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Elke Schwab
Kullmann und die Schatten der Vergangenheit
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Inhaltsverzeichnis
Titel
TEIL I 2004
TEIL II 1993
TEIL III 2004
TEIL IV 1993
TEIL V 2004
TEIL VI 1993
TEIL VII 2004
TEIL VIII 1993
TEIL IX 2004
TEIL X 1993
TEIL XI 2004
Impressum neobooks
TEIL I 2004
Elke Schwab
Kullmann und die Schatten der
Vergangenheit
Kullmann-Reihe 5
Dieser Krimi ist die überarbeitete Auflage des Originals:
Tod am Litermont
Kullmann
und die Schatten
der
Vergangenheit
Kullmann-Reihe 5
Elke Schwab
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
© Elke Schwab, 2019
www.elkeschwab.de
Covergestaltung: Elke Schwab
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugs-weisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Kapitel 1
Es fiel Arthur Jennewein mit jedem Mal schwerer, der traurigen Wahrheit ins Auge zu sehen, wenn er vor den Überresten stand, die einmal ein Reitstall gewesen waren. Lediglich an Teilen der Fassade konnte er erkennen, dass in diesem hölzernen Trümmerhaufen früher Pferde gestanden hatten. Die umliegenden Bäume und Sträucher waren in die Höhe geschossen, die kläglichen Überreste von außen nicht mehr sichtbar. Nur wer von dem Pferdestall wusste, fand den Weg dorthin. Mit schwermütigen Erinnerungen an die früheren Jahre seiner Familie ließ er den Blick über den Ort schweifen, in den er große Erwartungen gesetzt hatte – die Hoffnung, seine Tochter Samantha und die Tochter seiner Frau könnten dort glücklich werden. Bilder der beiden Mädchen tauchten vor seinem inneren Auge auf. Samantha ritt auf ihrem großen Braunen über den Reitweg am Stall vorbei, sprang über die Jagdhindernisse mit einer Leichtigkeit, als besäße sie Flügel. Ihr Lachen klang noch in seinen Ohren, ihr blondes Haar leuchtete in der Sonne. Von heute auf morgen hatte sie plötzlich das Interesse daran verloren, ihre Pferde abgeschafft.
Nadine liebte Falada immer noch. Sie hatte das Schimmelpony behalten, obwohl es zu klein für sie geworden war. Aber nach dem Verkauf von Samanthas Pferden konnte das Pony an diesem Ort nicht bleiben; es wäre dort allein gewesen.
Mit Falada war das Leben endgültig aus dem Stall gezogen.
Der Fehlschlag seines Planes war an den Ruinen zu erkennen. Altes, vergammeltes Heu und Stroh lagen im Heuschober, der an die Pferdeboxen angebaut war. Die Holztüren hingen schräg in den verrosteten Angeln. Zu seinem Kummer sah er, dass die alten Wassereimer noch in den Pferdeboxen standen. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, solche Kleinigkeiten wegzuräumen. Die angrenzende Reiterstube war erstaunlich gut erhalten. Dort hatte er sich gern niedergelassen und Samantha zugeschaut.
Schweren Schrittes verließ er die Stätte der Vergangenheit, ging über die Wiese auf sein Haus zu, ein ehemaliges Bauernhaus, das er zu einem komfortablen Wohnhaus umgebaut hatte.
Als er näherkam, sah er seine Frau Isolde und Samantha auf den Stufen zur Veranda stehen. Bedrückt stellte Arthur fest, dass sie sich wieder einmal heftig stritten. Es genügte nicht, dass die beiden Töchter einander ablehnten; seine Frau und Samantha verstanden sich ebenfalls nicht. So ungern er es auch zugab, aber Samantha war schon immer ein schwieriges Kind. Sie war fünfzehn, als Arthur und Isolde geheiratet hatten. Für Samantha hatte dieser Schritt eine dramatische Verschlechterung ihrer Rolle in Arthurs Leben bedeutet. Seitdem fürchtete sie um ihre Sonderstellung. Einschränkungen wollte sie niemals hinnehmen, ihr Widerstand war ungebändigt. Mit aller Macht setzte sie ihren Willen durch. Schon lange hatte Arthur seine Versuche aufgegeben, Harmonie in seine Familie zu bringen. Samantha war und blieb uneinsichtig.
Arthur verlangsamte sein Tempo. Eine große Müdigkeit überfiel ihn. Die ständigen Auseinandersetzungen in seiner Familie, die Forderungen, die Erwartungen, die Schuldzuweisungen erschöpften ihn. Dabei wollte er einfach nur glücklich sein, wollte mit Isolde eine harmonische Ehe führen und die Kinder heranwachsen sehen. Aber so einfach war das nicht.
Sein Blick fiel auf seine Frau. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen funkelten böse. Was hatte Samantha wieder getan?
»Du wirst nichts dergleichen tun«, hörte er Isoldes Stimme.
»Dass ich nicht lache«, erwiderte Samantha ironisch. »Was du damals eiskalt fertig gebracht hast, wirst du heute nicht einfach leugnen können.«
»Bevor du mich verurteilst, schau lieber selbst in den Spiegel!«, entgegnete Isolde.
»Mein Weg ist nicht mit Leichen gepflastert«, konterte Samantha mit Unschuldsmiene. »Dir ist es egal, wer draufgeht, Hauptsache, du erreichst dein Ziel.«
»Dann gebe ich dir den Rat, vorsichtiger zu sein! Ich kann auch anders.«
»Oh – du machst mir richtig Angst.« Die junge Frau biss sich auf die Fingernägel, als fürchte sie sich. Doch schon der nächste Satz verriet nichts als Hohn: »Leider habe ich euer Telefonat von Anfang bis Ende mitgehört. Jetzt weiß ich, wo du dich früher herumgetrieben hast – und mit wem. Den Ort werde ich mir mal genauer ansehen, damit ich meinen Vater über dich aufklären kann.«
»Halte dich aus meinem Leben raus! Es geht dich nichts an«, gab Isolde drohend zurück.
»Es geht mich eine ganze Menge an! Du mischst dich schon seit elf Jahren in unser Leben ein. All die Jahre habe ich nach etwas gesucht, womit ich dich loswerden kann. Jetzt habe ich es gefunden. Glaubst du, diese Chance lasse ich mir entgehen?«
»Du weißt überhaupt nicht, wer am anderen Ende der Leitung war«, versuchte Isolde aufzutrumpfen.
»Oh doch! Ich weiß genau, wer das war. Zufällig lese ich Zeitung. Deine Stunden sind gezählt!«
Arthur ahnte, wie gefährlich die Unterhaltung werden konnte. Samantha war unberechenbar, ihre Strategien, Keile in seine Ehe zu treiben, wurden immer raffinierter. Mit einem Räuspern machte er auf sich aufmerksam.
Erschrocken schauten die beiden Frauen in seine Richtung. Isolde war zehn Zentimeter kleiner als Samantha, ihre dünnen Haare hingen formlos um ihren Kopf. Neben Samantha, deren blonde Löwenmähne im Sonnenlicht glänzte, wirkte Isolde hilflos und unscheinbar.
»Ich war gerade an unserem ehemaligen Pferdestall.« Arthur wollte nicht zugeben, was er alles von dem Streitgespräch verstanden hatte.
»Schon wieder?«, stöhnte Samantha. »Hast du nichts Besseres zu tun?«
Sie trug ein T-Shirt und eine enge Jeans, die ihrer Figur schmeichelte, darunter hochhackige Schuhe. Mit einem eleganten Hüftschwung wandte sie sich von Arthur und Isolde ab und stolzierte mit hocherhobenem Kopf durch die Terrassentür ins Haus.
Arthur rief ihr nach: »Pferde waren mal deine große Leidenschaft. Was ist daraus geworden?«
»Willst du wirklich wissen, was heute meine Leidenschaft ist?« Sie schaute zurück zu ihrem Vater.
Arthur schüttelte den Kopf. Die provozierende Art seiner Tochter veranlasste ihn dazu, sie nicht ausreden zu lassen. Er schaute ihr nach, wie sie ins Wohnzimmer tänzelte, bis sie durch den Rundbogen zur angrenzenden Küche aus seinem Blickfeld verschwand.
Er drehte sich zu Isolde um, wollte sie nach dem Inhalt des Streitgesprächs fragen. Aber sie war fort. Allein stand er auf der Terrasse. Er spürte, dass sich ein neues Unheil in seiner Familie zusammenbraute.
*
Das laute Klingeln des Weckers riss Arthur aus dem Schlaf. Übernächtigt öffnete er seine Augen. Sein Blick fiel auf die zweite Hälfte des Bettes. Sie war leer! Und unbenutzt war sie auch. Beunruhigt erhob er sich. Das Fernbleiben seiner Frau ließ ihn Schlimmes ahnen. Aber er hatte keine Zeit, nach ihr zu suchen. Heute war Donnerstag, der Tag, der früh begann und spät endete, weil er von morgens bis abends Sprechstunde hatte.
In der Küche traf er niemanden an. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst für sein Frühstück zu sorgen. Kaum lief die Kaffeemaschine, betrat Samantha die Küche. Ihre Haare standen in alle Richtungen, ihr Hemd war durchsichtig. Darunter trug sie nichts.
Kokett grinste sie ihren Vater an.
»Kannst du nicht in einem normalen Zustand in die Küche kommen?«
»Gefalle ich dir nicht mehr, Papi?«
Verärgert verließ Arthur das Haus, ohne seinen Kaffee zu trinken.
*
Die Morgendämmerung brach herein. Die Nachttischlampe war noch eingeschaltet. Das Licht zeigte keine Wirkung mehr, die aufgehende Sonne vertrieb Nadines innere Dämonen. Sie stand auf und stellte sich vor das Fenster. Ihr Blick fiel auf den Garten und den einmündenden Feldweg, der zu den Stallungen führte, wo vor Jahren ihr Pony gestanden hatte. Schön war der Anblick. Nur warum konnte sie sich nicht daran erfreuen? Mit Schrecken fiel ihr der seltsame Anruf des letzten Abends ein. Sie hatte gelauscht – das erste Mal in ihrem Leben. Ihre Mutter hatte rätselhafte Dinge über Nadine gesagt, von Ereignissen gesprochen, die schon elf Jahre zurücklagen. Und doch hatte Nadine nichts davon verstanden. Von ihrer Kindheit wusste sie wenig – nur dass sie oft bei Opa Jakob war, der in einem Haus in Nalbach wohnte. Erinnerte sie sich wirklich daran oder hatte ihre Mutter für sie Einzelheiten erfunden, um ihrer Kindheit einen Rahmen zu schaffen? Denn in Wirklichkeit konnte sich Nadine an nichts erinnern. Ihre Zweifel waren seit dem gestrigen Telefonat stärker geworden. Schon lange begleitete Nadine das Gefühl, das schwarze Loch ihrer Erinnerungen bedeute etwas Unheilvolles.
Kurz nach dem Streit am Telefon hatte ihre Mutter wütend das Haus verlassen.
Nadine war in der Nacht durch lautes Poltern geweckt worden. Hatte ihre Mutter hinter dem Lärm gesteckt? Was war geschehen?
Nadine fröstelte. Sie kleidete sich an und ging hinunter, um nachzusehen, ob sich ihre Mutter in der Küche aufhielt. Aber dort war sie nicht. Stattdessen sah sie Samantha am Tresen stehen und Mineralwasser aus der Flasche trinken. Im Wohnzimmer war ihre Mutter auch nicht. Verwundert stieg Nadine die Treppe wieder hinauf und näherte sich der Schlafzimmertür ihrer Eltern. Sie klopfte, es kam keine Antwort. Leise öffnete sie, weil sie ihre Mutter nicht wecken wollte, sollte sie noch schlafen. Aber das Bett war nur auf Arthurs Seite zerwühlt. Die Hälfte ihrer Mutter wirkte unbenutzt.
Sie stand mittlerweile vor Samanthas Zimmer. Dort brauchte sie nicht nachzusehen. Sonst gab es nur noch die Tür zum Speicher, der direkt über der Garage lag. Konnte es sein, dass das nächtliche Poltern ausgerechnet von dort gekommen war? Aber was hätte ihre Mutter um Mitternacht im Speicher zu suchen? Die Antwort würde Nadine nur finden, indem sie hineinsah. Eine Weile zögerte sie, in der Hoffnung, ihre Mutter käme die Treppe hinauf. Aber nichts dergleichen geschah; ihre Mutter kam nicht. Zaghaft näherte sich Nadine der Speichertür. Plötzlich knallte es laut. Erschrocken zuckte sie zusammen, wich einige Schritte zurück. Sekunden später erkannte sie an Samanthas unflätigem Geschimpfe, dass wohl eine Flasche zu Bruch gegangen war.
Nadine richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Speicher. Sie lauschte, hörte aber nicht das Geringste. Wenn ihre Mutter sich dort aufhalten sollte, war sie mucksmäuschenstill. Nadine klopfte. Keine Reaktion. Wieder klopfte sie, wieder hörte sie nichts. Auch auf ihr Rufen erhielt sie keine Antwort. Entschlossen drückte sie den Türgriff herunter. Leise sprang die Tür auf. Der Speicherraum reichte bis unter die Spitze des Dachs.
Nadines Blick fiel sofort auf sie.
Der Schreck fuhr ihr durch alle Glieder. Mit zitternden Knien betrat sie den großen Raum. Neben der Tür ertastete sie einen Lichtschalter. Sie legte die Hand darauf, zögerte eine Weile, bis sie endlich den Mut aufbrachte, das Licht einzuschalten.
Sie hatte sich nicht getäuscht. An einem der starken Holzbalken, die quer von einer Schräge zur anderen verliefen, hing ihre Mutter.
Kapitel 2
»Es gibt Arbeit für uns!« Kriminalkommissar Bernhard Diez war der Überbringer dieser Botschaft am frühen Morgen. Noch nicht lange im Kommissariat für Tötungsdelikte, vor kurzem seine Prüfung im Kriminalfachlehrgang bestanden und am Anfang seiner Karriere als Kriminalbeamter, trieb ihn großer Ehrgeiz an.
Anke Deister fühlte sich neben dem jungen Kollegen nicht nur weise, sondern leider auch müde, weil ihre kleine Tochter sie die ganze Nacht auf Trab gehalten hatte.
»Eine Frau hat sich erhängt«, fügte Bernhard an, was Anke sofort zu einem Kommentar veranlasste: »Das klingt nach Selbstmord.« Sie spürte nicht das geringste Bedürfnis, so früh am Morgen an einen Tatort zu fahren.
Aber Bernhard ließ nicht locker. »Sehe ich auch so. Aber der Gerichtsmediziner hat Auffälligkeiten diagnostiziert, die einen Selbstmord in Frage stellen.«
Sie betraten das Büro ihres Vorgesetzten Dieter Forseti. Die Kollegen Jürgen Schnur, Esther Weis und Erik Tenes warteten schon.
Kriminalhauptkommissar Forseti begann zu sprechen: »In Dillingen-Diefflen hat eine junge Frau ihre Mutter erhängt auf dem Speicher gefunden. Die Kollegen der Spurensicherung sind schon vor Ort. Der Gerichtsmediziner hat Spuren an der Toten gefunden, die auf einen Kampf hindeuten. Nach Rücksprache mit Staatsanwalt Foster werden wir den Fall übernehmen. Anke, Erik und Bernhard, Sie fahren zum Tatort!«
Die drei Angesprochenen nickten.
An Esther Weis und Jürgen Schnur gerichtet fügte er an: »Sie beide sehen in der Datenbank nach, was wir dort über die Familie gespeichert haben!«
»Wer ist die Tote?«, fragte Anke.
»Sie heißt Isolde Jennewein, ist die Frau des Allgemeinmediziners Dr. Jennewein und hat eine siebzehnjährige Tochter, die sie gefunden hat.«
Zum Abschluss der Besprechung überreichte er Anke die wenigen Notizen, die er bisher über den Fall gemacht hatte.
Der Weg führte über die Autobahn A 620 vorbei an Völklingen mit der Röchlingschen Hütte, weiter in Richtung Saarlouis, das sie hinter sich ließen. Sie verließen die Autobahn und passierten die Dillinger Hütte, die einen unangenehmen Geruch verbreitete. Weiter ging es über eine breite Umgehungsstraße.
Sie erreichten Diefflen, folgten der Hauptstraße durch das Dorf, bis ein Schild auf die Straße Augrät hinwies, wo sie rechts abbogen. Nach wenigen Metern gelangten sie ans Ziel.
Das Haus der Familie Jennewein erwies sich als Bauernhaus im lothringischen Baustil, daran zu erkennen, dass sich Scheune und Wohnhaus unter einem Dach befanden. Rechts prangte das Scheunentor in seiner halbrunden Form aus dunklem Holz, das heute als Garagentor diente. Links daneben schmückten kleine Fenster die braunweiße Fassade. Ein auffälliges Gemälde von zwei schweren Pferden, die jeweils ein Kummet trugen, zierte die Front. Es drückte Nostalgie aus. Eine Laterne mit drei Leuchtern stand direkt davor. Das Erbauungsjahr war über dem ehemaligen Scheunentor in Stein gehauen: Anno 1900.
In diesem Haus sollte ein schreckliches Verbrechen geschehen sein? Es war fast nicht zu glauben. Nur das grünweiße Absperrband mit der Aufschrift »Polizei« wies darauf hin, dass die Idylle Risse bekommen hatte. Einige Polizeifahrzeuge blockierten mit blinkendem Blaulicht die schmale Straße. Neugierige Fußgänger versammelten sich und versuchten, etwas zu erfahren. Aber das Einzige, was sie zu hören bekamen, war das Schnäuzen und Husten eines Polizisten, der nicht nur mit den Schaulustigen, sondern auch mit seiner Erkältung zu kämpfen hatte.
Theo Barthels, der Leiter der Spurensicherung, trat vor das Haus. Er gab Anke, Erik und Bernhard seine ersten Untersuchungsergebnisse bekannt: »Es gibt keine Einbruchspuren. Dafür Spuren der Verwüstung in der Küche, im Esszimmer und im Wohnzimmer. Die Tochter des Arztes, Samantha Jennewein, behauptet, dass diese Spuren von ihr stammen. Das kann ich erst bestätigen, wenn ich alles genauer untersucht habe.« Theo holte tief Luft und fuhr fort: »Der Fundort der Toten weist keine Kampfspuren auf. Allerdings die Tote selbst. Wir sind vorerst mit unserer Arbeit fertig. Der Gerichtsmediziner wartet noch auf Sie, bevor er die Leiche abtransportieren lässt.«
Die Polizeibeamten zogen sich Plastikschuhe über, bevor sie das Haus betraten.
Ein röhrendes Geräusch zog Ankes Aufmerksamkeit auf sich. Sie schaute sich um und sah, wie ein schwarzer Porsche Carrera 911 im Schritttempo an den quer parkenden Polizeifahrzeugen vorbeifuhr. Die Scheiben des Wagens waren schwarz getönt, von den Insassen nichts zu erkennen. Während der Sportwagen das Haus der Familie Jennewein passierte, dröhnte er geräuschvoll. Mit starker Beschleunigung schoss er davon.
Bernhard und Erik hielten sich bereits im Haus auf. Sie hatten weder den Porsche noch Anke beachtet. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als ihren Kollegen zu folgen.
Der Eingang glich einem Foyer. Der Zugang zu dem ganz in Mahagoniholz eingerichteten Esszimmer war offen. Ein Rundbogen gab den Blick in ein großes Wohnzimmer mit Panoramafenster frei. Viel Licht strömte in die großen Räume.
Der Weg zur Toten führte über eine schmale Treppe nach oben in den ersten Stock. Der Flur wirkte im Gegensatz zum Erdgeschoss dunkel und eng. Das einzige Licht, das dort hereindrang, kam von dem kleinen Fenster des Treppenaufgangs. Vor einer geöffneten Tür wartete der Gerichtsmediziner. Dr. Wolbert trat zur Seite und ließ die Polizeibeamten hinein.
Diffuses Tageslicht tauchte den Raum in geheimnisvolles Zwielicht. Wie dünne Schleier hing Staub in der Luft und bewegte sich lautlos und geisterhaft. Spinnweben zogen sich durch den Raum und glitzerten in den vereinzelten Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die kleine Dachluke bahnten.
Eine schlanke Gestalt lag auf dem Boden. Der Strick war durch einen Messerschnitt vom Dachbalken abgetrennt worden. Die Schlinge lag noch um den Hals der Toten.
Dr. Wolbert zeigte auf große blaue Flecke an beiden Armen, im Gesicht, über dem rechten Auge und unterhalb der Schlinge, wozu er erklärte: »Diese Blutergüsse sind noch zu Lebzeiten entstanden, weil sich das Blut im umgebenden Gewebe verteilt hat. Bei einer post mortem entstandenen Prellung würde kein Rückfluss mehr aus den Kapillaren erfolgen. Das heißt, unter diesen Umständen wären diese großflächigen blauen Flecke nur kleine Punkte.«
»Das bedeutet?«
»Dass vor Eintritt des Todes ein Kampf stattgefunden hat.«
*
Im Wohnzimmer warteten die Familienangehörigen auf die Polizeibeamten.
Das große Fenster zeigte zu einer Terrasse, die die gesamte Rückseite des Hauses einnahm. Ein gepflegter Rasen leuchtete im saftigen Grün, dahinter begann offenes Feld. Ein Trampelpfad führte durch ein verwahrlostes Wiesenstück und machte eine Linksbiegung, bis er hinter Hecken verschwand.
Die Einrichtung des Zimmers wirkte feudal, dafür ungemütlich. Die Fensterseite war kahl, keine Pflanzen, keine Gardinen, nichts. Die Couchgarnitur aus dunklem Leder beherrschte den gesamten Raum. Ein Fernseher mit Dolby-Surround-Anlage nahm den größten Teil der dunklen Schrankwand ein, die auf der kurzen Seite des Zimmers stand.
Ein älterer Herr trat auf Anke zu und stellte sich als Dr. Jennewein vor. Sein rundliches Gesicht bedeckte ein Schweißfilm, die Wangen waren unnatürlich gerötet, seine Augen rot unterlaufen, als habe er geweint. Sein graues, kurz geschnittenes Haar klebte schweißnass an seinem Kopf. Eine junge Frau mit auffallend blonder Mähne stand vor dem Fernseher und trank Mineralwasser aus der Flasche. Eine zweite Frau saß auf einem Sessel, den Kopf in beide Hände gestützt. Deutliche Spuren von Schmerz zeichneten ihr schmales, blasses Gesicht. Dr. Jennewein stellte sie als seine Stieftochter Nadine vor.
Nadine machte sich nicht die Mühe aufzusehen. Sie verharrte in ihrer Haltung, den Blick zu Boden gerichtet. Als Dr. Jennewein seine Tochter Samantha vorstellen wollte, übernahm die junge Frau diese Aufgabe selbst.
Während Anke die blonde Frau beobachtete, fielen ihr blaue Flecke an Samanthas Unterarmen auf. Sie waren groß und dunkel, also noch frisch.
Sofort fragte sie: »Wo haben Sie sich diese Blutergüsse zugezogen?«
Verwirrt schaute Samantha auf ihre Unterarme, zog ihre Ärmel darüber und meinte abweisend: »Keine Ahnung! Habe mich wohl gestoßen.«
Die Polizeibeamten sahen sofort, wie Dr. Jennewein blass wurde. Verwirrt wanderte sein Blick von Anke zu Samantha und wieder zurück, bevor er sich einschaltete: »Samantha! Antworte bitte richtig!«
»Ist ja schon gut! Ich hatte gestern Abend wilden Sex. Dabei bin ich mit den Armen an die Bettkante gestoßen«, platzte Samantha provozierend heraus. »Gefällt dir die Antwort besser?«
Nun wurde Dr. Jennewein puterrot. Mit zusammengebissenen Zähnen knurrte er: »Du bist unverbesserlich.«
»Dann möchten wir wissen, wann und mit wem!« Anke ließ sich nicht von der Provokation beeindrucken.
»Seid ihr immer so neugierig?«
»Ihre Beleidigungen können Ihnen schaden«, belehrte Erik. »Sie machen sich verdächtig, Ihre Stiefmutter ermordet zu haben.«
»Die Alte hat sich doch erhängt«, trotzte Samantha. »Wie kommen Sie da auf Mord?«
»Sehen Sie? Sie wissen nicht alles«, gab Erik zurück. »Also beantworten Sie die Frage meiner Kollegin!«
»Ich kann leider den Namen meines Partners der letzten Nacht nicht sagen, weil er verheiratet ist. Wir haben uns darauf geeinigt, dass die Sache unter uns bleibt.«
»Das reicht jetzt«, wurde Erik ungeduldig. »Frau Jennewein, Sie kommen mit.«
»Um Gottes Willen!« Der Vater klang panisch. »Das können Sie nicht tun.«
»Wir wollen einen Fall aufklären«, stellte Erik klar. »Wenn Sie nicht zur Mitarbeit bereit sind, müssen wir so handeln.«
»Samantha! Warum sagst du nicht, mit wem du gestern zusammen warst?«
»Mein Alibi heißt Berthold Bracke. Man kennt ihn in der Stadt. Keine große Leuchte, dafür ein großes Tier. Nicht wahr, Papi?« Samantha grinste.
Ihr Vater atmete erschrocken ganz tief durch.
Was nun kam, fiel den Beamten am schwersten.
Nadine, die leibliche Tochter der Toten, saß immer noch zusammengekauert auf dem Sofa. Bis jetzt hatte sie kein Wort gesagt, wirkte ganz versunken in ihrer Trauer, als sei sie die einzige im Raum, die Isolde Jenneweins Tod beklagte.
Dünne, braune Haare rahmten ihr schmales, blasses Gesicht ein. Leere Augen lagen tief in ihren Höhlen. Düster und freudlos schauten sie zu Anke, der dieser Blick durch Mark und Bein ging.
»Du hast deine Mutter gefunden«, begann Anke.
Nadine nickte.
»Gab es Anzeichen, dass deine Mutter sich das Leben nehmen wollte?«
Nach einigem Zögern sprach Nadine: »Meine Mutter hat sich nicht selbst umgebracht. Sie sprach immer davon, wie schön ihr Leben sei, jetzt, wo wir eine Familie sind.«
»Familie, dass ich nicht lache«, ertönte die hämische Stimme von Samantha. »Mein Vater hat dich nicht adoptiert und hatte es auch nicht vor. So etwas nennst du Familie?«
Aber Nadine hörte nicht, welche Boshaftigkeiten Samantha ihr an den Kopf warf. Als lebte sie in ihrer eigenen Welt, sprach sie weiter: »Niemals wollte sie ihr Leben selbst beenden. Sie hatte doch alles, was sie wollte.«
»Klar! Vaters Geld«, warf Samantha giftig ein.
»Samantha, es reicht jetzt«, störte Arthur Jennewein seine Tochter.
Staunend fragte Erik: »Warum haben Sie Nadine nicht adoptiert?«
»Mein Vater adoptiert nicht jede dahergelaufene Göre«, funkte Samantha schon wieder dazwischen.
Nun wurde Erik wütend. Anke sah, wie seine Kiefer zu mahlen begannen, ein Zeichen, dass ihm die Beherrschung immer schwerer fiel.
»Ich beginne zu verstehen, was hier in der Familie abläuft«, meinte er.
Samantha lachte boshaft. Der Vater versuchte sie zu stoppen, aber vergebens. Gegen sie war er machtlos.
»Dann sind Sie der Erste. Was hier abläuft, hat bisher noch niemand gepeilt. Selbst mein lieber Herr Papa noch nicht.«
»Wie lange waren Sie verheiratet, Herr Dr. Jennewein?«, fragte Anke.
»Elf Jahre«, antwortete der Arzt, wischte sich dabei den Schweiß von der Stirn. Er wirkte, als hätte er selbst einen Arzt nötig.
»Wie war Ihre Ehe?«
»Isolde war eine wunderbare Frau«, begann er. Mit wackeligen Beinen bewegte er sich auf den Sessel zu und ließ sich hinein sinken. Er fügte an: »Unsere Ehe war gespickt mit Pannen, weil unsere Töchter sich nicht vertragen. Trotzdem waren wir glücklich miteinander. Isolde war eine stille, angenehme Frau, der nichts zu viel war.«
»Sie hat sich angebiedert, dass ich bei der Erinnerung daran noch kotzen muss«, präzisierte Samantha diese Aussage auf ihre charmante Art.
»Wie wäre es, wenn Sie Ihren Vater mal ausreden lassen?«, ermahnte Anke.
»Isolde hatte es in ihrem Leben nicht immer leicht gehabt«, fuhr Dr. Jennewein fort.
»Klar, hat sich einen Balg andrehen lassen«, war wieder Samantha zu hören.
»Samantha!«, ermahnte der Vater energisch. »Deshalb war ich der Meinung, dass sie es verdient hätte, an meiner Seite ein schönes Leben zu genießen. Aber wie gesagt: So einfach war das nicht.«
»Ja, das ist uns inzwischen klar geworden.« Ankes Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Nadine. »Warum hast du im Speicher nach deiner Mutter gesucht?«
Eine Weile blieb alles still, bis Nadine sich räusperte und antwortete: »Ich habe in der Nacht ein lautes Poltern gehört. Als ich meine Mutter am Morgen nicht in ihrem Schlafzimmer fand, fiel mir das seltsame Geräusch wieder ein.«
»Hat sonst noch jemand etwas gehört?«, fragte Erik.
Arthur und Samantha verneinten.
»Ich habe erst heute Morgen festgestellt, dass meine Frau die ganze Nacht über nicht in ihrem Bett war«, erklärte Arthur.
»Haben Sie Ihre Frau gesucht?«
»Nein. Ich bin zur Arbeit gegangen. Ich dachte mir, dass sie ihre Gründe hatte, die Nacht woanders zu verbringen.«
»Wo hätte Ihre Frau dazu Gelegenheit?«
Auf diese Frage gab Arthur Jennewein keine Antwort.
»Warum sind Sie mit der ungewöhnlichen Situation heute Morgen so unbesorgt umgegangen?«
»Wir hatten … Probleme«, murmelte Arthur widerwillig.
Deutlich spürten die Beamten, dass er etwas verschwieg.
Anke wandte sich wieder an Nadine und fühlte sich dabei, als wollte sie sich einem scheuen Fohlen nähern, das große Angst vor Menschen hat.
»Wie alt warst du, als deine Mutter und Dr. Jennewein geheiratet haben?«
»Sechs Jahre.«
»Warst du froh über die Ehe deiner Mutter?«
Nadine schaute Anke eine Weile an, bevor sie sagte: »Ich glaube schon.«
»Warum glaubst du nur? Weißt du es nicht?«
Nadine überlegte. Heftig atmete sie ein und aus. »Ich erinnere mich nicht mehr so genau.«
Diese Antwort machte Anke stutzig. Wie konnte Nadine eine große Veränderung in ihrem Leben vergessen?
»Woran erinnerst du dich nicht mehr?«
»Wie das war, als meine Mutter und Arthur geheiratet haben«, erklärte Nadine. »Es ist schon so lange her.«
»Woran erinnerst du dich denn?«
»Daran, dass ich ein Pony geschenkt bekam«, antwortete Nadine. Ihr Blick wurde schlagartig weich. »Ein Schimmelpony mit dem Namen Falada. Das hat mir Arthur geschenkt.«
»Wo ist Falada jetzt?«
»Es steht bei Opa Jakob in Nalbach. Er hat außerdem noch Ziegen, Schafe und Gänse. Dort ist Falada in guter Gesellschaft.«
Anke schmunzelte bei der Aufzählung der Tiere.
»Reitest du noch?«
»Nein. Inzwischen ist Falada zu klein für mich. Aber behalten werde ich sie ihr ganzes Leben lang.«
Die Worte klangen schwärmerisch. Anke spürte, dass Falada ein wichtiger Bestandteil im Leben der jungen Frau war.
»Haben Sie auch Pferde?« Mit der Frage richtete sich Erik an Samantha.
»Ich hatte welche. Zwei, um es genau zu sein. Und zwar richtige – keine Ponys.«
»Wo sind Ihre Pferde jetzt?«
»Die habe ich verkauft. Habe kein Interesse mehr am Reiten.«
Arthur Jennewein schüttelte den Kopf und bemerkte: »Da versucht man alles, damit die Kinder ein ausgefülltes Leben haben. Aber das Ergebnis ist gleich Null. Sie müssten unseren Stall mal sehen. Früher war er das reinste Pferdeparadies, heute stehen dort nur noch Trümmer. So viel zu meinen Bemühungen, Samantha ein guter Vater zu sein. Vielleicht ist es mir bei Nadine besser gelungen.«
»Du bist nicht Nadines Vater, kapier das doch«, mischte sich Samantha ein.
Anke spürte die Frage aufkeimen, wie Nadines Leben ab sofort aussehen würde. Sie schaute sich die junge Frau genau an. Nadine war so dünn, als bestünde sie nur aus Knochen und Sehnen, ihre Gesichtsfarbe so blass, als sei sie blutleer. In ihren Augen war ein tiefer Schmerz zu sehen, aber sie sprach ihn nicht aus – schrie ihn nicht heraus. Sie wirkte auf Anke, als habe sie nicht gelernt, Gefühle zu zeigen. Bei ihrem Anblick bekam Anke einen Vorgeschmack auf die Einsamkeit, die Nadine in dieser Familie erwartete.
»Dein Opa lebt in Nalbach?«, fragte sie.
»Das ist nicht Nadines Opa, sondern meiner«, hörte Anke schon wieder Samanthas Stimme.
Sie beherrschte sich, als sie weiterfragte: »Hast du ein gutes Verhältnis zu Opa Jakob?«
Nadine nickte.
Diese Antwort gefiel Anke. Sie ahnte, dass Nadine dort im Fall der Fälle eine Zuflucht finden könnte.
Sie stellte sich an das große Panoramafenster und ließ ihren Blick über die herrliche Aussicht schweifen. Natur über Natur erstreckte sich dort vor ihren Augen. Eigentlich müsste es schön sein, hier zu leben. Hinter den großen Feldern und vereinzelten Häusern erhob sich ein bewaldeter Berg, auf dessen Spitze etwas Weißes leuchtete. Ankes Augen hafteten an dem rätselhaften Punkt. Fast hätte sie die Abfahrt ihrer Kollegen verpasst.
Bevor sie in den Dienstwagen einstieg, berichtete sie Erik von dem Porschefahrer.
»Hast du dir denn die Nummer gemerkt?«
»Klar! Für wie dumm hältst du mich eigentlich?«
Dazu sagte Erik nichts.
Die Hauptstraße in Diefflen wirkte belebt zur morgendlichen Stunde. Die Sonne lockte frohgelaunte Menschen auf den kleinen Marktplatz. Die Frauen trugen Einkaufskörbe; die Männer eilten in die Kneipen.
»Ein lustiges Treiben herrscht in diesem Dorf«, stellte Erik fest, der auf dem Beifahrersitz saß und alles in Ruhe beobachten konnte. »Es sieht so aus, als würde hier jeder jeden kennen.«
»Das sieht nicht nur so aus«, nickte Anke, die im Fond des Wagens saß. »In Dörfern ist das so.«
»Hat doch Vorteile«, überlegte Erik. »Wenn man Hilfe braucht, weiß man immer, wen man darum bitten kann.«
»Das ist nicht so sicher«, schaltete Bernhard sich ein. »Die Freundschaft beschränkt sich vielmehr auf die Freuden des Lebens. Wenn es um Arbeit geht, trennt sich die Spreu vom Weizen.«
»Du kennst dich ja gut aus«, staunte Erik.
»Klar! Ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Für Kinder ist das schön. Aber als Erwachsener lernt man auch die andere Seite kennen. Man ist nie allein, was bedeutet, du kommst nie zur Ruhe, bist ständig unter Beobachtung. Bei allem, was du tust, mischen sich andere ein. Ich weiß nicht, ob das wirklich erstrebenswert ist.«
»Und deshalb bist du nach Saarbrücken gezogen?«, fragte Erik.
»Ja. Manche behaupten, Saarbrücken wäre auch ein Dorf. Aber wenn man von einem richtigen Kuhdorf kommt wie ich, erkennt man den Unterschied. Saarbrücken hat Großstadtcharakter.«
»Und das gefällt dir?«
»Ja. Ich wollte aus dem Provinzmief heraus.«
»Zu den Junkies und Prostituierten?«
»Was willst du mir damit sagen?«
»Ganz einfach: Der Provinzmief ist in meinen Augen menschenfreundlicher als das, was man in Großstädten sieht und miterlebt. Ich komme aus Köln – jahrelang galt Köln als das Chicago Deutschlands. Für jeden Verbrecher, den man dort verhaftet, erscheinen am nächsten Tag drei neue auf der Bildfläche.«
»Auch ein Grund, Köln zu verlassen«, stellte Anke fest.
Kapitel 3
»Isolde Jenneweins Todeszeitpunkt liegt zwischen Mitternacht und zwei Uhr. Ihre Hämatome sind kurz vor ihrem Tod entstanden, ein Detail, auf das Dr. Wolbert besonders nachdrücklich hinweist.«
Neben dem Bericht des Gerichtsmediziners verteilte Forseti Fotos des Opfers. Darauf waren die Blutergüsse auf Oberkörper, Hals und Unterarmen besonders kontrastreich abgebildet. Es sah nach einem Todeskampf aus.
Im Büro des Dienststellenleiters herrschte lautes Stimmengewirr, das Forseti mit seiner Frage »Wie ist es möglich, dass kein Familienmitglied im Haus etwas gehört hat?« beendete.
Anke berichtete von den Eindrücken, die die Familie der Toten hinterlassen hatte.
»Das klingt so, als gäbe es dort Geheimnisse«, merkte Forseti an. »Jürgen, was haben Sie herausgefunden?«
Der Angesprochene schaute auf die Papiere, die vor ihm lagen, und antwortete: »Wir können beim Thema Geheimnisse bleiben: Die Tote hat eine aktenkundige Vergangenheit. Sie ist eine geborene Remmark. Ihre Mutter hat geheiratet, als sie sechs Jahre alt war. Einen gewissen Hugo Kauz.«
»Wo ist die Mutter jetzt?«
»Wir suchen sie«, gab Jürgen zu. »Nach dem Tod ihres Mannes hat sie Deutschland verlassen. Seitdem gibt es keine Spur mehr von ihr.«
»Ich sehe Parallelen zu dem Leben der Tochter Nadine«, schaltete Anke sich ein. »Isolde Jennewein hat Dr. Arthur Jennewein geheiratet, als Nadine sechs Jahre alt war.«
»Die Parallelen gehen noch weiter: Isolde Jennewein, früher Remmark, bekam einen Stiefbruder, Oskar Kauz. Er war zehn Jahre älter«, erzählte Jürgen. »Hugo Kauz hatte Isolde nicht adoptiert.«
»Isolde Jenneweins Leben besteht nur aus Déjà-vus«, bemerkte Anke.
»Hugo Kauz starb unter nicht ganz geklärten Umständen«, sprach Jürgen weiter.
»Was heißt das?«, hakte Forseti nach.
»Offiziell lautete die Todesursache Zuckerkoma. Es wurde in dem Fall ermittelt, konnte aber nichts festgestellt werden, was eine Beschleunigung seines Todes bestätigt hätte.«
»Warum ist ein Zuckerkoma ein nicht ganz geklärter Umstand?«, fragte Bernhard zweifelnd. »War Hugo Kauz kein Diabetiker?«
Jürgen schaute in seine Akte, bevor er antwortete: »Doch! Ich gebe nur das wieder, was in der Akte steht.«
Forseti schaltete sich ein: »Nun wollen wir hier keine Haare spalten, wo es uns nicht im Geringsten weiterhilft. Lesen Sie weiter vor, was dort steht!«
»In den folgenden Jahren wurde Isolde Remmark aktenkundig wegen Prostitution.« Gemurmel entstand. »Später hat sie Walter Kruchten geheiratet. Ein Freier.«
»Ist das der leibliche Vater von Nadine?«, fragte Anke.
»Nein. Sie war bereits schwanger. Da wir gerade von Geheimnissen sprechen: Isolde Jennewein hat im Jahr 1989 Walter Kruchten erschlagen.«
»Nun wird es richtig interessant.«
»Sie wurde vom Gericht freigesprochen mit der Begründung Notwehr. Walter Kruchten habe seine Frau und das Kind misshandelt.«
»Das klingt zwar aufregend, aber nicht geheimnisvoll«, schimpfte Bernhard.
»Für mich schon: Isolde Jennewein hinterlässt zwei Todesfälle, die Fragen zurücklassen. Vom Stiefvater wurde sie als Tochter abgelehnt, kurze Zeit später starb er. Vom Ehemann wurde sie misshandelt, kurze Zeit später starb er«, stellte Jürgen dagegen. »Sie war nicht zimperlich.«
»Von den beiden kann sich aber niemand an ihr gerächt haben«, beharrte Bernhard.
»Wie geht das Leben dieser aufregenden Frau weiter?« Mit seiner Frage unterbrach Forseti Bernhards Einwände.
»Den Rest wissen wir: 1993 heiratete sie Dr. Jennewein und lebte mit ihm glücklich bis an ihr jähes Ende.«
»Wie kommt eine Prostituierte, die wegen Totschlags angeklagt war, an einen gut situierten Arzt?«, fragte Esther. »Das klingt ja wie das Märchen vom Traumprinzen.«
»Nachdem sie Walter Kruchten geheiratet hatte, kehrte sie dem kunterbunten Leben den Rücken und begann in Dr. Jenneweins Praxis als Arzthelferin zu arbeiten. So haben sie sich kennengelernt«, antwortete Jürgen.
»Das würde bedeuten, dass sie ihren zweiten Ehemann bereits kannte, als sie noch mit Walter Kruchten verheiratet war«, grinste Esther. »Natürlich ist es purer Zufall, dass sie Walter Kruchten erschlägt und danach Arthur Jennewein heiratet.«
»Nach alldem, was Isolde Jennewein durchgemacht hat, kann ich mir Selbstmord immer weniger vorstellen«, sprach Jürgen seine Bedenken aus.
»Nein. Sie wirkt vielmehr wie eine Überlebenskämpferin«, stimmte Esther zu.
»Das können wir erst ausschließen, wenn wir sicher sind, dass es keinen Abschiedsbrief gibt«, verdeutlichte Bernhard. »Hat die Spurensicherung etwas in dieser Art gefunden?«
»Bis jetzt wurde kein solcher Brief erwähnt«, antwortete Jürgen.
»Ein Motiv für die Tat ist bis jetzt auch nicht ersichtlich«, übernahm Forseti wieder das Wort. »Walter Kruchten starb vor zwölf, Hugo Kauz vor einundzwanzig Jahren. Diese beiden Fälle sind zu kalt, um noch interessant für uns zu sein.«
»Was müssen wir tun?« Bernhard rieb sich tatenfreudig die Hände.
»Wir müssen herausfinden, wo Isolde Jenneweins Mutter jetzt ist, damit sie über den Tod ihrer Tochter informiert werden kann«, bestimmte Forseti. »Diese Aufgabe übernimmt unsere Kollegin Esther Weis.«
Die Angesprochene nickte, dabei war ihr der Ärger über diese Anweisung deutlich anzusehen.
»Da wir von einem Todeskampf ausgehen, hat der Täter mit großer Wahrscheinlichkeit Spuren an Isolde Jennewein zurückgelassen. Also sorgen wir dafür, dass die Kleidung der Familie zur Untersuchung ins Labor kommt«, fuhr Forseti fort. »Das übernehmen Sie, Kollege Diez!«
Bernhard nickte.
»Sie fahren zu Dr. Wolbert in die Gerichtsmedizin. Ich will den abschließenden Bericht morgen früh auf meinem Schreibtisch haben«, wandte er sich an Anke und Erik.
Damit beendete er die Dienstbesprechung.
*
Dr. Wolbert begrüßte Anke und Erik in seiner Arbeitsmontur – grüner Kittel, grüne Haube und Mundschutz. Anke und Erik zogen sich ebenfalls die grüne Tracht über und folgten ihm in den Sektionsraum.
»Bisher kann ich Ihnen sagen, dass der Todeszeitpunkt, den ich am Tatort genannt habe, bestätigt wurde. Sie starb zwischen null und ein Uhr in den Morgenstunden. Ihre gesundheitliche Verfassung vor dem Tod war bestens, also wäre dort kein Motiv für Selbstmord zu finden.«
»Es sei denn, sie wollte nicht ewig leben«, bemerkte Erik.
»So habe ich das noch gar nicht gesehen. Das könnte man als Motiv betrachten«, stimmte der Gerichtsmediziner amüsiert zu. »Aber nun wieder ernsthaft: Sie hat Hämatome am Hals, die auf einen Würgegriff schließen lassen. Außerdem hat sie Blutergüsse an beiden Unterarmen, als habe sie jemand gegen ihren Willen festgehalten. Und der Oberkörper ist voller Prellungen, als habe sie jemand geschlagen. Diese Frau hatte einen heftigen Kampf vor ihrem Tod.«
Dabei zeigte er auf die angesprochenen Merkmale an der Leiche.
»Die Kleidung der Toten liegt schon im Labor. Dort wird alles nach Fremdfasern abgesucht. So, wie sie aussieht, müssen Fremdfasern zu finden sein.«
»Forseti will morgen früh den detaillierten Bericht«, verkündete Anke.
»Oje, oje! Der Perfektionist«, murrte Dr. Wolbert. »Ich arbeite schnell, wie immer. Ich habe nämlich keine Lust, eine Leiche länger als nötig auf dem Tisch liegen zu lassen. Das müsste Forseti inzwischen eigentlich wissen.«
»Wir wiederholen nur, was er gesagt hat.«
»Klar. Aber es war schon immer so, dass der Überbringer schlechter Nachrichten die Prügel bezieht.« Der Gerichtsmediziner grinste schelmisch.
Anke empfand dieses Grinsen so ansteckend, dass sie mitlachte. Es bereitete ihr Vergnügen, Dr. Wolbert zu sehen – auch wenn die Umstände nicht gerade einladend waren.
»Gibt es Anzeichen, dass Isolde Jennewein schon Selbstmordversuche unternommen hat?« Mit dieser Frage beendete Erik das Geplänkel zwischen den beiden.
»Nein, nichts dergleichen.«
»Geben die Blutergüsse einen Aufschluss, mit welchem Gegenstand sie geschlagen wurde?«
»Nein. Das können durchaus Fäuste gewesen sein.«
Anke hörte den beiden zu, während sie die Männer genau beobachtete. Erik war größer als Dr. Wolbert, seine Statur kräftiger, seine Gesichtszüge grober. Dr. Wolbert wirkte geschmeidig, elegant und jugendlich – schon fast jungenhaft, wären diese grauen Strähnen nicht.
»Können wir also sagen, der Täter ist männlich?«, hörte sie wieder Eriks dunkle Stimme.
»Dazu kann ich mich nicht äußern.«
»War Isolde Jennewein schon tot, als sie mit der Schlinge hochgezogen wurde?«
Anke horchte auf.
Dr. Wolbert schüttelte den Kopf und antwortete: »Nein. Sie starb an Genickbruch, was durch die Schlinge und den tiefen Fall verursacht worden sein kann.«
»Die Zweifel an der Selbstmordtheorie begründen sich nur darin, dass sie sich die Hämatome zu Lebzeiten zugezogen hat?«
»Richtig!«
»Also muss das Opfer schon leblos gewesen sein, als es für das Selbstmordszenario vorbereitet wurde. Sonst hätte es sich gewehrt.«
»Das müssen Sie herausfinden«, gab Dr. Wolbert zurück.
»Das bringt mich wieder auf meine Frage, ob der Täter männlich war«, ließ Erik nicht locker. »Oder hat eine Frau so viel Kraft, einen unbeweglichen Körper auf einen Deckenbalken hochzuziehen?«
»Mit Flaschenzug geht alles«, hielt Dr. Wolbert dagegen. »Der Strick war lang. Das restliche Stück, das neben der Leiche herabhing, haben die Kollegen der Spurensicherung mitgenommen, um es auf Hautreste zu untersuchen. Aber eines kann ich schon bestätigen: Der Fundort ist der Tatort, denn die Staubpartikel aus dem Speicher befinden sich auch in Mund, Nase, Ohren und Augen der Toten. Sie hat noch gelebt, als sie auf den Speicher gelangte.«
Mit diesen Informationen traten sie ihren Rückweg an.
*
Ankes Weg in den Feierabend führte über die Mainzerstraße immer geradeaus, bis die stark befahrene Straße in die Kaiserstraße überging. Sie parkte ihren Wagen wie jeden Abend vor ihrer Wohnung im Grumbachtalweg und spazierte über den Trampelpfad zurück zu Kullmanns Haus, wo sie ihre Tochter abholte. Als Lisa ihre Mutter sah, streckte sie ihr beide Arme entgegen und ließ einen scheinbar endlosen, unverständlichen Redeschwall los. Nur ein Wort war deutlich herauszuhören: »Mama!« Sie wollte schon so viel erzählen. Anke erkannte, wie glücklich das Mädchen war – das Einzige, was zählte. Lisas blonde kurze Haare standen lustig von ihrem Kopf ab. Ihre Pausbacken waren gerötet und ihre blauen Augen funkelten. Mit ihren Beinchen strampelte sie in dem Kinderwagen vor lauter Ungeduld, bis Anke sie endlich hochhob.
Mit Lisa auf dem Arm schlenderte sie über die Terrasse. Martha folgte ihr. Alles war still, die letzten Sonnenstrahlen fielen in den Garten, den Martha mit viel Sorgfalt angelegt hatte.
»Norbert hat etwas ganz Aufregendes für Lisa entdeckt«, berichtete Martha mit einem belustigten Grinsen. »Er ist losgefahren, um es sofort zu kaufen. Wenn er einen Einfall hat, duldet das keinen Aufschub.«
»Was ist es denn?«
»Eine Schaukel, die für alle Altersklassen geeignet ist.« Martha strahlte wie ein Honigkuchenpferd.
»Aber Lisa kann noch nicht einmal alleine sitzen. Wie soll sie schaukeln?« Anke wurde sofort ängstlich und drückte ihre Tochter noch fester an ihren Körper.
»Lass dich überraschen. Er tut nichts, was deinem Kind schaden könnte.«
Kapitel 4
»Ich bitte Sie, mich zum Haus der Familie Jennewein zu begleiten.«
So sollte ein Arbeitstag nicht beginnen. Anke warf Forseti einen erstaunten Blick zu.
»Wir haben das Ergebnis der Spurensicherung. Die Kollegen haben keinen Abschiedsbrief gefunden. Also gehen wir von Mord aus. Nach allem, was bisher an Spuren ausgewertet wurde, muss der Mörder im Kreis der Familie sein. Deshalb will ich mich selbst vor Ort umsehen und mit den Familienmitgliedern sprechen«, fügte er erklärend an.
Es war das erste Mal, dass Anke allein mit ihrem neuen Vorgesetzten zu einem Außentermin fuhr. Als Norbert Kullmann noch im Dienst war, gehörten solche Unternehmungen zur Routine. Kullmann hatte Anke auf fast all seine Ermittlungswege mitgenommen. Auf diese Weise hatte sie alles lernen können, was für ihre Arbeit wichtig war. Gern dachte sie an diese Zeit zurück.
Heute verband sie mit Kullmann nicht mehr ihre Arbeit, sondern ihr Privatleben. Schmunzelnd dachte sie darüber nach, wie sich ihr Leben verändert hatte. Seit Kullmann in Pension war und seinen Lebensabend zusammen mit seiner Frau Martha genoss, übernahm er für Anke die Rolle des Ersatzopas, der ihre Tochter betreute, während sie zur Arbeit ging. Ohne Kullmann und seine Frau wäre es für Anke nicht so einfach gewesen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Lisa brauchte viel Aufmerksamkeit, die sie an den Wochentagen von Kullmann und Martha bekam.
»Ich möchte, dass Sie mit Nadine Kruchten sprechen. Sie macht gerade viel durch. Ich traue Ihnen genügend Feingefühl zu, mit dieser Situation umzugehen.« Forsetis Anweisung, angereichert mit einem Lob, ließ Anke fast übersehen, dass sie bereits vor Jenneweins Haus standen. Ohne eine Reaktion zu zeigen, stieg sie aus.
Bevor sie dazu kamen zu klingeln, wurde die Tür schon geöffnet. Ein großer, junger Mann verließ das Haus, stürmte an den beiden Polizeibeamten vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
Anke eilte zur Tür, damit sie nicht ins Schloss fiel. Niemand war dem Flüchtenden gefolgt. Forseti und Anke traten ein. Aus dem Wohnzimmer drangen laute Stimmen, die sich nach Streit anhörten.
»Du lässt gefälligst die Finger von Tobias, ist das klar?«, hörten sie ganz deutlich.
Anke erkannte die Stimme: Es war Samantha. Nach dem, was sie gerade brüllte, war die Angeschrieene Nadine.
Gefolgt von Forseti näherte sie sich dem Treiben. Als sie ins Wohnzimmer schaute, erblickte sie Nadine auf der hohen Kante des Ledersessels und Samantha, die wie eine Furie vor ihr stand und schimpfte.
Samantha bemerkte die Polizeibeamten sofort.
»Was ist denn hier los?«, empörte sie sich. »Gehört jetzt Einbrechen zu Ihren Arbeitsmethoden?«
»Warum schließen Sie nicht Ihre Haustür?«, konterte Anke bissig, womit sie Samantha am Überlegen hinderte. Ihr Plan ging auf, denn statt sich zu beschweren, fragte Samantha: »Was wollen Sie hier? Isolde die Schlampe hat sich erhängt. Warum halten Sie sich daran so lange auf? Jetzt nervt diese Person sogar noch nach ihrem Tod.«
»Es besteht die Möglichkeit, dass Isolde Jennewein sich nicht freiwillig erhängt hat. Nun wollen wir wissen, wer nachgeholfen haben könnte.« Ankes Beherrschung hing an einem seidenen Faden.
Forseti ging an die kurze Seite des Wohnzimmers und schaute sich die Fotos an, die einen großen Teil der Wand schmückten.
»Und wer ist dieser Schnüffler?«, murrte Samantha weiter.
»Das ist Kriminalhauptkommissar Forseti«, stellte Anke ihren Vorgesetzten vor. »Ich würde den Begriff Schnüffler an Ihrer Stelle vermeiden.«
»Was ist es dann, was er hier tut?«
Forseti drehte sich um. Samanthas Hochnäsigkeit geriet ins Wanken, als ihre Blicke sich trafen. Auf keinen Fall konnten dieses Gesicht und dieser Anzug Philanthropie oder irgendeine andere Sorte guter Bekanntschaft bedeuten. Die Erkenntnis ließ sie verstummen.
Anke staunte über die Reaktion. Bisher war es keinem gelungen, Samantha in den Griff zu bekommen. Am kläglichsten war der eigene Vater gescheitert.
»Sie treiben Sport«, bemerkte Forseti mit einem Hinweis auf die Fotos an der Wand. »Ich sehe Sie hier bei Auszeichnungen im Reitsport.«
»Ja! Ich war gut.«
»War?«
»Ich reite schon lange nicht mehr. Warum?«
»Welchen Sport machen Sie heute?«
»Ich mache gelegentlich Kampfsport. Aber nur sporadisch – habe nicht immer die große Lust.«
»Was machen Sie beruflich?«, fragte Forseti weiter.
»Ich studiere an der Uni in Saarbrücken.«
»Welches Fach?«
»Sprachen.«
»Genauer bitte!«
»Englisch und Französisch.«
»Wie lange sind Sie dort schon immatrikuliert?«
»Ein Jahr.«
»Dann haben Sie sich aber spät zum Studium entschlossen«, stellte Forseti fest.
»Ja und! Ich bin nicht zu alt, um noch etwas zu begreifen.«
»Das sei dahingestellt«, bemerkte Forseti frostig.
Samantha schwieg.
»Wo waren Sie in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag zwischen null und zwei Uhr?«, stellte er die Frage, auf die Anke schon gewartet hatte.
»Das habe ich Ihren Mainzelmännchen schon gesagt.«
»Beamtenbeleidigung«, bemerkte Forseti. An Anke gerichtet fügte er an: »Das nehmen wir mit ins Protokoll auf.«
»Scheiße, Mann!«
»Das natürlich auch.«
»So war das nicht gemeint.« Samantha wurde kleinlaut.
»Ich hatte nicht den Eindruck, dass Sie es anders meinten, als Sie es gesagt haben. Ich stelle hier klare Fragen, darauf kann man klare Antworten erwarten.« Forseti blieb beharrlich.
»Gut. Also wiederhole ich meine Antwort: Ich war mit Berthold Bracke zusammen.«
»Das haben wir überprüft.«
»Warum fragen Sie dann noch?«
»Weil Herr Bracke ausgesagt hat, dass Sie ihn um elf Uhr am Mittwochabend verlassen haben.«
Plötzlich herrschte Stille.
Samantha spürte deutlich, was die Aussage ihres männlichen Begleiters zu bedeuten hatte.
»Ich warte«, warf Forseti in die Stille ein.
»Ich bin anschließend nach Hause gefahren«, antwortete Samantha.
»Dann müssten Sie zur Tatzeit zu Hause gewesen sein.«
»Nein, war ich nicht.«
»Das müssen Sie mir genauer erklären.«
»Was soll ich da erklären?« Samantha wurde nervös.
»Wie es möglich ist, dass Sie um elf Uhr Ihren Bekannten verlassen haben und um zwölf Uhr immer noch nicht zu Hause angekommen sind. Wir wissen, wo der Herr wohnt, den Sie besucht haben.«
»Ich habe nicht auf die Uhr gesehen.«
»Das ist keine Antwort.«
»Okay! Ich glaube, es war zwischen ein und zwei Uhr.«
»Was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht?« Forsetis Tonfall wurde ungeduldig.
»Ich war noch in einer Kneipe. Als ich dort keine Bekannten antraf, habe ich den Laden wieder verlassen.«
»Dann wird sich ja dort jemand an Sie erinnern. Sagen Sie uns den Namen des Lokals!«
»Ich weiß nicht, ob sich jemand an mich erinnern kann. Dort ist es immer voll.«
»Das werden wir überprüfen. Wenn sich niemand an Sie erinnert, sieht es schlecht für Sie aus.«
»Scheiße! Das kapier ich auch. Aber ich habe der Schlampe nichts angetan«, wurde Samantha immer nervöser. »Warum auch?«
»Die Schlampe will ich nicht hören, dafür den Namen der Kneipe.« Forseti ließ nicht locker.
»Irish Pub.«
»Na also! Geht doch.« Forseti deutete ein Nicken an. »Wie standen Sie zu Ihrer Stiefmutter?«
»Das war nicht meine Stiefmutter, das war die Frau meines Vaters«, stellte Samantha trotzig klar.
»Da haben wir schon das erste Motiv«, konterte Forseti.
Samantha starrte ihn mit offenem Mund an.
Schritte ertönten aus dem Flur. Einen Moment später betrat Dr. Jennewein das Wohnzimmer. Er begrüßte die Polizeibeamten ohne das geringste Anzeichen von Verwunderung oder Groll.
»Haben Sie schon etwas herausgefunden?«, fragte er.
»Nein, wir ermitteln noch«, antwortete Forseti.
Für eine Weile blieben alle ganz still in dem großen Zimmer. Durch das Eintreten des Familienvaters war die Unterhaltung abgebrochen. Anke beobachtete, dass sich die Mitglieder dieser Familie nicht anschauen konnten. Jeder bemühte sich, dem Blick des anderen auszuweichen. Unter diesen Bedingungen mit Nadine zu sprechen, kam Anke sinnlos vor.
Also richtete sie sich mit einem Vorschlag an das Mädchen: »Ich möchte mich gern mit dir unterhalten. Können wir so lange in dein Zimmer gehen?«
Nadine schaute Anke überrascht an, reagierte aber sofort. Sie ging Anke voraus in das obere Stockwerk. Das Zimmer, in das sie die Polizeibeamtin führte, war groß und zeigte in die gleiche Richtung wie das Wohnzimmer – zum Garten.
Anke trat ein und schloss die Tür hinter sich.
Was nun kam, überraschte sie.
Nadine rannte auf die geschlossene Tür zu, riss sie hastig auf und schnappte gierig nach Luft, als hätte sie ihr jemand abgeschnürt.
»Was ist los?«, fragte Anke erschrocken.
Nadine brauchte eine Weile, bis sie wieder normal atmen konnte. Erst dann sagte sie: »Keine Türen schließen. Bitte!«
»Ja sicher. Hast du Platzangst?«
Nadine zuckte nur mit den Schultern.
Anke wartete, bis Nadine sich beruhigt hatte, bevor sie mit ihren Fragen begann: »Wir wissen, dass deine Mutter zweimal verheiratet war. Der erste Ehemann hieß Walter Kruchten. Wie war er zu dir?«
Nadine überlegte eine Weile, bis sie meinte: »Er war okay.«
Anke staunte über diese Antwort.
»Gab es niemals Streit?«
»Nicht, dass ich wüsste.«
»Hat er dich geschlagen?«
»Nein! Wie kommen Sie darauf?« Nadine schaute Anke entsetzt an.
Diese Antwort deckte sich nicht mit den Aussagen von Nadines Mutter, als sie wegen Totschlags vor Gericht gestanden hatte.
»Wie ist Dr. Jennewein zu dir?«
Nun musste Nadine sogar lächeln: »Er ist ein ganz lieber Mensch. Immer versucht er, es uns allen recht zu machen.«
»Aber es gelingt ihm nicht, oder?«
»Nein.«
»Warum?«, hakte Anke nach. »Hat es mit Samantha zu tun?«
»Natürlich! Mit wem sonst?«
»Ich wüsste es gern genauer. Wie ist dein Verhältnis zu Samantha?«
Nadine antwortete prompt: »Da ist keins.«
»Ihr seid doch Stiefschwestern.«
»Wir sind Feindinnen. Samantha ist schlecht, durch und durch schlecht«, kam es im Brustton der Überzeugung. »Sie tut alles, um uns zu vernichten. Alles!«
»Hat sie denn schon einmal etwas Schlimmes getan?«
»Sie tut immer nur schlimme Dinge.«
Anke stutzte. Nadines Verhalten brachte sie aus dem Konzept. Die Fragen, die sie vorbereitet hatte, wollten nicht mehr über ihre Lippen kommen. Unwillkürlich kam ihr der Gedanke, dass Nadine sich nicht wie eine Siebzehnjährige benahm. Alles an ihr wirkte kindlich, unreif. Sie beobachtete Nadine eine Weile, wie sie an ihren dünnen Haaren spielte, sich imaginäre Stäubchen von ihrer dunklen Bluse zupfte, sich damit beschäftigte, das Kleidungsstück glatt zu streichen, indem sie es fest herunterzog und wieder losließ.
Nach einer Weile unterbrach Anke die Stille: »Gestern hast du mir erzählt, dass du dich nicht mehr so genau daran erinnerst, wie das war, als deine Mutter und Arthur geheiratet haben. Kann es sein, dass du nicht mit mir darüber reden wolltest, weil Samantha in unserer Nähe war?«
Nadine schaute Anke an, antwortete aber nicht. Stattdessen wirkte ihr Blick verklärt, als befände sie sich nicht in diesem Zimmer. Sie drehte sich langsam auf das Fenster zu. Anke beobachtete Nadine, die eine Weile hinaus schaute, bevor sie sich wieder an Ankes Anwesenheit erinnerte: »Da ist ein schwarzes Loch.«
»Was heißt das?«
»Ich erinnere mich an nichts.«
Anke spürte, dass Nadine sie mehr verwirrte als Klarheit in den Fall brachte.
»Bin ich jetzt verrückt?«, fragte Nadine verunsichert. »Ich kann nichts sagen, nichts hören, nichts sehen.«
»Gar nichts?«
»Dunkelheit.«
Anke fröstelte bei diesen Worten. Was war nur mit der jungen Frau geschehen? Diese Antworten bedeuteten mehr, als sie selbst heraushören konnte. Aber um sie zu analysieren, brauchte Anke kompetente Hilfe.
»Du sagtest gestern, dass du in der Nacht, als deine Mutter starb, von einem lauten Geräusch geweckt wurdest«, wechselte sie das Thema, weil sie befürchtete, von Nadines dunkler Aura mitgerissen zu werden. »Um welche Uhrzeit war das ungefähr?«
»Ich habe auf die Uhr gesehen«, sprach sie mehr zu sich selbst als zu Anke. Sie setzte sich auf das Bett, schlang die Arme um die Knie und schaukelte wie in Trance. »Es war Mitternacht. Wahrscheinlich habe ich den verzweifelten Kampf meiner Mutter um Leben und Tod gehört, hätte helfen können, habe es aber nicht getan.«
»Du weißt nicht, ob du wirklich hättest helfen können. Wer weiß, gegen wen sie kämpfen musste. Isolde Jennewein hat den Kampf verloren, also hatte sie einen starken Gegner.«
»Warum habe ich nicht reagiert?«, fragte Nadine weiter, als hätte sie Ankes Worte nicht gehört.
Anke kehrte zu Forseti zurück, der im Wohnzimmer mit Dr. Jennewein sprach. Er beendete das Gespräch, verabschiedete sich und verließ mit Anke das Haus.
»Was ist bei Ihnen herausgekommen?«, fragte er, als sie im Auto saßen.
»Nur, dass die Tragödie dieser Familie nicht erst mit dem Tod von Isolde Jennewein begonnen hat«, bemerkte Anke, immer noch ergriffen von der Unterhaltung mit Nadine.
»Wie soll ich das verstehen?«
»Nadine benimmt sich äußerst merkwürdig. Sie strahlt etwas Unheimliches aus. Sie weicht meinen Fragen aus, redet von einem schwarzen Loch ihrer Erinnerungen. Nur eines macht sie unmissverständlich klar: Sie hat Angst vor Samantha.«
»Das ist nachvollziehbar. Sogar der Vater hat Angst vor seiner Tochter«, bestätigte Forseti. »Wir werden die junge Frau im Auge behalten.«
Er fuhr in einem zügigen Tempo über die Autobahn, während er weitersprach: »In dieser Familie gibt es etwas, das alle verheimlichen. Etwas, das auszusprechen sich entweder niemand wagt oder jeder bewusst verschweigt, weil es zu belastend ist.«
»Das habe ich auch erkannt«, bemerkte Anke. »Sie wagen nicht einmal, sich in die Augen zu schauen.«
»Ich habe die Familie für morgen früh vorgeladen. Dann werden wir jeden einzeln vernehmen. Wir müssen die Wahrheit aus diesen Menschen herausbekommen. Ich spüre deutlich, dass es in der Familie etwas gibt, das der Auslöser für Isolde Jenneweins Tod sein könnte.«
Kapitel 5
»Es gibt eine weitere Leiche«, lautete Eriks Begrüßung am frühen Morgen.
»Das hört sich nach Stress an«, stellte Anke fest.
»Ein Förster hat vor einer Stunde eine Frauenleiche auf dem Litermont – ein bewaldeter Berg bei Nalbach – gefunden. Sie lag so versteckt, dass er sie erst fand, als er ganz dicht an ihr vorbeiging.«
»Nalbach?«, hakte Anke nach. »Das liegt direkt angrenzend an Diefflen.«
»Keine Ahnung.« Erik zuckte die Schultern.
»Wer übernimmt den Fall?«
»Das wird uns Forseti sicherlich gleich sagen, denn wir sollen zu ihm ins Büro kommen.«
Im Gänsemarsch trotteten sie zu ihrem Chef, der sie bereits mit ungeduldiger Miene erwartete.
»Anke, Sie fahren zusammen mit Erik zum Leichenfundort. Der Gerichtsmediziner ist schon dort und erwartet Sie«, begann Forseti, die Aufgaben zu verteilen.
»Geht klar.«
»Wichtig ist es, herauszufinden, wer diese Frau ist, ihre Lebensumstände, Bekannte, Freunde, Feinde und so weiter.«
»Gibt es Hinweise auf ein Tötungsdelikt?«, fragte Anke.
»Laut Gerichtsmediziner gibt es viele Spuren von Hämatomen auf der Leiche. Die Stelle, an der sie gefunden wurde, liegt direkt unterhalb des Litermont-Kreuzes, das sich auf einer Aussichtsplattform hoch über den Bäumen befindet.« Anke erinnerte sich, aus dem Wohnzimmerfenster der Familie Jennewein einen leuchtend weißen Punkt inmitten von Bäumen auf dem Hügel erkannt zu haben. »Ein Sturz von dieser Stelle könnte die Spuren an der Leiche erklären.«
»Schon wieder Verdacht auf Selbstmord?«, fragte Erik staunend.
»Dem müssen Sie nachgehen«, bemerkte Forseti. »Am besten, indem Sie hinfahren!«
»Schon verstanden«, salutierte Erik, als sei er immer noch bei der Bundeswehr.
»Im Fall Jennewein ist die Familie für heute Morgen vorgeladen. Sie haben mit den Befragungen begonnen und werden sie auch fortsetzen«, wandte sich Forseti an die übrigen Kollegen.
Jürgen nickte. Bernhard saß still im Hintergrund. Als er keinerlei Reaktion auf die Anweisung seines Vorgesetzten zeigte, warf Forseti ihm mit hochgezogener Augenbraue einen Blick zu, worauf Bernhard meldete: »Befragungen fortsetzen. Alles klar. Habe verstanden.«
Anke und Erik verließen eilig das Büro. Auf die Spannungen zwischen Bernhard Diez und Forseti konnten sie verzichten.
Wieder fuhren sie über die Autobahn A 620, ließen Dillingen-Diefflen hinter sich und bogen vor dem kleinen Ort Düppenweiler in einen Waldweg ein, dessen Wegweiser auf einen »Grauen Stein« hinwies.
»Sind wir richtig?«, fragte Anke.
»Die Kollegen haben mir den Weg so beschrieben. Ich hoffe, die kennen sich hier besser aus als wir.«
Ein asphaltierter Weg schlängelte sich durch einen dichten Laubwald, der im jungen Grün des beginnenden Frühlings stand. Die Äste waren übersät mit einer weißen, auffälligen Blütenpracht.
»Die Natur ist im Frühling am schönsten«, schwärmte Anke, die den Anblick der blühenden Bäume genoss. »Man müsste sich besser auskennen und wissen, vor welchem Baum man gerade steht.«
»Ich bin der falsche Ansprechpartner. Da, wo ich herkomme, sprießen im Frühling die Baustellen, im Sommer die Verbrechen, weil die Hitze die Gemüter erregt, im Herbst die Verhaftungen, weil viele ein Obdach für die kalte Jahreszeit brauchen, und im Winter die Einbrüche und Hausbesetzungen.«
»Ich weiß: das Chicago Deutschlands«, bemerkte Anke.
»Das hast du dir gut gemerkt.«
»So etwas kann ich nicht vergessen. Ich glaube, da wäre ich auch geflohen.«
Auf einem Parkplatz am »Grauen Stein« sammelten sich viele Polizeifahrzeuge. Neben dem als »Steakhouse« ausgeschilderten Lokal stand ein orangefarbener Flachbau mit dem Hinweis »Margrets Bauernstube«. Hinter der Stube wies ein großes Schild auf das Wohngebiet Litermont hin, aber nichts war dort zu sehen, was den Hinweis bestätigt hätte. Vereinzelt befanden sich dort kleine Häuser, die so dicht aneinander gebaut waren, dass kein Platz mehr für einen Garten übrig blieb. Baufahrzeuge standen auf freien Flächen, die als Bauplatz vorgesehen waren.
Dort parkten sie ihr Auto und stiegen aus.
»Was ist das hier?«, fragte Anke und schaute sich um.
»Das sind die Überreste eines Campingplatzes«, sprach ein Gast der Bauernstube die beiden Polizeibeamten an. Er saß auf der Terrasse vor dem Lokal und trank ein Bier. Unter den großen Sonnenschirmen hatten Anke und Erik den Mann nicht bemerkt.
»Ein Campingplatz in einer Gegend wie dieser«, staunte Erik. »Wer macht denn hier freiwillig Urlaub?«
»Sie glauben nicht, was hier im Sommer los ist.«
Anke und Erik ließen sich den Weg zum Fundort der Leiche von einem Kollegen der Schutzpolizei zeigen. Ein steiler Anstieg führte zum Litermont-Kreuz. Auf dem Waldweg schloss das Team der Spurensicherung gerade seine Arbeit ab. Theo Barthels trat auf Anke und Erik zu, begrüßte die beiden und meinte erschöpft: »Wir sind fertig – mit den Nerven und mit der Spurensicherung. Leider kein Ergebnis.«
»Die Leiche selbst wird uns vielleicht mehr erzählen«, überlegte Erik.
Theo nickte: »So, wie die aussieht, bestimmt.«
Anke schluckte.
Sie setzten ihren Weg fort.
Das Waldgebiet war groß und durchzogen mit Trampelpfaden. Anke entdeckte Hufspuren. Das erinnerte sie an ihre eigenen Erlebnisse zu Pferde. Es waren schöne Erinnerungen. Verträumt schaute sie einen kleinen Weg entlang, der in die Tiefe des Waldes führte. Sie konnte sich gut vorstellen, dass es ein Abenteuer war, hier zu reiten. Die Umgebung des Litermonts sah einladend aus.
»Kommst du mit oder willst du hier weiterträumen?« Mit dieser Frage riss Erik sie aus ihren Gedanken.
Ein zur Hälfte fertig gestellter Turm zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Schild wies darauf hin, dass es sich um eine originalgetreue Nachbildung eines Telegraphen aus der Zeit Napoleons handelte. Gegenüber sahen sie rustikale Holzbänke und Tische unter dem Baldachin der Bäume, die in voller Blüte standen. Nach abgeschlossener Arbeit saßen dort die Kollegen der Spurensicherung zusammen mit dem Gerichtsmediziner, der auf den Entomologen wartete.
Es war ein schönes Fleckchen Erde. Von diesem Platz aus reichte die Sicht über Nalbach, Diefflen und Dillingen mit seinen qualmenden Schornsteinen der Dillinger Hütte bis zur Ensdorfer Grube mit ihrer schwarzen Bergehalde. Die malerische Kulisse zog Anke in ihren Bann.
Ein Geflecht aus Weiden zierte die andere Seite des Aussichtspunktes. Auf Ankes staunenden Blick erklärte Theo: »Ein Weidendom! Seine Attraktion begründet sich darin, das größte lebende Bauwerk im Saarland zu sein. Er besteht aus mehr als vierhundert Weiden und dreihundert Birkenstämmen.«
Dr. Wolbert erhob sich, um sie zur Fundstelle der Leiche zu führen. Doch Anke blieb bewundernd vor der Kuppelkonstruktion stehen. Sie maß einen Durchmesser von zehn Metern. Im Innern gab sie den Blick zum Himmel frei.
»Wunderschön«, schwärmte Anke.
»Das hat jetzt aber nichts mit unserem Fall zu tun«, drängte Dr. Wolbert.
Das wusste Anke auch. Aber die Vorstellung, ihren Blick auf eine von Maden angefressene Leiche zu richten, behagte ihr nicht. Die Ablenkung, die Theo Barthels ihr durch seine Baumkunde anbot, dafür umso mehr.
Ihr Blick fiel auf das Kreuz, das umgeben von einer Balustrade auf einer Aussichtsplattform stand. Es war ein schmiedeeisernes Kreuz auf einem weißen Betonsockel. Anke war sich sicher, dieses Monument vom Wohnzimmerfenster des Hauses der Familie Jennewein gesehen zu haben.
»Direkt hinter dem Kreuz steht eine Rotbuche.« Theo wies auf jeden Baum, den er benannte. »Die Buche ist der verbreitetste Baum in unserer Gegend. Der Nadelbaum zu deiner Rechten ist übrigens eine Zypresse – für Pferde hochgiftig.«
»Gut zu wissen.«
»Und dort«, Theo zeigte auf einen Baum, dessen Blätter sich wie grüne Sterne entfalteten, »ein Ahornbaum.«
»Du kennst dich gut aus. Ich könnte in Sachen Botanik besser informiert sein. Wie will ich später meiner Tochter beibringen, welche Bäume in unseren Wäldern stehen?«
»Frag mich, ich helfe dir und deiner Tochter immer gern«, bot Theo sich sofort an.
»Ein angenehmer Duft herrscht hier.« Anke zog die Luft tief ein.
»Das sind die Blüten der Ulmen. Ein Allergiker fände hier den sicheren Tod durch Ersticken«, erinnerte Dr. Wolbert an seine Anwesenheit.
Anke sah ein, dass ihre Ablenkung irgendwann zu Ende sein musste. Also folgte sie dem Gerichtsmediziner zum Leichenfundort. Der Weg führte steil bergab, war schlecht zu begehen. Anke musste aufpassen, nicht zu stolpern.
»Gibt es keinen anderen Weg?«, fragte Erik, der ebenfalls Mühe hatte, über die vielen Wurzeln und heimtückischen Dornenranken zu kraxeln, die sich über den Boden schlängelten.
»Doch! Aber der ist viel zu weit. Ich bevorzuge den direkten Weg«, erklärte Dr. Wolbert.
Vor einem Baum, dessen Stamm aus vielen kleineren Stämmen zusammengewachsen war, die sich fächerförmig ausbreiteten, sodass sie einen perfekten Sichtschutz bildeten, blieb Dr. Wolbert stehen.
»Unter dieser Buche liegt sie.«
Außer dem Baumstamm konnte Anke nichts sehen.
Es waren die summenden Fliegen, die an den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit in diesem unwegsamen Gelände erinnerten.
»Das ist eine Hainbuche«, präzisierte Theo.
»Von mir aus«, murrte Dr. Wolbert. »Ich bin nicht wegen der Vegetation hier.«
»Eine Hainbuche erkennt man am drehwüchsigen Stamm. Hier windet er sich wie ein schützendes Dach über die Fundstelle.«
Anke versuchte, ihre Aufmerksamkeit dem Baum zu widmen, nachdem sie Theos Hinweise gehört hatte. Aber die Vielzahl der Fliegen machte ihr jede Ablenkung unmöglich. Also schaute sie auf die tote Frau.
Rasch wandte sie sich ab, fixierte diesmal das Kreuz. Sie überlegte, ob es möglich war, bei einem Sturz von der Aussichtsplattform am Fundort zu landen. Der Felsen, auf dem sich das Kreuz befand, war hoch und steil und umgeben von Hecken und Sträuchern.
»Hier ist die Leiche«, erinnerte Dr. Wolbert.
»Ja«, murrte Anke. »Wie lange ist sie schon tot?«
»Das ist das Problem. Ich kann keinen genauen Todeszeitpunkt ermitteln. Sie liegt schon zu lange hier.«
»Wie kann eine Leiche lange unbemerkt an einem Ort liegen, wo viele Spaziergänger vorbeikommen?«
»Diese Stelle ist vom Kreuz aus nicht zu erkennen. Und vom Premium-Wanderweg aus auch nicht. Der Pfad führt hinter der verformten Buche entlang«, erklärte Theo. »Von dort aus kann man nicht auf die Fundstelle sehen, weil der Baumstamm Blicke von außen verwehrt.«
»Aber die Fliegen müssen doch auffallen.«
»Deshalb warten wir hier auf einen Kollegen der forensischen Entomologie«, mischte sich der Gerichtsmediziner ein. »Er kann uns sagen, wie lange die Frau schon tot ist und seit wann die Fliegen so stark um die Leiche herumschwirren. Die ersten Erkenntnisse kann ich euch schon vortragen.«
»Okay, schieß los.«
»Wir haben Papiere bei der Toten gefunden«, begann er und überreichte ihnen einen Personalausweis in einer Schutzfolie.
Anke las den Namen Roswitha Loew. Sie war zweiundvierzig Jahre alt und wohnhaft in Saarbrücken, Moltkestraße. Zwischen ihrem Wohnort und ihrem Fundort lag eine große Entfernung.
»Also nach dem Äußeren zu urteilen ist sie gestürzt. Dabei hat sie sich eine schwere Schädelverletzung zugezogen, was die Todesursache sein könnte. Genaueres erst nach der Autopsie. Die Hämatome an ihrem Körper können durchaus von dem Sturz kommen. Vermutlich ist sie auf mehrere Felsen aufgeschlagen, bevor sie hier unten zum Liegen kam.«
Erst jetzt schaute Anke genau auf die Tote. Der Anblick kostete sie viel Mühe. Lange, schwarze Haare hatten sich wie ein Kranz um ihren Kopf gelegt. Sie lag mit dem Gesicht nach oben. Es war übersät mit Kratzern, Hämatomen und Schmutz. Der Mund stand halb offen, die Augen waren geschlossen, als schliefe sie. Ihre Arme waren unnatürlich verdreht, ihre Beine leicht angewinkelt. Sie war vollständig bekleidet mit einer dicken, schwarzen Jacke, Jeanshose und Wanderschuhen. Die Kleidung wirkte unversehrt.
Mit Mühe betrachtete sie sich den Madenbefall der Leiche genauer und erkannte kleine Würmchen zwischen den Augenlidern, in den Ohrmuscheln, in der Nase und im Mund.
Einige Kollegen maßen die Bodentemperatur und die Außentemperatur und schrieben alles akribisch auf.
»Inzwischen haben wir in der näheren Umgebung der Leiche achtzehn Grad über Null«, berichtete Dr. Wolbert, als er einen Blick auf die Notizen warf.
»Inzwischen?«
»Ja. Beim Eintreffen herrschten hier Temperaturen von zehn Grad.«
»Das bedeutet?«
»Dass bei niedrigen Temperaturen die Entwicklung der Maden stagniert. Sie entwickeln sich nur bei einer bestimmten Mindesttemperatur weiter. Wie hoch diese Temperatur sein muss, weiß der Entomologe.«
Kaum hatte er ausgesprochen, stolperte ein großer, schlaksiger Mann den Hang herunter. Seine roten Haare leuchteten in der Sonne, seine grünen Augen blitzten neugierig. Er hatte eine auffallende Hakennase, auf der er eine Brille balancierte. Er trug einen Schutzanzug und schleppte technische Geräte. Ihm folgten einige Männer, die ebenfalls mit schwerem Gepäck ausgerüstet waren. Als er direkt vor Anke und Erik stand, stellte er sich als Dr. Ralf Wedick vor. Er erklärte, dass er nun mit der Asservierung der Insekten beginne, anschließend wolle er die Leiche in den Kühlraum der Gerichtsmedizin überführen. Dabei schob er mehrere Male seine Brille in die richtige Position zurück. Allerdings ohne Erfolg, denn sie rutschte jedes Mal wieder herunter.
Anke und Erik kletterten den Hang hinauf, weil es für sie nichts mehr am Fundort zu tun gab. Außerdem war Anke froh, diesen Ort verlassen zu können. Menschen tot aufzufinden, hinterließ in ihr immer gemischte Gefühle – obwohl ihre Arbeit erst anfing, wenn das Leben für jemanden vorbei war.
An der Aussichtsplattform am Litermont-Kreuz wartete ein Mann mit weißen, lockigen Haaren auf sie. Er war ganz in Grün gekleidet, was Anke sofort ahnen ließ, dass er der Förster war, der die Leiche gefunden hatte. Seine beiden Hände hatte er über seinem dicken Bauch gefaltet. Sein Gesicht war rundlich, wie seine ganze Statur, seine Gesichtsfarbe rot. Ein weiß gekräuselter Bart zierte seine pausbackigen Wangen, die ihm ein lustiges Aussehen verliehen.
Er lächelte die beiden Polizeibeamten an. Dabei strahlte er eine beneidenswerte Ruhe aus.
Auf Ankes fragenden Blick erklärte er: »Ich bin Georg Morgett. Ich habe die Leiche gefunden.«
»Wann haben Sie sie gefunden?«
»Um acht Uhr bin ich meine Runde gegangen. Da habe ich sie entdeckt.«, erklärte der Förster in aller Ruhe.
»In welchen Abständen kontrollieren Sie diese Gegend?«, fragte Anke weiter, in der Hoffnung, so einen Hinweis auf die ungefähre Liegezeit der Toten zu bekommen.
»Jeden zweiten Tag. Sie müssen wissen, dass sich auf dem Litermont ein Wilderer herumtreibt. Deshalb muss ich immer alles kontrollieren.«
»Das heißt, dass Sie vorgestern, also am ersten April, auch hier waren?«
Der Förster überlegte eine Weile, bis er den Kopf schüttelte: »Nein. Am Donnerstagmorgen war ich ausnahmsweise nicht hier.«
»Warum ausgerechnet nicht am Donnerstag?«
»Ich war beim Arzt. Ich muss mich regelmäßig untersuchen lassen, weil meine Harnsäurewerte erhöht sind«, erklärte er so ruhig, dass Anke keinen Zweifel an seinen Worten hatte. »Meine Gicht macht mir zu schaffen.«
Anke ließ sich den Namen des Arztes angeben und nahm außerdem die Personalien des Försters auf, bevor sie sich von ihm verabschiedete. Zu ihrem Erstaunen entfernte sich Georg Morgett nicht wie erwartet. Stattdessen blieb er stehen und beobachtete die Polizisten bei ihrer Arbeit.
»Sie können gehen«, erklärte Anke.
Morgett meinte grinsend: »Ich schaue gern zu. So etwas bekommt man nicht jeden Tag zu sehen.«
Erik ging auf das Kreuz zu. Anke folgte ihm. »Im Kreuz ist Heil« lasen sie unterhalb des Monuments. Anke ging um den Betonsockel herum und entdeckte auf der Seite eine weitere Inschrift: »Erinnerung an Margaretha von Lidermont«.
»Das ist ja interessant«, stellte sie fest. »Dieses Kreuz ist eine Gedenkstätte. Margaretha von Lidermont muss eine wichtige Frau gewesen sein.«
»Vielleicht ist sie die Namensgeberin dieser Gegend«, überlegte Erik.
Er stellte sich an die Brüstung und genoss die Aussicht. »Von einem derart schönen Ort möchte ich auch gern der Namensgeber sein.«
Sein Blick glitt über Felder, Wälder und Hügel.
Georg Morgett stellte sich neben ihn und erklärte, dass er dort über Nalbach und Diefflen blickte. Rechts beschrieb er die bewaldete Höhe des Saargaus. Deutlich zeichnete sich der Hügel von Rehlingen-Siersburg ab. Direkt daneben erstreckte sich der Limberg, eine Erhebung, die nachhaltig das Landschaftsbild prägte. Er schwenkte seinen Arm weiter und zeigte, wo die Völklinger Hütte lag. Weiter links zeichnete sich der Hoxberg ab, dahinter reichte die Sicht bis Riegelsberg.
Das Saarland erstreckte sich fächerförmig in sanften, grünen Hügeln und Tälern. Friedlich sah es von dort oben aus. Die Luft war warm und angereichert mit Blütenduft. Die Atmosphäre brachte Ruhe in ihn. In seiner Heimat hatte er sich nie die Zeit gegönnt, einmal ins Grüne zu fahren und auszuspannen. Wie gut ihm dieser Kontrast zu seiner Arbeit und zum hektischen Leben in der Stadt tat, spürte er jetzt.
»Margaretha von Lidermont ist in der Tat die Namensgeberin des Kreuzes. Sie war eine Gräfin«, erklärte Georg Morgett weiter. »Eine Legende um ihren Sohn Ritter Maldix beherrscht die Gegend des Litermonts. Man sagt, dass Ritter Maldix am Karfreitag unerlaubterweise auf die Jagd nach einem weißen Hirsch geritten sei. Dabei stürzte er mit seinem Ross an dieser Stelle in die Tiefe.«
Er zeigte auf den Abgrund direkt an der Aussichtsplattform. Steil und bedrohlich lagen die Felsen unterhalb des Kreuzes.
»Welche Ironie«, schüttelte Anke den Kopf. »Und heute ist wieder ein Mensch an dieser Stelle zu Tode gekommen.«
»Diese Gegend ist sagenumwoben. Im vierzehnten Jahrhundert stand hier einmal eine Burg, die durch kriegerische Auseinandersetzungen zwischen dem Herzog von Lothringen und dem Trierer Erzbischof zerstört worden war. Ein unterirdischer Gang führte angeblich vom Litermont unter der Saar hindurch zum Limberg, und von dort weiter zur Siersburg. Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte.«
»Das hört sich interessant an, aber in unserem Fall hilft es nicht weiter«, unterbrach Erik.
Anke stieß ihn unsanft an, aber Erik entgegnete: »Ich muss hier und jetzt ermitteln, nicht im vierzehnten Jahrhundert.«
Dem konnte Anke nicht widersprechen.
Gemeinsam traten sie auf das Ende der Plattform zu und überprüften, ob von diesem Standpunkt aus der Baum, unter dem die Leiche lag, zu erkennen war. Das war er nicht.
Anke stieg über das schützende Geländer auf den Felsen und blickte hinab. Erst jetzt hatte sie freie Sicht bis zu der Fundstelle. Direkt vor ihr klafften große, graue Felsen auseinander. Ein Sturz von dieser Stelle könnte durchaus in der Nähe der Buche, unter der die Leiche lag, enden. Es bestand allerdings auch die Gefahr, zwischen den Felsen stecken zu bleiben. Wer sich hier in die Tiefe stürzte, musste äußerst verzweifelt sein.
»Anke, tu es nicht!«, rief Erik, als er sah, wo sie sich befand. »Es hat hier schon genug Tote gegeben.«
»Keine Sorge, ich habe nur ermittelt. Aber du solltest nicht alles ins Lächerliche ziehen.«
Sie verließen die Plattform.
Förster Morgett war an den Platz zurückgekehrt, von dem aus er das Treiben der Polizisten weiter beobachtete.
Anke und Erik setzten sich zu den Kollegen der Spurensicherung auf die Holzbank. Der süße Duft der weißen Blüten stieg Anke in die Nase. Hier lässt es sich aushalten, dachte sie. Der Abstand zur Leiche war groß genug. Die Natur machte ihr die unangenehme Arbeit leichter. Von dort konnten sie die Arbeit des Entomologen genau überblicken. Es war aufwändig, in diesem unwegsamen Gelände alle Sicherheitsmaßnahmen zu treffen, damit die Maden nicht zerstört wurden. Hektisch bewegte sich der knochendünne Mann. Mit Händen und Füßen wies er seine Mitarbeiter in ihre Arbeit ein. Ständig schüttelte er den Kopf, fasste sich mit einer Hand an die Stirn, als sei er keineswegs zufrieden. Hinzu kam noch seine Brille, die ihm ständig von der Nase rutschte.
Theo kam den Berg hinaufgeklettert. Entnervt schüttelte er den Kopf und meinte: »Mit dem Mann ist nicht zu arbeiten.«
»Warum?«
»Weil er keine Ruhe geben kann.«
»Das sieht man. Was ist mit ihm los?«, fragte Erik.
»Er ist hyperaktiv«, erklärte Theo. »Seine Mutter war auch schon hyperaktiv.«
»Und so etwas überträgt sich?« Erik schmunzelte, weil er Theos Worte nicht ernst nahm.
»So, wie ich das sehe, ja. Seine Mutter hatte den wichtigsten Termin ihres Lebens verpasst, als sie mit ihm schwanger war – ihren Hochzeitstermin. Sie war in Amerika auf einer Schulung und kam zu spät zurück. Ihr Bräutigam hat kurze Zeit später eine Frau geheiratet, die ihre Termine besser im Griff hatte.«
»Das ist jetzt ein Witz«, begann Erik zu zweifeln.
»Nein, das ist wirklich so geschehen. Wer weiß, vermutlich hat sich diese Erfahrung auf den Sohn übertragen. So, wie sich Ralf manchmal aufführt, bekomme ich den Eindruck, dass er in ständiger Angst lebt, einen wichtigen Termin zu verpassen.«
»Das heißt, dass Sie nicht nur den Entomologen, sondern auch seine Mutter kennen?«
»Genau das. Seine Mutter und meine Frau suchen denselben Frisörsalon auf.«
»Im Saarland kennt wirklich jeder jeden«, staunte Erik. »Ich habe diese Aussage bisher nicht ernst genommen, weil ich dachte, es sei die blanke Übertreibung. Aber jetzt werde ich eines Besseren belehrt.«
Sie richteten ihre Aufmerksamkeit auf den Entomologen und sein Team. Deren Arbeit war beendet. Mit unbeholfenen Schritten stolperte Dr. Wedick den Hang hinauf und eilte den Leichenträgern entgegen, die für den Transport einen Trampelpfad benutzten, der leichter zu bewältigen war.
Nachdem sie den Tatort verlassen hatten, setzte sich auch Förster Morgett in Bewegung. Doch bevor er sich entfernte, trat er auf Anke zu und meinte augenzwinkernd: »Unterhalb des Kreuzes gibt es ein Lokal mit dem Namen ›Maldix‹. Das wäre ein geeigneter Ort, um eine Ruhepause einzulegen.«
Ohne auf eine Antwort zu warten, ging er davon.
Seine Vertraulichkeit brachte Anke zum Schmunzeln.
Erik murrte: »Was glaubt der, wer er ist? Wir haben auch nichts Besseres zu tun, als auszuruhen.«
»Hey! Was ist los mit dir?« Anke stieß ihn an die Schulter. »Sei froh, dass es auch noch freundliche Menschen gibt auf der Welt.«
»Klar. Und das im Saarland, wo jeder einen kennt, der einen kennt, der ihn kennt.«
»Wärst du nur im deutschen Chicago geblieben.«
*
Im Büro herrschte große Aufregung. Jürgen Schnur war bei der Durchsicht der Akten der Familie Jennewein auf ein tragisches Ereignis gestoßen, das schon Jahre zurücklag. Die Kollegen platzten vor Neugier, aber Jürgen beschloss, mit seiner Verkündung zu warten, bis sie vollzählig waren. Forseti empfing Erik und Anke ungeduldig, bat sie umgehend zu seiner Dienstbesprechung.
»In der Familie gibt es ein großes Geheimnis«, begann Jürgen, auf Wirkung bedacht.
»Mach es nicht so spannend.«, reagierten die Kollegen prompt.
»Es gibt eine alte Akte über Isolde Jennewein und ihre Tochter Nadine.«
»Warum erfahren wir erst jetzt von dieser Akte?«, fragte Forseti gereizt.
»Es war kein Tötungsdelikt, deshalb ist die Akte nicht bei uns. Trotzdem erinnere ich mich, dass unser ehemaliger Chef, Norbert Kullmann, in die Ermittlungen involviert war«, erklärte Jürgen.
»Komm zur Sache!«
»Ich habe hier einige Abschriften der Akte, die Kullmann selbst angelegt hatte. Darin las ich, dass am ersten April 1993 die Tochter von Isolde Jennewein, Nadine Kruchten, als vermisst gemeldet worden war«, las Jürgen vor.
»Vermisst?«, hakte Forseti nach.
»Zunächst. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass es sich um eine Entführung handelte.«
Die Wirkung dieser Neuigkeit blieb nicht aus. Alle sprachen vor Aufregung gleichzeitig. Doch Forseti gelang es, den Geräuschpegel zu dämmen, indem er laut fragte: »Wie ging diese Entführung aus?«
Jürgen las vor, was in den wenigen Unterlagen stand, die er zur Verfügung hatte. Anschließend fügte er an: »Ich habe Vater und Tochter Jennewein dazu befragt, aber sie haben sich nur widerstrebend geäußert. Deshalb bittet unser Aktenführer Manfred Feuer – oder Fred Feuerstein, wie wir ihn kennen – die Kollegen des Kommissariats ›Entführung, Erpressung, Geiselnahme‹, die für den Fall zuständig waren, uns die vollständige Akte herauszusuchen. Dann wissen wir mehr.«
»Wo ist die Familie Jennewein jetzt?«, fragte Anke.
»Dr. Jennewein befindet sich immer noch im Vernehmungsraum«, erklärte Forseti. »Samantha ist nicht mitgekommen.«
»Und Nadine?«
»Nadine ist ebenfalls nicht zur Befragung mitgekommen. Wo sie ist, wissen wir nicht.«
Eine Weile fielen alle in Schweigen. Anke erinnerte sich an die düstere Ausstrahlung der jungen Nadine. Sie spiegelte ihr tragisches Leben wider.
In dieser Stille klopfte es an der Tür. Staatsanwalt Emil Foster trat ein.
»So, wie die Dinge liegen, werde ich mit Ihnen zusammenarbeiten«, erklärte er seinen Besuch. »Die Entführung von 1993 wirft neue Fragen auf.«
»Wir werden Nadine Kruchten als Entführungsopfer befragen müssen«, entschied Forseti. »Anke, das tun Sie.«
Anke fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, Nadines alte Wunden aufzureißen. Die Erinnerung an das Gespräch vom Vortag hatte sie mehr verwirrt, als sie zuzugeben bereit war. War sie wirklich in der Lage, Informationen von dieser verstörten jungen Frau zu bekommen? Fragend schaute sie zu Foster, den sie durch ihre Zusammenarbeit mit Kullmann bestens kannte. Foster nickte zustimmend. Also konnte sie sich der Anordnung ihres Vorgesetzten nicht entziehen.
»Ich schlage vor, Norbert Kullmann zu konsultieren. Er hat damals den Fall bearbeitet«, verkündete Foster. »Wie ich meinen ehemaligen Weggefährten kenne, wird er bereit sein, uns zu unterstützen.«
»Wie ist es möglich, dass Kullmann, der Leiter der Dienststelle für Kapital- und Sexualdelikte, an einem Entführungsfall mitgearbeitet hat?«, fragte Forseti.
»Zur damaligen Zeit oblagen sämtliche Dienststellen, die heute auf die Landespolizeidirektion und das Landeskriminalamt verteilt sind, ausschließlich dem Landeskriminalamt. Im Jahr 1992 gab es eine Polizeireform, um Arbeitsplätze einzusparen. Damals wurden mehrere Polizeidienststellen zusammengelegt, was chronische Unterbesetzung zur Folge hatte. In großen Ermittlungsverfahren mussten Beamte aus anderen Ressorts hinzugezogen werden. Deshalb haben die entsprechenden Mitarbeiter Kullmann um Unterstützung gebeten«, erklärte Foster.
»Das hört sich nach einem Aufschwung für Verbrechen an«, stellte Forseti fest.
»Leider hatte es genau das zur Folge. Deshalb gab es nach dem Regierungswechsel im Herbst 1999 eine neue Verwaltungsvorschrift des Innenministeriums über Organisation und Aufgabenverteilung der Polizei.«
»Wir müssen die Kollegen zu den Ermittlungen hinzuziehen, die damals an dem Fall gearbeitet haben – sofern noch alle Kollegen im Dienst sind«, ordnete Forseti an.
»Ich kümmere mich darum«, erklärte sich Esther bereit.
»Sie hatten von mir den Auftrag bekommen, den Aufenthaltsort von Isolde Jenneweins Mutter herauszufinden«, erinnerte Forseti.
Esther erklärte zerknirscht: »Es tut mir leid, aber eine Maria Kauz ist nirgends registriert.«
»Haben Sie bei Interpol nachgefragt, ob sie womöglich im Ausland straffällig geworden ist?«
»Auch das habe ich getan – nichts.«
Forseti zuckte mit den Schultern. »Wenn sie nicht hier ist und auch nicht in greifbarer Nähe, ist sie für unsere Ermittlungen nicht von Bedeutung.«
Esther atmete erleichtert durch.
»Die bisher einzigen Verdächtigen in unserem Fall sind Dr. Jennewein und seine beiden Töchter.« Forseti schaute zum Staatsanwalt, bevor er weitersprach: »Ich beantrage eine Hausdurchsuchung.«
Staatsanwalt Foster nickte: »Gut. In diesem Fall ist das Amtsgericht in Saarlouis zuständig. Ich werde dort den Antrag stellen.«
Forseti nickte.
»Die Familienmitglieder müssen einzeln vernommen werden«, sprach Foster weiter.
»Wir sind dabei. Dr. Jennewein hat sich bereiterklärt, mit uns zu kooperieren«, erklärte Jürgen.
»Bernhard Diez, Sie werden mit Samantha sprechen«, ordnete Forseti an. »Egal wo, ob hier oder bei ihr zu Hause. Esther, Sie sehen im Internet nach, ob Arthur Jennewein und seine Tochter Samantha aktenkundig sind.«
Bernhard und Esther nickten.
»Nun kommen wir zu unserem nächsten Fall.«
Erik las die wenigen Fakten, die sie bisher über den Fall Roswitha Loew am Litermont-Kreuz zusammengetragen hatten, laut vor.
»Das ist nicht viel«, stellte Forseti fest.
»Wie auch«, murrte Erik. »Der Mörder hat keine Visitenkarte zurückgelassen.«
»Im Fall Roswitha Loew müssen wir ebenfalls herausfinden, ob sie aktenkundig ist«, überging Forseti Eriks Einwand.
»Esther Weis, wenn Sie gerade dabei sind, die Familie Jennewein zu überprüfen, dann bitte ich Sie, das Gleiche bei Roswitha Loew zu tun.«, präzisierte Staatsanwalt Foster die Anordnung.
»Förster Morgett, der die Tote am Litermont-Kreuz gefunden hat, muss unter die Lupe genommen werden«, übernahm Forseti wieder das Wort. An Erik gewandt fügte er an: »Das übernehmen Sie. Notfalls befragen Sie ihn noch mal.«
Anke bekam den Eindruck, als wollte sich Forseti mit Foster messen. Es passte ihm nicht, dass sich der Staatsanwalt persönlich an der Dienstbesprechung beteiligte, weil die Position Fosters unzweifelhaft die bessere war. Bekanntlich war die Staatsanwaltschaft die Mutter des Verfahrens. Daran konnte selbst Forseti vom BKA nichts ändern.
Während sie die beiden Männer beobachtete, überlegte Anke wieder, welchen Grund Forseti gehabt haben könnte, vom Bundeskriminalamt zur Kriminalpolizeiinspektion nach Saarbrücken zu wechseln. Bedeutete diese Versetzung keine Verschlechterung seiner weiteren Laufbahn? Leider war Forseti nicht so mitteilungsbedürftig wie Kullmann. So blieb ihr nur zu vermuten, was seine Beweggründe waren.
»Ich werde jetzt mit Dr. Jennewein sprechen«, verkündete Forseti, während er die Papiere auf seinem Schreibtisch zusammenpackte.
Damit gab er zu verstehen, dass die Besprechung beendet war.
Jürgen machte sich auf den Weg zum Aktenführer Fred Feuerstein. Der alte Kollege konnte viel aus seinem reichen Erfahrungsschatz langer Dienstjahre erzählen. So wurde das staubige Aktensuchen erstaunlicherweise zu einem erfreulichen Erlebnis. Aber dieses Vergnügen würde nicht mehr lange Bestandteil ihrer Arbeit bleiben. Es war unvermeidlich, dass im Zeitalter der Computer und der ständigen Weiterentwicklung der Technologie alte Arbeitsmethoden wie die Aktenablage abgeschafft wurden. Für Fred Feuerstein war es eine glückliche Fügung, dass seine Dienstzeit genau zu dieser Zeit zu Ende ging. Mit seinem Weggang würde ein Repräsentant der guten alten Zeit, eine Seele von Mensch, ein Mitarbeiter, der eine staubige und langweilige Arbeit in eine schwungvolle und interessante verwandelte, der jedem die Arbeit zum Vergnügen machen konnte, die Dienststelle verlassen. Zwar verbesserte sich die Effektivität ihrer Arbeit durch die Computersysteme, aber der menschliche Faktor blieb dahinter zurück.
Anke beneidete Jürgen um seinen Auftrag, im alten Archiv zu wühlen. Seit ihrem Gespräch mit Nadine war sie sich nicht sicher, ob es ihr gelingen würde, bis zu dieser Entführungsgeschichte vorzudringen. Vielmehr ahnte sie, dass Nadine alles verdrängt hatte. Ihre Andeutung ›Da ist ein schwarzes Loch‹ gab Anke einen deutlichen Hinweis darauf. Zunächst musste sie jedoch herausfinden, wo sie sich aufhielt. Dazu fielen ihr nur Großvater Jakob und der von Nadine erwähnte Stall ein, in dem ihr Pony untergebracht war. Dort wollte sie zuerst suchen.
Kapitel 6
Samantha stand im Flur und telefonierte. Nadine lauerte am oberen Ende der Treppe darauf, dass sie endlich verschwinden würde. Sie wollte ihr nicht begegnen, weil sie ahnte, dass Samantha Schuld am Tod ihrer Mutter hatte. Samantha jagte ihr schon lange Zeit Angst ein. Von Anfang an hatte sie deutlich gezeigt, dass sie Nadine und ihre Mutter in dem Haus nicht duldete. Sie hatte auch schon viele arglistige Versuche unternommen, sie zu vertreiben. Aber es war ihr nicht gelungen – bis jetzt! Mit Isoldes Tod war Samantha eine von ihnen für immer losgeworden. Was hatte sie sich für Nadine ausgedacht? Sie ebenfalls zu töten? Zuzutrauen wäre es ihr.
Zu Nadines Leidwesen telefonierte Samantha lang. Das Warten gab Nadine die Gelegenheit, über ihre unangenehme Situation nachzudenken. Wenn sie sich dem Kampf gegen Samantha stellen wollte, musste sie über ihr eigenes Leben besser informiert sein. Leider war da dieses schwarze Loch in ihrer Vergangenheit. Egal wie sehr sie sich anstrengte, diese große Lücke in ihrem Leben zu schließen, es gelang ihr nicht. Sie sah nichts. Heute glaubte sie, den Grund dafür zu wissen. Es hatte mit Samantha zu tun. Sie war so böse, dass sich Nadine vor der Erinnerung fürchtete. Der Tod ihrer Mutter gab Nadine die Bestätigung dafür, dass Samantha zu allem fähig war.
»Ich war perfekt. Es hat alles bestens funktioniert … Na klar. Du auch.«
Nadine zuckte zusammen, als sie diese Worte hörte. Das war die Bestätigung – jetzt konnte sich Nadine ganz sicher sein, wer hinter dem Tod ihrer Mutter steckte. Grimmig wartete sie darauf, dass Samantha in den Hörer flötete, wie sie als Nächstes Nadine aus ihrem Leben schaffen wollte. Sie fröstelte bei dem Gedanken, mit dieser gefährlichen Person unter einem Dach leben zu müssen.
Endlich war Samantha fertig und legte auf. Sie zog ihre Stöckelschuhe an und stolzierte aus dem Haus.
Nadine wartete, bis die Tür zuschlug, bevor sie die Treppe hinunterging. Sie warf einen Blick durch das Fenster nach draußen. Die Sonne schien, ein kleiner Trost. Schnell zog sie sich ihre Wanderschuhe an und machte sich auf den Weg. Wie so oft spazierte sie über Felder und Wiesen zum Litermont. Die Waldwege führten steil bergauf. Nadines Kondition war gut, weil sie die Strecke schon oft zurückgelegt hatte. Trauer erfüllte sie bei dem Gedanken, dass sie früher mit ihrer Mutter gemeinsam den Anstieg erklommen hatte. Gerne hatten sie sich an der Aussichtsplattform des Litermont-Kreuzes niedergelassen, um dort abzuschalten, ungestörte Momente miteinander zu verbringen – die einzigen, die sie ohne die ständigen Einmischungen Samanthas erlebten.
Heute wollte Nadine an dieser Stelle ihren quälenden Traum vergessen. Sie wollte sich auf den höchsten Punkt des Berges stellen, die frische Luft einatmen und versuchen, die schrecklichen Bilder, die sie seit dieser verhängnisvollen Nacht verfolgten, zu verscheuchen.
In ihrem Traum hatte sie ein Baby gehört, das entsetzlich weinte. Es schrie endlos lang und laut. Nadine wurde von dem Geschrei magisch angezogen, folgte ihm, bis sie im Speicher angekommen war. Dort sah sie eine Frau, die ihr Baby am Querbalken aufhängte. Sie musste den Kopf des schreienden Bündels nur noch durch die todbringende Schlinge ziehen. Erschrocken stieß Nadine einen Laut aus. Da erst bemerkte die Frau ihre Anwesenheit. Als sie aufschaute, erkannte Nadine ihre Stiefschwester Samantha. Mit wütenden Schritten stampfte sie auf Nadine zu und drohte: »Du bist die Nächste! Du bist die Nächste!«
Schweißgebadet war Nadine aufgewacht.
Nun hatte sie nur noch das Ziel, sich von ihrer inneren Anspannung zu befreien. Und welcher Ort kam dafür besser in Frage als das Litermont-Kreuz.
An diesem Tag wurde sie enttäuscht. Als sie sich der Plattform näherte, sah sie ein grünweißes Absperrband der Polizei und einen Polizisten dort stehen, der sofort auf sie zukam und in unfreundlichem Ton zu verstehen gab: »Du darfst hier nicht hin.«
»Warum?«
»Hier wurde eine tote Frau gefunden.«
»Oh!« Nadine erschrak. Gleich zwei Tote in einem kleinen Ort wie Nalbach – in dieser kurzen Zeit?
Sie schaute sich um, sah die Felsen, sah das Kreuz und erschauerte bei dem Gedanken, dass dieser Ort, der für sie eine Zuflucht bedeutete, zum Verhängnis für einen anderen Menschen geworden war. Aber lag es nicht gerade an dem Geheimnis – der alten Legende –, das diesen Ort nicht nur mystisch, sondern besonders anziehend für Nadine machte?
»Was ist?«, unterbrach der Polizist Nadines Gedanken. »Willst du hier Wurzeln schlagen?«
»Wer wurde hier gefunden?«, fragte Nadine statt einer Antwort.
»Ganz schön neugierig, was?« Der Polizist räusperte sich. »Das darf ich nicht sagen.«
Nadine kehrte um – enttäuscht und aufgerüttelt zugleich. Nun blieb ihr nur noch ein Ort, an dem sie sich von ihren inneren Anspannungen befreien konnte: der Stall ihres Großvaters. Zwischen den Gänsen, Ziegen und ihrem Pony Falada. Auf der Wiese, die geschützt hinter einem Buchenwäldchen lag, war sie immer allein, weil sich niemand die Mühe machte, sie in der Abgeschiedenheit aufzusuchen.
Für den Rückweg wählte sie nicht den gleichen Weg, den sie zum Gipfelkreuz eingeschlagen hatte. Gut genug kannte sie sich hier aus, um genau zu wissen, dass gerade die verbotenen – und wegen der Touristen mit Holzplanken verbarrikadierten – Wege die abenteuerlichsten waren. Sie kraxelte durch dichte Hecken; schon stand sie vor einem steilen Abhang. Dort kletterte sie über die Absperrung. Sie musste vorsichtig ihre Füße auf den sandigen, schrägen Boden setzen, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Sie fühlte sich mutig und toll, wie sie so nah am Abgrund balancierte.
Plötzlich – wie aus dem Nichts – stand ein Mann vor ihr.
Nadine erschrak, stieß einen Schrei aus. Der Mann wirkte ungepflegt, bleckte gelbe Zähne, während er sagte: »Nur mit der Ruhe, Mädchen. Ich tu dir nichts.«
»Wer sind Sie?«
In seiner fleckigen, grünen Jacke und seiner Kopfbedeckung mit einem abgeschabten Gamsbart hätte Nadine ihn fast für einen Jäger gehalten, würde er sich nicht so unter ihren Blicken winden.
»Ich bin ein Naturliebhaber.« Er grinste boshaft. »Und ein großer Tierfreund. Mehr soll dich nicht interessieren.« Als er sich zur Seite drehte, um an ihr vorbeizukommen, ohne in die Tiefe zu stürzen, sah sie eine Waffe auf seinem Rücken. Also fragte sie lieber nicht weiter.
Erleichtert atmete sie auf, als er aus ihrem Blickfeld verschwunden war. So viel Abenteuer hatte sie nicht erwartet. Umso besser fühlte sie sich, als sie an Opas Stall ankam und Faladas Wiehern hörte. Zufrieden öffnete Nadine den Holzschuppen und ließ alle Tiere hinaus in die Sonne laufen. Das Pony beschnupperte sie zuerst und verlangte seine Streicheleinheiten, bevor es den anderen Tieren folgte.
Am Rand der Koppel stand ein Baumstumpf. Nadine stellte darauf und blinzelte in die Sonne. Die Stille, die Wärme, die frühlingshaften Düfte ließen sie den Schrecken über ihre seltsame Begegnung auf dem Litermont vergessen.
Dafür rückten die beängstigenden Eindrücke ihres Albtraums stärker in ihr Bewusstsein. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, waren es nicht nur die Bilder, die sie beunruhigten, sondern auch die Botschaft, die hinter dem Traum steckte. Instinktiv wusste Nadine, welche Pläne Samantha schmiedete. Würde ihr jemand von der Polizei glauben, wenn sie ihnen berichtete, was sie wusste? Nach genauer Überlegung musste sie sich eingestehen, dass sie eigentlich nichts wusste, sie ahnte es nur. Entmutigt ließ sie sich auf dem Baumstumpf nieder und ließ die sommerliche Wärme auf sich einwirken.
Kapitel 7
Anke fuhr nach Nalbach, in die Etzelbachstraße, in der Nadines Großvater lebte. Am Hubertusplatz hielt sie an, um die Hinweisschilder zu studieren. Zum Glück musste sie nicht lange suchen. Die Überschaubarkeit dieses Dorfes gefiel ihr. Während sie gemächlich durch die ruhigen Straßen rollte, überlegte sie, ob es für sie und ihre Tochter nicht angenehmer wäre, in einem Dorf wie Nalbach zu leben. Vermutlich gab es dort viele Kinder in Lisas Alter. In der Stadt lebten die Kinder viel zu weit auseinander; immer musste jemand mit einem Auto zur Stelle sein, damit sie sich gegenseitig besuchen konnten. Im Dorf war es bestimmt leichter. Einige Kinder rannten über die Straße, die sie gerade entlangfuhr. Sie hatte ihr Tempo herunter gedrosselt, damit keine Gefahr für die Kleinen bestand. Andere spielten laut schreiend auf einem großen Spielplatz, ein Treiben, das Ankes Herz höher schlagen ließ. Hier kam es ihr so vor, als sei die Welt noch in Ordnung. Die Sonne schien von einem makellos blauen Himmel, die Temperaturen waren angenehm, die Natur erwachte zu neuem Leben. Zwei Reiterinnen ritten über einen Schotterweg, der parallel zur Straße verlief. Dabei unterhielten sie sich. Wie gerne wäre Anke eine von ihnen.
Sie erreichte das Haus, in dem Nadines Großvater Jakob Jennewein lebte. Es war ein großes, gepflegtes Zweifamilienhaus. Auf der unteren Klingel stand der Name, den Anke suchte. Dort drückte sie drauf. Schon nach kurzer Zeit öffnete ihr ein alter, kleiner Mann. Er schaute Anke erstaunt an, ließ seinen Blick an ihr herunter- und wieder hinaufwandern, dass es Anke mulmig zumute wurde. Erst anschließend fragte er: »Was will eine schöne junge Frau wie Sie bei einem alten Mann wie mir?«
Unwillkürlich musste Anke lachen. Sie stellte sich vor und erklärte ihr Anliegen. Damit beendete sie das Grinsen im Gesicht des alten Mannes. Plötzlich wirkte er traurig. Es kam Anke so vor, als sei er über dieser Nachricht sogar geschrumpft, obwohl er schon klein genug war.
»Nadine ist bei ihrem Pony. Ich zeige Ihnen, wo der Stall ist.«
Er ging am Haus vorbei in ein kleines Wäldchen. Inmitten dieser Bäume stand ein Stall. Er war aus Holz gebaut und bestand aus einem großen Verschlag, der komplett mit Stroh ausgelegt war. Futterkrippen hingen in verschiedenen Höhen an der hinteren Wand. Ein großer Wasserbehälter stand in der Ecke. Eine einfache, aber effiziente Versorgung verschiedenartiger Tiere.
Ziegen liefen durch das Dickicht, das vor dem Stall wucherte. Dahinter rauschte ein Bach. Gänse wackelten am Wasser auf und ab. Als Anke sich ihnen näherte, wurden sie sofort angriffslustig. Mit weit aufgerissenen Schnäbeln und drohendem Zischen gingen sie auf Anke los. Erschrocken stellte sie sich hinter den kleinen Mann. Der reagierte sofort, brüllte die Gänse an, woraufhin sie sich abwandten und davon watschelten.
»Sie dürfen vor den Gänsen keine Angst zeigen«, erklärte der Alte listig. »Sonst können sie gefährlich werden.«
»Sehr witzig«, stöhnte Anke. »Wie soll das gehen, wenn ich Angst habe?«
»Leute aus der Stadt«, lachte Opa Jakob. »Mit der Natur kennen die sich nicht aus.«
Anke widersprach ihm nicht. Er hatte recht, aber zugeben wollte sie das nicht.
Sie überquerten den Bach an einer Stelle, an der Holzbohlen als Brücke dienten, gingen ein kleines Stück weiter, bis sie eine Wiese erreichten. Dort saß Nadine auf einem Baumstamm. Vor ihr stand ein Schimmelpony. In einiger Entfernung grasten Schafe und Ziegen.
»Jetzt haben Sie meinen gesamten Viehbestand gesehen«, erklärte der Alte. »Sie können sich mit meiner Enkelin unterhalten. So, wie sie dasitzt, würde ich sagen, sie hat Zeit.«
Mit diesen Worten verabschiedete er sich.
Ankes Blick fiel auf die junge Frau. Sie saß im Sonnenschein, hielt ihre Augen auf das Pony gerichtet, wobei sie den Eindruck vermittelte, sie habe Ankes Ankunft nicht bemerkt. Langsam ging Anke auf Nadine zu. Auf ihren Gruß kam keine Erwiderung. Anke setzte sich neben sie auf den breiten Baumstumpf und schaute dem Pony zu. Es war strahlend weiß, so als hätte Nadine es noch vor kurzem gründlich geputzt. Die Wiese leuchtete grün und saftig. Das Pony war so ins Grasen vertieft, dass es nicht bemerkte, was um es herum geschah.
»Falada ist ein schönes Pony«, versuchte Anke, ihr Gespräch einzuleiten. »Wie alt ist es?«
»Fünfzehn.«
»Kennst du das Märchen von der Gänsemagd?«
»Ja. Jeder meint, er müsste mir diese Geschichte erzählen.«
»Gehst du noch zur Schule?«, fragte Anke nach ihrem ersten gescheiterten Konversationsversuch.
»Ja. Ich gehe in die Erweiterte Realschule. Früher hieß sie Sekundarschule – zu der Zeit, als Samantha dort die Lehrer ärgerte.«
Anke musste nicht erst nachrechnen, in welche Klasse Nadine inzwischen gehen müsste, da kam die Antwort schon von selbst: »In der Grundschule habe ich eine Ehrenrunde einlegen müssen. Aber jetzt läuft es ganz gut, ich werde den Abschluss schaffen.«
Eine Weile saßen sie nebeneinander auf dem Baumstamm, schwiegen, beobachteten das grasende Pony, das außer gelegentlichem Schweifschlagen keinerlei Bewegungen machte.
»Wenn Sie mir sagen wollen, meine Mutter hätte sich selbst umgebracht, können Sie gleich wieder gehen«, begann Nadine von allein zu sprechen.
»Nein, das will ich nicht sagen. Es besteht Mordverdacht.«
»Ach? Sie glauben mir also?«
»Wir glauben unseren Fakten«, stellte Anke klar. »Nur leider sagen die uns nicht, wer deine Mutter umgebracht hat. Das müssen wir selbst herausfinden.«
»Da brauchen Sie nicht lange zu suchen. Ich weiß nämlich, wer sie loswerden wollte.«
»Wer denn?«
»Samantha.«
»Das ist eine harte Anschuldigung, Nadine! Was macht dich so sicher?«, stutzte Anke.
»Ich weiß es einfach. Mit Sicherheit hat sie meiner Mutter aufgelauert, als sie im Dunkeln nach Hause kam. Die Gelegenheit war ja so günstig wie noch nie. Dann hat sie sie auf den Speicher gelockt und erhängt«, spekulierte Nadine wild drauflos. »Sie dreht durch; ich habe richtig Angst vor ihr. Sie tut alles, damit wir verschwinden – und das schon, seit wir in diesem Haus wohnen. Sie ist völlig verrückt. Sie schafft es sogar, andere für ihre gemeinen Pläne einzuspannen. Die Männer, die sie verführt, sind ihr verfallen. Die tun alles für sie.«
»Du sagst, dass deine Mutter im Dunkeln nach Hause kam«, knüpfte Anke an diesen Satz an, weil sie befürchtete, dass Nadine Hirngespinste preisgab. »Wo war sie in der Nacht?«
Nadine überlegte eine Weile, bevor sie antwortete: »Meine Mutter hatte am Tag, bevor sie starb, ein Telefongespräch. Das hat sie fürchterlich aufgeregt. Ich habe heimlich gelauscht – das darf aber niemand wissen.«
»Ich verrate es nicht«, versprach Anke.
»Meine Mutter schrie immer wieder: ›Du lügst. Woher willst du das alles wissen? Du warst doch gar nicht dabei!‹ Aber wer auch immer am anderen Ende der Leitung war, er ließ sich nicht abwimmeln.«
»Und weiter?«
»Dann sagte sie: ›Okay, wir treffen uns heute Abend.‹ Die Uhrzeit habe ich nicht verstanden.«
»Und wo wollte sie sich mit dem Gesprächspartner treffen?«
»Ich weiß es nicht«, gestand Nadine.
»Das ist interessant.«
Nadine schaute Anke eindringlich an, bevor sie meinte: »Ich hoffe, dass Sie Samantha festnehmen. Dann könnten zumindest Arthur und ich eine normale Familie sein.«
Anke spürte, dass das Gespräch einen Verlauf nahm, auf den sie keinen Einfluss hatte. Sie wollte über etwas ganz anderes mit Nadine sprechen. Also machte sie einfach den Versuch und nutzte die kurze Stille, die eingetreten war, um sie direkt anzusprechen: »Wir wissen, dass du vor elf Jahren entführt worden bist.«
Plötzlich stand Nadine von ihrem Platz auf und ging mit hastigen Schritten hin und her. Sie schaute immer wieder von ihrem Pony zu Anke, bis sie innehielt und fragte: »Was soll das nun wieder?«
»Wir ermitteln in alle Richtungen.«
»Wie Ermittlungen sieht das aber nicht aus. Ich habe Ihnen gesagt, wer der Mörder ist – oder besser gesagt die Mörderin. Also tun Sie was und erzählen Sie hier nicht irgendwelche Geschichten.«
»Das ist nicht irgendeine Geschichte«, beharrte Anke.
»Doch!«
»Warum wehrst du dich dagegen?«
»Ich wehre mich nicht dagegen«, blieb Nadine stur. »Ich will nur, dass Sie Samantha festnehmen. Sie bringt am Ende auch noch mich um. Wollen Sie das?«
Anke spürte, dass mit Nadine nicht über ihre Entführung zu reden war.
»Wir befragen Samantha.«
Bevor sie wieder auf das Thema der Entführung zu sprechen kommen wollte, musste Anke sich zuerst erkundigen, ob Nadine damals in Therapie gewesen war. Den Eindruck hatte Anke zwar nicht, aber sie wollte sich absichern. Die Heftigkeit, mit der Nadine sich wehrte, gab ihr zu denken.
Entmutigt erhob sich Anke von dem Baumstamm und trat den Rückweg an.
Zu ihrem Entsetzen standen die Gänse kampfbereit an der Stelle des Bachs, wo Anke ihn überqueren musste. Wie sollte sie an diesem angriffslustigen Federvieh vorbeikommen?
In ihrer Not griff sie nach einem dicken Stein, ging todesmutig auf die Gänse mit ihren weit aufgerissenen Schnäbeln zu, schrie sie heftig an und warf den Stein auf eine, die ihr mit großen Schritten ziemlich nahe kam. Erschrocken drehte sich das Tier um und watschelte davon. Die anderen Gänse eilten hinterher.
Zufrieden mit ihrer Taktik balanciere Anke über die Holzbohlen auf die andere Seite, eilte durch das kleine Waldstück an Opa Jakobs Haus vorbei zu ihrem Auto.
*
Martha und Norbert Kullmann hielten sich zusammen mit Lisa im Garten auf, als Anke dort eintraf. Ein riesengroßes Gebilde aus Holz stand auf dem kleinen Platz hinter der Terrasse. Kullmann arbeitete daran wie ein geübter Handwerker. Die starken Holzstangen zeigten die Form eines Andreaskreuzes. In der Mitte, wo sich die Stangen kreuzten, lag die Querstange auf, an der mehrere Schaukeln befestigt werden konnten. Die Querstange maß eine Höhe von mindestens zwei Meter fünfzig. Lisa war gerade vierzehn Monate alt und achtzig Zentimeter groß.
»Größer ging es nicht mehr«, rief Anke zum Gruß.
»Leider nicht«, grinste Kullmann.
»Erinnert ihr euch, wie alt Lisa ist?«
»Natürlich! Aber erinnerst du dich, dass Kinder älter werden und wachsen?«, widersprach Kullmann.
»Natürlich. Aber die Zweimetergrenze wird Lisa hoffentlich nicht überschreiten.«
»Ich weiß, was ich tue«, bemerkte Kullmann selbstsicher. »Im Katalog habe ich einen Schaukelsack entdeckt, darin kann Lisa jetzt schon schaukeln. Ich bin mir sicher, dass ihr das Spaß macht.«
»Du tust so, als hättest du schon viele Kinder großgezogen.«
»Das nicht. Es macht mir einfach Freude, mich um deine Tochter zu kümmern. Da ich keine eigenen Kinder habe, nehme ich meine Aufgabe als Ersatzopa ernst. Zum Dazulernen ist man nie zu alt.«
»Norbert, wir haben einen Fall, bei dem wir deine Hilfe brauchen«, wechselte Anke das Thema. Mit ihrer Tochter auf dem Arm trat sie auf ihren ehemaligen Chef und Mentor zu.
Kullmann hielt in seiner Arbeit inne und schaute sie an. Sein Gesicht war gerötet, sein Haar zerzaust – ein Anblick, den Anke nicht von ihm kannte. Unwillkürlich musste sie lachen.
»Ich weiß, ich weiß«, knurrte Kullmann. »Ein Beamter sollte die Finger von praktischer Arbeit lassen. Aber ich habe mir vorgenommen, dieses Kunstwerk zu errichten.«
»Dein Ehrgeiz in Ehren – trotzdem bist du immer noch als Polizeibeamter gefragt«, beharrte Anke. »In der Funktion bist du jedenfalls unersetzlich.«
»Wenigstens da. Als Handwerker habe ich selbst meine Zweifel.«
Kullmann wusch sich im Keller die Hände.
»Dann gehe ich mal mit meinen drei Frauen ins Haus«, lachte er verschmitzt.
Anke und Martha amüsierten sich über seine Worte.
Die Pension tat Kullmann gut. Er wirkte ausgelassener und ruhiger als zu Dienstzeiten.
»Um welchen Fall handelt es sich?«, fragte er, als sie in der Küche ankamen.
Anke berichtete ihm die Einzelheiten. Eine Weile überlegte Kullmann, bis er zugab: »Tut mir leid. Ich kann mich nicht erinnern.«
»Foster bittet dich, morgen früh ins Büro zu kommen. Sobald du die Akte gelesen hast, wirst du dich erinnern. Bisher hast du immer bewiesen, dass du ein Gedächtnis wie ein Elefant hast. Deshalb habe ich keinen Zweifel, dass du uns eine große Hilfe sein wirst.«
Kapitel 8
Als Anke morgens das Büro betrat, tat ihr die Wärme gut, die ihr durch den Flur entgegenschlug. Kaum hatte sie sich ihres dicken Mantels und Wollschals entledigt, kam Erik auf sie zu.
»Endlich bist du da«, begrüßte er sie.
»Was soll das? Ich bin pünktlich – nicht endlich«, konterte Anke schlecht gelaunt. Der letzte Abend lag ihr auf dem Gemüt. Sie war mitten in der Nacht mit schmerzenden Gliedern und so düsteren Träumen auf dem Sofa aufgewacht, dass sie sich gewünscht hatte, sie wäre gar nicht eingeschlafen.
»Förster Morgett ist da. Ich habe ihn gestern nicht mehr auftreiben können, da habe ich ihn einfach hierher bestellt. Er sitzt schon seit einer halben Stunde hier und grinst dämlich. Kannst du mir bei der Befragung helfen? Ich weiß nicht, was ich mit dem Waldschrat anfangen soll.«
»Mit Naturburschen hast du es wirklich nicht«, erkannte Anke. »Aber zuerst darf ich mir Kaffee einschenken. Oder hat die Befragung äußerste Priorität?«
»Nein. Trotzdem will ich, dass diese Sache abgeschlossen ist. Das Gespräch bringt uns ohnehin nicht weiter.«
»Klar. Aber diese Aufgabe hat Forseti dir übertragen, nicht mir.«
»Was ist los mit dir?« Endlich bemerkte Erik Ankes schlechte Laune.
»Nichts!«
»Verdammt! Ich will nicht, dass wir uns strigge wie die Muuzepuckel.«
»Wenn du deutsch mit mir redest, bin ich schon zufrieden«, murrte Anke.
»Ich will nicht, dass wir uns streiten. Also sag schon: Was ist los?«
»Was soll ich sagen. Nichts ist los – und das ist es, was mich nervt.«
Verständnislos schaute Erik seine Kollegin an.
»Ich sehe meine Tochter immer erst spät abends. Aber dann ist sie nach einem langen Tag müde und schläft.«
»Ich glaube, es wird eine Weile dauern, bis du mehr Freude an Lisa hast. Solange Kinder klein sind, schlafen sie viel.«
Anke wusste, dass Erik aus Erfahrung sprach. Er war selbst einmal Vater einer Tochter gewesen. Sie spürte, dass sie ihm Unrecht tat, denn Eriks Schicksalsschlag war hart. Während sie über ein schlafendes Kind jammerte, ertrug Erik geduldig ihre Launen, dabei hatte er Frau und Kind durch einen Unfall verloren.
Schweigend schauten sie sich an, bis Anke meinte: »Ich bin wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden. Das Alleinsein macht mir zu schaffen. Ich könnte abends ein gutes Gespräch vertragen.«
Erik nickte. Warum kam nicht mehr von ihm?
»Hallo! Wink! Scheunentor!«
»Ich hatte keine Zeit. Aber das werde ich ändern. Versprochen.« Erik grinste.
Anke seufzte.
Georg Morgett saß im Flur und wartete geduldig. Die Gelassenheit, die dieser Mann ausstrahlte, war beneidenswert. Er wirkte glücklich und zufrieden. Selbst die Aufforderung, zur Befragung zur Kriminalpolizeiinspektion zu kommen, brachte ihn nicht aus der Ruhe.
Auf Ankes Gruß hin erwiderte er freundlich: »Ich weiß ja nicht, wie ich Ihnen helfen kann. Aber hier bin ich – zu allem bereit.«
»Wir setzen uns am besten in mein Büro. Dort ist es gemütlicher. Außerdem haben wir frischen Kaffee. Möchten Sie welchen?«, bot Anke an.
»Gerne«, lachte Morgett. »So viel Großzügigkeit habe ich nicht erwartet.«
Auf dem Weg zu Ankes Büro begegneten ihnen Esther und Bernhard. Ihre Gesichter wirkten übernächtigt.
Bernhard ging zitternd vor Kälte an Anke vorbei und murrte zum Gruß: »Wie kann es im April nur so kalt sein!?«
»Es frieret selbst im dicksten Mantel der Mensch mit schlechtem Lebenswandel«, sprach Georg Morgett in seiner urtypischen Ruhe.
Anke lachte über den schlauen Spruch.
Bernhard schaute den Alten böse an. Bevor er etwas Unangemessenes entgegnen konnte, stellte Anke ihn vor. Das veranlasste den Kriminalbeamten dazu, ruhig zu bleiben. Anke drehte sich nach Esther um, aber sie war verschwunden. Ob ihr Georg Morgetts Anspielung peinlich war? Das Auftreten der beiden verriet ohnehin mehr, als Bernhard und Esther zugeben wollten.
Georg Morgett nahm auf dem Stuhl vor Ankes Schreibtisch Platz. Erik setzte sich daneben.
Anke schenkte dem Förster zuerst Kaffee ein, bot ihm Milch und Zucker an, bevor sie mit den Routinefragen begann: »Sie arbeiten in diesem Bezirk als Förster?«
Morgett nickte.
»Wie ich Ihren Angaben entnehme, wohnen Sie in Nalbach.«
Wieder ein Nicken.
»Kennen Sie die tote Frau?«
Eine Weile überlegte der Förster, bevor er zögernd erklärte: »Eine Nalbacherin ist sie auf keinen Fall. Dann hätte ich sie sofort erkannt.«
»Aber?«, hakte Anke nach.
»Ich hatte den Eindruck, sie schon mal gesehen zu haben. Aber ich bin mir nicht sicher.«
»Sprechen Sie Ihre Vermutung ruhig aus. Wir nehmen jeden Hinweis auf.«
»Also gut. Ich kann mich an eine Frau mit schwarzen Locken erinnern. Sie kam aus dem Nichts, verursachte viel Wirbel im Dorf und verschwand wieder im Nichts.«
»Sie sprechen in Rätseln.«
»Sie war eine Schönheit. Deshalb wurde sie von den Männern des Dorfes begehrt und von den Frauen gehasst.«
»Wie hieß diese Frau?«
Der Förster überlegte lange, bis er meinte: »Sie war eine exotische Erscheinung – in jeder Hinsicht. Aber der Name? Es ist wohl zu lange her.«
»Lassen Sie sich Zeit«, forderte Anke auf.
Morgett zog seine Stirn in Falten, bis ein Aufblitzen seiner Augen auf seine plötzliche Erkenntnis hinwies. »Jetzt weiß ich es wieder: Roswitha Loew.«
»Zuerst wollen Sie die Tote nicht erkannt haben und nun können Sie uns Details über sie aufzählen«, funkte Erik skeptisch dazwischen.
Fragend schaute Morgett den Kriminalbeamten an.
»Da kommt mir doch der Verdacht, dass Sie einen Grund hatten, zunächst über die Identität der Toten zu schweigen.«
»Ich glaube, dass Sie ein eifriger und guter Ermittler sind. Aber vergessen Sie nicht, dass ich als Förster nicht darauf geschult bin, mir alle Details von Toten zu merken. Das gelingt mir bei einem geschossenen Bock. Aber bei einer Leiche? Es war die erste in meinem Leben. Sie war in keinem guten Zustand. Sie hatte nicht mehr viel mit der Schönen von damals gemeinsam.«
Diese geschickte Antwort veranlasste Erik, sich an Anke zu wenden: »Ich werde nachsehen, was Esther über die Tote in Erfahrung bringen konnte.«
Eilig verschwand er.
»Ist Ihnen in den letzten Tagen etwas auf dem Litermont aufgefallen?«, fragte Anke weiter. »Menschen, die sich auffällig benahmen?«
»Seit der Litermont zum Premium-Wanderweg Nummer eins gekürt wurde, laufen dort viele Touristen herum. Die benehmen sich schon manchmal auffällig. Woran denken Sie genau?«
»An einen Menschen, der unbemerkt bleiben wollte. Es hätte doch sein können, dass Ihnen der Mörder von Roswitha Loew begegnet ist. Da Sie oft dort oben sind, ist das gar nicht so unwahrscheinlich.«
»Da ist in der Tat jemand, der unbemerkt bleiben will. Leider so erfolgreich, dass ich ihn noch nicht aufgetrieben habe.«
»Und das soll ich jetzt verstehen?«, hakte Anke nach.
»In letzter Zeit treibt ein Wilderer auf dem Litermont sein Unwesen. Oft finde ich verendete Tiere, die nicht waidmännisch erlegt worden sind. Als ich Roswitha Loew fand, war ich zunächst davon überzeugt, wieder ein verstümmeltes Tier entdeckt zu haben. Umso erschrockener war ich, dort einen toten Menschen zu sehen.«
Anke nickte, machte sich Notizen und fragte weiter: »Sind Sie verheiratet?«
»Witwer. Meine Frau ist vor Jahren an Krebs gestorben.«
»Das tut mir leid. Wie lange ist Ihre Frau schon tot?«
»Neun Jahre, fünf Monate und siebzehn Tage«, zählte Morgett auf. »Ich habe meine Frau geliebt. Ihr Tod hat mich hart getroffen.«
»War sie lange krank?«
»Ja. Sie musste drei Jahre leiden, bis sie endlich erlöst wurde. Ich habe sie selbst gepflegt, das hatte sie verdient.«
Erik kehrte mit Unterlagen in der Hand zurück.
Diesen entnahm Anke, dass Roswitha Loew vor elf Jahren in Nalbach einen Unfall mit Todesfolge verursacht hatte. Wegen Fahrerflucht und Totschlag durch Unterlassen war sie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden.
»Das ist ja hochinteressant«, staunte sie.
Morgett trank in der Zwischenzeit seinen Kaffee.
»Dem Bericht dieser Akte ist zu entnehmen, dass Roswitha Loew vor etwa elf Jahren in Nalbach gelebt hat«, resümierte Anke.
Sie berichtete Erik, was sie von Morgett erfahren hatte. Erik ahnte, was Anke dachte.
»Also waren Sie genau zu dieser Zeit ein unglücklicher Mann, weil Ihre Frau todkrank war. Stimmt das?«, fragte er den Förster sofort.
»Unglücklich würde ich das nicht nennen. Ich war traurig.«
»Haben Sie damals nicht das Bedürfnis gehabt, eine junge, hübsche Frau wie Roswitha Loew näher kennenzulernen?«
Morgett lächelte. Verwundert schauten Anke und Erik sich an. »Wissen Sie, Roswitha Loew genoss keinen guten Ruf in unserem Dorf. Für ein kurzes Amüsement mit ihr hätte ich es mir mit allen Dorfbewohnern auf Lebenszeit verscherzt. Glauben Sie, dass es mir das wert war?«
»Was hätten Sie denn aufgegeben?«, hakte Erik nach. »Ihre Arbeit, Ihre Existenz?«
»Nein! Aber im Dorf hätte ich mich nicht mehr blicken lassen können.«
»Männer haben schon für viel weniger viel mehr aufgegeben.«
»Zu diesen Männern gehöre ich nicht. Ich bin in diesem Dorf geboren und aufgewachsen. Das prägt. Ich halte mich an die ungeschriebenen Gesetze, die in einer Dorfgemeinschaft herrschen, weil ich es niemals anders gelernt habe«, wurde Morgett deutlicher. »Roswitha Loew war wirklich aufregend und in jedem Fall eine Sünde wert. Aber für eine Nacht der Gefühle bringe ich nicht mein ganzes Leben durcheinander.«
Erik richtete seine Aufmerksamkeit auf die Akte des Opfers. Roswitha Loew konnte eine interessante Vergangenheit vorweisen. Als gelernte Krankenschwester hatte sie mehrere Jahre in der St. Elisabeth-Klinik in Saarlouis gearbeitet. Weil sie im Verdacht stand, Medikamente gestohlen zu haben, wurde sie entlassen. Einige Jahre später der nächste Eklat: Sie verursachte einen verhängnisvollen Unfall mit Todesfolge. Der Tote hieß Markus Kreuwisch und war zum Zeitpunkt des Unfalls gerade vierundzwanzig Jahre alt. Roswitha Loew wurde beobachtet, wie sie den Mann vor seinem eigenen Haus mit ihrem Wagen überrollte und liegen ließ. Nach einjähriger Untersuchungshaft wurde sie zu zehn Jahren Haft verurteilt. Das Gericht ordnete an, die Zeit der Untersuchungshaft nicht auf die Freiheitsstrafe anzurechnen. Markus Kreuwisch wäre noch zu retten gewesen, da Roswitha Loew ausgebildete Krankenschwester war und somit an Ort und Stelle fachgerechte Erste Hilfe hätte leisten können.
Erik überreichte Anke das Aktenstück. An den Förster gewandt fragte er: »Kannten Sie Markus Kreuwisch?«
»Wer ist das?«, fragte er statt einer Antwort.
»Roswitha Loew wurde vor elf Jahren wegen eines Unfalls mit Fahrerflucht und Todesfolge verhaftet. Das Unfallopfer war Markus Kreuwisch.«
»Jetzt begreife ich«, rief der Förster. »Deshalb ist Roswitha Loew so plötzlich verschwunden. Dieser Fall war lange Zeit Dorfgespräch Nummer eins.«
»Wie konnten Sie das vergessen?«
»Hören Sie mal, junger Mann«, empörte sich der Förster. »Das liegt elf Jahre zurück. Glauben Sie, mein Leben wäre in dieser Zeit stehengeblieben, nur weil ich in einem Dorf wohne?«
Das Kontra saß.
»Wo waren Sie gestern Abend?«, fragte Erik zum Abschluss. »Ich habe Sie nirgends finden können.«
»Ich war im Gasthaus Schmidt in Nalbach am Hubertusplatz. So ein Fund in den frühen Morgenstunden wühlt selbst einen erfahrenen Förster wie mich auf – und das an dieser legendären Stelle! Da musste ich ein Bier trinken.«
»Spielen Sie wieder auf Ritter Maldix an?«
Anke stieß Erik unsanft an.
Morgett grinste, schüttelte langsam den Kopf und antwortete: »Für uns hat diese Geschichte große Bedeutung. Der Litermont ist ein Wahrzeichen unserer Heimat. Mit seiner Höhe von vierhundertdreizehn Metern ragt er weit über unser Wohngebiet hinaus. Die fromme, schauerliche Sage um den Ritter Maldix verleiht dem Ort etwas Mystisches. So wird sein Andenken ewig bewahrt.«
»Es trägt vielleicht nicht gerade zur Lösung unseres Falles bei«, erkannte Anke, »trotzdem ist es eine interessante Geschichte um den Litermont. Sollte der Täter ein Insider sein, ist es nicht auszuschließen, dass er bewusst diesen Ort gewählt hat, um sie zu töten.«
»Natürlich«, funkte Erik dazwischen. »Der Mörder wollte die alte Geschichte neu aufleben lassen.«
Anke schaute ihn böse an, was ihn dazu bewog, einen freundlicheren Ton anzuschlagen: »Sie sind hier fertig. Wenn wir noch Fragen haben, wenden wir uns an Sie.«
»Tun Sie das«, sagte der kleine, rundliche Mann im Aufstehen.
Doch bevor er das Büro verließ, drehte er sich um und meinte: »Im Gasthaus habe ich erfahren, was mit Isolde Jennewein passiert ist. Es ist wirklich schrecklich, dass in der kurzen Zeit gleich zwei Menschen so tragisch sterben müssen.«
»Kannten Sie Isolde Jennewein?«
»Wer kennt diese Familie nicht?«
»Erinnern Sie sich noch an die Entführung vor elf Jahren?«, horchte Anke auf.
»Natürlich. Das war etwas, das niemand im Dorf vergessen hat. Es wurde so ein großer Wirbel darum gemacht, dass es keinem entgehen konnte.«
»Wissen Sie etwas Näheres darüber?«
»Nur, was in den Zeitungen stand.«
Der Alte verabschiedete sich.
»Ich habe das Gefühl, du lässt dich von dem Alten einwickeln«, wandte Erik sich sofort an seine Kollegin. »Hoffentlich verlierst du nicht den Überblick, wenn du dich von Legenden und Sagen mitreißen lässt.«
»Es hat unserer Arbeit noch nicht geschadet, den Menschen zuzuhören, die wir befragen. Ich gehe zwar nicht davon aus, dass Ritter Maldix unser Täter ist, trotzdem hat mich die Geschichte fasziniert. Was ist daran so schlimm?«
»Nichts.«
»Trotz allem bringt mich der Förster auf eine gute Idee: die Zeitungen!«
»Die Zeitungen?«
»Nadine spricht nicht über ihre Vergangenheit. Sie mauert. Da habe ich nicht die geringste Chance durchzudringen. Ich werde heute noch im Zeitungsarchiv nach alten Berichten suchen.«
»Apropos Archiv: Sollte heute nicht Kullmann kommen?«
»Doch.« Anke schaute erschrocken auf die Uhr. »Er müsste eigentlich schon da sein.«
Kapitel 9
Staatsanwalt Foster saß auf dem bequemen Sessel der Couchgarnitur, die Forseti für Dienstbesprechungen beantragt hatte, und rauchte. Forseti riss das Fenster weit auf, als wolle er dem Staatsanwalt damit seinen Unmut über dessen Laster vor Augen führen.
»Ich dachte, unser ehemaliger Chef wäre schon da«, meinte Anke zur Begrüßung.
»Ist er auch«, bestätigte Foster, genüsslich kleine Ringe in die Luft blasend. »Sein erster Gang führte ihn ins Archiv zu Fred Feuerstein. Er wollte zuerst in die Akte sehen, bevor er zur Besprechung kommt.«
Betretenes Schweigen herrschte, bis Foster fragte: »Was hat die Hausdurchsuchung im Haus der Familie Jennewein ergeben?«
»Meine Mitarbeiter Anke Deister und Erik Tenes werden die Hausdurchsuchung erst noch durchführen. Dann kann ich Ihnen Ergebnisse vorlegen«, antwortete Forseti.
Anke stöhnte innerlich. Sie hatte schon befürchtet, dass sie für diese unangenehme Aufgabe vorgesehen war.
»Bis die Kollegen Kullmann und Feuer kommen, lese ich Ihnen den Bericht des Entomologen vor«, kündigte Forseti an. Mit einem gekünstelten Husten und einem strafenden Blick in Richtung Rauchfahne begann er vorzulesen: »Dr. Wedick hat folgende Aspekte seinen Berechnungen zugrunde gelegt: Es wurden Maden auf der Leiche sichergestellt und in Formalin haltbar gemacht. Es handelt sich um die Aasfliegenmade der Schmeißfliege. Diese Nekrophagen sind die ersten Besiedler einer Leiche, was einen wichtigen Bestandteil der Berechnungen darstellt. Die in der Leiche abgelegten Eier haben sich zu Larven entwickelt, die zu einer Größe herangewachsen sind, deren Messung einen Rückschluss auf eine Leichenliegezeit von zwanzig bis vierundzwanzig Stunden erlaubt. Also starb Roswitha Loew am Freitag, den zweiten April, zwischen neun und dreizehn Uhr.«
»Ist diese Berechnung verlässlich?«, fragte Foster.
»Der Entomologe hat alle Umwelteinflüsse mit einberechnet. Er hat sich mit dem Wetteramt in Verbindung gesetzt, sich von dort die genauen Temperaturen angeben lassen. Er ist sich sicher, ein zuverlässiges Ergebnis erzielt zu haben«, bestätigte Forseti.
»Der Fundort ist auch der Tatort?«, fragte Foster weiter.
»Ja. An der Kleidung der Leiche wurden Spuren gefunden, die vom Felsen am Litermont stammen. Die Tote schlug an drei Stellen auf, bevor sie unter dem Baum landete.«
»Und was ist die Todesursache?«
»Hirnbluten durch Schädelverletzungen.«
»Bringt sich eine Frau auf so grausame Weise selbst um?«, zweifelte Foster. Dabei schaute er Anke an. Diese zuckte die Schultern. Sie erinnerte sich daran, wie sie selbst auf der Plattform des Litermont-Kreuzes gestanden hatte. Die zerklüfteten Felsen sahen bedrohlich aus – heimtückisch.
»Ich frage mich selbst, warum Roswitha Loew gerade diese Stelle gewählt haben soll. Sie kommt von Saarbrücken nach Nalbach, um sich umzubringen. Auf dieser langen Strecke gibt es bestimmt viele Gelegenheiten, sich weniger spektakulär in den Tod zu stürzen«, sprach Anke ihre Überlegung aus.
»Den Aspekt dürfen wir nicht aus den Augen verlieren«, erkannte Staatsanwalt Foster. »Außerdem besteht im Fall Roswitha Loew die Möglichkeit, dass jemand Rache geübt hat. Sie hatte vor elf Jahren den jungen Markus Kreuwisch totgefahren. Die Hinterbliebenen müssen überprüft werden.«
Forseti fügte an: »Wir müssen herausfinden, warum sie an den Ort zurückkehrte, an dem dieser Unfall geschah. Vielleicht wurde sie von Angehörigen des Toten dorthin bestellt, um ihr eine Falle zu stellen.«
»Bedeutet das, dass es kein Selbstmord war?«, hakte Anke nach.
»In dem Bericht werden Hämatome an Körperstellen der Toten aufgeführt, die Fragen aufwerfen«, antwortete Forseti. »Zum Beispiel ein Bluterguss am Hals. Wie kann dieser Bluterguss durch einen Aufprall entstehen?«
»Ich will mir absolut sicher sein, dass ich keinen Mörder frei herumlaufen lasse«, reagierte Staatsanwalt Foster darauf. »Wir werden feststellen, ob Roswitha Loew Telefonate mit der Familie Kreuwisch geführt hat, seit sie aus dem Gefängnis entlassen wurde. Nur so können wir feststellen, warum sie genau diesen Ort ausgewählt hat.«
Es klopfte an der Tür. Norbert Kullmann und Fred Feuerstein traten ein.
»Wir sind fündig geworden«, begrüßte Kullmann die wartenden Kollegen. »Aber leider muss ich zugeben, dass ich mich erst wieder in den Fall einlesen muss, bevor ich etwas Nutzbringendes dazu beitragen kann. Das Ganze liegt immerhin schon elf Jahre zurück. In der Zwischenzeit ist viel passiert.«
Foster trat auf seinen ehemaligen Weggefährten zu und begrüßte ihn: »Schön, dass du uns helfen willst. So komme ich wieder in den Genuss, mit dir zusammenzuarbeiten.«
»Ob es ein Genuss wird, stellt sich noch heraus«, entgegnete Kullmann.
»Immer noch der Alte«, lachte Foster. »Mit allen Ecken und Kanten.«
Forseti machte auf sich aufmerksam, indem er fragte: »Können Sie uns etwas über die Entführung berichten, ohne die Akte gelesen zu haben?«
Kullmann überlegte eine Weile, bis er sagte: »Ich erinnere mich noch gut an das Mädchen Nadine Kruchten. Sie zeigte ein Verhalten, aus dem ich niemals schlau wurde. Ich hatte damals, als der Fall abgeschlossen wurde, das Gefühl, dass er eigentlich gar nicht abgeschlossen war.«
»Wie sollen wir das verstehen?«
»Ich hatte es damals selbst nicht verstanden – wie sollte ich es jetzt aus der bloßen Erinnerung heraus tun? Deshalb werde ich mir die Zeit nehmen, die Akte zu lesen. Notfalls müssen wir die Kollegen hinzuziehen, die damals mitgearbeitet haben – sofern diese Kollegen noch im Dienst sind.«
»Das hat bereits Staatsanwalt Foster vorgeschlagen«, stellte Forseti klar.
»Zunächst einmal unser Amtsleiter Wollny«, begann Kullmann. »Außerdem arbeiteten die Mitarbeiter Anton Grewe, Andrea Westrich und Walter Nimmsgern im Kommissariat ›Entführung, Erpressung, Geiselnahme‹.«
Bei der Erwähnung des letzten Namens fielen alle in Schweigen.
Walter Nimmsgern war vor zwei Jahren einem Polizistenmörder zum Opfer gefallen. Dieser Fall hatte ihre Gemüter erschüttert, weil der Täter kein Fremder gewesen war, sondern jemand aus den eigenen Reihen. Nimmsgern war damals das erste Opfer einer ganzen Serie von Polizistenmorden gewesen.
»Ihn werden wir nicht mehr fragen können«, schluckte Anke schwer.
»Es gibt noch jemanden, den wir heute nicht mehr fragen können«, fügte Kullmann an.
»Andreas Hübner?«, wagte sich Anke zu fragen. Bei der Erwähnung seines Namens spürte sie heute noch ambivalente Gefühle zwischen Wut und Trauer. Anke hatte den Fehler gemacht, sich in den Arbeitskollegen zu verlieben, der sie danach schamlos betrogen hatte. Doch sein Tod übertraf alles bisher Erlebte.
Kullmann nickte: »Ich hatte ihn um Mithilfe gebeten, weil wir damals unterbesetzt waren. Der Dienststellenleiter, Willy Pechstein, hatte einen Herzinfarkt erlitten und war nicht mehr zum Dienst zurückgekehrt. So kam es, dass ich die Ermittlungen leiten musste. Ich war froh für jede Hilfe, die ich bekommen konnte.«
»Dann bleiben uns noch Andrea Westrich und Anton Grewe«, resümierte Forseti.
»Außerdem die Polizeipsychologin, Frau Dr. Ina Knappe«, fügte Kullmann an. »Ist sie noch im Dienst?«
Forseti zog scharf die Luft ein, warf einen kurzen Blick aus dem Fenster, bevor er sich wieder auf die Anwesenden in seinem Büro konzentrierte. Seine Gesichtsfarbe wirkte plötzlich grau.
»Im letzten Jahr fing eine Frau Dr. Ina Knappe im Bundeskriminalamt in Wiesbaden an«, berichtete er. »Als ›operative Fallanalytikerin‹. Sollte das Ihre Polizeipsychologin von damals sein?«
»Ich werde das herausfinden«, versprach Esther.
Für Kullmann war die Besprechung an diesem Punkt zu Ende. Er verabschiedete sich von den Kollegen und eilte mit der Akte unter dem Arm davon.
»In der Zwischenzeit arbeiten wir mit den Fakten, die wir haben«, entschied Forseti, der wieder zu seiner alten Form zurückgefunden hatte. »Dr. Jennewein hat bei der Befragung zugegeben, dass er Nadine Kruchten adoptieren wollte. Sie sollte seinen Namen tragen.«
Die Kollegen staunten: »Er hat sich also doch noch dazu durchgerungen?«
»Vor wenigen Wochen hatten sich Isolde und Arthur Jennewein zu dem Schritt entschlossen – trotz Samanthas Versuche, es zu verhindern, so seine Worte.«
»Wie kann eine junge Frau so viel Einfluss auf wichtige Entscheidungen der Eltern ausüben?«, fragte Anke.
»Arthur Jennewein hat seine Tochter allein großgezogen«, berichtete Forseti. »Seine Frau hatte ihn und seine Tochter kurz nach der Geburt verlassen. Das könnte eine Erklärung für die enge Bindung zur Tochter sein. Arthur Jennewein glaubt, dass Samantha immer in der Angst lebe, ihn ebenfalls zu verlieren.«
»Ich glaube, Arthur Jennewein kennt seine eigene Tochter nicht«, murrte Bernhard.
Daraufhin richteten sich alle Augen auf ihn. Es war seine Aufgabe gewesen, Samantha zu vernehmen. Auf das Ergebnis waren alle gespannt.
»Samantha war gestern unauffindbar«, erklärte er. »Ihr Vater konnte mir auch nicht sagen, wo sie ist. Ich habe ihn gebeten, sie heute Morgen zu uns ins Büro zu bestellen. Ich bin gespannt, ob sie kommt.«
»Ich habe den Halter des Porsche Carrera ermittelt«, warf Anke ein.
»Hilft uns das weiter?«, fragte Forseti.
»Er heißt Günter Weber, behauptet, die Familie Jennewein nicht zu kennen und niemals an dem Haus vorbeigefahren zu sein. Daraufhin habe ich überprüft, was er in der Zeit gemacht hat. Er war bei der Arbeit.«
»Kann er sich von dort unbemerkt entfernt haben?«
»Nein. Er arbeitet bei den Ford-Werken am Fließband. Wer dort weggeht, fällt auf.«
»Dann muss er uns angeben, wem er das Auto geliehen hat«, wies Forseti an.
»Er behauptet, er verleihe seinen Porsche nicht.«
»Das müssen wir klären. Also, machen wir uns an die Arbeit«, bestimmte Forseti. Er schaute in die Runde. Als sein Blick auf Erik traf, entschied er: »Für uns bleibt im Moment nur der Fall Roswitha Loew. Die geschädigte Familie Kreuwisch könnte ein Rachemotiv haben. Das übernehmen Sie.«
Erik nickte.
»Aber bevor Sie zur Familie Kreuwisch fahren, suchen Sie den Gerichtsmediziner und den Entomologen auf. Ich will den endgültigen Autopsiebericht auf meinem Schreibtisch haben.«
»Und was mache ich mit Günter Weber?«, hakte Anke nach.
»Sie begleiten Erik. Anschließend kümmern Sie sich um den Porschefahrer.«
Das war das Abschlusswort des Chefs. Hastig eilten die Kollegen aus dem Zimmer.
Samantha Jennewein stolzierte mit schwingenden Hüften durch den langen Flur. Ihre blonden Haare hatte sie lässig zu einem Knoten zurückgebunden, viele lose Strähnen zierten ihr makelloses Gesicht. Ein rotes Kleid schmiegte sich eng an ihren schlanken Körper, hochhackige Schuhe ließen ihre Beine noch länger wirken. Ihr Auftreten verriet, dass sie es mochte, so angestarrt zu werden.
»Wo ist Kommissar Diez?«, fragte sie und ließ ihren Blick durch die Menge der Beamten wandern. »Er war es, der mich hierher bestellt hat.«
Bernhard trat vor. Sein Interesse an ihrem engen Kleid war nicht zu übersehen.
»Wenn Sie mir in die Augen schauen wollen, müssen Sie den Kopf etwas anheben«, bemerkte Samantha.
Leises Gelächter ging durch den Flur.
»Natürlich.«
»Welche Augenfarbe habe ich?«, fragte sie, um ihn zu testen.
»Grün.«
»Stimmt. Ihren Argusaugen entgeht nichts. Bei Ihnen bin ich richtig.«
Sie verschwanden in Bernhards Zimmer, was die übrigen Kollegen enttäuscht auf die zufallende Holztür starren ließ.
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