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Elke Schwab
Kullmann ermittelt in Schriftstellerkreisen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Teil II
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Teil IV
Kapitel 11
Kapitel 12
Teil VI
Kapitel 13
Teil VIII
Kapitel 14
Kapitel 15
Teil X
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 19
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Epilog
Teil I
Teil III
Teil V
Teil VII
Teil IX
Teil XI
Impressum neobooks
Prolog
Kullmann
ermittelt
in
Schriftstellerkreisen
Kullmann-Reihe 8
Elke Schwab
Originaltitel:
Das Skelett vom Bliesgau
Impressum
Texte: © Copyright by Elke Schwab
Umschlag:
© Copyright by Elke Schwab und Manfred Rother
Verlag:
Books on Demand GmbH
In de Tarpen 42
22848 Norderstedt
2. überarbeitete Auflage 2019
ISBN: 978-3-739226-34-7
Foto: Manfred Rother
Buchcover: Manfred Rother und Elke Schwab
www.elkeschwab.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugs-weisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Kullmann
ermittelt
in
Schriftstellerkreisen
Kullmann-Reihe 8
Elke Schwab
Es war stockfinster. Lediglich zwei gelblich schimmernde Lichtkegel zitterten vor ihren Augen. Das einheitliche Rauschen der Autoreifen auf den nassen Straßen vermittelte das Gefühl von Vertrautheit, von Gewohnheit. Aber nichts davon traf zu. Alle Insassen fühlten sich innerlich wie erstarrt – von einer Vorahnung verfolgt, dass das, was sie taten, ein Fehler sein könnte, den sie noch bitter bereuen würden. Aber nun waren sie schon so weit gegangen – es gab kein Zurück mehr.
Ein Blick nach hinten bestätigte das Grauen.
Mit der Autodecke notdürftig zugedeckt war alles zu sehen, was besser verborgen geblieben wäre – aufgerissene Augen, ein wächsernes Gesicht, starre Arme und Beine.
Das alte Stück Flies war verrutscht.
»Es ist Vollmond«, ertönte es vom Beifahrersitz des Wagens. »Ist das nun gut oder schlecht?«
»Gut, weil wir keine Taschenlampen brauchen, um eine geeignete Stelle im Wald zu finden – schlecht, da andere genau wie wir auch gut sehen können«, kam es von der Fahrerseite.
Sie fuhren bereits über eine Stunde. Wie lange sollte die Schreckensfahrt noch dauern?
Der Weg wurde unbefestigt. Das Auto rüttelte alle durch.
»Ich glaube, hier müssen wir aussteigen und den Rest zu Fuß gehen.«
»Bist du verrückt? Dann müssen wir die Leiche meilenweit schleppen.«
»Was ist dir lieber? Mit dem Auto stecken bleiben und morgen in der Zeitung stehen? Oder über Stock und Stein marschieren, dafür morgen weiterleben, als wäre nichts passiert?«
Das Murren endete sofort.
Sie stiegen aus.
Kalte, feuchte Luft schlug ihnen entgegen. Es hatte in den letzten Tagen viel geregnet. Der Waldboden war matschig; sie mussten höllisch aufpassen.
Sie zogen die Leiche aus dem Wagen. Nur mit vereinten Kräften gelang es ihnen, den bleischweren Körper über den glitschigen Boden zu tragen, wobei sie immer wieder ausrutschten, mit ihren Knien im Dreck landeten und sich aufrafften, um ihren Weg fortzusetzen.
Das schrille Kraich-Kraich einer Schleiereule zischte drohend durch die Dunkelheit. Das sich ständig wiederholende Geräusch – einem quietschenden Keilriemen ähnlich – nahm einen Ton an, der Glas zum Zerbersten bringen konnte. Gespenstisch zog es durch die Finsternis, verfolgte sie auf Schritt und Tritt.
»Dieser Vogel ist mir unheimlich!«
»Mit seinem Lärm weckt er noch die ganze Nachbarschaft.«
»Wen soll er hier wecken? Die Toten?«
»Oh mein Gott!« Lautes Stöhnen. »Noch so ein Witz und ich lasse alles fallen und laufe weg.«
»Das wirst du schön bleiben lassen!«
Schweigend setzten sie ihren Weg fort. Gelegentliches Rascheln im dichten Gestrüpp begleitete sie durch die Dunkelheit.
In einer Schneise blieben sie stehen. Eine Weile schauten sie sich um, bis der Entschluss fiel: »Hier ist es nicht gut.«
»Warum nicht?«
»Schau auf den Boden! Hier sind überall Hufspuren. Der Pfad wird als Reitweg genutzt. Da fällt eine Veränderung im Boden sofort auf.«
Sie schleppten ihre Last weiter.
Der Geruch wurde immer unangenehmer.
»Kann es sein, dass unsere Leiche schon zu stinken beginnt?«
»Quatsch!«
»Aber was riecht hier so ekelhaft?«
»Keine Ahnung! Unsere Leiche ist es jedenfalls nicht. Halt doch einfach deine Nase dran, dann wirst du es schon merken!«
»Nein danke! Lieber glaube ich dir!«
Sie zerrten den Toten weiter durch die Dunkelheit.
»Ich kann nicht mehr.«
»Halte durch! Gleich haben wir die Stelle erreicht, die ich für geeignet halte.«
Der Weg wurde holpriger. Sie hatten immer größere Mühe, ihre Last nicht fallen zu lassen. Dicke Steine, quer liegende Äste und herausragende Baumwurzeln erschwerten das Vorankommen. Der Vollmond war durch die immer dichter werdenden Baumkronen kaum noch zu sehen. Die kahlen Äste der Bäume bewegten sich wie in Zeitlupe. Der Anblick hinterließ den Eindruck von Skeletten, die sich auf sie stürzen wollten.
In einer kleinen Lücke zwischen dicken Baumstämmen und verdorrten Hecken legten sie die Leiche ab.
»Los! Hier wird gegraben!«
»Hier?«, die Stimme schimpfte laut, »Eine härtere Stelle konntest du nicht finden?«
»Ruhe jetzt! Oder wollt ihr im Gefängnis landen?«
Unter Murren und Stöhnen hackten sie auf dem steinigen Untergrund. Dort ein Grab zu schaufeln erwies sich als mühsam. Aber es gab kein Zurück mehr.
Nur millimeterweise kamen sie voran.
Es klang wie eine Erlösung, als es hieß: »Tief genug!«
Gemeinsam hoben sie die Leiche an und warfen sie in das selbst geschaufelte Grab.
»Die Decke nehmen wir wieder mit.«
»Igitt! Die will ich nicht mehr sehen müssen.«
»Dann kannst du sie ja in den Müll werfen! Aber bei der Leiche bleibt sie auf keinen Fall.«
»Warum denn nicht?«
»Sollte das improvisierte Grab gefunden werden, ist die Decke verräterisch.«
Eine Weile zauderten sie.
Sie hatten alles akribisch genau geplant, als sie losgefahren waren. Jeder wusste, wie der Plan aussah.
Wer würde jetzt beginnen?
Langes Zögern.
Verstohlen sahen sie sich um. Niemand wollte den Anfang machen.
Der Ruf der Schleiereule ertönte.
Unheilvoll, warnend, drohend.
Das war der Startschuss.
Wie auf Knopfdruck legten sie los.
Hinterher schauten sie in das Loch hinab. Die toten Augen starrten sie immer noch weit aufgerissen an.
Hastig schaufelten sie die Erde zurück.
Es war eine Wohltat zu sehen, wie die Gestalt nach und nach unter den Erdmassen verschwand.
Kapitel 1
Anke Deister konnte ihr Glück nicht fassen. Seit sie Mutter einer wunderbaren Tochter war, hatte sie sich nicht mehr auf ein Pferd gewagt. Dabei hatte ihr das Reiten immer große Freude gemacht – ganz besonders auf dem Schulpferd Rondo. Inzwischen zählte Lisa drei Jahre und neun Monate, eine Zeit, die für Anke wie im Flug vergangen war. Während Anke stets vom Reiten geträumt hatte, war Lisa fleißig dabei, es zu lernen. Lisas Kindergartenfreundin hatte ein kleines Pony – für sie genau das Richtige.
Aber das Träumen hatte für Anke ein Ende. Das Schulpferd Rondo gehörte ihr. Einerseits hatte sie immer darüber nachgedacht, sich eines Tages ein Pferd zu kaufen. Doch, dass es Rondo sein würde, das Pferd, auf dem sie reiten gelernt hatte, wäre ihr nicht in den Sinn gekommen. Das verdankte sie ihrem Arbeitskollegen Erik Tenes. Unmissverständlich hatte er ihr erklärt: »Entweder du kaufst ihn jetzt sofort oder er geht in andere Hände. Interessenten gibt es genug.«
Sie hatte nicht gezögert.
Mit diesen wohltuenden Erinnerungen ritt Anke im Schritt durch den Wald bei Ormesheim im Bliesgau. Sie hatte einen Platz in einem Reitstall gefunden, in dem sie ihr Pferd in guter Obhut wusste, auch zu Zeiten, in denen sie sich nicht um ihn kümmern konnte. Ihr Beruf als Kriminalkommissarin hielt oft Überraschungen für sie bereit, nämlich Ermittlungsarbeiten, die sie voll und ganz in Anspruch nahmen. Deshalb war es ihr wichtig, dass Rondo durch ihren Beruf keinen Nachteil erlitt. Das war hier nicht der Fall. In diesem Reitstall gab es viele Koppeln, wo er täglich mit anderen Pferden in einer Herde laufen konnte.
Das Mandelbachtal lag im Südosten des Saarlandes und war geprägt durch seine lothringische Nachbarregion auf der einen und die benachbarte Pfalz auf der anderen Seite. Durch weite offene Täler entlang des Mandelbaches, dem das Gebiet seinen Namen verdankte, wirkte es für das Auge wie eine endlose, grüne Weite. Es lag rund zehn Kilometer östlich von Saarbrücken und grenzte an die Städte St. Ingbert und Blieskastel. Die Lage war traumhaft, ein Anblick, der in Schwärmereien versetzen konnte. Ringsum nur Natur. Aber leider hatte Anke bisher noch keinen Reitweg entdeckt, der diesem Traumbild gerecht wurde. Kaum losgeritten, erkannte sie, dass der Weg, den sie eingeschlagen hatte, schon wieder zum Stall zurückführte. Kurzerhand beschloss sie, noch einen Bogen anzuhängen.
Dafür wählte sie einen schmalen Seitenpfad zu ihrer Linken.
Die Luft wurde schlechter. Hinter dem hohen Wall, der den Wald wie einen Kessel eingrenzte, befand sich eine Mülldeponie – der Grund für den Mief. Der war unangenehm.
Sollte sie den Weg fortsetzen oder umkehren?
Der Boden wurde steiniger.
Befand sie sich überhaupt noch auf einem Reitweg? Rondo kam ständig ins Stolpern, was mit der Wucht seines Gewichtes von sechshundert Kilogramm jedes Mal eine heftige Erschütterung für Anke bedeutete.
Plötzlich erschrak Rondo. Anke spürte, dass er angespannt war. Es dauerte nur eine Schrecksekunde, schon rannte Rondo wie von der Tarantel gestochen los. Anke konnte ihn nicht halten. Auf ihre Versuche, ihn mit den Zügeln abzubremsen, reagierte er nicht. Im Gegenteil: Er wurde immer schneller.
Die Äste hingen tief. Anke duckte sich, klammerte sich um seinen Hals, damit sie bei dem Tempo nicht auf den harten Boden fiel. Funken sprühten an den Stellen, an denen Rondos Hufeisen auf Steine trafen.
Dann strauchelte er. Die Reiterin verlor das Gleichgewicht. Im Höllentempo kam die steinige Erde auf Anke zu. Ein dumpfes Donnern, dann verschwand alles in undurchdringlicher Schwärze.
*
Anke öffnete die Augen. Sie schaute auf Baumkronen.
Wo war sie?
Sie spürte, dass sie lag – auf dem Boden. Waldboden.
Wie war sie dorthin gekommen?
Es fühlte sich kalt an – alles fühlte sich kalt an.
Etwas schimmerte vor ihren Augen. War das ein Schein? Ein Heiligenschein?
Anke spürte nichts, nur Kälte. Keine Arme, keine Beine, keinen Körper.
Ein übler Gestank drang ihr in die Nase.
Vorsichtig testete sie, ob sie den Kopf bewegen konnte. Sie konnte. Ganz langsam drehte sie ihn nach links.
Mein Gott, wie lange liege ich schon hier?
Der Schreck der Erkenntnis traf sie hart.
Ihr Arm bestand nur noch aus Knochen!
Bestürzt schaute sie hoch. Alles leuchtete golden. Der Anblick beruhigte sie nicht. Sah so der Himmel aus?
Wieder richtete sie ihren Blick nach links.
Deutlich sah sie ihren Oberarmknochen, ihre Elle, ihre Speiche, die Mittelhandknochen und die vielen kleinen Röhrenknochen der Fingerglieder. Ungläubig ließ sie ihren Blick von den Fingern nach oben wandern. Dort erkannte sie ihr Schlüsselbein. War das ein Schulterblatt, was sie da zu erkennen glaubte? Verzweifelt schloss sie ihre Augen.
Wie wohl der Rest von ihr aussah? Erklärte das den Gestank? Roch sie ihre eigene Verwesung? Sie wagte nicht, an sich selbst herunterzuschauen. Die Angst vor dem, was sie noch zu sehen bekäme, siegte.
Sie schlotterte. War das vor Angst oder vor Kälte?
Aber warum klapperte es nicht? Wenn Knochen aufeinanderschlugen, musste es doch klappern. Wieder richtete sie ihren Blick auf den linken Arm. Vorsichtig hob sie ihn an.
Was sie nun sah, erstaunte sie noch mehr: Sie sah keine Knochen, sondern einen Arm, der in einem Jackenärmel steckte, voller Sand und Laub. Die Fingerknochen waren mit Haut überzogen. Zur Sicherheit bewegte sie die Finger vor ihren Augen. Es waren ihre eigenen und sie funktionierten noch.
Endlich kam ihr der Gedanke, sich aufzurichten.
Als sie auf ihren Füßen stand, erinnerte sie sich an ihren Sturz von Rondo. Er war im Wahnsinnstempo über einen steinigen Weg galoppiert.
Was sollte sie jetzt tun? Nach Rondo suchen oder nach den Knochen Ausschau halten? Sicherlich hatte ihr Bewusstsein nur verrückt gespielt. Die Knochen hatte sie sich eingebildet.
Sie klopfte den Sand von ihrer Reithose ab, wollte sich gerade auf die Suche nach ihrem Pferd machen, als sie tatsächlich ein menschliches Skelett vor sich liegen sah. Genau auf diesen Knochen war sie gelandet. Das erkannte sie daran, dass das Skelett auseinandergerissen worden war.
Sie erschrak und war sich nicht sicher, was nun schlimmer war: die Tatsache, auf einen Toten gefallen zu sein oder die Tatsache, dass sie mit ihrer Ungeschicklichkeit wertvolle Spuren verwischt hatte?
Ein Scharren ertönte.
Sie wandte ihren Blick von den Knochen ab und schaute in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Da stand Rondo in der Herbstsonne – sein Fell so golden wie das Laub am Baum direkt neben ihm. Er hatte auf sie gewartet.
Obwohl sie ihm für den Abwurf am liebsten in seinen großen Hintern getreten hätte, freute sie sich doch, dass er an einem sonnigen Plätzchen stand und ihr kauend entgegenschaute. Die Zeit, die Anke bewusstlos war, hatte er sich damit vertrieben, das goldgelbe Laub von den Bäumen zu fressen.
Mit zitternden Händen klopfte Anke ihm den Hals. Rondo schnaubte zufrieden. Geduldig harrte er aus, während Anke sich mit Mühe wieder auf das große Tier setzte. Ihre Beine waren wackelig durch den Sturz. Ihre Courage hatte auch gelitten. Aber sie wusste genau, dass man sich nach einem Abwurf sofort wieder in den Sattel setzen musste, um die Angst zu besiegen. Genau das tat sie jetzt.
Mit jedem Schritt, den sie sich von der Sturzstelle entfernte, wurde der unangenehme Geruch schwächer. Ihr Verstand registrierte, dass sie nicht Verwesung gerochen hatte, sondern die Mülldeponie, die direkt hinter dem Hügel lag.
Kapitel 2
»Wie bitte? Du bist auf einem Toten gelandet?« Jürgen Schnur konnte nicht glauben, was Anke ihm gerade am Telefon auftischte.
Sie bestätigte. Er hatte sich also nicht verhört.
»Wie tot?«
»Mausetot! Schon ein Skelett«.
»Hoffentlich war der Tote biologisch abbaubar.«
»Was redest du da?«
»Mehrere Kommunen, unter anderem auch das Mandelbachtal, haben sich zusammengeschlossen und beantragt, von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt zu werden. Da sollten sie besser aufpassen, was sie in ihren Wäldern abladen«, erläuterte Schnur.
»Für gewöhnlich liegen tote Menschen nicht im Wald herum, bis sie verwest sind«, konnte Anke nur dazu sagen.
»Stimmt! Hier ist irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugegangen.« Schnur legte auf und unterdrückte seinen Zorn, denn die Arbeit ging vor. War er jahrelang nur für Aktensuchen und Fallanalysen am Schreibtisch zuständig, so hatte er jetzt die weitaus bessere Position. Seit einem Jahr war er nicht nur Hauptkommissar, sondern auch mit der Leitungsfunktion betraut. Eigentlich hätte er damit sein Ziel erreicht, säße ihm nicht ständig Kriminalrat Dieter Forseti im Nacken.
Die Umstände des Leichenfundes verärgerten Schnur, weil er die Kommentare von Forseti jetzt schon in seinen Ohren klingeln hörte. Dabei war das nicht in Ankes Sinn gewesen. Auch war es nicht in ihrem Sinn, einen Tatort zu kontaminieren. Der Zufall hatte ihr übel mitgespielt. Nur – würde Forseti das interessieren, wenn sich herausstellte, dass Spuren vernichtet worden sind?
Er rieb sich über sein Kinn, eine Geste, die er nicht mehr abstellen konnte, seit sich sein Bartwuchs als feuerrot herausgestellt hatte. Damit tastete er die Stoppeln ab, um rechtzeitig zum Rasierapparat greifen zu können. Denn die ewige Häme, die ihn schon seit seiner Jugendzeit verfolgte, wollte er nicht auf seinen Arbeitsplatz ausdehnen. Doch das war schwieriger als angenommen. Die Kollegen hatten seinen vermaledeiten Spitznamen rausgekriegt. Jetzt musste er nur noch zusehen, dass er ihnen kein Wasser auf die Mühle gab. Nach einer raschen Trockenrasur eilte er in das Nachbarbüro zu Erik Tenes, den er aufforderte, ihn nach Ormesheim zu begleiten.
Kapitel 3
Weiträumig war alles mit grünweißem Polizeiband abgesperrt, eine Vorsichtsmaßnahme, die Anke an dieser gottverlassenen Stelle für überflüssig hielt. Wer ging schon freiwillig solche steinigen Wege? Die Bäume standen so dicht, dass wenig Tageslicht durchdringen konnte. Obwohl es noch hell war, mussten starke Lampen aufgestellt werden.
Sie selbst hätte sich diese Route niemals ausgesucht – Rondo hatte sie in einem halsbrecherischen Galopp dorthin geführt.
Je mehr sie sich der Fundstelle näherte, umso holpriger wurde der Boden. Dicke Steine, querliegende Äste, sogar umgefallene Baumstämme lagen dort. Anke staunte darüber, wie ihr Pferd so lange darüber galoppieren konnte, ohne zu stolpern. Sie hatte schon Mühe, im langsamen Tempo nicht ins Straucheln zu geraten.
Als sie näher kam, sah sie Jürgen Schnur, den Kommissariatsleiter, Erik Tenes, ihren Kollegen und einige Mitarbeiter der Spurensicherung. Ein älterer, stämmiger Mann saß gebückt vor dem Fund und machte vorsichtige Bewegungen mit einem Pinsel, während er von einem großen, schlanken Mann mit Argusaugen beobachtet wurde.
Was hatte das zu bedeuten?
»Gut gemacht, Anke.« Erik grinste. »Du findest die Leichen erst, wenn du schon darauf liegst.«
»Immerhin finde ich Leichen«, konterte Anke. »Ohne mich wärt ihr arbeitslos.«
»Ich muss euch enttäuschen«, mischte sich Jürgen Schnur in das Geplänkel ein. »Die ›Helden der Arbeit‹ gibt es seit der Auflösung der DDR nicht mehr.«
Anke und Erik verstummten.
Die Arbeiten an dem Skelett gingen emsig weiter.
»Was tun die Männer da?«, fragte Anke.
»Sie untersuchen, wie alt das Skelett ist. Wir dürfen nicht ausschließen, dass wir hier einen alten Fund aus der Keltenzeit vor uns haben, da der Fundort nahe an den Ausgrabungen in Reinheim liegt«, erklärte Schnur.
»Wie kommst du darauf, dass das Skelett schon zweitausend Jahre dort liegt? Hier gehen regelmäßig Menschen vorbei, die es längst entdeckt hätten.«
»Hierher verirrt sich niemand«, widersprach der Archäologe. Seine Stimme klang undeutlich. Er machte sich noch nicht einmal die Mühe, Anke anzuschauen. Er warf ihr die Worte über seine Schulter entgegen.
Ganz anders verhielt sich der ältere Mann, der die Knochen mit einem Pinsel bearbeitete. Er ließ von seiner mühsamen Arbeit ab, erhob sich schwerfällig, wobei er sich seine beiden Knie festhielt. Neugierig schaute er Anke über den Rand seiner Hornbrille an.
»Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen! Mein Name ist Kehl – Ernst Kehl – mit einem Doktor der forensischen Anthropologie vorne dran.« Er grinste, wobei er seinen Blick von Ankes Gesicht bis zu ihren Füßen wandern ließ. »Hier haben Sie ja ganze Arbeit geleistet.«
Sofort fühlte sich Anke unwohl. Der Mann hatte winzige Augen, die unangenehm glitzerten. Seine Gesichtsfarbe war so grau, wie die wenigen Haare auf seinem Kopf. Er reichte ihr gerade bis zum Hals. Es fiel ihm leichter, auf ihre Brust anstatt in ihr Gesicht zu schauen, während er mit ihr redete.
»Ich werde Tage brauchen, um die zertrümmerten Knochen zu einem Ganzen zu fügen«, sinnierte er weiter.
»Dann hoffe ich, dass Sie das richtig machen«, entgegnete Anke unfreundlich. »Der Teil gehört nämlich zu Ihrer Arbeit, während ich meinen Teil der Arbeit schon gemacht habe.«
»Worin bestand Ihr Teil der Aufgabe?«, fragte der Alte amüsiert, womit er Anke noch mehr auf die Palme brachte.
Schnur bemerkte die Spannungen und lenkte durch seine Frage ab, indem er sich zwischen Dr. Kehl und Anke stellte: »Können Sie uns schon etwas über das Skelett sagen? Ist es ein Mann oder eine Frau? Ist es ein Fall für uns oder für die Archäologen? Wir müssen das wissen, damit wir mit unserer Arbeit beginnen können.«
»Zuerst werden die Einzelteile ins Labor gebracht«, begann Dr. Kehl mit seiner Antwort. »Dort werden wir die Knochen daraufhin untersuchen, wie alt sie sind und wie lange sie an dieser Stelle gelegen haben. Diese Untersuchungen nimmt der Archäologe vor. Sollte sich herausstellen, dass es sich um Knochen aus unserer Zeit handelt, beginne ich mit meinen Messungen, die mir Aufschluss darüber geben können, um welches Geschlecht es sich hier handelt. Bis dahin können wir nichts über das Skelett sagen.«
»Ein einfaches ‚nein‘ hätte es auch getan«, murrte Schnur verstimmt. An Dr. Kehl gewandt fragte er weiter: »Gibt es verwertbares Gewebe, an dem eine DNA festgestellt werden kann?«
»Sollte es schon zweitausend Jahre hier liegen, bestimmt nicht.« Dr. Kehls verschmitztes Grinsen galt Anke. »Ansonsten kann ich versuchen, aus dem Rückenmark oder den Zahnwurzeln DNA-Proben zu entnehmen. Aber so, wie das Skelett aussieht, glaube ich nicht daran. Vom Unterkiefer ist so gut wie nichts mehr vorhanden, der Oberkiefer zertrümmert. Am Zahnschema kann man normalerweise die Identität feststellen, aber Ihre temperamentvolle Kollegin ist gut auf unserem Skelett gelandet. Sie hat alle Möglichkeiten zur Identifizierung zerstört.«
»Nicht so voreilig, Herr Dr. Kehl!«, parierte Schnur. »Unsere Mitarbeiterin hat einen Namen, sie heißt Anke Deister. Sie war ausreiten, was nicht im Geringsten mit ihrer Arbeit zu tun hat. Freizeit steht jedem zu. Der Sturz ist wohl kaum als Vorsatz anzusehen. Deshalb beschränken Sie Ihre Beurteilungen auf das Wesentliche und unterlassen Sie Ihre Anspielungen!«
Der Alte stutzte.
Anke grinste. Sie hatte sich endlich daran gewöhnt, dass Schnur ihr neuer Chef geworden war. Mit seinem persönlichen Einsatz zu ihren Gunsten hatte er sie überrascht.
Erik warf ihr einen Blick zu, der denselben Gedanken verriet. Auch ihm entging Schnurs Geste nicht.
»Sobald ich mit den Untersuchungen an der Reihe bin, werde ich sehen, ob sich in den Zähnen noch verwertbares Material finden lässt«, lenkte der Alte ein. »Aber bei dem Anblick der Knochen bekomme ich meine Zweifel, ob sie wirklich in Ihren Arbeitsbereich gehören. Der Verwesungsprozess ist komplett abgeschlossen, was entweder auf eine lange Liegezeit hindeutet, oder aber, dass die Leiche bereits im Sommer 2003 dort gelegen hat und somit der langen Hitze und Trockenheit ausgesetzt war.«
»Die Leiche lag nicht tief begraben«, meldete sich der Archäologe zu Wort. »Das kann zweierlei bedeuten: Entweder sie wurde hastig entsorgt – liegt also noch nicht lange hier – oder die Erdmassen sind im Laufe der Jahrhunderte immer weiter abgetragen worden, sodass sie von allein auftauchte. Das müssen wir im Labor untersuchen.«
Schnur bedankte sich, bevor er sich zusammen mit Erik Tenes und Anke Deister von der Fundstelle entfernte. Den Dienstwagen hatten sie vor der Einfahrt zur Mülldeponie geparkt.
Dort blieben sie stehen.
Anke hoffte, dass Schnur sie nicht auf die Dienststelle bat, denn es war bereits spät. Sie sehnte sich nach ihrer Tochter Lisa. Außerdem war Freitagabend. Wer würde nun das Wochenende opfern müssen, weil sie durch ihren Sturz auf ein Skelett gestoßen war?
Erwartungsvoll schaute sie Schnur an, bis er endlich sagte: »Unsere Leiche ist schon länger tot. Deshalb brauchen wir nicht in Panik zu geraten.«
Erleichtert atmete Anke durch. Sie wollte sich gerade auf den Weg zu ihrem Auto machen, als Erik ihr nachrief: »Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist.«
Überrascht drehte Anke sich um und schaute ihm ins Gesicht. Die Sorge, die er aussprach, stand auch in seinen Augen. Es tat ihr gut, ihn so fürsorglich zu erleben. Bis jetzt war kein einziges Wort darüber gefallen, dass sie sich bei diesem Sturz hätte verletzen können. Umso mehr freute sie sich, dass es gerade von Erik kam.
»Danke!«
»Sei bitte in Zukunft vorsichtiger mit dem Pferd. Die Wege hier sind hart und steinig. Außerdem gibt es überall stark befahrene Straßen, was das Reiten noch gefährlicher macht. Ich möchte nicht bereuen, dir zu dem Kauf von Rondo geraten zu haben.«
»Das wirst du nicht«, versicherte Anke sofort. »Ich werde gut auf mich aufpassen.«
Kapitel 4
Anke stellte ihren Wagen auf dem kleinen Parkplatz vor dem Appartementhaus ab, in dem sie wohnte. Sie durchquerte das Parterre, verließ es durch die Hintertür wieder und steuerte den schmalen Pfad an, der sie zur Rückseite von Kullmanns Haus führte. Jedes Mal, wenn sie diesen Weg zu ihrem ehemaligen Chef und Mentor zurücklegte, erfreute sie sich daran, wie geschickt sie ihre Lebenssituation hatte einrichten können. Als alleinerziehende Mutter, die ihrer Arbeit als Kriminalbeamtin nachgehen wollte, war Kinderbetreuung unumgänglich. Und wer war dafür besser geeignet, als der ehemalige Chef, dem sie mehr vertraute als jedem anderen Menschen in ihrem Leben.
Schon von weitem hörte sie Lisas Lachen. Es ging ihr gut. Was gab es schöneres für Anke, als ihre Tochter glücklich zu wissen.
Als Lisa ihre Mutter sah, kam sie so schnell sie konnte auf sie zugelaufen. Überglücklich nahm Anke ihre Tochter in die Arme und trug sie zur Terrasse, wo Kullmann und seine Frau Martha beim Abendbrot saßen.
»Warst du bei Rondo?«, fragte Lisa immer wieder.
»Ja, ich war bei Rondo«, erklärte Anke und hüpfte mit ihrem Kind im Arm durch den Garten, als sei sie ein Pferd.
»Ich will Rondo reiten«, stellte Lisa ihre Forderung klar.
Als Anke nicht reagierte, wurde sie ungeduldig.
»Reiten! Reiten! Reiten!«, rief Lisa. »Wann darf ich auch mal?«
»Morgen«, überlegte Anke, ein Entschluss, den sie schon bereute, kaum dass sie ihn ausgesprochen hatte.
»Ist das nicht zu gefährlich?«, fragte Martha besorgt.
»Ach was! Lisa kann doch schon auf dem Pony ihrer Freundin reiten. Und Rondo ist viel braver als das Pony.« Anke bemühte sich um ein entspanntes Lächeln.
»Aber auch viel größer!«, sprach Martha genau das aus, was Anke beschäftigte.
Sie setzte ihre Tochter auf dem Boden ab.
Froh gelaunt hüpfte die Kleine durch den Garten. Inmitten der Grünanlage stand die große Schaukel, die Kullmann im Schweiße seines
Angesichts aufgebaut hatte, als Lisa noch in den Windeln gelegen hatte. Sie setzte sich auf einen der Hängesitze und wippte mit Schwung hin und her. Das war ein wirksames Mittel für Lisa, ihren Übermut zu bändigen. Kullmanns Wunderwerk war anfangs auf größte Skepsis gestoßen; heute verging kein Tag, ohne dass Lisa daran schaukelte.
Anke schaute ihrer Tochter zu, wie sie die Schaukel verließ und sich eine neue Beschäftigung suchte. Mit ihrer neuen Jeans, die den Schnitt einer Caprihose hatte, stolzierte sie zwischen ihren Spielsachen umher, die überall verstreut im Garten herumlagen. In ihrer neuen Garderobe sah sie geradezu perfekt aus. Stramme Beinchen lugten heraus. Ihr Gesicht war gerötet vor Aufregung, weil sie es genoss im Mittelpunkt zu stehen. Immer wieder schaute sie zurück, um sich zu vergewissern, dass ihr auch alle zusahen.
»Wie war dein erster Ausritt mit deinem eigenen Pferd?«, fragte Kullmann nach dem Abendbrot. Er war gerade dabei, jedem eine Flasche Bier zu öffnen.
Anke freute sich schon auf das kühle Gebräu. Doch mit seiner Frage riss er sie aus ihren Träumereien.
Kaum hatte Kullmann ihr die geöffnete Flasche vor die Nase gestellt, bemerkte er schon, dass sie etwas bedrückte. »Bist du runtergefallen?«
Martha schnappte nach Luft.
Anke zögerte eine Weile, bis sie antwortete: »Nicht nur das.«
»Was ist passiert? Hast du dich verletzt?«
»Nein! Ich bin unglücklicherweise auf einem Skelett gelandet.«
Eine Weile schauten Kullmann und Martha sie schweigend an, was in Anke das Gefühl vermittelte, sie würden ihr nicht glauben. Es dauerte eine Weile, bis Kullmann nachhakte: »Ein Tierskelett?«
»Nein! Ein menschliches Skelett.«
Nun war er so überrascht, dass er aufstand und einige Schritte auf der Terrasse auf und ab ging. Dann stellte er sich vor Anke und meinte: »Deine Arbeitswut verfolgt dich bis in dein Freizeitvergnügen. Vermutlich ist es kein Zufall, dass ausgerechnet du auf einem Skelett gelandet bist.«
»Was soll das heißen?«
»Dass ein Jäger vermutlich auf einem Reh gelandet wäre oder ein Schuster auf einem alten Schuh. Du bist bei der Abteilung für Tötungsdelikte, prompt landest du auf einer Leiche.«
»Das musst du gerade sagen. Kaum warst du pensioniert, bist du über eine Tote gestolpert. Und das noch in einer Angelegenheit, bei der niemand an ein Verbrechen glauben wollte.«
Mit einem Nicken setzte er sich, nahm seine Flasche Bier und prostete seiner Frau und Anke zu.
»Warum regst du dich so auf?«
Kullmann stellte sein Bier ab, schaute Anke eine Weile an, bis er fragte: »Gibt es schon Vermutungen darüber, wie lange die Knochen dort liegen?«
Anke berichtete ihm von den archäologischen Untersuchungen, die durchgeführt wurden, um ausschließen zu können, dass es sich um einen keltischen Fund handelt.
Kullmanns Blick wurde skeptisch.
»Erklär mir doch bitte dein Interesse an meinem Fund!«
»Ich gebe zu, dass ich sofort an etwas denken musste.«
»An einen alten Fall?«, hakte Anke nach.
»In meiner Dienstzeit hat es mal einen Mord ohne Leiche gegeben – und zwar in Ormesheim. Ich weiß die Einzelheiten nicht mehr. Aber bevor ich die Pferde scheu mache, warte ich erst einmal ab, was deine Abteilung herausfindet. Vielleicht liege ich auch falsch und bringe euch auf die falsche Spur.«
»Klar! Du neigst dazu, uns ständig auf die falsche Spur zu bringen«, spottete Anke.
»Halte mich einfach nur auf dem Laufenden! Sollte ich mich irren, bin ich froh, den Mund gehalten zu haben. Wenn nicht, kann ich immer noch nach der Akte suchen lassen. Was hältst du von dem Vorschlag?«
»Ich habe dich noch immer über meine Arbeit auf dem Laufenden gehalten. Warum sollte ich es ausgerechnet jetzt nicht mehr tun?«
»Du bist heute kratzbürstig«, tadelte Kullmann. »Hat dir der Sturz die Laune verdorben?«
Verdutzt schaute Anke ihren ehemaligen Chef und Mentor an. Er hatte Recht, sie benahm sich aufmüpfig. Dazu hatte sie keinen Grund – und Kullmann gegenüber schon gar nicht.
Teil II
Winter 2000
Die Wolken wurden immer schwärzer. Eiskalter Wind pfiff ihm um die Ohren. Regentropfen peitschten in sein Gesicht. Er hatte Mühe zu erkennen, wohin er lief. Dabei versuchte er sein Tempo zu beschleunigen, aber seine Beine packten ihn nicht mehr. Er begann zu stolpern, rappelte sich wieder auf, taumelte weiter. Vor ihm lag die schmale Brücke zur Vauban-Insel. Das Ziel strebte er an, getrieben von der Hoffnung, sich dort vor seinem Verfolger verstecken zu können.
Was geschah nur mit ihm? Er wollte sich einen vergnüglichen Abend mit einer Frau machen, hatte sich ein erotisches Abenteuer versprochen, doch nun rannte er um sein Leben.
Eilig überquerte er die schmale Brücke.
Ein Donner ertönte. Vor Schreck zuckte er zusammen, weil er schon glaubte, es sei ein Schuss gefallen. Warum war hier alles menschenleer? Niemand zu sehen, den er um Hilfe bitten könnte. Auf der Insel angekommen stand er vor einer Wegegabelung. Schnell musste er sich entscheiden, Zögern könnte seinen Tod bedeuten. Er wählte den linken Pfad, passierte den alten Bunker, in dem sich das Restaurant Contregarde befand. Zu allem Pech sah er, dass es geschlossen war – vermutlich schon seit Jahren, denn Efeu wuchs an der Eingangstür hoch. Er sprang die mit Hecken überwucherte Böschung hinunter und rüttelte an den Gittern vor den Fenstern, aber sie waren viel zu stabil. Da fiel sein Blick auf einen weiteren Bunker, der sich eine Ebene tiefer befand, ganz nah am äußeren Rand der Halbinsel, die zur Seite des Saarlouiser Stadtparks zeigte. Mit großen Schritten eilte er darauf zu, sprang über die Absperrung und robbte sich durch die dichten Hecken. Dort angekommen zerrte er gleich am ersten Gitter. Er hatte Glück. Es war locker. Gerade wollte er hineinspringen, da hörte er etwas ganz dicht hinter sich. Erschrocken drehte er sich um.
Vor ihm stand eine vermummte Gestalt.
Sibylle blickte auf und schaute in ein Publikum voller verängstigter Gesichter. Einige wischten sich den Schweiß von der Stirn, andere atmeten tief durch, weil sie genau im richtigen Augenblick aufhörte vorzulesen.
Nur wenige Sekunden der Stille verstrichen, dann ertönte der Applaus.
Hinterher erhob sich Antonia Welsch, stellte sich als Literaturagentin vor und verkündete, dass das Buch nun zu kaufen sei.
Der Rest des Abends verging wie im Flug. Viele Bücher der Autorin Sibylle Kriebig wechselten ihren Besitzer. Die Gäste zeigten Begeisterung, waren von großer Neugierde gepackt und lobten Sibylles Vortrag, der Lust auf mehr gemacht habe.
Der Lärmpegel sank.
Nach und nach verließen die Besucher die Buchhandlung. Sibylle rieb sich ihr Handgelenk. Es schmerzte vom Schreiben der vielen Widmungen. Verträumt schaute sie sich um, bis sie zwei Männer sah, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Der eine war groß, schlank und elegant gekleidet. Ihn umgab eine Aura, die Sibylle sofort in ihren Bann zog. Ihre Blicke trafen sich. Sie fuhr zusammen, als habe ihr jemand in den Magen geboxt. Was bedeutete das?
Sein Begleiter wirkte neben ihm winzig, dick und ungepflegt. Dafür blitzten seine Augen hellwach. Ausgerechnet der war es, der vor ihren Tisch trat. Er hielt ihr das Buch entgegen und fragte: »Wie sind Sie auf diese tolle Idee gekommen?«
Verärgert über die Frage schaute Sibylle auf. Der Blick dieses Mannes löste in ihr das Gefühl aus, er könnte in sie hineinschauen. Das verunsicherte sie.
Was bezweckte der Zwerg mit seiner Frage?
»Ich habe einfach viele Ideen. Dafür gibt es wohl kein Geheimrezept«, wich sie aus.
Ihre Angst, dass er ihr etwas entlocken könnte, was sie nicht sagen wollte, wuchs. Der Mann wirkte auf sie wie ein Fuchs.
»Haben Sie schon mehrere Bücher geschrieben?«
Was wollte er wirklich? Fragen wollte sie nicht, weil sie sich einen potenziellen Leser vergraulen könnte.
»Nein, das ist mein erstes.«
»Kommen noch weitere?«
»Ich hoffe es.« Sibylle lachte nervös. »Aber zuerst muss ich die noch schreiben.«
»Richten Sie bitte Ihre Widmung an Ingo«, bat er Sibylle.
Die Autorin schaute ihn prüfend an.
»Sind Sie das?«
»Nein! Ingo Landry ist mein Freund«, dabei zeigte er auf seinen Begleiter.
Neugierig schaute Sibylle wieder in die Richtung des Fremden. Er wandte ihr sein Gesicht erneut zu – wenn auch nur kurz. Aber das reichte schon, in Sibylle eine ganz Flut an gemischten Gefühlen hervorzurufen. Kannte sie diesen Mann?
»Und Sie? Wollen Sie nicht auch ein Buch kaufen?«, fragte Sibylle hastig, damit ihr Glotzen nicht auffiel.
Sie bekam keine Antwort.
Die beiden Männer waren die letzten Gäste gewesen. Nach ihrem Weggang gähnte die erste Etage der Buchhandlung leer.
Sibylle zögerte nicht und verließ zusammen mit Antonia das große Gebäude, in dem es plötzlich so still geworden war. Sie traten hinaus in eine sternenklare Nacht. Nur noch wenige Autos standen auf dem Parkplatz am Großen Markt. Alles wirkte jetzt ruhig und friedlich, die Hektik des Tages war vorüber.
Auf dem Heimweg durch das nächtliche Saarlouis begann Sibylle ungeduldig, das Make-up aus ihrem Gesicht zu wischen. Sie entfernte die vielen Spangen, die ihre roten Haare davon abgehalten hatten, wie Borsten abzustehen.
»Kannst du damit nicht noch ein bisschen warten?«, schimpfte Antonia. »Jetzt siehst du aus wie Frankensteins Monster.«
»Dann fällt auch niemand über mich her.« Die beiden lachten laut auf und konnten sich gar nicht mehr einkriegen.
*
Matthias Hobelt und Ingo Landry stiegen in ihren Wagen und fuhren auf die Autobahn in Richtung Mandelbachtal. Zur späten Stunde herrschte wenig Verkehr auf der sonst stark befahrenen Straße. Stille breitete sich im Wagen aus. Es dauerte lange, bis Matthias das Schweigen brach: »Die Lesung hat mich auf eine gute Idee gebracht.«
»Und die wäre?«
»Du kannst doch fantastisch schreiben.«
»Ich weiß!« Ingo nickte.
»Was hältst du davon, wenn du ein Gegenstück zu dem Krimi ›Frauen an die Macht‹ schreibst und veröffentlichst?«
»Ich soll ein Buch schreiben?« Ingo zweifelte.
»Hast du Bedenken, so etwas fertigzubringen?«, fragte Matthias.
Eine Weile hörten sie nur das leise Brummen des Motors. Ingo steuerte den alten Jaguar seines Vaters, dessen 6-Zylinder-Maschine nach wie vor wie ein Uhrwerk lief. Eine gute Limousine, die ihn an Komfort denken ließ. Bei kaltem Wetter zog er diesen Wagen den sportlichen Modellen vor. Gelegentlich leuchteten Scheinwerfer von entgegenkommenden Autos auf. Hier und da versuchte jemand zu überholen, was Ingo Landry mit seinen 250 PS unter der Motorhaube nicht zulassen konnte. In Sekundenschnelle beschleunigte er, was andere Autofahrer zum Aufgeben zwang, und in Ingo jedes Mal einen Triumph auslöste.
Mit dem Gedanken, ein Buch zu schreiben, könnte er sich anfreunden. Das würde Anerkennung für ihn bedeuten, etwas, womit es sich gut leben ließ. Bisher hatte er allerdings nur Aufsätze im Deutschunterricht in der Schule geschrieben. Sie sind von seinem Lehrer zwar ausgezeichnet worden, weil sie auffallend gut waren. Aber genügte das wirklich, ein ganzes Buch fertigzustellen?
Beruflich hatte er nichts aus seinem Leben gemacht.
Solange seine Eltern – seine Pflegeeltern – gelebt hatten, brauchte er das nicht. Das Ehepaar war steinreich, sie konnten ihm jeden Wunsch erfüllen. Es war für ihn nie nötig geworden, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Sein Vater war über mehrere Legislaturperioden Kultusminister und seine Mutter Dozentin für Chemie an der Universität in Saarbrücken. Es grenzte an Wunder, dass sie Ingo trotz seiner Untätigkeit immer hoch geschätzt hatten. Womit hatte er sich ihre Bewunderung verdient?
Inzwischen waren seine Pflegeeltern gestorben – und mit ihnen das erhebende Gefühl, etwas Besonderes zu sein.
Heute überkam ihn der Eindruck, dass sein Werdegang mehr Ähnlichkeit mit dem eines verhinderten Künstlers, oder besser gesagt eines Lebenskünstlers, besaß als mit dem eines angehenden Buchautors. Von Kindesbeinen an gehörte das Basteln von schönen Spielzeugautos zu seinen Leidenschaften, bis er erkennen musste, dass er kein einziges Modell fertiggestellt hatte. Er hatte keine Motivation, keine Ideen. Er konnte sich nie auf das Ganze konzentrieren. Etwas niederzuschreiben war nicht schlecht. Aber trotz seiner vielfältigen Überlegungen sah er das unüberwindliche Hindernis darin, es bis zum Ende zu bringen. Wie beim Basteln von Autos waren es die Details, die ihn im Sumpf der Engstirnigkeit versinken lassen würden, während ihm das eigentliche Konzept entglitt. Wie sollte er es schaffen, ein komplettes Buch zu schreiben?
Er wollte ehrlich zu seinem Freund sein, das war er ihm schuldig. Matthias hatte eine falsche Meinung von ihm, hielt ihn in der Kunst des Schreibens für begnadet, eine Haltung, die Ingo nicht gerne korrigierte. Sie behagte ihm – wie alles, was ihn auf das Podest stellte, auf das er eigentlich nicht gehörte.
»Nein, habe ich nicht«, kam es Ingo über die Lippen, als hätten sie ein Eigenleben. Gerade noch hatte er einen vernünftigen Gedanken, wenn er auch einem Gang nach Canossa glich, nämlich ehrlich zu seinem Freund zu sein. Welcher Teufel ritt ihn, sich auf dieses gewagte Spiel einzulassen?
»Nur, was soll ich schreiben?« Mit der Frage gab er seine Bedenken preis.
»Ganz einfach: Wir lesen das Buch von Sibylle Kriebig, entnehmen die Ideen, verändern sie ein wenig, indem wir die Männer an die Macht lassen und schon ist ein fantastischer Krimi fertig«, erklärte Matthias. »Und du wirst sehen, dass dein Buch sich besser verkaufen wird.«
»Warum?«
»Weil du mich hast.«
Ingo warf seinem Freund einen ungläubigen Blick zu.
»Also«, drängte Matthias. »Was hält dich davon ab? Schreib dein Buch und du wirst sehen, die Medien machen einen großen Erfolg daraus.«
»Du bist dir aber ganz schön sicher.«
»Natürlich bin ich das! Ich habe mir alles gut überlegt«, gestand Matthias. »Ein Buch von einer namenlosen Autorin wird sich auf dem Markt nicht behaupten.«
»Trotzdem kommt die Idee von ihr und nicht von mir«, zweifelte Ingo immer noch.
»Wen interessiert das? Bestseller werden nicht geschrieben, sondern von den Medien gemacht!«
»Also, wenn ich mir deinen Plan anhöre, gelange ich zu der Überzeugung, dass besser du das Buch schreibst. Du steckst voller Ideen – im Gegensatz zu mir.«
»So ein Unsinn«, wehrte Matthias ab. »Ich kann keine drei Sätze fehlerfrei schreiben. Du bist in Deutsch richtig gut, hast schon in der Schule die besten Noten bekommen. Also musst du das Buch schreiben.«
Sie verließen die Autobahn an der Abfahrt am Flughafen Ensheim, fuhren weiter über die Landstraße in Richtung Ormesheim.
Kurz bevor sie den Ort erreichten, traf Ingo seine Entscheidung: »Du hast Recht. Wir werden das Buch schreiben.«
»Klasse, Kumpel! Hand drauf!«, jubelte Matthias.
Ingo parkte seinen Jaguar vor dem Elternhaus. Feierlich schlug er mit seinem Freund auf ihre Abmachung ein. Dabei fühlte er sich wieder wie der kleine Junge, der einen Streich ausheckte.
»Das Geld teilen wir«, stellte Matthias klar und setzte damit dem Freudentaumel ein Ende.
»Wenn wir welches verdienen«, gab Ingo zu bedenken.
»Wir werden immer Mittel und Wege finden, den Verkauf anzukurbeln.«
Kapitel 5
Abwechselnd tauchten vor Ankes Augen Bilder vom Gesicht ihrer Tochter und einem kahlen Schädel auf, dessen untere Kieferpartie fehlte. Die helle, muntere Stimme, die sie hörte, passte ganz und gar nicht zu dem Totenkopf ohne Mund. Aber die Stimme war da. Lange wusste sie nicht, was sie ihr sagen wollte. Bis sie plötzlich die Worte klar und deutlich verstand: »Mama, aufstehen! Ich will reiten. Du hast es mir versprochen.«
Erschrocken richtete sich Anke auf. Traum und Wirklichkeit hatten sich vermischt. Vor ihr stand Lisa mit ihrem hübschen, runden Gesicht und den strahlend blauen Augen, die große Erwartungen ausdrückten.
Als Anke aufstehen wollte, schoss ihr ein stechender Schmerz durch den Kopf. Für einen kurzen Moment sah sie nur Sterne. Erschrocken ließ sie sich ins Kissen sinken. Aber Lisa war fest entschlossen, ihre Mutter an ihr Versprechen zu erinnern. Es blieb Anke keine andere Wahl, sie musste raus aus den Federn.
Der zweite Versuch gelang wesentlich besser. Obwohl der Schmerz wie ein dumpfes Pochen in den Schläfen zurückblieb, gelang es ihr, sich bis ins Badezimmer zu bewegen, wo sie ihrem Kreislauf mit kaltem Wasser auf die Sprünge half. In der Küche suchte sie alles zusammen, was zu einem guten Frühstück gehörte. An diesem Morgen war es Lisa allerdings egal, was auf dem Tisch stand. Ihr ganzes Interesse war, so schnell wie möglich zum Pferd zu kommen.
Anke versorgte sich mit einer großen Portion Kaffee, die ihr dabei half, die Kopfschmerzen zu lindern. Die waren wohl das Resultat ihres Sturzes. Zum Glück war es nichts Schlimmeres, dachte sie bei der Erinnerung an das rasante Tempo, mit dem Rondo über den steinigen Weg galoppiert war.
Nach dem Frühstück gingen sie durch den Hinterausgang über den schmalen Pfad in Kullmanns Garten. Das Ehepaar saß dort auf der Terrasse. Sie frühstückten im Schein der Morgensonne, ein harmonisches Bild. Wie immer stellte Anke fest, welch ein wunderbares Paar die beiden waren. Erst als Anke näher kam, sah sie, dass Norbert Kullmann die Zeitung in der Hand hielt. Sie setzte sich auf den Stuhl neben ihm.
Kullmann las ihr vor:
»Mord in der Biosphäre. Der Plan, den Bliesgau als Biosphärenreservat anzuerkennen, wird auf eine harte Probe gestellt. Wie passt ein Toter in ein umweltfreundliches Konzept? Das Skelett im Koppelwald bei Ormesheim wirft viele Fragen auf. Während die Polizei hinter den menschlichen Überresten einen unaufgeklärten Mordfall vermutet, gehen Archäologen von einem jahrtausendealten Fossil der Keltenzeit aus.«
Kullmann schaute Anke über seine Brillengläser hinweg an, während er sprach: »Die Reporter schreiben hier viel dummes Zeug. Ein Toter, der bis zum Skelett verwest ist, ist schon lange tot. Also fällt der Todeszeitpunkt vermutlich nicht in den Zeitraum, in dem die Biosphäre im Saarland schon in Planung ist. Ich sehe da keine Zusammenhänge.«
»Wie lange plant der Bliesgau schon die Anerkennung als Biosphärenreservat?«
»Ich weiß nur, dass sie sich erst in diesem Sommer aus mehreren Kommunen zusammengeschlossen haben, um einen Zweckverband zu gründen, der die hohen Anforderungen erfüllen soll.«
»Und wie lange liegt der Fall zurück, den du ungeklärt zurückgelassen hast?«, fragte Anke.
»Von wegen ungeklärt zurückgelassen! Der Fall wurde mir entzogen, weil wir ohne Leiche nichts hatten, womit wir arbeiten konnten.«
Anke wartete eine Weile, bis sie ihre Frage wiederholte: »Wie lange liegt der Fall zurück?«
»Fünf Jahre. Und ich kann mich nicht erinnern, dass damals schon die Rede davon war, im Saarland eine Biosphärenregion einzurichten.«
»Wo war ich damals?« Die Frage beschäftigte Anke viel mehr.
Kullmann musste überlegen, bis es ihm einfiel: »Du warst auf der psychologischen Schulung.«
Anke erinnerte sich. Kullmanns letzte Amtshandlung für Anke war, sie auf diese Schulung zu schicken, wofür sie ihm heute noch unausgesprochen dankte. Denn nach seiner Pensionierung hatten sich für Anke sämtliche Möglichkeiten der Weiterbildung erschwert.
»Wir wissen noch gar nicht, ob es ein Fall für unsere Abteilung ist«, lenkte Anke ab. »Warum jetzt schon den Kopf zerbrechen?«
Lisa wurde es zu langweilig. Mit lautem Kreischen ging sie auf ihre Mutter zu. »Ich will reiten!«, stellte sie unmissverständlich klar.
»Wir fahren sofort los«, besänftigte Anke ihre Tochter.
Kullmann erhob sich, was Anke mit einem erstaunten Blick registrierte.
»Martha und ich fahren mit«, erklärte er. »Ich will mir gern die Fundstelle ansehen. In der Zwischenzeit kann Martha bei Lisa bleiben und nach den Pferden sehen.«
»Solange Lisa auf Rondo reitet, bleibe ich aber dabei«, bestimmte Anke.
Kullmann verschwand im Haus. Es dauerte nicht lange, da kehrten er und seine Frau mit wetterfesten Schuhen und Windjacken zurück.
»Wir können.«
»Wir fahren mit meinem Auto«, bestimmte Anke. »Am Stall herrschen Schlamm und Dreck. Mein Subaru Forester ist für unwegsames Gelände bestens geeignet.«
Sie bogen in die Saarbrücker Straße ein, die an der Polizeidienststelle Saarbrücken-Land vorbeiführte, passierten die Halberger Hütte und fuhren unter der Autobahnbrücke durch. Dahinter lagen die Dörfer Fechingen und Eschringen, die sie hinter sich ließen, bis eine Häuseransammlung wie zu einer Zitadelle aufgerichtet vor ihren Augen auftauchte, der Ort Ormesheim.
Kurz davor bogen sie rechts ab. Die Straße war von beiden Seiten mit Feldern und Wiesen gesäumt. Es ging steil bergauf. Oben auf dem Berg boten sich ihren Augen riesige Koppeln voller Pferde. Inmitten der schönen Natur stand ein Reitstall, der aus mehreren Gebäuden in unterschiedlichen Baustilen und einer großen Reithalle bestand. Ein Reitplatz, auf dem sich Reiter mit ihren Pferden abmühten, flankierte die stark befahrene Straße.
Anke bog rechts ab, passierte den großen Platz und rollte langsam auf die Stallgebäude zu. Dicht an die Stallmauer grenzte ein kleiner, viereckiger Sandplatz an. Davor stellte Anke ihren Subaru ab.
Sie steuerten den Stalltrakt an, der sich von den anderen Gebäudeteilen darin unterschied, dass er neu aussah. Durch das offene Tor erblickten sie einen langen, breiten Gang. Alles wirkte wie leer gefegt. Zielstrebig ging Anke auf Rondos Box zu.
Kullmann und Martha erschraken über die Größe des Pferdes. Nur Lisa war begeistert. Ihr Eifer war so groß, dass Anke alle Hände voll damit zu tun hatte, sie von Rondo fernzuhalten, während sie ihn sattelte. Rondo beugte seinen langen Hals hinunter und schaute sich Lisa genauer an. Sein prüfender Blick wirkte dabei so lustig, dass Lisa laut lachte. Anke hielt ihre Tochter an, leise zu sein, aber Lisa war zu aufgeregt, um noch auf die Worte ihrer Mutter zu hören. Rondo schien das muntere Geplapper nicht zu stören. Lisa streichelte ihm über die Nase, er ließ sich das gefallen.
Nach der Reitstunde strich Anke mit dem Striegel über Rondos Beine. Da erst sah sie, dass das linke Vorderbein dick angeschwollen war. Erschrocken hielt sie inne. Das fehlte gerade noch! Nun hatte sie seit wenigen Tagen ein eigenes Pferd, schon war es krank. Sofort rief sie den Tierarzt an. Dieser versprach ihr, gegen Abend zu kommen.
Kapitel 6
Je näher Anke Deister und Norbert Kullmann der Mülldeponie kamen, umso penetranter wurde der Geruch. Schon von weitem sahen sie das Absperrband im Wind flattern. Einige Männer und Frauen arbeiteten mit groben und feinen Sieben.
Dr. Ernst Kehl löste sich aus der Menge und trat auf Anke zu.
»Na, schöne Frau«, begrüßte er sie in einem anzüglichen Tonfall. Anke mahnte sich zur Beherrschung, dass sie ihm nicht etwas Beleidigendes ins Gesicht schleuderte. »Treibt es die Täterin an den Tatort zurück?« Nachdem sein einsames Lachen erstarb, richtete er seinen Blick auf Kullmann.
»Ach! Der Herr Hauptkommissar a.D. kommt höchstpersönlich«, begrüßte er Kullmann. »Dass Sie noch Zeit haben, sich um Ihre ehemalige Arbeit zu kümmern?«
»Was soll die Bemerkung?« Kullmann reagierte gereizt.
»Sie sind Ehemann, Vater und Großvater gleichzeitig geworden.« Dr. Kehl grinste anzüglich. »So etwas entgeht uns nicht.«
»Schön, dass ich noch im Gespräch bin«, konterte Kullmann, »trotzdem möchte ich gern erfahren, ob Sie schon die Identität des Opfers feststellen können.«
»Sie wissen sicherlich, dass ich Ihnen keine Auskunft über einen laufenden Fall geben darf«, erklärte Dr. Kehl gewichtig. »Aber unserer schönen Kollegin kann ich schon mal mitteilen, dass der Archäologe und ich das Skelett in den Abendstunden untersuchen werden. Wir haben bis jetzt den Fundort weiträumig gesiebt. Sämtliche Fundstücke nehmen wir mit ins Labor.«
Anke wich einen Schritt zurück, weil Dr. Kehl immer näher an sie herantrat.
»Kommen Sie mich heute Abend besuchen, wenn ich mit der Arbeit fertig bin.«
Anke traute ihren Ohren nicht.
Einige Mitarbeiter traten in ihren Schutzanzügen auf Dr. Kehl zu. »Wir haben alles gesichert. Können wir die Absperrung aufheben?«
Dr. Kehl nickte, ohne dabei Anke aus den Augen zu lassen.
»Wann können Sie mehr über das Skelett sagen?«, schaltete sich Kullmann ein, um die Anspannung zu entschärfen. Geschickt schob er Anke zur Seite, damit Dr. Kehl ihn anschauen musste.
»Das kommt darauf an, ob Spuren vorhanden sind«, antwortete Dr. Kehl unfreundlich.
»Was haben Sie denn gefunden?«
»Das Skelett war weit verstreut. Zum Glück haben wir alle Teile gefunden, um es komplett zusammenzusetzen. Außerdem lagen Stofffetzen in der Umgebung. Vermutlich gehören sie zu der Kleidung, die er oder sie getragen hatte. Dazu eine Gürtelschnalle und ein Schlüssel. Die Zugehörigkeit müssen die Kollegen der Spurensicherung feststellen.«
Dr. Kehl machte eine schnelle Drehung. Wieder stand er ganz dicht vor Anke. Während er den Blick über Ankes Körper hinunterwandern ließ, sprach er weiter: »Das Interessanteste kommt aber noch!«
»Und das wäre?«, fragte Kullmann.
»Ich frage mich, mit wem ich hier spreche«, wurde Kehl plötzlich unhöflich. »Mit der diensthabenden Beamtin oder einem Rentner, der hier nichts verloren hat?«
Anke verschlug es fast die Sprache. Bei dem Gedanken, in dem Fall eng mit Dr. Kehl zusammenarbeiten zu müssen, wurde ihr übel.
»Nicht in dem Ton«, entgegnete sie bestimmter, als ihr zumute war, »Kullmann ist weiterhin beratend für die Polizei tätig. Also geben Sie uns die nötigen Informationen oder wollen Sie unsere Arbeit behindern?«
Dr. Kehl war verdutzt. Eine Weile schaute er Anke an, wobei er den Kopf senkte, um besser über den Rand seiner Brille sehen zu können.
»An jedem Gerücht ist ein Fünkchen Wahrheit«, bemerkte er zusammenhanglos.
Anke und Kullmann schauten sich staunend an.
»Weiß Ihre erst kürzlich Angetraute, was Sie ihr damit antun?« Dr. Kehl richtete seine Frage an Kullmann.
Anke wurde es ganz heiß vor Zorn. Was ging hier vor? Welche Absicht hegte Dr. Kehl mit seinen boshaften Unterstellungen.
»Sie dürfen nicht von sich auf andere schließen. Warum Ihre Frau Sie verlassen hat, ist schon lange kein Geheimnis mehr«, sprach Kullmann betont gelassen. »Leider bekomme ich den Eindruck, dass Ihre privaten Entgleisungen sich auf Ihr Urteilsvermögen im Gebiet der forensischen Anthropologie auswirken. Das ist schade, denn das müssen wir melden, damit ein fähiger Mann auf den Posten kommt.«
Damit hatte Kullmann Dr. Kehl den Wind aus den Segeln genommen. Eisiges Schweigen herrschte auf dem Waldweg. Die goldenen Laubbäume rauschten im Wind, einzelne Blätter fielen herab, was den Eindruck vermittelte, es regnete Gold. Das alles nahm Anke nur am Rande wahr. Die beiden Alten standen sich mit einer Feindseligkeit gegenüber, die ihre ganze Aufmerksamkeit erforderte. Dabei vertraute sie auf Kullmanns Überlegenheit, die ihm schon aus vielen brisanten Situationen herausgeholfen hatte.
Sie lag mit ihrer Vermutung richtig, denn schon bald lenkte Dr. Kehl ein, indem er die Frage beantwortete, die Kullmann schon vor einiger Zeit gestellt hatte: »Wir haben einen Backenzahn in einem erstaunlich guten Zustand gefunden. Es ist möglich, dass sich daran eine DNA feststellen lässt.«
»Das ist doch ein Anfang.« Kullmann nickte zufrieden. »Ist damit die Vermutung, dass es sich um einen Toten aus der Keltenzeit handelt, entkräftet?«
»Es sieht alles danach aus.«
»Was können Sie aus der DNA entnehmen?«, fragte Kullmann weiter.
»Ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt«, antwortete Dr. Kehl. »Aber die Identität des Toten ist nur dann zweifelsfrei festzustellen, wenn wir eine Gegenprobe zum Vergleich haben.«
»Na, das hört sich für mich so an, als würde die Mordkommission nicht um den Fall herumkommen. Um die Gegenprobe werde ich mich kümmern.«
Kapitel 7
Schritte schallten durch die dunkle Stallgasse. Anke erschrak. Sie griff instinktiv an ihre Seite, aber da war keine Waffe. Schließlich war sie privat unterwegs.
Die Schritte näherten sich.
Anke stellte sich in die Ecke von Rondos Box und verharrte. Sie kamen näher und näher und näher, bis sie direkt vor der Boxentür endeten. Da erst erkannte sie ihn: Es war der Tierarzt. Der Mann, auf den sie wartete, seit Kullmann mit Martha und Lisa nach Hause gefahren war.
Insgeheim ärgerte sie sich über sich selbst, dass sie so ängstlich reagierte. Das könnte in ihrem Beruf hinderlich sein. Der Tierarzt bemerkte nichts von Ankes innerer Zerrissenheit. Er untersuchte Rondo.
Millimeter für Millimeter tastete er das verletzte Bein ab, bis er zu einer Diagnose kam. Er erklärte, die Sehne sei geprellt. Das Bein müsse täglich mit Salbe versorgt und frisch verbunden werden.
Anke ahnte, dass sie bei dieser Behandlung gute Fähigkeiten als Krankenpflegerin erwerben, das Reiten jedoch verlernen würde.
Der Tierarzt fuhr davon und ließ eine frustrierte Anke zurück.
Auf dem Paddock versuchte sie, Kullmann anzurufen, weil sie innerhalb der Stallmauern keinen Empfang hatte.
Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Dunkelheit hüllte sie ein. Eine Schleiereule kreischte und zog ihre Bahnen in Richtung Wald. Ankes Blick folgte ihrer Silhouette und landete genau an der Stelle, wo sie das Skelett gefunden hatte – dicht an der Mülldeponie.
Sah sie richtig?
Leuchtete dort etwas auf?
Gebannt starrte sie in die Dunkelheit. Nichts. Sie hatte sich wohl getäuscht. Sie widmete sich wieder ihrem Handy.
Da sah sie es wieder.
Ein winzig kleiner Lichtkegel flackerte auf.
Plötzlich hörte sie ein lautes Scharren.
Erschrocken zuckte sie zusammen.
Es war Rondo, der hinter ihr mit den Hufen über den harten Boden kratzte.
»Rondo«, schimpfte sie leise. »Wie kannst du mich so erschrecken?«
Schnauben ertönte als Antwort. Dabei schlug ihr ein feuchter Luftzug ins Gesicht.
Sie drehte sich um und schaute wieder in die Richtung des Waldes. Deutlich erkannte sie, dass sich aus östlicher Richtung ein Lichtkegel auf den Leichenfundort zu bewegte.
Der Lichtstrahl verschwand.
Konnte Anke ihren Augen noch trauen?
Plötzlich sah sie zwei Lichtquellen. Dann sogar drei!
Was ging dort vor?
Eine Weile verharrte sie, beobachtete die kleinen Lichter, die abwechselnd aufleuchteten und verschwanden, bis sie anhielten. Nun glaubte Anke, sogar vier zu sehen. Dann wiederum drei, dann nur noch eins, bis alles dunkel wurde.
Ihr Handy läutete. Kullmanns Stimme lenkte sie ab. Sofort erzählte sie ihm, was sie sah.
»Soll ich nachsehen, was dort los ist?«
»Um Gottes Willen«, rief Kullmann aufgebracht. »Womöglich handelt es sich bei dem Leichenfund um ein Opfer eines Verbrechens. Es könnte doch sein, dass es tatsächlich den Täter an den Tatort zurückgetrieben hat, nachdem er von dem Leichenfund in der Zeitung gelesen hat. Du darfst nicht hingehen, sonst finden wir dich erst Jahre später wer weiß wo!«
»Schon gut!« Anke erkannte selbst, wie leichtsinnig ihr Vorschlag war. »Mach dir keine Sorgen. Während ich hier auf dich warte, rufe ich die Kollegen meiner Abteilung an. Soll Jürgen entscheiden, was er damit macht.«
Kapitel 8
»Der Archäologe hat seine Untersuchungen am Skelett abgeschlossen. Die Knochen fallen nicht in seinen Arbeitsbereich, sondern in unseren.« Mit dieser Enthüllung begrüßte Erik seine Kollegin am Montagmorgen.
Sein Tonfall ließ Anke aufhorchen.
»Und was gefällt dir daran nicht?«, fragte sie.
»Ich arbeite nicht gerne mit unkooperativen Leuten zusammen«, rückte Erik mit der Sprache heraus. »Ich verbringe hier das ganze Wochenende mit dem Fall, aber Dr. Kehl ist nicht bereit, mir seine Ergebnisse mitzuteilen.«
»Wem will er sie denn ausrichten?«, fragte Anke schon ahnend, wie die Antwort ausfallen würde.
»Dir. Und zwar nur dir!«
»So ein Idiot. Damit blockiert er nur die Ermittlungen.«
»So ist es. Aber sein Gegenargument lautet, dass unser Toter schon länger tot ist, also bestehe kein Grund zur Eile.«
»Er sagt uns also, wo die Prioritäten liegen?«
»Sieht so aus.«
»Na gut! Wenn das so ist, trinke ich zuerst einen Kaffee.«
Das verstand Erik als Aufforderung. Er stand auf, verließ das Zimmer und kehrte mit einer funkelnagelneuen Thermoskanne zurück.
»Na, wie findest du meine neue Anschaffung?«
»Toll! Was bezweckst du damit?«
»Ganz einfach: Damit will ich den Kaffee heiß halten, ohne dass er auf der Maschine einkocht und nachher ungenießbar wird.«
»In dir steckt ein talentierter Hausmann«, schmunzelte Anke anerkennend. »Solche Kleinigkeiten würden mir nicht einfallen.«
Die Tür wurde hastig aufgerissen.
Bernhard Diez trat ein.
»Anklopfen hat dir wohl keiner auf deiner Psychologieschulung beigebracht«, schimpfte Anke.
»Wir haben eine Besprechung. Das ist jetzt wichtiger«, entgegnete er unfreundlich.
»Laut Dr. Kehl ist unser Unbekannter schon länger tot«, hielt Anke dagegen. »Deine Hast ist also überflüssig.«
»Jürgen will aber jetzt mit uns sprechen. Ich habe das Gefühl, dass ihm Forseti im Nacken sitzt. Deshalb ist es egal, wie lange unser Unbekannter schon tot ist. Also halt hier keine Reden, sondern schwing die Hufe!«
»Das überlass ich den Pferden«, konnte sich Anke nicht verkneifen.
»Immer musst du das letzte Wort haben.« Bernhard warf die Tür zu.
»Was ist mit dem los?«, fragte Erik, der dem Gespräch stumm gelauscht hatte.
»Keine Ahnung!« Anke zuckte mit den Schultern. »Als er noch Streife gefahren ist, war er ein netter Kollege. Seit seiner Beförderung zum Kriminalkommissar benimmt er sich arrogant.«
»Und seit seinem Lehrgang in Kriminalpsychologie ist seine Selbstherrlichkeit nicht mehr zu ertragen«, fügte Erik grimmig an.
Sie betraten den Konferenzraum.
Der Platz von Esther Weis war leer. Sie befand sich auf einer Weiterbildung, was in Anke gemischte Gefühle hervorrief. Sie wusste genau, dass nur diejenigen schneller befördert wurden, die diese Schulung gemacht haben. Esther war Schnurs Schützling – so, wie Anke damals Kullmanns Schützling war. Deshalb ahnte Anke, dass die Kollegin, die nach ihr mit dem Polizeidienst begonnen hatte, vor ihr zur Oberkommissarin befördert würde.
Anton Grewe saß neben Horst Hollmann, der auch von Schnurs Beförderung zum Dienststellenleiter profitierte. Er war gerade dabei, die Kriminaldienste zu durchlaufen, eine Vorstufe zur Festanstellung bei der Kriminalpolizei. Anke war jetzt schon gespannt, wie Hollmann seinen Karrieresprung verarbeiten würde. Dabei musste sie an Bernhard Diez denken.
Schnur begann mit der Besprechung: »Nach den Erkenntnissen des Archäologen wird ein Fund aus der Keltenzeit definitiv ausgeschlossen. Nun sind wir auf die Mitarbeit von Dr. Kehl angewiesen. Leider haben wir es seinem Eigensinn zu verdanken, dass wir das Ergebnis seiner Untersuchung noch nicht kennen.« Während er den letzten Satz aussprach, richtete er seinen Blick auf Anke. »Der Anthropologe will nur mit dir darüber sprechen.«
Anke wirkte verdrossen.
»Erik wird dich zur Uniklinik in Homburg begleiten«, fügte er an, ohne auszusprechen, warum er diese Anordnung machte.
Anke nickte.
»Sobald wir das DNA-Ergebnis haben, rede ich mit der Staatsanwältin.«
»Das ist wirklich aufregend! Und was machen wir in der Zwischenzeit?«, unterbrach Bernhard das Geplänkel.
»Du siehst alle Vermisstenanzeigen durch«, wies Schnur den Kollegen an.
Bernhard stöhnte: »Wir wissen noch nicht einmal, zu welcher Zeit unser Opfer verschwand.«
»Eine zeitliche Eingrenzung wird uns Dr. Kehl liefern.«
»Und wonach suche ich: nach einem Mann oder einer Frau?«
»Wie wäre es, nach einem Menschen zu suchen?«, stellte Schnur eine Gegenfrage.
Bernhard schluckte.
»Anton Grewe und Horst Hollmann werden dir dabei helfen. Hier hat sich noch niemand zu Tode arbeiten müssen.«
Bernhard verzog sein Gesicht zu einer Grimasse.
»Ich spreche mit Theo Barthels, dem Leiter der Spurensicherung, welche Spuren am Samstag – nach dem nächtlichen Besuch am Fundort – gesichert werden konnten. Vielleicht hat er Hinweise gefunden. « Mit diesen Worten beendete Schnur die Sitzung.
Anke und Erik verließen den Besprechungsraum.
»Ich finde es nicht richtig, Ernst Kehls Sonderwünschen nachzugeben«, begehrte Anke auf.
Nachdenklich schaute Erik seine Kollegin an.
Ihre dunklen Haare schimmerten rötlich im Schein der Sonne, die durch das Fenster schien. Ihre Haare reichten über ihre Schultern, einige kurze Fransen fielen ihr in die Stirn, wodurch ihr ebenmäßiges Gesicht keck wirkte.
»Da gebe ich dir Recht«, meinte Erik. »Trotzdem kann ich Dr. Kehl gut verstehen.«
Verständnislos schaute Anke Erik an, konnte aber keine Belustigung feststellen.
»Was soll das heißen?«
»Dass Dr. Kehl Geschmack hat.«
»Und ich werde gar nicht gefragt?« Anke kam die Wut hoch.
»Natürlich. Was glaubst du, warum Jürgen darauf besteht, dass ich dich begleite.«
Kapitel 9
Dr. Kehl stand im weißen Kittel vor einer Stahlfläche, auf der ein komplettes Skelett lag. Als er Anke eintreten sah, hielt er mit seiner Arbeit inne, zog seine Latexhandschuhe aus und begrüßte sie mit einer Freundlichkeit, die Anke als Warnung auffasste. Erik bekam nur ein kurzes Kopfnicken.
»Da sind Sie ja endlich.« Ohne seinen Blick von Anke abzuwenden, trat er auf das Skelett zu. »Ich habe die Knochen inzwischen untersucht und zugeordnet. Anhand der Knochennähte, die, wie wir hier sehen können, zusammengewachsen sind, handelt es sich um einen ausgewachsenen Menschen, Alter zwischen dreißig und fünfzig Jahren. Zu Lebzeiten erlitt er eine Fraktur am linken Oberarm. Von seinen Zähnen konnten wir nur einen einzigen finden, an dem wir die DNA–Analyse durchgeführt haben. Das Ergebnis hat das Labor noch nicht ermittelt. Aber im Laufe des Tages werden wir es erhalten.«
»Was ist die Todesursache?«, fragte Erik.
»Unser Opfer wurde doppelt ermordet«, erklärte Dr. Kehl. »Einmal wurde es erwürgt, das erkennt man daran, dass das Zungenbein gebrochen ist.« Er wies mit seiner behandschuhten Hand auf einen kleinen, vorstehenden Knochen zwischen den spärlichen Überresten des Unterkiefers und den oberen Halswirbelknochen, der umgeknickt war. »Weiterhin wurde auf Ober – und Unterkiefer mehrmals eingeschlagen, dass kaum etwas von den Knochen erhalten geblieben ist.« Er hielt kurz inne, schaute Anke eindringlich an. »Allerdings habe ich die erstaunliche Entdeckung gemacht, dass die Knochen bei unserem Opfer so brüchig waren wie bei einem alten Mann.«
»Jetzt wird es kompliziert«, stöhnte Anke.
»Ganz und gar nicht. Ich will damit sagen, dass die Knochen nur dadurch restlos zertrümmert werden konnten. Ansonsten bleibt immer noch etwas erhalten, was wir für Untersuchungen verwenden können.«
»Was heißt das für uns?«
»Entweder war das Opfer nach den Anstrengungen des Erwürgens immer noch nicht tot oder der Täter wollte vermeiden, dass die Identität des Opfers festgestellt werden kann.«
»Wäre das Opfer an der Zertrümmerung der Kiefer gestorben?«
»Bei dieser massiven Verletzung wäre es erstickt.«
»Wurden ihm die Verletzungen vor oder nach seinem Tod zugefügt?«
»Das kann ich nicht mehr feststellen.« Dr. Kehl zuckte mit den Schultern. Wieder blieb sein Blick auf Anke haften, als er anfügte: »Warum übt eine so aufregend schöne Frau wie Sie solch einen morbiden Beruf aus?«
»Das lassen Sie mal meine Sorge sein«, entgegnete Anke schroff und fügte ihre nächste Frage an: »Wie lange lag der Tote an dem Ort, an dem ich ihn gefunden habe?«
»Das ist schwer zu beantworten. Zwischen fünf bis zehn Jahren. Mit Sicherheit wurde er der ungewöhnlichen Hitze und Trockenheit im Sommer 2003 ausgesetzt. So etwas beschleunigt den Verwesungsprozess. Hinzu kommt, dass die Leiche nicht tief genug begraben wurde. Das begünstigt Tierfraß. Außerdem ist von seinen Kleidern nicht mehr viel erhalten geblieben, was vermuten lässt, sie waren blutgetränkt, sonst verrottet eine Hose nicht vollständig.«
»Tote bluten nicht«, funkte Anke dazwischen.
»Das beantwortet deine Frage, ob er noch lebte, als ihm die Verletzungen zugefügt wurden«, reagierte Erik darauf.
»Das sind vage Vermutungen«, schaltete sich Dr. Kehl schnell ein. »Wir wissen nicht, ob das Opfer vollständig bekleidet war, als es im Wald vergraben wurde.«
Die Veranschaulichungen wurden immer schauriger. Anke schüttelte sich bei der Vorstellung, was sich dort abgespielt haben musste, wo sie vom Pferd gefallen war.
»Sie sagten doch, dass Kleidungsreste in der Nähe des Fundorts lagen«, erinnerte Anke Dr. Kehl.
»Nur dürftige Stofffetzen, meine Schöne …«
»Ich bin nicht Ihre Schöne«, unterbrach Anke den Alten.
»… zum vollständigen Bekleiden zu wenig«, sprach der Anthropologe unbeirrt weiter. »Zudem lagen dort eine Gürtelschnalle und ein Schlüssel, gnädiges Fräulein.«
»Für Sie immer noch Kriminalkommissarin Deister. Ihre Verniedlichungen können Sie sich sparen!«
»Ganz schön rebellisch, Ihre Kollegin«, wandte sich Dr. Kehl an Erik, der nur mit einem grimmigen Blick reagierte. »Sämtliche Fundstücke befinden sich bereits im Labor bei Theo Barthels, der die kriminaltechnische Untersuchung daran durchführt.«
Kapitel 10
Erik hörte, dass sich der Arbeitstag seinem Ende näherte. Nach und nach verstummten die Telefone und das leise Klappern der PC-Tastaturen. Dann erstarben die Stimmen der Kollegen, die sich immer etwas zu erzählen hatten, bis die letzten Schritte auf dem Korridor verhallten. Wie so oft blieb er allein in den Räumlichkeiten zurück. Private Termine, die keinen Aufschub duldeten, hatte er nicht. Auch keine Familie, die auf ihn wartete. Sein Freundeskreis hielt sich in Grenzen. Lag das an seinen Arbeitszeiten? Oder schob er unbewusst die Arbeit vor, um sich nicht auf neue Freunde konzentrieren zu müssen? Er wusste es nicht. Gern übernahm er Dienste für Anke. Sie hatte eine kleine Familie, Menschen, die auf sie warteten. Und ein Pferd. Er gönnte ihr das Glück von ganzem Herzen, wollte seinen bescheidenen Beitrag dazu leisten und ihr einige Arbeitsstunden abnehmen. Leider fühlte er sich dabei nicht wie der fürsorgliche Freund, der er gerne wäre, sondern einsam. Die Stunden im Büro konnte er schon nicht mehr zählen.
Das Läuten des Telefons lenkte ihn endlich von seinen tristen Gedanken ab. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Dr. Kehl. Der Tonfall seiner Stimme verriet, wie enttäuscht er darüber war, nicht Anke persönlich zu hören.
»Wir haben das Ergebnis der DNA-Untersuchung. Es handelt sich zweifelsfrei um ein männliches Opfer.«
»Und?«
»Ich brauche nur noch eine Gegenprobe zum Vergleich. Ich habe mir das Material genau angeschaut. Das Untersuchungsverfahren der Polymerase-Kettenreaktion hat zu einem ausführlichen Ergebnis geführt, sodass Zweifel ausgeschlossen werden können.«
Erik atmete tief durch. Nun mussten sie also die Vermisstendateien nur noch nach Männern absuchen. Das reduzierte ihre Arbeit wesentlich.
Nach Hause fahren wollte er nicht. Dort würde sich seine Einsamkeit nur fortsetzen. Also beschloss er, Anke im Reitstall aufzusuchen.
Zügig fuhr er in Richtung Mandelbachtal. Kaum hatte er den lang gezogenen Anstieg bei Ormesheim hinter sich gelassen, fühlte er sich überwältigt von dem Anblick, der sich ihm bot. Sein Kopf war bis zu diesem Zeitpunkt voll mit Überlegungen über seine Arbeit. Doch mit einem Mal waren alle Gedanken wie weggewischt. Seine Augen erfassten Wiesen, Felder und Wälder, lebhafte Pferde, die über Koppeln galoppierten und Reiter, die auf einem großen Platz direkt an der Straße über bunte Hindernisse sprangen. Eine Schar von Gänsen watschelte majestätisch mit hoch erhobenen Köpfen über den schmalen Zufahrtsweg, womit sie die Autofahrer zum langsamen Fahren anhielten. Anke ging neben ihrem Pferd Rondo auf einem kleinen Sandplatz her. Lisa saß stolz im Sattel.
Was für ein Anblick! Erik schmunzelte.
Er stellte seinen Wagen ans Ende der langen Reihe von parkenden Autos und steuerte auf den kleinen Reitplatz zu. Die späte Sonne verströmte rotes Licht, von Wärme war nichts zu spüren. Lisa trug einen blauen Anorak und einen Reiterhelm. Ihr Gesicht strahlte vor Glück.
»Hallo Erik«, rief Anke überrascht. »Du hier?«
»Ja! Ich wollte unseren Reiternachwuchs bestaunen.«
Die Kleine fühlte sich mächtig stolz. Demonstrativ hob sie beide Arme hoch, um Erik zu zeigen, wie gut sie das Reiten schon beherrschte. Anke fasste schnell die Zügel ihres Pferdes nach, damit es nicht auf die Idee kam, gerade jetzt loszulaufen.
»Sein Bein ist wirklich dick«, stellte Erik mit Kennermiene fest. »Hoffentlich dauert es nicht allzu lange, bis er wieder gesund ist.«
»Na ja! In der Zeit kann Lisa auf ihm reiten. Ihr Gewicht wird seinem Bein nicht schaden.«
Erik übernahm die Aufgabe, das Pferd zu führen.
Mit Rondo in ihrer Mitte drehten sie ihre Runden, während sie das Treiben um sich herum beobachteten. Vom großen Reitplatz hörten sie die laute Stimme des Reitlehrers. Dazwischen ertönte immer wieder das zornige Schnattern der Gänse. Vom Stall erklang in immer kürzer werdenden Abständen das klägliche Wiehern eines Pferdes. Einige Männer versammelten sich vor der Reithalle und lachten. Hunde bellten, Kinderstimmen schallten heiter.
Plötzlich donnerten Hufe so laut, dass Rondo erschrak. Ruckartig blieb er stehen, hob den Kopf und schaute in die Richtung, aus der der Lärm kam.
Im gleichen Augenblick galoppierte ein schwarzes Pferd mit Sattel und Trense – allerdings ohne Reiter – vom großen Reitplatz in einem Wahnsinnstempo den schmalen, asphaltierten Weg hinunter in Richtung Stall. Ein Mutiger versuchte sich dem Pferd in den Weg zu stellen, um es zum Halten zu zwingen. Aber in letzter Sekunde überlegte er es sich anders. Das Pferd wollte sich nicht aufhalten lassen. Hufgetrappel polterte durch die lange Stallgasse. Laute Schreie begleiteten das Donnern der Hufe auf dem Betonboden.
Hinter der langen Stallgasse tauchte der Rappe wieder auf und lief an den Koppeln entlang in Richtung Wald. Reiter kamen ihm im Schritt entgegen.
Mit angehaltenem Atem beobachteten Anke und Erik, was nun geschah. Erstaunlicherweise bremste das wild gewordene Pferd ab, ließ sich von einem der Reiter am Zügel fassen und zurück zum Stall führen.
»Was war das?«, fragte Erik.
»Keine Ahnung!« Anke atmete erschrocken aus. »Für heute reicht es mir. Lisas Reitstunde ist hiermit beendet.«
Trotz Lisas Protest führte Erik das Pferd in den Stall.
»Dr. Kehl hat das Ergebnis der DNA-Untersuchung«, berichtete er, während Anke und Lisa das Pferd versorgten.
Neugierig horchte Anke auf.
»Das Opfer ist männlich. Er braucht jetzt eine Gegenprobe zum Vergleich.«
»Konnte er den Eintritt des Todes inzwischen genauer bestimmen?«
»Er bleibt bei seiner anfänglichen Feststellung, dass der Tote dort fünf bis zehn Jahre gelegen hat.«
»Kullmann hat eine Theorie, wen wir dort gefunden haben könnten. Ob er sich darüber freuen wird, dass aus seinem Mord ohne Leiche ein ungelöster Mordfall aus seiner Dienstzeit geworden ist, werden wir noch sehen.«
Erik spottete: »Solltest du wieder ausreiten, binde dich gut am Sattel fest. Nicht dass du mit deiner Nase auf den nächsten ungelösten Fall stößt.«
Ärgerlich warf Anke ihm einen Striegel an den Kopf. Sie verließen den Stall. Inzwischen war es stockdunkel. Die Mondsichel leuchtete, Sterne funkelten im schwarzen Abendhimmel.
»Wer zuletzt bei dir zuhause ankommt, bezahlt die Pizza!«, feixte Erik.
»Das ist unfair und das weißt du. Mit Lisa im Auto werde ich mich hüten, ein Wettrennen zu starten.«
»Also bezahlst du die Pizza!«, schlussfolgerte Erik.
Hintereinander verließen sie den Parkplatz.
Lisa plapperte vom Fonds des Wagens aus unentwegt über ihre Reiterlebnisse auf Rondo. Die Freude war ihr ins Gesicht geschrieben. Ihre blauen Augen leuchteten, ihre Wangen waren gerötet, ihre blonden Haare standen zottelig vom Kopf ab. Lisa war glücklich. Der Anblick wirkte wohltuend auf Anke.
Die Straße den Hügel hinunter gab einen ungestörten Blick über die hell erleuchtete Start – und Landebahn des Saarbrücker Flughafens frei. Ein Flugzeug startete. Ein anderes landete. Reger Betrieb herrschte. Sehnsüchtig schaute Anke dem Flieger nach, der in Richtung Süden davonflog. Jetzt ein paar Wochen am Strand, zusammen mit ihrer lebhaften Tochter – ach, wäre das schön! Doch leider war ein Urlaub nicht drin. Das Pferd hatte ihre Ersparnisse gekostet – Rondo würde ab sofort ihr Urlaub sein, ihr Freizeitausgleich, ihr Hobby und alles in einem.
Vor ihrer Wohnung wartete Erik auf sie. Mit der Lichthupe blinkend hatte er sie auf der Autobahn überholt. Sie betraten das Appartementhaus und steuerten ihre Wohnung im dritten Stock an.
Dort kam es wie erwartet. Lisa wollte nicht schlafen. Es dauerte lange, bis es Anke endlich gelang, sie davon zu überzeugen. Anschließend ließen sie sich erschöpft auf der Couch nieder und bestellten Pizza.
»Du bist mir eine große Hilfe«, murrte Anke.
»Was habe ich falsch gemacht?«
»Anstatt Lisa konsequent ins Bett zu stecken, hast du dich von der Kleinen einwickeln lassen.«
Erik schaute Anke eine Weile an, bis er reagierte: »Sie hat es gut drauf, mich um den kleinen Finger zu wickeln.«
Spürte Anke in Eriks Worten eine Sehnsucht? Sah er sein eigenes Kind in Lisa? Eriks Augen sprachen Bände, wenn er Lisa ansah. Hoffentlich war das nicht Eriks wirklicher Grund, sich so liebevoll um Lisa zu kümmern. Seit Anke wusste, dass er durch einen Autounfall Frau und Kind verloren hatte, sah sie ihren Arbeitskollegen anders. Sie bewunderte ihn dafür, wie gut es ihm gelang, mit seinem harten Schicksal zurechtzukommen.
Der Pizzabote klingelte. Eine bessere Ablenkung von schwermütigen Gedanken konnte es nicht geben. Während sie ihre Pizza aßen, überlegten sie, was sie in dem Zeitraum gemacht hatten, in dem das Opfer im Koppelwald zu Tode gekommen war.
»Ich habe erst im Jahr 1996 meine Laufbahn als Kriminalkommissarin in Kullmanns Abteilung begonnen«, sagte Anke.
»2002 warst du im Mutterschutz«, erinnerte sich Erik. »Zum Jahresende hatten wir den Stalking-Fall.«
»Stimmt! Im gleichen Jahr ist Kullmann in Pension gegangen – ich glaube, es war kurz vor Sommeranfang. Also müsste der Tote schon im Frühjahr dort abgelegt worden sein, während wir mit dem Polizistenmörder beschäftigt waren.«
»Dann wüssten wir beide davon.«
»Ich lag kurze Zeit im Krankenhaus«, gab Anke zu bedenken.
»In der Zeit ist nichts passiert.«
Schweigend aßen sie den Rest der großen Pizza auf, schoben die Verpackung beiseite und lehnten sich auf dem Sofa zurück.
»Wir sollten morgen mit Theo Barthels über die Gürtelschnalle sprechen«, unterbrach Erik die Stille.
»Glaubst du, er kann heute noch feststellen, wem sie gehört hat?«
»Ich hoffe es. Was mich stutzig macht, ist die Vermutung von Dr. Kehl, dass das Opfer keine Kleider mehr trug.«
»Das ist schrecklich.« Anke nickte. »Aber warum macht dich das stutzig?«
»Wenn er keine Kleider mehr trug, dann bestimmt auch keinen Gürtel mit Schnalle.«
Anke verzog ihr Gesicht zu einer ironischen Grimasse: »Du hast mich auf des Rätsels Lösung gebracht.«
Erik schaute Anke erwartungsvoll an.
»Es ist der Mann, der nichts anhat als den Gurt auf dem Schild an der Straße von zu Hause in die Stadt, wo ich so oft lang fahr.«
Erik ergriff ein Kissen und warf es mit Schwung in Ankes Richtung.
»Und ich dachte, es käme ein geistreicher Beitrag von dir.«
»Deine Beiträge sind auch nicht besser«, hielt Anke dagegen.
»Das Lied handelt übrigens von einer Frau – nicht von einem Mann.«
»Dann passt es aber nicht auf unseren Toten. Der ist nämlich eindeutig ein Mann.«
»Jetzt sind wir so weit, wie wir waren: Wir können nur hoffen, dass Theo Barthels diese Gürtelschnalle jemandem zuordnen kann.« »Vielleicht hat der Mörder sie getragen. Er wird nicht ebenfalls nackt im Wald herumgelaufen sein«, sinnierte Anke.
»Stimmt! Es könnte ein Kampf zwischen Täter und Opfer stattgefunden haben. Dabei hat der Täter die Gürtelschnalle verloren, ohne es zu merken.«
Anke hatte sich das Kissen geschnappt und versuchte jetzt, Eriks Kopf zu treffen. »Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Dass Mörder ihre Visitenkarte am Tatort zurücklassen, kommt nämlich äußerst selten vor.«
Erik fing das Kissen und schleuderte es zurück.
»Außerdem gab es noch einen Schlüssel am Fundort. Vielleicht sollte das eine Einladung des Täters sein, ihn zu verhaften«, trieb er den Spott weiter.
»Stimmt! Jetzt ziehen wir von Haus zu Haus und probieren den Schlüssel aus.«
»Goethe war gut!«, feixte Erik.
»Jetzt fällt mir wieder ein, dass im Jahr 2002 ein großes Unheil aus Köln zu uns gekommen ist«, neckte Anke ihren Kollegen und warf ihm das Kissen zurück. Diesmal traf sie.
Erik nahm es aus seinem Gesicht und legte es hinter seinen Kopf.
»Ich weiß nicht, wovon du redest«, murmelte er, wobei er sein Grinsen unterdrückte.
Teil IV
Frühling 2001
Stockfinstere Nacht. Von Panik erfasst rannte sie um ihr Leben, sah nicht, wo sie hintrat, lief immer nur weiter in der Hoffnung, ihrem Verfolger zu entkommen. Unter ihren Füßen spürte sie, dass der Boden weicher wurde. Sie hatte den Weg verlassen, ohne es zu bemerken. Wieder nahm sie in den Augenwinkeln den Lichtkegel einer Taschenlampe wahr. Er holte sie ein. Plötzlich glaubte sie, jemand riss ihr den Boden unter den Füßen weg. Mit einem heftigen Aufprall landete sie im Sand, der ihr in den Mund drang. Sie wollte schreien, bekam keinen Ton heraus – wollte sich aufrappeln, wurde jedoch von einem schweren Gewicht heruntergedrückt.
»Du entkommst mir nicht«, hörte sie eine bedrohliche Stimme. »Keine Frau entkommt mir. Ich bin euch allen überlegen!«
Während er sprach, gelang es ihr, sich aus seinem Griff zu befreien. Hastig sprang sie auf und rannte weiter. Aber die Dunkelheit machte es ihr unmöglich auszumachen, wo sie hinlaufen sollte. Da spürte sie wieder das Licht der Taschenlampe. Ohne es zu wollen, zeigte ihr der Verfolger damit den Weg. Sie erkannte die Mauersteine, die die Umrisse der alten römischen Villa aufzeigten, konnte über jeden Vorsprung springen, ohne zu stolpern. Sie gelangte an den überdachten Bau, der die Heizkammern der alten, römischen Fußbodenheizung zeigte. Dort wollte sie sich verstecken, weil das der einzige Ort war, der sich dazu eignete. Sie duckte sich, bevor der Schein der Taschenlampe sie erfasste. Hoffentlich war sie schnell genug!
Die Zuschauer hielten den Atem an.
Ein Besucher spazierte durch den Europäischen Kulturpark in Bliesbrück-Reinheim. Sein Interesse galt ganz besonders der altrömischen Fußbodenheizung, auf die die Archäologen bei ihren Ausgrabungen gestoßen waren.
Zunächst stieß ihn der unangenehme Geruch ab. Er beschloss, ihn zu ignorieren, weil ihn das Heizungssystem aus der Antike faszinierte. Doch der Geruch wurde immer beißender, bis er plötzlich auf eine halb verweste Frauenleiche stieß.
Er traute seinen Augen nicht. Das Summen von Fliegen und die schlängelnden Bewegungen tausender von Maden ließen keinen Zweifel daran: Diese Frau lag nicht seit über tausend Jahren an dieser Stelle, sondern erst seit wenigen Tagen!
*
Ingo Landrys Stimme schallte geisterhaft durch die Nacht. Wind frischte auf, was noch mehr Grauen in die Gemüter der Zuschauer trieb. Er schaute auf, sah nur kreideweiße, angstverzerrte Gesichter. Niemand bemerkte, wie spät es bereits war. Zum Glück hatte das Wetter mitgespielt, worauf man sich im März nicht immer verlassen konnte. Ein Regenschauer während seiner Lesung auf einer Freilichtbühne hätte seine Veranstaltung verdorben.
Den Ort seiner Buchvorstellung verdankte er seinem Freund Matthias Hobelt – dem er so manches verdankte, was die Entstehung dieses Buches betraf. Die Naturbühne in Gräfinthal als Ambiente für seine persönliche Veranstaltung war überwältigend. Die Wirkung seiner Einladung ebenso, denn die Anzahl der Besucher übertraf seine kühnsten Vorstellungen. Es waren so viele, dass er sie nicht mehr zählen konnte.
Die Stille, die abrupt nach seinem gruseligen Vortrag herrschte, unterstrich den Schauder noch. Die Menschen machten auf ihn den Eindruck, als wollten sie den Augenblick auskosten.
Kaum war der Zauber vorbei, da eroberte eine große, schlanke Frau die Bühne, übernahm das Mikrofon und begann zu sprechen: »Ich bin die Literaturagentin unseres Krimiautors Ingo Landry. Mein Name ist Sonja Fries. Wie ich sehe, hat Ingo Landrys Vortrag Sie gefesselt. Ihr Interesse ist geweckt. Sie können gerne Fragen an den Autor richten. Und wenn Sie erfahren wollen, wie diese spannende Geschichte weitergeht, können Sie das Buch »Emanzipation des Mannes« kaufen. Da steht alles drin.«
*
Damit brachte sie die Zuschauer zum Rasen. Sie stürmten zum Autor auf die Bühne, bombardierten ihn mit Fragen und kauften sein Buch mit großer Begeisterung alle wollten wissen, wie es in seinem Krimi Emanzipation des Mannes weiterging.
»Haben Sie schon ein neues Buch in Planung?«, fragte ein Besucher.
»Nein«, antwortete Ingo, wobei ihn die Sorge beschäftigte, dass er keine Idee für ein weiteres Buch hatte. Er musste alles auf diese eine Karte setzen.
»Wie sind Sie auf so eine spannende Idee gekommen?«, fragte ein anderer.
Nun musste Ingo sich bemühen, einen Schweißausbruch zu unterdrücken. Betont lässig antwortete er: »Bei einem Besuch des Europaparks in Bliesbrück-Reinheim kam mir die Idee.«
»Mussten Sie viel recherchieren, um dieses Buch zu schreiben?«
»Ein wenig.« Ingo grinste dämlich, weil er im Grunde genommen überhaupt nicht nachgeforscht hatte.
»Glauben Sie, dass Sie auf die Bestsellerliste kommen?«
»Ich hoffe es«, antwortete Ingo im Brustton der Überzeugung.
»Haben Sie eine Idee, wie Sie das Ziel erreichen könnten?«, fragte der Besucher weiter.
»Ich weiß genau, was ich dafür tun muss.«
Damit war die Veranstaltung beendet, alle Bücher verkauft.
Nachdem der Besucherstrom abgerissen und Stille auf der großen Bühne eingekehrt war, blieb Ingo Landry noch eine Weile ganz allein dort sitzen und ließ die schönen Erinnerungen an sich vorüberziehen. Es war ein Gefühl der Bewunderung, das er gerade erlebt hatte – ein Gefühl, das süchtig machen konnte. Ein Bick auf seine Literaturagentin Sonja Fries gab ihm die Gewissheit, dass ihm mit dieser Frau noch viel mehr gelingen konnte. Sie war eine aufregende Erscheinung, die ihn an alle Sünden erinnerte, die er noch nicht begangen hatte. Ein Lächeln zog sich über sein Gesicht.
Doch es sah gerade nicht so aus, als hätte er heute eine Chance bei ihr. Mit einem lasziven Kussmund verabschiedete sie sich und fort war sie. Ingo verzog sein Gesicht grimmig. Diese Frau wusste genau, wie sie ihn auf Hochtouren brachte. Sie ließ ihn zappeln. Und zwar aus purer Berechnung, damit er bei ihrem nächsten Stelldichein umso leidenschaftlicher war.
Er schnaufte – bemühte sich, an etwas anderes zu denken. Sein Blick fiel auf Matthias Hobelt, der geduldig auf ihn wartete. Zusammen machten sie sich auf den Weg zum Parkplatz. Erst jetzt bemerkte er den Temperatursturz. Während er vorgelesen hatte, war er so ins Schwitzen geraten, dass ihm das nicht aufgefallen war. Den Zuschauern wohl auch nicht, denn niemand von ihnen hatte es eilig gehabt, niemand wollte vorzeitig die Veranstaltung verlassen.
Am Auto angekommen schauten sich die beiden Männer an und lachten. Matthias Hobelt legte den Arm um seinen Freund, den Krimiautor: »Habe ich dir nicht gesagt, dass mit deiner Schreibkunst Geld zu verdienen ist?«
»Doch!«
»Es war geschickt, meine Beziehungen spielen zu lassen, damit du hier lesen kannst«, sprach Matthias weiter. »Es ist immer gut, wenn man Freunde hat. Seit ich hier ehrenamtlich arbeite, habe ich diesen Traum gehegt – nun ist er wahr geworden.«
»Ich bin froh, einen Freund wie dich zu haben«, gestand Ingo, wobei er sich bemühte, sehr überzeugend zu klingen.
»Ich hoffe, dir ist klar, dass wir den Gewinn teilen«, fügte Matthias an. »Ich kann den Zaster nämlich gut gebrauchen.«
»Klar, Junge! Habe ich dich jemals betrogen?«
»Nein! Ich rate dir auch, es niemals zu tun«, gab Matthias unmissverständlich zu verstehen.
»Du benimmst dich schon wie die Bösewichte in meinem Krimi.« Ingo fühlte sich aus seiner Schwärmerei gerissen.
»Das fällt mir leicht, wie du dir wohl denken kannst. Schließlich habe ich die kriminellen Charaktere entworfen.«
»Hast du sie wirklich nur entworfen?«, fragte Ingo, schlagartig ernüchtert.
Sibylle Kriebig und ihre Freundin Antonia Welsch saßen unter den Zuschauern. Während die Menschenmassen sich in den Bann der Erzählungen ziehen ließen, spürte Sibylle mit jedem vorgelesenen Wort größere Unbehaglichkeit. Es dauerte eine Weile, bis Antonia Sibylles Erregung registrierte. Sie fragte im Flüsterton: »Was ist los mit dir?«
Sibylle murrte: »Das ist ein Plagiat!«
»Pst! Nicht so vorschnell mit deinen Behauptungen«, bremste Antonia Sibylles Erregung.
»Wenn ich es dir sage«, beharrte Sibylle, doch Antonia ließ sie nicht weiter sprechen.
*
Geduldig lauschten sie dem Rest der Lesung. Als die Literaturagentin Sonja Fries die Bühne betrat, flüsterte Antonia ganz aufgeregt: »Die kenne ich.«
»Woher?«
»Sonja hatte großes Interesse daran, dein Buch zu vermarkten«, antwortete Antonia. »Aber du hast ja mich.«
»Davon weiß ich ja gar nichts.«
»Ich habe meinen Job verteidigt«, fügte Antonia grinsend an.
Als die Zuschauer auf die Bühne zusteuerten, um den Buchautor zu feiern, wurde es Sibylle zu bunt. Sie steuerte die entgegengesetzte Richtung an. Im Eilschritt verließ sie die große Tribüne der Freilichtbühne.
»Kannst du dich noch an die beiden Männer erinnern, die ganz zum Abschluss meiner Lesung in Saarlouis mein Buch gekauft hatten?«, fragte Sibylle, während sie ihr Auto in der Dunkelheit auf dem Schotterparkplatz suchte.
Antonia überlegte eine Weile, konnte aber nur den Kopf schütteln.
»Einer von beiden hieß Ingo Landry.«
»Warum ärgert dich das? Du willst doch, dass die Leute deine Veranstaltung besuchen und dein Buch kaufen.«
»Bist du so begriffsstutzig oder tust du nur so?« Sibylle wurde ungehalten. »Sein Kumpel hat mich ausgefragt, wie ich auf die Idee gekommen bin und solche Sachen. Der kleine Zwerg, der mir damals schon unheimlich vorkam, war heute auch dabei. Also hatten sich die beiden schon damals den Plan zurechtgelegt. Sie haben mein Buch gelesen und siehe da, schon war alles da: Ingo Landry brauchte nur meine Idee zu übernehmen, einige Namen zu ändern und das Ganze als Produkt seiner Fantasie zu verkaufen.«
Antonia wehrte ab: »Was ich hier gehört habe, ist für mich nur der Beweis dafür, dass er einen Krimi schreibt, in dem ein Mord vorkommt und Spannung und so. Alles andere spinnst du dir zusammen.«
Wütend entgegnete Sibylle: »Vielleicht wollte auch Sonja Fries die Idee klauen. Und du willst deiner Kollegin nicht in den Rücken fallen.«
»Ich glaube, jetzt gehst du zu weit.«
Sibylle stieg in ihren Wagen und bemerkte: »Stimmt! Entschuldige bitte! Zuerst werde ich das Buch wohl oder übel lesen müssen, bevor ich Anschuldigungen erhebe.«
»Willst du dir das wirklich antun?«
»Ja!«
»Du ärgerst dich jetzt schon. Also wird es eine Zerreißprobe für deine Nerven werden, dieses Buch zu lesen.«
Kapitel 11
Der Konferenzsaal füllte sich. Angenehmer Kaffeeduft zog herein. Das leise Gemurmel und Tassenklirren verstummte, Ruhe kehrte ein. Genau in diesem Augenblick öffnete sich die Tür und gab den Blick auf die Staatsanwältin Ann-Kathrin Reichert frei. Alle starrten sie an. Fürstlicher konnte ihr Auftritt nicht sein. Ihre giftgrünen Augen wanderten über die Kollegen, bis sie bei Jürgen Schnur aufblitzten. Sie steuerte ihn an.
Der Stuhl neben Schnur wurde sofort frei gemacht. Der Dienststellenleiter wartete, bis sie Platz genommen hatte. Dabei bemühte er sich, nicht auf die Staatsanwältin zu schauen, was ihm schlecht gelang. Sie trug ihre feuerroten Haare offen. Ihr sommersprossiges Gesicht wirkte schelmisch. Die Bluse zeigte ein offenherziges Dekolleté.
Alle warteten. Die Spannung stieg an. Plötzlich ertönte in voller Lautstärke Je t‘aime ... moi non plus, das französische Liebeslied von Jane Birkin und Serge Gainsbourg.
Schnurs Gesicht färbte sich dunkelrot. Hastig zerrte er an der Brusttasche seines Hemdes und zog sein Handy heraus.
»Scheiße«, murmelte er. »Wenn ich meinen Sohn in die Finger kriege, erschlage ich ihn.«
Brüllendes Gelächter brach aus. Schnur meldete sich, aber niemand interessierte sich dafür, wer der Anrufer war. Die Stimmung war zu ausgelassen. Als er auflegte, verstummten alle und schauten ihn erwartungsvoll an.
»Unsere Sekretärin bringt die Unterlagen des forensischen Anthropologen«, erklärte er.
Kaum hatte er ausgesprochen, betrat eine füllige Dame mit grellbunten Kleidern und starkem Make-up den Besprechungsraum. Sie legte jedem Polizeibeamten eine Kopie auf den Tisch und eilte wieder hinaus.
»Hier steht, dass es sich bei dem Skelett um ein männliches Opfer handelt«, begann Schnur. »Es genügt, wenn Sie den Bericht später lesen.«
Alle Augen richteten sich auf ihn. Ihre Belustigung stand immer noch in ihren Gesichtern.
»Theo Barthels hat einige Fundstücke untersucht, die in der Nähe des Skeletts lagen«, sprach Schnur weiter, wobei er sich bemühte, seinen Ärger über die aufgeheiterten Mienen nicht zu zeigen. »Theo, bitte erklär uns, was in deinem Bericht steht!«
Der Angesprochene erhob sich mit einem Bündel Papiere in der Hand. Sein Anzug sah so aus, als sei er schon mehrmals getragen worden, weshalb er eher gemütlich als elegant wirkte. Seine Haare waren mit vielen grauen Strähnen durchzogen, seine buschigen Augenbrauen dagegen behielten ihre dunkle Farbe, was ihm schon bei einigen Kollegen den Spitznamen Theo Waigel eingebracht hatte.
Mit fester Stimme begann er zu sprechen: »Die Untersuchungen an der Gürtelschnalle ergaben keine Hinweise auf einen früheren Besitzer. Eine Herstellerfirma ist nicht mehr darauf abzulesen, da die Schnalle zu stark verrostet ist. Der Eigentümer ist leider nur durch Zeugenbefragungen zu ermitteln.« Er atmete kurz durch und setzte seinen Bericht fort: »Auf dem Schlüssel, der neben dem Skelett lag, ist keinerlei Nummer zu erkennen, sodass wir darüber auch nichts herausfinden können. Entweder hat der Rost alle Hinweise aufgefressen oder aber es gibt keine Nummer, weil der Schlüssel nachgemacht wurde. Weiterhin haben wir die Fundstelle untersucht, nachdem Anke Deister dort verdächtige Bewegungen beobachtet hat. Bei der Untersuchung konnten wir keine Spuren herausfiltern. Durch die lange Trockenheit ist der Boden zu hart und hinterlässt keine Abdrücke. Tut mir leid, dass ich keine besseren Ergebnisse vorlegen kann.«
»Können wir von einem Verbrechen ausgehen?«, fragte Ann-Kathrin Reichert.
»Der Anthropologe Dr. Kehl stellte am Skelett fest, dass das Zungenbein gebrochen ist. Außerdem wurden Ober – und Unterkiefer bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert«, antwortete Schnur. »Leider ist nicht festzustellen, ob die Zertrümmerung vor oder nach dem Tod stattfand.«
»Nach den von Ihnen zusammengetragenen Fakten handelt es sich also um ein Tötungsdelikt.«
»Deshalb kommen wir nicht umhin, den Fall zu bearbeiten.«
Alle nickten.
»Die Medien haben schon fleißig berichtet. Sie stellen diese Tat als Anschlag auf das Biosphärenreservat hin. Können wir dem etwas entgegensetzen?«
»Ja, die Leichenliegezeit. Der Tote ist nach Dr. Kehls Berechnungen seit mindestens fünf Jahren tot.« Dabei wies Schnur auf den Bericht des forensischen Anthropologen.
»Die Öffentlichkeit hat ein großes Interesse an dem Fall. Ich gehe davon aus, dass Sie mit der Situation fertig werden«, merkte die Staatsanwältin an. Damit hatte sie die Sympathien sämtlicher Männer der Abteilung gewonnen. Die Bewunderung, die bereits für sie gehegt wurde, stieg noch weiter an; eine gehörige Portion Respekt mischte sich darunter.
Den letzten Satz hatte Schnur als Aufforderung aufgefasst, nun sein weiteres Vorgehen zu besprechen. Er richtete seine Frage an seine Mitarbeiter: »Habt ihr Übereinstimmungen von vermisst gemeldeten Personen gefunden?«
Bernhard Diez antwortete: »Ein Mann wurde in Ormesheim vermisst gemeldet. Die Übereinstimmungen sind folgende: Der Mann war zum Zeitpunkt des Verschwindens achtunddreißig Jahre alt und lebte in der Nähe des Fundortes. Sein Name ist Ingo Landry.«
»Gute Arbeit. Das ging wirklich schnell!«
»Anke hat mir einen Tipp gegeben«, gab Bernhard zu.
Schnur schaute Anke fragend an, die daraufhin erklärte: »Kullmann hat mich auf einen ungelösten Fall aus seiner aktiven Dienstzeit hingewiesen. Die Tatsache, dass der Tote in Ormesheim gefunden wurde, erinnerte ihn daran, dass damals Ingo Landry als vermisst gemeldet worden war.«
»Das ist interessant«, staunte Schnur. »Warum kann ich mich nicht daran erinnern?«
»Ich war damals auf einer kriminalpsychologischen Schulung«, brachte Anke schnell ihre eigene Entschuldigung vor. »Das war im September 2001.«
»Zu dem Zeitpunkt war ich mit meiner Familie in einem langen Urlaub.« Schnur war es mit der Angabe des Datums wieder eingefallen. »Wir waren sechs Wochen auf einer Safari.«
Amüsiertes Geraune ging durch die Runde.
»Sind Sie Großwildjäger?«, fragte Ann-Kathrin Reichert, wobei sie Mühe hatte, ernst dreinzublicken.
»Ich musste mir damals etwas einfallen lassen, was meine Kinder reizte, zusammen mit ihren Eltern in Urlaub zu fahren.«
»Und? Haben Sie dort das Jagen gelernt?«
»Nein! Mir taten die Elefanten leid – ich hätte niemals einen erschießen können.«
»Das spricht für Sie.« Die Staatsanwältin nickte anerkennend.
»Gibt es etwas, was die Identität Ingo Landrys bestätigt?«, richtete Schnur seine nächste Frage an Bernhard.
»Ja, Ingo Landry passt von seinem Alter her, vom Zeitpunkt des Verschwindens – außerdem hatte er sich vor etwa zwanzig Jahren bei einem Autounfall den linken Oberarm gebrochen. Eine zusammengeheilte Fraktur an der gleichen Stelle fand Dr. Kehl am Skelett.«
»Wo wohnte Ingo Landry bis zu seinem Verschwinden?«
»In Ormesheim, in der Adenauerstraße.«
»Wir werden überprüfen müssen, ob der Schlüssel, der bei der Leiche lag, zu dem Haus passt«, bestimmte Schnur. »Außerdem übergibst du Dr. Kehl das Untersuchungsmaterial zu Ingo Landry, damit er den genetischen Vergleich machen kann!«
Bernhard nickte.
Grewe räusperte sich und verkündete: »Ich habe mich über Ingo Landry bereits informiert.«
»Was kam dabei heraus?«
»Er hat einen Kriminalroman geschrieben, der im Saarland veröffentlicht wurde.«
»Hat er darin schon mal die Rolle des Opfers geübt?« Schnurs Tonfall klang sarkastisch.
»Könnte sein«, gab Anton Grewe zurück.
»Jetzt hast du mich am Haken. Los, erzähl schon! Gibt es darin etwas Wichtiges für uns?«
»In seinem Buch werden mehrere Frauen erwürgt und im Europäischen Kulturpark in Bliesbrück-Reinheim halb vergraben aufgefunden. Darin beschreibt er das Stadium der Verwesung sehr detailliert.«
Kurzes Schweigen trat ein, das Schnur mit seiner nächsten Bemerkung unterbrach: »Ich habe den Krimi Ich töte von Giorgio Faletti gelesen. Darin wird den Opfern die Gesichtshaut abgezogen. Soweit ich informiert bin, hat Giorgio Faletti seine noch.«
»Trotzdem klingt Grewes Beobachtung interessant«, meldete sich Anke. »Das erinnert mich daran, in welchem Zustand das Opfer war, das ich gefunden habe.«
Schnur rieb sich über sein rasiertes Kinn, nickte und meinte: »Du glaubst also, dass es Parallelen gibt?«
»Genau das! Unser Toter wurde erwürgt. Ich fand ihn im Zustand völliger Verwesung halb vergraben im Wald. Das könnte doch bedeuten, dass einer seiner Leser seine eigene Mordmethode an ihm praktizierte.«
Allgemeines Staunen ging durch den Raum.
»Also müssen wir nur herausfinden, wer das Buch gelesen hat«, schlussfolgerte Bernhard schnippisch. »Eigentlich ganz einfach.«
»Du bist hier der geschulte Kriminalpsychologe«, erinnerte Schnur den vorlauten Mitarbeiter an seine erst kürzlich absolvierte Schulung. »Also kannst du den Täterkreis eingrenzen.«
Bernhard schluckte.
»Wie sieht es mit einem Motiv aus?« Die Frage richtete Schnur an Grewe. »Hat der Täter in seinem Buch ein Motiv, die Frauen zu töten und wäre es mit seinem eigenen Tod in Verbindung zu bringen?«
»Er schreibt von Frauen, die versuchen, die Männer in der Gesellschaft lächerlich zu machen. Der Mörder entwickelt einen ausgeprägten Frauenhass.«
»Das erinnert mich an etwas«, überlegte die Staatsanwältin.
Alle horchten auf. Eine Weile schaute sie nachdenklich in ihre Kaffeetasse, bis sie den roten Lockenkopf schüttelte und meinte: »Ich komme nicht dahinter. Sprechen Sie nur weiter, ich höre Ihnen zu!«
Schnur übernahm wieder das Wort: »Sollte es sich wirklich um eine Kopie der Handlung aus dem Krimi von Ingo Landry handeln, müssen wir in Erfahrung bringen, wer das Buch verlegt hat und wer mit Ingo Landry daran gearbeitet hat. Vielleicht bringt uns das weiter.«
»Ich kann mich darum kümmern«, meldete sich Bernhard Diez.
Schnur nickte und sprach Anke an: »Du wirst den Krimi unseres verstorbenen Autors ebenfalls lesen. Vielleicht kannst du noch andere Details darin erkennen!«
Anke stimmte verdrossen zu. Erik grinste Anke hämisch an. Weiter kam er nicht, denn da sprach Schnur ihn direkt an: »Du wirst zusammen mit Anton Grewe nach Ormesheim fahren, um den Schlüssel zu überprüfen. Sollte er tatsächlich passen, gibst du mir sofort Bescheid und beginnst unverzüglich mit einer Befragung der Leute im Dorf. Ich will so viel wie möglich über unser Opfer erfahren – was für ein Mensch er war, welche Interessen er hatte, mit wem er Kontakt hatte. Du weißt schon.«
Nun war es an Anke, Erik anzugrinsen.
Nach der Besprechung verließen alle murmelnd den Raum.
Anke wollte gerade die Tür zu ihrem Zimmer schließen, als sich Erik hastig hineinzwängte und fragte: »Hättest du Lust, mich nach Ormesheim zu begleiten? Das Buch kannst du auch während der Fahrt lesen.«
»Da verlangst du ganz schön viel von mir«, gab Anke zu bedenken.
Erik schaute seine Kollegin eindringlich an.
»Ich gehe nur unter einer Bedingung auf deinen Vorschlag ein!«
»Alles, was du willst!«
»Ihr bringt mich an den Stall zu Rondo! Ich muss sein Bein neu verbinden. Und kein Wort zu Jürgen Schnur!«
»Deine Bedingung in allen Ehren. Wir werden uns mit dir gemeinsam auf unerlaubtes Gebiet vorwagen.«
Kapitel 12
Die Sonne tauchte die Welt in strahlendes Licht. Das Laub an den Bäumen hatte alle Farben des Herbstes angenommen. Es wirkte wie die bunt betupfte Farbpalette eines Malers. Schon von weitem erblickten sie den Kirchturm. Majestätisch prangte er über Ormesheim.
Sie steuerten Ingo Landrys Haus an, das direkt am Ortseingang dicht an der Adenauerstraße stand. Das Auto stellten sie davor ab, stiegen aus und traten auf die Haustür zu. Sie war verwittert. In einen großen Rundbogen eingebaut hatte sie die Originalform eines Scheuneneingangs. Anton Grewe zog den Schlüssel aus seiner Tasche und steckte ihn in das Schloss.
Er passte. Problemlos ließ er sich umdrehen.
»Was tun wir jetzt? Gehen wir hinein?«
»Klar! Jürgen will Ergebnisse. Die bekommen wir nicht, wenn wir hier herumstehen«, antwortete Anke und betrat die leere Doppelgarage.
Die Seitentür, die zum Wohnhaus führte, war nicht verschlossen. Doch, was sie dort zu sehen bekamen, zerschmetterte ihre Neugier im Nu. Kreuz und quer standen die Möbel und bildeten ein Chaos, das ein Durchkommen beschwerlich machte.
Mit Mühe und Not kraxelten die Beamten durch jedes Zimmer. Im Obergeschoss sah es genauso aus. Sämtliche Schränke waren geöffnet, die Schubladen herausgerissen. Der Inhalt verteilte sich auf dem Boden und ließ auf den ersten Blick erkennen, dass es sich um übliche Haushaltsgegenstände handelte.
Frustriert rief Anke bei Jürgen Schnur auf der Dienststelle an. Sie berichtete ihm, was sie vorgefunden hatten.
»Das ist das Werk der Hausdurchsuchung vor fünf Jahren«, sagte Schnur. »Also hat sich keiner die Mühe gemacht, in der Zwischenzeit dort aufzuräumen.«
»Sieht so aus. Ob wir in dem Chaos etwas finden, was die Kollegen vor uns noch nicht gefunden haben?« Anke zweifelte.
»Vermutlich nicht. Ich sehe keinen Grund, dass ihr noch mal alles auf den Kopf stellt.«
Erleichtert stiegen sie wieder in den Dienstwagen ein. Erik steuerte zielstrebig den Stall an. Anton Grewe, der auf dem Beifahrersitz saß, warf dem Fahrer einen staunenden Blick zu. Als er Eriks harten Gesichtsausdruck bemerkte, beschloss er, nichts zu sagen.
Auf der Bergkuppe tauchten Pferde auf riesigen Koppeln auf. Dahinter stand ein großer Reitstall. Nun verstand Grewe. Sie parkten dicht an den Stallungen, in denen Rondo untergebracht war und stiegen aus. Grewe folgte Erik und Anke in das große Gemäuer. Doch als er das erste Pferd sah, das durch die Stallgasse auf ihn zugeführt wurde, riss er vor Schreck die Augen weit auf, drehte sich um und flüchtete in den Dienstwagen. Dort wartete er, bis die Kollegen ihren Verbandswechsel an Rondos Bein beendet hatten.
»Soll das so weitergehen?«, fragte Grewe missgestimmt.
»Was?«
»Eure Eigenmächtigkeiten. Es mag ja köstlich sein, sich über meine Angst vor Pferden zu amüsieren. Aber eigentlich sind wir dienstlich unterwegs. Oder habe ich irgendetwas falsch verstanden?«
»Nein! Du siehst das richtig«, antwortete Anke. »Wir fahren jetzt ins Dorf. Dort werden wir die Leute zu Ingo Landry befragen.«
Die Antwort versöhnte Grewe. Erleichtert lehnte er sich auf dem Beifahrersitz zurück.
Erik steuerte den Wagen den Berg hinunter, bog rechts ab in die Kapellenstraße. Eine Weile sahen sie nur Wiesen und Felder, bis sie am Ortseingang die Strudel-Peter-Kapelle passierten.
Der weitere Verlauf der Straße führte steil bergab. Am Ortseingang teilte sie sich. Inmitten dieser Straßengabelung stand ein auffälliges, gelbes Haus, dessen Bauweise den beiden abzweigenden Straßen angepasst worden war. Schmal und hoch ragte es in die Luft. Der rückwärtige Teil war durch einen unförmigen Anbau verbreitert worden.
Im Schritttempo ließ Erik den Wagen an der Kirche vorbei hinunter ins Dorf rollen. Dort gelangten sie auf einen Parkplatz, der von mehreren Geschäften, einer Apotheke und der Kreissparkasse flankiert wurde.
Die drei Beamten stiegen aus und schauten sich um.
»Die Apotheke ist bestimmt der richtige Ort, um etwas über Ingo Landry zu erfahren«, schlug Anke vor.
Zügig überquerten sie die Straße. Die Apothekerin stand hinter der Theke voller Medikamente und schaute die drei Beamten erwartungsvoll an. Grewe zückte seinen Dienstausweis und stellte seine erste Frage: »Kennen Sie Ingo Landry?«
»Natürlich«, antwortete die Frau. »Wer kannte ihn nicht? Er wohnte hier unten in der Adenauerstraße. Lange Zeit war er verschwunden. Ist er denn zurückgekommen?«
»Das kann man so sagen.« Grewe wich aus. Er staunte über die Frage, weil die Zeitung ausführlich über den Leichenfund berichtet hatte.
»Das ist schön«, schwärmte die Apothekerin. »Er war immer nett und half jedem, wo er nur konnte.«
»Können Sie über ihn sagen, dass er Feinde hier im Dorf hatte?«
»Nein! Ingo doch nicht!«
»Dann war es für Sie bestimmt eine Überraschung, als er so plötzlich verschwand?«
»Eigentlich nicht. Als er das Buch geschrieben hatte, wurde ihm Ormesheim wohl zu klein. Wer weiß, wohin ihn der Ruhm brachte?«
»Mit wem lebte er zusammen?«
»Ingo lebte allein. Zumindest hier im Dorf. Freundinnen hatte er zwar immer – Frauen waren ganz verrückt nach ihm.« Sie konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Aber für eine einzige konnte er sich nie entscheiden.«
»Gibt es jemanden im Dorf, mit dem er fest befreundet war, zu dem er engeren Kontakt hatte?«
»Ja! Ingo hat einen Freund vom Kindesalter an. Die beiden waren unzertrennlich – bis Ingo fortging. Er heißt Matthias Hobelt und wohnt in der Kapellenstraße 49.«
*
Mit dieser Information steuerten sie ihren Dienstwagen an. Lange mussten sie nicht suchen, denn durch die Kapellenstraße waren sie ins Dorf gekommen. Also fuhren sie den gleichen Weg zurück und stießen auf das Haus, in dem Ingo Landrys Freund wohnte. Es war das gelbe Haus inmitten der Gabelung. Den unförmigen Anbau im rückwärtigen Teil erkannten sie erst bei genauem Hinsehen als Garage. Das Garagentor war nur angelehnt.
Anstatt auf die Haustür zuzugehen, steuerte Erik das Tor an und öffnete es. Dort herrschte ein Chaos an verbogenen Metallteilen, alten Küchengeräten, ausrangierten Badewannen. Ein alter, rostiger Simca mit einem Nummernschild aus Zweibrücken setzte dem Schrott die Krone auf. Inmitten des Chaos stand ein kleiner, untersetzter Mann in schmutzigen Kleidern und schaute mit großen Augen auf die Eindringlinge.
»Wer sind Sie?«, fragte er unfreundlich.
Erik stellte sich und seine Kollegen vor.
»Polizei?«, staunte der kleine Mann.
Mühsam kroch er zwischen den Metallteilen hervor und ließ sich die Dienstausweise der drei Beamten zeigen.
»Und mit wem haben wir das Vergnügen?«, fragte Erik.
»Ich bin Matthias Hobelt.« Um Erik anschauen zu können, musste er sich anstrengen, dass er keine Genickstarre bekam.
»Sie leben hier in der Kapellenstraße?«
»Ja.«
»Wo arbeiten Sie?«
»Ich bin zurzeit arbeitslos.« Plötzlich änderte er seine Haltung. Er begann nervös zu trippeln. »Ich bin ehrenamtlich im Kulturverein Bliesmengen-Bolchen tätig. Bringt mir zwar nichts ein, gibt mir aber das gute Gefühl, für irgendetwas nützlich zu sein.«
»Was macht man bei einem Kulturverein?«
»Der Verein fördert die Naturbühne in Gräfinthal«, erklärte Hobelt, »das ist ein Nachbarort. Wenn Sie am Stall Hunackerhof vorbeifahren, stoßen Sie gleich darauf. Dort werden Veranstaltungen durchgeführt, Theaterstücke, vor allem Bühnenstücke für Kinder und Jugendliche. Die ehrenamtlichen Helfer sorgen für den reibungslosen Ablauf der Veranstaltungen. Zwischen den Saisonzeiten pflegen wir die Anlage.«
»Schön! Das haben wir also geklärt.« Erik nickte. »Deshalb sind wir aber nicht hier. Sie haben bestimmt schon erfahren, dass wir im Koppelwald einen Toten gefunden haben.« Hobelt wirkte plötzlich eingeschüchtert. Er nickte.
»Wir vermuten, dass es sich dabei um Ingo Landry handelt.«
Matthias Hobelt rieb sich durch seine fettigen Haare und antwortete: »Ich hatte die ganze Zeit gehofft, der Tote hinge mit dem Biosphärenprojekt zusammen. Deswegen kochen schon lange die Gemüter in unserem Dorf hoch.«
»Wenn der Tote mit dem Biosphärenprojekt in Verbindung stünde, würden wir Sie nicht aufsuchen müssen«, stellte Grewe klar. »Was bringt Sie auf diesen Gedanken?«
»Vielleicht wollte ich nicht wahrhaben, dass mein Freund tot ist. Ich habe immer gehofft, dass er lebt und sich irgendwo versteckt. Aber nun zu erfahren, dass er all die Jahre dort im Wald verscharrt war – wie ein Tier – das erschüttert mich«, jammerte Matthias Hobelt, als hätte Grewe nichts zu ihm gesagt.
»Warum sollte sich Ingo Landry einfach aus dem Staub machen?«
»Ganz einfach: Als das Buch auf den Markt kam, wurde es ein echter Renner. Ingo verdiente richtig gutes Geld damit.«
»Das erklärt nicht, warum Sie annahmen, er würde irgendwo unerkannt leben.«
Beunruhigt schaute Hobelt die Beamten an. »Das war einfach nur so ein Gefühl.«
»Wenn Sie uns anlügen wollen, strengen Sie sich bitte etwas mehr an. So einen Unsinn glauben wir Ihnen nämlich nicht«, machte Erik deutlich.
Hobelt begann in der kleinen Garage auf und ab zu gehen. Die Polizeibeamten schauten ihm dabei wortlos zu. Abrupt stoppte er, schüttelte den Kopf und schaute seine Besucher an.
»Also gut«, begann er. »Das Haus, in dem ich lebe, gehört Ingo Landry. Ich habe darauf gewartet, dass ich ausziehen muss, weil irgendein Erbe es verkaufen will. Aber nichts dergleichen ist geschehen. Deshalb nahm ich an, dass er noch lebt.«
»Das werden wir überprüfen.«
»Aber das ist noch nicht alles«, sprach Grewe und warf einen prüfenden Blick auf Hobelt.
Wieder herrschte eine Weile Schweigen, bis er ansetzte: »Ich …« doch weiter sprach er nicht.
»Ich und was noch?«, drängte Grewe.
Misstrauisch schaute Hobelt den Beamten an, schüttelte den Kopf und verkroch sich wieder in sein Schweigen.
»Ich glaube, wir müssen den netten Herrn vorladen«, meinte Erik ungeduldig. »Dann werden wir uns auch mit dem ganzen Schrott befassen, der hier liegt. Wer weiß, welche illegalen Geschäfte unser Verdächtiger neben seinem ehrwürdigen Amt macht?«
»Ich weiß es doch nicht«, platzte es aus Hobelt heraus. »Ich kann doch nur vermuten.«
»Und was vermuten Sie?«
Wieder zögerte Hobelt eine Weile.
»Ingo ließ sich dazu hinreißen, auf großem Fuß zu leben. Als der Gewinn stagnierte, saß er auf einem Berg Schulden.«
»Und was hat das mit seinem Verschwinden zu tun?«
»Ich vermutete die ganze Zeit, er hätte sein Verschwinden selbst arrangiert, um den Verkauf seines Buches noch einmal neu zu beleben.«
Teil VI
Sommer 2001
Krimiautor auf Erfolgskurs
Ingo Landrys Schreibstil ist von einer klassischen Einfachheit – die Taten, die Hintergründe, die Motive und das Regionalkolorit gekonnt für Kulisse, Staffage und Effekt eingesetzt. Dabei gilt die Landschaft nur als Hintergrund, zwar allegorisch vollgepackt, aber dennoch zweitrangig gegenüber der kriminellen Handlung, deren gesamtes Geflecht so in Szene gesetzt wird, dass sie den Leser nicht nur fesselt, sondern sogar in die Versuchung bringen, sich selbst als aufklärendes Mitglied der Gruppe von fiktiven Ermittlern zu empfinden.
Ständig begleitet den Leser bei diesem Buch etwas Bedrohliches. Sind es die Zwischentöne, die den Leser aufhorchen lassen, sind es die Grausamkeiten, die er mit einer Abstraktion beschreibt, dass der Fantasie des Lesers keine Grenzen gesetzt werden oder sind es die Details, die er verbal so geschickt einbaut, die es mehr zu erahnen als zu erkennen gilt, womit er im Leser dunkle und beunruhigende Gefühle hervorruft?
›Emanzipation des Mannes‹ ist nicht nur ein Buch, sondern eine Neuentdeckung des Genres Regionalkrimi. Ingo Landry besticht mit seinem Stil, mit dem er den Leser in die Rolle des beunruhigten Betrachters führt. Er erreicht damit, dass er dem Leser den sicheren Glauben vermittelt, der Autor habe die Leiden und die Ekstasen seines Themas selbst durchlebt, was die Authentizität des Buches verstärkt.
Sollte es eine Fortsetzung dieser neuen Linie des Genres von Ingo Landry geben, werden wir nicht umhin können, ihn in die Namensliste der größten Künstler einzuordnen – angefangen bei Sir Arthur Conan Doyle.
*
Sibylle raufte sich ihre kurzen, knallrot gefärbten Haare, bis sie in alle Windrichtungen abstanden. Ein dicker Kajalstrich unter den Augen zog sich in langen Streifen quer über ihr Gesicht, das eine purpurrote Farbe angenommen hatte.
»Du bist nicht die Einzige, die Krimis schreibt; das muss dir doch klar sein«, tröstete Antonia.
Wütend schaute Sibylle in ein blasses, rundliches Gesicht, eingerahmt von braunen Locken, die Antonia bis zu den Ohrläppchen reichten, wodurch die großen goldenen Ohrringe betont wurden. Ihre großen, rehbraunen Augen besänftigten Sibylles Zorn.
»Warum bist du immer so schrecklich vernünftig?«, frage Sibylle. Sie fühlte sich unverstanden.
»Weil das nur gut für uns sein kann. Wenn ich genauso schnell wie du an die Decke gehe, stürzt das Dach ein.«
»Aber verstehst du denn nicht, was hier passiert?«, prustete Sibylle los. Dabei zeigte sie auf den Zeitungsartikel. »Siehst du denn nicht, warum ich so entmutigt bin?«
»Doch! Trotzdem verstehe ich deine Reaktion nicht.«
»Dann lese ich dir mal den Zeitungsartikel vor, der über mich und mein Buch geschrieben worden ist.«
Wütend und mit lauter Stimme begann Sibylle vorzulesen, als säße eine Schwerhörige vor ihr:
*
Das Buch ›Frauen an die Macht‹ erreicht ein Niveau von einer Subjektivität, für die es keinen Platz in einem Roman geben darf – sei es ein Liebesroman oder ein Kriminalroman. Das Einzige, woraus die Autorin einen Vorteil ziehen kann, ist ihr weibliches Geschlecht. Denn wären diese Zeilen von einem Mann geschrieben worden, würde er sich dem Verdacht des Sexismus und der Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen aussetzen. Im Fall von Sibylle Kriebig ist dieses Buch nur als Aufschrei unterdrückter Frauen zu verstehen, die mehr aus sich selbst schöpfen als aus ihrer Fantasie, die in diesem Falle wohl in sehr geringem Maße vorhanden zu sein schien.
Anstatt aus der Kunst des Schreibens in diesem Jahrhundert zu lernen, scheint die Autorin fest entschlossen zu sein, ihr den Rücken zuzukehren und zwar mit einem solchen Maß an Erfolg, dass ihr die Weiterentwicklung der deutschen Sprache und der Themen, die für einen Krimi interessant sind, völlig entgangen sind.
Vielleicht erlangt Sibylle Kriebig einen größeren Erfolg bei dem Versuch, Kinderbücher zu schreiben. Da können ihre Talente und ihre Neigungen, allem etwas Negatives abzugewinnen, was mit Männern zu tun hat, besser zur Geltung kommen.«
*
»Du kannst dir wohl denken, dass ich deinen Zeitungsartikel schon kenne«, bekannte Antonia. »Und an den Ohren habe ich auch nichts.«
»Ja, verstehst du nicht, warum ich wütend bin?«
»Ich hatte dich gewarnt«, erinnerte Antonia. »Dass du dir keinen Gefallen damit tust, wenn du das Buch liest, war mir klar. Und das wollte ich dir auch beibringen, als wir nach der Lesung nach Hause gefahren sind. Aber nein, du willst immer mit dem Kopf durch die Wand.«
»Ich wollte nur verhindern, vorschnell zu urteilen«, konterte Sibylle, »denn genau davor hast du mich auch gewarnt. Jetzt bin ich mir sicher: Der einzige Unterschied zwischen unseren Büchern ist der, dass er Frauen tötet, während ich in meinem Buch Männer töte.«
»Das klingt für mich nicht nach einem Plagiat.«
Sibylle starrte Antonia verständnislos an. Sie ließ eine Weile verstreichen, bis sie endlich ausstieß: »Aber alles andere ist mit meinem Buch identisch. Sogar die Tatorte.«
»Hat er seine Opfer auf die Vauban-Insel in Saarlouis platziert?« Antonia runzelte die Stirn.
»Nein! Er hat einen anderen geschichtsträchtigen Ort gewählt, den archäologischen Park in Bliesbrück.«
»Wo ist das?«
»Im Mandelbachtal.«
»Warum behauptest du, er hätte in seinem Buch den gleichen Tatort gewählt wie du?«
»Ganz einfach: Ingo Landry lebt im Mandelbachtal. Also wählt er einen geschichtsträchtigen Ort in seiner Umgebung. Ich lebe in Saarlouis – was schließen wir daraus? Ich wähle einen solchen Ort in meiner Umgebung.«
»Das ist weit hergeholt.«
»Das ist Ideenklau!«
»Ich verstehe dich ja. Aber, in diesem Fall kannst du hundertmal Recht haben. Du hast nichts davon, wenn du dich ärgerst.«
»Was heißt hier ärgern? Ich sehe nicht tatenlos zu, sondern gehe einen Schritt weiter! Ich werde ihn wegen Ideenklau anklagen. Werden wir doch mal sehen, ob ich es Ingo Landry nicht noch heimzahlen kann.«
»Das wird ein schwieriger Prozess.«, warnte Antonia ihre Freundin, »Ideenklau ist kein Straftatbestand. Höchstens Verstoß gegen das Urheberrechtgesetz. Und das nachzuweisen ist fast unmöglich. Hinzu kommt, wie es vor deutschen Gerichten zugeht. Da kannst du schon gleich zehn Jahre einplanen.«
Sibylle ließ sich nicht beirren. »Ich weiß schon, zu welchem Anwalt ich gehe.« Trotzig schaute sie auf ihre Freundin. »Wir waren zusammen in der Schule. Wenn ich ihm gehörig einheize, wird er das Verfahren beschleunigen, du wirst sehen.«
»Ich bin immer noch der Meinung, du solltest dir das Ganze nochmal überlegen. Schreib lieber dein nächstes Buch, davon hast du mehr!«
»Du siehst doch, dass andere meine Lorbeeren einheimsen. Was habe ich davon, wenn ich Ingo Landry die nächste Vorlage liefere?«
Antonia gab es auf. Sie erkannte, dass sie mit Sibylle nicht reden konnte, wenn sie in dieser Verfassung war. Seufzend stellte sie sich ans Fenster. Es war ein sonniger Tag. Alles grünte und blühte auf ihrem kleinen, ungepflegten Wiesenstück, dass es den Eindruck liebevoller Gartenarbeit vermittelte.
»Ich gehe jetzt zu Rudolf, dem Anwalt. Er kann mich beraten«, hörte sie Sibylles Stimme hinter sich.
»Meinst du Rudolf Dupré?« Erstaunt drehte Antonia sich zu ihrer Freundin um.
»Genau den.«
»Der hat mal Schlagzeilen gemacht – allerdings im negativen Sinn. Er hat einen Prozess nicht nur versiebt, sondern wurde von seinem Mandanten wegen Unterlassung der Mitteilungspflicht angezeigt. Er ging sang – und klanglos unter«, resümierte Antonia. »Diesem Versager willst du vertrauen?«
»Er ist gut, glaub mir! Er hat einfach nur den falschen Mandanten ausgewählt, der ihn wegen seiner Arbeitsmethoden in die Pfanne gehauen hat«, verteidigte Sibylle den Anwalt ihrer Wahl.
»Und du willst ihn wegen seiner Arbeitsmethoden?«
Sibylle nickte.
»Heißt das, dass er mit unlauteren Methoden arbeitet?«
Sibylle blieb die Antwort schuldig. Sie zog sich eine Jacke an und verließ das Haus.
*
Der Vorgarten war verwildert. Rosenbüsche wucherten darin und wilde Orchideen. Alte Zypressen grenzten den Garten von der III. Gartenreihe ab und eine Trauerweide, die wie ein Baldachin über den Eingangsbereich wuchs, wucherte vor der Haustür. Sibylle gefiel das üppige Unkraut. Es versprühte die Atmosphäre von Wildnis und Abenteuer, ein Gefühl, das ihre Fantasie anregte.
Der Himmel war strahlend blau. Pünktlich zum Sommeranfang stellte sich sonniges Wetter ein. Genau die richtige Stimmung, etwas zu wagen, dachte Sibylle. Tatenlos zusehen, wie Ingo Landry ihr die Chancen stahl, kam für sie nicht in Frage.
Mit weit ausholenden Schritten machte sie sich auf den Weg zur Kanzlei, die sich im Zentrum der Stadt befand. Sie erreichte den Großen Markt, der umrahmt war von Platanen, die sich in Größe und Form wie ein Ei dem anderen glichen. Dieser quadratische Marktplatz bildete das Zentrum der Festungsstadt, deren Bauweise einst symmetrisch in Sternform angelegt worden war. Ludwig der Vierzehnte gab der Stadt nicht nur seinen Namen. Als Sonnenkönig verlieh er ihr ein Wappen, das mit der darin enthaltenen Sonne seine persönliche Bindung ausdrücken sollte.
Sibylle passierte ein imposantes Gebäude, ein Relikt aus den Gründerzeiten, die Kommandantur. Ganz im Stil des französischen Funktionsbarocks aus dem 17. Jahrhundert war sie von Sébastien Le Prestre de Vauban erbaut worden. Heute befand sich in dem geschichtsträchtigen Gebäude neben der Hauptpost die Buchhandlung, in der sie ihren Kriminalroman vorgestellt hatte.
Saarlouis wurde inzwischen nur noch teilweise von Vaubans Spuren geprägt. Nördlich der Innenstadt waren Wälle und Gräben erhalten geblieben. Die Wälle dienten inzwischen der Gastronomie, die Kasematten. Die Gräben wurden zu dekorativen Zwecken mit Wasser gefüllt und in städtische Grünanlagen integriert. Inmitten dieser Grünlagen lag auch die Festungsinsel, die den Namen Der halbe Mond bekommen hatte. Ebenfalls ein Relikt des Baumeisters Vauban und eine geeignete Kulisse für Sibylle, dort ihren Krimi zu platzieren. Der Krimi, für den sie heute den Großen Markt überquerte und zielstrebig die Anwaltskanzlei von Rudolf Dupré ansteuerte. Neben dem Rathaus führte die Adlerstraße vorbei, in der sich seine Kanzlei befand. Das Büro lag im ersten Stock und war über eine dunkle, schmale Holztreppe zu erreichen. Das Vorzimmer schimmerte ebenfalls nur spärlich beleuchtet, als wollte Rudolf Dupré Strom sparen. Die Sekretärin, eine ältere Dame, die ihre Zeit mit Stricken vertrieb, ließ hastig Wolle und Stricknadeln unter der Theke verschwinden und bemühte sich zu lächeln, als sie Sibylle kommen sah.
»Ich habe einen Termin bei Anwalt Dupré. Mein Name ist Sibylle Kriebig.«
Geschäftig schaute sie in einen Terminkalender, der so leer war wie das Wartezimmer.
»Ja, hier steht es«, nickte sie und setzte eine nachdenkliche Miene auf. »Er erwartet Sie. Das letzte Zimmer rechts.«
Sibylle ging durch den schmalen Flur. Anklopfen musste sie nicht, die Tür stand offen.
Rudolf schaute ihr entgegen. Sein Haar wirkte ungepflegt, sein Gesicht unrasiert. Eine Zigarette glimmte zwischen seinen Lippen, eine dünne Rauchfahne stieg auf.
»Du bringst mir Unannehmlichkeiten«, begrüßte er Sibylle, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen.
»Nimm dir noch eine Flasche Whisky dazu, dann siehst du richtig verkommen aus.« Sibylle ließ sich nicht provozieren, sondern breitete vor dem Anwalt ihr Anliegen aus.
»Was du vorhast ist juristischer Selbstmord«, lautete die Antwort darauf.
»Darin kennst du dich ja aus.«
Dupré hielt inne. Damit hatte Sibylle ins Schwarze getroffen. Es dauerte eine Weile, bis er anfügte: »Ich habe keine Lust, all diese Demütigungen noch mal durchzumachen. Seit ich meine Zulassung wieder habe, schlage ich mich ganz gut durchs Leben.«
»Das sehe ich!« Sibylle grinste. »Du sitzt hier herum, hast keinen einzigen Mandanten, die halbe Etage ist leer, weil niemand bereit ist, mit dir zusammenzuarbeiten. Du sparst am Licht, vermutlich weil du die Stromrechnung nicht bezahlen kannst. Deine Frau ist dir weggelaufen. Du bist der klassische Verlierer.«
»Gut erkannt. Deshalb frage ich mich, warum du mit deinem aussichtslosen Unterfangen ausgerechnet zu mir kommst. Willst du mir das bisschen Würde, das ich mir mühsam hergestellt habe, wieder nehmen? Nein danke!«
»Ich will dir zu Ruhm und Ehre verhelfen.«
»Ha, ha, ha«, konnte Dupré dazu nur bemerken.
»Du wirst einen Präzedenzfall schaffen und das große Geld machen. Wenn ich mit meinem Buch endlich den Erfolg habe, den ich verdiene, kann ich dich so gut bezahlen, dass du es nicht bereuen wirst, das Mandat angenommen zu haben.«
»Wenn … Das klingt mir alles viel zu hypothetisch. Wenn das alles nicht klappt, suche ich meinen Bruder auf und gründe mit ihm den Club der Obdachlosen.«
»Wie geht es deinem Bruder?« Sibylles Gedanken wanderten zu den Brüdern Alfons und Rudolf Dupré. Sie waren beide nicht gerade die großen Gewinner. Im Gegensatz zu Alfons, der völlig im sozialen Abseits gelandet war, hatte Rudolf sich immer noch mit seiner juristischen Ausbildung als Anwalt über Wasser halten können. Sibylle erinnerte sich an die Zeit, als Rudolf seine Zulassung von der Anwaltskammer entzogen bekommen hatte. Zu dieser Zeit hatte er noch für seinen Bruder gekämpft, hatte alle seine Kräfte eingesetzt, damit Alfons sich nicht aufgab und auf der Straße landete. Aber seine Bemühungen waren umsonst. Alfons lebte inzwischen unter den Pennern im Ludwigspark.
»Immer dasselbe«, antwortete Dupré.
Er rieb sich die Schläfen, drückte die Zigarette aus und nahm sich sofort die nächste aus der zerknüllten Schachtel. »Ich dachte, solange ich ihn regelmäßig im Ludwigspark aufsuchen kann, gelingt es mir, ihn wieder nach Haus zu holen. Aber nein.«
»Habt ihr Streit?«
»Ja!« Dupré zündete sich die Zigarette an, atmete den Rauch tief ein und blies die Wolke zur Decke. »Ich mache mir Vorwürfe, vielleicht bin ich einfach zu streng mit ihm.«
»Weit geht er nicht«, überlegte Sibylle laut.
»Du versteht hier was nicht. Ich will nicht, dass er unter den Pennern bleibt. Ich will ihn nach Hause holen.«
»Wenn das einem gelingt, dann dir«, änderte Sibylle ihren Kurs. »Bisher hat Alfons immer viel von dir gehalten. Deshalb gebe ich dir den Rat, nicht aufzugeben.«
»Du kennst dich aber gut mit den Versagern unserer Gesellschaft aus«, bemerkte Dupré bissig.
»Ich wollte dir nur Mut machen.«
»Toll!«, grummelte Dupré abfällig.
Sibylle hustete. Die rauchige Luft kratzte in ihrem Hals. Sie überlegte eine Weile, bis sie vorschlug: »Soll ich mal mit ihm reden? Was hältst du davon?«
»Danke! Aber ich kann mir denken, was dich zu dieser herzerwärmenden Hilfsbereitschaft motiviert: Du willst mit allen Mitteln erreichen, dass ich dein Mandat annehme.«
Sibylle grinste.
Dupré schaute in Richtung Fenster, das die Sicht auf einen grauen Innenhof freigab.
Als er sich Sibylle wieder zuwandte, sah sie, dass sie gewonnen hatte.
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