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Edith Zeile

Erfahrungen in einem sozialen Netzwerk

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Eingetragene Warenzeichen sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber!

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

ISBN 9783957446527

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Seniorbook – Möglichkeiten der Kommunikation

Höhepunkte und Tiefschläge

a) KULTUR UND UNTERHALTUNG

Menschentypen

Seniorbook – ein Geschenk an die ewig jungen Alten

Seniorbook = Jahrmarkt der Eitelkeit

Seniorbook – Leiden und Leidenschaften

www.seniorbook.de

Warum Internet-Kontakte süchtig machen können

Khalil Gibran und „die Frau“

Auguste Rodin – Leben und Werk eines Genies

Mein Ostergeschenk – ein Name, aber was für einer!

Selbstheilung nach Mirsakarim Norbekov

Eine Botschaft der Liebe – Gedanken zu Hape Kerkelings Autobiographie

Gedichte – was man damit machen kann

b) PHILOSOPHIE UND RELIGION

Das Leben – ein Spiel?

Lebensziele

Der Fluss – ein Symbol des Lebens

Z E I T – das unbekannte Phänomen

Vielleicht war alles schon da

Das Buch der Wandlungen: I Ging

Tragen wir unser Schicksal in den Händen?

Eine Zahl ist mehr als eine Zahl

Ein Plädoyer für die Esoterik

Stufen des Bewusstseins

Außergewöhnliche Erfahrungen (Sanskrit: siddhis)

Außergewöhnliche Erfahrungen 1 – Astrologie

Außergewöhnliche Erfahrungen 2 – Out-of-Body-Experience

Außergewöhnliche Erfahrungen 3 – Medialität in den USA – Vorbereitung

Außergewöhnliche Erfahrungen 4 – Entdeckung der eigenen Medialität

Außergewöhnliche Erfahrungen 5 – Kontakte mit Verstorbenen

Einssein mit Gott – Gipfelerfahrungen im Osten (moksha) und im Westen (unio mystica)

Ein Tor zum Himmel

Paramahansa Yogananda – Brückenbauer zwischen Ost und West....

Eine der schwersten Sünden – das ungelebte Leben

Gott – „die unendliche Weite“ (Suzanne Segal)

Der Gott der Physiker

Mit dem Sternenhimmel in Kontakt

Die wechselvolle Geschichte der Astrologie – Teil I

Die wechselvolle Geschichte der Astrologie – Teil II

W i e lässt sich die Astrologie nutzen?

Zeugung und Geburt – eine astrologische Analyse

Astrologische Kurz-Analyse für VB

c) POLITIK UND GESELLSCHAFT

Was Studentenküsse mit der Weltpolitik zu tun haben

d) FAMILIE UND PARTNERSCHAFT

Liebe im Netz – eine heiter-ernste Analyse

Die ideale Partnerschaft

e) GESCHICHTEN, DIE DAS LEBEN SCHREIBT

Und Adam erkannte Eva

Unter dem tanzenden Mond

Vorwort

Schon Goethe, der bekanntlich ein sehr hohes Alter erreichte, beklagte den Verlust vieler Freunde im letzten Lebensdrittel und die bittere Erfahrung der Einsamkeit.

Damals gab es noch kein Internet und keine sozialen Netzwerke. Heute kennt man den Nachbarn im Haue oft nicht näher als einen Menschen im Netz.

In der deutschen Gesellschaft der Gegenwart lassen sich zwei gegenläufige Tendenzen erkennen: Die Zahl der Singles, der Alleinlebenden, nimmt zu, und die Zahl der Einsamen nimmt ab. Man sammelt Freunde, zuerst bei Facebook und seit zwei Jahren auch bei Seniorbook (www.seniorbook.de).

Seniorbook versteht sich als Treffpunkt für Menschen, die gerade die oft von Schicksalsschlägen geprägte Lebensmitte überschritten haben.

Die alten Römer bezeichneten einen Mann unter 40 Jahren als iuvenis = Jüngling, der bis zum 59. Lebensjahr zum vir = Mann und schließlich mit 60 zum senex = Greis wurde.

Hier taucht die Silbe „sen“ auf, die sich auch Seniorbook einverleibt hat, zumal alle Menschen über 60 heute Senioren sind. Neunzigjährige würden sich heute vielleicht als „Greis“ bezeichnen lassen. Dabei können gerade die Jahre zwischen 60 und 90 die aktivsten, farbigsten und abenteuerlichsten des ganzen Lebens werden.

Vor einem Jahr an einem trüben Dezembertag 2013 loggte ich mich bei Seniorbook ein, um mit gleichaltrigen Menschen zu kommunizieren.

Seither ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an den vielfältigen Diskussionsmöglichkeiten teilnehme und über die großartige Ausweitung meines Lebens glücklich bin.

Die alten griechischen Philosophen gingen auf den Marktplatz, heute treffen sie sich online, geben Denkanstöße, nennen Buchtitel und verweisen auf Vorträge (Video).

Früher gingen die Theologen in die Kirche und hielten ihre Predigten. Heute verbreiten sie ihre wichtige Botschaft auch im Netz. Man muss nur lesen können, manchmal allerdings auch zwischen den Zeilen.

Früher schrieb man sich lange Briefe, heute sind es Emails, die sogar die „Stimme“ des Senders mitschicken können.

Kommunikation ist die Vorstufe von Verständnis und Sympathie. Die Informationstechnik ist kein seelenloses Ungeheuer, sondern ein wichtiges Instrument auf dem Weg zum Weltfrieden.

Auch Seniorbook trägt einen Teil dazu bei, obwohl es solche hohen Ansprüche nie öffentlich bekunden würde.

Dieses Buch, in dem ich alles zusammengetragen habe, was ich dieses Jahr bei Seniorbook erlebt habe, soll Ausdruck meines Dankes sein.

Im Dezember 2014 Edith Zeile

Seniorbook – Möglichkeiten der Kommunikation

Seniorbook ist ein relativ junges soziales Netzwerk. Ich entdeckte einen Hinweis darauf bei Facebook, mit dem ich mich nie hatte anfreunden können.

Seniorbook erscheint mir wie ein großes Schloss mit vielen Zimmern: Jeder hat ein eigenes Zimmer, es gibt ein Foyer mit einem Schwarzen Brett, einen großen Salon mit Kamin, wo man längere Beiträge lesen kann, es gibt eine Fotogalerie, diverse Werkstätten, wo man schreiben oder malen lernen kann, einen Chatraum, eine Flirtlounge und Kellerräume.

Zunächst bezieht man sein Zimmer, stattet es, um es ein wenig wohnlicher zu machen, mit Bildern aus, fasst in einem Spruch seine Lebensphilosophie zusammen und hängt sie an die Tür: „Hier wohne ich, so sehe ich aus, das sind meine Interessen, komm mich besuchen!“ Natürlich kann man aber auch schon daraus ein Versteckspiel machen, indem man auf ein Foto verzichtet, einen Ersatz anbietet, vielleicht einen Marienkäfer oder einen Avatar, was natürlich auch schon etwas über die Person verrät. Aber warum sollte man nicht auch unerkannt durch die vielen Gemächer und Studierzimmer von Seniorbook huschen dürfen?

Das SCHWARZE BRETT im Foyer, meist von einer langen Schlange von interessierten Usern umgeben, bietet eine Fülle von hilfreichen Hinweisen, interessanten Sprüchen und Zitaten, Gedichte – auch eigene! – Rätsel, Fragen zu Tages- oder Lebensproblemen – „Warum bist du Single?“ – provokante Behauptungen, Partner-Suchanzeigen, Anklagen, Grüße aus aller Welt zu den unwichtigsten Angelegenheiten, obszöne Witze …

In rascher Aufeinanderfolge reiht sich eine Notiz an die andere und verlockt zum Mitmachen.

Am Ende heftet man selber etwas ans Brett und erhält vielleicht 500 und mehr Kommentare. Ein Tag ist vergeudet!

Vergeudet? Nein, man hat die Zeit genutzt, über ein spezielles Problem nachgedacht, es in Worte gefasst, andere Ansichten kennengelernt, über nicht wenige humorvolle Bemerkungen kräftig gelacht, 500 x Menschen in die Augen geschaut, sich umfassend informiert.

Die Zeit totgeschlagen? Nein – oder doch???

Die THEMENWELT ist etwas für die „Elite-Truppe“. Man zieht sich quasi in einen Salon mit Kamin zurück, entdeckt eine vortrefflich geordnete Bücherwand und kann stundenlang lesen. 20 oder mehr Kategorien gibt es, z.B. Geschichten, die das Leben schreibt oder Kultur oder Familie und Partnerschaft oder Politik und Gesellschaft, Philosophie, Religion etcetcetc.

Man kann aber auch selber einen längeren Beitrag einstellen, der gelesen und bewertet (Lesenswert) wird und worüber auch ausgiebig diskutiert werden kann. Man glaube ja nicht, dass dies small talk sei. Nein, das sind durchaus manchmal hoch interessante, tiefschürfende Auseinandersetzungen über z.B. den Sinn des Lebens, im kleinen Kreis oder auch mit wechselnden Gesprächspartnern. Zur Zeit lesen 200.000 Mitglieder mit.

Die FOTOWAND, die natürlich nicht auf Erotik verzichtet, ist Zufluchtsort für die Augenmenschen, denen ein verführerisches Dekolleté ebenso viel oder gar mehr Freude bereitet als ein romantischer Sonnenuntergang.

Natürlich gibt es noch viele kleine INTIME RÄUME, wo man chatten oder flirten oder sogar tanzen kann, wo keinerlei Anforderungen an die Sprachkompetenz eines Menschen gestellt werden, wo ein „Hallo“ in alle Richtungen genügt, um auf sich aufmerksam zu machen.

Vielleicht ergeben sich daraus Kontaktanfragen, die dann auch einen persönlichen Austausch – ohne Öffentlichkeit – erlauben.

Manche entpuppen sich hier als eifrige KONTAKTSAMMLER. Nach kürzester Zeit hat man dann ein halbes hundert Freunde, die man mit Komplimenten, Einladungen und Kuss-Smileys versorgt.

Die Gründer von Seniorbook haben eine gute Idee erfolgreich umgesetzt. Die von Einsamkeit bedrohte Single-Gesellschaft kann durch Kontakte im Internet aus der Gefahrenzone geholt werden.

Virtuelle Kontakte können durchaus zu realen werden, nicht selten trifft man dabei auf Menschen, deren Anwesenheit man als ebenso liebevoll und unterstützend empfindet wie im Netz.

Toleranz ist allerdings von allem Anfang an gefragt. Wer sie nicht aufbringen kann, kann durchaus verletzt, verwirrt oder gar angewidert die Stellung verlassen.

Immer wieder gibt es ein Abschieds-Ritual am SCHWARZEN BRETT: Man findet das Niveau zu niedrig und zu vulgär und verkündet seinen Weggang, um noch einmal von der Gemeinschaft angefleht zu werden, diese Entscheidung doch zu überdenken und dem festen Kern erhalten zu bleiben.

Auch so kann man zum Mittelpunkt der Welt werden!

Höhepunkte und Tiefschläge

1. Eines Tages entdeckte ich in der THEMENWELT eine reizende Erzählung von John Devin, ein Name, der mir in den ersten Monaten noch gar nicht irgendwie aufgefallen war. Meistens assoziiert man schon nach kurzer Zeit eine charakteristische Eigenschaft mit einem Namen: Satiriker, Missionar, Comedian, Romantiker.

Dieser John Devin, der auch noch maskiert auftrat, war mir absolut unbekannt, obschon ich schon ein paarmal über ein paar amüsante Vierzeiler gestolpert war:

„Bücherwurm

Er las das Buch von A bis Z

Und ging nie ohne Buch ins Bett.

Bald wusst’er alles und war schlau –

Doch – alle Theorie ist grau.“

Und nun diese Erzählung, die die ersten Flugversuche von jungen Spatzen minutiös beschrieb, eine Geschichte für Kinder und Erwachsene gleichermaßen, zauberhaft!

Das Ergebnis war, dass nach ca. drei Monaten ein Buch mit Alltagsgeschichten aus Ost- und Westdeutschland mit dem originellen Titel „Stiefmütterchen Ost und Königskerze West“ erschien.

Ich hatte tatsächlich einen Schriftsteller e n t d e c k t! (Jott W. Wangerin).

2. Wenig später kam es zu einer mir bis heute unerklärlichen Verstrickung mit einem User, der sich zunächst sehr höflich wegen meines Profilspruchs an mich wandte.

Ich hatte den bekannten Spruch von Augustinus gewählt, der einmal gesagt hatte, die höchste und schwerste Aufgabe eines Christen sei, verzeihen zu können: „Alles verstehen heißt alles verzeihen.“

Es war eine Zielvorstellung für mich, aber ich hatte nicht bedacht, dass jemand das eventuell nutzen könnte, um mir Hochstapelei vorzuwerfen. So fing XY gleich danach an, mich „selbstverliebt, hysterisch und verlogen“ zu nennen, obwohl er mich überhaupt nicht kannte, vielleicht ein paar Beiträge gelesen hatte.

Zwischendurch gab es persönliche Gespräche in aller Offenheit (BUCH), die seine bemerkenswert umfassenden Kenntnisse in verschiedenen spirituellen Disziplinen aufzeigten.

Als mir Seniorbook ausgerechnet zu jener Zeit sein Geburtsdatum auf den Schreibtisch schickte – ein Routine-Akt – und ich prompt sein Horoskop berechnete, das natürlich ungenau war, weil wichtige Daten fehlten, wurde das dennoch als unverzeihlicher Übergriff angeprangert.

Danach setzte XY magische Instrumente ein, um sich vor mir zu schützen!

Natürlich hätte ich von dem Angebot des SB-Teams Gebrauch machen können, diesen User wegen ungebührlichen Verhaltens zu melden.

Ich tat das nicht, denn ich erlebte das Geschehen als eine ganz und gar karmische Erfahrung. In den Wochen zuvor hatte ich das Gefühl einer Präsenz in meiner Wohnung, 500 Kilometer entfernt von XY. Offenbar handelte es sich um jemand, der das Astralwandern beherrschte, eine außergewöhnliche Fähigkeit, die der amerikanische Ingenieur Robert Monroe in der Mitte des letzten Jahrhunderts bekannt gemacht und in mehreren Werken beschrieben hat.

Es war eine ganz neue Erfahrung für mich.

Ich musste XY schließlich versprechen, nie mehr seine Profilseite zu besuchen, und seither haben sich unsere Wege nicht mehr gekreuzt.

„Alles verstehen heißt alles verzeihen.“

Danach habe ich den Profilspruch geändert!

3. Mein Hobby Astrologie

In der ersten Phase bei Seniorbook erlebte ich mich als sehr kreativ und schrieb einen Beitrag nach dem anderen.

Ich riskierte es sogar, eine lange Abhandlung über meine langjährige Beschäftigung mit Astrologie zu schreiben. Eine Userin bot mir danach sogar Zeugungstermine ihrer Kinder an, und ich fand tatsächlich heraus, dass sich Zeugungs- und Geburtshoroskop ihres Sohnes in fünf wichtigen Aspekten deckten. Für mich eine aufregende und zufrieden stellende Erfahrung.

Das Thema Astrologie verlockt und schockiert gleichermaßen. Ich entdeckte gleich zu Beginn einen Profi-Astrologen, der sich allerdings nie öffentlich zu diesem Thema äußerte, und einen Trivial-Astrologen, der Tagesprognosen einstellt, damit die Neugierde der Menschen befriedigt, sie gleichzeitig hinters Licht führt und die alte Wissenschaft verrät.

Ängste und Scharlatanerie begleiten immer noch wie Schatten jeden, der sich ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzt. So blieb es auch nicht aus, dass es einmal zu einer hitzigen Endlos-Diskussion kam, die dann darin gipfelte, dass ich das Horoskop eines mir unbekannten Mannes berechnen und deuten sollte..

Ich nahm die Herausforderung an, machte nach einer Stunde 12 spezifische Aussagen über VB, deren Richtigkeit er insgesamt in Frage stellte.

Zwei Beispiele möchte ich für kundige Leser anführen:

Die Spitze des Berufshauses (MC) befand sich im Zeichen Löwe, was sich als „beruflich an der Spitze eines Hauses stehend“ deuten lässt.

Es stellte sich heraus, dass es sich um einen Arzt mit zwei Mitarbeiterinnen handelte. Trotzdem wurde die Aussage nicht akzeptiert.

Sonne Trigon Mars und Sonne Trigon Saturn deutete ich als „intensiven Arbeitseinsatz und Ausdauer“.

Es stellte sich heraus, dass VB Marathonläufer war. Besser hätte sich diese Aspektierung nicht illustrieren lassen.

Eigentlich hatte ich das Ganze als amüsantes Spiel ansehen wollen, aber die Diskussion spitzte sich so zu, dass es zu Beleidigungen kam, die in keinem Verhältnis zur Sache standen.

4. Kreativität

Die größte Überraschung gleich nach meinem Eintritt war die Erfahrung, dass mich die Atmosphäre sehr kreativ machte. Die Erfinder des Thinktanks wissen, wie förderlich Gruppenenergie für den Einzelnen sein kann.

Ich erinnere mich auch an die Aussage eines französischen Meisters, der Single-Frauen empfahl, an regelmäßigen Gruppentreffen beiderlei Geschlechts teilzunehmen, um so ihre Jugendlichkeit länger zu bewahren.

So wie Mann und Frau im Sexualakt ein Kind zeugen, so empfangen beide Geschlechter im distanzierten Umgang miteinander dennoch Energien voneinander, um kreativ zu werden.

Ein solcher Energie-Pool ist auch Seniorbook. Männliche und weibliche Sehnsüchte begegnen sich, sexuelle Phantasien werden in Gedichten und sehr offenherzigen Erzählungen, detaillierten Beschreibungen eines One-night-stands ausgelebt.

Mitunter werden dabei auch Grenzen überschritten. „There ist no universality without a touch of vulgarity,“ sagt G.B. Shaw und erinnert daran, dass jedes Leben ein farbenprächtiges Kaleidoskop ist, wo auch dunkle Schatten nicht fehlen.

In diesen ersten drei Monaten schrieb ich in rascher Aufeinanderfolge Beiträge, Notizen, Gedichte und Rätsel. Alles wird von einem ständig wachsenden Kreis gelesen, diskutiert, bewertet und seit Kurzem sogar mit Webmiles belohnt.

Das SB-Team weiß, dass nur die emsige Mitarbeit aller das Ganze attraktiv für neue Mitglieder macht.

So wird eben auch der Ehrgeiz angestachelt – ca. 8.000 Webmiles sind 25 Euro – die Suche nach Anerkennung durch die Vergabe von „Lesenswert“ und „Sehenswert“ befriedigt und Dank durch „Grüße“ ausgedrückt.

5. In diesem ersten Vierteljahr, wohl ausgelöst durch die erbitterte Diskussion um Wert oder Unwert von Astrologie, lernte ich eine junge Frau kennen. Sie gehört seither zu meinen intensivsten und stimmigsten Kontakten. Zunächst staunte ich über ihr großes Wissen im medizinischen Bereich, über ihre fundierten astrologischen Kenntnisse, ihren Lesehunger und die lange Reihe gelesener Werke, ihre Sensibilität und Urteilskraft – bis ich eines Tages erfuhr, dass sie gehbehindert ist und einen Rollstuhl braucht. Studium, zwei Ehen, 3 Kinder, ein Freund, der, ebenfalls Rollstuhlfahrer, regelmäßig zur Schmerztherapie in die Klinik muss …

Ich staunte nun nicht mehr, ich war voller ehrlicher Bewunderung, dass jemand, ohne zu murren, sein Schicksal voll und ganz akzeptierte und jedem Gesunden, der über schlechte Laune oder die Grausamkeit des Lebens klagt, einen Spiegel vorhalten könnte.

Wir schreiben uns ellenlange Mails, und ich bin voller Dankbarkeit gegenüber Seniorbook, das den Lebensraum eines solchen wunderbaren Menschen erweitert und mir eine liebe Freundin geschenkt hat.

a) KULTUR UND UNTERHALTUNG
Menschentypen

Psychologen oder Gerontologen könnten bei Seniorbook Feldforschung betreiben. Innerhalb kürzester Zeit könnten sie eine „Typologie des Menschen“ erstellen. Dazu habe ich schon ein wenig Vorarbeit geleistet. Wer sich unter den 15 Typen nicht wiederfindet, der ist eben ein absolutes Unikat.

Der Prediger

Er zeichnet sich durch eine hohe rhetorische Begabung aus und vertritt seine Auffassung mit großem Enthusiasmus. Manche verkennen ihn als Missionar und beben geradezu vor Abwehr. Er ist im Grunde nur von seiner Sicht der Dinge auf der Welt und im Himmel überzeugt und möchte andere daran teilhaben lassen. Im Grunde ein gütiger, aber vielleicht ein wenig übereifriger Zeitgenosse.

Der Narziss, die Narzisse

Man sieht ihn mit nacktem Oberkörper an der Fotowand hängen oder auch mit auffällig gespreizten Beinen – vor Männlichkeit strotzend – ganz ohne Kopf.

Eine Narzisse zeigt entweder ihre wunderschönen, erstaunlich glänzenden Augen unter einer prächtigen, meist blonden Mähne oder eine prall gefüllte Dirndlbluse – auch ohne Kopf möglich – und als letzte Steigerung schwarze Spitzenstrümpfe an endlos langen Beinen, die oben abrupt abgeschnitten werden und die letzte Steigerungsmöglichkeit dem Betrachter verweigern.

Eine weitere Variante ist der/die ProfilwechslerIn, die sich offenbar ständig mit sich selber langweilen und den sehhungrigen Mitmenschen viele unterschiedliche Fotos aus ihrem langen Leben vorführen.

Hier tritt sozusagen die historische Komponente hinzu, und die Aussage lautet dann: Ich war SCHON IMMER EINZIGARTIG!

Auch das ist amüsant, inspirierend und narzisstisch.

Abgesehen von Narzissen, die – wie der erste – in ihre eigene äußere Schönheit verliebt sind, gibt es den schöngeistigen Narziss. Oft fällt er schon durch einen langen Namen auf, der irgendwie aus dem Rahmen fällt, und schon deswegen fühlt er sich verpflichtet, in möglichst vielen Begabungsfeldern Großartiges zu leisten. Da werden traumhaft schöne Gedichte geschrieben, die beim Leser Gänsehaut hervorrufen, Satiren, Erzählungen, alles formvollendet, inhaltsreiche Kommentare zu verschiedensten Themen – ein Alleskönner, der das Recht hat, sich selbst zu lieben.

Das hat zwar eigentlich jeder, aber meist brauchen Narzisse zusätzlich eine Bestätigung wie der historische Narziss sein Spiegelbild im Wasser.

Der Wollüstige

Er mag sogar die Erscheinung eines zurückhaltenden Mannes konservativer Prägung annehmen, bis man, total überrascht, auf ein Foto stößt, das so gar nicht zu seinem Verhalten passt:

Nehmen wir an, er sei Fotograf und komme auf die Idee, ein ganz junges Mädchen in einer besonderen Stellung zu fotografieren.

Sie kniet auf dem Boden, beugt sich nach vorn .und stützt sich auf ihre Hände. Man sieht sie im Profil und konzentriert sich auf die schimmernde Haut ihres Körpers (ohne Kopf).

Nun genügt das dem wollüstigen Künstler noch gar nicht. Er stellt eine Kerze oben auf den reizenden Po, und nun läuft das heiße Wachs an den Schenkeln herunter. Eine junge Frau, mit einer Perlenkette aus heißem weißem Wachs bekleidet – masochistisch? Nein, zelebrierte Wollust!

Wollüstige Erzählungen gibt es zuhauf. Vor allem in der Rubrik GESCHICHTEN, DIE DAS LEBEN SCHREIBT. Da wird z.B. meist von männlichen Wollüstlern der Liebesakt ausführlich geschildert. So lässt sich alles noch einmal erleben, wenn man das rote Höschen der Geliebten auszieht – und die halbe Welt guckt zu!

Die Gouvernante

Ja, die gibt es auch noch! Sie durchsucht die Fotowand auf anstößige Objekte und drückt ihre Abscheu dann in einer kurzen Notiz am SCHWARZEN BRETT aus:

Wenn das Foto von Soundso nicht augenblicklich verschwinde, müsse sie sich hier ABMELDEN. Welcher Sittenverfall, welcher Mangel an Ästhetik!

Und dann wird in 200 bis 300 Kommentaren dieser unsägliche Affront kommentiert, zurückgewiesen, heftig unterstützt. Gedanken kreisen um das armselige Fotomodell und die liebreizende Gouvernante, die sich nun 200 bis 300 mal dem applaudierenden Publikum präsentiert.

Aufsehen erregen – warum denn nicht! Gesehen werden, erkannt werden, als Menschenfreund, als Misanthrop, als Gouvernante – das ist fast egal.

Der Guru

Es gibt ihn auch. Er meint, anderen die Welt erklären zu können. Er unterschätzt gelegentlich die anderen, die anderen unterschätzen ihn. Mitunter erscheint er als weiser, alter Lehrer, dem nichts mehr fremd ist, der seinen Weg unbeirrt geht und dem es egal ist, ob andere sich ihm anschließen oder nicht.

Das ist allerdings selten der Fall, denn er ist so gar nicht mehr von dieser Welt – und die andere Welt – gibt es sie überhaupt?

Ob er einen Bart hat? Welch lächerliche Frage!

Das Weibchen

Sie legt es darauf an, mit allen Männern Katz und Maus zu spielen. Sie lockt mit Blicken und Worten, wird verfolgt, verschlungen, angebetet – leider alles nur virtuell. Sie mag im wirklichen Leben eine kluge, treue, tüchtige Ehefrau sein, die hier – hinter Glas – ihre frühere Rolle belebt. Das ewige Spiel – neu inszeniert – und alle fallen drauf rein.

Die Angeberin

Eigentlich fällt sie nur auf, wenn sie sich in einer Notiz weitschweifig über das schlechte Niveau bei SB beklagt. Kein Mensch weiß, auf welchem Niveau sie sich selber befindet, denn meist ist sie erst kurze Zeit da, hat noch nie einen längeren Text geschrieben, und ihre Klagenotiz verzichtet großzügig auf alle Kommas.

Aber sie empfindet sich irgendwie an einem „unwürdigen Platz“, den das Schicksal ihr quasi zugemutet hat, und sie kann dieses Versehen nicht klaglos hinnehmen.

So werden an diesem Tag Hunderte ihre hohen Ansprüche loben, inbrünstig in ihr Klagelied einstimmen – oder seltener – sie um ein Körnchen Selbstkritik bitten.

Vielleicht gefällt es ihr am Abend schon besser, und sie mutiert dann zu einem Schmetterling (s. unten!).

Die Dirne

Da jeder diesen Typ kennt, genügt ein kurzer Hinweis auf die Notiz am SCHWARZEN BRETT: „Wer möchte heute Sex?“ Man braucht sich weiterhin keine Sorgen zu machen, dass diese Frage unbeantwortet bleibt.

Der Philosoph

Er schreibt alle anderen an die Wand, ellenlange Beiträge über Heidegger und Gadamer, schüttelt Sokrates-, Seneca- und Cicero-Zitate aus dem Ärmel und wird von jedem hundertsten Leser annähernd verstanden. Wer sich auf eine Diskussion einlässt, zieht immer den Kürzeren, denn er ist nebenberuflich Sophist, dreht dir das Wort im Munde um, und du stehst in kürzester Zeit als tumber Tor da. Deshalb wagen sich nur wenige aufs rhetorische Glatteis.

Leider sind Philosophen oft sehr sensibel und verletzlich, und unverstanden wollen sie auf Dauer auch nicht bleiben, so bleibt nur der Ausweg, sich ein spezielles Philosophie-Forum zu suchen.

Das ist schade, ein Verlust für die andächtige Gemeinde, die ergriffen um den Star kreist, auch wenn sie ihn nicht versteht.

Mutter Teresa

Mutter Teresa ist für alle irgendwie in Not geratene Sbler ein Geschenk des Himmels. Sie bietet ihre Hilfe in liebevollen Worten am SCHWARZEN BRETT an, und schon stürzen sich vom Leben Geschädigte, von Krankheiten Geplagte, von Männern verlassene Frauen in ihre ausgebreiteten Arme. Sie kennt sich aus, wenn es um Kräutertees für Schlafprobleme geht oder Rezepte aus Großmutters Zeiten, die durchaus aphrodisische Wirkung haben dürfen. Sie nimmt Hunde und Katzen in Pflege, wenn sie am selben Ort wohnt.

Sie ist meist älter, hat keine Partnerwünsche mehr und deshalb viel Zeit und Energie für die Zu-Kurz-Gekommenen, Kranken, Sterbenden und Einsamen beiderlei Geschlechts.

Sie ist immer da, immer bereit, eine Ur-Mutter!

Der/die SchmetterlingIn

Er/sie fliegt von einem zum Anderen. Er/sie sammelt Kontakte, pflegt sie nicht, hat seine schönen Flügel gezeigt, Sehnsucht erzeugt – und weg ist er/sie.

Man darf nicht vergessen, dass sie fliegen MÜSSEN. Sie können nicht anders. Man darf ihn/sie bewundern, ihnen kurzzeitig verfallen, aber nicht mitfliegen!

Der Moralist

Er hat etwas mit der Gouvernante gemeinsam, denn er meint, er müsse sich überall für Ordnung, Zucht und höhere Werte einsetzen. Während es ihr eher um das Einhalten von Vorschriften geht, betont er, dass Menschen sich Tugenden verpflichten sollten.

Wenn also jemand „offene Ehen“ am SCHWARZEN BRETT propagiert, wird er mit Sicherheit an die 10 Gebote erinnern, wird selber seit 40 Jahren ungeheuer glücklich mit einer einzigen Frau verheiratet sein, was in unserer freien Gesellschaft mittlerweile Seltenheitswert hat.

Man braucht Moralisten, auch wenn sie manchmal nerven, aber sie setzen Grenzen und sorgen dafür, dass die Menschheit nicht in totaler Anarchie versinkt.

Der Verseschmied

Die Zahl der Verseschmiede im Land der Dichter und Denker ist erstaunlich groß. Manche Sbler reagieren nur noch in gebundener Rede, d.h. sie reden in Versen, ob mit oder ohne Reim.

Am SCHWARZEN BRETT lässt sich eine Gedichte-Wand selektieren, die jedem kritischen Leser – womöglich einem Philologen – Lust und Schmerz bereitet.

Manchmal steht ein © unter Zeilen, die sich nur reimen und inhaltlich nichts bieten, und dann erscheint plötzlich ein kleines Kunstwerk, formvollendet und inhaltlich wertvoll.

Rührend ist die Tatsache allemal,. dass sich ältere Menschen die Mühe machen, mit ihren Gedichten anderen eine Freude zu machen.

Der Lehrer

Es gibt ihn nicht!!! Obwohl es durchaus gelegentlich Anlass geben würde, Grammatik-, Rechtschreib- und Zeichenfehler zu korrigieren, bleiben pädagogische Eingriffe aus!

Aus Gründen der Toleranz ziehen sich geborene Lehrer in den Schmollwinkel zurück und halten still.

Ganz selten reißt einem die Geduld, und er hängt eine entsprechende Anklageschrift an das SCHWARZE BRETT: „Der Untergang der deutschen Sprache steht unmittelbar bevor.“

Der Teufel, die Bösewichtin

Es gibt ihn, in der Tat! Sein Auftritt ist meist ein Überfall. Er fällt aus unerfindlichen Gründen über einen ahnungslosen User her und zerfetzt ihn, erklärt unmissverständlich, dass er ein A… sei, keinen blassen Dunst hätte, seine Worte lieber hinunterschlucken und daran krepieren sollte.

Meist muss dann ein SB-Moderator eingreifen und die Wogen glätten.

Dorian Gray

Dorian Gray ist die Steigerungsform eines narzisstischen Menschen. Oscar Wilde hat dieses unvergleichliche Portrait eines selbstverliebten Mannes geschaffen.

Selfies sind heute der letzte Kick, man liebt sich selbst mehr als früher. Selbstwahrnehmung hat den gleichen Stellenwert wie Fremdwahrnehmung.

Vielleicht sind wir alle Dorian Grays, denn nur wer sich selbst liebt, kann andere liebevoll akzeptieren.

Gerade bei Seniorbook gehört Freundlichkeit anderen gegenüber zum guten Ton.

Natürlich kann ein User mehrere Rollen spielen. Vielleicht macht das gerade den Reiz des Spiels aus. Vielleicht liegt sogar der therapeutische Wert einer solchen Plattform darin, allen Typen eine Bühne zur Selbstdarstellung zu geben.

Wir tragen viele Personen in uns, was uns Hesse in seinem „Steppenwolf“ sehr anschaulich vorführt. Als sich der Protagonist Harry Haller nach dem Fest im Spiegel betrachtet, fallen da plötzlich mehrere kleine Wölfe heraus, die er als Teilpersönlichkeiten erkennt.

Vielleicht entdeckt der eine oder andere einen Zauberer, einen Erzengel, ein Dornröschen oder einen Alien in sich, die nur auf ihren Auftritt warten und dadurch erlöst werden könnten.

Geben wir ihnen eine Bühne und spenden wir Beifall!

Seniorbook – ein Geschenk an die ewig jungen Alten

In meiner Erinnerung sehe ich mich als Dreijährige an einem „Volksempfänger“ sitzen. Wie ist der Sänger da hineingekommen, frage ich meine Mutter

Die große Welt in einem kleinen hässlichen Kasten!

Und nun – am Ende meines Lebens – ein schimmernder Raum, unendlich tief, unendlich weit, 1001 kleine Phantasie-Räume, in denen Menschen sich aufhalten, nachdenken, miteinander reden, raten, lachen, sich betrachten, umarmen …

Welch eine grandiose Erweiterung der Lebenswelt hat in einer Generation stattgefunden, die sich nach dem Grauen des Krieges der Erhaltung des Friedens verpflichtet fühlte.

Welch geniale technische Erfindungen erlauben es uns, in Jetztzeit mit Menschen auf dem ganzen Erdball zu kommunizieren! Wie beschleunigt laufen jetzt in Ländern Vorgänge ab, die früher Jahrhunderte brauchten, wie z.B. die Demokratisierung!

Ich bin erst seit einem Vierteljahr in dieser Community, die ich „Ort der Imagination“ nenne. Ein objektives Urteil lässt sich noch nicht abgeben, es kann nicht mehr als ein ganz und gar subjektiver Eindruck sein, gefärbt von den eigenen Interessen, beeinflusst von den eigenen Erfahrungen, eingeschränkt durch den Faktor Zeit und vielleicht auch durch das fehlende technische Know-how.

Aber immerhin! Oft genügt der erste Blick, wenn man einem netten Mann oder einer reizenden Frau begegnet.

So war es auch hier: Kurz nachdem ich mich eingeloggt hatte und mir ein Spruch für die Profilseite eingefallen war, fiel mir das helle Profil eines Mannes am SCHWARZEN BRETT ins Auge, der auch einen originellen Spruch der lesenden Gemeinde mitteilte.

Spontan machte ich ihm – um die Kommentarfunktion auszuprobieren – ein Kompliment. Seine lakonische Antwort: Ich sollte mich doch zuerst mal outen!

So fing es also an. Glücklicherweise bin ich jemand, der auf Zurechtweisungen, Kritik oder andere Formen gepflegter verbaler Aggression wie Ironie oder Sarkasmus mit der überproportionalen Gelassenheit des Alters reagiert. So auch hier. K.L. verschwand fortan völlig unter den 90.000 schweigenden Mitgliedern der Community.

Die anderen 9.000, die sich gelegentlich einbringen, und die 1.000, die laut Mitteilung des SB-Team regelmäßig für Unterhaltung sorgen, erlebe ich als sehr tolerant, liebenswürdig, hie und da bärbeißig, mitunter auch ein wenig zickig.

Außerordentlich hoch ist der „Verwöhnfaktor“ anzusetzen, der durch „Lesenswert“-Klicks und die Grußfunktion aktiviert werden kann.

Es ist durchaus hilfreich, den Gesprächston mit anderen Communities zu vergleichen. Ich kann da nur auf den Chatroom Science bei AOL, ein Philosophie-Forum, einen Zeitungs-Blog und Facebook zurückgreifen.

Im Philosophie-Forum fand ein Gemetzel in Worten statt. Der bekannte Astrologe Reinhold Ebertin wurde, nachdem er das Wort „Reinkarnation“ leichtfertig in die Debatte geworfen hatte, regelrecht gelyncht. Er verließ wortlos – und damit sehr weise – die Gruppe. Verglichen mit solchen Erfahrungen verdient Seniorbook einen Preis in Sachen Höflichkeit!

In einer realen Stadt leben Menschen mit unendlich vielen verschiedenen Begabungen. Bei SB lässt sich genau dasselbe feststellen. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus:

Fangen wir nur einmal mit dem SCHWARZEN BRETT an, das ja im Grunde aus mehreren Brettern besteht, damit die verschiedenen kreativen Erzeugnisse ordentlich aufgehängt werden können. Denn Ordnung muss schon sein – bei diesem kreativen Chaos!

So kann man neben Aphorismen Zitate von Einstein oder Khalil Gibran lesen, man kann langatmige, phantasievolle, witzige, schwärmerische, frivole bis vulgäre Gedichte lesen, unendlich viele Limericks produzieren.

Es gibt Rätsel, die nicht nach dem Namen von Käfern fragen, sondern mathematische Akrobatik erfordern, um die Schnelligkeit der Krabbelei von Käfern berechnen zu können. Rätsel, an denen man verzweifelt und sich vor sich selber nur mit seinem hohen Alter entschuldigen kann, und einfache, die einen zum schnellen „Sieger“ machen.

Rätsel sind natürlich nicht nur zum Spielen gedacht. Es gibt ja so viele Lebensrätsel, die vielleicht noch kurz vor dem Tod gelöst werden könnten:

Fragen am SCHWARZEN BRETT zu den vielen Geheimnissen von Mann-Frau-Beziehungen oder dem schillernden Wort „Zufall“ oder eine Überlegung zu den Vorzügen de Alters.

Und dann die Werkstätten! Eine Schreib-, eine Mal- und eine Demokratie-Werkstatt!

GESCHICHTEN, DIE DAS LEBEN SCHREIBT – wie viele Schriftsteller sind da zu entdecken! Spannende Krimis, Erzählungen voll knisternder Erotik, wunderbare exotische Reiseberichte neben makabren, grauenhaften Schilderungen von Vergewaltigung und sadistischen Abenteuern.

Für Augen-Menschen – der russische Arzt Mirsakarim Norbekov nennt da insbesondere die Männer – gibt es eine zauberhafte FOTOWAND und Hunderte von Mitglieder-Portraits.

Ich sah einmal eine geheimnisvolle Katze mit eng stehenden Augen, ein Tierportrait aus der Malwerkstatt, und herzförmige weibliche Pos – wer saß da Modell?

Natürlich ist auch die THEMENWELT nicht zu vergessen, wo wiederum in zahllosen Rubriken längere Beiträge veröffentlicht werden können. Exzellente SB-Autoren geben Denkanstöße, und die SBler reagieren spontan mit großer Offenheit, Ehrlichkeit, erstaunlicher Sachkenntnis oder manchmal auch nur mit vier Emoticons hintereinander, dem Ansturm der Gefühle sozusagen ausgeliefert. Mitunter ergeben sich 900 Stellungnahmen, wenn das Thema das erfordert oder zulässt.

Man lernt sich kennen, die Einstellung des anderen prägt sich ein, vielleicht deckt sie sich mit der eigenen, der Blick auf das Foto und den Namen folgt, und schon entsteht auf der inneren Leinwand eine Persönlichkeit.

Die Fähigkeit der Imagination wird geschult, birgt natürlich auch Gefahren. Neugierde stellt sich ein, der Wunsch, das Bild im Inneren mit dem Bild im Außen zu vergleichen – und schon meldet man sich bei einem User-Treffen an.

Es geht natürlich noch direkter. Da hat doch jemand tatsächlich das Wort von der Single-Börse ans SCHWARZE BRETT geheftet, und prompt gab es ganz konkrete Kontakt-Anzeigen mit Angabe des Gewichts (!) :-) usw.

Warum denn nicht? Es sind blutjunge 50-jährige in diesem Kreis, warum sollten sie (und andere) nicht diese Gelegenheit nutzen, sich einen weiteren Lebensabschnittspartner zu suchen? Sich die nächsten 50 Jahre versüßen (oder versalzen?), kann doch auch eine Option sein. :-)

Sie sehen, ich schreibe schon wieder zu viel. Ich bin ein wenig süchtig geworden wie die meisten hier unter uns.

Das ist die zweite Gefahr. Die erste ist, die Welt der Phantasie mit der Welt der Realität gleichzusetzen.

Die zweite ist, dem Zauber der virtuellen Welt zu verfallen. Geistige Kontakte sind oft gefährlicher als physische, sagen wenigstens die Theosophen, und ich denke dabei an meine eigene zehnstündige Tagessucht (vor Jahren) zurück.

Heute sind es erst zwei Stunden täglich! Zwei Stunden, in denen die Welt neue Geheimnisse preisgibt, neue interessante Menschen ins Leben kommen, neue Rezepte, neue Litertaturtipps, neue Anregungen.

Wenn man neu-gierig bleibt – das ist wichtig im Alter! – bleibt man ewig jung!

Danke, liebes SB-Team – für dieses schöne Geschenk an die ewig jungen Alten!

Seniorbook = Jahrmarkt der Eitelkeit

William Thackeray gelingt mit seinem Sittenroman „Vanity Fair“ ein Panoramabild der englischen Gesellschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert.

Im Zentrum des Romans stehen zwei Frauen sehr unterschiedlichen Temperaments, um die eine Vielzahl von Männern kreist. Eine thematische Konstante ist die menschliche E i t e l k e i t.

Indem er die Figur eines Erzählers einführt, erscheint dem Leser das Geschehen wie ein Puppenspiel.

Ist es nur Zufall, dass mir dieser Roman, den ich vor Jahren einmal las, und vor allem sein Titel immer wieder einfällt?

Noch vor Monaten war ich von Seniorbook begeistert:

Das war das Stadium des Rausches: So viele interessante Menschen, Fotos, Themen! Wer einmal an einer Gruppentherapie teilgenommen hat oder in einem Fußballstadion saß, kennt dieses überwältigende Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Und bei SB ist man ja in touch with the world :-)

Jetzt – nach einem halben Jahr und der Eingliederung vieler jüngerer User – habe ich genügend Distanz gewonnen, kann mich zurücklehnen, das Foto einer älteren Frau anschauen, die sich den überraschten, neugierigen, lüsternen, entsetzten Blicken anbietet …

Stadium 2: Ernüchterung.

***

Bei SB, diesem „Jahrmarkt der Eitelkeit“ zeigt sich jeder, weil er gesehen, gehört, geliebt und verstanden werden will.

Das Netz hat längst alle zu Selbstdarstellern gemacht. Jeder hat in den Jahren seiner Netzauftritte die eigenen Stärken und Schwächen kennengelernt und vermarktet sich entsprechend.

Oft ist nicht mehr als ein Kuss-Smiley nötig, um mehr als 500 Kommentare zu erhalten, die im Schatten der Anonymität zu Kontaktanfragen mutieren, zumal das eigene – meist hübsche – Foto eben mehr als 500 mal in der kilometerlangen Plauderstrecke erscheint.

Früher gab es in der wirklichen Welt das Gegenteil, das Spießrutenlaufen. Heute ist es der shitstorm.

Diese Diskussionen am SCHWARZEN BRETT sind beides: shitstorm und lovestorm. oder besser luststorm – die englische Sprache ist da sehr hilfreich. Im Namen der Eitelkeit! Im Namen der Gier, allen zu gefallen, den Märchenprinzen oder die Prinzessin zu finden und den Konkurrenten totzuquatschen.

DAS ist natürlich der Köder von SB, den vielen jungen Alten nach der ersten – oder xten – Trennung eine Spielwiese für Partnersuchende anzubieten. Kostenlos – im Gegensatz zu Parship oder Elitepartner.

Und in der Tat! Ein Foto genügt, um eine Kontaktanfrage auszulösen, und schon trifft man sich, wenn der eine nicht gerade auf Rügen und der andere auf der Insel Mainau im Bodensee wohnt.

Andererseits haben bedächtigere und ernsthaftere Sucher großartige Möglichkeiten, sich in langen tiefsinnigen Diskussionen kennenzulernen, so dass man sich später als gute Bekannte gegenüber stehen kann.

Speed-dating hat da doch Nachteile.

Vielleicht sollte einmal ein Gerontologe eine Magisterarbeit zu diesem Thema vergeben und die Frage klären lassen, wie viele Paare schon mithilfe von SB in den vergangenen zwei Jahren zusammen gefunden haben. Die Leitung der Community könnte das dann als Erfolgsmeldung an uns alle weitergeben.

So wird das uralte Spiel mit Raffinesse, Kalkül, Erotik-„Werkstätten“ (!?) und entsprechendem Bildmaterial gespielt, und in der letzten Zeit spürt man deutlich, dass die Atmosphäre immer schwüler wird. Manche hoffen auf ein Gewitter, andere verlassen sogar mit Pauken und Trompeten ihr vorher so geliebtes SB.

***

Neben diesem Thema Nr. 1 hat sich ein weiterer Schwerpunkt herauskristallisiert, der von einer Gruppe von Personen getragen wird, die alle nicht wissen, w e r sie sind, w a r u m sie hier sind und w a s sie überhaupt auf der Welt sollen: Ich meine die Philosophen.

Zu ihnen gesellen sich dann auch merkwürdige Außenseiter der Gesellschaft, die mit Spezialwissen in Esoterik auftrumpfen, oder Theologen und Gottesleugner, die ihre Positionen in ellenlangen Wortgefechten vertreten, sich gelegentlich auf die Füße treten oder die Contenance verlieren. Ohne eine Prise Toleranz geht das nicht. Dann geht das „alles am A… des anderen vorbei“, eine idiomatische Wendung, die heute zur normalen Ausdrucksweise erwachsener gebildeter Mitteleuropäer gehört.

Die höchste Stufe der Eitelkeit wird von denen erklommen, die einen sog. Beitrag in der THEMENWELT erstellen.

Das ist die Schatztruhe, von vielen noch gar nicht entdeckt, weil das Lesen eben anstrengt und das eigene Profilbild nur dann auftaucht, wenn man sich zu einem Kommentar aufgerafft hat.

Aber der Autor oder die Autorin kann hier einen Monolog halten wie ein Held oder eine Heldin in einem Shakespeare-Drama.

Und das Volk steht und klatscht und verteilt den Lorbeerkranz „Lesenswert“.

Erst als mir vor Kurzem von einem an sich netten User mitgeteilt wurde, wie selbstverliebt ich sei, weil ich ja mit dem Schreiben gar nicht mehr aufhörte, ging mir ein Licht auf: Unterwegs auf dem Jahrmarkt der Eitelkeit.

Was tun also? Tut man nichts, stellt man keine Fotos, keine Sprüche und Gedichte, keine Witze, keine autobiographischen Erotik-Offenbarungen, keine anspruchsvollen philosophischen Abhandlungen ein – so löst sich Seniorbook in N i c h ts auf!

Wir, die User, sind also so notwendig wie die Besucher auf einem Jahrmarkt. Die dürfen auch alle Buden besuchen, sich hypnotisieren oder aus der Hand lesen lassen. Sie machen den Jahrmarkt erst zu einem einträglichen Geschäft, sie sind nützlich, wenn auch ein bisschen eitel, frech, arrogant, aufreizend kokett und vulgär.

Der alte Thackeray war einfach ein zu strenger Kritiker. Hätte er gewusst, wie eitel WIR im 21. Jahrhundert sind, hätte er sich sicher für einen barmherzigeren Titel entschieden. :-)

Seniorbook – Leiden und Leidenschaften

Der Begriff „Seniorbook“ ist eine analoge Bildung zu „Facebook“, das einen optischen Aspekt betont – das Gesicht –, eine ebenso simple wie geniale Bezeichnung, denn sie erlaubte jedem Menschen, der ein Gesicht hat, sich dort mit anderen „Gesichtern“ zu treffen.

So wurde Facebook zu einem Riesenerfolg.

Seniorbook setzte bei seiner Gründung vor zwei Jahren auf den Zeitbegriff des ALTERS und damit auf Seriosität.

Die Zielgruppe war nun eingeschränkt, der demografische Wandel versprach aber stetigen Zulauf älterer Menschen, die ihre Lebenserfahrungen untereinander austauschen würden.

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Als ich vor einem halben Jahr bei Facebook einen Hinweis auf Seniorbook entdeckte, fand ich das Angebot verlockend genug.

Im weltweiten Netz würden einem die Freunde zwar auch wegsterben wie in der Welt der Wirklichkeit, aber sie würden sicher schneller ersetzt werden können. Niemals zuvor war Kommunikation so einfach wie in unserer Zeit.

Noch vor einer Generation genügte oft ein kleiner Berg, um Nachbarn voneinander zu trennen.

Heute ist die ganze Welt durchlässig geworden, Barrieren gibt es nur noch im geistigen und seelischen Bereich, aber darüber lässt sich eben diskutieren.

Auch das zweite Wort des Kompositums Senior-book klingt seriös, fast ein wenig altmodisch, obwohl das e-book immer noch behauptet, ein Buch zu sein.

Auf so viel Seriosität kann man sich einlassen. Der Zugang verpflichtet zu nichts, er kostet nichts, er verspricht nichts. Er bietet stattdessen Rollenspiele an: den Witzbold am SCHWARZEN BRETT, den Voyeur, den Stalker, den Kontakte-Sammler, den Berichterstatter, den Poeten, den Märchenerzähler, den Exhibitionisten, den Philosophen, den Astrologen …

Ein Buch ist geduldig, es öffnet seine Seiten für alles, für einen ungelenken Vers oder ein romantisches Lied. Virtuosen des Wortes haben ihre Fans, die auf den Knien ihre Huldigung in Form von „Lesenswert“ darbringen. :-)

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Stellen wir uns vor, dieser Beobachter von Seniorbook sitzt, metaphorisch gesprochen, an einem Meer, dessen glatte Oberfläche im Licht der Sonne flimmert.

Hält man sich längere Zeit an diesem Meer auf, so spürt man, wie aus der blaugrünen Tiefe plötzlich Fangarme nach oben greifen, Schlingpflanzen sich plötzlich besitzergreifend emporrecken. Gerade kann man noch seinen Fuß in Sicherheit bringen.

Und man spürt plötzlich eine Art Sog, der einen erfasst, als gäbe es da im Meer von SB eine verborgene Strömung, vielleicht eine Nixe, die auf diesen einzigen Moment gelauert hat, den Fischer herabzuziehen. Auch ein unheimlicher Bewohner des Meeresbodens möchte eine Gefährtin in die Dunkelheit der Tiefe herablocken.

Leidenschaften, die wie Wellen heranrollen, Schaumkronen, Gischt und der Geruch nach Tang und Fischen.

Da werden Kuss-Smileys großzügig in alle Windrichtungen geworfen, alle Teile des menschlichen Körpers, die der Erotik zu Diensten sind, werden detailliert begutachtet, verglichen, gewogen, gemessen und angepriesen. Wer bietet mehr? Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist … und so weiter.

Ob ein Montagmorgen-Quickie oder ein Freitagabend-Slowly, oder Abschiedsküsse unter dem Regenschirm und einem weinenden Himmel, Schluchzen am Telefon nach der dritten Trennung – alles wird der Welt im 21. Jahrhundert mit geradezu exhibitionistischer Offenheit erzählt, berichtet, gemalt!

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Doch da lauern noch andere Ungeheuer in den Seelen der Diskutanten, die oft zu Kontrahenten werden, die ihre Position mit messerscharfer verbaler Munition verteidigen. Urinstinkte werden wach, Reviere werden abgesteckt, umzäunt, mit Riegeln und Schlössern verbarrikadiert: „Das Überschreiten der Grenzen für Christen verboten, für alle anderen irrationalen Spinner ebenfalls.“

Der eine, der etwas kann, was der andere nicht kann; der eine, der etwas glaubt, was der andere leugnet, der eine, der Chemikalien schluckt, während der andere ein paar Globuli lutscht – Gott – oder eben auch der Teufel – sei ihnen allen gnädig! Spott, Ironie, Hass, Eifersucht, Neid bilden Strudel im Meer der Leidenschaften, die die den einen oder anderen in den Abgrund ziehen.

Wer hätte noch nicht am PC geweint? Wer hätte sich nicht schon an jene schönen stillen Tage erinnert, an denen es noch kein SB gegeben hatte?

Und dann eine Melodie, das Geschenk eines lieben Menschen, so wunderbar, sanft, zärtlich, einmal gehört und in das „wirkliche Leben“ mitgenommen, Stille nach dem Sturm, Frieden nach der Schlacht, Liebe nach der Bosheit – Leiden und Leidenschaften im Meer des Lebens (SB).

www.seniorbook.de

Wer glaubt, er ist ein Senior,

Der klopfe hier an dieses Tor.

Er bringe Foto, Passwort mit –

Das wäre schon der erste Schritt.

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Ein Vogel baut sich erst ein Nest,

Das er zum Fliegen dann verlässt.

Ein Mensch baut sich hier ein Profil,

Wenn er verstanden werden will.

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Dann geht er schnell zur Fotowand:

Wer ist die Schönste hier im Land?

Da wogen Brüste, üppig, voll

Und machen Männer liebestoll.

Auch mancher Po, lasziv versteckt,

Macht manchen Mann sogar erect,

Und wer das alles nicht versteht,

Ist eben einfach kein Ästhet.

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Man trifft sich manchmal im Café

Und tritt sich dort oft auf die Zeh'.

Für Worte gibt es da kaum Raum.

Man ist da, um sich anzuschaun.

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Es gibt hier auch ein paar Beknackte:

Die sammeln einfach nur Kontakte.

„Speeddating“ ist das bei SB,

Da freut sich auch das Portemonnaie,

Denn alles kriegt man hier umsonst,

Gelaber, Weihrauch, große Kunst,

Auch Komplimente ganz frei Haus,

Ein Ohren- und ein Augenschmaus,

Mitunter einen Blumenstrauß.

Sogar ein Handkuss ist dabei,

Ein Smiley-Kuss – ganz zweifelsfrei.

Kontakte schreiben sich natürlich

Privat, geheim und ganz ausführlich.

Da ist schon manches Herz gebrochen,

Bevor man hat's Parfum gerochen.

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Am Schwarzen Brett, da trifft sich manche Niete

Urplötzlich mit der Seniorbook-Elite.

Da ist das Chaos a priori programmiert,

Und mancher wird da richtig angeschmiert.

Da werden Weiber manchmal zu Hyänen,

Die sich dann später dafür furchtbar schämen

Und alles löschen, was gesagt!

Wie schad! Dem Himmel sei’s geklagt.

Denn es gehören Aggressionen

Zum Menschen doch schon seit Äonen.

Da kochen hoch die Emotionen,

Wenn da die vielen Positionen

Sich manchmal schrecklich unterscheiden,

Muss man mitunter richtig leiden

Und schleicht am End' der Diskussion

Beleidigt und frustriert davon.

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Doch die Notizen an der Wand,

Die machen dich auch schnell bekannt.

Man schreibt nur einen Kommentar,

Egal ob frech, ob falsch, ob wahr,

Und wenn es schließlich hundert sind,

Der Schweiß dir von der Stirne rinnt,

Hast du gefunden einen Mann

Oder 'ne Frau – so fängt das an.

Ab jetzt ist alles Illusion –

Womöglich ist es ein Phantom –

Was Sehnsucht war, wird Obsession:

Du bist im Netz gefangen schon!

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Die Themenwelt ist Kommunikation,

Ist kreative Lust und keine Fron.

Da schreiben die, die Sprache lieben,

Da trifft man sich zu Höhenflügen,

Da wachsen alle über sich hinaus –

Das ist ein echter Leseschmaus!

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Da gibt es eine Edith Zeile.

Die leidet wohl an Langeweile

Und schreibt sich hier die Finger wund.

Die Themen sind recht kunterbunt.

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Begehrt ist unser Jürgen Fritz:

Ein Philosoph mit Mutterwitz.

Er redet wie Demosthenes

Über die Welt und alias res,

Ein ausgezeichneter Stilist,

Gelegentlich auch ein Sophist,

Brillant, subtil und höchst komplex –

Ein Wkw-ler, kein senex.

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Verbale Kämpfe werden ausgetragen

Von Atheisten, Christen und Nomaden.

Am Ende locken alle ihre Wunden –

Es waren dennoch int'ressante Stunden.

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Ein Mann, ich nenn ihn hier Bernhard hoch 2,

Ist überall genial dabei.

Er hat Humor, man liest ihn gerne,

Als Dichter kriegt er gleich 5 Sterne,

Er liebt die Liebe voller Glut –

Drum Evas, seid stets auf der Hut!

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So lernt man täglich viele Menschen kennen.

Die darf man gleich bei ihrem Namen nennen,

Und jeder sagt zu jedem „DU“ –

Und Tausende von Usern schauen zu.

…

Natürlich treffen sich die User

An vielen Orten hier im Land.

Da gibt es selbstverständlich keine Loser,

Man kennt sich oder macht sich da bekannt.

Beim Abschied fließen manchmal sogar Tränen,

Weil man sich wieder trennen muss.

„Ich werd' mich sicher nach dir sehnen!“

Sagt sie und gibt ihm einen Kuss.

Warum Internet-Kontakte süchtig machen können

Was ist ein Kontakt? Das etymologische Wörterbuch der Duden-Reihe gibt uns eingehend Auskunft. Das Wort ist ein Lehnwort, im 17. Jahrhundert von lat. contactus übernommen.

Con ist ein Präfix und heißt zusammen.

Der Infinitiv von tactus ist tangere (vgl. Tangente, tangieren) und das heißt berühren.

Internet-Kontakte sind also Berührungen im Internet. :-)

Normalerweise verstehen wir Berührung als haptische Erfahrung. Wir berühren z.B. die Maus auf unserem Schreibtisch und machen dabei eine sinnliche Erfahrung.

Wen oder was berühren wir nun bei unseren Internet-Kontakten, mit denen wir nur verbal kommunizieren?

Bevor diese schwierige Frage beantwortet werden kann, ist ein kleiner Exkurs nötig.

Vor Jahren erfuhr ich von einer amerikanischen Nasa-Physikerin, Barbara A. Brennan, die eines Tages entdeckte, dass sie hellsichtig war. Sie konnte also nicht nur den physischen Körper eines Menschen sehen, sondern auch dessen Aura.

(Man sollte wissen, dass die menschliche Aura fotografiert werden und Aufschluss über die emotionale Situation geben kann.).

Sie sah z.B., dass sich bei Menschen, die sich die Hand zur Begrüßung gaben, die Aura entweder zurückzog oder sich mit der anderen vermischte.

Sie sah, dass langjährige Ehepartner durch sog. Akafäden auf der Höhe des Solarplexus verbunden waren. Sie zeichnete in ihren Büchern „Lichtarbeit“ und „Lichtheilung“ diese energetische Verbindung der Solarplexen auf und wies darauf hin, dass der Trennungsschmerz eine Folge der durchgeschnittenen Fäden sei, die man sich wie „Baumstümpfe“ vorstellen könne.

Was passiert nun im Internet, vor allem in Chaträumen, wo sich oft dieselben Gesprächspartner treffen und miteinander reden.

Mit jedem e r w i d e r t e n Kontakt entstehen solche feinstofflichen Fäden, die im Lauf der Zeit dicke Seile werden, die zwei Menschen eng miteinander verbinden.

Diese geistige Verbindung ist immer stärker als eine physische, d.h. die Bindung wird fester, wenn ich mit jemandem rede, als wenn ich ihm die Hand gebe.

Viele mag das vielleicht überraschen, aber dasselbe Prinzip liegt der Klassischen Homöopathie zugrunde: Je weniger Materie, umso intensiver die Wirkung!

Yogananda, einer der großen vollendeten indischen Meister der Weisheit, sagt, der Geist herrsche immer über die Materie.

Werden wir also alle süchtig, wenn wir hier im Internet unterwegs sind und Kontakte knüpfen?

Ja und Nein!

Nach meinen ersten Chatexperimenten saß ich täglich zehn Stunden am PC!

Natürlich gibt es auch Schutzmechanismen. Angela Merkels Handhaltung in der Öffentlichkeit, als „Raute“ bezeichnet, hat eine solche Schutzfunktion. Sie deckt damit den Solarplexus, das Einfallstor für emotionale Energien, ab. Ob sie das wissentlich tut oder eher ihrer Intuition folgt, ist mir nicht bekannt.

Auch schwangere Frauen folgen einem inneren Zwang und „verriegeln“ den Solarplexus, um ihr heranwachsendes Kind vor Fremdenergien zu schützen.

Wenn wir uns online ver-netzen, ver-zetteln, ver-binden, ver-schmelzen, ver-lieren wollen, so wird das geschehen.

Wer das nicht möchte, wer sich den Menschen nähert, als seien sie Kunstwerke, die man aus einer gewissen Distanz besser betrachten kann, wird nicht süchtig werden.

Er wird den Bildern auf der Leinwand staunend folgen und nicht in das Geschehen des Films hineingezogen werden.

Khalil Gibran und „die Frau“

Beirut, das „Paris des Ostens“ lockte mich zweimal in den Nahen Osten, bevor Flüchtlingslager zwischen den Ruinen das heitere Bild der Stadt zerstörten.

Dort entdeckte ich Khalil Gibran, den großen Dichter und Philosophen, dessen Werk „The Prophet“, in 20 Sprachen übersetzt, ihn weltberühmt machte.

Als man ihn fragte, wie er es denn habe schreiben können, antwortete er: „It wrote me.“

Ich kaufte mir das kleine Buch und las es staunend, wie ein Wanderer, der auf seinem staubigen Weg kostbare Steine findet und sie aufhebt, jedes Wort ein Diamant, jeder Gedanke eine Kette aus Perlen.

Da spricht der Weise Almustafa vor seinem Abschied noch einmal zu den Bewohnern der Stadt, in deren Mauern er als Fremdling gewohnt und mit denen er sein Glück und seine Einsamkeit geteilt hat.

Er spricht zu ihnen über die Liebe, die Ehe, die Kinder, das Geben und Nehmen, das Essen und Trinken … den Schmerz … die Schönheit und den Tod:

„Wenn die Liebe euch ruft, folgt ihr,

Wenngleich ihre Wege steinig und steil sind.

Und wenn sie euch umfängt, ergebt euch,

Auch wenn das Schwert, das ihre Umarmung birgt, euch verwundet.

Glaubt ihr, wenn sie zu euch spricht. …

Doch ebenso, wie die Liebe euch krönt,

So wird sie euch kreuzigen.

Sie fördert euer Wachstum,

Aber sie stutzt euch auch zurecht …

Die Liebe kennt keine andere Sehnsucht, als sich selbst zu erfüllen.

(Gibran, Der Prophet, S. 19ff.)

***

Khalil Gibran wurde 1883 als 4. Kind in der 3. Ehe seiner sehr emanzipierten Mutter geboren. Sie erkannte die Malbegabung ihres Sohnes sehr früh und machte ihn mit dem Werk Leonardo da Vincis bekannt.

Als sich die wirtschaftliche Lage der Familie verschlechterte – der Vater kam aus undurchsichtigen Gründen ins Gefängnis –, wanderte sie mit ihren Kindern nach Amerika aus. Armut und Hunger führten dazu, dass Gibran, 19-jährig, seine Lieblingsschwester, seinen Halbbruder und seine über alles geliebte Mutter verlor.

„Mein Leben ist jetzt mit ihr begraben.“ (Liebesbriefe, S. 8)

Wenig später führt ein glücklicher Zufall dazu, dass er während einer Ausstellung seiner Werke Mary Haskell kennenlernt, die – wesentlich älter als er – seine Förderung als mütterliche Freundin übernimmt. Sie finanziert in ihrer Großzügigkeit sogar seinen zweijährigen Studienaufenthalt in Paris. Den Heiratsantrag, den Gibran ihr nach seiner Rückkehr macht, lehnt sie ab.

Nach der Veröffentlichung seines Romans „The Broken Wings“ (1912), der auch im Orient gelesen wird, schreibt ihm die libanesische Dichterin May Ziadek einen begeisterten Brief. Dies ist der Anfang einer 20-jährigen Brieffreundschaft, die erst mit dem Tode Gibrans 1931 endet.

May Ziadek entspricht seinem Frauenbild. Er bewundert die orientalische Frau in ihr, die sich von den Fesseln der Unterdrückung befreit hat. Sie beherrscht 8 Sprachen, darunter auch das Deutsche, unterhält in Kairo einen literarischen Salon und arbeitet als Journalistin.

Der Briefwechsel ist nur zum Teil erhalten, denn die Briefe der jungen Frau wurden von ihrer Familie nicht freigegeben.

Dennoch entsteht beim Lesen dieser Briefe der Eindruck, dass es sich hier um eine tiefe und innige Liebesbeziehung handelt.

„Ich denke jeden Tag und jede Nacht an Dich. Ich denke immer an Dich, und jeder dieser Gedanken enthält etwas Süßes und etwas Bitteres. Es ist merkwürdig, Miriam, immer wenn ich an Dich denke, flüstere ich Dir ins Ohr: 'Wirf alle Sorgen weg und gieße sie in mein Herz!'

Ich küsse Deine rechte Hand und Deine linke, und ich bitte Gott, dass er dich bewahre und segne, dass er dein Herz mit seinem Licht fülle und dass er dich erhalte als den Menschen, den ich am meisten liebe.“ (Liebesbriefe, S. 105)

Diese Liebe, die sich über die Welt der Sinne erhebt, begleitet diese beiden jungen Menschen, die sich nie sehen werden, bis zum Ende ihres Lebens.

In seinen Bildern versucht er, diese zarte ätherische Liebe darzustellen. Die nackten Körper von Mann und Frau scheinen zu schweben, sie gleiten umeinander, da ist Raum zwischen ihnen. Da ist kein Besitzergreifen, kein Überfall, keine Umklammerung, sondern verzauberte Seelen, die der Schönheit des anderen huldigen.

Immer wieder betont er in anschaulichen Bilder, wie wichtig es sei, in der Gemeinsamkeit einen „Zwischenraum“ zu erhalten:

„Steht zusammen, aber nicht zu nah.

Denn die Säulen der Tempel lassen Raum zwischen sich,

Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten des anderen …“ (Der Prophet, S. 24).

„Eure Kinder sind nicht eure Kinder:

Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch euch, aber nicht von euch.

Und obwohl sie bei euch sind, gehören sie nicht euch.“ (Der Prophet, S. 25)

Im Rückblick auf sein Leben schreibt Khalil Gibran zwei Wochen vor seinem Tod:

„Ich selbst verdanke alles, was mein Ich ausmacht und zwar von der frühen Kindheit bis jetzt – der Frau.

Es war die Frau, die mir die Fenster meiner Blicke und die Tore meines Geistes öffnete. Ohne die Frau als Mutter, Schwester oder Freundin schliefe ich noch mit den Schlafenden …“

(Gibran, Liebesbriefe, S. 7)

Die Reise nach Beirut hat mir die Schönheit des Landes gezeigt, die sechs schlanken makellosen Säulen in Baalbek vor dem Hintergrund der Berge werde ich nie vergessen, aber die Worte von Khalil Gibran haben mir die Seele des orientalischen Menschen offenbart.

Auguste Rodin – Leben und Werk eines Genies

Als ich 21-jährig als Studentin der Anglistik ein halbes Jahr in London verbringen konnte, suchte ich auch die Tate Gallery auf.

Ich erinnere mich an die Magie des Augenblicks, als ich mitten in der Eingangshalle eine weibliche Figur sah, die, den Kopf leicht geneigt und beide Arme schützend über die Brust gelegt, von hellem Licht umflossen, mich anzog.

Ich stand vor der „Eva“ des großen französischen Bildhauers Rodin.

Während seines Aufenthalts in Italien (1875) war ihm eine junge Frau dafür Modell gestanden, und er hatte sich gewundert, dass sich die Formen ihres Körpers veränderten. Als sie ihm gestand, sie sei schwanger, ließ er die Figur unvollendet.

Ich habe sie berühren MÜSSEN.

Damals befand sich auch das bekannteste Werk „Der Kuss“ dort. Die Nacktheit der beiden Figuren hatte bei ihrer Entstehung Skandale in der französischen Gesellschaft ausgelöst. Dabei ist es innige Zärtlichkeit, die der Künstler darstellen wollte.

Heute gehört „Der Kuss“ zu den wunderbarsten Skulpturen, die ein Mensch je geschaffen hat.

Rodin sagt in seinem „Testament artistique“: „L'art n'est que sentiment.“ (Kunst ist nur Gefühl).

Diese erste Begegnung mit diesem Meister beeindruckte mich sehr, führte aber noch nicht zu einer intensiven Beschäftigung mit ihm.

Erst als ich mich Jahre später mit Rainer Maria Rilkes Herbstgedicht befasste, in dem eine „Hand Gottes“ einen sterbenden Menschen auffängt, suchte ich nach Gründen für die Wahl dieser Metapher.

Ich fand sie schließlich in Rilkes Begegnung mit Rodin in Paris im Herbst 1902, als er in dessen Werkstatt vor dieser Riesenhand steht, der „Hand Gottes“, in die sich ein Menschenpaar hinein schmiegt. So groß ist seine Bewunderung, dass er Rodins schöpferische Kraft mit der Gottes vergleicht.

***

In der Tat: Was für ein Leben voller Armut, Demütigung, Arbeit, Liebe, Leidenschaft, Hingabe, Schmerz und Ruhm!

Auguste Rodin wird am 12. November 1840 in eine relativ arme Familie geboren. Seine Eltern erkennen sehr früh seine Begabung und schicken ihn zur Ausbildung auf die Petite Ecole. Als er zum ersten Mal mit Ton arbeitet, sagt er: „Ich war im Paradies.“

Da er sich zum Stil der Romantik bekennt und den Zeitgeist ablehnt, wird seine Bewerbung bei der Ecole des Beaux-Arts dreimal abgelehnt. Nur die Unterstützung durch seine Schwester hilft ihm, durchzuhalten.

Mit 22 Jahren gerät er durch den frühen Tod seiner Schwester in eine schwere Krise und tritt als Bruder Augustin in ein Kloster (Fathers of the Very Holy Sacrament) ein. Dort wird aber auch seine Begabung erkannt und gefördert.

Mit 24 Jahren begegnet er Rose Beuret, einem jungen Mädchen, das ihn als treue Gefährtin sein ganzes Leben lang begleitet und ohne deren bedingungslose Zuneigung er die schweren Jahre als brotloser Künstler sicher nicht durchgestanden hätte.

Er lebt mit ihr in einem Stall, ohne Heizung, der Raum ist eiskalt und ständig feucht. Rose arbeitet als Näherin, verdient ein paar Cents dazu, und abends posiert sie nackt für Rodin.

Da die Arbeitslosigkeit in Paris sehr hoch ist, geht der Künstler schließlich nach Belgien, lässt Rose und den kleinen Sohn zurück. Sie hat die Aufgabe, die Tonfiguren täglich mit nassen Tüchern zu versorgen.

Aus Rodins Briefen an sie, die in einem sehr zärtlichen Tonfall geschrieben sind („Mein Lieblings-Engel“), spricht die ungeheure Not eines total verarmten Künstlers, der sich und seine kleine Familie nicht ernähren kann.

1875 unternimmt Rodin eine Pilgerfahrt nach Italien, dem Land der Maler und Bildhauer. Dort entsteht die „Eva“.

Zurück in Paris kann er größere Arbeiten in Angriff nehmen wie z.B. „Das Tor zur Hölle“, angeregt durch die Lektüre von Dantes Divina Comedia. Die zentrale Figur des Tores und die bekannteste ist der „Denker“.

Inzwischen hat Rodin in der Mitte seines Lebens mehrere Studios, in denen er seine Modelle empfängt, arbeitet und seine erotischen Wünsche auslebt.

Rose Beuret leidet zwar darunter – sie bezeichnet sich als „Frau eines Seemanns“ –, aber sie weiß auch, dass seine Arbeit ihm alles bedeutet und sieht ihm alles nach. Zärtlichkeit und Dankbarkeit verbindet sie mit ihm, und diese Bande sind unzerstörbar.

Das ändert sich, als Rodin 1883, 43-jährig, also in der Mitte seines Lebens, als er die ersten künstlerischen Triumphe feiert, einer Frau begegnet, die er nicht nur als Mann leidenschaftlich begehrt, sondern die ihm auch als Bildhauerin ebenbürtig ist.

Das ist Camille Claudel, die jüngere Schwester des Dichters und Philosophen Paul Claudel, grünäugig, mit langem Haar, wunderschön.

Als sie 18-jährig ihre Arbeiten dem Direktor der Ecole des Beaux-Arts vorstellt, fragt dieser sie, ob sie Schülerin von Monsieur Rodin sei. Hier hört sie zum ersten Mal den Namen jenes Mannes, der die große Liebe ihres Lebens werden sollte.

Als sie sich schließlich treffen, ist es für beide Liebe auf den ersten Blick. Während der 15 Jahre ihrer stürmischen Liaison lernt sie alles von ihm, und er hält sie für eine kongeniale Künstlerin.

In dieser Phase entstehen die wunderschönen Skulpturen, die alle Ausdruck seiner Liebe zu Camille sind: „Der Kuss“, „Das ewige Idol“, „Ewiger Frühling“, „Der Fall eines Engels“.

Aber diese Jahre sind auch voller Streitigkeiten zwischen den beiden Frauen Rose und Camille und der Unfähigkeit und dem Unwillen des Mannes, sich für eine zu entscheiden.

Zu sehr nimmt ihn seine Arbeit jetzt in Anspruch. Größere Projekte verlangen seinen Einsatz, z.B. „Die Bürger von Calais“.

1898 verlässt Camille ihn. Danach kommt sie sich „wie verfolgt“ vor. Es gibt Gerüchte, dass sie zwei Söhne von Rodin geboren hat.

Im Juli 1913 zerstört sie alle ihre Werke und wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, wo sie noch 30 Jahre bis zu ihrem Tod dahindämmert.

Eine so tiefe dämonische Liebe musste zur Selbstzerstörung führen.

Rodin wird durch die Begegnung mit dieser charismatischen jungen Frau zum „Hohepriester der Sinnlichkeit“. Diese Transformation in seinem Werk wird nur möglich, weil er die Koexistenz von sexueller Leidenschaft und spiritueller Übereinstimmung erlebt.

Auch er weint, als Camille ihn verlässt. Aber die Armut und die Demütigung der frühen Jahre haben ihn stark gemacht. Sein Lebensmotto „Toujours travailler“ (Immer arbeiten) trägt ihn auch in die zweite Hälfte seines Lebens und bringt ihm nun sukzessiv große Erfolge.

Sehr bekannt sind die Balzac-Statue und die Büste von Victor Hugo.

Ab 1900 steigert sich sein Erfolg vor allem auch im Ausland:

1902 in London und in Prag

1906 in Madrid mit Rilke

1907 verleiht ihm die Universität Oxford den Ehrendoktor

1908 besucht der englische König Edward II. ihn in Meudon.

Am 29. Januar 1917 heiratet er seine treue Lebensgefährtin Rose, die zwei Wochen später stirbt.

Rodin folgt ihr 10 Monate später und wird neben ihr in Meudon beigesetzt.

***

Sein Testament artistique gibt seinen Schülern wichtige Hinweise, die uns nicht nur den Bildhauer Rodin, sondern auch den Menschen näherbringen:

„Zuerst Mensch sein und dann Künstler.“

„Die beiden stärksten Leidenschaften des Genies sind die Liebe zur Natur und zur Wahrheit.“

„Als Künstler muss man die innere Wahrheit entdecken.“

Man versteht die Wirkung der Rodinschen Werke besser, wenn man sich an seine Worte erinnert, dass „der menschliche Körper der Spiegel der Seele ist und deshalb die größte Schönheit hat.“

Man staunt auch nicht mehr über das schimmernde Licht, dass die Skulpturen umgibt, denn „es ist das Strahlen einer inneren Flamme, die den Körper erleuchtet.“

Auguste Rodin, der größte Bildhauer seit Michelangelo, ein Dämon, getrieben von seinen Leidenschaften, ein Liebender, ein Genie!

(Quelle: Descharnes/Chabrum, Auguste Rodin, 1967).

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
187 p. 29 illustrations
ISBN:
9783957446527
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