und damit einem weitaus größeren Publikum zugänglich gemacht werden. Der Autor eines Textes und seine Leser können sich auf veränderte Weise aufeinander beziehen. So war das Lesen von Texten vor der Erfindung des Buchdrucks allein einigen wenigen Gelehrten vorbehalten. Die vergleichsweise wenigen vorhandenen Schriftstücke galten als heilige Texte. Mithilfe des Buchdrucks konnten nicht nur mehr Menschen an den Inhalten teilhaben, Leser konnten auch selbst zu Autoren werden und die einstmals heiligen Texte in eigenen Veröffentlichungen kritisieren. In der Medientheorie der Kulturwissenschaften geht man deshalb davon aus, dass die Einführung des Buchdrucks die Entwicklung von demokratischen Tendenzen unterstützt hat. Weil es mittels Buchdruck zu einer massenhaften Verbreitung von Informationen und Texte kam, konnten sich Personen auf neuartige Weise verständigen und gemeinsame Inhalte formulieren. Es entwickelten sich bis dahin unbekannte soziale Praktiken. So entstanden im 18. Jahrhundert zahlreiche Lesegesellschaften und Lesesalons, in denen man sich über das von allen Gelesene ausgetauscht und unterhalten hat. Zudem führte die Verbreitung von Büchern schließlich auch zu einer Alphabetisierung der Bevölkerung – immer mehr Personen waren des Lesens und Schreibens kundig.

Kurz: Medien übertragen nicht einfach nur Informationen, sondern schleichen sich in die Informationsvermittlung mit ein und verändern dabei die Formen der Wahrnehmung der übertragenen Informationen.

Man nennt diesen Zusammenhang auch die Generativität des Mediums. Generativität meint dabei einerseits, dass Medien Botschaften nicht einfach neutral übertragen, sondern Teil des Prozesses der Informationsvermittlung sind und die Botschaften auf spezifische Weise prägen. Medien sind [20]also keine neutralen Vermittler, sondern Prägeinstanzen, sie fügen ihren Botschaften etwas hinzu. Gleichzeitig heißt Generativität auch, dass soziale Veränderungen auf Medienwechsel zurückgeführt werden. Dahinter steht die These von der Veränderung sozialer Praktiken, wenn ein (neues) Medium zum Einsatz kommt. Der Literaturwissenschaftler und Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan hat diese These insbesondere im Zusammenhang mit der Einführung des Buchdrucks diskutiert (s. a. Kap. II.1).

Übungsvorschlag:

Versuchen Sie einmal, einen Tag lang auf die Nutzung von Medien zu verzichten. Benutzen Sie weder Mobiltelefon noch Computer, öffnen Sie keine Briefe, schreiben Sie keine E-Mails und SMS. Sie werden beobachten können, welchen Einfluss Medien auf unsere täglichen Alltagspraktiken haben (können). Auch andere haben sich schon dieser Entzugspraxis ausgesetzt. So verabschiedete sich der Journalist Christoph Koch für 58 Tage von seinem Mobiltelefon und dem Internet, um hautnah zu erfahren, wie es sich ohne neue Medien leben lässt und schrieb darüber einen Erfahrungsbericht (Koch 2010). Seine Reaktion auf den Wiedereinstieg ins Internet nach gut zwei Monaten: »Ich fühle mich wie ein Junkie, der nach langem Leiden, nach einem Cold-Turkey-Entzug mit Blut, Schweiß und Tränen endlich wieder zurück in die Arme seiner Droge flieht.« (Koch 2010, S. 5)

Wir werden auf den folgenden Seiten immer wieder auf die beiden Thesen, die die Generativität des Mediums ausdrücken, zurückkommen. Jetzt soll es zunächst noch einmal um die Tradition gehen.


2.Harold A. Innis: Medientheorie der Kulturwissenschaft

Worauf bezieht man sich, wenn man von der Medientheorie der Kulturwissenschaften spricht? Zunächst taucht hier das Center of Culture and Technology an der Universität von Toronto in Kanada auf. Die frühe Medientheorie trägt deshalb auch das Label Toronto School oder Kanadische Schule. Dort versammelte sich eine Gruppe von – zum Teil auch nicht aus Kanada stammenden – Kultur- und Sozialanthropologen, Ethnologen, Literaturwissenschaftlern, Philologen und Historikern: Eric A. Havelock war Visiting Professor [21]bei McLuhan und arbeitete außerdem an der Yale University. Der im amerikanischen Missouri geborene Walter Ong studierte bei McLuhan. Jack Goody war Engländer und lehrte in Cambridge.

Eric A. Havelock gilt als ein wichtiger Vertreter der Toronto School. In seinem Werk Preface to Plato (1963) beschreibt er auf beeindruckende Weise, wie durch die Einführung der Schrift so etwas wie ein soziales Gedächtnis entsteht, weil Ereignisse und Vorkommnisse nun festgehalten – und gleichzeitig auch vergessen – werden können. Man ist von da an nicht mehr darauf angewiesen, dass sich jemand Ereignisse merkt und sich an sie erinnert oder dass sie nur durch mündliches Erzählen weitergegeben werden können. Den prominentesten Status der Kanadischen Schule haben sicherlich die Arbeiten von Marshall McLuhan. Seine These, dass das Medium die Botschaft sei (the Medium is the Message) verschaffte ihm ungeheure Popularität (siehe Kap. II.1). Deshalb werden die Arbeiten der Toronto School auch oftmals ihm allein zugerechnet. Zwar hat Marshall McLuhan mit seinen Werken The Gutenberg Galaxy und Understanding Media zwei große Werke vorgelegt, die sich mit dem Wandel von Gesellschaften durch den Einsatz von Medien befassen. Doch auch Jack Goody und Ian Watt trugen mit ihrer Studie Consequences of Literacy (1963) entscheidend dazu bei, eine Medientheorie zu etablieren. In ihrem Werk beschreiben sie, wie die Einführung der Schrift zur Ausbildung eines Verwaltungssystems im Ägypten der Frühzeit geführt hat.

Infobox:

Center of Culture and Technology, University of Toronto:


Harold A. Innis (1951):The Bias of Communication
Eric A. Havelock (1963):Preface to Plato
Marshall McLuhan (1962):The Gutenberg Galaxy
Marshall McLuhan (1964):Understanding Media
Jack Goody & Ian Watt (1963):Consequences of Literacy

Pionier der Medientheorie ist ohne Zweifel Harold A. Innis. Er war ein Wirtschaftshistoriker, der Politik, Sozialstruktur, Technik und die Wirkung von Medien zusammendachte. McLuhan, Goody und Watt haben mit ihren Beiträgen dazu beigetragen, Innis Werk in den 1960er- und 1970er-Jahren nachvollziehbar und bekannt zu machen. Medientheorie versteht sich seither auch als Zeitdiagnose, in deren Rahmen man Medienumbrüche und technische Entwicklungen als Taktgeber sozialer und kultureller Veränderungen ansieht. Ausgangspunkt für die Arbeiten von Harold A. Innis waren [22]seine wirtschaftshistorischen Forschungen über Eisenbahnnetze, Fischerei und Pelzhandel. Unter Medien verstand Innis insbesondere die materiellen Träger von Kommunikation wie Stein, Ton, Papyrus, Pergament und Papier oder Transport- und Schifffahrtswege. Er analysierte ihre formbildenden und verhaltenskonstituierenden Kräfte in Bezug auf gesellschaftliche Organisationsformen. So interessierte sich Innis etwa dafür, welchen Einfluss die Einführung veränderter Transportwege auf die Gesellschaft hatte. Die Übertragungswege von Kommunikationspraktiken stehen generell im Zentrum von Innis Arbeiten. Verändern sich diese, kommt es zu einem kulturellen Wandel. Dies analysiert Innis am Beispiel der Einführung der Schrift und des Buchdrucks.

Mediale Prozesse sind für Harold A. Innis Übertragungsprozesse mit einer materialen Basis. Diese materiale Basis schreibt sich in die Form der Wissensübertragung ein und verändert sie. Auf diese Weise entstehen unterschiedliche Wissenskulturen, die jeweils vom materialen Träger der Kommunikation abhängig sind. Innis bezeichnet diesen Umstand auch als Bias of Communication – so lautet jedenfalls der Titel seines 1951 erstmals erschienenen bekannten Hauptwerks. Er formuliert folgende These: »Wir können wohl davon ausgehen, dass der Gebrauch eines bestimmten Kommunikationsmediums über einen langen Zeitraum hinweg in gewisser Weise die Gestalt des zu übermittelnden Wissens prägt.« (Innis 1997, S. 96) Seine medientheoretische Perspektive impliziert aber auch eine Technikkritik, die sich vordringlich gegen Mechanisierung richtete. Jeder technische Fortschritt ruft laut Innis auch destruktive Kräfte hervor, hier ein von ihm gewähltes Beispiel: »Die überwältigenden Zwänge, die von der Mechanisierung ausgehen und sich bei den Zeitungen und Zeitschriften bemerkbar machen, haben gewaltige Kommunikationsmonopole entstehen lassen. Ihre tiefe Verwurzelung bringt eine anhaltende, systematische und rücksichtslose Zerstörung jener Grundbausteine des Fortbestandes mit sich, die so unerlässlich für das kulturelle Leben sind.« (Innis 1997, S. 204) Mechanisierung von Kommunikation führt also gemäß Innis zu Machtmonopolen. Genaueres dazu im folgenden Abschnitt.


2.1Kritik der mechanisierten Kommunikation

Mediale und materiale Bedingungen der Kommunikation erweisen sich aus Innis’ Perspektive als entscheidend für die Etablierung, Verankerung, Durchsetzung und Verbreitung von Wissen. Dabei interessiert sich Innis, wie bereits erwähnt, vor allen Dingen für den Wandel, der unter dem Einfluss der Schrift und des Buchdrucks entstanden ist. Er hält in seinen Schriften an der ursprünglichen Bedeutung von Oralität, also Mündlichkeit, für soziale [23]Beziehungen fest. Unmittelbare Präsenz und die Nähe mündlicher Kommunikation gelten ihm als authentischere, wirklichere Form der Informationsübertragung: »Das mündliche Gespräch setzt persönlichen Kontakt und die Berücksichtigung der Gefühle anderer voraus, und es steht in krassem Gegensatz zu der grausamen mechanisierten Kommunikation und den Tendenzen, die wir in der heutigen Welt am Werke sehen (…). Ich möchte für die mündliche Tradition Partei ergreifen, besonders wie sie sich in der griechischen Zivilisation offenbart hat, und für die Möglichkeit, ihren Geist ein Stück wiederzubeleben.« (Innis 1997, S. 182 f.) Innis beschreibt eine zunehmende »Eskalation« der Verschriftlichung, an deren Ende die Mechanik des Buchdrucks entsteht. Dieser Entwicklungsprozess beinhaltet nicht nur die Entstehung und Veränderung von Wissen, sondern auch von Machtverhältnissen. Innis beobachtet in der zunehmenden Modernisierung von Übertragungswegen auch eine Monopolisierung von Wissen, woraus wiederum Machtverhältnisse entstehen. Als Beispiel verweist Innis auf die Einführung von Tontafeln in Altbabylonien. Gemäß ihm wurden diese Tontafeln von einer sich neu bildenden schreibenden Priesterklasse genutzt, die mit gesellschaftlicher Macht ausgestattet war: »Als Grundlage der Bildung unterstand die Schreibkunst der Kontrolle von Priestern, Schreibern, Lehrern und Richtern, so dass Allgemeinwissen und Rechtsentscheidungen religiös geprägt waren. Die Schreiber führten die umfangreichen Geschäftsbücher der Tempel und hielten die Beschlüsse der Priestergerichte in allen Einzelheiten fest. Mehr oder weniger jede Transaktion des täglichen Lebens war eine Rechtsangelegenheit, die aufgezeichnet und mit Hilfe der Siegel der Vertragspartner und Zeugen bestätigt wurde. In den einzelnen Städten bildeten die Gerichtsentscheidungen die Grundlage des Zivilrechts. Je mehr die Tempel anwuchsen und die Kulte an Einfluss gewannen, desto größer wurde die Macht und Autorität der Priester.« (Innis 1997, S. 65) Folgt man Innis, so gehen medientheoretische Überlegungen mit Aspekten der Technikkritik einher.


2.2Unterschiedliche Qualitäten von Medien

An früherer Stelle kam schon der Hinweis, dass mediale Prozesse sowohl eine materiale wie eine symbolische Seite aufweisen. Innis unterscheidet Medien nach zwei Kategorien. Da gibt es zum einen bewegliche Medien wie etwa Papier. Diese Medien sorgen für räumliche Veränderungen. So ermöglicht Papier uns, jemandem einen Brief zu schreiben, der sich nicht am gleichen Ort befindet, was zu einer Erweiterung des Raums führt. Außerdem verweist Innis auf feste Medien, wie etwa Stein. Diese sorgen für zeitliche Veränderungen. Mittels eines Gebäudes aus Stein präsentiert sich eine Regierungsform als dauerhaft. Die Architektur ist deshalb ein interessantes mediensoziologisches [24]Forschungsfeld. Innis beschreibt die Eigenschaften von Medien wie folgt: »Jedes einzelne Kommunikationsmittel spielt eine bedeutende Rolle bei der Verteilung von Wissen in Zeit und Raum, und es ist notwendig, sich mit seinen Charakteristiken auseinanderzusetzen, will man seinen Einfluss auf den jeweiligen kulturellen Schauplatz richtig beurteilen. Je nach seinen Eigenschaften kann solch ein Medium sich entweder besser für die zeitliche als für die räumliche Wissensverbreitung eignen, besonders wenn es schwer, dauerhaft und schlecht zu transportieren ist, oder aber umgekehrt eher für die räumliche als für die zeitliche Wissensverbreitung taugen, besonders wenn es leicht und gut zu transportieren ist. An der relativen Betonung von Zeit und Raum zeigt sich deutlich seine Ausrichtung auf die Kultur, in die es eingebettet ist.« (Innis 1997, S. 95) Noch einmal zusammengefasst: Innis konzeptualisiert gesellschaftlichen Wandel als medientechnologisch induziert. Die räumliche Expansion sowie die zeitliche Stabilisierung von Herrschaft sind laut Innis verbunden mit dem Einsatz bestimmter Kommunikationsmedien. Es geht Innis bei seinen theoretischen Überlegungen in Bezug auf Medien also nicht nur um den Prozess der Informationsübertragung, sondern ganz generell um die Möglichkeiten und die Bedingungen der Wahrnehmung, die durch Medien geprägt sind. Innis interessiert sich dabei vor allen Dingen für den Wandel von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit. In seinem Werk The bias of communication (1951) entwickelt Innis die These, dass die politische Organisation von Gesellschaften entscheidend von der jeweils dominanten Medientechnologie abhängt. Dass geht so weit, dass Innis die Bildung des modernen Nationalstaates und das Entstehen bürgerlicher Gesellschaften als Resultate der Ablösung der Manuskriptkultur durch den Buchdruck interpretiert. Inwiefern diese Annahmen für die Soziologie plausibel sind, wollen wir in einem nächsten Schritt diskutieren.


3.Medien und Gesellschaft

Die Medientheorie der Kulturwissenschaft hat die These von der Generativität des Mediums auf sehr unterschiedliche und komplexe Weise bearbeitet, worauf wir im Laufe des Buches immer wieder zurückkommen werden. Zur Erinnerung: Unter der Generativität des Mediums wird zum einen verstanden, dass Medien ihren Gegenstand nicht neutral übermitteln, sondern ihm etwas hinzufügen und ihn dadurch prägen. Weiterhin sind Medien als entscheidende Generatoren eines sozialen und kulturellen Wandels anzusehen. Wenn sich Medien verändern, so die These der Medientheorie, ändern sich auch soziale Praktiken. Warum aber sollte sich die Soziologie hiermit beschäftigen? Wozu brauchen wir überhaupt eine Mediensoziologie? Und inwiefern sollte man sich an der Tradition der Kulturwissenschaften orientieren?

[25]Die spezifische Beschäftigung der Kulturwissenschaften mit Medien ist für die Soziologie interessant, weil diese sich für die Entstehung und für die Veränderung von sozialer Ordnung interessiert. Die entscheidenden Fragen der Soziologie lauten: Wie ist soziale Ordnung möglich? Wie kommt es zu Regelmäßigkeiten im sozialen Ablauf? Wie entstehen Strukturen von Erwartungen, die uns helfen, uns in sozialen Situationen zu orientieren? Für die Mediensoziologie stellt sich hieran anschließend die Frage: Welche Rolle kommt Medien bei der Entstehung und dem Wandel von sozialen Erwartungen zu, also für die Genese und die mögliche Veränderung sozialer Ordnung? Welche Sozialformen entstehen durch Medien? Und wie kann man diese (medien-)soziologisch beschreiben?

Die Mediensoziologie nähert sich dieser Fragestellung auf unterschiedlichen Wegen. Die Rezeptionsforschung beobachtet etwa, welche medialen Inhalte in den Medien dargestellt werden und welche Wissensformen hierdurch entstehen. Exemplarisch könnte man hier die Arbeiten von Angelika Keppler (2006) nennen. Sie zeigt in ihrer Studie zu Gewaltdarstellungen im Fernsehen, wie dieses durch eine permanente Differenzierung zwischen dem Realen und dem Fiktiven den Realitätssinn heutiger Gesellschaften formt. Die Anwendungsforschung untersucht, wie die Inhalte der Medien jenseits ihrer Darstellungsformen etwa im Fernsehen wieder auftauchen. Jo Reichertz (2006) beispielsweise interessiert sich nicht nur für die Analyse medialer Inhalte, sondern auch für deren Gebrauch im praktischen Leben. Er fragt beispielsweise, wie sich im Fernsehen gezeigte Hochzeitsshows auf das Heiratsverhalten von Personen auswirken. Es geht also um die Frage nach dem Wissenstransfer von medialen Inhalten. Die Publikumsanalyse der Cultural Studies (im Überblick Hepp / Krotz 2009; Hepp / Winter 2008) geht wiederum der Frage nach, wie Medien das Publikumsverhalten verändern. Wer kann was wie sagen? Und wer kann das Gesagte auf welche Weise verstehen? Welche Rolle spielt das Medium dabei? Schließlich gehört zur Mediensoziologie auch noch der Forschungsbereich Internet. Zahlreiche Autoren haben sich mit Virtualität und Realität in computerisierter Kommunikation beschäftigt. Diese Perspektiven erscheinen deshalb so interessant, weil der Eigenleistung des Mediums eine angemessene Rolle bei Herstellung und Wandel von Kommunikationspraktiken zugesprochen wird.

Dieses Buch schließt sich der These der Medientheorie an, dass Medien etwas verändern, wenn sie zum Einsatz kommen. Genauer: Hier wird die medientheoretische Annahme, dass Medien ihren Informationen etwas hinzufügen und die Wahrnehmung der Information dabei verändern, als empirische Frage aufgenommen und als Forschungsfrage formuliert: Woran wird der Einfluss von Medien konkret und im Einzelfall sichtbar? Verändern Medien tatsächlich die Wahrnehmung der von ihnen vermittelten Informationen? [26]Wie zeigt sich dies empirisch? In der empirischen Zugangsweise liegt die genuine Eigenleistung einer mediensoziologischen Perspektive. Indem sie mediale Prozesse zunächst relativ schlicht als Übertragungsverhältnisse, die bestimmte Phänomene sichtbar und erfahrbar machen, begreift, löst sie mindestens zwei Probleme: Sie kann auf einen Medienbegriff zurückgreifen, der es ihr ermöglicht, überhaupt erst einmal zu benennen, was man in den Blick nimmt, wenn man von Medien spricht. Gleichzeitig hält sie sich offen genug dafür, unterschiedliche Dinge als Medien zu deklarieren. Gelten nicht nur Massenmedien als Medien, ergibt sich die Frage, was überhaupt zu einem Medium gemacht wird. Was taucht empirisch als Medium auf? Wann wird etwas zu einem Medium gemacht – und wann nicht?


4.Der Arabische Frühling: eine Facebook-Revolution?

Aber wie plausibel ist die Herangehensweise der bis hierher nur kurz skizzierten Medientheorie aus soziologischer Perspektive? Dass Medien soziale Ordnung verändern können, wurde am Beispiel der Demonstrationen in Ägypten, die dort seit Dezember 2010 stattgefunden haben, diskutiert. Der sogenannte Arabische Frühling erlangte auch als Facebook-Revolution eine gewisse Berühmtheit. Formate wie Facebook, YouTube und Twitter sollen zum Erfolg der Revolution beigetragen haben. Wir wollen diese vor allen Dingen in den Feuilletons geführte Debatte im Folgenden dazu nutzen, unsere These von der Generativität des Mediums zu diskutieren. Anhand der Arbeiten von Harold A. Innis stellen wir zur Diskussion, inwiefern die These von der Generativität des Mediums am konkreten Fall plausibel wird. Ist es tatsächlich das Medium, das soziale Praktiken prägt? Oder sind es nicht vielmehr die über Medien vermittelten sozialen Praktiken selbst, die für eine Transformierung sozialer Ordnungen sorgen?

Abbildung 2 zeigt eine Facebook-Solidaritätsseite für den ägyptischen Widerstand vom April 2011. Man kann sich anhand dieser Seite fragen, inwiefern sich die Rede von der Generativität des Mediums empirisch bewährt. Was verändert zum Beispiel der Einsatz von Facebook an der politischen Ordnung in Ägypten? Ist es wirklich das soziale Netzwerk, das als Medium für eine veränderte Ordnung sorgt? Oder sind es nicht vielmehr die Zugangsweisen zu der Webseite, die es ohnehin gegeben hätte? Inwiefern tragen Netzwerke wie Facebook zur Transformation von Wahrnehmungsformen bei? Inwiefern werden Personen hier neu aufeinander bezogen?

Ohne diese Fragen an dieser Stelle im Einzelnen zu beantworten, kann man sich zunächst einmal eine soziologische Zugangsweise mit Hilfe der [27]Medientheorie der Kulturwissenschaften erarbeiten. Inwiefern überzeugen deren Thesen noch, wenn man sie auf aktuelle empirische Prozesse anwenden will? Harold A. Innis stellt jedenfalls für das Ägypten der Frühzeit fest: »Die tiefen Erschütterungen, denen die ägyptische Zivilisation beim Übergang von einer absoluten Monarchie zu einer demokratischen Staatsform ausgesetzt war, gingen mit einer Schwerpunktverlagerung von Stein als Kommunikationsmittel (…) auf Papyrus einher.« (Innis 1997, S. 56)


Abb. 2: Facebook Öffentlichkeit Quelle: facebook.de; 04/2011.

Trifft diese These vom Medienwechsel auch für die heutige Gesellschaft zu? Haben soziale Netzwerke im Internet tatsächlich so viel Veränderungspotenzial, dass sie dazu beitragen können, Revolutionen zu befördern? Mediensoziologische Forschungen, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen, kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Während die einen davon ausgehen, dass die Web 2.0-Formate im Internet bedeutend daran beteiligt waren, die Protestbewegungen zu unterstützen (Cohen 2011; Webster 2011), sind andere skeptisch. Sie vermuten eher, dass die Protestbewegungen auch ohne die Unterstützung des Internets stattgefunden hätten (Rich 2011). Wir wollen diese Debatte nicht im Einzelfall nachverfolgen (einen guten Überblick bieten Lim 2012 und Alexander 2011). Spannend ist [28]an dieser Stelle allein der Umstand, dass die medientheoretischen Annahmen der Toronto School aus dem vorigen Jahrhundert nach wie vor relevant sein können, wenn es um die Beschreibung aktueller sozialer Phänomene geht.

FAZIT

Fassen wir die bisherigen Ergebnisse zusammen:


1.Mediale Prozesse sind Übertragungsverhältnisse, die Phänomene erfahrbar und sichtbar machen. Medien weisen eine materiale und eine symbolische Seite auf. Die Medientheorie der Kulturwissenschaft nimmt mit der Erkenntnis ihren Anfang, dass die Materialität des Mediums eine wichtige Rolle für die Wirkung der übertragenen Information spielt.
2.Die frühe Medientheorie der Toronto School hat dazu beigetragen, einen eigenständigen Blick auf Medien als Forschungsgegenstand zu eröffnen.
3.Harold A. Innis versteht unter Medien die materialen Bedingungen von Übertragungsverhältnissen (Bias of Communication), die sich in Kommunikationsabläufe einschreiben und damit Wissens- und Machtkulturen erzeugen können. Innis zeichnet in seinen Schriften die Entwicklung der modernen westlichen Gesellschaft unter den Bedingungen veränderter Kommunikationsmittel nach. An eine veränderte Medialität wird also eine veränderte Zeitlichkeit, Geschichte und Epochenbildung gebunden.
4.Diese Perspektive ist für die Soziologie interessant, weil sie sich für die Genese sozialer Ordnung interessiert. Die entscheidende Frage der Mediensoziologie lautet also: Wie ist soziale Ordnung möglich und welche Rolle spielen Medien dabei?

Literatur:

Innis, Harold A. (1951/1997): »Die Medien in den Reichen des Altertums«. In: Barck, Karlheinz (Hrsg.): Kreuzwege der Kommunikation. Wien. S. 56–66.


[29]II.Marshall McLuhan, Friedrich Kittler: Ein starker Medienbegriff

LEITENDE FRAGEN:

 Warum ist das Medium die Botschaft?

 Warum spielen Medien eine so große Rolle für Gesellschaft?

Wir haben uns bisher in ersten Schritten der medientheoretischen Annahme genähert, dass Medien Botschaften nicht einfach neutral übertragen, sondern ihnen etwas hinzufügen und sie dadurch verändern. Bislang hatten wir diese Annahme auf die Arbeiten von Harold A. Innis zurückgeführt – dem Begründer der frühen Medientheorie der Toronto School, der durch das Werk seines Schülers Marshall McLuhan maßgeblich bekanntgemacht wurde. Dessen meist zitierter Satz »The medium is the message.« (McLuhan 1964, S. 19) hat sich wie ein populärer Slogan in der Öffentlichkeit verbreitet und galt innerhalb der Kulturwissenschaften zunächst einmal als Provokation. Warum dies so ist, soll im Folgenden untersucht werden. In einem weiteren Schritt geht es dann um die Arbeiten des Medienwissenschaftlers Friedrich Kittler. Er hat sich gründlich mit der These auseinandergesetzt, dass Medien generativ sind, ihren Botschaften also etwas hinzufügen und sie nicht unberührt lassen. Friedrich Kittler geht von einem ähnlich starken Wirkungszusammenhang von Medien aus, wie Marshall McLuhan dies tut. Gleichzeitig radikalisiert er zusätzlich dessen Ansatz. Wegen der Parallelen in beiden Werken wollen wir diese in einem gemeinsamen Kapitel vergleichen.

Beide Autoren haben relativ schwer zugängliche Werke hinterlassen. Die Arbeiten von Marshall McLuhan lesen sich zum Teil sehr unsystematisch. McLuhan soll sich zeitlebens ganz bewusst gegen eine lineare Beweisführung gewehrt haben, weil sie ihm als »Zeugnisse einer überkommenen Buchkultur« (Mersch 2006, S. 106) gegolten haben. Und die Arbeiten von Friedrich Kittler scheinen oft genug düster und kryptisch. Dennoch sind beide Autoren wegen ihres bis heute dauernden Einflusses in den Medienwissenschaften die Mühe einer Annäherung wert.


Marshall McLuhan: Das Medium ist die Botschaft

Marshall McLuhan richtet sich mit seiner in der Überschrift noch einmal erwähnten Aussage zunächst gegen eine hermeneutische Tradition in der Literaturwissenschaft. Die Hermeneutik beschäftigt sich mit der (unterschiedlichen) Auslegung von Texten und deren Sinnverstehen. Sie fragt nach dem Bedeutungsgehalt von Inhalten, also nach der Botschaft von Texten. Als Schüler Innis’ macht McLuhan nun aber darauf aufmerksam, dass es nicht der Inhalt eines Mediums sei, für den man sich analytisch zu interessieren habe, sondern das Medium selbst.

Er will den Blick darauf lenken, dass es für die Literaturwissenschaft nicht allein relevant sein kann, die Inhalte von Texten zu analysieren und sich etwa über unterschiedliche Interpretationen von Goethes »Die Leiden des jungen Werther« zu streiten. Aus Sicht von McLuhan geht es vielmehr darum, wahrzunehmen, dass es sich bei Goethes « Werther« um einen Roman handelt, der als gedrucktes Buch einer breiten Öffentlichkeit verfügbar war und deshalb seine große Wirksamkeit entfalten konnte. Die Existenz des Buchdrucks hat unmittelbar dazu beigetragen, dass Goethes Werk seine große Bedeutung erlangte.

Dergestalt ist der thesenförmige Satz The Medium is the Message zu verstehen: Das Bestimmende für den Inhalt ist das Medium in seiner materialen Form. Nicht was Medien übermitteln zählt, sondern die Materialität des Mediums selbst. Die Qualität des Mediums schreibt sich in die Botschaft ein und verändert deren Gehalt. So macht es gemäß McLuhan einen Unterschied, ob wir eine Nachricht per Telefon übermitteln oder per Eintrag in ein Internetforum – es sind jeweils ganz unterschiedliche Praktiken damit verbunden. Und es sind ganz unterschiedliche Personenkreise involviert.

Dieser Satz richtet sich aber nicht nur gegen die hermeneutische Tradition in der Literaturwissenschaft, sondern auch noch gegen eine weitere Tradition der Medienforschung, nämlich die Medienwirkungsforschung. Diese Medienwirkungsforschung (im Überblick Jäckel 2005) untersucht die medialen Einflüsse auf unsere Einstellungen. Es geht um die von Medien verbreiteten Inhalte, und darum, wie diese Inhalte vom Publikum aufgenommen und rezipiert werden und schließlich im praktischen Alltag Verwendung finden. Aus McLuhans Sicht ist diese Perspektive nicht ausreichend, um die tatsächliche Wirkung von Medien zu erforschen. Medien bezeichnen aus McLuhans Sicht in einem umfassenden Sinn die grundsätzlichen Bedingungen einer Kultur und Struktur einer Gesellschaft.

[31] Infobox:

Marshall McLuhan (»The Medium is the Message«) gilt als populärster Vertreter der Medientheorie der Toronto School. Seine Berühmtheit war sogar so groß, dass er in dem Film von Woody Allen »Annie Hall« (1977) (deutsch: Der Stadtneurotiker) auftrat und sich selbst spielte. Zu seinen Hauptwerken zählen »The Mechanical Bride« (1951), »The Gutenberg Galaxy« (1962) und »Understanding Media« (1964). Aus letzterem Werk stammt auch der oben genannte berühmte Slogan.

Medien stellen die Bedingungen von Sinn, Wahrnehmung, Kommunikation und Sozialität dar. Das Medium gleicht einer Skriptur, einer In-Schrift, einem Surplus, das sich in die Zeichen und ihre Bedeutungen einschreibt und deren hermeneutische Zugänge übersteigt. An die Stelle des Inhalts rückt die Eigenständigkeit der Formate von Medien.

Entschiedener als Kunst und Literatur, als Religion und Philosophie machen Medien und ihre Formate den Menschen im Ganzen aus und bilden jene dominanten Regime, aus denen die Ordnungen des Denkens, die zwischenmenschliche Kommunikation, politisches Handeln und kulturelle Selbstverständnisse hervorgehen. Als Erweiterung der Sinne und Handlungsmöglichkeiten, der Erfahrung und Kommunikation erzeugen Medien für den Menschen Umwelten, in denen er wahrnimmt, sich bewegt und sich entwickelt. Die Medientheorie untersucht die spezifischen Ordnungen medialer Milieus, die durch Buchdruck, Fernsehen, elektrisches Licht oder Verkehr geschaffen werden.

Daraus ergibt sich das von McLuhan geprägte Wortspiel, dass das Medium nicht nur the message ist, sondern auch the massage: »Alle Medien massieren uns gründlich durch. Sie sind dermaßen durchgreifend in ihren persönlichen, politischen, ökonomischen, moralischen, ethischen und sozialen Auswirkungen, dass sie keinen Teil von uns unberührt, unbeeinflusst, unverändert lassen. Das Medium ist Massage.« (McLuhan 1967, S. 26) Dieser Satz entstammt einem 1967 veröffentlichten Buch mit dem Titel The Medium is the Massage: An Inventory of Effects (dt: Das Medium ist die Massage: Eine Bestandsaufnahme der Auswirkungen). Bei den Druckvorbereitungen war ein Schreibfehler unterlaufen, der »Message« in »Massage« verwandelt hatte. McLuhan soll dieser Schreibfehler aber nicht weiter gestört haben. Für ihn drückte sich mit dessen Hilfe genau das aus, was er meinte: Medien sind Umwelten des Menschen, sie bilden Milieus aus, die den Menschen grundlegend in seiner Wahrnehmung prägen. Medien massieren unseren [32]Wahrnehmungsapparat also gründlich durch, schreiben sich in ihn ein und beeinflussen ihn.


1.1Heiße und kalte Medien

Hatte Innis bei seiner qualitativen Differenzierung noch zwischen beweglichen, leichten (Papier) und festen, schweren Medien (Stein) unterschieden, spricht McLuhan von heißen und kalten Medien. Bei ihm richtet sich die Unterscheidung unterschiedlicher Qualitäten von Medien nicht nach räumlichen und zeitlichen Kategorien wie bei Harold A. Innis, sondern nach den verschiedenen Teilnahmegraden, die Medien uns abverlangen.

Mit diesen unterschiedlich hohen Teilnahmegraden befasst sich der erste Teil von Understanding Media (1964). Was ist damit gemeint? Einige Medien, zum Beispiel der Film, beanspruchen einen einzigen Sinn, in diesem Fall der Sehsinn, in solch einer Art und Weise, dass der Zuseher sich nicht mit dem Ausfüllen eines einzigen Bildes beschäftigen muss. Medien, die diese Qualität erfüllen, sind für McLuhan heiße Medien. Dagegen verlangen kalte Medien vom Konsumenten mehr Anstrengung, um die Bedeutung zu bestimmen, sie verlangen also mehrere Sinne, die zur Verständigung erforderlich sind. McLuhan nennt hierfür als Beispiel das Fernsehen. Seine Unterscheidungen beziehen sich eindeutig auf frühere mediale Formate. Mit Film meint er offenbar den Stummfilm, der im Gegensatz zum Fernsehen, nur den Sehsinn abverlangt. Inwiefern McLuhans Unterteilung heute überhaupt noch sinnvoll ist, muss man sich ohnehin fragen, denn der Kinofilm, gezeigt in modernen Lichtspielhäusern beansprucht wohl mindestens ebenso viele Sinne, wie der Fernsehfilm, wenn nicht sogar mehr, denkt man an 3D-Formate. McLuhans Unterscheidung macht jedoch darauf aufmerksam, dass Medien überhaupt unterschiedliche Qualitäten aufweisen können. Diese unterschiedlichen Qualitäten bindet McLuhan dann an den für den Konsum notwendigen Grad an Partizipation (Teilnahme).

McLuhan macht in Bezug auf die qualitative Eigenschaft von Medien noch auf einen weiteren Aspekt aufmerksam. Demnach unterliegen Medien einer konstitutionellen Blindheit, sie sind im praktischen Vollzug unerkennbar und treten hinter den durch sie transportierten Inhalt zurück. In Worten McLuhans: »Das Medium ist verborgen, der Inhalt offensichtlich.« (McLuhan 2001, S. 9) Aus McLuhans Sicht ist es deshalb nachvollziehbar, dass sich die Literaturwissenschaft lange Zeit nur mit den Inhalten von Medien, also mit der unterschiedlich möglichen Bedeutung von Texten beschäftigt hat, und nicht mit den medialen Formaten selbst. Medien hätten zwar einen starken Einfluss auf soziale Zusammenhänge, so McLuhan. Gleichzeitig bleiben sie im praktischen Vollzug, in ihrer Verwendung aber [33]nahezu unsichtbar. Sie verschließen sich der Wahrnehmung, indem sie Inhalte transportieren. So denken wir während wir sprechen kaum über die Bedeutung der Sprache nach. Wir sprechen vielmehr quasi wie von selbst, ohne uns klarzumachen, wie Sprache überhaupt funktioniert. Beim Lesen eines Buches reflektieren wir nicht, wie das Buch uns an einem umfassenden Diskurs etwa über Mediensoziologie teilnehmen lässt und uns damit zu einem Publikum, zu einer Öffentlichkeit formiert. Wir denken beim Umblättern der Seiten nicht darüber nach, wie der geschriebene Text lineares Denken befördert, ein Denken in Kausalitäten, in dem B auf A zu folgen hat.


1.2Medien als Verlängerungen menschlicher Organe

Medien sind aus der Sicht McLuhans mehr als Techniken, die wir anwenden: Sie gleichen kompletten Milieus, die uns umhüllen, in denen wir uns bewegen, die uns prägen, und die wir, gleich einer zweiten Haut, nicht abzustreifen vermögen. McLuhan beschreibt Medien als Prothesen, die menschliche Organe verlängern. »Alle Medien sind Erweiterungen bestimmter menschlicher Anlagen – seien sie psychisch oder physisch.« (McLuhan, 1969 S. 26) Medien bezeichnen alle Verlängerungen, Extensionen des menschlichen Körpers und seiner Sinne. Gemeint sind beispielsweise Kleidung, Instrumente, die Brille, das Rad, Bücher, Glühbirnen, Zeitungen, Fernsehen. Am Beispiel der Computermaus und der Fernbedienung wollen wir die Prothesen-These illustrieren:


Abb. 3: Medien als Verlängerung menschlicher Organe Foto: Gabi Blum

[34]Gemäß McLuhan sind Computermaus und Fernbedienung eine Verlängerung des menschlichen Organs Hand. In seiner Ausformung ist das Medium der Gestalt der Hand genau angepasst und erweitert damit die menschlichen Fähigkeiten, hier: die Steuerung einer Maschine. Als Verlängerung des menschlichen Organs wirken die Computermaus und die Fernbedienung gleichzeitig auf die Bewegungsmotorik des Menschen zurück und formen diese. Wie wir Computermaus und Fernbedienung steuern, geben diese uns vor. McLuhan beschreibt also eine Art Zirkelbewegung:. An den menschlichen Körper werden Medien angepasst, sie werden danach geformt. In dieser Ausformung wirken Medien wieder auf die Körper zurück. Die Hand weiß quasi von selbst, was mit Maus und Fernbedienung zu tun ist. Diese Ausführungen mögen vielleicht vergleichsweise banal erscheinen. Macht man sich aber mit McLuhan klar, dass wir permanent von Medien umgeben sind, gewinnt dieser Zugang eine eigentümliche Dynamik: Medien sind Prothesen, die uns als Hilfsmittel zur Verfügung stehen und gleichzeitig unsere Wahrnehmung der Welt formen.

Übungsvorschlag:

Betrachten Sie Formen und Charakteristika von Medien und überlegen Sie, inwiefern Medien Verlängerungen menschlicher Organe darstellen und sie dadurch wiederum prägen. In der Mediensoziologie wurde dies etwa am Beispiels des Mediums Fernsehen untersucht. John Hartley (1999/2001) analysierte, wie Wohnzimmer und Kühlschrank rund um das Fernsehgerät gruppiert und als »Verlängerung« der Praxis des Fernsehens erfunden wurden. So lautet eine seiner Thesen: »Ohne Kühlschrank gäbe es kein Fernsehen.« (Hartley 1999/2001, S. 263). Andere Autoren widmen sich wiederum der Fernbedienung. Sie untersuchen, wie durch die Praxis des Umschaltens das Fernsehen zu einem Medium der Zerstreuung gemacht wird (Winkler 1991).

Dabei ist der Inhalt eines Mediums immer ein weiteres Medium: »(…) the ›content‹ of any medium is always another medium. The content of writing is speech, just as the written word is the content of print, and print is the content of the telegraph.« (McLuhan, 1964 S. 20)

Gemeint ist damit, dass Medien sich selbst fortschreiben, sich ineinander verschränken und wechselseitig interpretieren. Medienentwicklungen setzen also immer schon Medienentwicklungen voraus. Am Computer sehen wir zum Beispiel einen Film an, der auf einem Roman beruht, der auf Schrift [35]beruht, die auf Sprache beruht. Abgeleitet wird hieraus eine Genealogie der Medien, das heißt: Soziale Begebenheiten werden Medienentwicklungen zugeschrieben.


1.3Genealogie der Medien

McLuhan versucht, den Geschichtsverlauf aus der Entstehung der Alphabetschrift herzuleiten. Die Schrift verwandelt gemäß McLuhan die Sprache in eine lineare Struktur und legt damit die Basis für das Zeitalter der Vernunft, der Beweisführung und der diskursiven Argumentation. Andererseits kommt es auch zur Verarmung der mündlichen Rede. Diese Tendenz wird durch die Erfindung des Buchdrucks noch verstärkt. Serialisierung und Massenproduktion werden im Buchdruckzeitalter befördert, so McLuhan. Neue Entwicklungen sind – in Schlagworten zusammengefasst – die Zentralperspektive, die chronologische Erzählung, die Einheitlichkeit des Tons in der Prosa, die Newton’sche Physik, der Individualismus, der freie Markt und die Nationalstaatlichkeit. All dies wird von McLuhan auf den Wechsel der Medien zwischen Schriftzeitalter und Buchdruckzeitalter zurückgeführt.

Soziologisch betrachtet, könnte hier der Verdacht des Mediendeterminismus aufkommen. Es drängt sich die Frage auf, ob McLuhan den Einfluss von Medien nicht überbetont. Lassen sich wirklich alle sozialen Entwicklungen anhand der Entstehung und Veränderung von Medien erklären? So kann man gerade aus soziologischer Perspektive auf die Bedeutung der Religion bei der Entstehung kapitalistischer Systeme hinweisen, wie Max Weber (1904) dies in seiner Studie zur protestantischen Ethik getan hat. Oder man richtet sein Augenmerk auf Georg Simmels (1903) Ausführungen zur Bedeutung der Großstadt für die Entwicklung des modernen Menschen. In beiden Ansätzen ist von Medienwechseln keine Rede – dennoch wird jeweils auf plausible Weise sozialer Wandel erklärt. McLuhan schlägt allerdings einen so breiten Medienbegriff vor, dass nahezu alle technisch-materialen und symbolischen Formen hierunter fallen können. Insofern geht er tatsächlich von einer maßgeblichen Bedeutung von Medien für die Veränderung von sozialen Prozessen aus.


2.Friedrich Kittler: Medien bestimmen unsere Lage

Nach Friedrich Kittler sind Medien direkt an der Prägung der Menschen und der bestehenden Wahrnehmungsverhältnisse beteiligt. Mit dieser Herangehensweise schließt Kittler zunächst an die Arbeiten von McLuhan an. Auch er richtet sich gegen eine hermeneutische Tradition der Analyse von Medien. [36]Und auch die Medienwirkungsforschung greift aus der Sicht Kittlers zu kurz. Es geht ihm ebenso wie McLuhan vordringlich nicht um die Inhalte der Medien, sondern um ihre materiale Qualität – und darum, wie sich diese Qualität von Medien auf unsere Wahrnehmung auswirken kann. Und ähnlich wie McLuhan fasst Friedrich Kittler diesen Zusammenhang relativ schlaglichtartig in folgendem Satz zusammen: »Medien bestimmen unsere Lage, die trotzdem oder deshalb eine Beschreibung verdient.« (Friedrich Kittler 1986 S. 3).

Infobox:

Friedrich Kittler (1943–2011) hatte seit 1993 den Lehrstuhl für Ästhetik und Geschichte der Medien an der Berliner Humboldt-Universität inne. Er gilt als einer der einflussreichsten Medientheoretiker in Deutschland. Zu seinen Hauptwerken zählen Aufschreibesysteme 1800/1900 (1985) und Grammophon Film Typewriter (1986). Insbesondere technische Medien spielen in beiden Werken eine bedeutende Rolle.

Ebenso wie Marshall McLuhan gilt Friedrich Kittler als Provokateur innerhalb einer hermeneutisch orientierten Literaturwissenschaft. Medien, so setzt Friedrich Kittlers Medientheorie ein, bestimmen unsere gesamten Wahrnehmungsformen in einem umfassenden Sinn. Unser gesamter Wahrnehmungsapparat, unsere gesamte Welterfahrung ist über Medien vermittelt und damit umfassend durch sie geprägt. Man spricht in Bezug auf Kittlers medientheoretischen Zugang deshalb auch von einem medialem Apriori: Medien gehen allen möglichen Erfahrungsformen voraus, liegen ihnen zugrunde, bedingen sie. Gleichzeitig relativiert Friedrich Kittler aber seine These, wenn er darlegt, dass dieser mediale Wirkungszusammenhang dennoch eine Beschreibung verdient. Damit meint er Folgendes: Es gibt keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Medien und Wirklichkeitskonstruktion. Trotz des grundsätzlich endbestimmenden Einflusses von Medien existiert auch in der Medientheorie von Friedrich Kittler eine Spannbreite von Realisierungsmöglichkeiten. Er formuliert dies metaphorisch: »Es passiert so schrecklich viel zwischen Silizium und seinen seelischen Outputs.« (Friedrich Kittler 1994, S. 114)

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203 p. 23 illustrations
ISBN:
9783846342244
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