Read the book: «Über Stunden»
ELISA
ASEVA ÜBER STUNDEN
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Weissbooks Verlagsgesellschaft mbH
Winsstr. 27
10405 Berlin
Telefon: (030) 62930450
Berlin 2021
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Johannes Schroth, Newskooldisplay, Berlin
Gestaltung und Satz: Harald Hohberger Grafikdesign, Berlin
eISBN 978-3-86337-187-6
www.weissbooks.de
life is demanding without understanding i saw the sign
Inhalt
Über Stunden
Die Autorin
20//12//2017 – 21:34 von fischen im eis träumte ich letzte nacht. zwei waren es, von orange schillernder farbe, tot waren sie nicht, nur in einem moment festgehalten, der nicht mehr verging. aus der unteren ecke des eisquaders ragte des einen schwanzflosse heraus. unter der flosse eine kleine, sich gleichmäßig in meine richtung ausweitende pfütze. ich wusste nichts anderes zu tun als zu warten, bis alles eis geschmolzen war
23//02//2018 – 12:45 „Die Essener Tafel, die Lebensmittel an Bedürftige verteilt, nimmt derzeit nur noch Deutsche als Neukunden auf. Der Verein habe sich dazu gezwungen gesehen, weil Flüchtlinge und Zuwanderer zwischenzeitlich 75 Prozent der insgesamt 6000 Nutzer ausmachten, erklärt der Vorsitzende Jörg Sartor. ‘Wir wollen, dass auch die deutsche Oma weiter zu uns kommt.’“
ich stelle mir sarrazin 2018 als zufriedenen menschen am frühstückstisch vor, kaffee schlürfend, ein ei aufschlagend, zeitung lesend
25//02//2018 – 18:28 vögel ey. man kann nicht darauf hoffen, dass sich etwas von der anmut ihres flugs, der gewissheit ihrer bewegung + der leichtigkeit ihres daobenseins in uns wiederfände. dafür wackeln wir immerhin nicht ständig mit dem kopf
19//03//2018 – 12:01 lost my glasses in marseille found new ones in istanbul
11//04//2018 – 16:24 eine stadt ohne bajajs, ein himmel ohne sterne
12//04//2018 – 18:56 ein vorteil, wenn man nur alle 10 jahre aufräumt – ein schöner fund nach dem anderen 
21//04//2018 – 12:20 tezeta
das ghion ist eine der größeren hotelanlagen in addis abeba. nicht unbedingt die erste wahl für westerner um firstworldkomfort zu genießen, doch ein bekannter und traditionsreicher ort in addis.
die märchenhaften parkanlagen, der altmodische vergnügungspark, die ausgedehnten hotelterassen, der blaue, blaue swimmingpool – alles hier erzählt vom glanz vergangener tage und den vergessenen träumen eines anderen afrikas (die allerdings den westlichen gewändern nie ganz entwachsen durften). tezeta, der amharische ausdruck für eine gewisse nostalgische sehnsucht, ein wehmütig gefärbtes verlangen, bedarf bei einem besuch des ghions keiner erklärung – sie lebt hier in jeder windbewegung, jedem schattenspiel und natürlich dem glitzern der wasserbecken.
auch der ethiojazz hat auf dem areal wieder ein zuhause gefunden, seit mulatu astatke dem „african jazz village“ 2013 zur wiedereröffnung verholfen hat. die bar stand in den späten 60ern + frühen 70ern für die hippe jazzavantgarde addis abebas.
ich habe in addis irgendwie nicht so viele fotos gemacht wie üblich, war eher mit anderem aufnehmen beschäftigt + hatte vielleicht auch skrupel, auf alles bzw jede draufzuhalten.
die für mich interessanten sachen waren ohnehin oft gar nicht visueller natur.
im ghion hotel aber konnte ich gar nicht mehr aufhören. als müsste ich es festhalten, sonst würde es verwehen oder was. ein ort wie zuckerwatte
22//04//2018 – 15:37 neuköllner farbpalette: die designer haben sich in dieser saison von luftiger eiscrème + den neuen flüchtigen beziehungsformen inspirieren lassen (frühjahrskollektion 2018 rathaus nk)
04//05//2018 – 11:53 an unserem letzten tag waren wir zu einem größeren essen bei sehr freundlichen verwandten geladen, die dem muslimischen teil unserer familie angehören (die religiöse zugehörigkeit war eigentlich nie zu erkennen, wurde aber immer explizit genannt, wenn gerade von irgendjemandem die rede war. als würde diese bedeutsamkeit mit einem mal den nebel über dem ansonsten verhangenen gesamtzusammenhang lichten). wir verließen die feier ein wenig früher, um noch ein paar stunden durch die stadt zu treiben, letzte avocado juices und so weiter. gegen abend bat ich meinen halbbruder, uns vorbei an den botschaften, der universität von sidist kilo und dem shiro meda market, aus der stadt hinaus zu fahren. hoch auf den mount entoto, um genau zu sein, 3200 m über dem meeresspiegel. bei unserer ankunft setzte die dämmerung ein, die betenden um die beta maryam zündeten diese dünnen kerzenstifte und auch den weihrauch an. dessen geruch mischte sich mit dem duft der eukalyptusbäume. niemand sprach. mein bruder erklärte uns, die betenden seien pilger, die zur heilung ihrer krankheiten hierher gereist seien, manche würden die ganze nacht hier wachen. tatsächlich wurden wir nun erst der buden gewahr, die die dorfplatzartige fläche vor dem eingang zum kirchhof säumten und dort devotionalien und eben jene kerzen und weihrauch anboten. eine frau löste sich aus der gruppe der betenden und sprach uns an. sie bete hier aus dankbarkeit zur gottesmutter, sie sei viele jahre krank gewesen, ihre augen hätten die farbe von trübem schmutzwasser gehabt. etwas gefräßiges hätte sich damals in ihrem bauch eingenistet, sie fürchtete, daran sterben zu müssen. deshalb sei sie jeden tag hergekommen, auch viele nächte hätte sie hier verbracht. bis der tod endlich ihren körper verlassen hätte, und zwar in gestalt von tieren. eidechsen, schlangen, würmer und kröten kamen mehrere tage lang beim wasserlassen mit, begleitet von hohem fieber. dann seien ihre augen wieder hell geworden, und 1 jahr später durfte sie eine gesunde tochter gebären. in diesem moment winkte sie ein mädchen herbei, vielleicht zehn oder elf jahre alt. an jedem wochenende und allen feiertagen begleitete sie ihre mutter, um zur heiligen maria zu beten. sie, der gottesbeweis, gab mir, fidél und meinem halbbruder der reihe nach und mit großer selbstverständlichkeit die hand. schon während des gesprächs fragte ich mich, ob bzw wann das gespräch die wendung zur bitte um eine spende nehmen würde. aber das geschah nicht, es blieb bei der nachdrücklichen bitte, die heilige mutter für ihre wundertätigkeit zu ehren. wir blieben noch einige minuten vor der kirche, zwischen den betenden. dann liefen wir den hügel hinab, dorthin, wo das auto parkte, und schauten noch einmal über die stadt, deren lichter nun im abendhimmel glitzerten. wind ließ die bäume rauschen und schien zu versprechen, die frohe kunde ihres duftes in die welt zu tragen, weit weit hinaus, überallhin
04//05//2018 – 22:52 demokratieextremismus der mitte
07//05//2018 – 09:37 Boris Palmer, du bist evtl mein lieblingstrottel?
16//05//2018 – 16:59 stichwort strichcode-verschwörung – unterschätze ich stets das real existierende psychosenlevel?
25//05//2018 – 18:00 jetzt also so enddreißiger sachen. kaffee ohne koffein, genuss ohne aufregung, küssen ohne fummeln, kino ohne gewalt und zigaretten nur am abend. na vielleicht trink ich ein glas portwein, später
13//06//2018 – 19:06 kinder. halten die fackel des chaosprinzips hoch, essen reichlich und ausgewählt (nix grünes!), und ihre blicke treffen den schmelzpunkt eines elternherzes recht exakt. mit zunehmendem alter allerdings öffnen sie türen zu welten, die durch die kläranlagen deines bewusstseins längst in tiefliegende verdrängungsablagen sortiert wurden. und so, eines sommertages, findest du dich auf einer holzbank des sportzentrums hansastraße weissensee wieder in der hoffnung, es sei bitte dieser andere junge da im ring, der lädierter aus der sache herauskäme. durch ein gekipptes fenster weht autoradiosound in die halle, it’s a cruel cruel summer
03//07//2018 – 16:06 küsse. fest und weich und gleich wieder vorbei, wie erdbeeren. immer schön, aber schöner noch im sommer.
ich weiß das. und weil ich gar nicht so viel gelegenheit und stimmung zu diesen sommerküssen habe, bin ich glücklich, wenn sie mal angeflogen kommen. wie am sonntag auf einer kleinen neuköllner wiese neben dem flaniergebiet am karlmarx-platz.
nun bin ich aber das erste mal dabei ermahnt worden. von einer gestrengen vielleicht elfjährigen, die aus sicherer entfernung doch mit fester stimme zu uns herüber ruft: das ist ekelhaft, was sie da machen. ich muss gleich kotzen. haha die wiese verstummt, all eyes on us. selbst die sich ausnüchternde frau unterm bäumchen scheint zu erwachen. wir küssen aus lauter verlegenheit erst mal weiter. machen sie das zuhause, solche dreckigen sachen. hören sie sofort auf. nun mucken unsere wiesennachbarn langsam auf. sie sehen das alte berliner gleichgültigkeitsgesetz verletzt, es soll trotz zeitenwandelpipapo seine gültigkeit behalten. ein mann, der bis eben noch geduldig mit seiner enkelin gespielt hat, schaut mit einem mal ganz wild aus seinem wütendroten kopf heraus. schariapolizei, ruft er in richtung der fast kotzenden elfjährigen. und zu uns: von den eltern geschickt. solche zustände haben wir hier jetzt.
das mädchen beachtet ihn eh nicht. zu sehr ist sie mit dem aufsagen ihres textes beschäftigt. insgeheim bereitet sie aber (ich merke das!) bereits ihren abgang vor. sie sind so ekelhaft, echt. ich will so was nicht sehen müssen, wir sind ja noch kinder. das war’s dann. sie läuft nun zu ihrer freundin und zischt: du hast doch gesagt, ich soll hingehen, mann. der großvater rollt kopfschüttelnd die decke ein, seine enkelin schenkt uns das letzte melonenstück, und die trinkerin hat schon lange das feld geräumt
31//07//2018 – 13:25 frauen, so sagen wir es untereinander, so lautet die gesellschaftliche empfehlung, so lehren wir es unseren töchtern, sollen sich wehren. sie sollen nicht mehr hinnehmen, was ihnen an verächtlichkeit und aggression entgegengebracht wird. aber halten wir den mund, laufen mit versteinerten gesichtern durch die über uns ausgeschüttete gülle, weil wir keinen mut und kampfgeist besitzen? es ist einfach nur die sehr realistische einschätzung, dass da gewalt lauert, die darauf hofft, entfesselt zu werden. nicht selten, nicht als schockierende ausnahme, für jede zu anderen bedingungen, aber als einzelne nicht zu bewältigen. die in dunklen ecken masturbierenden typen aus teenagertagen, die eine verfolgungsjagd (eine von unzähligen), die in der u-bahn begann und unter beschimpfungen durch das halbe viertel führte, eine situation in einer telefonzelle, in die ein vollgedröhnter typ sich eintritt verschaffte, hunderte nächtliche begegnungen und drohungen haben mich gelehrt – die selbstbehauptung, der widerspruch kann dich einiges kosten, im zweifelsfall alles. und im wahrscheinlichen fall lässt die angst vor einer verwicklung in eine unklare, gefährliche situation menschen daneben stehen, weitergehen oder schlicht keine notiz nehmen. ich zolle allen freundinnen, die sich zur wehr gesetzt und dafür eingesteckt haben, großen respekt. allen, die geschaut haben, dass sie aus der situation herauskommen, ebenso
03//08//2018 – 11:04 die hitze verändert die stimmung schon sehr, nicht? die nächte sind nun seltsam ruhig und träge und überhaupt von veränderter schwerkraft, als würde man sich durch honig bewegen. und weil der regen nicht kommen mag, gibt es diese jähen entladungen von leidenschaft, euphorie oder zorn. letztens auf der jannowitzbrücke die szene eines jungen paares zwischen den dahingleitenden nachtschwärmern. sie aufgebracht – alter, was kommst du mit liebe, was denkst du dir eigentlich? ich könnte irgendsoeine scheißinfluencerin sein OKAY?!? einen augenblick stehen sie nur so da, wie in einem aufdringlichen theatermoment, dann fallen sie sich in die arme und mischen schweiß mit tränen
05//08//2018 – 12:29 der beste tag!
07//08//2018 – 22:24 schleppe schweren einkauf durch den hitzehipsterkiez, dann dabei, die haustür aufzuschließen. da, unerwartet, von hinten: „hello?“ sonnenverbrannter typ (also wirklich zahnfleischrot) zu mir „can i ask you sth?“ „well, depends“
„are you from brazil?“
ich überschlage rasch den zu erwartenden zeitaufwand der antwortoptionen + entscheide mich für die zweitkürzeste „no“ „where are you from then? i’m from italy“
warum antworte ich überhaupt mit den schweren taschen vor meiner haustür usw?
naja. weil ich eine höfliche person bin + leuten gerne aus ihren projektionen heraushelfe
„from africa :) ethiopia“
„wonderful! very proud people. you know we’ve been there“
„um i know“
„so we share a common history! let’s meet and connect through that“
ich muss lachen + er lacht einfach auch wegen connection + so
10//08//2018 – 15:46 ist vielleicht auch einfach so, dass sich für uns, die unterwegs zur welt kamen, im unterwegssein auch am ehesten ein zuhause finden lässt
22//08//2018 – 22:24 nach diesem leben werde ich disney prinzessin. oder fossile energie
24//08//2018 – 11:27 hab das wort hippie nie anders als verächtlich ausgesprochen. mag viele sachen nicht, die hippiesk sind: dümmliche konsumkritik, die fusion, überzogene fokussierung des selbst in wirklich allen dingen (hab eine depression entwickelt, das leid der flüchtlinge ist einfach zu viel für mich blabla). und menschen, die sich gar selbst so bezeichnen, man möchte sie lieber nicht kennen … anyway. mein bild ändert sich, seitdem ein italo-hippie nebenan eingezogen ist und zwischen thirdwavecoffeespots, martensteins + özdemirs und tourirestos erst einen bambuswald errichtet hat und meine straße nun nach und nach in einen garten eden verwandelt. gestern stand er mit zwei nachbarn in den beeten, und sie haben barfuß gegossen und ausgesät. nur eine frage der zeit, bis hier alle opium rauchen und kopulieren
27//08//2018 – 19:16 letztens traf ich bekannte – ich auf dem weg zur arbeit, sie beim morgendlichen spaziergang am ufer entlang.
weil wochenende. weil jahrhundertsommer. gleich noch über den flohmarkt schlendern. danach kokos-minz-himbeer-pancakes in dem neuen vietnamesischen frühstücksladen. dann die wohnung am böhmischen platz (!) renovieren, da ist noch so altes parkett drin, so aufwendig, ein kreuz. häh, wie habt ihr denn da ne wohnung gefunden? ach x wohnt da schon ganz lange, war mal ne 5erWG (stimmt, war immer schön viel absturz + gefummel bei deren parties), aber so nach und nach … seit kurzem wohnt jetzt die y da. und weil ja nun doch was neues beginnt … (sie schenken sich langen tiefen blick) kind unterwegs? frage ich. quatsch nein! sie haben aber beschlossen, es zu wagen, jetzt auch mal zusammen an projekten zu arbeiten. es gibt da schon so eine geschichte mit einem experimentellen kulturfestival in lagos, da fliegen sie nächste woche zur vorbereitung hin, müssen bis dahin auch richtig ranklotzen. danach würden sie aber nochmal richtig urlaub machen, um zur ruhe zu kommen. es gibt da so eine thailändische insel, ganz abgeschieden und überhaupt nicht touristisch. sie bräuchten das nun einfach, nach den ganzen verausgabungen im vergangenen jahr. (der kolumbientrip im frühjahr war wohl auch megaverausgabend.) und du so? jaja ganz okay, ich muss jetzt leider schnell los, bin spät dran. beim nächsten mal dann. CIAOOOO.
früher fand ich so neidhammelfiguren wie mich traurig. aber früher hatte ich auch von vielen anderen dingen keine ahnung. powercouples finden sich zusammen wie sternenstaub, leuchten auf und scheinen alles zu überstrahlen. gleißendes licht, das zum sichabwenden zwingt. dann irgendwann, eine unerwartete kollision, der einschlag von meteoriten. wir werden zu zeugen des zusammenbruchs zweier systeme, einer galaxie. am ende regnet es asche, viele ewigkeiten lang. und die tiefe schadenfreude dann ist viel niedriger als das bisschen neidige verachtung jetzt. gönn dir
29//08//2018 – 00:05 seit es online dating gibt, lernt sich das viertel noch mal besser kennen. im neuen biosupermarkt zwischen sellerie + verschiedenfarbigen rettichen: sieh an, das ist doch der typ, der auf rimming und kuscheln steht, NIEMALS ist der erst 39. oder an der bushaltestelle: ah, das creepy couple, das eine zum vögeln + zum in-den-zoo-gehen sucht, jetzt tun sie hier so verliebt. was, zwinkert die mir etwa zu? ich lauf lieber
30//08//2018 – 21:54 vormittags kintopp, wie liebe am nachmittag. eher selten, etwas eilig + anschließend geht man als glückliche fremde durch den tag
02//09//2018 – 11:56 was ist eigentlich für die lebensabschnitte nach berufsfindung + kinderkriegen vorgesehen?
ja ich weiß, die leute mit „ersparnissen“ reisen, und wir andern entwickeln interessante krankheiten, mais sérieusement, déjà maintenant?
04//09//2018 – 00:50 
04//09//2018 – 16:50 boddinstraße, 00:45 uhr.
uneinschätzbare crew von drei typen zieht an auf bank sitzender junkiecrew vorbei.
o bruder, dein gesicht hat gefehlt, wo warst du bruder? im dunkeln bruder. kein licht, nur hoffnung bruder, seit halbem jahr draußen bruder bleib stabil bruder. wir brauchen dich hier
(das mit den wiederholungen gefällt mir auch)
10//09//2018 – 14:59 ein erster traum, in dem die digitalwelt eine rolle spielte. wurde einer chatgruppe hinzugefügt, die aus anderen gruppen amalgamiert ist, eine art supergroup. gruppenthema war der austausch von musikplaylists, aber dazu kam es gar nicht, weil wir uns in endlosen chatpläuschen ergingen. irgendwann wurde zur aufnahme– und teilnahmebedingung gemacht, dass alle mitgliederinnen kleine, stimmungsreiche imagefilme einstellen sollten, welche aufschluss über wichtige biografische stationen zuließen, aber auch die persönlichkeitsfarben der einzelnen zum ausdruck brächten. diese schnellgeschnittenen filmchen funktionierten dann genau wie die bildabfolge, die sich bei dem autounfall 1995 in meinem kopf abspulte, während wir die böschung herunterrasten und uns mehrmals überschlugen. ich hatte damals für anderthalb tage keine erinnerung an die jüngste vergangenheit, nur diesen letzten bildertunnel und später die sanfte ruhe des dampfenden morgenwaldes beim erwachen aus der ohnmacht. in der chatgruppe war es aber laut + alle sprachen wild durcheinander. man hätte eine machete gebraucht um, sich noch zurechtzufinden. ich bin dann aufgewacht
13//09//2018 – 00:20

nachtschicht im sehnsuchtskino des stundenhotels
13//09//2018 – 14:50 was ja nun doch anders ist als in den neunzigern – als meine verwandten damals besorgt anriefen, ob wir nicht doch nochmal weiterwandern wollten sollten müssten, wenn die wiedervereinten deutschen so offenkundig zu mordlust neigten, da standen die fragen des wie (ohne europäischen passbesitz, ohne finanzmittel, ohne behandlung der tuberkulose meiner momma) im vordergrund – das wohin wurde gar nicht diskutiert. in die USA, where else. keine ahnung, wie die frage nach einem escape place heute zu beantworten wäre, und natürlich weiß ich auch, fluchtrouten werden mit dem stift der notwendigkeit gezeichnet. kommt mir aber vor, es würde helfen gegen aufsteigende unruhe, so ein ass im ärmel. mehr wie ein talisman – das wissen um einen ort, an dem es anders sein wird.
kann sein, er lag schon immer in der zukunft, ich möcht ihn nur gern etwas näher haben
16//09//2018 – 11:28 wohin? zu den deutschen!
hab nun urlaub, doch mein geld reicht nicht zu großen farben + strandpromenaden + anhaltendem sommer. was tun, in deutschland urlauben?
das hab ich (bis auf ein paar heimliche amrumfahrten) noch nie gemacht. wer weiß, vielleicht gibt’s was rauszufinden in rothenburg ob der tauber, saubach oder worpswede.
17//09//2018 – 18:13 ob das in anderen städten auch so ist? es lässt sich durch keinen berliner innenstadtpark mehr wandeln, ohne mindestens einem bondage workshop zu begegnen. nichts gegen eure kinks. aber wenn sie so als das neuere hacky sack daherkommen, wie soll man da nicht shamen?
20//09//2018 – 14:01 „die ist etwas too much“ – eigentlich immer ein hinweis auf eine ganz fantastische persönlichkeit
22//09//2018 – 16:00 da in dem kinderheim, in dem ich zeitweise aufwuchs, sich kinder + jugendliche aller altersklassen 1 fernseher teilen mussten, kam ich bereits in jungen jahren in kontakt mit interessantem, überforderndem kram. der erste ordentlich dosierte angst- + lust-cocktail dann im alter von sieben, gereicht durch die deutsche erstausstrahlung der trilogie um die dreibeinigen herrscher. hat instantgekickt.
verstehen konnte ich daran nichts, erreicht hat mich alles. die dystopisch entsättigte welt, die paranoia, das widerstandspathos, und überall – angst angst angst.
paar jahre später las ich die buchreihe von john christophers, und die war noch etwas geiler.
alle kinderteenies sollten sie irgendwann geschenkt bekommen + sich davon in eine gute richtung hin verstören lassen
tripods 
23//09//2018 – 21:45 „kondome spirale linksradikale“ öhm… na gut, wenn’s gegen die fundis geht
23//09//2018 – 22:06 steigende wan tan
pfeifender samowar
futon der wetter
leuchten kann
so heilt
fast jeden jänner
die seele
im hamam
26//09//2018 – 19:00 verwirrend die post-subculture-gegenwart – hipster sehen aus wie antifas, nazis wie wavepunks, antifas wie nazis, rnb queens wie goths und radical fems wie ulf poschardt.
nur ich immer mehr wie meine mutter
27//09//2018 – 09:07 nicht direkt ein kinderbuch. tief beeindruckt hat mich das chinesische märchen vom umsichtigen und listigen affenkönig sun wu-kung dennoch.
mega kurze zusammenfassung – sun wu-kung ist mit recht unbedarften mönchen unterwegs, die buddhas schriften nach china liefern sollen. der affenkönig warnt vor allgegenwärtigen dämonen, wird dafür von den mitreisenden augenrollend als dauerstörenfried ertragen + manchmal auch getadelt. am ende kommt’s natürlich dick + er muss alle raushauen.
man könnte das als metapher für jede menge kram bemühen (wehret den anfängen! usw) aber die eigentliche moral liegt wohl in den fantasieanregenden battleszenen. kinder können hier was über die schönheit des kampfes und die dummheit bürgerlicher verblendung lernen.
empfehlung :)
29//09//2018 – 08:20 zu spät kommen ist mehr als nur hobby. zu spät kommen ist kink, ist dopamindusche. vergrätzte freundinnen, schäumende kollegen, mordlüsternes flughafenpersonal oh the intensity 
30//09//2018 – 18:44 neidig sein, es kommt vor. zum beispiel auf die wundersame fähigkeit einiger leute, sich zu jeder zeit und an jedem ort in tiefen erholsamen schlaf fallen zu lassen. clubecke, audimax, kaufhaustoilette – egal. so mühelos und doch der schlüssel zu großem glück. mein körper kämpft immer + immer noch gegen schlaf. wie bei einer fünfjährigen, die nichts verpassen will von wundern, die die ablaufende zeit mit sich bringt. dabei ist schlafen en fin das eigentliche paradies – gut eingerichtet, dass ganz am ende eine unendliche menge davon auf uns wartet
04//10//2018 – 23:33 wenn dich jemand fragt, was deine lieblingsfarbe sei + du gerade nicht so in der stimmung für unlustigen quatsch bist + und er anhebt über die soziale kulturelle historische pipapodimension von farben zu referieren aber gleich wieder aufgibt, weil sackgasse irgendwie + stattdessen von der kindheit in süddeutschland erzählt, wo sie ein liebstes spiel hatten, das mit dem schwarzen mann + wie schlimm das alles war + immer noch sei, weil die leute heute ja dieselbe angst hätten vor dieser farbe, dieser hautfarbe + die kinder spielten das ja heute noch, riefen ungebrochen in ihren alemannischen oder schwäbischen waschungen „wer hat angst vom schwarzen mann“ + überhaupt deutschland, als schwarze person bestimmt schlimm + du kurz darauf hinweist, dass dieses gespräch nun langsam mal gewendet gehört (wie war nochmal die frage, lieblingsfarbe hm ok latzhosenlila) + er nun seine ganze schuld erkennt (ja klar sorry ich fühle mich so dumm, was hab ich getan entschuldige bitte, gerade als weißer oder als deutscher …) + es dann noch etwas weiter in diese richtung spaziert, dann fragst du dich, warum er auf keiner getränkekarte dieser stadt zu finden ist, der wunderbar klare themenwechsel auf eis
05//10//2018 – 09:19 alljährliche romantik des untergangs, letztes aufleuchten vorm großen schnitter. der herbstlichen nazischwere lässt sich am besten mit zombie splatter + natürlich vampir
streifen begegnen
06//10//2018 – 15:22 sorry, aber ich habe die flussauf flussab klügsten muskulösesten kicherndsten mutigsten liebevollsten + (wermutstropfen) trinkfestesten freundinnen ÜBERHAUPT
07//10//2018 – 20:57 aufstehen? wir sollten jetzt diese andere sammlungsbewegung an den start bringen.
eine in jeglicher hinsicht richtige + wichtige, tatsächlich einigende, bessere. ein zeichen der gesellschaftlichen versöhnung setzen, den neubeginn wagen. achtung, geht gleich los.
ach + bleibt bitte sitzen oder liegen wherever you are. ihr müsst nichts tun als eure eltern, bullies, exen + all die leute, die euch mal auf irgendeinem plenum argumentativ zusammengekloppt haben, markieren
#schwammdrüber
11//10//2018 – 17:39 wenn leute sich umarmen, als hätten sie sich zuvor mit kotze eingecremt
12//10//2018 – 12:34 nachts sind alle katzen grau + nazis gehören versohlt
14//10//2018 – 09:53 es sollte viel mehr spiegel in der stadt geben. jetzt nicht so plump à la verspiegelte fassaden, sondern subtil eingesetzt. hier und da eine brandmauer, ein dachabschluss, ein ubahnbrückenpfeiler, ein glitzerndes brunnenmosaik. mit einem mal alles lichterfüllt, selbst die finstersten hinterhofecken leuchteten sonnenuntergangsrot, und sagen wir ein blitzgewitter verwandelte straßenzüge zu strobo floors. wenn menschen dann noch transparent wären + wir unseren organkonstruktionen beim werken zusehen könnten, wäre das nicht bereits eine der besten aller vorstellbaren welten?
15//10//2018 – 18:57 unterhalte mich mit einer guten freundin über ihr tinder game.
sie geht es systematisch an. ein erstes „date“ findet ausschließlich morgens zwischen halbneun und zehn statt, danach muss die künstlerin arbeiten. einen ganzen abend an ein ungewisses treffen zu verschwenden käme für sie nicht in frage. + irgendwie ist sie auch überzeugt, den menschen sei am morgen noch eine gewisse nacktheit eigen, als gelängen ihnen da die inszenierungen noch nicht. das gefällt ihr. sie wählt auch stets denselben ort für ihre treffen – das bäckereicafé süss am hermannplatz.
von ihrer wohnung aus muss sie nur ein paar schritte dorthin stolpern, ihre dates reisen dafür bisweilen vom anderen ende der stadt an. aufgrund des berufsverkehrs ist die atmosphäre im süss bereits am frühen morgen geschäftig, der vielen stammgäste wegen aber auch herzlich – man kennt sich dort. so oft hat meine freundin hier schon ihren ersten kaffee eingenommen, dass sie die kommenden abläufe fast auf den punkt vorhersagen kann. eben noch, erklärt sie ihrem schlafäugigen gegenüber, waren die schüler da, ein einziger purzelnder kaninchenstall. jetzt sitzen vor allem busfahrer um uns herum und kontrolleure, und gleich, warte! ah ja da sind sie schon, die ersten polizeieinheiten. keine fünf minuten später steht der laden dunkelblau gefärbt von all den uniformen. sobald die hier weg sind, kommen die little birds, die älteren frauen, die nur die zeit absitzen, bis karstadt endlich die türen öffnet.
ist das nicht alles großartig? fragt sie mit ruhiger begeisterung, und ihre augen gleiten über die treibende, hupende bewegung des platzes, als würde sie die dampfenden wälder eines ihrer landsitze überschauen.
Nun, es läuft ganz gut, ihr tindergame. alle paar wochen muss sie sich trennen von irgendwelchen vögeln wegen fehlender eigenständigkeit oder ähnlichem. einige von ihnen bleiben dann hängen ihm café süss – es sind die einzelstatisten an den kleinen seitentischen, von meiner freundin flüchtig begrüßt, während sie den laden betritt, in erwartung eines neuen dates, eines neuen tages, einer neuen aufführung ihres immergleichen stücks
18//10//2018 – 16:22 manche menschen werden gerne mit dem wort „geerdet“ beschrieben. natürlich positiv belegt – in sich ruhend, nicht abgehoben, mit beiden beinen fest im leben stehend. dabei ist doch gerade dieses fest verwurzelte, unverrückbare nur beklemmend. tröstlicher der gedanke an jene, die der begriff an keiner stelle erfasst. also jene, deren silhouetten mitten im gespräch aufleuchten, zucken + verschwimmen und deren farben je nach lichteinfall changieren. nur zu lange in die augen blicken sollte man ihnen nicht. wer möchte schon ewig fallen im reinen äther
20//10//2018 – 12:10 bei schnupfen erkältung grippe ist koks das berliner hausmittelchen der wahl. beim niesen staubt’s, man sieht nonchalant darüber hinweg. nur die gespräche laufen jetzt schneller als rotznasen
21//10//2018 – 10:04 alljährlich wenn der winter naht, erinnere ich mich an unseren nachbarn aus kindertagen. herr müller zeigte uns einige deutsche wunder – fast am eindrücklichsten habe ich jenes der ersten verschneiten morgen in erinnerung. wie meine momma, mein bruder und ich uns vorm fenster versammelten und durch die beschlagenen scheiben herrn müller bestaunten, der sich im garten im flauschigen schnee wälzte + von oben bis unten lustvoll damit abrieb. sowas hat ein deutscher mann bei der wehrmacht gelernt, rief er uns einmal fröhlich zu + das fanden wir damals schon merkwürdig. noch etwas merkwürdiger empfand ich den für mich ersten anblick eines erwachsenen penis. noch dazu eines wehrmachtsgestählten
23//10//2018 – 01:01 dame, so 70, betritt die ubahn + klappt den schirm ein. zunächst schaut sie sich prüfend um + wendet sich dann an einen müde dreinblickenden typen in malermontur „herzlichen glückwunsch, sie haben die allerdreckigsten hosen des tages. ja müssen sie gar nicht den kopf schütteln, besser ich sags ihnen, als jemand, auf den sie was geben“
23//10//2018 – 16:48 bevor das netz in die wohnzimmer strömte und damit auch die möglichkeit, eigenen klein-content zu editieren und dem gesamtrauschen hinzuzufügen, also in diesen schon wieder sehr fernen zeiten, haben vorfälle wie dieser selten empörung hervorgerufen. übliche reaktionen waren unglaube (sorry aber du übertreibst. in einer gesellschaft wie der unseren blabla) und achselzucken, mal mit (einfach ein idiot mach dir nichts draus) mal ohne mitgefühl (sorry aber da solltest du drüberstehen können). und obwohl mich das empörungskarussell auf anderen ebenen ängstigt, bin ich doch auch dankbar für das bisschen soziale kontrolle und sichtbarmachung alltäglicher barbarei. und damals, in diesem krankenbett, in dem ich auf eine tumoroperation hindämmerte, da hätte mir diese möglichkeit vielleicht zur sicherheit verholfen, auf irgendeine weise zu agieren, als die neue zimmernachbarin bei der raumbesichtigung fragte „was, mit einer niggerin? ich will hier doch gesund werden und nicht verseucht rauskommen“ und die krankenschwester sich nochmal erkundigte, ob es denn wirklich gar nicht ginge (nein? dann schauen wir mal, wo wir sie BESSER unterbringen). stattdessen stellte ich diese episode zu den anderen ausstellungstücken meiner ganz und gar inwändigen galerie der verachtung und gab, wirklich müde geworden, weiter vor zu schlafen
24//10//2018 – 12:30 es gibt jetzt so neue beziehungen. hier oder anderswo ein paarmal übereinander gestolpert, irgendwann angefragt, die intensität der gegenseitigen comments nimmt langsam fahrt auf, irgendwann in den like tribe aufgenommen, herzlike ping pong. meanwhile bei real life begegnungen – pokerface + einvernehmliches ignorieren (hoffentlich stellt mich jetzt niemand der vor)
24//10//2018 – 19:47 wann wird’s mal wieder liebeskummer??
26//10//2018 – 13:07 schaue ich jetzt auf den sommer zurück, dann war er sowas wie ein glitzernder champagnerregen mit irisierenden effekten vom roséorangenen sonnenlicht, und statt schüttelfrost gab es diese perlig aufsteigenden glücksschauer + manchmal auch orgasmen einfach so. fand auch niemand seltsam. aber ja, geht sicher mal wieder meine erinnerung mit mir durch
26//10//2018 – 19:59 auffallend viele menschen, die ich verehre, besitzen keinen führerschein
26//10//2018 – 20:04 mein spirit fashion pattern wär animalprint so old so cheap
+ dann wieder nur fresh
27//10//2018 – 15:01 taxifahrer + ich diskuteren beste route. er bemerkt, ich bin etwas aufgeregt, da spät dran, „pass mal auf, lehn dich einfach zurück. ich bin merkel, du bist deutschland + wir schaffen das. vertraust du mir?“
27//10//2018 – 16:12 es fehlt an utopie, in politik + wirtschaft, in buchhandel + wintersport, in der schule + sowieso auch „zwischen den laken“. aber!
auch utopie lässt sich lernen, eine technik, wir müssen nur üben üben üben. ich fang mal an –
in einer besseren welt wär ein schöner busen der, der hängt, würden haare aufm rücken zu zöpfen geflochten
+ im bus reichte die fahrerin statt eines tickets die noch
dampfende zimtschnecke rüber
statt nationalhymnen + morgengebeten würde karaoke
gesungen (kosmetische stimmchirurgie boomt)
überhaupt ganz neue wohnkonzepte!
serienguckkuschelhöhlen jeweils 1 pro straße,
tropical bushaltestelleninseln, küchenbibliotheken mit
planetariumskuppeldecken, wir träfen uns da oft und würden
reden, so wie hier
so und noch etwas anders
im
matria
matria
matriarchat
28//10//2018 – 16:57 vergewaltigungen sind in bestimmten kontexten vollkommen normalisiert. kann mich an mindestens drei begebenheiten im kleinstadtkontext erinnern, in denen gemeinsames saufen damit endete, dass sich junge männer an nicht mehr konsensfähigen jungen frauen (vierzehn- + fünfzehnjährig) vergangen haben, auch kollektiv. niemand hätte das vergewaltigung genannt. ich selbst habe mich damals nicht getraut, etwas in dieser richtung fertigzudenken oder gar auszusprechen + mich der kollektiven wahrnehmung entgegenzustellen – auch weil ich die eigenen nachträglichen deutungen der betroffenen mädchen nicht in frage stellen wollte. ich wünschte, es wäre anders gewesen. ich wünschte, ich wäre anders gewesen – mutiger, eigenständiger, informierter – + habe die hoffnung, dass es heute auch in provinziellen milieus nicht mehr so geschehen kann. sexuelle übergriffe + gefährdungen waren ohnehin bestandteil des damaligen aufwachsens, aber diese vorfälle geschahen in den eigenen zusammenhängen, unter „freunden und freundinnen“. ich wünschte, ich wäre damals sicherer + eigenständiger gestanden, vielleicht hätte ich dann auch besser verstanden
28//10//2018 – 22:24 alles wird umbenannt. ein sonntag ohne sonne macht auch kaum sinn, nicht? mexitag zachtag onaniertag IRGENDWASTAG
30//10//2018 – 11:35 kann wer, die ich kenne, ihr kind mandarine nennen, bitte
30//10//2018 – 21:06 tag der deutlichen mieterhöhung
31//10//2018 – 11:36 wie ich böses frauenlachen liebe 
31//10//2018 – 15:59 spamtel
international calls
slovenia poland
türkiye + ystad?!
es rauscht im
äther
oder was das leer
dazwischen ist
autobahn
dusche
radio
stets dieses rauschen
wer? was? nein!
ja gut bis bald
sitzen u lauschen
im noise sind alle stimmen
richtig verbunden
02//11//2018 – 23:21 an der riviera fand sich einst das prächtige hotel angst, in wien prangen über der mariahilfer die lettern des hotel kummer + was mir auch gefiel, im seitenwinkel einer autofahrt, das hotel tran. An all diesen orten würde ich einkehren, es ließe sich wohl gut erholen da zwischen den nebeln, in den undeutlichen ecken hauseigener dampfbäder?
03//11//2018 – 11:15 ich möchte mal die bar erleben, in der der tresen besetzt ist mit frauen, die 1 bier nach dem anderen zischen + dabei ins narrenkastel schauen. oder aufs handy, das ja auch eins ist. in der bar, die es nicht gibt, würde sich irgendwann ein gespräch entspinnen, stell ich mir vor. oder irgendwas. diese szenerie auf barhockern gereihter bannmeilen der einsamkeit verkleidet sich notdürftig als männliche romantik + ist doch nur eine traurige aufführung von gefangenschaft im selbst. arme männer, denk ich manchmal. aber dann nerven sie schon wieder in ihrem hunger
03//11//2018 – 23:27 im traum gibt es diese verwunderung, gerade eine wiederholung oder eine fortsetzung von etwas bereitsgeträumtem zu erleben. die gesetze des film + serienmarktes gelten auch hier – wenn neue stoffe nur noch schwer entwickelt werden können, dominieren zunehmend remakes, pre- + sequels + spin-offs. eine falsch investierte kinokarte ärgert mich kaum, aber so eine verschwendete gelegenheit für einen reichen großen verstörenden traum setzt meine oneirische libido auf null
04//11//2018 – 19:36 leute, die anbändeln wie nach drehbuch – „2pfeffi bitte“
„hey ich liebe pfeffi. wie hast du mich bloß gefunden?“
„ach jemand wie du findet sich immer“
„du also immer auf der suche?“
HAHAHA knutsch
06//11//2018 – 19:35 in französischen bahnhöfen findet sich öfter mal ein piano installiert. auch ich besitze wohl etwas ansozialisierte germanness. habe jedenfalls erst einmal die sehnsucht nach der beauté du geste + la vie en rose diagnostiziert, die in frankreich immer eine nach einem gestern ist. ein gestern, das sein sehnsuchtspotential nicht zuletzt aus der abwesenheit von banlieues, deren nichtweißen bewohnern, von french trap + einer bei 22% liegenden jugendarbeitslosigkeitsquote bezieht, ein gestern der vollkommenen améliehaftigkeit also.
vielleicht sind die bahnhofsklaviere ja tatsächlich mit diesen sehnsüchten verbunden, verdanken ihnen ihre existenz. doch wirken sie daran vorbei oder in entgegengesetzter richtung. wenn sich eigentlich unvorstellbare gemeinschaften um diese klaviere bilden – clochards, breakerinnen, barockchöre, queerpunks, vorstadtkids, klavierlehrer –, um für einen geteilten moment die bahnhofshallen per klang einzunehmen + sich bald darauf wieder in alle richtungen zu verstreuen, dann sind das kleine feste der angenommenen differenz, von zeitgenossenschaft. wir teilen vielleicht diese stimme, diesen ton, diese wartezeit – aber wenn wir das zusammenführen wie enden von wunderkerzen, kann sich ein funkeln entzünden, von dem wir sonst nichts wissen können. ein besseres warten also, in marseille, montpellier, montparnasse?
edit: seit bahnhofsklaviere auch auf deutschen bahnhöfen eingeführt wurden, muss diese frage mit nein beantwortet werden
07//11//2018 – 20:59 bleibt eigentlich noch wer unverheiratet ungeschieden unverlobt?
ja, ungeliebt zählt auch
08//11//2018 – 09:28 würd ich heiraten, dann in einem kleid aus spinnweb, schimmernd wie eine schöne libelle
08//11//2018 – 09:33 ihr gäste ginget als käfer + fliegen
08//11//2018 – 10:23 wäre ich verheiratet, müsste ich immer wieder das putzen unterbrechen, um in mein brautkleid zu schlüpfen + mich im spiegel zu betrachten. so schön,
dass die spinnweben in den ecken vergessen wären
08//11//2018 – 17:27 verheiratet. für immer, in spinnweb + staub. so frisst die ehe mich + übrig bleibt – das schöne kleid
09//11//2018 – 22:44 was erst los ist, wenn auch gerüche vom netz erfasst werden?
google smell.
zunächst geruchspostings, schließlich duftdating. da siebten sich die matches nochmal quer
11//11//2018 – 10:05 beim aufräumen die unscharfen fotos. du auf dem sofabett, vor dem kacheltisch mit kram drauf. das war der winter, in dem wir die eissorten mit den meisten chemischen zusätzen durchgingen. + die verfügbaren bestellservices, am liebsten chinabox wegen der verpackung mit den süßen drachen. es war der winter, in dem wir uns die schwere decke teilten. es gab nur diese eine, aber sie war groß wie ein see oder ein schwimmbad. groß genug jedenfalls, um nur kurz daraus aufzutauchen, aufs klo zu gehen oder das eis aus dem fach zu holen.
manchmal schwammen wir darin. ich suchte deine hand. und dann – – – gleiten durch die unterdecketiefen, rauhe seesternhaut, anemonenblick.
hörst du die wale? jaaa.
wir durchfluteten uns, tauchten ineinander, neben dem griff in die chipstüte, oder zur fernbedienung. unser atem legte eisblumen auf die fenster, wir freuten uns darüber. noch eines dieser wunder! als immer öfter die türklingel ging, hielten wir die luft an, um das lachen zu verdrücken. wenn es gar nicht mehr ging, pressten wir den mund in die decke + lachten stumm hinein.
du suchtest meine hand.
nachdem sie die heizung abgestellt hatten, wärmten wir aus dem backofen, unserem „kamin“, und tauchten noch tiefer hinab. bis es in den ohren rauschte.
bis ich eines morgens erwachte, aus dem bett + über die im zimmer verstreuten tüten + eisschalen stieg + leise leise die tür zuzog
der morgenverkehr stand noch bevor, die straße lag leer vor mir. durch den pyjama spürte ich warmen wind + folgte dann dem salz in der luft, in richtung meer. ich hoffe, es geht dir gut. keine offenen rechnungen für nessie
11//11//2018 – 18:06 poesie im handgemenge
13//11//2018 – 10:30 „Mehrere Male trat Kasumba in kleinen Nebenrollen auf. Stets als Flüchtling oder als Forscherin aus Südafrika. Dass auch eine schwarze Frau deutsch sein kann – für das öffentlich-rechtliche Fernsehen anscheinend unvorstellbar.
Aber egal, jetzt wird alles anders!“
hätte ich einen wunsch frei im leben – würde ich mir natürlich noch zehn weitere wünschen usw.
zumindest einer aber wäre, dass schwarze personen einiges mehr dafür gäben, den deutschen status quo zum verschwinden zu bringen, statt darin anzukommen. den rechten angsttraum vom abgeschafften vaterland wirklichkeit werden zu lassen, in der arbeit daran läge doch tatsächlich sowas wie erfüllung
13//11//2018 – 10:33 karaoke ist der vater, den ich nie hatte
13//11//2018 – 16:23 nein. natürlich die mutter, vor der mich mein therapeut immer gewarnt hat
15//11//2018 – 15:14 wer erzählte mir nochmal von diesem gelungenen hausprojekt-umzug neulich?
es seien so viele leute anwesend gewesen, dass sie die kisten + möbelteile einfach an die nebenstehende person weiterreichten (nobody moves this is a move!) – und schwupp war’s auch schon vorbei. gar nicht mal so selbstverständlich bei einem inhouse umzug dieser dimension.
was genau?
na in dem hausprojekt tauschen die doch alle paar jahre die zimmer. + wohnungen. + mitbewohner*innen.
o wow. tauschen die auch ihre kinder?
nee die nicht haha. aber die katzen zb bleiben einfach in den wohnungen
klang für mich alles erstmal horrible (wenn auch ein bisschen berlin-versöhnend, dass da draußen noch ein paar trutzburgen an der stahlgebürsteten sparkassenhaftigkeit unserer tage vorbeileben + weiter so tun, als sei 1974 etwa). habe etwas gebraucht für die einsicht, dass die hippies da in einer interessanten richtung unterwegs sind.
durchtauschen ist evtl die lösung der meisten oder zumindest sehr vieler probleme unserer zeit. behausungen, ernährungsweisen, aufenthaltstitel, kinks, einkommenshöhen, wohnsitze + ehepartner*innen wären nur ein anfang, der absolute tausch hätte viel tiefergreifende folgen. eine welt ohne besitz, aber immer noch mit luxus, eine gerechte welt ohne starre gleichheiten, eine welt, in der wir uns intim kennenlernen ohne sexuelle verwicklungen, eine welt, in der es zwar wild durcheinder geht, aber vom weltraum her die ~perfekte~ ordnung zu erkennen ist.
ich würde
15//11//2018 – 17:54 wäre ich heute teenie, würde ich siezen + höflichkeit hypen
17//11//2018 – 15:56 oh. richard nixons nickname war tricky dick?
20//11//2018 – 17:58 „senden sie uns bitte einen aktuellen lebenslauf zu“
„gerne. anbei finden sie eine malerei von malewitsch zuzüglich einiger ellipsen + ungerichteter vektoren, sollte so hinkommen“
21//11//2018 – 15:38 eine frau im rosa plüschbademantel schreitet den bahnsteig ab und schimpft über unordnung + schmutz („kaum bin ich mal nicht da! hmpf“) + irgendwo da draußen sagen menschen elephant juice zueinander, wenn sie sich küssen wollen.
es ist alles etwas verschoben, nicht?
22//11//2018 – 10:54 meine empörung hat adhs.
sie interessiert sich für nahezu alles, aber das ziemlich exakt 5x3 sekunden lang. meine empörung hat angst vor sich selbst, hilft kein ritalin + auch kein keta. meine empörung ist laut, weil sie sonst nichts zu tun weiß.
meine empörung sagt ironisch – resignation is my middlename. um nicht zu verzweifeln empört sich meine empörung über deine. + dann schnell über irgendwas im internet.
deinen letzten post oder so. hauptsache, es führt von ihr weg. für sie sieht alles gleich groß, gleich dringlich aus.
was ist echt + was ist wahrnehmungsverzerrt.
meine empörung fragt: bist du dieser mister objektiv?
bitte verzeiht. meine empörung hat adhs.
weiß sie nicht weiter, wird sie zuhauen.
lustig, dass sie oft richtig trifft
23//11//2018 – 12:34 einmal nur lach-, wut- oder loveemoji sein + kein komplizierter mensch
23//11//2018 – 16:22 leute, die erregt am bankomaten stehen, als drückten sie am spielautomaten –
und dann gewinnen
23//11//2018 – 16:43 leute, die vorm geldautomaten stehen wie vorm kruzifix –
ergeben betend, etwas am arsch 
23//11//2018 – 23:31 leute, die vorm spielautomaten stehen, als müsste der jetzt sex mit ihnen haben –
weil sie was haben springen lassen?
25//11//2018 – 12:04 warte! nur noch rasch
den honig erwärmen bevor ich ihn dir
über die blassen kokosbrüste gieße
das fenster öffnen auf dass
schwarzer sesam hereinwehe
und kältemoleküle
deine süße speise kosten
rieche donner atme blitz
wo sich temperaturen
auf meiner zunge
begegnen
26//11//2018 – 13:46 nach zehn stunden schlaf + mehr: *bin ein rosinchen im dambedei weich + schmierig + eine schnecke fast
*bin der verlorene gedanke, der ins bad lenkt + eine ungewohnte bewegung ausführen lässt, nur wozu? Wozu? WOZU?
*bin dunst aus der badewanne, der poren öffnet + sich damit gleich schon erschöpft
*bin wasserfarbener tee, der in der kanne zieht + tatsächlich nach gar nichts schmeckt, aber WIR SCHÄTZEN DIE RITUALE *bin ein erdnussflip mit fantatropfen so halbfester matsch + durcheinander im taste
*bin ein zündholz, das sich nicht entzünden lässt, heute + sich lieber wieder zurück zu den andern legt
*bin die gefalteten hände der verstorbenen frau, um die ihre liebsten weinen. sie berühren mich, bedecken mich mit blüten. ich aber bleibe, wo ich bin + erwidere nichts. es wäre gegen die gesetze des schlafs
26//11//2018 – 18:55 öffnungszeiten für das internet wären eine gute sache, nüchtern besehen. natürlich analog den eigenen arbeitszeiten – mal nicht zu viel optimieren
26//11//2018 – 20:19 online dating ist durch, nicht? rest in peace, du warst ein gutes winterspiel
27//11//2018 – 19:40 die vatikankirche mit dem großen leuchtenden digitalband, das fortlaufend die messen der nächsten 24h ankündigt, das jahrmarkthafte blinken in den pilgerstädten des südens, LOURDES, die nächtliche prozession aus neonkruzifixen + leuchtmadonnen, die sich einem magischen drachen gleich den römischen hügel hinaufbewegt, die beiden muttergottesfiguren auf meinem fensterbrett, eine muschelbesetzt und die andere aus lichtreflektierendem plastik – GOTT, wie ich katholizismuskitsch liebe, die frühkindliche fixierung ist nicht zu lösen.
könnte ich mir die haut mit fluorit und perlmutt bestechen lassen, ich sähe wohl aus wie eine seefahrerkapelle auf den äolischen inseln. schimmernd und glänzend bei tag entrückt, leuchtend bei nacht
27//11//2018 – 21:32 50 ways to leave your therapist
countless more
to ghost your lover
30//11//2018 – 21:27 romantick – sehnsüchtiges verlangen, romane immer wieder zum ersten mal zu lesen
01//12//2018 – 11:15 liebe ist – wenn aus dem hämatom unter dem abfallenden zehnagel das universum grüßt
03//12//2018 – 21:34 leute, denen blickkontakt zu nah, zu unangenehm ist + daher aus lauter verlegenheit auf die brüste ausweichen. gut gelöst, jetzt NUR NOCH FÜR MICH UNANGENEHM
04//12//2018 – 20:29 würde mit euch in einem strukturschwachen gebiet im osten (görlitz?!) ein verlassenes dorf besetzen + landkommune machen. es wäre ein remixtes schilda, wir wären weit über die landesgrenzen hinaus bekannt für unsere einfältigkeit. das wollen sich viele menschen näher anschauen + so könnten wir gut vom tourismus leben.
übernehme hiermit schon mal den job der dorfpfarrerin – und ihr sitzt jeden sonntag brav in der kirche! wird aber immer ne gaudi, ja?
06//12//2018 – 01:43 statt therapie: traurigkeit in den kühlschrank legen, ins fach unter den aufstrichen und marmeladen, übers gemüse, gerahmt von serrano und brie. nicht schlimm, wenn die sahne leckt.
dann stromkabel raus + über monate verrotten lassen. ausziehen, bevor sich der schimmel nach außen frisst. geheilt
06//12//2018 – 09:57 straße und lichter – im taxi ziehe ich daran vorbei. der fahrer hört das lied, das er hören muss, wir sind einverstanden MIT ALLEM. er fragt mich nicht, wo ich hin will, ich ihn nicht, wo er hinfährt. das taxameter zeigt 38°C innere stadt. das lied nimmt kein ende. es ist eigentlich die letzte verbliebene sauerstoffquelle + darf deshalb nicht aufhören zu spielen, sonst würden wir ersticken. alle medien verhandeln es als größte krise der menschheit, der klimawandel sei dagegen eine schnullerparty. über uns kreisen hubschrauber. die stadt, die blitzlichter. wir müssen fahren, immer weiter, sonst bricht alles zusammen. in den sozialen netzwerken werden die tücken der benzinzufuhr und reparaturmaßnahmen bei voller fahrt diskutiert und auch unsere situation. viele wünschen sich, dass wir uns ineinander verlieben, es gibt schon fanfic dazu, so kommt es auch. ohne die liebe wären wir niemals so stark. er sitzt vorne, ich hinten, ich top, er bottom. es ist tragisch, aber auch schön. er hört das lied, das er hören muss. wir stellen keine fragen. fahren, + vor uns teilt sich die nacht
07//12//2018 – 13:36 es existieren kaum frühe kindheitsfotos von mir, später wurden es mehr. von der zeit im kinderheim gibt es nur sehr wenige schnappschüsse, allesamt unscharf + unspektakulär. aber das eine hier, auf dem ich wie eine bösewichtin rüberkomme, bedeutet mir was – meine beste kindheitsfreundin ist darauf zu sehen, jasmin.
sie und ihr bruder sofian kamen aus saudi-arabien und wurden wie mein bruder und ich ein paar jährchen im heim zwischengeparkt, bis ihre eltern fuß gefasst hatten. wir waren vom ersten tag an befreundet, obwohl wir da noch gar nicht über eine gemeinsame sprache verfügten. ich liebte sie abgöttisch. sie schien immer etwas unabhängiger, wohl weil sie auch noch auf ihren kleinen bruder zu achten hatte. ab + an zog sie mit anderen los + ich biss ihr 1x in die hand, ließ auch nicht ab, als es schon blutete. aber all das war egal, wir blieben ein team, unverbrüchlich.
wieder bei meiner mutter untergebracht, bettelte ich jedes wochenende, es im heim bei jasmin verbringen zu dürfen. da im mondlicht, die beiden unterm fenster zusammengeschobenen metallbetten, mit blick auf den imposanten kirchturm mit der stundenglocke, diese erinnerung ist das heimeligste gefühl, das ich in mir finden kann. meine albträume waren früher heftig + ich schrie oft nachts. jasmin weckte mich dann, nahm meine hand oder holte die nonne.
wenn ihr asthma schlimm wurde, tat ich das gleiche. wie schön, dass wir uns hatten.
die geschichte von jasmin + mir nahm ein jähes, trauriges ende, das ein andermal erzählt wird, oder auch nicht
08//12//2018 – 12:38 mein tätowierer ist so ein hipster + wohnt hinterhof erdgeschoss ohne aussicht, dafür mit stäben vor den fenstern. so gefängnisstyle. er trägt opaklamotten + ein verwaschenblaues arbeiterjäckchen. aber es sieht nicht aus, wie er es gerne hätte, sondern wie jemand ohne geld, wie ein einsamer typ, dessen namen niemand kennt. aber seinen kennt man. er ist auf instagram + hat 1849 follower. das ist schon was.
in der wohnung ein grauschwarzer farbverlauf, an der wand paar tattoo sketches, auch 1 metal poster, die liege zum tätowieren, direkt daneben die matratze mit schwarzer batikbettwäsche + dann nichts. er ist scheu und freundlich und bringt mir ein glas wasser, was anderes hat er nicht. ob mir kalt ist, fragt er besorgt, er habe eigens für unseren termin die heizung angestellt. nee nee, alles gut. wir fangen an.
ich stell mir vor, wie die scheiben beschlagen, wenn er hier sex hat. und wenn jemand über nacht bleibt, er durch die gitterstäbe zu den sternen schaut. sterne, die bis ins zimmer scheinen, ihn berühren, anfassen, bis er sie in irgendeine haut brennt. das ist das erotische zeichen, es passiert einfach, sie landen im bett, und dann guckt er wieder hoch, mond sterne und so weiter.
die batikflecken auf der bettkleidung sehen auch bisschen aus wie ein universum voller *staub*. neben dem bett steht immer das glas wasser, was anderes gibt es nicht. die heizung ist nicht an, dafür warme haut und brennende tattoos. es ist so einfach, das einfache leben, und mehr braucht es nicht. wie auf einem planeten, der nur tag und nacht kennt, und keine andere zeit.
aber er hat keinen sex. er sieht keine sterne und hat auch kein geld. 1849 follower.
so, fertig. ich zahle + gehe. beschlagene scheiben, vielleicht im nächsten jahr
08//12//2018 – 16:49 ist ja bei einem kind geblieben, bei mir. an so grautagen fehlt mir dann doch ein baby. wegen superflauschinstantgemütlichkeit + sonst nur kacke + liebe
09//12//2018 – 22:15 im winterlichen wien war es, als ich ins gespräch vertieft mit einer freundin bei außergewöhnlich guten schnittchen + außergewöhnlich kleinen bieren saß. meine schwärmerei für das putzige gedeck wurde von unserem sitznachbarn, einem älteren herrn im dunklen lodenmantel, den hut tief ins gesicht gezogen, spöttisch belauscht. wie könnte es anders sein, dachte ich mir, dass so ein heimatfreund es für einen schlechten scherz hält, die griechische schönheit + ihre schwarze freundin in dieser wiener institution? naja muss er durch. so saßen wir eine weile, da schickte er sich an zu gehen und bot zu meiner überraschung an, mit seinem auch unser geschirr abzutragen. oh, das ist aber nett! rief ich, klein bisschen beschämt. und er: ah wissen’s, i hab dunkle tage da bin i a mol nett.
und abgang, mit den tellern in der hand. es hätte nicht die bald darauf servierten pfiffs und schnittchen (ei mit ei + lachs mit ei) gebraucht, um mich ein klein wenig verliebt zu machen. auf dunkle tage! + was immer sie in uns regen mögen
11//12//2018 – 17:45 es ist wahr, ich bin neidisch auf jedes einzelne leben hier,
ihr habt es alle so geil
12//12//2018 – 23:55 „lass uns treffen, zwischen den jahren“ – als ließe sich die dauernd ratternde zeitrechnung zu den seiten hin verlassen.
zum beispiel hier am schweizer höhenbahnsteig. + da ist dann eine höhle + darin wartet ein freund. das feuer flackert noch wild.
hier gilt geheime zeit – sie fließt hinter, unter + zwischen den jahren
13//12//2018 – 13:25 tröstliche lektüre – zu wem die bibel nicht spricht, der möge es einmal mit den werken des sexualtherapeuten dr. schnarch versuchen. die beschreibungen des erst mit der vollen reife (50+) erfahrbaren „starkstromsex“ sind umgemein fesselnd, die schilderungen der „feuerproben“ indes, die die schnarchs (ruth + david) wieder + wieder durchlaufen haben, unerwartet anrührend. selbst die dürreperioden der sexuellen frustration in langjährigen beziehungen erfahren eine umdeutung – als nadelöhr zu den wirklich interessanten sauereien nämlich. alles davor sei was für teenies. mehr schnarch im bett, wer träumt nicht davon?
14//12//2018 – 12:46 hufeisentheorie meines gutsituierten psychoanalytikers:
„worin sich oberschichts- + unterklasse-familien furchtbar ähnlich sind – ständig dreht sich alles nur ums geld“
16//12//2018 – 14:01 erst war zu wenig schlaf, jetzt ist zu viel. an meiner seite die träge tigerin, die mich im gähnen sanft umfaßt + mir die augen schließt. komm löffeln kind. der schlaf ist hungrig, und ich bin es auch
16//12//2018 – 18:54 in welchen zuständen man nicht schon glück vermutet hat.
+ dann ist es ausschlafen
17//12//2018 – 11:53 ernsthafte bewunderung verhindert kontakt. es ist dabei egal, in welche richtung die bewunderung fließt – sie bleibt eine unschöne beziehungsdeterminante.
bewunderung setzt distanz voraus, weist rollen der angst + der überlegenheit zu, hinter denen die einzelne verschwinden muss. + da sie diese hierarchisierende eigenschaft besitzt, lässt sie sich kaum einmal in freundschaft überführen.
verehrung dagegen – eine spielerische angelegenheit. man greift nach rollen, als wär’s ein maskenball + übersteigert albern. das ist schön und ergibt lustige rituale.
die bewunderin vergeht im schmachten, die verehrerin tobt sich darin aus.
18//12//2018 – 09:29 du
dein gesicht
nähme ich / auch dein geld
passt in meine welt / alles von dir
gefiele mir / nur ne kerze
im herzen / lass ich dir
so lieb von mir
20//12//2018 – 15:19 in einer der abgelegeneren nebenstraßen einer schlechteren gegend der stadt. da wohnen die prinzessinnen + warten, bis ihre zeit endlich gekommen ist
21//12//2018 – 02:27 gesellschaft will eine frau am liebsten direkt zu ihrem vierzigsten geburtstag beerdigen, meinte mal jmd zu mir. na gut. im nächsten jahr wünsche ich mir also eine richtig schöne beerdigung, es soll geheult gelacht getanzt werden, ein denkwürdiger abend von herzen. wenige tage später werde ich auferstehen + dann wird endlich richtig gelebt
21//12//2018 – 19:58 kann nicht hin + nicht wegsehen. schnecken sind fauna aber aliens
21//12//2018 – 21:51 gold blooded
22//12//2018 – 18:33 nie fühl ich meine blackness mehr als beim deutschpunkkonzert. es ist die fortführung von grillen im schrebergarten, geteilter bratwurst, senf auf deiner lippe, erstem kuss am bolzplatz, da hinten die jungs …
gottseidank musste ich das alles NIE erleben.
24//12//2018 – 09:46 zwillinge gebären allein wegen der namensmöglichkeiten / florette + guillotine
24//12//2018 – 19:18 berlin besitzt weihnachtliche ehrlichkeit – *konsum kartoffelsalat komasaufen*
26//12//2018 – 22:04 bei gedämpftem licht + räumlicher enge stellt sich sowohl in fahr- als auch in beichtstühlen manchmal jene zügellose intimität ein, nach der es menschen in langzeitbeziehungen so hungert
26//12//2018 – 23:18 doch, ich wäre neugierig. hautfarben tauschen für einen tag, das schaute ich mir an.
aber ein angenehmes weiß, keines das reflektiert.
+ dann in diesem worlddominatorgefühl baden
geflüchteten in der ubahn zulächeln, den lauten kindern übers kringelnde haar streichen.
ach so fühlt sich das an? funny.
auf die sonnenbank legen oh ja.
+ später, am abend, doch reflektieren.
selbstkritisch. nicht weil ich es muss, nur weil ich es kann.
bei der anschließenden hautfarbenübergabe willst du mir von deinem tag berichten. ich winke ab. je ne regrette rien + das soll so bleiben
28//12//2018 – 20:58 natürlich achte + respektiere ich alle männer,
nicht wenige meiner freunde sind welche, wir kommen ~wunderbar~ klar.
nur finde ich sie eben ab ungefähr 35 nicht mehr wirklich anziehend.
es ist nicht mal in erster linie eine frage des aussehens. ich habe einfach mit jüngeren viel mehr gemeinsam. weil sie noch offen sind + mit ihren gefühlen in kontakt, sie laden das innere kind in mir zum spielen ein (flippern! nicht aufräumen! kontostand vergessen!) + lassen mich dabei ganz frau sein. dann dieser esprit, den ihnen die noch ungewisse zukunft in den blick legt. die hügelhafte formung ihrer oberarme, die gespanntheit des bauchfeldes, L E N D E N
sorry no offense, einfach nur mein geschmack, meine meinung, MEIN URTEIL. wer sich darüber echauffiert, dem fehlt genau das bisschen selbstvertrauen, das so verdammt attraktiv macht.
machen könnte.
junge männer = geil
31//12//2018 – 13:42 seit 22jahren in der stadt. sie wächst mit mir, verdichtet + verfestigt sich. weniger brachflächen, weniger orte, an denen noch mal ganz neues entsteht.
oder spiel. spiel von sekunde zu sekunde zu ungerichteter bewegung zu warmer nacht zum leuchten der baukräne der glühwürmchen der ampelwechsel in den pfützen. schönheit heißt jetzt charakter, schwere beine vom arbeitenden alltag, wir verkaufen uns, wir sind arm + es soll weitergehen. wir verlaufen uns. wir lächeln fremden ins gesicht, sie bleiben. immer zigaretten. oft nacht. manchmal müde.
aber so ist es schön. spaziergang durch deine dunkelheit deine armhöhle deine scham. kann mich immer noch _ gut _ in dir vergraben
31//12//2018 – 15:58 leute, die einen guten rutsch wünschen + dabei gleitmittel auftragen
31//12//2018 – 18:55 leute, die ein frohes neues wünschen + dem verstorbenen die augen schließen
02//01//2019 – 16:44 gestern: streitender stressercliquennachwuchs am nachbartisch im café. beide noch unter zwanzig. einer macht eine ziemliche welle, schimpft seinen kompagnon zornig an + wirft beim hinausrennen um ein haar noch ein paar stühle um. zurück bleibt der ratlose freund.
er starrt auf den tisch vor sich, genauer – auf eine auf dem tisch aufgestellte patronenhülse. ich weiß nicht, er hat so kinderaugen, in denen sich der kerzenschein spiegelt, es rührt mich etwas. beim hinausgehen frage ich ihn, was es mit der patrone auf sich hat.
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