Read the book: «Breathe»

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BREATHE
GEFANGEN
ELENA MACKENZIE


INHALT

Für Dich

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Danksagung

Nichts mehr verpassen

ÜBER DIESES BUCH

Nur noch eine letzte Schicht in der Bar, dann kann Raven die Kleinstadt Black Falls endlich hinter sich lassen und hoffentlich so der Dunkelheit entkommen, die sie schon ihr ganzes Leben lang quält. Doch sie hat nicht mit Ice gerechnet, der in die Stadt gekommen ist, um sich an ihrem Vater zu rächen. Plötzlich findet sie sich kniend auf dem Waldboden wieder und starrt in den Lauf einer Waffe. Ist es Glück, dass Ice es nicht fertigbringt, sie zu töten und sie stattdessen entführt? Obwohl er sie in seiner Gewalt hat und damit droht, sie für seine Rache zu benutzen, spricht er die verhasste Dunkelheit in ihr an und löst so etwas aus, das sie beide in einem alten Krieg auf die selbe Seite zwingt und Raven in eine fremde Welt.


FÜR DICH

1



Für einen Moment schließe ich die Augen und sauge den schwachen Duft ihres Shampoos ein, der noch für wenige Sekunden, nachdem sie an meinem Tisch war, in der Luft hängt. Es ist ein fruchtig-frischer Duft, der gut zu Raven passt. Nicht zu süß, nicht zu dominant, eher wie ein warmer Tag auf einer Sommerwiese. Als ich nach Black Falls gekommen bin, hätte ich nicht gedacht, dass Sherwood eine so gut aussehende Tochter zustande gebracht hat. Der alte Mann hat nichts an sich, das annähernd attraktiv ist. Seine Tochter muss ihr Aussehen den Genen ihrer Mutter zu verdanken haben, die vor einem halben Jahr einfach die Stadt verlassen hat. Wenn ich den Gerüchten in der Kleinstadt glauben darf, musste Raven aber schon viel länger ihr Leben allein in den Griff bekommen.

Eigentlich bin ich wegen der Mutter gekommen. Sie wollte ich töten. Dass es eine Tochter gibt, habe ich nur zufällig herausgefunden. Sherwood hat niemandem von einer Tochter erzählt. Nicht einmal mir, seinem Stiefsohn. Ich bezweifle, dass meine Mutter von seiner zweiten Familie wusste. Meiner Mutter war bewusst, dass es eine Exfrau gibt, aber dass Sherwood sie immer wieder besucht hat in all den Jahren und sogar eine Tochter mit ihr hat, das hat sie bestimmt nicht geahnt. Ich kann ihm nicht einmal verübeln, dass er Raven geheimgehalten hat. Er wollte sie vor unserer Welt schützen. Ganz offensichtlich hat sie nichts mit dieser Welt zu tun. Sie ist nicht wie wir.

Seit einer Woche sitze ich jetzt schon Abend für Abend in dieser dunklen Ecke des Pubs und beobachte Raven dabei, wie sie Tische abwischt, Bierkrüge füllt und Gäste bedient, statt endlich meinen Plan umzusetzen. Ich schiebe das, was nötig ist, nur hinaus, indem ich weiter hier sitze und darauf hoffe, dass Sherwoods Frau nach Black Falls zurückkehrt. Aber sie wird nicht zurückkommen. Ich habe mich mit fast jedem hier unterhalten, und sie alle haben berechtigte Zweifel, dass Ravens Mutter jemals zurückkommen wird. Sie hat ihre Tochter einfach allein zurückgelassen. Und Sherwood scheint keine Ahnung davon zu haben, sonst wäre er jetzt hier, um Raven vor mir zu beschützen.

Stöhnend reibe ich mir über das unrasierte Kinn und schließe die Augen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Alles ist jetzt anders. Mein Plan war, nach Black Falls zu kommen, mir Sherwoods heimliche Schlampe zu schnappen und mit ihr irgendwo in einen Wald zu fahren, wo ich sie umbringen wollte. Sherwood wäre dabei noch gut weggekommen, immerhin hätte ich seine Frau nur abgeknallt. Das ist so viel netter als das, was er meiner Mutter angetan hat.

Meine Augen öffnen sich ganz von allein, als ich das helle Lachen von Raven höre. Vor ihr steht schon wieder dieser Typ, der ständig in ihrer Nähe herumhängt und versucht, zwischen ihre Beine zu kommen. Raven scheint nicht einmal zu merken, was er vorhat, sie lacht zwar über seine Witze, aber ihr gelangweilter Blick zeigt deutlich ihr Desinteresse. »Junge, du hast keine Chance«, murmle ich. »Ein Mädchen wie die bekommst du nicht ins Bett.«

Raven ist eine Schönheit, nicht einmal ihre zerschlissene Kleidung und ihre kurze knabenhafte Frisur können das verstecken. Auch nicht, dass sie selbst keine Ahnung hat, wie sie auf Männer wirkt. Sogar mir wird ganz heiß im Magen, wenn ich ihren Hüftschwung sehe und ihren nachdenklichen Blick auf mir spüre. Sie sieht mich häufig an. Immer dann, wenn sie glaubt, ich würde es nicht bemerken. Wahrscheinlich versucht sie nur herauszufinden, wer ich bin und was ich hier will. In diesem Kaff kennt jeder jeden, niemand bleibt freiwillig länger als nötig. Deswegen falle ich hier auf. Alle in dieser Bar sehen mich mit diesem Blick an, selbst nach Tagen noch. Vielleicht auch genau deswegen, weil ich schon viel zu lange hier bin und mit all meinen Tattoos nicht in diese Spießerwelt passe.

»Du verlässt die Stadt?«, höre ich den Jungen entrüstet ausrufen. Er dürfte ein paar Jahre jünger sein als Raven, aber ist bis über beide Ohren verknallt in sie. Er schiebt die Hände in seine Jeans und tritt etwas vom Tresen zurück, der die beiden trennt. Seine schlaksige Figur wirkt plötzlich noch viel kindlicher. Auf sein Gesicht ist Trotz und Unverständnis getreten. Was gibt es daran nicht zu verstehen, dass eine Frau wie Raven hier nicht versauern will? Sie gehört hier ebenso wenig her wie ich. In ihrem Blick liegt ein Feuer, das Teile von mir entzündet, die ich schon vor einer Weile vergessen hatte. Auf der Flucht denkt man nicht oft an Frauen, schon gar nicht, wenn man mit seinem kleinen Bruder unterwegs ist. Aber Raven hat mich in der ersten Sekunde, in der ich sie gesehen habe, aufgeweckt. Und deswegen sitze ich selbst nach einer Woche noch hier und warte, statt endlich zu handeln. Ich zögere nie. Aber bei ihr tue ich es. Und das macht mich verdammt noch mal ziemlich wütend.

Ich konzentriere mich auf Raven, damit ich hören kann, was sie ihm antwortet. »Ja, schon heute. Gleich nach der Schicht. Ich hab bei deinem Vater schon vor ein paar Tagen gekündigt.«

Damit habe selbst ich nicht gerechnet. Ich versteife mich und falle fast in so etwas wie eine Schockstarre. Verdammter Mist, ich habe mich noch nicht entschieden, was ich tun soll. Mein ursprünglicher Plan ist hin. Die zweite Option wäre gewesen, mir Raven zu schnappen und sie zu erschießen. Wahrscheinlich würde das Sherwood sogar noch mehr treffen, immerhin hat er seine Tochter vor allen geheim gehalten. Er wollte sie beschützen, also muss sie ihm etwas bedeuten. Aber bisher konnte ich mich nicht dazu durchringen, weil Raven nichts mit alldem zu tun hat. Aber ich kann auch nicht auf meine Rache verzichten. Ich muss meinem Zorn ein Ventil geben. Sherwood hat Sam und mir zu viel genommen. Unseren Vater, unsere Mutter, das Leben, das wir hatten, und unsere Kindheit.

Meine Hände umklammern zitternd mein Bierglas. Mir läuft die Zeit davon. Ich muss mich entscheiden. Töte ich sie oder vergesse ich meinen Plan? Schon der Gedanke, Sherwood mit dem, was er unserer Mutter angetan hat, durchkommen zu lassen, ist mir so zuwider, dass mein Magen krampft und mein Puls sich beschleunigt. Niemals kann ich ihn damit davonkommen lassen. Wut rollt über mich hinweg und weckt in meinem Körper den Drang, herausgelassen zu werden. Ich muss tief und langsam einatmen, um mich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Meine Finger zittern, in meinen Ohren rauscht es und in meinem Kopf brüllt das unbeherrschte Monster auf, das ich kaum in der Lage bin, zu kontrollieren, wenn die Wut mich übernommen hat. Das Monster in mir will töten, es will sich am Geruch von Blut laben und seinen Trieben nachgeben. Ein Teil von mir wurde so geboren. Ein anderer wurde dazu gemacht und erzogen. Aber dann steigt mir ihr Duft in die Nase, als ein Gast die Tür öffnet, um die Bar zu verlassen, und ein Windhauch hereinweht. Und etwas passiert in mir. Die Wut wird zurückgedrängt, kurz bevor sie mich zerreißen kann. Als würde ein Schwall kaltes Wasser mich treffen. Nur auf eine angenehme, erregende Art.

Ich mustere Raven, die langsam an meinen Tisch kommt und deren Augen bei jedem Schritt fest auf mich gerichtet bleiben. Ich balle die Hände zu Fäusten, damit sie das Zittern nicht sieht, und setze ein Lächeln auf. »Kann ich dir noch was bringen? Wir schließen gleich.«

Ich lasse mir Zeit damit, jeden Zentimeter ihres schlanken Körpers zu betrachten, der in langärmeligen Shirt und knielangen Shorts steckt und nicht viel nackte Haut zeigt. Aber ihre Kleidung kann nicht ihre schlanken Kurven verbergen. Als mein Blick über ihre Oberschenkel gleitet, kann ich sehen, wie sich ihre Muskeln unter dem Stoff der Jeans anspannen. Ich sehe in ihr Gesicht, ihre Lippen sind leicht geöffnet und ihre Atmung geht viel schneller als sie sollte. Siehst du Junge, denke ich, was diese Frau braucht, ist einen Mann wie mich. Einen Mann, der ihr gibt, was sie will, obwohl sie selbst es nicht einmal ahnt. Aber ein Blick in diese tiefblauen Seen und ich weiß, wonach sie sucht. Sehnsucht flammt in ihrem Gesicht auf, als sie mich nervös ansieht und ihre Unterlippe zwischen ihre Zähne zieht. Eine Geste, die, ob beabsichtigt oder nicht, ihre Wirkung bei mir nicht verfehlt. Raven ist noch jung, gerade erst der Highschool entkommen, aber sie strahlt eine Selbstsicherheit aus, der ich selbst bei älteren Frauen nicht häufig begegne. Ich sehe sie an und mir wird klar, vor mir steht eine Frau, die genau weiß, was sie will, was wahrscheinlich daran liegt, dass sie schon früh auf sich allein gestellt war. Aber sie ist Sherwoods Tochter, das darf ich niemals vergessen. Auch wenn sie keine von uns ist und mit alldem nichts zu tun hat, sie ist die Tochter meines Feindes.

»Nein danke«, antworte ich ihr völlig gelassen, während ich mir in Gedanken schon ausmale, wie sie vor mir knien wird, der Waldboden wird sich in ihre empfindliche Haut drücken, ihre Augen werden schreckgeweitet zu mir aufsehen und über ihre Lippen wird kein einziger wimmernder Ton kommen, denn sie wird mich nicht um ihr Leben anflehen. So ist sie nicht. Und dann werde ich abdrücken.


Mit jeder Sekunde, die verstreicht, mit jeder Sekunde, in der das Schichtende näher rückt, fühle ich mich nervöser. Ich kann mich kaum noch auf meine Arbeit konzentrieren. In meinem Magen steigt ein flaues Gefühl auf, und ich kann lediglich daran denken, dass es nur noch Minuten sind, bis ich dieser Stadt und all den Menschen hier endlich den Rücken kehren werde. Der Gedanke verängstigt mich etwas, obwohl ich in Black Falls immer eine Außenseiterin war und nie wirklich Freunde hatte, schmerzt mich die Vorstellung, alle hier zurückzulassen. Sie vielleicht nie wiederzusehen. Es ist, als würde etwas tief in mir drin versuchen, mich zurückzuhalten. Aber ich werde mich von meiner Angst nicht zurückhalten lassen. Das lasse ich auf gar keinen Fall zu. Es ist doch normal, etwas Angst vor einer unbekannten Zukunft zu haben. Aber davon sollte niemand sich aufhalten lassen, auch ich nicht. Besonders ich nicht. Die Angst macht alles erst aufregend. Und ich liebe es aufregend, weil ich mich lebendig fühlen möchte. In Black Falls fühlt jeder sich tot. Als stecke die ganze Stadt in einem immerwährenden Schlaf. Besonders seit meine Mutter fort ist, die es in ihren schlimmen Phasen geschafft hat, die ganze Stadt gegen sich aufzubringen.

Meine Mutter ist schon vor Monaten einfach verschwunden. Sie ist in das Auto ihres aktuellen Kerls und Drogendealers gestiegen und hat mich allein in unserem Trailer zurückgelassen. Aber das war mir gleich, sie war seit Jahren schon keine Mutter mehr. In unserer Beziehung war ich die Erwachsene. Ich habe dafür gesorgt, dass ihre Kleidung sauber war, sie etwas zu essen hatte und wir die Miete für den Trailer bezahlen konnten, damit wir unser Zuhause nicht verlieren. Ich habe ihre aufgeplatzten Lippen und blauen Flecken versorgt, wenn mein Vater mal wieder vorbeigeschaut hat. Ich habe sie in den Armen gehalten, wenn sie Angst vor seinem nächsten Besuch hatte. Und ich habe versucht, die Dinge in Ordnung zu bringen, die sie während ihrer betrunkenen Anfälle zerstört hat, damit die Bewohner von Black Falls uns nicht noch mehr hassen. Dass ich in der Bar arbeiten durfte, um unseren Unterhalt zu verdienen, verdanke ich nur Nick, unserem Nachbarn und dem Mann, dem ich erlaubt habe, die Finsternis in mir zu befriedigen. Der Rest der Stadt hat uns gemieden. Ich denke, niemand hier hat mich gehasst, aber dank meiner Mutter hatte ich es nicht leicht. Auch in der Schule nicht. Die Menschen sind mir aus dem Weg gegangen und waren nur aus der Distanz nett zu mir. Haben mir höchstens diese mitleidigen Blicke zugeworfen und eilig ein paar Worte mit mir gewechselt.

Ich freue mich, dass heute endlich der Tag ist, an dem ich Black Falls verlassen werde. Ich werde nichts in dieser langweiligen Stadt vermissen. Außer vielleicht meinen Garten vor dem Trailer, den ich vor vielen Jahren angelegt habe. Es gibt ein Stück Rasen, auf dem steht die Liege, auf der ich die meiste Freizeit mit einem Buch verbracht habe, es gibt eine bunte Mischung Phlox-Blumen und einen Fliederstrauch. Ich liebe es, meine Hände in dunkle Erde zu tauchen, etwas anzupflanzen und dabei zuzusehen, wie es wächst. Ich liebe es, in der Natur zu sein, zu laufen, zu wandern und mich bis zur Erschöpfung zu verausgaben und die frische Luft tief in meine Lunge zu saugen. Die Natur entspannt die Unruhe in meiner Seele.

Da ist etwas Düsteres in mir, das ich mir nicht erklären kann. Es fühlt sich an, als wäre es auf der Suche nach etwas, das ich einfach nicht finden kann. Aber in der Natur verwandelt diese Dunkelheit sich in Licht und schenkt mir die Ruhe, nach der ich mich oft sehne. Dunkelheit, so nenne ich das, was mich manchmal dazu treibt, mich zu verletzen oder mich verletzen zu lassen. Ein rasender Drang, der wild in meinem Inneren wütet und herausgelassen werden will.

Der Trailer selbst ist heruntergekommen und abgewohnt, aber ich habe immer mein Bestes gegeben, ihn zumindest sauber zu halten. Besonders in den Phasen, in denen Mutters Alkoholkonsum sehr hoch war und sie ihre Tage betrunken und depressiv damit verbracht hat, unser Zuhause vollzukotzen und überall leere Flaschen zu hinterlassen. Ihn werde ich wohl nicht vermissen, aber ich werde die winzige Küche vermissen, die meine Mutter zusammen mit mir irgendwann gelb gestrichen hat, und auf die wir lauter bunte Blüten gemalt haben. Das war, als es ihr vor ein paar Jahren noch deutlich besser ging. Ich war etwa 5 oder 6 Jahre alt und hin und wieder kam dieser vollbärtige, stark tätowierte Mann auf seiner Harley vorbei und hat etwas Geld zum Leben vorbeigebracht und nach dem Rechten gesehen.

Ich kann mich noch erinnern, ich mochte den Geruch seiner Lederkutte. Und ich mochte, dass er viel mit mir gespielt hat. Er war einer der wenigen Männer in meinem Leben, der mich gut behandelt hat. Er war der Bruder meines Vaters, und ich war froh, wenn er vorbeikam. Meine Mutter ist dann immer regelrecht aufgeblüht, als wäre eine große Last von ihren Schultern gerollt, weil sie wusste, wenn Rage uns besucht, dann würde mein Vater uns eine Weile keinen Besuch abstatten.

Ich glaube, mein Vater ist nicht nur gewalttätig und herrschsüchtig, er ist auch kriminell. Es gab immer etwas an ihm, vor dem meine Mutter besonders viel Angst hatte. Etwas, das weit furchterregender sein musste, als seine Fäuste und Tritte und seine unbeherrschte Wut. Ich habe nie herausgefunden, was das war. Und sobald ich die Stadt hinter mir gelassen habe, werde ich es hoffentlich auch nicht mehr herausfinden. Zumal mein Vater sowieso schon seit fünf Jahren nicht mehr in Black Falls war. Ich denke, deswegen hat meine Mutter sich sicher genug gefühlt, um sich endgültig von ihm zu lösen.

Aber als sie gegangen ist, hat sie meine Einsamkeit und die Leere in mir noch größer werden lassen. Ich hatte ein paar flüchtige Kontakte im Trailerpark, wenn man so eng nebeneinander wohnt, kann man sich kaum aus dem Weg gehen. Einer dieser Kontakte war Nick, einer von Mutters Dealern und mein Chef in der Bar.

Wahrscheinlich werde ich sogar ihn vermissen. Immerhin hat er mir gezeigt, dass es etwas gibt, mit dem ich die Dunkelheit in mir für kurze Zeit besiegen kann: schmutzigen, harten, düsteren Sex, der mich für wenige Augenblicke in eine so tiefschwarze Finsternis stürzt, dass ich die traurige Dunkelheit nicht mehr fühle, sondern nur noch den Dreck, den der Sex mit einem Mann wie ihm auf meiner Haut hinterlässt. Einem Mann, der mit Drogen dealt, seinen Sohn schlägt und auch sonst gern alles zerstört, was ihm zu nahe kommt. Mit ihm zusammen zu sein, hat mir das Gefühl gegeben, mich nicht mehr ganz so leer zu fühlen. Aber das muss jetzt vorbei sein. Ich kann das nicht länger. Deswegen gehe ich weit weg.

Das Einzige, was ich mitnehme aus meinem alten in mein neues Leben, ist die Smith & Wesson, die Rage uns Mädchen irgendwann dagelassen hat, als er für einen kurzen Besuch im Auftrag meines Vaters bei uns war, mein Abschlusszeugnis der Black Falls High, das ich heute bekommen habe, ein paar Jeans, Shirts und meine Papiere. Alles andere werde ich zurücklassen. Nur wegen des Abschlusszeugnisses bin ich überhaupt noch geblieben. Ich wollte nur eine Sache in meinem Leben mal beendet haben. Etwas besitzen, das mir das Gefühl gibt, etwas erreicht zu haben. Nicht dass ich Pläne habe, wirklich etwas zu schaffen. Ich werde kein College besuchen oder eine Ausbildung machen. Über solche Dinge habe ich nie wirklich nachgedacht. Ich war immer der Meinung, ich würde mich bis an ihr Lebensende um meine Mutter kümmern und in der Bar arbeiten. Als sie gegangen ist, hat sie mir auf ihre Art die Freiheit geschenkt, etwas anderes mit meinem Leben anzufangen. Ich werde vielleicht erstmal einfach von Stadt zu Stadt ziehen, hier und dort mein Geld mit einem Job in einem Diner oder einer Bar aufbessern und nach etwas suchen, das die Leere in mir ausfüllt.

Vielleicht werde ich Wochen irgendwo auf der Straße unterwegs sein, mir das Land angucken, wandern gehen, die großen Parks besuchen. Vielleicht werde ich im Pick-up schlafen müssen. Wahrscheinlich werde ich das tun, denn mein gesamtes Erspartes sind 2.458 Dollar. Nach der Schicht heute Abend werden es 2.494 Dollar sein. Ich kann jeden Dollar gut gebrauchen, weswegen ich seit meiner ersten Schicht vor fast 2 Jahren beiseitegelegt habe, was mir möglich war. Ich habe das Geld vor meiner Mutter hinter der Heizung in meinem Zimmer versteckt, weil ich mir sicher war, dass es gut wäre, ein bisschen zu sparen, da man nie weiß, was noch kommen könnte. Jetzt werde ich das Geld benutzen, um hier wegzukommen.

Ich wische den Tresen ab und werfe einen Blick in die düstere Ecke, wo noch immer der Fremde sitzt und mich beobachtet. Wenn er mich ansieht, prickelt es nicht nur auf meiner Haut. Es prickelt sogar an Stellen, wo dieses Gefühl absolut unwillkommen für mich ist, weil es mich an die dunkelsten Stunden in meinem Leben erinnert. Stunden, die ich mit Nick verbracht habe.

Der Fremde schaut mich schon seit Tagen so an, und ich warte schon seit Tagen, dass er irgendetwas sagen wird, aber das tut er nie. Wahrscheinlich haben seine Blicke gar nichts zu bedeuten. Und doch wird mir unter ihnen ganz heiß. Es fühlt sich an, als würde er diesen düsteren Teil in mir ansprechen, der schon immer auf der Suche nach etwas ist, das er nicht finden kann.

Ich wende mich ab und tue so, als wäre ich schwer beschäftigt, dabei habe ich die Theke schon mindestens drei Mal in den letzten drei Minuten abgewischt. Trotzdem tue ich es jetzt noch einmal, nur um meine Hände beschäftigt zu halten und mich von ihm und seinen zahlreichen bunten Tattoos, die seine Arme und Hände bedecken, abzulenken. Vermutlich auch seinen gesamten Oberkörper. Aber das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, weil er ein enges T-Shirt trägt, das zwar seine Haut bedeckt, aber nicht seinen breiten, muskulösen Körperbau.

Und diese Ringe an seinen Fingern: breit, silbern und maskulin. Seit wann sind Männer, die Schmuck tragen, so verdammt sexy? Es sind sechs, an jeder Hand drei. Ich zwinge meine Konzentration auf meine eigenen Hände und meinen Puls zur Ruhe. Es muss an seiner Ausstrahlung liegen, die ihn umgibt, aber er löst ein ganz merkwürdiges Gefühl in mir aus. Eine innere Unruhe, die sich schon in den letzten Tagen immer nur dann gelegt hat, wenn er die Bar verlassen hatte.

Obwohl ich nicht hinsehe, fühle ich seinen Blick. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie er sich mit einer Hand über die Wangen reibt, die von einem schwarzen Sieben-Tage-Bart bedeckt sind. Seit dem Tag, an dem er hier aufgetaucht ist, kriecht mir seine Nähe schon unter die Haut. Ich hasse diese Empfindungen, denn ich wollte diese Dunkelheit nie wieder fühlen. Wollte nicht einmal daran erinnert werden, dass ich zu dem fähig bin, was Nick mit mir getan hat. Ich habe mich erst vor ein paar Wochen von Nick gelöst, aber unsere heimliche Beziehung - oder das, was da auch immer zwischen uns lief - hat schon Monate vor Mutters Verschwinden begonnen.

Ich lecke mir über die trockenen Lippen und nicke Tara und Steve zu, als sie die Bar verlassen. Jetzt sind da nur noch er und ich. Ganz allein mit ihm. Und plötzlich scheint es, als würde sein Blick sich verfinstern und sein Körper sich anspannen. Genau wie meiner. Und mein Puls rast so heftig, dass ich das Hämmern in meinen Ohren höre. Und zwischen meinen Schenkeln entwickelt sich eine Hitze, die ich so intensiv noch nie zuvor gespürt habe. Was, wenn er jetzt aufsteht, zu mir rüberkommt und … Ich schließe stöhnend die Augen. Seit Monaten arbeite ich hier, aber solche Fantasien hatte ich noch nie. Peinlich berührt schrubbe ich noch heftiger auf der Theke herum und vermeide es, den Blick auch nur für Sekunden in seine Richtung zu heben. Das ist diese Dunkelheit in mir. Sie tut diese Sachen, lässt mich nach Dingen lechzen, die ich eigentlich nicht will.

»Beruhig dich«, ermahne ich mich flüsternd. »Er ist nur ein Typ, der in einer Ecke sitzt und sein Bier trinkt.« Genau wie alle anderen, die hierherkommen. Aber alle anderen kenne ich schon mein ganzes Leben lang. Und alle anderen sorgen mit ihren Blicken nicht dafür, dass mir ganz heiß wird. Ihn in der Nähe zu wissen, löst dieses nervöse, aufregende Kribbeln in mir aus, das mich glauben lässt, gefunden zu haben, wonach ich so lange gesucht habe. Was völlig irre ist, denn ich kenne diesen Mann gar nicht. Es liegt nur daran, dass er mich und meinen Körper auf so viele Arten in Aufruhr versetzt. Er zieht mich an, schürt mein Verlangen, meine Neugier und macht mir so viel Angst, dass sich alle Härchen auf meiner Haut aufrichten.

Ich versuche, mich zusammenzureißen, indem ich tief einatme und die Fäuste balle. Ich habe eindeutig einen ungesundes Faible für düstere, furchteinflößende, tätowierte Männer. Für Bikertypen. Das muss ich von meiner Mutter geerbt haben, die ihre Finger auch nicht von den gefährlich aussehenden Männern lassen konnte, selbst dann nicht, wenn diese sie geschlagen haben, wie mein Vater es getan hat. Deswegen habe ich ihn auch nie vermisst. Die meiste Zeit war ich froh, dass er nur ein bis zwei Mal im Jahr vorbeikam, und irgendwann gar nicht mehr.

Ich räume ein paar Gläser hin und her, denn eigentlich habe ich nichts mehr zu tun. Ich habe alle Arbeiten schon während der Schicht erledigt, damit ich pünktlich hier rauskomme. Jetzt muss nur noch er gehen.

Ich gehe um die Bar herum, beginne alle Stühle auf die Tische zu stellen, damit es Liz morgen Vormittag leichter hat, wenn sie kommt, um zu putzen. Danach sammle ich etwas Papier auf, das auf dem Boden liegt, und kontrolliere, ob die Fenster verschlossen sind. Hinter mir höre ich, dass sich ein Stuhl über den Boden bewegt.

Ich sehe auf, er kommt auf mich zu, seine Lippen sind fest aufeinandergepresst und seine faszinierenden Augen auf mich gerichtet. Er hat ernste Augen. Meine sind dunkelblau, eher so wie der Nachthimmel. Seine sind wie klirrendes Eis. Das weiß ich, weil sie meinen Blick immer anziehen, wenn ich an seinen Tisch komme. Selbst auf die Entfernung sind sie das Herausstechendste in seinem Gesicht. Augen, deren frostiges Eisblau fast schon unnatürlich wirkt. Seine Schritte sind langsam, aber zielstrebig, sein Blick intensiv. Wahrscheinlich ist es gar nicht seine Absicht, solch einen Aufruhr in meinem Körper auszulösen. Er kann ja nichts dafür, dass er jede Faser meines Körpers anspricht. Er sieht mich an, bleibt neben mir stehen und um seine Mundwinkel herum zupft ein Lächeln.

»Wir sehen uns, Raven«, sagt er mit rauer Stimme, zieht dabei eine seiner starken, dichten Brauen hoch und zwinkert mir zu, was meinen Puls noch einmal beschleunigt. Ich hatte keine Ahnung, dass ein Zwinkern so anzüglich wirken kann, dass es eine mittlere Explosion in meinem Magen auslöst.

»Bis morgen?«, sage ich und ärgere mich, dass das wie eine Frage geklungen hat. Wieso sollte es mich interessieren, ob er morgen wieder hier sein wird, denn ich werde es nicht sein. Ich schüttle den Kopf. »Nein, morgen werde ich nicht mehr hier sein, aber meine Kollegin. Also ich meinte das anders.«

Er lächelt sanftmütig, fast ein wenig, als hätte er Mitleid mit mir. »Schon gut«, sagt er. »Ich werde morgen auch nicht mehr hier sein.«

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, stoße ich die Luft aus meiner Lunge und lehne mich gegen einen der Tische. Mir war nicht einmal bewusst gewesen, dass ich die Luft angehalten hatte. Männer sollten wirklich nicht so attraktiv und zugleich rau und düster sein. Aber das sind sie ja eigentlich auch nicht. Nur er ist es, und er trägt diese herablassende Art mit sich herum, als wäre ihm sehr wohl bewusst, dass er eine Frau nur ansehen muss und sie wird sich ihm sabbernd zu Füßen werfen.

So wie ich. Und ich sabbere eigentlich nie. Nicht einmal bei Nick. Selbst dann nicht, wenn er tief in mir war und mich mit sich in den Abgrund gerissen hat. Ich sollte es besser wissen. Männer wie der Fremde - Männer wie Nick - sind gefährlich. Sie zerstören. Und obwohl ich das weiß, fühlt es sich an, als wäre ein Teil von mir immer auf der Suche nach dieser Dunkelheit. Nach Gefahr, Schmerz und etwas, das meinen Puls zum Rasen bringt. Danach, geführt zu werden. Danach, dominiert zu werden.

Vielleicht ist es ganz gut, dass ich den Fremden nicht wiedersehen werde, dann muss ich mir keine Gedanken mehr darüber machen, was das alles zu bedeuten hat.

Ich beende meine Arbeit, schließe den Inhalt der Kasse wie jeden Abend im Tresor im Büro ein, dann verlasse ich die Bar und werfe den Schlüssel in den Briefkasten. Ein wenig fühle ich mich traurig und muss gegen den Kloß in meinem Hals ankämpfen, aber da ist auch dieser plötzliche Schwall Energie, der sich durch meinen Körper arbeitet und mir unerwartet Kraft gibt, meinen Plan durchzuziehen und nicht in letzter Sekunde zu kneifen. Mein Puls beschleunigt sich bei dem Gedanken, dass es jetzt soweit ist. Ich verlasse die Stadt und sehe einer unbekannten Zukunft irgendwo anders entgegen. Einer Zukunft, die mich herausfordert, die mir Aufgaben stellt. Die mir jeden Tag ein bisschen mehr gibt und mich aus der Eintönigkeit holt.

Entschlossen wende ich mich zu meinem Truck um, und da steht er. Der unbekannte Gast, dessen Arme mit bunten Tattoos überzogen sind und dessen Blick mich auch jetzt zwischen meine Schenkel trifft. Er blickt von seinem Motorrad auf, als er mich sieht und zieht einen Mundwinkel zu einem leicht verkniffenen Lächeln hoch. In den Händen hält er einen schmutzigen Lappen, den er benutzt, um seine Finger abzuwischen, dann steckt er ihn in die hintere Tasche seiner Hose und grinst mich schief an.

»Sie springt nicht mehr an«, sagt er knapp, als wüsste er, dass ich eine Sekunde lang beunruhigt war, ihn noch hier auf dem Parkplatz zu sehen. Er steht direkt neben meinem Truck, die Reklametafel hinter mir für ›Dark Beer‹ erhellt sein Gesicht und lässt es zugleich noch kantiger wirken.

Ich nähere mich ihm langsam. »Wir haben leider keine Werkstatt in Black Falls«, kläre ich ihn auf.

Er stößt ein unglückliches Seufzen aus und mustert sein Bike mit besorgter Miene. Es ist eine bullige Harley Davidson in mattem Schwarz und mit viel blitzendem Chrome. Der Anblick des Bikes löst ein nervöses Kribbeln in mir aus. Ich habe mich schon immer gefragt, wie es sich wohl anfühlen würde, auf so einem Motorrad in rasendem Tempo über eine Straße zu donnern. Mein Vater hat mich nicht ein einziges Mal auf sein Bike gesetzt. Er hat mich nicht einmal in die Nähe seiner Harley gelassen. Aber die Vorstellung, wie es sein würde, bei hoher Geschwindigkeit den Wind im Gesicht zu spüren, hat mich immer mit dieser freudigen Erregung erfüllt, die ich sonst nur spüre, wenn ich durch den Wald laufe, bis ich vor Erschöpfung zusammenbreche.

»Das ist nicht gut, eigentlich müsste ich spätestens morgen Früh weiter. Besser noch heute Nacht.« Er zeigt auf die Reisetasche, die er hinten auf seinem Motorrad befestigt hat. Der Fremde erinnert mich etwas an meinen Vater. Als ich kleiner war, kam er alle paar Monate mal für ein paar Tage vorbei, blieb ein paar Nächte, um mit meiner Mutter zu schlafen, und verschwand dann wieder aus unserem Leben. Ähnlich wie der Bruder meines Vaters.

»Das ist ein verfickter Mist«, sagt er brummig, sieht zu mir auf und schüttelt den Kopf. »Tut mir leid.«

»Ich arbeite in einer Bar«, erinnere ich ihn. Gossensprache ist nichts, was mich schockiert. Besonders, da die Footballspieler der Schule auch nicht wählerisch in ihrer Ausdrucksweise sind. Ich weiß nicht, wie das anderswo in den USA ist, aber in Black Falls ist Fluchen so normal wie essen und trinken. »In Riverside gibt es eine kleine Werkstatt«, erwähne ich und wende mich meinem Truck zu. Ich werfe einen Blick auf meine Sachen auf dem Rücksitz, um sicherzugehen, dass alles noch da ist. Aber wer sollte in Black Falls schon Interesse an meinem Kram haben?

»Du bist nicht zufällig auf dem Weg dorthin?«, will er wissen.

Ich stecke den Schlüssel in das Schloss des alten Pick-ups und sehe über die Schulter zu ihm zurück. Es ist, als würden diese hellen Augen mich jedes Mal in ihren Bann ziehen, denn sie sind das Erste, an dem mein Blick immer hängenbleibt, wenn ich ihn ansehe, weil sie so wie klirrender Frost erscheinen. Es ist, als könnte ich mich nicht an ihnen sattsehen. Als würden sie mich anziehen, um mich in diese Tiefen saugen zu wollen. »Eigentlich nicht.«

»Das ist schade, denn so wie es aussieht, müsste ich unbedingt nach Riverside.«

Ich öffne die Tür meines Trucks und schließe ergeben die Augen. Man kann nicht sagen, dass ich eine gute Kinderstube genossen habe, denn das habe ich definitiv nicht. Meine Erziehung hat einzig daraus bestanden, meiner Mutter bei ihren wechselnden Beziehungen zuzusehen, für sie den Haushalt zu erledigen und mein Leben schon mit zehn Jahren so ziemlich allein zu bewältigen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, bin ich schon immer jemand gewesen, der nicht dazu in der Lage ist, andere Menschen im Stich zu lassen, wenn sie Hilfe benötigen. »Vielleicht liegt es ja auf meinem Weg.«

Er lächelt breit und reicht mir die Hand. »Ich bin Ice. Und es wäre wirklich praktisch, wenn es auf deinem Weg liegen würde.«

Ich stoße die Luft geräuschvoll aus, nehme seine Hand nur widerwillig, denn eigentlich habe ich keine Lust darauf, mein neues Leben mit einer Verzögerung zu beginnen, indem ich auf halbem Weg nach Riverside noch einmal am Trailerpark vorbeifahren muss. Nicht, weil der Park so trostlos ist, sondern weil ich befürchte, ich könnte den Mut verlieren und am Ende doch noch hierbleiben. Ich stoße seufzend die Luft aus und lasse die Schultern fallen. Ich will hier einfach nur so schnell wie möglich weg, bevor ich noch einknicke und am Ende wieder in Nicks Trailer lande. Ich will das nicht mehr. Nie wieder. Ich will lieber laufen, mich bewegen und wandern, meinen Körper beanspruchen, bis die Dunkelheit weg ist. Bis sie still ist.

»Meinen Namen kennst du ja schon, Ice.« Ich betone seinen Namen, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht so heißt, aber er passt zu der Farbe seiner Augen. »Pack deine Maschine einfach auf die Ladefläche, da müssten auch ein paar Gurte sein, damit du sie festschnallen kannst«, sage ich, gehe um den Pick-up nach hinten und öffne die Klappe.

»Danke, nett von dir.« Ice schiebt die schwere Maschine, unter deren breiten Rädern leise die Kiesel knirschen, mit denen der Parkplatz befestigt ist, nach hinten. Wie viel wiegt so ein Bike eigentlich? Ich bezweifle, dass er es allein auf die Ladefläche bekommt und überlege, ob ich mit anfassen soll, zögere aber, denn mein Vater hätte mir gedroht, meine Finger mit seinem Messer abzuschneiden.

»Soll ich dir helfen?«, frage ich vorsichtshalber, bevor ich die Maschine berühre und es ihm dann vielleicht nicht gefällt.

Er grinst. »Diese Maschine wiegt 460 Pfund«, sagt er und sieht sich auf dem Parkplatz um. Sein Blick fällt auf das Wohnhaus nebenan, das derzeit renoviert wird. »Ich bin gleich wieder zurück, nicht ohne mich fahren.«

Frustriert lehne ich mich an die Seite meines Autos und warte, bis sich aus dem Dunkel kurze Zeit später ein Schatten schält. Ice trägt ein langes breites Brett über der Schulter. Es federt leicht bei jedem Schritt, den er sich nähert, aber ansonsten wirkt er nicht, als würde er Mühe damit haben, es zu tragen. Mit dem breiten Winkel an einem der Enden hängt er das Brett an die Ladefläche meines Trucks.

»Damit sollte es funktionieren«, meint er, läuft prüfend seine selbst gebaute Rampe nach oben, bleibt in der Mitte stehen und wippt auf dem etwa einen halben Meter breiten Brett auf und ab.

»Und wie willst du das Bike dann wieder runterbekommen?«, hake ich nach.

»Wir nehmen das Brett mit.«

»Es ist viel zu lang«, protestiere ich, weil es bestimmt einige Zentimeter über die Ladefläche hinausgehen würde.

»Ist es nicht«, sagt Ice bestimmt. Mittlerweile denke ich, dass mir eigentlich alles egal ist, Hauptsache, wir können endlich los, bevor doch noch jemand kommt, der mich aufhalten könnte. Wer sollte das sein? Nicht einmal Nick war sonderlich erpicht darauf, mich in der Stadt zu behalten, als ich ihm gesagt habe, dass ich kündige. Es schien ihm egal zu sein. Aber es war ihm auch egal, dass ich gerade erst 18 geworden war, als unsere Affäre vor ein paar Monaten begonnen hat.

Ice löst den Ständer seiner Maschine und packt mit beiden Händen die Griffe. Es kostet ihn einiges an Mühe, aber schlussendlich steht das Bike ohne meine Hilfe auf der Ladefläche. Er kriecht auf der Ladefläche umher, um das Bike sicher zu verschnüren, dabei rutscht ihm sein Shirt aus der Hose und ich kann die Pistole sehen, die er hinten im Bund stecken hat. Mein Herz setzt einen Schlag aus und ich bekomme Zweifel, dass es eine gute Idee ist, ihn mitzunehmen. Mit ihm allein im Auto zu sitzen. Was weiß ich schon über den Kerl? Er wirkt noch nicht einmal besonders vertrauenserweckend mit all diesen Tattoos, seinen wilden glänzend schwarzen Haaren, die in alle Richtungen abstehen und dem dunklen Bartschatten im Gesicht. Aber jetzt steht dieses Bike auf meiner Ladefläche, was soll ich also tun? Ihm sagen, dass ich es mir anders überlegt habe? Das hier sind die USA, viele Menschen haben eine Waffe, versuche ich mich zu beruhigen. Ich habe auch eine im Truck. Nur weil er eine hat, heißt das nicht, dass er mich töten wird. Oder vergewaltigen. Offensichtlich ist er mit seinem Bike allein unterwegs, da sollte man eine Waffe haben, oder?

Angespannt beobachte ich, wie Ice das Brett vom Pick-up löst und es dann mit dem einen Ende gegen das Fahrerhaus lehnt, es dort mit einem Gurt befestigt und das andere Ende innen gegen die geschlossene Klappe lehnt, dann springt er darüber und landet sicher direkt vor meinen Füßen. Wenn er wirklich vorhat, mir etwas anzutun, dann könnte er es hier an Ort und Stelle tun, niemand würde ihn davon abhalten. Er hätte es in der Bar tun können, als wir allein waren. Er hätte jede Chance der Welt gehabt. Ich schiebe meine Bedenken weg.

»Ich hab doch gesagt, es funktioniert.«

»Dann können wir jetzt endlich los?«, möchte ich wissen und verberge nicht, wie genervt ich mittlerweile bin. Ich will endlich raus aus dieser Stadt. Mit jeder Sekunde steigen die Zweifel in mir mehr auf und drohen mich unter sich zu begraben. Wenn ich nicht bald hier wegkomme, dann vielleicht nie.

»Können wir«, sagt er, geht um den Pick-up herum und steigt ein, ohne mich noch ein weiteres Mal anzusehen.

»Vergiss einfach, dass er eine Waffe hat«, flüstere ich und versuche, meinen Puls etwas zu beruhigen, bevor ich mich hinter das Lenkrad setze. Trotzdem sind meine Hände verschwitzt, als ich das Leder umfasse, denn ich mag Waffen nicht besonders gern. Mein Vater hat versucht, mir beizubringen, wie man mit ihnen umgeht, als ich noch nicht einmal sieben war. Wir haben im Wald auf Blechbüchsen gezielt. Er hat die Büchsen getroffen, ich habe die meiste Zeit danebengeschossen. Bis auf das eine Mal, als meine Kugel meinen Hund Tiger traf. Er war in den Wald gelaufen, um mich zu suchen. Danach habe ich nie wieder eine Waffe in die Hand genommen, bis jetzt. Danach hatte ich auch nie wieder einen Hund. Verstohlen werfe ich einen flüchtigen Blick hinter den Beifahrersitz, unter dem ich meine Waffe versteckt habe.

2



Sie wirkt nervös, während sie das Auto vom Parkplatz auf die einzige Hauptstraße in diesem Kaff steuert. Da es in dieser Stadt weder tagsüber noch nachts wirklich Verkehr gibt, rührt ihre Nervosität wohl nicht daher. Entweder beunruhige also ich sie oder ihr Plan, die Stadt zu verlassen. Ich setze mich etwas schräg, um sie besser sehen zu können. Der Gedanke, ich könnte diese Unruhe in ihr auslösen, gefällt mir. Wie unruhig sie wohl werden wird, wenn ich ihr meine Waffe gegen die Stirn drücke und ein Loch in diesen hübschen Kopf schieße?

»Du verlässt also die Stadt?«, sage ich möglichst desinteressiert zu ihr. Sie hat dieses kurze, fast schon zu kurze schwarze Haar, das ihr aber perfekt steht. Diese Frisur würde nicht vielen Frauen stehen, aber bei ihr sieht es einfach perfekt aus. So wie bei dieser Schauspielerin aus den 50ern. Audrey Hepburn. Es ist gerade so noch lang genug, um es beim Sex packen und die Finger darin vergraben zu können.

Sie zieht eine Augenbraue hoch und sieht mich flüchtig an. Ihr Gesicht wird von der Beleuchtung der Armaturen erhellt. Entschlossen nickt sie, bevor sie den Blick wieder auf die Straße richtet. Noch vier Häuser, dann sind wir schon wieder aus der Stadt raus und auf der schlechten Straße unterwegs, die Black Falls mit dem nächsten Nest verbindet. Zwischen hier und dort gibt es nur ein paar Farmen und einen kleinen Wald. Der Wald ist mein Ziel, weil wir dort abgeschirmt vor neugierigen Blicken sind. Auch wenn die Chance gering ist, dass jemand uns sehen könnte, ich muss ganz sicher sein, dass mein Gesicht demnächst nicht über die Nachrichtenkanäle tickert. Dass sie die Stadt verlassen will und jeder es weiß, spielt mir in die Hände. Nur ihr Vater soll hiervon wissen. Er soll den gleichen Schmerz fühlen wie ich, als er meine Mutter ausgeweidet hat.

»Warum?«, frage ich sie, als sie nichts weiter sagt.

Sie stößt genervt die Luft aus und verzieht dieses hübsche Gesicht. Sie ist eine von diesen Frauen, die nicht süß und unschuldig wirken. Sie wirkt stark, sportlich, ein wenig wild und geheimnisvoll. Und der Blick aus diesen sturmblauen Augen wirkt so viel älter und schmerzerfahrener als er eigentlich wirken sollte. Ich denke, das ist es, was mich an ihr so anzieht: Ich sehe sie an und erkenne den gleichen Schmerz, den auch ich fühle, den nur eine abgefuckte Kindheit auslösen kann. Ich frage mich, wie abgefuckt ihre war. Weiß sie überhaupt, wer ihr Vater ist? Meine Kindheit war abgefuckt. Ihr Vater hat meinen im Zweikampf besiegt und getötet, seinen Platz eingenommen, meine Mutter geheiratet und mich und meinen Bruder großgezogen. Er hat die Familie, die ich kannte, ausgelöscht. Das Zuhause, das ich kannte, vernichtet. Innerlich grinse ich abfällig, die Schönheit neben mir ist eigentlich meine Stiefschwester. Und doch gehört sie in eine ganz andere Welt. Eine ohne Gewalt, Tod und Kinder, die zu Killern erzogen werden.

»Du bist schon seit Tagen in Black Falls, musst du das wirklich fragen? Ist das nicht offensichtlich?«

Ich wiege grinsend den Kopf hin und her. »Entschuldige, ich wollte nur ein Gespräch in Gang bringen«, sage ich und zucke mit den Schultern. Ich beginne einen der Siegelringe an meinen Fingern zu drehen. Man sieht es den Ringen nicht an, aber an ihnen klebt eine Menge Blut. Mit ihnen habe ich auf der Jagd oder im Training schon einige Gesichter demoliert. »Aber wir müssen nicht reden, wenn du nicht willst.«

Sie sieht mich wieder an, verzieht seufzend das Gesicht und lächelt verbissen. »Tut mir leid, ich bin nur müde«, meint sie.

»Und dann willst du heute noch hier weg? Stunden im Auto?«

»Ja, will ich.« Sie seufzt. »Ich werde mir ein Motelzimmer nehmen, sobald ich weit genug weg bin, dass mich nichts dazu treiben kann, wieder umzukehren.«

»Du hast also Zweifel?«, frage ich sie neugierig. Ich lasse meinen Blick über ihr Gesicht streifen und überlege, ob ihr Vater weiß, was seine Tochter hier treibt. Den Ort verlassen, an dem er sie vor der Gewalt beschützt, die er ausgelöst hat.

»Nein. Keine Zweifel, nur ein wenig Angst. Ich war noch nie weiter als zwei Stunden von Black Falls entfernt«, erklärt sie.

Ich sehe zum Fenster raus, die Scheinwerfer des Autos huschen über die schlechte Straße und leuchten nur wenige Meter vor uns aus, aber ich erkenne die Kurve, die wir gerade nehmen. Dahinter kommen noch zwei größere Felder, eine Einfahrt zu einer Farm und dann der Wald, auf den ich es abgesehen habe. Und jetzt ist nicht mehr nur sie nervös, ich bin es auch. In mir spannt sich jeder Muskel bei dem Gedanken an, was ich gleich mit ihr tun werde. Kaltblütig zu töten, damit hatte ich noch nie Probleme. Ich bin darauf konditioniert worden, zu töten: schnell und ohne Gewissen. Sherwood ist der Richter und ich bin der Vollstecker. Aber dieses Mal ist es etwas anderes. Dieses Mal habe ich vor, ein Mädchen zu töten, das mit der Welt, in der ich aufgewachsen bin, nichts zu tun hat, außer, dass ihr Erzeuger zufällig in dieser Welt zu Hause ist.

»Also doch Zweifel. Du befürchtest, du könntest es dir anders überlegen.«

Sie schnaubt. »Wenn du willst, nenn es Zweifel. Was hast du denn in Black Falls gesucht?«, will sie wissen und sieht mich kurz an. Ich spüre es bis in meine Lenden, als ihr Blick über mich gleitet. Brennend heiß. So heiß, dass mein Puls sich beschleunigt und ich mich verspanne, weil ich so nicht fühlen will. Ich habe einen Plan. So wie sie auch einen hat. Nur wird sie ihren Plan nicht mehr durchziehen können, weil ich meinen durchziehen werde. Und doch muss ich mir eingestehen, dass ihre Nähe etwas in mir auslöst. Ein Gefühl, das ich noch niemals zuvor empfunden habe. Ein aufregendes Prickeln, eine träge Hitze, die sich durch meinen Körper schleicht. Das hier ist mehr als pure sexuelle Anziehung.

»Ich habe jemanden gesucht, der dort leben soll.«

»Und, hast du ihn gefunden?«

Ich starre auf ihre Finger, als sie sich damit über ihren schlanken Hals fährt, als hätte etwas ihre Haut berührt. Vielleicht hat sie meinen Blick gespürt, der für eine Sekunde auf ihrer Kehle lag. »Nein, habe ich nicht.«

»Und jetzt suchst du weiter?«

»Das habe ich noch nicht entschieden.« Ich deute nach vorn, wo das Licht der Scheinwerfer über die ersten Bäume hüpft. »Kannst du da vorn halten? Ich müsste mal pinkeln«, sage ich zu ihr.

Sie runzelt die Stirn, mustert mich kurz und nickt. Offensichtlich hat sie entschieden, mir vertrauen zu können. Ein Fehler, der sie gleich ihr Leben kosten wird. Aber sie weiß ja nicht, wer neben ihr sitzt. Ihre Welt und meine sind völlig verschieden. Ich weiß zumindest, dass es ihre Welt gibt. Sie hat keine Ahnung, dass es meine gibt. Unser Leben, unsere Geheimnisse, unsere Gesetze. Wir haben unsere eigenen Regeln. Regeln, die ihr Vater nochmal verschärft hat, als er nach dem Tod meines Vaters der Anführer des Clans geworden ist und die Führung in Nordamerika übernommen hat.

»Okay«, sagt sie, und jetzt kann ich doch Unsicherheit in ihrer Stimme hören. Sie kennt mich nicht, ist mitten in der Nacht mit einem Fremden unterwegs und soll jetzt auch noch am Rand eines Waldes anhalten. In ihr klingeln gerade sämtliche Alarmglocken, und das ziemlich laut. Und doch tut sie es, weil alle es tun würden. Weil niemand daran glaubt, dass ausgerechnet ihm schlimme Dinge widerfahren würden. Nur Menschen wie ich würden daran glauben und deswegen jemanden wie mich nicht in ihre Autos lassen. Der Rest der Menschheit hat dabei vielleicht ein komisches Gefühl, mehr nicht.

»Danke«, sage ich. »Das Bier muss raus.« Noch ein paar Sekunden lang soll sie glauben, alles wäre in Ordnung. Während ich diese Sekunden nutze, um mich gedanklich damit abzufinden, dass ich dieses Mal einen Mord begehen werde, der meine letzte Grenze einreißen wird. Dieser Mord wird meine Seele direkt in die Hölle befördern. Kein Zurück mehr.

Raven fährt das Auto in eine kleine Einbuchtung, die hier gebaut wurde, damit entgegenkommende Autos einander ausweichen können, dann schaltet sie den Motor aus, lässt aber das Licht an. »Also dann«, meint sie und lehnt sich zurück.

Ich grinse sie genüsslich an. »Was, wenn ich ein Mörder wäre?«, frage ich sie und halte ihren fragenden Blick fest, als sie mich ungläubig ansieht. Alles in mir hat auf Jagd geschaltet. Ich bin der Jäger und sie meine Beute. Mein Blut pulsiert gierig durch meine Adern. »Ich könnte ein Serienmörder sein, der dich hierhergebracht hat, um dich zu töten. Du willst mit deinem Wagen wer weiß wohin fahren, nimmst einen Fremden mit und denkst nicht an die Möglichkeit, dass dieser Fremde ein Mörder sein könnte?« Mein Puls rast in aufgeregter Vorfreude, als ich sie das frage und in ihrem Blick deutlich die Furcht erkenne. Sie versucht mich abzuschätzen und schafft es nicht, sich vorzustellen, dass ich ihr wirklich etwas antun könnte. Eigentlich spiele ich nicht mit meinen Opfern, aber ich habe auch noch nie eine Frau töten müssen, die die Dunkelheit in mir anspricht. Alles fühlt sich anders an bei ihr. Zum ersten Mal spüre ich Zweifel, zum ersten Mal hasse ich mich selbst. Zum ersten Mal will ich das nicht tun müssen. Aber da ist auch das Monster in mir, und das erwacht mit einer perfiden Lust auf Blut zum Leben bei dem Gedanken, gleich töten zu dürfen. Ich dränge es zurück, denn das hier wird ein schneller Tod werden. Keine Jagd.

»Dann werde ich jetzt wohl sterben«, sagt sie, versucht es belustigt klingen zu lassen, aber es gelingt ihr nicht ganz, die Unsicherheit in ihrer Stimme zu verbergen. »Willst du mir eine Lektion erteilen, indem du mir Angst machst? Glückwunsch, ist dir gelungen. Ich werde nie wieder jemanden mitnehmen. Nicht einmal, wenn er wie ein verlorener Welpe aussieht.«

»Du meinst, ich sah wie ein verlorener Welpe aus?«, frage ich sie lachend. Ich beobachte genau jede Reaktion in ihrem Gesicht. Wenn sie wüsste, wie sehr sie recht hat. In den letzten Wochen fühle ich mich verlorener als jemals zuvor. Wahrscheinlich sollte ich mich schäbig fühlen, weil ich dieses Spiel mit ihr treibe, bevor ich sie gleich wirklich töte. Aber statt mich schäbig zu fühlen, erregt es mich, ihr das anzutun. So bin ich nun mal, Dreck.

»Musst du jetzt oder nicht?«, will sie harsch wissen und legt die Finger um den Zündschlüssel.

Ich reiße die Tür auf, bevor sie den Motor wieder starten kann. »Ich muss. Leider«, murmle ich, als ich schon aus dem Wagen gesprungen bin. Ich weiß nicht, warum ich das eben getan habe, aber es hat sich gut angefühlt. Vielleicht wollte ich nur wissen, wie sie reagiert. Vielleicht diesen hilflosen Blick in ihren Augen sehen. Vielleicht sie noch einmal anschauen, ohne Abscheu in ihrem Blick zu sehen. Oder die Zeit, die ich mit ihr habe, einfach noch ein wenig rauszögern.

Aber all das ist jetzt egal. Ich habe einen Plan, eine Sache, die ich erledigen muss, weil ich ihrem Vater eine Botschaft senden muss: Du musst mit mir rechnen, Sherwood.

Wenn ich eine Chance gehabt hätte, ihn zu töten, dann würde jetzt er mit mir hier sein. Aber ich kann ihn nicht töten. Nicht zuletzt, weil er trotz allem, was er uns angetan hat, wie ein Vater für mich ist und ich gelernt habe, ihn zu lieben. Er hat aus mir gemacht, wer ich bin. Er hat mich erzogen, unterrichtet und geformt. Er hat für Sam, meine Mutter und mich gesorgt. Deswegen wollte ich ihn, wenn überhaupt, in einem Zweikampf töten. Nicht hinterrücks ermorden. Nur er und ich, so wie es unsere Gesetze sind. Aber er hat mir die Chance dazu verweigert. Auch weil mir das Recht dazu fehlt, ihn herauszufordern.

Also muss er den Schmerz über seinen Verrat an unserer Familie, den ich empfinde, auf eine andere Weise erfahren. Ich will, dass er leidet. Ich will, dass er innerlich zerbricht. Ich will ihn fühlen lassen, was ich fühle, jetzt wo ich nichts mehr habe. Nicht einmal mehr den Clan. Und töten ist alles, was ich kenne, was ich je gelernt habe. Also ist das der einzige Weg, ihm klarzumachen, dass er einen Fehler begangen hat. Der einzige Weg, um ihm zu zeigen, dass er nicht tun kann, was er getan hat.

Ich gehe um den Wagen herum zur Fahrertür, reiße sie auf und richte meine Waffe auf sie. »Aussteigen«, sage ich hart, packe mit der freien Hand ihren Arm und reiße sie aus dem Auto. Ich ignoriere ihre weit aufgerissenen Augen und zerre sie in das Scheinwerferlicht, dann stoße ich sie auf ihre Knie und richte die Waffe wieder auf sie. Meine Hände zittern. Meine Knie zittern. Mein Herz rast. Adrenalin peitscht durch meine Venen. Einen Menschen zu töten, löst die unterschiedlichsten Emotionen in mir aus. Beim ersten Mal habe ich gezittert, geheult und mich mehrmals davor und danach übergeben. Beim nächsten Mal hat sich mein Körper, jeder Muskel, jede Zelle angefühlt, als wäre ein Truck über mich hinweggerollt. Beim dritten Mal habe ich gar nichts gefühlt. Und jetzt? Jetzt brennt unbändige Wut auf mich, sie und ihren Vater in mir. Nein, ich will das hier nicht tun. Aber ich muss. Ich muss alles tun, um Sherwood dazu zu bringen, sich auf mich zu konzentrieren. Damit er keine Sekunde mehr an Sam denkt. Sherwood muss mich jagen.

Sie kniet vor mir, ihr Blick verfinstert sich, wird regelrecht hart und zornig. Sie wirkt, als hätte sie weniger Angst als ich in diesem Augenblick. Und das macht mich fertig.

»Schieß schon«, sagt sie herausfordernd, ihr Blick glüht vor Wut. Ich wusste, sie würde nicht flehen. In dem Punkt hat sie mich nicht enttäuscht. Aber diesen Mut, diese Stärke hätte ich nicht erwartet. Als wäre sie eine von uns. Was sie nicht ist. Weil es unmöglich ist.

Ich stehe da, die Waffe auf ihren Kopf gerichtet. Sie kniet, das Kinn stolz vorgereckt, blickt sie zu mir auf. In ihrem Blick nichts weiter als eisige Härte. Als würde sie das hier jeden Tag erleben und es könnte sie nicht mehr überraschen. Ich konzentriere mich auf das Blut auf dem Körper meiner Mutter und krame jede Einzelheit aus meinem Gedächtnis hervor: Ihre toten Augen, ihre zerrissene Kleidung. Ich rufe mir den Geruch von Blut und Erbrochenem zurück ins Gedächtnis und die Gefühle, die mich überwältigt haben, als ich sie so gefunden habe. Ihr Oberkörper war aufgerissen, ihre Gedärme herausgerissen, ihr Blick noch immer entsetzt. Ich konzentriere mich auf meine Wut und meinen Hass, den Schmerz, und versuche nicht, Ravens Gesicht zu sehen, sondern seins, auf das ich ziele.

»Worauf wartest du?«, schreit sie mich an. »Ich werde nicht betteln, vergiss es.« Sie spuckt mir vor die Füße.

Ihr Mut erschüttert mich. Und er nimmt mir die Luft zum Atmen. Zerreißt meine Wut regelrecht. Meine Hände zittern. Eigentlich tun sie das nie.

Mein Blick fällt auf das Grim Wolves Color auf der Innenseite meines Unterarms. Ich war einmal stolz, ein Teil des Clubs zu sein. Sherwood hat es zu einer großen Ehre gemacht, Mitglied in seinem MC zu sein. Und ich hatte mir nach drei Jahren als Vollstrecker seiner Urteile diese Ehre verdient. Ich hatte für ihn Abtrünnige gejagt und die getötet, die sich dem Clan und seinen Regeln nicht unterwerfen wollten. In den Augen der Abtrünnigen bin ich das größere Monster. Ein Verräter. Aber ich habe diese Aufgabe nie hinterfragt. Jeder Befehl meines Präsidenten war ein Befehl, dem ich gefolgt bin. So wurde ich ausgebildet.

Ich stelle mir vor, wie es sich anfühlen wird, Sherwood ein Foto von ihrer Leiche zu schicken. Aber diese Vorstellung fühlt sich nicht so an, wie ich erwartet hätte. Nicht, als könnte ich besser atmen, wenn ich sie erst getötet habe. Jetzt bin ich derjenige, der zweifelt. Und das alles wegen ihr. Ich wünschte, ich hätte sie sofort getötet, als ich sie zum ersten Mal in der Bar gesehen habe. Spätestens, als mir klar wurde, dass ihre Mutter nicht mehr auftauchen wird. Stattdessen habe ich zugelassen, dass sie mich ablenkt. Mich zögern lässt und sogar die Dunkelheit in mir anspricht.

Sie schnaubt abfällig, als ich die Waffe sinken lasse und steht auf. Ich stecke die Waffe weg, sie kommt auf mich zu und donnert mir eine recht beeindruckende Faust gegen mein Kinn. »War das jetzt ein Witz?«, will sie wissen und stapft an mir vorbei zum Auto. »Du kannst mich mal, ich fahr ohne dich weiter.«

»War es nicht«, sage ich und hole die Glock wieder hervor. Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt tue. Warum ich es mir anders überlegt habe. Ich weiß nur, ich kann sie nicht gehen lassen. Ich trete nah hinter sie, bevor sie einsteigen kann, und drücke ihren Körper mit meinem gegen den Pick-up. Der Lauf meiner Glock drückt gegen ihre Schläfe. Ich atme tief ihren süßen Geruch nach Frau ein. Was tut sie mit mir? Wieso kann ich sie nicht töten, obwohl ich nichts mehr will als das? Ich will meine Rache. Ihr Blut für das meiner Mutter. Ich will, dass Sherwood mich durch das ganze Land jagt, damit Will Zeit hat, Sam zu verstecken, wo Sherwood ihn niemals zwischen die Finger bekommen wird. Ich vergrabe meine Nase in ihrem Haar und treffe eine Entscheidung, die ich wahrscheinlich noch bereuen werde. Aber jede verdammte Zelle in meinem Körper verlangt danach, sie nah bei mir zu behalten. Ich muss sie gar nicht töten, um zu bekommen, was ich will. Sie muss nur bei mir bleiben. »Ich werde dich nicht töten, aber ich lasse dich auch nicht entkommen.«

»Fick dich«, flüstert sie mit zitternder Stimme abfällig.


»Fick dich«, stoße ich hervor. Meine Stimme zittert, aber nicht aus Angst, sondern vor Wut. Ich bin wütend auf ihn und wütend auf mich. »Was soll der Mist? Warum tust du das?«, fordere ich zu wissen und bin mir bewusst, dass ich ihn nur noch mehr provoziere, aber es ist mir egal, was sollte ich sonst tun? Wie sollte ich ihm sonst zeigen, dass nichts, was er tut, mich dazu bringen wird, ihn um mein Leben anzuflehen? Diese Genugtuung werde ich ihm nicht geben.

Sein heißer Atem trifft auf meine Wange, eine Hand liegt an meiner Kehle und mit der anderen drückt er seine Waffe gegen meine Schläfe. Sein Körper lehnt schwer gegen meinen. So nahe, dass ich sogar das heftige Trommeln seines Herzens spüren kann. Meins schlägt mindestens genauso schnell. Durch meinen Körper schießt Adrenalin. Ein beängstigendes und zugleich berauschendes Gefühl. Ich muss wahnsinnig sein, aber den dunklen Teil in mir spricht alles an dieser Situation an. »Steig in das Auto und rutsch rüber auf den Beifahrersitz«, knurrt er mich an. Er drückt den Lauf der Waffe noch fester gegen meine Schläfe, als wolle er mir damit verdeutlichen, wie ernst es ihm ist.

»Hast du mich nicht verstanden?«, fauche ich ihn an. Meine Hände liegen flach auf der Autotür. Wenn ich könnte, würde ich sie jetzt gern wie Krallen in das harte Material treiben, um meiner Wut irgendwie Ausdruck zu verleihen. »Ich habe ›Fick dich‹ gesagt.«

Er lacht düster hinter mir, löst seine Hand von meiner Kehle und tritt von mir weg. Seine freie Hand packt meinen Oberarm und zerrt mich von der geschlossenen Tür weg. »Aufmachen und einsteigen. Jetzt!«, brüllt er mich an. »Tu es, bevor ich die Geduld verliere, Kleine.«

Ich drehe mich zu ihm um und spucke ihm ins Gesicht, aber er zuckt nicht einmal mit der Wimper, stattdessen lacht er noch lauter. Sein Lachen scheint von überall um uns herum von den Bäumen zu hallen. »Bring es einfach hinter dich«, sage ich und kann nicht verbergen, dass meine Stimme meine Hoffnungslosigkeit widerspiegelt. Er steht vor mir, zwischen seinen Brauen hat sich eine Furche gebildet, so zornig ist er. Seine breiten Schultern heben und senken sich unter harten Atemzügen. Ich habe das Gefühl, er kämpft um jeden Funken Kontrolle, den er finden kann. Er senkt sogar seinen Blick und schließt für mehrere tiefe Atemzüge die Augen. Und doch kann ich ihm ins Gesicht blicken, weil er so viel größer ist als ich. Ich reiche ihm gerade einmal bis zur Brust. Ich bin ihm körperlich unterlegen. Was kann ich also tun?

Ich lege meine Hände an den Bund meiner Jeans und öffne den Knopf. Ich hebe trotzig meinen Blick und schlucke schwer, als Hitze sich durch meinen Körper frisst. Eigentlich wollte ich ihn mit dieser Geste provozieren, stattdessen erregt mich die Vorstellung, er könnte es wirklich tun. Mir die Kleidung vom Leib reißen und mich in den Dreck drücken. So wie Nick es häufig getan hat. Er hat mein Gesicht auf den dreckigen Boden seines Trailers gedrückt und mich dann zwischen Spritzen und leeren Flaschen gefickt, meine Hände gefesselt, in meinen Unterarmen und Schenkeln blutige Schnitte, die er oder ich selbst mir zugefügt haben, bis mein Körper so voller Adrenalin war, dass ich das Gefühl hatte, zu zerbersten. Nur wenn ich diesen Punkt erreiche, füllt sich die dunkle Leere in mir. Nur dann fühle ich wirklich. Ich schließe die Augen und kämpfe gegen die Bilder in meinem Kopf an. Das will ich eigentlich nicht. Ich hasse mich für diese Gedanken und Gefühle. Und ich hasse mich, dass ich jetzt in diesem Augenblick darüber nachdenke, es zuzulassen, dass ein Fremder all das mit mir tut. Jemand, der mit einer Waffe auf mich zielt. Auf gar keinen Fall. Das ist die Finsternis in mir, die das hier will. Aber wenn ich es zulasse, dann lässt er mich vielleicht gehen.

»Was zur Hölle machst du da?«, knurrt er und stößt mit der Waffe meine Hände von der Hose.

»Ich will es dir nur leichter machen, damit wir es schneller beenden können«, stoße ich aus. Denn genau das ist mein Plan: Ihm geben, was er will, damit er mich hoffentlich schnell wieder gehen lässt. Wenn ich mich nicht wehre, vielleicht sind dann meine Überlebenschancen viel größer. Ich reibe mir mit den Händen über meine fröstelnden Oberarme. Es ist nicht kalt, die Luft ist noch immer dick und warm, aber der Schock jagt mir Eis durch die Adern. Je länger wir hier stehen, desto mehr beginnt mein Körper zu zittern. Desto mehr weicht die Wut der Panik. Und das will ich nicht, weil ich dann schwach wäre. Und er soll nicht glauben, dass ich schwach bin.

»Ich werde dich nicht anfassen.«

»Was willst du dann von mir?«, fahre ich ihn an.

Ice zieht die Schultern bis zu seinen Ohren hoch und lässt sie wieder fallen. »Steig endlich in das verdammte Auto ein«, sagt er harsch, greift so schnell an mir vorbei, dass ich den Augenblick verpasse, in dem ich mit meinem Knie seine Hoden hätte erwischen können. Er reißt die Tür auf, packt mich brutal und zwingt mich in das Auto. Als ich auf dem Fahrersitz sitze, fällt mein Blick auf den Schlüssel, der noch immer im Zündschloss steckt und leicht hin und her schwingt. Ich zögere eine Sekunde zu lange, denn noch bevor ich meine Finger an den Schlüssel legen kann, hält Ice mir seine Waffe wieder an den Kopf. »Rüber«, befiehlt er mit hartem Tonfall.

»Du bist ein Arschloch«, stoße ich aus, rutsche aber auf den Beifahrersitz. Doch bevor ich nach drüben rutsche, greife ich hinter den Sitz, bekomme die Smith & Wesson zu fassen und zerre sie nach vorn. So schnell ich kann, richte ich mich auf, wende mich auf dem Beifahrersitz Ice zu und richte die Waffe auf ihn. Mein Finger liegt auf dem Abzug. Ich spüre den Druck des Stahls. Ich müsste nur etwas mehr Kraft ausüben. Mich nur überwinden, es zu tun. In meiner Vorstellung sehe ich es ganz deutlich, seine schreckgeweiteten Augen, das klaffende Loch in seiner Stirn.

Ich zögere nur einen Atemzug lang. Aber diese Zeit, in der mir durch den Kopf geht, wie es aussehen würde, wenn sein Gesicht vor meinen Augen explodieren würde, reicht ihm, um in das Auto zu steigen und sich auf mich zu werfen. Er bekommt den Lauf der Waffe zu fassen und richtet sie nach oben. Ein Schuss löst sich und hinterlässt ein walnussgroßes Loch in der Decke. Ich keuche auf, lasse zu, dass er mir die Waffe entreißt, und drücke meine Hände gegen meine Ohren, in denen der Knall klingelt.

»Die gehört Rage«, stellt Ice mit einem Blick auf das in den Griff geritzte R fest und setzt sich hinter das Lenkrad. Er verzieht das Gesicht und wirft die Waffe aus dem Fahrzeug. »Fuck! Fuck! Ich kann nicht fassen, dass du mich töten wolltest.«

Ich schnaube abfällig. »Du wolltest mich auch töten.«

»Aber ich hab es nicht getan.« Ice beugt sich zu mir rüber, packt mein Gesicht und drückt mir Daumen und Zeigefinger in die Wangen, bis ich zischend einatme vor Schmerz. Seine Augen wirken deutlich dunkler. »Tu das nie wieder.«

Erst als er den Motor startet und die Tür des Trucks zuzieht, spüre ich, wie sehr jeder Muskel in meinem Körper sich verkrampft hat und wie wenig handlungsfähig ich mich fühle. Aber ich kann ihn noch immer mit meinem Mundwerk provozieren. »Ich will wissen, was du mit mir vorhast.«

Ice steuert den Pick-up auf die Straße zurück. Er schnaubt, legt seine Pistole griffbereit zwischen seine Schenkel und hält das Auto nach nur wenigen Metern wieder an, um sich unter dem matten Licht der Lampe an der Decke im Cockpit umzusehen. »Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, was ich mit dir tun werde, aber es wird hoffentlich weder dir noch deinem Vater gefallen«, sagt er, dann beugt er sich zum Ablagefach hin und zieht einen Spanngurt hervor. »Deine Hände!«

»Vergiss es«, stoße ich entrüstet aus und rücke von ihm weg so weit ich kann. Er kennt Rage, meinen Onkel. Er kennt meinen Vater. Das alles hier ist kein Zufall. Als mir das bewusst wird, droht der Schock mich zu verschlingen. Mein Körper zittert unkontrolliert. Ich sitze nicht zufällig neben ihm im Auto. Er kam nicht zufällig in die Bar, in der ich gearbeitet habe. Er wollte mich wirklich töten.

Sein Blick verengt sich und so schnell wie eine Kobra schnappt er nach meinen Händen und zieht sie zu sich. Er umwickelt meine Handgelenke mit einem Ende des Gurts, das andere Ende wickelt er sich um seine Faust. »Zuerst solltest du wissen, dass es besser ist, wenn du tust, was ich dir sage, dann werden wir uns wahrscheinlich besser verstehen.«

Ich lache dumpf auf und verziehe das Gesicht. »Und was sollte ich noch wissen?«

»Dass ich normalerweise nicht zögere, wenn es darum geht, einen Menschen zu töten.« Seine Miene wird hart, dann legt er den Kopf schief, und in seinen Augen kann ich sehen, dass er jedes Wort ernst meint. Er sagt die Wahrheit, einen Menschen zu töten, bedeutet ihm eigentlich nichts.

»Und warum zögerst du jetzt?«, will ich bissig wissen. Ich habe nicht vor, ihm zu zeigen, wie angespannt ich bin. Und ich habe nicht vor, mich verunsichern zu lassen. Ich weiß nicht viel über Entführungen, aber ich weiß, dass es wohl das Klügste wäre, wenn ich versuche, einen klaren Kopf zu behalten. Denn ich werde mich nicht einfach fügen. Wie konnte ich in so eine Situation geraten? Es hätte mir klar sein müssen, dass mit diesem Arschloch etwas nicht stimmt. Warum habe ich nicht auf das überlaute Warnsignal in meinem Verstand gehört? Weil ein anderer Teil meines Körpers lauter gebrüllt hat. Der Teil, der mich immer wieder Dummheiten begehen lässt. Der dunkle Teil, der auf der Suche nach etwas ist, von dem ich nicht weiß, was es ist.

Ice reibt sich mit dem Daumen über den Unterarm. Ich hatte bisher keine Zeit, mir seine Tattoos genauer anzusehen, aber diese Bewegung lenkt meine Aufmerksamkeit auf etwas, das ich kenne, weil ich es schon bei zwei Männern gesehen habe. Rage und meinem Vater. Beide hatten dieses Symbol auf ihren Lederkutten, wenn sie uns besucht haben. Es ist das Zeichen eines Motorradclubs, das weiß ich, weil ich manchmal fernsehe. Ich unterdrücke jede Reaktion, weil ich nicht will, dass Ice mitbekommt, dass ich das Symbol erkannt habe. Hier geht es also um irgendwelche Streitereien unter Bikern und ich bin unverschuldet dazwischengeraten.

»Vielleicht ist mir klar geworden, dass du mir lebend mehr hilfst«, sagt er mit einem breiten Grinsen. »Vielleicht ist mir aber auch klar geworden, dass Rache sich so viel besser anfühlen könnte, wenn man sie länger auskosten kann. Ich könnte dich jetzt töten und würde mich ein paar Tage, vielleicht auch nur Stunden, besser fühlen. Oder ich behalte dich einfach eine Weile und genieße die Vorstellung, wie viel wütender es deinen Vater machen wird zu wissen, dass du bei mir bist.« Ice packt mein Kinn und zwingt mich, ihn anzusehen. »Du bist die Rache für das Arschloch, das meine Mutter umgebracht hat, Stiefschwesterchen.«

Ich schnappe heftig nach Luft und reiße mich los, dann rücke ich so weit, wie es möglich ist, von ihm ab. Ich mustere Ices Gesicht nachdenklich. Vielleicht hoffe ich, darin eine Lüge zu erkennen, aber alles, was ich sehe, ist Hass und Wut. Ich weiß, mein Vater ist zu Gewalt fähig. Ich weiß, er ist alles andere als ein Heiliger. Trotzdem werfe ich ihm vor, gelogen zu haben. »Das ist nicht wahr.«

»Was davon? Dass du meine Stiefschwester bist?« Er zwinkert mir zu. »Glaub es, meine Mutter war die Frau deines Vaters, bis er sie ermordet hat.« Ice lacht und schüttelt den Kopf. »Du bist die Tochter eines Frauenmörders.« Seine Stimme klingt dabei giftig, hasserfüllt. Als würde er diese Worte regelrecht vor meine Füße kotzen.

Ich schnaube abfällig, erschauere aber innerlich und spanne jeden Muskel in mir an, weil ich ihm glaube. Irgendwie. Dass es da eine andere Familie gibt, würde erklären, weswegen er nur so selten bei uns vorbeigeschaut hat. Wusste meine Mutter davon? Aber ich kann ihm nicht sagen, dass ich ihm glaube. Mein Vater ist kein guter Mensch. Er hat meine Mutter manchmal so grün und blau geschlagen, dass ich darüber nachgedacht habe, ihn mit Rages Waffe zu erschießen. Ich war keine acht Jahre alt, als der Gedanke mir zum ersten Mal kam. Ich habe seine Besuche gehasst und war froh, dass er nur so selten vorbeischaute. Anders als bei Rage, ihn mochte ich. Er war ruhig, freundlich, hat mit mir lange Wanderungen im Wald gemacht und mich gelehrt, die Natur zu lieben.

»Du hast noch vor fünf Minuten gestanden, dass du auch tötest, was macht dich also zu etwas Besserem?«

Er sieht mich an und zieht einen Mundwinkel hoch. »Nichts, Süße. Rein gar nichts.«

Schaudernd ziehe ich mich mehr auf meine Seite zurück. Ich drücke mich so eng an die Tür, dass ein Teil von mir hofft, sie würde aufspringen, aber das wird nicht passieren, weil Ice die Türen von innen verriegelt hat. »Du willst mich vielleicht nicht töten, aber ich verspreche dir, ich werde nicht noch einmal zögern«, fahre ich ihn an. In meinem Inneren rast Blut und Adrenalin durch meine Venen, so sehr, dass ich kaum atmen kann und mir ganz schwindlig ist. Aber meine Stimme klingt fest und entschlossen, was ihn zu beeindrucken scheint, denn er wirft mir einen interessierten, fast schon amüsierten Seitenblick zu.

»Du bist ganz schön tough, Süße«, sagt er mit einem dunklen Funkeln in den Augen. »Zuerst einmal bleibst du einfach bei mir. Und dann sehen wir weiter. Ich könnte dich noch immer töten. Vielleicht morgen.«

Ich starre hoffnungslos aus dem Fenster, in der Ferne tauchen die Lichter der nächsten Stadt auf, aber als wir an die Kreuzung kommen, biegt Ice rechts auf die einsame Straße ab, die gut zwanzig Meilen durch nichts als Wald und Äcker führt. Als ich das sehe, sinkt auch die letzte Hoffnung in mir, ich könnte vielleicht in der Stadt irgendwie auf mich aufmerksam machen.

»Was bringt es dir, wenn mein Vater nicht einmal weiß, dass du mich entführt hast, um dich zu rächen?«, frage ich ihn und muss schreien, um den harten Rock zu übertönen, den Ice im Radio eingestellt hat. Ich hinterfrage es nicht einmal, ob Ice mir die Wahrheit gesagt hat. Ich glaube ihm, dass mein Vater seine Mutter getötet hat. Es gab Situationen, da hat nicht viel gefehlt und er hätte meine auch getötet. Manchmal hat es ihn wütend gemacht, wenn er überraschend vorbeikam und sie high und betrunken war. Manchmal hat es ihn wütend gemacht, wenn sie so nervös war, dass sie sein Essen hat anbrennen lassen. Und manchmal hat sie auch gar nichts falsch gemacht. Was er nie getan hat, war mich zu schlagen. Aber wahrscheinlich hätte er mich dafür überhaupt erst mal beachten müssen. Das Einzige, was er mir jemals beigebracht hat, was ihm wichtig war: dass ich mich selbst schützen konnte, wenn er nicht da war.

Ice dreht das Radio leiser, sieht mich flüchtig an, dann zuckt er mit den Schultern. »Er wird es rausfinden, da bin ich mir sicher. Wann auch immer er wieder jemanden schickt, um nach dir zu sehen.«

»Ich lebe seit Monaten allein. Niemand war da, um nach mir zu sehen. Meine Mutter ist spurlos verschwunden, mein Vater war seit Jahren nicht mehr in Black Falls.«

»Sein Prospect war erst vor ein paar Wochen hier, sonst hätte ich dich gar nicht gefunden. Dein Vater hat dich also nicht vergessen. Er überwacht dich nur aus der Ferne.«

»Wieso sollte er das tun?«, will ich verwirrt wissen und bezweifle jedes Wort, das über seine Lippen kommt.

»Er macht sich eben Sorgen um dich, will aber nicht, dass jemand davon erfährt, dass es dich gibt. Er hat viele Feinde. Du bist seine Tochter. Es gibt einen Grund, warum er wegen dir unsere Gesetze missachtet hat.«

»Was für Gesetze?«

»Die, die deine Welt von unserer trennen.«

»Was ist das für eine Welt? Für Mörder und Vergewaltiger?«

»Die, in der er Kids dazu zwingt, für ihn zu arbeiten. Die, in der er mit meiner Mutter zusammen war und sie getötet hat. In der er Krieg gegen andere Clans führt und alles vernichtet, was ihm und seinen Zielen im Weg steht.« Ice knurrt diese Worte regelrecht und wirft mir einen hasserfüllten Blick zu. »Du weißt offensichtlich nichts über deinen Vater.«

Ich senke verlegen den Blick, als ich den Schmerz in Ices Augen sehe und ich diese tiefe Verletzung seiner Seele erkenne. Wahrscheinlich habe ich wirklich keine Ahnung, denn obwohl meine Mutter keinen Orden verdient hat, war sie doch auf ihre Art immer eine Mutter und mir ging es gut. Und Black Falls ist vielleicht die langweiligste Kleinstadt im ganzen Land, aber unser Leben dort war immer sicher. Ich schüttle mich, als mir klar wird, dass ich gerade einen Anflug von Mitleid mit meinem Entführer habe. Auf keinen Fall sollte ich solche Gefühle zulassen. Alles, was er von mir bekommen sollte, ist Hass und Zorn.

»Wir haben alle so unsere Probleme, aber das gibt dir nicht das Recht, mir das hier anzutun. Ich hab nichts mit dem zu tun, was er dir und deiner Familie angetan hat.«

»Was tue ich dir denn an? Du wolltest raus aus deinem Leben, ich helfe dir nur dabei«, schnaubt er, dann schaltet er das Radio an und dreht es so laut, dass klar ist, für ihn ist diese Unterhaltung beendet.

Ich drehe mich von ihm weg zur Tür hin, lehne meine Stirn wieder gegen die kühle Scheibe und erlaube es mir, in der Dunkelheit meinen Tränen freien Lauf zu lassen, während draußen Felder an uns vorbeihuschen, die in der Nacht kaum mehr als tiefschwarze Flächen sind, hin und wieder unterbrochen von kleinen Wäldern. Möglichst unauffällig versuche ich, den engen Strick um meine Handgelenke zu lockern und meine Hände aus den Schlingen zu befreien, aber je mehr ich mich darin winde, desto enger ziehen sich die Fesseln zusammen. Und als ich aufsehe und in das breit grinsende Gesicht meines Entführers blicke, gebe ich auf und lasse meine Hände kraftlos in meinen Schoß fallen.

Ich lehne mutlos den Kopf wieder gegen die Scheibe, und während ich meinen Tränen gestatte zu fließen, die Landschaft monoton an uns vorbeifliegt und ich darüber nachdenke, wie ich vor ihm fliehen kann, oder was mich am Ende dieser Reise erwarten könnte, kämpfe ich gegen die Müdigkeit, die mich befallen hat. Was ich auf gar keinen Fall tun darf, ist einschlafen. Die Kontrolle über das verlieren, was mit mir geschehen wird. Wenn ich überhaupt noch Kontrolle darüber habe. Aber der Gedanke einzuschlafen, macht mir noch mehr Angst. Er lässt mich befürchten, dass im Schlaf Dinge passieren könnten, die meine Situation noch verschlimmern könnten. Oder vielleicht könnte ich eine Möglichkeit zur Flucht verpassen. Oder ich könnte aufwachen und alles wäre nur noch grauenvoller als jetzt schon. Wenigstens weiß ich jetzt noch, wo ich mich befinde. Aber wenn ich einschlafe … Ich könnte wer weiß wo aufwachen.

3



Schon seit einiger Zeit kämpft Raven mit der eigenen Müdigkeit, wahrscheinlich hin und her gerissen zwischen ihrer Angst vor mir, dem, was ich mit ihr vorhaben könnte und dem Bedürfnis, die Augen zu schließen, in der Hoffnung, später aufzuwachen und alles war nur ein Traum. Mitleid mit einem Opfer kenne ich eigentlich nicht, aber bei ihr ist es anders. Was wohl daran liegt, dass ich noch nie längere Zeit mit einem Opfer verbracht habe. Bisher waren sie nichts weiter als ein Auftrag, den es zu erledigen galt. Sie ist die Erste, die kein Auftrag ist, sondern nur ein Mittel zur Befriedigung meiner Rache. Und sie ist die Erste, die nicht aus meiner Welt stammt und das alles nicht verdient hat. Ich bin ein Jäger, ausgebildet zu jagen. Aber dabei geht es nur um Abtrünnige. Mit alldem hat sie nichts zu tun.

Ich stöhne innerlich, als ich an die Szene vorhin im Wald denken muss. Diese zierliche Frau war so mutig, trotzig und selbstbewusst. Stärker als mancher Abtrünniger, der vor mir in den Ketten gehangen hat und aus dem ich stundenlang Informationen gefoltert habe. Sie hat mich zornig gemacht. Und sie hat mich erregt. Ihren Körper an meinem zu spüren, ihre heftige Atmung und ihre Wärme zu fühlen, hat mich fast die Kontrolle verlieren lassen. Ich habe mit mir selbst gekämpft. Ich war so nahe dran, meine dunkle Seite rauszulassen.

Wir sind jetzt schon etwas länger als zwei Stunden unterwegs. Sie seufzt leise, als ich um eine Kurve fahre und ein Auto uns entgegenkommt, dessen Lichter durch das Innere des Pick-ups huschen. Ihre Augen öffnen sich, sie sieht mich an, für den Bruchteil einer Sekunde verwirrt, doch dann fällt ihr wohl ein, wo sie sich befindet und ihr Blick verfinstert sich. Sie richtet sich auf, drückt sich mit dem Rücken gegen die Autotür und presst trotzig die Lippen aufeinander. Mir gefällt das Funkeln in ihrem Blick, der Zorn, den sie gegen mich richtet. Die Vorstellung, wie es wäre, diese Wut in eine viel heißere Richtung umzulenken, macht mich wahnsinnig vor Verlangen. Und dann diese Lippen. Obwohl sie sie zusammenpresst, sind sie noch immer voll und sehen weich und verführerisch aus. Als wären sie geschaffen, um erobert zu werden. In meinem Kopf sehe ich mir selbst dabei zu, wie ich über diese volle Unterlippe lecke, bevor ich sie zwischen meine Zähne nehme und sanft beiße. Eigentlich bin ich nicht so. Meine Gedanken schockieren mich selbst, aber irgendetwas hat sie an sich, das mich nicht loslässt und aus mir jemanden macht, der ich nicht sein will. Dafür verabscheue ich mich. Dabei habe ich schon viel schlimmere Dinge getan, als anzügliche Gedanken über eine Frau zu haben.

»Wo sind wir?«, will sie harsch wissen.

Ich blinzle verwirrt. »Mitten am Arsch der Welt, würde ich sagen.« Ich muss mich mehr auf die Straße konzentrieren, auch wenn es hier meilenweit nur geradeaus geht, das Auto hält sich nicht von allein auf der Straße. Ich grinse, als sie das Gesicht verzieht. Und ich grinse noch einmal, als ihr Blick auf die Pistole fällt, die auf meinen Oberschenkeln liegt. »Das wird nichts, Süße«, sage ich bestimmt.

»Ich habe gar nicht daran gedacht«, antwortet sie düster.

»Wenn du nicht daran gedacht hättest, wüsstest du nicht, wovon ich eben geredet habe«, werfe ich grinsend ein und ernte wieder nur ein abfälliges Schnauben. Irgendwie finde ich es sexy, wenn sie das tut, weswegen es bei mir die Wirkung, die sie sich erhofft, völlig verfehlt. Ganz im Gegenteil.

Ein paar Meter vor uns taucht ein Schild im Scheinwerferlicht auf, das ein Motel bewirbt. »Was hältst du von einem Motel mitten am Arsch der Welt?«, frage ich sie, obwohl mich ihre Meinung nicht interessiert. Ich brauche eine Pause und sie braucht sie auch. Der Weg, der vor uns liegt ist noch weit, und irgendwie will ich nicht, dass sie völlig erschöpft die ganze Nacht neben mir im Auto sitzen muss, nachdem sie den gesamten Abend in der Bar bedient hat. Ich weiß nicht, warum ich überhaupt darüber nachdenke, ob es ihr gut geht oder nicht. Es sollte mich nicht interessieren.

»Vielleicht habe ich ja Glück und ein Serienmörderpärchen betreibt es. Dann überleben wir die Nacht beide nicht.«

Ich lache und wiege den Kopf gespielt nachdenklich hin und her. »Oder du hast Pech und es sind Freunde von mir.«

Sie lacht. »Das wäre kein Pech. Solange ich diese Scheiße nur endlich hinter mir habe.«

Ohne zu antworten, biege ich auf den Parkplatz des Motels ein. Weder der Parkplatz noch das Motel machen einen vertrauenserweckenden Eindruck. Die Gäste scheinen zumeist Trucker zu sein. Im Moment stehen zwei große Zugmaschinen und ein Transporter auf dem Parkplatz. Vor dem Eingang zum Check-in stehen zwei ältere Kleinwagen und ein Pick-up. Ich fahre den Wagen bis direkt vor die Tür des Schalters. Durch die Glasscheiben kann ich eine ältere Dame sehen, die wahrscheinlich schon zu viele Jahre hier verbracht hat, denn ihr Gesichtsausdruck ist eine Mischung aus Langeweile und Resignation. Als die Scheinwerfer unseres Pick-ups sie blenden, verzieht sie wütend das Gesicht. In dem kleinen Fernseher hinter ihr läuft irgendeine mexikanische Soap, wahrscheinlich stören wir sie gerade dabei.

»Das Ganze läuft so«, beginne ich und sehe Raven ernst an. »Du gehst dort rein. Du nimmst ein Zimmer für eine Nacht für zwei Personen. Du sprichst nur das Nötigste mit ihr. Sollte ich den Verdacht bekommen, dass du ihr irgendetwas verrätst, du sie um Hilfe bittest oder sonst etwas tust, das mich in Gefahr bringen könnte, dann werde ich die alte Dame durch die Scheibe hindurch erschießen. Ist das klar?«

»Ist es nicht«, sagt sie mit zusammengekniffenen Augen. »Warum gehst du nicht rein?«

Ich lache leise auf, zerre ruckartig an ihren Fesseln und ziehe sie dadurch mit dem Gesicht fast bis auf meinen Schoß. Leise zischend packe ich mit einer Hand ihren Nacken und drücke hart zu. Sie wehrt sich gegen mich, aber als ich noch fester zudrücke, gibt sie ihren Widerstand auf und wimmert leise. »Ich gehe nicht, damit du keine Dummheiten machen kannst, während ich dort drin mit der Dame rede. Von hier aus kann ich euch beide viel besser erschießen«, flüstere ich drohend. Ich ziehe sie an ihrem Hals hoch und lege einen Finger unter ihr Kinn. Die Alte beobachtet uns von drinnen, deswegen setze ich ein sanftes Lächeln auf. »Und jetzt gehst du dort rein und erledigst, was ich verlangt habe. Und denk immer dran, wenn du einen Fehler begehst, bist du schuld am Tod der netten Granny.« Ich löse ihre Fesseln und drücke ihr ein paar Dollar in die Hand. Es stört mich, so grob zu ihr zu sein, was eine völlig neue Erfahrung für mich ist, deswegen rufe ich mir in Erinnerung, dass ich das hier tun muss, wenn ich Sams Leben retten will. Es gibt einfach keinen anderen Weg, als dieses Mädchen als Druckmittel zu benutzen.

»Ich hasse dich«, spuckt sie mir regelrecht entgegen.

»Interessiert mich nicht«, antworte ich trocken. »Im Augenblick interessiert mich nur eine Dusche, ein Abendessen und ein Bett.«

Sie sieht sich überrascht um, dann entdeckt sie das schäbige Diner auf der anderen Seite des Parkplatzes. »Wir essen hier?«, hakt sie verwundert nach. Wahrscheinlich hat sie gerade etwas Hoffnung geschöpft. In ihrem Kopf rattern die Zahnräder und sie malt sich aus, wie sie sich im Diner Hilfe holen könnte. Vielleicht ein Besuch auf der Toilette, ein Zeichen, das sie der Bedienung sendet. Diese Hoffnung will ich ihr nicht nehmen, also antworte ich ihr nicht, sondern greife einfach über sie hinweg, öffne die Tür und schiebe sie mit Nachdruck nach draußen.

»Vergiss nicht, dass meine Waffe geladen ist«, erinnere ich sie, als sie vor dem Truck steht und zu mir rein sieht.

»Wie könnte ich?«, gibt sie schnippisch zurück, dann geht sie langsam los, dreht sich an der Tür zum Check-in noch einmal um und streckt mir ihre süße, freche rosa Zunge heraus. Ich kann mir das Grinsen nicht verkneifen. Die Kleine hat etwas an sich, das mir gefällt. Mehr als mir lieb ist. Und mit jeder Sekunde in ihrer Nähe wird mir klarer, dass ich sie hätte töten sollen, als ich die Chance dazu hatte. Denn ich weiß nicht, wieso, aber je mehr Zeit ich mit ihr verbringe, je mehr ich über sie nachdenke und unseren kleinen Krieg genieße, desto enger zieht sich das Lasso um meine Brust zusammen, das sie nach mir ausgeworfen hat. Und ich habe noch immer keine verfickte Ahnung, was ich mit ihr anstellen soll.

Als ich nach Mutters Tod mit Sam von der Farm geflohen bin, hatte ich nur einen Gedanken: Rache. Egal was es kostet. Ich wollte Sherwood tot sehen. Und Sherwood wollte Sam tot sehen. Er hatte Sam eine Chance geben wollen, indem er unsere Mutter statt ihn getötet hat. Aber Sam wollte diese Strafe nicht akzeptieren und hat Sherwood vor all seinen Männern angegriffen. Dafür gab es nur eine Konsequenz: Sams Tod. Also habe ich Sherwood angeboten, mich ihm zu stellen. Ich habe Sherwood herausgefordert und er hat abgelehnt und Sam in eine der Zellen gesperrt, wo er auf seine Hinrichtung warten sollte. Ich hatte keine andere Wahl, als mit meinem Bruder zu fliehen. Seit Wochen hatte ich nur einen Gedanken im Kopf: Sherwood töten, damit Sam überleben kann und ich den sinnlosen Tod unserer Mutter rächen konnte. Und jetzt stehe ich hier und habe die Orientierung verloren, wegen eines Mädchens. Wegen Sherwoods Tochter. »Jetzt verschwinde endlich und tu, was ich dir sage«, befehle ich ihr harsch. Meine Geduld ist am Ende. Mit mir. Mit ihr. Mit Sherwood.


Ich werfe die Tür des Pick-ups mit so viel Kraft zu, wie ich aufbringen kann. Der dumpfe Knall schallt über den fast leeren Parkplatz und wird von den in einem U stehenden flachen Gebäuden zu mir zurückgeworfen. Dieses Motel sieht von außen so heruntergekommen aus, dass ich mich davor fürchte, herauszufinden, wie die Zimmer aussehen. Als ich meine Flucht aus Black Falls geplant habe, habe ich nicht einmal daran gedacht, in solchen Motels zu schlafen, weil ich sie mir ohnehin nicht hätte leisten können, bis ich irgendwo einen Job gefunden hätte. Egal wie heruntergekommen sie auch gewesen wären. Ich wollte möglichst wenig Geld ausgeben, um länger hinzukommen.

Mein Plan war es gewesen, irgendwo weit weg von allen anderen Menschen auf der Ladefläche meines Pick-ups zu schlafen und in Raststätten zu duschen oder mich wenigstens zu waschen. Und jetzt stehe ich hier und denke über diese Sachen nach, obwohl all das völlig egal sein sollte, denn die Möglichkeit ist groß, dass meine Pläne nie in Erfüllung gehen werden. Ich bin entführt worden. Von einem Mann, der zugibt, Menschen zu töten. Und ich stehe mitten auf diesem Parkplatz und trauere meinen schönen Plänen nach. Das ist so unfassbar dumm von mir, dass ich laut stöhnen und mich selbst ohrfeigen möchte. Ich drehe mich an der Tür zu ihm um und strecke ihm die Zunge raus. Kindisch, ich weiß, aber das ist mir egal. Ich muss dem brodelnden Zorn in mir auf irgendeine Weise Luft machen, sonst springt mein Herz mir noch aus der Brust.

Ich sollte lieber daran arbeiten, diesem Arschloch zu entkommen. Und alles zurücklassen, was ich noch besitze? Das Auto, meine Tasche mit dem Geld? Wohin will ich dann noch gehen? Welchen Nationalpark noch durchwandern? Ich fahre mir durch die Haare und ärgere mich schon wieder über mich. Natürlich sollte ich alles zurücklassen. Die Hauptsache ist doch, dass ich meinen eigenen Arsch rette. Ich sehe mich auf dem Parkplatz um, aber es ist niemand hier, in dessen Arme ich mich retten könnte. Die meisten sitzen in dem Diner, ich kann sie durch die Scheiben hindurch sehen. Vier Männer und die Bedienung, die in diesem Augenblick einem Mann mit Basecap einen Teller vor die Nase stellt. Mein Magen knurrt laut, als ich sie dabei beobachte. Ich hatte geplant, auf meiner Reise nur morgens etwas zu essen, um Geld zu sparen. Ich wäre jetzt also hungrig schlafen gegangen. Aber das hätte mir nichts ausgemacht, meine Mutter hat selten daran gedacht, dass ein Kind auch essen muss. Was sie nie vergessen hat, war der nächste Schuss und der nächste Fick, der ihren Schuss finanzieren würde.

»Willst du dort noch lange rumstehen?« Seine Stimme direkt über meinem Kopf lässt mich zusammenzucken. Er hat das Fenster heruntergelassen und beugt sich nach draußen, in der Hand die Pistole, deren Lauf sich auf mich richtet. »Ich muss nur abdrücken, den Motor starten und bin weg. Und niemand wird jemals herausfinden, wer dich mitten in der Nacht auf einem Parkplatz vor einem Scheißmotel abgeknallt hat.«

»Die Kamera wird es wissen«, sage ich bissig und deute auf eine Kamera über der Eingangstür, die sich leise surrend in Richtung des Pick-ups bewegt.

»Gutes Argument, aber hast du die Bilder mal gesehen, die die machen? Nicht einmal meine Mutter hätte mich darauf erkannt.« Er grinst mich so breit an, dass ich seine Zähne im Licht der Beleuchtung aufblitzen sehen kann. »Los jetzt, ein Zimmer. Und wehe, du versuchst was.«

Meine Muskeln verspannen sich, als ich der eiskalten Härte in seinem Gesicht begegne. Ich will auf keinen Fall daran schuld sein, wenn heute Nacht Menschen sterben müssen. Ich käme vielleicht damit klar, wenn ich sterben müsste. Aber ich möchte nicht schuld am Tod anderer sein. Ich wende mich dem Check-in zu. Die Frau hinter dem Tresen konzentriert sich längst wieder auf ihren Fernseher. Wahrscheinlich fragt sie sich nicht einmal, warum ich so lange hier draußen herumstehe.

Es kostet mich einiges an Überwindung, den ersten Schritt zu machen, meinen Fuß vom Boden zu lösen und meine steifen Muskeln zu bewegen. Aber das dunkle Knurren, das aus dem Hals von Ice grollt, bringt mich doch dazu, endlich loszugehen. Welcher normale Mensch knurrt wie ein Hund? Aber Ice ist ja auch kein Mensch, er ist ein Entführer. Vielleicht sogar ein Mörder, wenn stimmt, was er sagt. Und ich glaube ihm nur zu gern, denn er strahlt manchmal so eine Kälte aus, die sich mir bis in die Knochen frisst. Eine Kälte, die jemand, der höchstens Mitte zwanzig ist, nicht haben dürfte. Ich öffne die Tür zu dem kleinen Raum, der fast komplett von einem abgewirtschafteten Tresen eingenommen wird. Über meinem Kopf ertönt das leise Klingeln einer Glocke. Die ältere Dame schaut missbilligend zu mir, steht von ihrem Stuhl auf und sieht mich abwartend an.

Ich öffne den Mund und ringe mit mir, ein Teil möchte so gerne das Wort ›Hilfe‹ herausschreien, aber der andere hat Angst vor dem, was Ice der Frau dann antun könnte, also gehe ich mit unsicheren Schritten zum Tresen und kämpfe mit dem Kloß in meiner Kehle, weil ich keinen Zweifel habe, dass Ice sie töten würde. Immerhin gucke ich Fernsehen und mache mir nicht allzu viel vor über Motorradgangs.

»Ein Zimmer für zwei«, sage ich heiser, obwohl alles in mir mich drängt, loszulaufen und mich in Sicherheit zu bringen. Direkt neben ihr steht ein altes Telefon, dessen Tasten mich regelrecht anschreien, die 911 zu tippen. Meine Finger zucken und mein Körper fühlt sich so sehr von diesem Telefon angezogen, dass alles in mir vibriert. Aber der Bann wird unterbrochen, als die Frau sich vernehmlich räuspert.

»Für wie lange?«, will sie genervt wissen. »Du musst schon mit mir reden, Mädchen.«

Ich blinzle verwirrt. »Eine Nacht, nur eine Nacht.«

Sie beugt sich über ihre Tastatur. »Ich nehme an, du bist volljährig? Wenn nicht, zahlst du bar«, murmelt sie dem Monitor zu, dessen blaues Licht sie ganz blass erscheinen lässt.

»Bar«, sage ich eilig, werfe einen Blick nach draußen, wo ich Ice als dunklen Schatten vor der Tür stehen sehen kann. Er starrt hier rein und wartet nur darauf, dass ich einen Fehler begehe. Ich sehe die Frau wieder an, die mir ihre Hand entgegenstreckt.

»Dein Name und das Geld«, sagt sie.

Für eine Sekunde erwäge ich, ihr einen falschen Namen zu nennen, offensichtlich verlangt sie keinen Ausweis von mir. Aber wen will ich damit schützen? Ice? Nein, sollte er mir etwas antun, dann könnte mein richtiger Name ein nützlicher Hinweis für die Polizei sein. Ich sage ihr, wie ich heiße und sie nickt nur, hält weiter ihre Hand in meine Richtung, also gebe ich ihr etwas Geld, sie zählt es nicht ab, obwohl ich mir sicher bin, dass ich zu viel gezahlt habe. Stattdessen steckt sie alles in die Kasse und gibt mir den Schlüssel.

»Die 14«, erklärt sie, dann wendet sie sich ab und setzt sich wieder auf ihren Stuhl vor den TV. »Das Diner hat 24 Stunden auf.«

Ich starre sie mehrere Sekunden lang an und überlege, welches unauffällige Zeichen ihr klarmachen könnte, dass ich in Schwierigkeiten stecke. Ich versuche abzuwägen, wie hoch das Risiko ist, dass Ice seine Drohung wahr macht. Mein Puls rast, während ich darüber nachdenke, aber am Ende lasse ich die Schultern sinken und wende mich ab. Ich könnte nicht mit dem Gedanken leben, schuld am Tod eines Menschen zu sein. »Danke«, bringe ich mühsam heraus, warte, ob sie mich noch einmal ansieht, so als kleines Zeichen vom Schicksal, aber da reißt Ice schon die Tür von außen auf.

»Kommst du, Schatz?«, fragt er mit zuckersüßer Stimme und grinst mich diabolisch an. Seine hellen Augen funkeln im Neonlicht über der Tür.

Ich wende mich noch einmal der Dame zu, die nicht einmal aufgeblickt hat, als die Türglocke Ice angekündigt hat. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass er mit dem Kopf schüttelt, also atme ich tief ein, setze ein Lächeln auf und gehe auf ihn zu. »Aber sicher, Schatz«, sage ich und wackle mit dem Hotelschlüssel, als wäre er die bedeutendste Errungenschaft in meinem Leben.

Ice legt eine Hand auf meinen Rücken, dann bugsiert er mich zurück zum Pick-up, zwingt mich in den Wagen und wirft mit wutverzerrtem Gesicht die Tür zu. Sein Blick ist noch wütender, als er auf der Fahrerseite einsteigt. »Du solltest mich nicht dazu bringen, etwas zu tun, das du später bereust.« Er startet den Pick-up, ohne mich anzusehen, aber das zornige Schnauben, das er ausstößt, genügt mir, um mich ängstlich in meine Ecke zurückzuziehen. »Zimmernummer?«

»14«, sage ich leise und umklammere den Schlüssel, als wolle ich ihn als Waffe benutzen. Aber das würde ich nicht wagen. Zu versuchen, ihn mit so einer ungeeigneten Waffe zu besiegen, wäre ein dummer Fehler. Und ich bin nicht dumm. Ich weiß sehr gut, dass ich ihm körperlich unterlegen bin. Ich kann ihm nur entkommen, wenn ich ihn überrasche. Ich muss ihn kalt erwischen. Wenn ich überhaupt eine Chance haben will, dann muss ich Geduld haben und clever sein. Cleverer als er.

Ice fährt den Wagen über den Parkplatz und hält vor der 14. Ich rolle innerlich die Augen, als ich sehe, dass die 14 zwischen der 12 und der 15 liegt. Eigentlich ist die 14 also die 13. Wie passend für mich. Glauben die Leute wirklich, wenn sie die 13 auslassen, dadurch das Böse vielleicht davon abzuhalten, das Zimmer 13 zu finden? Das Böse ist bestimmt nicht zu dumm zum Zählen. Mein Entführer und ich werden die Nacht also in Zimmer 13 verbringen. Vielleicht findet die ältere Dame dort morgen früh eine Leiche. Vorzugsweise nicht meine.

4



Für einen Moment war ich davon überzeugt, sie würde versuchen, der Frau am Empfang einen Hinweis zu geben. Ihr zuflüstern, dass sie entführt wurde und Hilfe braucht. Ihr unsicherer Blick war immer wieder in meine Richtung gezuckt, als wollte sie sichergehen, dass ich nicht bemerken würde, wenn sie der Frau etwas zuraunt. Nur deswegen habe ich mich nahe an die Tür gestellt, damit sie gewarnt ist, denn ich hätte die Frau getötet. Ihr Leben hätte mir nichts bedeutet. Ich hätte nicht einmal darüber nachgedacht, wen sie hinterlassen hätte. Es wäre mir egal gewesen. Denn genau dafür wurde ich ausgebildet, zu tun, was nötig ist, um mich und meinen Auftrag zu schützen. Ich habe bisher nur ein einziges Mal nicht getan, was nötig war, als ich Raven am Leben gelassen habe.

»Es war gut, dass du es dir noch einmal überlegt hast«, sage ich und folge ihr zum Zimmer Nummer 14. Die Tür sieht so heruntergekommen und dreckig aus wie der Rest des Gebäudes. Wahrscheinlich sieht das Zimmer genauso aus, aber das macht mir nichts aus. Ich bin es gewohnt, im Dreck zu leben. Ich habe nie etwas anderes als das gehabt. Motels, Scheunen, den Waldboden. Je nach Auftrag musste ich mich manchmal mehrere Wochen an die Fährte eines Abtrünnigen hängen. Und viele von ihnen leben versteckt im Untergrund, in Höhlen, Zelten oder Abrisshäusern. Und wenn ich sie gejagt habe, war ich oft gezwungen, mich ihnen anzupassen, um herauszufinden, ob dort, wo sie herkommen, vielleicht noch mehr von ihnen leben.

Sie schaut über die Schulter zurück und zuckt nur mit den Achseln. »Soll ich dir danken, dass du sie nicht umgebracht hast?«, stößt sie düster aus und tritt zur Seite, damit ich die Tür aufschließen kann.

Ich lege grob eine Hand um ihren Nacken, drücke den Daumen gegen ihren Kiefer und sehe ihr fest in die traurigen Augen. »Du solltest mir danken, dass ich dich noch nicht umgebracht habe.« Langsam beuge ich mich zu ihr nach unten und vergrabe meine Nase in ihrem Haar. Es ist schwarz, aber nicht so schwarz wie meins. Eher eine Mischung aus Mitternachtsschwarz und dunkler Schokolade. Je nachdem, wie das Licht darauf scheint. Ich atme tief ein, laut genug, damit sie hört, was ich da tue, und kann ein Grinsen nicht unterdrücken, als sich ein Zittern durch ihren Körper arbeitet. Ich stelle mir vor, dieses Zittern wurde durch meine Nähe ausgelöst und nicht aufgrund ihrer Angst vor mir. Danach lasse ich sie so abrupt los, als hätte ich mich an ihr verbrannt, öffne die Tür und stoße sie grob in das Zimmer. Je mehr Zeit ich mit ihr verbringe, desto mehr spricht ihr Duft mich an. Es erregt mich, wie sie riecht. Es löst ein Zerren in mir aus, wie ich es noch bei keiner anderen Frau erlebt habe. Aber mit den meisten Frauen verbringe ich auch nicht so viel Zeit wie mit ihr. Weil es für jemanden wie mich keinen Grund dafür gibt. Ich nehme mir von einer Frau, was ich brauche, und vergesse sie danach. Mehr Zeit in eine Frau zu investieren macht für uns einfach keinen Sinn.

Noch bevor ich das Licht anschalte, verschließe ich die Tür wieder hinter mir. Das Zimmer ist definitiv so schäbig, wie ich gedacht habe. Im Raum stehen zwei einzelne Betten, auf denen hässliche kaffeebraune Tagesdecken liegen. Die moosgrüne Tapete an den Wänden war in den 70ern mal modern. Und so alt wie die Tapete ist auch der kleine Fernseher und die Kommode an der Wand.

»Nun mach schon«, dränge ich sie weiter in das Zimmer, als sie keine Anstalten macht, von der Tür wegzutreten.

Sie wendet sich abrupt zu mir um und sieht mich flehend an. »Wirklich, was auch immer mein Vater angestellt hat, ich kann nichts dafür. Lass mich gehen.«

Ich schüttle den Kopf und dränge sie mit meinem Körper so lange rückwärts, bis sie mit ihrem Hintern auf dem zweiten Bett landet. »Das geht nicht. Aber ich verspreche dir, wenn ich es könnte, dann würde ich es tun.« Ich lächle sie breit an und fühle mich erregt von der Hitze ihres Körpers, ihren weit aufgerissenen Augen und dem direkten Blick auf ihren Mund, den ich habe, wenn ich auf sie herabsehe. Sie spürt meinen Blick und leckt sich über die Lippen. Als sie bemerkt, was sie da tut, presst sie die Lippen fest aufeinander und wendet den Blick ab.

Ich packe ihre Handgelenke und zerre Raven über die Matratze zum Kopfende, um sie dort an den Metallstreben festzubinden. Ich lasse meinen Blick über ihre gefesselten Hände gleiten, ihren Körper, der wie dahingestreckt auf dem Bett vor mir liegt, und schlucke schwer bei dem Anblick. Sie liegt da wie ein Geschenk, nach dem ich nur greifen muss. Das nur darauf wartet, von mir verschlungen zu werden. Ich lasse mir Zeit damit, ihren Körper zu studieren, einfach, um sie zu provozieren. Es gefällt mir, sie zu verärgern. Und ihr Körper gefällt mir auch. Sie ist schlank, sportlich, mit sanften Rundungen. Ihr Bauch ist flach und ihre Oberschenkel muskulös. »Cheerleader«, kommentiere ich abfällig.

»Geht dich einen Dreck an, aber nein, Läuferin«, sagt sie und zerrt an ihren Fesseln. »Wollten wir nicht essen?«

»Du läufst also gern? Staffel? Kurzstrecke?«, hake ich weiter nach. Sie hat etwas an sich, das meine Neugier schürt. Ich will mehr über sie wissen und kann mir nicht einmal erklären, warum. Warum sollten mich ihre Hobbys interessieren? Warum will ich wissen, was sie denkt, wenn ich sie ansehe? Was fühlt sie, wenn ich meine Hand nach ihr ausstrecke und sie berühre? Warum will ich überhaupt etwas über sie wissen? Ich schiebe die Gedanken weg, wahrscheinlich stehe ich nur hier, um sie immer weiter zu provozieren, weil ich eine perfide Freude daran habe, wie sich ihr Puls beschleunigt, ihre Wangen verfärben und sie vor Wut hektischer atmet.

»Ich steh nicht so auf Gruppenaktivitäten. Ich laufe für mich allein.«

Ich bohre einen Finger in ihren Oberschenkelmuskel, der sich unter dem Stoff der knielangen Hose abzeichnet, und ziehe eine Augenbraue hoch. »Sieht mir nach mehr als nur Laufen aus.«

»Ich wandere manchmal auch. Reden wir jetzt ernsthaft über meine Hobbys?«, blafft sie mich an. »Wir wollten essen gehen.«

Ich setze mein breitestes Grinsen auf, um ihr zu zeigen, dass ich sie durchschaut habe. Sie will nicht essen, sie hofft auf eine Möglichkeit zu entkommen. »Ich wollte essen, du bleibst schön hier.« Ich wickle das rote Bandana von meinem Handgelenk und mache einen Knoten in die Mitte, den ich ihr zwischen die Lippen schiebe.

»Nein«, keucht sie auf und wehrt sich dagegen, dass ich ihr einen Knebel um den Kopf binde. Mir macht das hier auch keinen Spaß, aber ich darf kein Risiko eingehen, weil ich sie brauche. Vielleicht benutze ich sie einfach als Schutzschild, sollte Sherwood mich jemals finden. Und ich bin mir sicher, er wird mich irgendwann finden. Und dann wird er mich töten und nach Sam suchen. Aber bis dahin hat Will ihn hoffentlich weit weggebracht. Ich habe Raven nicht getötet, so wie es geplant war. Aber ich kann sie wenigstens benutzen, um unsere Freiheit auszuhandeln. Ich kann sie bei mir behalten und mich an dem Gedanken erfreuen, wie sehr es Sherwood quälen wird, nicht zu wissen, was mit seiner Tochter geschehen ist. Ich kann sie als Köder benutzen und ihn mit ihrer Hilfe zwingen, mich statt Sam zu jagen. Ich könnte so viel tun, woran ich bis vor wenigen Stunden noch nicht einmal gedacht habe. Das macht sie. Sie löst das in mir aus und lässt mich tausend Gründe erfinden, warum ich sie noch immer bei mir habe.

Raven beginnt sich noch heftiger zu wehren, sie tritt nach mir aus, während ich verzweifelt versuche, einen Knoten an ihrem Hinterkopf zu knüpfen. Als mir die Enden des Tuchs immer wieder entgleiten und ihr Fuß beinahe meine empfindlichste Stelle trifft, reicht es mir. Ich werfe mich auf sie und fixiere sie so unter meinem Körper. Ihre weit aufgerissenen Augen zeigen mir deutlich, wie sehr ich sie damit erschrecke. Damit hat sie nicht gerechnet. Ich auch nicht. Ihr Geruch steigt mir in die Nase, dunkel und erregend. Etwas, das mich anspricht und an mir zerrt. Ich vergrabe die Nase in ihrem Haar und atme ein. Ihr Duft weckt Verlangen nach ihr in mir. Raven hat eine verwirrende Wirkung auf mich. Intensiv.

Sie wird plötzlich ganz steif und hört auf, sich zu winden. Einige Sekunden lang kann ich nichts außer ihre Kurven unter mir spüren. Und ich weiß nicht, ob ich genieße oder verabscheue, was ich fühle. Aber ich fühle viel mehr als ich möchte. Und sie spürt die Reaktion meines Körpers, denn ihre Augen werden noch größer und ein leises Wimmern dringt durch den Stoff des Bandanas.

So schnell es mir möglich ist, klettere ich von ihrem Körper. »Glaubst du wirklich, ich könnte dir so etwas antun?«, frage ich sie, noch bevor mir klar wird, dass sie genau das denken muss und wie blöd meine Frage ist. Ich töte Menschen, habe ihr damit sogar gedroht, natürlich glaubt sie, dass ich sie auch vergewaltigen würde. Ich fahre mir frustriert durch die Haare und murmle eine Entschuldigung, was genauso bescheuert ist, wie anzunehmen, dass sie keine Angst davor hat, ich könnte sie vergewaltigen. Ich habe sie entführt, dafür gibt es keine Entschuldigung, auch nicht dafür, dass ich sie ständig mit dem Tod bedrohe.

»Ich gehe jetzt unter die Dusche, danach besorge ich uns etwas zu essen«, sage ich, reiße mir mein Shirt vom Körper und lasse es auf den Boden fallen.

Unter der Dusche lasse ich das Wasser kalt über meinen Körper fließen. Nicht, um mich herunterzukühlen, sondern weil ich immer kalt dusche. Weil ich das schon als Kind so beigebracht bekommen habe. Sherwood hat uns mit eiskaltem Wasser abgeduscht, um »aus kleinen Weicheiern echte Soldaten zu machen«. Es ist wie ein innerer Zwang, an einigen Dingen festzuhalten, die er uns eingetrichtert hat. Sie sitzen in meinem Kopf, haben sich dort eingenistet und ich bin nicht dazu in der Lage, sie dort herauszubekommen.

Jede Handlung, einfach alles, was ich tue, ist genau abgestimmt: Die Motels, in denen ich absteige, die Art, wie ich ein Opfer erst ausspioniere, meine Namen, die ich benutze, bis hin zur allabendlichen Reinigung meiner Waffen und dem antrainierten leichten Schlaf. In seinem alten Leben war Sherwood ein Seal, danach Mitglied eines Motorradclubs, der den Ruf hatte, nicht zimperlich mit seinen Feinden zu sein. Seine Ausbildungsmethoden für uns waren gnadenlos.

Nur Raven, sie bringt alles durcheinander. Und die Gefühle, die sie in mir auslöst. Als würde sie nicht nur meinen Körper, sondern auch meinen Geist in Aufruhr versetzen. Als könnte sie die Finsternis durchdringen und die Kälte vertreiben. Da ist viel mehr als nur das Bedürfnis, ihr nahekommen zu wollen. Da ist ein Hunger, der tief in mir nach ihr brüllt. Keine andere Frau zuvor hat ein solches Chaos in meinem Verstand gestiftet und meine andere Seite so in Aufruhr versetzt.

Ich verlasse die Dusche, meine Haut ist eiskalt, aber das bemerke ich kaum noch, und schnappe mir das dünne Duschtuch, um es mir um den Körper zu schlingen. Durch die weit offen stehende Tür bemerke ich, dass Raven jede meiner Bewegungen beobachtet. Sie ist so vertieft in den Anblick meiner bunten Haut, dass sie sich erschrocken abwendet, als sie mitbekommt, dass ich sie dabei ertappt habe, wie sie meine Brust mustert.

Ich unterdrücke das Grinsen, das sich auf meinen Lippen breitmachen will, trete nur mit dem Handtuch um meine Hüften in das Zimmer an mein Bett und krame frische Kleidung aus meiner Reisetasche, dann lasse ich das Handtuch einfach zu Boden fallen und schlüpfe in meine Lederhosen und ein ausgeblichenes schwarzes Shirt.

»Gefällt dir, was du siehst?«, frage ich sie, schließe meine Tasche wieder und schiebe mein Messer zurück in meinen Stiefel, ohne sie anzusehen.

Raven schnaubt nur abfällig und wendet ihr Gesicht trotzig dem Fenster zu. Ich habe vorhin die Vorhänge zugezogen, damit niemand zu neugierig wird. Außerdem habe ich den Tisch vor das Fenster geschoben und einen Sensor daraufgestellt, wenn jemand versucht, durch das Fenster hereinzukommen, wird der Sensor ihn zwar nicht abhalten, aber er wird genug Krach machen, um mich aus meinem Schlaf zu wecken. Und dann mache ich ihn mit meiner Knarre bekannt. Meinen Fäusten oder dem Grim Wolve in mir. Je nachdem, wonach mir der Sinn steht.

»Ich bin in zehn Minuten zurück«, sage ich zu Raven und deute auf den Sensor, den ich neben die Tür gestellt habe. »Bewegt sich etwas in diesem Zimmer, oder öffnet sich die Tür, werde ich das sofort erfahren.« Ich öffne die Tür, dann aktiviere ich den Sensor und deute auf mein Handy, das sofort eine Nachricht ankündigt, als ich an dem Sensor vorbeigehe.

Raven kommentiert meine Demonstration nur mit einem lauten Grunzen.

»Wir verstehen uns also«, sage ich und verschließe die Tür.


Ich spüre noch immer das Gewicht seines Körpers auf mir. Das Gefühl, ihm ausgeliefert zu sein, kam mir so erstickend vor wie die Sekunden, in denen er seine Waffe auf mich gerichtet hatte und ich dachte, er würde mich töten. Was wäre wohl schlimmer? Eine Kugel im Kopf und sterben oder vergewaltigt zu werden? Ich entscheide mich für die Vergewaltigung, weil sie länger dauern würde. Eine Kugel im Kopf wäre ein schnellerer und gnadenvollerer Tod.

Seine Erregung zu spüren und zu fühlen, dass mein Körper darauf reagiert hat, hat meine Angst nur noch größer gemacht. Und jetzt liege ich hier, angeekelt von mir selbst mit noch immer pochender Klitoris zwischen meinen Schenkeln. Wie kann mein Körper so empfinden? Wie kann er sich danach sehnen, meinem Entführer noch einmal so nah zu sein? Seinen Geruch nach Mann in der Nase, seine Wärme, sein Atem auf meiner Wange. Ich kenne die Antwort auf diese Fragen nur zu gut, weil Ice die Dunkelheit in mir anspricht und ich weiß, genau wie Nick noch bis vor ein paar Wochen, könnte auch er die Leere in meinem Inneren für kurze Zeit füllen. Es ist verwirrend, aber es scheint, als würden meine Gefühle einen Krieg ausfechten. Da ist die Anziehung, die Ice seit dem Tag auf mich ausübt, an dem er in der Bar aufgetaucht war. Und da ist der Hass und das Entsetzen, das die letzten Stunden in mir ausgelöst haben. Ich möchte mich nicht von ihm angezogen fühlen. Nicht nach dem, was er getan hat. Und dass mein Körper es doch tut, lässt meinen Puls vor Selbstverachtung rasen.

Wütend zerre ich an meinen Fesseln. Ich stöhne gegen den Knebel an, strample mit den Beinen und winde mich verzweifelt. Ich muss hier raus. Ich muss weg von ihm. Nicht wegen meiner Empfindungen, sondern vor allem, weil ich nicht aufgeben will. Ich will mich nicht von ihm besiegen lassen. Und ich will mich nicht von ihm für seine Rache an meinem Vater benutzen lassen. Ich zerre und ziehe so heftig, dass das Kopfteil des Bettes dumpf gegen die Wand stößt und jemand auf der anderen Seite wütend dagegen schlägt.

»Fickt gefälligst leiser«, brüllt er laut genug, dass ich ihn gut verstehen kann. Die Wände sind nur dünn.

In der Sekunde keimt Hoffnung in mir auf und ich winde mich noch stärker, stoße das Bett mehrmals gegen die Wand und stöhne »Hilfe« gegen den Stoff in meinem Mund. Wieder drischt der Mann nur gegen die Wand und brüllt: »Wenn ich rüberkomme, reiße ich euch den Arsch auf. Ich will verdammt nochmal schlafen.«

Als er droht rüberzukommen, fällt mein Blick auf die Sensoren - kleine weiße Zylinder, die Ice aufgestellt hat -, und ich erinnere mich wieder an seine Drohung, jeden zu töten. Meine Muskeln erschlaffen und ich sinke hoffnungslos zurück auf das Bett. So wenig wie ich schuld am Tod meines Vaters sein will, so wenig will ich schuld am Tod eines Fremden sein.

Ich beiße auf den Knebel, der schon ganz feucht von meinem Speichel ist und schlucke. Der Stoff schneidet in meine Mundwinkel ein und verursacht ein Brennen, außerdem habe ich das Gefühl, dass immer mehr Speichel in meinen Mund fließt und ich durch die Nase schlecht Luft bekomme.

Ich weiß, dass ich mir das nur einbilde. Dass die Panik mir das einredet, aber es fühlt sich real an. Obwohl meine Nase frei ist, glaube ich, nicht genug Sauerstoff in meine Lunge zu bekommen. Ich versuche schneller und tiefer zu atmen, meine Nägel drücken sich krampfhaft in meine Handflächen und vor meinen Augen tanzen Punkte. Ich kann nicht atmen. Und je mehr ich nach Luft ringe, desto weniger bekomme ich. Desto schneller rast mein Herz. Desto schmerzhafter sind die Fesseln. Ich beginne, um jeden Atemzug zu kämpfen, bis ich mir mit einem Schrei Luft verschaffe, der vom Stoff verschluckt wird und sich doch befreiend anfühlt. Meine Panik versiegt langsam und die Wut auf diesen Mann, der plötzlich mein Leben kontrolliert, kommt zurück.

Ich starre an die vergilbte Decke über mir und denke an all die Pläne, die ich geschmiedet hatte und die ich jetzt nicht mehr erfüllen würde. Ich denke an meine Mutter und unsere wenigen glücklichen Momente. Und ich versuche mir das Gesicht meines Vaters ins Gedächtnis zu rufen, aber ich habe ihn zu selten und schon zu lange nicht mehr gesehen. Ich weiß nur noch, dass er einen dunklen Vollbart hatte und viele Tattoos. Er hatte immer diese Bikerjacke an, die er ›Kutte‹ nannte. Und seine Stimme war sehr dunkel und rau gewesen. An seinem Hals hatte er eine dicke grauenvolle Narbe, die er hinter seinem Bart zu verbergen versuchte, was ihm aber nur schlecht gelang. Er hat absoluten Gehorsam gefordert. Wenn er bei uns war, hat sich immer alles nach ihm gerichtet. Er war hart, hat ständig gewollt, dass jede Aufgabe, die er meiner Mutter oder mir gestellt hatte, sofort erledigt werden musste. Wollte er essen, musste sofort etwas zubereitet werden. Wollte er ein Bier, musste ich es ihm sofort bringen. Und wollte er, dass ich seine Stiefel putze, musste auch das auf der Stelle geschehen. Meine Mutter hat sich immer unterwürfig verhalten, kaum gewagt zu atmen, wenn sein Blick sie getroffen hat. Ich habe diesen Mann gehasst. Und jetzt wurde ich wegen ihm entführt. Weil er eine Frau getötet hat. Mich würde es nicht wundern, wenn er sie zu Tode geprügelt hat.

Ich fahre erschrocken zusammen, als die Tür aufgerissen wird und gleich darauf ein Piepen eine Nachricht auf einem Handy ankündigt. Ice grinst mich breit an, auf einer Hand balanciert er Einmalgeschirr, mit der anderen verschließt er die Tür hinter sich. Er tritt näher an mein Bett, stellt das Essen ab, dessen Duft mir in die Nase steigt und meinen Magen knurren lässt, dann beugt er sich über mich und starrt mir in die Augen.

»Wirst du auch brav sein?«, will er wissen und legt seine warmen Hände an meine Wangen. Er wischt mit seinen Daumen die letzten Spuren meiner Tränen weg. »Wirst du schreien, wenn ich dich losmache?«

Alles in mir verlangt danach, gefälligst zu schreien und um meine Freiheit zu kämpfen, aber dann fällt mein Blick auf seine Waffe, die er vorn im Bund seiner Hose trägt, also nicke ich ergeben. Nicht zuletzt, weil ich Hunger habe und das Essen so köstlich riecht, dass ich im Moment alles dafür tun würde.

Ice löst zuerst meinen Knebel. Meine Lippen fühlen sich ganz taub an, als der Stoff endlich weg ist. Ich bewege meinen Mund und bereue es sofort, als Schmerz sich ausbreitet. Auch meine Hände schmerzen und meine Arme protestieren, als ich sie nach unten nehme. Es dauert ein paar Sekunden, bis das Gefühl in meinen Armen und Händen zurückkommt.

Ice reicht mir den Teller aus Styropor und eine Büchse Cola. Ich nehme beides und rutsche an den Bettrand, um aufzustehen und mich an den Tisch zu setzen.

»Bleib wo du bist!«, befiehlt er. »Du kannst auf dem Bett essen. Das ist weiter von der Tür weg.« Er setzt sich auf sein Bett und beobachtet mich dabei, wie ich den locker sitzenden Plastikdeckel von dem Teller hebe und genüsslich den Duft von Chili con Carne inhaliere.

Ich breche vorsichtig etwas von dem Brötchen ab, das auf einer Ecke des Tellers liegt und durch den Wasserdampf schon etwas feucht geworden ist. »Ich hoffe, dir hat dein Essen geschmeckt«, sage ich schnippisch, weil ich irgendetwas sagen muss, um mich davon abzulenken, dass er mich beobachtet.

Er fährt sich durch diese schwarzen, glänzenden Haare, die immer etwas wirken, als wären sie vom Wind zerzaust worden, und leckt sich nachdenklich über die Lippen. Seine Gesichtszüge sind ausdrucksstark, seine Nase geradezu aristokratisch, seine Wangenknochen hoch und ausgeprägt. Seine Vorfahren müssen American Native gewesen sein. Nur seine Augen sind zu hell. In ihnen kann man die tiefe Verletzung, die er erlitten hat, sehen. Er trägt sie offen zur Schau, ohne sich die Mühe zu machen, zu verstecken, wie sehr ihn sein Schmerz quält. Vielleicht kann ich ihm deswegen nicht wirklich böse sein. Ich sollte ihn mehr verabscheuen, aber sein Schmerz wurde durch meinen Vater verursacht und deswegen fühle ich mich auch schuldig.

»Ich kann zumindest nicht behaupten, dass ich oft etwas zu essen bekomme, das besser ist«, antwortet er, steht vom Bett auf, zieht seine Waffe aus dem Bund und setzt sich damit an den Tisch. Er beginnt die Waffe auseinanderzunehmen und in ihre Einzelteile zu zerlegen. Die silberfarbenen Patronen reiht er fein säuberlich vor sich auf, bevor er mit seinem Shirt über den Lauf der Pistole wischt.

Vielleicht wäre dieser Augenblick der beste, um zu fliehen. Aber er sitzt direkt neben der Tür, wo er mich einfach nur packen bräuchte. Und wer weiß, was er dann tun würde, also bleibe ich, wo ich bin und schiebe mir den ersten Löffel lauwarmen Chilis in den Mund. »Warum bekommst du selten was Besseres?«, frage ich ihn, nachdem ich die zerkochte und wenig gewürzte Masse heruntergeschluckt habe. Das Essen ist wirklich nicht gut und ich bekomme schon fast Mitleid mit ihm, wenn es das ist, was er normalerweise bekommt.

»Weil ich die meiste Zeit in Spelunken wie dieser esse«, murmelt er vertieft in seine Arbeit.

Ich beobachte ihn ein paar Sekunden und versuche abzuwägen, wie abgelenkt er wohl ist. Versuchsweise bewege ich mich etwas auf dem Bett und stoße frustriert die Luft aus, als er sofort aufblickt und mich warnend ansieht.

»Wenn du nicht essen möchtest, dann kann ich es auch entsorgen«, sagt er leise. Sein Blick gleitet über mich und die plötzliche Kälte in seinem Gesicht lässt mich erstarren.

»Ich esse es«, stoße ich hart aus und beginne, das Chili runterzuwürgen. Ich esse es wirklich nur, weil ich Hunger habe und nicht weiß, wann ich das nächste Mal etwas bekommen werde. Selbst meine Mutter hat ein besseres Chili kochen können.

»Du hast ungewöhnliche Augen«, rede ich in der Hoffnung weiter, dass sich etwas wie eine Beziehung zwischen uns aufbaut. Meine beste Chance ist es, ihn dazu zu bringen, mich zu mögen, zu glauben, wir wären so etwas wie Freunde. Ich hoffe, dass ich dann sicherer bin und er weniger scharf darauf sein wird, mich in seiner Gewalt zu behalten. Es sollte selbst jemandem wie ihm schwerer fallen, einen Menschen zu töten, zu dem man eine Verbindung aufgebaut hat. Vielleicht irre ich mich aber auch. Woher will ich schon wissen, wie leicht oder schwer es ist, einen Menschen zu töten?

»Ungewöhnlich für einen Lakota?«, will er abfällig wissen und mustert mich mit hartem Blick. Ich verspanne mich, weil es nicht das ist, was ich sagen wollte. Er verzieht das Gesicht, als er meine Reaktion bemerkt und schüttelt entschuldigend den Kopf. »Meine Mutter hatte skandinavische Vorfahren.«

»Sind ihre Augen auch so ungewöhnlich hell gewesen?«, hake ich weiter nach und schiebe mir einen Löffel der lauwarmen Pampe in den Mund.

»Heller.« Ice setzt seine Waffe wieder zusammen, danach läuft er durch das Zimmer, sichert die Türen und Fenster mit seinen Sensoren und stellt zusätzlich einen Stuhl vor die Tür. »Wenn du duschen willst, solltest du dich beeilen, ich will nämlich schlafen«, sagt er düster mit einem Blick auf meinen Teller, der noch immer halb voll ist.

»Du kannst auch schlafen, während ich esse«, werfe ich mit einem Schnauben ein.

Ice lacht laut auf und schüttelt seinen Kopf, dann schaut er mich mit hochgezogener Augenbraue an. »Für wie dumm hältst du mich?«

Ich schnappe nach Luft, weil ich gar nicht weiß, was er meint. »Dieses Zimmer ist besser gesichert als Fort Knox, glaubst du ernsthaft, ich käme hier raus, während du schläfst?«, entrüste ich mich.

»Nein, das glaube ich nicht«, sagt er trocken und tritt an das Fußende meines Bettes. Sein Blick verengt sich grimmig. »Aber ich will dich auch nicht erschießen müssen, weil du es versuchst.«

Ich stelle meinen Teller weg, hebe ihm die Hände hin und knurre. »Nun fessle mich schon«, fordere ich.

Er grinst breit, und in seinen Augen funkelt etwas, als er näher kommt. »Und du bist dir sicher, dass du nicht duschen möchtest?«

»Ich werde bestimmt nicht duschen, während du dabei zusiehst.« Ich hebe noch einmal auffordernd meine Hände.

Ohne weiter abzuwarten, packt Ice meine Handgelenke, zieht meine Hände bis an das Kopfende und fesselt mich wieder. »Wie du willst.« Er senkt seine Lippen an mein Ohr. »Glaub nicht, dass das hier kein Vergnügen für mich ist. Das ist es. Und mir gehen dabei Bilder durch den Kopf …«

»Halt den Mund«, schnauze ich ihn an. »Ich will es nicht hören. Mir nicht einmal vorstellen müssen.«

Ice zieht lachend meine Fesseln fest, kontrolliert sie noch einmal und wirft sich dann auf sein Bett. »Süße Träume«, sagt er kühl und knipst das Licht aus. Und lässt mich mit meinen Gedanken und Ängsten allein in der Dunkelheit zurück. Alles, was ich Sekunden später noch höre, sind seine tiefen, ruhigen Atemzüge und ein Hund, der irgendwo in der Nähe bellt. Ich bin müde, aber die Augen zu schließen, würde bedeuten, das letzte bisschen Kontrolle aufzugeben. Und doch schlafe ich irgendwann ein und träume davon, durch einen Wald zu rennen. Ich renne immer schneller, viel schneller als es mir möglich sein sollte. Und hinter mir höre ich den schweren Atem eines Verfolgers, der sehr schnell näherkommt.

5



Sie sitzt neben mir, den Blick stur aus dem Fenster gerichtet und spricht seit Stunden kein Wort. Wahrscheinlich würde ich mit mir auch kein Wort sprechen, wenn ich sie wäre. Oder ich würde mich ununterbrochen beleidigen, mir die Fresse polieren, um meine Freiheit kämpfen. Ich glaube, das Kämpfen hat sie schon aufgegeben. Und irgendwie stört mich das. Mich stört, dass sie nichts sagt. Mich stört, dass sie mich wahrscheinlich hasst. Und mich stört, dass sie sich so nah neben mir so gut anfühlt und ich das Verlangen nicht aus dem Kopf bekomme, meine Hand nach ihr auszustrecken und sie zu berühren. Aber was mich noch viel mehr stört, sind die lila Ringe, die die Fesseln um ihre Handgelenke herum hinterlassen haben. Das habe ich ihr angetan.

»Ich weiß, das klingt bestimmt hohl, aber es tut mir leid«, sage ich leise.

Sie atmet tief ein, leckt sich über ihre Unterlippe und sieht dann zu mir auf. »Dir tut es leid, dass du mit mir durch die Pampa fährst, mich fesselst, mich mit Gewalt gefangen hältst?«, will sie zynisch wissen. Sie zieht ihre volle rosa Unterlippe zwischen ihre Zähne und lässt sie wieder rausgleiten. Bei dem Anblick kann ich nur daran denken, dass ich es sein will, der auf diese Unterlippe beißt. Fuck, neben mir sitzt diese Frau und sie schafft es, mein inneres Monster zum Brüllen zu bringen. Für einen Augenblick bin ich so abgelenkt, dass ich das Lenkrad hart nach links reißen muss, um nicht gegen einen Baum zu fahren.

»Ja«, gebe ich zu. Meine Hand am Lenkrad zuckt, denn ich will sie zu gern berühren, über ihre verletzten Handgelenke streichen und ungeschehen machen, was ich angestellt habe. Aber ich habe keine Wahl.

Sie schnaubt. »Lass mich gehen«, fordert sie barsch.

»Das kann ich nicht.«

Sie dreht mir abrupt das Gesicht zu. »Warum? Ich verstehe es nicht.«

»Er lässt mir keine andere Wahl. Bei dieser Sache geht es nicht nur um dich und mich. Ich habe dich am Leben gelassen, reicht das nicht erstmal?«

Sie lacht dumpf auf und schüttelt den Kopf. »Ob das erstmal reicht? Ich weiß nicht, was reicht denn normalerweise, um eine Entführung zu entschuldigen?« Sie wirft mir wieder diesen trotzigen Blick zu, dem ich mich nicht entziehen kann, und der in mir das Verlangen wachruft, sie darüber zu belehren, dass sie sich mir und meinem Willen zu fügen hat. Ich will ihr sagen, dass ich hier bestimme, wo es langläuft. Will ihr deutlich klarmachen, wer hier die Macht hat. Und zugleich erregt es mich, ihren Trotz zu spüren. Zu fühlen, wie sie gegen mich ankämpft. Ich bin definitiv ein krankes Arschloch, aber das wusste ich schon vorher.

Ich fahre den Pick-up an den Straßenrand. Kilometer vor und hinter uns gibt es nichts weiter als Wälder und eine endlos lange gerade Straße. »Ich weiß es nicht, denn eigentlich entführe ich niemanden. Das Einzige, was ich je gelernt habe, ist zu jagen und zu töten. Und meine Familie zu beschützen. Bei dem Letzten habe ich versagt. Aber ich werde nicht dabei versagen, meinen Bruder zu retten.«

Ihre Augen weiten sich, dann senkt sie den Blick auf ihre Hände. Sie liegen in ihrem Schoß. Sie sitzt ungefesselt neben mir, weil ich zu geschockt von den Malen auf ihrer Haut war. »Ich bin nicht schuld an dem, was er dir angetan hat«, sagt sie kleinlaut und hebt mir ihre Hände entgegen. »Aber ich entschuldige mich für das, was mein Vater dir angetan hat. Es tut mir wirklich leid.«

»Ich weiß«, antworte ich und lenke das Auto wieder auf die Straße. Ich muss weiterfahren, denn länger in diese tieftraurigen, enttäuschten Augen zu sehen, würde mich dazu bringen, Dinge zu tun, die ich am Ende noch mehr bereuen würde.

Ich presse die Lippen aufeinander. »Erzähl mir was über dich.« Ich brauche es, dass sie mich von meinen Gedanken ablenkt, bevor ich dem Tier in mir nachgebe und einen Fehler begehe, der ihr am Ende doch noch das Leben kosten wird. Ich darf dem Begehren, sie ganz für mich zu behalten, nicht nachgeben. Ich will sie in meiner Nähe, solange es mir möglich ist. An dem Punkt, an dem es nur darum ging, sie für meine Rache oder als Köder zu benutzen, bin ich längst vorbei. Ich habe einen Punkt erreicht, an dem es um meinen eigenen Egoismus geht. Ich will sie nicht mehr gehen lassen. Aber ich muss, denn sie ist nur ein Mittel zum Zweck, das darf ich nicht vergessen.

Sie stößt ein kurzes, aber hartes Lachen aus. »Du willst, dass wir Konversation betreiben, als wären wir Freunde. Ein Paar auf einem Ausflug nach Disneyland vielleicht?«

»Genau«, sage ich, ohne sie anzusehen. Ich weiß auch so, dass dieses kämpferische Funkeln wieder in ihre Augen getreten ist.

Sie versetzt mir einen harten Faustschlag gegen den Oberarm und ich verreiße das Lenkrad. Mit einiger Mühe bekomme ich den Wagen wieder unter Kontrolle und werfe besorgt einen Blick in den Rückspiegel auf mein Bike, aber es steht sicher verschnürt und wackelt nicht einmal. Es folgen weitere wütende Faustschläge, mit denen sie mich zwingt, wieder an den Straßenrand zu fahren. Ich nehme die Waffe unter meinem Oberschenkel hervor und richte sie auf Raven. »Nur, weil ich gerade so etwas wie Mitgefühl entdecke, heißt das nicht, dass ich dich nicht doch töten werde«, sage ich ernst und sehe sie warnend an.

»Ich glaube dir kein Wort«, brüllt sie und packt den Lauf der Waffe so schnell, dass ich für den Bruchteil einer Sekunde schockiert zu Eis erstarre und Panik bekomme, dass sich ein Schuss lösen könnte.

»Fuck«, stoße ich aus. Lege meine freie Hand gegen ihre Kehle und drücke hart zu. Viel zu hart, aber die Angst, dass sie sterben könnte, wenn sie weiter an der Pistole zerrt, treibt meinen Puls hoch. »Lass los«, befehle ich ihr und drücke sie gegen den Sitz. Meine Hand umschließt ihre Kehle so fest, dass ihre Augen sich weiten und sie die Waffe tatsächlich loslässt.

Ich lege sie zwischen meine Oberschenkel, ohne meinen Blick von ihrem bleichen Gesicht zu lösen. Der Schock sitzt noch immer so tief, dass ich hektisch atme. Ich drücke fester zu, treibe meine Fingerspitzen hart in ihre Haut, bis sie schmerzhaft aufstöhnt. »Bist du wirklich bereit zu sterben? Denn wenn es heißt ›Du oder ich‹, dann wirst du sterben. Auch wenn mir das nicht gefällt.« Aber ich habe Verpflichtungen. Es gibt Menschen, die mich dringend brauchen. Danach … Danach ist mir alles egal. Aber solange muss ich überleben. Und das werde ich auch. Ich atme zitternd ein, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Es fällt mir normalerweise leichter, die Kontrolle nicht an meine dunkel Seite abzugeben, aber bei ihr ist alles anders. Sie reißt an meiner Selbstbeherrschung.

»Bin ich«, sagt sie tonlos. Ihre Kehle zuckt unter meiner Hand und erst jetzt merke ich, wie sehr ich sie umklammert halte. Ich löse meinen Griff etwas und streiche entschuldigend mit meinem Daumen über die weiche Haut ihres Halses. Ihr Puls flattert unter meiner Fingerkuppe so schnell wie die Flügel eines Kolibris. Zerbrechlich und zart, schießt es mir durch den Kopf und mein Blick brennt sich auf ihre vollen Lippen. Plötzlich will ich wissen, wie sie sich auf meinen anfühlen würden. In ihren Augen steht noch immer die Panik, zusammen mit dem Zorn, den sie empfindet. Trotzdem löse ich meine Hand von ihrer Kehle und lege sie auf ihre Wange. Ich streiche mit meinem Daumen über ihre warmen Lippen und stelle mir vor, sie zu küssen.

»Was tust du da?«, will sie wissen. Die Angst in ihrer Stimme fühlt sich an, wie ein Eimer Eiswasser. Ich reiße mich von ihr los, richte mich auf und lege die Hände fest um das Lenkrad, bevor ich etwas tun könnte, das ich am Ende noch bereue. Ich habe schon etwas getan, das ich bereue. Ich habe sie bedroht, verletzt und grob behandelt. Was unterscheidet mich noch von Sherwood? So will ich keine Frau behandeln. So wollte ich nie sein.

»Tu das nicht noch einmal«, knurre ich mit hämmerndem Puls und fahre los. Ich ignoriere das Brüllen in in meinem Kopf und konzentriere mich auf die Wut in meinem Bauch. Ich darf nicht zulassen, dass sie diese Art von Gefühlen in mir weckt. Nein, sie hat sie schon geweckt. Aber das ist egal. Meine Gefühle spielen dabei keine Rolle. Mein Egoismus und der Wunsch, sie bei mir zu behalten, spielen auch keine Rolle. Hier geht es nicht um mich oder sie. Sie hat eine Aufgabe und die wird sie erfüllen. Danach werden wir uns nie wieder über den Weg laufen. Ich werde sie nicht weiter als für unsere Freiheit nötig in meine abgefuckte Welt reißen.


Ich muss eingeschlafen sein, denn als ich die Augen öffne, fahren wir gerade auf die kleine Auffahrt zu einem flachen, ehemals weißen, Haus. Jetzt sind die Holzwände schmutzig-grau, an ein paar Stellen sogar beschädigt, der Garten ist verwildert und die kleine Schaukel auf der Veranda hatte bestimmt schon bessere Tage. Sie hängt schief an ihren rostigen Ketten. Trotzdem wirkt das Haus nicht heruntergekommen, sondern viel eher alt und etwas schmuddelig. Ganz so, als wäre es seinem Besitzer egal, dass er keinen Schönheitswettbewerb damit gewinnen und auch keine Auszeichnung für den schönsten Garten bekommen würde. Wahrscheinlich ist es ihm gleichgültig, weil dieses Haus weit und breit das einzige ist. Denn als ich mich in der Abenddämmerung umsehe, gibt es die ganze Straße runter nichts weiter als Felder und Bäume und auch in der anderen Richtung gibt es nur das.

Ich reibe mir über die Stirn und versuche, meinen Kopf langsam zu bewegen, denn wie auch immer ich geschlafen habe, meinem Hals ist das nicht gut bekommen. Als ich meine Finger gegen die Muskeln in meinem Nacken drücke, erinnere ich mich wieder daran, dass Ice vor ein paar Stunden dort seine Finger hatte und ein Schauer überläuft mich. Ich kann mich an die Hitze seiner Haut erinnern, die Wut und Verzweiflung in seinen Augen. Und da war noch etwas anderes. Etwas, das sich bis tief in meinen Magen gegraben und dort ein Flattern verursacht hat. Eins, das ich als völlig falsch empfinde. Und doch stellt es sich sofort wieder ein, als ich bemerke, dass Ice mich beobachtet. Ich verstehe nicht, was da vor sich geht, aber Ices Nähe wühlt in meinen Eingeweiden und zerrt an jeder Zelle in meinem Körper. In meiner Fantasie flehe ich ihn an, mich auszuziehen, mich in den Dreck zu drücken, mich hinter der Bar in Black Falls auf die Knie zu zwingen, so wie ich es schon so oft Nick habe tun lassen.

Ich löse die Finger von meinem Nacken und presse die Lippen fest aufeinander, entsetzt von den Gefühlen, die heiß meinen Körper durchlaufen, als er mich mit diesem nachdenklichen und zugleich intensiven Blick ansieht. Vorsichtig rutsche ich weiter gegen die Tür und lege meine Hand hinter meinem Rücken auf den Türgriff.

»Was wollen wir hier?«, frage ich ihn, um seinen starren Blick von mir abzulenken. Seine Gedanken auf irgendetwas anderes als das zu lenken, woran er gerade denkt.

Er wendet sich von mir ab und zieht den Schlüssel aus dem Schloss. »Hier lebe ich vorläufig.«

Ich nutze den Moment, in dem er abgelenkt ist und ziehe an der Türklinke hinter mir. Mit einem dumpfen Geräusch öffnet sich die Tür, und beinahe wäre ich aus dem Pick-up gefallen, aber ich kann mich gerade so noch halten und rutsche eilig aus dem Auto. Ich bin verwundert darüber, dass Ice überhaupt nicht zu reagieren scheint, aber statt mir darüber Gedanken zu machen, werfe ich einen letzten Blick auf ihn, um sicherzugehen, dass er nicht mit seiner Waffe auf mich zielt, bevor ich mich abwende, um loszulaufen. Ich denke nicht einmal über die Richtung nach, schaue nicht wohin, weswegen ich abrupt die Luft aus meiner Lunge entweichen lasse, als ich gegen einen harten Körper stoße und sich Arme um mich schließen.

Ich versuche, mich zu wehren, setze alle Kraft ein, die ich aufbringen kann und trete dem Teenager, der mich umklammert hält, sogar auf die Füße, aber der Junge lacht nur und bleibt völlig unbeeindruckt von meinen Anstrengungen. Ich hänge mich in seine Umarmung, strample mit den Beinen und rudere mit den Armen, in der verzweifelten Hoffnung, dass er das Gleichgewicht verliert und ich mich befreien kann, sobald wir beide auf dem Boden landen. Aber der Junge ist stark, viel stärker als ich, und strauchelt kaum.

»Halt sie gut fest«, höre ich Ice hinter mir lachend sagen.

»Sie ist hübsch«, antwortet der Junge, auf dessen Oberlippe sich ein weicher Flaum gebildet hat. Wahrscheinlich ist er nicht älter als 15 und doch viel stärker, als er sein sollte. Er löst so unerwartet seine Arme von mir, dass ich stolpere und gegen Ice pralle, der hinter mir steht und mich auffängt.

Ich fühle mich, als wäre ich nichts weiter als ein Spielzeug, das zwischen zwei Männern hin und her geworfen wird. Ice legt seine Arme um mich und zieht mich an seinen bebenden Körper. Er lacht hinter mir, als wäre diese Situation nicht beängstigend für mich, was mich nur noch wütender macht. »Lass mich sofort los«, knurre ich mit gefletschten Zähnen, als wäre ich ein Hund.

Ice beugt seinen Kopf zu mir nach unten und legt seine raue Wange an meine. Ich spüre seine Wärme, seinen Atem auf meiner Haut und erstarre mit heftig rasendem Herzen. Als er spürt, dass ich meinen Widerstand aufgebe, zieht er mich nur noch näher an seinen Körper. So nahe, dass ich fühle, wie seine Muskeln sich gegen meinen Rücken pressen und seine Brust sich beim Atmen hebt und senkt. »Wo hättest du hinlaufen wollen?«, flüstert er. »Hier gibt es meilenweit nichts. Du wärst wahrscheinlich irgendwo in diesem Nichts verloren gegangen und gestorben.«

Der Junge vor mir lacht leise auf. Er scheint sehr amüsiert zu sein. Ich kneife die Augen zusammen, versuche das heiße Kribbeln, das Ices Körper so nah an meinem in mir auslöst, zu ignorieren und beginne wieder, mich zu winden.

»Lieber bin ich tot«, sage ich.

Der Junge lacht noch lauter und verschränkt die Arme vor der Brust. Seine Augen sind auch blau, aber deutlich dunkler als die von Ice, mit einem fast schwarzem Ring um die Iriden. Er ist im gleichen Alter wie Nicks Sohn, mit dem ich viel Zeit verbracht habe, wenn er allein war. Und er war genauso oft allein wie ich. »Sie ist lieber tot als dein Spielzeug zu sein, das will was heißen. Kommt nicht oft vor.«

Ices Brust bebt hinter mir, als er auch zu lachen beginnt. »Bist du dir sicher?«, will er von mir wissen.

Ich hebe den Fuß und lasse ihn mit aller Kraft auf seinen niedergehen, aber Ice zuckt nicht einmal. »Ich bin mir sicher.«

»Ich hoffe, du hast irgendetwas Essbares da drin?«, will Ice wissen und beginnt, sich mit mir in seinen Armen langsam auf das Haus zuzubewegen.

Der Junge fährt sich durch die Haare. »Nicht wirklich, Will kommt erst später vorbei.«

»Was ist das hier?«, will ich wissen, als Ice mich in das Haus drängt. Wir stehen sofort in einem spärlich eingerichteten Wohnzimmer, das von mehreren Öllampen beleuchtet wird. Anscheinend gibt es hier nicht einmal Strom.

»Das Haus, in dem sich mein Bruder vor deinem Vater versteckt hält, denn wenn dein Vater ihn findet, wird er ihn umbringen. So wie unsere Mutter.« Ice lässt mich los und drückt mich auf das geblümte Sofa, das aussieht, als hätte es schon ein paar Jahrzehnte hinter sich.

Ich sehe den Jungen noch einmal an und erkenne die Ähnlichkeit, die die beiden haben. Ice ist viel muskulöser, kantiger, da schon deutlich älter und schon längere Zeit zum Mann gereift. Aber wenn man genau hinsieht, ist der Junge eine sehr kindliche Version von Ice. Es liegen etwa zehn Jahre zwischen ihnen.

»Mein Vater würde ein Kind töten?«, hake ich ungläubig nach. Ich kenne meinen Vater kaum, aber dass er ein Kind töten würde? Vielleicht würden Menschen, die Kindern den Umgang mit Waffen beibringen, auch Kinder töten. Aber trotzdem habe ich Zweifel. Oder ich will es einfach nicht glauben. Denn was weiß ich schon über den Mann, den ich in meinem Leben vielleicht zehn mal gesehen habe?

»Er würde nicht eine Sekunde zögern«, antwortet Ice mit gerunzelter Stirn. Er sieht mich nachdenklich an. »Ich kann nachvollziehen, dass du mich hasst und nichts lieber tun würdest, als so weit weg wie möglich von mir zu kommen. Aber kann ich mich darauf verlassen, dass du es nicht so eilig hast, zu sterben und dich fünf Minuten mit meinem Bruder allein lassen?«

Ich ziehe grinsend eine Augenbraue hoch.

»Wieso, willst du für mich kochen?«

»Nein, ich will auf die verfickte Toilette.«

Ich lache spöttisch auf. »Hier gibt es eine Toilette?«

»Wir haben auch fließend Wasser«, sagt der Junge düster. »In der Küche gibt es sogar einen Gasherd. Gerade genug zum Kochen, aber immerhin.«

Ich mustere Ice neugierig, der nicht mal mit einem Muskel in seinem Gesicht zuckt. »Also?«, will er harsch wissen.

Ich verschränke die Arme vor der Brust und lehne mich zurück. »Finde es doch heraus.«

Ice verzieht grimmig das Gesicht, dann zieht er die Pistole aus dem Bund seiner Jeans und gibt sie seinem Bruder. »Schieß nur, wenn du musst, Sam.«

Sam nickt mit fest aufeinandergepressten Lippen. »Wäre schade um die Kleine.«

»Wäre es«, sagt Ice, dann geht er aus dem Wohnzimmer, ohne sich noch einmal nach mir umzusehen.

»Du wohnst hier draußen ganz allein?«, will ich von Sam wissen und lasse meinen Blick über den mageren Jungen gleiten. Er ist nicht ausgehungert, sondern einfach nur schlaksig, so wie die meisten Jungs in seinem Alter. Seine Jeans sind zerschlissen, sein Shirt ausgewaschen, aber er wirkt sauber und nicht so, als wäre er vernachlässigt.

»Ja, und? Ice ist jetzt wieder hier. Und Will kommt manchmal, er bringt Essen und was ich so brauche. Und ich habe Sultan, der liegt nur gerade in meinem Bett und schläft. Aber er könnte dich umbringen, wenn ich ihn lasse.«

»Sultan?«, hake ich nach.

»Mein Schäferhund. Ice hat ihn auf der Straße gefunden. Und ich bin auch nicht so harmlos, wie du vielleicht denkst.«

»Trotzdem bist du allein?«, hake ich besorgt nach. Ich lasse meinen Blick noch einmal durch das Zimmer schweifen. Es gibt einen kleinen Wohnzimmertisch, eine Kommode, auf der zwei Öllampen stehen, und einen Sessel. Mehr nicht. Ein wenig erinnert mich das alles an mein eigenes Leben im Trailer. Sam hat auch nur dieses kleine Zuhause, seinen Bruder und diesen Will. Wahrscheinlich ist er viel allein. Offensichtlich geht er nicht mal zur Schule. Wie sollte er, er befindet sich auf der Flucht vor meinem Vater. Ich fahre mir schaudernd durch die Haare, als ich daran denke, was Sam schon alles durchmachen musste. Und jetzt wird er auch noch gejagt und muss um sein Leben kämpfen. Dabei ist er noch ein Kind. Uns trennen höchstens drei Jahre. Ich hatte die Chance, meinen Abschluss zu machen. Aber was ist mit ihm? Plötzlich kommt mir mein eigenes Leben so viel besser vor. Ich hätte dankbarer sein sollen, für das, was ich hatte.

»Was interessiert es dich? Du weißt gar nichts über uns«, fährt er mich trotzig an. »Ice gibt sein Bestes. Dein Vater ist das Arschloch.«

Ich versteife mich, als ich die Wut in seinem Gesicht sehe. Ich hätte ihn nicht verurteilen sollen. Eigentlich habe ich auch nicht Sam verurteilt, sondern Ice. Und auch das war nicht richtig. Sam hat recht, ich weiß nicht, warum er gezwungen ist, noch schlechter zu leben als ich. Warum er ganz allein hier draußen ist und sich verstecken muss. Wahrscheinlich sagt er die Wahrheit und Ice gibt wirklich sein Bestes.

»Es tut mir leid«, sage ich leise und reibe mir über die Arme, obwohl es draußen noch immer sommerlich warm an diesem Abend ist, fröstelt es mich, was wohl am Stress liegt, dem ich ausgesetzt bin. Ich bin es eben nicht gewohnt, entführt zu werden. »Ich will das alles nur besser verstehen.«

In diesem Moment kommt Ice zurück und mustert uns beide aufmerksam. »Alles in Ordnung hier?«

Sam zuckt nur mit den Schultern. »Ich geh kochen«, sagt er. Dann wirft er einen Blick über die Schulter zurück. »Es gibt Fertigsoße und Spaghetti.«

»Mein Lieblingsessen«, sage ich versöhnlich. Ich weiß nicht, warum ich Mitleid mit ihm habe, vielleicht, weil er ein ähnliches Leben führt wie ich, aber er tut mir wirklich leid. Sam antwortet mir nicht, stattdessen geht er ohne einen weiteren Blick einfach um die Ecke und verschwindet aus meinem Blickfeld. »Ich wollte ihn nicht verärgern«, wende ich mich an Ice. Ich reibe mir über die Stirn und über die Schläfen, hinter denen es pocht. Ich bin übermüdet, obwohl ich im Auto geschlafen habe.

»Du hast dir nur Sorgen um ihn gemacht. Er erlebt das nicht oft, dass sich jemand um ihn sorgt.« Ice setzt sich neben mich auf das Sofa, dann sieht er mich ernst an. »Er hat nur noch mich und ich würde ihm gern mehr als das hier bieten, aber solange dein Vater noch da draußen ist, ist das schwierig. Der Plan ist, ihn in Sicherheit zu bringen, bis ich die Sache mit deinem Vater erledigt habe. Das hier ist nur für ein paar Tage, bis wir etwas gefunden haben, wo er sicher sein kann, während Sherwood und seine Jäger hinter mir herjagen und ich sie von Sams Spur abbringe.«

»Ihn töten?«, hake ich mit abfälligem Blick nach.

»Wenn es nötig wird.«

»Und ich?«, frage ich hoffnungsvoll. »Wenn es Sam hilft, dann okay. Dann bin ich dabei.« Für Sam, nicht für Ice. Wenn ich helfen kann, Sam zu retten, dann möchte ich das tun. Er ist ein Kind. Und für das, was mein Vater ihm angetan hat und ihm noch antun will, hasse ich ihn abgrundtief. Noch mehr, als ich es bisher getan habe.

»Vielleicht lässt er sich auf einen Deal ein. Dein Leben gegen unseres. Aber bevor wir verhandeln können, ist es wichtig, dass er Sam erst gar nicht finden kann.«

Ich ziehe eine Augenbraue hoch, aber eigentlich bin ich nicht überrascht von Ices Plänen. Er will mich eintauschen, damit kann ich leben. Wenn es wahr ist, dass mein Vater mich in Black Falls hat aufwachsen lassen, um mich zu schützen, dann wird er hoffentlich kein Interesse daran haben, mich zu töten. Ich wäre bei ihm also sicher. Anders als Sam und Ice. »Und warum ist Sam hier, wenn du vorhattest, ihn in Sicherheit zu bringen? Ist er hier nicht sicher?«

Ice stößt genervt die Luft aus, wahrscheinlich findet er meine ständige Fragerei nervtötend. Besonders, da er eher der schweigsame Typ ist. »Weil ich noch nicht genau weiß, wo Sam sicher sein wird. Außerdem hatte ich ursprünglich andere Pläne. Ich wollte seine Ex umbringen und ihn damit wütend machen. Er wäre abgelenkt gewesen und ich hätte Will sagen können, dass er Sam wegbringen kann, während dein Vater mich jagt.«

»Und du hättest deinen Rachedurst gestillt. Schon mal darüber nachgedacht, dass es besser wäre, wenn einer von euch nachgibt? Nicht, dass ich meinen Vater verteidigen möchte. Aber ein Mord folgt dem nächsten.« Ich schüttle den Kopf und verfalle in ungläubiges Gelächter. »Ich kann nicht glauben, dass ich über das Töten von Menschen rede, als würde ich bei Kaffee und Kuchen mit einer Freundin über das Wetter sprechen.« Ich schüttle noch einmal den Kopf. »Vergiss es einfach. Mich interessiert nur, ob es Sam gut gehen wird.«

»Will hat vor Kurzem rausgefunden, dass unser Großvater noch leben könnte. Sobald wir mehr wissen, wird Will ihn zu ihm bringen.« Ice reibt sich nachdenklich über seinen Unterkiefer. Sein Blick geht irgendwo in die Ferne und ich erkenne deutlich Zweifel in seinem Gesicht. »Sam war noch ein Baby, als wir ihn das letzte Mal gesehen haben. Es ist damals viel passiert. Aber bei ihm wäre er sicher.«

»Im Gegenzug zu mir«, murmle ich leise und wende den Blick auf meine Hände im Schoß.

»Tut mir leid, Süße. Aber ich habe nicht wirklich eine Wahl. Ich brauche dich.«

»Wie lange willst du mich gefangen halten? Ein paar Tage? Wochen?«

Ice grunzt eine Mischung aus Schnauben und Lachen, dann beugt er sich etwas näher zu mir. »Wenn es sein muss.«

Ich reibe mir wieder über die Stirn. In seiner Nähe fällt mir das Nachdenken schwer. »Und wenn ich mit ihm rede? Ich rufe ihn an …«, schlage ich vor.

Ice schüttelt den Kopf. »Lockst ihn direkt zu uns? Er wird den Anruf nachverfolgen lassen. Das wird nicht passieren. Handyempfang ist hier ohnehin ein Geschenk. Also denk nicht mal dran.«

»Wie du meinst«, sage ich nur und weiche seinem arroganten Blick aus, der fast schon etwas Teuflisches hat. Ich habe keine Lust, weiter auf Ices Pläne einzugehen. Ich bin nur eine Schachfigur, mehr nicht.

Das Tapsen von Pfoten und das leise Schaben von Krallen auf PVC lenken meine Aufmerksamkeit zur Tür. Ein schwarzer Kopf erscheint im Türrahmen, schwarze Augen, die im Schein der Öllampen funkeln, mustern mich neugierig, dann kommt ein großer Hund auf mich zu. Sein Schwanz wedelt munter, er stupst mich mit seiner Nase neugierig an, legt vertrauensvoll seinen Kopf auf meinen Oberschenkel und winselt leise. Ich hebe ein wenig aufgeregt meine Hand und lasse sie nervös über seinem Kopf schweben. Der letzte Hund, den ich berührt habe, war mein eigener gewesen. Und diese Augen, die mich so treu anschauen, erinnern mich an ihn.

»Das ist Sultan«, sagt Ice und nimmt meine Hand. Er legt sie gemeinsam mit seiner auf den Kopf des Hundes. Seine Hand ist warm und fühlt sich angenehm schwer auf meiner an. Als ich fühle, wie seine Hitze meinen Arm hochkriecht und sich in meinem Magen niederlässt, ziehe ich mich zurück und lege meine Hand stattdessen auf den Rücken des Hundes.

Ice lacht leise. Er beugt sich zu mir, seine Wange an meiner. »Da ist etwas, das kannst du nicht leugnen. Versuch es, aber ich weiß, dass dein Körper dich verrät. Er tut einfach nicht das, was du von ihm erwartest«, flüstert er. Ice lehnt sich mit einem zufriedenen Grinsen wieder zurück.

Ich streichle Sultan und versuche, das Zittern meiner Finger so gut es geht zu verbergen. Aber mein Atem flattert und verrät Ice, dass er recht hat. Da ist etwas Körperliches, das im völligen Widerspruch zu dem steht, was ich fühlen sollte. Was mein Verstand fühlt. »Denk, was du willst. Ich hasse dich trotzdem«, werfe ich ein.

6



Nachdenklich starre ich auf die Hand, die den schwarzen Kopf des Hundes streichelt. Ich sehe Sam an, der im Türrahmen zur Küche steht und uns misstrauisch beobachtet, und spüre wieder diese Wut in meinem Magen, diesen tiefgehenden Hass, diese rastlose Unruhe. Sherwood hat unsere Mutter vor seinen Augen getötet, wollte ihm damit eine Lektion erteilen. Sherwood ist ein skrupelloser, gewissenloser Anführer und Mörder. Sein Mittel, um seine Gesetze und Regeln durchzusetzen, sind seine Soldaten und seine Grausamkeit. Soldaten wie ich einer war. Ich habe das alles jahrelang mitgetragen, weil ich in ihm den einzigen Vater gesehen habe, den ich noch hatte. Den Präsidenten der Wölfe, der nicht nur anführt, sondern auch bestimmt, wie wir zu leben haben und wer wir sind. Er war mein Präs. Sein Wort war für mich Gesetz.

Sam und ich sind unter seiner Herrschaft aufgewachsen. Ich gebe es nicht gerne zu, aber als unsere Mutter sich Sherwood angeschlossen hat, hat sie nicht nur unseren Vater verraten, sie hat auch ihre Kinder verraten. Die ganze Familie. Ich sollte sie deswegen hassen, zumindest wütend sein. Aber ich kann es nicht, sie ist unsere Mutter. Und ich habe zu lange selbst nicht gemerkt, dass das Leben, das wir geführt haben, falsch ist. Ich kannte kein anderes. Und ich wollte Sherwood stolz machen, wollte sein Sohn sein. Habe vieles ignoriert und weggesehen. Und irgendwie blieb meiner Mutter auch kaum eine andere Wahl. Wohin hätte sie gehen sollen, nachdem alles zerstört war? Sie wollte uns schützen, indem sie sich mit uns dem Leben auf der Farm angeschlossen hat. Sam war noch so klein und ich noch nicht einmal ein Teenager, als das Leben, wie wir es kannten, mit dem Tod unseres Vaters geendet war. Genau wie sie habe ich mich dem neuen Leben nur zu gern angeschlossen.

Erst der Mord an meiner Mutter hat mich wachgerüttelt. Es hat zu lange gedauert, den Clan zu verlassen. Es hatte erst den Tod meiner Mutter gebraucht, um die Kraft zu finden, Sam und mich dort rauszuholen. Unsere Mutter war wegen einer einzigen Pille gestorben, die Sam gestohlen hatte, statt sie an die Abtrünnigen zu verteilen. Aber Ungehorsam ist das schlimmste Vergehen, das Sherwood kennt. Ein Clanmitglied hat immer gehorsam zu sein.

Ich mustere Raven, die ihre Hand in Sultans Fell vergraben hat, wahrscheinlich lauert sie auf eine Gelegenheit zur Flucht. Sie hat ja keine Ahnung, wie leicht es für mich wäre, ihr zu folgen.

Ich will, dass Sam wieder leben darf. Ohne Angst vor dem Tod. Er ist ein Kind, auf das ein verdammtes Kopfgeld ausgesetzt ist. Jeder, der sich irgendwie in unserer Welt bewegt, ist hinter ihm her. Bevor er nicht sicher ist, werde ich nicht mehr atmen können. Also ja, zumindest ein Teil von mir hofft, dass Raven uns retten kann. Der andere Teil hofft, dass sie mir irgendwann verzeihen kann.

Es klopft an der Tür. Dreimal schnell hintereinander, dann zwei weitere Male und noch mal. Unser Zeichen dafür, dass jemand vor der Tür steht, dem wir vertrauen können. Ich stehe langsam vom Sofa auf und schaue durch die schmalen Scheiben neben der Tür, um sicherzugehen, dass auch wirklich niemand anders draußen lauert. Erst dann öffne ich, die Waffe in der freien Hand, den Finger am Abzug. Sherwood hat mich gelehrt, immer vorbereitet zu sein.

»Sheriff«, sage ich zu Will, lasse meinen Blick über ihn gleiten, um abzuschätzen, ob seine Haltung verkrampft wirkt oder sonst irgendwie den Verdacht erwecken könnte, dass er die Seiten gewechselt hat. Er lächelt nicht, sieht nicht zornig aus und wirkt auch sonst nicht, als plane er gerade einen Mord. In seinen Armen hält er eine Papiertüte, aus der oben ein Netz mit hellgrünen Äpfeln herausquillt. Ich trete von der Tür weg. »Komm rein.«

Der Sheriff schiebt sich an mir vorbei, ich werfe einen Blick vor die Tür, wo sein Dienstwagen parkt. Eigentlich müsste ich mir deswegen Gedanken machen, denn ein Polizeiauto vor der Tür zieht immer Aufmerksamkeit auf sich. Die Nachbarn fragen sich dann, was man verbrochen hat. Aber hier gibt es keine Nachbarn. Dieses ehemalige kleine Farmhaus ist so weit weg von allem anderen, dass es Wasser aus einem Brunnen bezieht und nicht einmal am öffentlichen Versorgungsnetz für Elektrizität angeschlossen ist.

»Ich habe Lebensmittel mitgebracht«, sagt Will unnötigerweise und drückt mir die Papiertüte in die Arme.

Ich muss grinsen. »Du hast keine Wassermelone getragen?«

»Fick dich!«, brummt Will und versucht, mich mit einem düsteren Blick niederzustarren. »Nicht witzig.«

»Sheriff!«, schreit Raven in diesem Augenblick auf. Ich zucke zusammen, so verzweifelt und laut klingt ihre Stimme. Ich sehe über die Schulter zurück, um ihr mit einem Kopfschütteln zu signalisieren, dass sie von Will keine Hilfe zu erwarten hat, aber da ist sie schon vom Sofa aufgesprungen und rennt auf ihn zu. »Ich bin entführt worden«, erklärt sie ihm mit hektischen Handbewegungen und wirft sich dem Sheriff an den Hals. Der Anblick, wie sie sich an ihn klammert, lässt mich wünschen, ich hätte auch so eine Uniform.

Will legt seine Arme um sie und beginnt zu grinsen. Etwas tief in mir möchte ihm dieses Grinsen aus dem Gesicht wischen, denn er genießt Ravens Nähe für meinen Geschmack viel zu sehr. »Ist sie das?«, will er lachend wissen und zieht sie noch ein Stück näher an sich.

Raven sieht verwirrt zu ihm auf, dann geht ihr Blick zu mir und die Verwirrung weicht Wut.

»Das ist sie«, bestätige ich. Ich habe Will gestern Abend geschrieben, dass ich mit ihr herkomme und wir ein paar Lebensmittel mehr im Haus brauchen werden, damit wir Sam nicht seine Reserven wegessen müssen.

Raven löst sich mit Gewalt von dem Sheriff und tritt ein paar Schritte zurück. Sie runzelt die Stirn und lässt ihren Blick über seinen Körper gleiten. »Ist das nur ein Kostüm? Macht ihr euch lustig über mich?«

»Tun wir nicht«, antworte ich bissig und gehe in die Küche. »Das ist Sheriff Larsson, er achtet für mich auf Sam, wenn ich unterwegs bin.«

Raven stößt ein ungläubiges Lachen aus. Ihr Gesicht wirkt müde, als ich wieder aus der Küche komme. Sie fährt sich verwirrt durch die Haare. Mir ist aufgefallen, dass sie das immer tut, wenn sie nicht weiterweiß. »Ein echter Sheriff, der mit einem Mörder zusammenarbeitet?«

Will verzieht missmutig das Gesicht, geht um Raven herum und streichelt Sultan, der schon begierig nach seiner Aufmerksamkeit lechzt, dann gleitet sein Blick forschend über Sam. »Geht es dir gut?«

»Besser«, sagt Sam grinsend. »Ich hab ein Mädchen im Haus.«

Will lacht auf. »Ja, hast du.«

Raven verschränkt die Arme vor der Brust. »Sie arbeiten mit einem Mörder zusammen?«, wiederholt sie ihre Frage.

Will zieht eine Augenbraue hoch und setzt sich auf das Sofa, dann überschlägt er lässig die Beine und breitet die Arme auf der Rücklehne aus. Sultan nutzt die Gelegenheit, springt auf das Sofa und legt sich neben den Sheriff. »Tue ich wohl. Manche Dinge sind wie sie sind. Ice zu verhaften, würde bedeuten, ihn für etwas zu bestrafen, das nicht seine Schuld ist.«

»Aber es gibt Gesetze, für die sollten Sie einstehen«, entrüstet sie sich.

»Manchmal sind die Gesetze nicht perfekt. Sie kennen nur Schwarz und Weiß. Und manchmal gibt es Dinge, die existieren außerhalb des Gesetzes.« Er richtet seinen Blick auf mich. »Wie soll es weitergehen?«

Ich reibe mir über die Wangen. »Ich bin mir nicht sicher.«

»Du hast sie nicht getötet«, sagt Will gerade heraus. »Also musst du einen Plan haben. Irgendetwas, das du mit ihr vorhast.«

Raven versteift sich und ihr Gesicht drückt die Fassungslosigkeit aus, die sie gerade empfinden muss. Wahrscheinlich hat sie bis eben geglaubt, dass immer alles so läuft, wie es für den Normalbürger richtig ist. Aber so ist das Leben nicht. Nach außen hin leben wir eine Ordnung, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Die meisten normalen Menschen glauben fest an diese Ordnung, und Raven muss gerade lernen, dass diese Ordnung nicht real ist.

»Eigentlich hat sich nichts geändert«, antworte ich knapp. »Nur ist sie vielleicht ein besserer Köder als ich. Er hat aus ihr ein Geheimnis gemacht. Nur Rage und der Prospect, den er jetzt nach Rages Tod geschickt hat, um nach ihr zu sehen, wussten, dass sie existiert. Ich bezweifle, dass der Prospect überhaupt wusste, wen er da überwacht. Rage hat nur von Sherwoods Frau gesprochen, während ich ihn zwischen meinen Fingern hatte. Er hat die Kleine mit keinem Ton erwähnt, also muss es ihm wichtig gewesen sein, nicht zu verraten, dass sie existiert.« Ich mustere sie nachdenklich. »Es bleibt alles, wie geplant. Du kümmerst dich um Sam und ich mich um Sherwood.«

»Du meinst, kurz bevor du Rage seine Innereien als Kette um den Hals gehängt hast, hat er kein Wort über die kleine Lady gesagt?«, fragt Will mit scharfem Tonfall und verzieht mahnend das Gesicht. »Ja, das klingt für mich auch so, als wollte er sie um jeden Preis schützen. Scheint, als wäre sie Sherwood wichtig. Hätte nicht gedacht, dass das Arschloch zu tiefen Gefühlen in der Lage ist.«

Ich werfe Raven einen flüchtigen Blick zu, als sie leise aufkeucht. Sie macht erschrocken mehrere Schritte von mir weg und leckt sich nervös über die Lippen. Damit hatte sie wohl nicht gerechnet, dass ich wirklich Menschen töte und nicht nur damit drohe. »Ich kannte Rage, ich mochte ihn. Und du hast ihn getötet?«, will sie ungläubig wissen.

»Tut mir leid, dass du ihn kanntest. Klingt vielleicht wie eine hohle Entschuldigung, aber er war dabei, als dein Vater meine Mutter ausgeweidet hat. Er hat nichts getan, um sie zu schützen, also musste er sterben«, stoße ich hart aus und habe Mühe, meine Abscheu zu verbergen. Rage war nicht anders als sein Bruder: unbarmherzig, grausam, hart. Sie waren aus demselben Holz geschnitzt, auch wenn er kein Grim Wolve war. Deswegen habe ich kein schlechtes Gewissen. Auch Raven kann mir das nicht machen.

»Ich glaub dir dein Mitleid nicht«, antwortet sie mit verbissenem Gesichtsausdruck.

»Ich hab dir nie verheimlicht, wer ich bin«, entgegne ich kalt. Aber um ehrlich zu sein, spüre ich doch einen leichten Anflug von Mitleid für Raven, weil sie jemanden verloren hat, den sie wohl mochte. Mitleid mit Rage habe ich trotzdem nicht. Um ehrlich zu sein, fällt es mir schwer, ihn mir anders als brutal und voll von Hass vorzustellen. Dass er es vielleicht doch war, überrascht mich.

Raven senkt den Blick und murmelt ein paar unflätige Beleidigungen, danach zieht sie sich noch ein Stück vor mir zurück. Irgendwie stört mich das, aber ich versuche nicht, darüber nachzudenken und wende mich wieder Will zu. »Es war nicht einfach, ihn zum Reden zu bringen.«

»Ja, deswegen hat er dir auch nur gesagt, was du hören wolltest und die Kleine verheimlicht. Er hatte wohl die Hoffnung, dass du nicht genauer hinschaust, wenn du Sherwoods Stoßdame besuchst.«

Ich reibe mir über das Kinn. Da erzählt Will mir nichts Neues. »Rage war eben bis zum letzten Atemzug ein loyaler Drecksack.«

»Und jetzt? Wie soll es weitergehen?«, drängt Will mich weiter.

»Hast du was über White Horse rausgefunden? Stimmen die Gerüchte?«

Will seufzt und nickt. »Er soll noch immer in Pine Ridge leben. Wenn du Sam in Sicherheit wissen willst, solltest du ihn dorthin bringen, schließlich hat der alte Mann es geschafft, sich mehr als zehn Jahre vor euch Jägern zu verstecken.« Er holt tief Luft und wirft einen flüchtigen Blick auf Raven, bevor er mich wieder ansieht. »Unser ursprünglicher Plan war gut.«

»Das Reservat ist riesig, es gibt viele Orte, wo er sich verstecken könnte. Wenn du nicht mehr weißt, wird es schwierig.«

»Ich schaffe das schon«, stößt Will düster aus. »Du erledigst deinen Teil, ich meinen. Ich bringe Sam weg und du führst die Jäger auf eine falsche Spur.« Will zieht eine blonde Braue hoch. »Wütend genug ist er bestimmt, wenn er erfährt, dass du die Kleine bei dir hast.«

Ich sehe Raven an. Sie steht neben dem Sofa, jeder Muskel ihres Körpers ist angespannt und ihr Gesicht drückt nichts als Kälte aus. Trotzdem reicht nur ein Blick in ihre Augen und ich weiß, dass es hinter ihrer Stirn arbeitet. Mit ihr habe ich jetzt etwas in der Hand, das es mir ermöglicht, Sherwood zu erpressen. »So schnell sollte er nicht davon erfahren. Gib uns ein paar Tage, um alles vorzubereiten. Wir brauchen einen Plan. Wenn du und Sam nach Pine Ridge geht, brauche ich eine Idee, wohin ich Sherwood und die Jäger locken werde. Und ich brauche einen Ort, wo ich mich ihnen stellen werde, um zu verhandeln. Wenn wir alles vorbereitet haben, werde ich Sherwood eine Nachricht zukommen lassen und ihm erklären, dass ich seine Tochter habe.«

Ich sehe Sam ernst an. »Sobald alles steht, gehst du mit Will«, richte ich mich an Sam.

Sam runzelt die Stirn. Ich sehe sofort, wenn diese Wut in ihm hochkocht, die er schon seit Jahren empfindet. Sie scheint stets unter der Oberfläche zu lauern. Sam war immer schon anders als ich. Unkontrollierter, aufbrausender. Immer schon zornig, selbst dann, wenn es keinen Grund zu geben schien. Er hat Sherwood viel weniger als Vater gesehen als ich und ihm immer wieder die Stirn geboten. Manchmal so schlimm, dass ich mich zwischen die beiden stellen musste, damit Sherwood ihn nicht umbringt. Bis zuletzt hat Sherwood es nicht geschafft, aus Sam einen so gehorsamen Jäger zu machen wie aus mir. Heute bewundere ich Sam dafür. Früher habe ich ihn als Ärgernis gesehen, das Schuld an so mancher Prügel war, die ich bezogen habe.

»Ich bleib hier bei dir«, sagt er trotzig.

»Tust du nicht. Ich kann nicht auf dich aufpassen und mich von Sherwood jagen lassen. Ich muss wissen, dass du sicher bist.«

Sam schnaubt. »Bullshit. Du willst wissen, dass ich sicher verwahrt bin für den Fall, dass der Drecksack dich wie Mom und Dad umbringt. Dich kenne ich wenigstens, aber dieser Mensch, zu dem du mich abschieben willst, ist ein Fremder.« Er dreht sich um und geht wieder zurück in die Küche.

Ich verziehe das Gesicht, weil er recht hat. Ich reibe mir erschöpft über die Wangen. »Tut mir leid, aber es ist nur bis ich mit Sherwood einen Deal aushandeln konnte«, werfe ich ein. »Solange sie bei mir ist, wird mir nichts passieren.«

»Wenn sie ihm wichtig genug ist, dann könnte das funktionieren«, wirft Will ein. »Du kennst Sherwood besser als jeder andere, du weißt, dass er ein durchgeknallter Psychopath ist, der eigentlich nichts außer sich selbst liebt.«

Raven stößt ein dumpfes Lachen aus und fährt sich kopfschüttelnd durch die Haare. »Es wird nicht funktionieren. Ich hab es Ice schon gesagt, mein Vater und ich haben keine Verbindung. Er war so gut wie nie da. Und wenn, war er das Arschloch, als das ihr ihn auch kennt.« Raven ist ganz still geworden in den letzten Minuten, jetzt lächelt sie, als wäre sie zufrieden mit dem, was sie aus unserem Gespräch gelernt hat. Ihre Hand streichelt weiter den Kopf des Hundes, aber ihr Blick ist auf die Haustür gerichtet, als überlege sie, wie hoch ihre Chancen stehen, das Haus verlassen zu können, bevor ich sie zurückhalten kann. Ich könnte ihr jetzt erklären, wie schlecht ihre Chancen stehen würden, dort draußen einem anderen Menschen zu begegnen. Der Fußmarsch in die nächste Stadt würde die ganze Nacht dauern. Immer entlang einer stockfinsteren Straße, stundenlang durch absolute Dunkelheit. Aber ich schweige. Stattdessen tue ich so, als hätte ich ihren Blick nicht bemerkt.

»Ich schau mal, ob ich Sam in der Küche helfen kann«, schlägt Raven vor. »Ich muss mir nicht länger anhören, wie ihr über mich redet, als wäre ich irgendein Gegenstand.«

Ich ziehe grinsend eine Augenbraue hoch, denn ich bezweifle, dass sie Sam wirklich in der Küche helfen will, immerhin steht er im Durchgang zur Küche und ist gerade nur damit beschäftigt, Will und mir zornige Blicke zuzuwerfen. »Sultan, Tür«, sage ich leise und emotionslos zu dem Schäferhund, der sich sofort zur Tür begibt und sich aufmerksam davorsetzt. Sobald Raven sich ihm nähert, knurrt er düster und so gefährlich, dass sogar ich mich innerlich anspanne.

Raven wirft mir einen verhassten Blick zu.

»Hast du geglaubt, ich würde dich entkommen lassen? Du hast doch gehört, wir brauchen dich.« Ich erhebe mich langsam vom Sofa und fange die Handschellen mit einer Hand auf, die Will mir zuwirft.

Raven geht mit geweiteten Augen rückwärts und hebt beschwichtigend die Hände. »Keine Handschellen«, fleht sie unglücklich und geht immer weiter rückwärts, um mir zu entkommen.

Ich habe es nicht eilig, ihr zu folgen und lasse mir Zeit. Das Haus ist winzig, nur noch ein paar Schritte und sie steht in der Küche. Ich werfe Sultan nur einen flüchtigen Blick zu, mehr braucht es nicht, und er stellt sich hinter Raven und knurrt, um sie davon abzuhalten, weiter vor mir zu fliehen. »Bleib einfach stehen, Süße. Du entkommst diesem hübschen Silber nicht. So oder so wirst du sie heute Nacht tragen müssen, sonst macht keiner von uns ein Auge zu.«

Sie bleibt stehen, als Sultan seine große Nase in ihre Kniekehle drückt und reckt mir ergeben ihre Handgelenke hin. »Nun mach schon, du Arschloch«, fährt sie mich an.

»Ich muss gestehen, es turnt mich an, wenn du so dreckig sprichst«, sage ich humorlos und lasse eine der Schellen um eins ihrer Gelenke zuschnappen. Die andere Schelle lege ich mir selbst um. »Fühlt sich doch gut an. So intim, findest du nicht auch?«, werfe ich ein, ohne eine Antwort von ihr zu wollen.

»Nichts zwischen uns wird jemals intim sein«, sagt sie und zerrt ruckartig an ihrer Seite der Schelle.

Aber ich stolpere nicht einmal. Stattdessen packe ich sie an der Kehle und drücke zu. »Dir wird nichts passieren, also führ dich nicht so auf. Wir verbringen ein paar schöne Tage, reisen etwas durch das Land, führen deinen Vater und die Jäger möglichst weit weg von Sam. Wenn der Zeitpunkt gut ist, schlage ich deinem Vater vor, dein Leben gegen das von Sam und mir einzutauschen. Dann darfst du gehen und tun, was auch immer du tun möchtest. Oder du bleibst bei deinem Vater und ziehst zu ihm auf die Farm. Nicht mehr meine Verantwortung.«

Sie schnaubt, lässt sich aber von mir zurück zum Sofa führen, wo wir wenige Minuten später etwas zu weiche Spaghetti aus der Dose essen, während Sam uns von seinen Erfolgen bei einem Videospiel erzählt, das er gerade auf einem alten Nintendo zockt, der noch mit Batterien läuft, und von dem ich keine Ahnung habe, weil ich nie Zeit hatte, solche Spiele zu spielen. Ich war mein halbes Leben lang damit beschäftigt, Abtrünnige zu jagen und Moonshine zu verteilen.


An meinen Rücken schmiegt sich ein warmer Körper, als ich am Morgen vom Zwitschern der Vögel geweckt werde. Auf meiner Taille lastet das Gewicht eines schweren Arms und auf meinem Bauch liegt eine Hand, die mich hält und gegen einen nackten Oberkörper drückt. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist die Erektion, die sich zwischen meine Pobacken drückt und das leise Lachen, das der Mann hinter mir ausstößt, als ich erschrocken hochfahre, sobald mein Körper seine Bestandsaufnahme vollendet hat und mein Verstand zu arbeiten beginnt.

Leider komme ich nicht weit, denn noch immer bin ich mit Handschellen an Ice gefesselt, die mich zum Straucheln bringen, sobald er stur daran zerrt und mich zurück auf das Bett zieht. »Wie oft willst du es noch versuchen? Du und ich sind so lange eine Einheit, bis ich habe, was ich will.«

Ich setze mich auf den Rand des Bettes, ohne ihn anzusehen, weil ich nicht will, dass er die Tränen in meinen Augen bemerkt. Ich bin zu stur, um ihm meine Schwäche zu zeigen. Ich will nicht, dass er sieht, wie verloren ich mich fühle, deswegen schniefe ich nicht einmal, um mir Luft zu machen. »Ich hasse dich«, sage ich trocken und straffe die Schultern.

»Bist du dir sicher, denn ich glaube dir nicht«, murmelt er.

Seine warmen Finger legen sich auf meinen Oberschenkel und streicheln über meine Haut. Ich versteife mich, als er unter den Saum des Shirts fährt und seine Hand sich auf meine Hüfte legt. »Fass mich nicht an«, stoße ich mit zitternder Stimme aus. Mein Kopf verabscheut es, von ihm berührt zu werden, aber mein Körper reagiert mit Hitze darauf. Ein verwirrendes Gefühl, fast wie ein Krieg, den ich mit mir selbst ausfechte. Ich rücke von ihm ab, was ihn ein weiteres Mal lachen lässt.

»Ich bin fasziniert davon, wie du auf meine Berührungen reagierst und zugleich so tust, als wärst du völlig angewidert von mir. Also verzeih mir, wenn ich Spaß daran habe, dich immer wieder zu reizen. Dieser Widerspruch zwischen der deutlichen Erregung in deinem Körper und dem Hass in deinem Gesicht macht mich an.« Um seine Mundwinkel zupft ein zufriedenes Grinsen. »Raven, du bist eine schlechte Schauspielerin. Du willst mich mindestens so sehr wie ich dich will. Gehen wir duschen«, sagt er, als wäre es etwas, das wir jeden Morgen und schon seit sehr langer Zeit zusammen tun. Er schiebt sich neben mir aus dem Bett und geht ohne Rücksicht auf die Tür zum Bad zu, so dass ich gezwungen bin, ihm zu folgen, wenn ich nicht will, dass er mich über den Boden dorthin zerrt.

»Ich werde nicht mit dir unter die Dusche gehen«, keife ich und zerre an den Handschellen. Mein Kopf ist noch immer mit dem beschäftigt, was er gerade gesagt hat. Und mein Körper verarbeitet noch immer die Hitzeschauer, die seine Worte ausgelöst haben. Anders kann ich mir das Feuer in meinen Eingeweiden nicht erklären. Ich fühle mich ganz komisch, so als würde ich innerlich brennen.

Er bleibt in dem kleinen Badezimmer stehen, dreht sich zu mir um, reißt an den Handschellen, bis ich gegen seinen Körper falle, und fängt mich mit seinen Armen auf. »Das würde dir bestimmt auch nicht gefallen, ich dusche immer kalt. Mehr als kaltes Wasser gibt es hier ohnehin nicht.« Er schließt die Handschelle um sein Handgelenk auf und zieht mich zu einem kleinen Waschbecken, wo er mich unten an das Abflussrohr kettet. Wenn ich nicht die ganze Zeit vornübergebeugt stehen möchte, muss ich mich auf die sonnengelben Fliesen setzen, also hocke ich mich unter das Waschbecken, das einen Riss hat, und lehne mich mit dem Rücken gegen die Badewanne gleich daneben.

Ohne Rücksicht auf mich zu nehmen, zieht er erst sein Shirt aus, wirft es vor meine Füße und entledigt sich dann seiner Boxershorts, die daneben landet. Ich versuche, nicht zu ihm aufzusehen, aber seine bunte Haut, die zahlreichen Bilder von Wölfen, Wäldern und Bikes, machen es mir schwer, ihn nicht zu betrachten. Und auch die Erektion, die fast schon vor meinem Gesicht schwebt, macht es mir nicht leichter, nicht hinzusehen. Ich reiße meinen Blick los, als ich bemerke, dass er extra stehen bleibt, damit ich ihn ansehen kann.

»Du willst nicht hinsehen, aber du tust es doch«, sagt er düster.

»Ja, es ist wie bei einem Verkehrsunfall mit schrecklich entstellten Körpern. Man will es nicht sehen, aber man kann auch nicht wegsehen«, sage ich schnippisch und schließe die Augen, bevor mein Körper noch mehr zu zittern beginnt. Ich öffne die Augen erst wieder, als ich höre, dass er den Plastikvorhang über der Badewanne zurückreißt und das Wasser aufdreht. Jetzt steht er hinter mir, und ich bin erleichtert, ihn nicht länger sehen zu müssen. Ich konzentriere mich auf das Rauschen des Wassers und bereue es sofort, denn das Geräusch drückt auf meine Blase und erinnert mich daran, dass ich heute Morgen noch nicht auf Toilette war. Eben war es mir noch nicht so bewusst, aber meine Blase fühlt sich an, als wolle sie jeden Moment mit einem lauten Knall platzen. Es muss am laufenden Wasser liegen, denn ich leide auf einmal unter schmerzhaften Krämpfen. Aber wie könnte ich auch nicht dringend müssen, mein letztes Mal ist gefühlt Tage her.

Die Toilette steht auf der anderen Seite des Waschbeckens, vielleicht könnte ich sie trotz der Handschellen erreichen. Es wäre nicht einfach, ich müsste mich verrenken. Aber was, wenn er fertig ist mit Duschen und ich noch nicht. Ich will nicht, dass er mich in einer so verletzlichen Situation sieht. Andererseits muss ich irgendwann mal auf die Toilette. Ich war seit dem Motel gestern nicht mehr. Immerhin hatte er mich dort zumindest allein gehen lassen.

Ich beiße mir auf die Unterlippe, nicht sicher, was ich tun soll, aber der Druck wird nur stärker, je mehr ich darüber nachdenke, also gebe ich auf, krieche unter dem Waschbecken entlang, öffne den Toilettendeckel und ziehe überrascht die Augenbrauen hoch, als ich sehe, dass im Porzellan Bilder von blauen Blumen sind, als würde ich in eine Teekanne blicken und nicht in ein WC.

Diese Toilette muss schon ziemlich alt sein, ich habe so etwas noch nie gesehen. Aber sie passt gut zur Wanne mit Füßen. Ich kämpfe mit einer Hand meinen Slip über meine Schenkel nach unten, meinen gefesselten Arm muss ich sehr lang machen. Ich muss mich mächtig verrenken und nebenbei auch noch darauf achten, ob das Wasser in der Dusche hinter dem Vorhang weiterläuft. Aber ich bekomme meinen Hintern auf die hübsche Toilette und nach ein paar Sekunden - und etwas Überredung durch mich - kann ich loslassen und atme erleichtert aus, als der Druck auf meine Blase weniger wird.

Und ich bin noch viel erleichterter, dass ich es tatsächlich schaffe, fertig zu werden. Das lässt mich mutiger werden. Ich stelle mich vor das Waschbecken, was ebenfalls nicht so einfach ist mit einer darunter gefesselten Hand, drehe den Hahn auf, aus dem wirklich nur eiskaltes Wasser kommt, und beginne mein Gesicht, meinen Hals und dann sogar meinen Körper unter dem Shirt mühevoll zu waschen. So gut es eben mit einer Hand und etwas Flüssigseife geht. Das eisige Wasser fühlt sich auf meiner brennenden Haut wie ein Schock an. Wie hält Ice es unter dem kalten Wasser aus?

Vielleicht liegt es an den letzten Tagen, vielleicht brüte ich aber auch nur etwas aus, denn ich fühle mich ein wenig zittrig und krank. Ich schiebe es auf die ganze Situation, aber vor allem auf Ice. Er ist einfach an allem schuld, beschließe ich.

Ich bin gerade fertig, als sich hinter mir der Vorhang öffnet. »Hier«, sagt Ice und kurz drauf landet ein Handtuch auf meinem Kopf.

Ich zerre es runter, drehe mich mit wütendem Blick zu ihm um, beginne aber doch, das Handtuch unter mein langärmeliges Shirt zu schieben und mich abzutrocknen. Es fühlt sich merkwürdig intim an, mit ihm im Bad zu stehen. Wir beide trocknen uns ab, er ist nackt. Als wären wir ein Paar, das am Morgen gemeinsam unter der Dusche war. Ich werfe ihm das Handtuch gegen den Oberkörper und setze mich wieder neben das Waschbecken, den Blick stur auf die Wand gegenüber gerichtet. Nur um nicht ihn und seinen beeindruckend muskulösen Körper ansehen zu müssen. Sonnengelbe Fliesen, hier und da ein alter Aufkleber mit Disneyfiguren und ausgefransten Rändern.

»Ist das dein Haus? Habt ihr hier mal gelebt?«, frage ich ihn, um mich abzulenken von dem Gedanken, dass er noch immer nackt ist.

»Ich weiß nicht, wem es gehört hat, aber es steht schon ewig leer. Ich bin früher manchmal nach einer Jagd hiergewesen. Zum Abschalten.« Nach einer Jagd, wie das klingt. Er hat das Wort schon ein paar Mal benutzt. Es klingt, als würde er in den Wald gehen, um Tiere zu jagen, wenn er es so nebenbei fallenlässt. Aber ich weiß, er redet von Menschen, die er jagt. Der Gedanke stößt mich ab und schockiert mich. Ich mag gar nicht glauben, dass es Menschen gibt, die Menschen jagen. Außer vielleicht Kopfgeldjäger. Ist Ice vielleicht ein Kopfgeldjäger? Das würde einiges erklären. Aber nicht die Morde.

Ice löst die Handschelle, sobald er fertig ist, vom Waschbecken und macht sie sich wieder um das Handgelenk. Schweigend zieht er mich die schmale Holztreppe nach unten in die Küche. Er führt mich herum wie einen Hund. Und ich folge ihm wie ein Hund. Als mir das bewusst wird, bleibe ich abrupt stehen und stemme mich gegen ihn.

»Ich bin nicht dein Haustier. Du kannst mich hier nicht festhalten«, keife ich ihn an, als er sich verärgert zu mir umdreht. Sein Blick ist düster, seine Augenbrauen tief über der Nasenwurzel zusammengezogen, Zorn scheint ihm aus jeder Pore zu tropfen. Irgendetwas muss heute Morgen seine Stimmung auf einen Tiefpunkt gedrückt haben.

»Wenn es nötig ist«, sagt er, packt mich an den Schultern und drückt mich brutal gegen die Wand hinter mir. Er ist plötzlich so kalt, dass es mir den Atem verschlägt. Manchmal ist er … nicht nett, aber immerhin umgänglich. Und ganz plötzlich ist er dann wieder hart, voll von Zorn, und ja, so wie ich mir einen Killer vorstelle. »Genau das habe ich vor.«

Ich hebe meine freie Hand und ohrfeige ihn mit so viel Kraft, wie ich aufbringen kann, und bin selbst überrascht von meinem Mut, angesichts der Wut in den Augen meines Entführers. Aber ich empfinde auch Wut. Unbändig und brodelnd frisst sie sich heute durch meinen Körper. Eine solche Wut habe ich noch nie zuvor empfunden.

Er dreht den Kopf zur Seite, atmet schwer aus und lehnt sich mit seinem ganzen Körpergewicht gegen mich. Sultan geht langsam an uns vorbei, was ich nur mitbekomme, weil ich seine Krallen über den PVC kratzen höre. Ice drückt seine Finger so grob in meine Kehle, dass ich nicht schlucken und nur schwer atmen kann. Trotzdem ist er mir so nahe, dass sein Geruch mir in der Nase und auf der Zunge zu liegen scheint. Obwohl er eben erst duschen war, ist da etwas Männliches, sehr Anregendes, das ihn umgibt. Ich atme flach und durch den Mund ein, nicht zu hastig, damit mich die Schwere dieses Geruchs nicht noch mehr anspricht, als sie es ohnehin schon tut. Mein Körper gerät immer mehr in Aufruhr, wenn Ice mir so nahe ist. Und ich verstehe nicht warum. Ich schließe die Augen vor dem Schwindelgefühl, das sich in meinem Kopf breitmacht, und unterdrücke das Zittern meines Körpers, so gut ich kann. Es fühlt sich an, als würde mich die Dunkelheit, die mich mein ganzes Leben schon begleitet, in seiner Nähe überwältigen. Sie wühlt in meinem Kopf, als wolle sie endlich losgelassen werden.

»Du solltest mich nicht wütend machen. Ich bin heute ziemlich schlecht gelaunt. Es schläft sich nicht so gut, wenn jemand wie du neben einem liegt.«

Ich hole vorsichtig Luft, aber ich lasse mich nicht von ihm einschüchtern. Ich starre ihn herausfordernd an und spucke ihm ins Gesicht. »Du machst mir keine Angst.« Trotzdem lasse ich die Schultern fallen, entspanne meinen Körper, weil mir die Kraft für noch mehr Kampf fehlt. Ich fühle mich schlapp und krank. Schon gestern Abend hatte ich das Gefühl, dass sich etwas anbahnt. Was ich wirklich nicht gebrauchen kann, ist jetzt auch noch krank zu werden. Reicht denn dieser ganze Wahnsinn der letzten Tage nicht? Aber ich denke, dass dieser Irrsinn schuld daran ist, dass mein Körper schlapp macht.

»Dieser hübsche Mund macht manchmal Sachen, die mir nicht gefallen. Dabei könntest du damit bestimmt Sinnvolleres tun.« Er gleitet mit seinem Daumen über meine Lippen. Langsam, aber mit genug Druck, um es eine Warnung sein zu lassen. Sein Blick ist auf meinen Mund gerichtet, sein Brustkorb presst sich gegen meinen, noch stärker, wenn er einatmet. So stark, dass ich seinen rasenden Herzschlag spüren kann. »Dieser Mund«, flüstert er heiser. »So verführerisch, so schmutzig. Ich werde dir jetzt meinen Daumen zwischen die Lippen schieben.«

Ich stoße ein bitteres Lachen aus. Der Griff um meine Kehle lockert sich und ist nicht mehr so schmerzhaft, trotzdem wage ich nicht, mich ihm zu entziehen. »Und was, wenn ich dich beiße?«

»Dann werde ich dir wehtun. Oder vielleicht gefällt es mir auch.« Seine Augen richten sich auf meine, und um seine Mundwinkel zuckt ein Lächeln. »Finde es heraus.« Der Zorn in seinem Blick ist einem neuen Gefühl gewichen: Verlangen. Ich wünsche mir, dass der Zorn zurückkommt, weil ich besser damit umgehen kann, wenn er mich hasst. Dass er sich nach mir verzehrt, verwirrt mich und lässt mich straucheln. Nein, damit kann ich gar nicht umgehen. Besonders, weil mein Körper heftig und unkontrolliert darauf reagiert.

Hitze steigt in meine Wangen. Er weiß, was in meinem Inneren passiert, wenn er mir so nah ist. Er fühlt es so sehr wie ich. Er zieht mich an und schürt eine Sehnsucht in mir, die ich mehr als alles andere verabscheue. Aber sie ist da und beschämt mich. Ich kann seine Erektion an meinem Bauch spüren. Und wieder reagiert mein Körper anders, als ich es will. Ich lecke über meine Lippen, ohne dass ich mich zurückhalten kann. Ein Teil von mir will seinen Daumen schmecken. Einem Teil von mir gefällt es, wie grob er zu mir ist. Es ist dieser dunkle Teil in mir, den ich nicht verstehe und den ich bisher nur bei Nick aus mir herausgelassen habe. Und Ice erkennt diesen Teil, denn er lächelt zufrieden.

»Das macht dich an«, stellt er überrascht fest. »Das sollte es nicht, du solltest dich nicht nach dem sehnen, was ich mit dir tun würde.«

Ich lache abfällig auf. »Du hast keine Ahnung. Du weißt überhaupt nichts über mich. Sex ist nur gut, wenn er die Fähigkeit besitzt, den Schmerz in dir auszulöschen. Und dafür musst du in die dunkelsten Abgründe einer zerstörten Seele hinabsteigen.«

»Deiner Seele?«, will er mit rauer Stimme wissen und nimmt die Hand von meiner Kehle.

Ich wende mich ab, als ich die Neugier in seinem Blick sehe und atme zitternd und ein wenig beschämt ein. Er weiß nichts über mich. Nicht, wie es sich anfühlt, dabei zuzusehen, wie die eigene Mutter sich mit Alkohol und Drogen zerstört. Oder ihren Körper an widerliche Typen verkauft, um neue Drogen zu beschaffen. Er weiß nicht, wie es ist, einsam zu sein, weil in der Schule jeder dich meidet, da deine Mutter eine Stadtbekannte Säuferin ist. Oder wie es ist, den Dealer deiner Mutter in deinen Körper zu lassen, um den Schmerz zu betäuben. Er weiß nichts über mich.

Ich hole zitternd Luft. Solange ich wütend war und der Zorn an meinem Verstand gezerrt hat, war es leicht, mit ihm zu reden und herauszulassen, was so tief in mir schlummert. Aber jetzt ist es das nicht mehr. »Auch«, bringe ich mühsam hervor und unterdrücke das Verlangen, mir noch einmal über die Lippen zu lecken, weil ich noch immer seine Berührung dort fühle. Ich will nur noch weg von ihm, weswegen ich mich verzweifelt in seinem Griff winde.

7



Was zur Hölle ist los mit mir? Ich fühle mich heute Morgen, als wäre ich unter Betonplatten begraben. Als würde auf mich ein Gegner einschlagen, den ich nicht sehen kann. Etwas reißt an mir, zerrt an meinen Gefühlen. Das Tier wütet in mir und kratzt an meinem Verstand. Raven zu riechen, sie zu spüren, zu sehen überreizt meine Sinne. Ich war zu lange nicht mehr laufen. Ich muss raus, muss rennen, bis jeder Muskel brennt und dieses Zerren endlich schweigt.

Mit einem abfälligen Schnauben wende ich mich ab und ziehe Raven hinter mir her in die Küche, wo ich ihre Handschelle löse und sie wortlos auffordere, sich an den Tisch zu setzen. Es riecht nach Toast, Eiern und Speck, aber am dankbarsten bin ich Sam für die große Kanne Kaffee, die er gekocht hat, denn in der vergangenen Nacht habe ich mehr mit dem Chaos in meinen Gedanken und Gefühlen gekämpft als geschlafen. Ich fühle mich erschöpft, was nicht nur an Raven und meinen Schuldgefühlen ihr gegenüber liegt, sondern vor allem an den Wochen, in denen Sam und ich jetzt schon auf der Flucht sind und um sein Leben kämpfen. Und ich fühle mich, als wäre in mir alles außer Kontrolle geraten. In der einen Sekunde denke ich darüber nach, die Frau neben mir unter meinem Körper zu begraben und nicht aufzuhören, bis sie sich mir völlig unterwirft und meinen Namen schreit. Und in der nächsten zittert jeder Muskel in mir vor Wut und ich will sie umbringen. Im einen Augenblick kann ich ihr nicht nahe genug sein. Und im nächsten kann ich nicht weit genug fort sein. Und bei all dem Chaos darf ich nicht vergessen, dass sie nur wegen Sherwood hier ist. Dass sie seine Tochter ist.

Eins muss man über Sherwood wissen: Er verlangt absoluten Gehorsam. Zuwiderhandlung wird hart bestraft. Immer. Das gilt für jeden, weswegen er auch keine Ausnahme bei unserer Mutter, seiner Partnerin, gemacht hat. Weil sie Sams Betrug gedeckt hat, musste sie sterben. Gerade deswegen ist Sherwood zuverlässig. Jeder im Clan weiß zu jeder Zeit genau, dass er sich auf seinen Anführer verlassen kann. Die Gesetze werden durchgesetzt. Dass Sam und ich geflohen sind, dürfte einiges an Chaos verursacht haben. Und für Sherwood ist es umso wichtiger, zu zeigen, dass er noch immer die Kontrolle hat, indem er Sam seiner Strafe zuführt. Und mich meiner. Weil ich meinem Bruder zur Flucht verholfen habe. Er lässt uns also jagen. Aber was ich brauche, was ich unbedingt will, ist, dass er mich jagt. Dass er sich mir stellt. Damit ich es beenden kann.

»Hast du das Frühstück allein zubereitet?«, will Raven von Sam wissen und sieht ihn bewundernd an, als er Teller mit Ei und Speck vor uns auf den Tisch stellt.

Sam ist in dem Alter, in dem einen jegliches Lob noch peinlich ist. Er verzieht verschämt das Gesicht, presst die Lippen aufeinander und brummt leise zur Bestätigung. »Hat Ma mir beigebracht.« Sams Blick wandert über Raven, seine Augen verengen sich misstrauisch und er tritt einen Schritt von ihr zurück, als brauche er dringend Abstand zwischen sich und ihr.

Dieser Abstand würde mir auch guttun, denn ich halte es in ihrer Nähe kaum noch aus. Meine Gedanken kreisen um das Gefühl, sie in den Armen gehalten zu haben, gemeinsam mit ihr aufgewacht zu sein, und wie sehr mich alles zu ihr hinzieht. Ich erwische mich dabei, wie ich auf ihre vollen Lippen starre, die Biegung ihres Halses mustere und den Klang ihrer Stimme in mich aufsauge.

Erschöpft reibe ich über mein Gesicht. Vielleicht war ich schon zu lange nicht mehr mit einer Frau zusammen. Ich habe mich seit Wochen ausschließlich auf Sam und Sherwood konzentriert. Da war keine Zeit dafür, meinen Trieben nachzugeben und mir ein kurzes Abenteuer zu suchen. Normalerweise ist meine Lust auf Frauen ausgeprägt, aber ich habe dem Druck kaum nachgegeben. Sams Schutz steht vor allem anderen. Aber jetzt mit Raven in der Nähe, scheint mein Körper auf seinem Recht zur Befriedigung zu bestehen. Was für ein Bullshit, fluche ich innerlich über meine eigenen Gedanken. Ich fühle mich, als würde ich außer Kontrolle geraten. Als würde der Teil in mir, den ich mühsam versuche, zu unterdrücken, jeden Augenblick explodieren. Aber das darf ich nicht zulassen. Ich brauche jetzt meinen Verstand.

Ich nehme die Kanne und fülle Raven und mir Kaffee in die Tassen. Sam schiebt ihr Zucker und Milch zu, aber sie schüttelt den Kopf und bedankt sich. Sie kostet von dem Ei und stöhnt zufrieden. »Das ist wirklich gut, danke.«

»Ich geh dann laufen«, sagt Sam. Er sieht mich mit hochgezogener Augenbraue fragend an, bis ich nicke. Er wirkt auch ein wenig fahrig heute morgen. Seine Finger zucken die ganze Zeit, als wollten sie nach etwas greifen, seine Stirn ist tief gerunzelt. Irgendetwas verstört ihn, wahrscheinlich Ravens Anwesenheit. Er hat nicht viel Kontakt zu Frauen. Schon gar nicht zu Mädchen in seinem Alter.

»Laufen?«, hakt Raven erstaunt nach. Sie mustert mich einen Augenblick verwundert. Dieser Augenblick, in dem ihr Blick nur auf mich konzentriert ist, fühlt sich viel zu intim an. Ich möchte in ihren Augen versinken, in diesem kurzen Moment verharren. Was stimmt mit mir nicht? Was stimmt mit ihr nicht? Wieso hat sie diese Wirkung auf mich? Ihre Nähe ist wie eine Qual. Eine, die ich nur zu gerne auf mich nehme, wenn das bedeutet, dass ich sie nicht loslassen muss. Irgendwie hat unsere Nacht in einem Bett alles verändert. Ich bekomme sie einfach nicht mehr aus meinem Verstand. Die ganze Nacht schon war sie immer da. In meinen Gedanken und in meinen Eingeweiden. »Hast du keine Angst, dass jemand ihn sehen könnte?«

»Du klingst, als wärst du besorgt«, werfe ich grinsend ein und balle fahrig meine Hände zu Fäusten, um meine Gedanken auf etwas anderes als auf meine Erregung zu fokussieren.

»Bild dir bloß nicht ein, ich wäre um dich besorgt. Ich will nur nicht, dass Sam etwas zustößt. Du hast selbst gesagt, dass mein Vater hinter ihm her ist«, schnaubt sie und mustert Sam, der kopfschüttelnd abwinkt, weil ihm ihre Sorge unangenehm ist.

Er beschäftigt sich mit dem schmutzigen Geschirr und räumt es in die Spüle. »Hier draußen ist sonst niemand außer uns. Ich laufe durch den Wald, der gleich hinter dem Haus beginnt.«

»Aber könnte es nicht sein, dass mein Vater …«, wirft sie mit gerunzelter Stirn ein und sieht mich hilfesuchend an.

Ich grinse noch breiter, als mir bewusst wird, dass sie sich ernsthaft Gedanken um Sam macht, obwohl sie ihn kaum kennt und er nicht gerade dazu beiträgt, dass ich sie freilasse. Zuerst war ich mir sicher, ihre Sorge wäre gespielt und sie würde sich vielmehr dafür interessieren, ob sich aus Sams Abwesenheit eine Möglichkeit zur Flucht ergeben würde. Aber ihre Augen sind geweitet und ihre Lippen leicht geöffnet, ihre Atmung beschleunigt. Ihre Furcht ist also echt. Mein Blick heftet sich auf ihren Hals, wo ich deutlich sehen kann, wie ihr Puls flattert. Der Gedanke, dass sie sich um meinen Bruder sorgt, gefällt mir irgendwie. Fühlt sich aber auch schlecht an, weil ihre Sorge noch mehr auf mein Gewissen drückt.

»Niemand wird ihn hier entdecken, und ich würde ihm nie verbieten, zu laufen. Den ganzen Tag hier eingesperrt, seit Wochen, im Moment ist das die einzige Möglichkeit für ihn, hier mal rauszukommen«, erkläre ich ihr und nicke Sam noch einmal zu. Ich kann ihr nicht sagen, warum es wichtig ist, dass Sam laufen kann, weswegen es für sie wahrscheinlich nicht nachvollziehbar ist, dass ich ihn in Gefahr bringe. Aber nicht zu laufen, wäre auch gefährlich.

»Nicht lange«, sage ich zu ihm. »Du musst dich vorbereiten. Sobald Will mehr weiß, fahrt ihr los. Du packst dann am besten gleich, was du brauchst.«

Er verzieht das Gesicht, weil er noch immer nicht glücklich mit meinen Plänen ist, aber er wird nicht länger darüber diskutieren, er weiß, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als zu tun, was ich sage. »Ich bin in einer Stunde zurück, spätestens«, fügt Sam an und auf sein Gesicht tritt ein erleichtertes Leuchten. Ich kann seine Vorfreude verstehen, ich würde auch gerne dort rausgehen und einfach nur laufen, bis ich am Ende meiner Kräfte bin, mein Körper von Adrenalin geschwängert ist und jeder Muskel vor Erschöpfung brennt. Aber das muss warten. Wahrscheinlich wartet es schon zu lange und ich fühle mich heute deswegen so gereizt.

»Iss«, sage ich zu Raven, als sie mich nur weiter nachdenklich anstarrt.

Sie schiebt sich eine Gabel voll Ei in den Mund und verzieht theatralisch das Gesicht. »Ich esse, siehst du?«

»Ja, ich sehe es«, antworte ich und trinke meine Tasse Kaffee aus, nur um sie gleich wieder zu füllen. Ich stehe mit der vollen Tasse in der Hand auf und lehne mich gegen den Kühlschrank, in der Hoffnung, dass die Entfernung zwischen ihr und mir dafür sorgt, dass mein heiß gelaufener Körper sich endlich beruhigt.

»Also, was tun wir heute so den ganzen Tag?«, will Raven wissen, ihre Stimme trieft nur so vor Sarkasmus.

»Ich bin nicht dafür zuständig, für dein Unterhaltungsprogramm zu sorgen. Aber wenn du darauf bestehst, dann hätte ich den einen oder anderen Vorschlag«, füge ich breit grinsend an.

Raven verzieht abfällig das Gesicht, aber in ihre Wangen steigt eine Hitze, die meinen Puls beschleunigt. Ich verstecke meine Reaktion hinter meiner Kaffeetasse, tanke zügig große Schlucke und weiche ihrem Blick aus. Als es an der Tür klopft, bin ich froh, dass mir das einen Grund gibt, die Küche zu verlassen. »Sitzenbleiben«, knurre ich Raven an, als gäbe es irgendeine noch so winzige Möglichkeit, dass sie dieses Knurren als das versteht, was es ist: ein Befehl.

»Will«, begrüße ich meinen Onkel, trete zur Seite und lasse ihn ins Wohnzimmer.

»Für euch.« Will drückt mir eine Tüte mit weiteren Lebensmitteln in die Hand und wirft einen Blick an mir vorbei. »Wo ist sie?« Auf seine Lippen tritt ein vielsagendes Grinsen. Er schiebt sich an mir vorbei, tätschelt Sultans Kopf im Vorbeigehen und bleibt im Türrahmen zur Küche stehen. »Guten Morgen, wie geht es heute? Wie war die Nacht?« Er hüstelt und sieht mich über die Schulter zurück an.

»Du blockierst die Tür«, stoße ich genervt aus, die Papiertüte noch immer in den Armen. Will weicht in die Küche aus und lässt mich an sich vorbei.

»Die Matratze war so … unbequem wie der Gastgeber«, sagt Raven und sieht mich mit wütend funkelnden Augen an. Sie steht vom Tisch auf und stellt ihr Geschirr in die Spüle. Ihr Blick geht nach draußen, wo hinter dem Haus in etwa 500 Metern der Wald beginnt, in dem Sam gerade verschwunden ist.

»Sie macht sich Sorgen um Sam. Der war heute Morgen etwas angespannt«, erwähne ich und beginne damit, die Tüte auszuräumen.

Will brummt düster. Seine Stirn ist in Falten gelegt und er mustert Raven mit einem Blick, der mich nervös macht. Ich kann fühlen, dass sich etwas an Wills Haltung verändert, sich jeder Muskel in seinem Körper anspannt, als wäre er in Alarmbereitschaft. Als er seine Hände zu Fäusten ballt und mir einen Blick zuwirft, der so zornig ist, dass mich ein warnender Schauer durchläuft, werde ich nervös und lege die Packung Frühstücksspeck, die ich eben in den Kühlschrank legen wollte, zurück auf den Tisch. Ich habe Will schon wütend erlebt, aber in seinem Blick liegt viel mehr als Wut. Er ist entsetzt. Etwas stimmt ganz und gar nicht und ich weiß nicht, was es ist.

»Was ist los?«, will ich wissen und runzle verwundert die Stirn. Das Tier in mir fühlt sich so sehr alarmiert, es will sich schützend vor Raven stellen, obwohl Will niemals eine Gefahr für sie sein könnte, solange er das Moonshine nimmt, das Sherwood allen Abtrünnigen aufzwingt. Ich strecke trotzdem meine Nackenmuskeln, meine Finger und Arme und fühle, wie sich Schauer über meinen Rücken wälzen. Der Wolf in mir ist bereit, sich auf Will zu stürzen, um Raven zu retten.

»Komm sofort mit«, brüllt Will mich wütend an.

Ich sehe zu Raven, die sich mit geweitetem Blick zu uns umsieht und runzle die Stirn. »Was soll das, Will? Du musst besser aufpassen, wenn Sherwood mitbekommt, dass du das Moonshine nicht nimmst, wird er dich umbringen.«

»Hier geht es nicht um das verdammte Moonshine. Außerdem nehme ich es und bestehe jeden Test, dem seine Jäger mich unterziehen. Du solltest das wissen«, wirft er mir vor.

Ich bin einer dieser Jäger und ich weiß es besser. Trotzdem mache ich mir Sorgen um Will, denn er wird seine Kleinstadt niemals verlassen. Er liebt sein menschliches Leben, das er sich hier aufgebaut hat, weil es weit weg von den Kriegen ist, die unser Leben beherrscht haben. Sollte er sein Moonshine nicht nehmen und sich nicht regelmäßig auf der Farm melden, um neues zu bekommen und sich überprüfen zu lassen, wird der nächste Jäger, der vorbeikommt, ihn töten. Aber selbst, wenn er aus der Stadt flüchten würde, früher oder später, finden die Jäger jeden flüchtigen Abtrünnigen. Sherwood lässt keine Verletzung der Regeln zu, er will immer über jedes Mitglied des Clans die volle Kontrolle. Über kurz oder lang geben die meisten Abtrünnigen auf und schließen sich der Farm an, weil der Druck, den Sherwood und seine Jäger ausüben, zu groß wird. Weswegen es ohnehin nur noch wenige Abtrünnige gibt, die außerhalb der Farm leben.

Will kneift die Augen zusammen, fährt sich durch die Haare und wendet sich von Raven ab. »Sieh zu, wir müssen reden«, flüstert er wütend. Ich verstehe nicht, was ihn plötzlich so aufgebracht hat.

»Was soll das?«, schreie ich Will draußen vor dem Haus an und lasse die offen stehende Tür hinter ihm nicht aus den Augen.

»Konzentrier dich«, knurrt Will. »Willst du mir erzählen, dass du es nicht mitbekommen hast?«

»Was mitbekommen?« Ich sehe ihn ratlos an.

Will schüttelt den Kopf und reibt sich lachend über seine Wangen. Er sieht zur Haustür und schüttelt noch einmal den Kopf. »Hol Luft«, verlangt er. »Konzentrier dich auf ihren Geruch.«

Raven bleibt im Türrahmen stehen, sie beobachtet uns, ihre Hand liegt auf Sultans Rücken, der seinen Körper vor ihre Beine geschoben hat, um sie nicht aus dem Haus zu lassen. Sein Blick ruht aufmerksam auf mir. Es braucht nur ein Zeichen von mir, und er würde seine Zähne in Ravens Fleisch vergraben, um zu verhindern, dass sie entkommen kann. Trotzdem lasse ich sie nicht aus den Augen, denn sie wird auf keinen Fall dieses Haus verlassen. Nicht, solange ich sie brauche. Nicht, solange ich sie hier bei mir haben will.

»Ich weiß nicht, was du willst. Was ist denn los mit dir? Was macht dich so wütend?«, fahre ich ihn fassungslos an. Gestern Abend war alles noch in Ordnung und plötzlich führt er sich auf, als wäre Raven eine Kriminelle.

Will stöhnt genervt. »Streng dich an. Konzentriere dich darauf, wie sie riecht. Und dann sag mir, dass hier nicht irgendwas verdammt falsch läuft.«

Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf nichts anderes, als auf sie. Ich atme ihren Duft ein, der seit vergangener Nacht auch auf meiner Haut klebt, obwohl ich versucht habe, ihn unter der Dusche loszuwerden. Sie riecht noch immer fruchtig-süß, sommerlich, aber die erdige Note, die ich schon vorher schwach bemerkt habe, ist jetzt deutlich stärker hervorgetreten. Sie dominiert ihren ursprünglichen Geruch, überlagert ihn. Es ist diese Note, die an mir zerrt und mir das Gefühl gibt, meinen Verstand zu verlieren, wenn ich sie nicht verschlingen kann. Wenn ich sie nicht sofort besitzen kann.

Ich balle meine Hände, als eine weitere Welle Gefühlschaos mich trifft und sich das Raubtier gegen meinen Willen wirft, um aus seinem Gefängnis ausbrechen zu können. »Was hat das zu bedeuten?«, stoße ich unbeherrscht aus, ohne den Blick von Raven zu nehmen, die mich noch immer fixiert. Selbst von hier aus kann ich sehen, dass sich ihr Brustkorb unter schweren Atemzügen hebt und senkt. Auch sie kämpft gegen einen unsichtbaren Feind an.

»Sie verwandelt sich«, sagt Will mit unterdrückter Stimme. »Sie ist eine von uns, was eigentlich unmöglich sein sollte.«

Ich versuche, mich auf Will zu konzentrieren, aber es fällt mir schwer, mich von Raven zu lösen. All meine Instinkte fordern, sie von Will wegzuschaffen. Mich mit ihr allein irgendwo zu verschanzen und keinen anderen Mann in ihre Nähe zu lassen. Ich sehe Will an, der die Arme vor der Brust verschränkt und eine Augenbraue hochzieht, als er bemerkt, dass jeder Muskel meines Körpers zittert.

»Du hast ein verdammt großes Problem, mein Junge, und du weißt es noch nicht einmal. Aber ich freue mich, dir dabei zusehen zu dürfen, wie du es herausfindest.«

»Dass sie eine Wölfin ist?«, will ich verwirrt wissen.

»Nein, das ist offensichtlich«, antwortet er. »Das meine ich nicht, aber du wirst es früh genug kapieren. Wenn sie die Wandlung überlebt.«

Ich schüttle den Kopf, und ignoriere Wills verwirrende Andeutung. Viel wichtiger ist, wie das alles hier überhaupt passieren kann. »Wie kann sie eine Wölfin sein? Sherwood ist ein Halbblut. Seine Exfrau ist ein Mensch. Wir bekommen keine Kinder mit Menschen. Ein Halbblut kann nur menschliche Kinder zeugen.«

»Haben wir gedacht, aber wir haben auch gedacht, ein Gebissener könnte niemals Alpha sein.« Will zuckt mit den Schultern, aber seiner verstörten Grimasse kann ich deutlich ansehen, dass er so wenig begreift, was hier passiert wie ich. »Ich weiß es nicht, aber das Arschloch hat es geschafft. Seine Tochter ist eine Wölfin.«

»Noch ist sie keine Wölfin. Wenn sie es überlebt, ist sie eine Wölfin«, murmle ich. Ich fühle mich merkwürdig in ihrer Nähe. Will dagegen wirkt völlig entspannt, seit er den ersten Schock überwunden hat. Da ist nur dieses breite Grinsen in seinem Gesicht. »Sie wäre die erste junge Wölfin seit sechzehn Jahren. Die Einzige, die jung genug wäre, um noch Kinder zu bekommen.«

»Die erste seit Ende des Kriegs.« Ich betrachte Raven, die sich noch immer von Sultan zurückhalten lässt. Sie wirkt ein wenig blass heute Morgen, sonst sieht man ihr die Wandlung nicht an. Wenn sie gebissen worden wäre, hätte die Wandlung durch das Gift fast sofort eingesetzt, deswegen überleben nur wenige Menschen. Das Gift hätte einen sauren, eitrigen Geruch verströmt, der aus jeder ihrer Poren gedrungen wäre. Es wäre mir unmöglich gewesen, es nicht zu bemerken. Der Gestank ist für Menschen nicht wahrzunehmen, aber für uns ist er das. Außerdem wäre sie längst tot. Weil der menschliche Körper nur selten die Gewalt einer Wandlung überlebt. Frauen überleben nie.

»Vielleicht wurde sie doch gebissen«, werfe ich trotzdem ein, obwohl ich weiß, wie absurd das ist. Ich ringe um eine Erklärung, denn Raven dürfte gar nicht existieren. Meine Mutter war eine der letzten auf diesem Kontinent und schon seit ein paar Jahren zu alt, um Kinder zu bekommen. Ich kenne nur noch Bobbys Frau, die schon weit über 100 Jahre alt ist. Die Vollblutwölfe sind schon seit einer Weile dazu verurteilt, auszusterben, weil wir keine Kinder mehr bekommen können ohne unsere Gefährtinnen. In ein paar Jahrzehnten, wenn die letzte Generation, zu der Sam und ich zählen, verstorben ist, wird es nur noch Gebissene geben.

»Hast du sie gebissen?«, hakt Will nach und zieht eine Braue hoch. Er drängt mich weiter auf den Sheriffwagen zu und bringt so mehr Abstand zwischen uns und Raven. Offensichtlich will er nicht, dass sie uns weiter zuhören kann.

»Habe ich nicht. Außerdem wäre sie dann schon tot.« Ich stoße ratlos die Luft aus. »Das hätte sie nicht überlebt. Manche Männer schaffen es. Aber Frauen? Du weißt selbst, dass das so gut wie nie vorkommt. Ich kenne keine einzige Frau, die das überlebt hat. Sie muss so geboren sein«, überlege ich, obwohl ich es selbst nicht glauben kann. »Vielleicht hat Sherwoods Ex geschafft, was wir immer für unmöglich gehalten haben«, spekuliere ich. Hinter meinen Schläfen hämmert es. Ich kann mich kaum konzentrieren, weil ich nur daran denken kann, Raven weg von Will zu bringen. Das Tier in mir zerrt an seinen Ketten und will Raven unbedingt beschützen. Dabei ist Will keine Gefahr für sie.

»Vielleicht hat er seine Frau gebissen und sie hat tatsächlich überlebt. Es soll schon passiert sein, dass eine menschliche Frau stark genug war. Und wenn sie stark genug war, den Biss zu überleben, dann vielleicht auch, um ein Kind zu bekommen.« Wills Zweifel ist deutlich in seiner Stimme zu hören. Will schüttelt entschieden den Kopf und sieht zu Raven, die sich mit einer Hand am Türrahmen festhält und winkt frustriert ab. »Warum interessiert uns das überhaupt, wie es dazu kam, dass die Frau dort eine Wölfin ist? Der Punkt ist, sie ist eine. Und du warst der einzige Wolf, der ihr nah genug kam, um die Wandlung auszulösen.«

Ich schüttle entschieden den Kopf und knurre Will an. »Ich war nicht der Einzige. Sam und du. Wir kommen alle infrage.«

Will knurrt zurück. »Keiner war ihr so nah wie du. Diese Sache musst du durchziehen. Allein. Sam ist zu jung und ich will damit nichts zu tun haben. Nie wieder«, fügt Will an und sieht mich ernst an. Will hat vor 16 Jahren im letzten Kampf seine Gefährtin verloren, seither ist er als Abtrünniger unterwegs. Er hat sich vom Rudel losgesagt, den Clan verlassen und alles, was unser Leben betrifft, hinter sich gelassen. Er hat es in der Nähe von Wölfen nicht mehr ausgehalten. »Du wirst dich darum kümmern müssen«, stößt Will aus und löst sich von mir in dem Augenblick, in dem Sam aus dem Wald tritt.

Ich starre ihn hilflos an. Wie kann er glauben, dass ich das schaffe? Ich hab es kaum bei Sam geschafft, zuzusehen, wie er um sein Überleben kämpft. Bei Raven kommt dazu, dass der Wolf in mir sich zu Raven hingezogen fühlt. Zumindest verstehe ich jetzt, warum ich ihr von Anfang an kaum widerstehen konnte. Warum mich alles zu ihr hingezogen hat. Mein Tier hat es schon vor Tagen gewusst, ich habe nur nicht zugehört.

Sam schlüpft in sein Shirt und mustert uns verwirrt, während er die Straße überquert. »Warum steht ihr hier draußen? Ist was passiert?«, will er wissen. Sein Blick geht von mir zu Will und vorsichtig zu Raven, die noch immer mit Sultan im Türrahmen steht und uns anstarrt, als wisse sie nicht, ob sie uns lieber zerreißen oder einen neuen Fluchtversuch wagen soll.

»Du kommst erstmal mit zu mir«, sagt Will knapp und wirft mir einen warnenden Blick zu, als ich protestierend Luft hole. Er umgreift meinen Oberarm, zieht mich ein Stück von Sam weg und sieht mich ernst an. »Du kannst Sam das nicht antun. Er hat zugesehen, wie seine Mutter umgebracht wurde. Willst du ihn jetzt zusehen lassen, wie diese Frau während ihrer Wandlung draufgeht? Er hat seinen Wolf nicht unter Kontrolle, weil seine Wandlung erst ein paar Monate her ist. Wenn er unter dem Stress zusammenbricht, wie willst du auf beide aufpassen?«, stößt er flüsternd aus.

Ich lache bitter auf. Sam hat seinen Wolf nicht unter Kontrolle, weil er ihn nicht akzeptiert. Deswegen hat er auch das Moonshine genommen. Ein weiterer Protest gegen Sherwood, mit dem er ihm zeigen wollte, wie wenig er in ihm seinen Vater sieht. Ein Protest, der so viel Schmerz ausgelöst hat und mich manchmal noch immer wütend auf ihn macht. Ich schiebe den Gedanken schnell von mir. Ich darf nicht vergessen, dass Sam noch ein Kind ist. Er hat einen Fehler begangen und wir alle haben bitter dafür bezahlt. Aber er ist auch mein Bruder.

»Was ist denn hier los?«, will Sam ungeduldig wissen.

Ich sehe Raven an, die versucht, sich an Sultan vorbeizuschieben. »Bleib!«, warne ich sie eindringlich und untermauere meinen Befehl mit einem dunklen Knurren. »Bei dir ist er nicht sicher genug«, werfe ich ein. Will lebt in einer Kleinstadt etwa 30 Meilen von hier. Sherwoods Jäger kennen seinen Wohnort, weil sie ihn, wie alle Abtrünnigen, regelmäßig kontrollieren.

»Ich will wissen, was hier los ist«, verlangt auch Raven harsch.

»Ich erklär dir gleich alles«, antworte ich ihr und wende mich Sam zu. Ich ignoriere das sich wild aufbäumende Monster in mir, das immer lauter tobt, je länger der Sheriff sich in Ravens Nähe aufhält. »Will hat recht, du gehst besser mit ihm. Die nächsten Tage willst du nicht hier sein.«

Sam schnappt nach Luft. »Aber was ist denn los?« Er versteht es genauso wenig wie ich. Das hier ist für uns völlig neu. Und trotzdem muss ich mich dem stellen, denn was Raven gerade passiert, ist meine Schuld. Und wenn keiner von uns sich dem stellt, dann sind ihre Überlebenschancen bei null. Ich muss es also versuchen.

»Ich erklär dir alles«, sagt Will. »Verschwinden wir hier«, knurrt er Sam an und öffnet die Tür des Autos für meinen Bruder. »Mach dir keine Sorgen um ihn, ich verstecke ihn, bis du diese Sache hier hinter dich gebracht hast.«


Die Sonne brennt heiß auf mein Gesicht und blendet mich, weswegen ich die beiden Männer nur schemenhaft sehen kann. Aber an den wütenden Worten, die sie sich zubrüllen, erkenne ich, dass sich ihr Streit um mich dreht. Nur verstehe ich nicht, was sie sagen. Ich höre die Worte, jede geknurrte Silbe, aber ich verstehe ihren Inhalt nicht. Wandlung? Wölfin? Geboren? Gebissen? Worüber reden sie da? Ich reibe mir über die hämmernde Stirn und versuche, den Schwindel in meinem Kopf durch bloßes Blinzeln zu bekämpfen. Aber er lässt sich nicht vertreiben. Genauso wenig wie der Schweiß, der mir aus sämtlichen Poren dringt. Es sind nur wenige Minuten vergangen, aber ich fühle mich noch deutlich schlechter als vor dem Frühstück. Das letzte Mal habe ich mich so gefühlt, als ich eine Lungenentzündung hatte und Doktor Irvine mich für ein paar Tage in einem der Betten in seiner Praxis behalten hatte. Die Praxis von Doc Irvine war das, was einer Klinik in Black Falls am nächsten kam. Das nächste Krankenhaus war über eine Stunde entfernt. Wenn ich nur krank genug bin, wird Ice mich dann zu einem Arzt bringen? Wahrscheinlich habe ich nur eine Sommergrippe, aber er müsste doch dafür sorgen, dass ich Hilfe bekomme.

Ich schiebe meine Hand in Sultans Fell, als könnte er mir Kraft spenden. Aber das kann er natürlich nicht, weswegen ich mich mit der anderen Hand am Türrahmen festhalte. Wahrscheinlich sollte ich mich drinnen auf das Sofa setzen. Noch besser sollte ich verlangen, dass Ice mich zu einem Arzt fährt. Und wenn ich reingehe, könnte ich meine einzige Chance zur Flucht verpassen. Die beiden sind so versunken in ihrem Gespräch, vielleicht könnte ich es in meinen Pick-up schaffen, den Ersatzschlüssel hinter der Sonnenblende hervorholen und losfahren, bevor sie mich aufhalten können. Ich müsste das Risiko eingehen, dass Sultan sich in mir verbeißt, aber wenn ich mich gedanklich mit dem Schmerz abfinde, wäre ich vorbereitet und könnte ihn ignorieren. Oder ich versuche, Sultan ins Haus zu drängen. Immer ein kleines Stückchen. Solange, bis ich die Tür vor seiner Nase zuwerfen kann. Wenn meine Beine sich nur nicht anfühlen würden wie Wackelpudding.

Ich mache eine winzige Bewegung, löse mich nur wenige Zentimeter vom Türrahmen, aber Ice bemerkt es sofort. Sein Blick richtet sich auf mich und er befiehlt mir mit grollendem Ton, zu bleiben. Seine Stimme streift über meine Haut und löst ein merkwürdiges Gefühl in meinem Nacken aus. Als würden sich meine Haare aufstellen. Meine Muskeln erstarren und sträuben sich, sich weiter zu bewegen. Sultan drückt seine Schnauze gegen meinen Oberschenkel und blockiert meinen Fluchtversuch zusätzlich. Zornig über mich selbst, stütze ich mich wieder gegen den Rahmen.

In diesem Augenblick kommt Sam auf der anderen Seite der Straße aus dem Wald. Er zieht sich sein Shirt über den Kopf und mustert Ice und Will verwundert. Sam sieht gar nicht aus, als wäre er gelaufen. Da ist kein Glanz auf seiner Stirn, sein Gesicht ist nicht gerötet und er atmet auch nicht hastig.

Was auch immer gesagt wird, geht in dem Rauschen in meinen Ohren unter, das von einem erneuten Schwindelanfall ausgelöst wird. Ich schließe die Augen, aber das war ein Fehler, denn als ich sie wieder öffne, dreht sich die Welt noch schlimmer. Ich kämpfe, bis ich wieder klar sehen kann. Es müssen Sekunden vergangen sein, denn als ich aufsehe, steigt Sam gerade in das Auto des Sheriffs und Ice kommt mit angestrengter Miene die wenigen Stufen zur Veranda hoch.

»Rein mit dir«, sagt er streng.

Ich will mich weigern, aber er packt meinen Oberarm und zwingt mich unnachgiebig in das Haus zurück.

»Warum ist Sam weggefahren?«, bringe ich atemlos hervor.

Ice wirft die Tür hinter uns zu. Sultan trottet zufrieden in die Küche und legt sich auf die alten weißen Fliesen. Ihm ist wohl auch zu warm heute. »Wir müssen reden.«

»Über was?«, will ich wissen.

Ice drängt mich auf das Sofa zu. Ich will mich dagegen wehren, dass er mich herumschubst, als wäre ich ein lästiger alter Sack, aber ich fühle mich zu schwach, um zu streiten, also lasse ich mich auf die Sitzfläche fallen, versuche aber mein Bestes, Ice nicht bemerken zu lassen, dass etwas nicht mit mir stimmt. Im günstigsten Fall habe ich irgendwas, das mich töten wird. Dann kann Ice mich nicht länger gefangen halten. Ich muss fast grinsen bei der Vorstellung. Andererseits: Würde ich in seiner Gefangenschaft sterben, würde mein Vater Ice und Sam wahrscheinlich erst recht töten wollen. Auch wenn es nicht so sein sollte, aber der Gedanke, Ice könnte etwas zustoßen, stört mich. Ich setze ein möglichst provozierendes Lächeln auf. »Also?«

Ice setzt sich neben mich. Kurz darauf überlegt er es sich anders, geht durch den Raum und nimmt von der Kommode in der Ecke eine Flasche Bourbon. Er gießt sich ein Glas ein, dreht sich zu mir und fragt mich mit einer hochgezogenen Augenbraue stumm, ob ich auch was möchte.

»Um diese Zeit?«, fahre ich ihn entrüstet an.

»Glaub mir, du wirst das hier gleich sehr dringend haben wollen«, stellt er klar.

»Nein, danke«, sage ich und verdrehe die Augen. Habe ich überhaupt schon jemals harten Alkohol getrunken? Solche Drinks erinnern mich zu sehr an meine Mutter. Und ich will auf keinen Fall so enden wie sie. »Also? Was hast du mir zu sagen?«, will ich ungeduldig wissen.

Ich fühle mich gereizt, nur weil Ice dort mit einem Glas Bourbon in der Hand steht. Ich weiß nicht, warum mich der Anblick so wütend macht, dass ich innerlich zittere. Eigentlich sollte es mir egal sein, was er seiner Leber antut. Aber es ist mir nicht egal. Ich fixiere das Glas in seinen Händen und verfolge, wie er es an seine Lippen hebt und auf einen Zug ausleert. Und das zu sehen, lässt meine Wut auf die Größe eines Heißluftballons anwachsen. Ich balle meine Hände und drücke die Nägel so fest in meine Handflächen, dass es schmerzt. So habe ich nicht einmal empfunden, wenn meine Mutter betrunken unseren Trailer vollgekotzt hat.

Ice schenkt sich noch einmal ein, bevor er zurückkommt und sich neben mich setzt. Er stellt das Glas vor uns auf den Tisch, lehnt sich mit der Seite gegen die Rücklehne und mustert mich einen Augenblick. »Wie fühlst du dich?«

»Als ob dich das interessiert?«, fauche ich.

»Du bist wütend«, erklärt er mit einem Zupfen um seine Mundwinkel, das kaum zu erkennen war, weil es so schnell wieder verschwand. Ich habe es nur gesehen, weil ich auf seinen Mund gestarrt habe. Noch immer enttäuscht von der Tatsache, dass er eben Alkohol getrunken hat. Noch weit vor Mittag. Enttäuscht ist nicht das richtige Wort. Mein Puls rast vor Wut. Ich möchte ihn packen und ihm gewaltvoll erklären, wie falsch es ist, sich zu betrinken. Was ist nur los mit mir? Ich versuche, diese Wut mit einem tiefen Atemzug abzuschütteln, weil mir klar ist, dass ich völlig überzogen reagiere.

»Woher willst du das wissen?«

Jetzt lacht er höhnisch auf und beugt sich etwas mehr in meine Richtung. »Weil ich es rieche. Und ich bin auch wütend. Unkontrollierbar wütend. So sehr, dass es mich zerreißt, deswegen brauche ich das hier«, sagt er und hebt mir sein Glas entgegen.

Ich stoße ein abfälliges Schnauben aus. Was er dort sagt, könnte auch aus dem Mund meiner Mutter stammen. Ich kenne alle Ausreden wieso sie jetzt dieses Glas Whiskey braucht. Oder diesen Druck Heroin. »Verarsch mich nicht. Ich schlage vor, du lässt diese Spielereien und sagst mir, was du sagen wolltest. Was ist mit Sam? Wieso ist er eben weggefahren? Brauchst du mich nicht mehr? Wirst du mich jetzt töten?«, rattere ich einen Großteil der Fragen herunter, die meinen Schädel malträtieren. Es ist komisch, aber alles scheint Karussell zu fahren in meinem Kopf. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie versinken in einem Chaos. Überlagert von der Finsternis, die sich immer mehr in den Vordergrund drängt, als wolle sie mich verschlingen. Als hätte sie vor, mich auszulöschen. So mächtig hat die Dunkelheit in mir sich noch nie angefühlt.

Ice lehnt sich wieder zurück und presst die Lippen aufeinander. »Im Moment bist du die größere Gefahr.« Er zieht eine Braue hoch, als warte er auf meine Reaktion. Was auch immer er erwartet hatte, dass ich ihn auslache, war es nicht. Ice zieht auch die zweite Augenbraue hoch, als ich mir die Tränen aus den Augen wische und den Kopf schüttle.

»Das ist wirklich witzig«, stoße ich atemlos aus. »Aber wie könnte ich Sam gefährlich werden? Ich habe noch niemals jemandem wehgetan, außer dir, als ich dich geohrfeigt habe. Und sind wir doch ehrlich, du hast es verdient.«

Ice seufzt genervt. Er reibt sich über die Wangen, als wäre ich der anstrengendste Mensch, mit dem er es jemals zu tun hatte. Vielleicht hat er recht und ich verstehe nicht, was er von mir will, weil ich ihn nicht verstehen will oder einfach zu dumm bin. Aber vielleicht versteht er auch viel weniger, denn wenn er alle Seiten betrachten würde, dann sitze ich in diesem Moment nur hier neben ihm, weil er es so wollte. Und es ist einfach undenkbar, dass ich jemals eine Gefahr für Sam sein könnte. Ich mag ihn zufälligerweise lieber als seinen Bruder. Sam hat mir nie etwas getan, und doch ist er wie ich oft allein und auf sich gestellt.

»Sieh mich an«, stößt Ice genervt aus.

Ich wische mir die Tränen vom Gesicht, hole tief Luft und schlucke die Wut herunter, die mich dazu gebracht hat, über Ice zu lachen. Er sieht so ernst aus, dass ich das Gefühl bekomme, er sagt die Wahrheit. Zumindest glaubt er ganz fest daran. Und das erschüttert mich. »Also gut, vielleicht sagst du mir einfach, was hier los ist.«

»Du fühlst dich krank, als würden deine Organe kochen, deine Knochen zermahlen werden und deine Gefühle völlig außer Kontrolle geraten.« Er atmet noch einmal tief ein und wirkt dabei, als würde er mich in sich einsaugen. Sein Blick gleitet über meinen Körper und wirkt besorgt. »Es geht dir nicht gut, und du weißt nicht warum.«

Ich nicke ergeben, weil ich mir sicher bin, dass es sich nicht lohnen würde, zu lügen. Er kennt die Wahrheit längst. In meinem Hinterkopf warnt mich eine leise Stimme, ich sollte jetzt beginnen wegzulaufen. Denn was auch immer Ice mir gleich sagen wird, es wird alles verändern. Ich sehe es an dem Mitleid in seinem Gesicht. Ich sehe ihn an und fühle mich, als könnte er mir gleich eröffnen, dass ich am Untergang der Zivilisation schuld bin. »Was kannst du schon über mich wissen?«, zische ich ihm in einem letzten Versuch, mich zu retten, entgegen.

Ice presst die Lippen fest aufeinander. Sein Blick geht für Sekunden an mir vorbei. Die Stille zwischen uns breitet sich aus, es ist so leise, gäbe es in diesem Haus Termiten, dann könnte ich sie wahrscheinlich in den Wänden hören. »Du wirst dich verwandeln«, stößt er mit heiserer Stimme aus. Erst jetzt sieht er mich wieder an.

Ich unterdrücke das Lachen, das sich schon wieder meine Kehle hocharbeiten will. Mir gegenüber sitzt ein Mann, der behauptet, ich würde mich verwandeln. »In was? Eine bessere Hausfrau, schlaue Studentin, das nächste Topmodel?«

Gereizt knurrt Ice mich an. »Ich weiß, du versuchst immer hinter irgendwelchen Sprüchen zu verstecken, dass du Angst hast, aber wie wäre es, wenn du für ein paar Minuten den Mund hältst und mir einfach zuhörst?«

Ich möchte Ice am liebsten erwürgen, stattdessen tue ich, was er verlangt hat und verschränke abwehrend die Arme vor der Brust. Ich tue das auch, weil ich mich zu schwach fühle, um weiter zu kämpfen.

»Wahrscheinlich wirst du kein Wort von dem glauben, was ich dir gleich sagen werde. Aber bevor du aufspringst und wegläufst, weil du mich für verrückt erklärst, behalte einfach im Hinterkopf, dass ich es dir gleich beweisen werde. Also hör mir erst zu und warte ab.« Ice wirft dem Glas Bourbon auf dem Tisch einen kurzen Blick zu. »Trink es aus, bitte«, sagt er. Er klingt so eindringlich, dass ich nur eine Sekunde lang zögere, bevor ich das Glas nehme und es mit zitternden Fingern an meine Lippen führe. Ich dränge meine Zweifel zurück und lasse den Schock meine Handlung übernehmen.

»Warum tue ich das?«, frage ich ihn, bevor ich vorsichtig an der scharfen Flüssigkeit nippe.

»Weil es hilft, einen Teil von dir in Schach zu halten. Ruhigzustellen. Ich hab den Bourbon eben getrunken, damit ich es besser in deiner Nähe aushalte. Trink«, befiehlt er mir.

Alles ist total verwirrend und irre. Und ich habe das Gefühl, wir werden nicht weiterkommen, wenn ich nicht nachgebe. Mein Instinkt sagt mir aber, dass wir das müssen. Wir müssen weiterkommen, dieses Gespräch voranbringen, weil etwas Wichtiges gerade in diesem kleinen Farmhaus passiert. Auch wenn es mir völlig zuwider ist, ich ergebe mich. Auch weil ich mich zu schwach fühle, um weiter zu kämpfen. Ich trinke das Glas mit großen Schlucken, ohne meiner Kehle oder meiner Zunge Zeit zu geben, den Bourbon zu fühlen. Ich schlucke einfach weiter, bis das Glas leer ist und sich in meinem Magen Hitze ausbreitet. Erst als es leer ist, erlaube ich mir zu husten und nach Luft zu schnappen. Ich verziehe das Gesicht und lasse mir von Ice den Tumbler abnehmen. Keuchend schnappe ich nach Luft und blinzle gegen die Tränen an. Aber fast sofort fühle ich, wie diese unbändige Wut in mir zurückgedrängt wird, bis nur noch eine kleine Flamme tief in mir zuckt. »Okay«, bringe ich rau hervor.

»Zuerst solltest du wissen, weder Will noch ich können uns erklären, wie das passiert sein kann. Das ist also etwas, das du deinen Vater fragen solltest.« Ice betrachtet seine geballten Fäuste. Er atmet schwer ein und aus und schweigt eine Weile. »Als ich mich in deine Nähe begeben habe, habe ich etwas in dir aufgeweckt. Da gab es schon immer eine dunkle Seite in dir. Etwas, das dir das Gefühl gegeben hat, anders zu sein als die Menschen um dich herum.« Er mustert mich fragend, als wolle er sichergehen, dass er recht hat, also nicke ich.

»Diese dunkle Seite, das ist deine Wölfin. Wölfe sind Rudeltiere. Sie hat in dir auf den Tag gelauert, an dem du auf einen anderen Wolf triffst und alt genug für deine Wandlung bist. Wäre ich nicht nach Black Falls gekommen, wärst du wahrscheinlich bis an dein Lebensende ein Mensch geblieben. Dein Vater wusste, was du bist. Deswegen hat er dich seit Jahren nicht mehr besucht. Und deswegen hat sein Vize nur noch aus der Ferne nach dir gesehen«, erklärt Ice. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er jedes Wort glaubt, das er ausspricht. Aber ich glaube ihm nicht. Trotzdem nicke ich und versuche, nicht in Gelächter auszubrechen. Ich versuche wirklich ernsthaft ihm zu folgen und so zu tun, als würde ich ihn nicht für völlig irre halten.

Aber ich kann ihm nicht glauben, denn ich verstehe noch immer nichts. Ich schüttle verwirrt den Kopf und reibe über meine Wangen. Ich versuche gedanklich seine Worte zu sortieren und ihnen eine Bedeutung zu verleihen, aber ich scheitere an der Sinnfreiheit seiner Aussage. »Also diese Wölfin ist eine Metapher. Du willst mir etwas sagen, aber ich kapier nicht, was. Wieso redest du nicht einfach Klartext. Wofür steht diese Wölfin? Für welche dunkle Seite in mir? Bin ich eine Psychopathin?« Was Ice da redet ergibt für mich so wenig Sinn wie der Müll, den der amerikanische Präsident in den Nachrichten so gerne von sich gibt.

»Das sind keine Lügen, keine Metapher, und du weißt es. Du spürst es unter deiner Haut. Seit ich dich entführt habe noch mehr als jemals zuvor. Es kribbelt überall. Dein Herz fühlt sich an, als wollte es aus deiner Brust springen und rennen. Immer schneller und schneller, bis du völlig außer Kraft bist.« Plötzlich ist Ice mir ganz nah. Er legt seine Hand an meinen Hals, berührt mit dem Daumen meinen Puls. Ein Hitzeschauer wühlt sich durch meinen Körper und löst ein Prickeln zwischen meinen Schenkeln aus. »Und wenn ich dich berühre, hast du das Gefühl, zu verbrennen. Und du kannst nicht genug bekommen. Das Gefühl, mir nahe sein zu wollen, verschlingt dich.«

»Das bildest du dir ein«, spucke ich ihm wütend entgegen. Ich will nicht, dass wahr ist, was er sagt. Ich will ihm nicht nah sein wollen. Aber er hat recht, alles in mir sehnt sich nach ihm.

Ice grinst nervös. Er presst seine geballten Fäuste gegen seine Oberschenkel und atmet zitternd ein. In seinem Gesicht arbeiten die Muskeln und verhärten sich. Er wirkt, als kämpfe er mit sich oder gegen etwas. »Ich wusste, dass das nicht einfach wird. Die meisten von uns wachsen im Rudel auf, sie wissen ihr ganzes Leben lang, wer sie sind. Außer die Gebissenen, die erfahren es so wie du. Ohne Vorbereitung. Und ehrlich, ich bin in so was nicht gut«, windet Ice sich. Er steht auf und sieht auf mich runter. Ich starre ihn noch immer verständnislos an. Wahrscheinlich sehe ich so aus wie ich mich fühle. Als hätte mir jemand das Hirn ausgesaugt und ein Vakuum hinterlassen. »So wird das nicht funktionieren. Ich mache es für uns beide etwas einfacher. Nur lauf nicht weg, Süße. Du würdest nicht weit kommen, weil mein Tier dich niemals gehen lassen würde. Bleib einfach da sitzen und verhalte dich ruhig«, erklärt er stammelnd und fährt sich nervös durch die Haare. Sein Blick gleitet besorgt über mich, und für endlose Sekunden starrt er mich einfach nur an, als wäre er nicht sicher, ob er tun soll, was er vorhat. Aber dann hat er es plötzlich eilig, als wolle er seinen Plan so schnell wie möglich hinter sich bringen. Er reißt sich das Shirt vom Körper und wirft es neben mich auf das Sofa. Und er zieht seine Ringe von seinen Fingern und legt sie auf den Tisch. Vielleicht hätte ich den Bourbon doch nicht trinken dürfen. Zieht er sich schon wieder vor mir aus?

»Was tust du?«, stoße ich verzweifelt aus, kann aber meinen Blick nicht von seinem muskulösen Oberkörper fortbewegen.

Er lacht und öffnet seine Hose. »Was du gleich sehen wirst, wird dich entweder so schockieren, dass du nur noch hier wegwillst. Oder es wird dich beeindrucken und vor Staunen umhauen. Ich hoffe, dass es das Letzte sein wird. Oder dein Verstand wird kollabieren und nichts mehr von der Frau übrig lassen, die vor mir sitzt und mir mit ihrem frechen Mundwerk so viel Freude bereitet.«

»Ich hab deinen Schwanz schon gesehen, du hast ihn mir schon unter die Nase gerieben. Und mein Verstand funktioniert noch gut, denke ich«, füge ich protestierend an. »Und zur Hölle, was auch immer du hier denkst, was hier läuft, ich werde nicht mit dir schlafen. Also zieh dich wieder an.«

Ice grinst nur dreckig. Er streift seine Hose runter und tritt ein Stück zurück in Richtung der Haustür, und als er jetzt zu mir sieht, scheint es, als würde das Eisblau seiner Augen von innen heraus beleuchtet, ähnlich wie bei einer Katze. Was unmöglich ist. Es muss am Bourbon liegen. Ich werfe einen flüchtigen Blick auf mein leeres Glas. Ich wusste, das Zeug zu trinken war ein Fehler. Aber als ich Ice wieder ansehe, leuchten seine Augen noch immer. Ich schnappe nach Luft und will gerade etwas sagen, als seine Knochen beginnen, sich unter seiner Haut zu verschieben. Ich höre sie brechen, sehe, wie er sich krümmt, aber ich traue meinen Augen nicht, also blinzle ich wie wild. Trotzdem verschwindet Ice nicht. Das Knacken seiner Knochen hallt in mir nach und lässt mich erschaudern. Ich reibe mir über die Arme, aber sonst bin ich nicht in der Lage, zu fühlen, zu verstehen oder auch nur zu denken. Was ich sehe, kann nicht real sein.

Er geht auf alle viere runter, streckt sich, beugt sich, knurrt und stößt ein lautes, hohes Jaulen aus. Aus den Poren seiner Haut dringen schwarze Haare, sie stellen sich erst auf, dann legen sie sich über seine Haut, bis Ice komplett mit schwarzem Fell bedeckt ist. Ich springe hektisch von dem Sofa auf und stolpere so weit weg, wie es mir in dem kleinen Wohnzimmer möglich ist. Dabei falle ich beinahe über meine weichen Knie. Mein Mund klappt fassungslos auf und ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.

»Das passiert nicht. Das liegt am Alkohol«, flüstere ich.

Ice antwortet mit einem Bellen, das klingt, als würde er lachen. Seine Finger werden länger, strecken sich über den Boden. Auch sein Gesicht schiebt sich nach vorne, und noch immer höre ich Knochen knacken und Muskeln reißen. Sultan taucht neben Ice auf und schmiegt seinen Kopf an seine Seite. Aus Ice Fingerspitzen und seinen Fußzehen wachsen Krallen, die leise über den Holzboden kratzen. Nach dem nächsten Jaulen steht ein nachtschwarzer Wolf mit leuchtenden blauen Augen vor mir. Dieser Wolf ist mindestens zwei Köpfe größer als Sultan, der ihm die Schnauze leckt, als würde er sich dem größeren und stärkeren Tier unterwerfen.

»Das meintest du also mit Wolf«, stoße ich hysterisch kichernd aus. Ich drücke mich panisch gegen die Wand hinter mir und versuche, mich an ihr entlang zum Fenster zu schieben. Ice hat recht, mein Verstand ist eben dabei, zu kollabieren. Mir muss nur gelingen, es zu öffnen und raus auf die Veranda zu steigen. Mein Gehirn sagt mir, dass es unmöglich ist, dem Wolf zu entkommen. Aber ich muss es zumindest versuchen. Auf die Veranda, ins Auto und weg hier, lege ich mir im Kopf zurecht. Ich lege meine Hand an den Fensterrahmen und will ihn nach oben drücken. Aber der Wolf ist schneller bei mir. Mit einem großen Satz springt er quer durch den Raum und über das Sofa und baut sich mit einem Knurren, das sich durch jede Zelle meines Körpers arbeitet, vor mir auf.

Da steht ein Wolf vor mir. Seine Augen sind unverwandt und drohend auf mich gerichtet, seine Zähne sind gefletscht und angsteinflößend groß. Auf seinem Rücken hat sich das Fell aufgestellt und bildet einen Kamm. Und er knurrt. Sein Atem bläst über mein Gesicht. Seine Schnauze ist nur Zentimeter von meiner Nase entfernt. Wie kann so was überhaupt funktionieren? Das hier kann nicht wahr sein. Unmöglich. Aber in mir drin regt sich etwas. Es ist die Dunkelheit. Sie bewegt sich in meinem Kopf. Diese Leere, die ich schon immer gefühlt habe. Plötzlich fühlt sie sich ganz warm an.

Das Knurren des Wolfs wird noch aggressiver, als ich mich nicht vom Fenster wegbewege, obwohl der Wolf versucht, mich rückwärts wegzudrängen. Sein gewaltiger Kopf drückt sich gegen meinen Oberkörper und dirigiert mich zurück auf die andere Seite des Zimmers. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu tun, was der Wolf verlangt. Erst als ich stehe, wo er mich haben will, erlaubt der Wolf es sich, sich vor meine Füße zu legen. Aber er lässt mich keine Sekunde aus den Augen. Ich hole zitternd Luft. Vor meinen Augen flimmert es. Vielleicht aufgrund der Angst, die in meinen Knochen sitzt. Oder wegen meiner Schwäche, die ich noch immer in meinen Muskeln spüre. Ich stütze mich auf der kleinen Kommode ab und versuche, meine Nerven zu beruhigen. Aber angesichts der letzten Minuten wird mir das wohl nie wieder gelingen. Vielleicht stehe ich unter Drogen. Etwas muss im Bourbon gewesen sein. Mein Puls rast. Meine Hände zittern. Das Flimmern wird immer stärker. Ich bekomme einfach nicht genug Sauerstoff in meine Lunge.

8



Sie fühlt sich heiß in meinen Armen an. So vorsichtig es geht, lege ich Raven auf das Bett, gehe zurück nach unten und hole eine Schüssel aus der Küche. Im Badezimmer lasse ich die Schüssel voll Wasser laufen und werfe ein kleines Handtuch hinein. Für mehrere Sekunden starre ich auf das Frottee und beobachte, wie es sich langsam voll Wasser saugt und auf den Schüsselboden sinkt. Mit geschlossenen Augen versuche ich, meinen Wolf zurückzudrängen. Ich kann es nicht gebrauchen, dass er ausgerechnet jetzt die Oberhand gewinnt. Er will Raven schützen. Mehr als alles andere will er sie verteidigen und jede Gefahr von ihr fernhalten. Sogar mich. Aber der Wolf will sich nicht einfach so von mir in Ketten legen lassen. Es kratzt unter meiner Haut und verlangt, hervorgelassen zu werden. Der Wolf ist jetzt, wo ich ihn raus und in Ravens Nähe gelassen habe, noch beharrlicher. Er will sie für sich haben. Wieso ist er so fixiert auf Raven? Weder Sam noch Will schienen auf diese intensive Art für Raven zu empfinden.

Raven ist eine Wölfin. Ich kann es noch immer nicht glauben. Aber es passiert vor meinen Augen. Dabei hatte sich jeder Wolf, der die Kriege überlebt hat, längst damit abgefunden, dass es keine Frauen mehr geben wird. Viele sind im Kampf um die letzten Frauen gestorben, haben ihre Leben gegeben, um ihre Töchter und Gefährtinnen zu beschützen. Und jetzt ist da Raven. Ich verdränge die Vorstellung, was es für sie bedeuten wird, die einzige Frau zu sein, die noch in der Lage ist, Kinder zu bekommen. Bevor ich drüber nachdenke, muss sie erstmal die Wandlung überleben.

Ravens Angst in ihren Augen zu sehen, den Schmerz und die Verwirrung fast schon riechen zu können, hat mich wünschen lassen, ich hätte sie vor dem beschützen können, was jetzt auf sie zukommt. Aber das kann ich nicht. Und weil das hier meine Schuld ist, muss ich mein Bestes geben, um sie zu retten. Um ihr da durchzuhelfen. Ich muss einfach alles versuchen, um sie am Leben zu erhalten. Der Gedanke, sie zu verlieren, reißt ein Loch in meine Brust, das finsterer als meine Seele ist. All die Morde zuvor werden nichts gegen Ravens Tod sein, wenn ich ihn auch noch auf meine Seele laden muss. Ich bereue die Sekunde, in der ich sie gefunden und beschlossen habe, in Black Falls zu bleiben. Wäre ich sofort wieder gegangen … Ja, was dann? Wäre es vielleicht schon zu spät gewesen und das hier trotzdem geschehen, und sie wäre ganz allein gewesen. Und dann hätte ich vielleicht Raven zur Mörderin gemacht. Nach einer Wandlung kann so viel geschehen. Sie ist so voller Mitgefühl für Sam gewesen. Ich bezweifle, dass Raven es schaffen würde, damit umzugehen, den Tod eines anderen verschuldet zu haben.

Nein, ich hätte gar nicht erst nach Black Falls gehen sollen. Aber wie hätte ich das hier wissen sollen? Wie hätte ich es ahnen können?

Ich krümme mich, als die ersten Knochen in meinem Brustkorb beginnen, sich zu verformen, stemme mich mit aller Kraft gegen die Wandlung und schaffe es, den Wolf zu unterwerfen. Ich schiebe ihn zurück in die dunkle Ecke, in die ich ihn immer sperre, und erkläre ihm, dass er Raven nicht haben kann. Dass ich ihn nur rausgelassen habe, um ihr zu zeigen, was sie sonst nie geglaubt hätte. Wie hätte sie mir auch jemals glauben sollen? Es musste sein. Und jetzt muss ich alles versuchen, damit sie überlebt, weil ich an dem schuld bin, was ihr passiert. Ich kann nicht zulassen, dass sie stirbt, nur weil ich die Wandlung ausgelöst habe, die sie vielleicht niemals hätte durchmachen müssen. Vielleicht war das das einzig Gute, das Sherwood je getan hat: seine Tochter vor einem Leben als Wölfin zu schützen, indem er sie von unserer Art ferngehalten und so die Wandlung aufgehalten hat.

Das hier ist allein meine Schuld. Niemand hätte jemals von ihr erfahren müssen. Sie hätte ein Leben in Freiheit haben können, ohne den Schmerz der Wandlung.

Ich gehe in das kleine Schlafzimmer mit der schmutzigen geblümten Tapete und stelle die Schüssel auf dem Nachttisch neben dem Bett ab. Nichts in diesem Haus gehört Sam oder mir. Es ist nur irgendein Haus, das wir besetzt haben, weil es verlassen wurde. Clanmitglieder haben keinen eigenen Besitz. Wir leben als Rudel zusammen und teilen alles untereinander auf. Wenn wir das Rudel verlassen, dann verlassen wir es nur mit dem, was wir auf dem Leib tragen. Und wenn wir als Wolf gehen, tragen wir nur unser Fell. Bis zu dem Augenblick, in dem ein Jäger uns findet und uns Moonshine verabreicht. Dann tragen wir nicht einmal mehr unser Fell.

Auf Ravens Stirn stehen kleine Schweißperlen, ihre Haut ist grau und ihre Unterlippe zittert. Es geht ihr schlecht, aber bis sich ihr Körper zum ersten Mal in einen Wolf verwandelt hat, wird es ihr noch viel schlechter gehen. Ich nehme das Handtuch aus dem Wasser und wringe es aus, danach falte ich es etwas zusammen und lege es auf ihre Stirn. Während ich das tue, versuche ich, möglichst nur durch den Mund zu atmen. Ihr Duft nach Wolf und Frau wird immer stärker. Und je mehr er aus ihren Poren quillt, desto unruhiger wird das Tier in mir. Desto mehr Kraft werde ich brauchen, um es zurückzuhalten.

Nachdem ich Ravens Stirn abgetupft habe, lasse ich das Handtuch auf ihrer heißen Brust liegen und gehe nach unten in das Wohnzimmer, um die Flasche Bourbon zu holen. Ich werde jeden Schluck brauchen, um meinen Wolf zu betäuben und in den Schlaf zu schicken. Ich trinke hastig mehrere Schlucke, bevor ich wieder nach oben gehe und mich neben das Bett setze. Solange Raven schläft, schläft auch ihre Wölfin und die Verwandlung schreitet nicht weiter voran. Je langsamer sie voranschreitet, desto besser sind ihre Überlebenschancen.

Ich nehme das Handtuch von ihrer Stirn, tauche es erneut ins Wasser und tupfe ihren Hals und ihre Unterarme damit ab. Ich kann den Puls unter ihrer Haut direkt neben ihrer Kehle rasen sehen. Ihre Atmung geht schnell und flach und ihre Muskeln beginnen unkontrolliert zu zittern.

Sie liegt schwach und bebend vor mir. Ihre Haare sind verschwitzt und kleben ihr in Nacken und Stirn, ihre Lippen haben eine bläuliche Färbung angenommen. Und obwohl sie gerade um ihr Leben kämpft, ist sie wunderschön. Nicht nur der Wolf will sie. Ich will sie auch. Aber das darf ich nicht zulassen. Ich muss Sam beschützen. Das bedeutet, sobald Raven ihre Wandlung überlebt hat, muss ich sie von mir und Sam wegbringen. Solange sie in unserer Nähe ist, ist sie eine Gefahr für uns. Jeder Wolf auf diesem Kontinent wird hinter ihr her sein. Das hat Sherwood gewusst. Andererseits wollte ich, dass sie mich jagen, mir folgen und Will die Chance hat, Sam zu verstecken. Mit Raven an meiner Seite werden sie mich jagen. Nicht nur Sherwood, einfach alle. Aber genau das will ich jetzt nicht mehr. Die Vorstellung, sie in Gefahr zu bringen, fühlt sich auf einmal nicht mehr so gut an. Ich streiche über ihr warmes Gesicht. Ich habe genug Schuld auf mich geladen, ich werde Raven nicht an ein ganzes Rudel Wölfe ausliefern. Sollte sie die Wandlung überleben, werde ich sie gehen lassen.

Ravens Lider öffnen sich flatternd. Sie versucht ihren Arm zu heben, lässt ihn aber wieder sinken. »Was ist passiert?«, murmelt sie leise und versucht sich zu orientieren. Ihr Blick gleitet durch den Raum und bleibt auf mir hängen. Sie stöhnt. »Du schon wieder«, stößt sie genervt aus.

Ich grinse sie an. »Ich schon wieder. Du bist ohnmächtig geworden, also habe ich dich ins Bett gelegt.«

»Was?« Raven versucht sich aufzurichten. Weil sie es allein nicht schafft, beuge ich mich über sie, greife ihr unter die Arme und schiebe zwei Kissen hinter ihren Rücken. Ihre Haut ist heiß wie glühende Kohlen. »Du riechst gut.«

Lachend setze ich mich zurück auf den Stuhl. »Danke, freut mich.«

Raven schüttelt den Kopf. »Das wollte ich nicht sagen.«

»Dann hab ich es nicht gehört.«

Raven hustet, dann fällt ihr Blick auf den Bourbon und ihre Augen weiten sich. »Du warst ein Wolf!«

Ich nicke. »Und du wirst bald einer sein.«

Sie lacht düster auf und greift nach dem feuchten Handtuch, als ich es ihr auf die Stirn drücken will. Sie reißt es mir aus der Hand und starrt mich wütend an. »Komm mir nicht zu nahe.«

»Wir müssen deinen Körper runterkühlen«, erkläre ich sanft. »Je länger wir die Wandlung aufhalten, desto größer sind deine Chancen, sie zu überleben.«

»Wieso sollte ich das überleben wollen? Wieso sollte ich das wollen?«, fragt sie mit sarkastischem Unterton. Obwohl die Rebellin in ihr in jedem Wort durchklingt, ist ihre Stimme schwach und heiser. Das geht mir nahe und versetzt mir einen schweren Stich ins Herz, denn jede Faser in mir bewundert diese starke Frau. Und jetzt liegt sie in diesem Bett und ihre Stärke scheint ausgelöscht. Ihre Finger zupfen an dem Handtuch herum. Sie sieht mich nicht an, als wolle sie es unbedingt vermeiden.

Ich kann es ihr nicht verübeln, denn im Moment stehe ich für den schlimmsten Albtraum in ihrem Leben. Aber wenn ich will, dass sie aufhört, sich gegen das zu wehren, was auf sie zukommt, dann muss ich versuchen, ihr zu zeigen, dass es nicht nur schlecht ist, ein Wolf zu sein, dabei glaube ich selbst nicht daran, dass dieses Leben Vorteile hat. Ich hasse den Schmerz der Wandlung, das Leben im Grim Wolves MC und die Gewalt. Aber der Gedanke, dass diese wundervolle Frau sterben muss, weil ich Zweifel habe, gibt mir die Kraft, meinen Hass auf dieses Leben zu verdrängen. Denn Raven sterben zu lassen, kommt nicht infrage. Ich kann es einfach nicht, selbst dann nicht, wenn ihr Tod bedeuten würde, sie von diesem Schicksal, das ich so verabscheue, zu befreien.

Damit ihre Chancen zu überleben größer werden, muss sie sich der Wandlung unterwerfen. Sie muss sie willkommen heißen, egal wie schlimm es sich anfühlt. Und es wird nur wenig besser werden, wenn sie die erste Wandlung überlebt hat. Jede Wandlung ist mit Schmerzen verbunden, und doch sind wir gezwungen, sie wenigsten einmal im Monat zuzulassen, weil wir sonst den Verstand verlieren. Der Wolf lässt sich nicht für immer einsperren. Außer man zwingt ihn mit Moonshine dazu. Aber auch dann, verliert man den Verstand irgendwann, weswegen Sherwood es für jeden Abtrünnigen zur Pflicht gemacht hat, sich einmal im Monat auf der Farm zu melden, damit alles ich gemeinsam und unter Kontrolle wandeln können. Deswegen reicht eine Dosis Moonshine genau für einen Monat.

Ich konzentriere mich auf die guten Sachen im Leben eines Werwolfs. Ich muss alles versuchen, um es ihr einfacher zu machen und ihr zu helfen, das, was jetzt kommt, zu akzeptieren. Jede Blockade, jede Abwehr könnte ihren Tod bedeuten.

»Ein Wolf zu sein, bedeutet eine Freiheit, die du als Mensch niemals erleben wirst. Du wirst schneller und stärker sein. Die Welt mit den Augen eines Raubtiers sehen. Deine Instinkte werden ursprünglicher sein. Es wird sich anfühlen, als wärst du Teil von etwas, das keine Grenzen besitzt, das mit der Natur verbunden ist, wie nur Tiere es sein können. Alles um dich herum wird sich anfühlen, als wärst du mit dem Wolf und der Natur eins.«

»Gib es auf, du musst nicht versuchen, es mir schmackhaft zu machen. Ich hasse es jetzt schon, das wird sich auch durch deinen Werbeslogan nicht ändern.« Jedes Wort stößt sie mit Mühe hervor. Trotzdem schafft sie es irgendwie, bitter zu lachen. »Werwölfe! Das muss ein Albtraum sein. Erst die Entführung, dann das hier. Wahrscheinlich liege ich irgendwo im Koma und mein Verstand gaukelt mir diesen Müll vor.« Raven beugt sich nach vorne, als eine schmerzhafte Welle ihren Körper trifft. Solche Wellen werden sie ähnlich wie Geburtswehen in den nächsten Stunden oder Tagen in immer kürzeren Abständen treffen. Sie verzieht gepeinigt das Gesicht und würgt gegen den Druck an, der ihren Oberkörper zusammenschnürt.

»Fühlt sich das an, als ob du träumst?«, frage ich sie harsch. Sie muss akzeptieren, was hier passiert. Verdrängen macht es nur schlimmer. »Ich will dich nicht anlügen, die Wandlung wird nie schmerzlos sein, aber nur die erste fühlt sich an, als würdest du die neun Kreise der Hölle durchschreiten müssen.« Ich versuche mich an einem Lächeln, als Raven aufblickt und mich gequält mustert. »Es tut mir leid, wenn ich geahnt hätte, dass du eine Wölfin bist, hätte ich mich von dir ferngehalten.« Ich nehme ihr das Handtuch ab, tauche es in die Schüssel und gebe es ihr zurück. Raven drückt es gegen ihren Nacken und gegen ihre Wangen und seufzt leise.

»Hätte das etwas geändert?«, will sie leise wissen.

»Du hättest dich nicht verwandelt. Wölfe sind Rudeltiere. Wäre deine Wölfin nicht auf meinen Wolf getroffen, dann hätte sie einfach weiter in der Dunkelheit gewartet. Aber eigentlich passiert das nie, dass jemand von uns außerhalb des Clans aufwächst. Geborene sind selten geworden. Außerhalb des Rudels aufzuwachsen, um die Wandlung zu umgehen, würde bedeuten, schon mit 12, spätestens 14 Jahren die Familie verlassen zu müssen. Früher wurden viele von uns nach der Geburt zur Adoption freigegeben, um die Wandlung zu verhindern. Aber wenn es dann zufällig zu Wandlungen kam, weil eins dieser Kinder auf einen von uns gestoßen ist, dann hatte das schlimme Folgen. Auch für die Geheimhaltung unserer Existenz, weswegen es heute verboten ist, unsere Nachkommen wegzugeben.« Was eigentlich, sowieso egal war, denn es gibt keine Nachkommen mehr, die wir hätten außerhalb des Rudels aufwachsen lassen können. Diese Regel ist sinnlos geworden, seit es keine Kinder mehr gibt. Aber das erzähle ich Raven nicht. Noch ist es zu früh, um ihr zu sagen, was sie für die Wölfe bedeutet und wie groß die Gefahr ist, in der sie schwebt.

»Wann hätte ich mich normalerweise verwandelt? Und das nur, weil ich in ein Rudel hineingeboren worden wäre? Vielleicht hat meine Mutter deswegen mit mir in Black Falls gelebt, damit ich das hier nicht durchmachen muss?«

»Über deine Mutter weiß ich nichts, nur, dass sie Sherwoods Exfrau ist. Sie war keine von uns, aber normalerweise ist es unmöglich, dass Menschenfrauen Wölfe gebären. Zumindest dachten wir das immer«, werfe ich ein. »Du wärst nicht viel jünger als jetzt gewesen bei deiner ersten Wandlung. Die meisten sind 15, höchstens 18. Nur die Gebissenen, sie verwandeln sich egal in welchem Alter sie gebissen wurden. Das macht das Gift an unseren Zähnen und Klauen. Die Wandlung eines Gebissenen ist viel gewaltiger, weil sie so schnell vor sich geht. Deswegen überleben nicht viele Menschen diese Wandlung.« Irgendwie bilde ich mir ein, wenn ich auf sie einrede und ihr alles erkläre, was mir so einfällt, lenkt sie das vom Schmerz ab. Aber eigentlich spricht da nur mein Schuldgefühl aus mir. Den Schmerz der Wandlung könnte keine Rede der Welt auslöschen. Kein Medikament. Und auch kein Alkohol. Es gibt nichts, das ihr im Moment helfen kann.

Raven schreit auf, beugt sich vornüber und wiegt ihren schmerzgeplagten Körper. »Du hättest mich erschießen sollen«, stößt sie hustend hervor und sieht mich mit Tränen in den Augen an. »Oder du hättest einfach verschwinden sollen, statt tagelang in der Bar herumzusitzen, als du bemerkt hast, dass meine Mutter nicht zurückkommt.«

»Das wünschst du dir nicht, glaub mir das.« Ich atme tief ein und sehe sie unglücklich an. »Also, dass ich gegangen wäre. Ich war mehrere Tage in deiner Nähe. Wenn die Wandlung schon ausgelöst war und ich verschwunden wäre, hättest du die halbe Stadt umgebracht. Die andere Hälfte hättest du gebissen und …«

Raven schnaubt abfällig. »Und die Werwolfapokalypse ausgelöst?«

Ich nicke. »Ja. Deswegen ist es verboten, was dein Vater getan hat. Dich zu verstecken. Du wärst verwirrt gewesen, hättest nicht gewusst, was mit dir geschieht und du hättest nicht den Abstand gehabt, den du gebraucht hättest, um deine Wölfin unter Kontrolle zu bekommen. Eine Wandlung in der Nähe von Menschen ist zu gefährlich. Für uns und für sie.« Ich setze ein Grinsen auf, in einem weiteren Versuch, Raven aufzumuntern. »Das letzte Mal, das war etwa im 18 Jahrhundert in Europa, waren die Werwolfjäger und die Inquisition hinter uns her. Sie haben ganze Clans ausgerottet.«

»Weil die Wölfe ganze Städte ausgerottet haben, verständlich«, knurrt Raven und wirft sich in die nächste Schmerzwelle. Sie drückt ihre Finger in die Matratze und ich beobachte, wie ihre Knochen sich verlängern und wieder normalisieren. Ihr Körper wird mit jeder Welle versuchen, seine Wolfsform zu erzwingen. Jedes Mal ein Stück mehr. Sie wirft sich zurück auf die Matratze, bäumt ihren Oberkörper auf und windet sich so sehr, dass ich befürchte, sie könnte die Kontrolle verlieren. Ich springe auf, packe ihre Schultern und drücke sie in die Laken.

»Fuck«, knurrt sie mit der Stimme eines Wolfs so kräftig, dass sich meine Haare am gesamten Körper aufstellen. Ich halte sie weiter fest, bis sie sich wieder beruhigt hat. »Ich kann nicht fassen, dass das alles wegen dir passiert. Wenn ich das hier überlebe, werde ich dich töten«, droht sie mir und ich muss an meine Mutter denken. Als sie Sam geboren hat, habe ich sie im Schlafzimmer die gleichen Worte zu meinem Vater sagen hören.

»Ich werde es dir nicht verübeln, wenn du es tust«, erkläre ich ihr ehrlich und lasse sie los. Ich setze mich wieder neben sie auf den Stuhl und reiche ihr ein Glas Whiskey. »Trink«, fordere ich sie auf. Diesmal nimmt sie das Glas, ohne darüber nachzudenken und leert es auf einen Zug. Sobald ich ihr das Glas abgenommen habe, schließt sie erschöpft die Augen und schläft ein. Gegen den Schmerz hilft der Alkohol nicht, aber er bändigt die Wölfin in ihrem Inneren. Und das hilft zumindest dabei, die Wandlung zu verlangsamen, damit der Körper zwischen den Wellen neue Kräfte sammeln kann.

»Verdammt, ich wollte das hier nicht«, knurre ich in die plötzliche Stille.


Ich presse die Augen fest zu, weil ich nicht will, dass ich aufwache. Denn aufzuwachen würde bedeuten, diese vollkommen verrückte Realität zurück in meinen Verstand zu lassen. Aber so sehr ich auch kämpfe, die Bilder drängen sich zurück in meinen Kopf. Ich sehe die sturmblauen, leuchtenden Augen eines Wolfs, spüre seinen heißen Atem auf meiner Nase und erinnere mich an jedes Wort, das Ice gesagt hat, über das, was er ist und was ich bin. Oder vielleicht bald sein werde. Und ich bin mir nicht sicher, ob zu sterben nicht die bessere Option ist. Aber ich habe noch niemals aufgegeben. Dann ist auch jetzt nicht die Zeit dafür. Ich werde nicht zulassen, dass ich den Verstand verliere. Und ich werde nicht zulassen, dass der Schmerz mich beherrscht.

Aber die Wut werde ich zulassen. Auf Ice, auf meinen Vater und meine Mutter. Hat auch sie mich all die Jahre belogen? Mein ganzes Leben war eine Lüge. Ich schlucke gegen die Übelkeit an, die mich erfasst und kämpfe weiter gegen das Erwachen. Auch wenn sie mich beschützen wollten, ich kann keine Dankbarkeit empfinden, dafür, dass sie versucht haben, mich vor dem hier zu bewahren. Ich bilde mir ein, wenn ich davon gewusst hätte, wäre ich nicht so unvorbereitet gewesen. Aber wenn die Wandlung durch die Nähe von Wölfen ausgelöst wird, erklärt das, warum mein Vater nicht mehr nach uns gesehen hat. Aber das würde auch bedeuten, meine Mutter war keine Wölfin. Wusste sie, was er ist?

Die Wut zuzulassen nutzt nichts, weil jeder Knochen in meinem Körper wehtut und jede Zelle so heiß ist wie Lava. Mein Körper besteht ausschließlich aus Krämpfen und dem Gefühl, viel zu schwach zu sein, um auch nur einen Finger zu bewegen. Aber ich kann Ice riechen. Sein würziger Duft nach Wald und Erde scheint mich zu umgeben. Ganz als wäre er in meiner Nähe. Und obwohl es mich ärgert, beruhigt mich die Vorstellung. Es fühlt sich an, als würde seine Nähe sich wie eine schützende Decke über meine gepeinigte Seele legen.

»Raven, bist du wach?«, höre ich ihn flüstern. Wie kann es sein, dass seine Stimme wie Samt über mich streicht? Ich möchte in sie eintauchen, so wundervoll vertraut und warm fühlt sie sich an. »Du verbrennst, wir müssen deine Temperatur senken. Aber es wäre besser, wenn du dafür wach bist, denn ich will dich nicht mehr erschrecken, als nötig ist.«

Ich versuche mich an einem zustimmenden Brummen, aber alles, was ich hervorbringe, ist ein leises Stöhnen, also öffne ich die Lider und sehe direkt in Ices helle Augen. Er schaut mich mit einem besorgten Lächeln an.

»Da bist du ja.«

»Ganze Zeit schon«, flüstere ich heiser. Meine Kehle ist so trocken, dass sie reibt, als ich schlucke.

»Ich werde dich in die Badewanne legen. Du darfst also nicht erschrecken, das Wasser ist eiskalt. Aber nur so bekommen wir deine Temperatur runter. Denn wir können es absolut nicht gebrauchen, dass dein Blut in deinen Venen von der Hitze gerinnt«, erklärt er und sieht mich abwartend an, als warte er auf meine Erlaubnis.

»Okay«, stoße ich hervor und bin mir nicht mal sicher, ob seine Worte überhaupt bis in meinen Verstand vordringen und mir bewusst ist, was sie bedeuten.

Ice schiebt seine Arme unter meinen Körper und hebt mich hoch. Ich bin zu schwach, um darüber nachzudenken, was er tut. Ich lasse es einfach geschehen. Ich schaffe es nicht einmal, es zu hassen, dass er mich berührt und gegen seinen Oberkörper drückt. Meine Sinne erwachen erst restlos, als eisiges Wasser meine Fußsohlen umschließt. Ich atme heftig ein und reiße die Augen auf.

»Tut mir leid. Wir machen das hier nach und nach. Einen Zentimeter nach dem anderen, damit du dich langsam daran gewöhnen kannst«, sagt Ice und nimmt den Blick keine Sekunde von meinem Gesicht. Wäre er nicht an dem hier schuld, würde seine Sorge mich berühren. Aber er ist schuld, also weckt seine Schuld nur meinen Zorn. Oder besser gesagt sollte sie, aber ich fühle mich zu schwach, um zu hassen und wütend zu sein. Das Einzige, was ich wirklich will in diesem Moment, ist in Ruhe zu sterben. Die Vorstellung, die Augen zu schließen und nichts mehr zu fühlen und zu hören, ist auf einmal so verführerisch. Das sollte sie nicht. Ich muss kämpfen, ruft eine leise Stimme aus einem tiefen Winkel. Und diese Stimme hat recht.

»Weiter?«, fragt er mich und wartet, bis ich ein gequältes Ja hervorstoße. Nach und nach lässt Ice mich in das Wasser sinken, bis ich bis zum Hals bedeckt in der Wanne liege und die Kälte sich in meine Knochen frisst. Wie tausend Nadeln durchsticht sie meine Haut, raubt mir den Atem und lässt meine Muskeln sich immer enger zusammenziehen. Gequält balle ich die Hände zu Fäusten und kämpfe gegen das Zittern meines Körpers an, aber mir fehlt die Kraft. Also gebe ich nach, lasse zu, dass meine Zähne aufeinanderschlagen und die Kälte mich in ihrer schmerzhaften Klaue hält. Ich sehe zu Ice auf und bitte ihn stumm, mich abzulenken.

»Ursprünglich gab es in den USA sieben Clanfamilien, die sich zu fünf Rudeln zusammengeschlossen hatten. Aber die Kriege haben nur noch ein Rudel übrig gelassen«, beginnt er zu erklären. Er legt seine Hand auf meine und kniet sich neben die Wanne. »Dein Vater ist der Alpha des einzig verbliebenen Rudels.«

»Warum Kriege?«, bringe ich zwischen vibrierenden Lippen hervor.

»Wir sind eben Wölfe und Wölfe bevorzugen es, in ihrem Gebiet allein zu leben. Die Kriege haben uns sehr geschadet. Sie haben viele Jahrhunderte angedauert. Schon in Europa haben die Familien sich gehasst. Eine Folge der Kriege war nicht nur, dass nur noch wenige von uns überlebt haben. Irgendwann gab es kaum noch Frauen. Was das Problem noch verschlimmert hat, denn nur geborene Wölfinnen können Kinder bekommen, dachten wir zumindest. Deine Mutter kann keine Wölfin gewesen sein, sonst hättest du dich schon vor Jahren gewandelt«, sagt er mit nachdenklichem Blick auf mich. »Also gab es noch mehr Krieg um die letzten Frauen.«

»Mein Vater hat mich also deswegen versteckt«, werfe ich bibbernd ein und verstehe mehr und mehr, warum ich allein aufwachsen musste und er mich nur selten besucht hat. Es war wichtig, dass niemand wusste, dass es mich gibt. Er hat mich beschützen wollen. Es fühlt sich komisch erleichternd an zu wissen, dass mein Vater in mir doch mehr gesehen hat als einen lästigen Klotz am Bein. Ich war ihm wichtig genug, um mich zu verstecken, damit ich sicher bin. »Und Menschenfrauen bekommen keine Wölfe«, wiederhole ich, was Ice mir schon erklärt hat. »Und wenn doch?«

»Dann haben wir noch nicht davon gehört«, entgegnet er.

»Aber man kann nie wissen«, flüstere ich. Meine Mutter hatte die gleichen dunklen Haare wie ich. Als es ihr noch nicht so schlecht ging, haben wir beide Mac and Cheese geliebt, Nirvana und die Natur. Ich dachte immer, die Liebe zur Natur habe ich von ihr. Der Gedanke, sie könnte vielleicht nicht meine Mutter sein, macht mir irgendwie Angst. Nein, natürlich ist sie meine Mutter. Wir haben beide einen winzigen Leberfleck an der gleichen Stelle oberhalb des Bauchnabels. Sie war vielleicht keine gute Mutter, aber sie war meine Mutter. Und als ich noch jünger war, da war sie die beste Mutter, die ich mir haben wünschen können. Obwohl wir nur wenig hatten, hat sie alles getan, damit wir beide glücklich sind und uns an nichts fehlt. Erst im Laufe der Zeit hat sie sich immer mehr verändert. Ich glaube, die Angst vor meinem Vater hat sie dazu getrieben. Vielleicht wusste sie ja doch, was er ist.

»Manchmal findet die Natur einen Weg«, bestimme ich trotzig, weil die Vorstellung, überhaupt nicht zu wissen, wer ich bin, nur noch beängstigender ist.

Die Schmerzwelle kündigt sich langsam an. Sie beginnt kaum merklich, steigt an und erreicht ihren Gipfel trotzdem schneller, als mir lieb ist. Ich beuge mich in der Wanne nach vorne und schreie auf. Ich fühle, wie meine Knochen sich verschieben, wie sie sich dehnen und unter meiner Haut bewegen. Mein Magen wird zusammengepresst, bis ich das Gefühl habe, zu ersticken und mich übergeben zu müssen.

Ice legt seine Hand in meinen Rücken und beugt sich über mich. Seine Berührung schickt eine tröstende Welle durch mich hindurch, weswegen ich versucht bin, mich in diese Berührung zu schmiegen. Aber ich tue es nicht, weil in meiner Brust noch immer ein Funken brennt, der sich dagegen sträubt, die Zuneigung zuzulassen, die der dunkle Teil in mir gerne empfinden möchte. Ich schreie und kämpfe gegen den Schmerz und den Druck auf meinen Brustkorb an und entwinde mich dem wohligen Gefühl, das Ices Hand auf meinem Rücken auslöst.

»Lass den Schmerz zu. Du musst ihn über dich hinwegrollen lassen und ihn behandeln, als wäre er dein Freund«, sagt Ice und streichelt weiter über meinen Rücken.

Ich stoße ein dumpfes Lachen aus. »Ein Freund? Nichts hiervon könnte jemals mein Freund sein.« Die Welle lässt nach und ich lehne mich erleichtert zurück. Ich hole tief Luft und schließe entspannt die Augen. Für ein paar Sekunden sperre ich sogar die Kälte, die mich umgibt, aus und genieße die Pause. Aber das funktioniert nicht lange, denn die Kälte lässt sich nicht einfach ausblenden. Sie nagt an meiner Haut, lässt meinen Körper vibrieren und verursacht eine ganz andere Art Schmerz als die Krämpfe.

»Ich denke, das muss reichen«, meint Ice.

Ich öffne die Augen und sehe ihn fragend an. Er legt seine Hand auf meinen Unterarm und streichelt meine Haut, als wolle er kontrollieren, wie warm ich mich noch anfühle. Es ist nur eine flüchtige Berührung, aber alles in mir richtet sich nach ihr aus, als wäre sie die Sonne. Mir entrinnt ein wohliges Seufzen. Und ich weiß genau, dieses Seufzen kommt nicht von mir, es kommt von der Wölfin, deren Gefühle sich in meinem Kopf zu Bildern zu formen scheinen. Bilder, in denen ich mich dabei beobachte, wie ich mein Gesicht an das von Ice drücke. Wie ich meinen Körper an seinen schmiege und mich dabei vollkommen wohl und beschützt fühle. Ich entreiße ihm meinen Arm, um die Flut der Eindrücke in meinem Kopf zu unterbrechen. Die Bilder lösen sich auf, aber die Verwirrung und die Sehnsucht nach dieser Nähe zu Ice bleiben.

»Du solltest jetzt wirklich dort rauskommen«, sagt Ice mit besorgtem Blick.

Ich nicke, weil ich weiß, dass er recht hat, und lasse zu, dass er seine Arme unter meinen Achseln hindurchschiebt und mir aufhilft. Er lässt mich in der Wanne stehen, tritt einen Schritt zurück und verzieht missmutig das Gesicht. »Deine Klamotten sind nass«, stellt er fest, als wäre es nicht vollkommen klar, dass sie nass sind, nachdem ich mit ihnen baden war.

Ich umarme meinen zitternden Oberkörper und brauche alle Kraft, die ich aufwenden kann, um mich aufrecht zu halten. »In meiner Tasche im Pick-up.«

Ice mustert mich nachdenklich, schüttelt dann aber den Kopf. »Nein, so lange lasse ich dich hier nicht allein.« Er beugt sich über die Wanne und zieht den Stöpsel, danach wickelt er mich in ein Handtuch, trocknet meine Haare und jede freie Stelle meiner Haut. Da ich nur langärmelige Shirts trage, gibt es nicht viel freie Haut, die er abtrocknen könnte. Er rubbelt über meine Arme und regt die Durchblutung wieder an. Das Handtuch landet auf dem Boden vor der Wanne, kurz bevor er den Saum meines Shirts packt. »Runter damit. Ich verspreche, ich werde nicht hinsehen«, sagt er und sieht stattdessen direkt in meine Augen.

Da ich in der Wanne stehe, bin ich fast genauso groß wie er. Die plötzlich so intime Nähe schickt eine ganz andere Art Wärme durch meine Zellen. Ich weiche seinem Blick aus und lasse zu, dass er das Shirt über meinen Oberkörper nach oben schiebt. Seine Fingerknöchel streichen über meine Rippen und an der Unterseite meiner Arme entlang und lösen einen Schauer in mir aus, der die Wölfin in mir aufheulen lässt.

Ich höre sie in meinen Gedanken heulen. Zum ersten Mal spüre ich wirklich, wie sie sich regt. Ich spüre, dass ich da in meinem Kopf nicht allein bin. Diese zweite Präsenz in mir erkenne ich noch immer als meine dunkle Seite. Aber ich erkenne sie jetzt auch als ein eigenständiges Wesen mit eigenen Gefühlen und Wünschen. Gefühle und Wünsche, die ich nicht empfinden will, die sie mir aber aufzudrängen scheint.

Zornig schiebe ich sie zurück und errichte eine Mauer, um die Wölfin wegzusperren. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, aber offensichtlich gibt es zwei Wesen in mir. Das eine davon schreit verlangend nach Ice und empfindet eine unbändige Sehnsucht nach diesem Mann. Und das andere bin ich, der menschliche Teil, der nicht rein instinktiv empfindet. Mir sagt mein Verstand, dass es nicht richtig ist, sich nach jemandem zu sehnen, der einen entführt hat und töten wollte. Und doch erinnert sich dieser Teil auch an das, was er empfunden hatte, als Ice zum ersten Mal am Abend die Bar betreten hatte. Da wollte selbst mein Verstand ihn. Wie hätte er auch nicht wollen, Ice sieht fantastisch und sexy aus. Aber was von alldem bin wirklich ich? Ich schaffe es kaum noch, meine Gefühle auseinanderzuhalten. Alles vermischt sich und verschwimmt.

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703 p. 23 illustrations
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9783754177631
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