Read the book: «Das muss gesagt werden»

Font::

Elfriede Hammerl

Das
muss
gesagt
werden

Kolumnen


www.kremayr-scheriau.at

eISBN 978-3-218-01247-8

Copyright © 2020 by Verlag Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Schutzumschlaggestaltung: Christine Fischer

Unter Verwendung eines Fotos von Philipp Horak

Lektorat: Marilies Jagsch

Inhaltsverzeichnis

Ich bin nicht mutig

Erbtante

Gemütsbewegung

Adoptivtochter

What’s New, Pussy?

(Ob)Sorgen

… raus bist du!

Vergeltung

Jugend wünscht

Madame DSK

Rampensau sein

Was uns treibt

Alles prima in Fukushima

Vergleiche

Im Cocktailschürzchen

Was sein wird

Mädchen

Omas Küche

Halbtagsschule

Endlichkeit

Verbotsgesellschaft?

Küchenhilfe gesucht

Europa, gefühlt

Hilferufe

Hilferufe II

Verletzte Gefühle

Frau Ergün bringt sich nicht ein

Omakitsch

Single-Vater

Keine Zeit für so Dinge

Glück und Zufall

Lustzwang

Wer warum regiert

Gewinnmaximierung

Dichtervater

Gut drauf sein

Uterus-Leasing

Burkirndl

Elendsaktionismus

Dad und Donald

Die Überflüssigen

Geld ausgeben

Drahtseilakt

Zwölf Stunden

Haarig

Komplizin

Jetzt solidarisiert euch doch

Fauler Zahn

Gerechtigkeit

Paradies adieu

Im Rentenalter

Noch immer die Klassiker

Freiwillig

Himmelmutter

Digitalissimo

Prinzen heiraten

Triest. Eine Impression

Wer zweimal mit derselben pennt …

Das Kind ist nicht flexibel

Zwangsjacke

Wir können uns das nicht mehr leisten!

An die Kandare

Der tägliche Irrsinn

Große Autos

Kinder haben

Die Tugend der Selbstüberschätzung

Warum die ganze Familie?

Ein Hund für die Omi

Aus Nächstenliebe

Überleben lassen

So still die Heldinnen

Ich widme dieses Buch

meiner Mutter Maria Hammerl-Brünner,

die vielen Widerständen zum Trotz

unbeirrbar dafür gesorgt hat, dass ich mein Leben

nach meinen Vorstellungen gestalten konnte.

Und ich widme es Willi Pellert, den ich

ihr gerne vorgestellt hätte.

Ich bin nicht mutig

Kann es sein, dass das Risiko zivilcouragierten

Auftretens allgemein überschätzt wird?

Manchmal, wenn ich etwas schreibe, was dem angeblichen Meinungsmainstream entschieden widerspricht, kriege ich anerkennende E-Mails, die mich für meinen Mut loben.

Ich gebe zu, dass ich gern gelobt werde. Lob wärmt mein Herz und tut meiner Eitelkeit gut, aber im Hinterkopf sitzt mir gleichzeitig beharrlich das Wissen, dass ich weder Lob noch Dank verdiene. Ich übe ja nur meinen Beruf aus. Er bietet mir die Möglichkeit, mich öffentlich zu Wort zu melden. Ich muss keinerlei Hürden überwinden, um meine Meinung publik zu machen (wenn man von den Mühen des Formulierens – oh ja, die gibt es – absieht). Vor allem aber: Ich begebe mich damit nicht in Gefahr.

In den Zuschriften steht jedoch: Bleiben Sie so mutig! – Bin ich mutig? Ich weiß es nicht. Mein Mut wird nicht wirklich gefordert. Ich muss nicht mutig sein, um – in einem demokratischen Land, das mir Meinungsfreiheit garantiert,– für Menschenrechte einzutreten. Ich hoffe, dass ich mich auch unter schwierigeren Bedingungen dafür einsetzen würde, aber meine Risikobereitschaft wurde bis jetzt nicht hart geprüft.

Ich habe zudem das Glück, für eine Zeitschrift zu schreiben, die mir ebenfalls meine freie Meinung lässt. Was würde ich tun, wenn ich bei einer Zeitung arbeitete, die mich zur Einhaltung einer xenophoben Blattlinie (schwer vorstellbar, ich weiß, aber sowas soll vorkommen) verdonnerte? Lieber die Kündigung riskieren? Freiwillig weggehen? Das heißt, in Zeiten wie diesen einen sicheren Arbeitsplatz aufs Spiel setzen oder gar von selber aufgeben? Die Vorstellung, dass ich bei so einer Zeitung bleiben und dort mit anhaltendem Widerstand dem Herausgeber Paroli bieten könnte, wenn ich ihn nicht gar mental umkrempelte, wäre zwar gut als Ausgangsidee für einen bewegenden Film, entbehrt aber jeder realistischen Grundlage.

Andererseits ist ein Arbeitsplatz natürlich kein Schicksal, das sich der persönlichen Gestaltung entzieht. Kein Journalist, keine Journalistin wird gezwungen, sich dem Boulevard zu verschreiben, und wer eine Karriere wählt, bei der ihm ein flexibles Gewissen mit viel Geld abgegolten wird, soll sich nicht auf existenzielle Notwendigkeiten ausreden. Konsequent bei der eigenen Meinung zu bleiben, bedeutet unter Umständen materielle Einbußen und einen Verzicht auf Machtpositionen, das schon. Aber es lebt sich auch ganz komfortabel, wenn man sich, wie es so schön heißt, morgens in den Spiegel schauen kann.

Daher: Anstand erfordert, jedenfalls hier und heute, keinen besonderen Mut. Wir sind nicht gleich an Leib und Leben bedroht, wenn wir nicht mit den Wölfen heulen. Wir müssen nicht unter die Brücke ziehen, betteln gehen, auswandern, nur weil wir uns auf die Seite von jemand Schwächerem gestellt, missachtete Rechte eingemahnt, nicht blindlings vor den Einflussreichen gekuscht haben. Kann es sein, dass das Risiko zivilcouragierten Auftretens ganz allgemein ein wenig überschätzt wird?

Ich habe viel Verständnis für das Bedürfnis nach Harmonie. Ich habe wenig übrig für die Konfliktsuchenden, die ständig kampfbereit sind, um sich zu profilieren. Ich reiße mich nicht darum, mich unbeliebt zu machen. Aber, so viel zur Beruhigung aller ähnlichen Gemüter: Gelegentliches Unbeliebtsein aus ehrbaren Gründen ist aushaltbar.

Januar

18

2010

Erbtante

Alt. Frau. Alleinstehend. Hat sich nicht fortgepflanzt. Eine Witzfigur. Oder?

„Wenn dann noch die Erbtante zu Besuch kommt, muss es daheim eben was gleichschauen, ganz gleich, wie verdient die Feiertagsruhe der Mistkübler sein mag. Man stelle sich nur vor: Die Pensionssicherung ist im Anmarsch, während ihre originellen Gaben (…) mit unübersehbarer Koketterie aus dem Container schauen.“ Dieser launige Text erschien kürzlich auf Seite eins einer österreichischen Tageszeitung.1 Unter dem Titel „Müll und Erbe“ wurde darin erklärt, warum das Funktionieren der Müllabfuhr zu den Weihnachtsfeiertagen so wichtig ist: damit die Erbtante nicht merkt, wo ihre Geschenke gelandet sind.

Der Autor hat sich sicherlich nichts dabei gedacht. Außer vielleicht das: Erbtanten sind keine Menschen, sondern eine wandelnde Pensionssicherung, deren Geschenke in den Mist gehören. Schließlich kommen sie von einer, die – hätte sie nichts zum Vererben – ebenfalls entsorgt werden müsste (emotional ist sie offenbar eh schon abgeschrieben).

Mit einem solchen Gedankengang stünde er jedenfalls nicht allein da. Alte Tanten (und Erbtanten sind alt, weil man sonst nicht damit rechnen könnte, dass man sie überlebt und beerbt) sind traditionell eine Zielscheibe für grausamen Spott.

Erbtanten sind Witzfiguren. Sie sind lächerlich. Sie sind verachtenswert. Verachtet werden sie aus folgenden Gründen: Sie sind alt. Sie sind Frauen. Sie sind alleinstehend. Sie haben sich nicht fortgepflanzt. Alle diese Merkmale sind, scheint’s, bis heute Grund genug, sie als Missgriff der Natur zu betrachten. Missgriff auch deswegen, weil sie ärgerlicherweise über Geld verfügen, das alten, allein lebenden Frauen eigentlich nicht zusteht, sondern bei feschen, jungen, fortpflanzungswilligen Menschen viel besser aufgehoben wäre. (Na ja, vielleicht nicht aufgehoben. Sondern von feschen etc. Menschen besser ausgegeben. Wie auch immer.) Die Verachtung, die man Erbtanten entgegenbringt, ist also zum Teil auch vom Ärger darüber diktiert, dass sie Geld haben, das erst nach ihrem Ableben verfügbar sein wird, vom Ärger darüber, dass es dereinst vielleicht doch nicht geerbt wird, wenn man der Erbtante die Verachtung zeigt, die man für sie empfindet, und vom Ärger darüber, dass die Alte nicht und nicht abkratzen will. So schaut das Verhältnis zur Erbtante aus.

Und weil sie so verachtenswert und ärgererregend ist, die Erbtante, ist es moralisch nicht nur zulässig, sondern geradezu geboten, ihr gegenüber zu heucheln und zu lügen, ihr eine Wertschätzung vorzuspielen, an die niemand glaubt (vermutlich nicht einmal sie selber), und sie dadurch noch einmal zum Gespött der Umgebung zu machen, weil sie in dem heuchlerischen Schauspiel die Rolle der ahnungslosen Idiotin zu spielen hat, auch wenn sie es durchschaut.

Zugegeben: Die Karikatur der Erbtante, so wie man sie automatisch vor Augen hat, wenn das Stichwort fällt – eine lächerlich gewandete Schabracke mit gebieterischem Auftreten –, ist vielleicht ein wenig unzeitgemäß, aber im moderneren Styling gibt es sie nach wie vor, die gut verdienende Junggesellin mittleren Alters beispielsweise, deren Neffen und Nichten erwarten, dass Tantchen die Spendierhosen anhat, wenn man sie kontaktiert, und die durchaus damit spekulieren, dass sie ihr Gerschtl, Gott behüte, nicht unnötig mit flotten Liebhabern verjuxt, ehe sie den Löffel abgibt.

Ja, schon klar, es gibt auch (Erb-)Tanten, die geliebt und geschätzt werden. Und natürlich spricht im Prinzip nichts dagegen, liebenswerten Nichten und Neffen finanziell unter die Arme zu greifen, wenn man dazu in der Lage ist. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der jüngere Menschen oft das physische Ablaufdatum älterer Angehöriger in ihre ökonomischen Überlegungen einbeziehen, die irritiert.

„Wenn das Haus von der Tante Rosa einmal uns gehört …“ Leuchtenden Blicks dahingesagt, zukunftsfroh.

Wenn das Haus von der Tante Rosa einmal euch gehört, liebe Leute, dann ist die Tante Rosa tot. Te-o-te. Ist euch das bewusst? Und falls ja, ist es euch wurscht? Und falls ja, warum? Weil die Tante Rosa bloß eine potenzielle Geldquelle auf zwei Haxen ist, die erst genützt werden kann, sobald sie die Haxen streckt?

Ach, ihr Erbtanten alle, überlegt euch gut, wofür ihr euch entscheidet, fürs Vererben oder fürs Verjuxen! Verjuxen ist nicht die übelste Option, eine schlechte Nachred’ habt ihr sowieso.

1Der Standard, 28.12.2009

Januar

25

2010

Gemütsbewegung

Scheidungsabsichten sind halt riskant. Vor allem, wenn der Mann Ausländer ist. Sagt das Gericht.

Jüngst passiert: Ein Mann greift zum Messer, weil sich seine Frau von ihm scheiden lassen will. Er sticht sie mehrmals in Kopf, Brust und Hals. Danach attackiert er die lebensgefährlich Verletzte mit einem Stahlrohr, ehe sich einer seiner Söhne schützend vor die Mutter wirft. Der Mann kommt vor Gericht. Angeklagt wird er nicht wegen Mordversuchs, sondern wegen Totschlags. Er habe, befindet der Staatsanwalt, in einer „allgemein begreiflichen, heftigen Gemütsbewegung gehandelt“.

Das allein wäre zwar einerseits empörend, aber andererseits so verblüffend auch wiederum nicht. Gewalttäter können hierzulande mit einem gewissen Verständnis rechnen, wenn sie Trennungsabsichten der von ihnen terrorisierten Ehefrau mit Attacken auf Leib und Leben der Unbotmäßigen quittieren. Der Mann habe die Frau eben abgöttisch geliebt, heißt es dann in den Medien, und darum die Vorstellung nicht ertragen, ohne sie weiterzuleben. (Dass er erst recht ohne sie weiterleben muss, nachdem er sie umgebracht hat, steht erstaunlicherweise nicht zur Debatte, ebenso wenig wie die Frage, warum er ihr das Leben nimmt, wenn doch angeblich seins nicht mehr erträglich für ihn ist.)

Allgemein begreifliche Gemütsbewegung also. Wird zwar allgemein begriffen, fließt aber vielleicht nicht so offenkundig in Urteilsbegründungen ein, normalerweise.

Doch in diesem jüngsten Fall ist der Täter, ach so, zwar österreichischer Staatsbürger, jedoch türkischer Herkunft. Und deshalb begründet der Staatsanwalt dessen allgemein begreifliche Erregung mit dem Migrationshintergrund des Mannes. Wörtlich: „Gerade Ausländer oder Personen mit Migrationshintergrund befinden sich häufig in besonders schwierigen Lebenssituationen, die sich, auch begünstigt durch die Art ihrer Herkunft, in einem Affekt entladen können. Obwohl Affekte von Ausländern in Sittenvorstellungen wurzeln können, die österreichischen Staatsbürgern mit längerem Aufenthalt fremd sind, können sie noch allgemein begreiflich sein.“

Ja dann. Eh klar. Andere Sittenvorstellungen. Schwierige Lebenssituation des Migranten. Spielt zwar bei Eigentumsdelikten keine Rolle (Recht muss Recht bleiben), wird aber berücksichtigt, wenn einer seine Frau absticht.

Was letztlich ausschlaggebend war für dieses Urteil, das derzeit für heftige Debatten sorgt – der Sexismus der Urteilenden oder ihre Einschätzung von Ausländern als Menschenschlag mit speziellen Sittenvorstellungen –, wird nicht geklärt werden können. Vielleicht sind sie ja grundsätzlich der Ansicht, dass eine, die sich scheiden lassen will, zu Recht ein hohes Risiko eingeht, und haben mit klammheimlicher Befriedigung eine Gelegenheit gesehen, ihrer Auffassung wenigstens über den Umweg der kulturellen Rücksichtnahme zu Rechtsgültigkeit zu verhelfen. Grob gesagt: Vielleicht war der Verweis auf die Ethnie des Täters ja nur eine faule Ausred’ dafür, dass es nach Ansicht der Richtenden grundsätzlich eine Provokation ist, wenn eine Frau sich scheiden lassen will.

Oder aber es steht hinter dem Urteil vor allem eine massive Verachtung ausländischen Menschen gegenüber, derzufolge einzukalkulieren und zu billigen sei, dass in diesen Kreisen ein Frauenleben nicht viel wert ist.

Wie auch immer, die Wirkung dieses Urteils ist fatal, weil es genau das alles signalisiert: Frauen, die sich von Männern trennen, müssen wissen, dass sie sich in Gefahr begeben. Männer aus dem Ausland sind gefährlich. Und: Deren Frauen sollen sich besser damit abfinden, dass der österreichische Staat im Zweifelsfall auf der Seite ihrer Männer steht.

Das alles arbeitet jenen in die Hände, die nicht nur immer schon gewusst haben und predigen, dass alle Fremden (potenzielle) Verbrecher sind, sondern die auch gern behaupten, dass unser Rechtssystem in Gefahr ist, den Sittenvorstellungen der Zuwandernden geopfert zu werden. Diese These verliert durch das genannte Urteil leider ein wenig von ihrem paranoiden Charakter, denn tatsächlich könnte man es als Initiierung eines Parallelrechts für bestimmte Bevölkerungsgruppen sehen. Und natürlich stellte sich angesichts eines solchen Parallelrechts die Frage, ob und wie schnell es sich auf die übrige Bevölkerung erstreckt.

Von der Justizministerin verlautet in diesem Zusammenhang wenig Beruhigendes. Sie ließ über eine Sprecherin ausrichten, dass es ein Skandal wäre, in die unabhängige Justiz einzugreifen. Im Übrigen gebe es keine Bevorzugung von Frauen. Und es gebe auch Gewalt gegen Männer.

Wie bitte? Ein Mann sticht seine Frau fast ab, weil sie sich (wegen seiner Gewalttätigkeit) von ihm trennen will, findet vor Gericht Verständnis, weil er als gebürtiger Türke andere Sittenvorstellungen habe, und alles, was der Frau Justizministerin dazu einfällt, ist, dass man Frauen nicht bevorzugen dürfe und dass es auch Gewalt gegen Männer gebe?

Na servas. Das schafft Vertrauen. Sie möchten nicht bedroht, nicht attackiert, nicht getötet werden? Als Frau? Woher nehmen Sie die Chuzpe, solche Ansprüche zu stellen? Halten Sie sich für was Besseres? Ein Messer zwischen den Rippen, ach was. Glauben Sie, das passiert nur Ihnen?

April

12

2010

Adoptivtochter

Sexuelle Grenzüberschreitungen bewunderter Männer gelten nach wie vor nicht als Unrecht.

Woody Allen war vor Kurzem in Wien. Mit Ehefrau Soon-Yi. Die Zeitungen schrieben: „Woody Allen mit Ehefrau Soon-Yi, der Adoptivtochter seiner Ex-Frau Mia Farrow.“ So lautet die Sprachregelung: Woody Allen hat eine junge Frau, die hat eine Adoptivmutter, die war einmal Woody Allens Frau. Es klingt, als habe Mia Farrows Leben mit Soon-Yi auf einem anderen Planeten stattgefunden als Mia Farrows Leben mit Woody Allen.

Man darf sich das so ausmalen: Woody Allen trifft ein junges Mädchen, findet es sexy, beginnt ein Verhältnis mit ihr, und dann stellt sich – na sowas aber auch – heraus, dass sie zufällig die Adoptivtochter seiner Frau ist! Überraschung!

War es so? Keineswegs. Unabhängig davon, wer welche Papiere für wen unterschrieben hat, haben Woody Allen und Mia Farrow einstens als glückliche Familie mit einem Schüppel Adoptivkinder in den Medien posiert. Eines dieser Kinder war Soon-Yi, von der heute so getan wird, als habe Woody Allen rein gar nichts mit ihr zu tun gehabt, ehe er sie entdeckte und erweckte und was weiß ich noch alles, die Klischees, aus denen man in so einem Fall – dem Fall der sexuellen Initiation eines jungen Mädchens durch einen älteren Mann – wählen kann, sind ja zahlreich.

Rein formal wurde das koreanische Straßenkind Soon-Yi achtjährig tatsächlich nicht von Allen adoptiert, sondern von Mia Farrow und ihrem damaligen Ehemann André Previn. Aber bereits zwei Jahre später war Allen der Mann an Farrows Seite und damit auch Soon-Yis Stiefvater. Soziale Vaterschaft heißt sowas. Woody Allen mag in dieser Rolle seine Defizite gehabt haben (eigennützig, unzuverlässig und unsensibel sei er als Elternteil gewesen, urteilte der Richter in dem Sorgerechtsprozess, den Allen um seinen leiblichen Sohn und zwei weitere Adoptivkinder führte), aber auch Vätern mit Mängeln wird von ihren (Stief-)Kindern zunächst Vertrauen entgegengebracht. Das liegt in der Natur der Kinder, sofern sie psychisch einigermaßen intakt und nicht bereits auf Misstrauen, Furcht und neurotische Distanz programmiert sind.

Woody Allen hat dieses Vertrauen seiner (Stief-)Kinder seinerzeit mit Füßen getreten, als er eine – moralisch gesehen – inzestuöse Beziehung mit einem – oder besser einer – von ihnen begann. Sein leiblicher Sohn Satchel drückte das Presseberichten zufolge damals so aus: „Man schläft nicht mit der Schwester seines Sohnes.“ Das heißt, Allen hat nicht nur Soon-Yis Zutrauen missbraucht, indem er von der Rolle ihres Vaters zu der des Liebhabers wechselte (und niemand soll bitte sagen, dass eine Halbwüchsige sich autonom dafür entscheidet, vom Mann ihrer Mutter in die Sexualität eingeführt zu werden), er hat mit diesem Rollenwechsel auch ihre (Adoptiv-)Geschwister verstört, deren familiäre Wahrnehmung plötzlich nicht mehr stimmte.

Schnee von gestern? Ja, der seinerzeitige Skandal, der Allen schon damals mindestens so viel Applaus wie Kritik einbrachte, ist lange her. Allen und Soon-Yi sind inzwischen seit mehreren Jahren verheiratet und haben ihrerseits zwei Kinder adoptiert. Geblieben ist jedoch der Hinweis: „… die Adoptivtochter seiner Ex“.

Was steckt dahinter? Neid der Hinweisenden, weil es Woody Allen gelungen ist, die alternde Mutter rechtzeitig gegen die Tochter auszutauschen? Nie nachlassende Häme gegen Mia Farrow, deren plakatives Regenbogen-Familienkonzept durch Allen so grandios zum Scheitern gebracht wurde? Oder geht es nur darum, Allens Rechtschaffenheit zu betonen, die sich eben daraus ableitet, dass er juristisch gesehen nie der Adoptivvater seiner Ehefrau war?

Wie gesagt: interessante Sprachregelung, weil sie wieder einmal zeigt, welche Rolle gesellschaftliches Ansehen spielt, wenn es um die Bewertung von grenzüberschreitendem (Sexual-)Verhalten geht. Woody Allen: reingewaschen von jeglichen Vorwürfen. Roman Polanski: nach allgemeinem Dafürhalten ein Opfer der kunstunverständigen Schweizer Justiz, die nicht begreift, dass man einen großen Regisseur nicht wegen etwas so Nebensächlichem wie der Vergewaltigung einer 13-Jährigen (noch dazu vor 30 Jahren!) festnehmen kann.

Sexuelle Verfügungsgewalt über Abhängige gehört seit Langem zu den Boni, die einen gehobenen Status auszeichnen, die Varianten reichen vom ius primae noctis der feudalen Grundherren bis zur Besetzungscouch von Theaterdirektoren. Diese Verfügungsgewalt ist gesellschaftlich akzeptiert, teils stillschweigend, teils explizit, man denke beispielsweise an die lange Liste renommierter Persönlichkeiten, die voll tiefer Empörung gegen Polanskis Verhaftung protestierten.

Auch die Fälle von sexueller Misshandlung durch katholische Geistliche haben, ebenso wie ihre jahrzehntelange Vertuschung, mit Machtmissbrauch und einem anmaßenden Selbstverständnis zu tun. Darüber wird endlich nicht mehr geschwiegen. Gut so. Dass diese Verfehlungen endlich öffentlich angeklagt werden, hängt allerdings nicht zuletzt mit dem Bedeutungsverlust der Institution Kirche in eben jenen Ländern zusammen, in denen das Schweigen aufbricht. Das gesellschaftliche Unrechtsbewusstsein bleibt dennoch reformbedürftig. Der vorauseilende Eifer, mit dem einschlägige Vergehen ausreichend bewunderter Promi-Figuren mit mehr oder weniger fadenscheinigen Entschuldigungen retuschiert werden, lässt für potenzielle Opfer solcher Männer nach wie vor Schlimmes befürchten.

Juni

7

2010

What’s New, Pussy?

Verdienen Frauen, dass sie nix verdienen, weil sie so häufig Teilzeit arbeiten?

Also. Der Frauenbericht.2 Überrascht er uns? Eigentlich nicht. Das ist, zugegeben, auch nicht seine Aufgabe. Er sollte Fakten sammeln. Jetzt liegen sie auf dem Tisch. Frauen, besagen sie, sind besser ausgebildet als je zuvor. (Haben wir gewusst.) Sie sind erwerbstätiger als je zuvor, soll heißen, sie gehen in größerer Zahl der Erwerbsarbeit nach als zu früheren Zeiten. (Haben wir vermutet.) Sie machen nach wie vor zwei Drittel der unbezahlten Arbeit, Kinderbetreuung, Haushalt und Altenpflege sind anhaltend Frauensache. (Verblüfft uns nicht wirklich.) Und sie verdienen immer noch weniger als die Männer. Nein, nicht immer noch, sondern immer weniger, denn die Einkommensschere geht weiter auf. Das finden wir dann doch einigermaßen befremdlich.

Obwohl, die Gründe, die dafür ins Treffen geführt wurden – nicht vom Frauenbericht, sondern in diversen Kommentaren aus Medien und Politik –, sind auch nicht neu: Frauen arbeiten in großer Zahl Teilzeit. (Eh klar, sie müssen ja auch noch, siehe oben, Kinder, Haushalt und Altvordere schupfen.) Sie kaprizieren sich auf sogenannte Frauenberufe, die schlechter bezahlt werden als sogenannte Männerberufe. Statt gesellschaftlich wichtige Arbeit in technischen Branchen zu leisten, interessieren sie sich fürs unwichtige Soziale. Und sie sind Weicheier bei Gehaltsverhandlungen – geben sich viel zu früh zufrieden und neigen dazu, den Sinn einer Tätigkeit wichtiger zu nehmen als das, was sie einbringt. Ja dann. Und was weiter?

Na, einfach weiter so, befanden manche (männliche) Auskenner. Weil jetzt haben wir die Bestätigung: Frauen wollen halt nur Teilzeitjobs. Frauen wollen sich mehr um Kinder und Haushalt kümmern als Männer. Frauen möchten, dass die Männer die Hauptverdiener bleiben. Ist doch wurscht, wer mehr verdient, am Ende kommt alles in einen Haushaltstopf, und beide nehmen sich heraus, was sie brauchen.

Hat auf den ersten Blick was für sich. Vielleicht signalisiert es ja tatsächlich ein Beharren auf alten Rollenmustern, wenn der Anstieg der weiblichen Erwerbsquote vor allem auf einen Anstieg der Teilzeitjobs für Frauen zurückzuführen ist. Fragt sich nur, wer beharrt.

Das alte Lied: Reißen Frauen Haushalt und Kinder genital programmiert an sich, oder machen sie, was gemacht werden muss, weil die Männer zu wenig machen?

Irgendwie neige ich nach wie vor dazu, mir nicht vorstellen zu können, dass – noch dazu gut ausgebildete – Frauen lieber unbezahlt hinter Mann und Kindern herräumen, statt ihre Ausbildung in anständig entlohnten Jobs anwenden zu wollen. Und wenn man überdies in Betracht zieht, dass der gemeinsame Haushaltstopf im Fall einer Scheidung (für den statistisch inzwischen eine mehr als 30-prozentige Wahrscheinlichkeit spricht) ganz schnell in zwei sehr ungleiche Teile zerfallen kann, haut die Interpretation, das berufliche Fortkommen zugunsten häuslicher Dienstleistungen zurückzustellen entspreche einem urweiblichen Bedürfnis, nicht ganz hin.

Jede vierte teilzeitbeschäftigte Frau sagt denn laut Frauenbericht auch, dass sie lieber Vollzeit arbeiten würde, jede zweite gibt als Grund für ihr berufliches Leisertreten Betreuungspflichten an. Was eben nicht bedeutet, dass es sich beim Spagat zwischen limitierter Berufstätigkeit und der Hauptverantwortung für Kinder (und möglicherweise Alte) um eine absolut frei gewählte Lebensform handelt.

Bleiben die anderen Begründungen, die das Einkommensgefälle rechtfertigen sollen. Und die sind ja nun überhaupt, wie man früher so schön sagte, starker Tobak.

Wieso werden Männerberufe stets mit größter Selbstverständlichkeit über Frauenbranchen gestellt, ohne dass die Berechtigung dieses Rankings auch nur im Geringsten angezweifelt wird? Was macht Tätigkeiten, die überwiegend von Männern ausgeführt werden, grundsätzlich wertvoller als Tätigkeiten, denen überwiegend Frauen nachgehen? Kein Wunder, dass Frauen nix verdienen, wenn sie sich für Schönheit, Menschen, Kunst und Sprachen interessieren statt für Motoren und Bilanzen? Warum kein Wunder? Wollten wir in einer Welt leben, in der es nur noch um Technik und Kapitalflüsse geht? Können wir auf soziale Kompetenz verzichten?

Dass die schlechte Bezahlung in sogenannten Frauenberufen nicht notwendigerweise von der relativen Überflüssigkeit dieser Tätigkeiten diktiert wird, zeigt sich immer dann, wenn sich Männerdomänen in gemischt frequentiertes Territorium verwandeln. Dann sinken nämlich die vordem höheren Löhne, was demonstriert, wem die Geringschätzung gilt: nicht der Branche, sondern den Frauen, die sich darin ausbreiten.

Verwunderlich auch der Vorwurf, Frauen seien schlechte Verhandlerinnen, weil es ihnen mehr als aufs Geld darauf ankomme, sich an ihrem Arbeitsplatz wohlzufühlen und einer in ihren Augen sinnvollen Aufgabe nachzugehen.

Jetzt einmal ehrlich: Wenn unsere Arbeitswelt Menschen dafür bestraft, dass sie sinnstiftenden, befriedigenden Tätigkeiten nachgehen, statt bloß möglichst viel Geld cashen zu wollen, – stimmt dann was mit diesen Menschen nicht, oder sollten wir uns vielleicht fragen, was in unserer Arbeitswelt nicht stimmt?

Im Übrigen und jedenfalls ein Ja zur angestrebten Einkommenstransparenz. Vergleichsmöglichkeiten nützen beim Verhandeln.

2Frauenbericht 2010. Bericht betreffend die Situation von Frauen von Österreich im Zeitraum 1998 bis 2008, hg. vom Bundesministerin für Frauen und Öffentlichen Dienst im Bundeskanzleramt Österreich. Wien, 2010.

Juli

5

2010

(Ob)Sorgen

Kann man erwarten, dass zwei kooperieren, weil es das Gesetz so anschafft?

Kann man Liebe, Zuwendung, Fürsorge und Kooperation per gesetzlicher Anordnung erzwingen? Kinder hätten von Natur aus ein Recht auf beide Eltern, so begründet die Justizministerin ihr Eintreten für die automatische gemeinsame Obsorge nach Scheidungen. Das klingt, als handle es sich dabei um ein Zaubermittel. Man installiere die gemeinsame Obsorge, und schon haben auch die Kinder getrennter Paare, Simsalabim, ein harmonisches Elternhaus, wo sich Vater wie Mutter zu gleichen Teilen um ihr Wohlergehen kümmern.

Schön wär’s. Oder vielmehr: Schön ist es, dort, wo es funktioniert, und es funktioniert in vielen Fällen durchaus. Denn die gemeinsame Obsorge ist ja schon jetzt keineswegs verboten. Sie setzt lediglich voraus, dass beide Elternteile damit einverstanden sind, während eine Automatisierung bedeuten würde, dass dieses Einverständnis von Gesetzes wegen angenommen beziehungsweise verordnet wird, egal, wie zerrüttet die Beziehungen zwischen Mutter, Vater und den Kindern auch sein mögen. Das erscheint mir riskant. Wenn Eltern sich nicht auf eine gemeinsame Obsorge einigen können, dann hat das Gründe, die man nicht mit der schlichten Anordnung „Vertragts euch, Leute!“ einfach übergehen kann.

Natürlich ist zu wünschen, dass Eltern ihren persönlichen Zwist, ihre Kränkungen, Frustrationen und Verletzungen beiseitelassen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht. Die Praxis zeigt nur leider, dass es ihnen nicht immer gelingt. Hinzu kommt, dass nicht unbedingt überall Obsorge drin ist, wo Obsorge draufsteht. Soll heißen: Häufig wird mit dem Begriff Obsorge argumentiert, wenn es in Wirklichkeit um Machtausübung geht.

Was meint die Justizministerin, wenn sie vom Recht des Kindes auf beide Eltern spricht? Ein Anrecht darauf, dass Vater wie Mutter im gleichen Ausmaß verfügbar, einsatzbereit und liebevoll um das Kind besorgt sind? All das garantiert die gemeinsame Obsorge nicht. Kein Gesetz, keine Justizministerin und kein Familiengericht kann einem Kind die Zuwendung verschaffen, nach der es sich sehnt, wenn Vater oder Mutter sie ihm verweigern. Auch bei gemeinsamer Obsorge muss der nicht mehr im gemeinsamen Haushalt lebende Elternteil mit dem Kind weder Mathematik lernen noch beim Zahnarzt seine Hand halten. Aber er kann fordern, dass das Kind in die Handelsschule geht, auch wenn es kaufmännisch desinteressiert und musisch begabt ist.

Wird schon nicht vorkommen? Doch, kommt vor. Genau darüber wird gestritten: Wer schafft an? Wer ist wichtiger? Wer setzt sich durch? Und, nicht zuletzt: Wer erspart sich was? Denn häufig hat der Wunsch nach mehr Mitspracherecht auch einen finanziellen Hintergrund. Eine kürzere Ausbildung kostet weniger lang Unterhalt. Also plädiert der unterhaltspflichtige Elternteil zum Beispiel für Lehre statt Studium. Es geht nämlich auffallend oft ums Geld, wenn – vordergründig – über gemeinschaftliches (Ob-)Sorgen diskutiert wird. Wer sich die Internetplattformen und -foren zum Thema anschaut, stößt immer wieder auf die gleiche Klage angeblich entrechteter Väter (bekanntlich stellen sie die Mehrzahl nicht obsorgeberechtigter Elternteile): Ich darf zahlen, aber nicht bestimmen, was mit MEINEM Geld geschieht.

Juristisch umfasst die Obsorge sowohl Rechte als auch Pflichten, der oder die Obsorgeberechtigte ist zuständig für Pflege, Erziehung, Vermögensverwaltung und die gesetzliche Vertretung des Kindes. Praktisch wird selten um die Pflege gekämpft, aber oft darum, Erziehungsrichtlinien vorgeben zu dürfen und das Vermögen des Kindes, sprich Unterhaltszahlungen, nicht in charakterverderblichen Reichtum ausarten zu lassen.

Noch einmal: Geschiedene Eltern müssen nicht streiten. Doch wenn sie es tun, dann genügt es nicht, ihnen Kooperation zu verordnen. Die beschwörende Annahme, dass zwei sich einigen werden, wenn ihnen nichts anderes übrig bleibt, ist Realitätsverweigerung. Ja, sie raufen sich vielleicht zusammen, aber mit der Konsequenz, die ein Raufhandel mit sich bringt: Es gibt einen Sieger, und es gibt Verlierer. Ob das dem Kindeswohl dient, ist mehr als fraglich.

Automatische gemeinsame Obsorge heißt im Grunde, die Familien mit ihren Konflikten allein zu lassen. Derzeit muss jeder Fall, in dem es kein Einvernehmen gibt, gerichtlich geprüft werden, ehe eine Obsorgeentscheidung fällt. Wird hingegen die gemeinsame Obsorge zur Regel, signalisiert das, dass Eltern sich’s gefälligst untereinander ausschnapsen sollen, wie sie nach der Trennung mit der Kinderbetreuung zurechtkommen. Das würde die Familiengerichte möglicherweise entlasten und der Justizministerin Geld sparen. Dass es den Kindern nützt, ist allerdings nicht gesagt.

Man habe mit der gemeinsamen Obsorge gute Erfahrungen gemacht, heißt es. Das verwundert nicht. Diejenigen, die sich dafür entscheiden, sind ja auch entschlossen, es gut zu machen. Sie sind willens, zusammenzuarbeiten. Ihnen Steine in den Weg zu legen, wäre absurd. Problematisch sind die Unwilligen. Weil nämlich ihre Ausstattung mit mehr Rechten nicht automatisch bedeutet, dass sie auch mehr Pflichten wahrnehmen.

Januar

31

2011

… raus bist du!

Die Schule wird sich der Aufgabe stellen müssen, erzieherische Defizite zu kompensieren.

Also. Die Hauptschule heißt jetzt Neue Mittelschule, hurra. Das Gymnasium gibt es weiterhin, halleluja. Wer ins Gymnasium möchte, muss sich schon in der Volksschule dafür qualifizieren. Wer mit 14 im Gymnasium bleiben oder nach der Neuen Mittelschule ins Gymnasium übertreten will, muss erst mal seine mittlere Reife nachweisen. (Wetten, dass Gymnasiasten dabei bessere Chancen haben werden als neue Mittelschüler? Weil ja, wie der Vizekanzler so schön sagte, die Langform des Gymnasiums ganz andere Schwerpunkte setzen und von Anfang an auf eine längere Bildungskarriere vorbereiten kann.) Und, nicht vergessen: Eltern sind verpflichtet, ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen.

So schaut eine Bildungsreform in Österreich aus. Dahinter steht offenbar die alte Auffassung: Bildung ist ein kostbarer Schatz, auf den nur Auserwählte Zugriff haben dürfen.

Es geht nach diesem Verständnis nicht darum, möglichst vielen Kindern möglichst viel beizubringen, sondern darum, immer wieder diejenigen herauszufiltern, die für würdig erachtet werden, noch mehr lernen zu dürfen.

Aussieben statt fördern. Unfähigkeit nachweisen statt befähigen. Ent- statt ermutigen. Die positive Verstärkung, deren segensreiche Wirkung sich sogar bis in die Hundeerziehung durchgesprochen hat, ist in der schulischen Menschenerziehung hierzulande wenig verbreitet. Sparsames Lob, reichlich Tadel. Schwachstellen entdecken. Nicht, um zu helfen, sondern um Blödheit zu diagnostizieren.

Weil: Wo kommen wir denn hin, wenn alle! Es kann doch nicht jeder! Wer ungebildete Eltern hat, die mangels Kenntnissen nicht in der Lage sind, bei den Hausaufgaben zu helfen, gehört halt nicht ins Gymnasium. Wer gebildete Eltern hat, die mangels didaktischer Ausbildung nicht in der Lage sind, den Schulstoff zu erklären, gehört halt nicht ins Gymnasium. Kinder berufstätiger Mütter gehören nicht ins Gymnasium. Wer kein Genie ist, das nie Hilfe oder Unterstützung braucht, gehört nicht ins Gymnasium. Wessen Eltern keine Nachhilfestunden zahlen können, der oder die soll halt nicht in eine höhere Schule gehen.

Denn: Die Eltern sollen ihre Aufgaben gefälligst nicht an die Schule delegieren. Die Aufgabe der Eltern ist es, gebildet und wohlhabend zu sein, über didaktische Kenntnisse zu verfügen und ein unbegrenztes Zeitbudget zur Verfügung zu haben. Sind sie nicht willens und fähig, dieser ihrer Aufgabe nachzukommen, sollen sie sich nicht wundern, wenn aus ihren Kindern nix wird.

Exzellenzen sind gefragt! Eliten! High Potentials! Die bezieht man am besten aus Elternhäusern, die traditionell mit der Herstellung von Führungspersönlichkeiten betraut sind. Nur keine Experimente!

Im Ernst: Da wird angeblich über mehr Chancengleichheit nachgedacht, und alles, was herauskommt, ist eine großspurig mittlere Reife genannte (Knock-out-)Prüfung auf dem Weg zur Matura. Fühlt sich dabei irgendwer gepflanzt? Nein? Warum nicht?

Oh ja, Leistung muss sein. Aber die ständige Drohung, Kindern schon noch zu zeigen, dass sie ja doch nicht in eine höhere Schule gehören, ist weniger Leistungsansporn als vielmehr eine Methode der Demoralisierung. Übrig bleiben nicht unbedingt die Klügsten, sondern vor allem Robuste, die wenig Selbstzweifel kennen.

Die Einstellung, dass beim Gros der Kinder wahrscheinlich eh Hopfen und Malz verloren ist, findet sich nicht nur in explizit konservativen Kreisen. Auch Aufsteiger, die offiziell Lippenbekenntnisse zu einem egalitären Bildungszugang ablegen, sind als Eltern in privaten Gesprächen besorgt, dass es ihren Kindern schadet, wenn die Schule dem Nachwuchs aus bildungsfernen Schichten zu viel Aufmerksamkeit schenkt. Und LehrerInnen aller politischen Lager werden nicht müde, auf Begabungsdifferenzen hinzuweisen, die nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen wären.

Tatsächlich ist unbestreitbar, dass Kinder unterschiedlich talentiert und von unterschiedlich schneller Auffassung sind. Die Frage ist nur, welche Konsequenzen man daraus zieht. Ein gutes Bildungssystem gibt sich nicht damit zufrieden, die Unterschiede zu konstatieren und mangelnde Begabungen abzustrafen, sondern es bemüht sich, auch nicht offensichtliche Stärken von Kindern zu entdecken und zu fördern. Nicht alle können alles (werden), aber in vielen steckt mehr drin, als man fürs Erste vermutet.

Vor allem schießt sich ein gutes Bildungssystem nicht auf die Eltern ein. Getroffen werden dabei nämlich die Kinder. Mag sein, dass viele SchülerInnen mit Eltern geschlagen sind, die ihnen weder sozial verträgliche Umgangsformen noch Lerneifer in ausreichendem Maß mitzugeben imstande oder willens sind. Das ist ein Jammer, aber man kommt ihm nicht bei, indem man weitere Generationen inkompetenter Erwachsener heranzieht. Soll heißen: Die Schule wird sich der Aufgabe stellen müssen, erzieherische Defizite des Elternhauses zu kompensieren.

Dazu muss sie entsprechend ausgerüstet werden, personell und finanziell, keine Frage. Dass es mit der Ausrufung der gemeinsamen Schule bis 14 nicht getan wäre, bestreitet ohnehin niemand, der dieses Konzept befürwortet. Aber zunächst einmal braucht es die grundlegende Bereitschaft, (höhere) Bildung nicht als ein Privileg zu sehen, das vor dem Zugriff der Massen geschützt werden muss.

Mai

23

2011

Vergeltung

Bei Gewalt gegen Frauen lässt das Unrechtsbewusstsein oft aus.

Im Iran hätte kürzlich ein Gerichtsurteil vollzogen werden sollen, das international verstörte. Einer Frau war zugestanden worden, einem Mann Säure in die Augen zu träufeln, er wäre daraufhin erblindet. Der Vollzug des Urteils wurde mittlerweile ausgesetzt, das Entsetzen blieb. Dem Urteil war allerdings eine noch entsetzlichere Tat vorausgegangen. Der Mann, der mit dem Verlust seines Augenlichts bestraft werden sollte, schüttete vor etwas mehr als sechs Jahren der damals 24-jährigen Armeneh Bahrami Schwefelsäure ins Gesicht, weil sie seine Heiratsanträge abgelehnt hatte. Das Opfer ist seither blind und entstellt, auch Speiseröhre und innere Organe der Frau wurden verätzt. 17 Operationen musste sie über sich ergehen lassen. Ärzten in Barcelona gelang es vorübergehend, die Sehkraft eines Auges teilweise wiederherzustellen, eine Infektion (die Bahrami sich zuzog, weil sie aus Geldmangel in einem Obdachlosenasyl wohnte) machte den Heilerfolg allerdings zunichte. Armeneh Bahrami klagte ihren Peiniger an und verlangte, ihn nach dem im iranischen Strafrecht zugelassenen Grundsatz „Auge um Auge“ bestrafen zu dürfen. Zuerst wurde ihr, weil sie der Scharia nach als Frau nur halb so viel gilt wie ein Mann, lediglich die Zerstörung eines seiner Augen zugebilligt. Sie kämpfte weiter, bis ihr das Gericht zugestand, dass sie dem Attentäter beide Augen verätzen dürfe. Es gehe ihr nicht um Rache, sagte Bahrami nach der Urteilsverkündung, sondern um ein Signal. Alle sollten wissen, dass man so etwas keiner Frau antun darf.

Weltweit herrschte dennoch Erschütterung. Denn aus aufgeklärten Rechtssystemen ist die Idee der Vergeltung weitgehend verbannt. Gesetzesbrechern soll vermittelt werden, dass es Unrecht ist, sich nicht an die Gesetze zu halten, aber die Justiz greift dabei nicht zu denselben Mitteln wie die Kriminellen. Der Räuber soll im Strafvollzug nicht beraubt, der Gewalttäter nicht misshandelt, der Mörder nicht ermordet werden (jedenfalls nicht in Ländern, in denen die Todesstrafe abgeschafft ist). Und jetzt das! Auge um Auge! Barbarisch. Unzivilisiert. Grausam. Ja. Einerseits. Und andererseits vielleicht doch ein wirkungsvoller Beitrag zu einer Bewusstseinsänderung.

Denn tatsächlich war der Schwefelsäureanschlag des abgewiesenen Freiers keine Ausnahmetat eines Durchgeknallten, deren Unzulässigkeit außer Zweifel steht. Vielmehr gehören Säureangriffe in orthodoxen Macho-Gesellschaften zum Reaktionsrepertoire von Männern, die sich von einer Frau – zum Beispiel durch Zurückweisung – in ihrem Stolz verletzt fühlen. In Asien gibt es bereits eine von der Unicef geförderte „Stiftung für Säureopfer“, weil immer wieder Mädchen und Frauen von abgewiesenen Bewerbern oder erzürnten Ehemännern mit Batteriesäure übergossen werden. Auch Bahramis Peiniger, der sein Opfer vor Gericht zunächst verhöhnte, fehlte es offensichtlich an Unrechtsbewusstsein. Was Ameneh Bahrami offenbar erreichen will, ist ein veränderter gesellschaftlicher Blick auf Männer wie den Attentäter, der ihr Leben zerstört hat, um seine Verfügungsgewalt über sie zu demonstrieren. Offiziell und nachdrücklich soll Männern diese Verfügungsgewalt abgesprochen werden. Der aufsehenerregende Vollzug eines aufsehenerregenden Urteils sollte mithelfen, weltweit das Bewusstsein zu etablieren, dass auch Frauen ein Recht auf Selbstbestimmung haben. Und dass Bahrami auf Vergeltung besteht, hat wohl damit zu tun, dass quitt zu sein die Herstellung von Gleichrangigkeit bedeutet. Nun wurde der Vollzug des Urteils im letzten Augenblick auf unbestimmte Zeit verschoben. Das ist gut so, nach unserem Rechtsempfinden, und auch, weil es Frau Bahrami davor bewahrt, ähnlich unmenschlich zu handeln wie ihr Attentäter. Aber dass das Urteil überhaupt gefällt wurde, ist ein Signal, das hoffentlich seine Wirkung nicht verfehlt.

Die wahnhafte Vorstellung, dass sie sich nehmen könnten, wen und was sie wollen, beherrscht allerdings nicht nur Männer aus expliziten Macho-Gesellschaften. Auch im aufgeklärten Westen gibt es immer wieder üble sexistische Übergriffe, und vor allem Big-Boss-Persönlichkeiten können sich oft nicht damit abfinden, dass ihnen etwas verwehrt wird, schon gar von einer Frau. In New York wurde bekanntlich IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn festgenommen, nachdem ihn ein Hotel-Zimmermädchen der versuchten Vergewaltigung beschuldigt hat. Wie stets gilt die Unschuldsvermutung, aber die Gründe für eine Schuldvermutung sind auch nicht von der Hand zu weisen. Strauss-Kahn wird nachgesagt, dass er immer wieder Frauen sexuell bedrängt oder genötigt habe.

Auch im aufgeklärten Westen gilt sowas nicht nur als Vergehen. Mächtige Männer, die ihre Libido rücksichtslos ausleben, haben meist auch das Image des bewunderten und beneideten Potenzprotzes. „Obwohl schon ein reiferer Mann, zeigt Dominique Strauss, was er noch kahn“, reimte der ÖVP-Mandatar Wolfgang Großruck im österreichischen Parlament und erntete nicht nur Empörung, sondern auch Beifall. Hinterher entschuldigte er sich bei „allen, die sich betroffen fühlen“, als gehe es nicht um den Vorwurf sexualisierter Gewalt, sondern um die mehr oder weniger entwickelte Zimperlichkeit beim Ansprechen sexueller Leistungen. Ist also auch hierzulande nicht immer weit her mit dem Unrechtsbewusstsein.

Juni

6

2011

Jugend wünscht

Heile-Welt-Fantasien orientieren sich an gängigen Glücksverheißungen.

Heute stellen wir uns vor, wir sind fünfzehn. Ja, ich weiß, für viele von uns schwierig (für mich wahrscheinlich noch schwieriger als für Sie), aber trotzdem. Also. Fünfzehn. Oder siebzehn. Oder neunzehn.

Wir haben, stellen wir uns vor, im Großen und Ganzen eine vergnügliche Kindheit gehabt. Unsere Mama war viel daheim, als wir klein waren, das war uns recht, denn sie hat eine Menge mit uns unternommen und gut gekocht und so weiter.

Später hat sie dann angefangen, Teilzeit zu arbeiten, aber trotzdem ist sie bis heute für uns da, wenn wir was von ihr brauchen. Ob sie gern daheim war und wie das einmal mit ihrer Pension sein wird, das ist ehrlich gestanden nicht unser Problem. Und was wäre, wenn der Papa und sie geschieden würden, darüber mögen wir uns nicht den Kopf zerbrechen.

Oder: Falls unsere Eltern bereits geschieden sein sollten, fallen ihre eventuellen finanziellen Zukunftssorgen ebenfalls nicht in unsere Zuständigkeit.

Vielleicht kriegen wir dennoch mit, dass die Mama schwer über die Runden kommt mit ihrem Teilzeitgehalt, doch erstens ist das nicht unsere Schuld, und zweitens gibt es ja auch noch andere geschiedene Frauen als die Mama, zum Beispiel alle Promi-Tussen, die ihre Ex gnadenlos abzocken.

Kann man überall nachlesen. Scheidung lohnt sich, wenn man es richtig angeht, so viel ist klar, jedenfalls für Frauen. Und nachdem sich die männlichen Macher-Typen offensichtlich eine kostspielige Begleiterin nach der anderen leisten können, macht der Papa, wenn er wegen der Alimente jammern sollte, halt was falsch.

Nein, wir sind eh nicht so deppert, wie sich das jetzt anhört, aber wann, wenn nicht in unserem Alter, sollen wir davon ausgehen, dass wir – nicht böse sein, Eltern – einfach mehr zusammenbringen werden als die Alten, beziehungsweise dass wir schlicht und einfach imstande sein werden, unsere Träume zu realisieren?

Wir träumen von einer beglückenden Partnerschaft und Kindern. Das ist doch, verdammt noch einmal, nicht abartig. Wär ja seltsam, wenn wir uns ein Leben als eiskalte EinzelgängerInnen wünschten. (Unsere heile Fantasiefamilie fällt möglicherweise umso unrealistischer aus, je mehr wir in der Realität von problematischen Verhältnissen umgeben sind. Auch das ist keine ungewöhnliche Reaktion.)

Und heil definieren wir einerseits unter dem Einfluss der Bilder, die uns von allen Seiten als Heile-Welt-Darstellungen präsentiert werden, und andererseits auf der Basis unserer Erfahrungen, die uns meist mit traditionellen Organisationsformen von Familienarbeit konfrontiert haben.

Wir sind aufgewachsen mit (Halbtags-)Kindergärten ab drei Jahren, mit Halbtagsschulen und mit Müttern, die Teilzeit arbeiten, und uns ist daraus kein Leidensdruck erwachsen. Wir wissen nicht, wie es uns in einer Ganztagsschule gefallen hätte, und wir haben ständig zu hören bekommen, dass Kinderkrippen was Grauenhaftes sind. Ist es ein Wunder, dass wir unsere künftigen Kinder nicht in Krippen sehen, sondern ihnen das bieten wollen, was wir selber als einigermaßen angenehm kennengelernt haben?

Wir wissen oft wenig über die Arbeitswelt unserer Eltern, und unter Umständen auch nicht viel über Hausarbeit, wenn wir unsere heile Fantasiefamilie sehen, dann sehen wir Szenen aus dem Werbefernsehen, wo schön gestylte Mütter entspannt beisammensitzen und von hippem Nachwuchs gefeiert werden, weil sie Bonbons aus goldfarbenen Packungen schälen und als vitaminreiche Nahrung verteilen. Kein übles Los, oder? Und dann kommen die MeinungsforscherInnen daher und fragen uns: Wenn dein/e Partner/in so viel verdient, dass euer Lebensunterhalt gesichert ist, möchtest du dann Hausfrau/Hausmann sein? Und sobald wir zu 44 Prozent mit Ja antworten, schreiben die Medien, wie erstaunlich konservativ wir doch sind.

Und man fragt uns, wer Kinder bis drei betreuen sollte, und wir sagen, sie sollen zu Hause betreut werden, und man fragt uns, ob wir uns vorstellen könnten, Teilzeit zu arbeiten, und wir sagen zu 85 Prozent Ja, sofern wir weiblich sind, beziehungsweise zu zwei Dritteln, dass wir darüber noch nicht nachgedacht haben, sofern wir männlich sind – und wieder wundern sich alle über unser wenig progressives Weltbild.

Sehr witzig. Wieso sollen ausgerechnet wir fortschrittliche Fantasien entwickeln und originelle Rollenbilder implantieren wollen und uns neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenwirkens einfallen lassen, wenn uns die ganze Zeit suggeriert wird, unser künftiges Glück läge darin, dass wir als Vater-Mutter-Sohn-und-Tochter-Bande über blühende Wiesen tollen, gemeinsam Fertiggerichte in Pfannen schütteln und uns an staatlicher Förderung erfreuen, sofern wir ebendiesem Familienbild entsprechen?

So. Ende unseres mentalen Ausflugs. Wir sind wieder wir. Wundern wir uns immer noch über die Ergebnisse der Studie „Jugendmonitor“, die im Auftrag des Wirtschafts- und Familienministeriums erstellt und kürzlich veröffentlicht wurde?3

Familienminister Mitterlehner hat daraus übrigens bereits den Schluss gezogen, dass Teilzeitarbeit aufgewertet werden müsse. Was sonst. Und wie immer das konkret ausschauen soll.

36. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich, hg. vom Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend, Sektion Familie und Jugend, Abteilung II/5. Wien, 2011.

Oktober

10

2011

Madame DSK

Ein Versuch, die Treue zu fragwürdigen Ehemännern zu verstehen.

Dominique Strauss-Kahn bleibt bei seiner Verteidigungslinie. Nein, er hat keine Gewalt angewendet, weder Nafissatou Diallo noch Tristane Banon gegenüber. Wenn sie das Gegenteil sagen, lügen sie. Basta. War zu erwarten. Überrascht nicht. Ein Rätsel hingegen bleibt, sagen die Frauen, die ich kenne, warum seine Ehefrau zu ihm halte. Hat sie nicht die Schnauze voll? Warum nicht? Unsereine hätte DSK längst hochkant hinausgeschmissen! Na ja. Unsereine hat ihn ja auch nicht geheiratet. Unsereine ist nicht an ihn gewöhnt. Unsereine verbindet nichts mit ihm. Unsereine hätte so einen wie ihn überhaupt nie geheiratet! Na ja. Unsereine ist auch nicht Anne Sinclair. Und überhaupt, wer weiß. Irgendwas wird er schon gehabt haben, das zumindest Mme. Sinclair heftig angezogen hat, wer blickt schon hinter das Geheimnis der Anziehung.

Nein, keine Reinwaschung von DSK, um Gottes willen, der Mann hat einen zu miserablen Ruf für einen Sympathiebonus. Nein, auch keine Solidaritätsadresse an Frau DSK. Lediglich der Versuch zu verstehen, in Grenzen wenigstens.

Ich stelle mir vor, ich bin Anne Sinclair, eine Tochter der Jewish Upper Class, Millionenerbin, Absolventin einer Pariser Eliteuniversität, eine der angesehensten Journalistinnen Frankreichs, unabhängig durch Reichtum und beruflichen Erfolg, aber abhängig von den Bewertungskriterien meiner Gesellschaftsschicht, der ich seit 63 Jahren angehöre und die zu verlassen ich nicht die geringste Lust verspüre.

In meinen Kreisen hat man einen Ehemann vorzuweisen. In meinen Kreisen hat man nicht irgendeinen Ehemann, sondern einen, der sozialprestigemäßig punktet. Ich habe DSK geheiratet, einen Mann, dessen Initialen mittlerweile genügen, damit man weiß, wer gemeint ist, einen, der versprach, eine Art französischer JFK zu werden. Ich habe Anspruch auf einen besonderen Mann, sage ich mir, denn ich bin nicht irgendeine Frau. Ich bin an erfolgreiche Männer gewöhnt, an Machtmenschen, die siegen, unterwerfen und sich nehmen, was sie wollen. Ich gehöre selber zur Spezies der Befehlenden, zaghaftes Zögern ist in meinen Augen keine Tugend. DSKs Charakterstruktur ist mir prinzipiell keine Abschreckung, sondern vertraut. Zwar kränkt es mich, wenn sich mein Mann an andere Frauen heranmacht, aber gleichzeitig glaube ich, dass virile Männer polygam sein müssen, ich möchte es glauben. Und vor die Wahl gestellt, meinen Mann für einen sexuellen Belästiger, ja sogar für einen Vergewaltiger zu halten, oder die Frauen, an die er sich heranmacht, für hinterhältige Schlampen, ziehe ich die zweite Version vor.

Ihn als sexuellen Belästiger oder gar als Vergewaltiger zu sehen, würde bedeuten, dass ich meinerseits einen großen Fehler gemacht und bei der Partnerwahl versagt habe, aber eine wie ich unterliegt nicht. Mein ganzes Lebenskonzept wäre dadurch infrage gestellt. Immerhin habe ich mich seiner Karriere zuliebe aus dem Journalismus zurückgezogen; als er Minister wurde, habe ich keine politischen Sendungen mehr geleitet. In meinen Kreisen hat die Karriere des Ehemanns im Zweifelsfall Vorrang, nie würde ich es zur Präsidentin gebracht haben, aber Première Dame zu werden war eine realistische Aussicht. Meine berufliche Tätigkeit darauf abzustimmen, scheint jetzt im Nachhinein eine überflüssige Fleißaufgabe gewesen zu sein, doch wenn ich mich von meinem Mann trenne, ändert das auch nichts mehr. Lieber schreibe ich das vorläufige Scheitern meiner Pläne einem hinterhältigen Frauenzimmer zu, das womöglich in eine Verschwörung gegen meinen Mann verwickelt war, als der Unfähigkeit meines Mannes, seine Triebe unter Kontrolle zu halten.

Vielleicht habe ich ja sogar kurzfristig erwogen, meinen Mann hochkant hinauszuschmeißen, aber dann habe ich weitergedacht und mir ausgemalt, was danach käme. Danach käme eine Zukunft als Single-Frau, habe ich mir vielleicht vorgestellt. Nicht dass eine fesche, millionenschwere 63-Jährige auf Dauer ohne Anwärter bliebe, aber was für Anwärter wären das? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich welche finden, die meinem Anforderungsprofil entsprechen? Als Single-Frau aufzutreten bin ich nicht gewöhnt. Als Single-Frau zu leben auch nicht. Ich habe DSK ja geheiratet, weil ich mit ihm leben wollte, weil wir einander was zu sagen haben, weil er, abgesehen von seinen bekannten schlechten Eigenschaften, Eigenschaften hat, die ich schätze, das Anforderungsprofil, dem er entspricht, beschränkt sich nicht auf die Rubriken Karriereaussichten und gesellschaftliches Prestige, sondern umfasst auch Qualitäten des Miteinander-Agierens, die mir wichtig sind und die er aufweist.

Für eine andere würden seine Verfehlungen vielleicht mehr wiegen als das, was sie an ihm schätzt, in den Augen einer anderen hätte er jegliche Qualitäten vielleicht eingebüßt, ich hingegen bestehe darauf, mir eine wohlwollende Sicht auf ihn zu erhalten, mit dem totalen Verlust meines Bilds von ihm möchte ich nicht zurechtkommen müssen.

So stelle ich mir Anne Sinclairs Beweggründe vor. Wie gesagt, ein Versuch zu verstehen – in den Grenzen eines letztlich patriarchalen Weltbilds, die nicht nur für Frau Sinclair Gültigkeit haben, sondern auch für manche andere, die eisern zu einem fragwürdigen Ehemann hält.

Jänner

16

2012

Rampensau sein

An sich glauben! Keine Selbstzweifel!

Kein Unrechtsbewusstsein! Ein Tugendkatalog.

Sie sind eine starke Frau, sagen Leute zu mir, wenn sie mir was Freundliches sagen wollen. Das ist nämlich ein Kompliment: Sie sind stark. Sie sind kämpferisch. Sie können sich durchsetzen.

Ich will aber gar keine starke Frau sein. Ich will keine starke Frau sein müssen. Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Ich würde auch als Mann nicht dazu verdonnert werden wollen, ein starker Mann zu sein. Sagen wir es so: Ich will kein starker Mensch sein müssen, jedenfalls nicht unentwegt. Ich will auch schwach sein dürfen. Unsicher. Schüchtern. Melancholisch statt zuversichtlich und gut drauf. Das alles bin ich, aber ich sollte es tunlichst nicht zugeben und schon gar nicht zeigen.

Warum denn nicht, Herrgott noch einmal?

Was spricht dagegen, einfach ein Mensch zu sein? Menschen haben Stärken und Schwächen. Warum ist es auf einmal eine Tugend, keine Schwächen an sich zuzulassen, ja tunlichst überhaupt keine an sich zu entdecken? Führungspersönlichkeit. Karriere. Erfolg. Was heißt das?

Ich möchte keine Führungs-Persönlichkeit sein. Ich möchte keine Identität, deren Hauptmerkmal ein überdimensionierter Führungsanspruch ist. Ich möchte, dass meine Qualitäten anerkannt werden und dass meine Kompetenz wahrgenommen wird. Aber ich möchte nicht vorgeben müssen, dass ich omnikompetent sei, und ich möchte nicht permanent ein Rudel dominieren, das scharf darauf ist, meine Dominanz zu unterminieren. Ich möchte dann führen dürfen, wenn ich den Weg gerade am besten kenne, aber ich würde nicht immerzu und auf jeden Fall vorangehen wollen. Noch weniger will ich mich freilich von jemandem führen lassen, der unbeirrt vorangeht, egal, wie gut er sich auskennt.

Wünsche ich meiner Tochter eine Karriere? Nicht, wenn damit ständiges Konkurrierenmüssen, Übertrumpfen, Auftrumpfen, Siegen, das atemlose und rücksichtslose Hinaufklettern auf einer Hierarchieleiter gemeint ist. Was ich ihr wünsche, ist ein Berufsleben, das ihr Freude macht, das ihr sinnvoll erscheint und von dessen Ertrag sie gut leben kann.

Aber wie groß sind die Chancen auf ein solches Berufsleben in einer Gesellschaft, die schamlose Selbstüberhöhung, hemmungslose Selbstvermarktung und erbarmungslosen Egoismus zu angesagten Qualifikationen erklärt?

Zugegeben, das ist nichts Neues. Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass im Wesentlichen schon immer die Scheißmichnixe, die Haudraufinger, die Schlagetots auf der Gewinnerseite gelandet sind und nicht die Sensiblen, Empathischen, Nachdenklichen, Rücksichtsvollen. Heuchlerisches Lobpreisen von Bescheidenheit und edler Zurückhaltung war immer bloß eine Aufforderung an die Zukurzgekommenen, ihr Los zu akzeptieren und die etablierten Vorrechte der Gewinner-Nachfahren nicht infrage zu stellen. Trotzdem erinnere ich mich, wenn ich auf die – historisch gesehen bescheidene – Zeitspanne meines bisherigen Lebens zurückblicke, an eine kurze Phase (in den siebziger Jahren), in der, auch als Abkehr vom gerade durchgestandenen Herrenmenschenwahn, Begriffe wie Solidarität und Gerechtigkeit nicht als Loser-Vokabular belächelt wurden.

Mittlerweile gilt wieder ein Wertekatalog, der an die Hart-wie-Kruppstahl-Propagandisten erinnert. Survival of the fittest. Ich-AG. Wer seinen Marktwert nicht hochtreibt, ist selber schuld. Selbstbewusstsein trainieren. Unbedingt an sich glauben. Keine Selbstzweifel aufkommen lassen. Wichtiger als alle anderen Kompetenzen ist inzwischen die Fähigkeit, bei der PR in eigener Sache vor Selbstüberschätzung nicht zurückzuschrecken. Studierende im zweiten Semester listen in ihren Lebensläufen Fertigkeiten auf, deren seriöser Erwerb 120 Jahre dauern würde. Monopoly gespielt zu haben wird als wirtschaftswissenschaftliches Propädeutikum interpretiert, Pfadfinder-Wochenenden scheinen als Ranger-Ausbildung auf, zweimal Sprachferien in der Provence haben angeblich zu perfekten Französischkenntnissen geführt. Wer es nicht versteht, zügellos zu übertreiben, zeigt, dass er hartem Konkurrenzkampf nicht gewachsen ist.

Ja, na und? Ist harter Konkurrenzkampf was Gutes, Notwendiges, Erstrebenswertes? Wie wär’s stattdessen mit Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Zusammenarbeit? Was wäre schlecht an einer Welt, in der auch Platz ist für die Zartbesaiteten, Zögernden, Zaudernden, und in der es auch die Friedlichen und Freundlichen gut haben? Nein, falsch: in der es vor allem die Friedlichen und Freundlichen gut haben, weil sie mehr gelten als die Wettbewerbler, die Ellbogen-Ausfahrer, die Dampfwalzen und Rampensäue?

Leider, überholte Träume. Und letztlich zählen sowieso nicht mehr oder minder billig erworbene Diplome, sondern Verbindungen – das richtige Elternhaus, die richtigen Freundeskreise und das unverfrorene Ausnützen von Kontakten. Net working ist wichtig, sondern networking, kombiniert mit einem eklatanten Mangel an Unrechtsbewusstsein. Sich keiner Schuld bewusst sein. Überzeugt sein vom Vorrang der eigenen Begehrlichkeiten. Nur eine einzige Erklärung für möglich halten, wenn man beim Gesetzesbruch erwischt wird: Man sei zu schön und zu intelligent für ein zu kleines Land. Was für Erfolgsrezepte. Und wie sie aufgehen!

Man muss sich eben gut verkaufen! Muss man? An wen? Ich bin dafür, dass wir uns behalten.

Februar

27

2012

Was uns treibt

… und was wir uns wünschen. Sinnvolle

Aufgaben. Liebe, Freundschaft, Respekt. Geld?

Ja, das auch.

Also, nochmals Arbeitsmarkt. Was sehen wir? Qualifikationen, die verlangt, aber nicht entlohnt werden. Mehr und mehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Dass nicht nur ungelernte Kräfte im Prekariat landen, sondern auch gut ausgebildete, kompetente. Not hier, Gier dort und wenig dazwischen. Nach welchen Kriterien gute Jobs ergattert werden können und wer wofür viel Geld kriegt, während andere auf der Strecke bleiben, wird immer schwerer durchschaubar – eine Lotterie irgendwie. Dazu der ständige Versuch, Menschen gegeneinander auszuspielen. Man braucht sich nur die Werbung anzuschauen: Darum werden Ihre Nachbarn Sie beneiden. Damit sind Sie Erster. So zeigen Sie’s allen.

Es wird ganz selbstverständlich auf Neid, Missgunst, Konkurrenzdenken gesetzt. Auf den Schweinehund, der angeblich immerzu in uns allen regiert. Geiz ist geil. Gemeinheit ist fesch. Andere übers Ohr hauen ist cool. Nur nix zum Verschenken haben.

Ja, ehrlich? Träumen wir wirklich ständig davon, anderen voraus zu sein, ihnen was wegzuschnappen, ihnen eins auszuwischen? Treiben uns tatsächlich unentwegt Habgier und Machthunger an? Oder wollen wir einfach das, was man ein erfülltes Leben nennt?

Sinnvolle Aufgaben. Liebe, Zuneigung, Ansehen, Respekt. Geborgenheit, in der Familie, in Freundschaften, unter KollegInnen. Und, oh ja, auch Gut und Geld. Materielle Sicherheit, ein bisschen Luxus – den ebenfalls, durchaus, und zwar nach eigener Definition. Aber Geld als Selbstzweck? Ansehen als Selbstzweck?

Klar gibt es sie, diejenigen, die den Hals nicht voll kriegen können, die ungenierten Anschaffer, die eiskalten Egoisten, die Alle-anderen-für-dumm-Verkäufer, wir erleben ihre Auftritte täglich, und was einige von ihnen angerichtet haben, baden wir gerade aus.

Aber dass sie die menschliche Natur schlechthin repräsentieren, ist damit nicht bewiesen. Der Mensch ist evolutionär nicht nur auf Wettkampf programmiert, sondern auch auf Empathie und Zusammenhalt, und nicht zuletzt dadurch hat er überlebt.

Schwer zu sagen, wie lang der coole Schweinehund das offizielle Werte-Ranking noch dominieren wird. Anzeichen, dass seine Reputation nachlässt, gibt es, solche einer ungebrochenen Faszination für ihn leider auch.

Dazu das Jobangebot der Woche: Für einen Vollzeitjob im Wiener Museum Belvedere, für den die Bewerberin / der Bewerber ein wirtschaftswissenschaftliches Studium, sehr gute Englisch- und IT-Anwendungskenntnisse sowie Organisationsstärke und die übliche Stressresistenz mitbringen muss, gibt es – der Job wird als Praktikum ausgeschrieben – eine Aufwandsentschädigung von 370 Euro im Monat.

Sowas könne doch „die Absprungbasis zu einer schönen und erfüllenden Karriere“ sein, schreibt mir ein Leser. Vielleicht. Ich frage mich allerdings, nach wie vielen Studienabschlüssen und nach wie vielen Jahren Berufserfahrung derlei Karrieren so viel Bezahlung abwerfen, dass die PraktikantInnen endlich von ihrer Arbeit leben können, und ich frage mich auch, wer sie bis dahin finanzieren soll. Die greisen Eltern, die hoffentlich einen besser bezahlten Job haben?

Themawechsel und doch keiner: Die baldige Anhebung des Frauenpensionsalters ist angesagt, und zwar nicht zuletzt im Interesse der Frauen, wie es heißt. Auch in profil stand kürzlich zu lesen: Wegen zu früher Pensionierung würden Frauen Biennalsprünge versäumen und kleinere Pensionen kriegen.

Na ja. Dazu ist anzumerken, dass sich für die meisten Frauen nicht das Problem stellt, mit 60 einen Spitzenjob abgeben zu sollen, sondern ein anderes: Sie gelten noch früher als Männer als schwer vermittelbar auf dem Arbeitsmarkt. Sollten sie also mit 50 arbeitslos werden, was gar nicht so selten vorkommt, dann sind sie, falls das Pensionsantrittsalter angehoben wird, ab 60 weiter arbeitslos statt in Pension. Inwiefern ihnen das wirtschaftlich nützen soll, ist mir nicht klar.

Deswegen: Biennalsprünge? Als Arbeitslose? Und höhere Pensionen? Okay, nehmen wir an, die Frauen haben einen – durchschnittlich bezahlten – Job: Wie groß ist nochmal der Durchrechnungszeitraum für die Pensionshöhe, und welche Bedeutung werden fünf magere Jahre darin haben?

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin sehr dafür, dass Frauen ihre Berufstätigkeit ernst nehmen, und auch dafür, dass wir uns nicht ab einem bestimmten Zeitpunkt zum alten Eisen erklären lassen. Ich selber habe vor, weiterzumachen, solange ich nur irgendwie kann. Aber wird mir das, was ich produziere, genauso lang abgekauft werden? Ich hoffe es, Garantie gibt’s dafür allerdings keine.

Mit anderen Worten: Wenn Menschen länger arbeiten sollen, dann müssen ihnen entsprechende Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Eine Binsenweisheit, und doch entzieht sie sich ständig der allgemeinen Wahrnehmung. Stattdessen die Forderung, Frauen sollten länger als bis 60 arbeiten dürfen – so, als sei es ihnen gesetzlich verboten, im Beruf zu bleiben. Ist aber nicht so. Das Gesetz stellt ihnen die Pensionierung ab 60 bloß frei. Deshalb bringt es wenig, auf eine Gesetzesänderung zu bauen, denn die schafft weder Arbeitsplätze noch Frauengehälter, für die es sich auszahlen würde, unbedingt länger im Erwerbsleben zu verharren.

März

26

2012

Alles prima in Fukushima

Der Mensch hat versagt. Nicht die Kernkraft.

Sagt der Experte.

In Fukushima ist nix passiert. Eigentlich. Sagt der Atomkraftexperte. Also, passiert ist natürlich schon was, nämlich ein Tsunami und ein Erdbeben. Aber nichts, was uns prinzipiell am Nutzen der Atomenergie zweifeln lassen müsste. Dem AKW wäre ja nichts geschehen, wenn es keinen Tsunami und kein Erdbeben gegeben hätte. Das Ganze war eine Naturkatastrophe. Man kann daher nicht sagen, dass das AKW als solches unsicher ist. Unsicher ist nur die Natur. Und der Mensch, der ja Teil der Natur ist. Man muss nämlich zugeben, dass menschliches Versagen eine Rolle gespielt hat. Der Mensch hat versagt. Nicht die Kernkraft. Das muss man unterscheiden. Sagt der Experte. In Zukunft wird der Mensch einfach nicht versagen dürfen, dann kann man die Kernkraft ohne Bedenken nutzen. Beziehungsweise werden die AKWs der Zukunft vielleicht unabhängig von Menschen betrieben, sie betreiben sich dann quasi selbst. Wo kein Mensch, da kein menschliches Versagen.

Ach so, Naturkatastrophen. Na ja, man wird die AKWs eben noch sicherer machen, dann halten sie noch mehr Erdbeben und noch mehr Tsunamis aus. Fukushima ist ja schon ziemlich gut abgesichert gewesen. Das muss man einmal feststellen. Da war ja nicht keine Vorsorge am Werk. Aber dieses letzte Erdbeben war halt stärker, als man für möglich gehalten hat. Jetzt, da man weiß, die Erde kann noch stärker beben, als man geglaubt hat, muss man die Sicherheitsvorkehrungen nur erhöhen. In Zukunft stellt man sich auf noch stärkere Beben ein. Dass dann ein Beben kommt, das noch stärker ist als diejenigen, auf die man sich jetzt einstellt, ist praktisch auszuschließen. Oder jedenfalls theoretisch.

In Fukushima hat es keine Toten gegeben, das ist beachtlich. Das heißt, Tote hat es schon gegeben, aber so richtig unmittelbar am Reaktorunfall ist niemand gestorben. Soviel wir wissen. Okay, Tepco4 hat nicht gerade extra umfassend informiert, zugegeben, aber insgesamt sind wir doch eh alle immerzu toll im Bild dank der globalen Vernetzung. Was übrigens auch seine Nachteile hat, weil es andernfalls nicht so schnell zu derart hysterischen Reaktionen kommen würde. Ja, hysterisch. Weil überzogen. Weil, siehe oben: eigentlich alles im grünen Bereich.

Über Langzeitfolgen ist noch nichts bekannt. Kann ja auch nicht. Langzeitfolgen heißen deshalb so, weil es länger dauert, bis sie auftreten, und wenn sie dann auftreten, kann man nicht mehr mit Sicherheit sagen, wovon sie tatsächlich die Folge sind. Beweise statt Spekulationen! In der Provinz Fukushima gibt es mehr Strahlenkranke als Behandlungsplätze, die Leukämie greift um sich, viele Kinder leiden an ständigem Nasenbluten – mag sein, mag sein, aber wer kann wirklich eindeutig und hundertfünfzigprozentig nachweisen, dass das alles auf die Geschichte mit dem Reaktor zurückgeht? Wo sind die Hard Facts? An Leukämie zu erkranken ist zwar hart für die Betroffenen, aber nicht hart genug, um zum Hard Fact zu taugen.

Der Experte kann seine Expertise nicht an Einzelschicksalen festmachen. Er denkt in größeren Dimensionen, in Statistiken, nicht in Menschen. Das war schon immer so, dass die führenden Köpfe das Detail vernachlässigen mussten im Interesse des großen Ganzen. Der Blick aufs große Ganze darf nicht am Schicksal des einzelnen Menschen hängen bleiben, er muss übermenschlich, ja unmenschlich sein. Deshalb betrachtet der Experte die verstrahlten Landstriche, zuerst um Tschernobyl, jetzt um Fukushima, nicht als riesige Gebiete im Vergleich zum einzelnen Menschen, sondern als kleine Flächen im Vergleich zur, sagen wir mal, ganzen Erde oder zu unserem Sonnensystem oder zum Weltall. Den großen Geist zeichnet eine weite Perspektive aus.

Der einzelne Mensch, der sein verstrahltes Zuhause verlassen musste und jetzt in Notunterkünften vegetiert, verarmt, abgeschnitten von allem Vertrauten und möglicherweise krank, der einzelne Mensch, der hilflos ausgeliefert weiter atmen und weiter essen muss, was ihn möglicherweise umbringen wird, der einzelne Mensch hat nur ein einziges Leben. Wenn das verpfuscht ist, kriegt er kein anderes. Darum zählt für ihn nur seine subjektive Wahrnehmung, und er begreift oft gar nicht, dass objektiv gar nichts los ist, jedenfalls nichts, was wirklich zählt. Was wirklich zählt, bestimmt nicht der einzelne betroffene Mensch in seiner Betroffenheit, das bestimmen nicht betroffene Experten, die dank persönlicher Sorgenfreiheit den Überblick haben. Sie stellen zum Beispiel fest, dass die „Atomkraft entgegen der öffentlichen Wahrnehmung eine gute allgemeine Sicherheitsbilanz vorweisen“5 kann. Na bitte.

Die Kernenergie bleibt auch deshalb prinzipiell eine Erfolgsgeschichte, weil es nach Fukushima kaum noch belastete Lebensmittel gibt. Die einschlägigen Grenzwerte wurden ja nahezu weltweit angehoben. Dank dieser umsichtigen Maßnahme wird es künftig fast nicht mehr möglich sein, verseuchten Fisch zu konsumieren, weil kontaminierter Fisch zwar kontaminiert, aber nicht verseucht ist. Und falls doch, kann man die Grenzwerte weiter erhöhen, um der ungesunden Angst vor verstrahlter Nahrung entgegenzuwirken.

Im Übrigen sind die Experten gar nicht frei von persönlichen Sorgen. Sie sind sogar äußerst besorgt, wenn es um ihr persönliches Wohlbefinden geht.

4Japanisches Energieversorgungsunternehmen, dem das von der Katastrophe betroffene Kernkraftwerk Fukushima Daiichi unterstand.

5Yukiya Amano, Generaldirektor der Internationaen Atomenergiebehörde, laut Standard vom 12.3.2012

April

23

2012

Vergleiche

Wenn Menschen für Birnen mehr ausgeben als für Äpfel, sind Birnen dann das bessere Obst?

Darf man die Leistung einer Altenpflegerin mit der eines Maurers vergleichen? Ich habe es in meiner vorigen Kolumne getan und erntete dafür teilweise harsche Kritik. Weil, erstens: Der Maurer schuftet schwer. Das bissel Menschenheben der Altenpflegerin ist nix im Vergleich zur Arbeit am Bau, sagen die Kritiker des Vergleichs. Sie finden es deshalb mehr als gerechtfertigt, dass der Maurer mehr verdient. Mehr als die Altenpflegerin, wohlgemerkt.

Dass er höchstwahrscheinlich weniger verdient als sie beziehungsweise als andere, die ebenfalls nicht für körperlichen Einsatz bezahlt werden, finden sie in Ordnung. Schließlich gibt es ja auch noch andere Kompetenzen, die zählen. Zählen müssen.

Okay, die hat die Altenpflegerin vielleicht auch. Aber bei ihr zählen sie nicht, zumindest schlagen sie nicht zu Buche. So ist das eben: Die Altenpflegerin verdient weniger als der Maurer, der Maurer verdient weniger als der Supermarktfilialleiter, die Spitalsärztin verdient weniger als der Mittelbetriebsmanager.

Weil, zweitens: der Markt. Er entscheidet. Wenn er entscheidet, dass die Leistung der Altenpflegerin – und ja, auch die des Altenpflegers – wenig wert ist, dann müsse das eben hingenommen werden. Im Übrigen sei es unzulässig, Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Aber, Irrtum, genau darum geht es. Nämlich um die Frage, was uns Äpfel und Birnen – warum – wert sind, gewissermaßen. Denn wenn sich Menschen beispielsweise bereit zeigen, mehr Geld für Birnen auszugeben, dann bedeutet das nicht unbedingt, dass Birnen das bessere Obst sind. Kaufentscheidungen werden nicht rational, aufgrund streng objektiver Kriterien getroffen. Sie sind beeinflussbar. Und sie werden beeinflusst bis manipuliert.

Nein, keine Verschwörungstheorie. Sondern die Feststellung: Common Sense ist keine Eingebung einer höheren Macht. Preise werden gepusht, Löhne werden gedrückt, dahinter stehen Profitinteressen und nicht das heiße Bemühen um eine adäquate Bewertung von Qualität und Leistung. Deswegen ist auch kein Geschlechterkampf der ArbeitnehmerInnen angesagt, sondern gemeinsame Kritik am bestehenden Ungleichgewicht gefordert. Der freie Markt ist kein gerechter Gott, an dessen Ratschlüssen nicht gezweifelt werden darf. Marktmechanismen sind von Menschen gemacht, und sie sind beeinflussbar. Marktmechanismen haben was mit Gesellschaftspolitik zu tun, und Genderpolitik ist Gesellschaftspolitik.

Daher ist es sehr wohl zulässig, Berufe und Branchen miteinander zu vergleichen, und wenn sich herausstellt, dass Berufe und Branchen, in denen Frauen überwiegen, generell schlechter bezahlt werden, dann hängt das mit Rollenbildern und ihrer gesellschaftspolitischen Bewertung zusammen. Ja, auch der Altenpfleger verdient schlechter als der Maurer, weil er das weibliche Rollenbild bedient, das nicht so hoch im Kurs steht wie das männliche. Und das ist ebenfalls eine Ungerechtigkeit, die diskutiert werden muss. Denn es geht nicht, wie fälschlich behauptet, nur darum, ein paar Verbesserungen ausschließlich für Frauen herauszuschlagen, sondern darum, unser gesellschaftliches Gefüge neu zu überdenken.

Aus Dänemark schreibt mir ein Österreicher, Pflegewissenschafter sowie diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger: „Mein Einkommen hier in Dänemark liegt eindeutig weit über dem dänischen Medianeinkommen, während ich in Österreich ein Gehalt knapp unter oder direkt am (österreichischen) Medianeinkommen erhielt (inkl. Zulagen wie Nachtdienst oder Wochenende).“

Auch in Dänemark sind in der Krankenpflege überwiegend Frauen tätig. Aber, und das macht den Unterschied, nicht zu Dumpinglöhnen, weil der gesamte Bereich der Sozialarbeit dort ein höheres Ansehen genießt, das sich auch in höherer Bezahlung niederschlägt.

Das Gehaltsgefüge ist überdenk- und änderbar. Seit Jahren wird von einer notwendigen Neubewertung der Arbeit geredet, passiert ist jedoch allenfalls eine geringere Bewertung akademischer Qualifikationen, nicht aber eine – auch finanzielle – Aufwertung von Sozialberufen und persönlichen Dienstleistungen (die zum Teil mit hartem körperlichem Einsatz verbunden sind). Dass die Hacklerregelung nicht von Hacklern, sondern mehrheitlich von Beamten in Anspruch genommen wird, ist nur ein Indiz dafür, wie wenig gerecht es zugeht auf dem Sektor Leistung und Lohn. „Technisches Know-how schafft wirtschaftlichen Mehrwert“, schreibt mir ein Leser. Und fügt hinzu: „Um es provokant auszudrücken: Die Techniker bezahlen zu einem guten Teil über den Umweg des Staats die Altenpfleger.“

Ja, und zwar mit gutem Grund, weil AltenpflegerInnen nämlich gebraucht werden in unserer Gesellschaft. Die Finanzierung eines funktionierenden, halbwegs sozialen Staatswesens ist keine Frage von Gnade und Güte, sondern erfolgt aus der vernünftigen Einsicht in Notwendigkeiten.

Dass Gewinnmaximierung nicht alles ist, musste schon der alte Midas erfahren. Gold kann man nicht essen und nicht trinken. Gold redet nicht mit dir und füttert dich nicht, wenn du im Rollstuhl sitzt. Wenn du essen und trinken und getröstet und gefüttert werden willst, musst du von deinem Gold was abgeben.

September

10

2012

Im Cocktailschürzchen

Die 1960er werden zur Ära der heilen Familien verklärt.

Schwangere Teenager wurden in Heime verbannt und mussten unbezahlt Zwangsarbeit verrichten, um ihren Sündenfall zu büßen. Das war vor fünfzig Jahren, und es entsprach dem Zeitgeist. So waren die 1960er. Nicht nur, aber auch. Inzwischen werden sie mehr und mehr zur Ära der heilen Familien verklärt, als Vati angeblich noch anstandslos den Ernährer gab und Mutti im Cocktailschürzchen Toast Hawaii zum Nachtmahl servierte. Erst kürzlich veröffentlichte das Marktforschungsinstitut Spectra eine Umfrage, deren Ergebnis in den Medien heftig debattiert wurde.6 Es besagte, dass eine gestiegene Zahl von Österreicherinnen und Österreichern tradierte Rollenbilder (samt entsprechender Arbeitsteilung) gut findet. Von einem möglichen Comeback der Fulltime-Hausfrau wurde daraufhin geschrieben und von einer allgemeinen Sehnsucht nach den idyllischen 1960er-Jahren.

Tatsächlich sind Träume von ultimativ heilen Verhältnissen nichts anderes als der Traum vom heißen Eislutscher. Wenn Sehnsuchtsvorstellungen von einer geordneten Welt, in der alle zufrieden sind, heute auf das Setting der 1960er projiziert werden, dann zeugt das nur von einer Unkenntnis dieser Zeit und einer verfälschten Überlieferung. Jüngere Menschen, die vom Styling Jackie Kennedys oder dem der Hausfrauen aus Mad Men auf ein elegantes, sorgloses Leben damals schließen, wissen nicht, wie es wirklich zuging. Es ging in Wahrheit nicht besonders elegant zu und höchst selten sorglos. Restriktion, wohin man schaute, besonders für (Haus-)Frauen und Mädchen. Moralinsaure Heuchelei. Selbstverständlicher Sexismus. Wenig durchlässige gesellschaftliche Hierarchien.

Was Frauen sich vermutlich vorstellen, wenn sie vom Hausfrauendasein träumen: Kein Stress. Kein Arbeitsleid. Morgens länger schlafen. Versorgt sein. Ausreichend Geld, das ein anderer verdient. Ein schönes Haus. Ein liebenswürdiger Ehemann, der gut gelaunt Karriere macht, damit es seiner Familie an nichts fehlt. Mit den Kindern lustige Sachen unternehmen. Erfüllte Tage bei kreativer Marmeladenherstellung und fröhlichem Kuchenbacken. Rote Rosen zum Hochzeitstag.

Was sich eine Frau höchstwahrscheinlich nicht vorstellt, wenn sie vom Hausfrauendasein träumt: Staubsaugen, Badewannen scheuern, Klos putzen und hinter jedem Familienmitglied herräumen sollen, weil die Mama ja eh nichts anderes zu tun hat. Knausern müssen. Diskussionen über jede Geldausgabe. Streitende Kinder. Den ganzen Tag mit keiner erwachsenen Person reden können und abends einen grantigen Ehemann in Ruhe lassen sollen. Harsche Kritik an der kreativen Marmelade.

Nun ist natürlich nicht gesagt, dass Berufstätigkeit vor Staubsaugen, Kochen, maulenden Familienmitgliedern und der Notwendigkeit des Sparens schützt. Und bestimmt träumt manche Hausfrau nicht vergeblich von Rosen zum Hochzeitstag. Aber trotzdem: Das Hausfrauenbild, das beschworen wird, wenn tradierte Rollenmuster gepriesen werden, ist kein realistisches. Bewusst werden Abhängigkeit, Mühsal und ein ungesicherter Lebensabend ausgespart.

Was die Idee vom Daheimbleiben wieder attraktiver macht, ist im Grunde leicht erklärt. Der Stress hat zugenommen, das Berufsleben wird immer härter, die Gehälter sinken, Kindergärten und Ganztagsschulen sind in bestimmten Regionen immer noch dünn gesät, und Hausarbeit ist vielfach nach wie vor alleinige Frauensache, Berufstätigkeit hin oder her. Klar macht das wenig Freude. Doppel- und Dreifachbelastung: Da träumt frau schon davon, wenigstens eine der Belastungen los zu sein. Und weil sie ja schließlich Kinder und Mann gern behalten möchte, kann sie sich am ehesten noch vorstellen, den Beruf aufzugeben. Wenigstens manchmal. Theoretisch. Zumal die Arbeitswelt mehr und mehr bewusst als Gegensatz zu Familie konstruiert und inszeniert wird. Wer reüssieren will, muss, so heißt es, immer im Einsatz und ständig abrufbar sein, soll ganz der Firma beziehungsweise dem (prekären) Job gehören, darf in Gedanken, Worten und Werken nur um die Berufsarbeit kreisen. Nicht sehr verlockend.

Praktisch allerdings wissen Frauen (und Männer) offenbar durchaus, dass Berufstätigkeit trotzdem nicht blöd ist. 81 Prozent der von Spectra Befragten fanden, sie sei das beste Mittel für Frauen, unabhängig zu sein.

Was also? Nochmals: Das Unbehagen an den heutigen Zuständen resultiert nicht aus der Tatsache, dass Mutti beim Autokauf mitreden und selbstständig entscheiden darf, ob sie neue Zahnbürsten für die Familie anschafft, sondern aus der zunehmenden Brutalisierung der Arbeitswelt. Weswegen eine Lösung in deren Umgestaltung liegen würde. Beruf müsste – für Frauen wie für Männer – vereinbar sein mit einem halbwegs erfüllenden Privat- und Familienleben.

78 Prozent der von Spectra Befragten meinten übrigens, dass es Männer im Berufsleben leichter hätten als Frauen. Seltsamerweise zog niemand daraus den Schluss, die Frauen sollten es künftig im Beruf wenigstens genauso leicht haben wie die Männer. Stattdessen: Verklärung der klassischen Rollenbilder. Na ja. Strengt nicht an und kostet nix, zumindest auf den ersten Blick.

6 www.spectra.at/fileadmin/user_upload/Spectra_Aktuell_Archiv/2012/Aktuell_10_12_Rollenbild.pdf

Oktober

8

2012

Was sein wird

Man muss rechtzeitig – aber was? Wie sollen wir auf Defizite reagieren, die wir noch nicht kennen?

Es ging ganz schnell. Umgeknöchelt auf Plateausohlen (bitte keine Kommentare zu Plateausohlen, ich kenne sie alle), fünfter Mittelfußknochen gebrochen. Den Juli verbrachte ich mit Gipshaxn. Von einem Moment auf den anderen: Humpeln und Hatschen statt Herumwieseln wie üblich. Autofahren nicht möglich.

Mein kleines Haus ist hundert Jahre alt. Seinen Charme machen unter anderem die vielen unterschiedlichen Ebenen darin aus. Plötzlich waren sie total uncharmant. Stiegen und Stufen zwischen den Räumen und sogar innerhalb mancher Räume. Mit Krücken (und ungeübt in deren Gebrauch) ein Horror. Als der Gips aushärten sollte und ich deswegen keinesfalls auftreten durfte, rutschte ich abwechselnd auf Knien und Hintern treppauf, um den Hals hing mir eine Tasche mit den zu befördernden Dingen wie Handy, Brillen, Terminkalender. Eine entwürdigende Aktion.

Meine Umgebung war rührend hilfsbereit. Man kaufte für mich ein und chauffierte mich, ich sollte anrufen, wenn ich was brauchte, abends kamen die Tochter oder Freundinnen und Freunde vorbei, packten mich ins Auto und fuhren mit mir zum nächsten Heurigen, um einem etwaigen Lagerkoller vorzubeugen. Eine erfreuliche Erfahrung. Indes kein Langzeitkonzept. Visionen von Hilflosigkeit im höheren Alter stellten sich ein. Einsames Dahinvegetieren, um niemandem zur Last zu fallen. Grauenvoll. Man sollte beizeiten – ja, was? Das Problem ist, dass ich keine Ahnung habe, was sein wird. Wie alle anderen auch. Woran wird es uns fehlen, auf welche Defizite sollen wir uns einrichten, was werden wir brauchen? Vielleicht bleiben wir ja halbwegs rüstig. Falls nicht, welche Einschränkungen kommen auf uns zu? Es macht nämlich einen Unterschied, ob man schlecht sieht oder nix hört oder nimmer gehen kann, ob das Hirn nicht mehr mitmacht oder die Muskulatur oder die Leber.

Was nützt mir die barrierefreie Wohnung, wenn meine Altersbeschwerden gar nichts mit meinem Bewegungsapparat zu tun haben? Wären Sie halt. Hätten Sie halt. Warum haben Sie nicht längst? Das kommt davon, weil die Eltern nicht rechtzeitig … Was ist die rechte Zeit wofür? D., meine Freundin seit Langem, einst sportlich und taff, hat ein heimtückisches neurologisches Leiden aufgerissen, das ihr die Kontrolle über ihre Muskeln entzieht. Sie braucht Hilfe beim Gehen, Stehen, Essen, Waschen, Anziehen. Seit einiger Zeit benützt sie einen Rollstuhl.

Vor vielen Jahren ist sie in den Süden gezogen. Dort will sie bleiben, in ihrem Haus, am Meer, unter der Glyzinienlaube und den Feigenbäumen. Ihr Mann ist gestorben, ihre Kinder wohnen und arbeiten in Österreich. Warum übersiedelt sie nicht hierher zurück?

Darum: Weil sie an ihrem Heim hängt. Weil sie an dem Land hängt, das ihr Heimat geworden ist. Weil sie an ihrer Autonomie hängt, auch wenn die nur noch mit äußerster Anstrengung und unter Aufzehrung aller finanziellen Reserven mehr schlecht als recht aufrechterhalten wird.

Ihre Betreuungspersonen wechseln. Die letzte Putzfrau hat sie hemmungslos bestohlen. Die Nachbarn, die immer eine Ersatzfamilie waren, haben gravierende eigene Sorgen. Und dennoch. Was wäre die Alternative? Ein Bett in einem Pflegeheim, mit Blick auf graue Häuserwände?

Cousine S. ist über achtzig, blitzgescheit nach wie vor, wach, interessiert, aber körperlich zunehmend schwach. In immer kürzeren Abständen liegt sie darnieder. „Bringt mich nur nicht ins Spital“, sagt sie dann, „lasst mich liegen, ich werd schon wieder, und wenn nicht, ist es auch egal.“ Es ist uns aber nicht egal, wir können sie nicht einfach liegen lassen, wie stellt sie sich das vor? Wir sind besorgt und aufgebracht, warum weigert sie sich so beharrlich, mobile Dienste in Anspruch zu nehmen, Essen auf Rädern und Heimhilfen, das gibt’s doch alles?

Zu teuer, behauptet S., das kann ich mir nicht leisten. Ihre Rente ist klein, aber nicht klein genug, um sie zum Sozialfall zu machen. Außerdem schmeckt ihr das Essen auf Rädern nicht, fader Einheitsfraß. Und vor fremden Leuten, die sich in ihren Haushalt mischen, graut ihr. Ihr habt doch keine Ahnung, sagt sie.

Richtig. Wir haben keine Ahnung. Noch nicht. Wir meinen es gut, auch mit uns. Wir wollen uns keine Sorgen machen müssen. Ist eh alles bestens geregelt. Wie man sich bettet, so liegt man. Daran wollen wir glauben. Warum sind die Alten nur so stur? So uneinsichtig?

Die Frage ist: Was sollen sie einsehen? Was werden wir einsehen wollen? Dass wir den Jüngeren gefälligst keine Schwierigkeiten machen sollen, indem wir uns in ein reduziertes Dasein fügen, gefüttert, gewaschen, mit Pillen versorgt, ohne Erinnerung an Ansprüche, die wir früher ganz selbstverständlich an unser Leben gestellt haben?

Wir werden dem Schicksal keine jungen Körper abtrotzen können, das ist schon klar, und insofern ist Fügsamkeit zwangsläufig angesagt. Aber eben nur im jeweils unumgänglichen Ausmaß. Und wir müssen dabei nicht unentwegt lächeln, und wir dürfen ein Stück Unvernunft in unsere alten Tage retten. Sie werden doch mit achtzig keine Plateausohlen tragen wollen? Doch. Wollen schon. Und überhaupt: Wer weiß.

The free sample has ended.

Genres and tags

Age restriction:
0+
Volume:
231 p. 2 illustrations
ISBN:
9783218012478
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books