Read the book: «Nach vorn»
ELISABETH ETZ
NACH VORN

Für Christine
2018
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung: Nele Steinborn
unter Verwendung einer Illustration von 123RF.com
Satz- und Layoutgestaltung: Nele Steinborn, Wien
Schriften: FF Casus Pro, Heading Pro, Antiphon
Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien
ISBN 978-3-7022-3700-4 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3701-1 (E-Book)
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at
Internet: www.tyrolia-verlag.at
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Über den Autor
MEIN DANK GEHT AN
1
DER TAG, an dem der Port raus kam, war kein besonderer Tag. Nicht mein Geburtstag, nicht der Tag des ersten Schnees und auch nicht der Tag an dem Sarah Puntigam ihr Team mit dem entscheidenden Elfmeter gegen Spanien ins EM-Halbfinale schoss. Hätten wir alle gern gehabt, war’s aber nicht. War ein ganz gewöhnlicher Tag. Mit einem grau bedeckten Himmel und einem ekelhaften Wind, der an den Kleidern zerrte und einem den Staub ins Gesicht blies. Wenn’s drauf ankommt, spielt das Wetter nie mit. Das Radio sprach von Sturmwarnung, und in der Nacht hat’s dann auch tatsächlich ein paar Bäume umgelegt. Aber da war ich schon längst zuhause und es erwischte nur mehr die anderen.
Ich hatte mich mit meinen Eltern darauf geeinigt, dass der Tag, den wir feiern würden, derjenige sein sollte, an dem der Port raus kam. Der Tag, an dem wir es wagen würden, das Wort endgültig auszusprechen. Endgültig raus. Endgültig gesund. Endgültig wieder in der Lage am Leben teilzunehmen. Am Leben zu sein.
Auch wenn uns das kein Arzt jemals so unterschrieben hätte. Endgültig sagt man nicht. Erstens mal generell nicht. Wer weiß schon, was morgen ist? Zweitens gibt es die Fünf-Jahres-Regel. In den ersten fünf Jahren danach war ich mal gar nichts, schon gar nicht geheilt. Es konnte jederzeit von Neuem losgehen. Erst nach fünf Jahren konnte man anfangen aufzuatmen.
Aber auf der Station hatten sie mir einen Pokal überreicht und eine Urkunde, weil ich es geschafft hatte. Hatten mir applaudiert und mich mit großem Trara verabschiedet. Da waren mir Regeln egal. Ich hatte nicht vor wiederzukommen.
Ich fuhr mit der Hand über mein Schlüsselbein, wo bis gerade eben noch ein kleines Gerät unter meiner Haut gesessen hatte. Fuhr mir über die Narbe, die sich dort gebildet hatte und noch etwas schmerzte. Menschen wie ich hatten Narben dort, wo andere keine hatten. Aber die Schmerzen würden schnell vergehen. Alles würde vergehen und von Neuem, Schmerzlosem abgelöst werden.
Der Tag, an dem der Port raus kam, war kein besonderer Tag. Ich konnte es meinen Eltern ansehen, dass sie gerne etwas Besonderes gehabt hätten. Aber zu oft war es bergauf gegangen und zu oft gleich danach wieder bergab. So oft, dass mein einstiges Lieblingsessen mir mittlerweile zum Hals heraushing. Dabei hatten meine Eltern extra ein Buch über die griechische Küche angeschafft, weil Moussaka im Kochbuch für die kluge Hausfrau nicht drinstand.
Auch andere Bücher hatten sie sich zugelegt. Das Anti-Krebs-Kochbuch zum Beispiel.
„Ist doch sinnlos“, habe ich gesagt. „Ich soll das essen, was da drin steht, um dem Krebs vorzubeugen?“
„Ach, Lena“, hat meine Mutter gesagt und geseufzt. So hab ich damals geheißen. Lena. Helene kann man auf unterschiedliche Arten abkürzen. Damals fand ich Lena noch okay. Nur das andere, das war nicht okay.
„Damit ich dem Krebs vorbeuge?!?“, habe ich geschrien. Ich habe ihr das frisch gekaufte Buch aus der Hand gerissen und in die Mülltonne geschmissen.
„Für wie blöd haltet ihr mich denn?!? Glaubt ihr noch immer, dass man da was vorbeugen kann?!?“
Ein paar Wochen später musste ich ein weiteres Buch entdecken. Eigentlich hatte ich nach etwas ganz anderem gesucht und plötzlich in einer Schublade versteckt ein Kochbuch gefunden.
Krebszellen mögen keine Himbeeren. Obwohl ich gerade relativ gut gelaunt war, brachte mich der Anblick dieses Buches total aus der Fassung. Ich riss so fest an der Lade, dass sie aus ihrer Verankerung sprang und sie auf den Boden knallte. Das Buch schleuderte ich gegen die Wand. Ich schwöre, irgendwann bringe ich die Leute, die sich solche Titel ausdenken, eigenhändig um. Nachdem mein erster Wutanfall vorbei war, saß ich schluchzend am Küchentisch und spürte die Hand meiner Mutter auf meiner Schulter. Wenn ich die Kraft gehabt hätte, hätte ich sie weggestoßen. Aber ich hatte sie nicht.
Selbst wenn wir schon vor Jahren Anti-Krebs gegessen hätten, es wäre egal gewesen. Die Wahrheit war nämlich: Krebszellen mögen keine Menschen. Sie mochten insbesondere mich nicht. Sie hatten vor, mich umzubringen. Und so wie es aussah, würde es ihnen auch gelingen.
Der Tag, an dem der Port raus kam, war kein besonderer Tag. Und eigentlich war der Tag, ab dem ich wusste, dass es nun endlich vorbei war, schon vorher. Annette hatte mir gerade verkündet, dass nur noch meine Eltern einwilligen müssten, weil Portkatheter entfernen eine OP und ich minderjährig und so. Zuerst wusste ich gar nicht, ob ich ihr das glauben sollte. Aber sie sagte Dinge wie „… aufgrund des positiven Verlaufes in der letzten Zeit …“ und „… wir können mit ziemlicher Sicherheit ausschließen …“ Sie sagte, „… wir rechnen anhand der vorliegenden Befunde nun nicht mehr mit einem Rezidiv …“ Da dämmerte mir langsam, dass es ernst gemeint war. Annette war die Stationsärztin und sie sagte niemals leichtfertig etwas.
Annette sagte noch eine ganze Menge, aber ich konnte gar nicht richtig zuhören, weil sich dieses Grinsen in meinem Gesicht ausbreitete, das ich nicht mehr kontrollieren konnte. Ich dachte, dass ich jetzt etwas sagen sollte, mich bedanken oder so, aber ich saß bloß da und grinste, weil ich nicht wusste, was man sonst tut in so einer Situation. Annette grinste zurück und ich dachte, wahrscheinlich ist Grinsen sowieso das einzige, was passt.
Ich ging zurück auf den Flur und in den Hof, weil die Sonne schien und von da oben in mein Grinsen einstimmte und weil ich einfach ein bisschen für mich sein wollte damit. Ich wusste, gleich würden meine Eltern kommen und mich abholen und wir würden einander umarmen und Freudentränen vergießen. Ich wusste auch, dass ich das eigentlich gar nicht wollte, das mit dem Umarmen und dem Heulen. Davon hatte ich im letzten Jahr genug gehabt.
Aber sie waren meine Eltern und außer mir hatten sie niemanden, der sie umarmte und tröstete und sich mit ihnen freute. Es gab Schlimmeres.
Im Hof stand Ronnie an die Mauer gelehnt und rauchte. Es war sein letzter Tag als Zivi bei uns in der Klinik und er war ziemlich oft auf der Onko rumgehangen. Er war gekommen, als sie mir das erste Mal verkündet hatten, dass die Chemo bei mir nicht so anschlug wie gedacht und ich wohl länger hier bleiben musste, als erwartet. Fast gleichzeitig. Nun sollte er auch gleichzeitig mit mir gehen.
Ich stellte mich neben ihn und stützte ein Bein gegen die Mauer. Ronnie hielt mir das Zigarettenpäckchen hin und ich fischte mir eine heraus und ließ mir Feuer geben. Obwohl ich früher schon ein paar Mal mit Freundinnen auf dem Dachboden heimlich geraucht hatte, war mir, als wäre das hier die allererste Zigarette meines Lebens.
„Na, jetzt haben wir’s beide hinter uns“, sagte Ronnie.
Ich blinzelte in die Sonne und stellte mir vor, ich wäre das ganze letzte Jahr hier auch bloß Zivildiener gewesen.
Der Kamp kam durch den Hof gelaufen und ich hob die Hand und winkte. Kamp war Oberarzt und hatte es immer eilig. Manchmal kam er mit Annette zur Visite und stresste rum. Ich war froh, wenn ich ihn nicht sah.
Trotzdem hob ich die Hand. Ich wollte, dass er sah, wie ich da stand und rauchte, so wie das hunderttausend normale Jugendliche in meinem Alter tun. Wie ich neben Ronnie stand. Zwei normale Menschen, die beide in einer halben Stunde ganz normal hier rausgehen würden.
Der Kamp hielt wirklich inne und winkte zurück. Er lächelte. Alle lächelten heute. Auch wenn hinter den Mauern das Sterben weiterging. Das war mir jetzt egal. Es betraf mich nicht mehr.
Der Kamp musste wie immer schnell weiter, aber ich stellte mir vor, wie er sich im Laufen Freudentränen aus den feuchten Augen wischte. Natürlich war das nur in meiner Vorstellung so. Die Ärzte auf der Onko weinen nicht. Auch nicht, wenn einer stirbt. Die sind tough, so wie wir. Irgendwann weinen wir auch nicht mehr. Weinen ist für die von draußen. Für die, die kommen und Geschenke bringen. Für die, die kommen und nicht rein dürfen, weil wir hochanfällig für Infektionen sind. Für die, die kommen und Unordnung stiften. Für die, die kommen, und uns zum Lachen bringen. Heulen tun sie alle irgendwann.
Wir nicht. Ich nicht. Das hab ich mir geschworen. Dass ich nie wieder heule.
War auch nicht mehr notwendig. Die Sonne schien, Ronnie rauchte, Annette grinste und es würde noch mindestens eine halbe Stunde dauern, bis meine Eltern kämen.
Der Tag, an dem der Port raus kam, war nicht der Tag, an dem ich wieder in die Schule gehen hätte können. Das war schon einige Monate vorher. Bloß war da das Schuljahr fast zu Ende und es hatte wenig Sinn. Schließlich wusste man auch noch nicht, wie alles verlaufen würde. Ich hatte also erst mal Sommerferien und dann die OP. Den Eingriff, wie sie es nannten. Sie setzten alles dran, um das Wort Operation so gut es ging zu vermeiden. So als könne man uns das nicht auch noch zumuten. Als würden wir aus den Latschen kippen, sobald wir dieses Wort hörten. Total verlogen, fand ich. Als ob das noch einen Unterschied gemacht hätte. Auch wenn das Ding aussah wie ein Spielzeug aus einem Überraschungsei, es saß unter meiner Brust und es gehörte da nur so lange hin, wie ich mir regelmäßig Chemikalien durch den Körper jagen lassen musste.
Das aber war jetzt endgültig vorbei. Und eine OP war eine OP.
Ich konnte also ganz normal im September wieder in die Schule gehen. Natürlich nicht in meine alte Klasse, aber eine Klasse drunter. Würde nicht in einem Jahr die Matura machen, sondern erst in zwei. Als wäre ich sitzengeblieben. So wie Nono. Das mit September war also unheimlich praktisch. Ich hatte Nono, mit dem ich zwar nicht befreundet war, den ich aber noch aus meiner Klasse kannte.
Ich würde auch in einigen Fächern die gleichen Lehrer haben. Den Stricker, der mir in Mathe das Leben zur Hölle gemacht hatte, war ich los. Obwohl ich das mit der Hölle jetzt im Nachhinein noch mal anders definieren würde. Egal, ich musste mir über ihn keine Gedanken mehr machen.
Ich sollte mir auch keine Gedanken mehr machen über das, was gewesen war. Ab jetzt ging es nach vorn. Die letzten Augusttage war ich ziemlich gut gelaunt. Ich hatte das Gefühl, die Welt mochte mich. Sie wollte es mir leicht machen auf meinem Weg nach vorn.
Und jetzt sitze ich da in der neuen Klasse. Neben Nono. Ein halbes Jahr schon. Ich konnte sogar durchsetzen, dass wir einen Tisch in der Mitte nehmen und uns nicht irgendwo hinten in die letzte Reihe verdrücken. Nono hatte keine Lust auf Lernen. Ich schon. Ich wollte endlich wieder eine richtige Schülerin sein.
Die erste Zeit in der neuen Klasse habe ich vor allem damit verbracht, die anderen zu beobachten. Herauszufinden, wer wie zu wem steht. Wer welchen Status hat. Wer das Sagen hat und wer sich unterordnet. Und wo ich mittendrin meinen Platz finde. Auf blöde Blicke oder Fragen hatte ich mich vorbereitet, aber die sind gar nicht gekommen. Ich weiß nicht, wer aller wusste, warum ich hier sitze. Vermutlich haben sie anfangs gedacht, ich sei sitzengeblieben. So wie Nono.
Denjenigen, mit denen ich mich angefreundet habe, habe ich selbstverständlich was erzählt. Nicht viel. Keine Details. Aber dass ich nicht blöd bin, sondern krank war. Was natürlich eine stark vereinfachte Form der Dinge ist, denn Nono ist auch nicht blöd. Er zieht es nur vor, sich die Birne wegzukiffen, anstatt zu lernen. Egal. Luna, Shirin und Julia jedenfalls wissen so ungefähr, was ich die letzten eineinhalb Jahre gemacht habe. Und Marc.
Luna, Shirin und Julia sind jetzt meine Clique. Marc ist mein Freund.
Wirklich wissen tun sie natürlich nichts.
2
ES WAR erstaunlich leicht, mich in der neuen Klasse einzuleben. Die ersten Wochen blieb alles ganz nett. Nichts Besonderes, aber okay. Du hattest eine schwere Zeit, jetzt geht’s bergauf. Du wirst nicht mehr sterben. Du gehörst jetzt wieder dazu. Zu uns.
Das Problem war nur, dass ich ziemlich bald merkte, dass es kein uns gab, zu dem ich gehören wollte. Nicht, dass sie mich nicht gewollt hätten. Meine neue Klasse war ein Ausbund an Klassengemeinschaft. Ein paar kannten Nono schon, weil er gutes Gras vercheckte, ein Bonus, den er mir voraus hatte. Aber auch ich hatte keine Schwierigkeiten. Ich hatte das Gefühl, die Welt mochte mich. Bloß war ich mir nicht sicher, ob das auf Gegenseitigkeit beruhte.
Alles war zu perfekt. Die Leute in meiner Klasse waren freundlich und unbeschwert. Lästereien hielten sich in Grenzen, und die, die sich nicht mochten, gingen sich aus dem Weg. In der Pause wurde gemeinsam voneinander abgeschrieben und wenn die Gangaufsicht kam, funktionierte das Warnsystem hervorragend. Am Klo wurde gemeinsam geraucht und, wenn Nono dabei war, gemeinsam gekifft. Nachrichten, die die Runde machten, wurden immer auch an mich geschickt, und ich bemühte mich, etwas Witziges oder Freundliches zurückzuschreiben. So wie man das in dieser Welt anscheinend erwartete.
Luna, Shirin und Julia haben ziemlich bald beschlossen, mich interessanter zu finden als Nono. Die drei waren nicht so auf Kiffen aus und ich auch nicht, eine Gemeinsamkeit hatten wir also schnell gefunden. Ich war lange genug zugedröhnt, das brauche ich jetzt nicht freiwillig, nein danke.
Ich habe schnell herausgefunden, dass Shirin und Julia die waren, die in der Klasse den Ton angaben, also war ich dankbar für ihr Freundschaftsangebot. Zuerst dachte ich, ich würde auch eine wie Luna werden, die den beiden einfach überallhin nachlief und lachte, wann immer die beiden etwas sagten. Wäre mir auch recht gewesen. Aber irgendwie scheinen mich Julia und Shirin ernsthaft interessant zu finden. Ich vermute, sie dichten mir eine mystische Aura an, so als wäre ich durch meine Krankheit in irgendwelche Tiefen hinabgestiegen, aus denen ich Weisheit mitgebracht hätte. Mit dem Hinabsteigen haben sie recht. Legt auch mein neuer Name nahe.
Denn Lena, das bin ich nicht mehr. Ich nenne mich Hel. Hel wie Hölle. Damit alle gleich wissen, woran sie sind.
Bei der Weisheit hingegen bin ich mir nicht so sicher. Aber ich war froh, dass ich mich gleich in den ersten Wochen an sie dranhängen konnte und wir nun zu viert durch die Gegend zogen. Ich konnte auch sehen, wie es die Lehrer freute, dass ich so schnell Anschluss fand. Die waren schließlich eingeweiht, manche haben mir im letzten Jahr Unterrichtsmaterialien zukommen lassen und teilweise sogar versucht, mir über Skype Privatstunden zu geben.
Mussten wir aber abbrechen. Mir ging es zu schlecht. Die Kids um mich rum waren ganz begeistert vom Unterricht, der auf der Station angeboten wurde. Die Kliniklehrerin, die zu allen kam, um mit ihnen zu lernen, war das Highlight ihres Tages. Aber die waren alle so klein und leicht zu begeistern.
Ich bin froh, dass wir über dieses Thema heute den Mantel des Schweigens breiten. Dass niemand mit mir darüber reden will. Denn ich soll nicht mehr an Rückfälle denken. Ich bin aufgestanden und jetzt geht es nach vorn.
Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich mag, was ich dort sehe.
Ich bin schnell draufgekommen, was die Dinge sind, die die anderen in meiner Klasse beschäftigen. Unglückliche Liebe. Verbote der Eltern. Streit mit der besten Freundin. Selbst Nono, der tut, als stünde er über den Dingen, leidet daran, dass Shirin ihn nicht beachtet.
„Du bist ihr zu entspannt“, formuliere ich es freundlich, wenn er sich bei mir ausheulen will. „Die will nicht nur abhängen, die steht nicht so auf Leistungsverweigerung. Die steht auf Typen, die was schaffen oder zumindest schaffen wollen.“
Typen wie Marc. Bloß hab den ich abgekriegt. Irgendwie war er plötzlich da. Mit sechs Anrufen in Abwesenheit. Alles Marc. Scheiße, wir hatten doch bloß rumgeknutscht. Da musste man doch nicht gleich sechs Mal anrufen.
Ich wusste, ich sollte zurückrufen. Sollte mich mit ihm treffen. Aufgeregt sein. Herzklopfen haben. Ihn vermutlich noch mal küssen. Mich ins Kino einladen lassen. Seine Eltern kennen lernen. Seine kleine Schwester süß finden. Das ganze Paket.
Ich wusste, dass mich abgesehen von Shirin noch mindestens drei weitere Mädchen und zwei Burschen aus meiner Klasse um den Kuss von Marc beneideten. Aber ich hatte es bloß getan, weil ich nichts Besseres zu tun hatte. Da war ich, da war Marc, da war ein Bier oder auch zwei. Da waren plötzlich wir beide. War halt so. War doch kein Grund, Telefonterror zu machen.
Ich hatte mich ein Jahr lang damit beschäftigt zu sterben, jetzt wollte ich mich endlich wieder damit beschäftigen zu leben. Bloß hatte ich irgendwie vergessen, wie das geht.
Während in den Kalendern der anderen die Termine für Partys und erste Dates immer mehr wurden, häuften sich in meinem bloß die Chemozyklen. Während ihre Körper das Gewand ablegten, um mit anderen Körpern das erste Mal ins Bett zu steigen, legte meiner die Sachen nur ab, um Infusionen angehängt zu bekommen. Das erste, zweite, hundertste Mal.
Während die anderen bei der Ärztin waren, um sich kleine Pillen verschreiben zu lassen, die fast 100-prozentig gegen neu entstehendes Leben schützten, bekam ich große Pillen gegen neu entstehendes Sterben. Wirksamkeit 75 Prozent.
Während die Eltern der anderen seufzten, weil sie zur vereinbarten Zeit nicht zu Hause waren, seufzten meine, weil ich schon wieder nicht nach Hause gehen konnte.
Während die anderen Vokabelhefte anlegten, hätte ich die ganzen neuen Vokabeln am liebsten sofort wieder vergessen. Vincristin, Rezidiv, Alopezie.
Natürlich habe ich Marc zurückgerufen und seither sind wir ein Paar. Ich habe ein Jahr verloren, vielleicht eineinhalb. So viel ist das nicht bei einer Lebenserwartung von, sagen wir mal, achtzig Jahren. Eine vernachlässigbare Größe. Ich muss einfach alles nachholen, was mir entgangen ist, dann werde ich mich vielleicht irgendwann gar nicht mehr daran erinnern können, dass da was fehlt. Dass da Zeit fehlt, gefehlt hat. Einfach alles nachholen. Nach vorn schauen.
Ich habe also jetzt einen Freund.
Immer wieder habe ich mich während der letzten zwei Jahre gefragt, ob ich das wohl noch erleben würde. Den ersten Kuss. Den ersten Freund.
Und jetzt ist er da. Der erste Kuss war zwar nicht besonders spektakulär, doch mit der Zeit wurde es besser. Marc sabbert auch nicht mehr so viel wie zu Beginn, aber vielleicht liegt das auch an mir.
Schließlich ist Marc der Profi und ich die Spätzünderin. Eigentlich könnte es mir peinlich sein. Ist es aber nicht.
Natürlich gibt es in meinem Leben noch Peinlichkeiten. Wenn ich was nicht weiß, oder merke, dass ich nicht ganz so cool rüberkomme, wie ich vorhatte, laufe ich innerlich knallrot an.
Aber meinem Körper ist nichts mehr peinlich. Der hat die entblößendsten Situationen schon hinter sich. Er hat gelernt, Peinlichkeitsgefühle zu ignorieren. Das habe ich ihm beigebracht.
Nach der Schule steht Marc mit einem Einkaufswagen vor dem Schultor.
„Wo hast’n den aufgetrieben?“
Marc grinst. „Setz dich rein“, fordert er mich auf.
Ich steige in den Wagen, schiebe seine Hand weg, die mir helfen will. Ich kann das alleine.
Kaum sitze ich, beginnt Marc den Einkaufswagen zu drehen. Ich stoße einen Schrei aus, aber dann halte ich mich einfach nur fest und lache. Marc hat die Arme überkreuzt und hält den Griff fest, ich weiß, dass er nicht loslassen wird. Nach und nach füllt sich der Platz vor der Schule, der Unterricht für viele Klassen endet jetzt.
Mir wird schwindlig, aber das ist mir egal. Ich genieße, dass ich weiß, woher der Schwindel kommt. Dass ich ihn jederzeit stoppen kann, indem ich den Wagen anhalte, denn Marc wird den Wagen anhalten, wenn ich es ihm sage.
Aber ich lasse ihn drehen, drehen, bis ich wirklich nicht mehr kann und Stopp schreien muss. „Stopp“, und Marc stoppt und ich falle aus dem Wagen, falle ihm in die Arme. Er hält sein Handy vor uns und fotografiert. Macht kleine Filmchen. Marc und Hel. Hel und Marc. Mit ein paar Klicks können es alle seine Freunde und Follower sehen. Marc ist nämlich einer, der Follower hat.
In meinen Gedanken schicke ich die Bilder auch an Annette, mit der ich natürlich nicht privat befreundet bin. Sehe sie lächeln und sich freuen, wie gut ich das gemacht habe mit dem Überleben.
3
DASS ICH eine Spätzünderin bin, ist Marc egal. Erstens bin ich damit bestimmt nicht die Einzige in meinem Alter. Zweitens habe ich eine Entschuldigung dafür und zwar eine gute. Eine, die niemand jemals anzweifelt. Trauen sie sich gar nicht. Du brauchst nur Krebs zu sagen und schon verfallen alle in Schreckstarre. Eigentlich sollte ich das mal probieren. Vielleicht könnte ich die ganze Welt so lahmlegen. Ich könnte hingehen, wo immer ich will, niemand könnte mich hindern, denn das verwünschte Wort würde einen Eishauch um alle legen, die sich mir in den Weg stellen.
Marc lässt sich nicht lahmlegen. Er weiß sogar ein bisschen was über Chemos und so. Seine Tante hat Brustkrebs gehabt und ist mit nur noch einer halben Brust, dafür aber mit dem ganzen Leben aus dem Krankenhaus zurückgekommen.
Ein Treffen mit Marcs Familie interessiert mich überhaupt nicht, aber ich brenne darauf, Marcs Tante kennenzulernen. Ich bin nämlich neugierig auf ihre halbe Brust. Ich habe mehrere fehlende Körperteile gesehen im letzten Jahr, aber Brüste sind nie dabei gewesen. Wir waren einfach zu jung dafür. Wenn Brüste nicht da waren, dann deshalb, weil sie noch nicht gewachsen waren.
„Die trägt einen ausgestopften BH“, sagt Marc, als ich ihn drauf anspreche. „Da merkst du gar nichts.“
„Meinst du nicht, dass man da was sehen kann? Wenn man genau hinschaut?“ Ich kneife die Augen zusammen. „Ich kann das sicher sehen.“
„Ich sag dir doch, da sieht man nichts.“
„Und ich sag dir, ich kann so was sehen. Ich hab da einen speziellen Blick. Den Krebs-Blick.“ Marc lächelt gezwungen. Er weiß nie, wie er auf so etwas reagieren soll.
Aber er lässt sich breitschlagen und verspricht, dass zu dem Treffen mit seinen Eltern auch seine Tante kommen wird.
Evelyn heißt sie. Ein schöner Name. Etwas altmodisch, aber jung ist sie ja nicht mehr. Evelyn. Ein Name, der auf der Zunge zergeht wie ein Bonbon, das man im Mund von einer Seite zur anderen schiebt.
Marc ist eher das Geräusch, das es macht, wenn man das Bonbon zerbeißt. Krach. Marc. Schöne Zähne hat er. Ganz gerade.
„Schön, dass wir dich kennenlernen.“ Marcs Mutter strahlt mich an und reicht mir die Hand. „Marc hat schon viel von dir erzählt.“
Hat er das also. Klar, jemand wie Marc versteht sich natürlich gut mit seinen Eltern. Die reden bestimmt über alles. Auch über meine Diagnose und warum ich ein Schuljahr verloren habe.
Ich bin heute also wieder mal Die-die-Krebs-gehabt-hat.
Ich setze mein schönstes Lächeln auf, weil es manchmal einfacher ist, das Spiel mitzuspielen und weil sich die Leute so freuen, wenn sie sehen, wie unversehrt und strahlend man aus dieser schweren Zeit zurückgekommen ist. „Was hat er denn erzählt?“, frage ich lächelnd.
„Nur Gutes.“ Marcs Vater ist hinter der Mutter aufgetaucht, auch er streckt mir die Hand hin und lächelt. Er ist in Anzug und Hemd, nur den obersten Knopf hat er gelockert und keine Krawatte umgebunden. Entweder er kommt grad von der Arbeit oder er läuft auch zuhause so rum.
„Komm doch rein.“ Marcs Mutter schiebt mich ins Wohnzimmer. „Schuhe ausziehen brauchst du nicht.“
Am Wohnzimmertisch sitzt Marc und zeigt einer Frau Fotos auf seinem Handy. Als er mich sieht, springt er auf, um mir einen Kuss zu geben. Ich schiele dabei an seinem Gesicht vorbei auf die Frau am Tisch. Das muss Evelyn sein. Marc hat recht. Da sieht man tatsächlich nichts.
Ich versuche, ihren Blick einzufangen, doch sie sieht mich nicht besonders lange an. Nicht länger, als man die neue Freundin des Neffen eben ansieht, wenn man Hallo, ich bin die Tante sagt.
Die Die-die-Krebs-gehabt-hat-Neugierde setzt bei ihr nicht ein. Warum sollte sie auch. Hat er also eine mit nach Hause gebracht, sagt ihr Blick. So sieht die also aus. Aha.
„Setzt euch doch.“ Marcs Vater deutet auf die freien Stühle. „Suppe kommt gleich.“
Marc hält unter dem Tisch meine Hand, bis wir zur Hauptspeise kommen und beide Hände für Messer und Gabel brauchen. Ich mag es, dass jemand wie er meine Hand hält. Meine Hand, die nicht mehr kraftlos auf der Bettdecke liegt. Die man nicht deshalb halten muss, weil man befürchtet, ich könnte jeden Moment verschwinden. Meine Hand, die jetzt den Druck erwidern und danach nach dem Besteck greifen kann.
„Gibt’s bei euch immer so gutes Essen?“, flüstere ich ihm zu.
„Nur wenn Gäste kommen.“ Er grinst. „Was glaubst du denn, warum ich dich eingeladen habe.“
„Als würdest du sonst verhungern.“ Marcs Mutter lacht auf und beginnt, Risotto auf unsere Teller zu verteilen. „Fangt schon mal an.“
Es gibt sogar frischgepressten Orangensaft. Vitamin C. Marcs Eltern gehören anscheinend zu denen, die glauben, damit könne man die Gesundheit beeinflussen. Antioxidantien und so Scheiß. Aber der Saft schmeckt gut und ich gieße mir nach, nachdem ich mein erstes Glas in einem Zug geleert habe.
Ich überlege, wie ich Evelyns Aufmerksamkeit auf mich ziehen kann.
„Was arbeiten Sie eigentlich?“, frage ich sie also.
Evelyn lacht. „Können wir bitte du sagen?“ Sie schenkt sich ein Glas Wein ein. „Oder möchtest du lieber gesiezt werden?“
„Äh, nein, natürlich nicht, kein Problem“, stottere ich.
„Sie ist Museumskuratorin“, rettet mich Marc. Hoffentlich finden es seine Eltern nicht komisch, dass ich sie nicht nach ihren Berufen frage. Aber die weiß ich schon.
„Was genau macht eine Kuratorin?“
„Ich plane und entwerfe Ausstellungen“, erklärt Evelyn.
„Spannend.“
„Im Technischen Museum“, ergänzt Marc.
„Da war ich letzten Monat“, sage ich begeistert. „Die uralten Staubsauger fand ich voll cool. Die schauen aus wie Raketen.“
„Die Haushaltsausstellung hab ich mitkuratiert.“ Evelyn lächelt freundlich. Dann widmet sie sich wieder dem Risotto auf ihrem Teller. Was ich mache, fragt sie nicht. Wär auch eine blöde Frage. Schülerin, was sonst. Aber irgendwas könnte sie doch über mich wissen wollen. Will sie aber nicht.
„Echt, du hast seine Eltern getroffen? Jetzt schon? Ist ja krass.“ Shirin nimmt es mir nicht übel, dass Marc mit mir zusammen ist und nicht mit ihr. Sie hat genug andere Verehrer.
„Na ja, die wollten halt wissen, ob ich gut genug für ihr Söhnchen bin.“ Luna macht neugierige Augen. „Und, bist du?“
Ich wiege den Kopf hin und her. „Sie haben zumindest nichts Gegenteiliges gesagt.“
„Und deine Eltern wollen ihn nicht kennenlernen?“ Shirin sieht mich fragend an. Ich seufze. „Doch, natürlich. Aber …“
„Du willst das nicht“, stellt Julia fest.
„Das wird total mühsam. Meine Eltern sind so begeistert darüber, dass ich jetzt wieder ein normales Leben führe, dass sie alles toll finden, was ich mache. Die wollen ja auch euch unbedingt kennenlernen.“
„Ich muss sagen, das versteh ich irgendwie.“ Luna sieht mich entschuldigend an, als würde ich es ihr übel nehmen, dass sie eine andere Meinung hat. Diesen Blick hat sie öfters.
„Dann kommen wir dich doch einfach besuchen“, beschließt Shirin. Ich rolle mit den Augen.
„Ach, komm schon.“ Julia kneift mich in die Seite. „Wir machen auch auf ganz gesittet.“ Sie setzt sich gerade auf und macht einen Kussmund. „Deine Eltern werden uns lieben. Wir sind das neue Leben ihrer Tochter. Das gute neue Leben.“ Sie lacht. „Stimmt doch, oder?“
Ich verziehe das Gesicht. „Ja, eh.“ Ich weiß, dass sie recht hat. Meine Eltern sagen zwar nichts, weil sie mich nicht drängen wollen, aber ich weiß, dass sie darauf brennen, meinen neuen Freundeskreis kennenzulernen. Julia, Luna und Shirin sind auch Freundinnen, von denen meine Eltern begeistert wären.
„Machen wir also“, beschließt Julia. „Frag mal, wann wir kommen dürfen. Um dein neues Leben zu feiern. Mit deinen Eltern.“ Sie kichert.
Shirin nickt und beißt in ihren Apfel. Kauend sieht sie mich an. Lange.
„Ich find dich voll stark“, sagt sie schließlich, als sie hinuntergeschluckt hat. Julia nickt. Luna auch, natürlich.
„Wieso bitte?“
„Also ich weiß nicht, ob ich das gekonnt hätte. So mit Haarausfall und so.“ Julia nimmt ein Zopfgummi aus der Hosentasche und spielt damit herum.
Ja genau. Als ob mich jemand gefragt hat, ob ich das kann.
„Schau mal, der Hund dort sieht doch aus wie eurer“, versuche ich abzulenken und zeige auf das Hinterteil eines Labradors, der gerade hinter einer Ecke verschwindet. Ein kläglicher Ablenkungsversuch. „Und ja, ich frag meine Eltern.“ Zweiter Ablenkungsversuch, genauso kläglich.
„Ich hätte das nicht durchgehalten“, sagt Luna bestimmt.
„Du musst echt ein voll tapferer Mensch sein. Find ich bewundernswert.“ Shirin.
In meinen Ohren beginnt es zu rauschen, ich starre auf die Ecke, hinter der der Hund verschwunden ist. Ich sollte Julia den Haargummi aus der Hand nehmen und selber damit gegen mein Handgelenk schnalzen. Hilft angeblich gegen Übelkeit, weil da irgendwelche Akupressurpunkte am Handgelenk sind oder so. Da gibt’s spezielle Bänder, aber in Wahrheit tut’s ein ganz normaler Zopfgummi auch. Und in ganz wirklicher Wahrheit bringt das alles überhaupt nichts.
Ich weiß nicht, ob die drei noch über mich und meine Stärke reden, oder ob sie schon bei anderen Themen angelangt sind, denn ich kann nicht hören, was sie sagen. Nur das Rauschen in meinen Ohren. Dieses verdammte Tapferkeitsgelaber vereint wohl Freunde und Angehörige auf der ganzen Welt.
Es war tapfer, wie ihr mit allem umgegangen seid, sagen sie andauernd. Wie ihr der Krankheit getrotzt habt, und den Schmerzen. So als hätte es einen Plan B gegeben. Als hätten wir aussteigen können aus dem Spiel. Als wären es wir gewesen, die gesagt haben, nein, noch nicht, lass uns das mit dem Tapfersein noch ein bisschen beweisen.
Ist es tapfer, wenn du Schmerzen hast und trotzdem lächelst? Wenn du Schmerzen hast und den Mund verzerrst, aber nicht heulst? Wenn du heulst, aber nicht stirbst? Und die, die gestorben sind, waren die einfach nicht tapfer genug?
Das mit der Tapferkeit ist eine große Lüge.
Ich wünsche mir Evelyn herbei. Die würde jetzt wissen, was zu tun ist. Die würde nicht nur gemeinsam mit mir die Augen verdrehen, sondern ihre halbe Brust schwingen und etwas Schlagfertiges kontern.
Ich sehe wie Shirin, Luna und Julia ihre Münder öffnen und schließen, spüre, wie ich nicke und lächle und Mhm brumme, ohne zu hören, was sie sagen. Stelle mir vor, wie Evelyn und ich uns durch Blicke verständigen, dass es nun endgültig reicht mit all dem Tapferkeitsgelaber. Wie wir gemeinsam aufspringen, uns auf einen Besen setzen, oder auf diesen alten, spacigen Staubsauger aus der Haushaltsausstellung, und durchs geöffnete Fenster ins Freie fliegen. Wie wir all die Angehörigen mit offenen Mündern zurücklassen und draußen unsere Kreise ziehen.
Über die Stadt. Über das Land. Und über das Meer. In welche Richtung auch immer.
Julia rüttelt mich an der Schulter. „Alles klar mit dir?“
„Äh, ja.“ Keine Evelyn, dafür Luna, Shirin und Julia, die mich besorgt ansehen.
„Kann ich mal dein Haargummi haben?“, frage ich schnell, bevor sie irgendetwas sagen oder fragen können. Julia hält es mir hin, ich streife es mir über die Hand und lasse es mit den Fingern gegen mein Handgelenk schnalzen. Dann erzähle ich den dreien von Akupressurpunkten, davon, wie gut das gegen Übelkeit hilft und dass eigentlich, also eigentlich alles gar nicht so schlimm war.
4
„KANN ich bei Marc übernachten?“, frage ich, mehr rhetorisch als sonst was. Schließlich weiß ich, dass die Antwort nicht Nein lautet.
„Du passt auf, ja?“, hat mein Vater nur gesagt, als ich das erste Mal bei Marc übernachten wollte, und ich habe sofort mit den Augen gerollt. Damit hatte sich die Diskussion erledigt. Vermutlich auch deshalb, weil meine Eltern wussten, dass die Wahrscheinlichkeit, mich schwanger vor ihrer Tür stehen zu haben, relativ gering war. Was ja das Hauptproblem zu sein scheint, warum Eltern ihre Kinder nicht bei Jugendlichen des anderen Geschlechts übernachten lassen wollen. Alle haben sie Angst, dass sie Alimente zahlen und Windeln wechseln müssen und die Zukunft ihrer Kinder im Arsch ist.
So als könnte man Dinge durch Verbote verhindern.
Trotzdem formuliere ich den Satz als Frage. Ich könnte auch Ich bin heut wieder bei Marc sagen, oder Ihr wisst ja, wo ich bin. Tue ich aber nicht. Ich frage. So als würde ich insgeheim auf ein So nicht, junges Fräulein warten. Nicht, dass mich meine Eltern jemals junges Fräulein nennen würden. Aber irgendetwas in der Art wäre schön. Irgendwie.
Dann könnte ich Marc anrufen und ihm mit trauriger Stimme sagen, dass ich leider zuhause bleiben muss. Dass ich noch Hausaufgaben machen muss oder mit meinen Eltern für Gäste kochen oder so. Was man so macht mit Eltern eben. Was das genau sein soll, weiß ich nicht mal.
Was machen Leute in meinem Alter mit ihren Eltern, wenn sie alleine mit ihnen sind?
Wir machen immer das, was ich machen will. Will ich kochen, kochen wir. Will ich Essen gehen, gehen wir zum Italiener ums Eck. Ich weiß, dass wir uns das nicht ständig leisten können, deshalb tun wir das nur selten. Aber ich bestimme, wann. Meine Eltern sagen einfach ja.
Weil sie froh sind, dass ich überhaupt noch da bin.
Nicht, dass ich nicht bei Marc übernachten möchte. Seine Eltern haben eine tolle Wohnung, die Couch ist bequem, sie haben Pay-TV und Netflix. Und der Kühlschrank ist immer voll. Außerdem mag ich, wie Marc mich ansieht, wenn er denkt, dass es niemand merkt. Und seine Eltern sind heute Abend nicht da, also wird er mich oft so ansehen. Ich mag, wie er seinen Arm um meine Schultern legt und mir mit den Fingern durch die Haare fährt. Weil meine Schultern wieder aufgerichtet und stark sind und mir Haare aus der Kopfhaut wachsen, durch die man fahren kann. Mag es, wenn er seinen Kopf an meine Schulter lehnt, dort, wo das Schlüsselbein ist, in dem kein Port mehr steckt.
Ich fahre also zu Marc.
„Können wir den Herrn auch mal kennenlernen?“, fragt meine Mutter, als ich mich an der Wohnungstür verabschiede.
Den Herrn. Ich grinse. Vielleicht nennen sie mich ja doch mal junges Fräulein.
„Sicher.“ Ich klopfe meine Jackentaschen ab, um mich zu vergewissern, dass alles da ist. Handy, Schlüssel, Geld.
„Vielleicht will er am Wochenende vorbeikommen? Zum Brunchen? Oder am Abend? Sag du, wie es dir am liebsten ist.“
Sag du. Sagdusagdusagdu. Sagt doch ihr mal etwas. Bestimmt doch verdammt noch mal einfach mal ihr, was passieren soll.
Ich bin unfair, ich weiß. Meine Eltern wollen Marc kennenlernen. Ich werde ihn einfach fragen. Soll er doch bestimmen, wann.
Marc hat das Licht gedimmt und Orangensaft mit Malibu gemixt, in den stecken wir Strohhalme, während im Hintergrund eine alte Folge von irgendeiner amerikanischen Serie läuft.
Eines der ersten Dinge, die ich Annette gefragt habe, nachdem klar war, dass es jetzt vorbei ist, war, ob ich mit Alkohol aufpassen muss, oder wie das jetzt ist, so mit nur einer Niere.
„Werd bitte keine Alkoholikerin“, hat sie nur gesagt. „Und großartige Drogenexperimente würd ich dir auch nicht empfehlen. Aber ansonsten mach dir keine Sorgen.“
„Ich kann also mal einen Cocktail trinken oder ein Bier oder so?“, habe ich ungläubig gefragt. Annette hat gelacht und genickt. „Wie gesagt, keine Exzesse. Aber das würde ich allen raten, die mich fragen, nicht nur dir. Viel trinken, genug Bewegung, nicht rauchen und nicht zu viel Salz im Essen. Das Übliche halt. Auch Menschen mit zwei gesunden Nieren können sich kaputtmachen, wenn sie ihr Leben lang nicht auf sich achten.“
„Ich kann also alles tun, was die anderen tun?“ Ich konnte es noch immer nicht glauben. Annette hat einen Filzstift genommen und auf ein Post-It geschrieben. Es vor mich auf den Tisch geklebt: JA.
„Mach dich bitte nicht verrückt. Es ist nur wichtig, dass du regelmäßig zum Check-up kommst.“
„Natürlich!“
Annette hat gegrinst. „Dann schau, dass du hier rauskommst.“
Manche Menschen spenden eine Niere an enge Verwandte, man kann also auch mit nur einer Niere ganz gut leben. Ich bin jung, meine zweite Niere funktioniert gut. Ich ziehe Marc den blauen Strohhalm aus dem Mund. „Lass mal kosten.“
„Du hast doch selber.“
„Schmeckt vielleicht anders mit grünem Strohhalm als mit blauem.“
Marc nimmt einen Schluck durch meinen grünen Strohhalm und sieht mir dabei in die Augen.
„Stimmt. Ganz anders.“
„Als Kind hatte ich mal einen Strohhalm in Form eines Notenschlüssels“, sage ich. „Der war lustig. Da musstest du total stark ansaugen, bis der Saft den Weg in deinen Mund gefunden hat.“
„Violine oder Bass?“ Marc kennt sich aus. Natürlich. Er ist Gitarrist bei The Windows. Bescheuerter Name, aber The Doors sind schließlich damals auch groß rausgekommen.
„Der normale Schlüssel“, sage ich. „Welcher ist das?“
Marc lacht. „Ich nehm an, du meinst den Violinschlüssel.“ Mit dem Finger malt er mir dessen Form auf den Handrücken. „Den da?“
Ich nicke und grinse. „Den normalen, hab ich ja gesagt.“
Marc malt weiter, einen Halbkreis mit zwei Punkten. „Das wäre der Bass-Schlüssel.“
„In der Form könnte man eh keinen Strohhalm machen“, stelle ich fest.
Er grinst. „Mit viel Fantasie vielleicht schon.“ Er malt weiter auf meinem Arm herum, Bass-Schlüssel, Violinschlüssel und irgendwann kann ich nicht mehr erkennen, was es sein soll. Mit dem Strohhalm mache ich Blubberbläschen aus dem Malibu-Orange. Ist eine Therapie für lungenkranke Kinder. Spielerisch, also ohne dass sie es merken, weil kein Kind jeden Tag Therapie machen will. Jeden Tag Wasser blubbern lassen. Stärkt die Lunge und die Bronchien und überhaupt alles.
Marc malt weitere Violinschlüssel auf meine Haut. Auf meinen Unterarm, dann den Oberarm, dann schiebt sich seine Hand durch den Ärmel meines T-Shirts und malt auf mein Schulterblatt. Ich blubbere noch ein paar Malibu-Bläschen und kichere. Marc streckt die Hand, die gerade keine Notenschlüssel malt, nach der Fernbedienung aus und stellt den Ton ab.
Ich spüre meine Muskeln, wie sie sich beugen und strecken, wenn meine Arme Marcs Rücken entlangfahren. Spüre meine Lunge, wie sie sich füllt und wieder verkleinert, in unterschiedlichen Abständen, wenn ich mit meinem Atem spiele. Langsam ein, langsam aus. Schnell ein, langsam aus. Luft anhalten. Langsam ein, schnell aus. Alles funktioniert, nichts tut weh. Schnell ein, schnell aus. Und wieder. Schnell ein, schnell aus.
Marc scheint daraus zu schließen, dass mir gefällt, was er tut. Seine Hand gleitet meine Taille entlang und streichelt über meine Hüfte. Öffnet langsam den Knopf an meiner Hose. Dann den Reißverschluss.
Ich glaube, wir sehen aus wie im Film. Nicht in dem, der gerade lautlos vor uns läuft. In einem besseren. Einem mit gedämpftem Licht. Mit zwei Körpern, die sich aufeinander, umeinander bewegen. Mit Muskeln, die sich unter der Haut verschieben. Viele Muskeln in seinem Fall, weniger in meinem. Ich spanne meinen Bizeps an. Ich mag, wie sich das anfühlt. Besser als der von Marc, finde ich. Nicht, weil seiner schlecht wäre. Aber meiner ist meiner.
Während ich so nachdenke, hat Marc sich seine Unterhose vom Körper gestreift. Calvin Klein, das kann ich aus dem Augenwinkel sehen. Dann soll es heute also tatsächlich passieren. Gut so. Mit siebzehn. Gar nicht mal so spät. Luna und Shirin haben noch nicht, zum Beispiel. Und die haben kein Jahr im Spital verloren. Ich liege noch gut in der Zeit.
„Hast du ein Kondom da?“, flüstere ich Marc ins Ohr.
Er schüttelt den Kopf. Keine Ahnung, ob er erwartet hat, dass ich eines mitbringe. Ich habe, ehrlich gesagt, überhaupt nicht daran gedacht. Blöd, eigentlich. Julia behauptet, dass es immer die Männer sind, die an sowas denken sollen.
„Wirklich nicht?“, frage ich also ungläubig.
Marcs Hand hört nicht auf, mich zu streicheln. „Ist doch egal“, murmelt er.
„Ohne ist nicht“, stelle ich klar, auch wenn das jetzt irgendeine Romantik zerstört oder weiß der Geier was. Ohne ist definitiv nicht.
„Aber bei uns ist das doch wirklich egal.“ Marc legt die Hand an meine Wange und lächelt.
„Wie meinst du das?“ Ich stütze mich auf meine Ellenbogen. Die Muskeln in meiner Bauchdecke spannen sich an.
Marc lässt seinen Blick auf meine Seite wandern, dorthin, wo die Narbe ist. „Na, du kannst doch eh nicht schwanger werden.“
Auf den Ellbogen drücke ich mich höher und schiebe seine Hand von meinem Körper.
Was hast du da gesagt?
Ich starre ihn an und spüre die Wut in mir aufsteigen. Das hast du nicht wirklich gesagt.
Schlagartig ist jegliches freundliche Gefühl aus mir verschwunden.
„Na ja, nach der Chemo …“, sagt Marc zögerlich. „Also das macht doch unfruchtbar. Meine Tante …“
„Was geht mich deine Tante an“, brülle ich. „Schon mal was von HIV gehört, du Arsch? Ich hab schon die eine tödliche Krankheit überlebt, meinst du, ich bin scharf darauf, mir die andere einzufangen?“
Ich springe auf und greife wahllos nach Kleidungsstücken, die unordentlich auf dem Boden neben Marcs Matratze rumliegen. Ziehe mich hastig an. Meine Unterhose kann ich nicht finden, also wird es Calvin Klein, das T-Shirt ist auch von Marc, die Hose wieder meine, seine wäre mir zu weit.
„Aber …“, stammelt Marc. „Aber … du bist doch die erste …“
Ich laufe aus dem Zimmer und schlage ihm die Tür vor der Nase zu. Ich muss raus hier. Schnell in die Schuhe, Schuhbänder unter die Ferse stopfen, zubinden geht später. Ein Arm in den Jackenärmel und raus.
„Hel, warte!“
Aber ich warte nicht. Ich laufe. Ich kann das nämlich. Die Muskeln in Oberschenkeln und Waden spannen sich an, meine Knie beugen und strecken sich, meine Lunge pumpt sich mit Luft voll und stößt sie wieder aus. Schnell ein, schnell aus. Schnell ein, schnell aus.
„Das hab ich nicht so gemeint!“, höre ich Marcs Stimme hinter mir. Sie klingt verzweifelt. „Es tut mir so leid, ich hab echt nicht …“
Ich presse mir im Laufen die Hände gegen die Ohren. Ja, Marc kennt sich aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich jemals ein Kind bekomme, ist tatsächlich gering. Haben sie mich aufgeklärt im Krankenhaus. Die Killer-Chemo, die ich gekriegt habe, hat nicht nur den Krebs in mir ausgeschaltet. In Kombi mit Bestrahlung überhaupt. Haben sie mir ein Infoblatt gegeben.
Bei Bestrahlung des Beckens mit einer Dosis von über 10 Gray ist die Wahrscheinlichkeit von Unfruchtbarkeit blablabla. Ich hab nicht mehr weitergelesen. War auch schon egal.
Ich laufe, bis meine Lunge fast kollabiert und meine linke Seite sich anfühlt, als würde jemand mit einem Dolch auf sie einstechen. Die Jacke ist mir vom Ärmel gerutscht, weil ich mir nicht die Zeit genommen habe, sie richtig anzuziehen. Ich schmeiße sie in die Ecke eines Hauseingangs, lasse mich darauf fallen und bleibe liegen, keuchend, schluchzend und das T-Shirt mit Marcs Aftershave-Geruch unter der Nase. Mein Handy, das alle dreißig Sekunden vibriert, schalte ich ab.
Das ist also das Leben, um das ich eineinhalb Jahre lang gekämpft habe? Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich weniger angestrengt.
Als ich wieder einigermaßen ruhig atmen kann, beginne ich auch wieder zu denken. Wie spät es wohl ist? Um auf meinem Handy nachzusehen, müsste ich es anschalten, doch das traue ich mich nicht. Marc ist es zuzutrauen, dass er weiterhin alle dreißig Sekunden anruft. Es muss noch vor Mitternacht sein, aber sicher bin ich mir nicht. Seufzend rapple ich mich auf, ziehe die Jacke diesmal richtig an und stapfe los. Erstmal zum nächsten großen Platz, auf dem sich ein Versicherungsgebäude befindet, das die Uhrzeit anzeigt.
Noch nicht mal zweiundzwanzig Uhr. Erleichtert atme ich auf. Kann ich also noch nach Hause gehen.
„Himmel, hast du uns erschreckt.“ Mein Vater steht im Durchgang zwischen Wohnzimmer und Vorraum und starrt auf die Wohnungstür, hinter der ich hervorkomme. „Ich hab schon an Einbrecher gedacht.“
„Ich hab dir doch gesagt, um diese Uhrzeit bricht niemand ein“, höre ich die Stimme meiner Mutter.
„Die wissen doch, dass da alle zuhause sind, aber noch nicht schlafen.“ Vorsichtig schließe ich die Eingangstür. „Sorry.“
„Was machst du überhaupt hier? Wolltest du nicht …“
„War ein Missverständnis“, lüge ich schnell. „Marc dachte, er hätte sturmfrei, aber seine Eltern sind doch heimgekommen und irgendwie war’s dann unangenehm. Da bin ich lieber wieder heim.“
„Aha.“
„Aber er kommt gerne am Wochenende vorbei. Sonntag. Zum Brunchen.“ Das sage ich schnell, bevor ich noch irgendetwas zu meinem plötzlichen Auftauchen gefragt werde.
Mein Vater lächelt. „Schön. Ich freu mich, ihn kennenzulernen.“
„Hat er irgendwelche Allergien?“ Meine Mutter aus dem Wohnzimmer. „Oder Intoleranzen? Laktose, Fruktose? Nüsse? Nur damit wir nichts Falsches einkaufen.“
Allergien? Marc? Ha. Der doch nicht. Der ist die Gesundheit in Person. Kannst alles auftischen, Mama. Alles, was du willst.
Ich werfe mich aufs Bett, aber das mit dem Schlafen funktioniert nicht. Ich versuche, tief und regelmäßig zu atmen, die Wut wegzuatmen und die Angst, so wie uns das die Psychologin auf der Onko beibringen wollte, die ich genauso weggeschickt habe wie die Cliniclowns, weil ich fand, dass sie für mich nicht zuständig waren.
Das mit dem Atmen funktioniert auch nicht, die Dunkelheit liegt schwer auf mir, wie eine dicke Decke, unter der man keine Luft, dafür aber Alpträume kriegt. Träume von gelben Krankenhauswänden, von Freundinnen, die mich schockiert anstarren und immer wieder von Annette, die mir bei einer Nachsorgeuntersuchung schreckensbleich eröffnet, dass ich überall Metastasen und nur noch wenige Wochen zu leben habe. Ich verstehe nicht, wieso ich das ständig träume. Annette hat niemals so etwas gesagt, hätte das auch nicht so gesagt, selbst wenn es gestimmt hätte. Die war geschult darin, wie man Nachrichten überbringt.
Sie hat mich immer glauben lassen wollen, dass ich es schaffen werde. Schon ganz zu Beginn, als alle um mein Bett gestanden sind und gerätselt haben, mit was für einem seltenen Tumor sie es da zu tun haben, hat sie Zuversicht ausgestrahlt. Als die erste Chemo nicht angeschlagen hat und die zweite auch nicht. Als selbst der Kamp die Augen aufriss und mir klar war, dass auch er keine Ahnung hatte, was er mit so einem seltenen Fall wie mir machen sollte.
Denn das hatte ich. Etwas ganz Seltenes. Etwas, das eigentlich gar nicht vorkommt. Nierentumoren treten bei kleinen Kindern auf. Die überleben meistens. Oder bei Erwachsenen. Die überleben meistens nicht. Wie die Überlebensrate bei Jugendlichen war, war unbekannt. Die kriegten sowas normalerweise nicht.
„Aber es gibt nichts, was es nicht gibt“, sagte der Kamp, so als würde das etwas helfen.
Und die Psychologin wollte mir erzählen, dass ich meine Besonderheit als Ressource nutzen sollte. Ich wollte aber nicht besonders sein. Wenn schon Krebs, dann bitte eine 08/15-Leukämie, so wie Maria, die mit mir im Zimmer lag, aber doch ständig zuhause sein konnte. Irgendwas, wo die Ärzte sich auskannten. Keinen seltenen Tumor, den noch nie jemand bei einer Jugendlichen gesehen hatte. Annette war die Einzige, von der ich mich ernstgenommen fühlte. Ich verstehe nicht, warum in meinen Träumen ständig sie diejenige ist, die mir schlechte Nachrichten überbringt.
Ruckartig setze ich mich auf und schalte das Licht an. Fahre mir mit den Händen über das Gesicht, dann über den Hinterkopf, die Schultern, den restlichen Körper. Alles noch da.
Ich lasse meinen Blick nach unten gleiten, auf die lange Narbe an meiner Seite, unterhalb des Rippenbogens. Denke an die Niere, die dahinter nicht mehr ist. Und an meine zweite Niere, die sich angeblich vergrößert und die Aufgaben der anderen übernommen hat, so dass mich nichts von einem gesunden Menschen unterscheidet. Nichts, bis auf die Narbe. Und die Träume. Und das Wissen, dass ich besser mal keine Kinder wollen sollte.
Nichts also.
5
ANSTATT mein neues Leben zu feiern, feiern wir Lunas Geburtstag bei mir zuhause. Ich habe mir gedacht, dass das eine gute Idee wäre. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Meine Eltern lernen meine Freundinnen kennen und wir bringen Lunas Geburtstag hinter uns. Am Ende des Tages könnte ich erleichtert aufatmen und hätte es hinter mich gebracht. Nicht dass Lunas Geburtstag an sich eine schlechte Sache wäre. Aber sie hat sich von ihren Eltern einen Smoothie-Mixer gewünscht. Einen von diesen teuren. Mit Ice-Crush und Turbo-Funktion, Soft-Step-Geschwindigkeitsregulierung, integriertem Messbecher, Anti-Rutsch-Füßen und einem patentierten Öffnungsmechanismus zur leichten Reinigung.
Ich weiß das so genau, weil sie uns ausführlich davon erzählt hat. Luna will nämlich Grüne Smoothies machen. Alle wollen Grüne Smoothies machen. Alle sind plötzlich ganz wild darauf, Grünkohl, Brennesseln und Sellerie in ihre Getränke zu mischen.
Der Plan ist, dass Luna zuerst mit ihren Eltern essen geht und sich dann mit dem Mixer unter dem Arm geklemmt auf den Weg in unsere Wohnung macht. Shirin und Julia sind schon zwei Stunden vorher bei mir. Wir wollen eine Torte backen und Geburtstagsdeko aufhängen. Dann wollen wir ihr ein Buch über Grüne Smoothies überreichen. Wilde Grüne Smoothies. Also welche, wo man sich davor durch die Büsche schlagen und Kräuter sammeln muss. Oder zum Biomarkt gehen, wenn man Geld hat.
Meine Eltern habe ich vorgewarnt, sie freuen sich. Ich suche noch das Regal mit den Kochbüchern ab, um sicherzugehen, dass meine Mutter das Himbeerbuch und die anderen Scheißbücher auch tatsächlich weggeworfen hat. Bin beruhigt, dass ich sie nicht finde. Dann klingeln Shirin und Julia auch schon. Ich höre sie im Stiegenhaus lachen und dann stehen sie außer Atem vor der Wohnungstür.
Julia stützt sich an Shirin ab und keucht. „Vierter Stock ohne Lift ist echt hart.“
„Aber gutes Workout.“ Shirin deutet auf mich. „Die macht das jeden Tag“, sagt sie zu Julia. „Kein Wunder, dass die so schlank ist.“
Ich küsse die beiden auf die Wangen und sage nichts, mache nur die Tür so weit auf wie möglich, so dass die beiden nebeneinander hereinkommen können.
Vierter Stock ohne Lift, das fällt dir so richtig auf, wenn du im Rollstuhl sitzt, weil du so schwach bist, dass du nicht mal mehr gehen kannst. Wenn deine Eltern dich rauf- und runtertragen müssen. Deine Eltern. Mit sechzehn.
Zum Glück war das zeitlich begrenzt, aber seither frage ich mich immer wieder, wie das Leute machen, die ständig im Rollstuhl sitzen. Die alte Frau Cermak über uns geht schon seit langem nicht mehr raus. Dabei ist die in meiner Kindheit noch durch den Park gejoggt, da kann ich mich dran erinnern. Es kann so schnell gehen, dass man plötzlich nicht mehr kann. Aber niemand will daran denken.
Ich auch nicht, nicht mehr. Mit einer Kopfbewegung schüttle ich mir die Haare aus der Stirn und die Gedanken aus dem Kopf, und Shirin und Julia schütteln artig die Hand meiner Mutter, die sich wie vereinbart nur kurz blicken lässt.
„Es ist peinlich, wenn du dich mit meinen Freundinnen unterhalten willst“, hab ich gesagt und ihren traurigen Blick ignoriert. Sie hört uns in der Küche hantieren, reden und lachen, das muss ihr reichen als Information darüber, dass mein Leben sich normalisiert hat, dass alles okay ist, dass sie sich jetzt keine Sorgen mehr machen muss.
Julia packt Döschen und Beutelchen aus. Shirin und ich öffnen sie und inspizieren ihren Inhalt. Chia Samen. Goji Beeren. Acai Pulver.
Ich schnuppere an einer geöffneten Dose. Riecht nach nichts. Skeptisch sehe ich Julia an. „Bist du im Superfood-Store eingebrochen oder was?“
„Hab ich alles zuhause“, klärt mich Julia auf.
„Und das kommt alles in die Torte?“
„Je mehr, desto besser.“
Ich lache auf. „Einfach nur zusammen schmeckt sicher eklig.“ Ich hebe eine andere Dose an meine Nase und schnuppere wieder. „Oder einfach nach nichts.“
Shirin wischt auf ihrem Handy herum. „Keine Panik, wir haben ein Rezept.“ Sie hält mir den Display vor die Nase. Raw Goji Maca Cake.
„Vegan and gluten-free“, lese ich vor. „Ich wusste nicht, dass Luna ein Problem mit Gluten hat.“
„Hat sie nicht“, erklärt Julia. „Aber zum Geburtstag kann man schon mal was Besonderes kriegen.“
Ich seufze und mache mich daran, Schüsseln aus Laden und Kästen zu räumen, die brauchen wir vielleicht.
Brauchen wir dann aber gar nicht, denn Julia hat ganze Vorarbeit geleistet. Cashewnüsse über Nacht eingeweicht, Walnüsse und Datteln geschreddert. Wir müssen das Ganze nur noch zu einem Brei mischen. Was unser billiger Küchenmixer aber nicht kann. Ich verstehe nicht, warum wir Luna keinen Kuchen backen, sondern einen mixen, wo sie doch erst den Power-Mixer mitbringt.
Aber ich sage nichts und Shirin grinst nur und sagt, dass wir Luna extra deswegen einen Bröselkuchen machen, damit sie ihr Geburtstagsgeschenk erst richtig zu schätzen lernt. Nach mehereren erfolglosen Versuchen, aus Julias Zutaten eine zusammenhängende Masse zu machen, schmeißen wir das Ganze in den Tiefkühler und hoffen, dass alles zumindest so zusammenfriert, dass wir es als Torte dekorieren können.
Die Wartezeit, bis Luna kommt, verbringen wir damit, bunte Happy-Birthday-Fähnchen aufzuhängen und alte Zeitschriften zu lochen, um genug Konfetti zu bekommen. Noch während wir wie wild herumlochen, klingelt es. Luna.
Ich sehe auf die Uhr. „Verdammt, die Zeit vergeht schnell.“
„Scheiße.“ Shirin schlägt sich die Hand vor den Mund und reißt die Augen auf, bevor sie zu lachen beginnt. „Der Kuchen ist noch im Tiefkühler.“
Julia sieht sie verständnislos an. „Da soll er auch sein, oder?“
Shirin schüttelt den Kopf. „Eine halbe Stunde vor dem Essen muss man ihn rausstellen. Sonst ist er zu hart.“
Ich grinse. „Aber dann zerfällt er.“
Alle drei springen wir gleichzeitig auf, laufen in die Küche und holen den gefrorenen Dattel-Nuss-Block aus dem Eiskasten. Julia seufzt theatralisch und verdreht die Augen.
„Wir könnten ihn auftauen und mit Lunas Mixer zu einem Smoothie verarbeiten“, schlage ich vor.
„Wir könnten einfach jemanden damit erschlagen“, kommentiert Julia trocken. Bestimmt tut es ihr leid um die ganzen verschwendeten Superlebensmittel.
Vor lauter Kuchenaufregung habe ich gar nicht gemerkt, dass meine Mutter Luna bereits hereingelassen hat. Aus den Gesprächsfetzen schließe ich, dass sie sich über Lunas Lieblingsrestaurant unterhalten, wo sie vermutlich gerade mit ihren Eltern essen war.
„Hey!“ Luna bleibt im Türrahmen zur Küche stehen und winkt.
„Hey, Luna!“ Ich falle ihr um den Hals und drücke sie. „Happy Birthday!“
„To you …“, fallen Shirin und Julia ein und singen gleich weiter. „Marmelade im Schuh, Aprikose in der Hose, Happy Birthday to yooouuuu!!!“
Ich sehe, dass meine Mutter mitsingt. Sogar den Teil mit der Marmelade und der Hose. Ich kann spüren, wie sie sich freut.
Luna lächelt und verbeugt sich. „Und was ist das?“ Sie deutet an mir vorbei auf den Kuchen.
„Äh …“ Julia zögert. „Ein Geburtstagsklumpen von uns?“
„Yeah!“ Luna lacht und stellt ihren Mixer ab. „Einen Klumpen wollte ich schon immer haben.“
„Wir können ihn auftauen und mixen“, wiederhole ich meinen Vorschlag von vorhin. „Schmeckt sicher gut.“
Nach kurzer Diskussion tauen wir den Klumpen tatsächlich auf, mixen die Masse mit Lunas Powergerät und frieren das Ganze wieder ein. Am Abend ist daraus ein wirklich leckerer Kuchen geworden. Oder wie auch immer man das nennen soll. Bis dahin werfen wir alle möglichen Dinge, die wir in unserer Küche finden, zusammen und staunen, wie der Mixer sogar Orangenschalen und Karotten in einen cremigen Smoothie verwandeln kann. Einmal kippen wir unser Gebräu würgend ins Klo, nachdem wir versucht haben, auf Julias Vorschlag hin Avocadokerne und Bananenschalen als Zutaten zu verwenden.
Als Entschädigung mixt sie uns aus ihren magischen Zutaten einen Supershake. Mit Bananen, Mandelmilch, Maca Pulver und Chia Samen. Eigentlich hätte noch eine Prise Himalaya-Kristallsalz hineingehört, aber das hat Julia nicht mitgebracht und wir haben nur jodiertes Tafelsalz, das will Julia nicht. Sie will keine Produkte mit Zusatzstoffen, sie will pur und rein und gesund sein.
Jodmangel war eine häufige Ursache dafür, dass Menschen einen Kropf bekommen haben, aber das sage ich nicht. Auch nicht, dass es im Himalaya gar keine Salzbergwerke gibt. Außerdem geht in dem Moment der Mixer an und mich würde sowieso niemand hören.
Der letzte Shake ist okay, nur die Chia-Samen sind schleimig und nerven. Als alle gegangen sind, ist mir schlecht von den ganzen süßen Sachen. Ich öffne den Tiefkühler und nehme eine Packung Tiefkühlpizza heraus. Quattro Formaggi.
Ich konzentriere mich auf die Gorgonzolafäden, die sich zwischen meinem Mund und dem Pizzastück in meiner Hand ziehen, und versuche, mir nicht Julias vorwurfsvollen Blick vorzustellen. Selber schuld, dass du Krebs gekriegt hast, sagt der Blick. Wenn du solchen Junk frisst.
Als ich bei der Hälfte der Pizza angekommen bin, kommt meine Mutter in die Küche, um sich etwas zu trinken zu holen. „Deine Freundinnen sind nett“, sagt sie.
Ich nicke mit vollem Mund. Ja. Nett sind sie.
Plötzlich habe ich das dringende Bedürfnis, Marc anzurufen. Ich habe mich erfolgreich drei Tage lang nicht bei ihm gemeldet und seine zahlreichen Anrufe und Nachrichten ignoriert. Die letzte war:
Gut, ich gebe dir Zeit
Für den Anruf schließe ich mich auf dem Klo ein. Marc hebt sofort ab.
„Lass uns einfach vergessen was passiert ist“, sage ich schnell, bevor er etwas sagen kann.
„Okay“, kommt es zögernd vom anderen Ende der Leitung. „Ich will aber, dass du weißt …“
„Passt schon.“ Ich will nichts hören. Will über nichts diskutieren. Ich brauche nur jemanden, der mit mir Tiefkühlpizza Quattro Formaggi isst. Und außer Marc fällt mir da momentan niemand ein.
Ich will auch nichts sagen, außer: „Hast du Zeit grad? Ja? Dann komm ich vorbei. Ich bring Pizza mit.“
Ich klappe die halbe Pizza zusammen, so dass Käse mit Käse verschmilzt, und packe sie in den Pizzakarton, den ich wieder aus dem Altpapier hole. „Ich fahr noch zu Marc, ja?“
Meine Mutter nickt. „Sonntag Brunch mit ihm steht noch?“, will sie wissen. „Ich möcht ihn wirklich gern kennenlernen.“
Ich nicke hastig. „Alles klar. Er kommt gerne.“
Ich muss mir schleunigst überlegen, wie ich Marc dazu kriege, am Sonntag bei uns aufzutauchen.
6
MARC lacht, als er die labbrige halbe Pizza sieht. „Sowas meinst du, wenn du sagst, du bringst Pizza mit?“
Ich grinse verlegen und ziehe die Schultern hoch. „Können wir das irgendwie aufwärmen?“ Während die Pizza in der Mikrowelle ihre Runden dreht, kuschle ich mich an Marc und will einfach nicht reden, nicht denken, nur spüren, dass da jemand ist. Dass ich da bin.
Ich lasse Marc auch nicht los, als wir die Pizza vor uns liegen haben und ich kleine Stücke davon abreiße und sie mir in den Mund schiebe. Marc beißt einmal ab, den Rest überlässt er mir. Ab und zu öffnet er den Mund, um etwas zu sagen, aber jedes Mal versuche ich, ihm ein Stück Pizza hineinzuschieben, und er wehrt lachend ab.
Als ich fertig bin, wische ich meine fettigen Finger an der Hose ab. „Ich will echt nicht darüber reden“, stelle ich klar.
Marc atmet tief ein. „Okay. Ich will aber …“
Da ich keine Pizza mehr habe, um ihn zu stoppen, beuge ich mich kurzerhand über ihn und küsse ihn. Es dauert ein bisschen, aber dann macht er mit.
Einmal versucht er es noch. „Und es ist wirklich wieder alles …“
Ich nicke heftig. Ich will jetzt nicht reden. Ich will, dass er mich hält, dass er mich küsst, dass er mich die verdammten Smoothies vergessen lässt. Ich will mich an ihm anhalten. Marc ist einer, an dem man sich anhalten kann.
Aus den Augenwinkeln sehe ich seine Hanteln auf dem Küchentisch, daneben eine Riesenpackung Eiweißpulver. Whey Protein.
Proteinshakes können verdammt gefährlich für die Nieren sein, wenn man keine Ahnung hat. Ich schließe die Augen. Zum Küssen braucht man die schließlich nicht.
Wir fahren auseinander, als Marcs Mutter in die Küche kommt. Ich bedanke mich kurz und artig, dass ich am Abend noch vorbeikommen durfte, sie winkt ab und lächelt, sie hat Wichtigeres zu tun, scheint’s. Mir nur recht. Mein Kopf ist noch immer voll schleimiger Chia Samen und vorwurfsvoller Blicke, die muss ich vertreiben, schnell.
Marc lässt sich von mir in sein Schlafzimmer und auf sein Bett ziehen. „Moment mal“, sagt er kurz, aber ich gebe ihm kein Moment mal, ich habe in den letzten zwei Jahren auch nie eines bekommen, warum sollte er.
Ich deute auf die Packung Kondome, die Marc demonstrativ auf das Nachtkästchen gestellt hat. Marc hebt fragend die Augenbrauen. „Wirklich? Aber …“
Noch immer will er reden. Aber es gibt nichts zu reden. Es gibt Proteinshakes und grüne Smoothies und es gibt Narben und Bestrahlungen von über 10 Gray. Die haben keine gemeinsame Sprache.
Marc ist ein Profi, was das Kondom betrifft, bestimmt hat er inzwischen geübt. Er rollt sich auf mich, ich spüre einen scharfen Schmerz, der mich mehr interessiert als erschreckt. Ich versuche, in den Schmerz hineinzuspüren, spüre Marc, der sich auf mir bewegt, angenehm ist das nicht, aber es wird weniger unangenehm mit der Zeit, es ist Marc, Marc der nach Salz schmeckt, ich mag Salz.
„Entschuldigung“, keucht Marc plötzlich und drückt seinen Kopf an meinen Hals. „Ich wollte nicht … ich dachte nicht, dass ich so schnell …“
„Schhhhh“, mache ich und streichle ihm über die Haare. „Alles okay. Alles gut.“ Ich drehe mich zur Seite und betrachte das Blut auf dem Leintuch. Mein Blut.
Mit Blut hat alles angefangen. War plötzlich in der Kloschüssel. Schmerzen hatte ich keine, aber bei sowas geht man schon mal zum Arzt. Vorsichtshalber. Und dann ging alles ganz schnell.
Angst habe ich am Anfang auch keine gespürt. Mehr Aufregung. Und die feste Überzeugung, das zu schaffen. Mein Körper und ich, wir sollten ein gutes Team sein gegen diese neue Bedrohung. Wir waren zusammengeschweißt wie Pech und Schwefel und würden einander nicht im Stich lassen. Wir würden gemeinsam kämpfen. Dachte ich.
Da wusste ich noch nicht, dass du wollen kannst, soviel du willst, dein Körper aber trotzdem irgendwann sagt, er will nicht mehr. Nicht mehr mitmacht. Sich verhält wie ein störrischer Esel, der einfach nicht mehr weitergehen will. Dass da nichts ist mit Team.
Aber jetzt ist er wieder da, bei mir. Ist zurückgekehrt. Hat es mit mir sogar ins Bett von einem wie Marc geschafft. Ein kurzer Schmerz, ein bisschen Blut, und niemand muss zum Arzt deswegen.
„Geht’s dir gut?“, fragt Marc, obwohl er mich das nicht fragen braucht, obwohl er ja sehen kann, wie ich daliege mit einem Strahlen im Gesicht, das von einem Ohr zum anderen geht.
Marc lächelt zurück, und wir lächeln einander an, wie zwei Verliebte und ich könnte heulen vor Glück. Langsam streichle ich Marc über den Rücken, umfasse mit meinen Händen seine Oberarme, Marc spannt die Muskeln an und lächelt noch immer. Ich mag Muskeln.
Ich mag auch Fett und Haut und Knochen und Haare. Ich hab das alles wieder. Wir sind wieder ein Team.
„Du-hu“, murmle ich später in seine Armbeuge hinein.
„Mhm?“
„Meine Eltern wollen dich kennenlernen.“
Ich habe die Augen geschlossen, aber ich spüre sein Lächeln. „Wirklich?“
Ich nicke. „Sie laden dich am Sonntag zum Brunchen ein.“
„Oje. Sonntag kann ich nicht. Da ist Jugendlauf und ich hab schon das Startgeld gezahlt.“
Ich richte mich auf. „Jugend-was? Sag bloß, du läufst Marathon?“
„Marathon kommt in einem Monat, für den trainier ich im Moment erst. Aber beim Jugendlauf mach ich schon seit Jahren mit, der ist nur zehn Kilometer.“
„Sag mal, gibt’s etwas, was du nicht machst?“
Marc lacht. „Ich geb mich nicht geschlagen“, sagt er, ohne zu zögern. Er zieht mich wieder zu sich.
Marc ist also beim Jugendlauf, das gibt mir noch etwas Zeit. Andererseits … „Kann man dir da zuschauen?“, will ich wissen. „Also beim Laufen?“ Marc strahlt mich an. „Würdest du kommen?“
„Mhm. Gerne. Vielleicht.“
Marc streicht meine Haare nach hinten. Auch das mag ich gerne. Ich habe Haare, die man in verschiedene Richtungen streichen kann, und ich habe jemanden, der das für mich tut.
„Was jetzt?“, fragt er. „Gerne oder vielleicht?“
„Gerne. Stört’s dich, wenn meine Eltern mitkommen?“
„Überhaupt nicht.“
7
ANFANGS musste ich einmal im Monat zum Check-Up, inzwischen nur noch alle drei Monate. Blutüberprüfung, Urinkontrolle, das ganze Drum und Dran. Anfangs war ich extrem nervös, weil ich nicht glauben konnte, dass jetzt wirklich alles vorbei sein sollte. Jeweils eine Woche vor der Nachkontrolle waren meine Alpträume am schlimmsten. Auch untertags hatte ich Panik, dass sie mich wieder dabehalten würden.
War zum Glück aber nicht so. Annette lächelte jedes Mal, wenn sie mir meine Befunde zeigte. „Wunderbare Werte“, sagte sie. „Ich freu mich so.“
Einige Tage vor dem Termin bin ich noch immer nervös. Aber je mehr Zeit vergeht, umso mehr mischt sich auch ein anderes Gefühl hinein, das die Oberhand gewinnt, sobald ich Annette lächeln sehe. Ich freue mich. Irgendwie gehe ich da inzwischen sogar gerne hin. Weil Annette sich so freut. Weil wir uns beide freuen.
Eigentlich hätte ich auch regelmäßig mit der Psychologin sprechen sollen. Ist so der Plan, wenn man rauskommt. Aber die konnte ich schon auf der Station nicht leiden. Sie wollte über meinen Schulbesuch sprechen und mir helfen, Kontakte aufrechtzuerhalten. Gedächtnistraining machen und so Scheiß. Ich hatte aber keine neurologische Störung, die ein Gedächtnistraining erfordert hätte. Ich wollte auch nicht in die Schule gehen und schon gar keine Kontakte aufrechterhalten.
Dass ich jetzt im Nachhinein regelmäßig mit ihr reden sollte, schien mir absurd, und Annette hatte vorgeschlagen, dass ich bei den Nachsorgeuntersuchungen einfach mit ihr darüber reden sollte, wie es mir so ging. Das Angebot nahm ich dankend an. Mit Annette wollte ich reden. Auch wenn sie nie genug Zeit für mich hatte.
„Und, wie geht’s dir sonst?“, will Annette wissen, nachdem klar ist, dass mein Körper wieder drei Monate ohne Auffälligkeiten mitgemacht hat.
„Ich hab mit meinem Freund geschlafen“, platze ich heraus. Annette strahlt übers ganze Gesicht. „Schön.“
Endlich fühle ich mich so, wie ich immer sein wollte. Ich wäre gern die Vorzeigepatientin gewesen, die lächelnd reinkommt und lächelnd geht. Bei der die Therapien sofort anschlagen und über die sich die Ärzte bewundernd Notizen machen, wegen des unüblich schnellen Heilungsverlaufs. Die dann sagen kann, ja, das war bestimmt, weil ich mich schon seit meiner Kindheit bewusst ernähre und Stress vermeide und überhaupt ganz perfekt gelebt habe. Weil der Krebs sozusagen nur ein Irrtum der Natur war, der eigentlich ganz wen anderen treffen hätte sollen, jemanden, der nur fettes Zeug isst und raucht und nie Sport macht. Aber die Natur hat den Fehler gleich erkannt und mich schnell wieder gesund gemacht, seht ihr, ich war die Falsche. Notiert euch das gleich mal, damit ihr es später sofort erkennt, wenn wieder mal die Falsche vor euch sitzt.
Auch wenn alle Statistiken dagegen sprechen, man selbst ist natürlich die große Ausnahme.
Bloß: Nein.
Ist man nicht.
Reingegangen bin ich noch lächelnd. Mit dem festen Vorsatz, das alles schnell hinter mich zu bringen.
Der Krebs schert sich aber nicht um deine Vorsätze. Als die Chemo zum zweiten Mal nicht anschlug, hatte ich das Lächeln schon lange aufgegeben.
Als ich merkte, dass das mit Vorzeigepatientin nicht klappen würde, habe ich beschlossen, alle zu boykottieren. Was sollte das auch alles? Die Cliniclowns wegzuschicken, war ein Einfaches. Die Psychologin war schon hartnäckiger, die kam immer wieder und ich musste sie regelrecht anschreien, bis sie endlich verschwand. Ich verstand nicht, warum alle ständig etwas von mir wollten. Mich aufheitern, mich befragen, mich unterrichten. Wozu das alles? Ich würde doch sowieso sterben.
Ich schüttle mich und versuche, solche Gedanken wegzuwischen. Annette war die Einzige, die ich damals nicht gehasst habe, obwohl sie bestimmt für einen Teil meiner Schmerzen verantwortlich war. Aber sie war die Einzige, die mich nicht immer dazu aufforderte, positiv zu denken, weil das angeblich den Krankheitsverlauf beeinflusste. Sie war auch diejenige, die mir verriet, dass die Cliniclowns sogar manchmal zu ihr und dem restlichen Krankenhauspersonal kommen, um sie aufzuheitern.
Wenn’s mit der Vorzeigepatientin schon nicht geklappt hat, jetzt kann ich die Vorzeigepatientin der Nachsorge sein. Kann Annette zeigen, wie gut alles bei mir läuft. Es läuft auch tatsächlich gut. Es gibt allen Grund, sich zu freuen. Darüber, dass ich jetzt gesund bin, gesund- gesundgesund! Und darüber, dass ich wieder ein normales Leben aufgenommen habe. Freundinnen habe. Einen Freund. Mit ihm geschlafen habe. Mit einem Körper, der wieder funktioniert.
Annette freut sich auch, dass ich so schnell Anschluss gefunden habe. Ist gar nicht so selbstverständlich. Mobbing ist total verbreitet, anscheinend. Wenn sich die anderen in der Klasse plötzlich lustig machen über dich, weil dein Gesicht aufgedunsen ist vom Cortison, oder du total abgemagert bist und sonst auch nicht gerade so aussiehst, wie du aussehen solltest.
Wenn sie nicht neben dir sitzen wollen, aus Angst, sich anzustecken, obwohl sie sicher tausendmal gehört haben, dass Krebs nicht ansteckend ist und das auch bei jedem Biologietest so hinschreiben würden. Aber in Wirklichkeit glauben sie nicht so recht daran und wollen lieber auf Nummer sicher gehen. Wenn sie kichern, weil du dich schon wieder nicht erinnern kannst, was gestern besprochen wurde, und dir lieber gleich gar nichts mehr erzählen.
Kann dir alles passieren. Vielleicht war es also gut, dass ich mich schon früh ausgeklinkt habe aus meiner alten Klasse, weil einfach gar nichts mehr ging. Dass ich gar nicht erst versucht habe, in den therapiefreien Intervallen in die Schule zu gehen. Gar nicht versucht habe, dranzubleiben.
Zuerst haben meine Eltern Druck gemacht, dass ich es zumindest probieren soll. Doch dann gab es in meiner Schule Verdacht auf Masern, weil irgendwelche Idioten nicht geimpft waren. Da haben dann auch meine Eltern eingesehen, dass ich dort nicht hingehen kann. Ein Immunsystem wie meines wäre ja sofort tot umgefallen, wenn die Masern nur durch die Fensterscheibe Hallo gesagt hätten.
Ein bisschen Unterricht hatte ich in der Klinik. Deshalb hab ich nur ein Jahr verloren, obwohl ich eineinhalb Jahre weg war. Aber mehr wäre nicht gegangen. Echt nicht.
Doch jetzt kann ich mein neues Leben beginnen, mit Shirin, Julia, Luna, Marc und den anderen, die mich nie gesehen haben mit Augenringen, nicht im Rollstuhl, nicht beim Umkippen und Kotzen und Heulen und Aufgebenwollen.
Die mich nur so kennen, wie ich jetzt bin.
Wie ich gesund inmitten der Menschenmenge stehe und die Läufer anfeuere, allen voran Marc, meinen Freund. Wie ich schreie und juble, ohne außer Atem zu kommen. Wie meine Eltern neben mir mitrufen und mitjubeln, mehr mir zujubeln als denen auf der Bahn.
„Welcher ist es denn?“, fragt meine Mutter lachend, als ich aufgeregt der Gruppe der ersten Läufer zuwinke, die uns alle anlächeln.
„Der da!“ Ich zeige auf Marc, der ein paar Meter weiter über die Ziellinie läuft.
„Vierter!“, stellt mein Vater anerkennend fest. „Gerade das Podest verpasst, aber nicht schlecht.“
Marc hat sich eine Flasche Wasser über den Kopf gegossen und kommt mit tropfnassen Haaren auf uns zu. Er küsst mich auf die Wange und richtet dabei das Handy auf unsere Gesichter. Ich strahle mit ihm um die Wette, so gut ich kann. Nicht, dass ich mir diese Bilder irgendwann anschaue. Ich gehöre auch nicht zu Marcs Followern. Was er so postet, finde ich nicht besonders interessant.
Marc dreht sich zu meinen Eltern und strahlt weiter, jetzt ohne Fotos.
„Das ist Marc“, stelle ich ihn vor. „Das sind meine Eltern.“
Marc gibt ihnen die Hand, dann entschuldigt er sich. „Ich geh schnell duschen, dann komm ich wieder.“ Er verschwindet in der Menge in Richtung der Container, die für den Jugendlauf aufgestellt worden sind. Ich sehe, wie meine Eltern einander zulächeln und aufatmen.
Test bestanden.
Nach zwanzig Minuten kommt Marc trocken und mit einem Plastikbecher in der Hand zurück, gierig saugt er am Strohhalm.
„Was ist das?“ Ich öffne den Deckel und spähe hinein. Vanillegeruch schlägt mir entgegen.
Marc schiebt meine Hand beiseite und drückt den Deckel wieder fest. „Proteinshake. Ist gut für die Muskeln.“ Er sieht auf die Uhr und nickt. „Bis zu einer Stunde nach dem Sport kann’s der Körper am besten verarbeiten.“ Er macht noch einen tiefen Schluck, dann hält er mir den Strohhalm hin.
„Willst du mal kosten?“
Ich schüttle den Kopf, aber ich sage nichts. Sollen sie doch ihren Scheiß fressen und saufen und glauben, dass sie gesünder werden davon.
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