Read the book: «Fräulein Rosa Herz»
Eduard von Keyserling
Fräulein Rosa Herz
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Erstes Buch Liebesversuche
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Zweites Buch Leid
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Drittes Buch Tiglau
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Viertes Buch Das Kind
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Vorwort
Ich weiß sehr wohl, daß Rosa Herz nur ein unbedeutendes armes Mädchen ist, das ein Schicksal erleidet, wie es unzählige unbedeutende arme Mädchen erleiden. An ihr und ihrem Schicksal ist somit nichts, was des Aufhebens wert wäre. Dennoch – könnte ich bewirken, daß der Leser diese unbedeutende Mädchenseele und dieses gewöhnliche Schicksal nachfühlt und nachlebt, so würde ich glauben, demjenigen mit meiner Erzählung willkommen zu sein, der, nicht zufrieden, nur ein Leben und eine Seele zu besitzen, gern fremdes Leben in sich aufnimmt. Da ist es denn gleich, ob es ein König oder ein armes Mädchen ist; nur ein Menschenleben – wirkliches Leben – muß es sein – »ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe«, sagt der Prediger Salomonis. – – –
Der Verfasser
Erstes Buch
Liebesversuche
Erstes Kapitel
Den Ort, an dem Fräulein Rosa Herz das Licht der Welt zuerst erblickt hatte, vermochte keiner anzugeben. Wo ihre Wiege gestanden – ob sie überhaupt je eine Wiege besessen –, wer konnte es wissen! Über jenen Teil von Fräulein Rosas Leben hatte sich undurchdringliches Dunkel gebreitet.
Herr Klappekahl, der Apotheker, war gewiß ein Mann von seltenem Scharfblick. Ein halbes Jahr hatte er in der Residenz verlebt, und die Früchte jenes Aufenthaltes, ohne Zweifel, waren: Weltklugheit, Bildung, skeptische Klarheit in der Beurteilung der verwickeltsten Verhältnisse; Eigenschaften, die ein jeder ihm zuerkannte. Vielleicht auch ein Anflug von Frivolität, aber – »mein Gott!« meinte er, »wer kann sich in der verderbten Weltstadt davor bewahren!« Herr Klappekahl nun pflegte zu sagen, wenn das Gespräch auf Rosa Herz kam: »Ihren Geburtsort? Gott, wer soll den kennen! Solche arme Würmer kommen ebenso geräuschlos und plötzlich zur Welt wie die Pilze nach dem Sommerregen. Gelegentlich einmal, während eines Zwischenaktes, hinter einer alten Kulisse, was weiß ich! – Das Publikum klatscht und ruft. Dann tritt der Regisseur vor und dankt, denn die Fee oder der Engel kann nicht erscheinen, ein kleines Unwohlsein... Und in einer Ecke hört man's piepen. In einer verstaubten Papprüstung – auf einem wackeligen Theaterthron liegt etwas in Gazefetzen gewickelt und wimmert. Das ist dann das Kind, Fräulein Soundso, Fräulein Rosa. Es wird mit all dem Plunder zusammengepackt, und weiter geht es. Glauben Sie, Madame Herz oder Monsieur Springinsfeld erinnerten sich schließlich selbst daran, wo die Geschichte mit dem Kinde passierte? Gott bewahre! Das geht alles so geschwind; heute hier, morgen dort. Ich kenne das!«
Was kannte Herr Klappekahl nicht! Und hier hatte er, wie sonst immer, recht. Rosas Mutter war Ballettänzerin, ihr Vater Ballettänzer gewesen. Während des rastlosen Umherziehens von einer Stadt zur anderen war Rosa geboren worden; doch kostete ihre Geburt der armen Madame Herz das Leben. Herr Herz – traurig, einsam, des Tanzens müde, sehnte sich danach, sein unstetes Leben mit einem ruhigeren zu vertauschen. Auf diesem Standpunkte angelangt, gedachte er wieder seiner Heimatstadt.
Als Knabe hatte er sie verlassen, zum Leidwesen seines Vaters, des braven Schustermeisters Herz, um, statt für die Füße anderer Leute zu sorgen, sich mit den seinigen unsterblichen Ruhm zu erwerben. Jetzt sehnte sich sein alterndes Herz nach der friedlichen Heimat zurück. Sein Vater war längst tot, aber eine Schwester lebte ihm noch; eine musterhafte Schwester. Als Herr Herz von dem Verluste seiner Gattin betroffen ward, langte ein schwarzgerändertes Schreiben von Frl. Ina Herz an, voll schwesterlichen Bedauerns und frommer Ermahnungen. Am Schluß meinte die gute Seele: Da die kleine Rosa der mütterlichen Pflege beraubt sei, möge man ihr das Kind bringen; sie wolle für dasselbe sorgen und ihm eine zweite Mutter sein. – Gerührt von soviel Liebe, beschloß Herr Herz, nicht nur das Kind, sondern auch sich selbst der Sorgfalt seiner guten Schwester anzuvertrauen. So begab er sich denn mit seiner Tochter in seine Heimatstadt zurück.
Anfangs zwar war Fräulein Ina über diese Wendung der Dinge ein wenig bestürzt; aber ihre mutige Seele fand sich selbst in die neue Lebenslage hinein. Die ganze Familie Herz versammelte sich traulich um einen Herd und lebte in Eintracht von dem kleinen Vermögen des Fräulein Ina, denn Herr Herz hatte aus seiner langen Künstlerlaufbahn nur steife Beine und greise Haare gerettet. »Ertanztes Geld«, meinte er – und er hatte seinerzeit viel ertanzt – »sei, weiß es Gott, das unbeständigste der Welt!«
Fräulein Ina pflegte ihre Schutzbefohlenen mit jener zarten Aufopferung, die besonders alten Frauenherzen eigen zu sein scheint, denen das Leben es lange Zeit versagt hat, ihre Liebebedürftigkeit zum Ausdruck zu bringen. Die müden Füße des Ballettänzers durften jetzt in bequemen Pantoffeln ausruhen, und die stille, geordnete Häuslichkeit gewährte dem geplagten Komödianten-Herzen ein tiefes Behagen. Herr Herz wurde mit seiner alten Schwester selbst zur alten Jungfer. Er besuchte fleißig die Kirche, ward Mitglied des Armenvereines; sammelte eifrig die kleinen Ereignisse der Stadt, um sie eifrig wieder auszutragen. Sah man die Geschwister Herz beieinander, so fand man mehr männliche Entschlossenheit in Fräulein Ina als in ihrem Bruder.
Auf die kleine Rosa ward die äußerste Sorgfalt verwandt. Fräulein Ina ließ das Kind nicht aus den Augen; es mußte zu ihren Füßen auf dem Teppich spielen, sie sang es des Abends mit tiefer, heiserer Stimme in den Schlaf; sie nahm es stets in die Kirche mit. Rosa schlief zwar während des ganzen Gottesdienstes; Fräulein Ina jedoch meinte, der bloße Aufenthalt in dem heiligen Raum müßte guttun; vielleicht hoffte sie auch dadurch gewisse weltliche Einflüsse zu bannen, die bei der Geburt des Kindes gewaltet haben mochten.
Nachdem Herr Herz sich eine Zeitlang ausgeruht hatte, fühlte er wieder den Drang nach Beschäftigung in sich erwachen, auch quälte ihn das Bewußtsein, nur auf die Mildtätigkeit seiner Schwester angewiesen zu sein. Die Stelle eines Turnlehrers am städtischen Gymnasium war frei. Er bewarb sich um dieselbe und erhielt sie. Daneben erbot er sich, jährlich, von Weihnacht bis zu den Fasten, den heranwachsenden Herren und Damen des Städtchens Tanzunterricht zu erteilen.
Das einträchtige Beisammenleben mochte einige Jahre gedauert haben, als Fräulein Ina eines Morgens ihrem Bruder melden ließ, er möge beim Frühstück nicht auf sie zählen, da sie, eines leichten Unwohlseins wegen, länger im Bett bleiben wolle. Aber auch um die Mittagsstunde, als er aus dem Gymnasium heimkehrte, fand er seine Schwester nicht im Wohnzimmer. Er eilte in ihre Schlafkammer. Da lag sie bleich und regungslos auf ihrem Bett. Die kleine Rosa saß auf dem Estrich daneben und spielte mit der herabhängenden Hand ihrer Tante. Fräulein Ina war tot.
Dieser Verlust mußte den armen Herrn Herz auf das Empfindlichste treffen. Nicht nur die Liebe zu der treuen Schwester weinte in seinem Herzen; neben dieser tapfern und kräftigen Genossin hatte er sich entwöhnt, für sich und sein Kind zu sorgen. Wie eine wohltätige Vorsehung hatte Fräulein Ina um ihn gewaltet und ihm jede Aufregung eines Entschlusses erspart. Jetzt, dieser Stütze beraubt, fühlte er sich hilflos und verwaist.
Auf die Trauerbotschaft eilten viele Nachbarn herbei und staunten den alten Mann an, der wie ein Kind weinte, liebevoll den Arm der Toten streichelte und immer wiederholte: »Schwester, was fange ich nun an? – Und die Rosa? – Schwester, daß du das tatest!«
Herr Klappekahl bemerkte zu diesem Auftritt: »So einer von der Bühne hat doch mehr Sentiment und Aplomb als jeder andere Christenmensch.«
Agnes Stockmaier, die alte Dienerin, hüllte ihre Herrin in das schwarzseidene Abendmahlkleid, setzte ihr die schwarze Spitzenhaube auf und legte ihr ein Kruzifix in die bleichen Hände. So trug man Fräulein Ina zum Friedhof hinaus. Der Pfarrer Raser hielt am Grabe eine erbauliche Rede, in der er die Verdienste der Dahingeschiedenen nicht genug zu preisen wußte und ihr reichen Himmelslohn verhieß. Die zahlreich erschienenen Freunde drückten die Taschentücher an die Augen und sprachen halblaut miteinander: »Also ganz plötzlich?« – »Ja, ein sanfter Tod!« – »Gott sei gelobt!« – Dann blinzelte der eine oder der andere zur hellen Märzsonne auf und meinte gefühlvoll: »Sie hat ein wahres Gotteswetter für ihre letzte Reise.« – Herr Herz stand bleich, eine große Kreppschleife am Hut, vor der Gruft und blickte, jetzt gefaßt, vor sich nieder. Agnes Stockmaier trug die kleine Rosa auf dem Arm, die, fest in ein schwarzes Umschlagtuch gehüllt, staunend all die ernsten Menschen anblickte und die zarten Linien ihres Gesichtchens verzog, als wollte sie weinen.
Im Haushalt der Herz' übernahm nun Agnes Stockmaier die Rolle ihrer verewigten Herrin. Sie besorgte die Wirtschaft, erzog Rosa, ja hatte auch gewissen Einfluß auf die Verwaltung des kleinen Vermögens, welches Fräulein Ina ihrem Bruder hinterlassen hatte. Herr Herz fügte sich willig in die neue Herrschaft, froh, sich wieder seiner gewohnten Sorglosigkeit hingeben zu dürfen. Er ging jetzt mehr aus; saß des Abends im Klub und spielte Whist. Sonst blieb alles beim alten. Fräulein Schank, die Freundin des Fräulein Ina und Vorsteherin der städtischen Töchterschule, kam zuweilen, um nach Rosa zu sehen, und erteilte ihr auch den ersten Unterricht, als die Zeit dazu herankam.
Zweites Kapitel
Als Rosa Herz ihr siebzehntes Jahr erreicht hatte und Primanerin der Schankschen Schule war, gab ein jeder im Städtchen es zu, daß Rosa ein sehr hübsches, lustiges und gutes Kind sei. Nur eines ward ihr mit Recht vorgeworfen: Sie glaubte berechtigt zu sein, ohne irgendeinen triftigen Grund jede beliebige Unterrichtsstunde versäumen zu dürfen, nur weil die Sonne gerade besonders hell schien oder weil, sie sie meinte, Fräulein Schanks Gesicht ihr heute besonders zuwider war. Wenn ihre Mitschülerinnen sich auf die Bänke setzten und gespannt auf die Türe blickten, durch welche die Lehrerin eintreten sollte, stülpte Rosa den braunen Sommerhut gleichmütig auf den blonden Kopf und verließ mit verbindlichem Lächeln, als täte sie das Selbstverständlichste von der Welt, das Zimmer. Dagegen vermochten weder Strafarbeiten noch Ermahnungen, noch die strengsten Verweise etwas auszurichten.
Nachlässig, als gäbe es keine Lehrerin, die ihr begegnen könnte, stieg sie die Stufen der Treppe hinab und ging ihres Weges. Sie setzte die Füße dicht voreinander und trat stärker mit der Spitze auf, was der ganzen Gestalt im verblichnen grauen Sommermäntelchen ein leichtes Hin- und Herschwanken, eine freie, sorglose Bewegung gab, wie man sie oft bei Knaben aus dem Volke findet, deren Glieder nie durch einen Zwang beengt werden. Die blonden Haare flatterten unter dem verbogenen Hute hervor; sie waren zu leicht, um lange Ordnung halten zu können. Unter der geraden, runden Nase stand ein sehr beweglicher Mund mit ein wenig breiten, sinnlichen Lippen; die Mundwinkel jedoch waren ganz spitz und hinaufgebogen, was dem Gesichte etwas Kluges, Nachdenkliches verlieh. Die Augen aber waren es, die diesem Mädchen jene frische Klarheit gaben, die den Gesamteindruck ihrer Persönlichkeit bildete; runde, hellblaue Augen unter rötlichen Augenbrauen; ein Blau, das für Licht und Freude so empfänglich und eines intensiven, fast scharfen Glanzes fähig ist.
Langsam schritt Rosa an den Gartenzäunen der engen Gasse entlang. Einer Kindsmagd, die auf einem Gartenwege mit einem Kinde spielte, winkte sie einen Gruß zu, sang einen Liedervers mit tiefer Stimme vor sich hin und pflückte zerstreut die sonnenwarmen Blätter von den Hecken, um sie wieder zu verstreuen.
Die »Schulgasse« mündete in den »Stadtgarten« – den Stolz der Bürgerschaft: ein anmutiges Stück Rasenland, niedrige, künstlich aufgeführte Hügel; eine grün angestrichene Hängebrücke; kleine Lauben allerort, runde Plätze, mit jungen Kastanien und Linden besetzt. Auf der Westseite ward der Garten von einem Flusse begrenzt, der, in enge, hohe Ufer eingezwängt, hier eine wunderliche Stromschnelle bildete. Auf der Nordseite erhob sich der breite rote Backsteinbau des Gymnasiums mit seinem unbeholfenen achteckigen Turm und seinem geräumigen Hof, auf dem sich die Schüler in freien Augenblicken tummeln durften.
Rosa bog in einen Kiesweg des Stadtgartens ein, spähte von einer Anhöhe in den leeren Schulhof hinab und begab sich dann in eine Fliederlaube, um dort auf der Bank auszuruhen. Den Hut schob sie von der heißen Stirn in den Nacken, streckte die schlanken, siebzehnjährigen Beine gerade von sich und holte aus der Tasche ihres Mantels ein Buch hervor, das einen grauen Einband und auf dem Rücken einen gelben Zettel mit einer Nummer hatte. Zuweilen, wenn sie an einen Absatz gelangte oder die Seite umwandte, erhob sie den Kopf und blickte in den Garten hinaus. Dieser lag friedlich, in Sonnenglanz gebadet, vor ihr. Das Grün des Rasens ward von einem Staubschleier bedeckt, der ihm einen gelblichen Anflug gab. Die Baumgruppen auf den Hügeln malten große dunkelgrüne Flecken auf das satte Himmelsblau. Ein Häuschen mit einer Holzveranda lag am Eingange des Gartens, rote Buchstaben auf einem weißen Schilde verkündeten, daß hier Verkauf von Wein und Bier stattfinde. Ein Kellner lehnte müßig an einer Holzsäule der Veranda, den Rücken der Sonne zugekehrt, die den abgetragenen Frack wie Metall erglänzen ließ.
Auf dem breiten Kiesweg ging eine alte Dame langsam auf und ab, bei jedem Schritte mit dem Kopfe nickend. Zerstreut schaute Rosa über all das hinweg, und wenn sie sich wieder auf ihr Buch niederbeugte, hoben sich ihre Brauen mit leichtem, mißmutigem Zucken. Sie erwartete jemanden, dessen Ausbleiben ihr verächtlich erschien.
Natürlich! War Rosas Platz in der Töchterschule leer, so mußte auch in der Sekunda des Gymnasiums eine Lücke sein. Hatte Rosa es für gut befunden, lieber im Stadtgarten als auf der Schulbank ihre Zeit zu verbringen, so wäre es von Herweg Kollhardt feige und lächerlich gewesen, bei den Büchern zu bleiben. Er ließ sich dieses Vergehen nicht zuschulden kommen; ihm fehlte jedoch bei der Ausführung seiner Flucht jene kühne Ruhe, die man an Rosa bewundern mußte, und so war sein Erscheinen zuweilen verspätet. Aber er kam. Hörte Rosa seinen schweren Tritt, dann vertiefte sie sich noch eifriger in ihren Roman und sah erst auf, wenn er vor ihr stand und seine Entschuldigung vorbrachte.
Baron Kollhardt von Kollerwegen liebte Rosa, und sie ließ es geschehen. Ein Sekundaner ist stets verliebt, und das hübsche Wort »Liebe« wird im vertrauten Sekundanerkreis viel genannt. Aber auch die Schanksche Schule, wie jede Schule, beschäftigte sich viel mit jener schönen Leidenschaft. In der Prima galt es für eine Schande, nicht zu lieben. Eine jede hatte ihre »Liebe« und sprach in ruhigem Geschäftston davon wie von etwas Selbstverständlichem: »Gestern sah ich deine Liebe, er ging bei uns vorüber.« – »So! Wer ist doch deine Liebe? Ah so, ich weiß schon!« Und dann kamen die Geschichten von bedeutungsvollen Blicken, von Lächeln, Bemerkungen. An Gegenliebe zweifelte eine Schanksche Schülerin nie; nur hatte den meisten die Gelegenheit gefehlt, sich ihrer Liebe zu nähern. Marianne Schulz hatte lange nicht gewußt, für wen sie sich entscheiden sollte, bis sie endlich, auf das Drängen ihrer Freundinnen, erklärte, sie liebe den Sekretär Feiergroschen. Sobald nun der Sekretär an der Schule vorüberging, hieß es: »Marianne, Marianne! Deine Liebe geht vorüber!« – dann stellte sich das arme Kind – über und über rot – an das Fenster und riß die runden Augen weit auf, während Herr von Feiergroschen ruhig vorüberging, ohne zu ahnen, daß es eine Marianne Schulz auf der Welt gäbe. Aber immerhin! Marianne war froh, daß sie eine Liebe gefunden hatte. Rosa war zu unmittelbar und zu lebhaft, als daß sie sich mit diesen Liebesgeschichten ins Blaue hinein zufriedengegeben hätte. Der Sekundaner Kollhardt war ihre »Liebe«. Gut! Sie schrieb ihm einen Brief und bestellte ihn in den Stadtgarten. Seitdem wiederholten sich diese Zusammenkünfte; Rosa war von ihren Mitschülerinnen ihrer Kühnheit wegen bewundert und als Autorität in Liebessachen angesehen.
Herweg Kollhardt sah äußerst gutmütig und liebevoll aus, wenn er verlegen vor Rosa stand, den breitkrempigen Hut vom Kopfe nahm und sich die feuchte Stirn trocknete. Er war von behaglicher Fülle, die man bei Jünglingen seines Alters nur selten findet. Überall weiche, runde Linien, Arme und Beine drohten das blaue Sommertuch des Anzuges zu sprengen; der Rücken hatte eine kraftvolle Wölbung, die der ganzen Gestalt etwas männlich Reifes verlieh. Von diesem mächtigen Körper lächelte ein weiß und rotes Gesicht freundlich und kindlich herab, und die kleinen braunen Augen glänzten verschmitzt zwischen den roten Wimpern hervor. Das kurzgeschorene rote Haar war stark mit Öl getränkt und stand aufrecht um die niedrige weiße Stirn.
»Es war heute wirklich schwierig«, meinte Herweg lächelnd. »Ich habe enorm klug sein müssen.« Rosa zog die Augenbrauen in die Höhe und sagte: »Was war schwierig?«
»Was?« wiederholte Herweg und setzte sich langsam auf die Bank. Er stützte die Arme auf die Knie und schwenkte seinen Hut wie einen Pendel zwischen den Beinen hin und her: »Rosa, wie können Sie so fragen? Ich mache mir nichts daraus; aber der Direktor sprach sehr unhöflich über mein häufiges Schwänzen.«
»Glauben Sie, die Schank bemerkt mein Ausbleiben nicht?« fragte Rosa gereizt.
»Wie sollte ich«, erwiderte Herweg, nahm vorsichtig einen von Rosas Zöpfen und betrachtete ihn aufmerksam. Rosa ward ungeduldig: »Was haben Sie nur?« Dann lachte sie: »Wissen Sie, Kollhardt, daß Sie mit jedem Tage dicker werden?«
»Hm, ja!« meinte Kollhardt nachdenklich. »Mißfällt Ihnen das?«
»Mir? Sie wissen ja, daß mich das nichts angeht. Nur für Sie wäre es angenehmer, nicht so dick zu sein.«
»Oh, ich mache mir nichts daraus! Es kommt, denke ich, vom vielen Bier. In letzter Zeit leben wir ein wenig wild.«
»So! ja, das glaube ich, da geht es wohl wüst her.«
»Wie man's nimmt. Vorige Nacht haben wir bis drei Uhr gekneipt.«
»Schämen Sie sich«, mahnte Rosa freundlich. »Wovon sprachen Sie denn bei diesem wilden Gelage?«
»Oh, von mancherlei! Von Ihnen, Rosa, war auch die Rede.«
»Das verbitte ich mir. Mein Name soll bei solchen – unsoliden – Kneipereien nicht genannt werden.«
»Er wird mit großer Bewunderung genannt«, wandte Herweg ein.
»Ich mag es nicht«, eiferte Rosa weiter. »Was haben Sie von mir zu sprechen? Sagen Sie mir das, Kollhardt.«
»Eine ganze Menge!«
»Nun was denn?«
Herweg ward verlegen und drehte zerstreut den blonden Zopf in seiner Hand, Rosa aber entzog ihn ihm, wie man einem Kinde, das seine Lektion hersagen soll, ein Spielzeug aus der Hand nimmt. »Sagen Sie doch«, wiederholte sie.
»Ich trinke auf Ihr Wohl.«
»Was mir das nützen wird! Nun gut! Was weiter?«
»Nun – ich sage, daß Sie hübsch sind, sehr hübsch.«
»Wie altmodisch!«
»Wieso altmodisch?«
»Gleichviel«, drängte Rosa. »Was noch?«
»Ich spreche von meiner Liebe.«
»Davon spricht man nicht bei Kneipereien. Und dann, Ihre Liebe, Kollhardt; das ist ja Unsinn.«
»Durchaus nicht!« rief Herweg hastig. »Ich liebe Sie wirklich! Das wissen Sie ja. Ich würde mich sonst doch nicht all den Unannehmlichkeiten mit dem Direktor aussetzen.«
Rosa zuckte die Achseln, und dennoch leuchtete dieser Beweis ihr ein. Nun schwiegen beide. Herweg schaute seine Geliebte unverwandt an und lächelte behaglich. Zuweilen berührte er behutsam mit einem Finger Rosas Hand oder strich sanft über den grauen Sommermantel. Rosa achtete nicht darauf, sondern zog aufmerksam mit ihrem Absatz eine tiefe Furche in den Sand. Herweg begann wieder zu sprechen, machte die Bemerkung, der Kellner Heinrich stehe dort an der Säule, wie ein Affe, der Prügel bekommen hat; er machte Rosa auf die alte Dame aufmerksam, die, in ihrem Spaziergang innehaltend, mit schriller, klagender Stimme »Max, Max!« rief und mit einem Tuche winkte: »Eine tolle Schrulle! Ihren Hund Max zu nennen! So etwas kann sich auch nur eine alte Jungfer ausdenken! Treffe ich das Vieh einmal allein, dann soll es...« Die Unterhaltung wollte doch nicht in Gang kommen. Lähmend und erschlaffend legte sich auch über die beiden Kinder die schläfrige Mittagsruhe; jene träge, lautlose Ruhe, die wie ein flimmernder Schleier sich über das Gras und den Kies, über die Hügel und Bäume, über das Schweizerhaus, den Kellner Heinrich und die alte Dame breitete, die jetzt stumm und regungslos dastand, einsam und gefaßt, denn Max kam nicht; jene Ruhe, die mit ihrer sonnigen Langeweile über dem Schulgebäude brütete und so weit das Auge reichte, wie die Gegenwart des Schuldirektors, jede lebhafte Bewegung unterdrückte, als wollte sie eine Störung des Schulunterrichtes vermeiden. Die ganze Natur war still, warm und staubig wie eine Schulstube; zuweilen nur rief eine Feldgrille ihren kleinen trockenen Ton in das Schweigen hinein, und er klang dann wie das Knarren einer Feder in einer trägen Schülerhand.
Rosa und Herweg saßen noch eine Weile beieinander, bis die Turmuhr des Gymnasiums einen heiseren Schlag von sich gab. Da trennten sie sich. Herweg nahm Rosas Hand und sagte gefühlvoll: »Leben Sie wohl, Rosa. Ich seh' Sie doch bald?« Rosa nickte und stäubte noch mit einigen kräftigen Schlägen Herwegs Rock ab. Dann gingen sie auseinander.
Rosa mußte wieder zur Schulstraße zurück, um zu ihrer Wohnung zu gelangen. Nachdenklich schwenkte sie ihre Schulmappe und blickte zu den Häusergiebeln auf, die schläfrig über die Kastanien auf sie herabsahen. Hier und dort machte ein geöffnetes Fenster ein schwarzes Loch in das lichtvolle Bild, gleichsam ein Mund, der in den Alltag hineingähnte. – Sie dachte an Herweg und war unzufrieden mit ihm. Die große, plumpe Gestalt; Gott, und die platten Fragen, die er tat; und das schüchterne Streicheln ihrer Hände und Zöpfe! Gewiß, es war lächerlich, und sie lächelte. Dann seufzte sie wieder.
Rosas Wohnung lag im zweiten Stock. Aus einem Fenster desselben schaute Herr Herz nach seiner Tochter aus, und als er sie erblickte, nickte er ihr zu, jenem seltsamen Drange folgend, vom Fenster aus sich einem Bekannten auf der Straße bemerkbar zu machen, wenn es auch nicht den geringsten Zweck hat. Rosa war zu sehr an dieses nickende weiße Haupt gewöhnt, um darauf zu achten. Sie stieg gemächlich die Treppen hinan und fragte beim Eintreten in das Wohnzimmer statt jeden Grußes streng, ob das Essen angerichtet sei. »Freilich«, sagte Herr Herz und versuchte mit zwei Fingern die Wange seiner Tochter zu tätscheln, die Wange aber entzog sich ihm, und so fuhren die beiden Finger zärtlich im Leeren hin und her.
Das Gemach trug noch allenthalben das Gepräge seiner früheren Herrin. Überall standen wunderliche, nutzlose Sächelchen umher, die sich um einsame alte Frauenzimmer anzusammeln pflegen: unbegreifliche Ungeheuer aus Wolle und Seide, bunte Porzellanfigürchen, ganz zwecklose Körbe aus Schmelzen, verwitterte Papierblumen, die vielleicht einst jemanden geschmückt oder an irgend etwas erinnert hatten; jetzt standen sie abgeschmackt und nichtssagend da und wußten nicht, warum sie auf der Welt seien; verstaubt und unbeachtet waren sie, tot – wie ihre Herrin.
Viele breite, schwerfällige Möbel aus Mahagoniholz, mit einem Überzug von schwarz und rotem Wollenstoff, beengten das Gemach. Ein Daguerreotyp, den Schustermeister Herz darstellend, hing über der Kommode; man konnte darauf jedoch nur den großen weißen Halskragen unterscheiden. Auf der Kommode stand die Familienbibliothek: sechs Bände Zschokkes Novellen, Arenths Andachtsbuch, Schillers Gedichte und drei Jahrgänge einer illustrierten Zeitschrift. Unter manchen Reliquien aus der Zeit des Fräulein Ina lag auch ein kleiner weißer Atlasschuh, an der Spitze mit einer Rosenknospe geschmückt. Er war das einzige, was Rosa von ihrer Mutter geerbt hatte.
Neben dem Wohngemach befand sich das Speisezimmer, ein schmales Rechteck; sechs Rohrstühle, ein runder Eichentisch, ein Schrank mit Glastüren und ein großes Buffet aus Birnholz füllten den Raum, in dem Herr Herz und seine Tochter sich zum Mittagsmahl niedersetzten.
Herr Herz schöpfte die Suppe vor und zerlegte sehr gewandt den Braten, dabei war er eifrig um die Unterhaltung bemüht. »Heute«, sagte er und legte Rosa ein Stück Braten auf den Teller, »während ich draußen im Hof Unterricht erteilte, sah ich eine verdeckte Kutsche den Weg hinabfahren. Du hast wohl nichts gehört?«
»Nein. Jemand vom Lande?« bemerkte Rosa.
Herr Herz schüttelte ungläubig den Kopf: »Um diese Zeit! Weiß es Gott! Ich muß später zu Klappekahl hinüber, der wird es wissen.«
Rosa war schweigsam. Ihr Vater bemerkte das wohl und fragte nach der Veranlassung, aber Rosa erwiderte, es sei nichts; sie dächte über die Kutsche nach. »Ja, merkwürdig!« plauderte Herr Herz fort. »Wie ich aus der Schule komme, begegnet mir Lanin.« Herr Herz schaute seine Tochter erwartungsvoll an, als müßte diese Nachricht Eindruck auf sie machen; Rosa jedoch bemerkte nur trocken: »So! Sprach er von seiner dummen Tochter?«
»Dummen Tochter! Rosa, wie du sprichst!« Herr Herz lachte, als wäre das ein guter Witz gewesen. »Nein«, fuhr er dann fort, »er teilte mir aber mit, daß nächstens ein junger Mensch, ein Verwandter von ihm, in das Geschäft kommt.«
»Noch einer? Hat er denn mit dem Korinthen-Konrad nicht genug?«
»Mit diesem hat es seine Bewandtnis. Der junge Herr scheint ein wenig wild gewesen zu sein...«
»Ah, was hat er getan?«
»Gott, in der Jugend, da kommt manches vor! Genug, er soll hier gebessert werden. Als ich vorhin dort am Fenster stand, dachte ich darüber nach, ob Lanin bei der ganzen Geschichte nicht etwas für seine Tochter im Sinn hat, für die Sally.«
»Die!« rief Rosa und lachte, weil jedem jungen Mädchen jeder Heiratsplan außer ihrem eigenen lächerlich erscheint. »Du vergißt, Vater, daß Sally schielt.«
»Pah!« meinte Herr Herz, »ich habe manche Schönheit gekannt, die schielte. Viele lieben das sogar.«
»Es wäre ein Glück für die arme Sally; aber ich zweifle...« sagte Rosa und hob die Tafel auf. Während sie voran in das Wohngemach schritt, wandte sie sich in der Türe um und fragte mit einem gleichgültigen Zucken der Augenbrauen: »Vater! Wie soll denn dieser neue Korinthen-Konrad heißen?«
»Ambrosius Tellerat. Er ist ein Brudersohn von ihr – der Lanin. Die Frau Lanin ist eine geborene Tellerat, wie du weißt.«
»Ach ja!«
Als Vater und Tochter im Wohngemach auf den breiten Sesseln nebeneinander saßen, bemerkte Rosa nachdenklich: »Ich glaube nicht, daß dieser – Ambrosius sie nimmt.« – »Ja, ja«, erwiderte Herr Herz darauf, ohne daß es schien, als dächte er sich etwas dabei. Bequem rückte er seinen Kopf auf der Lehne des Sessels zurecht und schloß die Augen zu seinem Nachmittagsschlummer. Die Sonne badete das kleine Gesicht des alten Mannes in gelbem Feuer, entzündete in den greisen Augenbrauen leuchtende Pünktchen und wärmte die eingefallenen Wangen, daß sie zu glühen begannen wie die Wangen eines schlafenden Kindes. Die Fliegen trieben im Gemach ihr lautes Wesen und stießen ärgerlich summend gegen die Fensterscheiben. Lange Staubsäulen zogen ihre trüben Bänder durch das Zimmer.
Rosa lag in ihrem Sessel zurückgelehnt da, ganz überdeckt von stetigen Lichtfunken, die der Sonnenstrahl in ihrem Haar, ihren Augenbrauen und Wimpern erweckte. Die Augen halb geschlossen, träumte sie ihren altgewohnten Traum.
Er war mit ihr herangewachsen. Jeden Morgen erwachte er mit ihr, um ihr neugestärkt zu folgen. Er ging mit ihr in die Schule, mischte sich in alles, was sie vornahm. In der Nacht kam er oft, mit dem seltsamen Narrentand unserer Träume angetan. Er war immer zur Hand! Wovon er sprach? Das ist das schwer zu lösende Geheimnis liebender Herzen, die nie geliebt, opfermutiger Seelen, die nie ein Opfer gebracht haben. Eines nur wiederholte er immer wieder: »Bald, bald muß etwas geschehen, muß etwas erlebt werden. Bald, sonst versäumst du's.«
Nachdem Rosa eine Weile ihrem treuen Gefährten zugehört hatte, seufzte sie, erhob sich und ergriff Hut und Mantel, um auszugehn.
Drittes Kapitel
Die Straße war leer, kein Lufthauch regte sich. Gerüche von Fleisch und Gemüse strömten aus den geöffneten Fenstern. Papierfetzen und alte Schuhsohlen lagen auf dem Pflaster und sonnten sich.
Rosa ging zum Marktplatz hinab. Die Hände in die Taschen ihres Mantels gesteckt, wiegte sie sich lässig hin und her und blickte auf die Häuser und in die Fenster, mit der gleichgültigen Zerstreutheit, die wir gewohnten Dingen entgegenzutragen pflegen, wenn unsere Blicke an ihnen haften, ohne sie zu sehen.
Am Ausgang der Straße und Eingang des Marktplatzes lag das Geschäft »Firma Lanin und –«, Verkauf von Kolonialwaren jeder Art. Das Geschäft Lanin war von größter Wichtigkeit für das Städtchen; lange schon war es die Hauptquelle für die Bedürfnisse der Haushaltung, und mehrere Generationen hatten den Namen Lanin zugleich mit den Worten Zucker, Rosinen und so weiter aussprechen gelernt. Herr Lanin saß im Rat, wie sein Vater und Großvater vor ihm dort gesessen. Herr Lanin spielte eine bedeutende Rolle bei der Feuerwehr, der Armenpflege und Sparkasse. Herr Lanin war eine so große Persönlichkeit, daß die bescheideneren Bürger der Stadt nicht zu protestieren wagten, wenn die Firma ihnen doppelte Rechnungen machte oder schimmeligen Käse verabfolgte. »Firma Lanin und –« stand über der Türe. Dieses »und« war eine Huldigung für die Tochter der Firma, für Fräulein Sally. Der künftige Schwiegersohn sollte Kompagnon werden; das war sicher; so legte die ganze Stadt dieses »und –« aus; bis Fräulein Sally aber ihre Wahl getroffen, mußte das »und –« allein stehen bleiben und warten.
Die Firma war sich ihres Wertes viel zu sehr bewußt, um auf äußeren Glanz etwas zu geben; dieserhalb war das Geschäftslokal ein enges, finsteres, unreinliches Zimmer. Das abgeriebene, von der Sonne gebleichte Schild vor der Türe zeigte einen entsetzlichen Neger, der einen weißen Zuckerhut in den Armen hielt.
Rosa öffnete die niedrige Glastüre, die in das Laninsche Verkaufslokal führte, und setzte dabei eine heisere Glocke in Bewegung. Ein starker Geruch von Orangen, Fisch, feuchtem Stroh schlug ihr entgegen. Fässer und Kisten türmten sich bis zur Decke auf; schwarz angestrichene Holzleisten liefen an den Wänden hin und trugen mächtige Pakete, in blaues, gelbes, graues Papier gehüllt, halb von Dämmerung und Staub verborgen. Hinter dem Ladentisch stand Konrad Lurch, der Diener der Firma. Sein langes, sehr schmales Gesicht war über und über mit Sommersprossen bedeckt. Seine Augen hatten die matte, gelbliche Farbe des Gesichtes und schienen mit diesem ineinandergeflossen. Er trug einen weiten Rock von glänzendem Sommerstoff, wie schwarzes Packpapier, und rotgelbe Beinkleider, die in der Farbe mit dem Papier Ähnlichkeit hatten, in das man Stearinkerzen packt – acht auf ein Pfund.
»Ah, Fräulein Rosa!« sagte er leise, als Rosa eintrat.
»Guten Tag, Herr Lurch«, erwiderte sie. »Wie geht es Ihnen? Ist Sally zu Hause?«
Lurch blickte nicht auf und kaute an einem Bindfaden, der von der an der Decke befestigten Rolle niederhing. »Guten Tag, Fräulein Rosa«, sagte er, »mir geht es gut; ich hoffe, Ihnen gleichfalls, Fräulein Rosa? Was Fräulein Sally betrifft, so war sie die ganze Zeit über hier. Sie sehen noch dort auf der Reiskiste das Buch, in dem sie las. Plötzlich ging sie hinaus; warum, weiß ich Ihnen nicht zu sagen; ich vermute, sie wird gleich wieder hier sein.«
»Also Sie meinen, ich soll hier warten? Wie?«
»Ja, Fräulein Rosa, das wird das beste sein. Sie setzen sich unterdessen vielleicht dort auf die Heringstonne?«
»Ich danke, wenn Sie keinen besseren Platz haben. Ich sitze nicht gern auf Heringstonnen.«
»Ja so! Natürlich! Es ist auch nicht angenehm, obgleich das ein seltener Artikel ist! Schottische Fett- oder Königs-Heringe. Aber dort die Lichtkiste? Sie ist vielleicht nicht ganz rein? Nehmen Sie mein Taschentuch und setzen Sie sich darauf.«
Lurch bot Rosa ein ganz klein zusammengeballtes Tuch an. Sie lehnte es jedoch mit dem schrillen, kurzen Lachen siebzehnjähriger Mädchen ab und setzte sich auf die Lichtkiste.
»Sollten Sie nicht einige Korinthen nehmen, Fräulein Rosa?« begann Lurch nach einer Pause.
»Nein, ich mag mir nicht immer von Ihnen Korinthen schenken lassen.«
»Oh! Fräulein Rosa – Korinthen, Korinthen –« Lurch war sichtlich verlegen. »Korinthen sind doch nur ganz kleine Rosinen.«
»Das macht nichts«, versetzte Rosa energisch; dann fügte sie sanfter hinzu: »Herr Lurch! Gestatten Sie es nicht, daß wir Sie Korinthen-Konrad nennen?«
»Gewiß, Fräulein Rosa! Wenn der Name Ihnen gefällt; ich hoffe, er ist keine Verhöhnung meines Berufes; ich denke, er ist es nicht?«
»Durchaus nicht! Nur der Korinthen wegen, wissen Sie.«
»Oh, dann – warum nicht?« Ja, Lurch schien der Name sogar zu gefallen, denn ein öliges Lächeln zeigte sich auf seinem Gesichte.
Endlich trat Sally Lanin durch eine Hintertüre des Ladens ein.
»Ach Rosa! Liebes Herz! Du bist es!« rief sie in allerliebster Freude aus, hüpfte auf Rosa zu, küßte sie auf die Lippen, setzte sich mit einer flinken, schmiegsamen Beweglichkeit auf die Kiste und schlang ihren Arm um Rosas Taille. »Wie gut, daß du kamst!«
Sally Lanin trauerte um einen geliebten Onkel und trug daher ein schwarzes Kleid und eine schwarze Halskrause. Auf den Schulterblättern saßen zwei weiße Kalkflecken, und auch sonst war an dem Kleide viel von dem Staub der Kisten hängen geblieben, was dem Ganzen ein etwas schäbiges Aussehen verlieh. Eigentlich hübsch war Fräulein Lanin nicht; einige kleine Fehler störten den Eindruck des Gesichtes; so schielten die schönen, vanillebraunen Pupillen der Augen ein wenig, und die Nase war oft an der Spitze rot.
Fräulein Lanin legte ihr Köpfchen auf die Schulter ihrer Freundin und seufzte: »Liebste Rosa! Ich habe dir viel zu erzählen.«
»Wirklich? Erzähl doch!« drängte Rosa mit großer Teilnahme. »Ich habe wohl davon gehört – aber...«
»Ja, ja –« sagte Sally bewegt. Dann rief sie träumerisch: »Lieber Lurch!«
»Fräulein Sally!« erwiderte dieser.
»Lieber Lurch! Geben Sie auf einen Augenblick die Büchse mit den trocknen Pflaumen her.«
»Ja, Fräulein Sally. Es ist jedoch nicht viel mehr darin.«
»Die trocknen Pflaumen, Lurch«, wiederholte Sally bestimmt.
»Gewiß, Fräulein Sally; warum auch nicht? Hier!« Und er hielt ihr eine hohe Büchse hin.
»Ja Rosa, du hast von uns gehört«, begann Fräulein Sally, ohne die Büchse anzusehen, in die sie ihre Hand tief versenkte.
»Der Vater sprach von euch, ich hörte aber nicht recht hin. Was ist es denn?« fragte Rosa.
Sally brachte jetzt eine Pflaume zum Vorschein, betrachtete sie und erwiderte dann: »Ein zweiter junger Mensch kommt ins Geschäft.« Dann steckte sie die Pflaume in den Mund.
»Ein Verwandter von dir?«
»Lieber Lurch«, unterbrach Sally ihre Freundin, »stellen Sie die Büchse her und gehen Sie ein wenig in den Hintergrund. Ich habe mit meiner Freundin zu sprechen.«
Lurch gehorchte und rief aus der Dunkelheit kläglich hervor: »Ist es so weit genug, Fräulein Sally?« – »Ja, Lurch! Ich danke. Siehst du, Rosa«, nahm sie das Gespräch wieder auf, »er ist ein schlechter junger Mensch.«
»Du meinst natürlich den Neuen«, schaltete Rosa ein.
»Ja, der Neue. Er hat Schulden gemacht. Er liebt eine Zigeunerin, oder Kunstreiterin, ich weiß es noch nicht genau. Nun wird der arme junge Mensch von der Geliebten getrennt und soll vergessen, soll sich bessern und das Geschäft erlernen. Sehr wüst soll er sein. Ob er sich bessern wird? Gott gebe es!«
»Wie alt ist er denn?«
»Zwanzig Jahre, sehr jung, nicht wahr? Die Person, die ihn verführt hat, weißt du, muß keine gute sein, und er vergißt sie wohl.«
»Wer kann das wissen!« meinte Rosa mit einem sehr verständigen Gesicht. »Die Frauen von der Bühne bestricken die Männer ganz seltsam.« Fräulein Lanin wollte das nicht wahrhaben und schüttelte ihren Kopf mit den vielen Löckchen, denn zwei Pflaumen in ihrem Munde hinderten sie am sprechen. »Weißt du noch«, sagte Rosa, »in dem Roman ›Anna-Liese, die Männerhasserin‹ ist's auch eine Tänzerin, die den jungen Golo unglücklich macht.« Fräulein Sally schluckte heftig und breitete die Arme aus; sie wollte etwas sehr Wichtiges vorbringen. »Und«, fuhr Rosa eifrig fort, »wenn er ein Wüstling ist, dann wird das Leben hier ihm fade erscheinen.«
»Nein, mein Herz«, begann Sally, sobald die Pflaumen es gestatteten. »Nein, nein!« Und sich plötzlich unterbrechend, rief sie: »Lieber Lurch, können Sie etwas hören?«
»Ein wenig, Fräulein Sally«, verlautete die freundliche Stimme aus der Ecke. »Ich kann es nicht leugnen; ab und zu höre ich doch einiges.«
»Dann halten Sie sich die Ohren zu. Seien Sie so gut, ja?« – »Ohne weiteres, Fräulein Sally. Nur fürchte ich, wenn jemand käme und wollte etwas kaufen, so würde ich's nicht hören.«
»Seien Sie unbesorgt! Ich werfe Sie dann mit einem Pflaumenkern.«
»Danke, Fräulein Sally. So, jetzt höre ich nichts mehr.«
»Nun denn«, nahm Sally ihre Erörterung wieder auf. »Du bedenkst nicht, liebe Rosa, daß das Familienleben, die Gesellschaft des Papa und dann, weißt du, der Umgang mit gebildeten, feinfühlenden Mädchen ihm guttun wird.«
»Meinst du?« warf Rosa zerstreut hin.
»Gewiß! So etwas verfehlt nie seinen Eindruck auf Männerherzen. Er sieht gut aus, sehr gut.« –
»So; braun?«
»Ja, goldbraunes Haar in Locken; große Augen.« Sally beschrieb mit dem Finger einen Kreis um ihr halbes Gesicht.
»In drei Tagen, denke ich, wird er hier sein. Dann lege ich die Trauer ab; es sind schon volle sechs Monate her, daß der arme Onkel starb. Papa sprach von einem Tanzabend. Du verstehst, um ihn zu zerstreuen. Ambrosius heißt er.«
»So hörte ich«, erwiderte Rosa und erhob sich, »begleitest du mich vielleicht?«
Nein, Sally mochte nicht spazierengehen, sie mußte einen Roman zu Ende lesen, eine sehr spannende Erzählung: »Emmas Schmerz«. Sie fürchtete, ihre Heldin stehe im Begriff, sich das Leben zu nehmen. So – dann wollte Rosa allein gehen; es war zu warm im Zimmer. Sie küßten sich und standen noch einen Augenblick beieinander, dieses und jenes zu erörtern. Eine rote abendliche Sonne drang durch die trüben Fensterscheiben, blitzte auf den Blechbüchsen, erweckte in den Flaschen und Gläsern bunte Lichter, schlüpfte in die Ecken und Löcher, um farbige Punkte auf die staubigen Papiere zu streuen, suchte Lurch in seinem entlegenen Winkel auf und malte einen großen blau und roten Fleck auf seine bleiche Stirn.
»Auf Wiedersehen!«
»Auf Wiedersehen, mein Herz« – dann lachten sie, wie junge Mädchen bei Abschied und Wiedersehen es zu tun pflegen – und Rosa ging hinaus.
Die drückende Schwüle war vorüber, und die Straßen belebten sich. Alte Herren mit breitrandigen Strohhüten standen mitten auf dem Marktplatz und disputierten laut miteinander. Aus den Fenstern beugten sich Mägde, um Teppiche auszustäuben. Auf den Treppen saßen Frauen ohne Hut und strickten. In langen Reihen zogen die Gymnasiasten, Arm in Arm, die Gasse entlang. Über all dem stand ein blaßblauer Himmel von schmalen, rosenroten Wolken durchzogen. – Leicht und fröhlich ging Rosa dahin. Sie grüßte die Vorübergehenden mit verbindlichem Kopfnicken und lächelte dabei ihr stets bereites, ausgelassenes Lächeln. Das Gefühl, daß der Sommerabend auch ihr, wie allem rings um sie, gut ließ, stimmte sie heiter.
»Ich habe die Ehre!« Klappekahl war es. Er zog vor Rosa seinen hohen Strohhut und blieb stehen. »Schönes Wetter! Wie geht es dem Papa?« Ein süßes Lächeln, das er ganz besonders für Damen bereithielt, umspielte seinen langen Mund. Er trug einen weißen Sommeranzug, eine rote Nelke im Knopfloch und ein Stöckchen, mit dem er nachlässig an seine Beine schlug.
»Ich danke«, erwiderte Rosa, »ich ließ ihn beim Nachmittagsschlaf.«
»So, so! Und die Tochter treibt sich derweil ein wenig herum. Ha – ha – junges Blut. Sie werden aber mit jedem Tage hübscher, Rosette.« Neckend legte er seine Hand auf den Arm des Mädchens. »Ohne Scherz! Ich sagte noch gestern zu meiner Tochter: ›Rosette Herz ist zu hübsch für unser Nest; die gehört in eine Weltstadt.‹ Auf Ehre, das sagte ich.« Rosa errötete und meinte, sie käme gern in eine große Stadt. Der Apotheker glaubte das wohl; er nickte, drückte Rosa die Hand und ging weiter, um zwei Schritte davon den Dr. Holte anzuhalten und mit dem Kopfe nach Rosa hindeutend zu sagen: »Ein hübsches Mädchen, Doktor, was? Aber kokett, ich sage Ihnen, wenn die in eine große Stadt kommt – ich stehe für nichts! Guten Abend, Doktor!«
Vor Steinings Konditorei saß Herweg mit einigen Kameraden, sorgsam hinter mageren Oleanderbüschen verborgen. Als er Rosa erblickte, grüßte er, und sie nickte ernst zum grünen Laubgitter hinein. Kaum aber war sie weitergegangen, als sie Herwegs schweren Schritt hinter sich vernahm. Sie wußte, so mußte es sein; so war es jeden Abend. Treulich folgte er ihr lange Stunden, zuweilen eine Schwenkung machend, um ihr zu begegnen und sie immer wieder zu grüßen. Das war der Ausdruck seiner Liebe.
Am morschen Geländer des Flußufers machte Rosa Halt. Herweg kam heran und lehnte neben ihr. Ein stetes Gemurmel sandte der Fluß empor. Im Strudel, den das Wasser hier bildete, schwammen bewegliche Lichtfetzen. Ein flaches, gelbes Land dehnte sich auf dem entgegengesetzten Ufer aus. Große Sandgruben lagen voll roten Lichtes, und hinter der Wellenlinie der niedrigen Sandhügel ging die Sonne groß und rot unter.
»Das ist schön, Rosa, nicht?« rief Herweg und deutete zur Sonne hinüber. Rosa nickte, die Blicke nachdenklich in den Glanz verloren. »Schauen Sie dort das Feld!« fuhr Herweg fort. »Es ist ganz rot. So rot habe ich's noch nie gesehen.«
In der Tat! Ein grelles Purpurlicht badete das Land. Es schien zu beben und zu flackern. Dann ward es blasser und erlosch. Die Sonne war hinter den Hügeln verschwunden. Ein milderes Scheinen klomm den Himmel hinan, ein blasses, gewässertes Gold, wie an alten Meßgewändern. Eine Schar winziger Wölkchen flatterte in einem fast weißen Himmel, viele rosige Schleier, kleine Flügel, eine Schar ausgelassener Cherubim. Weiter oben schien der Himmel unermeßlich hoch und veilchenblau. Schweigend standen die beiden Kinder vor diesem Farbenwunder. »Rosa«, fragte Herweg endlich leise, in seinen guten Augen stand ein weicher, zärtlicher Glanz. »Rosa! Warum sagen Sie nichts? Gefällt es Ihnen nicht?«
»Doch«, meinte Rosa ernst.
»Nicht wahr?« begann Herweg wieder und griff nach Rosas Hand, »so etwas... Sie wissen, Rosa, wenn ich so etwas sehe, bin ich wie bekneipt!«
»Lassen Sie, Kollhardt«, sagte Rosa; dann setzte sie verständig hinzu: »Es war sehr poetisch.«
Herweg empfand das wohl. Er küßte Rosas Hand, als hätte sie das Schauspiel geschaffen, und flüsterte: »Rosa! Ich bin Ihnen wirklich gut.« Rosa mußte erröten, und es trieb sie nach Hause.
Im Wohnzimmer war noch immer die bedrückende Glut der Mittagsstunden eingeschlossen. Rosa öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus, um in das langsame Herabdämmern auf die Häusergiebel hineinzugehen. Sie fühlte sich erregt, erwartungsvoll und dennoch mißgelaunt. Er war schön gewesen, der große, leuchtende Abendhimmel, das seltsam stille Verglühen. Gewiß, sehr schön! Und doch – was war es? Sollte sie das glücklich machen? Konnte das etwas an der Nüchternheit ihres Lebens ändern? Sonnenuntergang – Gott ja, sehr gut; aber wenn sie es recht bedachte, fügte er nichts zum Leben hinzu. – Herweg hatte ihr gefallen, der gute Junge! Wie er sie angeblickt, wie stürmisch er ihr die Hand geküßt hatte: »Rosa, ich bin Ihnen wirklich gut«, das klang rührend.
Die Straße unten war schon ganz in das Helldunkel der Sommernacht gehüllt. Vereinzelte Spaziergänger schritten langsam über das Pflaster, den Hut in der Hand, ein Lied trällernd oder eine Weise vor sich hinpfeifend. Waren es zwei oder mehr, so klangen abgerissene Unterhaltungen zu Rosa empor – über das Wetter – Bruchteile einer Erzählung. ruhige, gleichmäßig berichtende Stimmen. Aus den geöffneten Fenstern schollen Laute: ein Schelten – Lachen – Gähnen – Tellergeklapper – ein vernehmliches »Gute Nacht«.
Das ganze innerste Hausleben drang in die Sommernacht hinaus und ließ sich unter dem Sternhimmel ebenso behaglich gehen wie unter der niedrigen Zimmerdecke. Hin und wieder raschelte ein niederfallender Tautropfen im Laub, und die feuchten Blätter begannen stark und wohltuend zu duften.
Weiter die Straße hinab, vor der Kirche, traten die Bäume dichter zusammen, und unter ihren Ästen war es ganz finster, dennoch vermochte Rosa von ihrem Fenster aus hie und da ein weißes Mädchenkleid zu erspähen, oder eine brennende Zigarre leuchtete wie ein roter Stern. Helles Mädchenlachen erscholl, hohe ausgelassene Noten in die Stille rufend. So manche Dienstmagd mochte sich dort mit ihrem Schatz der lauen Nacht freuen. Rosa nahm Interesse daran. Jene Bäume schienen etwas Geheimnisvolles, Süßes und Lustiges zu bergen, etwas, das sie in ihr armes Leben herüberwünschte, etwas von jenem Gefühlvollen, das der schöne Abend sie ersehnen ließ. Ach Gott, ja – etwas...
Im Nebenzimmer regte es sich. Das war Agnes Stockmaier. Sie wird sogleich in das Zimmer treten und die Lampe bringen. Die Lampe mit ihrem blau und weißen Porzellanfuß wird, wie jeden Abend, dort auf der roten Tischdecke stehen und ihren gelben Lichtkreis auf die Zimmerdecke werfen. Ja, und der Vater wird heimkommen und von Klappekahl, Lanin und dem Doktor erzählen; und sie, Rosa, wird verstimmt und unfreundlich gegen ihren Vater sein – und wieder ist ein Tag ihres Lebens verloren. Das mußte geändert werden! – Gut, morgen wollte sie Herweg sagen, er solle sie unten am Fluß um neun Uhr abends erwarten. Ein wahres, echtes Stelldichein sollte das werden, wie die Bäume drüben es verdeckten. Herweg war heute gut und poetisch gewesen, da konnte sie ihm wohl etwas zuliebe tun. Auf diese Weise würde sie doch auch einmal teilhaben an der Sommernacht und ihrem Gemunkel. Der Gedanke war gut.
Viertes Kapitel
Am folgenden Tage traf Rosa Herweg auf dem Weg in die Schule und bestellte ihn für elf Uhr in die Laube. Herweg machte ein überraschtes und erfreutes Gesicht und dachte keinen Augenblick an die Gefahr einer abermaligen Versäumnis. Der Plan einer abendlichen Zusammenkunft mit Herweg stand bei Rosa noch immer fest. »Ich bin es dem armen Jungen schuldig«, sagte sie sich, wenn ein wenig Unruhe über ihr Vorhaben sie beschlich. So saß sie denn in geheimnisvoller Geistesabwesenheit auf der Schulbank und stützte den Kopf sorgenvoll in die Hand.
»Ah! Rosa! Mein Herz!« Fräulein Lanin stand vor ihr. Auch sie war heute besonders sinnig und drückte ihren Noël, unter dem sich der dünne achte Band von »Emmas Schmerz« verbarg, fest an das Herz. »Weißt du, ich meine das, wovon wir gestern sprachen. Du entsinnst dich – ah? – Er kommt vielleicht schon heute abend.« – »So«, erwiderte Rosa, sah ernst auf, hob langsam ihre Hand über den Tisch empor und ließ sie schlaff wieder sinken; eine hübsche Bewegung, die zu bedeuten schien: »Es ist gleichgültig. Sie kommen und gehen.«
»Ja«, fuhr Fräulein Lanin fort, und obgleich es sich offenbar um ein wichtiges Geheimnis handelte, so sprach sie doch sehr laut: »Ich habe seinetwegen – du weißt? – mit dem Papa eine ernste – wirklich eine sehr ernste – Unterredung gehabt, die mir viel zu denken gibt.«
»Ah.« Rosa hätte gern Näheres darüber erfahren, sie mochte jedoch nicht fragen. Es war auch nicht nötig, denn Fräulein Lanin begann angelegentlich: »Er sagt, und er hat gewiß recht, daß unsere Familie mit der Aufnahme von A. T. sehr ernste Pflichten übernehme und somit auch mir ein Teil – und weißt du, der Papa sagt, nicht der unwichtigste Teil – zufalle.«
»Ah so! Ich verstehe, weiblicher Einfluß«, schaltete Rosa ein.
»Das ist's«, fuhr Fräulein Lanin fort. »Der arme junge Mann ist leichtsinnig, ist verführt worden; er ist jetzt vielleicht leidend; du weißt, die Brust – das kommt leicht bei solchen Gefühlskrisen. Dabei ist er verwöhnt, der einzige Sohn sehr reicher Eltern. Nun – ihm Befriedigung und Erheiterung zu bieten, das ist unsere Pflicht. Ich habe beschlossen, sehr freundlich gegen ihn zu sein. Uns Frauen gelingt es doch am besten, solche Wunden zu heilen. Von der Tanzgesellschaft sprach ich schon mit dir. Nun – und im täglichen Leben will ich in ernsten Gesprächen sein Vertrauen erwerben, will ihn auf den einzigen Trost, auf Gott, hinweisen. Es ist eine schwere Aufgabe, ich weiß das wohl, aber sie ist schön, nicht wahr, mein Herz?«
Fräulein Lanin neigte ihren Kopf auf die linke Schulter und blickte ihre Freundin ernst an. Auf Rosa jedoch hatte dieser Bericht einen ganz unerwarteten Eindruck gemacht. Sie, die ein wirkliches Stelldichein vorhatte, fühlte sich heute über all ihre Kameradinnen erhaben, und Fräulein Lanins Pläne erschienen ihr kindisch und machten sie ungeduldig: »Ich verstehe nicht, wie du glauben kannst, daß ein junger, leichtsinniger Mensch an frommen Gesprächen mit dir Gefallen finden wird.«
Fräulein Lanin warf Rosa einen schnellen Blick zu, richtete sich dann kerzengerade auf, zog die Augenbrauen empor, was ihr einen verachtenden, aber geduldigen Ausdruck verlieh, und sagte fest: »Ich weiß es sehr genau, bestes Herz, wie ernste Worte auf junge Leute wirken. Und er – mein Cousin«, sie betonte dieses Wort scharf, »er wird gewiß nicht gegen einen sanften, wenn auch nicht weltlich leichtfertigen, sondern, wie der Papa sagt, tiefinnerlichen weiblichen Einfluß unempfindlich sein.«
Diese Periode klang gut; Rosa jedoch lachte unverhohlen und zuckte die Achseln. »Mir will es scheinen«, sagte sie schnell, »daß die Bekehrung dieses neuen Korinthen-Konrads nicht...« – »Er ist mein Cousin«, rief Fräulein Lanin sehr laut. – »Gut, gut«, fuhr Rosa tollkühn fort, »ich glaube, daß die Bekehrung nicht das einzige ist, worauf du hoffst.« – »Sondern – sondern«, drängte Fräulein Lanin und kniff die Augen zusammen, was sie für ein Zeichen vornehmer Kaltblütigkeit hielt.
»Gleichviel«, meinte Rosa. »Ich wünsche dir guten Erfolg. Nur behaupte ich, daß lange Predigten nicht das rechte Mittel sind. Ich wenigstens würde mich dafür bedanken.«
»Ja – du – du«, fuhr Fräulein Lanin auf, »ich habe mich sehr in dir getäuscht, gute Rosa! Und von jetzt ab...«
Fräulein Schank trat in das Zimmer. Die Schülerinnen drängten zu den Bänken; ein plötzliches wirres Durcheinander – der Lärm scharrender Füße – das Klappen der Bücher – dann tiefe Stille.
Rosa und Fräulein Sally mußten sich trennen. Diese, in der Aufwallung verletzter Freundschaft unterbrochen, begab sich langsam an ihren Platz. Zuweilen schaute sie auf Rosa zurück, zuckte mit den Achseln und Augenbrauen; dann faltete sie die Hände über der französischen Grammatik und saß still und ergeben da, wie es einer frommen Christin gebührt. Diese ergebene Ruhe wich auch nicht von ihr, als Fräulein Schank trocken verlauten ließ: »Sally Lanin.« Dieses hieß so viel als: »Stehen Sie auf und zeigen Sie, daß Sie die La Fontainesche Fabel von den zwei Ratten wieder nicht gelernt haben.« Nein! Fräulein Sally hatte die Fabel nicht gelernt. Sie erhob sich langsam, ein bitteres Lächeln auf den Lippen, die Blicke träumerisch in die Ferne sendend. Nachlässig warf sie einige Worte hin: »Un rat des champs – des champs – un rat.« Dann schwieg sie. »Mademoiselle!« rief Fräulein Schank. Fräulein Sally aber hörte nicht auf sie, sie dachte gar nicht an diese kleinliche Person. Verklärt und geistesabwesend stand sie da, wie Amina, die arme Nachtwandlerin, wenn sie im vierten Akt dicht vor die Lampen tritt, um ihre große Arie zu singen.
»Setzen Sie sich, Mademoiselle.« In Fräulein Schanks Munde klang das hübsche Wort Mademoiselle wie ein Schimpfname. Mademoiselle setzte sich auch; sie setzte sich aber, weil sie es wollte, nicht weil Fräulein Schank es befahl, das sah man ihr an.
Fräulein Schank beugte sich über ihr Notizbuch von häßlich grauer Farbe, eine unerbittliche Sibylle mit braunen Bandeaux, und ließ sich von dem winzigen Schicksalsbuche das Schicksal eines armen Mädchens diktieren. »Rosa!« versetzte sie endlich, »sag du einmal her.« Rosa erhob sich ein wenig verwirrt, doch gewann sie bald ihre Fassung wieder und machte ein sehr hochmütiges Gesicht, ein sicheres Zeichen, daß sie sich in derselben Lage wie ihre Freundin befand. Sie begann: »Un rat...« Weiter jedoch konnte oder wollte sie nichts sagen. Fräulein Schank wartete eine Weile, dann sagte sie betrübt: »Also wieder nichts! Setz dich.« Rosa setzte sich. Tiefes Schweigen. Fräulein Schank blätterte in ihrem Büchlein, Rosa blickte vor sich nieder, als wäre nichts vorgefallen.
»Wirklich Mademoiselle!« Rosa fuhr auf. Fräulein Schank hatte ihr Büchlein beiseite geworfen und blickte Rosa giftig an. »Wirklich Mademoiselle, es ist zuviel von Ihnen verlangt, daß Sie Französisch oder überhaupt etwas lernen sollen! Wozu auch? Für solch ein vornehmes Fräulein ist es genug, den ganzen Tag umherzulaufen und sich bewundern zu lassen. Das Lernen haben Sie ja nicht nötig. Wenn man eine so sichere Zukunft hat, wozu denn? Lernen mag gut sein für ein armes Mädchen, das ihr Brot selbst wird erwerben müssen. Ja! Und das seinen ersten Unterricht aus Barmherzigkeit von – von eben barmherzigen Leuten empfangen hat, und das nur halbes Schulgeld zahlt. Nein, Mademoiselle, Sie brauchen das nicht; Sie nicht. Gott bewahre.« Fräulein Schanks Stimme hatte die höchste Note erreicht, darum entstand eine Pause; aber bald stieg neue Entrüstung in ihr auf. »Ich verstehe dich nicht, liebe Rosa. Mir kann's ja gleichgültig sein. Nur bin ich neugierig – was – was daraus werden soll. Marianne Schulz, sagen Sie her.« Marianne Schulz hatte rotes Haar, viele Sommersprossen im Gesicht und hatte die Fabel gelernt.
Rosa senkte den Kopf tief auf den Tisch nieder und errötete bis in die blonden Löckchen über die Stirn hinein; an ihren Wimpern hingen dicke Tränen. Sie weinte und schämte sich ihrer Tränen. Ihr leidenschaftliches Kinderherz bebte vor ohnmächtigem Zorn gegen diese alte Lehrerin, die sie gedemütigt, sie als unwissendes, armes, verächtliches Geschöpf hingestellt hatte. Nie war ihr Leben ihr fadenscheiniger, aussichtsloser erschienen als jetzt. Sie war und blieb Rosa Herz, die Tochter des Ballettänzers, die nur halbes Schulgeld zahlte, zwei Kleider besaß und französische Grammatik lernen mußte, um sie vielleicht einst selbst zu lehren, hier in dem dumpfen Gemach, von demselben schäbigen Katheder aus, auf dem Fräulein Schank alt und häßlich saß, bis sie selbst alt und häßlich geworden sein würde und Konrad Lurch geheiratet hätte, der sie liebte.
Unerträgliche Hitze waltete im Gemach. Das Sonnenlicht fiel blendend auf die nackten Wände und beschien grell die langen Reihen weißer Halskrausen, glattgescheitelter Mädchenköpfe und all die jungen, ruhigen Gesichter. Es legte sich warm über die rosigen Schläfen und weißen Stirnen, in die kein Fältchen, kein Schatten die Spur einer Geschichte geschrieben hatte.
Es sprühte in den klaren, stillen Augen und durchleuchtete sie, daß man auf ihren Grund die sorglosen Kinderseelen zu erblicken vermeinte – wie eine nichtssagende kleine Arabeske auf dem Grund einer Schüssel voll klaren Wassers. Fräulein Schank dozierte mit eintöniger, singender Stimme die Lehren der französischen Grammatik, und die ernsten, friedlichen Mädchengesichter schauten zu ihr auf, als hätten sie nie etwas Wichtigeres und Aufregenderes vernommen als, daß das Adjektivum vor dem Worte gens in weiblicher, nach demselben in männlicher Form gebraucht werde. Rosa saß noch immer über den Tisch gebeugt da. Die Tränen waren fort und die Wangen jetzt blaß. Oh, sie litt! Sie wollte nicht länger verachtet, lächerlich und unglücklich sein! Sie wollte fliehen oder sterben – oder – sie wußte es nicht, aber außer Fräulein Schank, der Schulstube und Noël mußte – mußte es doch noch etwas geben! Die ganze Leihbibliothek konnte doch nicht lügen! Ganz gewiß wollte sie mit Herweg heute abend zusammentreffen, und sie wollte ihm erlauben, sie auf den Mund zu küssen, nur weil Fräulein Schank das mißbilligen würde. Was ging sie aber die alte Dame an?
Sobald die Stunde zu Ende war, eilte Rosa ins Freie. Hastig schritt sie die Gasse hinab, den Kopf gesenkt, die Hände hinter dem Rücken zusammengefaßt wie ein alter, sinnender Herr. Auf dem Pfad, der bergab in den Stadtgarten führte, begann sie zu laufen, so daß der Hut ihr in den Nacken fiel und die Zöpfe ihr den Rücken peitschten. In der Nähe der Laube hielt sie still. Warum eilte sie so? Vom Lauf außer Atem gebracht, legte sie die Hände auf die Brust. Warum die Aufregung? Die Schank hatte gezankt, weil sie die Fabel nicht gelernt hatte. Sie wollte sich nichts daraus machen, es war nicht das erste Mal. Sie rückte den Hut zurecht, fuhr sich mit der Hand über die Augen. Was kümmerte sie das kleinliche Elend der Schulstube?
Allerort – auf den Rasenplätzen und Kieswegen – brannten Lichtflocken und kleine Funken; sie zitterten sachte, wie schläfrig blinzelnde Augen. Die Laube stand auf einer Anhöhe, von goldenem Licht umflutet, und mit den ineinandergebogenen knorrigen Ästen, mit den regungslosen, staubigen Blättern glich sie einem alten Möbel, das man aus der Rumpelkammer in den Mittagssonnenschein gerückt hat. Herweg saß bereits auf der Bank und wiegte seinen Hut zwischen den Beinen hin und her. Eine leichte Befangenheit erfaßte Rosa, da sie ihn erblickte. Wie sollte sie es ihm sagen? Würde er nicht staunen? Langsam ging sie auf ihn zu. Herweg lächelte ihr entgegen:
»Sie sehen, Rosa, heute bin ich der erste«, meinte er.
»Ja – ich konnte nicht früher.« – Rosa blieb vor Herweg stehen und strich sich das Haar an den Schläfen glatt.
»Ha, ha – die Alte?« fragte er.
Rosa nickte. Herweg sah sie prüfend an: »Ja, ja, die Alte, die hat scharfe Augen. Aber warum setzen Sie sich nicht?« Rosa setzte sich auf die Bank. »Ich habe heute den Direktor gut angeführt«, fuhr Herweg fort, Rosa aber unterbrach ihn: »Was unternehmen Sie heute abend?« –
»Nichts Besonderes. Ich weiß nicht. Vielleicht kommt eine kleine Kneiperei zustande.«
»Ach so, das ist dann etwas anderes.«
»Nein«, rief Herweg schnell, »es ist nichts bestimmt. Gewiß! Wollten Sie etwas, Rosa?«
»Wenn Sie frei sind«, sagte Rosa mit niedergeschlagenen Augen, »könnten wir, so dachte ich, heute abend zusammenkommen!«
»O gewiß!«
»Das heißt, um neun Uhr. Sie könnten mich unten am Fluß, Sie wissen? erwarten, wir wären dann beisammen, dachte ich mir.« Herweg errötete und rief in der hastigen Weise, die Knaben anzunehmen pflegen, wenn sie befangen sind: »Das geht!« Er lehnte sich zurück, kreuzte die Arme über der Brust, kniff die Augen zusammen und machte ein bedächtiges Gesicht, als müßte er alles zuvor ernstlich erwägen: »Ja, das geht. Das wird hübsch.«
»Nicht wahr?« sagte Rosa und erhob sich schnell, als hätte sie einen plötzlichen Entschluß gefaßt. Sie blieb aber ruhig vor Herweg stehen. »Ich meinte, es würde Ihnen Freude machen.« Scheu blickte Herweg zu dem Mädchen empor; vorsichtig faßte er den grauen Mantel, langte dann zu den gelben Zöpfen hinauf mit dicken, ungelenken Schülerfingern. Rosa ließ es geschehen. Ihre Augen wurden dunkler und hatten ein unruhiges, intensives Licht. Plötzlich, mit einer schnellen, eckigen Bewegung, faßte sie nach Herwegs Haar und ließ ihre Finger durch das rote Gestrüpp gleiten. Beide waren ernst und stumm. Herweg hielt seinen Kopf regungslos und blinzelte mit den Augen, wie eine Katze, der man die Ohren krault, während Rosa zu Boden schaute. Ein buntes Geflecht von Licht und Schatten bedeckte den Kies mit grau und goldenen Mustern. Durch die Zweige drang das Licht wie blanker Staub in die Dämmerung der Laube. »Max! Max!« erscholl wieder die klägliche Stimme der alten Dame. Hastig zog Rosa ihre Hand zurück; Herweg aber hielt sie fest, drückte die innere Handfläche auf seinen Mund und küßte sie laut.
»Also, Sie wollen, Kollhardt?« fragte Rosa, sich frei machend.
»Ja, liebe, gute Rosa!«
»Gut denn; auf heute abend! Ade!« Und sie lief davon.
Herweg schlenderte gemächlich durch den Garten nach Hause. Er versuchte es, sein Gesicht in ruhige, ernste Falten zu legen, wie es ein Mann tut, der solche Liebestriumphe gewohnt ist. Stolz reckte er seine mächtige Gestalt und schritt durch den Sonnenschein dahin mit der ganzen Breitspurigkeit seines Schülerhochmutes.
Fünftes Kapitel
Herr Herz empfing seine Tochter heute besonders zärtlich; er streichelte ihr die Wangen und bemerkte: »Hübsch bist du heute, mein Kind.« Als Rosa sich mürrisch in einem Sessel ausstreckte, schlich er von hinten heran, um ihre Stirne zu küssen. Sie schenkte dem Alten wenig Aufmerksamkeit; flüchtig streiften ihre Finger einmal die Hand ihres Vaters, als Erwiderung seiner Liebkosungen; dann fragte sie nach dem Essen.
»Ja, das Essen«, erwiderte Herr Herz. »Ich weiß nicht, was die Agnes so lange macht.« Er schaute in das Speisezimmer hinüber, wo Agnes Stockmaier mit großer Genauigkeit das Tischtuch über den Tisch deckte.
»Agnes«, mahnte Herr Herz freundlich, »die Rosa ist hungrig.« Da Agnes keine Antwort gab, begann er mit kleinen Schritten im Gemach auf und ab zu gehen. Er rückte die Sächelchen auf der Kommode zurecht, sah sich in dem Spiegel und warf zuweilen einen verstohlenen Blick zu seiner Tochter hinüber. Diese hatte den Kopf auf die Stuhllehne zurückgebogen, die Füße von sich gestreckt und war in tiefes Sinnen verloren. Endlich blieb Herr Herz am Fenster stehen, schaute auf die Straße hinab und bemerkte so nebenher: »Fräulein Schank war hier.«
»Wann?« fragte Rosa scharf.
»Kurz eh' du kamst, ging sie.«
»Dann wollte sie sich wohl über mich beklagen?«
Herr Herz wandte sich schnell um: »Nein! Siehst du, liebes Kind, beklagen – das nicht. Sie ist dir gut. Gewiß! Sie ist dir sehr gut. Nur habt ihr heute etwas miteinander gehabt. – Eine französische Fabel, nicht? – So etwas; und dann bist du fortgegangen.«
»Ich bin fortgegangen!« rief Rosa und stellte sich gerade vor ihrem Vater auf »Sie kann es nicht verlangen, daß ich bleibe, wenn sie mir solche Dinge sagt – und vor all den andern.«
»So schlimm wird es ja nicht sein«, schaltete Herr Herz ein und lächelte erschrocken. »Sie ist vielleicht heftig gewesen. Du darfst ihr das nicht anrechnen. Du selbst hattest vielleicht auch ein wenig Schuld.«
»Und weißt du, was sie mir gesagt hat?«
»Gott, ja, liebes Kind.« Herrn Herz war die Situation peinlich.
»Sie sagte«, fuhr Rosa mit steigender Entrüstung fort, »ich lebe von anderer Leute Barmherzigkeit, ich zahle nur halbes Schulgeld. Das sagt sie vor all den Mädchen, diese Alte!«
»Sie wird das wohl nicht so gesagt haben. Ich will mit ihr sprechen.« Herr Herz lachte, als handelte es sich um einen unwichtigen Gegenstand. Er streckte beide Hände aus, um Rosas Kopf zu fassen, sie aber wandte ihm den Rücken und kehrte zu ihrem Sessel zurück.
Herr Herz verbarg seine Hände in seinen Rocktaschen und sah befangen und hilflos drein. Er wandte dem Fenster den Rücken zu, und sein Haupt ward von einer hellen Lichtaureole umgeben. Die weißen Haare flimmerten und ließen unter den dünnen Silberfäden die Kopfhaut hervorschimmern, zartrosenfarben – wie ein Kinderhaupt mit einem Tüllhäubchen bedeckt.
»Ich gebe zu, liebes Kind«, hub er leise wieder an, »es ist unangenehm, sie sollte so etwas nicht sagen, und ich spreche mit ihr darüber. Aber, da sie nun darauf besteht, daß du diese Fabel lernst, so könntest du sie vielleicht auch lernen. Eine französische Fabel, nicht wahr?«
Rosa antwortete nicht. »Sie meint es gut mit dir«, fuhr Herr Herz fort. »Gott, wie sie dich verwöhnt hat, als du ganz klein warst! Stundenlang spielte sie mit dir. Um ihretwillen kannst du schon eine Fabel lernen.« Rosa schwieg noch immer und betrachtete gedankenvoll die gelbe Tapete. Da lachte Herr Herz plötzlich auf. Ein lustiger Einfall war ihm gekommen: »Weißt du, mein Kind, wir lernen beide diese Fabel. La Fontaines Fabeln habe ich früher gut gekannt. Sie sind lustig. Damals sprach ich das Französische wie ein Pariser. Wie man das alles vergißt! Gern würde ich's auffrischen. Ah! Du wirst sehen, was für ein schlechtes Gedächtnis ich habe. Wir werden dabei lachen müssen«, und Herr Herz lachte schon jetzt. Rosas Teilnahmslosigkeit aber machte ihn mutiger, er ward ernst und väterlich. Fräulein Schank hatte nicht so ganz unrecht. Manches Wahre lag in dem, was sie gesagt hatte. Es war ihm nicht vergönnt gewesen, ein Vermögen zu erwerben, und manches verdankte er der Wohltätigkeit anderer. Jetzt beklagte er das. Aber, du lieber Gott, in der Jugend, wer denkt da an so etwas! Nun war es zu spät. Drum sollte Rosa lieb und vernünftig sein; sollte es mit der guten Schank nicht verderben, die es trefflich meinte und, wenn Rosa ihr Examen bestanden, ihr eine Stelle als Lehrerin in der Töchterschule verschaffen wollte. Das war auch der Wunsch der Tante Ina gewesen. Für ihn selbst wäre es ein großer Trost, seine Tochter in gesicherter, geachteter Stellung zu wissen, wenn er nicht mehr sein würde. Seine Stimme wurde weich, und er fuhr sich mit der Hand über die Augen. Der Gedanke an seinen Tod rührte ihn. »Ja – ja! Wenn man deinen alten Papa hinaustragen wird«, wiederholte er; »die Schank, ich hab's selbst gehört, sagte zu deiner guten Tante Ina: ›Wenn die Kleine dich verlieren sollte, Ina, du weißt es, ich bin deine Freundin, ich übernehme deine Pflichten.‹ Dann küßten sich die beiden guten Frauenzimmer und weinten miteinander. Vorhin, als sie bei mir war, und sie war recht aufgebracht, sagte sie doch, sie habe gehört, du hättest ein neues Kleid nötig. Sie sei bereits bei Paltow gewesen und habe einen wohlfeilen, dauerhaften Stoff gefunden. Sie zeigte mir die Probe. Sehr hübsch! Braun, mit runden gelben Punkten, so wie Erbsen ungefähr.«
»Ah!« versetzte Rosa zerstreut, »ich kenne das. Sie hat ihrer gelähmten Mutter, der ganz alten Schank, solch ein Kleid gekauft.«
»So? Ich weiß davon nichts. Du wirst ja sehen. Mir hat es gefallen, und sie sagt, es sei wohlfeil und dauerhaft. Mein armes Kind! Teure Kleider kann ich dir ja nicht geben; das weißt du. Wenn ich könnte, ich wollte meine Rosa herausputzen! Aber du bist ja in jedem Kleide hübsch.« Die hellblauen Augen schauten zärtlich zu dem mürrisch daliegenden Mädchen hinüber, und sie wurden feucht von den Tränen, die so leicht die Augen alter Leute überfluten. Er küßte seine Tochter vorsichtig auf den Scheitel und flüsterte: »Komm! Die Agnes ist mit dem Essen fertig.« – »Ah«, meinte Rosa und legte ihren Arm in den ihres Vaters.
Während des Mahles war Herr Herz äußerst lustig, fast ausgelassen. Er stellte sich ungeschickt beim Vorschöpfen der Suppe, neckte Agnes, erzählte aus seiner Ballettänzerlaufbahn viele seltsame Geschichten, die er schon hundert Mal erzählt hatte, und um das Gespräch von vorhin vollends vergessen zu machen, fügte er ihnen kleine gewagte Ausführungen mit halber Stimme bei, wenn Agnes das Zimmer verließ, um etwas zu holen. Rosa lächelte nur matt. In diesem eigensinnigen blonden Kopf war heute die feste Überzeugung entstanden, dort – irgendwo, fern von der Heimat – läge eine schöne, ergötzliche Welt, der eben nur Rosa fehlt; sie war da, man brauchte nur die Hand auszustrecken, um alles Schöne zu fassen. Bitteren Groll hegte Rosa heute gegen die alte, enge Stube mit ihren lächerlichen Möbeln, ihrem schläfrigen Frieden, Groll gegen die ganze widerwärtige Stadt, selbst gegen ihren Vater, der aus der großen Welt in dieses kleinliche Nest flüchten konnte, um fortan nur für den Klub, für Klappekahl und für Lanin zu schwärmen. Da stand die gute Agnes Stockmaier in ihrem weißen Kleide. So hatte dieses große weiße Gesicht immer dreingeschaut, seit Rosa denken konnte. Diese grauen Augen hatten stets so ruhig vor sich hingeblickt, als wären Augen nur auf der Welt, um zu sehen, ob Staub auf der Kommode liege oder ob das Tischtuch Falten schlüge. Oh, und diese Suppe mit ihren Fettaugen, dieser Braten mit seiner langen Sauce! Rosa hatte sie jahraus, jahrein gegessen; täglich hatten sie die Wohnung mit ihrem Duft erfüllt. Gott ja, es war unerträglich klein, gewöhnlich, lächerlich! Ein Gefühl der Rebellion, der Verachtung alles dessen, was es kannte und besaß, stieg in der Brust dieses jungen Mädchens auf, in dessen Leben das größte Ereignis bisher ein Tanzabend bei Klappekahls gewesen war.
Rosa mochte nicht ausgehen. Sie wollte bis zum Abend daheim bleiben und sich immer tiefer in ihre unklaren Grübeleien vergraben. Ihr Vater gab sich, wie gewöhnlich, seinem Mittagsschlummer hin; Agnes klapperte beim Abräumen leise mit dem Tischgerät. Rosa lehnte am Fenster, und ihre runden blauen Augen sahen unverwandt hinaus.
Die Stille des Sommernachmittages war auf das Städtchen niedergestiegen. Am zartblauen Himmel standen glänzende Wolkenhaufen, wie Ballen weißer Wolle. Die Pflastersteine waren so hell beschienen, daß Rosa große Käfer auf ihnen erspähen konnte. Sie krochen langsam dahin, blieben plötzlich, wie sinnend, stehen und hatten runde, stahlblaue Leiber, dann kam eine Eintagsmücke durch den Sonnenschein geflogen.
Rosa hatte lange hinausgestarrt. Mechanisch und gedankenlos war sie allen Vorgängen draußen gefolgt. Ihre Augen hatten immer starrer vor sich hingeblickt, hatten sich endlich geschlossen, der Kopf war auf den Arm niedergesunken – Rosa schlief, und das blonde Köpfchen im offenen Fenster schien auch ein Stück des trägen Nachmittaggoldes zu sein, das dort auf der Fensterbank liegengeblieben.
Als ein roter Sonnenstrahl ihre Augen traf, erwachte Rosa. Sie war allein im Gemach; ihr Vater hatte sich leise fortbegeben. Ringsum auf den alten Möbeln und Sachen lag blaßrotes Licht. Von der Straße tönten Stimmen und Schritte herauf. Auf dem Gartenzaune saß des Pfarrers Bube und biß in eine gelbe Frühbirne. Die Kastanienwipfel wiegten sich sachte hin und her. Eine Katze stand ruhig auf einem Dach und schaute über die Stadt hin, während die Sonnenstrahlen zwischen ihren Beinen hindurchschlüpften und ihren Leib vergoldeten. Der weiße Wolkenhügel von vorhin war fort; die Wölkchen waren auseinandergezogen und lagen jetzt verstreut über das tiefe Himmelsblau,
Es war lustig! – Rosa rieb sich die Augen und dachte darüber nach, was es doch war, das sie vorhin betrübt hatte. Sie entsann sich dessen wohl; aber es erschien ihr jetzt gering. Fräulein Schank, das Kleid mit den gelben Erbsen, die Fabel, ihr alter Vater, das alles war kein Grund, sich ernstlich zu grämen. Brauchte sie denn das enge Leben zu teilen? Gehörte ihre anziehende Person mit den blauen Augen und dem goldenen Haar nicht ihr? Konnte sie denn mit ihrem Leben nicht anfangen, was sie wollte? Was konnte sie nicht alles Tolles, Unerhörtes beginnen. Noch wollte sie warten; sie hatte ja Zeit. Sinnend lehnte sie den Kopf an das Fensterkreuz und lächelte hochmütig. Der Gedanke: ich gehöre mir – mir ganz allein, war plötzlich in diesem leichtfertigen Mädchenhirn aufgeschossen, schüchtern noch und unklar; er war jedoch da mit seiner ganzen wundersamen, gefährlichen Macht.
Auf der Treppe des gegenüberliegenden Hauses saß der Pfarrer Raser mit seiner Frau. Ihre ruhigen Stimmen schollen über die Straße zu Rosa herüber. Ihr Jüngstes, nur mit einem Hemdchen angetan, sprang zu ihnen heraus und stieß kleine schrille Freudenrufe aus, wie sie nur Vögeln und Kindern eigen sind.
Das sinnende Mädchen stand vor dem großen Frieden der Natur, mit dem unruhigen, eigensinnigen Egoismus junger Herzen; es grübelte und sann, wie es diese Schönheit und Harmonie sich dienstbar machen könnte; wie es sich damit schmücken sollte, welche Rolle ihm in diesem Schauspiele gebührte? Nachdenklich blickten die blauen Augen zu den Sternen auf, wie sie sonst wohl in den Spiegel schauten, um die geeignetste Stelle für ein Band in den blonden Flechten zu finden.
Herr Herz kam in heiterer, angeregter Stimmung heim. Er küßte seine Tochter auf die Stirn und fragte, ob die schwarze Laune schon geschwunden sei. Dann lief er unruhig im Zimmer auf und ab und packte seine Neuigkeiten aus. Bei Lanins war vor einer halben Stunde der Neue angelangt. Herr Herz war zugegen gewesen, als die Postchaise bei Lanins vorgefahren war, denn er stand mit dem Doktor gerade auf dem Marktplatze. »Klappekahl kam sogleich herbeigelaufen, und wir betrachteten den jungen Mann. Viel war nicht zu sehen. Er sprang schnell aus dem Wagen und ging in das Haus. Ein Schnurrbärtchen scheint er zu tragen, genau läßt sich das nicht bestimmen; der Doktor meinte, es sei nur Staub von der Reise.«
»War Sally da?« fragte Rosa.
»Ich glaube – ja«, erwiderte Herr Herz. »Es schien mir, als stände sie im Laden, er aber, natürlich, ging durch die Haustüre ins Haus. Einen grauen Mantel mit einer Kapuze trug er; das soll jetzt Mode sein, sagt Klappekahl. Klappekahl fand auch in der Art, wie der junge Mann sich aus dem Wagen schwang, viel Chic. Ich konnte nichts Besonderes sehen. Drei Koffer hat er mitgebracht, schön mit Leder überzogen. Wir gingen heran und befühlten sie. Ich gehe später noch in den Klub, vielleicht kommt Lanin und erzählt von seinem Neffen.«
Herr Herz sprach die ganze Mahlzeit über von dem wichtigen Ereignis und erging sich in allerhand Vermutungen.
»Also du gehst heute in den Klub?« fragte Rosa.
»Ja, ich muß hin, ich hab's Klappekahl versprochen.«
»Ich gehe auch noch hinaus«, meinte Rosa. »Schön ist's heute abend. Ich sitze noch mit Rasers im Freien.«
»Gut, gut, mein Kind! Agnes braucht die Türe nicht zu verschließen.«
Diese kleine Lüge kostete Rosa nicht das Geringste; im Gegenteil, sie machte ihr Vergnügen. Sie war das notwendige Zubehör zu einem Abenteuer – ein Stückchen Intrige.
Sechstes Kapitel
Als Rosa in die kühle Nachtluft hinaustrat, fühlte sie sich recht glücklich. Sie blieb einen Augenblick stehen, atmete tief den feuchten Duft ein, der rings vom Laub der Kastanien und aus des Pfarrers Garten aufstieg – sah zum Himmel auf, an dem jetzt Stern an Stern stand – und schauerte behaglich in sich zusammen. Um weniger kenntlich zu sein, hatte sie ein großes Tuch um Kopf und Brust geschlungen. So schritt sie die Gasse hinab. Sie eilte nicht zu sehr. Neugierig mußte sie alles, an dem sie vorüberging, betrachten. Die altbekannten Gegenstände und Plätze hatten bei Nacht nicht das gewohnte Aussehen. Es schien Rosa, als waltete über ihnen etwas Ungewöhnliches und Anziehendes. Das plötzliche Rauschen, welches in den schwarzen Wipfeln erwachte, um wieder ebenso plötzlich abzubrechen; die Dachvorsprünge, die sich, wie schwarze Nasen, über die Straße beugten; die Blumen, die stärker dufteten und voll großer Tropfen hingen – alle hatten ein wunderlich geheimnisvolles Wesen, als müßten auch sie eigentlich in einer bürgerlichen Stube, unter der geblümten Baumwolldecke, wohlverwahrt liegen, und ihre Anwesenheit sei etwas Ungewöhnliches, Unerlaubtes und habe einen lustigen Grund, den niemand erfahren durfte. Unter den Bäumen, am Ende der Straße, war es jetzt ganz einsam. – Hinter den Bäumen stand die Kirche mit ihrem roten Ziegeldach und ihrem spitzen Turm. Ein Grab lag dicht daneben. Rosa wußte es; oft hatte sie versucht, die halbverlöschten Buchstaben auf dem Stein zu entziffern. Es war das einzige Grab an dem Ort. In alter Zeit hatten sie dort eine Wohltäterin des Städtchens gebettet. Jetzt näherte sich Rosa ihm und dachte, ob sie sich wohl fürchten würde? Ein Grab bei Nacht gehört ja doch zu den schauerlichen Dingen. Als sie aber davorstand, bemerkte sie, daß ihr nicht bange war. Der Stein schlief friedlich an gewohnter Stelle, und das Gras, das hoch um ihn aufgeschossen war, lag voll blanker Tropfen.
Der Ort der Zusammenkunft war dicht am Fluß. Ein schmaler, wenig betretener Pfad führte zu ihm hinab. Von der einen Seite ward er durch einen Gartenzaun aus alten Brettern, von der andern durch das äußerst steil abfallende Ufer eines Baches begrenzt. An einer Schleuse mußte man vorüber. Jetzt, beim niedrigen Wasserstande, ließ sich nur ein leises Rauschen vernehmen, und die schwarzen Pfeiler waren mit Schlamm wie mit einer blanken grünen Haut bedeckt. An manchen Stellen des Pfades wucherte hohes Nesselgestrüpp. Wenn Rosa hindurchschritt, ward sie mit Tau überschüttet, und dicke Käfer, in ihrem Schlummer gestört, flogen brummend auf. Unten am Wasser lag tiefer Sand, nur spärlich mit Heidekraut bewachsen. Große Steinblöcke standen dort, und auf einem derselben hatte sich Herweg niedergelassen. In einen weiten Mantel gehüllt, einen Filzhut mit breiter Krempe auf dem Kopfe, saß er da wie ein großer schwarzer Pilz, der über Nacht aufgeschossen. Als Rosa zu ihm hinabstieg, pochte ihr Herz stärker, und als sie vor ihm stand, wußte sie nicht sogleich etwas Passendes zu sagen. Herweg schwieg auch und blickte seine Geliebte staunend an. So schön hatte er sie nie zuvor gesehen, und das machte ihn betroffen. Rosa lachte gezwungen, und dennoch schienen ihre Lippen ernster als sonst. In den so lustigen Zügen lag heute ein fremder Ausdruck von Erregtheit und Scheu, der sie verschönte. »Ah! Kollhardt, Sie sind da!« sagte Rosa endlich leise und trippelte umher, als fröre sie.
»Ja, Rosa.« – »Lange schon?« – »Nicht allzulange. Aber Sie, Rosa, haben Sie sich nicht gefürchtet, so allein bei Nacht?«
»O doch!«
Beide sprachen halblaut und hastig.
Herweg erhob sich. Ihm war sehr gefühlvoll ums Herz, bis auf die kleine Befangenheit, die er sich nicht eingestehen wollte. »Rosa«, sagte er ein wenig heiser und faßte die dunkle kleine Gestalt fest an die Schultern. »Oh!« rief Rosa und hüllte sich fester in ihr Tuch. So standen sie aneinandergelehnt: »Kollhardt«, versetzte Rosa, auf den Fluß hinausdeutend, »das dort, es ist doch Nebel?«
Unzweifelhaft war es Nebel. Ein durchsichtiges weißes Band, lag er auf dem Wasser und stieg die Ufer hinan. Jenseits des Flusses breitete sich das Land flach und dunkelgelb aus, hie und da von einzelnen Bäumen und Büschen mit schwarzen Flecken versehen.
Dahinter – am Horizont – hing ein ganz mattes weißes Leuchten.
Herweg drückte inbrünstig Rosas Schulter. Eine große Aufregung stieg in ihm auf, und laut hörte er das träge Schülerherz in seiner Brust pochen. »Rosa!« flüsterte er, »kommen Sie – komm – wir setzen uns aneinander.« Er breitete seinen Mantel auf das Heidekraut und drückte das Mädchen auf ihn nieder. Rosa ließ es geschehen. Fest in ihr Tuch gehüllt, saß sie da und schaute stet auf das Land hinaus.
Herweg näherte sich ihr behutsam, wie einem scheuen Vogel, faßte sie, beugte sie zu sich heran – sie gehorchte willig, dann küßte er eine der kühlen Wangen. Er wollte auch die Hände aus dem Tuch hervorholen, sie sträubten sich jedoch, und er mußte stärker an dem schwarzen Stoffe zerren. All das geschah schweigend; nur das tiefere Atemholen der beiden Kinder war vernehmbar.
Rosa machte sich von Herweg los und saß wieder gerade da. »Wissen Sie, Kollhardt«, sagte sie, »bei Lanins ist heute der Neue angekommen.«
»Nun, da wird sich Sally freuen.«
»Glauben Sie, daß er sie heiraten wird?«
»Nein.«
»Ich glaube das auch nicht.«
Ein Windstoß fuhr über das Land, jenes flüchtige Wehen, das die Runde durch die Sommernacht macht, ein kurzes Rauschen erweckt, uns streift, uns hastig Düfte ferner Gärten zuwirft und weiterzieht. Ringsum erwachten die Feldgrillen und begannen eifrig zu wetzen und zu sprechen; ein fast betäubendes Schrillen zog den Fluß entlang und antwortete vom Garten hinter dem Zaun und vom anderen Ufer. Aus einem entlegenen Felde drang der Ruf des Wachtelkönigs herüber, ein stetes Knarren, als zöge jemand eine rostige Uhr auf und würde nimmer fertig.
»Hörst du?« fragte Rosa und wandte ihr Gesicht der Richtung zu, aus der der Ton kam.
»Ja«, erwiderte Herweg begeistert und schlang seine Arme fest um das Mädchen. Rosa ließ nur einen tiefen Seufzer hören und lehnte ihren Kopf auf Herwegs Arm; er aber küßte ihr laut und stürmisch Wangen und Lippen, dann hob er ihren Kopf empor, um das Gesicht deutlich zu sehen; regungslos sah es zu ihm empor, bleich und ernst, in jenem Ernst, mit dem die Sinnlichkeit ein Frauenantlitz zu verschönen pflegt. Die Augen grellblau und gedankenlos. »Rosa, was ist Ihnen?« fragte Herweg erschrocken. Da richtete sich Rosa hastig auf.
Der Nebel war vom Wasser bis zu ihnen herangeschlichen. Wie weiße Gazefetzen lag er auf dem Kraut und glitzerte. Fern in der Stadt schlug die Turmuhr zehn. Ihre heisere Stimme rief mißgelaunte Töne in die Nacht hinaus, als wäre sie aus tiefem Schlummer aufgefahren, um verdrießlich ihre Pflicht zu tun.
»Es ist zehn Uhr«, sagte Herweg.
»Ja – ich gehe heim«, erwiderte Rosa, und während Herweg sich in seinen Mantel hüllte, ging sie unruhig hin und her und griff mit den Händen in die Nebelflocken, die über dem Grase hingen,
»Sind Sie fertig, Kollhardt?« fragte sie.
»Ja, ich führe Sie nach Hause. Nicht?«
»Nein, Kollhardt, das darf nicht geschehen. Sie gehen hier hinauf. Ich finde mich schon zurecht. Leben Sie wohl.«
Sie reichten sich ein wenig steif und ungelenk die Hände. Herweg wollte dann Rosa küssen, sie aber entwand sich ihm schnell und eilte den Pfad hinan.
Siebentes Kapitel
Herrn Lanins Neuer war wirklich angelangt. In einer offenen Post-Chaise hielt er um sieben Uhr abends vor dem Laninschen Hause. Drei Koffer, elegant mit Leder überzogen, waren vor ihm aufgetürmt. Er selbst trug einen grauen Staubmantel. Ganz wie Herr Herz es seiner Tochter berichtet hatte.
Herr Lanin befand sich gerade in seinem Studierzimmer, dem geachtetsten Gemache des Hauses. Die Fenster, die auf den Hof hinausgingen, standen offen, und ein kräftiger Stallgeruch strömte herein. Das Gemach selbst hatte ein strenges, ernstes Aussehen. Die Wände waren mit blankem holzfarbenen Papier beklebt. Ein einziger Lehnsessel und ein einziges Rohrstühlchen befanden sich in dem Gemach, und beide standen vor dem Schreibtisch. Auf dem Lehnsessel saß Herr Lanin, auf dem Rohrstühlchen Conrad Lurch. Herr Lanin war eben dabei, Conrad Lurch zu kontrollieren. Er setzte einen Kneifer mit großen runden Gläsern auf die Nase und beugte sich über ein schmales Buch, langsam mit dem Finger die Zahlenreihe hinabfahrend. Lurch machte ein sehr freundliches Gesicht; er lachte sogar, aber diese Freundlichkeit war seltsam starr, dieses Lächeln unnatürlich stetig und gekniffen. Es schien, als sei dieses Lächeln, einst vielleicht lustig und gewöhnlich, alt geworden; man hatte vergessen, es fortzuwischen; nun stand es eingetrocknet und eingerostet auf dem gelben Gesicht.
»Schweizer Käse!« rief Herr Lanin und blickte auf. »Ja – Schweizer Käse«, erwiderte Lurch höflich. Der Prinzipal aber lehnte sich zurück und sah vor sich hin auf die Wand. An der Wand hing, in goldenem Rahmen, Herrn Lanins Bild. Dort trug er weiße Hosen und einen schwarzen Rock. in der einen Hand hielt er seinen Hut, die andere legte er wohlwollend auf ein Album, das neben ihm auf einem Tischchen lag. Rechts hing das Bild der Frau Lanin, auf dem der Glanz des schwarzen Seidenkleides auf dem runden Leibe der Dame vortrefflich wiedergegeben war. Neben ihr stand wiederum das Tischchen, und das Album lag unbeachtet darauf. Links hing das Bild von Fräulein Sally im weißen Kleide, mit nackten Schultern, die Hände hielt sie im Schoß gefaltet und schielte nach dem Album, das neben ihr auf dem Tischchen lag.
»Schweizer Käse!« fuhr Herr Lanin auf »Jetzt hab ich's. Vor vier Wochen kam der Vorrat. Genau! Können Sie das widerlegen, Lurch?«
»Nein, Herr Prinzipal – nein.«
»Gut! Warum sagen Sie denn, der Vorrat – der Vorrat, der vor vier Wochen ankam – seien Sie so gut und lassen Sie diesen Umstand nicht aus den Augen – dieser Vorrat also – sei zu Ende. Warum? Sagen Sie nur, warum?«
Herr Lanin lächelte und schaute Lurch scharf an.
»Ja, Herr Prinzipal, er ist aber doch zu Ende«, antwortete Lurch sentimental. Herr Lanin lachte wieder; er war seiner Sache zu gewiß. Er setzte sich zurecht, nahm den Kneifer von der Nase, drückte die Augen zusammen, als gelte es, scharf zu denken: »Sagen Sie das doch nicht! Gehen wir systematisch vor. Wollen Sie so gut sein und auf meine Fragen antworten, nur das, Lurch; so kommen wir am schnellsten ins reine. Eine Partie echten Schweizer Käses – eine Partie inländischen Käses niederer Qualität und eine erster Qualität langten vor vier Wochen an. Gut! Kann der echte Schweizer Käse jetzt schon alle sein? Darauf kommt es an!«
»Herr Prinzipal brauchen nur die Posten durchzusehen. Es stimmt«, entgegnete Lurch mit halsstarriger Freundlichkeit.
»Posten? Lassen Sie das. Meine Frage, Lurch; nichts weiter.«
»Der Käse ist alle, der Baron Poddor hat sehr viel holen lassen; bei Kollhardts hat man viel verbraucht. Überhaupt weiß ich nicht, was die Leute in letzter Zeit mit dem echten Schweizer Käse machen. Vom inländischen erster Qualität ist noch die ganze Partie da.«
»Zur Sache!« drängte Herr Lanin.
»Ja – mehr – Herr Prinzipal – –«
»Sancta simplicitas! Sie verstehen mich nicht. Warten Sie, ich will es aus Ihnen heraus entwickeln. Sie sprechen von Kollhardt, vom Poddor – was will das sagen. Merken Sie auf. Ich nehme an: Verlangt wird x und z – verstehen Sie, nur x und z. Ich lasse gleiche Quantitäten von x, von z und noch von y kommen, das fast so gut wie z ist. Also – sagen Sie mir, warum lasse ich auch y – immer noch die Annahme – kommen?«
Lurch blickte vor sich nieder.
»x, y und z –« wiederholte der Prinzipal und lächelte. – »Nehmen Sie sich Zeit.«
»z?« fragte Lurch.
»Ja; x, y und z.«
Lurch bewegte lautlos die Lippen; endlich stieß er ein heiseres »Ja« aus.
»Haben Sie's?« fragte Herr Lanin.
»Ja – ich meine«, begann Lurch vorsichtig. »Wenn jemand käme und verlangte y – –«
»Ei, ei!« unterbrach ihn Herr Lanin. »Was machen Sie für Sachen! Es ist nicht zu glauben.«
Lurch senkte wieder den Kopf und rechnete. Er hätte die Lösung schwerlich gefunden, und es war ihm lieb, daß die Türe stürmisch aufgerissen wurde und Fräulein Sally in sehr hoher Stimmlage in das Zimmer hineinrief: »Papa! Er ist da.«
»Wer?« fragte Herr Lanin verstimmt.
»Komische Frage! Der Neue natürlich«, erwiderte seine Tochter.
»Ah!« Herr Lanin erhob sich.
»Gehen Sie, Lurch. Ich muß fort. Sie werden nie rechnen lernen.«
Mit diesen Worten eilte er auf den Flur hinaus. Dort fand er seinen Neffen, der dem kleinen Dienstmädchen mit sehr lauter Stimme Befehle wegen des Hereinschaffens der Koffer gab. Als er Herrn Lanin erblickte, ging er auf ihn zu und rief, ein wenig durch die Nase: »Ah! Sie sind wohl der Onkel?«
»Allerdings! Allerdings!« erwiderte Herr Lanin und streckte dem jungen Mann mit einem feinen, geistreichen Lächeln beide Hände hin: »Du erkennst mich nicht? Natürlich! Es ist lange her, seit ich bei euch war. Warte! – Es sind fünfzehn Jahre – ganz recht – fünfzehn Jahre. Ha ha! Eine hübsche Zeit. Wie geht es zu Hause?«
»Ich danke, der Alte hat mir Grüße für Sie und die Frau Tante aufgetragen. Mütterchen kränkelt ein wenig.«
»So – so! Lege nur ab , dann stelle ich dich meiner Familie vor.«
Die Familie stand an der halb angelehnten Türe und musterte den Ankömmling. Als Ambrosius Tellerat und Herr Lanin sich anschickten, in das Wohnzimmer einzutreten, stürzte die Familie an das andere Ende des Gemaches und griff nach gleichgültigen Dingen.
»Da bringe ich euch den neuen Vetter«, sagte Herr Lanin und schlug seinem Neffen jovial auf den Rücken.
»Willkommen, willkommen«, rief Frau Lanin, und das breite, weiche Gesicht, der zahnlose, elastische Mund drückten viel süße Freundlichkeit aus.
»Hm – Frau Tante – viele Grüße«, begann der junge Mann, aber Herr Lanin unterbrach ihn: »Meine Tochter«, sagte er und deutete auf Fräulein Sally, die mit gesenkten Wimpern an ihrem Arbeitstische stand. Ambrosius stieß wiederum ein heftiges »Hm« aus, wippte zweimal auf seinen Füßen auf und ab und machte eine tiefe Verbeugung. Fräulein Sally verbeugte sich auch ihrerseits, schlug die Augen auf und sagte: »Mein Herr« – ganz wie die Salondame im Lustspiel für Liebhabertheater.
»So!« versetzte Herr Lanin. »Also – nochmals willkommen!« Onkel und Neffe schüttelten sich verbindlich die Hände; dann meinte Herr Lanin, die Damen würden dem Reisenden wohl eine Erfrischung anbieten wollen. Fräulein Sally ergriff auch, in netter Wirtschaftlichkeit, eine weiße Schürze und suchte nach Schlüsseln. Die andern setzten sich an einen runden Tisch, mit dem Entschluß, sich zu unterhalten. Ambrosius legte ein Bein über das andere, räusperte sich und beugte sich leicht vor, als wollte er etwas Angenehmes sagen. Obgleich er nichts Ungewöhnliches tat, so hatten seine Bewegungen doch etwas Gesuchtes, aber gewiß nichts vergeblich Gesuchtes. Ambrosius war ein hübscher junger Mann mit einer schlanken, gutgebauten Gestalt, der ein dunkler Anzug nach der letzten Mode gut ließ. Seine Züge waren regelmäßig, die Nase scharf geschnitten, die Lippen leuchtend rot und zu einem angenehm jugendlichen Lächeln bereit, die Augen hart braun und sehr glänzend. Über der hohen Stirn türmte sich gelocktes, dunkelblondes Haar, sorgfältig über den ganzen Kopf gescheitelt und wohlriechend.
«Ambrosius wird sich hier hoffentlich glücklich fühlen«, begann Frau Lanin, »hoffentlich.« Sie blickte dabei ihren Gemahl, dann Ambrosius an. Die ganze gewichtige Gestalt der alten Dame, die langsamen Bewegungen, die Augen, die Nase, der Mund, die Fülle weichen, schlaffen Fleisches, die leise Stimme – alles atmete Milde, alles an ihr war sanft wie Fett, süß wie Honig.
»Gewiß, o gewiß!« erwiderte Herr Lanin und zerteilte die Luft mit der Hand in gleichmäßige Stücke. »Wenn das Leben hier auch ein wenig still, das heißt ernst ist, so ist es doch mit Arbeit und Wissenschaft angefüllt.«
»Hm – ja«, meinte Ambrosius, »dem Fleißigen wird die Zeit nie lang.«
»Es gibt doch auch kleine Zerstreuungen«, schaltete die Hausfrau ein, »hübsche junge Mädchen; das ist ja auch angenehm. In den Freistunden natürlich.«
»Natürlich«, bestätigte Herr Lanin.
»Natürlich!« sagte auch Ambrosius. »Damen – Damen – sind – hm – die Zierde des Lebens.«
Onkel und Tante lachten; dann hub Herr Lanin ganz unerwartet an, einen juristischen Fall, der sich just im Magistrat zugetragen, zu erzählen. Diese Sachen seien seine Leidenschaft. Je mehr analytische Anstrengung ein Fall erheische, um so lieber sei es ihm. – Ambrosius schaltete zuweilen ein »Sehr fein! – Interessanter Fall! Ah – ein Kreuzverhör!« ein; Frau Lanin aber meinte, die stete Verstandesarbeit reibe ihren Mann auf. Herr Lanin wollte davon nichts hören, das sei die würdigste Beschäftigung eines Mannes. – Endlich kam Fräulein Sally mit Tee und Butterbrot. Sie schenkte den Tee selbst ein; dann saß sie neben ihrer Mutter und nahm an der Unterhaltung teil; sie wandte sich jedoch nur an ihre Eltern. »Ach!« rief sie, »erzählt Papa wieder von dem garstigen Menschen, der betrogen hat? Ich kann es gar nicht begreifen, daß es so garstige Menschen geben kann!« Worauf Ambrosius erwiderte, daß auch – sozusagen – Welten zwischen ihr und jenen Menschen lägen.
Ambrosius sollte den heutigen Tag natürlich nur den Damen und der Unterhaltung widmen. Von Geschäften sollte nicht die Rede sein. Dennoch wünschte er den Schauplatz seiner künftigen Wirksamkeit zu sehen, und sein Onkel führte ihn in das Heiligtum ein.
»Du siehst, mein Lieber«, sagte er und klopfte mit der flachen Hand zärtlich auf eine Heringstonne, »du siehst, hier ist alles einfach, praktisch; nichts von unnützem Luxus; kein Blendwerk – kein Schwindel. Solid, mein Lieber, solid, das ist die Losung!«
»Hm – ja«, meinte Ambrosius, »das ist das Wahre. Es sieht hier allerdings sehr reell aus.«
Aus einer finstern Ecke fuhr Lurch hervor – scheu, bleich und fadenscheinig; die staubige Nymphe dieser staubigen Grotte.
»Dieses«, sagte Herr Lanin und wies auf seinen Kommis mit dem Zeigefinger, als wäre er nur eine große Konserve, »dieses ist Lurch.«
Die beiden jungen Leute verbeugten sich gegeneinander. Ambrosius steif und hochmütig, Lurch äußerst gelenkig und hastig.
»Lurch ist mein Gehilfe«, erklärte Herr Lanin. Lurch ergriff verwirrt ein Paket Lichte und rieb sich damit die Nase, bis sein Prinzipal trocken bemerkte: »Was wollen Sie mit den Lichten? Es ist ja niemand da.«
»Ich dachte – –«, stotterte Lurch, Herr Lanin aber schenkte ihm keine Beachtung weiter, sondern begann die Anordnung der verschiedenen Gegenstände zu erklären; er setzte auseinander, daß er bei Aufstellung der Artikel ein bestimmtes, sozusagen mathematisches System befolge: »Die Nachfrage bestimmt jeder Sache ihren Platz. Gewöhnliche Dinge, Dinge des täglichen Lebens, wie Seife, Kerzen – stehen niedrig, leicht erreichbar, andere, wie Orangen, teure Zigarren – höher, weiter fort. So entsteht ein quasi architektonisches Ganzes, indem Orangen, Seife, Heringe quasi Bausteine sind, die ihren bestimmten Platz haben und, nach der Berechnung eines jeden denkenden Menschen, keinen anderen Platz haben können.«
Ambrosius billigte dieses Verfahren; er nannte es weise und zweckmäßig. Sein Onkel fügte noch eingehendere Erörterungen hinzu, führte Beispiele an. Er nahm an, Ambrosius wolle grüne Seife kaufen – nur eine Annahme »substituierte« das. Gut! Sogleich sprang Herr Lanin an ein Schubfach, hob eine sehr unreine Büchse empor und lachte. Wollte dagegen Ambrosius eine feine Havanna rauchen, wiederum nur Annahme, dann mußte Herr Lanin eine kleine Leiter hinanklimmen, um eine Zigarrenkiste vorzuzeigen. Ambrosius folgte dem allen mit Aufmerksamkeit, lachte, wenn die Seife oder die Zigarren wirklich zum Vorschein kamen, und sagte unzählige Mal »Ja!« – Ab und zu kam Fräulein Sally herein. Sie war jedesmal überrascht, die Herren hier zu finden. Befahl Lurch unter beständigem Lachen, Tee und ein Stück Käse herzugeben, schrie auf, weil sie den Käse nicht anfassen mochte, und verschwand wieder wie ein netter kleiner Brausewind, der sie war.
Die Herren traten auf die niedrige Treppe des Ladens hinaus und schauten auf den Marktplatz hinab. Die Vorübergehenden blieben stehen und musterten Lanins Neuen, der dann seine schöne Gestalt reckte, einige abgerundete Bewegungen mit den Armen machte oder auch wohl, auf das Rathaus deutend, mit lauter Stimme sagte: »Der Bau ist gut – der sogenannte Renaissance-Stil.«
Es war schon spät abends. Herr Lanin blinzelte heftig mit den Augenlidern, gähnte einige Mal diskret und zog sich dann in sein Studierzimmer zurück, um noch einen juristischen Fall zu überdenken. Frau Lanin wurde in ihrem großen Sessel sehr schweigsam. Fräulein Sally aber und Ambrosius saßen noch am Fenster beieinander und lernten sich kennen. Die Lampe war nicht angezündet worden. Ein graues Zwielicht waltete im Gemach. Die Tische, die Sessel, die Hausfrau lagen wie dunkle Schattenmassen im Hintergrunde. Im helleren Rahmen des geöffneten Fensters zeichneten sich die Profile der beiden jungen Leute scharf ab. Diese Profile bewegten sich, näherten sich, fuhren wieder auseinander, beugten sich dann wieder gemessen und höflich vor. Die Unterhaltung ward halblaut geführt; mit gewisser Regelmäßigkeit wechselte der Diskant mit dem Baß.
»O ja, ich habe eine Freundin«, sagte Fräulein Sally weich.
»Wirklich? Doch natürlich!«
Ambrosius' Stimme klang, als müsse er beständig das Lachen unterdrücken. »Natürlich! Eine jede junge Dame hat eine Freundin. Natürlich!«
»Natürlich?« meinte Fräulein Sally und neigte ihren Kopf melancholisch zur Seite. »Es ist nicht so natürlich. Nicht eine jede hat das Glück, eine Seele zu finden, die sie versteht. Mir – mir fällt es besonders schwer, denn, sehen Sie, Cousin, ich verlange viel – sehr viel.«
»Aber Sie haben gefunden?«
»Ja! Vielleicht! Das heißt, wir lieben uns; aber – verstehen Sie, ich werde mehr geliebt. Es ist vielleicht nicht recht, aber – – –« Fräulein Sally schwieg und sann in das Dämmerlicht hinein.
»Ich verstehe – hm –« versetzte Ambrosius, »Sie sind, sozusagen, mehr empfangend; das Fräulein Freundin mehr gebend – hm – hingebend. Sie, Cousine, sind dann wohl auch mehr herrschend?«
»Vielleicht.«
»Oh, gewiß, gewiß!« neckte Ambrosius.
»Aber ich liebe sie dennoch sehr.«
»Haben Sie keine Geheimnisse voreinander?«
»Sie hat keines, nein; aber ich« – Fräulein Sally seufzte und legte die Hand auf diejenige Stelle des schwarzen Kleides, unter der das geheimnisvolle Herz schlug. Ambrosius lachte heftig und drohte mit dem kleinen Finger. Er fand das köstlich. »Also, Sie haben doch Ihre Geheimnisse. Damen haben immer Geheimnisse, immer.«
»Herren nicht?« fragte Sally schelmisch.
»Nein! Das ist Sache der Damen. Ich wüßte gern diese Geheimnisse.«
»Oh, die Herren sind immer so neugierig.«
»Es ist Wißbegierde. Neugierig sind ja – hm – spezifisch die Damen. Streiten Sie nie mit Ihrer Freundin?«
»Nie!« sagte Sally fest.
»Damen streiten ja sonst so gern.«
»Ich dächte, das kommt auch bei den Herren vor.«
»Nun – und wie heißt denn diese Freundin?«
»Rosa Herz.«
»Herz – hm – ein guter Name. Ist sie hübsch?«
Ambrosius lächelte dabei ein leichtfertiges Lächeln, als wäre seine Frage sehr kühn und gottlos.
»Hübsch?« erwiderte Sally sinnend, »eigentlich nicht, das heißt, die Herren finden sie nicht hübsch, glaube ich. Mir gefällt ihr Gesicht. Die Herren urteilen auch immer so streng.« Ambrosius lachte; dann ward er ernst, blickte melancholisch auf den Marktplatz hinab und meinte: »Ach nein! Die Damen sind hart und grausam.« So ging die Unterhaltung fort, als plötzlich ein lautes Stöhnen aus der Ecke, in der Frau Lanin saß, erscholl.
»Was ist dir, Mama?« rief Fräulein Sally.
»Ach Gott!« wimmerte Frau Lanin, »wie bin ich erschrocken! Mein Gott!«
»Was gibt's denn? Sage!«
»Mir träumte, ich zerschlug die große Lampe. Pfui! Mein Gott!«
»Wie kann man so etwas träumen!« meinte Fräulein Sally verächtlich, und Ambrosius fügte tröstend hinzu: »Träume sind ja nur Schäume.«
»Gott sei Dank, ja! Aber ein Schreck war das!« klagte die alte Dame, »nun ist's vorüber. Gehen wir zu Bett. Gute Nacht, Ambrosius.«
Auch Fräulein Sally reichte ihrem Vetter die Hand und sagte: »Denken Sie daran, was ich Ihnen sagte.« – »Gewiß, ganz gewiß! Das vergesse ich nicht«, versicherte er und drückte zart die kleine Hand, obgleich er nicht sicher war, welchen der Ausfälle gegen »die Herren« er sich merken sollte.
Achtes Kapitel
Beim nächsten Zusammentreffen in der Schule schenkte Fräulein Sally ihrer Freundin keine Beachtung. Sie hatte für Rosa nur flüchtige Mitleidsblicke. Sie tat ihr leid, das arme Geschöpf, das keinen Vetter hatte, mit dem sie sich geistreich necken konnte. Noch wollte sie ihr aber nichts von diesem Vetter erzählen, der Verrat an der Freundschaft mußte bestraft werden. Fräulein Sally ließ sich nur herbei, gegen Marianne Schulz leichthin zu bemerken: »Gott, ich bin müde! Ich habe mich gestern bis spät in die Nacht hinein mit meinem Cousin unterhalten.«
Marianne riß die Augen auf und fragte: »Haben Sie denn einen Cousin?«
Fräulein Sally lachte und stieß ihre Nachbarin mit dem Ellenbogen: »Hören Sie doch! Marianne weiß nicht einmal, daß gestern mein Cousin angekommen ist.«
»Aber Marianne!« meinte die Nachbarin verächtlich.
Allzulange vermochte Fräulein Sally jedoch nicht zu zürnen.
Als Rosa am Nachmittage über den Marktplatz ging, winkte Fräulein Sally ihr freundlich zu und rief: »Rosa, mein Herz! Wohin?«
Rosa trat an das Fenster und berichtete: Zu Hause sei es zu schwül gewesen, darum sei sie spazierengegangen.
Fräulein Sally saß am Fenster und hielt einen Roman in der Hand. Es war noch jemand im Gemach und rauchte. Rosa vermochte ihn nicht deutlich zu sehen, da er seitab vom Fenster stand, sie zweifelte jedoch nicht daran, daß es der Neue sei.
»Kommst du nicht herein, liebe Rosa? Es sitzt sich hier ganz allerliebst.«
Rosa fand ihre Freundin heute ungewöhnlich sanft; auch bemerkte sie an ihr einige feine Handbewegungen, die sie noch nicht kannte. Sie wunderte sich nicht darüber, denn die Zigarette, die im Hintergrunde des Gemaches leuchtete, übte auch auf Rosa ihren Einfluß aus und machte, daß sie manches tat und sagte., was ihr nicht ganz natürlich war.
Rosa wollte der Einladung ihrer Freundin nicht Folge leisten, sie hatte sich vorgenommen, spazierenzugehen, und Sally wußte ja, wenn sie sich etwas vornahm...
»Oh, der kleine Eigensinn!« rief Fräulein Sally. »Aber ich begleite dich, mein Herz.« Leiser fügte sie hinzu: »Vielleicht kommt er mit. Cousin«, sprach sie dann in das Zimmer hinein, »Sie machen wohl auch eine Promenade?«
»Unmöglich«, verlautete die Stimme aus dem Hintergrunde. »Unmöglich – bei dieser Hitze! Sie scherzen, Cousine!«
»Durchaus nicht«, erwiderte Fräulein Sally. »Gott, was die Herren verwöhnt sind!«
»Nicht doch«, rief Ambrosius und trat an das Fenster. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, es geht nicht; ich muß ins Geschäft. Sonst – oh!«
Fräulein Sally erhob sich mit einem so ernsten Gesicht als wollte sie ein Vaterunser sprechen, und sagte: »Mein Cousin Tellerat – meine Freundin Rosa Herz.«
»Ah – es freut mich.« Ambrosius verbeugte sich. »Es tut mir leid, die Damen nicht begleiten zu können – in der Tat. Oh, meine Damen, Sie wissen nicht, was das heißt: Geschäfte im August.«
Fräulein Sally drohte neckisch mit dem Finger und hielt es für Trägheit, er aber legte die Hand auf das Herz und beteuerte das Gegenteil.
»Gut, wir gehen also allein. Ich hole meinen Hut.« Mit diesen Worten hüpfte Fräulein Sally davon.
Während ihrer Abwesenheit entspann sich eine höfliche Unterhaltung zwischen Rosa und Ambrosius; sie mit aufmerksam ernstem Gesicht und stetem Erröten, er, die Schulter leicht gegen den Fensterrahmen gelehnt – sehr gerade, mit ausgebogener Taille und beständigem Räuspern, wobei er den Rauch der Zigarette durch die Nasenlöcher trieb, denn, weiß es Gott warum, dieser junge Mann hielt einen beständigen Katarrh für weltmännisch und vornehm.
Sie sprachen über das Städtchen. Ambrosius meinte, es gefalle ihm, es sei nett; nett sei das rechte Wort dafür, worauf Rosa erwiderte, es sei recht freundlich. Ja, er gab das zu, zog jedoch den Ausdruck nett vor. Ein wenig still, wandte Rosa ein, sie fand es sogar zuweilen langweilig. Ein wenig kleinstädtisch, Gott, ja – Ambrosius hatte es nicht anders erwartet. Eine ruhige, gemütliche Geselligkeit war ihm gerade recht. Das bunte Treiben einer großen Stadt wird man auch müde, nicht wahr? Ah gewiß! Zur Erholung war es der rechte Ort. – Rosa verstand das wohl.
Dann kam Fräulein Sally zurück und rief ihrem Vetter scherzhafte Abschiedsworte zu, die dunkel genug waren. Beide lachten jedoch, zum Zeichen, daß sie sich verstanden.
Arm in Arm wanderten die beiden Mädchen dem Stadtgarten zu. Von dem gestrigen Streit war keine Rede mehr, sondern Fräulein Sally begann sogleich den Charakter ihres Vetters zu besprechen. Sie hatte einiges über die Kunstreiterin – denn eine Kunstreiterin war sie, das stand jetzt fest – in Erfahrung gebracht. Sie war der Ansicht, es sei nur eine momentane Verirrung gewesen, die von keinen Folgen sein dürfte.
»Er tut mir leid!« seufzte das gute Mädchen. »Siehst du, er hat ein gutes, sozusagen ein goldenes Herz. Heute morgen versuchte ich den zarten Punkt zu berühren. Du verstehst? Ich wollte andeuten, daß ich um die Sache weiß und ihn verstehe. Er wurde ganz ernst und sagte: ›Das ist vorüber, Cousine Sally.‹ Das klang im höchsten Grade beweglich. Dabei fuhr er sich mit der Hand über die Stirn: Das ist vorüber, Cousine Sally! Ist's nicht rührend?«
»Sehr rührend«, bestätigte Rosa sachverständig.
»Nun«, fuhr Fräulein Sally fort, »da sah ich ihn – so – an.« Fräulein Sally riß die Augen weit auf und sagte ernst: »Weißt du – ganz ernst: ›Ist es auch vorüber?‹«
»Sehr gut!« schaltete Rosa ein.
»Also ist es auch vorüber? Da lächelte er – weißt du – so tief melancholisch und sagte: ›Ja nun, wie eben so etwas vorüber sein kann.‹ Auch sehr gut, nicht wahr?«
»Ja, ja«, meinte Rosa, »er glaubt, solche Wunden heilen nie ganz.«
»Natürlich! – Nun – ich nickte und fragte kurz und sanft: ›Der Name?‹ – Da seufzte er tief und sagte: – ›Rosina.‹ Aber wie er das Wort ›Rosina‹ sagte – das kannst du dir nicht denken.«
»Ich kann es mir denken«, versetzte Rosa gerührt.
»Nein – nein! Das kannst du dir nicht denken! – Rosina – Rosina.« Fräulein Sally legte in diesen Namen alle Andacht, über die sie gebot, daß er wie ein Gebet klang; es war aber doch nicht das Rechte: »Ich kann es dir eben nicht wiedergeben. ›Sprechen wir von etwas anderem‹, sagte er dann. Oh, er ist so sanguinisch, fast leichtfertig. So brach ich denn ab.«
Rosa ward nachdenklich. Dieser Ambrosius mit der Liebe zur schlechten Rosina erschien ihr anziehend. Das hübsche Gesicht, die schwungvollen Bewegungen; gewiß! Er hatte viel Einnehmendes. »Ich wüßte gern mehr hierüber«, sagte sie sinnend.
»Ja!« erwiderte Fräulein Sally und zuckte die Achseln: »Es läßt sich auch nicht alles weitersagen, was er seinen Verwandten anvertraut.« Dabei machte sie eine geheimnisvolle Miene und kniff die Lippen zusammen, um ostentativ zu schweigen.
Ambrosius hatte sich, wie er es den Damen gesagt hatte, in das Geschäft begeben. Dieses war jedoch so unerträglich heiß und voll starker, dumpfer Gerüche, daß es ihn im höchsten Grade verstimmte. Er setzte sich mitten auf den Ladentisch, trommelte mit den Absätzen auf die morschen Bretter und schaukelte träumerisch mit seinem Stöckchen eine Wurst, die über ihm an der Decke hing. Hinter ihm stand Conrad Lurch, maßloses Staunen in den Mienen. Er hatte es nie versucht, sich auf den Ladentisch zu setzen; nie war ihm der Gedanke gekommen, man könne das tun. Sein Kollege beachtete ihn jedoch gar nicht, schaukelte die Wurst, gähnte und starrte auf die trüben Fensterscheiben. Eine große, unklare Mißstimmung hatte sich seiner bemächtigt. Noch war es kein ganzer Tag, daß er sich in der Stellung eines ersten Kommis der Firma Lanin befand, und doch war ihm diese Stellung schon gänzlich zuwider. Er langweilte sich, und Langeweile hielt er für ein Unglück. Ein unüberwindlicher Durst nach lauten, ungeordneten Vergnügungen erfüllte diesen jungen Mann. Von jeher hatte er ohne zu zaudern nach allem gegriffen, was ihn reizte, was nur im Entferntesten einen Genuß versprach. Als sechsjähriger Bube bemächtigte er sich jedes Kuchens, dessen er habhaft werden konnte, war es auch noch so streng verboten. War der Kuchen verzehrt, dann erst gedachte der kleine Ambrosius der Strafe und weinte. Als zwanzigähriger Junge war er ebenso achtlos und gedankenlos seinen Eltern davongelaufen, um einer Kunstreitertruppe zu folgen, nur weil ihm diese Welt der Tressen und Flitter in die Augen stach und weil eine alternde Kunstreiterin für vieles Geld sich herabließ, ihn zu lieben. Um einen Wunsch zu erfüllen konnte er Entschlossenheit und Tatkraft zeigen, wuchsen aber aus seinem Leichtsinne Schwierigkeiten und Mühsal, dann war er ohnmächtig.
Sein weiches, nervöses Gemüt ließ sich von dem geringsten Unfall, von der kleinsten Widerwärtigkeit niederdrücken. Ja, fehlte es seiner Umgebung auch nur an besonderer Heiterkeit, umgab ihn ein gewöhnliches ruhiges Leben, so fühlte er sich schon melancholisch und klagte über Weltschmerz. Der enge Laden, die schwere Luft und die trüben Fensterscheiben waren denn auch nicht geeignet, gegen diesen Weltschmerz anzukämpfen. So versank Ambrosius immer tiefer in sein übellauniges Brüten. Plötzlich ließ sich Lurchs sanfte Stimme vernehmen: »Dieses ist eine Pariser Wurst.«
»Wie?« fuhr Ambrosius auf, der vergessen hatte, daß er nicht allein sei.
»Ich meinte, Herr Tellerat...« wiederholte Lurch. –
»Von Tellerat«, unterbrach ihn Ambrosius. »Von – es ist italienischer Adel; di – heißt es – eigentlich di Tellarda, daraus Tellerardo, und so...«
»So hat sich das herausgebildet«, ergänzte Lurch aufmerksam.
»Natürlich«, entgegnete Ambrosius und begann leise vor sich hin zu pfeifen, bis Lurch wieder das Wort nahm: »Ich meinte vorhin, Herr von Tellerat, daß diese Wurst eine sogenannte Pariser Wurst sei.«
»He, diese?« Ambrosius schlug mit dem Stöckchen auf die Wurst und bemerkte dann: »Hart.«
Lurch folgte mit besorgtem Blick den Schwingungen der Wurst: »Glauben Sie nicht«, fragte er und errötete, »daß es ihr schaden kann, wenn man sie schlägt und schaukelt?«
»Die da?« Ambrosius holte wieder mit dem Stöckchen aus, aber Lurch rief angstvoll: »Schlagen Sie sie nicht! Es kann ihr nicht gut sein.« Er blickte innig zur Wurst auf; er hatte um sie gelitten; die alte, ehrwürdige Wurst, die ganze Familie liebte sie. War sie nicht schon lange im Geschäft? Natürlich kaufte sie niemand; sie war zu gut für das Städtchen. Aber ein großes Geschäft muß eine echte Pariser Wurst haben. Sie repräsentierte die Firma und war fast ein Glied der Familie. Nein, es war Sünde, sie zu schlagen.
Endlich brach Ambrosius sein düsteres Schweigen und bemerkte, daß er noch keinen Kunden im Laden gesehen habe.
»Am Nachmittag kommen sie nicht«, erklärte Lurch. »Am Abend pflegen die Herrschaften die Dienstmägde herzuschicken, um Kerzen, Käse, Petroleum...«
»Hübsche?« unterbrach ihn Ambrosius.
»Je nun, mein Gott! Hübsch sind sie nicht besonders. Eine vielleicht. Ja, die Käthe – die ist hübsch. Oh, ja! Die hat eine hübsche Nase, eine hübsche große Nase.«
»Ah! Aber womit vertreibt man sich hier denn die Zeit? An so etwas denkt hier niemand.«
»Doch«, erwiderte Lurch verlegen, obgleich er es nicht scheinen wollte. »Man unterhält sich hier recht gut. Ich – ja sehen Sie – an den Wochentagen bin ich hier beschäftigt. Aber Samstagabend – dann geh ich aus.«
»Wohin denn?«
»Wir haben nämlich«, Lurch dämpfte seine Stimme, »wir haben nämlich ein Kränzchen.«
»Kränzchen? Was für ein Kränzchen? Es gibt vielerlei Kränzchen!« rief Ambrosius.
»O bitte, sprechen Sie nicht so laut!« flehte Lurch. »Es ist eigentlich ein Geheimnis, obgleich nichts Böses daran ist.«
»Gut, gut! Ich sag's nicht weiter.«
»Also bei Steining, dem Konditor.« Lurch sprach dieses Wort sehr gepflegt und die Anfangssilbe ganz französisch aus. »Dort versammeln wir uns im hintern Zimmer. Kennen Sie dieses Zimmer? Nicht? – Oh, ein wunderbares, einziges Zimmer! So traulich! Grüne Tapeten hat es und einen Kronleuchter. Recht elegant ist es. Alle möglichen Bequemlichkeiten finden Sie dort – drei Spucknäpfe, massiv von Messing.«
»Wer versammelt sich dort?«
»Wir sind unserer sechs. Da ist der Tomascher vom Advokaten Krug, dann Silt, Apfelbaum...«
»Was trinken Sie?«
»Bier, sehr feines Bier.«
»Hm –« warf Ambrosius vornehm und kühl hin, »Sie führen mich dort einmal ein.« – Lurch floß über von Dankbarkeit und Begeisterung: »Sie werden sich gut unterhalten. Gewiß! Es wird Ihnen gefallen. Es geht dort sehr heiter zu. Silt ist ein gar zu witziger Mensch. Sie können sich so etwas gar nicht vorstellen.« Lurch mußte lachen, wenn er nur an Silt dachte: »Auch Apfelbaum wird Ihnen zusagen. Er ist ein wenig wüst, aber er erzählt sehr gut seine Raufereien mit den Metzgerburschen. Oh, und dann Waumer! Ein prächtiger Mensch. Was für Arme der hat! Den Armbrechen zu sehen, ist der höchste Genuß.«
»Gut, gut! Sie führen mich hin. Gott, was fängt man sonst an!« Ambrosius gähnte laut und streckte sich.
»Wir haben auch einen Namen für unser Kränzchen«, fuhr Lurch eifrig fort.
»Nun?«
»Gersten-Saft-Strauß. Ist das nicht einzig? Ein Strauß aus Gerstensaft. Wir sind die Blumen. Das hat sich Silt erdacht; wer wäre sonst darauf gekommen! Köstlich!«
»Allerdings!« meinte Ambrosius. »Originell – hm – allerdings.«
Eine Pause trat ein, die nur zuweilen von einem gewaltsam aufprasselnden Lachen unterbrochen ward, gegen das Lurch vergebens ankämpfte. Rötliche, schräge Sonnenstrahlen drangen durch die Fensterscheiben und fielen auf ein großes Behältnis voll gedörrter Fische, ließen dieselben wie bräunliche Goldbarren erglänzen und legten um die kleinen toten Köpfe winzige Heiligenscheine. Ambrosius fand das poetisch und bemerkte: »Sehen Sie, Lurch, ganz allerliebst –«
»Ja! Strömlinge«, erwiderte Lurch.
Ambrosius zuckte die Achseln. Er fand, daß es seinem Kollegen an Schönheitssinn gebrach, dann sagte er plötzlich: »Und Sally, was halten Sie von Sally?«
Lurch ward verwirrt und murmelte: »Sehr hübsch – gewiß – sehr hübsch –«
»Sie schielt?«
»Nein, o nein!« rief Lurch in großer Aufregung. »Ich habe das nicht bemerkt. Nein, ich glaube es nicht, daß sie schielt. –«
»Hm«, meinte Ambrosius. »Aber die Freundin?«
»Fräulein Rosa?« Bei diesem Namen ward Lurchs armes gelbes Gesicht ganz rot. »Fräulein Rosa ist sehr hübsch – sehr.«
Ambrosius blickte ihn spöttisch an. »Kommt sie zuweilen zu Ihnen?«
»Zuweilen, doch nicht zu mir. Sie besucht Fräulein Sally – dann ist Fräulein Sally zuweilen nicht hier – dann wartet Fräulein Rosa zuweilen im Laden.«
»Verliebt?«
»Nein, Herr von Tellerat! Gott, nein! Sie nimmt wohl hin und wieder einige Korinthen, aber das ist doch nicht Liebe.«
»Ich meinte auch nicht, daß sie Sie liebt –«
Lurch lachte gezwungen. »Das konnten sie natürlich nicht meinen. Nein! Einige Korinthen – weiter ist's nichts.«
Ambrosius dachte nach, und zwar sehr tief, denn er legte sich mit dem Bauch über den Ladentisch und stützte den Kopf in die Hände. Was war es denn mit diesem Mädchen? Es war hübsch, es war blond – und blond mußte nach seiner Ansicht ein Mädchen sein. Sollte er sich verlieben? Wäre Rosa Herz der geeignete Gegenstand? Es wollte ihm so scheinen, und er beschloß, Rosa Herz zu lieben. Er seufzte; das war der Anfang der Liebe; dann richtete er sich auf, schaute Lurch mitleidig an und sagte gefühlvoll: »Ja, hm – ein allerliebstes aschblondes Engelköpfchen.«
Der laute Ton von Kirchenglocken erscholl.
»Was gibt es?« fragte Ambrosius.
»Abendgottesdienst«, erwiderte Lurch. »Heute ist Mittwoch!«
»Ah! Sally wollte hingehen.«
»Ja, Fräulein Sally ist fromm. Überhaupt die ganze Familie ist fromm«, bemerkte Lurch und lächelte.
»Ich gehe auch hin«, beschloß Ambrosius und eilte fort. In der Türe wandte er sich noch einmal um und sagte: »Zum Scherz – wissen Sie.«
Die Kirchenglocken riefen laut und ungeduldig durch die Gassen. Aus allen Häusern strömten Leute hervor – hastig – als fürchteten sie, gescholten zu werden, wenn sie säumten. Sie knüpften ihre Hutbänder oder zogen ihre Handschuhe erst auf der Straße an und eilten der Kirche zu. Nur einige Kommis und Schüler blieben sorglos stehen, rückten ihre Mützen schief, steckten ihre Hände in die Hosentaschen und pfiffen, als wollten sie zeigen, daß sie vom Kirchengehen nichts hielten.
Die Räume der kleinen Kirche waren ganz von Gläubigen erfüllt. Als Ambrosius hineintrat, stimmte die Orgel ein Lied an. Ein Chor dünner Frauenstimmen fiel ein und sandte langgezogene andächtige Noten zur Wölbung auf. Der Altar war mit einer reinlichen weißen Musselindecke und zwei Asternsträußen geschmückt. Über ihm erhob sich ein hohes Ölgemälde, Christus am Kreuz darstellend. Da das Kreuz und der Hintergrund dieselbe Farbe hatten, so machte der dürre gelbe Leib des Erlösers, einsam und tot im Leeren hängend, einen seltsam düsteren Eindruck. Vor dem Altar stand der Pfarrer, eine regungslose schwarze Gestalt.
Ambrosius lehnte an einem Kirchenstuhl und blickte forschend um sich. Neben ihm saß eine alte Dame in einem glänzenden Atlasmantel und mit einem großen Hut, überdeckt von roten Stachelbeeren. Sie sah Ambrosius streng und mißbilligend an, legte ihr Taschentuch auf das Pult des Kirchenstuhls, die Füße auf die Fußbank, rückte an ihrem Sonnenschirm, der an einem Nagel unterhalb des Pultes hing, als wollte sie beweisen, daß sie all diese Vorkehrungen kenne und sich hier sicher und wie zu Hause fühle. – Rosa und Sally saßen nicht weit von Ambrosius nebeneinander. Beide hatten ihn bemerkt. Sally sandte ihm einen langen, ernsten Blick zu, dann warf sie sich in plötzlicher Zerknirschung auf die Knie, barg ihr Gesicht in ihre Hände, verharrte eine Weile in dieser Stellung und richtete sich mit schmerzvoller Miene auf, als habe sie einen argen Seelenkampf bestanden. Rosa benahm sich leichtfertiger. Sie blickte oft zu Ambrosius hinüber, lächelte einmal ganz unverhohlen, strich sich die Löckchen aus der Stirn, beugte sich an das Ohr ihrer Freundin und flüsterte ihr etwas zu, erhielt jedoch nur einen strafenden Blick.
Der Gesang verstummte.
Aller Augen richteten sich auf den Pfarrer, der ruhig dastand und emporblickte. Als er jedoch mit einem lauten »O Herr!« begann, schien es unerwartet zu sein, denn die alte Dame zuckte erschrocken mit den Schultern. Jetzt waren die tiefe Stimme des Geistlichen und ein beständiges Hüsteln, das die Runde durch die Gestühle machte, die einzigen Laute im Raum. Blätterschatten fuhren über den Estrich. Sonnenstrahlen spielten an den Wänden und übergoldeten zuweilen jäh das andächtige, faltige Gesicht einer alten Frau. Ambrosius gab sich willig der ruhigen, behaglichen Stimmung hin, in der all diese Menschen einträchtig beieinandersaßen, wie eine große Familie in einem alten Familienzimmer. Bei seiner Vorliebe für abgegriffene Worte nannte er das »idyllisch«. Eine flüchtige Aufmerksamkeit schenkte er auch der Predigt, die den Gang der zwei Jünger nach Emmaus erörterte. Vielleicht empfand er etwas von der Poesie dieser schönen Erzählung. Das Einhergehen von Zweien auf der nächtlichen Landstraße, das Besprechen der wundersamen Ereignisse, die Begegnung mit dem Erlöser, bei dessen Worten ihre Herzen brennen, das gemeinschaftliche Mahl, endlich – das Fortschaffen einer so betrübenden Tatsache, wie der Tod eines großen und geliebten Freundes ist. All das fand Ambrosius heute »idyllisch«.
Endlich der blonde Mädchenkopf, der leichtfertig in das große Gesangbuch hineinlächelte – der war gewiß »idyllisch«.
Neuntes Kapitel
Ambrosius Tellerat liebte also Rosa, denn dieses dünkte ihn die einzige seiner würdige Beschäftigung in diesem kleinlichen Neste. Sobald Rosa sich auf der Straße zeigte, begegnete ihr Ambrosius und grüßte sie, bald mit dem höflich kalten Gruß des Weltmannes, bald mit einem innigen, vielsagenden Neigen des Kopfes. Er ging vor ihrem Fenster auf und ab und sandte ihr durch den Burschen seines Schusters einen Strauß. Was zu tun war, geschah.
Rosa freute sich natürlich ihres Triumphes; natürlich tat sie ihr Möglichstes, um Ambrosius aufzumuntern. Wenn er, sehr korrekt in einem dunklen Überzieher eingeknöpft, einen hohen, spiegelblanken Hut ein wenig schief auf dem Kopf, unter Rosas Fenster vorüberging, dann schaute sie jedesmal hinaus. Er grüßte hinauf, sie grüßte hinab, errötete – zog den Kopf vom Fenster zurück und steckte ihn gleich wieder hinaus. Ambrosius pflegte eine Weile dort stehenzubleiben. Er wiegte sich sachte in den Hüften, zog seine Manschetten weit über die Hände, die in neuen Handschuhen steckten, drehte seinen Spazierstock und blickte süß empor. Diese saubre, gepflegte Festtagserscheinung – denn einen so blanken Hut, so neue Handschuhe, so gute Kleider trug man im Städtchen nur an hohen Festtagen – diese Festtagserscheinung, die jeden Werktagsnachmittag vor Rosas Fenster stand und sie bewunderte, brachte einen großen und neuen Reiz in das Leben des Mädchens. Die selbstbewußte Kühnheit, mit der Ambrosius zu ihr emporstarrte, die gesuchten Stellungen, der Aufwand mit großen, sehr funkelnden Hemdknöpfen und breiten Manschetten, den er trieb, alles war ihr neu und anziehend; und die Sonnenstrahlen, die auf dem blanken Hut blitzten, umgaben den gefühlvollen Handlungsdiener der Firma Lanin mit einer leuchtenden Aureole.
Und mußte es nicht so sein? Mußte nicht dieses Mädchen, mit der fiebernden Phantasie und den fiebernden Sinnen seiner siebzehn Jahre, die ungeduldig über das stille bürgerliche Leben hinausdrängten, mußte es nicht allem Neuen, Ungewohnten begierig zuflattern, und war jenes Neue auch nur ein Kommis, der seinen Sonntagsrock am Werktage trug? Das Sinnen und Träumen, dem sich Rosa in einsamen Stunden gern ergab, verlor viel von seiner Unbestimmtheit. Ihre Gedanken verdichteten sich vielmehr um die eine Gestalt. Mit der naiven Umständlichkeit solcher jungen, nach Genuß verlangenden Visionäre malte sie sich Begegnungen und Zusammenkünfte mit Ambrosius aus – reiche, glänzende Kleider, die ihn in Erstaunen setzten; seltsame, unmögliche Lebenslagen, in denen sie ihm groß und bewunderungswürdig erschien. Bald war sie reich und fuhr in einer Kalesche durch die Straßen; Ambrosius stand am Wege und grüßte; sie ließ halten und sagte, mit dem nachlässigen Lächeln einer Weltdame: »Aber Herr von Tellerat; steigen Sie doch ein!« – Sie winkte dabei mit dem Fächer. Gott ja! Rosa warf ihren Kopf auf die Lehne des Stuhles zurück und schloß die Augen, diese Träume regten sie auf und erhitzten ihr Blut:
»Aber so steigen Sie doch ein, Herr von Tellerat«, flüsterte sie.
Um diese Zeit ward auch die Freundschaft mit Fräulein Sally besonders warm. Jeden Nachmittag fühlte Rosa das Bedürfnis, nach ihrer Freundin zu sehen. Saß Fräulein Sally nicht in sinnender Stellung am Fenster, so ging Rosa in den Laden, um nach ihr zu fragen. Lurch stand hinter dem Ladentisch, bleich, still, bestaubt, ganz wie er dort gestanden hatte, seit Rosa gelernt, ihn von den Fässern und Kisten zu unterscheiden. Ambrosius saß auf einer Kiste und hielt die Beine auf einer andern.
Wenn Rosa eintrat und einige unschlüssige Rebhuhnschritte im engen Raume machte, dann flog ein mattes Lächeln über Lurchs Gesicht, und Ambrosius richtete sich hastig aus seiner nachlässigen Stellung auf, zog seine Manschetten unter den Rockärmeln hervor und war ganz Salonmann. »Ah, Fräulein Herz! Gnädiges Fräulein – hm, Sie suchen wohl meine Cousine?«
»Ja, ich habe mit Sally zu sprechen.«
»Sally kommt sofort, gewiß, mein gnädiges Fräulein. Nicht wahr, Lurch? Gedulden Sie sich einen Augenblick, nehmen Sie mit unserer Klause vorlieb.«
»Oh, Herr von Tellerat, es hat keine Eile.«
»Aber Sally wird sogleich hier sein. Nehmen Sie Platz, gnädiges Fräulein. Sehr primitiv, nicht? Ja, ja, sehr arkadisch!«
Rosa setzte sich. Ambrosius stand neben ihr und führte die Unterhaltung. Rosa schlug ihre Augen voll zu ihm auf, und er blickte angestrengt in diese blauen runden Augen. Das machte für beide dieses Zusammensein zu einem bedeutungsvollen.
»Gute Augen!« pflegte Ambrosius später zu Lurch zu sagen.
»Wer? Ah, Fräulein Rosa!«
»Ja – hm – Fräulein Herz. Man muß eben verstehen, den rechten Funken aus Weiberaugen herauszuschlagen.« Ambrosius kniff die Augenlider zusammen, um die Methode anzugeben. »Verstehen muß man das, damit die Mädel einen so recht anschauen; die Augen aufschlagen und einen so plötzlich ansehen, so – wissen Sie?«
»Ja.« Lurch verstand ihn.
Den guten Herweg hatte Lanins schöner Neffe aus Rosas Herzen verdrängt. Ambrosius hatte auch viel vor Herweg voraus, nicht nur den blanken Hut und die besser gemachten Kleider, sondern auch – was mehr war – er hatte vor Herweg den festen Glauben an seine Unwiderstehlichkeit, die große, wahre Bewunderung seiner selbst voraus. Er liebte Rosa, weil er es sich so vorgenommen hatte. Aber es lag nicht in seiner Art, sich mit dem bloßen Bewußtsein gegenseitiger Liebe zu begnügen, dazu erregte das lebhafte Mädchen mit dem schönen, klugen Lächeln, der naiven Kühnheit seiner Gefallsucht, den blanken, sinnlichen Augen viel zu lebhafte Wünsche in Ambrosius' weichem Gemüte. Halb war es die brutale Lüsternheit nervöser Menschen, halb die Beharrlichkeit des Gecken, der einen jeden zur Bewunderung zwingen will.
Eines Sonntags, als Rosa am Laninschen Hause vorüberging, stürmte Fräulein Sally an das Fenster und bat Rosa, sofort hereinzukommen, sie müsse ihren Rat einholen.
Rosa fand den Laninschen Salon in sonntäglicher Ruhe und Ordnung. Auf den Tischen lagen schwarze Andachtsbücher, die Möbel hatten sich der weißen Überzüge entledigt und prangten im Vollglanz des roten Manchesters. Der starke Duft der Sonntagskohlsuppe erfüllte das Gemach, und Fräulein Sally stand in dieser Atmosphäre fröhlich und unbefangen, als wäre das ihr Element. Sie hatte heute die Trauer um den Onkel abgelegt und trug ein nettes weißes Kleid, das bei jedem Schritt angenehm knisterte, als wäre Fräulein Sally ein Papierkorb.
»Ah, da bist du ja!« rief sie Rosa entgegen. »Der Cousin und ich – wir beraten uns hier eben über das Fest.«
Ein stolzes Lächeln umspielte Fräulein Sallys Lippen. Ambrosius begrüßte Rosa mit einer hübschen Verbeugung und streckte sich dann wieder nachlässig in seinem Sessel aus. Rosa vermochte nur »Ah, wirklich!« zu erwidern.
»Ja, morgen – du weißt«, sagte Fräulein Sally. »Setz dich, mein Herz. Es kommt nämlich darauf an –« sie rieb sich geschäftig das Knie und schaute ihren Vetter an.
»Ja«, versetzte dieser und lächelte gutmütig, »es kommt darauf an, wie man dieses – hm – dieses kleine Fest, diesen kleinen gemütlichen Tanzabend, eigentlich thé dansant, gehörig arrangiert. Nun, ich – wenn die Damen meine Meinung hören wollen, ich –« Er schwieg und blies den Rauch seiner Zigarette durch die Nase.
Die beiden Mädchen sahen ihn gespannt an, als aber nichts erfolgte, ergriff Fräulein Sally wieder das Wort: »Die Treppe muß geschmückt werden.«
»Das kann nichts schaden«, meinte Ambrosius.
»Ja, Pflanzen – tropische Pflanzen«, fuhr Fräulein Sally fort. »Ich habe vier Myrthenstöcke, du, Rosa, hast einen Geranium. Gott, es findet sich schon.«
»Vielleicht könnte man auch in den Salon Blumen stellen?« schaltete Rosa ein.
Fräulein Sally war unschlüssig, Ambrosius begeisterte sich aber für diesen Gedanken. »Gewiß, Gruppen, warum nicht? Sehr gut – hm – Gruppen.«
»Gut also.« Fräulein Sally fuhr mit der Hand über ihr Knie, zum Zeichen, daß dieser Punkt abgetan sei. »Wir kommen jetzt zu den Erfrischungen. Zum Beginn Kaffee, natürlich. Ich habe mir gedacht, ein Viertel Zichorie, und so – du weißt? Während des Tanzes werden Butterbrote gereicht. Vielleicht – vielleicht erlaubt es der Papa, die Pariser anzuschneiden, das wäre himmlisch!« Fräulein Sally zählte alle Genüsse des Festes eifrig auf. Sie verstand es, den gewöhnlichsten Dingen einen Nimbus des Großartigen und Vornehmen zu geben, nur durch die Art, in der sie von ihnen sprach.
Ambrosius gab auch Ratschläge in seiner nachlässigen, mitleidigen Weise. Seine Pläne zeichneten sich jedoch durch zu große Überschwenglichkeit aus. So wollte er im Damenzimmer ein Zelt aus Seidengaze aufschlagen und es mit bunten Lampen erleuchten.
Fräulein Sally war dem nicht ganz abgeneigt; sie meinte, man könne dazu die baumwollenen Bettvorhänge ihrer Mutter und die Speisezimmerlampe verwenden.
Rosa machte hin und wieder auch einen Vorschlag, den Fräulein Sally gewöhnlich bekämpfte und den Ambrosius warm vertrat.
Es dämmerte; die Ecken des Gemaches wurden ganz finster, nur in der Nähe des Fensters lag noch ein unsicheres Licht.
Fräulein Sally sprach eifrig, die beiden andren waren einsilbig. Nur selten schaltete Ambrosius ein »Hm« oder einen zusammenhanglosen Satz ein. Er war mit anderen Dingen beschäftigt. Vorsichtig hatte er Rosas Hand ergriffen und hielt nun dieses willenlose, warme kleine Ding, legte es dann wieder fort, um eine sehr heiße Wange zu streifen.
Fräulein Sally war bei ihrer Toilette angelangt. »Nicht wahr, denkst du nicht auch?« wandte sie sich an ihre Freundin, die nur ein heiseres »Ja« verlauten ließ. Fräulein Sally wunderte sich nicht darüber. Sie wußte, ein hübsches Kleid war für Rosa ein unliebsames Thema. Natürlich, sie hatte ja nur das weiße Musselinkleid, das sie schon zu ihrer Einsegnung getragen, das arme Mädchen.
Der Mond kam plötzlich über dem Giebel des gegenüberliegenden Hauses zum Vorschein und zeichnete das Fensterkreuz auf den Estrich, groß und schwarz auf goldenem Grunde. Alle schwiegen. Fräulein Sally neigte das Köpfchen und blickte zum Fenster hinüber. Rosa rückte ihren Stuhl in den Mondschein hinein und saß still und feierlich da; sie fühlte, sie sei schön. Ambrosius starrte sie, rot vor Erregung, an; auch Fräulein Sally konnte ihre Bewunderung dieser blonden, mondbeglänzten Gestalt nicht versagen; um auch ihren Teil an dieser Schönheit zu haben, beugte sie sich an Rosa heran, legte die braunen Löckchen an die blonden Zöpfe und sagte zärtlich: »Mein liebes, liebes Herz!«
»Es ist spät«, versetzte Rosa ernst und gerührt, wie es Mädchen zu sein pflegen, die sich gerade schön wissen. Sie erhob sich, um heimzugehen. Das Mondlicht war so hell, daß es fast wie Tageslicht über dem Städtchen lag. Ein bläulicher Glanz erfüllte die Luft und blitzte auf den Fensterscheiben. Rosa ging langsam ihre Wege, sah in die Mondscheibe und atmete hastig und tief, als ließe sich das Licht trinken. Mitten auf dem Marktplatz stand der Apotheker und hielt seine Uhr gegen den Mond, um zu sehen, wie spät es sei. Aus dem Fenster eines Erdgeschosses beugte sich eine Dienstmagd heraus und legte ihre mächtigen nackten Arme vor sich auf das Fensterbrett, um sie in der Abendluft zu kühlen, neben ihr saß ein Bursche und hielt mit beiden Händen des Mädchens dicke, rote Backen. In einem Winkel zwischen zwei Häusern stand die Trödlerstochter Ida Wulf mit ihrem Schusterbuben. Sie drängten sich aneinander und kicherten.
Rosa hörte eilige Schritte hinter sich und blieb stehen. Ambrosius war es, außer Atem und sehr erregt: »Oh! Fräulein Herz, gnädiges Fräulein, gehen Sie schon heim?«
»Ja, es ist spät«, erwiderte Rosa und begann mit kleinen Schritten weiterzugehen.
»Ja! – hm – Oh, gnädiges Fräulein, ich wollte nur... ich muß. Sie sind mein Ideal; gewiß, mein Ideal!« Nun ward er feurig: »Vorhin – im Mondschein, Sie waren zu schön. Ich muß es Ihnen sagen. – Seien Sie nicht grausam, Sie sind ein Engel – hm – mein Engel.« – Rosa war bestürzt, dennoch kam ihr der Gedanke: »Jetzt ist der Augenblick gekommen, so muß es sein! Jetzt muß etwas geschehen, und wenn du nichts sagst und nichts tust, dann ist es vorüber.« Aber sie sagte und tat nichts.
»Müssen Sie wirklich nach Hause?« fragte Ambrosius schmelzend.
»Ja, mein Vater erwartet mich.«
»Wir müssen also scheiden. Geben Sie mir Ihre Hand, o Liebe!« Ambrosius nahm Rosas Hand, dann Rosa selbst und küßte ihre Lippen, dann ließ er sie los. Schweigend und zitternd standen sich beide gegenüber. Schritte wurden hörbar. »Auf Wiedersehn«, flüsterte Ambrosius, »mein Ideal« – und hastig fuhren sie auseinander.
An der Treppe der Herzschen Wohnung fand Rosa Ida Wulf. Das Judenmädchen richtete seine schwarzen Augen forschend auf Rosa und lächelte ein altes, überlegenes Lächeln.
»Nun, Ida, was treibst du?« fragte Rosa.
»Nichts, Fräulein Rosa. Schön ist es heute.« Rosa nickte. »Fräulein Rosa«, fuhr Ida leise fort und legte zwei magere braune Hände auf Rosas Arm. »Dieser junge Herr bei Lanins, der ist schön, nicht? Ich bin auch verliebt in ihn.« Rosa schlug die Augen nieder und sagte unsicher: »Du solltest um diese Zeit schon zu Bette sein, Ida.«
Das Judenmädchen lachte. »Nein! Ich bleibe lange draußen. Aber Fräulein Rosa, ich kenne viele, viele Stellen, wo man zusammen sein kann. Sie wissen, Fräulein Rosa, so allein. Der Peter, Sie wissen, Fräulein Rosa, der garstige Schusterbub und ich, wir wissen alle solche Stellen. Soll ich sie Ihnen zeigen, Fräulein Rosa?« Dabei nahm Ida einen von Rosas Zöpfen und wog ihn in der flachen Hand. »Wozu?« erwiderte Rosa. »Was machst du denn dort mit dem Schusterbuben?« fügte sie hinzu und blickte über das Judenmädchen hinweg.
»Wo?« fragte Ida ernst.
»Nun – an – an jenen Stellen« – – –
»Oh, der Peter!« kicherte Ida, »wie der garstig ist – das kann ich Ihnen gar nicht sagen, Fräulein Rosa.« Mit diesen Worten lief Ida davon. Rosa stand noch einen Augenblick sinnend an der Treppe und hörte die schweren Schuhe des Judenmädchens die Straße hinabklappern.
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